Ein verlorener Posten. Roman von Wudost Lavant. (Fortsetzung.) Wir finden Wolfgang einige Abende später in seinem kleinen, von wildem Wein übcrrankten Gartenhanse; durch die halboffne Thür, welche das Einströmen der lauen, von Blumendust erfüllten Ätachtlnft gestattet, schimmert das stackernde, unruhige Licht der Windlainpe. Wolfgang hat aus der Brusttasche seiner leichten Bluse ein kleines, parfümirtes Briefchen genommen, aber sein Blick haftet nicht an der flüchtigen, feinen, graziösen Schrift, sondern an dem kleinen Maiblumen-Bonquetchen, das den Slops des Bogens und die Siegclstelle des Couvertchcns schmückt und das ihm ein Räthsel aufgibt. Waltet hier ein neckischer Zufall und sucht ihn ans Irrwege zu locken oder soll er auf feine Weise Aufklärung darüber erhalten, wer die Absendcrin des Straußes war, der ihm einst, ans dem Krankenbett, eine so liebe lieber- raschung bereitete? Diese Lösung des Räthscls wäre ihm un- erwünscht, aber sie hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich, da sie sich mit dem Tone der Zuschrift, der vielleicht um eine Rüance zu vertraulich ist, recht wohl in Einklang bringen läßt, und seit dem Empfange des Briefchens hat er Momente gehabt, in denen sich seine Eitelkeit von dieser Lösung geschmeichelt fühlen wollte, wenn er sich auch im nächsten Augenblick über diese Regung sehr ungeduldige und ehrlich gemeinte Vorwurfe machte. Frau von Larisch schreibt ihm: Mein Herr! Ihre kleine Schutzbefohlene ist bei mir gewesen und hat mir sehr gut gefallen. Es wurde mir also so leicht, sie iu meinen Dienst zu nehmen, daß ich darauf verzichten muß, für diesen Entschluß einen Tank Ihrerseits zu beanspruchen. Dieses Arrangement gibt Ihnen Gelegenheit, sich ab und zu von dem Ergehen der Kleinen persönlich zu überzeugen, und ich sehe keinen Grund, Ihnen dies durch Kautelen zu erschweren, da man eineni jungen Manne von Ihrer Indisposition für Abenteuer leichterer Art kein Mißtrauen entgegenzubringen braucht; die Verantwortung, ipelche ich übernehme, indem ich das hübsche.Kind in meinen Dienst ziehe, verträgt sich also mit einer Erlanbniß, die zu crtheilcn ich andernfalls Bedenken tragen wurde. Es wird mich freuen, recht bald wieder Gelegenheit zu, er- halten, den Paradoxen zu widersprechen, mit denen Sie so frei- gebig sind, und Ihnen vielleicht einmal den Beweis liefern zu können, daß trotz dieser Paradoxen einen wohlwollenden Antheil an Ihrem Ergehen nimmt Ihre ergebene Leontine v. Larisch. Wolfgang faltete das Bricfchen mechanisch wieder zusammen, steckte es in's Couvert und legte dasselbe achtlos zur Seite. In tiefe Gedanken versunken, blickte er in die Flanime und sah dem Spiel der zartgeflügelten Motten und der kleinen Nachtfalter zu, die rastlos die Flamme der Sterze umkreisten, bis sie endlich mit versengter Schwinge auf den Grund der Lampe taumelten oder wie blind direkt in die Flamme flogen, die sie knisternd verzehrte. So überhörte er es, daß gemessene Schritte über den Kies der Wege knirschten, und der dicke Alfred, der auf der Schwelle er- schienen war und sich mit dem seidnen Taschentuch die Schweiß- perlen von der Stirn trocknete, schreckte ihn erst durch seinen Anruf aus seinem tiefen Sinnen auf. „Ist das eine köstliche Nacht, Herr Hammer, und welche wunderbare Stille! Und wieviel Rosen sind aufgeblüht! Geben Sie mir ein paar? Ich möchte sie der hübschen Marie in der Konditorei verehren— das Mädchen ist wirklich recht niedlich." „Haben Sie wieder einen neuen Gegenstand der Verehrung entdeckt? Sie sind außerordentlich findig und scheinen die kleinen Emotionen zum täglichen Brote zu rechnen?" „Was wollen Sie? Man kommt ja in einem solchen Neste uni, wenn das ewig Weibliche nicht wäre, und ich bin nun ein- mal eine zart besaitete Natur. Ja, lachen Sie nur— ich sehe freilich nicht danach aus, aber man sieht mir auch nicht an, daß ich krank bin und daß mir kein Doktor helfen kann. Die Kerle wissen alle nichts, sonst müßte ich doch das Ohrensausen längst los sein, das mich fortwährend quält. Sehen Sic, darum ist mir hier so wohl— diese köstliche Stille ist eine wahre Erquickung für mein überreiztes Nervensystem. Aber was machen denn eigent- lich meine alten Freunde im Kanal? Sind sie heute aufgelegt?" Und damit trat er an den Zaun, der das Stanalufcr säumte, und ahmte das helle, triumphirende Quaken eines liebebriinstigen Frosches nach, indem er einen Finger der Linken in den Mund steckte und init der Rechten streichelnd und pochend die aufgeblasene Backe bearbeitete. Tie Wirkung war eine so vollständige, daß die graugrünen Schwimmer an allen Ecken und Enden rege wurden und daß in kurzer Zeit ein paar Dutzend von ihnen dem vermuthcten Schicksalsgenosse» antworteten; ihrer nur auf eine gemessene Entfernung genießbaren Musik mischte sich bald das dumpfe, gravitätische Murren der Unken bei, und der virtuose Nachahmer der Froschstimme wollte sich vor Lachen ausschütten; er Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften n 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. ■ lachte noch herzlicher als Wolfgang, der aus dem Häuschen gc treten war, lächelnd sagte: „Allen Respekt vor der behaupteten Zerrüttung Ihres Nerven systems, aber es ist doch ein kleiner innerer Widerspruch, wenn Sie im einen Augenblick einen Lobgesang auf die tiefe, lautlose Stille hier außen anstiinuien und im nächsten die Frösche rebellisch � machen." „Sie sind ein Spötter, aber es ist wirklich und ivahrhaftig so weit mit mir, daß ich diesen Sommer wieder nach Helgoland muß—" „Um Hummern zu essen, Äatzenhaie zu angeln und Seehunde zu schießen, dafcrn es einem solchen unglücklichen Geschöpf ein- fallen sollte, sich im Bereich des Felseneilands zu zeigen." „Wollen Sie mich denn heute Abend so fort ärgern, Herr Hammer? Aber wo bleibt denn mein Bruder? Er wollte schon ! vor einer Stunde hier sein." Die beide Alfrede nannten sich„Bruder" und führten ächt brüderlich eine gemeinsame Finanzwirthschaft, die allerdings zuweilen an einem Defizit laborirte. Der Bruder kam in diesem Augenblick durch das Dunkel ge- stürmt und warf sich erschöpft in einen Stuhl. Aus der Seiten- taschc seines SommerpalctotS verschiedene Bücher auf den Tisch i legend, begann er in komisch-wehleidigem Tone: „Machen Sie mich nur heute nicht schlecht. Ich kann wahr- ■j haftig nichts dafür, daß ich so spät—" Aber Wolfgang fiel ihm in's Wort:, Keine Entschuldigungen— Sie sind im voraus dispensirt, denn wir sind nachgrabe daran gewöhnt, uns nicht mehr auf Sie zu verlassen. Sie sind da— ; und damit ist's gut. Was haben Sie mitgebracht?" „Heute kommt Mark Twain an die Reihe, dessen ,A new pilgrims progress' vor Ihren Augen sicher Gnade finden wird." „Und was wird, während wir uns abwechselnd vorlesen, ans unserem Froschvirtuosen?" „Ich höre zu, das ist wohl selbstverständlich," meinte dieser. „Sie sagen das mit dem Tone der Beklemmung und mit der Miene eines Opferlamms." „Wollen Sic iwn, um Ihrer Schändlichkeit die Ärone auf- zusetzen, auch noch bezweifeln, daß ich mich für die schöne Lite- ratur interessire?" „CJui vivra verra— wer es erlebt, wird es sehen. Und ich fürchte, der Amerikaner wird Ihre Nerve» affiziren." Der dicke Alfred ging statt einer Antwort an das Entkorken einiger Weinflaschen, die in einer Gießkanne bis an den Hals im Wasser standen, und das Einschenken absorbirte seine Aufmerk- slimkeit vollständig. Inzwischen hatte sein„Bruder" das Briefchen entdeckt, das noch auf dem grüngestrichencn Tisch lag, und es hastig ergreifend und von allen Seiten betrachtend, sagte er, mehr erstaunt als ironisch: „Was muß ich sehen, lieber Hammer? Ich habe Sie immer für einen Ausbund von Offenheit gehalten und Ihnen Vertrauens- voll alle meine kleinen Sünden gebeichtet, und jetzt stellt sich, wie es scheint, heraus, daß Sie ein hinterlistiger Duckmäuser sind! Zarte Korrespondenzen— kann man gratuliren?" „So leicht würde ich es Ihnen doch wohl nicht machen— so weit könnten Sie mich am Ende kennen. Sie irren übrigens sehr, denn der Brief, den Sie für ein Billet-doux halten, geht Sic beide viel mehr an, als mich, was ich Ihnen noch im Lause de!> Abends zu beweisen gedenke. Machen Sie sich immerhin auf eine kleine Ueberraschung, auf ein fait accornpli, gefaßt, das Ihnen einigermaßen ,in die Bude schneien� wird, wie wir in Sachsen sagen." „Das ist jedenfalls wieder einer von Ihren Scherzen, aber daß ich mich geirrt haben soll, thut mir aufrichtig leid. Ich würde mich kindisch freuen, wenn endlich einmal einer von uns den Anfang machte, und Sie haben entschieden die meiste Anlage dazu. Sie haben einen soliden Fonds und ich habe Sie schon oft um denselben beneidet." „Nun werden Sic mir aber mysteriös. Nach allein, was sie mir erzählt haben, erwarte ich jeden Tag die Anzeige von Ihrer Berlobnng mit Ihrer ,Else� Ellen, der kleinen zarten Engländerin in Breslau, uud jetzt stellen Sic wieder alles in Frage." Der lange Alfred betrachtete mit einem fast nielancholischen Ausdruck die Asche seiner Cigarrc, und versuchte zu seufzen, in- dem er erwiderte: „Ich bin entschieden eine problematische Natur und ich glaube jetzt steif und fest, daß ich lcdig bleibe. Vorige» Sonntag war ich in Breslau, um die Geschichte in's Reine zu bringen, aber schon auf der Hinreise wurde mir heiß und kalt bei dem Gedanken, mich binden zu sollen. Für immer zu binden! Das ist ein schrecklicher Gedanke. Die Frau Mama war auch so diskret, mich mit der Kleinen allein zu lassen. Ellen war sehr liebens würdig, aber glauben Sie, ich hätte ein Wort über die Lippen gebracht? Ich wurde von dem lächerlichen Einfall beherrscht, wenn ich den erforderlichen Kniefall thäte, würden mir die Unaussprechlichen über dem Knie zerplatzen, und dann kam im ent scheidenden Moment die Mama mit einer unausstehlichen, dicken alten Kriegsräthin oder sonst einer Räthin, und ich wußte nicht, ob ich wüthend oder seelenfroh sein sollte. Nachher war ich wieder im Garten mit der Kleinen allein, und bis auf den Kniefall hätte � ich meine Herzenswünsche ganz gut anbringen können, aber da trieben sich wieder im Hintergrunde zufällig ein paar Gärtner herum, und die beiden Kerle und ihre Anwesenheit lähmten mir die Zunge. So bin ich nnverrichteter Dinge wieder abgefahren, und nun wird auch— Gott sei's geklagt oder Gott sei Dank!— nichts aus der Verlobung, und ich sterbe unbeweibt." „Erlaube, Bruder, das geht doch noch über's Bohnenlied, und du bist nicht ganz zurechnungsfähig oder die Geschichte hat' sonst noch einen geheimen Haken. Das Mädchen ist reich, verdammt hübsch und sicher gebildet, du hast sie lieb und sie dich, d. h. sie hat nichts dagegen gehabt, daß du auf einer Kahnpartie bei Mondschein— schauderhaft romantisch!