Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig Ein verlorener Posten. Roman von Wudotf Lavant. (Fortsetzung.) �Sobald die Heilung Wolfgang's soweit vorgeschritten war, daß der Arzt ihm gestatten konnte, Besuche zu empfangen, ließ er den Steiger Krone bitten, zu ihm zu kommen, inid dieser fand sich denn auch sofort bei seinem kranken Hauptmann ein. Krone war bisher der einzige gelvescn, der sich Wolfgang gegenüber etwas zurückhaltend gezeigt hatte, und wenn die Kameraden ihm in der Begeisterung für den jungen Führer zu weit zu gehen schienen, hatte er wohl auch einmal geknurrt:„Neue Besen kehren gut!" oder:„Abwarten" und hatte still und ernst seinen Dienst gcthani stellte man ihni vor, daß er Wolfgang durch seine Zweifel unrecht thue, so hatte er wohl orividcrt, daß es sich noch sehr frage, ob ihn jemand so hoch halte wie er, daß er ihn aber noch nicht nahe genug. kenne und daß er nie vorschnell nrthcile. Man hatte die Achseln gezuckt und gesagt:„Also auch hierin der Sonderling, der an allem herummäkelt." Für einen Sonderling galt Krone bei all seiner Gntmiithigkeit' schon lange, ja seine nächsten Bekannten nannten ihn verbittert und verbissen, weil er sich schon seit dem schleswig-holsteinischen Kriege von 1861 fortwährend in Opposition zu der„öffentlichen Meinung" befunden hatte. Er hing noch fest und unverbrüchlich an den Traditionen von 1848, die er in seiner Weise verstand; er legte ans alle Freiheitsfragcn ein viel größeres Gewicht als ans das Nationale, und es hatte ihn mehr und mehr in die Vereinsamung hinein- getrieben, daß keiner von seinen Bekannten seine Anschauungen theilen ivollte und daß man sich, erbittert oder unmuthig, von ihm abwendete. Besonders während des Krieges gegen Frank- reich hatte man es in der Gluthitze des nationalen Paroxysmus nicht an Anfeindungen des„Batcrlandslosen", des„Franzosen- freundes" fehlen lassen, und es waren ihm brutale Aeußerungen zu Ohren gekommen, die ihn aufs tiefste schmerzten. Es ging ihm die Fähigkeit ab, einem zungenfertigen Gegner die Stange zu halten und nach ein paar formlosen Sätzen, die er hervor- gepoltert hatte, kani er gewöhnlich in's Stocken und ans seinen Wangen zeigten sich scharfnmgrcnztc rothe Flecke— ein sichres Zeichen, daß es in ihm kochte und gährtc und daß er doch keinen schlagenden Ausdruck für seine Gedanken zu finden vermochte. Mit düstrem Blick, die Arme über der Brust verschränkt, biß er dann wohl die Zähne aufeinander, fraß seinen Groll stumm in sich hinein und gelobte sich, kein Wort mehr zu erwidern, aber wenn man dann, ihm zum Tort und Hohn, die„Wacht am Rhein" anstimmte, so mühte sich seine rohe, tonlose Stimme doch wieder ab, mit seinem geliebten Revolutionslied: „■AIIons, eufants de la patric! Lc jour de gloire est arrive!" durchzudringen, und wenn er schließlich, von der Menge nieder- gebrüllt, mit glühendem Gesicht zornig ans- und davonging, schallte ihm spöttisches Gelächter nach, ja, er hatte mehrfach heftige Auseinandersetzungen mit seinen besten Freunden gehabt und die meisten waren dem„Unverbesserlichen" ans diese Weise entfremdet. Er litt unter diesen noch nachwirkenden Zerwürf- nissen mehr als er hätte sagen können, denn er war ein cnt- schiedener Gemüthsmensch und hinter seinem galligen, verbissenen Trotz und Hohn barg sich eine große Weichheit der Empfindung, deren er sich schämte, deren Aeußerungen er aber oftmals vergebens zu unterdrücken strebte. So durfte ihn niemand an ein Töchterchen erinnern, das er besonders lieb gehabt hatte und das ihm in demselben Monat gestorben ivar, in dein es zum ersten- male hatte zur Schule gehen sollen, ohne daß es unter dem dichten Schnurrbart schmerzlich um die Mundwinkel zuckte, und der Gang nach dem kleinen sorgfältig gepflegten� Grabe war fast sein einziger Spaziergang; traf man ihn dort, so fuhr er gewiß mit dem Rücken der braunen Hand über die Augen, um die Thräne zu zerdrücken, die ihm beim Anbinden und Ausputzen der Blumen unwillkürlich in's Auge getreten war. Hand in Hand mit dieser Weichheit ging eine verstohlene Begeisterungs- fähigkeit, die selbst für den etwas Rührendes hatte, der sie komisch fand; er wußte jede Zeile der schwertscharfen, glockentönigen Lhrik auswendig, durch welche Herwegh und Freiligrath den Bcwegungs- jähren die poetische Weihe gaben, und besonders Freiligrath war sein erklärter Liebling; bei ihm fand er dieselbe Anschauung, die alle seine Urtheile färbte:„Es gibt nur zwei Parteien— die Reichen und die Armen: alle anderen Parteiunterschiede sind Spiegelfechterei und Schattenspiel an der Wand," und mit der er nur noch denen gegenüber herausrückte, die er halb und halb für seine Gesinnungsgenossen hielt; man hatte diese Formulirung seiner tiefinnersten Ueberzeugung so oft für eine kolossale Ucber- treibnng erklärt, daß er mit diesem Satze mehr als früher zurück- hielt. Er war Faktor in der kleinen Druckerei des Orts und dem Besitzer derselben längst unentbehrlich geworden, da er zugleich lg. Februar Ig7S. die Korrekturen las und eine hinreichende Zchriftgewandheit l saß, um auch stylistische Schnitzer verbessern können; oh diese Unentbehrlichkeit hätte die stoische Tapferkeit, mit welcher er 1870/71 überall seine politischen Ansichten bekannte und nach Kräften verfocht, ihm leicht seine, wenigstens nicht schlechte, Stel- lung kosten können, denn es hatte nicht an begeisterten Patrioten gefehlt, die dem Besitzer der Druckerei in den Ohren lagen und ihn aufforderten, diesem Menschen, der sich an der„Ehre der Nation" vergreife, kurzer Hand den Laufpaß zu geben. Der gute Mann zuckte in aufrichtigster Verlegenheit die Achseln; er mochte um keinen Preis einen Zweifel an der Hochgradigkeit seiner Vaterlandsbegeisternng aufkommen lassen und wäre doch in eine peinliche Nothlagc gerathen, wenn er dem Drängen nach- gab. So lavirte er denn, so gut es gehen wollte, suchte Krone als einen harmlosen, eher bedauernSwerthen Sonderling zu cnt- schuldigen und bat, wenn die Ungestümen sich garnicht abweisen ließen, ihm wenigstens Zeit zu lassen, bis er einen andern passenden Mann gefunden haben werde; er hoffte dabei im stillen, die Siedehitze werde auf eine mäßigere Temperatur herabsinken und Krone's nndeutsche Haltung während des Krieges, der doch nicht ewig dauern konnte, werde in Vergessenheit kommen. Er hatte richtig gerechnet, und so kam es denn, daß man den einst so vielfach Angefeindeten noch immer jeden Mittag und Abend in einer Art von nachlässigem Trott die Druckerei verlassen sehen konnte— einen breitkrämpigen Filzhut auf dem Kopfe, den einreihigen Rock bis an den Hals herauf zugeknöpft und die linke Hand in der Tasche des weiten, faltigen Beinkleids— und daß er nach wie vor in der Feuerwehr als eins der erfahrensten, kaltblütigsten und diensteifrigsten Mitglieder selbst von seinen Gegnern respektirt wurde. Er hatte eben, in hilfloser Verlegenheit bis in die Ohrläppchen erröthend, linkische Versuche gemacht, den herzlichen Dank Wolfgang's abzulehnen, diesem das alleinige Verdienst bei der Rettung des jungen Mädchens zuzuschieben und seine Betheilignng als die allerem- fachstc, gefahr- und verdienstloseste Pflichterfüllung darzustellen, und als Wolsgang ihn versicherte, daß es die Heilung seiner Verwundung sehr begünstigen werde, wenn er Gelegenheit erhalte, seinem unerschrockenen Kameraden einen noch so kleinen Dienst zu erweisen, da zauderte er lange und Ivand und krümmte sich, bis er die Bitte hervorbrachte, ihm im August ein paar Okulir- reifer von den jedenfalls sehr schönen Rosen zu überlassen, die Wolfgang in seinem neu angelegten Garten angepflanzt habe und deren Namen er gern erfahren möchte; er habe auf dem Grabe seines Töchtcrchens einige sehr schöne Wildlinge stehen, die er gern veredeln möchte, und es sei ihm doch nicht glcichgiltig, welche Arten er dazu verwende. Wolfgang sagte, von einer leichten Rührung angewandelt, be- reitwillig zu, daß er sich selber wählen solle, was ihm am meisten gefiele, fand aber natürlich diese Bitte ungenügend und war nicht wenig erstaunt, als Krone nun, sich selber zwingend, das gerettete Mädchen zur Sprache brachte; Wolfgang horchte hoch auf, als er erfuhr, daß es die„kleiue Anna" der beiden Alfrede sei, die er einer dringenden Gefahr entrissen hatte. Krone wußte weiter, daß ein Mitglied der Feuerwehr, ein junger Schlosser- mcister, sich um die Neigung des Mädchens bewarb und daß sie ihm wohl auch gern die Hand reichen würde, wenn der, wenn auch noch so beschränkte und vorläufig völlig unschuldige Verkehr mit den beiden jungen Chemikern nicht wäre. Neben diesen feinen Herren könne der durch und durch brave, ehrliche Bewerber natürlich nicht aufkommen; das junge Blut gewöhne sich an Lebens- und Umgangsformen, die nicht für sie taugten, sie lerne Ansprüche machen, welche die Kreise, aus denen sie stamme und auf welche sie angewiesen sei, nie erfüllen würden und zu denen sie ihrem Bildungsgrade nach nicht einmal berechtigt sei; sie werde naturgemäß unzufrieden mit ihrem Loose und ungerecht gegen ihre Umgebung, und das alles nur, damit die Herren ein amüsantes Spielzeug au ihr hätten; daran, sie zu heirathcn, dächte doch keiner, sie mache sich darüber auch gar keine Illusionen und es sei ihnen schließlich nicht einmal zu verdenken; wohin sollte das aber schließlich führen? Die beiden feinen Herren gingen eines Tages auf und davon, und ihr„Schwesterchen", das sie so lange gehätschelt und verwöhnt hätten, bliebe zurück und hätte sich durch sentimentales Zuckcrwerk den Magen so gründlich verdorben, daß er kein derbes, gesundes hausbackenes Brot mehr vertragen könne. Das sei noch der günstigste Fall, denn am Ende verliebe sie sich doch in einen von den beiden und dann sei das Unglück fertig; es würde sich also oßes Verdienst um sie erwerben und möglicherweise ihr gefährdetes Lebensglück retten, wer ihr in freundlicher und über- zeugender Weife nachwiese, daß das geschwisterliche Vcrhältniß zu doli beiden jungen Herren ein ungesundes und unnatürliches sei und daß sie schließlich die Kosten zu bezahlen habe: mit einem beschädigten Herzen oder einem kranken Kopfe. Sie würde natürlich nicht auf jeden hören, wenn aber Wolfgang, zu dem sie sicher käme, die Gelegenheit benutze, ihr das verdrehte Köpfchen zurechtzurücken, so verspreche das noch am ehesten einen Erfolg, und wenn die Kleine in sich gehe und dem bisher so hochmüthig verschmähten Bewerber auch seine guten Seiten abzugewinnen wisse, ihm solle es lieb sein, obgleich dieser es gerade nicht um ihn verdient und während des Kriegs sehr häßlich über ihn gesprochen und ihn fast fanatisch angefeindet habe.