Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig UI. ia. J-imar i»7g. Ein verlorener Posten. Roman von Hludotf Lavant. (Fortsetzung.) Wir sind nun wohl genügend über die drei einander so wenig ähnlichen Frauengestalten oricntirt, deren weiche Hände in das Ge- schick unsres Helden einzugreifen bestimmt sind, und es dürste nach- grade an der Zeit sein, daß wir uns nach diesem umsehen. Was man von Frauen über einen Mann in Erfahrung bringen kann, ist in der Regel nur wenig und hat mit seiner Eharaktereigenthümlich- keit nicht viel zu schaffen; sie halten sich an Aeußerliches, und so fein und rasch sie in dieser Hinsicht beobachten, so schwach ist ihr Vermögen, in die Individualität des Beurtheilten einzudringen und Schlüsse aus den bedeutsamen kleinen Zügen zu ziehen, durch welche dieselbe sich verräth. Männliche Beobachter operiren cnt- gegengesetzt; sie haben weder eine Gewißheit über die Farbe der Augen ihres Studienkopfcs erlangt, noch vermögen sie zu konsta- tiren, daß an einem Handschuh das Schlußknöpfchen fehlte und daß ein Knopf am Rock ein wenig abgeschabt war, aber dafür Pflegen sie über die hervorstechendsten Charakterzüge, über die größere oder geringere Originalität und selbst über das Gemüths- leben des Objekts ihrer Beobachtung in der Hauptsache im klaren zu sein. Abgesehen nun davon, daß die drei Damen, deren Ge- plauder wir belauschten, garnicht in der Lage gewesen sind, zu zeigen, ob sie einen Mann nicht nach zufälligen und untergeord- neten Aeußerlichkeiten beurtheilen und daß der am wenigsten Gesprächigen, die also aller Wahrscheinlichkeit nach die beste Beobachterin ist, die Gelegenheit, sich zu äußern, abgeschnitten wurde, bleibt uns schon nichts übriy, als unfern Helden selber unter die Lupe zu nehmen und in sein häusliches Stillleben einen prüfenden Blick zu werfen. Unser Interesse ist ja zur genüge geweckt worden. Ungefähr zu der Zeit, da wir uns in das Haus des Kom- merzienraths einschlichen, war Wolfgang Hammer, von seinem großen, klugen Neufundländer begleitet, von einer vielstündigen, ziellosen Streife durch den Wald und über die Berge heim- gekommen. Er begrüßte seine alte Wirthiu, eine ehrsame Klempner- wittwe, die strickend in der Hausflur saß, mit einem freundlichen Zuruf, stieg hinauf in sein Zimmer im ersten Stock, steckte den großen Strauß gelber Primeln, den er mitgebracht hatte, in's Wasser, öffnete die Fenster und sah in tiefen Gedanken hinaus nach den Bergen, die sich rasch in Dunkelheit hüllten. Am wölken- überzogenen Himmel ließ nur da und dort ein matter Stern sich erkennen, und die Müdigkeit nach dem angreifenden Marsch und des Abends trübe, drückende Schwüle mochten wohl eine nn- bestimmte Niedergeschlagenheit in ihm erzeugt haben, denn als die gute Frau Meiling mit Licht und dem frugalen Abendbrot kam, gab er auf die Fragen der plauderlustigen Alten so knappe und kühle Antworten, daß sie bald einsah, er sei weder aufgelegt, sich mit ihr zu unterhalten, noch sie(mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt) ein wenig zu necken und zu schrauben. Sie wußte bereits, daß es unter solchen Verhältnissen das Gerathenste war, ihn allein zu lassen; es war ein„eigner" Herr, dieser ihr Mieths- mann, und garnicht wie andere junge Leute, wie sie ihren Nach- barinnen schon wiederholt mit einem leisen Wiegen des Kopfes und doch auch mit einem etwas stolzen Lächeln versichert hatte, aber so gut und freundlich, daß man garnicht anders konnte, als sich in ihn zu schicken und ihm alles an den Augen abzusehen. Er hatte eine Art, den Leuten selbst ihnen Widriges erträglich zu machen, die unwiderstehlich war, eine sanfte, fast bittende, ein wenig humoristische und doch zugleich ganz bestimmte Art, die Frau Meiling in ihrem Leben noch nicht aufgestoßen war. Daß sie ihm über nichts grollen konnte, hatte sie gleich am Tage seines Einzugs bei ihr erfahren. Als er auf der Suche nach einer ihm zusagenden Wohnung eines Abends in ihr Haus getreten war und sie gefragt hatte, ob im oberen Stock und zwar auf der Rückseite, von wo man die Berge stets vor Augeii� habe, nicht ein Zimmer zu haben sei, vielleicht auch ein kleines Schlafgemach, aber beileibe kein Alkoven— er brauche Luft und Licht auch im Schlafe—, hatte sie zwar zugeben müssen, daß sie recht wohl zivei Zimmerchen abgeben könne, aber sie mochte sich, da sie keine Magd hatte und kinderlos war und von den Zinsen des in viel- jähriger Ehe Erübrigten bequem leben konnte, auf ihre alten Tage keine solche Last mehr machen, und hatte also nach Aeuße- rung vielfacher Bedenken und Skrupel und nach langem Ueberlegen und Zaudern schließlich doch abgelehnt. Aber es war ihr sauer geworden; der hübsche, stattliche junge Mann mit dem offnen Gesicht, den guten Augen und der einschmeichelnden Stimme, der ihr versicherte, daß er fast gar keine Bedienung beanspruche und daß sie ihn nicht viel merken werde, war ihr die ganze Nacht im Kopfe herumgegangen, das tief in der weiblichen Natur begrün- dete Verlangen, jemanden zu haben, für den man sorgen und dem man das Dasein unmerklich und geräuschlos behaglicher machen kann, erwachte aus jahrelangem Schlummer»nv ein zufriedenes, verjüngendes Lächeln glitt über das alte Gesicht, als sie sich vorstellte, wie hübsch und behaglich der feine, junge Herr es bei ihr haben solle. Am nächsten Morgen in aller Frühe schickte sie nach dem Gasthof, in dem Wolfgang sich inzwischen einquartirt hatte, und ließ ihn bitten, nochmals zu ihr zu kommen, und sie wunderte sich selbst darüber, wie rasch und leicht sie über alles einig wurden. Gleich am nächsten Tage wollte er von seiner zukünftigen Wohnung Besitz ergreifen, und als sie ihm erschrocken vorstellte, daß doch erst alles in Stand gesetzt werden müsse, klopfte er sie lächelnd auf die Schulter und sagte:„Lassen Sie uns das zusammen besorgen; wir werden so rascher fertig und Sic würden mir kaum alles zu Dank machen— ich habe so meine Eigenheiten, das sagte ich Ihnen schon, und Sie wissen garnicht, was für Raritäten ich mitbringe." Die gute Alte hatte zum Schein zugesagt, aber mit dem festen Vorsatz, dennoch alles herzurichten; brachte sie nicht einen unaus- lvschlichen Makel auf ihre Hansfrauenehre, wenn ihr Miether nicht alles vorbereitet fand? So erließ sie denn ein kleines Auf- gebot an den Heerbann ihrer weiblichen Verwandtschaft, und eine halbe Stunde, ehe Wolsgang hatte kommen wollen, war die letzte gehäkelte Decke glattgestrichen und das letzte Bild an der Wand zurechtgerückt und die letzte Fliegenspur am Spiegel wegpolirt. Aber wie bald verwandelte sich der Ausdruck gutmüthigen Triumphs, von dein ihr Gesicht strahlte, in den des Gekränktseins und der Empfindlichkeit! Als Wolfgang kam, sagte er im Tone freundlichen Borwurfs und wahren Bedauerns:„Und nun haben Sic sich doch Mühe gemacht und zwar vergebliche Mühe, denn so kann ich das Zimmer beim besten Willen nicht brauchen. Nicht einmal das Bett kann bleiben, tvie es ist— ich ersticke in einer solchen Federgruft, und außer der Matratze müssen Sie alles fortschaffen— eine Decke bringe ich selber mit und an andres Lager bin ich nicht gewöhnt. Wollen Sie mich einmal eine Stunde allein schalten und walten lassen und dann urthcilen?" Frau Meiling brummte zwar:„Na, das wird eine hübsche Wirrh- schaff werden!" aber sie mußte doch lächeln, mit soviel Herzlich- keit hatte er ihr beide Hände hingehalten und dazu gesagt:„Und nun sind Sie mir nicht böse nicht wahr? Ich hatte es Ihnen doch gesagt, und es war ja auch alles ganz hübsch und behaglich, nur nicht für einen so eigensinnigen Sonderling, als ich es bin." Sie ging hinüber zur Nachbarin, um ihm das Feld ganz zu räumen, aber innerlich gestand sie sich, es lohne sich wohl' der Mühe, noch einmal jung zu werden; war er so liebenswürdig und herzlich und gut gegen wne alte Frau, bei der kein Zahn mehr fest saß, wie mußte er dann erst einem jungen Mädchen gegenüber sein, das er versöhnen und gewinnen wollte? Als sie nach zwei Stunden wiederkam und ihr Micther sie mit einer launigen Reverenz in seine„Gemächer" führte, mußte sie zugeben, daß er ein kleiner Hexenmeister sc!. Er hatte kein Stück Möbel am alten Platze gelassen, und es ioar auch unbestreitbar, daß in keiner gut bürgerlichen Haushaltung eine solche Anordnung herrschte, aber hübsch und flott sah es doch aus, das mußte man ihm lassen. Alle Bilder hatte er von der Wand genommen und durch andere ersetzt, die allerdings viel schöner waren und, was ihr zur besondcrn Genugthnung gereichte— die badenden Mädchen und ähnliches, das fiir Junggesellenwohnungen charakteristisch ist, fehlten ganz, und die Alte dachte im stillen:„Ja, ja, er ist eben nicht wie die andern, und wie er sich's eingerichtet hat, so soll's auch bleiben, so lange ich es ihm in Ordnung halten kann." Sie be- trachtete aufmerksam die Bilder; da war die See im Mondlicht und dort schäumende Wellen, sturmgejagte Fischerboote, schauin- überspritzte Düpe; dam. ein Wildbach im Hochgebirge, der stru- delnd dahinschicßt durch und über die Fclstrümmer in seinem Bett und auf dessen beschäunite Fluth düstere Tannen ihre grünen Schatten Zverfen; weiter eine einsame Schenke auf öder Pußta und ein Forsthaus in dentschem Buchenwald; ein Aquarell gab die Erstürinung des Kapellenberges bei Trautenau durch die Oesterreicher wieder. Und dort hing ein österreichischer Jägerhut, in dessen schwarzgrün schillerndem Federbusch kaum eine Feder ungeknickt war und durch den eine preußische Kugel ihren Weg genommen hatte, und an der Wand bildeten ein verbogenes Bajonett, ein dicht überm Heft abgebrochener Reitersäbel, ein Karabiner und ein von Pallaschhieben zerhämmertcr preußischer Dragonerhelm mit anderen Waffenstückcn eine Trophäe. In einer Ecke des Zimmers lehnte eine prächtige sheffielder Büchse, über dem Bett hing ein Revolver, vor dessen Berührung Frau Meiling ausdrücklich gewarnt ward— eine überflüssige Ermahnung, denn sie hatte wider alles Schießgewehr eine tiefe Abneigung, und daß ihr sanfter Miethsmaun ihr so gefährliche Dinge in ihr ruhiges Hans brachte, ivar ihr eigentlich garnicht lieb. Um so besser gefielen ihr die zahlreichen exotischen Schmetterlinge, die in hübschen polirten Kästen hinter Glas ihre sarbenprunkenden Flügel breiteten, und die ausgestopften Vögel auf dem Schrank, die an Pracht der Farbe und Seltsamkeit der Zeichnung mit den Faltern, Seglern und Schwärmern wetteiferten.. Und wie viele Bücher waren zum Vorschein gekommen und füllten, sorgfältig geordnet, die Ab- theilungen des Bücherschranks! Frau Meiling hat später einmal ein wenig in diesen Büchern gestöbert, aber es dauerte recht lange, bis sie endlich einmal ein deutsches Buch fand, und auch diese deutscheu Bücher klappte sie sehr rasch wieder zu; Historisches, Kulturgcschicht- liches, Volkswirthschaftliches neben Lessing und Goethe und einigen modernen Poeten, vor allem Herwegh und Freiligrath— das war nichts zum Vorlesen an den Winterabenden, und da alles andere englisch, französisch oder italienisch war, so bekam sie einen tiefen Respekt vor der Gelehrsamkeit des jungen Mannes, der nun ihrcin mütterlichen Schutze anbefohlen war und den zu be- Müttern ihr ein Herzensbedürfniß war, seit sie wußte, daß seine Mutter kurz nach seiner Geburt, sein Vater wenige Jahre später gestorben sei, daß ihn ein strenger und mürrischer Vormund erzogen und ihn sich selber überlassen habe, sobald er im Stande war, für sich zu sorgen, und daß er ohne Geschwister oder nähere Verwandte so recht mutterseelenallein auf der Welt stehe. Sie sagte sich freilich, für einen so schmucken, jungen