— zufällig ihre Hand fandest und sie zehn Minuten lang krampfhaft festhieltest. Was willst du denn eigentlich noch?" Der lange Alfred erwiderte nichts und that seufzend einen langen Zug aus seinem Glase. Der Eifer des Dicken amüsirte Wolfgang, aber er sagte ernst: „Hier läßt sich weder rathen, noch zureden. Unser platonischer Don Juan scheint seinen von Haus aus jedenfalls ganz erkleck lichen Vorrath an Gefühl in seinen zahllosen Liebschaften, Lieb- schäftchen und Liebeleien so vollständig zersplittert zu haben, daß der ihm gebliebene Rest für eine wirkliche Liebe, geschweige denn für eine Leidenschaft, nicht mehr ausreichen will. Das wäre übrigens wohl eine nicht ganz unverdiente Strafe." Der also Verurtheiltc vertheidigte sich nur lau:„Gott weiß, was es ist— aber ich fürchte, ich finde überhaupt nie eine har- »ionisch mit der meinen zusammenklingende Natur." „Erlaube, Bruder, du bist ein so schauderhafter Kerl, daß ich die, welche harmonisch mit dir zusammenklänge, ganz gewiß nicht Heirathen würde, woran ich übrigens garnicht denke." „Lieber Hammer, ich konstatire, daß mein theurcr Bruder be reits bei Jnvektiven anlangt, und da ist es immer am gcrathensten, das Gespräch zu wechseln.", „Nichts leichter als das. Wenn Sie für die nächste Zeit auf die Rolle des liebenden Bräutigams verzichten, so sehe ich nicht ein, waruni Sie mir nicht kämpfen helfen könnten. Es handelt sich darum, die Batterien der Naturwissenschaft gegen die Zwingburg der Bibclgläubigkeit aufzufahren, und Sie könnten»icin Obcrkanonier werden, das heitzt, ab und zu im Bildnngsverein einen Bortrag halten, was für Sie doch ein leichtes ist." Und Wolsgang erzählte seinen Zusammenstoß mit dem Rektor und hatte die Genugthuung, daß der Umworbene sich keinen Augenblick besann, sondern eifrig und freudig zusagte und sofort eine ganze Reihe verschiedener Vorträge in Vorschlag brachte. „Das Härteste für Sie wird sein, daß Sie pünktlich sein müssen. Und Sie, Rosenräubcr?. Wie wäre es�mit einem Vor trag zur Naturgeschichte des Hummers und der Auster oder zu einer Streife in die geheimnißvolle Welt der Pilze, natürlich nur der eßbaren? Von den hier vorkomiiicndcn will ich Ihnen gern Exemplare zur Verfügung stellen, als Grundlage für den An schauungsunterricht." „Aus Ihrer Frage sehe ich schon, daß Sie nicht ernstlich aus mich zählen. Erstens bin ich zu bequem, dann sitze ich lieber in Ihrem Garten und endlich glaube ich, daß die Arbeiter schon viel zu gelehrt sind und schon viel zu viel wissen. Wenn das so fortgeht, bringt man sie schließlich nur mit Äaiiolien zur Raison, und es würde mir entschieden nicht passen, wenn ich die Uniform wieder anziehen müßte." „Nun, das ist wenigstens konsequent und die Konsequenz ist immer und überall respektabel. Uebrigens irren Sie insofern, als wir grade verhindern wollen, daß es zum Schießen und Hauen kommt. Doch ich verzichte darauf, Ihnen das klar zu machen— wir würden uns kaum verständigen." 1 - 291- „Sie wissen, Herr Hammer, ich bin kein Unmensch und würde, behagens auf dem Schemel hin und her, veränderte jeden Augenblick wenn ich die Zeche nicht zu bezahlen habe, garnichts dagegen seine Körperhaltung und erklärte, als man am Schlüsse des ersten einwenden, daß auch die armen Teufel in der Zuckerfabrik Natives Kapitels angelangt war, daß er es nicht länger aushalten könne. frühstücken und sie mit Chablis begießen, aber solche Bildungs- Das Sausen in seinen Ohren sei unerträglich und jedes Geräusch vereine riechen für mich nach Sozialdemokratie, und mit der peinige ihn,— man solle es ihm nicht übelnehmen, wenn er sich bleiben Sie mir zehn Meilen vom Leibe. Das ist die aller- in den entlegensten Winkel des Gartens zurückziehe, um dort eine ungemüthlichste Partei, die ich mir mir denken kann, und sie Stunde zu ruhen. Die ganze, unwiderstehliche, kindliche Gutmüthig auch nur indirekt zu unterstützen, geht mir wider die Natur, keit seines Wesens lag im Ton seiner Stimme und in seinen Es ist ein Ivahres Kreuz, daß man keinen genießbaren Kerl mehr Zügen, und als seine fast demlithigen und bittenden Borstellungen findet, der nicht irgendwie sozialistisch angekränkelt wäre; bei eine gute Statt fanden und mau ihn lachend entließ, zog er mit meinem Bruder Alfred ist es schon lange nicht ganz richtig, und seinem Sessel, einer kleinen Bank und den beiden ausrangirten nun kommen Sic auch noch!" Ruhekissen, die zu dem altväterischen Sopha im Häuschen ge- „Sie haben sehr recht; wer das Herz und den Kopf auf dem hörten, erleichterten Herzens und mit merkwürdiger Beschleunigung richtigen Flecke hat, zuckt schon lange, wenn auch nur heimlich, ab. Man hörte ihn noch einige Minuten rumoren und Sessel über das offizielle Kesseltreiben wider die Sozialdemokratie die und Bank unter halblautem Selbstgespräch im Sande hin- und Achseln, und wenn alle, die dies jetzt nicht.opportun' finden, herrücken, dann ward Stille, und zuletzt sah man auch seine offen mit ihren Ansichten hervorträten, würde es sehr viele lange Cigarre nicht mehr, die noch lange wie ein Glühwürmchen durch's Gesichter geben. Die Wissenden aber halten jeden, der sich aus Dunkel geleuchtet hatte. Der Schlag der Mitternachtsstunde ehrlicher Ueberzeugung an dem großen Treiben betheiligt, für mahnte die beiden in der Laube endlich an's Aufhören, und der das Gegentheil eines.Lichts', und ich wüßte schlechterdings nicht, Lange erhob sich aus seiner weniger malerischen als bequemen wie ich Einheitlichkeit und Konsequenz und Logik in meine Welt- Lage und sagte mit dem warmen Ausdruck der iqnersten Ueber anschauung bringen sollte, wenn ich nicht Sozialist wäre." Zeugung: „Und Sie werden nun am Ende anfangen, uns die Arbeiter„Sehen Sic, lieber Hammer, das sind meine glücklichsten aufzuwiegeln? Sie machen mich unglücklich; so haben Sie doch Stunden, und wenn wir uns bei einer guten Cigarre und einem ein klein wenig Mitleid mit mir! Und Sie richten ja auch nichts ächten Tröpfchen etwas Vernünftiges vorlesen, vergesse ich alles, ans und machen die Leute nur unzufrieden mit ihrem Lose, was mich wohl sonst beschäftigt, beunruhigt und plagt. Ich mag Jetzt wissen sie's nicht anders, und es fällt ihnen garnicht ein, mir die Sache hundertmal überlegen— so glücklich war ich weder zu denken, daß es jemals anders sein könnte. Denken Sie doch bei einer meiner dreiundzwanzig offiziellen Liebschaften, noch kann auch an die Verantwortung, die Sie übernehmen!" ich mir vorstellen, daß ich so glücklich würde, wenn ich Ellen „Beruhigen Sie sich. Ich habe keinen Beruf zuni Agitator, heirathetc. Sie ist eine reine Elfe, aber— ich kann ohne sie und selbst das Propagandamachen geht nur wider die Natur, wie leben; ich habe sie sehr gern, aber— ich kann mich nicht mehr Sie denn heute das erste Wort darüber hören, daß Sie auch verlieben, und wenn Sic wieder von hier fortgingen, so würde mich zu den Theilern und zu den Anhängern der freien Liebe zu mir das viel mehr Kopfschmerzen verursachen, als irgendeine rechnen haben." von den kleinen Herzensangelegenheiten, vor denen ich mich nun „Nun, wissen Sie, die Geschichte mit der freien Liebe wäre einmal nicht retten kann."...._.... am Ende nicht so ganz unrecht und der einzige Punkt, über den„Sehr schmeichelhaft für mich, indessen sollen Sic nur dieses sich unterhandeln ließe." Kompliment nicht ungestraft gemacht haben. Ich nehme Sie beim „Ich fürchte, wir würden uns grade über diesen Punkt zii Wort und hoffe, daß unser Freund, der da hinten neben der allerletzt verständigen, denn Sie scheinen eine sehr vage Vor- Federnclkcnrabatte seinen Sommernachtstrapin träumt, �derartiger stellung von der von Seiten der Sozialisten angestrebten Form Empfindungen wenigstens einigermaßen fähig ist. Sic haben der Ehe zu haben, indessen— sollen wir uns den Abend mit hoffentlich nicht vergessen, daß ich Ihnen noch eine Enthüllung fruchtlosen Debatten verderben? Sehen Sie, der Mond ist auf- zu machen hatte." gegangen und die Frösche, die Sie vorhin rebellisch gemacht haben,„Ja so, wie war denn das? Da müssen wir also den Bruder wollen sich garnicht wieder beruhigen." wecken, der sonst bis zum Morgen schnarcht." „Wahrhaftig, die reinen Sozialdemokraten! Sic respektiren Sie suchten den harmlosen Sozialistenfresser auf und fanden mein Ruhebedürfniß nicht! Wollt ihr wohl die breiten Mäuler ihn auf seinem provisorischen Lager in festem, süßem Schlummer. halten, ihr unverschämten Kerle?" Als man ihn riittelte, fuhr er gähnend auf und rief dann Und er schlenderte eine Handvoll Sand nach der andern in enthusiastisch: den Kanal, und als das nichts fruchten wollte und ein vehementes„Ich kann Ihnen nicht sagen, Herr Hammer, wie herrlich ich Quaken seinen komischen Zorn verhöhnte, bewaffnete er sich niit geschlafen habe— gradezu märchenhaft. Die Nelken dufteten', einer Bohnenstange und schlug in's Wasser, daß die Fluth hoch eine Unmasse großer und kleiner Nachtschmettcrlinge umschwärmten aufspritzte und die Trommler und Trompeter der Tiefe erschrocken die fleischfarbigen Blumen, die in der Dunkelheit weiß erschienen, verstummten. und dann und wann pafsirte es wohl, daß so ein Schwärmer _ Die Nacht war so mild, daß Wolfgangs Vorschlag, in der mir mit seinen sammetweichcn Flügeln das Gesicht streifte oder offenen Weinlaube vor dem Häuschen vorzulesen, mit Freuden mir krabbelnd auf der Hand hinkroch oder einer von den ganz begrüßt ward. Der dicke Alfred, der es übernahm, die Frösche großen flog mir hart an den Augen vorüber und drüben im im Zaume zu halten, nahm mit seiner Bohnenstange gravitätisch Walde schlug eine Nachtigall— leise, ganz leise, wie im Traume; auf einem Sessel Platz; sein„Bruder" legte sich, die Arme unter darüber bin ich denn eingeschlafen und keine Sprache hat Worte, dem Kopfe, mit angezogenen Beinen auf eine Bank und blickte mit denen ich Ihnen schildern könnte, wie schlau ich mich befinde angeblich„träumerisch" empor zu dem noch wenig dichten Blätter- und welche Wohlthat ich meinem gemarterten Leichnam erwiesen' dach der Laube und zu dem mit funkelnden Sternen bedeckten habe. Aber nun erlauben Sie wohl, daß ich mir bei Sternen Himmel; häufig genug passirte es ihm, daß er die Cigarre, die schein einen Rosenstrauß schneide— Sie haben ja, wenn Sie sich er nur mit den Zähnen hielt, aus dem Munde in den Sand erinnern wollen, huldvoll Gewährung gelächelt." verlor, und er begleitete jeden solchen Fall mit einem komischen„Immerhin— nur an der„Ophelia" gehen Sic mir respekt Fluch, legte sich aber, nachdem er den Sand sorgfältig abgewischt voll vorüber— sie hat nur zwei Blumen und über diese breite. hatte, in aller Seelenruhe auf's neue zurecht und schien sich so ich schirmend meine Hände. Ich bin übrigens garnicht so unwohl zu befinden, daß man eine gewisse Berechtigung zu der eigennützig; vielleicht würde ich Ihnen weniger behilflich sein, ein Annahme erhielt, selbst das Nahen einer Dame würde ihn trotz neues, kleines Verhältniß anzuknüpfen, wenn ich nicht drauf und seiner Galanterie nicht vermögen können, diese behagliche Lage dran wäre, eine älteres kurzer Hand durchzuschneiden, wobei es aufzugeben. Wolsgang hatte auf die Cigarre halb verzichtet, das möglichctweise ohne einige kleine Schmerzensschreie nicht'abgehen heißt, er gestattete sich nur ab und zu, während einer natürlichen wird." � oder Kunstpause, einen Zug, damit sie nicht ganz ausging; das.„Herr, Sic sprechen in Räthseln!" erwiderte der Dicke mit Vorlesen fesselte seine volle Aufmerksamkeit und er dachte kaum Pathos. daran, das Glas flüchtig an die Lippen zuführen. Derauf dem„Sie werden die Lösung wohl mit sehr gemischten Empfin- Rücken liegende Zuhörer ließ nichts zu wünschen übrig; häufig genug düngen entgegennehmen; sie liegt in dem kleinen duftenden verrieth ein dazwischen geworfenes Wort seine lebhaste Theilnahme. Briefcheu, das mich vorhin in den Verdacht brachte, zum Romeo Sein„Bruder" dagegen rückte sehr bald mit allen Zeichen des Un- x irgend einer Julia avancirt zu sein."(Fortsetzung folgt.) Carl Friedrich Gauß. Nach cincr Lithographiechon Ritmüllcr im Verlag''voii Bandenhoek& Ruprecht in Göttingen. „Es sind von Zeit zu Zeit in der Weltgeschichte hochbegabte, falten bevorzugte Naturen aus dem Dunkel ihrer Umgebung her- vorgetreten, welche durch die schöpferische Kraft ihrer Gedanken- b>elt und durch die Energie ihres Wirkens einen so hervorragenden Einfluß auf die geistige Entwicklung der Völker ausgeübt haben, daß sie gleichsam als Marksteine zwischen den verschiedenen Jahr- Hunderten dastehen, von denen ein neuer Kulturzüstand unseres Geschlechtes seinen Anfang genommen hat.— Sie sind es vor- nehmlich gewesen, welche durch die Großartigkeit ihres Strebcns, wie durch die Reinheit ihrer Gesinnung, der nach einem fernen Ziele ringenden Menschheit als Leitsterne vorgeschwebt, in deren leuchtenden Strahlen die Nationen sich erwärmt, an denen im Glück, wie im Unglück die Herzen sich emporgehoben, und an denen sie sich gehalten haben, wenn Entsittung, Erniedrigung, selbst Barbarei ihre innersten, heiligsten Lebensbedingungen zu bedrohen schienen. Wenn ihnen auch während ihres Lebens die Carl Friedrich Gaul!. Von A. Weichenliach. Bewunderung ihrer Zeitgenossen nicht immer zu Theil geworden, haben sie doch die volle Anerkennung einer ewig dankbaren Nachwelt bis in die späteste Zukunft sich gesichert." Mit diesen Worten leitet W. Sartorius von Waltershausen die Schrift ein, welche er dem Manne zum ehrenden Gedächtniß geschrieben, von dessen Leben und Wirken wir hier einen kurzen Abriß zu geben beabsichtigen. Und mit vollem Rechte wird dieser Mann zu denen gezählt, welche gleich Marksteinen auf d»m großen Entwicklungsgange der Menschheit stehen. Wenn er aber dem deutschen Volke wenig oder garnicht bekannt war, so lag der Grund darin, daß er ausschließlich nach seinem Schaffen und Wirken der Gelchrtcnwelt angehört und daß seine Schriften nur von Fachmännern verstanden und in verdienter Weise gewürdigt werden können. Wenn aber ein Volk auch nicht im Stande ist, die Werke aller seiner großen Männer zu verstehen, soll es darum nicht wissen, daß sie überhaupt gelebt haben und wer sie gewesen sind? woher sie gekommen und wie sie zu ihrer Höhe gelangten? Das wäre jedenfalls ein ganz falscher Schluß. Wir halten es daher für unsere Pflicht, auch das Bild dieses Mannes einmal aus den Gemächern der Gelehrsamkeit und tiefernsten Wissenschaft, wo es bisher gestanden, hervorzuheben, es dem Volke zu zeigen und dessen Bedeutung zu erklären, soweit es möglich ist. Ist doch seine Vaterstadt eben im Begriffe, ihm auf öffentlichem Wege ein Denkmal setzen zu wollen. Wenn man auch zugestehen muß, daß unsere Zeit mit öffentlichen Denkmälern ziemlich verschwende- risch ist und dadurch deren Werth bedeutend sinkt, so muß doch gesagt werden, daß dieser Mann mehr als viele andere ein solches verdient hat. Carl Friedrich Gauß wurde geboren am 30. April 1777 in der Stadt Braunschweig. Es ist ein altes, kleines Haus, an dem heute eine gußeiserne Gedenktafel mit vergoldeter Inschrift an- zeigt, daß in dessen Räumen einst ein Mensch das Licht der Welt erblickt habe, der nachher einer der bedeutendsten Forscher der Wissenschaft geworden ist. Das Häuschen steht auf der westlichen Seite der„Nördlichen Wilhelmstraße", welche Gegend früher „Am Wendengraben" hieß, weil zwischen den beiden Häuserreihen ein Kanal, Wendengraben genannt, nach der Ocker führte. Dieser Kanal wurde später zugeworfen, und es entstand die soeben bc- zeichnete Straße daraus. Wenn daher in anderen, früher er- schienenen Lebensbeschreibungen dieses Gelehrten gesagt wird, daß er„Am Wendcngraben" geboren sei, so ist das allerdings eine Thatsache, welche jedoch für unsere Zeit der hier gemachten Bc richtigung bedarf. Die Eltern des Ganß waren wenig bemittelte Leute. Der Vater, Gerhard Diederich Gauß, führte den Titel eines Wasscrkunstmeistcrs. Ans welchem Grunde der Mann diesen Titel führte, ist uns nicht bekannt, da er zu jener Zeit niehrerlei Geschäfte betrieb, von denen jedoch keines genannt wird, welches die soeben angeführte Bezeichnung rechtfertigte. Aus allein geht hervor, daß der alte Gauß ein sehr rühriger Mann gewesen sein muß. Er arbeitete sich aus der Dürftigkeit heraus, gab einen Theil seiner mancherlei Geschäfte ans, trieb noch etwas Gärtnerei und leistete einem Kaufmann ans der Messe zu Braun- schweig und Leipzig Hilfe. Später scheint er auch diesen Erwerb eingestellt zu haben, denn er übernahm das Aint eines Rcchnnngs- führcrs und Schatzmeisters einer bedeutenden Sterbekasse, da er für die damalige Zeit gut zu schreiben und zu rechnen verstand. Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem 1808 erfolgten Tode. Er soll zwar ein sehr rechtschaffener und allgemein geachteter Mann, in seinem Hause aber rauh und herrisch gewesen sein, so daß sich das kindliche Herz des einzigen Sohnes nie besonders zum Vater hingezogen fühlte. Hingegen hatte der junge Gauß einen Oheim von mütterlicher Seite, Benze mit Namen, der als Bauern- bursche die einfache Weberei erlernt und es ohne weitere Anleitung zur kunstgerechten Damastweberei gebracht hatte. Dieser Benze war ein scharfer Kopf, er unterhielt sich viel mit dem heran- wachsenden Knaben. Gauß bedauerte sehr den für ihn zu frühe erfolgten Tod dieses Oheims und behauptete später, es sei in ihm ein geborenes Genie verloren gegangen. Schon frühe zeigte der jung« Gauß ein ungewöhnliches Rechen- talent. Es wird berichtet, daß der dreijährige Knabe, als der Vater eines Tages mit seinen Leuten eine Abrechnung hielt, in einer Ecke der Wohnstube zuhörte und ausrief:„Vater, die Rech- nung ist falsch, es macht soviel!" und er hatte recht. Später- erklärte er oft selbst, er habe eher rechnen als sprechen gelernt. Das Lesen lernte er von selbst, indem er sich von den Bewohnern des Hauses die Buchstaben nennen und erklären ließ und sie als- dann zusammensetzte. Nach vollendetem siebenten Lebensjahre besuchte er die Volksschule von St. Katharinen, welche damals unter der Fürsorge und Leitung des Schulmeister Büttner stand, der seinen Haselstock niit Würde zu tragen und mit Nachdruck anzuwenden verstanden haben soll. Als zwei Jahre verstrichen Ivaren, trat Gauß in die so- genannte„Rechenklasse" ein. Hier war es Sitte, daß die Schüler ihre Tafeln, wenn sie die Rechenaufgabe gelöst hatten, ans einen Tisch legten und zwar der Reihe nach wie sie damit fertig wurden. Waren alle Tafeln abgegeben und aufeinandergelegt, so wurde der ganze Stoß umgewendet, so daß die zuerst aufgelegte Rechentafel mit der Lösung zu oberst lag. Als Gauß, gleich nach seinem Eintritt in diese Klasse mit den Genossen die erste Rechen- ausgäbe erhalten, hatte er sie schon in wenigen Minuten gelöst, warf seine Tafel ans den Tisch, indem, er in braunschweigischer Mundart sagte:„Ligget sc!"— Die anderen Schüler rechneten weiter, der Schulmeister Büttner aber, sich als Träger der er- habenen Rechenkunst fühlend, ging mit seinem Bakel wundervoll lächelnd in der Schulstube aus und ab. Als jedoch sämmtliche Rechentafeln nachgesehen wurden, da ergab sich, daß Gauß allein die Aufgabe richtig gelöst hatte. Dies Ereigniß verschaffte dem Knaben einen gewaltigen Respekt bei seinem Schulmeister. Büttner ließ nun für diesen Schüler ein besonderes Rechenbuch aus Hamburg kommen, erklärte aber bald, daß Gauß bei ihm nichts mehr lernen könne. Aus dieser Zeit ist eines jungen Mannes Names Bartels zu erwähnen, welcher bei Büttner die Stelle eines Hilfslehrers vertrat und aus Ganß einen bedeutenden Ein- fluß ausübte. Er war nämlich ebenfalls ein großer Freund der Rechenkunst, ivar schon in die höhere Mathematik eingedrungen und gab dem talentvollen Schüler besondere Anleitung, in dieser Wissenschaft weiter zu kommen. Daß sich zwischen beiden jungen Leuten sehr bald ein inniges Berhältniß bildete, ist ganz natür lich. Bartels war es, der zuerst einflußreiche Personen auf das junge Genie aufmerksam machte. Er selbst studirte nachher, kam nach der Schweiz und dann als Professor der Mathematik an die russische Universität Dorpat, wo er im Jahre 1836 starb. Ganß hat ihm bis an sein Lebensende in Treue ein dankbares Andenken bewahrt. Zwei Jahre brachte Gauß in dieser Rechenklassc bei Büttner zu. Durch die Unterstützung einiger ihm wohlwollender Gönner wurde es ihm ermöglicht, Privatunterricht in den altklassischen Sprachen zu nehmen, für welche er ebenfalls ein besonderes Talent zeigte. Jeder, der ihn kannte, hielt es für selbstverständ- lich, daß der begabte Knabe weitere Ausbildung erhalten, daß er studiren müsse. Nur der Vater wollte nichts davon wissen. Allein die Freunde des Sohnes brachten es dahin, daß er ohne eigentliche Einwilligung desselben im Jahre 1788 das Gymnasium besuchen konnte, wo er gleich in die zweite Klasse aufgenommen, und da er sich in den alten Sprachen als vorzüglich erwies, schon nach zwei Jahren in die Prima(oberste Klasse) versetzt wurde. Da hielt man es für Pflicht, Karl Wilhelm Ferdinand, den damaligen Herzog von Brannschweig, auf den talentvollen, ja bereits über seine Altersgenossen bedeutend hervorragenden Jüngling aufmerksam zu machen. Er ließ sich ihn im Jahre 1791 vorstellen und wußte, während neugierige Höflinge den angehenden Jünger der Wissenschaft mit Ausfragen quälten, durch liebevolles Entgegenkommen schnell sein volles Zutrauen zu gewinnen. Zugleich setzte der Herzog für die Weiterbildung des hoffnungsvollen jungen Menschen soviel aus, daß derselbe im Jahre 1792 das Kollegium Karolinum in Braunschweig besuchen konnte, wo er neben den alten Sprachen auch die neuen erlernte. Zugleich fand auch seine Borliebe für Mathematik reichliche Nahrung und zwar nach den Methoden der großen Mathematiker Euler, Lagrange und Newton. Am 11. Oktober 1795 reiste Gauß von Braunschweig nach Göttingen, um die dortige Universität zu besuchen. Noch unent- schloffen, ob er sich der Philologie(Sprachkunde) oder der Mathe- matik widmen solle, hörte er die philologischen Vorlesungen des Professor Heyne nnl der größten Aufmerksamkeit und Liebe, während er den mathemathischen Vorlesungen Kästners keinen Geschmack abgewinnen konnte. Dennoch dauerte es nicht lange und Gauß war entschlossen, sich ganz dem Studium der Mathe matik zu widmen. Der junge, strebsame Mann hatte während seiner Studienzeit nur einen sehr beschränkten Umgang. Von den drei Genossen, mit denen er in einem engen Freundschastsverhältnisse stand, ist besonders Wolfgang Bolyai aus Siebenbürgen zu erwäbnen. Dieser war ein Mann von hervorragendem Geiste, von welchem Ganß in früheren Jahren gesagt haben soll, daß er der einzige r 295 gewesen sei, der aus seine metaphysischen Ansichten einzugehen ver- standen habe. Tiefe und Reinheit des Gemiithes, besonders aber ein großer Lebensernst sollen Charaktereigenschaften dieses Freundes gewesen sein. Eines Tages schrieb ein dritter über ihn an Gauß aus Braunschweig nach(Nöttingen:„Bolyai wird dem hiesigen nahen Schützenfeste sicher beiwohnen, aber nur als Philosoph, der bei solchen Gelegenheiten Stoff findet, über die Thorheiten der Menschen Betrachtungen anzustellen. Dies ist so seine Maxime, wie ich aus mehreren Fällen abstrahirt habe; er versäumt von dergleichen weltlichen Angelegenheiten so leicht' keine, nicht etwa, um mitzugenießen, sondern um seine Seelenruhe zu befestigen." Roch war Gauß noch nicht ganz 19 Jahre alt, noch hatte er seine Universitätsstudicn lange nicht vollendet, als er auf dem Gebiete der Mathematik schon selbstschaffend auftrat. Es steht in der Wissenschaft vielfach ebenso wie in der Religion. Was die Alten gesagt und gelehrt, das muß wahr sein, eben weil es von den Alten herrührt. Daran zweifeln, es noch auf eine besondere Art bewiesen haben wollen, gilt als Anmaßung, Selbstüberhebung, gilt als Ketzerei hier wie dort. Und doch ist es der einzige Weg, um auf der Bahn des Forschens nach Wahrheit weiter zu kommen: sich nämlich nie an das Ansehen einer Person zu binden; auch der schärfste Kopf kann irren und Sclbstüberzeugung ist immer besser als der festeste Glaube. So erging es Gauß und gerade dadurch wurde er groß, gerade dadurch erhielt er seine Bedeutung für die Wissenschaft der Mathematik. Aus dem Alterthum besaß man vom Mathematiker Euklid die Lehre, daß der Kreis nur in drei und fünf regelrechte Theile getheilt werden und daraus das Sechseck, Zehncck u. s. w. konstruirt werden könne. Niemand, wenigstens soviel man weiß, war es bisher eingefallen, einen Zweifel darüber zu hegen und einen Versuch zu machen, ob nicht noch mehr möglich sei. Gauß that es. Er bewies, daß in einem Kreise auch ein Siebzehneck konstruirt werden könne, was bis- her jeder, wenn es ihm gesagt worden wäxe, für eine' Unmöglich- keit erklärt haben würde. Mit dieser Entdeckung, auf welche Gauß in seinem späteren Leben noch stolz war, betrat er das Feld des selbstständigen Schaffens und Forschens. Der Studiosus war dadurch schon Autorität geworden. An die Konstruktion des Siebzehnecks schloß sich überhaupt dann eine neue von Gauß er- fundene Eintheilung des Kreises. In dieselbe Zeit fällt auch die Entdeckung der Methode von den kleinsten Quadraten, welche später in ihrer weiteren Ausbildung zu einer neuen Berechnung der Bewegung der Himmelskörper führte. Nachdem der junge Gelehrte schon als Student so Großes, Epochemachendes geleistet, gehörte er, wie leicht erklärlich, für immer der mathematischen Wissenschaft an. Wenn daher gesagt ward, daß er zu Michaelis 1798 in Göttingen seine Studien vollendet habe, so gilt das nur der Form nach. Es heißt eben, Gauß hatte die drei Jahre, welche als gesetzliche Studienjahre an der Universität vorgeschrieben sind, hinter sich und konnte mithin seinen Namen, aus der Liste der Stndirenden streichen lassen. Andere glauben damit ihre Studien vollendet zu haben, für Gauß hatten sie erst begonnen. In immer tiefere mathematische Studien ließ er sich ein, immer weiter und weiter zog es ihn, zu untersuchen, tvic zu begründen, neues zu schaffen. Bei seinem Abgange von der Universität Göttingcn arbeitete er schon an einem größeren Werke, arithmetische Untersuchungen enthaltend. Er wollte noch mehrere bedeutende Schriften dieser Richtung lesen und ging daher von Braunschweig, wohin er, Göttingen verlassend, zurückgekehrt>oar, nach Helmstedt, um die dortige Bibliothek zu benutzen. Hier machte er die Be- kanntschaft des Mathematikers Psaff, in dessen Hause er nachher wohnte. Das Werk aber, dessen Anfänge schon in das Jahr 1795 fallen� erschien in lateinischer Sprache und erfüllte alle Kenner und Fachgelehrten mit der größten Verwunderung. Durch die Unterstützung Karl Wilhelm Ferdinands, des Herzogs von Braun- schweig, war es möglich geworden, im Jahre 1801 die arith- metischen Untersuchungen im Drucke erscheinen zu lassen. Gauß bezeichnete es später selbst als der Geschichte angehörend, und erklärte, er würde bei einer neuen Ausgabe daran nichts ändern als die Druckfehler. Dieses Werk allein hätte seinen Namen unsterblich gemacht, denn mit ihm beginnt ein neuer Abschnitt in der Mathematik. Außer diesem epochemachenden Werke, war Gauß mit noch verschiedenen kleineren Arbeiten beschästtgt. So berechnete er auch das Osterfest nach einer neuen Methode; eine andere Abhandlung erwirkte ihm von der Universität Helmstedt die Doktorwürde. Was der in so früher Jugend schon so bedeutende Mathematiker bisher geleistet, konnten nur Fachleute schätzen und würdigen. Aber es sollte sein Name auch ein von der ganzen gebildeten Welt gefeierter werden. In Palermo entdeckte der Astronom Piazzi am 1. Januar 1801 einen neuen Stern, zeigte diese Ent- deckung den deutschen und französischen Astronomen an, aber schon nach ganz kurzer Zeit schien der Stern wieder verschwunden zu sein. Was man während seiner Sichtbarkeit hatte beobachten können, bot nur Unvollständiges und Unsicheres. Dennoch wurden diese Beobachtungen veröffentlicht und von verschiedenen Fach- gelehrten Berechnungen aufgestellt. Da gab auch Gauß nach den gegebenen Mittheilungen eine Berechnung heraus, welche aller- dings von den übrigen sehr abwich. Man stutzte, stellte Berech- nungen an, und siehe, nach seinen Angaben war der Stern wiedergefunden. Gauß hatte aus den mangelhafteii� Angaben die Laufbahn des Sternes richtig berechnet. Dieser Stern, der am 1. Januar 1802, also genau ein Jahr nach seiner Entdeckung, wieder aufgefunden wurde, ist der Planet Eeres. In ebenso kurzer Zeit und aus ebenso wenigen Beobachtungen hat Gauß die Laufbahn des am 28. März 1802 vom Astronomen Olbers in Bremen entdeckten Planeten Pallas berechnet. Schon am 31. Januar des Jahres 1801 war er in Anerkennung seiner Verdienste von der Akademie der Wissenschaften in Petersburg zum korrcspondircndcn Mitglicdc ernannt worden. Bald daraus erhielt er von der russischen Regierung einen Ruf zum Direktor der Sternwarte in Petersburg, welcher Ruf sich noch mehrere- male wiederholte. Gauß lehnte jedesmal ab. Zu jener Zeit faßte die hannoversche Regierung den Entschluß, in Göttingen eine mit den möglichst besten Hülfsmitteln ausgestattete Stern- warte zu erbauen, und sah sich bereits nach einem passenden Direktor um. Da lenkte Olbers in Bremen, der mit Gauß schon in Verbindung gestanden und ihn in, Jahre 1802 persönlich kennen gelernt hatte, die Aufmerksamkeit auf diesen zwar noch jungen, aber doch schon so hervorragenden Mann. (Schluß folgt.) Die emaillirten schmiedeeisernen Kochgeschirre in der Gesnndheitswirthschast der Küche. Von Dr. K. öiblmann.*) Als die„Gartenlaube" in Nr.-14 des Jahrgangs 1877 einen Auszug aus meinem Buche über Küchenmctalle brachte, da wandten viele Leser sich an mich, um Bezugsquellen für bleifreie Email- kochkcssel zu erfragen. Die nachfolgenden Mitthciluugen sind be- stimmt, den Haussraueu ein sachliches Urtheil über �Verläßlichkeit der Kochgeschirrglasurcn zu verschaffen und ihnen Fabrikadressen anzugeben. �, Herr Dr. A. Classcu, Professor der Chemie an der poly- technischen Schule zu Aachen, hat auf meine Veranlassung sich der Mühe unterzogen, vorläufig aus dreizehn verschiedeneu Fabriken glasirte eiserne Kochgeschirre vergleichend zu prüfen. Er hat nicht allein qualitative und umfassende quantitative Analysen der Glasuren aus ihre Bestandthcile ausgeführt, sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Glasuren gegen anorganische und orga- nischc Säuren geprüft und das Vorhandensein schwerer Metalle in den sauren Prüfflüssigkeiten und Speisen nachgewiesen. Dr. ♦, smiiä■ Äeiundbeitswacht am häuslichen Herd, de» deutschen Haussraueu und ihren Hausärzten gewidmet, in drei Bücher» H. Oidtmann.' Selbstverlag des Vers. 3. Buch, 2. Lief. Ungcdruckte Fortsetzung des Manuskripts: Der Bersasicr. von 296 Tie nachfolgeiiden Tabellen enthalten die von Professor Dr. Classen zusammengestellten Ergebnisse seiner chemischen Geschirruntersuchungen. A. Analyse der inneren Emaillen. Qualitativ nachgewiesene Körper. (Nr. 1: Thalr, Eiseichüttenwcrl in Thüringen; Nr. 2: Gebr. S. in 31.; Nr. 3: T. E.: Nr. 4: H.& Co. in W.: Nr. 5; u.. C. in N.; Nr. fi: Gebr. G. in P.; Z!r. 7; Gebr. G.: Nr.»: B. in F.: Nr. S: W. A. in E. i Nr. 1«: B. G. Weißmüllcr& Co. in Dugeidors; Nr. 11: G.& Co.; Nr. 12: I. 3t, in SR.; Nr. 13: PH.& 0. in Str.— „ bedeutet vorhanden— 0 bedeutet nicht vorhanden. als 'st, Verunreinigung(durch die äußere blaue Emaille) anzusehen kann nicht entschieden werden. C. Analyse der inneren Emaillen. Quantitativ bestimmte Bcstandtheile. 5•='S>g ss 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 1,02 7,66 6,57 2,75 3,84 49,77 41,04 34,87 49,22 40,65 41,86 3,86 40,85 6,89 48,37 3,55 54,55 1,42 54,45 6,77 41,76 5,73 47,88 5,88 41,55 1,24 CQ 0 0,08 3,16 0,07 3,64 0,77 0,34 0,34 0,75 5,66 4,84 2,02 2,88 S 0 Spuren 0,85 1,09 0,04 0,14 0,45 0,43 0 2,70 0 1,22 0 0,43 1,26 1,28 0 2,55 0 0,52 - 0,77 0 1,55 0 3,68 13,74 9,87 7,77 9,00 12,74 10,68 11,59 12,43 6,44 6,37 7,67 6,55 5,86 0 12,44 13,06 6,45 7,66 5,98 9,42 4,62 2,77 0,55 9,66 6,87 0,44 2,77 3,05 1,43 1,40 1,56 1,32 1,78 1,18 1,48 1,57 1,97 1,77 5,20 14,65 14,45 14,63 14,82 13,66 14,67 14,55 14,99 12,22 12,66 15,33 13,86 13,44 � a ® S 0 0,39 0,34— 1,45 0,12 0,36— 0,42— 0,13— 0,07— 0,10— 1,12— 0,16— 0,20— 0,26— 6,88— C. Verhalten der inneren Emaille gegen Illprozentigc Essigsänrc. Die Einwirkung der Essigsäure geschah bei Ol) Grad Celsius. Dauer der Einwirkung vier Stunden. Bei allen Geschirren eine gleiche Quantität(ein halbes Liter) Säure und gleiche Dauer des Versuches. Nach vier Stunden werden sämmtliche Töpfe sofort entleert. Um über die Zersetzbarkeit der verschiedenen Emaillen durch diese verdünnte Essigsäure ein Bild zu haben, wurden die aus den Töpfen entleerten Flüssigkeiten m gewogenen Schalen verdampft und die Gesammtmenge der gelösten Substanzen bestimint. Sämmtliche Vcrdampsungsrückstände wurden bei der- selben Temperatur(120 Grad Celsius) getrocknet. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 12. Gesammt- rückstand Grm. 1,11 3,545 4,810 1,189 2,84«; 5,634 2,157 2,692 2,418 1,162 4,506 2,432 4,858 im Gesummiruckstonb enthalten NieseisSure Thonerde Eisenoxhd Bleioxhd Zmnoxyd Ziuloxhd Grm. Grm. Grm. Grm. 0,0885 0 0 0 0,1771 0,034 0,0196 0,008 0,1312 0,0525 0,0420 0,1750 0,0820 0,0015 0,007 0,005 0,0688 0,0765 0,0175 0,1230 0,1230 0,0065 0,0325 0,010 0,2984 0,004 0,0055 0,005 0.0623 0,0025 0,0085 0,007 0,0247 0,0230 0,0085 0,009 0,07672 0,04428 0 0,0015 0,080 0,2569 0,0360 0,0045 0,0055 0,6490 0,1607 0,10824 0,003 0,0055 0,0730 0,2547 0,0623 0,446 0,0405 0,1410 Bemerkung. Mit Ausnahme der Emaille Thale verloren alle durch die Einwirkung der Essigsäure ihren Glanz. Da sämmtliche Emaillen nur unbedeutende Mengen Eisenoxyd als Bestandtheil ent- halten, so beweist der in der Tabelle aufgeführte Gehalt an Eisenoxyd, daß die Einwirkung von Säure auf die Emaille durch die ganze Masse hindurchgeht und das Eisen selbst angreift. Grm. 0,06 0,254 0,5335 0,1065 0,329 0,411 0,1535 0,1215 0,2438 0,054 0,1085 0,1035 0,3375 Grm. 0,0935 0,2558 0,4808 0,1170 0,3532 0,640 0,2816 0,0867 0,1892 v. Verhalten der inneren Emaille gegen zehnprozentige Salzsäure. Die Art des Versuches geschah genau wie bei Essigsäure. Da die meisten Emaillen sehr stark angegriffen wurden, so bc- schränkte ich die Versuche auf quantitative Bestimmung von Bleioxyd. Zu diesem Zwecke wurde die in Lösung gegangene Kieselsäure zuerst abgeschieden und das Blei in dem durch Schwefel- wasserstoffgas hervorgerufenen Niederschlag von dem gleichzeitig mit ausgeschiedenen Zinn getrennt. Bei vielen Proben mußte, des starken Eisengehaltes der Lösungen wegen, das erhaltene Schwefelblei wieder gelöst und nochmals gefällt werden. Mit Rücksicht auf eine Aeußerung von Dr. Ebermayer(veröffentlicht in Dinglers polyt. Journal, Bd. 223, Heft 1, und aus diesem übergegangen in Oidtmanns Gesundheitsmacht, Buch 3, Lief. 2, pag. 88) habe ich zu den Kochversuchen mit Salzsäure die bereits mit zehnprozentiger Essigsäure extrahirtcn Töpfe benutzt, um zu zeigen, daß durch fernere Einwirkung von Säuren auf bleihaltige Glasuren immerfort beträchtliche Mengen von Bleioxyd in Lösung gehen. Nur bei den Versuchen Nr. 11(G.«K Co.), Nr. 1(Thale) und Haardt habe ich neue Töpfe angewendet. Bei 6 wurde der für Essigsäure benutzte Topf, und bei 7(Gebr. G., neue Glasur) ein neuer Topf verwandt. Die mit fortlaufender Nunimer be- zeichneten Resultate beziehen sich wie nachstehend. Nr. 1 kein Bleioxyd Nr. 1(Thale) und Nr. 4 Nr. 3 0,444 Nr. 4 0,0375 Nr. 5 0,434 Nr. 6 0,026 Nr. 7 0,035 Nr. 8 0,017 Nr. 9 0,081 Nr. 10 0,010 Nr. 11 0,048 Nr. 12 0,0645 Nr. 13 2,683 Nr. 2 0,172 Gramm Bleioxyd(Haardt) habe ich noch gegen zehn- ~„ prozentige Apfelsäure und zehn- prozentigc Milchsäure untersutcht. Die Art des Versuches geschah wie bei Essigsäure. Nr. 1. wurde " von beiden Säuren angegriffen; in der Lösung von Nr. 4 konnte "r ich bei beiden Säuren geringe Mengen von Kieselsäure und Thon- erde, jedoch keine Metalle, nach- „ weisen. In den Töpfen Nr. 3, 5 und 13 habe ich Sauerkraut und Rothkohl(letzteren wie ge- wöhnlich mit Essig versetzt) gekocht und unzweifelhaft Blei in den gekochten Gemüsen nachgewiesen. Bemerkungen zu den Versuchen mit Salzsäure. Durch die Ein- Wirkung dieser Säure verlor die Emaille von Thale den Glanz, 2 gela- tinirte, 3 dito, 4 wie 1, 5 gelatinirtc, 6 wurde fast ganz zersetzt, 7 wie 6, 8 wie 6, 9 zerbröckelte, 10 wie 1, 11 zerbröckelte, 12 wie 11, bei 13 zerfiel die Emaille vollständig. Wir sehen zunächst, daß ein großer Unterschied in den Kochgeschirr- Emaillen besteht, wenngleich die verschiedenen Fabrikate einander sehr ähnlich sind. Nicht alles was glänzt, ist in den Gcschirrglasaren ächt, dauerhaft und unschädlich. Ein halbes Liter essigsaurer Flüssigkeitcköst bei 60 Grad Celsius in vier Stunden aus dem Emaillenüberzuge der Innenwand eines Kochtopfes, je nach der Güte des Topfes, 1,11 bis 5,634 Gramm seiner Bcstandtheile auf. Die Claffen'sche Tabelle über das Ver- halten gegen zehnprozentige Essigsäure läßt also den Grad der Angreifbarkeit der verschiedenen Emaillen meßbar erkennen— für die Küchenverwendung der erste Anhaltspunkt, Güte oder Verwerflichkeit eines Geschirres zu beurtheilen. Von diesem Gesichtspunkt der Löslichkeit der Glasur stellen wir die unter- suchten Fabrikate in folgende absteigende Reihenfolge der cheniischen Härte, beziehungsweise Güte der Emaille: w d. sinflni.„„„ Ich«. Tabelle 8el8[l®tm- 1) Eisenhüttenwerk Thale in Thale am Harz. 1. 1,11 2) B. G. Weißmüllcr Co. in Düsseldorf.. 10. 1,162 3) Haardt& Co. in Wie»....... 4. 1,189 4) Gebr. G. in P.(neues Fabrikat).... 7. 2,157 5) Wilh. A. in E........... 9. 2,418 6) Just. A. in N........... 12. 2,432 7) Blechwaarenfabrik in F........ 9. 2,6)12 8) U., Nsenwerk in P.......... 5. 2,846 9) Gebr. B. in A............ 2. 3,515 10) G. A Co. in L........... 11. 4,506 11) T., Eisenwerk in 2....*...... 3. 4,810 12) P. ck C. in S..... i..... 13. 4,858 13) Gebr. G. in P.(altes Fabrikat)..... 6. 5.684 Ein zweiter Anhaltspunkt, die Unschädlichkeit oder Schädlich- keit einer Küchcngeschirrglasur zu beurtheilen, sind die Mengen gewisser schwerer Metalle, besonders des Bleies, welche durch Säuren aus der Glasurenwand gelöst werden. Was die Abgabe von Blei an Essigsäure(a), an Salzsäure(b) und von Zink(Ersatz für Blei an Essigsäure)(v) an- 297 belangt, so verhielten sich die Emaillen der verschiedenen Töpfe, nach Reihenfolge ihrer Güte, wie folgt: a) b) o ca � � iz e 2 w i�>D«3 o c»=« o ® 5 So 55®= � a 35* SfS ©®®S .HS§® g® g® 1) Eisenhüttenwerk Thale in Thüle a/H. 1. 0 0 0 2) B. G. Wcißmüller in Düsseldorf.. 10. l> 0,10 0,08 3) Haardt& Co. in Wien..... 4. 0,0015 0,0375 0,005 4) Blechwaarenfabrik in F...... 8. 0,0025 0,017 0,007 5) 9t. in 91........... 12. 0,003 0,0645 0,073 6) Gebr. G. in P.(neues Fabrikat).. 7. 0,004 0,035 0,005 7) Gebr. G. in P.(altes Fabrikat).. 6. 0,0065 0,026 0,010 8) Wilh. 91. in®......... 9. 0,023 0,081 0,009 9. Gebr. 33. in 9t......... 2. 0,034 0,172 0,008 10) G. S: Co. in L........ 11. 0,0045 0,028 0,649 11) T., Eisemverk in L....... 3. 0,0524 0,444 0,175 12) U., Eisenwerk in P....... 5. 0,0765 0,434 0,123 13) P.& C. in St........ 13. 0,446 2,683 0,141 Diese Aufstellung findet ihre Ergänzung in der obigen quantitativen Bestimmung der Emaillebcstandtheile(Classen'sche Tabelle B.). Während die Emaille des Thale'schen Eisenhütten- Werkes kein Blei, kein Zinn und kein Zink enthält, hat die von PH.& C. in Str.(13) 6,88 pCt. Bleioxyd und 2,88 Zinkoxyd. die von Gn. in L.(10) 5,60 pCt. Zinkoxyd und die von A. in N. 4,84 pCt. Zinkoxyd. Hier sind die Mengen des in der Essigsäure und des m der Salzsäure gelösten Bleies zwar nicht erheblich, bei Gn.& C. 11 z. B. nur 0,0054 bezw. 0,048 Gramm; dafür gingen aber so große Mengen Zinkoxyd(0,6490 Gramm in der Essigsäure) und Thonerde(0,2569 Gramm) in Lösung und wurden überhaupt so bedeutende Mengen Mineralbcstandtheile durch(4,506 Gramm) Essigsäure aus der Emaille ausgelaugt, daß ich hier, was die möglichen Gesundheitsschädigungen anbetrifft, auf die schleichenden Erkrankungen durch Zink(vgl. S. 114 u. ff. der zweiten Lieferung des dritten Bandes meiner Gesundheitswacht) und durch Thonerde zu verweisen, alle Ursache habe. Ich bin übrigens weit entfernt, vom Standpunkte des Hygie- nikers all die Fabrikate, in welchen Zinn, Zink und Blci'nach- gewiesen sind, und welche an saure Speisen Spuren dieser Metalle abgeben, ohne weiteres als unbrauchbar oder gesundheitsgefährlich zu verwerfen. Da ich selbst Keramiker bin, so weiß ich aus Er- fahrimg, daß kleine Verschiedenheiten der Emaillegemenge und des Schmelzpunktes der Ofenglut entsprechende Verschiedenheiten der chemischen Härte bewirken, so daß aus einer und derselben Fabrik je nach den Bränden bald mehr bald weniger gute Töpfe hervorgehen, wenn nur das chemische Bindemittel, die Kieselsäure, in genügendem Mcngenverhältniß vorhanden und nicht zu viel mit Borsäure versetzt ist.— Auch sind die Fabrikanten meistens bemüht ihre Emaillen möglichst rationell zu verbessern und so sind die mir vorliegenden verbesserungsbedürftigen Erzeugnisse einer Fabrik nicht immer maßgebend für alle ihre Fabrikate. Wir haben ein Beispiel von Fortschritt zum Besseren an dem neuen Fabrikat 6 und 7 der Firma Gebr. G. in P. Es liegt sogar in der Natur der Sache, daß— auch auf anderen Ge- bieten— gerade die ältesten Firmen aus ihren ersten Perioden, als die Technik noch unvollkommen war, Erstlingserzeugnisse auf den Markt brachten, welche später von ihnen selbst, aber auch gleichzeitig von jüngeren Firmen überholt werden. So hat man, wenn man nicht unbillig im Urtheil sein will, immer zwischen altem und nxuem Fabrikat einer Fabrik wohl zu unter- scheiden. Die Geschichte der Blechcmaillen-Rezepte ist wie die der Glas und Porzellanfarben-Rezepte bis auf die neueste Zeit für den Hygieniker sehr lehrreich, indem sie nur eine staatlich nicht über- wachte Empirie in der Fabrikation zeigen. Die Emaillerezepte der Kochgeschirrfabrikation sind mit 2 bis 3 Ausnahmen, wo ein reeller Abkauf vorliegt, durch eine Art Schmuggel aus den Händen älterer Firmen in den Besitz der jüngeren gelangt. Wesentliche, die Gesundheitsfragen berücksichtigende Veränderungen sind bisher sehr selten und dann wohl nur durch polizeilichen Druck ver- anlaßt worden. (Schluß folgt.) Die westlichen Vorposten der Alanen. Das ganze Erdenlebcn mahnt in jedem Stadium der Ent- Wicklung an früher durchlaufene Zustände. Unwillkürlich kam mir dieser Ausspruch Huniboldt's in den Sinn als mich nach vieljähriger Abwesenheit das Schicksal aus den Armen der trau- ernden Wittwe Venetia an den Moldaustrand geworfen und ich gewahr wurde, mit ivelcher Emsigkeit die Deutschfresser der hundertthürmigen Königstadt Prag, diese Handlanger des Abso- lutismus, das Deutschthum zu übertünchen versucht haben und wie wenig es ihnen gelungen. Da es aber der verlotterten Journalistenklique, die im Namen des gesammten Tschcchenvolkes für Rußland die Ruhmespauke schlägt, auch ferner nicht gelingen wird, das Territorium der Wenzclskrone einige Längengrade nach Osten zu schieben, so ergeht es ihr wie de» fanatischen Bilder- stürmern des Mittelalters, auf deren puritanisch nüchternen Kirchenwänden immer wieder die Farbenpracht der Freskomalereien des„alten" Glaubens durchschimmerte. Man kann eben mit dem besten Willen in einem Vierteljahr- hundert nicht verwischen, was ein Jahrtausend eingegraben. Die Tschechenführer Jungmann, Zeithammer und Rieger, welche die Ironie des Schicksals mit kerndeutschen Namen be- dachte, sind sonst um historische Citate nicht verlegen, wenn sie in ihren Kalkül passen; sie scheinen aber doch vergessen zuhaben, daß die flavischen Erben der keltischen Bojer und der germanischen Markomannen seit ihrer Unterwerfung im Jahre 890 stets von Deutschland abhängig waren. Das Gcdächtniß ist nicht die starke Seite der Tschechen, denn ihr Historiograph Palacky,„der Vater der Nation", erklärte am Slavcnkongreß 1848 die Russen für das Unglück der Slaven und pilgerte 1863 nach Moskau. Böhmens Wappenvieh, der silberne Löwe im rothen Feld, scheint nur deshalb doppelt geschwänzt zu sein, um stets nach zwei Seiten wedeln zu können. Es ist eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß bei sämmtlichen" flavischen Völkern nur durch die direkte' Einflußnahme nicht- slavischer Faktoren die losen Geschlechter und Stammesverbände zu geschlossenen Staatswesen umgestaltet werden. So gelangten die Russen,„die slavische Fllhrernation", durch normännische Abenteurer unter Anführung der Waräger Rurik, Sincus und Truwor im Jahre 862 zur Gründung ihres Staates. In dem vorwiegend flavischen Ungarn bildet der Magyarismus das politische Ferment, und daß acht Neuntel Slaven 400 Jahre lang das Joch von einem Neuntel Osmanlis trugen, ist doch ihre eigene Schuld, denn wo es keine Sklaven gibt, gibt es auch keine Tyrannen. Dem Slavenpatriarchen Tschech gelang die Aufrichtung von Bojerheim(Böhcim, Böhmen) auch nur auf dem keltogermanischen Völkerschutt. Schon Boleslav's Bruder Wenzel führte mit dem Christen thum zugleich deutsche Gesittung in Böhmen ein. Die Przemis- liden leisteten in gerechter Würdigung damaliger Sachlage den eingewanderten Deutschen jeglichen Vorschub, weil sie einsahen, daß in dem freien Bürgerthum, welches den Slaven etwas fremdes war und noch heute weder in dem siegreichen Rußland noch in dem zertretenen Polen zur vollen Blüthe gelangt ist, die einzige Garantie des Wohlstandes und kräftige Abwehr der An- maßungen des Adels und Klerus geboten war. Vom dreizehnten Jahrhundert ab wurde das Recht, die Geschäfts- und Hossprache deutsch. Der Königshof in Prag erblühte zu einer Stätte deutscher Dichtung. König Wenzel der Zweite selbst war Minnesänger und reiht sich nach der pariser Minnesängerhandschrift an den Staufen Heinrich den Sechsten. Trotz den romanisirenden Bestrebungen der Luxemburger Johann, Karl und Siegismnnd und des Trunken- boldes Wenzel bürgerte sich das deutsche Element zwischen dem Böhmerwald und dem Riesengebirgc immer mehr ein. Einzelne Erwerbszweigc, wie das Bergknappenthum und Fuhrmannswesen, waren seit jeher ausschließlich in deutschen Händen. Die religiösen Sozialisten, Hussiten genannt, verscheuchten die deutsche Ein- Wanderung; destomehr beförderte sie ihr utraquistischer König Georg Podiebrad. Auch die Habsburger begünstigten die deutsche Einwanderung, obzwar sie auf den Rath der Jesuiten das System der geistigen Absperrung gegen Deutschland inaugurirten und als nothwendige Folge davon die Amalgamirung der Nationalitäten in den Erblanden verabsäumten. Rudolph und Mathias ließen fünf gerade sein und Ferdinand regierte mit der Daumschraube »ä majorem Dei gloviam. Maria Theresia war eine gute Mutter für ihre Kinder und eine Stiefmutter für ihre Völker. Kaiser Joseph, von dem der„Philosoph" auf dem preußischen Throne richtig bemerkte, daß er früher den zweiten Schritt thue bevor er noch den ersten wage, fand für seine zentralistischen aber Humauen Nivellirideen keine Vollstrecker und starb infolg? eines Jesuitenrezeptes am gebrochenen Herzen! Der Henker der Freiheit Stetternich preßte zwar alle Köpfe unter einen eisernen Hut, kümmerte sich aber auch nicht weiter um die gleichmäßige Ad- justirung des österreichischen Völkermosaiks. Der achtundvierziger Sturm fegte den„allmächtigen" Metternich sammt seinem Eisen- Hut von bannen, brachte aber auch Austrias Staatsgebäude zum Wanken. Die daraus entstandenen Risse reparirte man mit Hilfe „der Kulturträger des Ostens", der Kosaken, und hätschelte von da ab die„berechtigten Eigenthümlichkeiten" der interessanten Ratio- nalitätchcn, um sie gelegentlich als Trumpf gegen einander aus- zuspielen. Arme polyglotte Austria! Deine wahren Freunde, die Deutschen, hast du zum Aschenbrödel degradirt— Kino illso lacriwW. Während die Slaven auf das Solidaritätstamtam schlagen und die Handvoll Italiener auf der Centrifugalflöte fistulirt, würfelt Eis und Trans im getheilten Haushalt um den Staatsbankerott. Es fehlt anderswo, wie z. B. im tabakmono- i polisirenden Bismarckien, auch nicht an parlamentarischen Hans- wurstiaden, aber die Tschechen können sich auf ihre politischen Purzelbäume extra was einbilden. Während ihr geschmeidiger Kardinal Schwarzenberg, Aristokrat pur sang, im Konklave als Vizekamerlengo fnngirt, lecken seine Schäflein mit Ehren-Rieger an der Spitze dem schismatischen Papst, Alexander dem Zweiten den orientalischen Schmutz von den blutbcspritzten Juchtenstiefeln. Es sollte uns nicht wundern, wenn die Straßen Prags, statt mit Wasser, mit Wuttky besprengt würden, um in russischen Geruch zu kommen. Daß die Tschechen die kultibirte Schwester Germania vernachlässigen und der kulturbedürftigen Tante Russia nach- laufen, könnte dem deutschen Nachbar gleichgültig sein, wenn die abtrünnigen Bundesgenossen nicht Schulter an Schulter mit Deutschland stünden und ihre undankbare Handlungsweise nicht eine direkte Gefahr für die Freiheit des ganzen Erdtheils in- volvirte. Das russische Generalstrifolium aus dem ff, Jgnatieff, Tscher- najeff und Fadejcff, pfuscht'bekanntlich wie„unser" Moltkc den Journalisten in's Handwerk. Der publizistische Buschklepper „General" Rostislav Fadejeff hat in seiner neuesten Broschüre „Rußlands Waffenmacht" aus der Schule geschwätzt, indem er das Endziel der Bestrebungen nach dem Feldzuge klar legt. Hören wir!„Rußland beläßt allen Slavenstämmen ihre nationale Selbständigkeit; sie iverden ihre inneren Angelegenheiten nach eigenem Ermessen unter eigenen Fürsten verwalten. Um sie alle aber wird Rußland ein großes Band schlingen; die Behandlnng der internattonalen und militärischen Angelegenheiten wird in seinen Händen liegen; der große slavische Czar wird ihr gemein- sames Haupt sein. Die große slavische Familie wird für die ganze übrige Welt als ein Reich dastehen. Diese Einigkeit zu Freihcitsschnsucht. Sieh' dort am wildgeriss'nen Bergeshange, Weil droben steil und hoch—, Gefesselt steht im Fels ein Baum schon lange Und knirschet in sein Joch. Er stöhnt:„Ich seh' die Freiheit, blick' ich nieder, Ich seh' sie über mir, Alis meinem eignen Gipfel klingen Lieder- Hell und begeistert ihr. Rur meine freie Seele hält gekettet Ein steinerner Despot. O Fluch, daß mich vor Sklavenschmach nicht rettet Der ungerechte Gott! Da sendet Zeus den Knecht, ihn anzufallen, Der Sturm bricht ihn entzwei.— „Willkommen! Besser ist"— ruft er im Fallen— „Der Tod, als Sklaverei!" L. Derwinns. erzielen, wird es nothwendig sein, daß die Herrscher aller einzelnen Stämme einer Familie angehören." Hirngespinnstc eines panslavistischen Phantasten, denkt wohl mancher Leser, aber es liegt Methode in diesem Wahnsinn. Erstens ist„der Rubel auf Reisen" an der Moldau wie im Balkan eine gern gesehene Münzsorte und zweitens befinden sich in keinem Theile des europäischen Festlandes Bevölkerung und Regierung in allen, die nationale Politik betreffenden Fragen so im Einklang wie in Rußland, trotz Knute und Nihilismus. Und dieser Einklang ivußte die mitunter geradezu wunderbaren Erfolge zu er- zielen. Die heutigen Großrussen, die herrschende Rasse des viel- züngigen Riesenreiches, sind kein rein slavischer Volksstamm. Die ersten slavischen Einwanderer fanden bereits von der Wolga bis zur Düna mongolisch-finnische Völker vor, mit denen sie sich all- mählich vermischten. Dieser Mischung verdankt die großrussische Rasse jene unbeugsame Ausdauer, aber auch jene nüchterne, nahezu fatalistische Auffassung des menschltcheu Daseins, wodurch dieselbe von den andern Slavenstämmen, namentlich den poetisch an- gelegten Kleinrussen, unterschieden ist und welchen turanischcn Eigenschaften sie zum großen Theile jene Erfolge verdankt, die Rußlands Volk und Staat zu seiner heutigen Bedeutung empor- gehoben. Zu diesen hauptsächlich finnischen Einflüssen traten später normännische und hierauf reinmougolische, tatarische Volks- clemente, welche beide zwar weniger den physiologischen Typus als vielmehr die Geivohnheiten und die Denkuugsart der Russen beeinflußt haben. Die ewig gleiche Eigenschaft der menschlichen Natur, daß mit dem Wachsthum der Macht auch die Begierde nach der stetigen Erweiterung derselben zunimmt, krystallisirte sich bei den Russen zu dem Gesetz der Expansion nach Süden und waltet unter ihnen mit der Konsequenz der Naturnothwendigkeit. Diese Lymphe der russischen Volksseele trieb Ruriks Nachkommen von 866 bis 1878 nach Konstantinopel. Was den veriveichlichten griechischen Kriegern nicht gelang, führten ihre schlauen Pfaffen aus und unterjochten das durch die dreihundertjährige Mongolenherrschaft mürbe ge- wordene russische Volk mit ihrem Brimborium, welcher die katholische Liturgie an Sinnenrausch noch übertrifft. Die byzantinische Kirche, welche Rußland in zehnten Jahr- hundert das Christenthum überbrachte, ist die Pflegerin des Hasses gegen das Lateincrthum und somit gegen das europäische Abend- land überhaupt. Daher die Antipathie des Bartrussen(Muschik) gegen alles, was fremd ist, denn außerhalb des„heiligen" Ruß- land wohnen nach der Ansicht des Ungebildeten nur Ketzer und Ungläubige, gegen die jeder Kampf zum Kreuzzuge wird. U'appetit vient eu rnangeant. Daß der russische Magen, wenn er die türkische Artischoke verspeist hat, nach der österreichischen Melone verlangen wird, ist nur Konsequenz. Der Revolutionär Alexander Herzen behauptet zwar, das Czarenszepter müsse in der Mitte brechen, wenn es vom Ladogasee bis zu den Dardanellen reicht, aber— eavoaut Consules*). Dr. Max Trausil. *) Hier: Unsere Staatsmänner mögen auf der Hut sein. Briefe von der Spree. II. Berlin, Ende Februar. Wir hatten in den letzten Tagen Doppelhochzeit— wir mit dem großen w und dem kleinen Weh—, und da ich keine Gelegenheit vorübergehen lasse, ohne meine Loyalität zu demonstriren, so habe ich auch diesen Tag in würdigster Weise gefeiert. Daß ich mit illuminirt habe, ist selbstverständlich, meine Petroleumlampe hat eine ganze Stunde lang am Fenster gestanden, leider ohne die Ausmerksamkeit der Vorüber- gehenden zu erregen. Ich wohne nämlich nach dem Hof hinaus. Aus Aerger über mein Mißgeschick lief ich auf die Straße, damit sich mein patriotisches Gemüth wenigstens an den strahlenden Fenstern anderer Leute erhebe, aber in der ganzen Friedrichsstadt sah ich nichts Er- hebendes. Hätte ich mir nicht mit Ostentatton eine Cigarre angezündet, so würden auch die anderen Staatsbürger nichts von einer Jllumi nation gemerkt haben, da nur die Häuser einiger Hoslieseranten und BanquierS— letztere zählen ja auch zu den privilegirten Lieferanten— in flammender Devotion standen. Auch Müller von der Werra— ein Dichter, der voll edler Begeisterung seine Verse— von denen merkwürdig viele auf i— a aus- klingen, wie Patria, Germania u. s. f.— in die Lüfte hinausschmettert, hat nicht wenig zur Belustigung und zur Erhöhung der festlichen Stimmung beigetragen. Er hat eine Hochzeitshymne gedichtet:„Charlotte und Elisabeth." Wie bist du hold und nett, Müller von der Werra! Nur so fort, Rudolph Gottschall ist dir ja mit gutem Beispiel voran- gegangen, vielleicht gelingt's auch dir, den ohnehin schon künstlich zu- gestutzten Plebejernamen mit noch einem, etwas ächten Aristokraten-von zu veredeln: von Müller von der Werra. Wenn ich übrigens aus gewöhnlichen Menschen Ritter machen könnte und dürfte, du solltest nicht lange vergeblich danach seufzen: für jedes einzelne deiner Gedichte bekämst du gleich eine ganze Tracht Ritterschläge! „Ein Ritter käme dann herbei, Im Herzen selbst den jungen Mai Der Liebe: Den Buckel aber und den Ort, Den Göthe nennt mit rechtem Wort, Voll Hiebe!"- Mehr als diese eine Strophe der Müller'schcn Schiveifwedclci paro- distisch wiederzugeben, ist mir nicht möglich, und das Poem im Originale anzuführen, dazu ist Druckerschwärze und Papier zu theuer.