— Das war natürlich alles nicht so glatt und fließend, sondern gehackt und zerrissen herausgekommen, und Wolfgang hatte dem halb Eifrigen, halb Verlegenen und über die eigene Kühnheit mehr und mehr Erschreckenden häufig genug hilfreich beispringcn und ihm das Wort, nach dem er sichtlich suchte, fragend anbieten müssen. Von einem ihm plötzlich kommenden Gedanken beherrscht, sagte er er dann seine Vermittlung in dieser heiklen Angelegenheit freundlich zu, und Krone pflichtete ihm lebhaft bei, als er es für das nach seiner Meinung Zweckdienlichste erklärte, wenn das junge Mädchen von dem Orte entfernt werde, der ihr so häufig Gelegenheit bot, mit den beiden jungen Männern zusammenzukommen. Dann aber richtete sich der Verwundete, den verbundenen Kopf mit dem Arme stützend, in den Kissen empor und sagte lächelnd und herzlich: „Aber das genügt mir alles noch nicht; wissen Sie denn wirklich nichts, was ich als einen Ihnen geleisteten Dienst an zusehen vermöchte? Wollen Sie mir diese Freude nicht machen?" Das klang so herzlich und aufrichtig, daß Krone sich nicht länger halten konnte, sondern mit einer ziemlich gewaltsamen Anstrengung die Worte hervorstieß: „Ja, ich wüßte wohl etwas— Sie könnten mir sogar eine große Freude machen, aber ich weiß nicht, ob ich gerade das von Ihnen verlangen darf." „Also doch! aber nur immer heraus damit— ich bin doch neugierig, ob der kreißende Berg nicht am Ende wieder ein Mäuschen zu Tage fördert." „Sic irren sich, aber Sie sollen wahrhaftig nicht an Ihr Versprechen gebunden sein und können immer noch zurücktreten, wenn Sic erst wissen, um was es sich handelt. Wir haben hierin unserm Neste seit vielen Jahren einen Bildungsvcrein— nach Schultze-Delitzschcm Muster—, es hatte sich aber keine Katze um denselben bekümmert, sodaß er eigentlich so gut wie todt war, als der Kulturkampf losging. Wir haben ja hier eine ziemlich gleichmäßig aus Katholiken und Protestanten gemischte Bevölke- rung und die armen, dummen Teufel gingen hüben wie drüben auf Kommaudo scharf in's Zeug und echanffirtcn sich, als ginge ihnen die Katzbalgerei zwischen Gensdarm und Kaplan selber an's Leben; einem vernünftigen Menschen, der weder nach Himmel noch Hölle fragt und dem die Kransenträgcr höchstens noch etwas mehr zuwider sind als die Herren in Chorhemd und Stola, konnte sich das Herz im Leibe dabei umdrehen. Die Schwarzen sind immer die Klügeren und Praktischen— sie machten in aller Stille niobil und in ihrem Gesellenverein war schon lange ganz munter gehetzt worden, ehe man endlich Wind davon bekam. Nun steckte alles,>vas reichstreu war und studirt hatte, die Köpfe zusammen, man besann sich auf den Bildnngsverein und er kam plötzlich zu Ehren und sollte ein Kampfmittel wider die Röm- linge werden. Man hält Vorträge und hat auch eine Bibliothek angelegt, d. h. man hat an allen Ecken und Enden bei den Buchhändlern herumgefochten und die Herren haben sich ihrer ehrwürdigsten Ladenhüter und ihrer hoffnungslosesten Krebse ent- ledigt und dieser Schund soll nun den Bildungshunger des armen Volkes befriedigen. Ich war neugierig darauf, wie die Herreu das Ding anpacken würden und bin auch eingetreten— daß sie den Verein, wenn er auch einen kleinen anständigen An- lauf nehmen sollte, in kurzer Zeit verhunzt haben würden, wußte ich vornweg, aber sie haben selbst mich überrascht, und ich möchte manchesmal an den Wänden in die Höhe laufen, wenn ich mit anhören muß, wie sie die Leute mit lauter unnützem Zeug füttern und doch nur eins im Auge haben: sie für den Kulturkampf zu dressiren. Wenn ich könnte, ich wäre schon zwanzigmal mit gleichen Beinen hineingesprungen, denn was den armen Menschen, die mit offnen Mäulern dasitzen, in der langweiligsten Schul- meistermanier als funkelnagelneue Weisheit vordozirt wird� hat sich unsereiner längst an den Stiefelsohlen abgelanfei das Meiste weiß man besser— aber das Unglück ist eben, oa� ich nicht kann. Der Zorn, der mit beiden Fäusten dreinschlagen möchte, würgt mich förmlich ab, aber es ist, als hätte ich einen Pfropf im Halse, der nicht heraus will, und wenn ich ja einmal ein paar Worte sage, so kommen sie der Quere heraus, und so ein grüner Laffe, der eben erst ans dem Seminar gekommen ist und sich für ein Licht der Welt hält, in Wirklichkeit aber des lieben Herrgotts Reitpferd, d. h. ein Esel ist(siehe Einzug in Jerusalem), fährt mir über den Mund und hat schließlich die Lacher auf seiner Seite. Da habe ich kürzlich einmal, als sie wieder eine volle Stunde von der Befreiung des deutschen Geistes durch den groben wittenberger Mönch geschwafelt hatten, ein kräftig Wörtlein von Darwin fallen lassen, der ein viel größerer Wohlthäter und Befreier der Menschheit sei und von dem man an allen Straßenecken predigen sollte. Was glauben Sie, das nun kam? Der Rektor unserer Stadtschule, ein ganz gewöhnlicher Klavierpauker, dessen wundeste Stelle sein leeres Knopfloch ist, kanzelt mich von obenherab ab, meint, ich würde wohl von | Darwin auch nicht mehr wissen, als ich in einem Gartenlauben- Artikel gelesen hätte, ergeht sich in Ausfälle� gegen„vorlaute Halbbildung" und stellt für die nächste Zeit eine Beleuchtung der Jrrthümer Darwin's in Aussicht. Soll man da nicht aus der Haut fahren? Ist es denn nun zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, diesen Vortrag mit anzuhören und am Schlüsse dem auf- jj geblasenen Schulmonarchen eins auf den vorlauten Schnabel zu geben, daß ihm Hören und Sehen vergeht? Sie können reden wie ein Buch und darauf, daß Sie von Darwin mehr verstehen als dieser dummstolze Bakelschwinger, gehe ich jede Wette ein. Und sehen Sie, wenn es nun einmal an's Hinrichten geht, so können Sie ihn am Ende auch gleich einmal an seiner kitzlichsten Stelle fassen; er fängt vollständig an zu rappeln, wenn von des i deutschen Reichs erlauchtem Kanzler die Rede ist, den er so un- gesähr für das Gehirn des deutschen Volkes hält, und seine i Schulreden triefen förmlich von Kaiser- und Kanzlerbewundernng und von Franzosen- und Pfaffenhaß. Ich weiß nicht und will garnicht wissen, welche politische Ansicht Sie haben, aber das steht für mich fest, daß Ihnen dieser sanatische Schwindel doch zu toll wäre. Wenn Sie die Reden einmal lesen ivollen, um den Mann kennen zu lernen, so stehen sie Ihnen zu Diensten— unsere kleine Quetsche ist gewürdigt worden, diese erhabenen Offenbarungen eines delirirenden Schulmeistergehirns durch den Druck aller Welt zugänglich zu macheu, und ich habe mit der genialen Orthographie des Herrn Rektors und seiner verwegenen Interpunktion meine liebe Roth gehabt." Die gesunde Derbheit und der ehrliche Ingrimm, die diese legung charakterisirten, hatten Wolfgang nicht blos belustigt, er hielt Krone die Hand hin und sagte gut gelaunt: „Ich bin kein Freund des Redcnhattens und Debattirens, aber im Nothfall stelle ich schon meinen Mann, und Ihr Herr Rektor wird sich entschieden im Lichte stehen, wenn er wirklich die Unverfrorenheit hat, die„Jrrthümer Darwin's" beleuchten zu wollen. Ich komme also, sobald Sie mich benachrichtigen, daß der Vortrag stattfindet, und ich verspreche Ihnen weiter, dem würdigen Pädagogen die Perücke ganz gehörig zu zerzausen, wenn er, wie vorauszusehen ist, fälscht und verdreht. Sind Sie zu- frieden?" Der brave Krone war feuerroth vor Freude geworden— er preßte Wolfgang's Hand mit so herzhaftem Drucks daß dieser sich gerade keine Wiederholung wünschte, und die blaugrauen Augen blitzten in fast wilder Befriedigung. Als nun Wolfgang vollends hinzufügte, daß ihm der Bismarckkultus, der in Deutschland ge- trieben werde, als eine Thatsache erscheine, die sich der ernst- lichstcn Beachtung der Irrenärzte empfehle und für deren Ver- ständniß ihm thatsächlich die Organe abgingen, gelobte sich Krone im stillen, seinen jungen Hauptmann fernerhin gegen jedermann bis auf's äußerste zu vertreten— wer etwas gegen ihn hatte, bekam es mit ihm zu thun und er sollte einen harten Stand haben. Wer weih, wie lange Krone noch am Bett Wolfgang's gesessen hätte, iväre Frau Meiling nicht(zum sechstenmale) in's Zimmer getreten und hätte Wolfgang einen Wink mit den Augen gegeben— bei Krone war mit solcher Zeichensprache, wie sie bc- reits erprobt hatte, nichts auszurichten, sodaß sie sich an den Verwundeten selber wenden mußte. Dieser verstand sie auch so- gleich und sagte lächelnd:„Nun aber machen Sie, daß Sie fort- kommen, Krone, wenn Frau Meiling Sie nicht hinaus werfen soll; unsere lange Unterhaltung hat ihre höchste Misbilligung, und ich glaube, Ivir sind nach ihrer Meinung auch um ein Er- hebliches zu laut gewesen, und wenn Sie das Feld geräumt haben, wird sie mir in mütterlich-strafendem Tone eine Vorlesung über die Schädlichkeit jeder Aufregung halten und ich werde Mühe haben, ihr zu beweisen, daß zu Gunsten meines Retters eine Ausnahme gemacht werden mußte." In der That ivar Frau Meiling garnicht damit einverstanden, daß der ihrer Obhut anvertraute Rekonvaleszent eine so lange Audienz gab, und als Krone gegangen war, schärfte sie Wolf- gang beinahe ängstlich die Nothweudigkeit ein, sich nunmehr un- bedingte Ruhe zu gönnen und nicht ctiva noch lesen zu wollen. Wvlfgang ivar auch wirklich müde und verfiel in einen tiefen, träumelosen Schlaf, in dem ihm aber etlvas recht sonderbares passiren sollte, ohne daß es ihm zum Bewußtsein gelangte. (Fortsetzung solgt.) Courtiet. Am letzten Tage des Jahres 1877 starb bei Vevch, am blauen Lemansee, Gustave Courbct,„der Maler des Häßlichen" wie eine zimperlich-pedantische Kritik ihn genannt hat,„der Maler des Wahren, der Maler der Natur," wie das Beiwort von Rechts- wegen lauten sollte. Er war ein Bauernjunge aus der Franche- Comts, jener„Freigrafschaft", wo deutsches Blut sich so ziemlich zu gleichen Theilen mit dem eeltischen gemischt hat. Eine treff- liche Mischung, der Frankreich so manchen seiner tüchtigsten Denker, Kämpfer und Künstler verdankt— einen Cuvier, Prondhon, Victor Hugo(trotz seines Monstrcphrasenthums doch eine groß angelegte Persönlichkeit) und endlich last not least, unseren„Colon- nard"(Säulenzertrümmerer) Courbet. Der Unsre war er. Dem Volk, ans dem er hervorgegangen, hat er angehört bis zum Tod, und der Künstler Courbet war stets ein Kämpfer für die Bc- freiung des Volks. Geboren im Jahre 1819, verließ er sein heimisches Dorf Ornans, um in Besanyon— der Vater war ziem- lich wohlhabend und wollte aus seinem Sohne„etwas machen"— das Lyceum zu besuchen, und kam, 20 Jahre alt, nach Paris, wo er die Rechte studiren sollte, aber, ohne zu wissen wie, rein seinem Hange folgend, Maler wurde. Einen Lehrer hatte er nicht.„Wer war Ihr Lehrer?" fragte ihn einst ein, Besucher. „Mol"— Ich!— antwortete er in seinem breiten Dialekt, llud sich selbst betitelte er: öleve cke In natnrs— Schüler der Natur. llud einen besseren Schüler konnte die Lehrerin sich nicht wünschen. Und keinen fleißigeren. Vom Himmel herab fällt die Kunst nicht, wie eine gebratene Taube im Schlaraffenland.„Fleiß ist neun Zehntel des Genies," hat einmal ein Engländer gesagt. Courbet begriff es instinktmäßig, eben weil er ein Genie war. „Es sind keine zehn Jahre her," so berichtet der Verfasser eines trefflichen Nekrologs in der„Neuen Freien Presse"—„es sind keine zehn Jahre her, erklärte er uns einmal in seiner glo- rissen Weite,>vie er Maler geworden. /Als junger Mensch be- wohnte ich eine Kammer mit frisch geweißten Wänden; darin stellte ich einen weiß gefärbten Tisch ans, breitete darüber ein weißes Tischtuch und postirte darauf einen weißen— Suppentopf. Nun begann ich, dieses Stilllebcn zu malen, malte es fünfzig-, hundert-, hnndertundvierundzwanzigmal— beim hundertuudfünf- undzwanzigstenmal war ich ein Maler/" Nun, ganz so glatt wird's nicht abgegangen sein. Thatsache ist: In dem Ausstellungskatalog des Jahres 1844 figurirte ein gewisser Courbet, ölävo äo la natura, ein Name und ein Titel, die vordem von niemand gehört worden, mit einem Selbstporträt. Ein prächtiger, gesuudheitsstrotzender, sorglos und doch kraft- bewußt dreinschauender Kopf, der dem Maler und Original wie im Sturm die Sympathien gewann. Das Publikum„im großen", die wahren Kunstverständigen, die unabhängige„öffentliche Mei- nung" waren erobert und fielen nie ab von dem rasch sich vervoll- kommncuden, seine Eigenart immer mehr entwickelnden„Schüler der Natur". Seine Popularität überdauerte sogar den blutro Schrecken der versailler Commuueschlächter. Ter firicg, welcher zu Ende der dreißiger und zu Ans a der vierziger Jahre in Paris zwischen den.Klassikern" und .Romantikern" tobte, dehnte sich auch ans das Gebiet der Malerei ans. Man schlug um so wilder auf einander los, je weniger iiiau sich und deui Gegner zu sagen vermochte, was man eigentlich ivolltc. Prügeleien im Dunkeln sind immer die hitzigsten und gefährlichsten. Courbet blieb nicht neutral; er fand, daß die Romantiker wenigstens in das lebendige Leben der Gegenwart griffen, nicht, gleich den Klassikern, in das todte der Vergangen- heit, und ivurde„wüthender" Romantiker und„Hugolätre"— Anbeter Victor Hugos, des Führers der Romantiker, des Mannes des himmelstürmenden, schcinrcvolutionären Worts. Aber Courbet war zu sehr Realist und Naturkind, um nicht bald hinter die Nebel- haftigkeit und Unnatur dieses Romantisnlus zu kommen; er riß sich theoretisch los— prak- tisch hatte er es nicht nöthig— und schrieb, >vas als Glanbens- bekenntniß nnd Programm Conrbet's des Malers gelten kann: „Ich habe die Kunst der älteren nnd neueren Meister ohne Vornrtheil nnd Parteigcist studirt. Ich ivolltc weder die cincii nachahmen, noch die anderen kopiren; ebensowenig strebte ich nach dein ernsten Ziele des l'art pour l'art (der Kunst um der Kunst ivillcn— das Schlag- ivort der„Klassiker"). Nein! Ans der vollen Kcnntniß der llberlie- ferten Kunstwerke wollte ich einfach das richtige Gefühl meiner selbst, ein freies Selbstbewußt- sein schöpfen. Wissen, uiu zu können, ivar mein Wahlspruch, und meine Absicht ging da- hin, die Sitten, die Gedanken, das Gesicht meiner Zeit nach mei- nein Urtheil und Er- messen darzustellen, nicht blos ein Maler, son- der» auch ein Mensch Gustave zu sein, mit Einem Worte, ein lebensvolles Kunstwerk zu schaffen."