Mann fänden sich zehn für eine, die bereit seien, ihn aus der Vereinsamung zu erlösen, und er brauche sich nur nach den Mädchen umzusehen, aber seltsamerweise schien es, als sei er auch in dieser Beziehung ganz anders, als seine Altersgenossen; sie wußte genau, daß manches hübsche Bürgermädchen, deren Eltern„auch etwas in die Milch zu brocken hatten", ihrem schlanken Micther zu Gefallen ging und eine Besorgung grade in die Zeit verlegte, zu der er nachdenklich aüs dem Coinptoir nach Hause schlenderte, oder gradczu einen Umweg niachte, um ihm zu begegnen, und es war unter den Nachbarinnen darüber schon mancherlei Geflüster und Gemunkel gewesen und die Spottlust hatte reiche Nahrung gc- funden; er aber schien von alledem nichts zu bemerken oder bemerkte wirklich nichts, und wenn er abends gegessen hatte, rief er seinen mächtigen, klugen Hund und wanderte mit ihm hinaus in die Berge und in den Wald und nach seiner Rückkehr brannte die Lampe in seinem Zimmer regelmäßig bis lange nach Mitter- nacht. Hatte er vielleicht drüben in dem nebligen England eine Braut? Frau Meiling wagte danach nicht zu fragen, denn er hatte ihr einmal bei Gelegenheit erklärt, er möge mit Menschen, die andere neugierig nach ihren persönlichen Verhältnissen aus- fragten, nichts zu schaffen haben und sie könnten sicher sein, daß er ihnen zur Strafe in aller Unbefangenheit die tollsten Geschichten aufbinde, wenn er grade in der rechten Stimmung sei. Sie hatte aber überlegt, daß sich unter den Porträts, welche die eine Wand seines Zimmers schmückten, auch nicht ein einziges iveibliches Gesicht befand, welches nur einigermaßen in den Verdacht ge-, rathen konnte, das einer Geliebten ihres Miethsmannes zu sein; zudem würde dieses Bild doch einen Ehrenplatz erhalten haben und vor den andern so oder so ausgezeichnet worden sein. Oder ließen ihn die hübschesten Mädchen nur deshalb so gleichgiltig, weil er höher hinaus wollte? Sie hätte es ihm garnicht einmal verübeln können, denn sie fing nachgrabe an, den jungen Mann in erklärter Parteilichkeit und mit fast mütterlicher Bewunderung mit anderm Maße zu messen, als andere gewöhnliche Menschen- linder. Wolfgang war mit seinem Abendbrot bald fertig, obwohl er nach Art geistig sehr regsamer Menschen während des Essens zugleich eine Zeitung studirte, indessen haben wir Zeit, ihn wäh- rend dieser Doppclbeschäftigung uns genauer anzusehen. Hat er auf den ersten Blick einen entschieden martialischen Eindruck ge- macht, so stellt sich bald heraus, daß wir uns dabei durch einen Zug von Stolz und den dem ganzen Gesicht aufgeprägten Ernst irreleiten ließen; es ist im Grunde nichts Soldatisches an ihm, als der sorgfältig gepflegte, seidenweiche blonde Schnurbarl, dessen letzte Spitzen fast die Schulterblätter berühren. Die großen blauen Augen erhalten einen ihnen nicht natürlichen Ausdruck von Strenge nur durch den forschenden, prüfenden Blick, der ihnen eigen' ist und jeder Seele ihr Geheimniß abfragen zu wollen scheint; im Grunde sind sie sanft, und enthusiasttsche ältere Mädchen würden sie sogar unbestreitbar träumerisch finden. Zu diesem fast Weib- lichen Zug stimmen auch das weiche Kinn, die feingeschnittene Oberlippe, die über die Unterlippe auffallend dominirt, die kleine, Weiße Hand mit den schlanken Fingern, die voraussichtlich in einem nicht allzu niedlichen Damenhandschuh Platz hat und selbst der ganze Bau, der vvn Haus aus zart angelegt und nur durch körperliche Uebungen und konsequente Abhärtung gegen Wind und Wetter gekräftigt und gestählt worden ist. Das Gesicht, dessen Regelmäßigkeit durch die hohe, reine Stirn den Charakter des Edlen erhält, ist von jener energischen Blässe, die theils auf eine sehr weiße Haut, theils auf eine rastlose geistige Thätigkcit und ein vielbewegtes Gemüthsleben schließen läßt und keineswegs den Eindruck des Krankhaften macht, ja sich bei den Damen, als „besonders interessant" einer nicht geringen Beliebtheit erfreut und sich besonders gut ausnimmt, wenn eine leichte, flüchtige Rothe über sie hingehaucht ist. Breitet sich nun vollends über dieses blasse Gesicht ein Schleier von Müdigkeit und Schwermuth, die ja für die Frauen auch noch den starken Reiz des Geheimnißvollcn haben, so kann es un- widcrstehlich sein und es ist eigentlich schade, daß Frau von Larisch ihren Günstling nicht sehen kann, wie er die Reste seines Mahls zur Seite schiebt, sich lässig eine Cigarre anbrennt und den blauen Ringen nachdenklich nachblickt, als studire er die Ge- setze ihres Entstehens und Zerfließcns. Plötzlich steht er, wie von einem neuen Gedanken beherrscht, rasch ans, setzt sich an den Schreibtisch und legt die Cigarre weg.' Die Feder fließt über den weißen Oktavbogen und es scheint für ihn weder ein Sich- besinnen noch ein Sichverbcssern zu geben. Wollen wir ihm über die Schultern sehen? Er schreibt das kleinste und zierlichste Händchen, das je aus einer Damenfedcr kam, aber wie flüchtig diese Schrift auch ist, wie sie auch alle Abkürzungen sich dienstbar macht und sogar, wo ihr Dasein nicht zur Verhütung eines Miß- Verständnisses nöthig ist, alle die Strichclchen, Häkchen und Pünktchen ausläßt, die uns Deutschen so viel Zeit kosten,- sie hat doch einen männlichsn Charakter. Sie ist so regelmäßig, so klar und scharf, daß sie das Lob einer großen Leserlichkeit ver dient und wir nicht die mindeste Mühe haben, folgenden Brief Zeile für Zeile entstehen zn sehen: Alte, gute, treue Haut! Du hast in Deinem Leben viel Beredtsamkeit daran ver- schwendet, in mir den Glauben zu erwecken, daß ich die Gabe besitze, neue Menschen und neue Verhältnisse sofort richtig zu bc- urtheilcn. Ich habe Dir zugeben müssen, daß ich in der That kaum je i» die Lage kam, das Urtheil, welches sich auf meine ersten Eindrücke stützte, späterhin modistziren zu müssen, aber dennoch blieb mein Mißtrauen wider erste Eindrücke unauslöschlich, und ich konnte mich nie von der Furcht emanzipiren, durch vor- schnelles Urtheilen mich einer Leichtfertigkeit schuldig zu machen und nicht minder einer Ungerechtigkeit. Nenne es immerhin Pedanterie— in meinen Adern stießt deutsches Gclchrtcnblnt und es wäre doch seltsam, wenn mir davon her nicht eine Dosis dieser urdeutschen Eigenschaft anklebte. So habe ich denn mit einem Urtheil über meine neuen Verhältnisse auf dem Bvdcii� der Heimat bis heute gezögert, oblvohl ich Dir gestehen muß, daß ich diesen Brief nach den ersten drei Tagen nur unerheblich anders geschrieben haben würde; ivas Dn meine„weibliche Sensitivität" zu nennen beliebst, hätte sich also wieder bewährt. Der Pedant in mir konstatirt freilich, daß dieser Brief zwar kein Stimmungs- brief ist, daß ich aber etwas erschöpft bin und an einem melan- cholischen Abend schreibe, zwei Dinge, die bei mir zu allen Zeiten jede Enipfindung und jeden Gedanken färbten, Du wirst also gut thuu, anzunehmen, daß meine Epistel uni eine Nüance Heller ausfiele, wenn die äußeren Umstände wenigör mit meiner krittlichen Grundrichtung in Einklang stünden. Alles in allenp bleibt niir schon nichts weiter übrig, als Dir zu sagen:„Charlie, mein Junge, ich glaube, ich habe mich eines argen Rechenfehlers schuldig gemacht und bin in eine Falle ge- gangen."' Der Rechenfehler besteht darin, daß ich die Stellung in Deutschland annahm, weil ich ein tiefes Bedürsniß empfand, mich zu isoliren und Ruhe zu haben, und daß ich die Möglichkeit der Jsolirung und die Ruhe in Deutschland zu finden hoffte. Du hast allerdings den Kops geschüttelt und gesagt:„Das sind Luft- schlösser Du freilich kämst niemandem zu nahe und zögst Dich wie eine Schnecke in ihr Haus zurück; Du vergräbst Dich in Deine Bücher und bist am zufriedensten, ivenn Wochenschnften und Monatshefte Deine einzigen Besucher sind; Du liegst tage- lang im Walde und stöberst allerlei Kraut und allerlei kriechendes und fliegendes Gethier auf, von dessen Vorhandensein andre Menschenkinder keine blasse Ahnung haben, und kannst Du vollends einen Garten haben, so sind Dir rothe Bohnenblüten und Tiger- lilicn die liebsten Gesellschafter— aber meinst Du denn wirklich, die Menschen werden Dich in Ruhe lassen? Sie würden nichts ausrichten, wenn sie Dir etwas böten, aber sie werden Rath und Hilfe von Dir verlangen, und Dn hast noch nicht gelernt, etwas abzuschlagen und wirst Dich bald in ein Netz von Gefällig- leiten verstrickt sehen, das Dich auf Schritt und Tritt hemmt, vorausgesetzt noch, daß Du damit wegkommst und daß es Dir � nicht etwa schlimmer geht." Ich lachte, machte Dir ein Kompli- ment über den Scharfsinn, mit ivclchcm Du Deinen Freund Wolf- gang benrtheilst, ging aber doch. Und nun sitze ich hier und habe das unabweislichc Vorgefühl, daß ich mich über kurz oder lang in Kämpfe verwickelt sehe, über deren Natur ich noch voll- ständig ini unklaren bin, in denen ich aber, bei meiner Unfähig- keit, Hammer zu sein(ich bin ersichtlich heute schlecht disponirt, denn die Wort- und Namenwitze sind die längst bis aufs letzte magre Hälmchen abgeweidete Domäne der Inden) sicherlich Ambos sein werde— und das ist eben keine erbauliche Aussicht. Du bist eiu Pessimist in Bezug auf alle Welt, nur in Bezug auf mich nicht; Du wirst.Dir also wahrscheinlich aus den Aeußc- rungen von Mißbehagen, die ich Dir zu Gehör gebe, früher als ich die muthniaßliche Natur der Verivicklungen konstruiren, die das Ende vom Liede sein werden und in denen für mich nichts zu holen ist, wenn ich auch den Einklang mit mir selber nicht verlieren und den„Schild der Ehre" fleckenlos davon tragen werde. Du nickst und sagst lächelnd:„Das weiß ich, mein Junge!"? Es ließe sich ganz gut hier leben, wenn nicht auch hier so viele Karrikaturen der edlen Gestalt„Mensch" herumliefen, noch dazu mit den ungeheuerlichsten Prätensionen und ohne ein Fünkchen Bewußtsein von ihrer Fragwürdigkeit. Lächelst Dn und meinst: „Gott sei Dank, nun ivird er sogleich humvristisch-satirisch werden und dem und jenem einen Denkzettel anhängen?" Dn wirst wohl recht behalten, aber Du siehst, ich kenne Dich auch. Wollte ich blos meiner Neigung folgen, so finge ich das Ding am umgekehrten Ende an, aber es gilt das Dekorum zu wahren und die gesellschaftliche Rangordnung wenigstens einigermaßen zu respektircn und da muß wohl zuerst mein„Brodherr" aufmarschiren. Du bist nie im Lande der Maßkrügc, der Philosophen und der „sinnigen" Jungfrauen gewesen und ivcißt daher auch nicht, ivie viele absonderliche Originale die Klasse der„Kommerzienräthe" � umfaßt, aber selbst in dieser bunten Gesellschaft darf mein Herr- Chef Anspruch auf ein Ehrenplätzchen und ans besondere Be- achtung erheben. Unwissend in einem verblüffenden Grade(trotz hoher geschäftlicher Geriebenheit) und auf stetem Kriegsfuße mit der Orthographie und Stylistik, entfaltet er doch das ganze Selbst- bewußtsein eines Mannes, der als einfacher Weber und ohne einen Thaler Vermögen begonnen hat, während des amerikanischen Sklavcnhalterkriegs durch glückliche Spekulationen aus einem mäßig wohlhabenden zu einem reichen Manne ward und nun die Schwäche hat, eine gesellschaftliche Stellung einnehmen zu wollen, für deren Wahrung ihm alle Bildnngsvorbedingungen fehlen. Seine vorzügliche Küche, sein noch vorzüglicherer Keller und seine importirten Cigarren sichern ihm nur die äußere Achtung eines ganzen Schwarms von Leuten, die hinter seinem Rücken auf seine Kosten lachen, nachdem sie sich an seiner Tafel gütlich gethan haben. Ich will damit keineswegs sagen, daß sie an wirklicher Bildung über ihm stünden, aber sie haben wenigstens den glänzenden Lack gewisser alter Traditionen des guten Tons über ihre