— Bon den„Christlich-Sozialen" habe ich schon in meinem letzten Briefe gesprochen, und die Leser der„Neuen Welt" werde» mir wohl nicht die Freundschaft kündigen, wenn ich heute nochmals auf die Clown- sprünge dieser Leute zurückkomme. Hofprediger Stöcker hat, um den Witzblättern neuen Stoff zu geben, eine eminente Zugkraft für seine Vorstellungen engagirt, ich meine Herrn Jbscher. Es ist derselbe, der bei der letzten Andachtsstnnde in der Villa Colonna entrüstet ausrief: „Lassalle sei im Kampfe zweier Wüstlinge um eine Dirne gefallen!" Ich will mich durchaus nicht zum Vertheidiger der Frau Helene Dönniges- Rackowitza-Fricdmann aufwerfen, Herr Wanderprediger Jbscher wird diese Dame wahrscheinlich genauer kennen als ich, sonst würde er sich wohl gehütet haben, sie in einer öffentlichen Versammlung mit einem Namen zu belegen, der sonst nur in den intimsten Kreisen der christlich. sozialen Arbeiterpartei gang und gäbe zu sein scheint. Aber sei dem auch so, einen taux pas hat Herr Jbscher mit dieser Aeußerungen doch begangen, indiskret war es aus jeden Fall. Singt doch schon der lachende Philosoph: „Hat der Jüngling ein Vergnügen, Sei er dankbar und verschwiegen."— Verschwiegen war auch der Reichskanzler Fürst Bismarck. Er hat anläßlich der Orientdebatte im Reichstage zwei Stunden lang gesprochen, ohne etwas zu sagen. Er schien Heimweh nach seinen Kohlköpfen in Varzin zu haben, und selbst die Glatzköpfe der zahlreich versammelten Abgeordneten konnten ihn nicht über diesen Verlust trösten. Der Reichs- kanzler beantlvortete die Interpellation der Herren Bennigsen und Kon- sorten in gleicher Weise, wie wir mit beschränktem Unterthaneuverstande Begabte antworten würden, wenn sich jeniand nach unserem Befinden erkundigt. Danke, es macht sich!— Er verwies einfach auf die Land- karten von Kiepert, aus denen sich ein jeder über den Stand der orien- talischen Dinge und über die Weisheit und den Erfolg seiner Politik unterrichten könne. Nur einmal verließ ihn seine diplomatische Zurück- Haltung, als er dem Abgeordneten Liebknecht replizirtc, der in seiner Nede die Theilung Polens brandmarkte. Allen Ernstes meinte er da, '»daß man zwei Fliegen init einer Klappe schlagen könne, wenn man Sozialdemokraten die polnischen Kreise regieren ließe, er sei über- zeu,t, daß dann aus den Polen die besten Preußen würden." Ich zwefie garnicht an dem Geschick des Fürsten Reichskanzlers im Fliegen- tödtei. aber er scheint sich in neuerer Zeit nicht viel damit beschäftigt zu hat- ii, saust müßte er wissen, daß sich heutzutage die Fliegen nicht mehr»tt der Klappe schlagen lassen, dazu sind sie zu schlau und zu behend geworden. Heute geht es nur mehr mit Gift, und auch das ist ein höchst-problematisches Mittel.— Anders Tages sprangen in der Leipzigerstraßc die wunderthätigen Wasser vonLourdes. Camphausen weinte.— Die hellen Thränen standen ihm in den Augen, als er hören mußte, wie alle Parteien des Hauses gegen die eingebrachte Tabaksteuervorlagc Front machten. An- fangs glaubte ich ihn auch schluchzen zu hören, als ich inich aber um- sah, merkte ich, daß es ein hinter mir sitzender Berichterstatter der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" war, der gerade die Thränen des Finanzministers zu Papier brachte.— Der arme von Camphausen ver- meinte, daß er nun demissioniren müsse, eine solche Niederlage hatte er nicht erwartet. Und siehe das Wunderwasser von Lourdcs that seine Wirkung. Bismarck, der den Schmerz seines Kollegen nicht länger mit ansehen konnte, nahm das Wort und erklärte, daß er unter keiner Be- dingung sich von einem seiner Ressorttninister trennen werde. Hinter mir nahm das Schluchzen ein Ende, und als ich aussah, lachte auch Camphausen wieder, wie warmer Sonnenschein.-- Neben der Rede des Fürsten Bismarck bildete der Prozeß des Raubmörders Thürolf das Gesprächsthema der letzten Wochen. Fünf volle Tage dauerte die Verhandlung, die mit der Vcrurtheilung des Angeklagten zum Tode endete. Ganz Berlin drängte in die Gerichts- säle, und namentlich fand das sogenannte schwächere Geschlecht ein be- sonderes Vergnügen daran, sich an den Qualen des„verruchten Sünders" zu weiden. So widerlich auch der Prozeß in seinen Einzelheiten, so interessant war er in seinem ganzen Zusammenhange, und die Streif- lichter, die er auf die heutigen gesellschaftlichen Zustände wirst, dienen nicht gerade dazu, diese günstig zu beleuchten.— Ein bis dahin voll- kommen unbescholtener und arbeitsamer Mensch konimt durch anhaltende Arbeitslosigkeit in Roth. Tagelang hat er nichts zu essen, bis das Eisen die Roth bricht und er zum— Mörder wird. Mit dem Ertrag d.es Geraubten erhält er sich sast drei Monate lang und noch immer findet er keine Arbeit, keinen Verdienst. Da drückt ihm der bitterste Hunger abermals oie Mordwaffe in die Hand. Einmal ist's ja ge- luiigcn, er hat sein Leben für kurze Zeit gefristet, warum nicht auch ein zweites nial? Und so wird er weiter getrieben auf der schiefen Ebene des Verbrechens, von Raubmord zu Raubmord, bis ihn endlich die rächende Nemesis erreicht. Das ist in kurzen Strichen der Raub- mörder Thürolf. Ich bin weit entfernt, ihn entgegen dem Wahrspruch der Geschworenen von aller Schuld zu entlasten, ich wollte nur an einem Beispiel zeigen wie der Mensch das Produkt der Verhältnisse ist, und daß es durchaus nicht genügt, einen Verbrecher zu guillotinireu, sondern daß man, um bessere Menschen zu erziehen, die Verhältnisse ändern muß, durch welche deren Thun und Lassen bedingt wird!— Ich bin da entsetzlich ernst geworden, aber das ist die Signatur von Berlin überhaupt, und wer hier des Lebens Unverstand mit Heiter- keit genießen will, muß sich die Augen zuhalten und die Ohren ver- stopfen.— Nun, vielleicht hilft mir der„Volksmann" Eugen Richter aus der Roth und hält eine Rede, ich kann dann in meinem nächsten Briefe wieder was Heiteres berichten.— pira. Em rheinisches Hammer- und Walzmerk führt uns unser Bild(Seite 292) vor Augen. Im Vordergrunde sehen wir die Brust eines Stückofens aufgerissen und stämmige Arbeiter bemüht, die zähe Masse des Eiscntciges mit eisernen Haken aus dem Herde zu heben, um sie unter dem Hammer zu mehrzölligen Eisenplatteu zu verarbeiten. Die Arbeit ist eine ungemein anstrengende, die Körperkräfte und den Körper selbst rasch aufzehrende,— und dennoch; mit welchem Eifer gehen die Arbeiter daran und— für welchen Lohn? Gewiß ist es wahr, daß die materiellen Anforderungen, cbcusowie die ideellen, welche unsere hochcivilisirte, wenn auch nicht hochkultivirte Zeit stellt, einen ungeheuren Arbeitsaufwand nöthig machen, und gewiß wird und soll nie eine Zeit koimnen, in dem sich die Menschen in der einen oder der anderen Weise des Joches anstrengender, harter Körperarbeit ganz entledigt haben werden. Aber die Gerechtigkeit verlangt, daß solch' schtvere, verzehrende Körperarbeit mit einer nicht nur leidlichen, sondern nach den Zcitbegriffen guten Existenz gelohnt tvcrde, und Vernunft und Menschenwürde heischen, daß eine derartige physische Anstrengung nicht die Kraft und die Zeit eines Menschen vollständig in Anspruch nehme, daß sie ihn nicht zu geistiger Verkümmerung, zu ewiger Gedanken- Unselbständigkeit verdamme, wie das gegenwärtig geschieht. Eine neue Waschflüsfigkeit. 1.Kilogramm Seife wird mit ein wenig Wasser zu einem Brei geformt, mäßig erwärmt und durch tüchtiges Rühren in 45 Liter Wasser von 39 Grad C.(24» R., 89» F.) vertheilt, nachdem dem Wasser vorher ein Eßlöffel voll Terpentinöl und zwei Eßlöffel voll wässerigem Ammoniak(Salmiakspiritus) zugesetzt sind. Die zu waschenden Gegenstände werden zwei Stunden lang in dieser Mischung eingeweicht, dann wie gewöhnlich in Wasser gewaschen. Die aus den Zeugen ausgewundene Waschflüssigkeit kann zum zweitenmalc benutzt werden, weuu man sie wieder, wie oben angegeben, erwärmt und wieder Terpentinöl und Ammoniak zusetzt. Diese Methode ist zeit-, arbeit und geldersparend, es wird weniger Seife und weniger Reiben erfordert und die Zeuge werden weniger in ihrer Haltbarkeit geschädigt. vr. B.-R. Räthsel. Getrennt oft weise und belehrend, Vereint stets hemmend, oft zerstörend. �erjllicher QknefKaM. Hamburg. G. H. W. Das Auftreten von„Theilnahmlosigkeit", also die sogenannte„Demenz" im Verlaufe der Geisteskrankheiten, namentlich nachdem geraume Zeit hindurch maniakalische Zufälle(Tob- sucht zc.) vorausgingen, ist allerdings kein besonders günstiges Symptom, vorausgesetzt, daß'dasselbe nicht dem sehr allgemein in Irrenanstalten, an Stelle der früher angewandten Zwangsjacke, üblichen Gebrauche von Morphium zuzuschreiben ist. Jedenfalls würden wir Ihnen jedoch rathen, die Kranke, derentwegen Sie uns konsultiren, vorläufig in ihrem jetzigen Asyle zu belassen. Verlin. H. R. Also in der Stadt der Intelligenz räth Ihnen jemand an, Ihres Brustleidens halber Urin und Schafgarbenthee zu trinken? Da hört ja alles auf! Wenden Sie Sich an einen dortigen Arzt, lassen Sie von demselben feststellen, was Ihnen fehlt,— denn nach den von Ihnen mitgetheilten Symptomen könnte» Sie vielleicht auch nur an einem Magen- und Darmkatarrh leiden,— und befolgen Sie dessen Rathschläge, vorausgesetzt, daß dieser Arzt kein Arznei- quacksalber ist. Verlin. Felix H. Sie haben die in Nr. 22 enthaltene Antwort irriger Weise aus sich bezogen. Die Antwort aus Ihre Zuschrift be- 300 findet sich in Nr. 23 unter Felix T.— Felix L. erhielt direkte Antwort am IV. März. Köln. F. R. Das allerdings inhumane Verfahren jenes Arztes können wir nicht zum Gegenstand einer öffentlichem iBesprcchung machen. Aerztc sind Menschen wie die anderen; sie unterliegen denselben Krank- Heilsstörungen, wie diejenigen es sind, welche zu Zeltest den Geist ganzer Völker trüben,— das beweist die Geschichte der Medizin zur genüge. Es kann also garnicht anders sein, als daß der unsolide, lügnerische und schwindelhafte Geist, welcher seit mehreren Jahrzehnten das ge- sammle öffentliche Leben unsicher macht, nicht blos in der Medizin in ihrer Gcsanimtheit seinen Abklatsch findet, sondern daß auch bei einzelnen ihrer Vertreter, wenn sie den moralischen Halt verloren haben, jene krankhaste Störung in unangenehmer Weise zur Erscheinung gelangt, welche das jetzige Zeitalter leider„kaufmännisch klug" nennt. Altona. L. C. Ob das Trinken Ihres eigenen Urins ein Heil- mittel gegen Auswurf, Brust- und Rückenschmerzen ist?— Nein!— Ob Sie Sich den Magen damit verderben können?— Ja! Mandsbeck. O. H. Ohne persönliche Untersuchung läßt sich Ihr Leiden weder beurtheilen, noch behandeln. Kreslau. F. G. Die Folgen der Verstauchung des Fußgelenks werden neuerdings häufig sehr schnell durch die„Massage" geheilt. Da das letztgenannte Versahren von allgemeinem Interesse ist und namentlich dem Arbeiterstande durch Veröffentlichung der dabei zur Anwendung gelangenden Manipulationen ein wesentlicher Dienst erwiesen wird, so wollen wir die Redaktion demnächst mit einem diesbezüglichen Artikel versehen. Inzwischen gedulden Sie Sich. Hage». B. Ihre„Augenschwäche" scheint durch einen mit Haar zwiebeldrüsenentzündung der Lider verbundenen Augenbindehautkatarrh bedingt zu sein, welchen Zustand jeder Arzt Ihres Wohnortes zu heilen im Stande ist.