— Und ein andernial schrieb er:„Hin- weg mit der akademische», konventionellen,'verlogenen Afterkunst, die Knnst muß ein Kind ihrer Zeit sein, nnd das Schöne liegt nicht im Ideal, sondern in der Natur, in der Wirk- lichkeit, nnd ich, ich male nur, was mein Auge gc- sehen." Und so malte er. Was er malt, ist aus dem Leben gc- noinmen, es lebt. Seine Bilder:„Die Walpurgisnacht",„Nach- mittag in Ornans",„Die Bauern von Flagny",„Die Stein- klopfcr",„Das Begräbniß zu Ornans",„Tie Rückkehr von der Konferenz"(siehe Nr. 20 der„Neuen Welt" vom Jahre 187<>) nnd andere mehr haben ihm die Unsterblichkeit errungen. Sein Landsmann Proudhon verthcidigte ihn gegen die Angriffe der erbosten Zunft- nnd Schulmalcr.„Courbet", sagte er,„regt zum Denken an, ohne es zu wissen. Seine Bilder bedeuten etwas. ,Die beiden Stcinklvpfer' sind ein sozialdemokrati- schcs Gemälde, ein Schmerzensschrei des Proletariats. ein Hohn auf den eingebildeten Fortschritt, ein Spottgedicht auf Zeitalter der angeblich ansgebildeten Mechanik, die doch stark genug ist, den Menschen vom Frohndienst zu befreien. um ,vas Grab zu Ornans� schaaren sich Todtengräber mit viehi- scheu Gesichtern, Chorknaben mit schlechten Witzen auf den Lippen, Leichensängcr in weintrunkener Laune, rohe Pfaffen, die ein.De profundis' mit demselben Stumpfsinn plärren, wie einen Gassen- Hauer, gleichgiltige, gclangweilte, Leidtragende', die, vom Brauche gezwiliigcn, der Beerdigung beiwohnen— ist das nicht ein er- greifender Protest gegen die Fühllosigkeit und Indifferenz, womit die Heiligkeit des Todes nachgrade allüberall entweiht wird? Und man rede nichts von Realismus, denn hier wirkt der höchste Idealismus auf den Betrachter, der Idealismus der Idee, der endlich einmal Herr werden muß über den Idealismus der Form, welcher die Kunst zum Sporn gemeiner Triebe, zur Magd des Luxus nnd der Wollust, zu einer Kupp- lerin gemacht hat. Und erst ,Die Rückkehr von der Konferenz'(das Bild, ivelches 1855 den Ausschluß Conrbet's aus der Akademie be- wirkte), soll das viel- leicht nur ein Rudel iveinseliger Pfaffen dar- stellen, die sich beim Disput über das Wort Gottes die Kehle mehr als billig feuchteten? Ein so armseliger Stoff ivärc des Künstlers kaum würdig gcivescn; dieser zielte höher, nach dem Herzen der Kirche, er wollte zeigen, wohin die Welt gcrathen muß, wenn die ächte Frömmigkeit zur schalen Ceremvnie abgestorben ist." Im Jahre 1870 stellte Courbet einen „Bettler" aus, ein zer- lnmptcs Opfer der Heu- tigen Gesellschaft, einen gemalten Protest gegen die herrschende soziale Mißwirthschaft. Son- derbarerwcise zog dieses Bild ihm seitens der na- poleonischen Regierung das Ritterkreuz der Ehrenlegion zu, das er jedoch dem Geber mit Protestzurücksaiidte.Dcr Krieg unterbrach Cour- Courbet. bct in seinen künstleri- scheu Arbeiten. Bei der Belagerung von Paris kämpfte er tapfer mit, am 18. März 1871 war er ans dem Posten und als die Cvmnlnne proklamirt ivard, gab er sich voll und ganz der Sache des arbeitenden Volks hin und that seine Schuldigkeit bis zu Ende. Sein Antheil an der Niederwerfung der Bendome- säulc, dieses„Denkmals des Massenmords und Völkerhasses" ist bekannt und sichert ihm ein Denkmal im Herzen jedes freiheit- liebenden, von Chauvinismus und Nationalitätsdusel cinanzipirtcn Menschen. Nach dem Fall der Commune ivurde er gefangen, fand aber Fürsprecher, und konnte ein Jahr später, aus dem Kerker entlassen nnd seines Vermögens beraubt, ein Asyl in der Schweiz, am schönen Genfersee, aufsuchen. Dort schuf er noch verschieoene Kunstwerke, unter andern die herrliche Büste der „Freiheit", von der ivir in Nummer 25 der„Neuen Welt" vom Jahre 1870 eine Abbildung gebracht haben. Am 31. Dezember vorigen Jahres, wie schon mitgethcilt, starb er. Nenn Monate vor seinem Tod richtete er an einen Partei- genossen einen Brief, der nns vorliegt, nnd in welchem er sein politisches Glauhensbekenntniß ablegt:„de k»iz räpublic-m, dv 234 uature et le soutieu de cette cause est indelible chez moi; j'ai agi jusqu'ici dans tout ce qu'elle pouvait avöir de ratio- nalit6 en eile et poursuivrai cette cause jusqu'a mon extinction malgrö toute eventualit#*].— Ich bin Republikaner von Natur; die Anhänglichkeit au diese Sache ist unzerstörbar bei niir. Ich habe bisjetzt in allem was sie Vernünftiges hat, für sie gewirkt und werde für sie wirken bis ich aushöre zu sein— komme was da wolle." Er hat nicht gelogen. Zur Erläuterung oder Ergänzung seines Portraits in der heutigen Nummer(das man mit dem Miniaturbildchen in Nr. 24 der„Neuen Welt" vom Jahr 1876 vergleichen möge) lassen wir noch die Federzeichnung des schon erwähnten Fcuilletonisten der „Neuen Freien Presse" folgen, der ein Gespräch mit Courbct schildert: „„Moi(ich)...," begann er, und der brcitgeschlitzte Mund öffnete sich weit und das schwarze Auge glänzte sanft. Ein Mund, der, auch stumm, von Trotz und Uebermuth überfloß; ein Auge, der Spiegel unendlicher Sanftmuth. In diesem Gegen- satze lag das ganze Geheimniß seiner Erscheinung, die zugleich abstieß und anzog, bezauberte und empörte.... Welch ein Mund!... Welch ein Auge zumal! Ein stilles Meer von Ruhe und Schönheit. Man pflegt in der Thierwelt Umschau zu halten, um ähnliches zu finden. So melancholisch mild blickt der kraftstrotzende Stier in die Welt hinein, oder, wenn das Gleich- niß besser behagt, so träumerisch sinnt die arabische Antilope, ge- wöhut an die Fernsicht über endlose Wüstenflächcn, an den Blick *) Wir werden in einer der nächsten Nummern ein Facsimile bringe». in's Unermeßliche. Es ivar ein Malerauge und doch ganz frei von den herkömmlichen Attributen; weder Scharfblick noch Be- obachtungslust, nicht einmal Neugier sprach daraus. Von dunklen Brauen beschattet, leuchtete es aus den mandelförmigen Augen- höhlen wie eine Natnrkraft, die iin Traume ivirkt, ihrer selbst kaum bewußt, fast gedankenlos, alles Licht, das sie gleichgilfig einsog, gleichgiltig ausstrahlend.... Ter Gestalt nach Ivar er halb Gott, halb Bauer: groß, stark, breitschulterig, schon über das gute Maß hinaus beleibt, eine Figur wie für ein Jahrhundert aus dem Fels gehauen; in der Kleidung nachlässig, ja verwahr- lost, an der Staffelei_ meist in Hemdärmeln, wie ein Schmied am Amboß. Ter Kopf von auffallender Kegclform, die Backen- knochen energisch vorspringend, der ganze untere Theil des Ge- sichtcs ungleich breiter als die Stirne; die Haut glänzend, von gesunder Bergluft geröthet; die Nase leicht gebogen; ein ziemlich spärlicher Bollbart und der Schatten eines Schnurrbarts über den fleischigen, sinnlichen Lippen— des levres lippues, sagt der Franzose mit deutschem Anklang. Halb Gott, halb Bauer, also alles iu allem eine imponirende Erscheinung. Wäre nicht die kleine Holländerpfeife gewesen, die von seinem Munde nnzer- trennlich schien, man hätte denen Recht geben können, die seinen Kopf dem eines assyrischen Königs ähnlich fanden. Nemrod, Sardanapal, Sanherib— so etwa, wie Courbet cinhcrging, könnte man sich diese Helden aus dem Zeitalter der Keilschrift vor- stellen."-— Tie feile, feige Reptilienpresse hat nicht unterlassen können das Grab des sozialdemokratischen Künstlers mit Koth zu be- sudeln. Das kann ihn nur ehren. Das sozialdemokratische Volk wird den ersten sozialdcmokratisck)cn Künstler nicht vergessen. Volkslieder und Lieder für das Volk. Eine literargeschichtliche Plauderei von M. Wittidi. (Schluß.) Gehen wir dem Volkslied geschichtlich zu Leibe, so finden wir, daß der Anfang aller Poesie eben Volksdichtung ist. Bei den Wilden haben Reisende beobachtet, wie einer im Kreise seiner Stammesgenossen in einfacher Gesangsweise, mit kräftigen, he- gleitenden Gebcrdcn seine eigene oder eine Heldenthat seines Stammes in einer Art Rezitativ berichtet und bei gewissen Ab schnitten der Chor rcfrainartig einfällt. Ja, nicht blos Text und Melodie werden so gewissermaßen durch gemeinschaftliche Arbeit gefunden: es tritt auch noch die Bewegung der Glieder hinzu, welche das Erzählte veranschaulichen soll und die sich zuweilen bis zum kunstmüßigen Tanz steigert, solche Melodien hat man niedergeschrieben und hat sich nicht wenig gewundert, wie solche rohe Völkerstämme ohne Latein, ohne Schulen, ja ohne Schrift derartiges zu leisten im Stande waren. Recht bezeichnend für den gelehrten Bildungsdünkel ist eine Bemerkung, die Morhof (1633) über ein schönes lappländisches Liebeslied machte:„Da sehe mir einer diesen Lappländer an, wie artig er der Bewegungs- figuren zu gebrauchen weiß, sein Verlangen darzustellen. Dieses Lied kann sicher nach der Meistersingerkunst geschehen. Wer sollte meinen, daß unter den Lappen sich auch poetisches Feuer in Liebesdingen rege?"— Philister! Weil der Lappländer nicht auf der Lateinschule gewesen ist und nicht den Aristoteles studirt hat, soll er kein ergreifendes Liebeslied singen können. Ter Franzose Montaigne macht über die Volkspoesie die treffende Bemerkung, es sei nicht wahr, daß die Kunst den Sieg davontrage über die große, mächtige Mutter Natur, die wir gewissermaßen erstickt und mit allerlei Kultur- und Kunstzuthaten gctödtet hätten. Auch theill derselbe ein brasilianisches Liebesliedchen mit, in welchem ein Jüngling eine bunte Schlange anredet, daß er sie fangen und ans ihrer glänzenden Haut seinem Liebchen einen Schmuck niachen werde. Das Lied hat Goethe später verarbeitet, wie er auch ein Lied eines gefangenen Kannibalen nachgedichtet hat. Der Gefangene kennt sein Schicksal, er weiß, seine Feinde werden ihn braten und ihrer Sitte gemäß verzehren. Da erhebt er sich zu einer Höhe, die erstannenswcrth ist, und ruft seinen Feinden zu: .Nonimt und verzehret meine Glieder: llnd verzehrt zugleich mit ihnen Eure Ahnherrn, eure Bäter, Tie zur Speise mir geworden! Das ist eine tragische Größe, wie sie nur bei Aeschylos oder Shakespeare wiederzufinden ist. Wie bei den Wilden, wie bei den analphabetischen, d. i. weder lesen noch schreiben könnenden Völkern des hohen Nordens, so entstanden überall und zu allen Zeiten die Volkslieder im Volke, und es ist gleichgiltig, ob einer oder mehrere die Form finden und die Weise anstimmen, welche darstellt, was alle gleich lebhaft berührt und mächtig erregt. Was nun den Inhalt dieser Gesänge des Volks anlangt, so ist er so vielfältig und vielgestaltig als das Leben selbst. Zunächst die Thaten und Erlebnisse des Stammes, dann die allen Menschen gemeinschaftlichen Erlebnisse, Leid und Freud' des Lebens und Licbens, Freude an der erwachenden, Trauer über die absterbende Natur. Ihren Namen zu verewigen, das ist freilich ein Ziel, welches hier den Dichtern und Sängern garnicht vorschwebt, das ist eine Eigenthümlichkeit des Kunstdichters: dieser führt immer den horazischen Vers im Munde, daß er durch seine Lieder sicki ein Monument erbaut habe, welches, härter als Erz, jahrhnndertc lang dauern werde! In Bezug auf die Form müssen wir seststelle», daß solch' ein Lied sorglos und ohne beengende Rücksicht auf die„Regeln der Kunst" im Augenblick des Erlebens frisch heraus gesungen wird; die Hauptmomente werden hervorgehoben, die einen inneren Zusammenhang haben; auf die äußere, logisch-graminatische Vcr- bindung wird bei weitem weniger Werth gelegt. Daher erklärt sich die sprungartig fortschreitende Berichterstattung über die Vor- gäuge, die dem Pedanten und Kritikaster soviel Pein verursacht. Diesen Herren ist auch noch der sogenannte Refrain oder Kehr- reim ein Dorn iu den Augen; dieser besteht in der bei gewissen Abschnitten stattfindenden Wiederholung eines Satzes oder jener jodlerähnlichen Worte, welche beide Erscheiuunge» eben ihren Ursprung in dem musikalischen Elemente des Volksliedes haben; die knappen Vcrszeilen genügten nicht, im Gesang die Slimmung voll anslölieil zu lassen, deshalb wird der zu enge Rahmeil er- Westert durch solche refrainartige Zusätze. Neben Percy's„Ueberresten altenglischer Poesie"(erste Aus- gäbe 1765, dann öfter) gab noch bedeutende Anregung Mac- phersons Fälschung der Lieder des gälischen Skalden oder Sängers Ossian. Diese beiden Erscheinungen riefen einen wahren Sturm in dem literarischen Deutschland hervor. Wie tief die Gemüther von den Ossianliedern gepackt und er- schüttelt wurden, dafür haben wir ein klassisches Zeugniß in der Prosaübersctzung eines schonen Gesanges in Goethe's„Leiden des jungen Werther", und auch an anderen Stellen dieses merkwürdig revolutionären Werkes:„Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt," schreibt Goethe, der junge Stürmer und Dränger, beeinflußt und bestinimt durch Herder, durch den er in Slraßburg als Student 1770 und 71„die Poesie von einer ganz neuen Seite kennen lernte". Im Elsaß sammelte Goethe für den Freund Lieder, die er beim Volke singen hörte, und dabei lernte der spätere Altmeister deutscher Poesie jene Töne anschlagen, die von unfehlbarer Wirksamkeit auf die Gemüther waren und die in seinem eigenen Dichten und Denken uns so oft entgegenklingen. Im Werther trat der junge Apoll gar scharf und schneidig auf gegen die Herren von Schule und Regel, die die Welt„vergriecht und verlateinert" hatte.