innere Roheit gestrichen und dieser Lack fehlt dem Parvenü naturgemäß, und seiicc Versuche, sich mit diesen unverstandenen und leider auch ungeschriebenen Gesetzen abzufinden, fallen un- säglich komisch aus. Zum vollen Bewußtsein des Abstandes zwischen dem einstigen Weber und dein jetzigen Kommerzienrath scheint er erst gelangt zu sein, seitdem einer der alljährlichen Wolkenbrüche von rothen Ädlerordcn auch in sein leeres Knopf- loch ein Tröpfchen verspritzt hat, und ich ivürde mich keinen Augenblick wundern, erzählte man mir, daß sogar das Knopfloch feines Schlafrocks mit dem geliebten Bändchen geschmückt sei. Wäre ich ein Posscndichter— ich machte eine Hauptfigur aus ihm und hätte die Lacher� auf meiner Seite. Kann es etlvas drolligeres geben, als die Thatsache, daß er drauf und dran war, j bis vieljährige Verbindung mit seinem breslauer Banquier abzu- brechen, weil dieser sich der Todsünde schuldig gemacht hatte, auf der Adresse eines Privatbriefs an ihn das„Ritter" zc. wegzulassen? Wenn ich Dir nun noch sage, daß er im Stande wäre, im vollen Eriist zum Plagiator an einem seiner Mit-Titel- träger zu werden, der sich in vertrautem Kreise dahin vernehmen ließ:„Was wollen Sie? Man wird alle Tage älter, alle Tage klüger, alle Tage reicher und darum auch alle Tage stolzer!" so hast Du den Mann so scharf umrissen vor Dir, als blähe er sich Dir selbstgefällig in einem Schattenriß Konewkas entgegen und Dn kannst Dir selber ergänzen, daß es für ihn ein Dogma ist, seinen Reichthum ausschließlich seiner Klugheit zu verdanken, und daß jeder, der es nicht soweit gebracht hat, in seinen Augen ein verlotterter Mensch oder ein von der Mutter Natur zum Stiefel- wichser bestimmtes Individuum ist und an einem heillosen Mangel .an Intelligenz krankt. Wär's nicht so unergründlich lächerlich, man könnte sich darüber erbosen. Tie Herren im Comptoir sind, wie üblich, der Abhub der Gymnasien und Realschulen, Menschen ohne Wissen und ohne Streben; ihre geistige Armseligkeit verursacht ihnen keinerlei Skrupel und sie plätschern ganz lustig in dem stagniren- den Pfuhl ihres öden Daseins herum und suchen sich nach Kräften zu „amüsiren". Man hat so- fort Versuche gemacht, mich für einen Skatklub, für eine Kegelgescllschaft, für ein beständiges Ball- komitö, ja sogar für ein kleines Liebhabertheater anzuwerben; die guten Leute sahen etwas ver- blüfft aus, als ich ihnen sagte, daß ich prinzipiell keine Karte anrühre, daß ich lieber mit der Pistole nach der Scheibe, als mit Holzkugeln nach hölzernen Kegeln ziele, daß ich nur in meinen vier Pfählen ab und zu einmal ein Lied anstimme, daß ich nie ge- tanzt habe und nie tanzen werde, und daß mir das Leben Komödie genug ist. Sonst sind sie ja harmlos — bis auf einen. Der Herr Kommerzienrath hat da eine Art Faktotum— einen Kriecher und Schlei- cher, wie er im Buche steht. Im Laufe der Jahre hat er sich in eine Stellung empörgeschmei- chelt, wie sie ihm ander- wärts, wo man ihn nur nach seinen Kenntnissen und Leistungen taxiren würde und nicht nach seinen Bcdienteneigenschaftcn, nie wieder zutheil würde; nun klammert er sich krampfhaft an seinen Posten und sucht sich das persönliche Wohlgefallen des Herrn Reischach um jeden Preis zu erhalten. Den unter ihm Stehenden ab und zu ein Bein zu stellen, ist sein eifriges Bestreben, und es ist nicht Einer im Eoinptoir, der ihn nicht verachtete, haßte und lächerlich machte; es ist für alle ein Fest gewesen, zu hören, daß der alte Weinlich einen Vorgesetzten erhalten würde, und erlaubte es ihnen die Klugheit— W. kann ja eines schönen Tages wieder obenauf kommen!- sie brächen in offene Rebellion gegen ihn aus. Der mehr in den Branntweinschänken und auf dem Tanzboden ver- jubelt werde, und daß man das Geld in einen Brunnen werfe, wenn man„das Volk" nicht so knapp als möglich halte. Und ich habe doch bereits genug gesehen, um zu wissen, daß die Leute unglaublich arm und doch brav und treu und fabelhaft genügsam sind und daß die Löhne auf einem Niveau stehen, das sich absolut nicht mehr erniedrigen läßt. Darüber werde ich wohl niit dem Alten früher oder später zusammcnrennen; es wird mir nickt will- kommen sein, aber ich bin es schon den wackern Leuten schuldig, die mich zu ihrem Hauptmann bei der freiwilligen Feuerwehr gemacht haben und mir die rührendsten Beweise von Anhänglich- keit und Vertrauen geben, für sie einzutreten, wenn sie von einem glatten Schleicher wahrheitswidrig verunglimpft werden. Du sagst: „Aha, da hat er ja schon ein Amt!?" Dazu bin ich allerdings sehr ohne mein Zuthun ge- kommen. Es besteht hier die Bestimmung, daß alle jungen Leute bis zum :l5. Jahre in der Bürger- feuerwehr, einer Art von Landsturm für den Fall größerer Brände, zn die- neu haben, dafern sie nicht nachweisen, daß sie der freiwilligen Feuer- wehr angehören, die da- neben besteht und auf der die Hauvtlast ruht, oder dafern sich der Arzt nicht zur Ausstellung eines Untauglichkeitsattestes herbeiläßt. Man deutete mir an, daß einer der Herren Aerzte in diesem Punkte sehr„coulant" sei, und als ich erwiderte, daß ich die krummen Wege nicht liebe und als alter Feuerwehrmann, der noch aus der einst berühmten leipziger Schule stammt, in die freiwillige Feuerwehr eintreten würde, lächelte man und meinte, das würde ich mir schon anders über- legen, wenn ich die Leute erst gesehen hätte. Die frei- willige Feuerwehr rekrutire sich fast ausschließlich aus den untersten Schichten der Bevölkerung, und die paar jungen Commis, die mit- thäten, stellten sich nur der Uniform zuliebe in Reih und Glied neben Weber und Handwerksgesellen. Du lveißt, wie ich über diesen Punkt denke— ich meldete mich �sosort� iinb_ habe es nicht bereut. Der Hauptmann, ein braver Schlossermcister, hatte bei den Steigcrübnngen bald erkannt, daß ich von der Sache mehr verstand, als er, und schon vor der Generalversammlung, die nicht lange danach stattfand, hatte er seine Leute Mann für Mann überzeugt, daß es nur recht und in der Ordnung sei, wenn ich an seiner Stelle gewählt würde; was war auch gegen sein Argument einzuwenden, daß ich alles besäße, ivas er habe bieten können— Treue und guten Willen, aber auch noch etwas mehr: gründliche Sachkcnntniß und Jugend? Er trat in die Alte ist mir mit viel' zu süßer Freundlichkeit entgegengekommen, Steigerabtheilung zurück und dient jetzt mit altem Eifer unter als daß ich mir nicht hätte sagen müssen:„Eitel Falschheit, alter mir, und nach dem ersten Exerzitium unter meiner Leitung kam Fuchs; innerlich bist du Gift und Galle!" Ich würde mich aber er zu mir und sagte:„Sagen Sie nicht selber, daß alles einen nicht viel um den Alten kümmern, wenn ich nicht bereits wüßte, ganz andern Zug und Schick hat?" Und dabei glänzte sein roth- daß er es ist, der den Kommerzienrath im Widerstand gegen braunes, verwettertes Gesicht vor Befriedigung. jede Lohnerhöhung und in der steten Geneigtheit zu Lohnreduktionen Weiter schrieb unser junger Freund in dieser Nacht nicht. Er aus Leibeskräften bestärkt und die Weber, wo es nur angeht, stützte plötzlich den Kopf in die Hand und versank in ein Nachdenken, verleumdet und verdächtigt; seinen Einflüsterungen ist es zuzu- � dessen Resultat der vorläufige Verzicht auf's Weiterschrcibcn war. schreiben, wenn der Kommerzienrath überzeugt ist, jede Lohn- Fühlte er sich müde oder konnte er nur mit dem, was er zu erzähleu erhöhnng diene nur dazu, daß am Sonnabend Abend noch etwas| hatte, nicht so ohne weiteres in's reine kommen?(Forts, folgt.) Ludwig Fcuerbach.(Seite 179.) 72—" Ein Sesnch in Miramar. Äon einem Naturforscher. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Wir begeben uns an's Meer und zwar an jene Bucht auf der Westseite des Schlosses, die durch eine Schntzmauer zuni Hafen Miramar geworden. Tic Sonne brennt dort am Sep- tembernachmittag heiß, aber der Wasserspiegel liegt ruhig, wie eine Kpystallplatte; man sieht bis auf den sonnigen Grund des Wassers mit jener Klarheit, als schauten wir durch das beste optische Instrument. Seltsame Fische, große und kleine, sonnen fich_ und spielen, in den elegantesten Bewegungen sich hin- und herscheuchend, zwischen den Algensträuchern.; es sind Meergrundeln, Schollen, Sardellen und manche andere Thiere, die jeden Morgen auf den Fischmarkt von Trieft gebracht werden. Bon� der blendend hell beleuchteten Hafenmauer aus sehen wir blaß-iveißlich schimmernde Klüiupchen auf dem ruhigen Wasser- spiegel sich langsam hin und her bewegen; manche bleiben ruhig an derselben Stelle liegen: es sind kleine Rippenquallen, die zu Dutzenden hier ihr träumerisches Wesen treiben. Wir steigen hinunter und versuchen, sie mit der hohlen Hand aufzufangen. Eitles Bemühen! Auf der undurchsichtigen Hand, die wir sachte in's Wasser tauchen, sind diese zarten Organismen unsichtbar und so oft wir— den Arm zurückziehend— glauben einen guten Fang gemacht zu haben, enthält die hohle Hand eben nichts als Wafter. Nun benützen Ivir ein kleines Glasgcfäß, eine unten geschlossene Röhre von Daumesdicke, die uns endlich ermöglicht, nach mehreren vergeblichen Versuchen eine dieser kleinen Bestien zu erwischen. Das kleine durchsichtige Wesen ist kaum von der Größe einer Haselnuß und tanzt im Glas langsam auf und nieder. Im Schatten wird es für uns unsichtbar, nur im Sonnen- licht sind seine Umrisse erkenntlich: das Gcgentheil von einem Gespenst. Die Konturen schimmern in allen Regenbogenfarben; denn es sind die 8 Längsleisten, die wie Rippen von einem Pol zum andern verlaufen, mit Flimmerzilien besetzt, welche in ihren wellenförmigen Bewegungen die wunderbarsten Lichteffekte er- zeugen. Die Zilien sind bei näherer Betrachtung dem unbewaffneten Auge schon bemerkbar; hält man das Glas gegen die Sonne, so scheinen die 8 flimmernden Längsleisten farbige Funken zu sprühen.— Ich stecke das kleine Glas mit der ätherisch-zarten Bestie in die Westentasche; nach einer Stunde lebt die Qualle noch; allein in der zweiten Stunde stirbt sie und zerfällt alsbald in ihre flüssigen Moleküle: ein faßbarer Traum, eine vergängliche Erscheinung— eine Allegorie auf das einzelne Menschenleben. Könnte man so stille dahingehen, im Sterben noch ein flimmerndes Phänomen, vergoldet vom Sonnenglanz eines Septemberhimmels über der leuchtenden Adria! Die eingetretene Ebbe und die sonntägliche Ruhe, welche über der ganzen Herrlichkeit sich ausbreitete, veranlaßten uns, eine Barke aufzusuchen, um unsere wissenschaftlichen Zwecke zu vcr- folgen. Zu dem Ende hatten wir dei> nordwestlichen Theil des Parkes zu gewinnen. Der Weg führte uns wieder über die breite Terrasse mit den Blumen- und Blattpflanzen-Teppichen. Born, am Rande der Terrasse, begrüßt uns eine Erzstatue, der berühmte Adorant, seine betenden Hände gegen das Meer ausgebreitet. Weiter zurück, abwechselnd mit hohen Palmen, stehen noch einige Bronccstatuen, zunächst die herrliche, meergeborne Venus von Medici und ein blühender Apollo, beider Antlitz ebenfalls dem offenen Meere zugewendet. Nebenan stehen die malerischen Riesenrispen eines amerikanischen Ziergrases(Gynerium argeu- teum) und blühende Juccaartcn. Rechts und links ist die Terrasse durch hohe Wände hellgrüner Eupressinecn abgegrenzt und längs der äußeren Wege stehen düstere, schlanke Cypressen, zum Theil mit Früchten schwer beladen. Den hintern Theil dieser Terrasse grenzt ein schattiger Laubgang ab. Welch ein Blick von dort aus über die nahen Herrlichkeiten hinweg, zwischen den dunkeln Bildsäulen der Mediceerin, des Apollino und des Adorant hindurch zuni Schloß und Meer! Natur und Kunst haben hier das Herrlichste zusammengetragen, um