Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig, Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorener Posten. Roman von Audotf Lavant. (Fortsetzung.) Eine momentane Verwirrung kam über beide, aber sie faßten sick rasch und Wolfgang fand so schnell den herzlichen, natürlichen Ton wieder, den Martha heimlich unwiderstehlich nannte und bei dem ihr so wohl ward, daß sie fast unbefangen ihren Arm in den� seinen legte, als er sie zu einer Promenade durch den Garten aufforderte, den er ja noch nicht kannte. Die Gäste hatten sich in größeren und kleineren Gruppen nach Laune und Zufall in den Parterrelokalitäten des Hanfes, in Garten und Park zerstreut, jedes Ruheplätzchen war von einer animirtcn kleinen Gesellschaft eingenommen, bei jeder Krümmung der Wege fast stieß man auf einen solchen Kreis näherer Bekannter, und überall war Gelächter und Stimmengeschwirr und Gekicher, und die bunten Frühlings- gewänder der jungen Mädchen schimmerten durch die lichtgrünen Büsche. Aber das kümmerte die beiden wenig, die langsam dahin- schritten und vor jedem Rondel, vor jedem Rosenbäumchen, vor jeder Blattpflanzengruppe stehen blieben und einander in der innigen Freude an der Natur unbewußt näher traten, als sie dies vor einer Stunde für möglich gehalten hätten. Es machte Wolfgang' ungeahntes Vergnügen, Martha zu erzählen, wie er selbst in den Besitz eines Gartens gelangt sei und wie wohl er sich in seinem kleinen grünen Reiche fühle. Seine Wirthin besaß, außer- halb der Stadt und auf drei Seiten von einem beinahe stagnirenden Kanal umschlossen, einen ziemlich großen Gras- und Obstgarten, in welchem sie nebenher nur noch einige Küchenkräuter und etwas Gemüse zog. Mit Vergnügen hatte sie dieses Stück Land an ihn abgetreten und ihm gestattet, in demselben nach freiem Belieben zu schalten und zu walten, und mit Hilfe eines alten Gärtners hatte er sich daran gemacht, den halb wüsten Komplex zu einem freundlichen Garten umzuschaffcn, was denn auch in der Haupt- fache bereits gelungen war. Das halb verfallene gemauerte Häuschen, welches zwischen den Bäumen stand, hatte sich mit geringen Kosten wieder in wohnlichen Stand setzen lassen; von wildem Wein überwuchert, bot es einen freundlichen Anblick, und den Sommer über wollte er draußen bei offner Thür und halb im Freien lesen und studiren.„Und dichten," ergänzte Martha, beinahe zaghaft, aber mit einem so gewinnenden Lächeln, daß er für die Erwähnung seiner poetischen Versuche nicht einmal das unmuchige Aufwerfen der Lippen hatte, welches ihm sonst für derartige Indiskretionen zur Verfügung stand. Die Antwort, welche ihm auf der Lippe schwebte, wurde ihm durch eine un- erwartete Begegnung abgeschnitten, welche dem Gespräch sofort eine andere Wendung gab. Der Rektor Storck und der Bürger- meister kamen ihnen in fast aufgeregtem, anscheinend politischen Gespräch entgegen und während letzterer höflich grüßte, schössen die Augen des ersteren, indem er vor Martha eine devote Ver- beugung machte, einen Blick auf Wolfgang, in dem soviel Feind- seligkeit und Haß lagen, daß Martha, als die beiden vorüber waren, nicht umhin konnte, Wolfgang zu fragen, ob er dem Rektor etwa Anlaß gegeben habe, ihm übelzuwollen. Wolf- gang hatte keinen Grund, sein Rencontrc mit dem Schulmonarchen zu verheimlichen; er erzählte dasselbe mit Laune und Humor und machte mit einem freudigen Staunen die Entdeckung, daß seine ernste Begleiterin auf's herzlichste zu lachen verstand. Die Demüthigung, welche der Hochmüthige erfahren hatte, schien ihr zur persönlichen Genugthuung zu gereichen und sie machte kein Hehl daraus, daß ihr der Mensch in tiefster Seele anti- pathisch sei, obgleich er vor Jahren eine seiner Tanzkompositiouen nach ihr getauft und ihr gewidmet habe— eine Ehre, die sie allerdings mit jeder seiner Schülerinnen im Klavierspiel theile. Sie waren so, ohne Acht auf den Weg zn haben, an die Pforte im Wildzaun gelangt, durch welche man aus dem Park in die königlichen Forste gelangen konnte und vor der sie nach ihrer ersten Begegnung von einander schieden. Beiden drängte sich die Erinnerung an jene erste Begegnung aus und Wolfgang fragte: „Sind Sie nicht an dem Abend, wo der lichtgraue Stier so freundlich war, unsere Bekanntschaft in etwas ungewöhnlicher Weise zu vermitteln, durch diese Thür in den Park getreten?" „Gewiß— aber wissen Sie auch, daß ich an jenem Abend doch etwas eingebüßt habe. Ich vermißte später einen meiner Handschuhe— muthmaßlich ist er an der Stelle liegen geblieben/ wo wir meine kleine Blessur entdeckten." „Ich kann Ihnen Aufschluß geben— Ihre Vermuthung trifft nicht zu. Ich habe den Handschuh damals mechanisch eingesteckt und vergessen, ihn zurückzugeben, und als ich ihn entdeckte, glaubte ich, ihn als ein kleines. Andenken an jene Stunde behalten zu dürfen. Indessen steht er, wenn ich dabei zu voreilig geschloffen habe, jeden Augenblick zu Ihrer Verfügung." Martha erröthcte bis in die Schläfen, aber im nächsten Moment schon sagte sie ungezwungen, scherzend und ohne jeden störenden Anflug von Koketteric: IU. s. März 1878, „O nem, behalten Sie ihn immerhin und lassen Sie ihn ein Unterpfand ferneren freundlichen Verkehrs sein: ich würde jetzt in seiner Zurücksendung die Ankündigung erblicken, daß Sie nie tvicder über Ihren Garten und Ihre Rosen mit mir plaudern wollen, wie Sie es heute gethan haben." „Dann kann ich ihn also Ivohl als niein unveräußerliches Eigenthum betrachten, denn über diesen Punkt werden Sie mich vermuthlich stets gesprächig und mittheilsam finden, da Sie ein warmes Natnrgefiihl und Sinn für einfache Schönheit haben." Sie waren umgekehrt und eben nicht angenehm überrascht, als ihnen Frau v. Larisch entgegenkam; schon von weitem rief sie ihnen scherzend zu: „Also Martha entführt nur nnsern tollkühnen Feuerwehr- Hauptmann, der mir vor einer Stunde mit sehr ernster Miene eröffnet, daß er eine Bitte an mich zu richten habe— freilich, wenn zwei Waldschwärmer zusammen kommen, finden sie so leicht kein Ende." „Nicht Buchen und Birken— des Hepni Kommcrzicnraths Rosen tragen die Schuld, und Sie können immerhin ein Examen mit Fräulein Hoher anstellen: Sie weiß jetzt ganz genau, welche Rosen Gloirc de Dijon, welche Malmaison, welche Bonle de Neige, welche Paul Neron und Maröchal Niel heißen; es ist fraglich, ob Sie eine gleich wißbegierige Schülerin gewesen wären." „In der That bin ich viel neugieriger auf die bewußte Bitte— ist es Ihnen glcichgiltig, ob Sie dieselbe unter vier Augen oder vor Zeugen aussprechen?" Wolfgang crrieth wohl, daß es Frau v. Larisch am crwünsch- testen gewesen wäre, Martha abzulösen und sich von ihm durch den Garten führen zu lassen, aber er verstand sie absichtlich nicht und erwiderte, daß seine Bitte sehr wohl auch von Fräulein Hoher gehört werden könne; sie nahmen in der den Ausgang aus dem Gartensalon flankirenden, von Schlinggewächsen über- wucherten Veranda Platz und auf Frau von Larisch's etwas ironisch klingende Aufforderung warf Wolfgang die Frage auf, ob sie in der Lage sei, ein junges Mädchen, für das er sich bis zu einem gewissen Grade intcressire, entweder selbst in ihren Dienst zu nehmen oder es in W. in einer Familie unterzubringen, die sie human behandle und ihr Gelegenheit biete, noch etwas zu lernen. Frau v. Larisch warf' einen neugierigen Seitenblick auf Martha, und war ein wenig überrascht, dieselbe fast theil- nahmlos und ohne sichtbare Zeichen einer Anwandlung von Eifer-' sucht zu finden; sie fragte, den Nachsatz leicht betonend:„Kann man die Person sehen und— ist sie hübsch?" „Ich werde Ihnen, wenn Sie erlauben, meinen Schützling schicken; für einen Menschen, dem man das Leben gerettet hat, intcressirt man/ sich immer ein wenig, und die Kleine ist hier nicht in Verhältnissen, die ihr zuträglich wären— ich möchte, daß sie von hier fortkäme. Ob sie hübsch ist— mein Gott, ich glaube— es ist wenigstens möglich—, aber ich kann nichts bestimmtes darüber sagen." Frau v. Larisch brach in ein herzliches Gelächter aus und schlug Wolfgang mit dem Fächer leicht auf die Hand; es war ihr nicht möglich, die Aufrichtigkeit dieser Versicherung in Zweifel zu ziehen, und dennoch war es gewiß äußerst komisch, daß dieser lunge Mann über das Aeußere des jungen Mädchens, das er auf seinen Armen durch Rauch und Flammen getragen, nur so unvollständige Auskunft zu geben vermochte. „Sie sind in der That ein Original, Herr Hammer— aber da die Dinge eine solche Bcwandniß haben, ist es selbstverständlich, daß ich mich der Kleinen annehme. Schicken Sie dieselbe zu mir— ich werde sie, wenn ich nach W. zurückreise, gleich mitnehmen und das Weitere lassen Sie meine Sorge sein. Das ist gewiß das Mindeste, was ich thun kann, um Ihnen zu beweisen, welchen aufrichtigen Antheil wir alle an ihrem beherzten Rettungs- wcrtz genommen haben, namentlich aber Martha, die sich in vollem Ernst für die— allerdings sehr unschuldige— Ursache Ihrer Verwundung hielt. Und doch— ich wette— hat sie Ihnen während Ihrer langen Promenade kein Sterbenswörtchen über Ihre kühne That gesagt. Das gilt freilich auch von uns, von Emmy und mir, aber Sie dürfen überzeugt sein, daß sich im ganzen Städtchen niemand lebhafter über Ihre Genesung gefreut hat, als wir drei, und daß wir nur bedauerten, so garnichts für Sie thun und uns nicht einmal persönlich nach Ihnen erkundigen zu können." Martha hatte sich schon von der geflissentlichen Hervorhebung ihrer Theilnahme peinlich berührt gefühlt, und sie erröthete über diese nnnöthige Lüge ihrer Gefährtin bei jenem bangen und doch so wohlthucnden Abendgang, und es war ihr sehr lieb, daß Wolfgang dieses für sie fast peinliche Gespräch rasch beendete. „Sie glauben nicht, wieviel mir daran liegt, nicht wieder an jene sogenannte heroische That erinnert zu werden. Ich habe es Fräulein Hoher aufrichtig Dank gewußt, daß sie es mir erließ, von jener für mich wirklich sehr ungcmüthlichen Nacht zu sprechen, die ich zu den vergangenen Dingen rechne, und wenn Sie noch ein paar Minuten für mich haben, so lassen Sie uns lieber von anderem plaudern." „Es steht Ihnen, ein wenig den stolzen Sonderling zu spielen, das wissen Sie jedenfalls ganz genau, aber wir müfien, wie Sic sehen, zu plaudern aufhören; hören Sie nicht die ersten Takte der„Aufforderung zum Tanz"? Von allen Seiten drängt man nach dem Saal— die paar Noten ihnen Wunder und beflügeln alle Füßchen. Auf Widcrsehen also in der Kolonne, die zur Polonaise antritt." Wolfgang erwiderte nichts, aber er warf einen fragenden Blick auf Martha und es berührte ihn wohlthuend, daß er ihre Kleidung, die er bisher nicht beachtet hatte, keineswegs ballmäßig fand— sie war, ohne gesucht frauenhaft zu sein, ein stumnier Protest gegen die Vcrmuthung, als wolle auch sie noch zu den tanzlustigen jungen Mädchen gerechnet sein, und man würde es ihr durchaus nicht haben verübeln können, wenn sie sich eine Nuance jugendlicher gekleidet hätte..-4 „Sic beabsichtigen natürlich ebenfalls, sich nun nach dem Saal zu wenden?" fragte er.