— Aus Percy's Sammlung heben wir als Probe nur die eine Ballade„Edward" heraus. „Dein Schwert, wie ist's vom Blut so roth, Edward, Edward? Dein Schwert, wie ist's voni Blut so rory, Und aehst so traurig her?— O!" „Ich Hab' geschlagen meinen Geier todt, Mutter, Mutter! Ich Hab' geschlagen meinen Geier todt, Nnd keinen Hab' ich wie er— O!" „Tein's Geiers Blut ist nicht so roth, Edward, Edward! Dein's Geiers Blut ist nicht so roth, Mein Sohn bekenn' mir frei- O!" „O, ich ha''' geschlagen mein Rothroß todt, Mutter, Mutter! O, ich Hab' geschlagen mein Rothroß todt, lind's war so stolz und treu— O!" „Dein Roß war At, hast's nicht noth, Edward, Edward! Dein Roß war alt, und hast's nicht noth, Dich drückt ein andrer Schmerz— O!" „ O, ich Hab' geschlagen meinen Vater todt, / Mutter, Mutter! ' O, ich Hab' geschlagen meinen Vater todt Und weh, weh ist mein Herz— O!" „Und was für Buße willt du nun thun, Edward, Edward? Und was für Buße willt du nun thun, Mein Sohn, bekenn' mir mehr— O!" „Aus Erden soll mein Fuß nicht ruhn, Mutter, Mutter! Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn, Will zehn fern über's Meer— D!" „Und was soll werden dein Hof und Hall, Edward, Edward? Und was soll werden dein Hos und Hall, So herrlich sonst und schön— O!" „Ich laß es stehn bis es sink' und sali', Mutter, Mutter! Ich laß es stehn, bis es sink' nnd fall', Mag nie es wiedersehn— O!" „Und was soll werden dein Weib nnd Kind, Edward, Edward? Und was soll werden dein Weib und tliud, Wenn du gehst über Meer?— O!" „Die Welt ist groß, laß sie betteln drin», Mutter, Mutter! Tic Welt ist groß, laß sie betteln drin, Ich seh' sie nimmermehr— D!" „Und was willt du lassen deiner Mutler then'r, Edward, Edward? Und was willt du lassen deiner Mutter then'r? Mein Sohn, das sage mir— O!" „Fluch will ich euch lassen nnd höllisch Fen'r, Mutter, Mutter! Fluch will ich euch lassen und höllisch Fen'r, Ten» ihr, ihr riethet's mir!— O!" Das ist Kraft, das ist Leben! Das ist elementare Natur, nnd dabei könnte der geschulteste Kunstdichter nicht feiner und schärfer zeichnen nnd kunstreicher steigern und die Spannung immer mehr erhöhen, bis die Handlung endlich ihren Abschluß findet in dem schrecklichen Fluch des Sohnes über seine mord- anstiftende Mutter! Am tiefsten ivkkr in Deutschland die Wirkung, lvelche Herder ausübte durch Veröffentlichung seines Bändchens„Volkslieder", das im Jahre 1778 erschien nnd erst später umgetauft und „Stimmen der Völker" betitelt wurde, als nach Herders Tode dessen gesammelte Werke herausgegeben lvnrden. Herder gibt auch Zeugnisse für die Volkslieder aus älterer Zeit; ich denke aber, wir bedürfen deren weiter nicht. Als interessant mag nur eins hervorgehoben werden, welches Philipp Sidney zum Urheber hat und lautet:„Nie hörte ich den alten Sang ,Percy und Douglas', ohne daß ich mein Herz von mehr als Trompeten klang gerührt fand; nnd doch war s nur irgend von einem blinden Bettler gesungen, nicht mit rauherer Stimme als Versart." Daran knüpft er die Betrachtung:>vie gewaltig Ivohl diese„so schlecht zugerichteten Lieder, befreit von dem Staube eines un- gebildeten Jahrhunderts, etwa im Stil des Pindar" aufgeputzt, wirken würden!— Das sei ferne, den nordischen Kern mit süd- licher Schale zu umhüllen, daß man nicht mehr erkennt, welch' Baumes Frucht man vor sich hat! Als das Wort„Ballade" durch Percy bei uns bekannt und besprochen wurde, legten sich auch bald Leute auf das„Balladen- dichten"; so der alte Gleim, der freilich Erregung starker Leiden- schaft der menschlichen Gesellschaft für schädlich hielt nnd dabei wohl an das politische Leben dachte. Auch von anderer Seite wurde gelehrt, Romanzen und Balladen(beides eigentlich dasselbe und nur das eine der nordisch-englische, das andere der romanische Name für„Volkslied") sollten„abenteuerlich und wunderbar und von einer possirlichcn Traurigkeit(!) sein." Ganz anders ist das bei den Nachbildungen Herders, der so zart nnd fein Inhalt nnd Ton nachfühlte nnd nachdichtete,>vic keiner vor oder nach ihm. Freilich ging dieses neue Evangelium nicht unangegriffen in die Lande hinaus. Besonders der Buch- Händler und Schriftsteller Nikolai in Berlin trat satirisch dagegen auf mit einer Sammlung von ächten alten und sclbstgefertigten Volksliedern, die betitelt war:„Ein feyner kleyner Almanach vol schönerr echterr ljblichcrr volksljder von Daniel Seuberlich 1777 und 1778." Das ächte Volkslied sollte aber seinen Eindruck nicht ver- fehlen nnd Herders Stimme verhallte nicht nngchört. Das be- weist vor allem Bürgers„Herzensausguß über das Volkslied", den er unter dem Namen Daniel Wunderlich herausgab. Darin lehrt der Sänger der„Lenorc", daß die Dichtkunst nicht blos für die obersten Klassen da sei, der Beruf der wahren Dichter sei es, gleich verständlich nnd unterhaltend für das� Menschen- geschlecht im ganzen zu dichten. Dann wendet er sich scharf gegen die Entfremdung der Kunstdichter vom Volke und meint:„Weil wir so hoch und so tief gelehrt sind, daß>vir schier aller Völker Sprachen reden können, ihre Handlungen, Sitten und Gebräuche, all' ihre Weisheit und Thorhcit auswendig wissen, überall bei ihnen heimisch, mit allem bei ihnen bekannt und bewandert sind, so sind wir in unserem Dichten nnd Trachten, Reden und Thun so fremd und so ausländisch, daß der Ungelchrte unserer Lands- lcute selten klug aus uns werden kann. Das schlimmste ist, daß das, was wir der Art lernen, meistens todtes Kapital bleibt." Dann verweist er darauf, wie neulich„einige ächte Söhne der Natur" Volksliedern aus die Spur gekommen seien, von denen man den wahren Balladen- nnd Romanzenton lernen könne. „Auch in der höheren Lyrik gibt es Werke, die bei alledem sehr volksmäßig sind und", fährt er fort,„die höhere Lyrik, die nicht für das Volk ist, mag hinlaufen, wo sie hin will!" In diesem Geiste ist denn auch seine„unsterbliche Lenore", ivie er sie selbst nennt, empfangen nnd geboren worden, nur schade, daß bei ihr das nächtliche Grausen zu überwiegend die Hauptsache ist. Brieflich äußert Bürger während der Arbeit an dieser berühmtesten deutschen Ballade:„Ich denke, Lenore soll Herders Lehren einigermaßen entsprechen," und weiterhin:„Das ist dir ein Stück, Brüderle, keiner, der mir nicht erst seinen Batzen gibt, soll es hören. Der Stoff ist ans einem alten Spinnstuben- gesang entnommen; ich will es komponirbar dichten, daß es mir wieder in die Spinnstuben kommt." Bürger war, wie man sieht, ans dem richtigen Wege und gab auch thatsächlichc Betveise nnd Proben in seinen Gedichten, die 236 uns, trotz Schillers allzuscharfer Kritik dennoch sehr theuer sein müssen, denn da haben wir wirkliche Lieder für das Volk! Wie sehr fallen die Gleim und Konsorten gegen ihn ab! Tie behandeln ihr Publikum, wenn sie für das Volk singen tvollcn, alo furchtbar beschränkt und dumm und werden deshalb meist außerordentlich trivial und ungenießbar; hat do�, selbst ein Lessing über das Voik die Aeußerung gethan, Verstand fehle den Leuten: er meint aber jedenfalls das wissenschaftliche Bewußtsein damit. Der alte Johann Heinrich Voß sagte zu seiner Frau: er habe mit Hölty den Lieblingstraum gehabt, Deutschland und Italien zu bereisen, das Volk bei seinen Arbeiten aufzusuchen und dies dann in Idyllen zu besingen. Das habe sie freilich gestört! Einer, der recht absichtlich Volksdichter sein ivollte, Matthias Claudius, traf wohl öfters den rechten herzansprcchenden Ton, an anderen Stellen tritt aber die reaktionäre Beschränktheit(oder Tendenz?) recht deutlich an den Tag. So besonders in dem „Lied der Bauern zu N. N. an ihre Gutsherrschast am Gcburts- tage", in dein mit sichtlichem Wohlbehagen der„beschränkte Unter- thanenvcrstand" gepredigt wird, wofür als Beweis die letzte Strophe dienen mag: Vorsänger: Fromme Menschen sein und Christen Ist ein guter Brauch. Ach, wenn's alle Herren wüßten, Ja, sie wären's auch, Und gehorsam wären.tliiechtc, Plauderten nicht Menschenrechte Wie ein Gauch, wie ein Gauch! Alle: Gott zu fürchten ist für Knechte Guter Brauch, Und für Herren auch! Das war nach der großen Revolution von 1739, und solche Lieder zum Einlullen des Volks schienen unseren Poeten am Platze zu sein! Zum Theil von einem ähnlichen Geiste getragen ist das „Mildenheimische Liederbuch", 518 lustige und ernsthafte Gesänge, von Rudolf Zacharias Becker zusammengestellt und 1799 heraus- gegeben. Es ist ganz gedruckt wie ein Gesangbuch, zweispaltig, ohne Versabsätze, um Raum zu sparen, und enthält Sachen von Goethe, Bürger, Voß, Schubart u. a. nebst Selbstgedichtetem; in Kapitel cingethcilt, gibt es für alle Lebensumstände, für alle Berufsklafsen Beiträge. So z. B. wird der Fleischer mit dem tapfern Soldaten, der Menschen schlachtet, verglichen und so dessen Selbstbewußtsein gehoben. Warum nicht umgekehrt? Unter diesen„Volksliedern" begegnet uns auch das Preußen- lied„Heil dir im Sicgerkrauz", welches ursprünglich von einem Schlcswig-Holsteiner dem— König von Dänemark gewidmet ist. Ten bessern Pflegern des Liedes im Volkston sind aus jener Zeit beizuzählen der Freund Goethes, der Maler Müller, dessen „Heute scheid' ich, morgen wandr' ich" ja auch Volkslied geworden ist; ferner war Schubart ans diesem Feld glücklicher als Gleim. Auch von Jung-Stilling, dem straßburgcr Studiengcnossen Goethe'» und Herder's, dessen Lied mit dem Refrain„Sonne noch einmal blicke zurücke", welches sich in seiner Selbstbiographie findet, sehr beachtenswcrth ist, wenn es auch schon dem Sentimentalen, zum Theil dem Schrecklichen zuneigt. Soviel über die Geschichte des Volkslied aus der Scheide des vorigen und unseres Jahrhunderts.