die Illusion bis zum Extrem zu treiben. Ter Boden, auf dem wir stehen, ist klassisch und oer, welcher ihn so umgcschaffcn, ein— verlorener Kaiser. Durch dunkle Schattengänge, aufsteigend bald, bald aus ebenen Wegen wandelnd, gelangen wir in die nordwestliche Ecke des Parklf?. Sie liegt ziemlich boch über dem Meere. Dort— ab- gegrenzt vom eigentlichen Park der Lustwandelnden— werden die Samen verschiedener Pflanzen ans den Früchten heraus- gemacht und Unbrauchbares auf einen Haufen geworfen. Da sehen wir an nicht beachteter Stelle in einem offenen Gartenbeet einen niederliegenden Strauch.mit schlanken Zweigen, zartge- fiedcrten Blättern und rosaviolettcn Blüthcnkvpfchcn, nebst sonnen- einschließenden Hülsenfrüchten. Ich wähne, eine ächte Akazie vor mir zu haben; allein bei der ersten Berührung und leisen Er- schütterung klappen die Fliederblättchen über dem gemeinsamen Blattstiel zusammen und belehren uns, daß die keusche Sinn- pflanze(.Mimosa puüica) hier ebenso gut, als in ihrem heißen Vaterlande gedeiht. Man erzählt sich von dieser sonderbaren Pflanze allerlei Mährchenhaftes; das Interessanteste an letzterem ist aber, daß es nicht Mährchen, sondern Wahrheit. In ihrem Vaterland bildet sie ansehnliche Gebüsche, deren Blätter sich im eigentlichen Siiuie des Wortes schlafen legen, wenn der Abend hereinbricht, um am sonnigen Morgen wieder aufzuwachen und ihre einzelnen Theile voll und ganz dem Lichte auszusetzen. Bei Tag ist sie so empfindlich, daß die leichte Erschütterung der Erde, welche durch ein vorbeitrappendes Pferd verursacht wird, hinreicht, um sie in eine schlafähnliche Ohnmacht zu versetzen. Es scheinen indcß auch ihre„Nerven" einer Abstumpfung fähig zu sein; denn bei anhaltender Erschütterung erwacht sie schließlich wieder aus ihrer Ohnmacht, ohne daß die ununterbrochen auf sie einwirkenden Reize neue Schlafstellungcn verursachten. Man hat diese Pflanze in einem offenen Wagen spazieren geführt und während stunden- langer Erschütterungen am hellen Sonnenlicht wieder aus ihrer- Schlafstellnng erwachen sehen. Hält der Wagen für einige Zeit an, so trat bei der nächsten Erschütterung abermals Schlafstellnng oder„Ohnmacht" ein. Das Attribut der Keuschheit kommt ihr mit Recht zu; denn außer einigen andern Pflanzen trifft man solch zimperliches Benehmen nur bei Mimosa pudica. Auf einem Haufen weggeworfener, faulender und verdorrender Parkpflanzen liegen große Früchte des Flaschenkürbis, einer Lagenaria, die nach meiner festen Ueberzeugung vom„lieben Gott" nur dazu geschaffen wurden, damit die Botaniker beim Sammeln von Wasserpflanzen ein passendes Gefäß zur Hand finden. In dieser' Ueberzeugung griff ich nach einem solchen Flaschenkürbis, schnitt oben den Deckel weg, entfernte den Inhalt und hatte sodann das schönste Trinkhorn vor mir. Wir sind nun an der Grenze des Parkes angelangt und steigen ans malerischem Fußpfad zum Meeresufer hinunter, gegen das nahe Grignano, einem kleinen Nest mit etlichen Fischerhütten'. Dort ist ans losen, durch keinerlei Mörtel mit einander verbundenen Steinen eine Art Hafenmauer aufgebaut, um den Fischern das Ein- und Aussteigen beim Abgang und Landen der Barken zu ermöglichen; denn das Meer ist seicht und das User sanft ansteigend. Dort ist der Landungsplatz jener Todtcn, die sterben wollten, weil sie liebten, ohne vom Stamme der Asra zu sein. Gewiß, eine recht sonnige Stelle für nasse Todte. Ein lumpiges Fischcrmädchen von 5— K Jahren, im bloßen Hemd und baarfuß bis an die Knice, läuft herzu und überreicht uns etliche vom Meer ausgeworfene Muschelschalen. Wir sind ja Fremde und da will sie ein Almosen haben. Auch hier wieder die Grazie in Lumpen gehüllt; aber sie ist noch jung, während drüben am Eingangsthor zum Park die romanische Eleganz in der Person eines ergrauten Bettlers zum Ausdruck gelangt. Wir streifen hier Wiege und Grab. Zwischen drin liegt das Leben der Aermsten unter den Armen. Ein Fischer lenkt unsere Barke. Wir fahren langsam vom Lande ab; unsere Blicke sind auf den von Tangen aller Art bc- wachsenen Meeresgrund gerichtet. Baum- und strauchartige Chstosira Arten bilden den submarinen Oberwald. Zwischen drin stehen violette und rothe Blüthentange, grasgrüne Darm-Ulven und die grünen blasenähnlichen Körper von Rivularia- Arten. Dort haben wir auch die an großen untergetauchten Steinen vor- kommende, wurmartig aussehende Dasycladus clafaeCurmis mit ihren großen Fortpflanzungsorgancn angetroffen und der Selten- heit wegen in reicher Menge gesammelt. Der Flaschenkürbis leistete dabei ganz vortreffliche Dienste. Wir fahren zwischen großen Felsen, die ihre verwetterten Häupter neugierig über das Wasser erheben, längs des steinigen 175- Ufers weiter. Da sitzt in einer soeben vom zurücktretenden Meeresspiegel verlassenen Nische eines mit Ledertangen bewachsenen Felsens eine mächtige Krabbe, auf ihren zwei enorm entwickelten Scheeren ruhend, mit großen Augen das offene Meer begaffend. Die Ueberraschung war beiderseits sehr groß; denn im Leben eines nach Algen suchenden Botanikers kommt es selten vor, daß man einem spinnenähnlichen Thier von Faustgroße begegnet; andererseits mag für eine Mccrkrabbe, die nicht kurzsichtig ist, der Anblick eines langhaarigen und mit Brillengläsern bewaffneten Botanikers auch zu den Seltenheiten gehören. Für unsere Krabbe war dies noch etwas mehr; denn wir Nimmersatte Menschen hatten die redliche Absicht, der bcschcerten Bestie an den Kragen zu gehen. Wohl gelang es dem Fischer, den Felsen Zugewinnen; allein er hatte nicht den Muth, mit tapferer Hand auf die Scheeren loszugehen und so gelang es der Krabbe, mit der Bchändigkeit einer aus ihrem Versteck schlüpfenden Maus das Meer zu ge- Winnen. Unweit von jener Stelle ergriff eine andere Krabbe die Flucht in entgegengesetzter Richtung, nämlich auf dem trockenen Felsen schief aufwärts, bis zur dunklen Spalte im geborstenen Stein. Meerschnecken, die auch genießbar sind, haften in Unzahl an den Uferfelsen und an der Hafen- und Terrassenmauer von Miramar. Kleine schwarze Muscheln,„Sceläuse", bedecken oft ganz die von den Fluthwellcn bespülten Steine; sie scheinen dort festgekittet zu sein und gewähren einen höchst eigenthümlichen An- blick. In ihrem Bereich finden wir auch zahllose Ledertänge, gabelig verzweigte, strauchartige Gewächse von schmutzig-brauner bis schwarzer Farbe(Ellens LhernrcUi). Sie sind auf den Felsen festgewachsen und werden von der Brandung, wie beim leichtesten Wellenschlag unaufhörlich hin und hergeworfen. Nur zur Zeit der tiefsten Ebbe und bei ruhigem Meeresspiegel gelangen sie für einige Stunden des Tages zur Ruhe, da sie durch das Zurück- treten des Wassers trocken gelegt werden. In der Nähe von Miramar sind beinahe alle im Bereich von Ebbe und Iluth liegenden Steine und Felsen des Ufers so dicht von Ledcrtangen bewachsen, daß man mit leichter Mühe ganze Wagenladungen sammeln könnte. Wir treiben langsam gegen das Meerschloß. Hoch oben, an der Westseite des Thurmes steht in einer Nische die Kolossalstatue der Adria, eine majestätische weibliche Gestalt, in händcaus- breitender, grüßender Stellung, das Antlitz gegen Sonncnnnter- gang gewendet. Ohne Zweifel ist der Meister dieses Kunstwerkes ein Romane, in allen Fällen kein Schweizer; denn die grüßenden Hände der Adria am Schloßthurm zn Miramar sind wirkliche Hände und keine Bärentatzen, wie die vordern Extremitäten der segnenden„Jndustria" auf dem berühmtesten Bahnhof der Schweiz. Ja, es ist eine himmelweite Kluft zwischen dem Künstsinn der Völker diesseits und jenseits der Alpen. Der Italiener ist der strenge Kopist der Statur, d. h. seine Modelle sind lebende Menschen, schöne, herrliche, götterglcichc Gestalten, während der Germane mehr auf die klassischen Studien und seine bisweilen„eckige" Phantasie angewiesen ist. Aber drüben, jenseits der Alpen, wandeln die klassischen Vorbilder der Alten als lebende Menschen heute noch ans den Straßen. Der Künstler braucht nicht lange nach Göttcrgestalten zu suchen, er sieht sie jeden Abend tust- wandelnd auf dem Korso seiner Vaterstadt: Aphroditen, Apollini, Mincrva's, Amor und Psyche in hundertfacher Auflage. Die Grazie und die Hoheit in der äußeren Erscheinung ist ein un- verwüstliches Vermächtniß, das den südländischen Romanen vcr- blieben ist bis auf den heutigen Tag. Wie ganz anders, arm und sich selbst überlassen steht der Künstler am Nordabhang der Alpen und weiter hinaus gegen den Norden, wo Klima und Mode die wenigen tadellosen Menschen- gestalten dem Studium des Kiinstlers entziehen. Einen überwältigenden Eindruck gewährt die Ansicht des Schlosses von der Meerseite. Hier kommen namentlich die als Fundament dienenden Felsmassen und Grundmauern zur Geltung. Hoch oben an sonnigen Steinen haben sich mächtige Agaven an- gesiedelt, und Centranthua ruber, eine in Deutschland sehr bc- liebte exotische Zierpflanze, grüßt hier blühend als Unkraut von den Mauerritzen herunter. Auf jeder vakanten Stelle macht sich die Ueppigkeit des Südens breit. Nach Meertangen und Thicrcn suchend, hatten wir alsbald zwei Stunden verloren. Mit reicher Ausbeute kehrten wir nach Grignano zurück und suchten hernach das kleine Wirthshaus, das dicht an der Nordgrenze des Schloßparkes zwischen Fruchtbäumen und Reblauben den Wanderer zur Erquickung einladet. Dort weilten wir bis zur einbrechenden Nacht; dann aber traten wir nochmals einen Rundgang an, um den Park auch im Dämmer- licht und nächtlichen Dunkel auszukosten. Zunächst an's Meer! An exponirter Stelle, umgeben von Lorbeerbäumen und Oliven, lagerten wir uns auf der Terrassen- mauer. Eine unbeschreibliche Feier lag über der ganzen Herrlich- keit. Das Schloß wie ein bleiches Gespenst vom Abendhimmel magisch beleuchtet, das nächtliche Gewölbe über uns zum Theil bewölkt, das Meer zn unfern Füßen nur leise flüsternd, Mond und Abendstern im Meeresspiegel als zwei leuchtende Streifen sich rcflektircnd; alles sonst dunkel und schweigsam— die Cypresscn als schwarze Säulen hinter uns sich erhebend, Oelbäumc, Lorbeer, Pinien und Akazien— der ganze Baumwald nur eine Gruppe finsterer Gestalten und weit und breit außer dem Geflüster der kleinen Fluthwellen nichts hörbar, als das schrille, langgezogene Lied der Cicadcn. Wir haben lange dort verweilt und wenig gesprochen; denn wenn die Natur in geweihten Augenblicken wie eine fremde, überirdische Erscheinung zu uns redet, da schweigt der menschliche Mund, während unser Inneres in Seligkeit schwelgt. Allein die Mondsichel entfernt sich mehr und mehr vom Schloß- thurm; wir suchen den Weg zur klassischen Terrasse. Auch dort haben wir� geschwiegen; denn Götter haben zu uns gesprochen. Die Venusstatue hob sich schwarz aus dem grünlich verglimmenden Dämmerlicht des Abendhimmels heraus und der Apollino nebenan lauschte dem Wcttgesang der Mannacicaden in den schwarzen Eschenkronen. Ja, vergangene Zeiten!—--- Da ihr noch die schöne Welt regieret, An der Freude leichtem Gängelband Selige Geschlechter noch gcsühret, Schöne Wesen ans dem Fabelland! Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte, Wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte, Venns Amathnsia! Die Götter sind aus dem Himmel geworfen und gekreuzigte, enthauptete, geschundene und zerfleischte Heilige sind auf die Vostamente gesetzt worden. Die Dichtlnnst verkracht— und die Bildnerei zum Bankerot gebracht!— Schöne Welt, wo bist du? Kcbrc wieder, Holdes Bliithenalter der Natur! Ach, nur in dem Fcenland der Lieder, Lebt noch deine fabelhafte Spur. Ausgestorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick, Ach! von jenem lebcnswarmen Bilde , Blieb der Schatten nur zurück. K Also wiederhallte des Dichters Klage*) in meinem gepreßten Innern. Da init einem Male war mir'», als erhebe die bronzene Atediccerin ihren Arm hinweg von keuscher Stelle zum nächtlichen Himmel über uns, und sie begann zu reden, zu drohen und zu überzeugen. Und die bronzene Venus von Medici dort am andern Ende der Terrasse im Park zu Miramar hat gesprochen:„Wohl haben uns die Christen, die Kreuzfahrer und Märtyrer aus dem Himmel geworfen; aber als die weiseste und stärkste unseres Geschlechtes, Pallas Athene, erst mit Füßen getreten nnd verachtet wieder von ihrer Betäubung erwachte, da hat sie es nicht verschmäht, neuer- dings unter die Menschen zu gehen, um sie von Wahnwitz und Tollheit zu heilen. Erst fand sie nur bei wenigen, bei den Stillen im Lande, Gehör— und mancher, bei dem sie aus und ein ging, ist auf den Scheiterhaufen gewandert, den die Christen au- gezündet haben; aber nach und nach sind aus diesen wenigen im Verlauf der christlichen Jahrhunderte viele geworden nnd diese vielen werden noch zu mehreren werden— und sie werden, wenn alle vereint, stark genug sein, dereinst den verwüsteten Himmel von den Gekreuzigten, den Geschundenen und Erschlagenen zu säubern. Und man wird uns, die Götter der Vorzeit, neuerdings i in Lied und Sang, in Bild und Wort verherrlichen und unsere Gestalten werden iviedcr lebendiges Leben und warme Wärme und geistigen Geist und werden wieder Sprache und Zunge haben, und wir werden lebendig durchleuchtet sein von dem Lichtschimmer ! der Weisheit, ivelcher allerorts von den Jüngern der Pallas Athene hinausgetragen und ewig die Dunkelheit der Unvernunft und des Ungeistes fernhalten wird. Und es wird wieder wohnlich *) Schiller, die Götter Gkiechenlands. 176 sein im Himmel, den die Menschen so sehr verwüstet haben in blinder Verblendung und thörichter Thorheit, und es wird eine Zeit kommen, da Menschen zu Göttern und Staubgeborne zu Licht- trägern der Weisheit und Wahrheit werden.— Und nian wird jene fürstliche Kapelle, drüben im Schloß, man wird die das Kruzifix verherrlichende Halle auskehren und ich werde ab und zu dort an die Stelle des Gekreuzigten versetzt und ich werde wieder angebetet werden, angebetet von denen, welche den Tag mehr lieben, als die Nacht, und das Leben mehr achten als den starren Tod, angebetet von denen, welche das Rauschen des Meeres und das Lispeln der Bäume und das Gekose der Liebenden lieber hören, als die tollen Litaneien und das Klappern der Skeletknochen jener, die man als„Heilige" in Prozessionen herumträgt.— Die Freunde der Palmen und die Bewunderer der Leuchtmonade, die Schatzgräber des wirklichen Wissens, die forschenden Forscher und Feinde des glaubenden Glanbens: sie werden meine Anbeter, meine Diener und meine Apostel sein!"— Also sprach die Mediceerin, als der Nachtwind durch die Lorbeerzweige rauschte und die Cicade ihr Cello strich. Eine schäumende Welle am plätschernden Meeresufer hob neugierig ihren Kopf über die von Tangen bewachsenen Steine empor. Wasser spritzte auf-- und eine meerschaumgeborne, eine weiße, blendendweiße Frauengestalt erhob sich über den dunkeln Steinen; leuchtende Monaden warfen ihr röthlich phosphoreszirendes Licht auf die Meeraeborne. Sie ward lebendig, fleischfarben durch- wärmt, eine leibhaftige Venus, ein Götterweib mit schwellenden Adern, straffem Busen und liebeglühendem Antlitz. Und sie nickte herüber und lächelte. Es war das Original, dessen Abbild die Mediceerin auf der Terrasse. Aber schnell wie sie gekommen, zerstob die Welle am steinbesäeten Ufer; der Sephir strich über den weißen zischenden Schaum— und das Götterweib war ver- schwunden. Die Bronzestatue stand wieder todt vor mir, ihren Arm wieder gesenkt über keuscher Stelle. Aber auf ihrem Antlitz blieb das ewige Lächeln. Noch einen Blick auf die feenhafte Herrlichkeit! Die Mond- sichel stand schon weit vom lcichenfarbenen Schloßthurm ab— und der Abendstern, die weißschimmernde Venns des Sternen- Himmels, leuchtete nur matt durch verhüllende Nebel! Wir wandten uns und gingen. An anderer Stelle des Parkes, auf der Südostseite, im An- gesicht der lichtschimmernden Seestadt, findet sich auf einer Fels- kante ein düsteres, heimliches Plätzchen, eine schattige Rcblaube mit lichten Fensteröffnungen gegen Morgen und Mittag. Schniale Ruhebänke laden zum Sitzen ein.„Dort weilten wir am liebsten, als wir noch Verlobte waren!" sagte die liebliche Frau meines Freundes, und wie Silberglöckchen- Stimme klang das hinauf zum freudig lächelnden Gatten, der sein Weib umfangen hielt. Wir setzten uns, und Ort und Stimmung gestatteten die Frage nach dem Wie? des Anfangs im Roman zweier Glücklichgewordenen. Mein triestiner Freund erbat sich erst von seiner Donna die Er- laubniß zum Erzählen, nnd als diese ohne Anstand über die Lippen des jugendschönen Weibes geflossen, da Hub er an und erzählte:„Sie, mein Freund, haben das Glück, ein gelehrtes und wissenschaftlich.gebildetes Weib ihr eigen zu nennen. Alle Zeitungen haben's uns erzählt, und wir haben uns damals mit Ihnen ge- freut; denn von meinem Weibchen läßt sich ähnliches sagen. ,Auch ich ward in Arkadien geboren!�— Sie ist die Tochter eines braven Mannes, der sein Kind alsbald in die Hallen des Natur- Wissens einführte; sie kennt die Blumen des Feldes, die Bäume des Waldes und die Tange am rauschenden Meeresufer. Und da ich einst— vor etlichen Jahren— auszog, um marine Algen zu suchen, da habe ich sie bei gleichem Streben gefunden. Wir beide haben die Blüthentange der Adria bewundert und— schließ- lich uns selbst liebgewonnen. Dieser Park war ihr Asyl, und wir haben hier die goldenen Tage des Brautstandes durchlebt. Nun begreifen Sie, warum wir hier jedes stille nnd jedes hübsche Plätzchen genauer kennen, als irgend ein anderer Sterblicher. Das ist der Anfang unseres Liebclebens— das übrige wissen Sie."— Ein Kuß, gewechselt zwischen Gatte und Gattin, hat bestätigt, daß auch hier die Liebe kein leerer Wahn. Es war vollends Nacht, als wir von jenem Koseplätzchen Abschied nahmen, und als wir beim Gärtnerhaus ankamen, hatte die Mutter der jungen Frau bereits für ein komplettes Abend- essen gesorgt. Der kleine, im Hofraum angebundene Affe hatte schon seine Decke umgeworfen, um sich vor der Nachtsrische zu schützen und schlafen zu legen. Er ward wieder aufgescheucht und zeigte mit munterem Wesen und freudegrinsendem Antlitz seine prächtig weißen Zähne. Verlor er beim Herumspringen seine Decke, so wußte er sie gleich wieder mit den graziösesten und ge- schicktesten Bewegungen umzulegen. Auch hier trat mir die Lehre Darwins in neuen Beweisen entgegen. Jawohl, Darwin hat recht! Das Nachtessen hat herrlich gemundet und die Havannah auch, welche unser Gastgeber servirte— und die Zuckermelonen eben- falls, die Freund H. aus Trieft mitgenommen hatte und nun opferte. Auch die Weintrauben von Miramar sind honigsüß; ich habe sie gekostet. Nach dem Nachtessen wurden unsere Algen nochmals in frisches Wasser gebracht. Dabei beobachtete ich zum erstenmal in solcher Nähe das phosphorcszirende rothe Licht der Leuchtmonade. Die Tange blitzten oft hell auf. Gegen 11 Uhr nachts lag ich wieder wohlverwahrt in der Villa Voinowich, hinter dem Tüllvorhang(Mosquitero) meines schnackenumschwärmten Bettes. Die Quälgeister der Nacht sangen draußen und bemühten sich umsonst, mir auf den Leib zu rücken. Schlafend begann ich zu träumen, nachdem ich wachend wie im Traume gewandelt war. Und ich träumte schlafend vom Feen- schloß am Meer, vom Paradies zu Miramar, vom verlorenen Kaiser und von der sinnverwirrten Königstochter, und von der bronzenen Medizeerin mit ihrem ewig heitern Lächeln. Den einen Gedanken werde ich nimmer los: über dem Schönsten, was ich sah, liegt die Melancholie, eine Folge des Verhängnisses. dlirnmar! uu paraäiso perduto— ein verlorenes Paradies! Dr. A. D.-P. Ein Achtundvierziger aus dem Orient. Während wir mit berechtigtem Eifer die große Volksbewegung im Jahre 1848 in ihren Ursachen, Details und Konsequenzen zu verfolgen suchten, habe viele von uns es übersehen, daß eine ähnliche, sogar verwandte Bewegung im Osten, dem Lande der Mythen und Wunder, stattgefunden hat, die jene große, noch wenig bekannte Welt in ihren Tiefen aufwühlte und die Völker und Staaten vom Himalaya bis zum Marmorameere erschütterte. Noch sind wir nicht in der Lage zu beurtheilen, ob und welche Beziehungen diese orientalische Erschütterung mit der gleichsam vulkanischen Bewegung im europäischen Völkerleben hatte; wir müssen uns einstweilen bescheiden, über die Ereignisse in ihren Folgen zu referiren. Wir heben zuerst einen Blutzeugen von Achtundvierzig her-| vor, dessen Name nicht allgemein bekannt sein dürfte. Unser Held ist Ali Muhamed, genannt„Bab, Pforte zur Erkenntniß Gottes! und der Wahrheit", zu Schiraz in Persien geboren. Die interessanten Details aus seinem Leben und Wirken ver- danken wir den Essays und Studien von Hermann Ethv, einem trefflichen Buche. Ali Muhamed war der Sohn wohlhabender Eltern und zum Kaufmannsstande bestimmt, zu dem er jedoch keinen Beruf gehabt haben muß, denn er vertiefte sich früh in die Lehren der reinen Mystik, des in Persien so weit verbreiteten sufischen Pantheismus Dabei befähigten ihn auch seine vortheilhafte äußere Erscheinung sowie ein sittenstrenger, makelloser Wandel, zu der außerordcnt- lichen Rolle, die er schon sehr zeitig spielen sollte. Er saun und grübelte über neuen Doktrinen, zu denen ihn sein vielfacher Ver- kehr mit Juden und wohl besonders die Lektüre der Evangelien in persischer Uebersetzung angeregt haben mögen. Nachdem er so in Kusu manch' schwere Seelenkämpse durchgerungen, faßte er den Entschluß, seine volksbeglückenden Ideen ohne Wanken, selbst mit Lebensgefahr durchzuführen, und sammelte 1844 in Schiraz die ersten Anhänger, indem er in der Moskee unter großem Zulauf der Menge, mit gewalttger Beredtsamkeit schonungslos gegen alle herrschenden staatlichen wie religiösen Uebelstände eiferte. Der hervorragendste Parteigänger Babs war der Molla Hussaim, der auch als erster Sendbote der neuen Lehre die Provinzen Irak und Chorasan durchzog und ihr überall Jünger warb, indem er die Schriften Babs vorzeigte und erläuterte.— Zu einem zweiten und dritten begeisterten Parteiführer gesellte sich auch in kurzem ein schönes Weib aus vornehmem Stande, von ihren Anhängern Tahira(die Reine) und Gurret-ul-Ain (Augenkühle) genannt. Sie war ebenso sittenrein, als geistig begabt und wissenschaftlich gebildet. Inzwischen hatte sich das Ansehen und die Macht Babs und seiner Anhänger so vermehrt, daß nicht allein der orthodoxe musel- männische Klerus, sondern auch die weltliche Behörde in Sorge gericthen. Bab legte zwar in einem Schreiben an den König demselben , alle Fehler und Untugenden der Geistlichkeit und die daraus resultirende Entartung des Religionsdienstes dar, suchte auch sammt Molla Hussaim den Monarchen wie dessen Räthe von der Nothwendigkeit einer religiösen und sozialen Reform im euro- päischen Sinne zu überzeugen— doch vergebens. Der Premierminister verhängte Hausarrest über Bab und verwies Hussaim nach Teheran. Diese Verfolgung steigerte nur den Muth des neuen Pro- pheten und seiner Anhänger. Er selbst bezeichnete sich von da als einen Seid, einen Nachkomnien Ali's, und hielt sich vielleicht selbst für eine wahrhaft göttliche Erscheinung. Dabei wurde mit unermüdlicher Energie die neue Lehre im Volke verbreitet, deren feindliche Tendenz gegen die Staatsgewalt immer deutlicher her- vortrat. Man sammelte bewaffnete Schaaren, und als 1848 der König Muhamed-Schah mit Tode abging, brach der Sturm der Revolution aus. Molla Hussaim marschirte mit seinen Truppen nach Mäzen- deran, und an der Grenze dieser Provinz vereinigte er sich mit den Schaaren Muhamed Ali's von Balfurusch, der schon im Frühjahr nach Chorasan aufgebrochen war. Auch die schöne Gurret-ul-Ain gesellte sich zu ihnen, nachdem sie die Lande als Predigerin mit großem Erfolge durchzogen. Der Kampf entbrannte nun und wurde mit gleicher Heftigkeit und wechselndem Glück von beiden Seiten geführt und endlich in dem berühmten Wallfahrtsorte des Scheich Tebersi ein befestigtes Lager, eine Art Kastell, errichtet, in welchem sich die Babis ver- schanzten und eine beträchtliche Schaar der Angreifer gänzlich vernichteten. Ja das Heer, welches vom Prinzen Mehdi geführt, auf Befehl des neuen Königs, Nasreddin- Schah, ausrückte, die Aufständischen zu bestrafen, wurde ebenfalls geschlagen und zer- streut. Molla Hussaim kämpfte mit bewundernswerthcm Muthe und zugleich mit einer List und Verschlagenheit, die ihresgleichen suchte. Endlich erläg er jedoch bei einem Ausfall und ernannte sterbend den gleichfalls verwundeten Hadschi Muhamed Ali zu . seinem Nachfolger. |• Jetzt vereinigten sich zwei Heerführer und schloffen die Be- lagerten von allen Seiten ab, ihnen so den Verkehr mit außen und somit alle Lebensmittelzufuhr abschneidend. Heldenniüthig wagten jedoch die Babis einen neuen Ausfall und fügten den königlichen Truppen viel Schaden zu. Da gab die Regierung den thatkräftigen Soleiman-Chan dem Prinzen Mehdi als Befehls- Haber zur Seite und es ward beschlossen, die Babis auszuhungern. Das Elend war grenzenlos in dem Kastell, und nur der Heroismus, mit welchem man es ertrug, war demselben zu ver- gleichen. Endlich, nach einem letzten Ausfall, entschloß sich Muhamed Ali zur Kapitulation, und Prinz Mehdi sicherte ihm und den Seinen auch bereitwillig freien Abzug zu; eine Zusage, • die schmählich gebrochen wurde, denn man mordete die Ab- 'ziehenden, nachdem sie ihre Waffen niedergelegt, bis auf den 'letzten Mann. Nicht minder tragisch endete der Prophet selbst. Man hielt ihn in strenger Haft, besonders als das blutige Trauerspiel in Mazenderan begann und die königlichen Truppen geschlagen wurden. Als nun auch in den übrigen Provinzen die Partei- gänger Babs sich erhoben, beschloß man in Teheran, ein Exempel zu statuiren, und trotzdem der Prophet von den Mollas keines Jrrthums überführt werden konnte, er seine Gegner im Gegen- theile bei jeder Diskussion auf's glänzendste widerlegte, ward er dennoch zum Tode verurtheilt als Ketzer und Rebell und mit zweien seiner Schüler zum Richtplatz geführt. Bab war ruhig und standhaft und seine, wenn auch durch lange Kerkerhaft schmächtig gewordene Gestalt, sein schönes, bleiches Antlitz mit den stolz blickenden Augen, erregte die allgemeinste Theilnahme. Man fesselte den Propheten yiit Stricken an den Festungs- . wall der Citadellc, so daß er etwas über dem Erdboden schwebte, und eine aufgestellte Kompagnie Soldaten gab Feuer. Doch da geschah ein Wunder! So wenigstens behaupteten die Anhänger Babs. Die ganze erste Salve verfehlte ihr Ziel und nur die Stricke wurden zerschossen. Bab wurde frei und hätte, wenn er den glücklichen Zufall benutzte, gerettet werden können. So aber gerieth er in eine Hauptwache,' ward durch den Säbelhieb eines Offiziers zu Boden gestreckt, auf's neue gefesselt und aufgezogen und durch eine zweite Salve, welche nun christ- liche Soldaten abgeben mußten, getödtet. Der Märtyrertod dieses modernen Messias entflammte seine Anhänger nur zu einem um so verzweiflungsvolleren Widerstande. Ein gewisser Molla Muhamed Ali, zubenannt Zendschani, rüstete im geheimen eine bedeutende Streitmacht aus(nach Gobineau waren es 15,000 Mann) und ergriff damit die Offensive. Schon vorher hatte man die Steuern verweigert, und die Babis bemäch- tigten sich nun der Stadt Zenschan, und von hier aus gebot Ali als unumschränkter Gebieter, führte strenge Mannszucht ein, trotzte zweimal einem feindlichen Ansturm und legte sich endlich selbst den Titel Bab bei. Er vertheidigte sich mit der gleichen Tapferkeit und List wie seinerzeit Molla Hussaim. Und als endlich nach monatelanger Belagerung die von Hunger und Durst entsetzlich gequälte Mannschaft dennoch standhaft die Kapitulation verweigerte, ja durch einen letzten Aussall Tod und Verderben in die feindlichen Schaaren trug, ward ein allgemeines Bombardement beschlossen, und Ali Zendschani fiel nach ver- zweifeltem Widerstande, sterbend den Seinen die in der Lehre des Bab entbaltene Verheißung wiederholend, er werde in vierzig Tagen wieder auferstehen. Nach Ali's Hinscheiden übergab sich das Häuflein seiner Ge- treuen der Gnade des Siegers und ward abermals verrathen und schmählich hingeopfert. Zwar wurde nach dem Falle der Hauptführer des Babismus der Aufstand in den übrigen Provinzen mit mehr oder weniger Anstrengung unterdrückt. Dennoch glühte unter der Asche der Funke der Empörung sort, um nur zu bald in hellen Flamnien aufzulodern. Selbst in Teheran, der Haupt- und Residenzstadt, war eine geheime Verbindung hergestellt, die vornehmlich die politischen Konsequenzen der Bab'schen Doktrin weiter verfolgte und sogar die Absicht hatte, die Monarchie zu stürzen und den König zu ermorden. Auch Gurret-ul-Ain hielt sich m Teheran auf, predigte aber mehr die soziale und religiöse Reform. Man harrte nur auf einen günstigen Augenblick, um loszu- brechen, denn die ungerechte Hinrichtung Babs erfüllte noch immer die Seelen seiner Anhänger mit heißem Rachedurst. Endlich glaubte man den geeigneten Moment gekommen. Der Fall des Premierministers Mirza-Taki-Khan erregte einen Sturm in der Bevölkerung, und als der Monarch im August 1852 in der Nähe seines Sommerpalastes Niawcran einen Spazirritt unternahm, ward er von drei verkleideten Babis an- gegriffen. Nachdem drei Schüsse auf den König abgefeuert worden tvaren, ihn aber nur leicht verwundet hatten, stürzten sich die Mörder auf sein Pferd, um ihn vom Sattel herabzureißeu. Ehe ihnen dieses jedoch gelungen, wurden sie von herbeieilenden Hoficuten überwältigt, einer sosort getödtet und die anderen gefangen- genommen. In Teheran erhob sich ein großer Tumult, geheime Zusammen- künfte wurden gehalten, bei welchen Gelegenheiten es der Regie- rung gelang, viele Babis, unter andern auch die an dem Mord-' versuch gänzlich unschuldige Gurret-ul-Ain, zu verhaften. In Sorge versetzt durch die Standhaftigkeit, mit welcher die beiden Verschwörer die Folterqualen ertrugen, ohne Vcrcath an ihren Mitverschmorenen zu üben, versuchte man es einmal mit der Milde und versprach, die Gefangenen zu begnadigen, wenn sie den Babismus abschwören wollten. Doch keiner verleugnete seine Ueberzeugung. Auch das zarte Weib, die heldenmüthige Gurret-ul-Ain, sah mit Ruhe dem Märtyrertode entgegen, den ihr erhabener Meister früher erlitten. Sie ward zum Feuertode verdammt, doch die mitleidigen Henker. gerührt von ihrer Aumuth und wunderbaren Schönheit, erwürgten sie vorher, ihr so die entsetzlichen Qualen ersparend. Die übrigen Gefangenen aber wurden mit unerhörter Grausamkeit hingerichtet und dabei weder Frauen noch Kinder geschont. Alle starben sie mit Heroismus, den Namen des Propheten Bab -- 178 auf den Lippen, und ihr Tod verschaffte dem Babismus immer neue Anhänger. Sollen doch selbst in Teheran nahe an fünf- tausend Menschen, darunter Beamte höchsten Ranges, dem Bunde angehören. Ja, man behauptet, das; der junge Mirza Fachja, den man zum Nachfolger Babs ernannt, von Bagdad aus, wohin er entflohen, die Bewegung leite. Selbst Freimaurerlogen, nach europäischem Muster, versuchte man in Teheran zu gründen. Ein Beweis dafür, daß die Lehre Babs, und nicht blos seine bestechende Persönlichkeit und die Macht seiner Rede, ihm so todesmuthige Anhänger geschaffen, ist der Umstand, daß weder Gurret-ul-Ain, noch die beiden Muhamed Ali ihn persönlich ge- kannt, sondern nur aus seinen Schriften sich begeistert haben. Bab hinterließ ein Tagebuch über die Pilgerfahrt nach Mekka und den Kommentar zur zwölften Sure des Koran, dann noch eine Menge kleinerer Schriften, die meist in sehr mystischer Sprache geschrieben sind. Der Babismus richtet sich zunächst gegen die Macht des muselmäuuischen Klerus, und kann man sich leicht vorstellen, in welches Wespennest dadurch gestochen ward. Gleichzeitig bekämpft er aber auch die konservative Hofkamarilla, die jeder freiheitlichen Neuerung prinzipiell widerstrebt(nicht allein in Persien!). Im allgemeinen eifert er gegen Willkürlichkeit, Erpressungen der Staatsbeamten und Richter, gegen den Steuerdruck und sucht die individuelle Freiheit zu heben und das unterdrückte weibliche Geschlecht zn emanzipiren. Kehren in den Briefen Babs nun auch, mehr oder minder deutlich ausgesprochen, stets die pantheistischcn Ideen des Sufismus wieder, so sind doch alle die eben flüchtig skizzirten Bestrebungen ganz moderne und mit geringen Modifikationen und andrerseits mit Verschärfungen: die bewegenden Ideen und Schlagworte des Heilsjahres 1848. Rechnet man hierzu noch, daß Bab auch den Umgang mit den Ungläubigen gestattete und die Todesstrafe abgeschafft wissen wollte, so haben wir mit den nothwendigen Verschiedenheiten und Abweichungen, welche Erziehung und Landessittc bedingen, einen Vollblut-Ächtundvierziger edelster Art. Auch sollten die Tortur und die Prügelstrafe abgeschafft werden.(Wem fällt da nicht das gesegnete Land Mecklenburg ein und der Gras Hahn, mit dem wohleingcweichten Haselrohr und dem„unterthänigsten guten Morgen!") Allerdings hatte Bab noch ein etwas verschwommenes Staats- ideal. Er dachte sich nämlich die Gestaltung seines neuen Gottes reiches und die Regierungsform desselben als ein Gemisch von monarchischen, theokratischen und demokratischen Elementen. Der nominelle König hat seine Macht mit einem aus 19 Mitgliedern bestehenden obersten Priestcrkollegium, an dessen Spitze der Nach- folger Babs steht, zu theilen. Und da der König das Honorar für seine Bemühung aus den eingehenden Steuern erhält, mit Gewalt aber niemand zum Steuerzahlen gezwungen werden darf, würde dieser Tantiöme-König eben keinen sehr einträglichen Posten gehabt haben. Für die Erhaltung der Märtyrergräber, vor allem aber für die Armen soll gut gesorgt werden. Die geplante Gleichstellung der Rechte von Mann und Frau, die Abschaffung der Polygamie und der willkürlichen Ehescheidung, eine verbesserte Kindererziehung würden jedenfalls die fruchtbringendsten Neuerungen gewesen sein. Außerdem stellte der galante Prophet die liebevollste Äusmerk- samkeit des Gatten für die Frau als Norm auf. Die Ehefrau soll von allen anstrengenden Arbeiten und sogar von religiösen Uebungen dispcnsirt sein, damit sie allein der Liebe zu ihrem Gatten, der Sorge für die diesem Bunde entsprossenen Kinder und der eigenen geistigen Ausbildung und Veredlung leben könne. Das ist eine andere Frauenemanzipation als diejenige, welche einzelne extravagante Vorkämpferinnen für die Gleichberechtigung der Geichlechter anstreben und die schließlich nur darauf hinausläuft, daß zum Beispiel eine Mutter von neun Kindern als Professor Kollegia liest, als Doktor eine zahlreiche Praxis befriedigt, oder als politischer Parteigänger sich um ein Mandat bewirbt— in den Mußestunden jedoch dem Gatten abgerissene Knöpfe annäht, und beim Strümpfestricken sich gleichzeitig mit der Kindererziehung, dem Küchenzettel, den Toilettensorgen— und ihrer eigenen geistigen Weiterbildung beschäftigt. Beneidcnswerthes Loos— herrliche Perspektive! Gepriesen sei daher Bab, der mit weiser Mäßigung dem Weibe just soviel Rechte und Freiheiten(?) gewähren wollte, als dasselbe bedarf, um glücklich zu sein und zu beglücken. Hoffen wir, daß auch das Blut dieses Freiheitshelden aus dem Jahre 1848 nicht umsonst geflossen sei und ihm, wenn auch laugsam, die Saat der wahren Freiheit entsprießen werde, die nicht den Mord und seine rohen Schergen zn Genossen hat, sondern mit den Waffen des Geistes streitet und damit jener vom gemeinen Egoismus freien Intelligenz sowie dem ächten Humanismus den Sieg erkämpft. E. v. W. Der Erbonkel. Novelle von Ernst von ZSaldow. (Fortsetzung.) Stadtrichter Melzer fuhr fort, zu lesen: „Ad VII. Meinem Bruder Sebastian vermache ich ein Kapital von 2000 Thalern, welches ihm der Notar Werner in Wolfsburg übergeben wird.' Ferner soll mein Universalerbe gehalten sein, bei Herrn Jonas Wallfisch die Zechschuld meines Bruders Sebastian, bis zur Höhe von 20 Thalern allmonatlich, zu bezahlen, denn ich halte es für die Gesundheit dieses schwächlichen Mannes sehr dienlich, daß er nicht blos abends, sondern auch früh seinen Schoppen trinkt. Es ist ganz in sein eigenes Belieben gestellt, ob er diese Erbschaft verringern oder vergrößern will, indem er den.schwarzen Wallfisch' selten oder oft besucht. „Ad VIII. Frau Edeltrud von Bartels, gebornen von Recken- stein, meiner geschätzten Schwägerin, kann ich mir nicht erlauben, ein Geschenk zu machen, das irgendwie einen Geldwerth reprä- sentirte. Sie würde das von dem bürgerlichen Schwager als eine ungerechtfertigte Anmaßung betrachten. Um ihr aber ein kleines Andenken an mich zu hinterlassen, das zugleich ihrem Sinne für das Romantische entspricht, bestimme ich, daß der alte Eisenblcchhclm und� die verrostete Rüstung des weiland Ran- grasen Gockel vonjpcnncberg, genannt der Grausame, ihr aus- gefolgt iverdeu. Selbe Gegenstände befinden sich auf dem Ober- boden meines Hauses in einer großen Kiste, die allerhand Gerümpel enthält. Ferner bestimme ich, daß der Frau Hofräthin von Bartels ein Wcrthpapier übergeben werde, welches die Unter- schrift des letzten Grafen Gockel trügt und sich in meinem Geld- > schranke vorfinden wird. Es ist dies ein Schuldschein, der nie eingelöst worden ist und den der Tod ungiltig gemacht hat; er befand sich im Besitze meines Vaters und lautet auf 1000 Thaler. Wenn dieses Papier auch keinen Pfennig an Geldwerth hat, so ' wird es meiner Frau Schwägerin wegen der eigenhändigen Unter- schrift eines so noblen Kavaliers und Standesgenossen doch sicher- lich werthvoll sein." Die schwarze Straußenfeder auf den: edlen Haupte der ge- borenen von Reckenstein schwankte bedenklich hin und her, jeden- falls sollte die freudige Zustimmung ihrer Trägerin dadurch ausgedrückt werden— die unbefangenen Zuschauer aber fanden, daß die hohe Dame mehr als je einem der Trauerpferde glich, die gestern den boshaften Testator hinausgeführt. Auf Röschen und Jakob, als die einzigen noch ungenannten Mitglieder der Familie, konzentrirte sich die allgemeine Aufmerksamkeit, freilich war da auch noch Adelgunde, die gleichberechtigt gewesen wäre, aber niemand blickte nach dem verblühten Mädchen, das noch dazu die unverzeihliche Thorheit begangen, sich in einen Diener des Hauses— einen armen Commis— zu verlieben und sich vor den Augen des sehr sittenstrengen Oheims zu kompromittiren. Das kleine Röschen hob schon ordentlich stolz den hübschen Kopf, und allerlei verführerische Vorstellungen von einem Gold- schmuck mit Steinen, einem himmelblauen Seidenkleide und einem türkischen Shawltuche kreuzten sich in demselben. Da tönten die schlimmen Worte an ihr Ohr: 179 „Ad IX, X und XI. Meinen drei Nichten Adelgunde von Bartels, Franziska Bartels und Rosa Bartels, gebornen von Bartels, vermache ich je die Summe von eintausend Thalern. Sie sind gehalten, dieses Geld entweder zu ihrer Aussteuer zu verwenden, wie Adelgunde, falls dieselbe noch einen Mann be- kommen sollte, oder aber sich für die jährlichen Zinsen zu fünf Prozent Putz und Kleidungsstücke zu kaufen, uni nicht dieserhalb ihren Männern damit zur Last zu fallen. Das Kapital soll nicht angegriffen werden und dürfen die beiden Frauen Franziska und Rosa erst nach ihrem Ableben darüber zu Gunsten ihrer Männer oder ihrer Kinder— wenn sie solche haben— verfügen. Im Falle keine Leibeserben da sind und auch die Männer dieser beiden Frauen vor denselben gestorben sein sollten, fällt das Kapital an das von mir gegründete Haus der Barmherzigkeit. „Ad XII. Meinem Steffen und Pathen Jakob Bartels"— der junge Mann neigte das Haupt bcscheidentlich, als lasteten die vielen neugierigen und neidischen Blicke schwer und nieder- drückend auf ihm—„hinterlasse ich— ein Kapital vvn fünftausend Thalern, dessen Zinsen er zur Vergrößerung seines Geschäftes verwenden möge. Das Kapital soll nach meinen spezialisirten Bestiinmungen darüber angelegt und verzinst werden." Bis dahin hatte noch ein jeder und eine jede der Erben und Erbinnen den Schmerz über die eigene Enttäuschung im Hinblick auf die der anderen verwunden, man hatte sich gegenseitig mit spöttischen, ja feindseligen Blicken gemessen— jetzt aber war das allgemeine Erstaunen so groß, daß alle Parteilcidenschaften im Nu zum Stillschweigen gebracht wurden und nur eine Frage auf allen Gesichtern, in Auge und Mienenspiel ausgesprochen lag: wer— wer ist nun endlich der Erbe des trotz der vielen Legate immerhin noch beträchtlichen Vermögens?! Jedenfalls hatte der Erblasser in der boshaften Absicht, die Spannung seiner Verwandten noch zu steigern, diese Hauptperson gleichfalls mit einem Legate bedacht, um dann ganz am Schlüsse erst, den Namen derselben, als den des Universalerben zu nennen — denn Einer— das war ja noch der einzige Trost— mußte es doch sein— aber horch, da kamen ja schon die Legate an die Dienstboten, denn der Stadtrichter las: „Ad Xlll. Meine langjährige, treue Hausgenossin, Frau Gertrud Gundelheim, bitte ich, daß sie nach meinem erfolgten Tode meinem Erben dieselbe Pflege und Treue angedeihcn lassen und sein Haus verwalten wolle, solange dies ihre Kräfte gestatten. „Frau Gertrud Gundelheim erhält aus meinem Stachlaß die Summe von 6000 Thalern, über deren Zinsen sie nach ihrem Belieben verfügen möge. Das Kapital fällt nach ihrem Ableben gleichfalls an das von mir gestiftete Haus der Barmherzigkeit. „Ad XIV. Mein Hausknecht Martin erhält einen neuen schwarzen Anzug und seinen Jahrlohn ausgezahlt, ebenso soll mein Hausarzt, Doktor Binder, sein Jahreshonorar und die gleiche Summe mit dem Bemerken erhalten: daß ich ihm für jedes weitere Jahr, um welches seine Kunst mein Leben verlängert hätte, das demselben einstmals scherzhaft in Aussicht gestellte hohe Honorar von 1000 Thaler in Wirklichkeit gegeben haben würde. Ich bin nun sicher davon überzeugt, daß er meinen Hintritt schmerzlich betrauert. „Ad XV. Meinen ehemaligen Schulfreund und Rathgeber in allen wichtigen Geschäftssachen, Herrn Stadtrichter Melzer— die Stimme des Vorlesers bebte leicht— bitte ich als ein Andenken an mich meine Mineraliensammlung anzunehmen, die ihn stets interessirte. „Ad XVI. Herrn Moses Bär in Wolfsburg, Chef des Hauses Bär& Compagnie, der jahrelang mit Nutzen meine Geldgeschäfte geleitet, kann ich nicht wohl ein Geschenk hinterlassen, damit er aber sich doch zuweilen meiner erinnere, möge er die zehn Stück Aktien der„Schwindelfreien Drahtseil-Bahu", zu deren Ankauf er wicht verleitete, für sich behalten, und warne ich zu- gleich meinen Universalerben vor dergleichen Unternehmungen, wenn sich dieselben auch sehr vertrauenerweckend als„schwindet- frei" annonciren." Herr Melzer hielt erschöpft inne. Jedenfalls war er bei der letzten Stummer m der Liste der Legate angelangt. Er hatte sich nicht wenig angestrengt und die kurze Ruhepause war ihm gewiß zu gönnen, obgleich es allen Versammelten schier ewig dünkte, bis er fortfuhr: „Ad XVII. Zum Universalerben meines, in Werthpapicren deponirten, in der Höhe von 111,500 Thaler vorhandenen Ver- mögens. bestehend in(nun folgte eine lauge Liste von Staats- papieren, Obligationen, Eisenbahnaktieu, Baarwerthen in Gold und Silber w., bei deren Aufzählung die Gesichter der Erben sich mit einem Schimmer freudiger Morgenröthe überzogen) und meines Hauses am Markte in Dohlenwinkel, ernenne ich"— hier mußte dem Stadtrichter etwas in die Kehle gekommen sein, denn er räusperte sich vernehmlich, hielt inne, räusperte sich wieder, um alsdann init einem gar seltsamen Lächeln forzufahren: „ernenne ich meinen einzigen Sohn Hans Bartels, der jähre- lang ohne sein nahes Verhültniß zu mir zu ahnen, in meineni Hause lebte und meinem Geschäfte vorstand." Wäre der Engel mit der Posaune plötzlich in dem Gemache erschienen, um den Beginn des Weltgerichts zu verkündigen, oder hätte der selige Erbonkel höchstselbst sich als Seraph gekleidet in der Versammlung gezeigt, die Wirkung hätte nicht größer, nicht sensationeller sein können. Einen Augenblick lang herrschte das Schweigen des Todes in dem Räume, dann schüttelten die betrogenen Erben all mählich die lähmende Starrheit ab, welche sich ihrer bei dieser fürchterlichen Kunde bemächtigt hatte. Ein tumultuarischer Auftritt entstand, da jeder zuerst sprechen und seine Meinung äußern wollte und demnach alle auf einmal sprachen. In dieses Stimmgewirr, aus dem man die Zischlaute Emme- renzia's deutlich heraushörte, mischte sich jetzt der tiefe Bariton des Stadtrichters, der sehr energisch die Bitte um Ruhe aus- sprach. (Fortsetzung folgt.) Ludwig Feuerbach.(Porttät Seite 172.)„Er war ein Mann, ein ganzer, wahrhaftiger, oollcndcter Mann; er war einer der Ersten und Edelsten unseres Jahrhunderts, einer der Besten und Größesten seines Geschlechts," so konnte Karl Scholl, der Sprecher der nürnberger freien Gemeinde, am 15. September des Jahres 1872 auf dem Johannis- kirchhofe zu Nürnberg seine Gedächtnißrede an> offenen Grabe Ludwig Feuerbachs schließen. Einer der Ersten und Größesten war er, weil er auf der Bahn der Erkenntniß vorangeschritten ist der gesammten Äulturwelt, und weil er das undurchdringliche Dickicht religiöser Wahn- Vorstellungen mit dem wuchtigen Beile eines wunderbar scharfen Bcr- standes niedergemäht' hat;> einer der Edelsten und Besten, weil er der Menschheit treu blieb und ausharrte im Kampfe für ihren Geistes- sortschritt, obgleich ihm die Menschen seine unermeßlichen Verdienste damit lohnten und dankten, daß sie ihn ungestört der Roth und dem Hunger überließen.— Ludwig Feuerbach war der Sohn eines hoch- bedeutenden Mannes— des berühmten Kriminalisten Anselm von Feuerbach, der an den Universitäten von Jena, Kiel, Landshut juristische Kollegien gelesen, später als zweiter Präsident des Appellationsgcrichts in Bamberg, dann als erster Präsident des Appcllgerichts in Ansbach und schließlich als Wirklicher Slaatsrath in königlich bayerischen Diensten gestanden. In mehreren philosophischen Schriften hatte sich Anselm Feuerbach als geist- und kenntnißreicher Denker bekundet, und die lange Reihe seiner juristischen Werke erwarb ihm als einem der größten Rechtsgelehrten einen Weltruf. Mit seinem 1808 erschienenen Entwurf zur Abschaffung der Folter brach er einer einigermaßen menschlichen Kriminaljustiz in Bayern Bahn, sein bis 1818 entworfenes„Strafgesetz buch für das Königreich Bayern" erlangte nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen deutschen und außcrdeutschen� Staaten Anerkennung und Geltung, und seine 1832 vollendete Schrift„Kaspar Hauser, ein Beispiel des Verbrechens am Seeienlebcn," bewies iwch kurz vor seinem Tode seinen unbestechlichen Rcchtssinn. Die fünf Söhne Anselm vvn Feuerbachs wurden alle als Gelehrte und Schriftsteller bekannt: Friedrich Anselm als Archäolog und Aesthetiker, Karl Wilhelm als Mathematiker, Eduard August als Jurist und der jüngste, Friedrich Heinrich, als Orientalist und Philosoph. Der bedeutendste aber ward der am 28. Juli 1804 zu Landshul geborene Ludwig Andreas, unser— wir sagen das mit ebensoviel Berechtigung als Stolz— unser Philosoph! Er war in strenger Frömmigkeit erzogen— das Mittelalter behauptete zu Anfang des 10. Jahrhunderts in den Köpfen der deutschen Gelehrten weit seine düsteren Winkel und grade aus ihm sollte ein Gottes streiter, ein Theologe, werden. Im Jahre 1822 begab er sich auf die Universität Heidelberg, um stark zu werden im Worte Gottes. Da klangen aber aus den Vorlesungen des spekulativen Theologen Daub die dumpfen Glockentöne der hegelschen Philosophie an sein Ohr, und die magische Gewalt, welche der merkwürdigste unter allen Philosophen aus seine Zuhörer ausübte, der preußische Staatsphilosoph und Vater eines weltzersetzenden wissenschaftlichen Radikalismus, Friedrich Hegel, diese unwiderstehliche Gewalt zog auch unser» an den„Heilswahrheiten" des Kirchenglaubens bereits gründlich irre gewordenen Ludwig Fcuerbach 1824 nach Berlin. Seine Studien hatten ihm, gleich so vielen andern schwere Kämpfe gebracht— Kämpfe mit sich selbst und dem Vater,— aber der Drang nach Wissen und Wahrheit siegte, er wars die Theo- logie beiseite und habilitirte sich 1828 an der Universität Erlangen als Privatdozcnt. Um sich die Studentenschaft zu erobern, hätte Feuerbach zum mindesten der Gabe eines glänzenden Vortrags bedurft, die aber besaß er keineswegs; und um sich mit den Professoren von damals zu befteunden, hätte er wie sie selber im Geleise des Althergebrachten ein- yerschreiten müssen. Wie nun die Dinge lagen, fand Feuerbach sehr wenig Zuhörer und sehr viel Feinde, und es hätte wohl kaum noch seiner 1839 erschienenen Schrift„Gedanken über Tod und Unsterblich- feit" bedurft, um seine Stellung sehr bald unhaltbar zu machen. Diese anfangs ohne AutornalUen auftretende philosophische Arbeit, welche sich erkühnte, jede Religion, die sich auf ein Jenseits beziehe, für einen Rückschritt zu erklären, ward konfiszirt und verschloß ihrem vom Schilde der Anonymität nur ungenügend gedeckten Verfasser, obschon sie schließlich wieder freigegeben ward, doch für immer die akademische Karriere. Seine wiederholten Gesuche um eine außerordentliche Professur in Bayern wurden hartnäckig zurückgewiesen; ebenso erfolglos blieben seine Be- mühungen, sich in Frankreich, in der Schweiz, in Griechenland und endlich auch in Berlin eine nicht ganz aussichtslose akademische Lauf- bahn zu erschließen. Aus den unmittelbaren Verkehr mit der wissen- schaftlichen Welt seiner Zeit, die für ihn zu klein war, verzichtend, zog er sich nach Ansbach und 183ö nach dem drei Stunden von dieser Stadt entfernten Gut Bruckberg zurück, wo er im folgenden Jahr mit einem schönen und edlen Mädchen, Bertha Löw, einen glücklichen Ehe- bund schloß.(Schluß folgt.) Venedig(Bild Seite 173). Ein Stück interessanter Vergangenheit zaubert das Bild vor unser geistiges Auge, so unbedeutend die Szene selbst ausschaut, die es darstellt. Ein Kavalier aus dem letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts hat die Dame seines Herzens bis zur Gondel begleitet und nimmt mit zärtlichem Handkusse Abschied. Die Dame blickt, vorsichtig und ein wenig ängstlich, den Kanal hinab— wer weiß, vielleicht gestattet sie dem Geliebten den ersehnten Eintritt in die Gondelhütte, die ihrer unheimlichen, schwarzen Tuchhülle zum Trotz so lauschige, so recht zum Weltvergessen und Liebeschwärmen einladende Plätzchen birgt. Der älteren Begleiterin Gesicht vcrräth fteundliche, schelmische Theilnahme genug, um darauf schließen zu lassen, daß von ihrer Seite weder die Gefahr des Verraths noch eine Störung süßen Liebesgeplauders droht, und der neugierigen Frau die aus der geöffneten Hausthür mit ihren beiden Kindern der Szene zuschaut, ist sicherlich solch' ein kleines Gondelabenteuer ein viel zu oft wieder- kehrendes Ereigniß, um sich länger uni die Liebesleute zu kümmern, als bis die Gondel bei der nächsten Kanalswendung in die Nacht der Lagune verschwindet. Und wer hätte auch etwas anderes gethan, als geliebt und gekost und Abenteuer bestanden zu jener Zeit in der Königin des Meeres, der Hundertinselstadt Venedig! Wer sich der Poesie un- seres Bildes nicht verschließt, der wird uns mit Vergnügen auf einem Ausflug in die Vergangenheit Venedigs in einer der nächsten Nummern der„Neuen Welt" folgen. G. Plewna. Die Uebcrgabe Plewnas durch die Türken an die Russen, die ein Ereigniß von nicht unbedeutender Tragweite genannt werden muß, veranlaßt uns, an dieser Stelle einige Notizen über diese Stadt Bulgariens, welche in den neuesten Kriegsberichten so oft genannt wurde, mitzutheilen, und zwar besonders um zu zeigen, daß das genannte kriegerische Ereigniß auch nicht überschätzt, am wenigsten aber gar für identisch mit einer vollständigen Bewältigung der Türkei gehalten werden darf. Die Stadt, bulgarisch Pleven, türkisch Plewna genannt, liegt südsüdwestlich von Nikopolis und breitet sich in einem in grobkörnigen, weißen Kalk eingeschnittenen Thalc aus, welches sich nach Süden zu wieder verengt. Alle Hänge bedecken die schönsten Obstpflanzungen und von ferne gewährt Plewna im offenen Thale einen reizenden Anblick. Es zählt etwa 17,000 Einwohner, hat 18 Moscheen, 9 Minarete, einen Uhrthurm und zwei Kirchen, endlich 1474 christliche und 1627 muha- medanische Häuser. Die Normalschule und vier türkische Schulen wurden zur Zeit(unser Bericht bezieht sich aus das Jahr 1871) von 1654 Knaben und 110 Mädchen, die fünf bulgarischen von 921 Knahen und 50 Mädchen besucht. Die Schulbesuchspflicht unterliegt einer strengen Äontrole.— Bemerkcnswerth ist ferner noch das Civilhospital, welches Midhat Pascha gegründet hat, der bekannte Rcsormminister, von dessen Intelligenz und Forlschrittsdrang unser Gewährsmann auf seinen Reisen in der Türkei so manche Spur wahrzunehmen Gelegenheit hatte; gehörte es doch zu den Lieblingsideen des energischen Mannes, Straßen, Schulen, Waisen- Häuser und Vorschuß- und Sparkassen zu stiften, wo es ihm nur irgend angänglich schien.— Im Jahre 1865 hatte Midhat den Militärarzt Ilr. La Bruce nach Rustschuk beruscu, wo er ihn selbst erwartete, um ihn mit sich nach Plewna zu nehmen, damit er die Einrichtung der neuen Schöpfung, des Krankenhauses, beaufsichtige. Anfangs schüttelte die Bevölkerung wohl den Kops, als aber das schmucke Gebäude sertig eingerichtet dastand, meinte man, der Gjaur-Pascha(in Midhats Adern Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. fließt christliches Blut!) habe doch manchmal noch Allah wohlgefällige Gedanken! Im Innern des Hospitals herrscht in allen Sälen und kleineren Räumen die größte Ordnung und Reinlichkeit; leider aber, klagte der Vorsteher der Anstalt unserm Gewährsmann, sei vor einigen Jahren ein anderer Bali(Gouverneur) an Midhats Stelle gekomme» und die Verwaltung habe ihm, trotz aller Vorstellungen, kein Geld zur Beschaffung sehr nothwendiger Geräthschaften, wie z. B. von Amputations instrumenten, gewährt.— Ferner ist noch von Interesse ein im Süd osten belegenes Trümmerfeld, als die letzte Spur eines rönnschen Kastells; dasselbe hat einen Flächeninhalt von 1>/z Hektaren und bietet freilich jetzt nur noch äußerst geringe Ausbeute an werthvollen Ziegeln und anderen Bruchstücken, da der Zahn der Zeit, besonders aber auch der Berwerthungstrieb der Anwohner sehr wenig übrig gelassen haben. Das ist das Wenige, was von Plewna zu berichten wäre. Wir sehen daraus, daß der Stadt ihre Größe und Bedeutung eine besondere strate gische Wichtigkeit nicht gegeben haben, sondern daß sie nur der Umstand kriegsgeschichtlich bedeutend gemacht hat, daß sie der Punkt war, an dem ein äußerst tapferer Feldherr, Osman Pascha, sammt seiner Armee, durch den Hunger und das verhängnißvolle Zaudern seiner unschlüssigen Regierung hingoopfert oder wenigstens zur Kapitulation gezwungen wurde.' wt. Silbeuräthsel. Aus nachstehenden Silben sollen 19 Worte gebildet werden, deren Ansangsbuchstaben von oben nach unten gelesen den Namen eines be rühmten Naturforschers bilden, während die Endbuchstaben ein Werk desselben ergeben: a, am, am, ard, at, bau, be, bruch, ca, che, da, dams, dan, du, e, e, ern, fort, ha, ha, i, im, ken, krieg, lac, las, lc, lc, leb, ly, mor, new, o, on, ple, ra, ra, re, ri, ri, ro, rous, seau, si, si, tel, teni, ton, ton, um, vail, wol. 1) Französischer Revolutionsgesang; 2) Stadt im nördlichen Syrien; 3) Präsident der nordamcrikanischen Union; 4) französischer Journalist; 5) spanische Provinz; 6) ein mythischer Ort; 7) Königreich in Hinter- indien; 8) berühmter französischer Schriftsteller; 9) ein Sternbild; 10) eine Volkserhebung; 11) Name mehrerer Könige von England; 12) ein alttestamcntarischer König; 13) Kerker Ludwigs XVl. von Frankreich; 14) französischer Revolutionär; 15) ein Gebirge, ein Stoff, ein Titan; 16) ein Königsmörder; 17) eine Naturerscheinung; 18) eine Blume; 19) berühmter englischer Physiker. Aorrespondenj. Wien. X. Tz. Bei weitem besser, alz die zur Veröffentlichung eingesendeten g? Gedichte ist da« nur sür un« bestimmte, poetische Begleitschreiben, da« also lautet: „Schon lange hafr ich Verse geleimt, Doch mochr ich e« niemand verrathen. ür mich selber bab' ich gedacht und gereimt— un schreit' ich endlich zu Thaten! „Ich mag nicht länger enthaltsam sein. Die Berse verblühen, verblüffen— Ich sende der.Neuen Welt' ste ein Und wcrd' sie drucken laffen. „Und ihn, Herr Redaltor und Sozialist, Ihn wird eö nicht goiiren, Wenn'mal ein Ber» nicht tauglich ist— Er kann ihn ja kuriren l" Daraus unsere Antwort: Mein Freund, mit Recht verbargst du die Produkte poetischen Leime». Pfleg' ihrer im stillen, denn alle sie Sind Pflänzlein kränklichen Keime«. Reim' Du sür Dich— da« ist Dein Recht! Was sind Dir„Thaten" Vonnöthen?! Der kritische Wind würd' da» zarte Geschlecht Der schwächlichen Berse tödten! Auch leitet nicht— nimm' aus alibald In Deine Rechnung den Faktor!— Für kranke Berse'ne Heilanstalt, Der„Neuen Welt" Redaktor! Jena. R. E. Ihr zweisilbiges Doppelräthsel ist im Bedanken recht hübsch, muh aber in der Form verbcffert werden. Bei Gelegenheit soll da« geschehen. Grübeln Sie in Ibrcn Muffestunden über mehr derart! Werdau.— i— Ihre Gedichte zeugen von viel Talent, ihr Talent»ber von wenig Schule. Das soll un« indeff nicht hindern, die« oder jenes abzudrucken. Die Auswahl muff sreilich mit Rückflcht aus die Nerven ber Staatsanwaltschaft eine sehr vorsichtige sein. Was Sie sonst noch in petto haben, mögen Sie nur einschicken. Ihre Behauptung, daff von je tausend Leiern der„N. W." kaum einer weiff, wa« unreine Reime stnd, kann uns zu gröfferer Nachsicht gegen poetische Unsauberkeit nicht veranlasien: wer nicht weiff, wa« schön ist, soll'« lernen, und die Berechtigung de« Reime« geht mit seiner Reinheit sosort verloren. Altona. F. Kr. Wenn Sie den zweiten Jahrgang der„N. W." genau versolgt haben, so werden Sie wisien, daff un» da» betreffende Buch nur in einer sehr geringen Anzahl von Exemplaren zugegangen ist. Wenn wir Ihnen dasielbe dennoch senden, so werden Sie es natürlich finden, daff wir Sie um Rücksendung spätesten« nach Berlaus eine» Monat« bitten müssen. (Schluff der Redaltion: Din»tag, den t. Januar.) 20).— Druck und Verlag der Gciiossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.