Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig Zu bezichen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorener Posten. Roman von Rudokf Lavant. (Fortsetzung.) Und Martha? Sie war, nachdem Wolfgang sich verabschiedet hatte, vielleicht noch schweigsamer als gewöhnlich geworden und hatte, als Frau von Larisch und Emmy ihr günstiges Urthcil über den jungen Mann abgaben, kein Wort dazu gesagt. Sie sehnte sich nach Alleinsein und athmete tief auf, als sie endlich in ihrem Zimmer allein war und alle Fesseln konventioneller Rücksichten von sich werfen konnte. Sie zog einen Stuhl an's Fenster und blickte, das Kinn mit der Hand stützend, hinaus in die Nacht und empor zu den Sternen, deren unruhiges Flimmern und Glitzern wieder aufhob, was der Aufblick zum Firmament Erhebendes, Beschwichtigendes und Tröstendes hatte. Sie hatte von jeher das eigenthümliche Talent entwickelt, inmitten des banalsten Zeitungsgeschwätzes die Stellen aufzufinden, die einen schönen Gedanken enthielten und über die tausende hinweglasen, und so war einst beim Ueberfliegen einer der gewöhnlichsten Mode- journal- Novellen ihr Blick an einer Strophe haften geblieben, die ihr jetzt wieder einfiel und die sie ganz leise und traurig sich selber voyprach, wie eine Prophezeiung, wie ein llrtheil beinahe: „Daß holde Jugend nur zur Liebe tauge, Ich wüßt' es längst— und daß mein Lenz entschwand; Doch sehnt' ich mich nach einem treuen Auge, Doch sehnt' ich mich nach einer treuen Hand; Nach einem Auge, das in hellerm Scheine Aufleuchte, wenn mein Tiefstes ich enthüllt Und das in jenen bängsten Stunden weine, Da meines sich nicht mehr mit Thränen füllt; Nach einer Hand, die hier und dort am Wege Mir einen Zweig noch pflücke, herbstesfarb, Die mir zur Rast zurecht die Kissen lege Und mir die Lider schließe, wenn ich starb." Ihr Empfinden war so rein und ungemischt und so wünsch- und hoffnungslos, daß sie keinen Grund hatte, es sich nicht ein- zugestehen. Freilich, was ihr den jungen Mann, der fortan ihr Schicksal war, auf der einen Seite noch näher gebracht hatte, hatte ihn auf der andern, wie sie meinte, nur nock weiter von ihr entfernt. Was sollte sie einem Dichter sein? Sie hätte, als Wolfgang sich zu seinem heimlichen Poetenthum bekannte, mit dem Kopfe nicken mögen, wie man wohl thut, wenn man die Bcstä- ttgung für eine längst gehegte Bermuthung erhält— sie hatte in ihm zuerst einen Menschen gefunden, von dem man unwillkürlich wähnt, er müsse alles können und wissen, sodaß man förmlich erstaunt ist, wenn man eine Lücke entdeckt und garnicht so recht an dieselbe glauben mag. Und wie hatte sie von Jugend auf die Liebe zur Poesie in sich gehegt und genährt! Sie hatte für die süßliche Manier der Elise Polko geschwärmt, sie hatte Rückerts „Liebesfrühling" für die zarteste und dufttgste Blüte germanischer Liebesinnigkcit gehalten und„Waldmeisters Brautfahrt" von Otto Roquette hatte sie begeistert; sie hatte später jene Manier raffinirt und widerlich gesunden, Rückerts tändelnde Bersklingelci hatte sie gelangweilt und das Roquette'sche Büchlein hatte sie durch seine Banalitäten abgestoßen— sie hatte sich Heine, Meißner, Lenau zugewendet und alle die zierlich und theilweise prächtig gebundenen Bändchen, bei deren Auswahl man viel mehr auf die Arbeit des Buchbinders als auf die Leistung des Dichters gesehen hatte, in das unterste Fach ihres Bücherschranks ver- bannt. Niemand hatte sich bemüht, diese Wandlung ihres Ge- schmacks herbeizuführen, niemand hatte dieselbe auch nur befördert; sie war nicht erst durch den Tod der Eltern darauf angewiesen worden, ihren eigenen Weg zu gehen, denn von diesen Bedürf- nissen und Genüssen ihres einzigen Kindes hatten die Guten bei ihrem einfach-prakttschen und nüchtern-verstandesmäßigen Sinn kaum eine Ahnung gehabt und sie hätten ihr auch nicht zu rathen gewußt, da ihnen für diese Welt des Gefühls und der Phantasie alles Berständmß abging. Martha war immer sehr einsam gewesen; sie hatte nie zu glänzen gesucht, um auf diese Weise ein Interesse für sich zu wecken, und wenn Menschen, die ihr hätten in ihren geistigen Nöthen helfen können, ihren Weg ge- kreuzt hatten, so waren sie achtlos an der Stillen, Unscheinbaren vorübergegangen, die nicht jeder Annäherung auf halbem Wege entgegenkam, sondern erst prüfen, ergründen, sich vergewissern zu wollen schien und dadurch leicht den Eindruck ablehnender Kühle machte. Selbst zu den gewöhnlichen intimen Mädchenfreund- schaftcn hatte es dieser Grundzug ihres Charakters nicht recht kommen lassen ivollen; man hatte die allezeit Milde und Hülfe- bereite überall gern, ja lieb, aber nur Eine hatte ein Recht ge- habt, sie ihre Vertraute zu nennen. Und auch das war ein einseitiges Verhältniß gewesen; Martha hatte die Bekenntnisse der älteren Freundin, die viel geliebt, viel geirrt und viel gelitten hatte und die bei ihrem heftigen, reizbaren Wesen zu pessimistischen Anschauungen kommen mußte, welche sie mit Ironie und Sarkasmus in. B. Februar 1878. aussprach, theilnahmsvoll, halb träumerisch, halb ungläubig an- gehört— sie hatte den Kopf geschüttelt und es nicht glauben mögen, daß die Welt wirklich so arm an Liebe nnd Treue sei, wie die Freundin behauptete. Die Lebensirrfahrtcn der Armen, durch deren Seele ein unheilbarer Bruch ging, hatten ein trübes Ende gefunden; sie hatte an der Seite eines Lehrers, eines ein- fachen Bauernsohns, das Glück zu finden gesucht, fiir das ihr feiner gebildete Männer keine Bürgschaft gegeben hatten und an dem Scheitern dieser letzten Illusion war sie zugrunde gegangen. Martha hatte diese Beweise weitgehendsten Vertrauens und eines fast leidenschaftlichen Offenbarungsdrangs nicht erwidert; was hätte sie auch der Freundin offenbaren sollen? Daß sie das Gefühl habe, sie werde mit ihrer Umgebung nie zufrieden sein und daß eine scheue, aber standhafte Ucberzeugung von dem Dasein menschlich-schönerer und beglückenderer Lebensformen in ihr lebe?-Daß sich seit vielen Tagen— und am Schlüsse „vergnügter" Tage und nach den glänzendsten und gelungensten „Zerstreuungen" am meisten— vor dem Schlafengehen ein müdes: „Gott sei Dank, daß wieder ein Tag vergangen ist!" halb un- bewußt auf ihre Lippen drängte? Daß es ihr sei, als lebe sie unter einem bleifarbenen Himmel und in einer von Nebeldunst erfüllten Atmosphäre, ohne daß sie zu hoffen wage, es werde einst ein scharfer Luftzug das Nebelbrauen wegfegen und an einem tief- blauen reinen Himmel werde die Sonne siegend emporsteigen?— Nun war sie glücklich und doch so wehmüthig gestimmt, daß sie hätte weinen mögen wie ein Kind, ohne recht zu wissen, warum? Sie fühlte nur, es werde eine große Wohlthat für sie sein, und doch wollte keine Thräne in die Augen kommen, die noch lange der Schlummer hartnäckig floh. Sie überdachte ihr ganzes ver- gangenes Leben— wie lag es so grau und todt und fröstelnd hinter ihr! Und was würde die Zukunft ihr bringen? Sie wußte es nicht und sie hoffte nichts— nur das Eine fühlte sie tief, und schon in diesem Bewußtsein lag ein ungeahntes Glück: so, wie es gewesen war, konnte es künftighin nicht mehr sein. Sie fühlte festen Boden unter den Füßen und vielleicht wußten die Lippen, die so freundlich zu ihr geredet hatten, daß es ihr war, als wisse sie nun erst, was es heiße, einen Bruder zu haben, auch das erlösende und befreiende Wort für ihr verkümmerndes, freudloses, unter einem dumpfen Drucke schmachtendes Leben. Und kam es so, dann war ihr, hatte sie auch des Lebens schönste Jahre vertrauert, doch vielleicht eine versöhnende Nachblüthe be- schieden und sie konnte sagen, daß sie doch nicht umsonst gelebt. ** * Wenige Tage später sollten die Gedanken Wolfgangs, die trotz aller seiner Vorsätze mit einer befremdlichen Hartnäckigkeit immer wieder zu der schlanken Gestalt und den schönen, dunklen Augen Martha Hoyers zurückkehrten, in ziemlich gewaltsamer Weise von ihr abgelenkt werden. Er hatte nachts lange gelesen und den Versuch, zum Schluß noch(ans rein kritischem und psychologischem Interesse natürlich) ein paar Kapitel in einem der Gouvernanten-Romane zu lesen, die in unseren Unterhaltungsblättern eine so bedenkcnerregende Rolle spielen, mit dem Einschlafen bezahlt. Die Lampe war er- loschen, das Heft war seiner Hand entglitten und lag auf dem Tcppich zu Füßen des altväterischcn, aber bequemen Sophas, selbst Proud hatte den Kopf zwischen die Vorderprankcn genommen nnd nur das tiefe Athemholen der beiden so ungleichen Schläfer und das hastige, rastlose Ticken des goldnen Chronometers, der auf dem Tische lag und die gemessenen, leisen Pendelschläge des Regulators an der Wand unterbrachen die Stille im Gemach. Da fuhr Wolfgang, der mit dem Gesicht gegen das Fenster ge- legen hatte, plötzlich erschrocken auf. Ein von seitwärts kommender Feuerschein blendete ihn momentan und er hörte deutlich das ängstliche, stoßweise Feuersignal des Nachtwächters und den Ruf: „Feuer! Feuer!" Im Nu war er in die Stiefeln und in die Uniform gefahren, hatte den Helm aufgestülpt, Proud, der munter geworden war und unruhig mit dem Schweife schlug und seinen Herrn erwartungsvoll ansah, ein:»„Dableiben, Proud!" zu- geherrscht, und nun stürnite er fort, unterwegs erst den Gürtel zusammenschnallend. Das Haus war verschlossen— aber er hatte den Schlüssel in der Brnsttasche der Uniform und befand sich sogleich auf der Straße. Aus allen Fenstern der Vorderfront eines benachbarten einstöckigen Hauses schlug die rothe Lohe, dichter Rauch wälzte sich aus der offenstehenden Hausthür, und einige Leute, die sich in allernothdürffigster Bekleidung aus dem sc geflüchtet hatten und noch wie vor den Kopf geschlagen und vor Entsetzen halb sprachlos waren, sahen ihn wie geistes- abwesend an, als er ihnen hastig zurief:„Ist noch jemand drinnen oder haben sich alle gerettet?" Da schrie plötzlich ein altes Weib, das in sich zusammengesunken auf einem Bündel gesessen und das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, laut auf: „Wo ist meine Anna? Ist Anna nicht da?" Und durch rasche Fragen ward ermittelt, daß ein junges Mädchen, eine Verwandte der Alten, noch im Hause sein müsse. Die alte Frau wußte selbst nicht recht, wie sie aus dem Hause gekommen war, nachdem sie den Flurnachbar mit der Faust an ihre Thür schlagen und„Feuer!" rufen gehört hatte, nnd die Familie dieses Hausgenossen, eines Tischlers, hatte zu viel mit der Rettung des eignen bedrohten Lebens zu thun gehabt, als daß sie an das junge Mädchen hätte denken können, das in einem Alkoven schlief. Wolfgang ließ sich die Lage desselben angeben, tauchte sein Taschentuch in den Röhr- trog und rief einem älteren Manne von der Steigerabthcilung, der in vollem Laufe athemlos auf ihn zukam, zu, daß er ver- suchen werde, auf der Treppe in die Wohnung zu gelangen und daß jener zusehen solle, ob er vielleicht auf der Rückseite des Hauses noch eine Leiter anlegen oder eine Stcigerleiter einhängen könne- auch dort schien freilich die Flamme schon aus allen Fenstern zu schlagen, doch war dies in der Dunkelheit und bei dem unsicheren Flackerschein der Flammen nicht zweifellos zu er- kennen und zu genauer Untersuchung war keine Zeit. Das Tuch vor den Mund nehmend, kroch Wolfgang, um weniger von dem erstickenden Qualm zu leiden, die bereits von den knisternden, prasselnden Flammen ergriffene Treppe empor und gelangte glück- lich in die Wohnung der Alten und vor den Alkoven, der in der Mitte eines schmalen Ganges lag. Am einen Ende desselben hatte er ein in vollem Brande befindliches Zimmer, am andern ein auf den Garten gehendes Fenster, doch war man von diesem durch eine Menge über und über brennenden Holzwerks ab- geschnitten— es blieb nur der Rückweg über die Treppe. Ein Blick hatte genügt, Wolfgang über die Gefährlichkeit der Situation aufzuklären,— er stürzte nach dem Alkoven und fand ihn ver- schloffen. Die leichte Thür gab jedoch schon den ersten energischen Hieben seines kurzen Beils nach und das aus dem süßen, festen Schlaf der Jugend so gewaltsam aufgeschreckte Mädchen war halb bewußtlos und leistete keinen Widerstand, als er es umfaßte, es wie eine Puppe auf den Arm nahm und mit ihr durch den er- stickenden Rauch und das unheimliche Sausen nnd Zischen der Flainmen der Treppe zustürzte. Sie war nicht mehr passirbar— eine gewaltige Lohe schlug ihm sengend entgegen. Ein Versuch, durch' die Wohnung des Tischlers an ein Fenster zu gelangen, scheiterte; er konnte die schmerzenden Augen nur noch blinzelnd ein wenig öffnen und schon fühlte er, wie der beißende Rauch sich erstickend in seine Kehle drängte und ihn betäubte,— er hatte dunkel den Gedanken:„Wir sind also beide verloren— könnten wir nur an ein Fenster kommen, ich spränge mit ihr hinunter— lieber den Hals brechen, als so elend ersttcken!" Das junge Mädchen hatte den Arm um seinen Nacken geschlungen, ihr Kopf lag auf seiner Schulter— sie schien nicht zu wessen, was mit ihr vorging und wo sie war. Ihr Retter fing bereits an zu taumeln und vergebens nach Luft zu ringen— da fühlte er, mit der Hand rastlos an der Wand hintastend, eine Thür. Sie konnte nur eine nach einem Bodenraum führende Treppe absperren— konnte man dorthin gelangen, so war vielleicht noch eine Möglichkeit der Rettung, und jedenfalls war Zeit gewonnen und man gelangte in frische Lust. Das Beil that nochmals seinen Dienst— die Thür splitterte unter den kräftigen Hieben,— da war es Wolfgang, als höre er von drüben aus dem Gange den lauten, angstvollen Ruf:„Hauptmann! Hauptmann! Wo sind Sie?" Wolfgang wankte an der eben in sich zusammenbrechenden und einen Fünkeiiregen emporsprühenden Treppe vorüber noch- mals in die Wohnung der Wittwe nnd in den Gang, an dem der Alkoven lag,— er war ebenfalls von Rauch erfüllt, aber an dem Fenster am Ende des Gangs war die Gluth verschwun- den und im Fenster saß, das eine Bein nach innen, die beiden Hände zur Verstärkung des Schalls am Munde, mit rauch- geschwärztem Gesicht der Steiger Krone; als er seines Haupt- manns ansichtig ward, bog er sich zurück und rief ein kräftiges, herzliches:„Hurrah!" hinunter; lautes, stürmisches Rufen seiner Kameraden war die Antwort. Krone sprang von der Leiter, die er im Fenster eingehängt hatte(mit heraufgereichten Eimern nnd später init dem Strahlrohr einer Spritze hatte er die lichterloh flackernden, trocknen Wannen nnd Fässer, die am Fenster auf- geschichtet waren und welche die in dem anstoßenden Zimm tobende Gluth ergriffen hatte, in verhältnißmäßig kurzer Zeit a gelöscht, um sich einen Weg zu Wolfgang zu bahnen) in den Gang und wollte seinem Hauptmann das bewußtlose, todtbleiche Mädchen abnehmen,— aber so fest hatten ihre Arme den Nacken ihres Retters umklammert, daß es ohne Anwendung von Gewalt nicht möglich gewesen wäre, sie loszulösen, und in wenig Augenblicken hatte sich Wolfgang auch soweit erholt, daß er mit ihr die Leiter hinabsteigen konnte. Man drängte sich von allen Seiten neu- gierig und theilnehmend an ihn heran, aber er befreite sich sanft von den Armen des betäubten jungen Geschöpfs, warf ihr seinen Regenmantel über, mit dem seine brave Wirthin sich, vor Auf- regung zitternd, herandrängte, ordnete kurz an, daß man sie in ein Haus trage und nach dem Arzt schicke, nahm den Rapport des Spritzenmeisters entgegen, der für ihn das Kommando ge- führt hatte und übernahm, als sei nichts geschehen, die Leitung der weiteren Löscharbeilen. Inzwischen war auch Krone, dem die Gluth das Bart- und Kopfhaar arg versengt hatte, zurück- gestiegen und hing die Leiter aus; als er ruhig in Reih und Glied treten wollte, drückte ihm Wolfgang warm die Hand und sagte leise zu dem vor Freude roth Werdenden:„Wir sprechen uns noch, Krone— ohne Sie waren wir beide verloren." Das alleinstehende Haus war nicht zu retten, und da es windstill war und keine weitere Gefahr durch Flugfeuer drohte, so konnte Wolfgang den abgelösten Mannschaften die Annahme der Erfrischungen, welche man von allen Seiten herbeibrachte, gestatten; er selber schien keine derartigen Bedürfnisse zu kennen und stand so aufrecht und ruhig da, als befände er sich auf dem Uebungs- platze. Er hatte sich grade in die Nähe des brennenden Hauses begeben, um die regelwidrige Legung eines Schlauches zu korri- giren, als der Diener des Kommerzienraths mit einem silbernen Präsentirteller auf ihn zutrat, seine Gamaschen ängstlich vor den Wasserlachen, verkohlten Balken und halbverbrannten Mobiliar- stücken behütend, zwischen denen er sich durchwinden mußte. Wolfgang wollte ihn anfänglich mit einer ungeduldigen Hand- bewegung wegschicken, als der Mensch aber ausrichtete, daß der Herr Kommerzienrath und Fräulein Hoher ihn bitten ließen, ein Glas Tokaier anzunehmen, besann er sich anders, goß sich ein Glas ein und, das Schuppensturmband in die Höhe schlagend und dann den Helm abnehmend und mit dem Aermel über die mit Schweißperlen bedeckte Stirn fahrend, wollte er das Glas . mit dem dunklen süßen Wein eben an die Lippen setzen, als es, den Inhalt verschüttend, seiner Hand entsank und er lautlos nach rückwärts zusammenbrach. Die Umstehenden schrieen auf— was war ihm zugestoßen? Man sollte nicht lange darüber in Zweifel sein. Das Blut, das unter dem Haar hcrvorsickerte und über die Stirn rieselte, führte zur Entdeckung einer tüchtigen Kopf- wunde, und bald fand sich auch das messerscharfe Schieferstück, welches bei dem unerwartet frühen Zusammenbruch eines kleinen Theils des Daches abgesplittert war und sich, heftig geschleudert, so weit verirrt hatte. Der Arzt, der grade kam, um die Mit- theilung zu bringen, daß das junge Mädchen völlig zum Bewußt- sein gelangt sei und lediglich infolge des jähen Schrecks, der ausgestandenen Angst und des erstickenden Rauchs vorübergehend Ohnmachtserscheinungen gezeigt habe, konstatirte, daß bei Wolfgang eine Verletzung der Kopfhaut vorliege, die an sich ungefährlich sei, aber infolge der vorhergegangen Aufregung immerhin Bc- denken rechtfertige und die sorgsamste Pflege erheische; eine Gehirn- entzündung oder ein Nervenfieber seien mindestens möglich. So wurde denn Wolfgang von einigen Leuten seines Korps behutsam ! aufgehoben und nach seiner Wohnung getragen; seine Wirthin, die anfänglich ganz außer sich war, faßte sich rasch, als der Arzt, der den kleinen Transport begleitet hatte, ihr vorstellte, die Gc- nesung des Verwundeten hänge von der strengen Befolgung seiner Befehle ab und er müsse sich auf dieselbe verlassen können, da er sonst gezwungen sei, Wolfgang nach dem Krankenhause bringen zu lassen. Sie konnte sich ein Beispiel an Proud nehmen. Das kluge Thier gab die lebhaftesten Zeichen von Unruhe, verhielt sich aber ganz still und verfolgte nur jede Bewegung der um seinen Herrn Beschäftigten mit den Augen, als suche es den Zweck dieser ungewohnten Thätigkeit zu errathen. Als sich dann der Arzt für befriedigt erklärte und Ruhe, vollständige Ruhe als das zunächst Erforderliche bezeichnete, sah Proud grade so aus, als wolle er sagen:„Ich kann leider bei der schlimmen Sache weiter nichts thun, für die Ruhe aber verbürge ich mich." Und als alle das Zimmer verlassen hatten, sprang er geräuschlos auf den Stuhl am Kopfende des Bettes, legte einen Moment seinen mächtigen f neben den seines Herrn auf das weiße Kissen und sah ihn ____ seinen ehrlichen Augen besorgt und traurig an. Dann legte er sich vor die Schwelle der Thür, als sei er entschlossen, diesen Posten nicht eher wieder zu verlassen, als bis sein Herr selber es ihm befehlen würde. Von den vom Arzt für möglich gehaltenen Komplikationen des Falls trat keine ein und die Heilung verlief bei Wolfgangs gesunder und unverdorbener Natur normal. Auch die vorüber- gehenden Trübungen des Bewußtseins und der Erinnerung ver- loren sich und nur eine tiefe Müdigkeit und ein großes Schlaf- bedürfniß blieben zurück, zur größten Befriedigung des Arztes, der in ihnen die sicherste Gewähr für die rasche Wiederherstellung seines Patienten sah. -t--z- Am Tage nach jener ereignißreichen Nacht empfing Frau von Larisch, die inzwischen nach W. zurückgekehrt war, von der kleinen Emmy nachfolgendes, in großer Hast hingeworfenes, durch eine sehr mangelhafte Interpunktion und einige orthographische Schnitzer auf die Höhe weiblicher Liebenswürdigkeit emporgehobenes Bricfchen: Meine theure Leontine! Kaum hast Du den Rücken gekehrt, so Passiren hier die ronian- tischstcn Dinge und Dein Protege, dieser Herr Hammer mit seinem unendlichen Schnurrbart, fängt an, mir fürchterlich zu Iverdcn. Denke Dir, gestern Nacht bricht nur ein paar Häuser von seiner Wohnung Feuer ans, und ich kann Dir versichern, es war ein so heilloser Skandal, daß ich mich vor dem schauerlichen Blasen und Tuten unter die Steppdecke verkrochen und mir die Ohren mit dem Kopfkiffen verstopft haben ivürde, wäre es nicht andrer- seits so komisch, dem Laufen und Rennen der Feuerwehrleute zuzusehen, die in ihrem blinden Eifer und in der Finsternis über alles wcgstolpern, was ihnen in den Weg kommt. Du hättest mitlachen müssen, wenn Du gesehen hättest, wie von Zweien, denen ein Gartenzaun im Wege war, der Eine wie ein Reh im vollen Lauf über denselben wegsetzte, während der Andere darüber klettern wollte und damit zu seiner Verzweiflung nicht recht zu Stande kam. Und ein paar Schritte davon stand die Garten- thür sperrangelweit offen! Es war alles bei uns munter und wir beobachteten vom Fenster aus das Umsichgreifen der Flammen das Haus selber war uns verdeckt— d. h. Martha trat nur ab und zu einmal an's Fenster; die meiste Zeit ging sie, die Arme ineinander gesteckt, geräuschlos, aber in einer nervösen Un- ruhe, im Zimmer auf und ab und gab ganz verkehrte Antivorten; sie hörte offenbar nicht, was man ihr sagte. Was hat das zu bedeuten, Leontine? Am Ende gar— doch ich werde mich hüten, Konjunkturen(oder Konjekturen— wie heißt es nun eigentlich?) anzustellen. Nach einiger Zeit kommt Dorette und meldet ganz aufgeregt, daß Herr Hauptmann Hainmcr noch in dem über und über brennenden Hause sei und ein junges Mädchen suche, das von ihrer Tante vermißt werde. Jetzt kann ich darüber lachen, aber im Moment babe ich mich beinahe vor Martha gefürchtet, die in einen Stuhl am Fenster sank und die Sttrn auf das Fensterbrett legte und mir gar keine Antwort gab, als ich sie schlich- kern anrief. Ich hatte wirklich nicht das Gefühl, als könne diesem verwegenen Herrn Hammer etwas zustoßen; Vater war schon bedenklicher, schnipste nachdenklich mit den- Fingern und meinte: „Das wäre nun am Ende nicht nöthig gewesen." Es mag wohl nicht gar so viele Minuten danach gewesen sein, aber die Zeit ist uns natürlich peinlich lang geworden, als Dorette wieder Rapport brachte— und diesmal stotterte sie und verschluckte sich vor Eifer, Rührung und Freude. Da hatte Dir also der tollkühne Mensch das Mädchen wirklich gefunden und sie auf seinem Arme die Leiter hcrunrergctragen— sie war ohnmächtig gewesen, ist aber dann wieder zu sich gekommen. Nun wußten wir ans einmal, warum kurz vorher von der Brandstelle herüber ein Hurrahgeschrei kam— selbst Martha war in die Höhe gefahren und hatte uns angesehen, als wollte sie fragen:„Was heißt das? In Sicherheit?" Aber das dicke Ende konnnt erst nach. Als Papa hörte, daß Herr Hammer seelenruhig das Kommando führe, meinte er, man solle ihm wohl ein Glas Wein anbieten, Port' wein, Sherry oder so etwas, und Jean könne es hinübertragen.> Ich habe Martha in meinem Leben noch nie eine so fabelhafte Geschwindigkeit cntivickeln sehen, als in diesem Augenblick, und bei aller Eile hatte sie doch noch soviel Geistesgegenwart, zu überlegen, daß dem ehemaligen österreichischen Freiwilligen ein Glas Tokaier am willkommensten sein werde. War das nicht eine feine Aufmerksamkeit— s o fein, daß sie der gröberen mi lichen Öeete wohl entgangen fein wird? Jean glotzte mich mu feinen dummen Fischaugen so albern als möglich an, als ich ihm voll Uebermuth in Martha's Gegenwart auftrug, einen Grnß von Papa und ihr auszurichten— sie wurde ganz roth und gab sich Mühe, ärgerlich auszusehen, aber sie widersprach nicht und ist am Ende innerlich ganz zufrieden gewesen. Man muß, glaube ich, solchen ernsthaften, schwerfälligen Persönlichkeiten, die jedes Interesse für einen Herrn gleich tragisch nehmen, als ginge es ohne weiteres auf Tod und Leben, ru Hülse kommen,— sie machen sonst so endlose Umwege, daß die Sache unsterblich lang- weilig wird. Und nun, meine Leontine, kommt der dramatische Knalleffekt. Denke Dir, als Jean, steif wie ein Pfahl natürlich, schnar- rend seinen Auftrag ausgerichtet hat, haben der viel- vermögende Herr Hauptmann' die Gewogenheit, ein Glas Ungar an- zunehmen; er setzt den Helm ab, und wie er das Glas au die Lippen setzt, trifft ihn ein Zie- gel oder ein Schiefer, der vom Dach geflogen kommt, an den Kopf und er wird mit einer heftig blutenden Kopswunde be- wußtlos fortgetragen. Daß ich über diese Wendung scherzen kann, sagt Dir schon, daß die Geschichte nicht schlimm geworden ist; momentan bin ich ja selber sehr erschrocken gewesen und der junge Mann(und noch mehr Martha) hat mir aufrichtig leid gethau. Martha ist weiß wie eine Kalkwand gewor- den und hat die Hand vor die Augen gelegt— ich bin überzeugt, sie glaubte, man wolle ihr nur nicht s?n°Ein°paar Mr Rudolf Fendt. Für.die„Neue Welt" nuten blieb sie noch, dann sagte sie mit einer ganz erloschenen, tonlosen Stimme, sie sei sehr müde und wolle doch lieber wieder auf ihr Zimmer gehen. Ich habe, als uns später Dorette berichtete, daß zunächst keine Gefahr für den Helden des Tages sei, an ihrer Thür geklopft, bis sie endlich Antwort gab, und vielleicht haben mir sogar ein paar kleine Thränen in den Augen gestanden, als ich ihr hastig erzählte, was ich wußte. Sie sagte— denke Dir, die Undankbare!'— kein Sterbenswörtchen, aber sie küßte mich, wie sie mich in meinem ganzen Leben noch nicht geküßt hatte, so ungefähr, als wenn ich— der Herr Hammer gewesen wäre. Ich fragte sie zur Strafe, ob sie nicht das junge Mcsdchen beneide, das das Vergnügen gehabt habe, sich von diesem ritterlichen Hauptmann retten zu lassen und ob sie sich nicht an ihre Stelle gewünscht hätte; da gab sie mir einen leichten Schlag ans den Mund und sagte:„Aber so sei doch kein Kind!" Und dann schob sie mich förmlich zur Thür hinaus— sie mußte es >r eilig haben, allein zu sein mit dem Paroxysinus(ich Hab n.ine Zeit, nachzusehen, ob ich das dumme Wort richtig geschrieben habe) ihrer Freude, und sagte mir noch auf der Schwelle:„Und wenn du mir einen rechten Gefallen thun willst, so mache keine Anspielungen, Me vorhin, mehr— sie thun mir weh, und du willst doch nicht, daß ich traurig werde?" Du siehst, es ist schon schlimm, soweit ich etwas davon verstehe.— Papa hat sich diesen Morgen durch Jean beim Arzt erkundigen lassen— es geht wirk- lich alles so gut, als es den Umständen nach überhaupt möglich ist. Als Diakonissin bist Du hier also überflüssig, und das wird Dir umso lieber sein, als ich mich noch ganz gut Deines beißenden Spöttelns über die Damen erinnere, die sich im letzten großen Krieg zum Dienst in den Lazarethen drängten, um, wie Du behauptetest, den Aerzten fortwährend und über- all im Wege zu sein— ich mag garnicht wieder- holen, auf welche Motive Du ihren aufopfernden He- roismus zurückführtest. Zlpropos, die beiden Fräulein Steiger, auf die Du es ganz be- sonders abgesehen hattest, haben sich mir gestern in ge- radezu unmöglichen Toiletten präsentirt— die Details mündlich. Du kommst doch, wenn auch nicht als barmherzige Schwester? Es ist so todt bei uns— mit Martha ist garnicht zu reden. Wenn man eine Frage an sie rich- tet, bekommt man einen förmlich tra- gischen Blick zur Antwort, der aus- zudrücken scheint: „Wie kann man nur verlangen, daß ich mich um solche Dinge bekümmern soll, solange Wolf- gafig Hammer ver- wuudet zuhause liegt?" Ich habe auch eine Menge Toilettenfragen mit Dir zu be- sprechen und komme mir ohne Deinen Rath vor, wie ein Fisch auf dem Lande.— Das ist vielleicht der längste Brief, den du je von mir bekommen hast. Ich hoffe, Du wirst diese Anstrengung zu würdigen wissen und recht bald durch Dein Kommen erfreuen Deine Emmy. L. 8. Vergiß nicht, die Stickmuster, den Oleanderzweig, das Rezept zu den russischen Gurken, den Taillenschnitt, die Photo- graphie der Rabe, die„Kalifornischen Erzählungen", einen Flaeon Reseda(aber von den Deinen, mit geschliffenem Glas- stöpsel) und endlich— nun bin ich gleich fertig— die längst versprochenen Jnseparables und zwei Goldfische und ein Silber- fischchen mitzubringen— die mehligen haben Krieg untereinander gehabt und es sind einige todtgebissen worden. Ich habe bitter- lich darüber geweint. (Fortsetzung folgt.) gezeichnet und geschuitte».(Seite 225.) Wir wissen und w* werden wissen! Ein Beitrag zu den wichtigsten Fragen des menschlichen Denkens. (Schluß.) Fassen wir das Geistesleben in seiner allgemeinsten Be- deutung als den immateriellen Ausdruck der materiellen Erschei- nung, als die Vermittlung von Ursache und Wirkung, so finden wir es überall in der Natur. Geistige Kraft ist das Vermögen der Stoffthcilchen, aus ein- ander einzuwirken. Der geistige Vorgang ist die Vollziehung dieser Einwirkung, welche in Bewegung, somit in Lageveränderung der Stofftheilcheu und der ihnen anhaftenden Kräfte besteht und dadurch unmittelbar zu einem neuen geistigen Vorgang führt. So schlingt sich das nämliche geistige Band durch alle mate- riellen Erscheinungen�. Als Endglied in der Kette dieser einfachen und höchst natür- lichen Schlußfolgerungen erscheint die Nägelrschc Beantwortung der Frage nach dem Wesen des Mcnschcngeistes. Der menschliche Geist ist nichts anderes, als die höchste auf unserer Erde erreichte Entwicklung der geistigen Vorgänge, welche die Natur überall beleben und bewegen. Er ist aber nicht das Absonderungsprodukt der Gehirnsubstauz (wie Carl Vogt annahm); als solches wäre er ohne weiteren Ein- fluß auf das Gehirn, wie die abgesonderte Galle ohne weitere Bedeutung für die Leber ist. Empfindung und Bewußtsein haben vielmehr ihren festen Sitz im Gehirn, mit dem sie unauflöslich verbunden sind, und in welchen, durch ihre Vermittlung neue Vorstellungen gebildet und in Thaten umgesetzt werden. Wie der Stein nicht zur Erde flöge, wenn er die Anwesenheit der Erde nicht cmpfänvc, so würde auch der getretene Wurm sich nicht krümmen, wenn ihm die Empfindung mangelte, und das Gehirn- würde nicht vernünftig handeln, wenn es ohne Bewußtsein wäre. So ist nach Nägeli die eine der von Du Bois-Rchmond prätcndirten„unüberstciglichen" Schranken des Naturerkennens, die Frage nach der Erklärung des Bewußtseins, gefallen oder besser gesagt: das eine der vorgeblich unlösbaren Räthsel als lösbar hingestellt und der naturwissenschaftlichen Forschung wieder- gewonnen. In der That befriedigt die Nägeli'sche Anschauung auch voll- ständig unser Bedürfuiß nach Erkennung von Ursache und Wirkung, und es muß dem Naturforscher eine logische Nothivendigkeit bleiben, in der endlichen Natur nur gradweise Unterschiede gelten zu lassen. „Wie es für alles Räumliche, ebenso für alles Zeitliche ein Maß gibt, so muß es auch ein gemeinsames Maß für die geistigen Vorgänge geben. „Wie die materielle Natur sich vom Einfachsten zum Zusammen- gesetztesten allmählich abstuft, so muß auch in der ihr parallel gehenden Natur eine ähnliche Abstufung bestehen." Es wird schwer sein, jenes gemeinsame Maß für die geistigen Vorgänge zu finden, aber wir verzweifeln nicht an dieser Auf- gäbe, sondern sind der frohen Hoffnung, daß es der vergleichenden Psychologie, der die ganze Thierwelt in den Bereich ihrer Unter- suchung ziehenden Seclcnlehrc- gelingen wird, durch Auffindung jenes Maßes und durch die Handhabung desselben sich zu einer exakten Naturwissenschaft zu erheben. Nägeli faßt am Schlufie seiner klassischen Auseinandersetzung *) Wir erinnern uns hier unwillkürlich an das Rückert'sche Gedicht „Die Seel' im All": Ich bin der Morgenschimmer, ich bin der Abendhauch: Ich bin des Haines Säuseln, des Meeres Wogenschwall. Ich bin das Bild, der Spiegel, der Hall und Widerhall, Das Schweigew, der Gedanke, die Zunge und der Schall. Ich bin der Hauch der Flöte, ich bin des Menschen Geist, Ich bin der Funk' im Steine, der Goldblick im Metall. Ich bin der Kalk, die Kelle, der Meister und der Riß, Der Grundstein und der Giebel, der Bau und sein Verfall. Ich bin der Wesen Kette, ich bin der Welten Ring, Der Schöpfung Stufenleiter, das Schwingen und der Fall. über die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntniß den didaktischen Inhalt in folgende Sätze zusammen: Die naturwissenschaftliche Erkenntniß bleibt in der Endlichkeit befangen; der Naturforscher muß sich daher strenge auf das End- liche beschränken. Die Naturforschung muß exakt sein; sie muß sich durchaus von allem, was die Grenze des Endlichen und Erkennbaren über- schreitet, fernhalten; sie muß, da der Gegenstand ihrer Untersuchung nur der endliche, kraftbegabte Stoff, die Materie ist, streng materialistisch verfahren, ohne zu vergessen, daß dieser richtige Materialismus ein enipirischer(ein auf Erfahrung fußender) und kein philosophischer ist, und daß diesem richtigen Materialis- mus die gleichen Grenzen gesteckt sind, wie dem Gebiete, auf dem er sich bewegt. Damit soll nicht gesagt sein, daß der Naturforscher nicht philo- sophircn, daß er sich nicht auch auf idealen und transcendenten Gebieten bewegen dürfe. Aber sobald er dies thut, hört er auf, Naturforscher zu fiin, und>vas ihm dabei aus seinem Berufe zugute kommt, ist nur das, daß er die beiden Gebiete streng aus- einander hält, daß er das eine als das reine Gebiet des Forschens und Erkennens, das andere aber, indem er es von allem End- lichen befreit, als das verborgene Gebiet der Ahnung zu behan- deln weiß. Wahrhaft erhebend und in geweihten Augenblicken ruhiger Weltbetrachtung neue, kräftige Impulse einflößend, ist der lounder- bar klare Ausblick über das Erreichte, das bisher Erkannte und das noch zu Erkennende. Wir dürfen es dem bedächtigen Forscher, dem an exakte Methode und an reservirte Aeußerung gewohnten Physiologen hoch anschlagen, daß er in unfern Tagen, da es fast an allen Enden aus den Schlupfwinkeln der Unwissenheit höhnisch als Echo widerhallt:„Ijpioramus!" kühn und unerschrocken sein Votum in die Wagschale wirft. Nägeli schließt folgendermaßen: „Deni menschlichen Geiste, seinem Forschuugstriebe und seiner Erkenntniß steht die ganze sinnlich wahrnehmbare Welt offen. Er dringt vermittels Teleskops nud Rechnung in die größten Ent- fernungen, vermittels Mikroskops und Kombination in die kleinsten Räume. Er erforscht den zusammengesetztesten und verwickeltstcn Organismus, der ihm selber angehört, nach den mannichfaltigsten Richtungen. Er erkennt die in der Natur herrschenden Kräfte und Gesetze und macht sich dadurch die unorganische und orga- nische Welt, soweit er sie erreichen kann, dienstbar. Wenn er die bisherigen Errungenschaften in den Gebieten des Wissens und der Macht überblickt und au die künftigen noch größeren Erobc- rungen denkt, so kann er mit Stolz sich als den Herrscher der Welt fühlen. „Aber was ist diese Welt, die der menschliche Geist beherrscht? Nicht einmal ein Sandkörnchen in der Raum-Ewigkeit, nicht eine Sekunde in der Zeit- Ewigkeit und nur ein Außenwcrk an dem wahren Wesen des Alls. Denn auch au der winzigen Welt, die ihm zugänglich ist, erkennt er nur daS Veränderliche und Ver- gängliche. Das Ewige und Beständige, das Wie und das Warum des Alls bleibt dem menschlichen Geist für immer unfaßbar, und wenn er es versucht, die