— Von den größeren Sammlungen nennen wir nur„Des Knaben Wunderhorn", eine 1808 von Achim von Arnim und Brentano veranstaltete Sammlung, und dann Uhlands„Alt-, hoch- und niederdeutsche Volkslieder". Aber auch heute ist der dichtende Volksgeist noch nicht er- loschen; oft werden Lieder bekannter Dichter, wie Schiller, vom Volk zurecht gesungen, zum Theil auch, wie in Tyrol und andern süddeutschen Ländern, beim Becher Schnaderhüpfel und Streit- lieder erfunden und noch dazu improvisirt, und wenn in dem gegenwärtigen Bolksgesang zum Tbcil ein Stocken eingetreten ist, so liegt es daran, daß verständige Kunstdichter, wie Uhland, Heine, Hcrwegh u. a., wieder Lieder geschaffen haben, die der Volksnatur angemessen sind. Möchte doch das Wort Bürger's, daß die deutsche Dichtkunst für alle da sei, eine immer größere Beachtung finden bei unseren zeitgenössischen, sowie bei den zukünftigen Dichtern! Möchten diese uns Lieder schaffen, die Herzerfrenend und veredelnd zugleich i auf das Volk wirken und über die das letztere sagen kann:„das ist Fleisch von unsrem Fleisch und Bein von unsrem Bein." Möchten die künftigen Sänger immer mehr ihren Beruf erfüllen, wie ihn unser Schiller auffaßt, wenn er sagt, daß der Dichter der Menschheit vorangehend,„die gewagtesten Vernunftwahrheiten lange vorher unter das Volk bringt, che der Philosoph und der Gesetzgeber sich erkühnen dürfen, sie in ihrem vollen Glänze heraufzuführen. Ehe sie Eigenthum der Ueberzcugung geworden, j hätten sie dann schon ihre stille Macht an den Herzen bewiesen ! und ein ungeduldiges einstimmiges Verlangen würde sie endlich von selbst der Vernunft abfordern!" Wird sich Schillers Hoffen erfüllen? Die„Reichssonnette- klimpermeister" ä la Redwitz und Bismarckhymncnsänger ä la Gottschall geben uns freilich wenig Aussicht— aber daneben er- tönt doch manches tief und wahr empfundene, zeitgemäße Lied! Also hoffen wir, daß uns auch Lieder für's Volk gesungen werden, ivclche das letztere für würdig befinden kann, daß sie � Volkslieder heißen! Die Sittenlehre des Darwinismus. Von ß. JehfeiCc». Die Lehren des Darwinismus erleiden dasselbe Schicksal, welches die Menschen von jeher neuen Wahrheiten und neuen Entdeckungen bereitet haben, d. h. sie tverden einfach als staats- und religionsgefährlich verschrien und dennnzirt. Sokratcs mußte für den Versuch, eine reine Gotlesvorstellnng aus monotheistischer Grundlage zu erwecken, den Giftbecher lehren; der Zimmermanns- söhn von Razareth, im ganzen ein ungefährlicher, harmloser Schwärmer, wurde an's Kreuz genagelt, weil er unter anderem Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen lehrte; der erste, der die großartige Entdeckung des Kopernicus, daß die Erde um sich selbst und um die Sonne sich bewege, öffentlich zu verbreiten wagte, Giordano Bruno, wurde am 17. Februar 1800 in Rom verbrannt oder wie es in der damaligen Sprache der christlichen Richter hieß:„ohne Blutvergießen zuni Tode befördert." Mit Feuer und Schwert(so gerne es manche thäten!) wüthen allerdings die Menschen beute nicht mehr gegen die Anhänger und Verbreiter einer neuen Lehre, aber in Ermangelung solcher radikalen Mittel werden keine Lügen und Verleumdungen gespart, den Darwinismus zu verdächtigen und zu verhindern, daß er im Volke an Ausbreitung gewinne. Am auffälligsten hat in letzter Zeit der Unglücksprophet und Rückschrittler Virchow.in München seine Stimme gegen den Tarwi- nismus erhoben; als Beweis, wie sehr dieser Reaktionär der Wissenschaft im Sinne der herrschenden Reaktion sprach, diene eine Szene aus der Reichstagssitznng vom 9. Dczenibcr 1876. Bei der Etatbcrathnng des öffentlichen Unterrichts für Elsaß Lothringen beklagte der Abgeordnete Guerbcr sich darüber, daß die Lehrer vom Staate ohne Mitwirkung der Kirche angestellt werden, weshalb es denn auch vorgekommen sei, daß ein als Anhänger des Darwinismus bekannter Lehrer als Leiter eines Schulinstituts habe angestellt werden können. Diese Aeußerung berichtigte der Rcichstagsabgcordnete von Puttkammer dahin:„es sei unwahr, daß der betreffende Lehrer ein Darwinianer gewesen sei, der Urheber dieses Gerüchts sei wegen Verleumdung(!) bestraft tvorden; man werde doch nicht glauben, die Landes- Verwaltung»verde so thöricht(!) sein, einem Manne, der einer solchen Richtung angehöre, eine Schulanstalt anzuvertrauen!" So durfte man im Jahre 1876 und darf man auch heute noch reden in einer Reichstagssitzung, in einer Versammlung von Männern also, ivelche den Geist und die Blüthe einer ganzen Nation und zwar der Nation der„Denker" repräscntircn! Also auch heute noch kämpft man mit allen zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Ausbreitung einer unbequemen neue Lehre; den Lehrer, der dem Darwinismus huldigt, verbrennt man zwar nicht, allein man entfernt ihn einfach aus dem Amte und läßt ihn betteln oder verhungern, d. h. nach der modernen christlichen Sprache auch, man befördert ihn ohne Blutvergießen zum Tode, nur daß die heutige Methode viel grausamer und raffinirter ist, indem sie das Opfer langsam und allmählich zu Tode martert, während die Henker der Inquisition die Qualen ihres Opfers wenigstens rasch beendeten! Und doch ist kein Borwurf unbegründeter und einfältiger, als der, der Darwinismus untergrabe die Moral und führe zur Anarchie. Wie man heutzutage sogar im Vatikan überzeugt ist, daß der Staat nicht zugrunde geht, wenn auch die Erde sich bewegt, so wird man im nächsten Jahrhundert schon sich über- zeugt haben, daß der Staat nicht nur sehr wohl bestehen kann, auch wenn die Menschen nicht mehr blindlings glauben, sie seien gottähnlich geschaffen und nachher von dieser Höhe zu den er- bärmlichen Sündern von heute herabgesunken, sondern daß es vielmehr von dem größten Vortheil für den Staat sein wird, wenn dessen Angehörige wissen, daß sie aus den Tiefen der Natur emporgestiegen sind und sich von thierischen Zuständen aus allmählich bis zu dem erhabenen Standpunkte aufgeschwungen haben, den die zivilisirte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, wenigstens gegen früher, einnimmt. Gerade das Wissen von der fortschreitenden Entwicklung des Menschengeschlechts zu immer höhern Kulturstufen eröffnet uns einen viel tröstlichern Blick in die Zukunft, als ihn der Glaube an die vernunftwidrigen Dogmen irgend einer der bestehenden Kirchenreligionen je zu gewähren im Stande ist. Die Sittenlehren im Darwinismus und— um es gleich zu sagen auch des Sozialismus— sind keine andern, als jene ur- alten großen Grundsätze, welche die Moralsysteme aller Zeiten und aller Völker ausmachten und welche aus der Gemeinsamkeit der Interessen enspringen.„Andern Gutes zu thun, unsre Gelüste zu Gunsten andrer zu opfern, unfern Nächsten zu lieben wie uns H'lbst, unfern Feinden zu verzeihen, unsre Leidenschaften zu be- zähmen, unsre Eltern zu ehren, die Gesetze zu achten"— dies sind die grundlegenden Sätze der Moral, aber sie sind seit Menschengedenken bekannt und nicht ein Jota ist ihnen zugefügt worden durch alle Predigten und Textbücher der Theologen. Zu behaupten, das Christenthum hätte der Menschheit vorher un bekannte sittliche Wahrheiten gebracht, beweist entweder grobe Unwissenheit oder geflissentlichen Betrug. Die Moral, deren Gegenstand einzig und allein der Mensch ist, insofern er nach Selbsterhaltung und sozialer Vereinigung strebt, hat absolut nichts mit jenen eingebildeten Systemen zu thun, welche sich auf ein außerhalb der Natur befindliches Wesen beziehen; eine aufmerksame Beobachtung der menschlichen Natur vermag allein nur die Motive zu zeige», wodurch mau ans die Menschen einwirken muß, um sie zur Zügelung, Regelung und Bekämpfung ihrer Leidenschaften, Begierden und fehlerhaften Ge- wohnheiten zu bestimmen und den Eifer in ihnen zu beleben, sich der Gesellschaft Werth und nützlich zu machen. Moralisch leben heißt nichts anderes, als sein eigenes Wohl fördern durch Be- förderung des Wohles anderer. Sobald der Mensch bei seinen Handlungen durch andere Beweggründe, z. B. Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Lohn sich leiten läßt, lo handelt er nicht mehr moralisch, sondern unmoralisch. Die Erziehung, unterstützt durch das Gesetz und die Wachsamkeit der öffentlichen Meinung und durch das Gefühl für Anstand, sowie durch das dem Menschen innewohnende Streben, sich die Achtung anderer zu erwerben und durch die ihm eigeuthümliche Scheu, sich in seinen Augen Herabzuwürdigen, ist vollständig hinreichend, uns zu einem sittlichen Verhalten anzuleiten und uns selbst, von geheimen Vergehungen zurückzuhalten. Die inoralischen Eigenschaften, welche man Gott beilegt, be- währen sich in der Erfahrung keineswegs, die Theologie selbst zeigt uns Gott bald als liebevollen und weisen Vater, bald als Unstern, strengen Herrscher. Ein Gott, der sich uns unter so verschiedenen Gestalten zeigt, kann nicht Vorbild für uns sein. Wenn daher Plato sagt, die Tugend bestehe in Gottähnlichkeit, so müssen wir zuerst fragen, wo der Gott zu finden ist, dem der Mensch nacheifern soll. Sollen wir ihn in der Natur suchen? Aber derjenige, den man für den Urquell alles Lebens i» der Natur ausgibt, theilt ohne Wahl Gutes und Böses an die Menschen aus; er zeigt sich hart gegen diejenigen, deren Wandel ganz rein fit und überschüttet die größten Böscwichter mit einer Fülle von Segnungen. Mau sagt uns zwar, diese Ungerechtigkeiten werden sich dereinst ausgleichen, solange wir dies aber nicht ganz gewiß wissen, können wir uns einen solchen Gott nicht zum Muster nehmen. Sollen wir das Vorbild für unsere Sitten in den geoffenbarten Religionen suchen? Aber alle geoffenbarten Religionen stimnicu darin überein, Gott als ein rächendes Wesen darzustellen, das, kein Gesetz kennend, lediglich den Eingebungen seines Willens folgt, nach Willkür liebt und haßt, wählt und verwirft und seinen armen Unterthanen den Gebrauch ihrer Vernunft aufs strengste untersagt. Was soll aus der Moral werden, wenn die Menschen solche Muster wählen? Einer jeden, der Natur nicht feindlich oder fremd gegenüber- stehenden Moral gilt als letzter Zweck und höchstes Prinzip das allgemeine menschliche Wohl. Um dieses aber zu fördern und zu erreichen, ist es endlich einmal die höchste Zeit, daß man all- gemein ernst damit macht, die Moral vom Himmel auf die Erde zu bringen und sie, anstatt auf irgendwelche übernatürliche Voraussetzungen, auf die uns allen vertraute Natur fest und sicher zu gründen. Es ist eine durch die Erfahrung hinlänglich bewiesene� That- fache, daß die theologischen Begriffe der gesunden Moral stets zuwider waren und sein werden. Die Moral der Natur ist deutlich, klar und einfach. Die religiöse Moral ist unsicher und dunkel, wie die Gottheit, von der sie herstammt; sie führt die Völker der Knechtschaft, der Entsittlichung, der Finsterniß ent- gegen, indem sie den gefährlichen Wahn erzeugt, als könne der Mensch durch leere Ccremonie jede wahre Tugendübung ersetzen, jedes begangene Verbrechen abbüßen. Was hilft es, alle menschlichen Pflichten auf göttliche Gebote zurückzuführen? Die Gründe und Drohungen der Religion werden vergessen, sobald die Leidenschaften, die Interessen, die Gewohn- heiteu den Menschen mit sich fortreißen. Ein schlechter Mensch bleibt auch als Christ ein schlechter Mensch. Thut er auch Gutes, so thut er es doch nicht um des Guten willen, nicht weil ihn die Natur dazu treibt, weil ihm die Idee des Guten zur Nothwendig- keit geworden ist; maßgebend für seine Handlungen ist nur der Befehl des Herrn. Also nur ein ihm äußerliches, fremdes Gebot, ein Gebot, zu dem er gar keine innern, freien, aus ihm selbst entspringenden Verpflichtungsgründe findet, ist es, das sich als Schranke zwischen die stets gegebene Möglichkeit des Verbrechens und die wirkliche Ausführung desselben in's Mittel schlägt. Er hält daher auch, weil er die Menschen nur nach sich selbst denkt und die Macht des Guten nicht aus sich selbst kennt, jeden, der sich nicht wie er auf die Bibel stützt, für einen jedes Verbrechens fähigen Menschen. Und das Dogma, das ihm ebenso heilig, wo nicht noch heiliger als die Existenz Gottes ist, das � einzige Dogma, das er von Herzensgrund aus glaubt, ist das Dogma von der Grundverdorbenhcit der menschlichen Natur— i ein Dogma, das allerdings ein faktischer Beweis von dem Grund- verderben der Menschheit ist, denn es setzt als Bedingung seiner Genesis und des Glaubens daran einen Zustand der absoluten Verwilderung, der absoluten Entäußerung der Idee des Guten voraus, einen Zustand, wo der einzige wahre und gültige Glaube, der Glaube an die unaustilgbare Macht des Guten verschwunden ist. Solange die Menschheit dieses Dogma glaubt, solange bleibt sie innerlich grundschlecht und jede gründliche Besserung des Menschen unmöglich. Die Tugend wird enterbt, wo die Sünde ein heiliges Erbrccyt hat, das einzige Gute im Menschen— der Glaube an das Gute ausgerottet. Nur da dringt das Gute in den Menschen selbst ein, wo es als sein eigenes, inneres Wesen, als seine wahre Natur erfaßt und der Glaube an die Sünde als die größte Sünde erkannt wird. Die Theologie reißt