„Ich tanze nicht und auch das passive Zusehen macht mir kein Vergnügen, ich suche also lieber wieder den Garten auf und genieße den schönen Abend." Martha sah ihn, schmerzlich überrascht, fast bittend an:„Ich hatte gehofft, Sie würden mich nicht meinem Schicksal überlassen. Ich muß allerdings hinüber, aber ich werde so wenig als möglich tanzen, und wir hätten also plaudern können, vorausgesetzt, daß Ihnen das noch Vergnügen macht." „Wenn Sie meine Unterhaltung dem Tanzen vorziehen, ist es ja selbstverständlich, daß ich bei Ihnen bleibe, aber ich hatte eben daran gedacht, daß niemand an der Seite einer tanzlustigen Dame überflüssiger ist, als ein Herr, der selbst nicht tanzt und es verschuldet, daß sie nicht engagirt wird." Sie traten in den Saal/ in welchem die Polonaise bereits begonnen hatte, und Martha hatte mit raschem Neberblick bald ein Plätzchen ausgespäht, das abgelegen war ohne versteckt zu sein und ihnen die Möglichkeit zusicherte, sich nach Wunsch zu isoliren. So hatte die Plauderei, die sich sofort entspann und die sehr bald den Charakter jener Vertraulichkeit annahm, die sich zwischen wahlvcrwandten Naturen oft in der ersten Viertel- stunde der Bekanntschaft entwickelt, keine Zeugen— es war freilich auch eine Plauderei, die sich in diesem Ballsaal ausnahm, wie eine Tropenblume in einem märkischen Föhrenwalde, eine Plauderei, die Fräulein Emmy sicherlich ennuyant zum Sterben gefunden hätte. Ein Austausch von Bemerkungen und Reflexionen über jene kleinen Liebhabereien und Aversionen, aus denen man sich oftmals den ganzen Menschen konstruiren kann— nichts weiter, und dieser Austausch ward nicht einmal durch das Zutagetreten von Gegensätzen pikant gewürzt. Martha sah oftmals ein Lächeln ans Wolfgang's Lippen, wenn sie ihm wieder mit den Schluß- Worten einer Gedankenreihe entgegen kam und ihm so bewies, daß ihr diese Gedankenreihe längst vertraut geworden war, und sie traf oftmals mit einem Wort das Wesen des erörterten Gegen- standes so glücklich, daß der ernste junge Mann nicht in Zweifel darüber sein konnte, ein Mädchen vor sich zu haben, das ebenso rastlos und ebenso energisch nachgedacht hatte, wie er selber, wenigstens auf allen den Gebieten, auf die ihr bescheidener, eher zaghafter als unternehmender Sinn sich gewagt hatte. Wolf- gang, dem es schon schwer geworden wäre, dem flachen Fräulein Emmy eine von den banalen Schmeicheleien zu sagen, bei denen man sich nichts denkt und mit denen man bewußt falsche Münze ausgibt, die aber doch begierig als ächtes Gold genommen werden, würde sich Martha gegenüber jedes Kompliments und jedes An- klangs an die alltägliche Kurmacherei geschämt haben, und was er ihr aus Ueberzeugung hätte sagen können, unterdrückte er ge- waltsam, und mit einer Besorgniß, die etwas höchst unbehagliches hatte, unterwarf er jedes Wort einer peinlichen Censur und fragte sich, ob er nicht vielleicht bereits zu weit gegangen sei. Er hätte so gern sich gehen lassen, er hätte so gern vergessen, daß Martha gewissermaßen der Kompagnon seines Chefs war, er hätte so gern nur das einsame Mädchen in ihr gesehen, das an ihm die ersehnte männliche Stütze, den Berather und Leiter zu finden schien, aber er stolperte fortwährend über das abgeschmackte, häßliche, brutale Wort:„er hat sich schlauerweise in die Fabrik eingeheirathet", und dann wurde der Blick seiner Augen dunkel und streng und die Lippen schlössen sich fest aufeinander und von seinen offenen, ausdrucksfähigen Zügen verlor sich der freundliche Ausdruck. Dieses wechselnde Spiel des Affekts, dieser Wider- schein des iiinern Kampfs entgingen Martha nicht— traten sie . doch zu Tage wie das jähe Sichablösen von Licht und Schatten auf einer Landschaft, die man an einem Sommertagc, an dem die Sonne mit rasch ziehenden Wolken in�hader liegt, vom Hügelkamm_ überschaut. Aber das arme Mädchen wußte sich diesen Wechsel des Ausdrucks nicht zu erklären, und beklommen und beunruhigt stand sie eincin Räthsel gegenüber, ohne den Muth zu direkter, offner Frage. Das Gespräch der beiden hatte von dem Tanz, der den Saal mit wirbelnden Paaren erfüllte, kaum-Aotiz genommen; da flog Emmy im Arm eines jungen Husarenoffizicrs vorüber und ihr Fächer deutete, während ihr Mund lächelnd einige Worte flüsterte, deren Sinn sich nicht ein- mal errathen ließ, auf die in ihr Geplauder Vertieften, die wie Bruder und Schwester, die über eine ernste, aber ihnen angenehme Angelegenheit sich unterhalten, beisammen saßen. Martha sah ihr einen Moment nach und wendete sich dann an Wolfgang mit der Frage: „Sie perhorresziren das Tanzen prinzipiell?" „Allerdings— es ist in meinen Augen eine schreiende In- konscquenz, eine sanktionirte Verhöhnung der heilig-gesprochenen Sitte. Auf der einen Seite sind die jungen Mädchen unnahbar, die geringste Unschicklichkeit läßt sie tief erröthen und viele Dinge, die an sich sehr unschuldig und natürlich sind, dürfen in ihrem Beisein nicht erwähnt werden; es gibt nichts zarteres und verletz- licheres als ihre Schamhaftigkcit— und an einem Ballabend machen sie in der raffinirtesten Weise Parade mit allen irgend zu zeigenden Reizen. Man würde Zeter schreien über den jungen Mann, der im Feuer des Gesprächs sich erlaubte, ihre Hand zu fassen— und an einem Ballabcnd geht sie aus einem Arn::n den andern und schmiegt sich an wildfremde junge Männer, die ihr fünf Minuten vorher erst vorgestellt wurden, und ihre zarte Jungfräulichkeit erträgt ohne die geringsten Skrupel und ohne Unbehagen die Möglichkeit, im einen Moment von dem Manne ihrer Wahl und im nächsten von einem notorischen Wüstling um- armt zu werden, der vielleicht aus dem„Boudoir" einer Tingel- tangel-Sängerin nach dem Ballsaal gefahren ist. Was von Person zu Person und unter vier Augen eine Gunst, ein indirektes Zu- gcständniß süßester Neigung wäre, wird im Ballsaal mit vollen Händen verschenkt; man macht sich zum Gemeingut, und der sittenloseste Mensch mag sich sein Theil annektircn, sobald er in einen Frack geschlüpft ist und seine Finger in weiße Gla?6s ge- zwängt hat; erforderlich ist dann nur noch eine tadellose Ver- beugung und die Daine, die nicht bereits für alle Tänze versagt ist— und wäre ihr der Mensch noch so verhaßt und verächtlich—, hat einfach Folge zu leisten, will sie nicht überhaupt auf das Tanzen verzichten. Es ist merkwürdig, wie lc:cht von sonst ganz feinfühligen Menschen der unsittliche Kern einer Sitte übersehen wird und wie selten sich Naturen finden, die kein Bedenken tragen, fiuch über die altehrwiirdigstcn Bräuche nachzudenken, sie einer Kritik zu unterziehen und sie zu vcrurtheilen, wenn sie ihnen widersinnig und häßlich erscheinen. Ich darf ganz offen bekennen, den modischen Rundtanz, der durch den Vergleich mit den meist graziösen Nationaltänzen geradezu lächerlich-unschön wird, von Kindesbeinen auf gehaßt zu haben, und es ist dies einer von den wenigen Punkten, über die ich erbittert und hartnäckig streiten kann, einer von den wenigen Punkten, über die ich leidenschaftlich zu werden vermag." Er unterdrückte, was ihm noch auf den Lippen schwebte; er wollte nicht an den Vorwurf erinnern, den in Jordans„Demiurgos" Heinrich der Geliebten macht, daß sie „am Tanz, am dargestellten Sinncnbrand, In seiner Gegenwart Gefallen fand." Er mochte Goclhe's und des Dichterlords Aenßcrungen über den Walzer nicht erwähnen, und Martha widersprach ihm ja auch nicht, sondern meinte nachdenklich, sie habe nie passionirt getanzt, und seit es ihr einmal eingefallen sei, mit zugehaltenen Ohren hinabzublicken in einen von galoppircnden Paaren erfüllten Saal, habe pe sich des Tanzens möglichst enthalten und sei immer be- müht getvesen, Engagements zu entgehen; höre man die Musik nicht, so meine man, unter Tollhäusler gerathen zu sein, und diesen Eindruck habe sie nie verwinden können; über Wolfgangs Einwände müsse sie erst reiflich nachdenken— sie seien über- raschend und fast erschreckend und bcschäinend für sie, und solche neue Gesichtspunkte wollten sorgsam erwogen sein. Wolfgang gab dem Gespräch uninerklich eine andere Wendung, und Martha hatte ihn im Geiste aus einer Fußwanderung durch die Berge und Schluchten von Nordwales begleitet und mit ihm in Glan-y-Coed Strandferien verlebt, verträumt und verangelt, als sie sehr un- liebsam und unerwartet gestört wurden. Ein Husaren-Rittmeistcr, der seine nicht mehr zu bemäntelnde Glatze wohl mehr dem üblichen „Leben" der Kavallerieoffiziere als seinem Alter verdankte, dessen Embonpoint jedoch dafür sprach, daß er in die behäbigen und bequemen Jahre kam, hatte sich zwischen Tischen und Stühlen bis zu den einsam Plaudernden durchgewunden und forderte � Martha mit einer tiefen Verbeugung auf, ihm die Ehre eines Walzers zu gönnen. Sie war überrascht und verwirrt, ihre erste, instinktive Bewegung war, sich zu erheben, und sie Ivürde dein Rittmeister, gewohnheitsmäßig, wenn auch mit Widerstreben und Bedauern, gefolgt sein, wenn ihr nicht plötzlich Wolfgangs leb- hafte Abneigung gegen das Tanzen eingefallen wäre. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, aber wozu war das auch nöthig? Sie glaubte zu sehen, wie. gespannt und erwartungsvoll sein Blick ans ihr ruhte. Sic irrte sich; Wolfgang betrachtete nachdenklich seine Stiefelspitzen, als ginge ihn das weitere nichts mehr an, und in seinen regungslosen Zügen war keine Spur einer Bewegung zu entdecken. Er war gespannt auf die Entscheidung, aber er wünschte fast, Martha möge dem Husaren folgen, damit er ein Recht er- hielt, ihr glcichmüthig den Rücken zu kehren, und doch— als sie, sich besinnend, des Rittmeisters Aufforderung ablehnte und ihm erklärte, daß sie diesen Abend noch nicht getanzt hätte und auch nicht tanzen würde, schoß ihm eine jähe Röthe in die Wangen, und als der korpulente Kriegsmann seinen Rückzug bewerkstelligt hatte, sagte er leise, aber mit einem Ausdruck von Innigkeit, über den er selber erschrak: „Sie haben mir eine große Freude gemacht, Fräulein Hoher— ich danke Ihnen." „War die Ablehnung nach unserer Unterhaltung nicht eigentlich selbstverständlich?" „Nein. Aber wir wollen das nicht weiter erörtern, sondern den abgerissenen Faden wieder aufnehmen, man wird uns hoffent- lich nicht sogleich wieder stören." Und sie setzten ihr Geplauder fort, und die rauschenden Tanz- weisen kamen wie ans weiter, weiter Ferne zu ihnen; beide hörten immer nur die eine liebe Stimme, die durch einen einzigen Laut all' jene leichten, seichten Melodien aufwog, und die Zeit verging ihnen mit einer unerklärlichen Schnelligkeit, die beinahe etwas Belustigendes hatte und die doch auch wieder betrübend war. Frau von Larisch und Fräulein Emmy waren so unausgesetzt von ihren Tänzern umschwärmt, daß sie nicht zuzugeben brauchten, das eigcnthümliche Paar recht geflissentlich sich selber überlassen zu haben; dennoch würde namentlich die gewandte Frau von Larisch keine Mühe gehabt haben, ihren Verehrern zu entschlüpfen, wenn ihr nicht grade daran gelegen gewesen wäre, die beiden ungestört zu lassen. Diese Neigung war ihr ein psychologisches Problem, dessen Lösung sie reizte, und es beschäftigte sie in einer anregenden Weise, zu beobachten, wie diese beiden ungewöhnlichen Menschen bald mit kühnen Siebenmeilenstiefelschritten einander näher kamen, bald wieder vor einem winzigen feuchten Gcsicker bedenklich Halt machten, das über den Weg sich zog und ihnen höchstens die Schuhsohlen genetzt haben würde. Es gab nur eins, was wohl»och interessanter sein mußte, als dieses Beobachten— eine kleine, amnnthig- heiße Liebelei mit dein blonden Sonderling, aber— wir kennen die Bedenken der klugen Welt- dame von ffrüher, und diese Bedenken hatten nichts von ihrer Stärke eingebüßt. Es war schon Mitternacht, als sie endlich eine Pause dazu beniitzte, die beiden, deren freiwillige Jsolirung in: allgemeinen bei dem zwanglosen Charakter des Festes kaum aufgefallen war, aufzusuchen. Lächelnd wandte sie sich an Wolfgang: „Sie erwarten einen Barhalt darüber, daß Sie nicht tanzen? Seien Sie uiföyorqt. Erstens haben Sie unzweifelhaft das bessere Theil erwählt, wenn Sie mit Martha plaudern, statt sich in: Reigen zu schwingen, und dann— ich habe Ihnen bereits das Sonderlings-Privilegium eingeräumt, auf die Vergnügungen und Genüsse gewöhnlicher Menschenkinder init cinei» Achselzucken herab- blicken zu dürfen, und wundre mich keinen Moment darüber, daß Sie auch in dieser Hinsicht Ihrer Rolle getreu bleiben." -- � T' . I 268 „Wenn man schon dadurch cin Sonderling wird, das; man nicht tanzt, acccptire ich die Bezeichnung— es fragt sich über- Haupt noch, ob sie nicht eher ein Lob, als einen Tadel enthält; denn die meisten Menschen sind vielleicht nur darum unfähig, sich abzusondern, weil sie, allein mit ihrem eigenen trübseligen Ich, vor Langeweile umkommen würden." „Wird keinen Augenblick bestritten, mein Herr— es reizt mich nur, Sie zum Widerspruch herauszufordern, weil ich sicher sein kann, eine originelle Antivort zu erhalten, wie sie die meisten nicht zu geben wissen. Sie übertreiben ein wenig, aber ich bin ja nicht gezwungen, alles, was Sie sagen, für baare Münze zu nehmen und dafür, daß Sie garnicht so absonderungslüstern sind, bürgt mir schon der Umstand, daß Sie Martha ein so treuer Ritter gewesen sind. Wissen Sie, daß ich bedaure, nicht auch haben zuhören zu können? Aber das läßt sich ja noch einigermaßen nachholen, indem ich mich hier eindränge, entschlossen, Sie fort und fort zum Widerspruch zu reizen." Und sie nahm Platz und verwickelte Wolfgang mit Laune und Geist in ein übermüthigcs Wort- und Witzgeplänkel. Plötzlich vermißte sie ihr Taschentuch und besann sich sogleich darauf, es in der Veranda liegen gelassen zu haben; Wolfgang stand ans, um es zu holen. Die nur matt erleuchtete Veranda war voll- ständig öde; nur an einem der Tische, die außerhalb derselben im Freien standen, mußten einige Herren, des Tanzens müde, platzgenommen haben, denn von dorther kam der Klang männ- licher Stimmen. Er war gezwungen, zu hören, was da gesprochen' ward, während er nach dem Tuche suchte, aber er achtete nicht weiter darauf. Hlötztich(er war eben im Begriff, das Tuch, welches sich endlich gefunden, an sich zu nehmen) hielt er unwill- kürlich den Athem an. War das nicht Martha, von der die Herren sprachen? Wie unwürdig ihm auch die Lauscherrolle erschien— sein Fuß wurzelte förmlich im Boden, und nun intercssirte ihn auch die Einleitung des Gesprächs. (Fortsetzung folgt.) Die niederen Pihe als Vermittler ansteckender Krankheiten. :b.k O .Z° 5 O, K&y* o c •«J.O1 ü! 7M i .; 9 •; Ii- o«0»°'°°C 000 c' oo>t 0Oo 0tf> �3 0' Jl* Ikl 'S l-' Q@ fo »s "CS)','-! -N iL? 3° © o- BH, fig 2 m jfä* \'r\ \ 5110 i •x %A / i....... � i � 11 Ii t Tafel I. Fig. 1— 4 Spaltpilze auf und in faulenden Substanzen, Fig. 5 ans dein Zungenbelag, Fig. 6 aus dem Zahnschleim. Nach Photogr. von Dr. Koch(o: Cohn's Beitr. z. Biologie d. Pfl. 2. Bd.) lür die„Neue Welt" gezeichnet und gelchniiten. Als in den vierziger Jahren die Kartoffclkrankhcit sich über ganz Europa ausbreitete, da sahen unsere frommen Eltern und Großeltern darin eine wohlverdiente Strafe der züchtigenden Hand Gottes, welche an der wachsenden Bosheit des Melfschengeschlcchts ihren erzieherischen Einfluß geltend machen sollte. Und da der Bäter�Missethaten seit'alten Zeiten gewohnheitsgemäß an den Kindern heimgesucht zu werden pflegen, so ward manchem von uns, die wir das Glück hatten, während der vierziger Jahre vom Storch auf's Trockene gepetzt zu werden, der Brotkorb-ziemlich hoch gehängt. Mancherorts war die Hnngersnoch' infolge der K'artoffelkrankheit so groß, daß die Menschen dahinstarben, wie die Fliegen im Herbst. Die Welt ward aber keineswegs verbessert im Sinne der frommen Mütter und Bäter; denn in allen Landen regte sich die erwachsene Jugend zu begeisterten Freiheitsthaten, und dort, wo die Freiheit schon seit einem halben Jahrlausend ihr Panier auf die Granitfelsen der Alpen aufgepflanzt hatte— in der Schweiz zogen die feindlichen Brüder zu blutigem Waffen- tanz einander entgegen. Aber die Signatur der vierziger Jahre blieb doch die Kartoffelkrankhcit und cin vorher kaum gesehenes soziales Elend. Die jungen Leute zögerten lvegen der allgemeinen Nothlage, zu Heirathen. Die Zahl der neugeschlossenen Ehen verminderte sich, und während die Sterblichkeitsziffern sich steigerten, sanken die Kurven der Geburtstabellen unter das normale Niveau. Das ganze civilisirte Europa jammerte über Hunger— und alles das hat ein mikroskopisch kleiner Pilz verursacht, dessen Lebensweise heute so allgemein bekannt sein dürfte, daß uns jeder Schuljunge davon erzählen könnte. Wir wissen heute ganz genau, warum die Kartoffelkraukheit sich so ungeheuer schnell verbreitet, daß eine einzige kranke Stande im Stande ist,- während weniger Wochen die Kartoffelkultur einer ganzen Gegend anzustecken und zugrunde zu richten. Wir haben nicht die Absicht, an dieser Stelle zu zeigen, wie eine ganze Menge von Krankheiten der Kulturgewächse allein durch 270 verschiedene Pilze verursacht und verbreitet werden. Es mag geniigen, blos an den Gctrciderost, an die Staubkrankheit der Weinrebe, an den russigcn und stinkenden Brand mancher Getreide- arten, an den Gitterrost der Birnbäume und den Mehlthau so vieler Gemüsepflanzen zu erinnern, um der Ncbcrzcugung zu rufen, daß es eine große Zahl verhängnißvoller Epidemien der Pfanzenwelt gibt, welche allein auf das Leben und Treiben mikroskopisch kleiner Pilze zurückzuführen sind. Hierbei ist wohl zu beachten, daß diese verschiedenen Pilze wirklich die Ursachen der betreffenden Pflanzcnkrankheiten und keineswegs blos als zufällige Begleiter oder als natürliche Folgen von Krankheiten aufzufassen sind; denn auch die gesundesten Pflanzen werden krank, sobald sie mit dem entsprechenden Krank- heitspilz„geimpft" werden. Da es ganz entschieden niedere Pilze sind, welche bei vielen Pflanzenarten, und zwar nicht allein bei Kulturgewächsen, sondern auch bei wildwachsenden, epidemische Krankheiten verursachen und die Uebertragung der Krankheit von Pflanze zu Pflanze vermitteln, so liegt die Vermuthung sehr nahe, daß manche, wenn nicht alle epidcniischen Krankheiten bei Menschen und Thicren ebenfalls durch niedere Organismen verursacht und verbreitet werden. Seit den ältesten Zeiten ist bekannt, daß manche verheerende Krankheiten des Menschengeschlechts vorwiegend in gewissen Gc- gcnden, namentlich in sumpfigen Landstrichen der wärmeren Zonen, auftreten, so z. B. das Wcchselficber und das Gelbfieber. Man schrieb daher jenen„ungesunden" Gegenden einen aus dein Boden kommenden Krankhcitsstoff zu und nannte dieses unbekannte, ge- heimnißvolle Ding Miasma, und die Luft selbst, welche dergleichen Gifte enthält, Malaria(„schlechte Luft"). Die pontinischen Sümpfe sind in allen Lehrbüchern der Geographie als miasmareichc Striche verzeichnet. Andrerseits können ansteckende Krankheiten auch in durchaus gesunde Himmelsstriche verschleppt und dort so heimisch werden, daß sie alljährlich einen bestimmten Tribut an Menschen- opfern beziehen; so z. B. die Blattern, Diphtherie, Masern. Dabei lassen sich keinerlei Beziehungen zwischen diesen Epidemien und dem Boden, auf dem die heimgesuchten menschlichen Wohnstätten stehen, erkennen. Man schloß daher, daß solche Krankheiten sich allein von den Kranken aus verbreiten können, und zwar durch ein gewisses Etwas, das man Kontagium nannte. Es ist sclbstvcrfländlich, daß man sich über das Wesen von Miasmen und Kontagicn die allcrverschiedensten Vorstellungen machte und daß manche dieser Vorstellungen an's ungeheuerliche und abenteuerliche streiften. Im Mittelalter dachte man sich die Miasmen und Kontagicn als geistige Mächte,/ denen gegenüber selbstverständlich aller menschliche Witz ohnmächtig sei. Man personifizirte die Seuchen als Strafengel des Himmels, ähnlich wie Moses den Würgengel durch Aegypten marschiren lich, um die Erstgeburt zu ersticken. Ja, diese„Vergeistigung" von Miasmen und Kontagien überdauerte sogar die Reformation und lebt jetzt noch in den Gebetbüchern unserer braven und frommen Mütter und Tanten fort. Haben wir doch selbst in unseren Knabenjahren der ganzen Familie aus Arndt's„Christenthum" hundertmal vor- gebetet:„Bewahre uns vor Feuer- und Wassersnoth, vor der Seuche, die im Mittag verderbet, vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht!" Heute noch sind die ganz irrigen Vorstellungen über das Wesen der Miasmeii und Kontagien noch so allgemein verbreitet, daß die Wissenschaft hier noch ein großes Stück Arbeit zu be- wältigen hat, um mit den schädlichsten und folgenschwersten Irr- thümern unter dem Volke aufzuräumen und einer vernunftgemäßen, naturwissenschaftlich begründeten, allein berechtigten Gesundhcits- pflege Eingang zu verschaffen. Freilich, in aufgeklärteren Kreisen hat man schon vor mehreren Jahrhunderten von einem Contagium animatum, einem belebten Anstcckungsstoffe, gesprochen. Die Vorstellung, daß es kleine, lebendige Wesen seien, welche die Ansteckung von Krankheiten voll- ziehen und d«ß diese kleinen, lebendigen Wesen die Krankheits- Ursachen darstellen, cxistirtc schon in ausgesprochener Form im 16. Jahrhundert. Allein man hat jahrhunderte lang nach diesen lebendigen Krankheitsursachen gesucht; das 16. Jahrhundert hat sie nicht gefunden, das 17. ebenfalls nicht und das 18. erst recht nicht; erst in unserem Jahrhundert hat man angefangen, Stück für Stück Contagia animata zu finden. Sehen wir uns die bekannt gewordenen etwas genauer an. In den einen Fällen gehören die Organismen der Contagia animata dem Thierreich an. Wir erinnern hier nur an die durch einen mikro- skopisch kleinen Fadenwurm verursachte Epidemie der Trichinose. Die Trichinen existirten ohne Zweifel schon lange, bevor sie- am Anfang der dreißiger Jahre— von den englischen Forschern Hilton und Owen entdeckt wurden. Wie viele solcher Epidemien mochten unter den Verehrern des Schweinefleisches große Ver- heerungen angerichtet haben, ehe man die Entwicklungsgeschichte dieses mikroskopischen Thieres soweit kannte, daß man vernünftige Vorsichtsmaßregeln gegen die Wiederkehr derartiger Seuchen er- greifen konnte. Heute wissen wir, daß ein Pfund Schweinefleisch, aus den Lenden genommen, 304000 Trichinen enthalten kann. Für ein Pfund Zwischenripptznmuskel der einen Körperseite eines trichincn- haltigen Schweines berechnete man ö'/z Millionen, für dasselbe Gewicht von der andern Körperseite sogar 10 Vi will. Würmer. Selbstverständlich sind wir erst dann im Stande, einem Uebel zu begegnen, wenn wir seine Ursachen und seine Entlvicklungs- geschichle kennen. Grade die Trichinenkrankheit hat am lebhaftesten demonstrirt. daß die Heilknude, die heilbringende Medizin, ihre wahre Mission mehr in der Verhütung der Krankheiten, als in der Heilung der vielerlei Uebel erkennen muß; denn wenn schon einmal etliche Millionen Trichinen in meinem Körper sich ein- gebürgcrt haben, so bin ich verloren, da aller ärztliche Witz die kleineii Bestien nicht ans dem Leib zu bringen vermag. Aber der Arzt verbietet mir, trichinenhaltigcs Fleisch zu essen; er ver- anlaßt die Behörden, strenge Fleischschau zu halten und rettet dadurch mich und hundert andere vor Siechthum und Tod. Heute kann die Wissenschaft kühn behaupten: bei sorgfältiger Gesundheits- pflege, hier in diesem speziellen Fall bei gewissenhafter Fleisch- schau, ist fortan keine Trichinose mehr möglich, also eine Epidemie aus der Welt geschafft. Tie meisten ansteckenden Krankheiten werden aber nicht durch thierische Organismen, sondern durch Miasmen und Kontagicn pflanzlicher Natur vermittelt. Hiebet stoßen wir auf pflanzliche Organismen von wunder- barer Kleinheit, unfaßbar in ihrer Größe, überwältigend und vernichtend durch ihre Lcbcnsenergie und Vermchrungskraft, Wie wir sie bei keinem andern Lebewesen antreffen. Es sind die niedrigsten Pilze, die kleinsten Organismen, welche gradczu die verhängnißvollste Rolle in unserm Körper spielen können. Sämmtliche Pilze, die wir als Ursache und Vermittler an- steckender Krankheiten zu betrachten haben, gehören zu der Gruppe der Spaltpilze(Schizomyccten). Da die Spaltpilze überall da auftreten, wo pflanzliche oder thierische Stoffe in Fänlniß übergehen; da in der ganzen Natur kein Fäulnißprozeß stattfindet, wenn nicht Spaltpilze anwesend sind; da erwiesenermaßen die Spaltpilze es sind, welche jeden Fäulnißprozeß einleiten, so hat man sie auch Fäulnißhefe ge- nannt, im Gegensatz zur Hefe der weingeistige» Gährung, die ja ebenfalls aus mikroskopischen Pilzen besteht, welche die Fähigkeit besitzen, Zucker in Alkohol(Weingeist) und Kohlensäure zu spalten. Die Spaltpilze sind Fäulnißerrcger; sie vermitteln aber nicht allein die ammoniakalische Gährung, sondern auch die Milchsäure-, Buttersäure- und Essigsäuregährung. Ihre Anwesenheit in ver- dorbenen Speisen macht sich gewöhnlich durch die spezifischen Gc- rüchc des Ammoniaks, oder der Milchsäure, der Buttersäure(in ranziger Butter) oder der Essigsäure geltend. Die Spaltpilze vermögen unter Umständen auch Zucker in gummiähnlichen Schleim zu verwandeln; darauf beruht das„Langwerden" oder„Lind- werden" des Weins. Während die Hefenpilze der weingeistigen Gährung— des Weines, Bieres, Apfelweins:c.— unter dem Mikroskop sehr leicht wahrgenommen werden können, weil sie noch verhältniß- mäßig große Organismen darstellen, sind dagegen die Spaltpilze der Fäulnißhefe, der Milchsäure-, Buttersäure- und Essigsäure- Gährung, sowie die Spaltpilze der Miasmen und Kontagien so klein, daß es selbst bei den stärksten Vergrößerungen unserer besten Mikroskope eines durchaus geübten Auges bedarf, um die einzelnen Pllzchcn zu erkennen. Der ungeübte, nicht an's mikroskopische Sehen gewöhnte Beobachter sucht in der Regel erfolglos nach deutlich erkennbaren Spaltpilzen. Bei der fast unfaßbaren Kleinheit dieser Organismen, welche in der ganzen lebenden Natur eine ungeheure Rolle spielen, ist es leicht erklärlich, daß die Kenntniß der Spaltpilze bis in die neueste Zeit eine höchst mangelhafte geblieben ist, und daß selbst unter dem Titel wissenschaftlicher Ärbciten die abenteuerlichsten Jrrthümer als Wahrheit feilgeboten wurden. In der That kennt die Wissenschaft der Neuzeit kaum einen zweiten Zweig, an welchem so viele faule Früchte gereift sind, wie an diesem, Zweig des botani- 271 schcn Wissens. Es mag daher am Platz sein, hier einige der wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen, indem wir über zu- vcrlässig Beobachtetes kurz reseriren, in erster Linie iibcr Form, Größe und Vorkommen der interessantesten Spaltpilze Mittheilnng machend, um hieran die Hauptsätze der neuesten Theorie von den niederen Pilzen und den ansteckenden Krankheiten anzureihen. Form und Größe der Spaltpilze variiren beträchtlich. Zu den kleinsten Formen von kugeliger Gestalt gehören die Schizomyccten der„blutenden Hostien" und des„blutenden Brotes" (Taf. I, Fig. 2. M. p). Die kugeligen Spaltpilzchen dieser„heiligen" Blutsubstanz haben einen Durchmesser von kaum'hm Millimeter, d. h. auf die Länge eines Meters könnte man zwei Millionen solcher Kügelchen in eine Reihe neben einander anordnen; auf der Fläche eines Qnadratcentimcters(Fingernagelgröße) hätten nicht weniger als vierhundert Millionen Pilzchen neben einander Platz. Der Körperinhalt eines einzelnen dieser Hostien-Pilzchcn beträgt nicht mehr als tzWoo ooo ooo Kubikmillimcter und das Gewicht un- gefähr Vi«kx> 000000 Milligramm. In lufttrockenem Zustand wären etwa 30 Millionen solcher kugeligen Pflänzchen nöthig, um das Gewicht eines Grammes vollzumachen. Daß die Spaltpilze der„blutenden Hostien" sich mit einer ungeheuren Raschhcit vermehren, sehen wir daraus, daß sie oft über Nacht an feuchten stärkemehlhaltigen Substanzen«Brot, Oblaten, Hostien) in solcher Menge auftreten, daß am Morgen zahlreiche große blutrothe Flecken angetroffen werden, die aus Milliarden blaßrother Kügelchen bestehen*). Ehrenberg nannte diese Organismen Nonas proäixiosa, während Cohn sie in Micro- coccus prodigiosus umtaufte. Sie sollen bisweilen auch auf der Milch auftreten und die Butterkiigelchen so intensiv färben, daß die ganze Milch röthlich erscheint. Ebenso kleine und nicht viel größere Spaltpilze von kugeliger und länglich-eirunder Gestalt(Mikrococcus- Formen) sind rcgel- mäßige Bewohner der menschlichen Mundhöhle. So besteht der farblose Schleim, welcher sich regelmäßig am Grund und zwischen den Zähnen befindet, vorwiegend ans hausensörmig beisammen- liegenden kugeligen Spaltpilzen(Das. I, Fig. 5 8), die ganz ähnliche Form und Größe haben, wie die Pilze der blutenden Hostien; aber sie entbehren des rothen Farbstoffes. Im Zungenbelag treffen wir oft in großer Menge ketten- förmig angeordnete Spaltpilze(Taf. I, Fig. S), wo die kugeligen oder länglichrunden Zellen in Reihen zusammenhängen. Auf Wasser, in welchem organische Stoffe in Zersetzung über- gehen, bildet sich oft ein feines Häutchcn, welches ans reihen- förmig angeordneten kugeligen Spaltpilzen(Mikrococcen) besteht (Taf. l, Fig. 2). In faulendem Blut treten verschieden große kugelige Spalt- pilze auf, welche in Haufen beisammen liegen(Taf. k, Fig. 1. M' M" M'"). Kugelige Spaltpilze von kaum'hm Millimeter Durchmesser I finden sich zahlreich auch in der Jmpflymphe, sowie in den *)«ergl. den kl. Artikel:„Blutende Hostien",„Neue Welt", 3. Bd., pag. 138, 139. � I i Pusteln der Blatternkranken, sowie auf den Pockcnlcichcn in den Kanälchen der Pockenhaut. Es ist durch Experimente sicher festgestellt, daß die Impf- lymphcn-Spaltpilze und die Spaltpilze der Pocken die wirksamen Vermittler der Ansteckung sind. Werden nämlich die Pilzchcn der frischen Jmpflymphe entfernt, so ist die letztere unwirksam, indes; mit den Spaltpilzen allein— ohne die Flüssigkeit der Lymphe— mit dem größten Erfolg geimpft werden kann. Hier haben wir es also mit einem sichtbaren Kontaginm zu thun. Eirunde Spaltpilzchen, deren Durchmesser von'hm bis Viooo Millimeter variirt, bilden das Anstccknngsgift der Diphtherie, einer verheerenden Krankheit, die als ständiger Gast in den Sterblichkeitstabellcn der größeren Städte fignrirt und namentlich unsere Kinder fast fortwährend bedroht. Die lebendigen Kontagien der Diphtherie vermehren sich so ungeheuer rasch, daß die Pilzchcn im Verlaus von wenigen Tagen zu Millionen auf den Schleimhäuten des Kehlkopfs und der Luftröhre entstehen; sie finden sich dann aber auch schließlich in den Nieren, im Muskel- gewebe und im Blut. Auch hier ist durch Jmpfvcrsnche dar- gethan, daß' diese Pilze die Ursache und die Vermittlung der diphtheritischcn?lnstecknng bilden. Ebcrth sagt am Schlüsse einer diesbezüglichen Untersuchung: Ohne diese Pilze keine Diphtherie. Ebenso hat man im Blut von Wöchnerinnen, die am Kindbett- fiebcr starben, zahllose kugelige Spaltpilze gefunden. Es ist bc- kannt, daß diese Krankheit für Wöchnerinnen sehr ansteckend erscheint und meist einen vcrhängnißvollen Verlauf nimmt. Ebenso sicher ist erwiesen, daß bei septischer Infektion, bei Erkrankungen mit fäulnißartigen Erscheinungen, bei der sogenannten „Blutvergiftung", kugelige Spaltpilze in Menge auftreten. Eine Seidcnraupcnkrankheit von epidemischem Charakter, die sogenannte Flaccidezza, wird zahllosen kugeligen Spaltpilzen zu- geschrieben, welche man regelmäßig im Darmkanal der erkrankten Raupen findet, während sie bei gesunden Thicren fehlen. Andere Spaltpilze sind von stäbchenförmiger Gestalt und unter den Namen Uactemm und Bacillus beschrieben worden. Manche derselben pflegen in allen faulenden Flüssigkeiten vorzukommen, sind also sehr weit verbreitet. Nach dem crstcrcn Namen hat man die ganze Gruppe der Spaltpilze auch mit dem Sammelnamen „Bakterien" belegt. Bei diesen stäbchenförmigen Pilzen sind die einzelnen Zellen nicht kugelig, sondern elliptisch oder cylindrisch. Häufig hängen viele Zellen zusammen und bilden dann längere, stäbchenförmige Gestalten. Manche sind mit einer lebhaften Ortsbewegnng be- gabt, einer Fähigkeit, welche zum Thcil auch den kugeligen Spalt- pilzen zukommt. Die Ortsbcwcgung wird— wie die neuesten Untersuchungen und die von Spaltpilzen genommenen scharfen Photographien zeigen— durch sehr zarte Flimmerfäden vermittelt, welche cnt- weder an einem oder an beiden Enden des stäbchenförmigen Gc- bildcs wie Peitschen befestigt sind(Taf. I, Fig. 4). (Schluß folgt.) Exekution. (Schluß.) Ich mußte schon um sechs Uhr wieder in die Arbeit, die in der Regel unausgesetzt bis Mitternacht und oft darüber hinaus dauerte, konnte also keine Maßregeln gegen das angedrohte Un- heil treffen. Bezahlen konnte ich die kleine Schuld nicht, denn fast sechs Thaler(mit den Kosten) waren nicht mehr im Hanse. Auch hoffte ich, es werde sich mit dem Manne noch reden lassen; denn auf fünf Tage(bis zum zweiten Januar) könne es jeden- falls nicht ankommen. Meine Frau zwar konnte sich mit diesem Tröste nicht befreunden; aber was wollte sie machen? Am andern Morgen— es war ein unfreundlicher, schmutziger Tag; nach einem starken Schneefall war anhaltender Regen ein- getreten— etwa um halb neun Uhr wurde auffällig stark die Klingel gerissen. Auf die Frage meines achtjährigen Knaben, der sich eben auf dem Flure befand:„Wer ist da?" wurde gebrüllt, daß es durch die fünf Stockwerke des Hauses schallte:„Der Exekutor ist da!" Als ich diese freundliche Meldung in meinem Arbeitszimmer vernahm, sprang ich hinaus und öffnete. Kaum war dies geschehen, so trat der Exekutor ohne Gruß, ohne jedes Wort und überhaupt in einer Manier in mein Zimmer, wie ich's noch nie von irgend einem Menschen erlebt. Gleichzeitig suchten auch zwei äußerst schmutzige, widerlich aussehende Kerle in mein Zimmer einzudringen. Da ich nicht wußte, was ich mit diesen zu schaffen hätte, ich auch überhaupt nicht die geringste Lust ver- spürte, fremden und dazu so schmutzigen Leuten das Eindringen in meine Wohnung zu gestatten, so fragte ich sie, was'sie wünschten, und wollte sie ersuchen, auf dem Flure solange zu warten, bis ich mit dem Exekutor meine Geschäfte abgemacht; aber dieser faßte die Thür, welche ich schließen wollte, hielt sie gewaltsam offen und schrie mich an:„Das sind meine Leute!" und dann zu diesen gewendet:„Kommt herein!" Ich hielt es hierauf für gerathen, diesen Gerichtsbeamten und ,, feine Leute" in der Entfaltung ihres natürlichen Charakters nicht weiter zu hindern, so unangenehm ihr Betragen mir auch sein möchte. Ich machte darum auch keinen Versuch, die jedenfalls absichtlich weit aufgerissenen Thüren zu schließen. Jedes Wort, welches der Exekutor eigentlich nicht sprach, sondern schrie, konnte darum bis auf die Straße gehört werden, wo er einen Wagen stehen hatte, um den sich mancherlei Neugierige versammelten. „Wollen Sie bezahlen?" fragte mich, natürlich sehr barsch, der Exekutor. „Das kann ich nicht," antwortete ich, und setzte ihm kurz die Gründe auseinander.„Nach fünf Tagen»verde ich zahlen können. Uebrigens hoffe ich, der Kläger ivird den Exekutionsantrag zurück- ziehen." „Das ist nichts." „Dann vollziehen Sie die Exekution, legen Sie ihre Siegel an wie früher. Da stehen dieselben Schränke." „Das werde ich nicht thun!" Mit diesen Worten ging er, als wenn er in seinem eignen Hause wäre, aus meinem Arbeitszimmer in das Wohnzimmer, rief seine beiden Leute hinein und befahl ihnen, ein fast neues Sopha hinauszutragen. Die zwei schmutzigen Kerle machten sich sofort au's Werk. „Aber, Herr Exekutor," rief jetzt meine geängstigte Frau,„es ist doch wohl nicht uöthig, für noch nicht sechs Thaler große und theure Möbel fortzuführen und damit ein schmähliches Aufsehen zu erregen. Bitte, siegeln Sie an, und wir iverden— wenn es nicht anders zulässig— noch heute die Zahlung leisten." Der Exekutor hörte nicht; aber merkwürdig, seine Leute blieben mit dem Sopha auf halbem Wege stehen und schienen weitere Befehle zu erwarten. Ich reichte ihm nun ein neues, sehr schön gebundenes Lehr- buch der Physik(in zwei Bänden) und sagte ihm, es koste zehn Thaler; ich reichte ihm sofort weiter die ersten drei Bände von Grimm's Wörterbuch, die 17 Thaler kosteten, und erklärte, ihm, wenn nöthig/ noch andere Bücher zu geben. Der Gerichtsbeamte sah die Bücher schief von der Seite an, wie ein Stier, der plötzlich einen neuen Gegenstand an der Trift erblickt. Dann kam ihm ein leichter Gedanke.„Ach was," rief er, und schob die Bücher bei Seite,„das Zeug kaust bei uns kein Mensch." Ich reichte ihm schweigend meine Uhr. Auch diese wollt' er nicht nehmen; erst als ich wiederholt darauf bestand, nahm er sie, zeigte sie seinen Leuten und rief:„Was ist die werth? Zwei Thaler, nicht wahr?"—„Ja," antworteten diese Sach- verständigen. Meine Frau und ich waren in Heller Verzweiflung. Was sollten wir dem Manne noch geben, wenn ihm alles ganz oder nahezu werthlos war. Ich reichte ihm noch eine Stempelpresse, aber auch diese galt nichts in seinen Augen. Augenscheinlich war es diesem Gerichtsbcamten nicht darum zu thun, blos Pfandgegenstände im Wcrthe von sechs bis sieben Thalern zu haben, sondern solche, deren Wegführung meiner Frau und mir besonders peinlich sein und im Hause und ans der Straße großes Aufsehen machen mußte. Dagegen ließ sich nichts thun; ich wußte, daß ich in diesem Augenblick der vollen Willkür dieses Menschen preisgegeben war. Ich hielt es dann nicht mehr für geziemend, ihm noch einen andern Gegenstand anzubieten. Der Exekutor befahl nun seinen Leuten, noch einen großen Spiegel mit Konsole hinauszuschaffen. Unterdessen hatte meine Frau ihm drei Thaler aufgezählt. Er strich diese ein und be- gnügtc sich jetzt mit der Uhr und der Stempelprcffe. Ich befand mich in unbeschreiblicher Aufregung, und meine Frau weinte wie ein Kind. Noch lange darnach fuhr sie in Angst zusammen, wenn die Klingel hart gezogen wurde, und niemals hat sie es verwunden, daß sie sich eine so schmachvolle Behandlung hat gefallen lassen müssen. Ich beschwerte mich über den Exekutor beim Gericht. Ich beschrieb die ganze Affaire, auch den Besuch am Tage vor der Exekution; auch deutete ich verständlich genug an, daß ich zu solchem unerhörten Benehmen nur einen Grund finden könne, den nämlich, daß ihm meine Frau kein Trinkgeld gegeben, auf das er offenbar gerechnet. Ich stagte, ob die Exekutoren des Gerichts nicht auch die Pflicht hätten, mit dem Publikum nach denselben Regeln anständiger Lebensart zu verkehren, wie wir das im Verkehr mit andern Beamten gewohnt sind und nach be- kannten Vorschriften, z. B. für die Postbeamten, sogar fordern dürfen. Oder hätte vielleicht— was doch kaum anzunehmen— das Gericht es noch garnicht für erforderlich gehalten, den Exe- kntoren ein anständiges Benehmen dem Publikum gegenüber ■v mindestens zu empfehlen? Ich fragte ferner, ob es den Exe- kntoren gestattet, ganz nach ihrer Willkür Pfandstücke zu nehmen, ohne Rücksicht aus den Werth und Umfang der Gegenstände und ihre Unentbehrlichkeit im Haushalte, oder ob sie nicht vielmehr gehalten wären, das anzunehmen, was man ihnen biete, vorausgesetzt, daß der Zweck der Exekution damit erfüllt werde? Ich fragte, ob es den Exekutoren gestattet, beliebig schmutzige Menschen von der Straße zu nehmen und mit denselben, auch wenn Wider- spruch erhoben würde, mit Gewalt in die Wohnung eines un- glücklichen Schuldners und in alle Zimmer desselben zu dringen, noch bevor festgestellt worden, ob Zahlung geleistet werde oder nicht. Endlich fragte ich, ob die Exekutoren verpflichtet wären, große Pfandstücke sofort abzuführen, und ob es nicht genügen würde, dieselben nur anzusiegeln und erst zum Verkaufstermin abzuholen?— Ich bat das Gericht um gefällige Antwort auf diese Fragen, weil ich es nicht für unmöglich hielt, daß noch öfter Exekutionen gegen mich verfügt würden; einer so schmäh- lichen Behandlung wollte ich aber nicht wieder ausgesetzt und außerdem auch vor nnnöthigem Schaden geschützt sein. Denn wer stände mir dafür, daß der Exekutor, wenn ihm alles gestattet ist, was er sich gegen mich erlaubt hat, eines Thalers, ja eines Groschen wegen mit einem Dutzend Arbeiter in meine Wohnung dringt, sie voll Straßenkoth trägt— wie es in dem erzählten Falle in der That geschehen— und mir alles Mobiliar ent- führt, oder mindestens solche Gegenstände, welche mir besonders unentbehrlich sind oder so umfangreich, daß mir dadurch nicht nur ungerechtfertigte Kosten— denn ich muß ja alles bezahlen—, sondern auch ein mir in jedem Falle nachtheiliges Aufsehen er- regt wird? Aber ich glaubte auch, ich hätte— wie jeder Bürger— das Recht, ein rücksichtsvolles und anständiges Be- tragen von dem Beamten zu fordern, ein Recht, das jeder Be- Hörde und also auch dem Gerichte selbstverständlich sein sollte. Die Annahme müßte ganz unmöglich sein, daß es einer Gerichts- behörde gleichgiltig sein könne, wie sich ihre einzelnen Beamten, auch die subalternsten, dem Publikum gegenüber betrügen, eben- sowenig wie ihr andererseits gewisse Vermuthungen, zu welchen ein gewisses Betragen leicht Anlaß gibt, gleichgiltig sein könnten. Ich hatte gut fragen! Das Gericht gab mir eben keine Ant- wort. Der Gerichtspräsident vernahm den Exekutor und„seine" Leute, und die drei wußten es ganz genau, daß der Exekutor weder ungewöhnlich stark an der Klingel gerissen, noch geschrien, noch Aufsehen im Hause erregt hätte, noch daß sie schmutzig gewesen. Damit war alles in Ordnung und die Beschwerde wurde als „unbegründet" zurückgewiesen. Doch eins muß ich anerkennen: der„Bescheid" war billig; ich hatte für denselben nur 2'/» Silbergroschen zu bezahlen. Obwohl ich schon am 4. Januar dem Gerichte die Anzeige machte, daß ich alles bezahlt, konnte ich doch erst am 12. die Pfandstücke vom Auktionskommissarius erhalten. Außer dem Aerger kostete mich dieses Exekutionsverfahren, das garnicht zu Ende gekommen war, etwa 10 Stunden Zeit(für mich ein kost- barer Artikel!) zu den Gängen nach dem Gericht und dem Auktivnslokal und einen Thaler vierzehn Silbergroschen, also 27 Prozent der Schuld! Die Exekution kostete mich also mehr, als wenn ich zur Bezahlung der Schuld Geld zu höchsten Wucher- zinsen geliehen hätte. Ich erzählte voller Entrüstung die Geschichte einigen Freunden. Sie waren nicht überrascht und hatten nicht übel Lust, mich aus- zulachen. „Das ist nichts neues und nichts mcrkivürdiges ," meinte der Eine,„dergleichen Geschichten passieren alle Tage dutzcndweis, nur oft noch schlimmer, namentlich in den Keller- und Dach- Wohnungen." „Ihr habt gewiß recht," bemerkte ein grauhaariger, viel- erfahrener Advokat.„Ihr habt sogar recht, wenn ihr unfern Freund auslacht. Denn es ist eine wohl auszuwerfende Frage, wo mau Trinkgelder nicht anbieten darf und wo sie nicht ge- nommen werden. Aber es ist ein großes Unglück; denn unsere Beamten werden dadurch russisch, und die Armen, die sich nicht zu wehren vermögen, können in unerhörtester Weise gebrandschatzt werden. Es ist schon traurig genug, daß die Exekution in der Form, wie sie jetzt gehandhabt wird, eine Brandschatzung ist zum Besten der Staatskasse, des Auktionskommiffars und der Trödler. Und was nicht als Brandschatzung verloren geht, das wird vcnvüstet auf den Transporten uud in den Auktionsschnppcn. Man schaue nur zu, wie das einzige und letzte Bcsitzthum der Armen daselbst zugerichtet wird. Wir befinden uns auf cineni sehr bösen Ge- biete. Man klagt jetzt so viel über Verarmung; hier ist ein Institut, dessen Zweck fast nur die Beförderung der Verarmung �u sein scheint. Schaut doch einmal näher zu; wenn Ihr tapfer seid, könnt ihr da mehr gutes stiften, als wenn Ihr mit schwerem Gelde eine verpestete Stadt kanalisirt." „Sie müssen die Geschichte veröffentlichen!" riefen mir mehrere zu.„Die Politiker und Sozialisten müssen auf die Sache auf- merksam gemacht werden." Der alte Advokat lächelte. Ich ging mit meiner Geschichte, die ich vorsichtig so gefaßt, Fus den Erinnerungen Von Y. Bor einigen Monaten hat der greise Charles Beslay, der Alterspräsident der pariser Commune von 1871, ein Büchlein in die Welt hinausgeschickt(„I�a verite sur la Commune"), welches sich gegen das garstige Heer von Insulten, Lügen und Verleum- düngen wendet, mit dem die Partei der Ordnung unermüdlich gegen die Führer jener Schilderhebung zu Felde zieht. Beslay ist mit Ehren alt geworden. Durch Geburt und Erziehung der „honneten" Gesellschaft angehörend, hielt er sein Leben lang redlich zum arbeitenden Volke. Aber wie ihm die wahre Bedeutung der Junischlacbt von 1848 entging, so verkannte er auch diejenige des Jahres. 1871. Ein Verehrer Proudhons, ist er gänzlich von dessen, einst als Sozialismus ausgegebenen Schrullen eingesponnen. Sein letzter Traum ist die Versöhnung von Kapital und Arbeit— fürwahr, nur ein naives Herz kann nach der blutigen Maiwoche noch solchen Glauben hegen.... In einer französischen Komödie, deren Titel mir entfallen, sagt ein Pfaffe:„ l)u matibre de religion on ne juge pas, on trappe." Gewiß, der heilige Mann versteht die Sache besser, als der gute Beslay: Die Gewalt prüft und richtet nicht, sie schlägt einfach zu. Sie weiß, man muß Hammer oder Ambos sein auf dieser Welt, und die Wahl verursacht ihr niemals Schmerzen. Sie heuchelt Versöhnung, wo sie sich schwach fühlt, und vergilt hernach die an ihr geübte Milde mit dem„Stoß in's Herz". Wehe den Besiegten!... Lassen wir dem Alten den Glauben, in den er sich einmal verrannt hat, und blättern wir lieber in seinen Erinnerungen (1830— 1848— 1871. Mes Souvenirs, par Charles Beslay, ancien deputd, ancien reprdsentant du peuple, doyen d'äge de la Commune de Paris), auf die in der neuesten Schrift mehr- fach verwiesen wird. Sie sind schon 1873 erschienen, und un- verdienterweise hat man sie fast nirgends einläßlicher gewürdigt. Macht sich in derartigen Aufzeichnungen oft minder Wichtiges auf Kosten wesentlicherer Dinge nur allzubreit und geräth die subjektive Auffassung sowohl, als die in jeder Menschenbrust ein Winkelchen behauptende Eitelkeit mit der historischen Treue wissent- lich und unwissentlich in Kollision, so hilft doch die auf unmittel- barer, frischer Anschauung beruhende Klcinmalerei weit eher zum Verständniß für das Denken und Fühlen und die gesammte geistige Strömung einer Epoche, als ein aktenstaubiges Sammel- werk. Und grade Beslay's Memoiren entrollen nicht nur das Bild eines bewegten Einzellebens, sie bereichern auch die Zeit- geschichte mit manchem interessanten Zuge. Beslay stammt aus der Bretagne. Sein Vater, ein unab- hängiger Liberaler, der in der Kammer als tüchtiger Kenner der Finanz- und Handelsfragen galt, schuf Ende der zwanziger Jahre in der Bretagne eine weitverzweigte Verbindung zum Zwecke einer allgemeinen Steuerverweigerung. Die Revolution unterbrach diese Thütigkeit. Seine Freunde ließen sich mit Stellen belohnen,— er wies den ihm angebotenen Ministerposten zurück. Als der Sohn zu seiner Ausbildung in ein pariser Lyzeum eintrat, stand die napoleonische Säbelherrschaft auf dem Höhepunkt. Unter den Mitschülern Beslay's befand sich auch das Söhnchen des Herzogs von Belluno; dasselbe neckte den Neuling in frechster Weise. Beslay beschwerte sich zweimal beim Professor und wurde von diesem schnöd angefahren. Da reißt ihm schließlich die Geduld und er schmeißt alles, was er momentan erwischt, Bücher, Pult und Tintenfaß, mit dem urbrctonischen Fluche„Foi de üieu, malddictions!" dem Herrchen an den Kopf. Es setzte einen Tumult ab, allein von jetzt an hatte er Ruhe. Im Jahre 1813 daß ich, der Verfasser, garnicht als mithandelnde Person drinnen vorkam, zu mehreren liberalen Redaktionen. Das eine Blatt hatte dafür keinen Raum, dem andern war die Geschichte nicht gründlich genug, dem dritten zu lang und die Redaktion des vierten Blattes sagte mir:„Man muß es nicht zu einer Exekution kommen lassen." Damit war ich am Ende. Aber die Exekutionen mehren sich und es mehren sich die ge rechten Klagen über die Exekutoren. Horchen wir auf dieselben und sehen wir zu, ob nicht auch auf diesem bösen Gebiete eine Wandlung geschaffen werden kann! Fd. 8. i eines Communarden. Megg. wanderte der Lyzeist heim nach Dinan. Im väterlichen Hause konzentrirte sich gewissermaßen der ganze Handel der Umgegend: man befaßte sich mit Bankgeschäften, Export und Import, und bei der häufigen Abwesenheit des Vaters mußte der Sohn die Leitung übernehmen. Die Herrlichkeit des Kaiserreichs ging unter und plötzlich erin nerten sich die Edelleute ihrer verschimmelten„Rechte". Die Wappenschilder wurden frisch geputzt. Um das Volk für das Königthum zu entflammen, gaben die Feudalherren ein Fest nach dem andern. Auf den öffentlichen Plätzen wurde getanzt und Wein und Most ausgeschenkt, um die Kehlen für das Hochrufen auf Ludwig den Achtzehnten feucht zu halten. Die Ritter vom Thron und Altar gründeten einen Lilicnorden und spendeten ihn den Gläubigen, wie seit 1871 die rothen Tuchläppchen vom heiligen Herzen Jesu ausgetheilt werden. Die Regierung sandte zur Belebung der„Königstreue" eigene Kommissäre nach den Provinzen. Von den Kanzeln herunter wurde mit Macht zur Umkehr geblasen und der Pfarrer zu Savenay verkündete mit rollenden Augen, daß alle diejenigen, welche die seit 1789 vom Staate erworbenen Güter nicht an die ursprünglichen, rechtmäßigen Eigenthümer— Adel und Klerus— abtreten, wie Jesabcl von den Hunden gefressen würden. Der legitimistische Weizen blühte üppig, auch vormalige Anbeter des imperialistischen Adlers warfen sich vor dem Lilienschilde inbrünstig auf den Bauch. Das Treiben der Tellcrlecker und Stcllenjäger nahm so entsetzliche Dimensionen an, daß der berühmte Pamphletist Paul Louis Courier sich zu der bitteren Aenßerung hinreißen ließ, die Franzosen seien ein Volk von Kammerdienern geworden. Da kam auf einmal der nach der Insel Elba verbannte Kaiser wieder. Er vermied es, bei der Ansprache an das ihm entgegen- geschickte Linienregimcnt den früheren soldatischen Ton anzuschlagen. „Der Thron der Bourbonen," sagte er,„ist illegitim, weil er nicht von der Nation aufgerichtet wurde; er widerstreitet dem Willen der Nation, weil er gegen die Landcsinteressen ist und nur auf die Interessen einer kleinen Anzahl von Familien sich stützt. Fraget eure Väter, fraget die braven Bauern, welche mich begleiten, und alle werden euch sagen, daß ihr von der Rückkehr der Zehnten, der Privilegien, der Feudalrechte und aller derjenigen Mißbräuchc bedroht seid, von denen ihr euch durch eure Thaten losgemacht habt." Der schlaue Korse traf die rechte Saite. Das Volk verabscheute die Kriegslust des Kaisers, aber es verabscheute noch viel mehr die plumpe bourbonische Reaktion. Während der „hundert Tage" genoß die Presse sogar einige— Freiheiten. Der Bourgeoisie behagte indeß vorzüglich, daß dem Handel und der Industrie eine Vertretung zuerkannt und das Wahlrecht nicht mehr blos an den Grundbesitz gebunden wurde. Sie bewilligte dem Kaiser für dieses„liberale Zugeständniß" gerne weiteres Menschcnmaterial. Der Loskauf ward erschwert, der Vater Beslay mußte, um seinen Sohn daheim zu behalten, l.öOOv Francs bezahlen. Die Schlacht von Waterloo setzte den Plänen des Aben- tcnrers endlich ein Ziel, die Bourbonen kehrten zurück„auf den Gepäckwagen der Alliirten". In den Kirchen wurde das Tedeum geblökt, die Nachtfalter schwärmten auf's neue. Der Klerus nahm das Heilswerk da auf, wo er— etwas eilig— abgebrochen, Weihrauchwolken dampften, Jesuiten durchstrichen das� Land, Pilgerzüge mit Kreuz und Fahnen schleppten sich durch die Straßen. Ein hoher kirchlicher Würdenträger erklärte die Freiheit für die größte Heimsuchung, welche ein Volk treffen könne; sie sei sein Untergang, überhaupt eine der gefährlichsten Begierden der Seele. Und in der Kammer rief ein hervorragendes Mitglied der Re- gierungspartei, Ruhe und Ordnung werde erst wieder fest wnrzeln, wenn man das Wahlrecht einer beschränkten Zahl von Höchst- begüterten übertrage. Die Tröpfe überboten sich in Servilität. Das Land gab seine Meinung in zahlreichen, auf allen Punkten ausbrechenden Verschwörungen zu erkennen. Der Geist der Opposition erhob sein Haupt immer kecker. In Paris randa- lirten die Studenten so heftig anläßlich gewisser Exzesse kirchlicher Frömmigkeit, daß die royalistischen Blätter die Regierung auf- forderten, die juristische und medizinische Fakultät nach Compiegne und den Sitz der obersten Gewalten nach einer Provinzialstadt zu verlegen. So bodenlos und gemein war die Wirthschaft, daß im Vergleich mit ihr das Kaiserreich als eine reinliche Gegend erschien. Redner, Journalisten, Dichter— es sei blos Beranger erwähnt— umkleideten es mit einem Schimmer, der den Bona- partisten späterhin ausgezeichnete Dienste leistete. Die Gewalt ließ zwar nichts unversucht, um die oppositionelle Flamme zu löschen. Ihr Wüthen war umsonst. Das Volk sorgte in demonstrativster Weste für' die Gemaßrcgelten. Und endlich ward dem Regiment das Todtenglöcklein geläutet. Das Jahr 1830 brach an. Frühlingslüfte wehten über die matte Erde, Karl X. schnürte das Bündel, Blut netzte das Pflaster von Paris und die Kämpfer wurden— geprellt. Mit Louis Philipp bestieg die Bourgeoisie den Thron. Jener scheußliche Gründerreigen, welcher das zweite Kaiserreich in eine Lache von Blut und Koth hinunterriß, begann unter der Juli- Monarchie, der„besten aller Republiken", wie sie von Gaunern und Narren getauft ward. Der biedere Monarch stahl wie ein Rabe, um für seine armen Kinder etliche hundert Millionen zu erübrigen.„Bereichert Euch!" rief Guizot der herrschenden Klasse zu, und sie befolgte den einträglichen Rath. „Die beste der Republiken" brachte unfern Beslay in die Kammer. Vorher aber sollte er noch einen Einblick in das bei der Armenverwaltung herrschende System gewinnen. Er hatte die-Lieferung von 25,000 Paar Schuhen übernommen; bei der Ablieferung nahm der Präsident der Kommission, ein Oberst, Beslay auf die Seite und fragte ihn sehr feierlich, was er wohl zahlte, wenn man bei der Prüfung ein Auge zudrückte. Beslay wies das Ansinnen zurück, und die Prüfung wurde infolge davon so heillos gewissenhaft durchgeführt, daß er einen bedeutenden Schaden erlitt. In köstlichem Tone erzählt er von den Fahrten, die er als Wahlkandidat ausführte. Mit seinem Gegner, dem Vicomte de Saisy, traf er öfters zusammen. Dieser, ein bretouischer Land- edelmann, hatte den Vortheil, im Dialekt bewandert zu sein und einer vornehmen Familie anzugehören. Dazu war er der Unter- stützung durch den Klerus gewiß. Beslay dagegen wußte, wo die Bauern der Schuh drückte, er kannte ihre Interessen und , Wünsche und wenn der Vicomte im Wirthshause über Königthum, Adelsrechte und Religion redete, so sprach Beslay von Steuern, öffentlichen Arbeiten, Straßenkorrektionen K., und er war sicher, daß ihm die Bauern mit Vergnügen zuhörten. So wurde er Abwehr. Du, der du die Versuchung nie gekannt, Deß Herz geschluininert stets in träger Ruh— Ich bin mit deinem Wesen nicht verwandt— Was fragst du mich: Warum ich nicht, wie du? Mein Lebensschiff ward nicht von kund'ger Hand Sorgsam geleitet zu dem sichern Port; Allein schifft ich vom trauten Heimatland Und trieb auf wilden Wellen hülfloS fort. Das Steuer lenkt' ich selbst mit finsterm Muth, Kein Gott— kein Stern erleuchtete den Pfad; So kämpft' ich mit der Elemente Wulh, Verzweifelnd oft, ob mir ein Retter naht. Ich ging nicht unter; aber rauhen Sinn Ertrotzt ich mir auf wildein Lebensmcer; Ersahrnngsbitter war oft mein Gewinn, Doch ivard mein Herz dabei nicht liebcleer. Drum, der du die Versuchung nie gekannt, Deß Herz geschlummert stets in träger Ruh— Ich bin mit deinem Wesen nicht verwandt. WaS fragst du mich: Warum ich nicht wie du? E. Walter. denn im Departement Morbihan zum Abgeordneten gewählt. Er kam nach Paris und sah, wie der Umschwung nur befvirkt hatte, daß der Goldadel sich in den Fauteuils des alten Geburtsadels wiegte. Sehr charakteristisch für die„Sparsamkeit" des Bürgerkönigs ist folgende Anekdote. Auf einem Hofballc, zu welchem Beslay als Deputirter eingeladen war, füllte ein Lakai die Gläser aller neben ihm Sitzenden mit Champagner, nur das seinige nicht. Er wollte eben reklamiren, als eine neue Flasche erschien und der Bediente ihm zuflüsterte, es sei dies eine bessere Sorte. Beslay schaut den Mann verwundert an, das Gesicht kommt ihm bekannt vor und er bemerkt:„Ich muß Sie schon irgendwo anders ge- sehen haben."—„Gewiß, Monsieur," lautet die Antwort,„Sie sehen mich alle Tage im Cafö anglais, wo ich Sie bediene." Am nächsten Tage erzählte ihm der Mann, daß man bei Hofe bei großen Festlichkeiten stets eine Anzahl Kellner aus den ersten pariser Cafö's miethe, sie in königliche Livreen stecke/ und mit zwanzig Francs per Abend honorire... In der Kämmer trat gleich in der ersten Zeit nach 1830 ganz eklatant zu Tage, daß die Regierung des berüchtigten justs-milk» (der rechten Mitte) sich auf die Charakterlosigkeit stütze. Eines Tages handelte es sich um Feststellung der königlichen Civilliste. Dupin, der berühmte Redner, schien empört zu sein über die Forderung.„Das ist denn doch eine gräßliche Geldgier," sagte er,„das heißt die Gewalt im Sinne eines Crösus auffassen."— „Bravo," versetzte Beslay,„wenn Sie gegen die Vorlage sprechen, wird sie gewiß nicht durchgehen."—„Warten Sie'mal, wie ich dieselbe verarbeiten werde," fügte Dupin hinzu. Einen Moment nachher bestieg er die Tribüne, um für die Gewährung der ver- langten Summe zu plädiren. Nun, man kennt die Leistungs- fähigkeit der„gewiegten" Parlamentarier. Guizot, sagt Beslay, erinnerte mich mit seiner Beredtsamkeit an jene römischen Auguren, welche sich nicht in's Gesicht zu sehen vermochten, ohne zu lachen. Er war der Oberpriester des goldenen Kalbes und trug mächtig zur Demoralisatton bei. Er lenkte die Kämmermajorität mit der Arroganz des Ministers und dem Hochniuth eines Emporkömm- lings.„Seine" Majorität brachte einmal bei der Debatte seine wahre Ansicht nicht heraus und votirte anders, als er es wünschte. Wie das Abstimmungsresultat verlesen wurde, kehrte er sich gegen das Centrum hin und murmelte zwischen den Zähnen:„Seh' einer diesen Haufen von Lümmeln!"—„Die Herren haben's nicht gehört, Herr Minister, soll ich's ihnen wiederholen?" bemerkte der dicht hinter ihm sitzende Beslay.—„Nein, mein Herr, ich bitte, lassen Sie das," versetzte der Minister etwas verblüfft. Worauf Beslay zu ihm sagte:„Wie Sie wollen, ich werde indeß diese Worte nicht vergessen." Beslay's hartes Urtheil über Guizot kann nicht umgestoßen werden. Der steifkragige Kalvinist war recht eigentlich Professor der Korruption. Unrecht dagegen thäte man ihm, wollte man annehmen, er habe mit am Tische der Gründer gesessen und ge- schmaust. Sein Privatleben trifft kaum ein Makel. (Schluß folgt.) Wandernde Kunstgesellen.(Bild Seite 2(39.) Drei treue Ge- fährtcu— der bärtige, robuste Mann, der kluge, stattliche Pudel und der kleine, höchst ernsthaft dreinschauende Affe! Daß der letztere ganz gegen seine Gewohnheit so ernsthast aussieht, ist sehr erklärlich: einmal'! ist er so merkwürdig angeputzt, daß er bei seinem unleugbaren Ver- ständniß für seine Pflichten als Halb- oder Viertelsmcnsch schon anstands halber auch in seinem Benehmen eine gewisse Würde an den Tag legen muß, und dann handelt es sich ja auch grade um einen wichtigen Akt. Sein Herr und Meister ist eben dabei, ihm einen Schluck Bier in das mit beiden Vorderhänden von dem vierhändigen Mitkünstler krampfig festgehaltene Glas zu gießen, und da heißt es aufpassen, daß kein Tröpslein darübergeht und daß der bei solchen Gelegenheiten leider zu allerlei unzarten Scherzen aufgelegte ganzmcnschliche Dirigent des Dreikünstlerkollegiums nicht etwa noch im letzten Augenblick die Flasche Mieder zurückzieht. Der Pudel hält vom edlen Gerstensaft augenschein- lich am wenigsten; er gibt sich Mühe, durch einen kurzen Schlummer seine allzeit angespannten Kräfte neu zu beleben. Er muß den Karren schleppen helfen und gleichzeitig den Assen auf dem merkwürdigen Sattel reiten lassen, der ihm den Rücken verunziert— er hat die schwerste und auch die undankbarste Rolle von den dreien. Bei der Vorstellung zaust und höhnt und maulschellt ihn der Affe, der dabei auch inffner noch die Lacher ans seiner Seite hat, und nach der Vorstellung, wenn endlich einmal die Ruhe auf eine kurze Zeit einkehrt, unterhält sich der Mann am liebsten mit dem Affen, scherzt mit dem und hätschelt ihn, während er dem mindestens ebenso intelligenten und viel charaktervollere» Hund, Ii! bei dem es keiner Kette bedarf, um ihn, wie den Affen, am Ausreißen zu hindern, nur sehr wenig Beachtung schenkt. Ja, Undank ist auch der Hunde Lohn, trotzdem oder wohl grade weil sie so treu und so anspruchslos sind. Das vegetabilische Pergament und seine Anwendungen. Die Geschichte der Erfindungen bietet vielfache Beispiele dafür, daß Eigenschaften von eminenter Nützlichkeit oft unter einem ganz unschein- baren Aeußeren verborgen liegen, daß nur ein glücklicher Gedanke des Forschers, ost auch nur ein glücklicher Zufall diese Eigenschaften von daher an's Licht zieht, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Wer hätte geahnt, daß eine ganz einfache und fast nur äugen- blickliche Behandlung mit einem der alltäglichsten Chemikalien das un- geleimte Papier in Wesen und Aussehen so verändern kann, daß es dem thierischen Pergament in Aussehen und Eigenschaften fast gleich wird? Das ist aber Thatsache! Dies geschieht, indem man starkes, ungeleimtes Papier(Filttir- oder Fließpapier) einige Sekunden in Schwefelsäure taucht, die zur Hälfte mit Wasser verdünnt ist, und dann das so behandelte Papier in kaltem Wasser auswäscht, in verdünnte Ammoniakflüssigkeit bringt, um etwaige Spuren freier Säure zu ent- fernen, und wieder mit Wasser abspült. Die Säure bringt(nach Unter- suchungen von Hoffmann in London) keine chemische Veränderung in der Masse des Papiers hervor, sondern bewirkt lediglich eine neue Molekular- anordnung der Elemente desselben. Das Pergamentpapicr ist fünfmal stärker als das Papier, aus dem es hergestellt wurde, hat drei Viertel der Festigkeit des thierischen Pergaments und ist unempfindlich auch gegen Einwirkung des kochenden Wassers. Diese Beobachtung, die W. E. Game 1357 in England machte*), hat eine blühende Industrie hervorgerufen: die Fabrikation des Per- gamentpapiers oder vegetabilischen Pergaments, das schon fast unent- behrlich geworden ist für Haushaltungszwecke, für technische und Pharma- zcutische Chemie, als Stellvertreter des thierischen Pergaments und der thierische» Blase, welche das Pergamentpapier an Billigkeit und Sauber- keit weit überttifft. Beim Eintauchen in Wasser wird es weich und biegsam, siedendes Wasser wirkt, wie schon erwähnt, nicht daraus, sondern nach Behand- lung mit solchem und nach dem Trocknen erscheint es wie vorher. Es ist undurchdringlich für Wasser, Alkohol, Aethcr, Benzin und viele andere Flüssigkeiten, sodaß es mit Vortheil zum Zubinden von solche Flüssig- keilen enthaltenden Gefäßen dienen kann. Vielfach ist es an Stelle des Gummizeuges in Krankenhäusern angewandt worden. Vollkommen entspricht es allen Anforderungen bei der von dem englischen Chemiker Graham erfundenen analytischen Methode, der Dia- lyse, bei welcher die krystallisirbaren Substanzen von den nicht krystalli- sirbaren getrennt werden, was vor Erfindung der Dialyse ost fast unüberwindliche Schwierigkeiten bot. Der vielseitigen Verwendung des Pergamentpapiers stand lange der Uebelstand im Wege, daß sich dasselbe aus Holz und Pappe sehr schlecht, auf sich selbst aber garnicht verleimen ließ. Ebermayer be feuchtete das Pergamentpapicr auf der Seite, aus welcher es verleimt werden sollte, zuerst mit Alkohol oder starkem Branntwein, legte das mit Leim bestrichene Material darauf und rieb es mit einem Falzbein an. Will man Pergamentpapier mit sich selbst verleimen, so behandelt man die beiden sich berührenden Flächen iü der angegebenen Weise. Farbiges Pergamentpapier kann nach der Originalmethode der Darstellung nicht schön bereitet werden, weil die wenigsten Farben die Einwirkung der Schweselsäure vertragen. Dagegen nimmt das fertige Papier Anilinsarben gut auf, wenn man es in die heiße, wässerige Lösung derselben bringt. Man kann es gelb färben mit Pikrinsäuren, Natron, orange mit Pikrinsäure und Anilinroth, grün mit Pikrinsäure und Jndigokarmin. Das ungefärbte Pergamentpapier kann mau mit Vortheil ver- wenden zum Verbinden von Flaschen und Töpfen statt der bedeutend kostspieligeren thierischen Blase. Beim Verbinden der Einmachgesäße mit Pergamentpapier ist sehr zu beachten, daß dieses bisweilen das Wasser des Obstes und auch einen Theil des Aromas hmdurchdunsten läßt, sodaß völliges Eintrocknen erfolgen kann. Auch kommt es wohl vor, daß im Papier sich feine Oeffungen befinden, und dann tritt Verderben der eingemachten Früchte ei», weil die Lust Zutritt hat. Einmachflaschen sollte man nur durch Korkstöpsel oder Glasplatten verschließen. Auch künstliche Därme hat man aus Pergamentpapier dargestellt. Im Jahre 7870 kam die berliner Erbswurstfabrik mit der Beschaffung natürlicher Därme, die sie in immensen Massen verarbeitete, in Ver- legenheit. Die Papier- und chemische Fabrik in Helsenberg bei Dresden stellte darauf künstliche Därme aus Pergamentpapier her und hat den srüheren mangelhaften Handbettieb durch Maschinen ersetzt. Während früher zu einer täglichen Herstellung von ca. 8000 Meter 50 Personen nöthig waren, liefert die neue, von einer Dampfmaschine gettiebene Maschine in derselben Zeit dasselbe Quantum bei einer Bedienung von nur drei Personen. Das auf einer Papierdrehbank in Streifen ge- ») De la Sine(1859) Ichreibt die Shre dieler Erfindung im 1. 1847 I. A. Poumarede und L. Figuier zu, aber die genaue Feststellung der Darslellungsmethode ist«ame's Wert. schnittene endlose Pergamentpapier läuft in die Maschinerie, wird da- selbst genäßt, in Darmsorm gebracht, geklebt, getrocknet, geglättet und in Hundert-Meter-Ringen mittels Zählapparats abgemessen. Der künstliche Darm findet Anwendungen, an die man bei dem natürlichen nie gedacht hat. So zu Einhüllung von Wichse, zum Einpressen der künstlichen Schmalz- oder Faßbutter, zum Abfüllen des Biers in Brauereien. Der künstliche Darm, wenigstens in den dünneren Arten, ist zwar noch etwas theurer als der natürliche, aber die frische Wurst hält sich länger in ihm gut. Das Kochen hält er aber so gut wie der thierische aus, da die Naht vollständig unlöslich ist, nur darf das Unterbinden nicht mit zu dünner Schnur geschehen. Hölzer(Zustecker) können ganz fortfallen. Zum Verpacken von Kaffeesurrogat, der nichtsnutzigen Cichorie*), hat sich Pergamentpapier nicht bewährt. Erst die letzten Jahre haben die vielseitigen guten Verwendungen des Pcrgamentpapiers es in Aufnahme gebracht, und es ist wohl sicher anzunehmen, daß sich der Kreis derselben enveiteru wird. Dr. Heinrich Böhnke-Reich. •)®. Böhnle- Reich: Der Kaffee in seinen Beziehungen zum Leben. Leipzig, bei Thiele und Frese. Nachtrag zu dem Artikel„Der Dichter des Atheismus und Sozialismus. Durch eine freundliche Mitthciluug des Hrn. Dr. Dulk erfahre ich nachträglich Näheres über Shelley's Tod.„Die.Times' (und nach ihr deutsche und italienische Zeitungen) veröffentlichten 1875 einen Brief der Tochter Trelawney's, Rom, 22. November 1875„ worin diese als Geständniß eines sterbenden Matrosen von Spezzia kundgab, das Boot mit Shelley und Williams sei im Juli 1822 in der Meinung, den reichen Byron auf ihm fangen zu können, gekentert worden, aber gegen die Absicht, an der der Matrose theilgenommen, gesunken.(Aus- führlicher im stuttgarter.Beobachter' vom 17. Dezember 1875.)" Eduard Bertz. Mittel, brennendes Petroleum zu löschen. Das beliebteste Feuerlöschmittel, Wasser, ist bekanntlich für brennende Oele nicht zu brauchen; Erde, Sand, Asche nur dann, wenn es sich um so geringe Quantitäten des Brennstoffs handelt, daß man sie gänzlich damit be- decken und darin ersttcken kann. Ein belgischer Apotheker schlägt nun vor, zu gedachtem Zweck das Chloroform zu benutzen. In der That erwies sich, daß, wenn man in brennendes Petroleum den zwanzigsten Theil Chlorform goß, die Dämpfe desselben die Flamme sofort ver löschten; sogar der sechzigste Theil zeigte sich noch wirksam. Ein Ge- misch der Dämpfe beider Flüssigkeiten ist nicht explodirbar. Es dürfte danach eine empfehlenswerthe Sicherheitsmaßregel sein, in Petroleum- Magazinen und Schiffsräumen Gefäße mit Chloroform aufzubewahren, die, durch entstandenes Feuer gesprengt, durch ihren Inhalt als Lösch- mittel wirken. Als Hausmittel ist dieses jedoch nicht gut verwendbar, weil einmal der Preis zu hoch und dann auch das Chloroform als Gift nicht jedermann zugänglich ist. Dafür kann man sich mit ähnlichem Erfolg der Ammoniakflüssigkeit(Hirschhorngeist) bedienen, deren nicht brennbare Dämpfe gleichfalls ein Verlöschen der Flamme bewirken. R.-L. Petroleum-Fälschuna. Das gegen die srühere Oelbeleuchtung so erheblich billigere und hellere Pettoleumlicht gehört zu unseren Kultur- förderuugsmitteln, die wir nicht missen möchten. Leider nur fordert dasselbe alljährlich eine nicht geringe Zahl von Opfern. Es geschehen häufig Explosionen von Petroleumlampen oder von Ausbewahrungs- behältern, die in der Nähe befindliche Personen verletzen, ost sogar tödtlich. Gewöhnlich soll Unachtsamkeit die Schuld haben: es liegt aber vielleicht in den mehreren Fällen an Fälschung des Brennmaterials mit Naphta! Dieses ist ein leichteres Dcstillattonsprodukt des Petroleums, das einen viel niedriger» Siedepunkt hat und sich schon bei gewöhn- licher Temperatur verflüchtigt. Die Fälschung wird noch dadurch be- günstigt, daß die Naphta ganz wasserhell ist. In Amerika wurde zur Verhütung der Unfälle ein Gesetz erlassen, wonach Brennpetroleum unter einem bestimmten Siedepunkt nicht in den Handel gebracht werden dars. In unser» Hafenstädten lagern gewöhnlich übergroße Vorräthe von Naphta, die, da es für sich nur in sogenannten Ligroinelampen verbrannt werden kann, nur schlecht Abgang finden. Da mischt sich nun so manche überschüssige Quantität Naphta wieder mit dem stamni- v erwandten Petroleum— nur um nicht müssig zu lagern. Die Herren und Besitzer beider leiden ja auch keinen Schaden dabei, denn Naphta kostet in der Regel 2 bis 3 Thaler der Zentner, Petroleum aber 7 bis 8 Thaler. Wenn aber so häufige und gefährliche Explosionen von Petroleum statthaben, so wird der„unverantwortliche und unverbesser- liche Leichtsinn der Leute" solange die Schuld haben, bis jedermann, nur mit einer Wage bewaffnet, den wirklich Verantwortlichen zu Leibe gehen könnte, gestützt auf ein kleines Spezialgesetz, das etwa so lautete: Z 1. Petroleum, das als Brennstoff verkauft werden soll, muß 820—830 Gramm der Liter wiegen und einen Siedepunkt nicht unter 150 Grad haben. K 2. Zusatz von Naphta(leichtem Oel, im Gewicht von 715 bis 750 Granim der Liter und Siedepunkt von 60 Grad) wird wie Lebens-. Mittelfälschung bestraft. R.-L. Aerztlicher Briefkasten.*) freiberg. O. F. C. Die bei Ihnen vorhandenen„Pustelaus- schlage" im Gesicht und anderwärts sind keineswegs eine Folge zu „scharfen Blutes"— denn ein solches Blut existirt garnicht—, sondern sie entstehen wahrscheinlich durch mangelhaste und unzweckmäßige Haut- pflege. Nehmen Sie zum Waschen einmal in der Woche schwarze Seife, mit der Sie die ergriffenen Hautstellen tüchtig einschmieren, und zehn Minuten darauf waschen Sie die Seife mit warmem Wasser ab. Die Neigung zu solchen Hauterkrankungen wird dann bald verschwinden. Zlerlin. Felix T. Ihre Zuschrift ist uns deshalb unklar, weil Sie behaupten, daß man Ihnen das genannte Leiden durch Einspritzungen „geheilt" habe; denn von einer Heilung der wirklichen Syphilis kann nur bei einer allgemeinen antisyphilitischen Behandlung die Rede sein. Oder ist auch letztere nebenher gebraucht worden? Gegen die I> von Ihnen genannte lokale Affektion erweist sich der Gebrauch der rothen Präzipitatsalbe in der Regel nützlich. Doch rathen wir Ihnen, einen dortigen Arzt in Anspruch zu nehmen, cinestheils, weil die Seuche an- scheinend in diesem Falle noch nicht getilgt ist, anderntheils, weil sich eine ausführlichere Besprechung und Rathertheilung in Geschlechts- � krankheiten nicht für den Briefkasten eines Familienblattes schickt. !(Letzteres zugleich als Antwort für einige andere Fragesteller.) Hausen bei Zranbsurt a/Ill. R. S. Es gilt in Bezug aus jenen Herrn genau dasselbe, was wir über P ö nicke's Schulbuchhandlung in einer früheren Nummer d. Bl. sagten. Die diätetischen Rathschläge, i welche er Ihnen für das unbescheidene Honorar von 45 Mark gegeben hat, sind nicht schlecht und daher befolgenswerth, obgleich fie wohl kaum auf seinem Miste gewachsen sind. Albern dagegen sind die Ihnen an- empfohlenen Einreibungen mit Ameisenspiritus, denn was die gleichfalls empfohlenen kalten Waschungen vielleicht gut machen, das verderben ji jene sicherlich, lieber das Ihnen zugesandte Medikament haben wir kein Urtheil, denn es liegt uns kein Rezept vor. Wir warnen aber Sie und jeden anderen vor dem Gebrauche angeblich die Nerven stärkender Mittel bei solchen Zuständen. Hätten Sie Sich an einen ein- fachen, vernünftigen Arzt gewandt und nicht an jenen Privatgelehrten — der nicht einmal in der Orthographie seiner Muttersprache heimisch ist—, so hätte Ihnen derselbe für das bescheidene Honorar von drei Mark ähnliche und— da er Sie sehen und untersuchen konnte— noch bessere Rathschläge gegeben. Aber das ist nun einmal so in der Welt! Deni Arzte geht man aus dem Wege oder sucht sich der Zahlung eines geringen Honorars zu entziehen, nachdem man seine Zeit und seinen Rath in Anspruch genommen hat, und dem Charlatan wirft man das � Geld haufenweis nach. Sie kennen doch das Wort, welches der ver- storbene Professor Bock über solche Leute gelassen aussprach? Magdeburg. K. Wenn Sie sicher sind, daß Sie einen Band- wurm haben, so ist seine schleunigste Entsernung aus Ihrem Darme nicht blos wünschenswerth, sondern sogar nöthig. Denn wenn die Unterleibsstörungen, die er Ihnen verursacht, auch zu ertragen und keineswegs lebensgefährlich sind, so liegt doch außerdem noch die Ge- fahr der sogenannten Selbstinfektion nahe, ein vom Publikum und auch sogar von vielen Aerzten nicht genügend gewürdigter Umstand. Der Bandwurm ist nämlich eine weitere Entwicklungsstufe der im Fleische ! der Schweine, Rinder u. s. w. vorkommenden Finnen. Letztere aber entstehen ans Bandwurmeiern. Beherbergt Ihr darum nun einen Bandwurm, so gehen zwar die geschlechtsreifen Glieder desselben mit den Exkrementen ab und gelangen durch Nahrung suchende Rinder und Schweine in deren Verdauungskanal, wo die Hülle der Bandwurm- eier verdaut und der in denselben enthaltene Embryo ftci wird und, die Darmwandungen durchbohrend, in den Körper gelangt, um sich in den Muskeln zc. innerhalb zwei oder zwei und ein halb Monaten zn einem Blasenwurm(den Finnen) zu gestalten und abzukapseln. Aber es liegt auch die Möglichkeit vor, daß Eier Ihres eigenen Bandwurmes diesen Weg nehmen und unheilbare oder lebensgefährliche Störungen hervorrufen, denn man hat bei Menschen derartige Blasenwürmer (Eysticerken) in den verschiedensten Theilen des Körvers gefunden, zum Beispiel im Gehirn, wo sie Geistesstörungen herbeiführten u. s. w.; ja, ein uns befreundeter Augenarzt fand sie im Laufe eines Jahres allein til mal im Auge. Häufig müssen solche Augen deshalb herausgenommen werden. Was nun die Abtreibung des Bandwurmes anlangt, so wird - i1' Dn�",®(�ra'n?)e' getrieben. Viele Aerzte geben sich nicht die nothige Mühe dabei, und was Sie von den in den Zeitungen sich zur Vornahme derartiger Kuren anbietenden Personen zu halten haben, brauchen wir hier nicht erst zu erörtern. Es gibt spezifische Band- wurmintttel: die Granatwurzelrinde, die Kamala, das Kousso, die Farrenkrautwurzel u. s. w. Alle haben ähnliche Wirkungen; nur wird es nicht von jedermann vertragen, sondern häufig wieder erbrochen, und falls nicht außerdem gewisse Vorsichtsmaßregeln angewandt werden, so ist die Kur vergeblich. Das unschädlichste Mittel ist die in jeder Apotheke käufliche Kamala(die sternförmigen Haare und Drüsen der Frucht einer ostindischen Pfianze, der Rottlera tinetoria). Nachdem Sie 8 Tage lang jeden Morgen 1— 2 Weingläser voll Friedrichshaller ») In Anbetracht der Allgcm-inwichtigknt vieler Mittheilungen d.z Äerztlichen «rieitastens lallen wir den Inhalt degelben lortan au» der gröhcr.'n Petitlchrist, statt wie bisher aus der lcharse Augen beanspruchenden Nonpareilleschrisi letzen. Red. d. W." Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. Bitterwasser getrunken haben, nehmen Sie nüchtern, in'/z stündigen Zwischenräumen, 4 Tosen Kamala ä 2— 4 Gramm, jede Dose in etwas Citronenlimonade.(Kindern gibt man nur Gaben von>/? Gramm und läßt kein Bitterwasser trinken.) Erfolgt eine halbe bis ganze Stunde nach dem letzten Pulver kein Stuhl, so trinken Sie noch einige Gläser Bitterwasser. Der Wurm geht entweder in einem Klumpen oder in einzelnen Stücken ab. Geschieht letzteres, so dürfen Sie dieselben nicht abreißen, sondern durch die Bauchpresse beim Stuhl heraus- zubefördern suchen. Befindet sich unter den Abgängen nicht der steck nadelkopfgroße, an einem fadendünnen Stück hängende Bandwurmkops, so müssen einige lauwarme Milchklystiere verabreicht werden, um den Rest des Wurmes aus dem Dickdarm herauszubesördern. Geht er trotz dem nicht ab, so wird die Kur 4—6 Monate später wiederholt, denn um diese Zeit haben sich wieder geschlechtsreife Glieder gebildet. Sollten Sie die Kamala nicht vertragen und wieder erbrechen, so wollen wir Ihnen aus Ihren Wunsch ein von uns gebrauchtes, von jedermann leicht zu nehmendes Präparat derselben in einer hiesigen Apotheke an- fertigen lassen.— Das Vorgesagte bezieht sich selbstverständlich nur aus gesunde und krästtge Erwachsene. Bei schwächlichen Personen, bei Kindern, Greisen u. s. w. sollte ohne ärztliche Erlaubniß keine Band wurmknr vorgenommen wrrden, und deshalb ist das Treiben der ihre Hilfe jedermann in den Zeitungen anbietenden Bandwurmcharlatans gemeingefährlich. Dr. Resau. Korrespondenj. Hagen. E. B. Wir machen Sie und gleichzeitig alle Leser der„N. W." hiermit wievcrholt daraus ansmertsam, dab alle den Bertrieb unsres Blattes betreffenden Zuschriften an die Expedition der„N. W.", Leipzig, Firberftraßc 12, zu richten sind, und nur die den Inhalt des Blattei angehenden Schreiben an uns, die Redaltion, gesendet werden sollen. Gclcnau. R. Im Lause des Sommers gedenken wir eine Abbildung und Be schreibung des Breisenstein zu bringen. Meiniugen. H. O. Der Sognesjord ist ein mehr als 30 Meilen langer, schmaler Meereseinschnitt(Fjord) in die Weslküftc des südlichen Norwegens! er ist berühmt wegen der grobartigen Schönheit seiner User. Magdeburg. A. L. Ihre„Tüfteleien" können als Lückenbüber Unterkommen finden.— N. Z. Tab Ihr Prinzipal die„N. W." sür„unverdaulich" erklärt, wird wohl weniger am schwachen Magen, wie Sie vermnthen, als am schwachen Kopse liegen. Urbrigens ist es grausam von Ihnen, dab Sie dem armen Manne das satalc Blatt immer wieder„unter die Finger schmuggeln"! Leipzig. Ein Freund der„ Neuen Welt". Wir haben bei dem Bersaffer des Artikels, der Ihnen so auberordentlich gefällt, angefragt, ob er mit Ihrem Borschlage einverstanden ist. Wohl schon in nächster Nummer werden wir Ihnen mittheilen, ob und wie sich die Sache machen läbt. Ottensen. S.-M. Wir sind Ihnen sür Ihre unverhohlene Meinungsäußerung verbunden Haben Sie aber auch wirklich ganz unparteiisch und mit voller Sachkenntniß geurtheilt? Strasburg. E. Lt. Die Bank von Frankreich ist im Jahre 1303 gegründet worden. Im Mai 1859 ward ihr Privilegium aus 30 oder 40 Jahre verlängert. Ihr Geschäfts- betrieb wuchs von 113 Millionen Francs im Jahre 1808 bis aus 8336 Mill. im Jahre 1869. Die Bank von England besteht dagegen schon seit 1694. Gumbiune». D. B. Ob die Kaninchen beißen? Wenn Sie sie ungeschoren laffen, gewiß nicht! wenn Sie aber die Thierchen ärgern, so verdienen Sie wenigstens, gebiffe» zu werden. Uebrigens, wenn man uns gar zu thörichte» Zeug fragt, beißen wir ge- legentlich auch! Breslau. A. R. S. Die Behauptung, daß„alle Kultur von der christlichen Kirche ausgegangen ist", beweist entweder gröbste Unwissenheit oder keckste Lügenhaftigkeit. Wo die christliche Kirche längere Zeit schrankenlos geherrscht hat, da ist alle Kultur aus- gegangen—— so muß der Satz der Wahrheit gemäß lauten.— H. K. In ihrer gegenwärtigen Form ist die Arbeit über die Hastsqsteme sehr wohl verwendbar. Wir wünsche», daß Sie unser Mitarbeiter bleiben mögen.— L. T. Der„N. W", welche von der„Wahrheit" als Sonntagsbeilage gratis gegeben wird, wünschen Sie auch noch Unterrichtsbriese zur Erlernung etner Sprache, und zwar der polnischen(I), gratis beigelegt zu sehen? Ist Ihnen nicht vielleicht auch noch eines der großen Konversations- lexila oder eine kleine Bibliothek der deutschen Klassiker von etwa 100—20« Bänden als bescheidene Treingobe gefällig? Bitte, sagen Sie's nur ganz ungenirt! München. Frau A. W. Wir haben Ihren Bries Hrn. Dr. Trausil, dem Bersaffer icnes die Wagnerianer als Tastenhauer so schnöde verarbeitenden Artikels aus dem Um- schlage unsres 6. Heftes, zugesandt und leben der Ueberzcugung, daß unser Herr Mit- arbeiter galant genug ist, Ihrem verletzten Gefühl eine glänzende Genugthuung zu geben. Unsrerseits srdl. Dank sür Ihre der„N. W." bewiesene Aufmerksamkeit l Euskirchen. Frl. E. W. H. Auch wenn Ihre Novelle für die„N. W." nicht verwendbar sein sollte, so heißen wir Sie doch als Strebensgenossin willkommen. Weiteres brieflich! Frankfurt a M. L. O. Ihr Maß- und Gewichtsartikel wird jedenjalls aus- genommen werden können. Den geäußerten Wunsch werden wir brieslich zu erfüllen luchen. Frdl. Gruß! Paris. E. B. Bries erhalten? -Neapel. Frl. M. W. Die Expedition hat Ihren Wunsch sofort erfüllt. Ueber Ihr Buch werden wir zunächst unsre Meinung brieslich mittheilen. Frdl. Gruß! Berlin. H. H. Frdl. Dank sür das hübsche Gedicht; es soll baldmöglichst unter- gebracht werden!— O. D. Das Geschick, das Sie vorausgeahnt, hat siq vollzogen: baS Kind Ihrer Muse ist in dem unersättlichen Schlünde unsres Papierkord« oerschwunden. Doch seien Sie getrost! Wenn Sie Zeit haben, zu lernen, so haben Sie, wie uu» scheint, auch die beste Aussicht, einst etwas Tüchtige» zu schaffen!— Frl. Anna R. Ihr Frühlings liedchen ist niedlich, sur die„N. SB." sogar zu niedlich! Etwa« derbere Kost muß es schon sein, womit wir unsere Leser regaliren. Ihr hübsches Talent erkennen wir indc« mit Vergnügen an.— L. M. Ihre Prophezeiung ist nicht eingetroffen. Die letzien anderthalb Zeilen Ihrer Korrespondenzkarte haben wir sogar garnicht zu eniräthseln vermocht. Wenn sich übrigens Ihre und der in gleicher Weise Strebenden Hoffnung, daß die kommenden Geschlechter die Bahnen beschreiten werden, welche Sie aus eigene Faust eingeschlagen haben, auch nicht erfüllt, so wird man Ihnen da» Berdienst doch nicht abstreiten können, durch das hartnäckige Festhalten an Ihrer Privalortbographic die Welt immer von neuem a» die Mängel der herrschenden Schreibioeise gemahnt«> haben. Ein ganz vortrefflicher Gedanke ist der eines möglichst einfachen internationale» Alphabets, wenn wir auch noch weit davon entfernt sind, denselben aus dem Bereich der frommen Wünsche in da» prall, sche Leben-ingesuhrt zu sehen. Belgrad. Ein Abonnent. Tie„Contes du Lundi" von Alphonse Daudet werden Sie wohl auch in jeder größeren serbischen Buchhandlung bekommen. Auch die deutsche Uedersetzung dürsten Sie dort erhalten. Wenn nicht, so wollen wir Sie Ihnen verschaffeu laffen. Der Preis beträgt 2 oder 3 Mark. (Schluß der Redaktion: Sonnabend, den 23. Februar.) 20).— Druck und Verlag der Genossenschasksbuchdruckerei in Leipzig.