— Das Nasenbluten ist in Ihrem Alter eine sehr häufige, aber— wenn es nicht allzubedeutend wird— keine bedenkliche Erscheinung. Vermeiden Sie alles, was den Blutandrang nach dem Kopfe vermehrt, also übermäßige körperliche Anstrengungen, Wein, Bier, Spirituosen und Kaffee, und ziehen Sie jeden Morgen kaltes Wasser in die Nase, um die Nasenschleimhaut zu kräftigen. Nascnblutungen kann nian übrigens in vielen Fällen sehr schnell stillen, wenn man den Daumen in seiner ganzen Länge fest gegen jene Seite der Nase(bis zum Auge hin) drückt, aus welcher die Blutung stattfindet.— Zum Nußknacken verwendet man sein schadhaftes Gebiß nicht, denn die schlechten Zähne würden ja dadurch wegbrechen, und mit einem künst lichen Gebiß— dem einzigen Ersatzmittel für ein natürliches!— können Sie erst recht keine Nüsse knacken.— Feigen, Rosinen;c. sind für solche, welche leicht an Magensäure leiden, von Nachtheil; jeder andere, der einen gesunden Magen hat, wird sie wohl vertragen, wenn sein Geldbeutel ihm bei den jetzigen schlechten Zeiten den Genuß solcher Leckereien gestattet. Das war ja wohl alles! Oder haben Sie sonst noch Schmerzen? I)r. Resau. QfoddlUions- Aorrespondeiy. Siifito« Aqrce. T. Die erwünschte briefl. Beantwortung Ihrer Ansragc ist er- solgt. Lassen Sie bald mehr von Sich hören I Würzburg. W. G. Das Silbenräthsel ist geglückt, die Charade nicht. Die leidige» Berse! Chemnitz. L. 0. V. Es freut uns, daß Sie Sich mit uns in Bezug aus die Teuselssrage einverstanden suhlen. Wie tommen Sie aber aus den Gedanken, daß erst „ein Geist die Stoffe gemacht haben muß, ehe er sie zu Körpern verbunden"? Können Sie Sich denn einen Geist ohne Körper denken, und stammt dieser gedankenlose Gedanke nicht aus derselben Fabrik, in der die niedliche Teuseliidee gedrechselt worden ist?— L. N. Schön! San Francisco. Frau A. J.-Ps. In diesen Tagen ist da? gewünschte Schreiben abgegangen. Je mehr Sie die Antwort beschleunigen, desto bester wird es sein. Crimmitschau. Schristsetzer K. Sehen Sie zu, ob Ihnen die Slöstelt'sche Literatur- geschichte genügt. Auch könnten Sie Sich nach Hösers„Deutscher Literaturgeschichte sür Frauen" trefflich bilden. Der Zusatz„sür Frauen" braucht Sie nicht im mindesten zu geniren. (stoldap. K. S. D. Ihr Aussatz verräth ebenso entschieden Talent, als ungenügende Borbildung zu schriststellerischer Tbäiigkeit. Da Sie über den letzteren Uebelstand selbst vollkommen im klaren sind, so wird er sich mit der Zeit heben lasten. Sie werden jahrelang unermüdlich fleißig sein müffen,»m das nöthige Bildungssundament zu legen. Die Wisiensselder, um welche Sic Sich zunächst kümmern wollen, werden trefflich be- leuchtet in dem Buche„Tie Erde" von Reclus �Bearbeitung von Ule), der„Populären HimmelSInndc" von Diestcrweg und der„Darwinschen Theorie" von Dr. Ludwig Büchner. Wenn Sie etwas Tüchtiges lernen wollen, so dürfen Sie Sich jedoch nicht mit flüchtigem Durchlesen dieser und ähnlicher Werke genügen lasten, sondern studiren Sie dieselben solange sorgfältig bis in das scheinbar Unbedeutendste hinab durch, bis Sie Sich des ganzen darin gebotenen Stoffes völlig Herr fühlen.— Ihre Arbeit wird re- mittirl; weitere Proben Ihres Talent« und Ihrer Fortschritte werden wir gern zur Beurtheilung entgegennehmen. Plüncheu. C. L. Wenn der Herr Prosestor K.(oder R.?), welcher„mit'Zirchow den kecken Schwindel, der mit nawrwistenschasllichen Hypothesen getrieben wird, vom Standpunkte vorsichtigen(l> naturwistenichastlichen Fortschritts aus offen verdammt," die„Wistenschast der Neuen Welt" achselzuckend sür„Zukunftsmusik" erklärt, so sagen Sie dem Herrn, daß die in der„N. W." zu vielsältigem Ausdruck gelangende neue Weltanschauung das Menschenleben in der Zukunft harmonisch gestaltet und aus eine unvergleichlich höhere Swse geistiger und sittlicher Entwicklung erhoben wisien will, als es während der Jahrtausende unter der Herrschalt religiöser Anschauungen erreicht hat. Insofern, und das Wort in seiner weitesten und edelsten Bedeutung gefaßt, ist ei Zukunftsmusik, was aus den Zeilen unseres Blattes und zwischen ihnen hervor zu den Ohren des Herrn Prosestors klingt. Das Achselzucken schenken wir dem Planne, denn wir glauben gern, daß besagten Ohren, die an die grellen Tiffonanzen der jahrbunderte alten christlich-monarchisch-kapttalistischen Katzenmusik gewöhnt sind, unsere Musik befremdlich und ärgerlich erscheinen muß. Reichliche Genugthuung finden wir in der lleberzeugung, daß das Stündlein jener vorsichttgen„Wistenschast" bald geschlagen haben wird, die sich unter der ausdrücklichen Zustimmung„großer" Gelehrter, wie Birchow und Konsorten, mit religiöser Thorheit so gut verträgt, wie sich zwei alte Weiber mit einander zu ver- tragen pflegen: in's Gesicht und öffentlich thun sie znmeist freundlich mit einander und hinter dem Rücken, insgeheim, räsonnirt jede aus die andere, was nur immer das Mund- iverk hält. Wenn es dann an's Begraben gehtt' wollen wir Zukunstsmusikanten den beiden alten Damen die letzte Ehre nicht versagen: wir legen sie zusammen in ein Grab und singen die schöne Strophe des lutherschen Osterlicdes: Es war ein wunderlicher Krieg, Da Tod und Leben rungen; Das Leben dai behielt den Sieg, - Es hat den Tod verschlungen. Die Schrift hat verkündet das, Wie da ein Tod den andern sraß: Ein Spott der Tod ist worden. Halleluja! Mainz. Dr. M. L. Ihren Wunsch hat die Expedition sofort erfüllt. Friedberg. L. H. Daß Sie Sich so lebhast sür die„N. W." interessircn, ist an- erlenneniwerth: aber den Rathschlägen, die Sie uns geben, ist kein ernste« Nachdenken über die sragl. Gegenstände vorausgegangen! Wie könnten Sie sonst wünschen, daß anstatt alle vier Wochen ein Heft von drei Nummern, allwöchentlich eine Nummer der „N. W." erscheinen möchte. Erstens erscheint alle drei Wochen ein drei Nummern starke« Heft, und dann können Sie die„N. W." gradeso gut allsönntäglich haben wie die„Gartenlaube". Auch darin sind Sie im Jrrthum, daß Sie meinen, wir könnten den Preis der„N. W." ganz ruhig noch etwas erhöhen, um jede Nummer statt D■> Bogen etwa 2 Bogen stark erscheinen zu lasten. Der großen Mehrzahl unserer Leser ist bei den gegenwärtigen Zeitläuften der Preis sicherlich grade hoch genug. Nur in einem Punkte haben Sic vielleicht recht: solche Notizen in unserer Korr., wie:„Ihre Arbeit konnte wegen Mangel an Zeit noch nicht geprüft werden," mögen geeignet sein, manchen von dem Borhaben abzuschrecken, uns eines seiner Geiftesprodukte zuzusenden. Aber das schadet durchaus nichts:— Alle verständigen Menschen können sich denken, daß die Re- daktion eine« über alle Kulturlinder verbreiteten Blattes stets wenigstens zehnmal soviel literarischen Stoff eingesendet erhält, als sie verwenden kann, und daß daher die Prüfung des Eingesendeten ein ebenso zeitraubendes als schwieriges Geschäft ist, welches im Hand- umdrehen nicht erledigt werden kann und darf: verständige Leute werden sich also durch solche in der'Natur der Sache begründete Bemerkungen nicht abschrecken lassen. Und die leider ziemlich große Zahl Unverständiger, die nicht etwa nur um baldige Prüfung ihrer Arbeiten bittet, sondern sogar umgehende Erklärung, ob ihre sast ausnahmslos sehr fragwürdigen Gcisteskinder angenommen werden oder nicht, kategorisch zu verlangen im Stande ist, die soll abgeschrccki werden. Honoluln(Sandwichinseln). F. Rz. Artikel nebst Photographie erhalten. Wohl beides verwendbar. Besten Dank. Jüterbog. E. F. Sehr verbunden sür so gute Meinung! Rostock. M. E. Wollen demnächst einen paffende» Rebus unterzubringen suchen. Magdeburg. Ein Arbeiter. Sie wünschen den Schluß von Kvtzebue's„Ausbruch der Berzweiflung" zu kennen? Hier ist er: Haft du. Schöpser, mich befragt,, Ob ich um die Hand voll Freuden Dulden wolle unverzagt Eine ganze Welt von Leiden? Ob es auch der Mühe werth, Mich aus nicht« hervorzurufen, Daß aus immer neuen Swsen Neues Unglück mich verzehrt? Wo die Menschen sühllos spötteln Bei dem nagendsten Berdruß— Soll ich da um Gnade betteln, Wo das Recht mir bleiben muß? Rein, ich harre ungeduldig! Denn vergelten mußt du mir! Bist Unsterblichkeit mir schuldig, Sieh', ich sordre sie von dir! Uebrigens rathen wir Ihnen dringend. Sich nicht von Kotzebue'scher WeltverzwestUUll anstecken zu lasten. Ursache des menschlichen Elends sind nicht die unergründlichen Lünen eines Schöpsers, sondern der Mangel an Beistand bei den Menschen selbst. Zum bmsel mit der Verzweiflung! Muthig und voll Selbstvertrauen vorwärts streben— des ist die rechte Losung sür die Generation des IS. Jahrhunderts. Was den Herrn Sdats- rath von kotzebue anlangt, so ist ihm die so barsch geforderte Unsterblichkeit xeiwrden: die Unsterblichkeit der Infamie, wie sie der feile russische Spion und Berräher des deutschen Bolke« verdient hat. Breslau. G. R. Zu gelegentlicher Berwendung reservirt.— L. Th.?anl! Oebcran. O. O. Nicht übel! New-Park. Dr. G. C. St. Brief erhalten, Antwort bald. Frdl.®. Winipcg(Britisch-Nordamcrika). Fr. G. H. Es hat uns gefreut, autz»ui Ihrem fernen Erdwinkel Zeichen Pr Sympathie zu erhalten. Wir hätten nur gwünscht, von Ihnen ausführlichere Mittheilung über die gegenwärtigen sozialen Bersältniffe Ihres Landes zu empfangen. Ihre aus eine Arbeit des Herrn Dr. Oidtman» bezügliche Mit Iheilung lasten wir diesem zunächst zugehen und werden sie dann oereffentlichen. Die Korrespondenz sür den„B." habe» wir der Redaktton deffelben übergeben. Sic können uns übrigen« Ihre genaue Adreffe angeben; wir werden in Ausl°a»dcr»ugiangelegen- heften häufig um Rath und Adressen in allen Welttheilen angegangen. Berlin. Rudolf F. Eine wirklich gute und zur Aneignung enier korrekten Schreib- weise ausreichende deutsche Sprachlehre gibt es nicht. Sie erreichen Ihren Zweck am besten, wenn Sie mustergiltige prosaische Schriften, bei Lessing, Schiller, Goethe an- saugend, studiren, einzelne Theile des Gelesenen aus dem(Fedächiniß nachschreiben und sich durch sorgsältigen Bergleich des Nachgeschriebenen mit»em Original über die Fehler Jdrer Schreibweise klar zu werden suchen. Aus briefl. üfantworttrng solcher Anfragen können wir uns natürlich nicht einlassen.— O. D. Aus�phrcn Zeilen spricht ein braves und trotz seiner revolutionären Anlage bescheidenes Gemü- Halten Sic fest zur Partei!— J. Ba. Ihr Roman ist für unsere Zwecke doch nich» s° recht geeignet. Wir schreiben Ihnen Näheres.— H. L. Auch die zweite der von Ihnen eingesendeten Schachpartien scheint zu unserem Bedauern zur Veröffentlichung nicht geeignet. Der 2s. Zug des Weißen ist ein grober Fehler, dessen ganz richtige Beantwortung seitens des Schwarzen eigentlich da» sosorttge Ausgeben der weißen Partte hätte nach sich ziehen sollen. Zog Weiß dagegen 2i)». hl, so war gar keine Gefahr vorhanden.— H. M. B. Wir werden unser Urtheil über Ihre Arbeit briefl. äußern.— P. B. Ganz hübsch, aber doch wohl nicht bedeutend genug. Hos. I. T. Wollen sehe», ob wir in der nächsten Nummer zu genügender Aus- kunst über dm fraglichen Gegmstand Raum finden. (Schluß der Redaktion: Sonntag, den 10. März.) Beim Quartalsschlüsse laden wir unsere Leser zu rechtzeitigem Neuabonnement ein und hoffen, daß alle sich die Weiter- Verbreitung unseres Blattes angelegen sein lassen werden. Redaktion und Expedition der„Reuen Welt". Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 20).— Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.