die Ethik mit der Wurzel aus, indem sie das Gute außer den Menschen hinausschiebt; sie nimmt dem Menschen sein bestes, seinen wahren Gott, um ihm dafür einen äußerlichen, falschen Gott zu geben. Hinter die Religion kann sich der unreinste Sinn verstecken; die schmutzigsten, verächtlichste» Gesinnungen, die niedrigsten Per sönlichkeiten, die schlechtesten Weltzustände vertragen sich wohl mit der Religion, nicht aber mit der Idee der Sittlichkeit. Nur die Ethik ist die wahre Religion; sie ist der Geist der Religion, der offen ausgesprochene, seiner selbstgewisse, sich nicht durch Phantasie- bilder täuschende und hintergehende,� in dunkle Probleme und konfuse Vorstellungen verbergende Geist, das reine einfache Wort der Wahrheit, fern von aller orientalischen Bilderpracht. Nur die Ethik erzeugt, wie die Geschichte beweist, offene, freie, redliche, edle, natürliche, wahrhafte, ächt religiöse Charaktere. Es steht kulturgeschichtlich fest, daß gerade die tiefsten Denker, die größten Geister aller Zeiten von jedem Kirchenglauben sich losgesagt haben und deshalb als Freigeister oder Atheisten ver- schrieen waren. Es ist ein Zeichen des langsamen und geringen Fortschritts der Menschheit auf der Bahn höherer Erkenntniß, 20 I877 78. wenn man heute noch meint, die große in materieller Arbeit hin- lebende Masse des Volkes bedürfe, um sich nicht unglücklich zu fühlen, sondern um Trost im Leiden und Sterben zu finden, noch eines Glaubensapparates und einer übernatürlichen und wunder- baren Offenbarung. Der Mensch braucht eine menschliche, auf die Natur des Menschen, auf feststehende Erfahrung, auf Vernunft gegründete Moral; die Moral der geoffenbartcn Religionen hat sich noch jederzeit als unheil- und verderbenbringend für uns Erden- bewohner erwiesen. In keiner Weise kann die religiöse Moral einen Vergleich aushalten mit der natürlichen. Die Natur fordert den Menschen auf, sich zu lieben, für seine Erhaltung zu wachen und unablässig nach Erhöhung seines Wohlbefindens zu streben; die Religion befiehlt ihm, einzig und allein einen furcht- baren Gott zu lieben, sich selbst zu verabscheuen und jeden Lebens- genuß seinem Idole aufzuopfern. Die'Natur ermahnt den Menschen, die Vernunft zu Rathe zu ziehen und sich ihrer Leitung zu überlassen; die Religion lehrt ihm, diese Vernunft sei ver- derbt, sei eine ungetreue Führerin, welche ein trügerischer Gott bestellt habe, den Menschen irre zuführen. Die Natur empfiehlt dem Menschen, nach Aufklärung und Wahrheil zu streben und sich über sein Verhältniß zur Natur und zu seines Gleichen zu unterrichten; die Religion befiehlt ihm, nichts zu untersuchen, unwissend zu bleiben und die Wahrheit zu scheuen, sie überredet ihn, daß kein Verhältniß für ihn wichtiger sei, als sein Verhältniß zu einem Wesen, von welchem er nie eine Erkenntniß haben wird. Die Natur erinnert den Menschen, seine Leidenschaften zu mäßigen, ihnen zu wiederstehen und ihnen reelle, der Erfahrung entlehnte Beweggründe entgegenzusetzen; die Religion will, daß der Mensch gar keine Leidenschaft habe, eine empfindungslose Masse sei oder seine Neigungen durch ideale Beweggründe nieder- halte, die ebenso veränderlich sind, wie er selbst. Die Natur ermuntert den Menschen zur Geselligkeit, zur Liebe und Eintracht, zur Gerechtigkeit und Duldsamkeit, zur Wohlthätigkeit und wohl- «vollenden Beförderung des Glückes seiner'Nebenmenschen; die Religion fordert ihn auf, die Gesellschaft zu fliehen, sich vom Irdischen loszureißen, seine Mitgejchöpfe zu hassen, wenn ihnen ihre Einbildungskraft andere Ideale vorhält, als ihm die seinige zeigt, sie fordert ihn auf, die heiligsten Bande zu zerreißen, um seinem Gotte zu dienen und alle, die nicht auf seine Weise irren wollen, zu verfolgen und zu hassen. Die'Natur spricht zum Bürger: strebe nach Auszeichnung, suche dir Achtung zu erwerben, sei thätig, beherzt und arbeitsam; die Religion sagt: sei demüthig, kriechend und kleinmüthig, ziehe dich in die Einsamkeit zurück, beschäftige dich mit Gebet, mit frommen Betrachtungen und gottes- dienstlichen Uebungen und sorge nicht für dein oder andrer Wohl. Die Natur ermahnt den Vater, seine Kinder zu lieben und sie zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft heranzubilden; die Reli- gion befiehlt ihm, sie in der Furcht Gottes zu erziehen und sie mit Vorurtheilen zu erfüllen, die sie der Gesellschaft eher ge- fährlich als nützlich machen. Die Natur ermahnt die Kinder, ihre Eltern zu achte» und zu lieben, ihnen zu gehorchen und die Stütze ihres Alters zu sein; die Religion befiehlt ihnen, mehr auf die Stimme Gottes zu hören und Vater und Mutter von sich zu stoßen, wenn es sich um die Angelegenheiten des Himmels handelt. Die Natur crmahnt den Leichtsinnigen, über seine Laster und seine schändlichen Neigungen zu crröthen, sie zeigt ihm, daß auch seine geheimsten Ausschweifungen nothwendig seine Glück- scligkeit untergraben müssen; die Religion spricht zu dem laster- haftesteu Bösewichte: erzürne nicht einen Gott, den du nicht kennst, solltest du aber gleichwohl seinen Gesetzen zuwider dem Verbrechen anheimfallen, so' wisse, daß er leicht zu versöhnen ist, gehe in seinen Tempel, demüthige dich zu den Füßen seiner Diener, büße deine Missethaten durch Opfer und Geschenke, Ceremonien und Gebete ab, und du wirst dein Gewissen beruhigen und vor den Augen des Ewigen gereinigt dastehen. Kann der denkende Mensch noch zweifeln, auf welchem von diesen beiden Moralsystemeu der Staat und die Gesellschaft sicherer An der Galerw Vlttorio Eraannele(Victor-Emanuel-Galerie) Jii Mailand(Seite 233) tritt eins der prachtvollsten Bauwerke der Neuzeit vor unsere Augen. Das Höchste, was Baukunst, Bildhauerei und Atalerei im Verein init allen Zweigen der Mechanik und Technik zu leisten vermochten, ist hier ausgewendet worden, um einen Pracht- bau zustande zu bringen, der kaum seinesgleichen hat. Derselbe besteht und fester gegründet wären, auf dem natürlichen oder dem reli- giösen? Sehen wir denn nicht blos deshalb eine solche Menge von Verbrechen auf der Erde, weil die herrschende Moral auf falscher Grundlage ruht und alles sich verschwört, die Menschen verbrecherisch und lasterhaft zu machen? Ihre Religionen, ihre Regierungen, ihre Erziehung, die Beispiele, welche sie vor Augen haben, treiben sie unwillkürlich zum Bösen. Was nützt es, Tugend zu predigen in Gesellschaften, Ivo das Laster und die Verbrechen beständig gemehrt, gepriesen und belohnt werden und wo die scheußlichsten Frevel nur an denen bestraft werden, welche zu schwach sind, um das Recht zu haben, sie ungestraft zu begehen. Die Gesellschaft straft an den Geringen die Vergehungen, welche sie an den Großen ehrt, und oft begeht sie die Ungerechtigkeit, den Tod über Leute zu verhängen, welche nur durch die vom Staate selbst aufrecht gehaltenen Borurtheile in's Verbrechen ge- stürzt worden sind. Eine Moral, welche wie die christliche auf falschen Voraus- setzungen, wie z. B. der Annahme von der Erbsünde beruht, ein Moralsystem, ivclches ivie das herrschende zwei Jahrtausende hin- durch seine Unfähigkeit bewiesen hat, die Menschen besser zu machen, welches dieselben im Gegentheil immer schlechter und unglücklicher macht, kann schlechterdings keinen Anspruch mehr auf allgemeine Anerkennung und Gültigkeit erheben. Es ist die höchste Zeit, daß an Stelle einer übernatürlichen, unwahren, un- gesunden— eine natürliche, auf Wahrheit gegründete, gesunde Sittenlehre gesetzt ivird. Die Grundprinzipien einer solchen sind wie gesagt seit Menschengedenken bekannt:„Was du nicht willst, daß man dir thu', das füg auch keinem andern zu" heißt das erste und oberste Gebot der natürlichen Ethik, welche durch den Darwinismus ihre vollste und naturgesetzliche Begründung gefunden hat. «olange die Menschen den Befehlen eines herrischen und furchtbaren Gottes gehorchten, der die Sünden der Väter an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied rächte, solange sie sich bei ihren Handlungen durch Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Lohn bestimmen ließen, konnten die Prinzipien der natürlichen Moral nicht zur Geltung gelangen, konnten die Menschen ihre ivahre Bestimmung nicht erkennen. Jahrtausendelang haben sie sich um übersinnliche Güter geplagt und sind darüber um die irdischen zu kurz gekommen, sie haben ein glückliches Jenseits er- strebt und haben sich das Diesseits zum Fluche werden lassen, sie haben einen Himmel gewollt und darüber ist ihnen die Erde zur Hölle geworden. Seit der wissenschaftlichen Begründung der Deszendenztheorie durch Darwin ist diefer thörichte und verderbliche Wahn von der Menschheit genommen. Frei und stolz darf der Mensch sein Haupt erheben, denn er ist nicht der entartete und heruntergekommene Sprößling eines gottähnlichen vollkommenen Wesens, sondern durch eigene Kraft hat er sich von einem thicrähnlichen, unvoll- kommeneu Wesen zu dem Herrn der Welt emporgeschwungen und eigene Kraft wird ihm auch ferner vorwärts helfen auf der rühm- vollen Bahn fortschreitender Entwicklung und ihn auf immer höhere Stufen geistiger Vollendung führen. So wohlthätig es für die Menschheit ist, wenn die Menschen endlich einmal lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und wenn sie erkennen, daß alle übersinnlichen Güter geträumte Phantasiebilder sind, für deren Wirklichkeit auch nicht der leiseste Schatten eines Beweises beigebracht iverden kann, so mißliebig sehen diejenigen da zu, welche schon solange mit Hilfe dieser Phantasiegebilde die Menschen am Gäugelbande gefuhrt haben. Die Lehren. des Darwinismus und die Folgerungen, die sich daran knüpfen, sind bei den Machthabern und den Gewaltigen dieser Erde verpönt, sie hassen den Mann, der es wagte, auch den letzten Schein eines durch die Geburt erlangten Rechts zu zerstören— um so dank- barer gedenkt das Volk dieses Mannes und um so freudiger be- gehen alle ivahren Freunde der Freiheit und Wahrheit den(auf den»2. Februar fallenden) Geburtstag eines der größten Wohl- thäter der Menschheit. aus zwei einander rechtwinklig kreuzenden, je 200 Meter langen Gängen, die sich in einer riesigen, von kolossaler Glaskuppel überwölbten Rotunde begegnen. In den Parterreräumlichkeiten zu beiden Seiten der Galerie- gänge befinden sich reich ausgestattete Verkaufshallen, die durch schöne, dorische Säulen von einander getrennt sind und unter einer einzigen riesigen Spiegelscheibe von venetianischem Glase die Schätze italienischen Kunstfleißes dem Auge der Vorüberwandelnden darbieten� Zwischen ' den Fenstern des Entresols befinden sich reiche Basreliefs und Marmor- statuen der berühmtesten Männer Italiens. Darüber läuft ein zierlicher Balkon mit reich vergoldetem Eisengußgelünder, das hundert Relief- Medaillons trägt, die in Gold auf rothem Grunde die Wappen der größeren Städte Italiens zeigen. Die kostbar verzierten Fenster der oberen Etagen werden von gewaltigen Marmorpfeilern eingerahmt; und die letzte der Etagen wird in einer Höhe von 3ö Metern von 26 kühn gewölbten eisernen Bogen überspannt, deren Glasbedachung freien Aufblick zu dem Azur des italischen Himmels gestattet. Der Fußboden der Galerie ist zum Theil mit Lava, theils mit Metall- mosaiken■ gepflastert, deren Centren die Wappen von Mailand und England zeigen. Die Abendbeleuchtung der Galerie ist eine wahrhaft feenhafte: neben riesigen Lichtsonnen strömen 2ö0(i Gasflammen eine fast blendende Tageshelle aus. Den Erbauer der Galerie, den genialen italienischen Architekten Mengoni, ereilte ein tragisches Schicksal: er stürzte von einem in der Höhe der Galerie angebrachten Gerüst herab und war auf der Stelle todt. G. — Eine Lücke im Studium der Vererbungsgesetze.(Photogenea- graphie.) Maitz sagt in seiner Anthropologie Seite 18:„Die Mühe, welche man sich gegeben hat, die Art und Weise der Abhängigkeit zu erkennen, in welcher die eigenthümliche leibliche Begabung der Nach- kommen von der ihrer Eltern steht, scheint bisjetzt ganz vergeblich ge- Wesen zu sein."