Grenze der Endlichkeit zu überschreiten, so vermag er nur sich selbst zum lächerlich ausgestatteten Götzen aufzublähen oder das Ewige und Göttliche durch menschliche Ver- unstaltungen zu entivürdigen. „In der endlichen Welt walten unabänderlich die ewigen Naturkräfte, deren Wirkungen wir als Gesetze der Bewegung und Veränderung erkennen. Ob und wie sie Inhalt und Ausfluß eines in Ewigkeit beharrenden, bewußten Zweckes sind, übersteigt unser Fassungsvermögen. „Wenn mein Vorgänger Du Bois-Reymond seinen Vortrag mit den niederschmetternden Worten: lAuoramus und Ignorabi- rnus geschlossen, so mochte ich den meinigen mit dem bedingten, aber tröstlicheren Ausspruche schließen, daß die Früchte unseres Forschens nicht blos Kenntnisse, sondern wirkliche Erkenntniß sind, welche den Keim eines fast unendlichen Wachsthums in sich tragen, ohne deshalb der Allwissenheit um den kleinsten Schritt sich zu nähern. Wenn wir eine vernünftige Enffagung üben, wenn wir als endliche und vergängliche Menschen, die wir sind, uns mit menschlicher Einsicht bescheiden, statt göttliches Erkennen in Anspruch zu nehmen, so dürfen wir mit voller Zuversicht sagen: Wir wissen und wir werden wissen." Wir haben uns die Mühe genommen, dem Leser dieser Zeit- schrist die Quintessenz zweier der bedeutendsten Abhandlungen unseres Jahrzehnts gegenüberzustellen, nicht in der Meinung, durch schwerverständliche philosophische Auseinandersetzungen zu langweilen, sondern um zu zeigen, auf welcher(Stufe der Weltanschauung auch der exakteste und umfassendst gebildete Natur- forscher heute steht. Und da das denkende Volk in unseren Tagen mehr als je nach den Errungenschaften der Natursorschung fragt, weil diese allein auf der Grundlage des Wirklichen— nicht des Eingebildeten— fußt, und weil die von der Naturwissenschaft zutage geförderten Wahrheiten nicht mehr blos Zunftgeheimniß der Gelehrten zu sein, sondern zum Gemeingut aller Denkenden zu werden bestimmt sind, so muß es gestattet sein, auch die höchste Blüthc exakten Forschens und Denkens, die in der neuen Weltanschauung gipfelt, in gemeinverständlicher Form denen kundzugeben, denen nicht vergönnt ist, dem Gang eines Kon- gresies der Naturforscher von Anfang bis zu Ende zu folgen. Wir sind nicht der Ansicht, daß den„Führern" allein das Wissen, den„Geführten" blos das Glanben zukomme. Der Geist jedes Denkenden,� gleichviel ob Laie oder Fachgelehrter, hat zuweilen das Bedürfniß, eine Bilanz dessen vor sich zu sehen, was bisher vom Wissenswerthesten im Soll und Haben des Hauptbuches aller menschlichen Weisheit eingetragen worden ist. Vor Jahren(1872) hat die Bilanz in unbefriedigender Weise mit dem Ignornmus und Ignorabimus von Du Bois-Reymond geschlossen. Wenn heute die Bilanz anders lautet, so wird sich der Fr.eund des geistigen Fortschritts init uns freuen an dem: Wir wissen und wir werden wissen! Dr. A. D.-P. Volkslieder und Lieder fiir das Volk. Eine literargeschichtliche Plauderei von W. Millich. Es war eine merkwürdige Epoche unserer Literaturgeschichte, die sogenannte Geniepcriode, als der von gelehrtem KrimskramS ganz hypochondrisch gewordene Poet wieder den ächten und rechten Natnrlauten ursprünglicher Poesie lauschen lernte und dabei, wie 'ein vom raffinirten Kulturleben abgespannter Stnbcnpatient in Berglust und Waldesduft, allmählich wieder genaß. Die Ent- fernung von der unverfälschten und ungeschminkten Natur war aber auch eine zu große, und die Kluft zwischen dem eigentlichen Volk und den sogenannten„Gebildeten" gähnt einem, wenn man die Kulturgeschichte jener Zeit studirt, in wahrhaft erschreckender Weise entgegen. Die„Gebildeten" hatten ihre Kultur so herrlich weit gebracht, daß diese an gar vielen Stellen das hippokratische Gesicht der Uebcrkultur, des Raffinements und der Blasirtheit zeigte. Wie es nun im ganzen Leben aussah, so war es auch in der deutschen Literatur. Wohlmeinende Leute erhoben sich wohl und deuteten auf den tiefen Riß hin, der durch die ganze Nation ging, aber ihre Mahnungen verhallten nngehört und wirkungslos, wie die Stimme des Predigers in der Wüste. Der Diktator des guten Gcschinacks in Deutschland, Gotschcd, beherrschte noch zum guten Theil unsere öffentliche Meinung in ästhetischen und schöngeistigen Dingen. Er verkündete, daß das Urtheil über Poesie nur Sache der Gebildeten sei:„Der Pöbel hat sich allzeit ein Recht aneignen wollen, von poetischen Skri- Kenten zu urtheilen, dies ist nur um so lächerlicher, da ihm ein Urtheil über prosaische Schriften nie zugestanden worden." Da- gegen half es wacker wenig, wenn der fromme, aber ehrliche Gellert der Natton die Lehre gab:„Die Ungelchrte machen weit seltener falsche Auslegungen als die Halbgelehrte!" Er legt damit klar und deutlich seinen Finger auf die tiefe Wunde, welche eine falsche Gelehrsamkeit einem ganzen Volkskörper geschlagen hatte. Die mächtige Dame„Regel" und der Allgebieter„Verstand" sollten allein alles Kluge und Schöne schaffen: das achtbare Gc- schwister aber war nicht mehr zufrieden, neben anderen Faktoren mitzuwirken, sondern sie hatten sich einen Thron erbaut, auf dem sie wie Despoten willkürlich ein Regiment führten, welches an seiner eigenen Unwahrheit zugrunde gehen sollte. Daß der Mensch auch noch andere Seelen- und Geisteskräfte habe als zum Bei- spiel Gefühl, Gcmüth und Phantasie, das war schier in Vergessen- heit gerathen. Die spinnenwebcnfeinen Gehirnausschwitzungen der in Künsten und Wissenschaften hochmögenden Herren waren so abstrakt, körperlos und leicht, daß man auf dem besten Wege war, sich ganz von unserem Planeten hinweg zu begeben, sicher aber vom wahrhaft Menschlichen sich bedeutend entfernt hatte: man wollte über sich selbst hinwegspringcn oder, wie Schiller und Goethe es nannten, sich zum„Uebermensch" cmporabstrahiren und aufläutern. Da brach denn jener merkwürdige Gewitterregen über unser Geistesleben herein, den man in der Literaturgeschichte gemeiniglich die Genieperiode zn nennen pflegt. Ueberall erhob sich der Streitruf:„Natur! Natur!", der nun zum Stichwort der jungen und alten Stürmer und Drängcr wurde, denen die Fesseln der Regel drückend und die gewohnte Kunstivcrkstättc zu eng vorkam.„Wir sind der gefeilten Arbeit müde, man muß einmal wieder hören sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist!" ruft Helfcrich Peter Sturz, ein braver Mann, einem Freunde in seinen Briefen aus Paris zu, und weist damit deutlich genug auf das Volkslied hin, von dem sein Korrespondent äußerst geringschätzig geurtheilt hatte. Der hatte gesprochen von dem„Veitstanz konvulsivischer Leidenschaften", von„starkseinsollendcm Unsinn" und die schauerliche Perspektive eröffnet, daß„unsere Mord- und Gespenstergeschichten von den Deutschen mit dem Stabe der Bänkelsänger in der Hand ab- gesungen iverdcn könnten. Man wolle wohl gar den Geist und die Kraft der Nation aus den Krügen*) und Herbergen holen, weil man, Volkslieder' nachzuleiern nicht verschmähe, als wäre der Witz eines Handwcrksburschcu werthvoll. Wer Klopstock und Wicland genossen und nun diese K nittelreime hört, der denkt, der Deutsche sinkt zur faselnden Kindheit herab." Sonderbar! Was verlangt doch Schiller?„Naiv muß jedes wahre Genie sein!" und an anderer Stelle lehrt er:„da wo die Natur aufhört wild zu sein, beginnt das Genie!" Doch hören wir den Schmerzenserguß unseres Bolksliedcrfeindcs weiter: „Der Sttohfiedelversler soll den Dichter bilden? Dann wird der Hochzeitsbitter und Zimmergesell den Deutschen im Reden unter- richten!"— Gar nicht übel, wären diese Lehrer der Sprache gehört worden statt der Franzosen, statt der Griechen und Römer, es wäre vielleicht besser bestellt gewesen um unsere Literatur, jedenfalls wäre sie öfter und länger das geblieben, was sie sein soll: Besitz und Freude und Erziehungsmittel für das ganze Volk! Ja, ja! In früheren Zeiten hatte der Pastor auf der Kanzel sich nicht gescheut, in seiner Predigt Volkslieder zu zitiren und seine erbaulichen, gar oft recht wirksamen und lehrreichen Betrach- tungen daran zn knüpfen. Damals war freilich auch der Riß zwischen dein Volke und den Gebildeten noch nicht so groß, der nämliche Riß, der heutigen Tages unmer noch nicht geschlossen ist, der aber jeden nöthigt, sich die Frage vorzulegen, ob er ihn vergrößern, oder, was das einzig Wahre ist, verkleinern belfcn will. Wer gescheit ist, wählt, wie gesagt, das letztere; denn jeder Mensch, in dem noch nicht alles Gefühl verloschen ist, findet die Kluft, die er draußen erschaut, in seinem eignen Herzen schmerz- lich wieder. Und zwar geschieht das in den Momenten stiller Einkehr in sich selbst, wo er sich fragt, was er denn der Gesammtheit als seinen Tribut gezahlt und wie er sich abgefun- den hat mit seinen den Menschenrechten entsprechenden Menschen- pflichten, zu deren erhabensten eben die gehört, jene Kluft schließen zu belfcn. *) Provinzialismus für WirthshauS. Der ewige Kampf zwischen Kunst und Natur, oder wie Schiller es ausdrückt zwischen dein Sentimentalen und dem Naiven, wurde wieder einmal mit äußerster Hitze aufgenommen in den Schranken der literarischen Arena. Die Herren Kunstpoeten, von denen welche der Meinung waren, die Poesie sei ein Gegenstand des Lernens und des Wissens, waren gar oft mit der Losung:„Trotz der Natur" zu Felde gezogen, aber endlich dahin gekommen, daß ihr Kämpfen und Ringen geradezu wider alle Natur gerichtet war. So hatten sie den Boden im Volke verloren und schwebten in den luftigen Aetherhöhen, wo einer Normallunge die Luft zu dünn wird, ja einzelne hatten sich so hoch hinauf gesungen, daß kein Mensch mehr auf sie hören mochte. Lesen wir die Vorreden der Kunstdichter des 17. und 13. Jahr- Hunderts, so wird uns unter Staunen klar, daß das Dichten gar häufig, wie gesagt, nur Sache des Gelehrten ist. Da heißt es, der Poet muß können: Griechisch, Latein, Geographiam, Historiam, Mathematicank, Methaphysicam u. s. w. u. s. w., daß uns schier die Haare zu Berge steigen! Und da kommt nun der junge Goethe und behauptet:„Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben, wie dem Ritter." Und vor ihm schon hatte Lessing, der freilich die edle Theologiam oder Gottesgelahrtheit sträflicherweis über den Umgang mit Schauspielern und anderem„Gesindel" an den Nagel gehängt und bereits schier vergessen hatte, die ketzerische Acußernng gethan: „Was einen Bauern reizt, macht keine Regel schlecht, Denn in ihm wirkt der Trieb noch unversälschlich acht." Der simple Bauer also sollte das Recht haben, etwas trotz dem absprechenden Urtheil der heiligen„Regel" schön zu finden! Auch der alte, derbe Joh. Heinrich Voß, der uns den deutschen Homer geschenkt hat, war anfangs recht begeistert für das Volks- licd und für die Naturdichtung, ja er dichtete selbst Idyllen in plattdeutscher Sprache, freilich, merkwürdig genug in homerischen Sechsfiißlern; später aber fiel er ab und redete naserümpfend von„dem Bovist des Volksliedes", der sich recht breit mache! Da war er unter die ästhetischen Aristokraten gegangen, und von dem Umgang mit den Grafen von und zu Stolberg war doch etivas hängen geblieben! Schäm dich, Alter! Hast dem Fritz Stolberg so schön den Text gelesen:„Wie Fritz Stolberg zu den Unfreien gegangen" und gibst dir selbst so'ne Blöße! Um von Neueren etwas zu sagen, so lpar Lenau sehr be- begeistert für das Volkslied, welches er eben„in Zeiten, wo alles Abstraktion ist, für viel Werth" erklärt. Anders eine Richtung von Dichtern, die sich, mit Recht oder Unrecht, gern Schillcrianer nennen möchten. Da ist der vor ein paar Jahren verstorbene Grillparzer, der sich in folgendem Spruch gegen derartige Liebhabereien verwahrt: „Mit Mittelhochdeutsch und Volkspoesie Weiß ich fürwahr nichts zu machen. Wer trinkt, wenn er Brunnenwasser hat, Aus Wagenspur gern und Lachen?" Grillparzer hat schöne Dramen geschrieben, und manches sinnige Gedicht und seiner Sprache Bildcrpracht und Schwung und Glanz erinnern wohl an Schiller;— der größte Idealist aber unter den lebenden Dichtern, der Schiller, wenigstens gewiß seiner Meinung nach, am nächsten kommt, wenn nicht gar übertrifft, das ist Herr Hofrath Rudolf von Gottschall, Ritter des Flcder- maus- oder Spcrlingsordens von Flachsenfingen, der Sänger der weltberühmten Bismarkhymne, die unter seinen Brüder 3000 Mark Werth war! Dieser neue leipziger Gottsched, diese männliche Pythia der modernen deutschen Literatur hat auch anläßlich der Volkslieder und des dahin Gehörigen etwas ge- orakelt. Als er in„Unsere Zeit" von 1874 dem Hofmann von Fallersleben einen Nachrns widmete, trieb ihn sein Geist, einige bedeutende Bemerkungen zu machen. Unter anderem spricht er von Dichtern dieser Art, die an die meist namenlosen Volksdichter grenzen, die in„des Knaben Wunderhorn*) tuten" und beweist deren geringen Werth mit folgendem glorreichen Schlußsatz:„Da das Lied der unmittelbarste Ausdruck der Empfindung ist, so be- darf es oft nur eines recht warmen und innigen Gefühls, um in einer Sprache, die für uns dichtet und denkt, ein Lied zu niachen!" Da habt ihr's! Weiter ist's nichts! Ein bischen warmes Gefühl und etwas Sprache, dann ist's gemacht. Wir möchten vermuthen, der Herr Hofrath habe sowohl seine früheren Revolutions- als auch seine Speichcllcckerlieder ohne jegliches Gefühl, ohne warmes und ohne kaltes, gemacht oder fabrizirt. Wir sehen also, es gibt heute noch auch auf diesem Felde Leute, welche sorgfältig bemüht sind, die Trennung nicht nur nicht zu beseitigen, sondern sogar offen zu halten, ja möglichst zu erweitern, mit dem Hintergedanken, bei Ihresgleichen auf um so höheren Sockel zu stehen, je tiefer sie den„Pöbel" unter sich lassen. Doch zurück zu der Sturm- und Drangperiodc. Lessings scharfer kritischer Geist, der in den Literatnrbricfen und gelegent j lichcn Abhandlungen sein Licht leuchten ließ, sowie Herders Fragmente über die deutschen Literaturzustände hatten schon gar deutlich auf den Unterschied zwischen dem originalen Produziren ! der wirklichen Dichter„von Gottes Gnaden" und den gebosselten l Stückwerks- und Nachahmungsfabrikaten der Stubenpoeten hin- ! gewiesen, die sich an fremde Nachbildungen der Natur hielten, statt aus der Quelle selbst zu schöpfen. Lessing und Herder ließen denn die bekannten Namen ihrer Zeit Revue passiren und bei gar manchem riefen sie ihr niederschmetterndes:„Gewogen, gewogen, zu leicht befunden." Und das ganze Geschlecht der jungen„Originalgenies" ließ kaum Klopft ock, der doch in dem göttingcr sowohl, wie in Goethe's Kreis noch Anspruch auf Gelttiug haben durfte, noch gelten. Es begann der Cultus des von allen Regeln unabhängigen Genies, besonders that dabei für Deutschland der Engländer Ioung Hebammendienste:„Allzugroße Ehrfurcht vor dem Alten fesselt das Genie und versagt ihm die Freiheit, die es haben muß, wenn es seine glücklichen Meisterzüge wagen soll.— Regeln sind Krücken für die Lahmen, aber für die Gesunden, für das Genie ein Hinderniß." Auch der„Naturmensch" Jean Jacques Rousseau, der gepredigt hatte, daß die Fortschritte in Wissen- schaft und Künsten nur die reine Urnatur des Menschen verdorben haben, hat ungeheure Wirkung nach dieser Richtung ausgeübt. Lavaters Physiognomik, d. i. die Kunst aus den Gesichtszügen die Seele eines Menschen abzulesen, gehört auch hierher; und Lavater hat in den verzücktesten Ausrufen eine Erklärung des Begriffs„Genie" gegeben, der sehr charakteristisch, aber zu lang ist, um an dieser Stelle Platz finden zu können. Als Repräsentanten des Genies nur galten der jetzt- in Deutschland bekannt werdenden Shakespeare, der alte Vater Homer, der größte Epiker des Lllterthums, vielleicht aller Zeiten, die nordischen Skalden, wie Ossian und endlich die in Percy's Sammlung enthaltenen Stücke; also das Volkslied. *) Titel einer Volksliedersaininlung, welche 1308 Achim von Arnim und Brentano herausgegeben haben. (Schluß folgt.) Marpingen. Aus einer Herbstfahrt durch das Nahethal begriffen, stand ich auf dem Bahnhofe in Münster am Stein den von Bingerbrück kommenden Zug erwartend. Die Schaaren der nach Marpingen strömenden Wallfahrer, die Mittheilungen der Schaffner hatten den aufsteigenden Gedanken eines Abstechers zum Gnadenbilde rasch zum festen Entschlüsse gezeitigt, zumal ich auf ein un- gewöhnliches Schauspiel rechnen durfte, da, wie mir übereinstimmend versichert worden, auf!den folgenden Tag, den 3. Sep- tember, die letzte diesjährige.Erscheinung der Mutter Gottes i angesagt war. Daraus ersieht.man, daß sich das marpinger| Wnndertheatcr einer exakten Regie erfreut, welche die Himmels-! erscheinungen durch den Inspizienten besorgen läßt. Der nächste Zug brachte mich gegen 9 Uhr Abends nach dem Städtchen St. Wendel. Ein halbwüchsiger Junge bot mir seine Dienste als Fährmann an, die ich um so bereitwilliger annahm, als außer- halb des Bahnhofes eine ägyptische Finsterniß herrschte. Auf dem Wege zum Gasthof„Engel" theilte mir mein Cicerone init, daß dort auch die Königin von Spanien, die heute zum Besuche Marpingens eingetroffen'war, abgestiegen sei. In dem bis unter das Dach überfüllten Gasthofe fand ich ein sehr bescheidenes Unterkommen' und fuhr am frühen Morgen mit einer französischen Familie gen Marpingen. Es ist unglaublich, ( welches Leben in das stille St. Wendel mit dem marpinger Märchen gekommen ist. Die vorhandenen Kutscher, obzwar ihnen von allen Seiten Zuzug geworden, können der Nachfrage nicht Genüge thun. Die Lebensmittelpreise sind um das doppelte gestiegen, und doch macht meilenweit die Umgebung durch den riefen- haften Konsum glänzende Geschäfte. Nur der ehrwürdige Schutz- Patron St. Wendel, durch die Unbefleckte pensionirt, hat seine bisherigen Wunderfunktionen eingestellt. Seine Kapelle steht ver- waist, der darin entspringende Quell fließt ungebraucht und un- beachtet. Auf der zwei Stunden langen Fahrt über Winterbach und Alsweiler, durch eine sandige, unftuchtbare Gegend, unterhielt mich der edle Rossebändiger abermals von der mir nachgerade fabelhast werdenden Königin von Spanien. Marpingen hat eine reizende Lage. Auf einer sanst an- steigenden Berglehne liegt halb versteckt in dem Grün mächtiger Bäume seine durch ihren weißen Anstrich weithin sichtbare Kirche. Von der Hauptstraße des Dorfes, zu beiden Seiten mit kleinen aber steundlichen Häusern besetzt, führen zwei Wege zur Kirche. Rechts von der LÜrche liegt ein mit einer lebenden Hecke ein- gefriedeter viereckiger Platz, an dessen einer Seite ein Baum, in dessen Zweigen die Mutter Gottes sich gezeigt haben soll, eine Säule mit einer kleinen Madonna beschattet. Hart daneben be- findet sich der Gnadenquell. Die Lokalität zur Jnszenirung des Dramas konnte offenbar nicht geschickter gewählt werden. In den ungefähr 5 Minuten von Marpingen der Kirche gegenüber aus denk Thal sanst ansteigenden Härtelwald, in welchem am 3. Juli 1L7K den drei achssährigen Mädchen die Mutter Gottes zum erstenmal zwischen zwei Sträuchen sitzend erschienen sein soll, bin ich uicht gekommen. Derselbe ist polizeilich abgesperrt und der Zutritt nur mit besonderer Erlaubmß gestattet. In den Straßen wimmelte ein buntes Leben. Rechts und links reihte sich Bude an Bude, in welchen Kerzen, Rosenkränze, Traktätlein und sogar Photographien der Madonna in der Gc- stalt, in welcher sie den begnadeten Mädchen erschienen war, gegen hohen Preis feilgeboten wurden. Doch auch die Virttiosen der Ziehharmonika waren zahlreich vertreten und ließen Melo- dieen hören, die zu der angeblichen Heiligkeit des Ortes schlecht stimmten. Mit der vorrückenden Tageszeit schwoll das wogende Gc- dränge. Alles menschliche Elend, aller Jammer schienen sich hier zusammengefunden zu haben. Jedes Alter, jeder Stand lieferte von fern und nah sein Kontingent. Der Niederrhein, die Saar und Moselgegend, aber auch Luxemburg, Lothringen, Belgien und vor allem Holland hatten fromme Seelen gesendet. Daß drei Biertheile dem schönen Geschlcchte angehörten, brauche ich ivohl nicht zu bemerken. Schauend und staunend gelangte ich bis in die Nähe der Nudols (Poitrit! Sonntag, den 21. September vorigen Jahres, wenige Stunden vor dem Kaisereinzug, wurde Rudolf Fendt, einer der Führer aus den steiheitlich-eiuheitlichen Bewegungen der Jahre 1848 und 1849, in Darmstadt zu Grube getragen. Fendt war 1826 zu l! Schotten im Vogelsberg geboren und studirte von 1844 an zu Gießen zuexst Theologie', dann Jurisprudenz. Die ebenerwähnten Ereignisse unterbrachen seine akademische Laufbahn. Während der Parlamentszeit erschien zu Gießen ein demokratisches Blatt, der„Jüngste Tag", an dessen Redaktion Fendt beträchtlichen An- theil nahm. Noch lebhafter war seine Thätigkeit als Redner in den Volksversammlungen, welche damals bei jeder irgend erdenk- baren Gelegenheit zusammenberufen wurden. Als die Tage der Reaktton hereinbrachen, blieben auch für Fendt die schlimmen Folgen nicht aus. Politische Anklagen aller Art regneten auf ihn herab, und als er sich der drohenden Untersuchungshast durch die Flucht entzog, wurde er steckbrieflich als.Hochverräther und sonstiger Verbrecher" verfolgt, was bei seiner, damals immer noch zahlreichen Partei theils einen Sturm der Ent- rüstung, theils ein homerisches Gelächter hervorrief. Flüchtig wie er war, betheiligte sich Fendt an dem badischen Aufstande, wobei er theils als Journalist, theils als„Adjutant Kirche als plötzlich der Ruf„die Königin, die Königin" die Menge in raschere Bewegung brachte, die mich halb getragen über die hochgehäusten Gräber in die Kirche warf. Ich erhaschte gerade noch einen Blick auf den Gegenstand der allgemeinen Neugierde, gleichwohl ausreichend, um in der vermeintlichen Königin eine stattliche holländische Dame zu erkennen. Die bekannte Kopfzier aus Gold- und Silberblech, welche sie trug, hatte ihr zu der raschen Standeserhöhung verholfen. Die Atmosphäre und das entsetzliche Einerlei der hergesagten Gebete wurden nachgrabe zur Nervenguillotine. Unter Fußtritten und Rippenstößen brachte mich eine Menschenwoge an dem Opfer- kästen vorbei zum Ausgang. Obgleich von der Größe eines Brief- kastens, mit der Ueberschrift„für die Ausschmückung der Kirche", vermochte die Mündung des Opferstocks die gespendeten Geldstücke nicht mehr aufzunehmen. Wieviel Schweiß mag wohl an diesen Gaben kleben? Man muß das lange Suchen der verblendeten Menschen in ihren schmutzigen Geldbeuteln, dieses Schwanken zwischen Großmuth und dem Bewußtsein des eigenen Bedürfnisses gesehen haben, um die magische Zaubermacht des unersättlichen Kirchenschlundes zu ermessen. Vor der Kirche gerieth ich erst recht in's Gedränge und doch strömten immer noch auf der Fahrstraße und dem Fußweg neue Zuzügler in das Dorf. Ich halte nach meinen Wahrnehmungen die mir von verschiedenen Seiten gemachte Mittheilung, daß Marpingen an einzelnen Tagen von acht bis zehntausend Menschen besucht worden, für völlig glaubwürdig. Bon der Kirche wendete ich mich nach dem eingefriedeten Platz. Die hier herrschende Ueberfüllung spottet jeder Beschreibung. Wie Häringe auf ein- audergeschichtet lagen hier die Menschen im Gebet. Auch außer- halb der Einfriedung knieten hunderte in dem feuchten Grase, die Mütter ihre siechen Kinder vor sich, den stieren Blick nach der Stelle, wo die Bildsäule der Unbefleckten stand, gewendet. Aber sie kam nicht, die Gnadenreiche. Als letzte und Hauptherrlichkeit hatte ich noch den Gnaden- quell näher zu besichtigen. Trotz verschiedener energischer Versuche erwies sich das indessen als ein Ding der Unmöglichkeit. Hunderte von Frauen und Männern hatten einen undurchdriug- lichen Ring um ihn gebildet. Das Waffer ist nichts weniger als hell und klar. Ick bin überzeugt, daß, wenn die vielen statt- lichen Pfarrherren aus den gesegneten Weingefildeu der Saar, der Mosel und des Rheins mit diesem Ichmutzwasser nur acht Tage lang ihren Durst löschen sollten', Marpingen ein tödtlicher. Stoß versetzt werden würde. Ich hatte genug, mehr als genug gesehen und dachte an die Rückkehr. Da eine Retourkutsche nicht vorhanden war, ritt ich auf Schusters Rappen nach St. Wendel zurück. Durch em gutes Miltagmal gestärkt, führte mich gegen Abend die Eisenbahn nach Worms. Dr. Btar Trausil. Fendt. eile 22».)> zu Fuß" bei Doll einen der konimandirendcn Dienste leistete. Nach Niederwerfung dieser Schildcrhcbung hielt sich Fendt einige Zeit in der Schweiz und in Straßburg auf, stellte sich aber bald den hessischen Gerichten und erschien im Herbst 1850 zu Darmstadt vor dem Schwurgericht unter mehrfachen politischen Anklagen. Während dieses Prozesses, welcher fast eine Woche dauerte, konnte das Publikum die Schlagfertigkcit,� den Witz, die Gewandtheit, das enorme Gedächtniß und die Geistesgegenwart des jugendlichen Redners garnicht genug bewundern, und selbst seine entschiedensten Gegner zollten seinen Talenten eine unwillkürliche Anerkennung. Nichtsdestoweniger wurde der„Hochverräther und sonstige Ver- brecher" zu einem Jahr Gefängnis; vcrurtheilt, welche Strafe er sofort in Darmstadt unter nicht allzuharten Umständen verbüßte. Nach seiner Entlassung betrieb Fendt jahrelang kaufmännische Geschäfte ohne sonderlichen Erfolg, da ihm alle Eigenschaften eines Kaufmannes fehlten, und trat dann 1873 als Buckdruckerci besitzer in die Geschäftsführung und Redaktion des bedeutenden hessischen Lokalblattes, der„Neuen hessischen Volksblätter", über, welche ein seinen früheren Ueberzeugungen gemäßes Programm verfochten. Später betrafen den hartgeprüften Manu schwere körperliche Leiden, welche ihn vor kurzem zuni Rücktritt von der erwähnten Stellung bewogen und dann in ein frühzeitiges Grab stürzten. Vielfache geistige Aufregungen, Sorgen und Kümmer- nisse über einen verfehlten Lebensberuf. haben zu diesem frühen Ende ohne Zweifel viel beigetragen. Hinsichtlich seiner schriftstellerischen Thätigkeit war Fendt früher nur Journalist und Polemiker, und als solcher in einer mannig- fachen und erfolgreichen Weise thätig gewesen. Vor zwei Jahren jedoch faßte er einen Theil seiner zerstreuten Arbeiten in dem Rahmen seiner„Erinnerungen und Erlebnisse" zusammen und gab 1875 im Selbstverlag das höchst interessante und vielbesprochene Buch „Von 1846 bis 1853" heraus, dessen Studium allen denjenigen zu empfehlen sein dürfte, die endlich aus den heute so v�r- worrenen Begriffen über die achtundvierziger Bewegung in's klare kommen möchten. In seiner Schreibweise hatte Fendt viel von Börne und Jean Paul, welche beide seine Lieblingsschriftsteller Wiener Lebensbilder. Ii. Wenig Erbauliches habe ich Ihnen mit meinem vorigen Briefe geschrieben, und wahrlich auch wenig Erbauliches bleibt mir heute zu berichten. Das neue Jahr ist zwar angebrochen, aber wohl niemand, der nüchternen Blickes m die Zukunft schaut, hofft von demselben ein Besserwerdcn. Wohin wir blicken, dasselbe trostlose Bild, grau in grau gemalt: unmittelbar im Südosten unseres Reiches ein schreckliches Men- schenschlachten, das an Grausamkeit alles bisher Dagewesene zu über- bieten strebt und dessen Ende niemand absieht, so daß selbst unsere guten alten Spießbürger, die sich bei Beginn des Krieges damit trösteten, daß es ja„hinten weit in der Türkei" sei,„wo die Völker auseinanderschlagen", wie es ihnen ihre tägliche„geistige Nahrung" vor- gesagt, nun bange zu fragen beginnen, ob wir nicht am Ende noch selbst verwickelt werden in die große Kapbalgerei; im Innern unfertige Zustände überall— die„Monarchie auf Kündigung" ist seit Neujahr wieder abgelaufen, und da die sich gegenüberstehenden cisleithanischen und transleithanijchen(Kapitalisten-) Interessen dem Abschlüsse eines neues Paktes bisher hindernd im Wege standen, leben wir im schönsten„Pro- visorium"— dafür aber, wahrscheinlich zur Entschädigung, die lrost-- lose Aussicht auf neue Steuern— neue Steuern für das arbeitende oder auch, weil ohne Beschäftigung, nicht arbeitende, immer aber dar- bendc Volk! Unser guter Herr Finanzminister Freiherr de Pretis, der vor drei Jahren bereits ftohen Muthes prophczcihte:„Es wird bald besser werden" und der ein Jahr später auch ungcnirt behauptete:„Es ist schon besser geworden", Herr de Pretis hat allerdings Ursache sich zu freuen: eine neue progressive Personal-Einkommensteuer ist ihm bewilligt worden, die jedes Einkommen von 606 fl. und darüber treffen wird, und wenn auch über deren Höhe und sonstige Kleinigkeiten die hoch- weisen Herren vom Reichsrathe bisher nicht einig wurden,„im Prin zipe" hat er die Steuer doch! Zwar würde auch ein größeres Finanz- genie, als es unser cisleiihanischcr Defizitverwalter ist, mit einer derart „im Prinzipe" bewilligten Steuer die fünf Millionen Gulden Steuer- rückstände, welche die wiener Bevölkerung allein schuldet, nicht bezahlen können; aber er wird sich in seiner Ungeduld wohl mit Emittirung einiger billigen Rcnrentitelchen zu helfen wissen, bis die ersehnte Gold quelle aus dem„bisher unbesteuerten" Einkoinmen, dem kargen Lohne des unbemittelten Arbeiters, kommt. Und dann gibt es ja auch noch neue Verbrauchsteuern auf Reis, auf Kaffee, auf Petroleum u. s. w.! Freue dich, armer Mann, der du bisher beim dürstigen Petroleum- lämpchcn dein Elend betrachten konntest, du wirst nun wieder zur „Schusterkerze" oder zum Kienspan zurückkehren inüsscn, wie weiland in der„guten, alten Zeit"; der Reiche aber brennt ja ohnedies kein Petroleum, sondern Rüböl, Stearin oder Wachs— wozu also klagen? Wer es aber trotzdem noch nicht glauben will, daß es„bereits besser geworden", der lasse sich sagen, daß dieser Tage in der Umgegend von Mährisch-Kromau ein gerichtlich auf 1000 fl. geschäptes Haus um Einen Gulden und eine gerichtlich auf 8000 fl. geschätzte Halblahe um zwanzig Gulden verkaust wurden, allerdings in exekutiver Feilbietung— aber ein Haus um einen Gülden!— was will man denn da noch sür bessere Zeiten?! Ich bin im Zweifel, was interessaitter wäre, ein Rückblick auf das abgelaufene Jahr oder eine Ausschau ans die uns im neuen Jahre bevorstehenden Freuden. In ersterer Beziehung lassen wir diesmal lieber den wiener Correspondenten eines liberalen Provinzblattes reden, der folgenden Bericht über die eminent fortschrittliche Entwicklung Wiens und seiner Bewohner gibt:„Daß die Bevölkerung Wiens im verflossenen Jahre sittlicher und besser geworben ist, wird niemand behaupten wollen, der die Chronik der Verbrechen mit Aufmerksamkeit verfolgt hat; es scheint sogar, als ob Leben und Eigeurhum mehr gefährdet waren als in früheren Jahren. Die Zahl der Einbrüche, Diebstähle, Betrügereien und Untcrschleise ist eine erschreckend große, uud es gäbe eine lange, traurige Liste, wenn ich die Verbrechen hier verzeichnen wollte, welche Aufsehen erregten oder erschütternd auf das Publikuni wirkten. Es ist besser, man zieht einen Vorhang vor dieses traurige Bild." 7 waren. Nur tritt bei ihm. die sprudelnde Lebendigkeit des geübten Volksredners und des kampflustigen Journalisten beträchtlicher hervor. Fendt ist den demokratischen Ueberzeugungen seiner Jugend bis zum letzten Hauch treu geblieben. Die Berechtigung des sozialdeniokrätischen Programms hat er wiederholt anerkannt— mißbilligend äußerte er sich blos über den baseler Beschluß, betr. die Grund- und Bodenfrage, den er für durchaus verkehrt hielt. Jndcß korrigirte er auch in dieser Beziehung später sein Urtheil. Das letztemal trat er vor die Oeffentlichkeit zu Ende der 69 er Jahre, wo er durch einen denkwürdigen Prozeß die mora- tische Hinrichtung des Erzhumbngs Metz, nationalvereinlichen Angedenkens, vollzog. Diese That allein sichert ihm ein Anrecht auf die Dankbarkeit des deutschen Volks. B. Und im neuen Jahre? Schon in den ersten Tagen lasen wir in unfern Blättern eine Notiz über eine von der„Sicherheitsbehörde" in den Spelunken der westlichen Vororte vorgenommenen Streifung, welche ein Ergebniß von 92 Arretirungen hatte. 17 der Verhafteten waren bereits abgestrafte Diebe u. s. w., die übrigen hatten sich, wie hinzu gefügt wird, keines andren Verbrechens schuldig gemacht, als daß sie „nichts haben". Wer möchte die Wechselbeziehung zwischen der cittrten Correspondenz des Provinzblattes und der obigen, scheinbar unbedeu- tenden Notiz verkennen: Verbrechen und Elend— Wirkung und Ursache! Man beseitige die Ursache und die Wirkung wird von selbst verschwinden! Das scheint freilich leichter gesagt als gethan; namentlich unseren Bourgeoispolitikern, die in der Polizei das Alpha und Omega aller Staaiskunst erblicken, will bei dieser Frage gänzlich das Latein ausgehen. So forderte der Herr Reichstagsabgeordnele Dumba im Budget- ausschussc bei der Berathung des Polizei-Etats Abhilfe gegen das immer mehr überhandnehmende Vagabunden- und Bettler-Unwesen in Wien; leider kann er sich auf die Idee, die soziale Frage mittelst Schub und Arrest zu lösen, nicht einmal ein Patent geben lassen, sie ist von unserer „liberalen" Regierung schon ein Lustrum hindurch praktisch gchandhabt. Allerdings ist es von unseren Volksvertretern zuviel verlangt, sich auch mit volkswirthschaftlichen Studien zu befassen und den Ursachen der heutigen miserablen Zustände auf den Grund zu gehen-- sie haben ja Wichtigeres zn thun! Dumba selbst ist ein großer Sänger vor dem Herrn, dem die Lorbeeren des wiener Männergesangvereins wahrscheinlich mehr am Herzen liegen dürsten, als die Interessen seiner Mandatgeber für den Reichsrath. Ob er auch Mitglied des reichs- rüthlichen Turnclubs ist, weiß ich nicht. Wenn nicht, wäre es wahrlich schade, er gäbe ein prächtiges Seitenstück zu seinem reichSräthlichcn Kollegen Baron Walterskirchen, der sich jüngst als„Dauerläuser" produzirte. Ohne Spaß! Zn erfahren, daß der edle Baron, ein Ar- beiterfrennd vom reinsten Wasser(etwa wie Ihr Schulze aus Delitzsch), ein gewandter Turner sei, nahm mich nicht gerade Wunder, denn die rhetorischen Bockjprünge, die er zu uilterschiedlicheninalen in den Debat- ten unseres„hohen Hauses" zum Besten gab, sind aller Anerkennung werth. Nun hat er, wie gesagt auch als Dauerläufer seine Probe abgelegt. Er hatte mit mehreren seiner Kollegen aus dem Parlainente gewettet, daß er die ganze Ringstraße im Dauerlaufe, ohne anzuhalten, passiren werde, und an einem frühen Morgen lief er diese Strecke richtig innerhalb ücü/z Minuten, unter der Kontrole der turnerischen Abgeordnelen. Daß ob dieses Sieges daS obligate Festessen nicht ausbleiben durste, ist wohl selbstverständlich, wo bliebe denn sonst die gute, alte deutsche Sitte, daß jegliches Thun mit Speise und Trank wohl beschlossen werden müsse. Und unserere reichsväterlichen Turner sind gute Deutsche: das Menu des„Wettlaus-Essens" durfte auch nicht Einen französischen Ausdruck enthalten! Daß Champagner und Bordeaux ebenfalls verbannt waren, meldet Fama nicht, es ist indeß schwerlich anzunehmen, denn bekanntlich„der echte deutsche Mann mag keinen Franzcn leiden, doch seine Weine trinkt er gern". Launige Toaste gab es, recht gewagte Turncrkünste kamen vor und das Ganze währte bis in die späte Abendstunde- und da will man noch haben, die Herren sollten Zeit finden, dem Elende des Volkes abzuhelfen! Zur Vervollständigung unseres Bildes fehlt jetzt eigentlich nur noch ein„ReichSralhs-Tingl-Tangl". Die Kräfte wären so schön beieinander. Der Sänger Dumba, der Turnklub als Akrobateutruppe, Walterskirchen als Dauerläuser, an unterschiedlichen Clowns und Kautschuck- mänuern dürfte eS ebenfalls nicht fehlen und im Nothfalle könnte man ja auch den ehemaligen Kollegen Brandstätter, der jetzt im Karlaucr Strashause die Folgen seiner Unvorsichtigkeit bei Ausfertigung von Wechseln absitzt, eine» Gastrollcn-CykluS im Concertzeichnen geben lassen. Und um ein geeignetes Lokal hätte man gleichfalls nicht lange zu suchen, ist doch in nächster Nähe des„Abgeordnetenhauses"(falls man dieser Bretterbarake selbst nicht mehr die genügende Widerstandssähigkeil gegen einen größeren Andrang zutraut) die soeben wieder verwaiste„Komische Oper"! Diese.Komische Oper", die schon die längste Zeit her mehr„komisch" als„Oper" ivar, ist wieder einmal gekracht— ivenn wir nicht irren, seit den fünf Jahren ihres Bestehens zum sechsten Male— und zwar nach einer Theatersaison von ganzen acht Tagen. Noch haben die Orchestermitglieder dieser Bühne nicht die ihnen gerichtlich zugesprochenen Gagen für die vorige Saison, da sich der vorige Direktor Hirsch „unbekannt wo" befindet; und wieder sind bei 200 Existenzen der herb- sten Roth anheimgegeben durch den Leichtsinn eines Menschen, der sich nicht scheute, ein frevelhaftes Spiel mit ihnen zu treiben, des Direktors Swoboda, welcher das Theater pachtete, ohne irgend einen Fonds zum Betriebe desselben zu haben, die Leute, Schauspieler sowohl wie Musiker, größtentheils aus der Ferne herbeilockte, da ihm die wiener Musiker- Vereins-Mitglieder nicht zu Gesichte standen, und nun das Theater auf gut Glück eröffnete, um es nach acht Tagen wieder sperren zu müssen. Und es giebt noch Zeitungen, die einen solchen Abenteurer bedauern! Es kracht übrigens nicht blos in der„Komischen Oper", sondern so ziemlich an allen wiener Bühnen, die nicht durch Staats- oder son- stige Subventionen geschützt sind: der Direktor des Theaters an der Wien machte im Sommer Konkurs; ob es ihm Heuer, nachdem er mit seinen Gläubigern, darunter auch sein Schauspiel- und Orchesterpersonal, eine Art Ausgleich getroffen, besser gehen wird, ist eine andere Frage. Für das Carl-Theater, dem einzigen wiener Privattheater, das sich bisher immer ausrecht zu halten vermochte, will sich zu den hohen Pacht- bedingnissen kein Pächter mehr finden. So ist der Krach noch immer die Signatur der Zeit und Heuer mehr als je, ganz abgesehen von dem großen Krach, den der gute Geschmack an unfern Vorstadtthcatern schon lange erlitt.— Doch hievon ein anderesmal! „Es wird bald besser werden!" Viennsazis. Im Hause Fuggcr. Unsere Leser sehen, daß es keine arme, nothleidende,„enterbte" Familie ist, in deren häuslichen Kreis unser Bild(Seite 221) sie führt; im Gegcntheil: die Fugger scheiden sich in gräfliche und fürstliche Linien, ihren Grundbesitz rechnen sie nach Quadrat- Meilen, ihr Vermögen zählen sie nach Millionen und ihr häusliches Leben haben sie seit Jahrhunderten mit allen Genüssen des Leibes und des Geistes auszuschmücken gewußt. Ja— seit Jahrhunderten! Bor mehr als 400 Jahren lebte zu Graben nahe bei Augsburg ein schlichter, armer Webermeister, Johannes Fugger, der seinen Sohn, auch Johannes geheißen, nach Augsburg hinein an eine Bürgerstochter der hochmäch- tigen und reichen freien Reichsstadt Augsburg verheirathetc. Herr Johannes Fugger der jüngere war natürlich auch Webermeister, Leinwand- Weber zumal, und das war sein Glück, denn zwei Jahre bevor er sich in das Bürgerrecht der freien Stadt hineinheirathete(1370), hatte sich die Zunft der Weber in die Regierung derselben eingedrängt und aus der aristokratischen Herrschast der wenigen vordem rathsfähige» Ge- schlechter eine ächte und gerechte Weberzunftherrschaft gemacht. Und terr Johannes der jüngere verstand seinen Nutzen und beutete die ortheile, welche das Bürgerrecht und die vorzügliche Lage Augsburgs als Hauptstapelplatz des damaligen Handels zwischen dem nordischen Europa und Italien, gleichwie zwischen dem ersteren und dem Morgen- land darbot, geschickt genug aus, um seinen Erben ein beträchtliches, freilich nicht aus dem„goldnen Boden" des Handwerks der Leinen- Weber, sondern auf dem schon damals recht prakttkablen Wege des Spekulationshandels, und zwar des Leinenhandels, erworbenes Ber- mögen zu hinterlassen. Die Nachkommen des spekulativen Johannes waren auch nicht umsonst Bürger von Augsburg und Mitglieder der herrschenden Zunft— sie benutzten die günstige Stellung aller durch die jeweiligen Umstände unumgänglich gemachten Händler, als Waaren- vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten, vortrefflich, und schon der älteste Sohn Andreas brachte es zum adeligen Wappen, das der Kaiser Friedrich III. seiner Linie, der der Fuggcr vom Reh, ver- leh. Freilich starben diese Fugger nach noch nicht 1'/, Jahrhunderten aus, aber das Haus des jüngeren Bruders Jakob, das der Fugger von den Lilien, handelte und blühte durch die Jahrhunderte sort, heirathetc in die vornehmsten und reichsten Geschlechter hinein, häufte Gold auf Gold, pumpte Kaisern und Königen und ward schon von Maximilian I. ebenfalls in den Adelsstand erhoben. Fortan waren die Fuggcr in allen Ländern und Meeren gebietende Welthandelsherren und die Freunde der Kaiser und deren Helfer in vielen Geldnöthen; auch die Kirche hatte sich ihrer klingenden und glänzenden Unterstützung im reichsten Maße zu erfreuen. So bezahlten sie den berüchtigten Maulhelden llr. Eck für seine Zungenkämpfe gegen Luther, warfen manches Tausend blanker Goldkronen in den nach der Ambrosia des Goldes und dem berauschen- den Nektar der Macht gierig geöffneten Rachen des Jesuitenordens und thaten sogar in einem ihrer Familienglieder, der während eines Theilcs des 30jährigen Krieges Oberbefehlshaber der Armee in Schwa- ben war, selbst zur Vernichtung der Ketzer ihr möglichstes. Natürlich fielen hin und wieder auch Brosamen von der zum Zerbrechen besetzten Lebenstafel der Fugger für einzelne der Millionen, die bei der Lotterie des Daseins nicht da; Fugger'sche große Laos erhascht hatten, ab; die Fugger waren sehr wohlt.,ättge Leute, sie gaben einen lächerlich kleinen Theil ihres Ucberflusles den Armen und die allzubescheidenen Augen fanden die Bettelfvmmen gar häufig groß, sehr groß und des reichsten Gotteslohnes Werth. Und fürwahr! Wen» man sich die Fuggerei bettachtet, die kleine Stadt inmitten der Jakobervorstadt von Augsburg, mit ihren sechs Haupt- und Nebengassen, ihrer eigenen Kirche und ihren mehr als 100 Wohnungen, in welchen arnic Augsburger für ein Spottgeld dauernde Wohnung fanden— man könnte wahrlich den Hut abziehen vor solcher Wohlthätigkeit, wenn man nicht wüßte, daß die Fugger zur Zeit der Erbauung der Fuggerei im 16. Jahrhunderte zehnmal größere Armenstädte hätte bauen können, ohne ihren Riesen geldbeutel der Rede werlh zu erleichtern, und wenn es nicht heutzutage noch Kapitalisten gäbe, die mit silbernen Ketten, mit Gewährung von materiellen Bortheilen aller Art eine Klientenschaar, einen Haufen armer, ohne fremde Unterstützung darbender Leute, an sich fesseln— im wesent- lichen zu keinen anderen Zweck, als zu dem dauernder und ungestörter Ausbeutung der fremden Arbeitskrast. Auch die Fugger wußten ihr schätzebeladenes Lebensschiff auf sicheren Ankergrund zu bergen, sie brachten es bis zur reichsunmittelbaren Fürstenherrschaft und gehören heute noch, wenn sie gleich vom selbstherrlichen Fürstenthrone herunter mußten, als man in Deutschland von den mehr als 100 Landesvätern den größten Theil pensionirte, doch zu den„besten" Geschlechtern im Reiche.— Uud nun, nach diesem flüchttgen Blicke auf die Geschichte derer von Fugger, mögen die Leser sich die beredte Szene, welche unser Bild zeigt, recht genau betrachten; solche Bilder lehren, wie herrlich weit in der Verschönerung des Menschenlebens es die Kultur bringen konnte, und, nebenbei auch, was es auf sich hat mit der angeblichen „Phrase" von der enterbten Masse des Volks! G. Zwei Versuchungen. Die christliche Mythologie berichtet von einer Versuchung Christi durch den Teufel. Es heißt ini„neuen Testamente" wörtlich:„Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, aus daß er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brod werden. Er antwortete aber und sprach: Es stehet geschrieben: Der Mensch lebt nicht von Brod allein, sondern von einem jeglichen Worte, das durch den Mund Gottes gehet. Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so laß dich hinab, denn es stehet geschrieben: Er wird seinen Engeln über dir Befehl thun und sie werden dich auf den Händen ttagen, aus daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Da sprach Jesus zu ihm: Wicderuni stehet auch geschrieben: Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen. Wiede- rum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir Satan, denn es stehet geschrieben: Du sollst anbeten Gott deinen Herrn und ihm allein dienen.— Da verließ ihn der Teufel und siehe die Engel traten zu ihm und dienten ihm." Die Koraiten sagten einst zu Muhamcd, um ihn zu versuchen:„Du rühmst uns von Mose, daß auf einen Schlag seines Stabes aus einem Felsen in der Wüste eine Quelle entstanden sei und daß Jesus, der Sohn Mariens, Todte lebendig gemacht habe. Wir glauben dies ganz gern, thu du nun auch irgend solch Wunder und wir wollen dann auch deine göttliche Sendung glauben. Vitt' ein- mal Gott, daß der Berg Scsa, den wir hier vor uns sehen, sich in Gold verwandle und sogleich wollen wir alle deine Lehre annehmen." Das war eine üble Lage, in die der Prophet versetzt wurde. Er konnte sich nicht mit dem Worte Christi aus der Klemme ziehen: Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen. Damit hätte man ihn ausgelacht, Er half sich auf andere Weise. Auf der Stelle fing er an zu beten, und siehe da, der Engel Gabriel, immer bereit ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, offenbarte ihm, daß Gott sich allerdings solcher Wunder bediene. um die göttliche Sendung seiner Propheten zu beweisen. Er sei je- doch nicht mehr so langmüthig wie früher und stelle bei derartigen Wundern die Bedingung, daß, wenn die Völker nach einem solchen ver- langten und erhaltenen Wunder im Unglauben beharrten, sie alle ver- ttlgt und ihre Länder verwüstet werden sollten, wie es zu den Zeiten Hebers und Salah's geschehen sei.„Wähle nun," sprach der Engel zu Muhamed,„entweder dieses Wunder zu thun, das ein so schreckliches Strafgericht zur Folge hat oder es nicht zu thun, bis die Koraiten (Koraischiten) Buße thun und sich zu Gott wenden." Muhamed besaß ein fühlendes Herz und verzichtete auf das Wunder im Interesse der Koraiten, und der Berg Sesa blieb wie er war, von Stein. Hinter der Versuchung Christi darf man den gleichen Einwand suchen, der Muha med gemacht wurde. Der angebliche Teufel ist das ungläubige Volk, das von ihm Wunder verlangt, die er ihm nicht gewähren kann. Jesus sucht in der Schrift nach Ausflüchten, den Forderungen der Zweifler zu begegnen. Muhamed ist kühner, er versteht es besser, seine Gegner, aus deren Worten, wie bei dem Teufel in der christlichen Erzählung, der boshafteste Hohn klingt, zum Schweigen zu bringen. Die Wunder> Jesu, die im weiteren Ausbau der christlichen Mythologie entstanden' sind, stehen mit der ursprünglichen und der Wahrheit mehr entsprechen den Erzählung durchaus im Widerspruch. C. L. Die Abstamnmugslehre und ihre Dokumente für die soz«ale Frage verwcrthbar gemacht. Es ist mir unverständlich, daß wir, die Zeitgenossen Darwins, die Lehre von der weltbewegenden Descen- denz und Zuchtwahl des Menschen, von der Descendenz der Physio- gnomien und der geistigen Eigenschaften noch nicht aus unsere politischen und staatssozialen Verhältnisse nutzbringend übertragen haben. Wir 228 keimen empirisch bereits viele Regeln des»nbewußten„Züchtens" der Lebewesen, wissen so manches über die Vorzüge eines nawrmäßigen Züchtens und über die folgenschweren Mißgriffe, welche in der Zucht- wähl der Volker, nainentlich durch die geivaltsamen Eingriffe in die Zuchtwahl(Kriege je.) begangen werden. Die ganze moderne Literatur der Darwinianer und die ihrer Widersacher stimmen in dem Einen überein, daß sie in der einen oder der andern Richtung das Studium der Abstammungsvorgänge als das wichtigste der Wirthschastslehre be- tonen, und dennoch stehen wir, was die praktische Verwerthung der Vererbungslehre betrifft, noch weit hinter den Anschauungen des Mittel- alters über den Werth der Genealogie zurück. Woher diese Erschei- nung? Das Studiengeleise, welches Darwin durch das Gebiet der Abstammungslehre gelegt hat, und in welchem er sich nicht auf das genealogische Studium ganzer Arten von Lebewesen beschränkte, sondern den Stammbaum der ganzen Erdbevölkerung vornimmt, ist fast schon zu breitspurig geworden, als daß in demselben die Darwinianer sich auf Spezialstudien über die Familienabstammungeu der menschlichen In- dividuen, also auf eine enger begrenzte Abstammungslehre, einlassen könnten.— Zwei verschiedenartige Lehrsysteme: der Darwinismus und das, was wir im engeren Sinne Genealogie nennen, jener ein Frisch- ling und diese eine alte Stammwurzel der Abstammungswissenschaft, sind es, welche wunderbarerweise einander begegnen in einem Zeitalter, welches in seiner sogenannten realistischen Richtung, in seiner Abneigung gegen historische Ahuenkunde, unbewußt nicht übel Lust zeigte, mit den unschätzbaren Ueberlicferuugen der in dem Geburtsadel so schön ge- hegten Abstainmungstraditionen zu brechen. Während unsere Zeit auf der einen Seite die Theorien der Abstammungslehre fast vergöttert und alle Vorgänge der Entwicklung der Lebewesen mit Recht auf De- scendenz und Zuchtwahl zurückführen will, zeigt sie ans der andern Seite sür die sozialpolitische Praxis der Abstammungsgesetzc, für die Werthschätzung der Blutsvererbung in der eigenen Gattung weder Sinn noch Verständniß. Wie nahe es liegt, so ist doch unser darwinistisches Jahrzehnt noch weit entfernt davon, in den aufgespeicherten Ahnen- tafeln und Stammbäumen des Geburtsadels den rothen Faden zu er- blicken, an welchen die neuere Descendenzlehre viele ihrer Beobachtungen über Werth oder Unwerth ihrer Vererbuugsanschauungen wird an- knüpfen müssen. Um diese Anknüpfung fruchtbar zu machen, müssen wir von der umfassenden modernen Descendenzlehre sür unser Spezial- studium einen Zweig abtrennen, für welchen sich das Bcobachtungs- Material der alten Genealogen vorzüglich wird verwerthen lassen. Wir müssen nämlich eine intergeueagraphische und eine intrageneagraphische Abstammungslehre unterscheiden, wobei die letztere als eine begrenzte Unterart der ersteren erscheint. Während wir unter der intergenea- graphischen Abstammungslehre(Darwinianismus) diejenige Wissenschaft verstehen, welche ein Herauswachsen der Arten aus gemeinschaftlichem Stamme annimmt, umfaßt die intrageneagraphische Abstammungslehre diejenigen Vererbungsvorgänge, welche sich innerhalb der Grenzen einer bestimmten Art von Lebewesen in der Familie und am Jndivi duum abwickeln. Wir reden demnach von einem intrageneagraphischen Studium sowohl der einzelneu Thierarten, wie von einem solchen der Menschen. Aus der vergleichenden Nebeneinanderstellung der bei dem Menschen und bei den Thieren gefundenen Vererbungsthatsacheu werden wir endlich jene vergleichenden intrageneagraphischen Gesichtspunkte gewinnen, welche die eigentliche Unterlage einer auf Beobachtungen sich stützenden sozialpolitischen Vererbungslehre bilden. Wenn ich übrigens von Vererbungsthatsacheu und sogar schon von einem Nebeneinanderstellen derselben innerhalb der Gattungen und Arten sprach, so setzte ich stillschweigend voraus, daß überhaupt beim Menschen wie bei den Thieren solche Vercrbungs-Thatsachen, Vererbungs- gesctze bestehen, daß sie unserer Beobachtung zugänglich und behuss vergleichender Aufsammlung im Bilde fixirbar sind. Allerdings giebt es Vererbungsthaisachen in zahlloser Menge, sie finden ihren erkenn baren und fixirbaren Ausdruck in der äußeren Erscheinung, dem indi- viduellen Ausdrucke jedes Lebewesens. Es wird kein Individuum ge- boren, an welchem sich nicht großartige Vererbungsthatsacheu vollzögen, welche Werth sind in Wort und Bild fixirt zu werden; vererbt, durch Abstammung von den Voreltern übertragen, sind alle dieienigen Eigenschaften eines Individuums, welche es ivesentlich zu dem machen, was es ist und als welches es uns erscheint. Diese vererbten Eigenschaften sind einestheils normale, physiologische, anderntheils krankhaste, abnorme; sie alle werden unserer Beobachtung zugänglich im Individuum, in der Physiognomie seines ganzen Körpers. Während wir am Thicrindividuum wirklich den anatomischen Bau des ganzen Körpers als das Charak- teristische der Uebererbung zu betrachten gewohnt sind, haben wir für die Mensch cnindividuen in der Regel nur einen verstümmelten Ber- erbungsmaßstab: hier ist es nämlich nur ein Bruchtheil der Körper- obersläche, der Quadratsuß Antlitz, der Ausdruck des Gesichts, welcher uns als körperliches VererbungSmerkmal dient. So lange der Kultur- mensch, im Gegensatz zum Naturmenschen nnd zum Thiere, auch in seiner Zuchtwahl sich nur nach derjenigen Parzelle der Körperphysio- gnomic bestimmeil läßt, welche das Angesicht, die Physiognoune im engeren Sinne genannt wird, müssen wir einstweilen den persönlichen Gesichtsausdruck von allen Verckbnngsnierkmalen als dasjenige betrachten, welches für unsere Zwecke fixirbar ist und ein umfassendes, vergleichen. des Bererbungsstudium gestattet,„ckacot sine nomine trnncns," sagt schon der Dichter,„ohne Kops ist der Rumpf namenlos." Diese That- fache, daß beim Menschen lsider nur die Kopffacade, das Gesicht, das bestimmende, das nennende Vererbungsgebiet ist, auf welchem die Ver- erbungsspuren sich abmalen, soll als zugestanden gelten. __ Dr. H. Oidtmann. Z«r Berichtigung eines Jrrthnms. Die Nummer 12 der „Neuen Welt" bringt unter diesem Titel eine Notiz, die einen Angriff gegen mich enthält. Herr Eduard Bertz behauptet nämlich darin, daß ich im Jrrthum sei, dem Philosophen Empedokles etliche Aussprüche zuzuschreiben, die aus dessen ausgeprägten Pessimismus schließen lassen. Ferner stellt Herr Bertz ganz entschieden in Abrede, daß Empedokles je die Welt als ein„Jammerthal", ein„Exil"-c. angesehen, und sucht dies damit zu beweisen, daß er verschiedene Schriften(Fragmente) des Empedokles anführt, in denen davon nichts enthalten sei. Ich habe nun auf diese Ausführungen zu erwidern, daß Hr. Bertz, wenn anders ihm daran gelegen ist, die Weltanschauung des Philosophen Empedokles kennen zu lernen, der ich in meiner Novelle„Der Erbonkel" Ausdruck gegeben, das Werk von Sturz, Empedokles Agrigentinus, lesen möge. Er wird darin fast wörtlich jene Aussprüche des Empedokles finden, welche ich citirl. Schließlich möge hier die Beurtheilung des Empedokles von Seite des großen franksnrtcr Philosophen Platz finden. Arthur Schopenhauer äußert sich über unfern Philosophen wie folgt:„Vor allem aber ist unter den Lehren des Empedokles sein entschiedener Pessimismus beachtenswerth. Er hat das Elend unseres Daseins vollkommen erkannt, und die Welt ist ihm, so gut wie den wahren Christen, ein Jammerthal. Schon er vergleicht sie, wie spater Plato, mit einer finsteren Höhle, in der wir eingesperrt wären. In unserem irdischen Dasein sieht er einen Zustand der Verbannung und des Elends, und der Leib ist der Kerker der Seele" ze.— Wie man sieht, befindet sich Hr. Bertz auch mit den Ansichten Schopenhauers über Empedokles in entschiedenem Widerspruche! Ernst von Waldow. Korrespondenz Dortmund. H. R. Ihre Erzählung inird baldigst geprüst. Indessen können wir auch im gaste der Berwenddarkeil sür baldigen Abdruck nicht garantircn, da wir sckwn seit langem übergenug derartiges Material aus Lager haben. Baltimore. I. Ph.„ilmerikanische Sittenbilder" sind uns willkommen, wenn sie gut geschrieben und geeignet sind, sitlenveredelnd zu wirken. Auch Zeichnungen der von Ihnen angegebenen Art nehmen wir zur Prüsung entgegen. Chemnitz. R. Sch. Nr. 18 wird Sie bereits über Ihren Jrrthum ausgekläri haben. Breslau. P. I— r. Ihre Börse sind stellenweise sehr hübsch: doch schießt der Ausdruck zuweilen bei dem Ziele Ihrer iSedanken vorbei und bringt außerdem auch jene sür die„R. W." antiquirte Anschauung von dem Siorie, der nicht Herren und nicht Knechte schus, zur Geltung. Bekomplimentiren Sie diesen Sott still und böslich aus Ihren Sedanken und Gedichten hinaus und suchen Sie den leeren Platz mit recht viel tiesen und wohlmotivirten Ideen zu süllen.— Frl. Laura T. Was sür Kleider denn die Frauen und Mädchen in unsrer rothen Republik tragen würden, sragen Sie? Run, Kleiderordnungen werden die Sozialisten wohl nicht seftstcllen, unsere liebenswürdigen Damen werden sich also kleiden, wie es ihnen beliebt und praktisch und schön icheint(die unliebenswürdigen natürlich auch!). Hat das Ihren Bcisall. bestes Fräulein? Landsdcrg. A. Rm. Wir möchten„endlich einmal das Porträt»nsre« guten Kaisers Wilhelm" bringen? Entschuldigen Sie gütigst, da» tdun wir nicht! Das Porträt des Kaisers Wilhelm zu zeichnen überlasten wir der Geschichte! Und wir hosten, daß unsre Nachkommen loyal genug sein werden, dasür zu sorgen, daß der Sristcl der Ge- schichte bei dieser Arbeit von unparteiischer Hand gesührt wird. Apropos! Sic lesen wohl die„N. W." noch nicht lange? Berlin. H. L. Die von Ihnen ausgestellten Gesichtspunkte bezüglich der Lehr- particen sür Ansätiger im Schachspiel haben viel sür sich: Sie berücksichtigen aber nicht Jur genüge, daß niemals eine Gelegenheit, durch eine geschickte und nicht allzuties liegende rombination die Partie in wenigen Zügen zu beendigen, versäumt werden dars. Und dies ist bei der von Ihnen zuerst eingesendeten Partie doch der Fall, trotz Ihrer Mei- nung, mit 18)(Schwarz) ck?— ck« den Ruin abwenden zu können. Taraus antwortet nämlich Weiß sosorl mit«S— sS, macht somit durch Deckung des gesährlichen Läusers aus f? die weiße Dame völlig aktionssrei, sperrt den zur Rettung des Schwarzen, wie Sie ganz richtig erkannt haben, unentbehrlichen Läuser aus ev hoffnungslos ein und be- flegelt mit nachsolgendem L. vi— g:ö(falls Schwarz L. vS— dl zieht) oder S.»4— kg ohne Erbarmen das Beschick des Schtvarzen. Das neuerdings eingesendete Biuoco piano weiden wir demnächst mit Interesse durchsehen.— I. H. Arbeiten, welche in das Gebiet der Kriminalnoveven schlagen oder nahe daranstreisen, sind sür uns nicht verwendbar, wenn sie die Leser nicht zu den sozialen Quellen aller Lerbrechen sühren. Aerztlicher Briefkasten. Berlin. I. W. Wenn der Stuhlgang iticht die gewöhnliche Färbung hat, sondern weißlich ist, so sind Sie nicht magenleidend, sondern es ist jedensalls eine Lebererkrankung vorhanden, als deren weitere Folgen die von Ihnen beschriebenen Darmllörungen austreten. Kausen Sie Sich in einem Drogucngejchäst IS Gramm schweselsaure» Natron itnd IS Gramm doppeltkohlensaures Natron: lösen Sie beides in einer Flasche, die un- gesähr l'2-2 Liter Wasser saßt, aus, und trinken Sie jeden Morgen I— Weingläser voll. Wird es danach in einigen Wochen nicht wes-ntlich bester, so würden wir Ihnen rathen, sich an einen dortigen Arzt zu wenden, an denen doch in Berlin wahrlich kein Mangel ist. Breslau. A. R. Bon den dortigen Aerzten hat Herr Prosestor Boltolini als Ohrenspezialarzt den meisten Rus. | Wittenberg. K. R. Solange die Eck- und Schneidezähne uoch in leidlichem Zu- | stände sind, sieht man in der Regel von der Ansertigung eines künstlichen Gediffes ab, denn es ist immer bester, sich mit eigenem Kapitale durch die Welt zu Helsen, also die ] Speisen zu kauen. als mit sremdem. Das künstliche Gebiß ersetzt, wenn gut gearbeitet, I die natürlichen Zähne zwar einigermaßen, aber nur zum Iheil. Die noch sestsitzenden Zahnwurzeln lassen Sie, wenn sie Ihnen keine Schmerzen verursachen und keine Ber- anlastung zu Wurzelhautentzündungen geben, nur unberührt, denn sie bilden später eine gute Unterlage sur das künstliche Gebiß. Dr. Resau. (Schluß der Redaktion: Montag, den 2«. Januar.) Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.