— Diese Wahrnehmung das Herrn Waitz wundert mich nicht; mich befremdet es nicht, daß es weder den Anthropolen noch den Genealogen gelingen will, einigermaßen verläßliche Naturgesetze über das Vererben der Eigenschaften auf Blutsverwandte zu entdecken. So- lange wir auf diesem Gebiete nicht den Boden der exakten Beobachtung betreten und beobachtete Thatsachen über Vererbungsvorgänge genea- logisch in Bildern fixiren und aufsammeln, ist es unmöglich, empirisch eine Regelmäßigkeit im Vererben zu entdecken, geschweige kausale Natur- gcsetze über das Vererben festzustellen.— Von dieser Ueberzeugung ausgehend begann ich vor einigen Jahren, unter den größten Schmie- rigkeiten in allen Volksschichten vom deutschen Kaiser und vom Fürsten Bismarck bis zum Bettler und zum Geisteskranken, nach solchen Ver- erbungsthatsachcn zu fahnden, welche, in Massen zusammengestellt, allein uns dereinst den Gang und die Gesetze der Blutsvererbung werden auf- schließen können. Ich suchte nämlich das erforderliche Forschungs- Material zunächst in den Ahnenporträts, welche in den Familien- gallerien der Geburtsaristokratic, wenn auch mehr oder weniger lücken- Haft, sich vorfinden mußten. Ich wandte mich zu diesem Zwecke an ji viele Familien, namentlich auch an die Herrscherfamilien Deutschlands und deren Hofmarschallümter. Im Interesse der Anthropologie und Geneagraphie bat ich, mir photographische Kopien der Ahnenbilder und die Portraits ihrer blutsverwandten Zeitgenossen nebst genealogischem Kommentar als Forschungsmaterial zu übermitteln.— Der Erfolg dieses meines Rundschreibens war im ganzen ein enttnuthigender. Mehrentheils mochte man draußen die große Bedeutung eiuer solchen � endlosen Sammlerarbeit noch unterschätzt haben. Ich hatte zwar weder Zeitopser gescheut, noch Organisationsauslagen gespart, welche mit einem derartigen Unternehmen verknüpft sind; dafür erhoffte ich von meinem Rundschreiben— leider aber vergebens— eine große Ausbeute an Porträtmaterial, so daß es mir als Unterlage zu einem vergleichenden analytischen Beobachten der Vererbungsthatsachen dienen könnte. Rur Porträtstammbäume vermögen uns ja die ersten Ausgangspunkte zur Beantwortung der Fragen zu bieten, ob aus viele Generationen hinaus in der Blutsvererbung z. B. das konscrvirende, oder ob das differenzirende, variirende Prinzip im Vererben vorherrscht, und ob selbst das individuelle Disserenziren, welches in den Descendenten immer zu Tage tritt, schließlich nicht dennoch im Grunde nur ein strengeres Konserviren, ein Wiederaufwccken, ein Reproduziren viel älterer Slam- meseigenthümlichkeiten(Atavismus) ist. Solche allgemeine Fragen, aus deren Lösung sich eine große Reihe von Naturgesetzen über Bluts- Vererbung ableiten ließe, veranlaßten mich, wie gesagt, in vielen vor- nehmen Häusern, bei vielen adeligen Geschlechtern, in welchen ich das Vorhandensein alten Porträtmaterials vermuthete, um Anlieferung photographischer Kopien der Blutsverwandten-Porträts anzuklopfen. Von den Fürsten, die ich anging, war der Herzog von Coburg der- jenige, welcher mir mit den werthvollsten Porträtbeiträgen aus der herzoglichen Aszendenz an die Hand ging. Er ließ mir für meine genealogisch-anthropologischen Studien eine erste Serie von 90 Ahnen- Porträts in ununterbrochener Linie von 1367 bis auf die Jetztzeit hinabreichend photographisch aufnehmen und mir zur Verfügung stellen. An anderen deutschen Höfen wurde ich mit meinen Gesuchen von den Oberhofmarschallämtern an die Hausmarschallämter und schließlich von i diesen an die einzelnen Schloßverwaltungen, in deren Bereich die Porträts der Ahnen zerstreut sind, verwiesen. So waren die Schmie- rigkeiten, Vererbungsthatsachen da, wo sie reichlich vorhanden sind, im Interesse wissenschaftlicher Forschung zu sammeln, anfangs für mich fast unübersteiglich. Wenn ich heute, trotz diesen Mißerfolgen meiner früheren Bestrebungen, die alte Sammelarbeit wieder ausgreife, und im geneagraphischen Porträtsammeln und Porträtordnen den Grundstein zu einem neuen Zweige der Anthropologie, zur Photogeneagraphie legen möchte, so werde ich dazu ermuthigt durch die interessanten Aufschlüsse, welche ich aus dem spärlichen Porträtmaterial, welches mir bereits zu- geschickt worden ist, erhalten. Die wenigen Bilderreihen, welche ich über Blutsverwandte besitze, lassen schon jetzt merkwürdige, ja wahrhaft wunderbare Thatsachen aus allen Vererbungsgebieten durchblicken. Es fehlt zur Begründung einer fruchtbaren Porträtgeneagraphie weiter nichts, als ein besseres Entgegenkommen des Publikums im Anliefern von Familienporträts. Dieses Entgegenkommen in dem Leserkreise unseres Blattes zu wecken, ist mit der Zweck der nachfolgenden Ab- Handlungen über diesen Gegenstand. Ich bin überzeugt, daß es uns gelingen wird, die alte, geburtsaristokratische Genealogie mit der neuen Descendenzlehre zu einer neuen, sozialpolitischen Lehre zu verknüpfen, zn einer Lehre, welche eine der Unterlagen unserer künftigen gesell- schaftlichen Ordnung bilden wird. Dr. H. Oidtmann. Der Diebstahl im alten Aegypten. Zu den originellsten Ein- richtungen des alten Aegyptens gehörte die Organisation des Diebs- gewerbes. Ob die Gesetzgeber erkannten, daß zwischen dem öffentlichen Diebstahl aus allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens und dem ge- Heimen, meist durch Roth und Elend veranlaßten, im Grunde genommen kein Unterschied besteht, oder ob es nur Nützlichkeitsrücksichten waren, welche sie bei dieser Organisation leiteten, das muß dahingestellt bleiben; die Historiker betonen nur den Nützlichkeitsstandpunkt. Es waren Be- Hörden eingesetzt, bei denen diejenigen Personen, welche das Diebs- gewerbe betreiben wollten, sich einschreiben lassen mußten. Der Ehes einer solchen Behörde hieß Diebshauptmann. Diesem Hauptmann mußte nun, nachdem der Diebstahl vollführt war, sofort das Gestohlene unter Angabe der Zeit, des Namens des Bestohlenen u. s. w. vorgezeigt oder übergeben werden. An den Diebs Hauptmann wandte sich auch der Bestohlene. Er hatte ein schriftliches Verzeichniß aller vermißten Gegenstände zu überreichen und dabei Ort, Tag und Stunde des Ver- lustes so genau als möglich anzugeben. Der Bestohlene hatte den vierten Theil des Werthes zu bezahlen und erhielt dafür die gestohlenen Gegenstände zurück. Nach Abzug der Kosten wurde die Zahlung, welche er geleistet, dem Diebe ausgehändigt.— Es kam nun freilich nicht selten vor, daß die Diebe die Behörde umgingen und ibren Diebstahl nicht zur Anzeige brachten. Dann wurden in Ermangelung von Poli- zisten die— Orakel in Bewegung gesetzt, um die Thäter zu ermitteln, wobei es wie bei den Kietzergerichten zuging; auf bloßen Verdacht hin wurden zahllose Unschuldige in Strafe genommen.— Im allgemeinen erfreute sich die gesetzliche Organisation des Diebsgewerbs eines großen Ansehens und niemaud nahm daran Anstoß.— Es ist übrigens noch garnicht so lange her, daß auch bei uns ein gesetzlich gehegtes und ge- pflcgtes Diebs- oder Betrügergewerbe bestand. Wir meinen das so- genannte„Weißkäufer"-Gewerbc, bei dem das Publikum unter Mitwirkung der Polizei aus die schamloseste Weise ausgebeutet wurde. Von Katze und Bienen erzählt der amerikanische Bienenvater Charles Kaiser folgende interessante Geschichte. Als ich meinen Bienen- stock aufgestellt hatte, erregte das Thun und Treiben dieser kleinen. Thiere die gespannteste Aufmerksamkeit»reiner alten Katze Tabby, die nie vorher in ihrem Leben Bienen gesehen hatte. Zunächst beobachtete sie das Gehen und Kommen derselben aus der Ferne. Dann schlich sie mit wagrechtem, vor Aufregung zitternden Schwänze dicht am Boden hin dem Stocke zu: sie dachte augenscheinlich, Bienen seien für sie ein neues Beutethier. Endlich setzte sie sich neben das Flugloch und schlug mit der Pfote nach jeder passirenden Biene, ohne eine Zeitlang die Beachtung der Bewohner des Stocks zu erregen. Da aber traf Tabby eine Biene und zerdrückte sie ans dem Flugbrette. �Der Geruch des getödteten Kameraden alarmirte sofort den ganzen Stock. Schaaren- weise drangen die gereizten Thierchen hervor und fuhren in das Fell der Katze. Tabby rollte sich im Grase, sprudelte, fauchte, biß, kratzte und schrie, wie wohl noch nie eine Katze geschrien hatte. Sic sah aus wie ein Ball von Haaren und Bienen, als sie so daherrolltc. Endlich wurde Tabby mittels eines Rechens von der gefährlichen Nähe des Bienenstocks fortgezogen, wobei der Befreier jämmerlich zerstochen wurde. Selbst dann noch stak das Fell der Katze voll Bienen, die fortwährend unerhört quäkte und fußhoch in die Luft sprang. Wenn sie sich am Ohre kratzen wollte, erhielt sie wieder einen Stich in den Rücken, sodaß es ein fortwährendes Purzelbaumschlagen und ein Schnellfeuer von „Miau" war. Old Tabby war übel daran.— Zwei oder drei Tage nach diesem Abenteuer setzte Kaiser die Katze neben den Bienenstock. Aber sogleich erhob sie ein schreckliches Geschrei und sprang mit einem Satze auf den reichlich zwei Meter hohen Zaum. Dann sprang sie mit einem Schwanz so dick wie Nudelholz und mit einem Schrei in's Freie und war eine Woche lang unsichtbar. Dr. B.-R. Der Karneval mit seinen Maskeraden, der heutzutage bloßes Vergnügen ist, war einstmals Religion. Bei der Geburt des neuen Jahres tanzen in Hiiiterasicn, im Lande Tibet, noch heute Thiermasken zn Glassa, dem dortigen Rom, im Kloster Monn. Vorher geht das Fest der Austreibung der bösen Geister, bei uns die Geburt Christi. Das Hauptland der Maskeraden war im Alterthum Aegypten, von 240 dorther scheint auch das Wort Maske zu stammen. �Insedot finden im Aegyptischen fiir„Keule", die Keule aber, zur Pritsche des Hans- wurst geworden, spielte die Hauptrolle bei jener Austreibung. Es gab nämlich der Sage nach eine Zeit, in welcher die guten Geister sich in allerlei Thiergestalten vor den bösen Gewalten bergen mußten, um nicht gänzlich von der Erde verdrängt zu werden. Auch in neuerer Zeit hat man sich unter mancherlei Masken stecken müssen, um über manches hinwegzukommen, aber die Keule blieb bei icder Maskirung, und die Maskirten zogen sie nach manchen Volkssagen unvermuthet hervor, wie aus der Tanzwiese bei Aschersleben, wo der Arnsteiner seinen Lohn für de» Jungfernraub erhielt. Der Karneval ist eigentlich ein Erinnerungs- fest an die düstere Zeit des Siegs der bösen Mächte, nachdem sie ge- stürzt sind. Auf diese Trauer, die nun vorüber, geht wohl das cur, dps auch im Charfreitag, dem Todestag Jesu, vorhanden, während nnvul Bezug auf das Schiff nimmt, in dem die ägyptische Isis ihren gemordeten Osiris heimbrachte. Schiffe zog man noch im Mittelalter vom Rheine unter großem Volkszulauf über Land nach Belgien, wo, wie in Aegypten, eine auf dem Schiffsschnabel stehende Göttin verehrt wurde. Dr. B.-R. Die Farben der alten Griechen haben von jeher durch ihre unveränderte Frische die Aufmerksamkeit der Forscher erregt. Durch seine chemischen Untersuchungen überzeugte sich Professor Landerer in Athen, daß fast alle diese Farben mineralischen Ursprungs sind. Rother Ocker, Mennige und Zinnober sind die hauptsächlichsten rothen Farben; der letztere wurde von dem Athener Kallias in der 42. Olympiade (420—417 vor Chr. Geb.) künstlich dargestellt. Die weißen Farben bestanden aus Bleiweiß, aus einem weißen Thon von der Insel Mylos, bisweilen aus Kreide. Die blauen und grünen Farben enthielten Kupfer und wurden mit Beihülfe von Essig, Weinmost und Salz dargestellt. Knochenschwarz und Holzkohle wurden oft bei Gemälden wegen ihres angenehmen Tons angewandt. Die gelben Farben waren gewöhnlich Ocker liild gelbes Bleioxyd. Das Vergolden von Marmor und anderen Dingen war den alten Griechen wohlbekannt, wurde auf Metallen mit Hülfe von Quecksilber und ans andere Substanzen mit Eiweiß und Sarcocolla bewirkt, welcher Klebstoff vom Fischleimstrauch(Ueuaea mucrouata oder SarcoooUa) erhalten wurde. Dr. B.-R. Arithmogryph. 1 2 3 4 5 0 7 8 9 10 11 12 13 eine Seltenheit in der„besten der Welten"; 7 12 9 11 3 ein Raubthicr; 10 3 8 11 9 eine Schande für die Menschheit; 2 8 ein Nahrungsmittel; 0 11 S 6 13 ein Fisch; 4 9 11 3 eine Stadt in Böhmen; 9 4 8 1 11 ein Musikinstrument; 2 6 3 11 eine Zierde der Menschen; 3 11 6 ein Wild; 3 11 8 6 11 3 ein Vogel. Aorrespondenj. Stettin(Poststempel). Pastor G. F. Sie habet, zu Weihnachten bei der Ihren „bescheidenen Mitteln angemessenen kleinen Christbescheeruag mit der Sie„die Freude am Erlöser auch in die ärmsten Hütten zu tragen" bemüht sind, verschiedenen Ihrer Psarrkinder ein paar von den„artig ausgestatteten und mit bestechlicher Weltweisheit gefüllten" Heften der„Neuen Welt" gleichzeitig mit einem unscheinbaren„Bibelbüchlein, das Bermächtniß unseres Herrn und Heilands, das Neue Testament, enthaltend" über- geben, mit der Bedingung, daß Ihnen das eine nach vierzehn Tagen wiedergebracht werde, während das andere— gleichviel welches— als Geschenk für immer zurück- behalten werden könnte.„Und siehe da! Alle brachten nach sorgfältiger Prüfung— denn die Hefte waren ganz zerlesen!— das gottlose Blatt(die„N. W.") wieder zurück, manche mit Ausdrücken deS Zorns über die Verleugnung alles Heiligen und Göttlichen darin, und alle behielten sich mit tausend Dank das Buch des Herrn, obzwar sie theil- weise schon eine Bibel in ihrem Haushalte besaßen." Sie fahren fort:„Da traten mir die Thränen frommer Freude in's Auge und mit gefalteten Händen mußte ich ausrufen: Sehet da, ihr Schwachen im Glauben, das Herz des schlichten Mannes, es ist der Fels, auf welchen der Herr Jesus Christus seine Kirche auferbaut hat." Nun, verehrter Herr Pastor, Sie mögen ein sehr guter Mann sein— der Umstand, daß Sie uns solche rührende Geschichten erzählen, beweist eine Kindlichkeit des Gemüths, um welche Sie der unschuldigste Säugling beneiden könnte!—, aber ein kluger Mann sind Sie nicht, nämlich ein Mann von jener, Ihnen freilich verwerflichen Weltklugheit, die sehr wohl weiß, daß die Handlungen der Menschen im allgemeinen von ihrem Jnteresie gezeugt werden. Halten Sie wirklich Ihre Bauern sür so dumm, daß sie nicht im ersten Augenblick den— mit Hörnern stoßenden!— Witz Ihrer„Prüfung" durchschaut haben sollten? Meinen Sie im Ernst, daß das geistesärmste Ihrer erwachsenen Psarrkinder„nach sorg- fältiger Prüfung" der„N. Welt", der allerdings, nicht das Kainszeichen der Gottlosig- keit, sondern die ehrenvollen Furchen vorurtheilslosen Denkens auf die Stirn gezeichnet sind, nickt ganz mühelos eingesehen haben müßte, daß Ihnen, dem Diener der Kirche, an dem Verzicht auf diese schreiend kirchenfeindlichen Blätter seitens der von Ihnen Be- schenkten etwas besonderes gelegen sei?? Damit Sie aber sehen, daß bei uns jede« gut- gemeinte Streben Anerkennung findet, so geben wir dem Wunsche Ausdruck, es möchten alle Seelenhirten, soweit die deutsche Zunge klingt, dieselben frommen Experimente mit der„N.W." und ihren Pfarrkindern anstellen. Freilich wollen wir nicht verhehlen, daß wir zweifeln, ob der Fels der Kirche auf die Dauer den in der„N. W." enthal- tenen Sprengmaterialien Widerstand leisten möchte. Breslau. E. R. Wir können nur ganz einfache Rebus verwenden: der von Ihnen eingesendete ist im ganzen hübsch, aber er ist für unsere Zwecke schon zu umfangreich und außerdem am Schluß der ersten Zeile, bei„nicht sehen", inkorrekt. Bielleicht gelingt es einem andern Produkte Ihrer Mußestunden unseren Anforderungen vollkommen gerecht zu werden!? Dortmund. C. H. Das Buch mit der Schilderung der Wiedertäuferbewegung macht wohl nur den Anspruch, eine unterhaltende Lektüre zu liefern und kümmert sich wenig um historische Treue und strenge Kritik. Wenn dergleichen genügendes Mate- Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. rial für eine Arbeit in der„N. 28." böte, so hätten wir freilich leichtes Schaffen!— Das im übrigen von Ihnen Gewünschte haben Sie rechtzeitig empfangen? Crimmitschau.— i—. Es soll uns angenehm sein, wenn wir Ihnen durch Ber- öffentlichung einiger Ihrer Poesieen Freude' bereiten können. Wenn wir nach einer früheren Korrespondenznotiz bei Ihnen poetisches Talent, aber wenig Schule gefunden zu haben erklärten, so meinten wir damit nicht, daß Sie zuweilen ein paar Versfüße zu viel oder zu wenig in die Welt setzten— das sind Nebensachen!—. sondern wir be- zogen das hauptsächlich auf Ihre Ungeübthcit, erstens die Worte so zu plaziren, daß die wichtigsten dahin zu stehen kommen, wohin ganz zwanglos die Hauptbetonung fällt, nämlich an den Anfang oder das Ende der Verszeilen, und zweitens dasjenige Metrum zu wählen, welches den zur poetischen Darstellung bestimmten Gedanken und Stimmungen am meisten entspricht. Wir denken selbstredend nicht daran, daß ein Greis, wie Sie, sich mit der Metrik quälen solle, aber wir können andrerseits, wenn es gilt, unsre Mei- nung über bestimmte Leistungen vernehmen zu lasten, auch nur unser Urtheil fällen mit Rücksicht auf das Produkt und ohne Ansehen der Person des Produzirenden. Berlin. C. Z. Ihnen können wir zu unfrem Leidwesen garnicht helfen, wenn wir auch zugeben müsten, daß es traurig ist.„zehn Jahre lang ganz vergebens nach einer einigermaßen gebildeten und mit Verständniß für die großen Fragen der Gegenwart be- gabten Fran," wie sie Ihnen nun einmal„unter allen Umständen nöthig" ist, gesucht zu haben. Wenn es wirklich ein Trost ist, Genosten im Unglück zu haben, so bedenken Sie, daß außer Ihnen noch tausende vergeblich nach einer ihren Ansprüchen völlig ent- sprechenden Lebensgefährtin fahnden. Zudem kann man schon zufrieden sein, wenn man beim Weibe das findet, was angeblich die meisten Männer suchen, was in Wahrheit aber den meisten sehr gleichgiltig ist, ächte Liebe. Ist die vorhanden, so stellt sich das andere— auch das Verständniß für die großen Fragen der Gegenwart, sofern es nur auch der Mann wirklich besitzt— ganz von selbst ein. Eilenburg. Einige Abonnenten. Für die in verschiedener Hinsicht interestanten Bücher sowohl, als den alten Holzschnitt unseren freundl. Dank. Das eine, welches Sie zurückzuempfangen wünschen, senden wir im nächsten Monat: etwa gleichzeitig sollen Sie genaue Mittheilung über den wissenschaftlichen, resp. künstlerischen Werth der Sachen erhalten. Köln. Commis E. Ta. Ob wir„nicht über die geheimen Abmachungen der euro- päischeu Diplomaten während des letzten Jahres zuverlässige Aufschlüste" geben wollten?! Wenn wir hexen könnten— ja! Hamburg. L. N. Wenn es sich machen läßt, recht gern! Reutlingen. E. F. Am 2. d. M. ist ein Brief mit der erwünschten Antwort an Sie abgegangen. Kopenhagen. B. Tj.„Skandalgeschichten aus der dänischen Königsgeschichte" gäbe es allerdings in Hülle und Fülle zu erzählen, aber wir werden den Skandal nie- mals um des Skandals und der Sensation willen knltiviren, sondern uns nur dann mit Skandalösen befasten, wenn ihre Behandlung geeignet ist, eine moralische Wirkung zu erzielen, und diese Art der Behandlung ist nicht eben leicht. Aerztlicher Brieftaften. Worms. F. S. Solange die Frage so unwistenschaftlich gestellt wird: ob Pflanzen- kost oder Fleischkost vorzuziehen sei? ist der Streit zwischen den Begetarianern und Fleischcstern nicht zu schlichten, denn in den Pflanzen ist ebenfalls„Fleischstost" vor- handen und umgekehrt im Fleische„Pflanzenstoff". Nicht Nahrungsmittel, sondern Nahrungsstoffe müssen einander gegenübergestellt werden. Ob also in einem Falle vegetarianische Lebensweise anempfohlen werden kann oder nicht, das hängt von diesem Krankheitssalle selbst ab. namentlich von den Ernährungsverhältnisten, in denen sich der betreffende Kranke befindet. Unter normalen Berhältnilsen bedarf jedoch der Mensch viel weniger Fleischstoff in seiner Nahrung, als er gewöhnlich infolge anerzogenen BorurtheilS, Naschsucht und Liebhaberei zu sich nehmen lu müsten glaubt. R— y. M Ihr Leiden scheint eine nervöse Affektion der betreffenden Theile zu sein, welche auf den Allgemeinzustand zurückwirkt und Sie in hohem Grade hypochondrisch macht. Doch ist eine Verordnung dagegen zu treffen unmöglich, wenn man Sie nicht persönlich gesehen und untersucht hat. Kommen Sie also, wenn es Ihre Zeit erlaubt, einmal nach Leipzig. Aachen. M— r. Ihre Anfrage:„Bor welchen Krankheiten man sich und seine Familie in den gefährlichen Monaten Februar und März am meisten zu hüten habe und wie man das mache?" ist in der Kürze kaum zu beantworten. Im allgemeinen sind es jedoch besonders die leichteren katarrhalischen Erkrankungen der Athemwege und der Rachen- höhle, welche die Grundlage für die schwereren Erkrankungen dieser Theile bilden, für die Lungenentzündungen, den Croup und ganz besonders die Diphtheritis, denn der schlimme Ausgang der erstgenannten Krankheitsformen setzt eine in der Regel erwor- bene Schwäche der Athmungsorgane voraus, während der Diphtheritispilz— der nach neueren Untersuchungen wohl die alleinige Ursache der Diphtheritis bildet— auf der schon katarrhalisch erkrankten Rachenschleimhaut sich leichter ansiedelt und vermehrt, als wenn dieselbe gesund ist. Die Regeln für die Prophylaxis ergeben sich hieraus von selbst: Verhütung der katarrhalischen Krankheiten durch eine mehr abhärtende Lebens- weise und durch den Genuß frischer Luft, sowie sorgfältigste Behandlung und Pflege selbst nur leichteren Grades katarrhalisch erkrankter Kinder. Das am meisten abhärtende Mittel ist das kühle— nicht das kalte Wasser. Das kalte Master von 6— 12 Grad R. verwendet nur noch der Kaltwasterfanatiker, aber kein vernünftiger Arzt; denn je weiter sich die Temperatur des applizirten Masters von der des Körpers entfernt, desto inten- siver ist die Wirkung, desto mehr Wärme wird dem Körper entzogen. Ebenso kräftig ist aber auch die nachfolgende Reaktion und zwar in der Art, daß die Haut nicht blos wieder warm wird, sondern auch theilweise zu schwitzen anfängt. Eine kleine Unvor- sichtigkeit bei dem letztgedachten Borgange, wie z. B. Aufenthalt in einem kühlen Räume, Zugluft u. s. w. verursacht aber wieder die Folgen einer Erkältung. So wird denn der Zweck der Abhärtung durch zu kaltes Master nur in seltenen Fällen erreicht, ganz ab- gesehen davon, daß dasselbe bei einer gewissen Reihe von kränklichen Personen garnicht paßt, nämlich denen, deren Haut auffallend dürr und trocken,„wie ein Reibeisen" sich anfühlt, wie man dies bei schlechtgenährten, skrophulösen Kindern findet, wo im Gegen- theil lauwarme Bäder am Platze sind, mit einer kühlen Uebergießung zum Schluß und nachfolgender kräftiger Frottirung. Solche Personen dagegen, deren Haut auffallend dünn und underb ist, die bei der geringsten äußeren Veranlassung, bestehe sie in erhöhter äußerer Temperatur, in körperlicher oder geistiger Anstrengung, reichlich schwitzt, die aber dabei nicht turgeszirt, sondern sich sozusagen„matsch" anfühlt, und die infolge der Neigung zum Schwitzen sich alle Augenblicke erkälten und an Halsentzündungen, Schnupfen, Rheumatismen u. dgl. leiden; solche Kranke müsten sich durch kühles Wasser abhärten, und zwar mit 24- Grad warmem beginnend und allmählich bis zu 18 Grad R. herabsteigend, aber nicht kälter. Kinder steckt man in ein Halbbad, in welchem sie mit demselben Wasser Übergossen und nachher kräftig frottirt werden. Das Bad darf nur wenige Minuten dauern. Auch Erivachsene, welche eine Badeeinrichtung im Hause haben und die nöthige Unterstützung beim Frottiren durch einen ihrer Hausgenosten finden, sollten lieber derartige Halbbäder, als die kühlen Abreibungen mit Wasser von den obengenannten Wärmegraden brauchen, welche jene nur theilweile ersetzen. Nach dem Bade oder der Abreibung soll man sich nicht still hinsetzen, sondern sich mäßige Bewegung machen. Wird gleichzeitig der Genuß der frischen Luft nicht versäumt— so lange es nicht zu kalt ist. sollte auch in dem Zimmer neben der Schlafftube über Nacht wenigstens ein Fenster geöffnet sein!— so werden katarrhalische Erkrankungen in Ihrer Familie bald seltener werden. Aeltere Kinder, welche die Schule besuchen und dort der An- steckung durch Diphtheritis leicht ausgesetzt sind, läßt man außerdem jeden Morgen mit lauwarmem Salzwasser gurgeln; ein Theelöffel voll Kochsalz auf ein halbes Liter Wasser. Das letztgenannte Verfahren bewährte sich uns in vielen Familien, deren Kinder häufig an Entzündungen der in der Rachenhöhle gelegenen Theile litten. Dr. Resau. (Schluß der Redaktion: Sonnabend, den 2. Februar.) 20).— Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig.