Ein verlorener Posten. Roman von Hiudokf Lavant. (Fortsetzung.) Wolfgang biß sich auf die Lippen. Konnte er, wenn, er ehr- lich sein wollte, entschieden widersprechen? Er sah nach der Uhr— es fehlten nur noch wenige Minuten an 11 Uhr und er hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er die Absendung des Telegraninis verhindern wollte. Noch war ja bis zwölf Zeit, da vorher der Waffenstillstand schwerlich gebrochen wurde; wenn es ihm gelang, durch eine lebhafte und eindringliche Schilderung dessen, was er gesehen und gehört, dem Kommerzienrath Furcht einzuflößen, für seinen Besitz nicht blos, sondern sogar für sein Leben(das wäre ja nur eine verzeihliche Nothlüge gewesen), so ließ sich derselbe doch vielleicht noch bestimmen, die Fabrikordming zurückzunehmen. Einen Erfolg konnte er sich freilich nur versprechen, wenn die Absperrung nach jeder Seite eine vollständige war und kein Bote durchzuschlüpfen vermochte; er machte also den jungen Arbeiter, der ihn zuerst empfangen hatte und ihn jetzt auch wieder zurück- begleitete, scherzend darauf aufmerksam, daß sie sich doch nicht so recht auf's Belagern verstünden und daß es ihm ein leichtes sein würde, aus dem Comptoir zu entkommen. Der Wink wurde ver- standen— der junge Mann beorderte sofort eine Anzahl Polen, die Rückseite des Gebäudes scharf zu überwachen und niemanden, wer es auch sei, durchzulassen. Der Gedanke, nun den Koip- mcrzienrath eine volle Stunde bearbeiten und die Einflüsterungen des Bürgernleisters und Weinlichs bekämpfen zu müssen, war wenig erfreulich, aber Wolfgang war entschlossen, nichts unversucht zu lassen und den Kampf mit allen aufzunehmen; es durfte nicht zum Einschreiten der Husaren kommen, es durfte wenigstens nicht nach ihnen geschickt werden, und wenn sie infolge andcrweiter Benachrichtigung kamen, so hatte er wenigstens alles gethan, was in seinen Kräften stand, und brauchte sich keinen Borwurf zu machen. Diese Gedanken jagten sich in seinem müden, wirren, übernächtigen Kopfe, als er nach einer fast artigen Verabschiedung von dem Vertreter der Gegenpartei dem Coniptoir zuschritt. Da fühlte er sich plötzlich am Aermel gezupft und gewahrte neben sich einen kleinen barfüßigen, blauäugigen Knaben, der ihm ein zusammengefaltetes Zettclchen hinhielt; ein„Fräulein" hätte es ihm gegeben und ihm aufgetragen, es so schnell als möglich Herrn Hammer zu bringen, den er aus dem Fabrikhof finden würde. „Ja, kennst dm mich denn, Kleiner?" „O, wie werde ich Sie nicht kennen? Wir kennen Sie alle ganz gut." Wolfgang überhörte die kindliche, hübsche Antivort. Er hatte den ziemlich roh zusammengebrochenen Zettel hastig geöffnet und erschrocken und empört knitterte er das inhaltschwere Briefchen in der Faust zusammen. Auf grobem Papier und in eilfertig hin- geworfenen, aber dennoch lingelenken Schriftzügen las er folgende Worte: „Sie waren kaum fort, so ließ der Herr Kominerzienrath sich von den andern Herrn beschwatzen. Ich wurde mit der Depesche fortgeschickt und es hielt mich niemand ans. Die Depesche, auf die man schon gewartet hatte, ist gleich fortgegangen— es war höchstens halb elf. Richten Sie sich danach. Ich habe mich selbst angeboten, weil sonst einer von den Polizisten sich fortgeschlichcn hätte und dann hätte ich Ihnen keine Nachricht geben können. Ida." Wolfgang fühlte sich von einem Schwindel angewandelt; es wurde ihm momentan schwarz vor den Augen; aber die Erbitte- rung über den Wortbruch, den man gegen ihn begangen, gab ihm rasch die Besinnung wieder. Die fieberhafte Aufregung, in welche die Zeilen der Kleinen ihn geworfen hatten, wich rasch einer unheimlichen Kälte. Er bückte sich herab zu dem Knaben und küßte den Erstaunten auf den kirschrothcn Mund, fuhr ihm mit der Hand über den kurzgeschorcncn Flachskopf, der so hübsch mit dem sonncngebräunten Gesichts kontrastirte, und sagte ihm: „Hab Dank, mein Junge, du hast deine Sache brav gemacht. Und morgen kommst du einmal in meinen Garten und holst dir Johannisbeeren— ja?" Der Kleine wurde ganz roth vor Freude und Verlegenheit und nickte verschämt, während Wolfgang, der ihn schon wieder vergessen hatte, sich einen letzten, verzweifelten Entschluß abrang. „A corsairc corsairc et derni"*), knirschte er;—„und es soll nicht zum Hauen und Schießen kommen und sollte ich darüber zum Lügner ivcrden und auf und davon gehen müssen Knall und Fall. Nun bitte ich euch nicht mehr— nun zwinge ich euch und stelle nachträglich die Kabinetsfrage." Jetzt, wo er den schlagendsten Beweis dafür in den Händen hatte, daß man im Comptoir keinen gütlichen Ausgleich wollte, jetzt, wo die Husaren von Minute zu Minute eintreffen konnten und jede verrinnende Sekunde seinem gereizten Ehef, dem an *) Dem Seeräuber gegenüber andcrthalber. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. seiner Amtswürde verletzten Bürgernleister und dem rachgierigen Weinlich ein erhöhtes Gefühl der Sicherheit geben und sie in ihrem starren Trotz bestärken mußte, durfte er keine Nachgiebigkeit mehr erwarten. Sich von seinen Vorstellungen noch irgendeinen Erfolg zu versprechen und einen Sieg seiner Bcredtsamkeit über die Leidenschaften fiir möglich zu halten, die im Comptoir die Herrschaft an sich gerissen hatten,-wäre ein gradezu kindlicher Optimismus gewesen. Andrerseits mußte der Platz geräumt sein, bevor die Husaren anlangten; ihr Erscheinen konnte nur zur Folge haben, daß die Erbitterung der Arbeiter in hellen Flammen auf- loderte, und goß eine schroffe Haltung des Anführers der Reiter noch Oel in's Feuer, was ja die Wahrscheinlichkeit für sich hatte, so war keine Macht der Erde im Stande/ein Blutvergießen zu ver- hindern; warf er sich dann der Strömung entgegen, so schwemmte ihn eine Woge derselben mit fort oder schleuderte ihn spielend zur Seite. Hier gab es kein Zaudern; er kehrte um und suchte den jungen rheinischen Arbeiter auf, der, als er ihn gewahr ivard, die lebhafte Berathung, deren Mittelpunkt er war, verließ und ' ihm rasch entgegentrat. „Hat man sich doch noch anders besonnen? Es wird hohe Zeit." „Die Fabrikordnung wird einfach zurückgezogen, unter der ein- zigen Bedingung, daß der Platz binnen fünf Minuten gcränmt ist und daß die Arbeit nach Tische wieder aufgenommen wird. Veranlassen Sie so schnell als möglich das weitere— jede Minute Zeitverlust kann sich bitter rächen." Er hatte die Worte herb und scharf herausgestoßen und bleich und düster erwartete er die Wirkung seines gewagten Schrittes. Aber die Arbeiter schienen nicht sehr geneigt, ohne weiteres seiner überraschenden Mittheilung Glauben zu schenken und sich zurück- zuziehen. Man zauderte und einer sagte endlich in halb ent- schnldigendem Tone: „Ihr Wort in Ehren, Herr Hammer, aber das muß uns der Herr Kommerzienrath persönlich wiederholen; wir wollen uns nicht an der Nase herumführen lassen, und wer bürgt uns dafür, daß man Sie, nachdem man seinen nächsten Zweck erreicht hat -und uns los geworden ist, nicht einfach Lügen straft?" „Ich gebe Ihnen eine Bürgschaft— mein Wort. Genügt es nicht?" „Es genügt, Herr Hammer!" erwiderte ernst, und mit einem forschenden Blick der junge Rheinländer. Dämmerte ihm eine Ahnung von dem eigentlichen Zusammenhange auf?„Sie, das weiß ich, ertrügen unsere Verachtung nicht,— Sie machen sich nicht zum Werkzeug einer Lüge. Wir erfüllen, nachdem man unsere Forderung bewilligt hat, unser Versprechen: in zwei Minuten ist kein Mann mehr auf dem Platze und— die Husaren werden keine Arbeit finden," fügte er, bedeutsam betonend, hinzu. Wieder ließ er sich auf die Tonne heben— ein donnerndes, triumphircndes Beifallsgeschrei beantwortete seine Eröffnung. Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit und Disziplin, die Wolfgang einen Begriff von der Ernsthaftigkeit und Planmäßigkeit des Widerstandes gab, auf den die Husaren gestoßen ivären, verließ die Menge den Platz, und nach Minuten schon lag er leer und öde im Sonnenlicht und Wolfgang sah sich allein. Er athmcte erleichtert auf, aber nur, um im nächsten Moment die Hand vor die fiebernde Stirn zu legen; er war nach allen Aufregungen der Nacht und des Vormittags einer Betäubung nahe. Aber er rüttelte sich mit einer energischen Willensanstrengung aus derselben ans; er biß die Zähne»auf einander, als er auf die Fabrik zuging. Was ihm nun noch bevorstand, war ja der schwierigste Theil seiner Aufgabe, und wenn er das verwegene Spiel, mit dem er alles auf eine Karte setzte, verlor, wenn die Karte gegen ihn schlug, sah ihn schon der nächste Zug auf der Flucht vor der Verachtung derer, die seinem Wort vertraut hatten. War das sanfte, ernste Mädchengcsicht, dessen Bild in diesem Augenblick vor seinem geistigen Auge auftauchte und den Blick traurig auf ihn heftete, schuld an dem stechenden Schmerz, den er bei diesem Gedanken empfand? Der Kommerzienrath kam ihm ungeduldig und erwartungsvoll entgegen: „Sie sind ein Teufelskerl, Herr Hammer; daß Sie das fertig bringen würden, hätte ich nimmermehr gedacht. Wird die Arbeit nach Tische wieder aufgenommen?" „Sicher— es ist alles geebnet, freilich nur dadurch"(und Wolfgang legte einen fast trotzigen Stachdruck auf jedes Wort), „daß ich in Ihrem Namen die Fabrikordnung zurückgenommen habe." „Wa— was?" snhr der Fabrikherr auf, als könne er seinen ■ Ohren nicht trauen.„Sic hätten wirklich— niachen Sie keine schlechten Späße, Herr Hammer, ich bin durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt. Tie erlaubten sich einen sehr unpassenden Scherz? Ja oder nein?" „Stein; und die ganze Angelegenheit ist eine so ernste, daß auch Ihnen der Gedanke an einen Scherz völlig ausgeschlossen erscheinen sollte." „Wohl, was Sie mir da zumuthen, ist aber doch Heller Wahn- sinn; haben Sie denn auch nur eine Sekunde lang geglaubt, ich würde mich durch diese Komödie bestimmen lassen, nachzugeben? Dann kennen Sie mich sehr wenig; ich werde das von Jhiien eigenniächtig Vereinbarte niemals gutheißen." „Vielleicht doch, Herr Kommerzienrath, wenn Sie erst alle in Erwägung zu ziehenden Faktoren kennen. Sicherlich können Sic erklären, daß ich auf eigne Faust und Verantwortung und ohne Ihre Autorisation gehandelt habe, aber ich bilde mir noch immer ein, daß Sie doch Bedenken tragen werden, den eben erst bei- gelegten Konflikt wieder aufleben zu lassen, denn— wenn Sie nicht gutheißen, was ich vereinbart habe, so ist es für mich ein Gehot der einfachsten Ehrenhaftigkeit, mit dem nächsten Eisenbahn- zug M. zu verlassen, und ich rühre bis dahin keine Feder mehr an." „Also zwingen wollen Sie mich, Herr?" brauste der Kom- merzienrath auf, und die Zornader auf seiner Stirn war hoch- geschwollen.„Und wenn ich Sie nun gehen lasse, um nicht, sowohl den Arbeitern als Ihnen gegenüber, allen Respekt ein- zubüßen?" „Ich bin auf alles gefaßt und sehe Ihrem Entschluß mit großer Ruhe entgegen. Was ich gethan habe, wird mir immer als durch meine Menschenpflicht geboten erscheinen. Ich würde es mir nie vergeben können, hätte ich es zu einem Blutvergießen wegen einer Fabrikordnung kommen lassen, die Sie selbst nicht hilligen konnten, und die ich abscheulich fand; andrerseits war die Gefahr eines Genietzels in die bedrohlichste Nähe gerückt, denn ich sah Sie unbeugsam und von verhängnißvollen Einflüssen beherrscht, und die Arheiter waren zu gewaltsamer Abwehr entschlossen und ge- rüstet. So habe ich denn beiden Theilcn zu dienen geglauht, und wenn ich den gutgcineinten Versuch mit meiner Stellung bezahlen muß, so wird mich das im vorliegenden Falle wenig anfechten und ganz gewiß nicht irre an mir selber machen. Ich will Sie nicht drängen, Herr Kommerzienrath, überlegen Sie die Angelegenheit, die nun doch noch etwas koniplizirtcr geworden ist, in Ruhe und geben Sie mir um ein Uhr Ihre Antwort. Ich verzichte absichtlich darauf, den Vorstellungen des Herrn Bürger- meisters und meines menschenfreundlichen Kollegen die Wage zu halten, nur darum bitte ich Sic, meinen Entschluß als einen unwiderruflichen anzusehen. Es ist nicht meine Art, derartige Erklärungen abzugeben und sie später zurückzunehmen." Es war eine äußerst ceremoniclle Verbeugung, mit welcher Herr Reischach den jungen Mann entließ; dennoch fühlte dieser, daß das Spiel bereits halb gewonnen sei. Wolsgang nahm sich nicht die Zeit, nach Hause zu gehen; er warf nur seinen als Regenreierve m der Comptoir-Garderobe hängenden leichten Ueber- rock über die Schultern und vertauschte den Helm mit dem weichen Filzhut, und ohne auch nur nach dem Stadtoberhaupt und dem alten Weinlich zu fragen, schlug er den nächsten Weg nach der Chaussöe nach W. ein. Er hatte dieselbe noch garnicht lange verfolgt, als sein Blick eine in der Ferne aufsteigende Staubwolke gewahrte, die sich rasch näherte; sehr bald ließen sich die voraus- sprengenden Eclaireurs der Schwadron erkennen, und Wolfgang blieb gelassen stehen und ein heimliches, zufriedenes, ein ganz klein wenig spöttisches Lächeln irrte um seine Mundwinkel. Der im schärfsten Tempo herantrabenden Schwadron war der Ritt- meister weit voraus, und Wolfgang erkannte mit einem Gemisch von Mißbehagen und Humor seinen Rivalen, dem er nun schon zum zwcitenmalc eine Hoffnung zu Wasser machte. Der Ritt- meister, dessen Blick an der Kirchthurmspitze des Städtchens hing, und der im Geiste bereits zur Attake auf- tobende Arbeitermassen blasen ließ und nach derselben den überströmenden Dank des Koninierzienraths(und seiner Damen) für sein„ritterliches" EinHauen, das sie aus den Händen des Pöbels befteite, entgegen- nahm, wäre achtlos an Wolfgang vorübergetrabt, hätte ihm dieser nicht zugerufen:„Herr Rittmeister, mäßigen Sie Ihre Eile— Sie kommen trotzdem früh genug, denn der Krawall ist vorüber und der ganze Konflikt in Güte beigelegt." War es fiir den Rittmeister schon eine höchst unerwünschtc' lleberraschung, dem jungen Manne zu begegnen, dem gegenüber 327 cr ziveiinal eine so unglückliche Rolle gespielt hatte, so riß ihn die Eröffnung Wolfgangs aus allen Hiinineln. Er brachte sein Pferd zum stehen, koinmandirte„Halt!" und fragte in fast gereiztem Tone: „Haben Sie-Austrag, mir entgegenzugehen oder habe ich mich bei Ihnen für eine persönliche— Aufmerksamkeit zu bedanken?" „Ich bcauspruche keinen Tank, Herr Rittmeister, obgleich es Ihnen ja ganz erwünscht sein kann, bei Ihrer Ankunft im Städtchen bereits von der veränderten Lage Kenntniß zu haben; Sie werden jetzt sicher eine langsamere Gangart wählen und einen etwas iveniger martialischen und ffnstcren Gesichtsausdruck annehmen, wie er einem harmlosen Spazierritt angemessen ist." Inzwischen war auch der Prcmicrlieutenant herangeritten und fragte scharf und in feindseligem Tone:„Und daß es bei dem bloßen Spazierritt bleibt, ist jedenfalls Ihr Werk?" Wolfgang gab mit der unbefangensten Miene eine beißende Antwort.„Allerdings. Ich bin ein so großer Freund des Militärs und besonders der Husaren, daß mir sehr viel daran lag, einen Zusammenstoß zu verhüten, bei dem Sie sehr leicht durch einen Hagel von Pflastersteinen hätten zurückgeschlagen werden können. Und nicht ivahr, Herr Prcmierlieutenant, Verivundungen, die nicht durch Kugel oder Klinge erfolgen, sind unerwünscht und es klebt ihnen immer ein Makel an?" Der junge Offizier gab keine Antwort; er dachte an die schmale, rothe Spur, die sich seit der Nacht, welche dem Geburtstag Fräulein Emmy's folgte, guer über sein Gesicht zog, und in leidenschaftlicher Erregung schloß er die Rechte um den Säbelgriff und biß sich auf die Lippe. Der Rittmeister hielt es unter solchen Um- ständen für das beste, das Gespräch zu beenden, damit es nicht am Ende eine bedenkliche Wendung nahm. Er wendete sich au den Premierlieutenant und jagte gemessen und Wolfgang ignorirend: .Hinunter müssen wir aber doch reiten und dem Herrn Kom- nierzienrath unsere Aufwartung machen?" Ter Premierlieutenant nickte, und auf des Rittmeisters Kommandoruf ritt die Schwadron dem Städtchen zu. Die beiden Offiziere hatten Wolfgang, in jener nachlässigen Weise gegrüßt, durch die man so gut eine ge- wisse Geringschätzung ausdrückt; er lächelte ironisch und rückte nur leicht seinen Hut, und in dem Blick, den er der im Sonnenlicht glitzernden Schwadron nachsandte, lag der Ausdruck des reinsten Triumphs. In einem Gasthaus an der Straße kehrte cr ein; erst fühlte sich todtmüde; seine Knice zitterten, als cr sich niederließ, und während cr ein paar Bissen zu esse» versuchte, sank sein Kopf auf den Arm, den er aus die Tischplatte gelegt hatte, und bleischwer schlössen sich die Lider über den brennenden, schmerzen- den Augen. Er hörte nichts davon, daß die Schwadron auf dem Rückweg vorüberritt, und es war ziemlich ein Uhr, als er erivachtc. Wie es uns häufig geht, wenn wir starke und anhal- tciide Aufregungen durchzumachen hatten, war auch über unfern jungen Freund eine völlige Apathie gekommen, und cr sah der endlichen Entscheidung, an deren Schwelle er jetzt stand, mit unsäglicher Gleichgiltigkeit entgegen. Der Empfang, welchen ihm der Kommerzienrath bereitete, überraschte ihn aber doch. Herr Reischach war allein And sein Gesicht hatte weder einen mürrischen, sauertöpfischen, verkniffenen, noch einen forcirt feierlichen Ausdruck; mit einem Anflug von jovialer Kordialität kam er Wolfgang entgegen und hielt ihm die Hand hin: „Sie bleiben natürlich, Herr Hammer, und die Fabrikordnung wird nach den Wünschen der Arbeiter geändert; ich habe die Husaren, die auf ein Telegramm der Station hinausgcsaudt worden waren, wieder weggeschickt und auch mit dem Bürgermeister alles in der Weise arraugirt, daß die dumme Geschichte in der Hauptsache vertuscht wird und keine unangenehmen Folgen für die Krawallcr hat. Es ist doch am besten so, Sie haben recht; aber daß Sie ein so desperater Mensch sind und mir ohne ivcitcres den Stuhl vor die Thüre würden setzen, hätte ich doch nicht gc dacht. Nun, mit den Jahren wird man ruhiger, das werden 2ie sehen." Tie reine Freude, mit der Wolfgang dem Kommerzienrath kür seinen Entjchluß dankte, ivürde eine starke Trübung erfahren haben, hätte er gewußt, daß die Bonhomie seines Chefs nur Maske und sein eigentliches Empfinden ein keincsivegs frennd- liches war. Ter Konimerzieurath hatte sich nur entschlossen, seinem rebellischen Coinptoirchcf nachzugeben, weil er denselben für die nächsten Monate schlechterdings nicht entbehren konnte und weil er einen Sttike der Arbeiter fürchtete, der bei der augenblicklichen Lage des Geschäfts mit großen Opfern für ihn verknüpft gewesen wäre. Er vergab es Wolfgang so leicht nicht, ihn durch eine „Komödie" zum Nachgeben gezwungen zu haben, er war sogar entschlossen, bei erster Gelegenheit eine gründliche Rache zu nehmen und dem„arroganten" jungen Manne die peinliche Viertelstunde mit Zinsen heimzuzahlen, aber die Klugheit rieth ihm, sich davon zunächst nichts merken zu lassen und sich zu stellen, als nehme cr die Sache leicht. Es war ihm vor allem darum zu thun, von seinem gefährdeten Ansehen soviel als möglich zu retten. So stellte cr dem Bürgermeister und Weinlich die Nachgiebigkeit als eine durch schwerwiegende, geschäftliche Rücksichten bedingte dar, und erstcrer, dessen gewichtigster Steuerzahler der Kommcrzieu- rath war, und der, wo es sich um Sammlungen für wohlthätige und Verschöuerungszwccke handelte, mit der guten Laune desselben rechnen inußte, hielt es nicht für gerathen, irgendeine Rücksicht höherznstellen, als die geschäftlichen Erwägungen des Herrn Reischach, während Weinlich seinem Chef ja nie wiedcrsprach, sondern sich mit geschmeidiger Schmiegsamkeit in seinen Willen fügte, mochte derselbe noch so wenig nach seinem Geschmack sein. Der Alte errieth wohl die eigentliche Ursache der befremdlichen Sinnesänderung seines Chefs, und diese Vermuthung machte seinen Haß gegen Wolfgang nur noch giftiger; aber er sagte sich, daß der junge Mann diesen Sieg theucr bezahlen iverde und den Boden unter seinen Füßen selbst unterhöhlt habe; sein Sturz war bei seiner gewiß noch öfter zutage tretenden Parteilichkeit für die Arbeiter nur eine Frage der Zeit, und ans ein halbes Jahr des Wartens kam es dem alten Wcinlich ivahrlich nicht an. Infolge der von dem ebenso geriebenen als eitlen Kommerziell- rath adoptirten Taktik wurden die Offiziere, als ihre Schwadron ili den Fabrikhof eingeritten war, mit dem Ausdruck des leb- Hastesten Bedauerns darüber empfangen, sie umsonst bemüht zu haben; die Haltung der Arbeiter sei zwar eine Zeitlang eine so bedrohliche gewesen, daß der Herr Bürgermeister es für unerläßlich gehalten habe, sich militärischer Hilfe zu versichern, doch- habe die Unerschrockciihcit, Energie und Unbeugsamkeit des Fabrikherrn ihnen dergestalt imponirt, daß sie ganz kleinlaut und eingeschüchtert das Feld geräumt hätten. Man setzte den Offizieren ein Früh- stück vor, und die Mannschaften wurden mit Bier regalirt, aber nach kurzer Zeit schon ordnete der sichtlich verstimmte und cnt- täuschte Rittmeister den Wiederanfbruch an. Er hatte entschieden kein Glück und alle Mächte des Zufalls hatten sich feindlich gegen. ihn verschworen. Die Depesche war dem Major, der in dem Hause wohnte, in welchem sich das Telcgraphenburean befand, ohne Verzug zu Händen gekommen und cr hatte dem Rittmeister, der sich mit seiner Schwadron auf dem nach M. zu gelegenen Exerzirplatze befand, durch eine Ordonnanz die schriftliche Ordre ertheilt, unverzüglich nach M. aufzubrechen und nothfalls mit rücksichtsloser Energie einzuschreiten. So gab Fortuna dem Ritt- meister, wie cr meinte, eine Gelegenheit, sich durch Entschlossen- heit und Thatkraft auszuzeichnen und sich dadurch die Anwart- schaff auf die nächste freiwcrdende Majorsstelle zu erwerben; viel wichtiger war es ihm freilich, daß ihn der Zufall dazu berief, der Retter des Kommerzienraths und seiner Damen zu werden. Er dachte sich das Wohnhaus von einer wüthcnden Menge umzingelt und bedroht, den Kommerzienrath in Verzweifluilg, die Damen in Ohnmacht und Todesangst. Wenn cr nun den Haufen durch einen ungestümen Reiterstoß auseinandersprengte, und dann mit noch entblößter Klinge in den Salon trat, um zu melden, daß alle Gefahr beseitigt sei, mußte dann nicht für die Damen, auch für Martha Hoher, eine Glorie der Ritterlichkeit sein, nur noch dürftig behaartes Haupt umfließen, und wenn cr in dieser Situation die Gunst des Augenblicks mit raschem Entschluß be- nutzte und seine Werbung anbrachte, sprach dann nicht die Wahr- scheiulichkcit dafür, daß dieselbe angenommen ivard? Er wußte es nicht anders, als daß nichts den Frauen so sehr imponire, als männliche Tapferkeit, grade wegen ihrer natürlichen Furcht- samkeit und ihres Schutzbedürfnisses, und so tonnte leicht diese Borniittagsstunde seinem Geschick eine ganz andere Wendung geben. Nicht viel anders hatte der Premierlieutenant kalkulirt, nur daß er an den„kleinen hübschen Grasaffen Enimh" dachte. Nun waren beider Luftschlösser zcrronness, aller Wahrscheinlichkeit nach infolge eines zielbewußten Eingreifens jenes Menschen, der die Uniform ausgezogen hatte, um den Comptoirsesscl zu besteigen! Das war wohl geeignet, beide unwirsch zu machen, und als die Schwadron aufgesessen war, gaben sie nach einer ziemlich kühlen Verabschiedung von Herrn Reischach ihren Pferden die Sporen zu fühlen und sprengten davon.(Fortsetzung folgt.) Die Sanduiich-Mseln. Von K. Wz. (Schluß.) Die Thicrwelt der Inseln ist nicht besonders reich. Bier- snßige wilde Thierc findet man, wie auf den Südsce-Jnseln überhaupt, nicht. Die Ureltcrn der Pferde, Schafe, Ziegen:c., welche man an den grünen Abhängen der Berge weiden ficht, wurden durch Weiße nach den Inseln gebracht. Schweine waren einheimisch. Schlangen finden sich nicht vor. In den Bergen halten sich einige zum Theil prächtig gefiederte Vögelgattungen auf. Erwähnt sei hier, daß König Kamehameha I. einen ganz aus Federn gc- fertigten großen Kriegsmantel be- saß, dessen Fabri- kation der Tra- dition nach neun Generationen von Königen hin- durch in Anspruch nahm. Von den das Material lie- fcrnden Vögeln besaß jeder nur zwei der dazu verwandten Fe- dcrn von brillan- tem Gelb, und da diese Vögel nur in den gebirgig- sten, unzugäng- lichstcn Theilcu der Inseln zu finden ivaren, so mag allerdings neben einer im- Mensen Zahl von Vögeln ein großer Aufwand von Ge- duld und Mühe zur Anfertigung dieses„goldncn Mantels" nöthig gewesen sein. Kamehameha machte ihn später dem König Georg dem Vierten von England unter derausdrücklichcn Bedingung zum Geschenke, daß ihn niemand als der König selbst tragen diirfe. Das Klima der Inseln ist ein angenehmes, da die Hitze durch die Seewinde gemäßigt wird. Es ist von solcher Gleichmäßigkeit, daß die Eingeborncn kein Wort für den Begriff„Wetter" haben. Das Thermometer steht das ganze Jahr hindurch meist um 80 Grad Fahrenheit. Der �iegenfall ist an keine besondere Jahreszeit gebunden, wenn auch in den Wintermonaten etwas stärker als in der übrigen Zeit des Jahres. Zuweilen fegen jedoch heftige Stürme über die Inseln, welche die Temperatur herabstimmen. Kommen wir nun zu den Ureinwohnern der Inseln. Die eingeborncn Insulaner sind ein schöner, wohlgebauter Menschen schlag von nußbrauner Hautfarbe, mit glatte», schwarzen, zu- weilen blonden Haaren. Intelligent und gutmüthig machen sie auf jeden Fremden einen guten' Eindruck. Sie sind zum großen Theil der englischen Sprache mächtig.'Wie bereits bemerkt, sind Hoffmann von Fallersleben.(Seite 335.) ans den Inseln angcsiedclteu Fremden zum größten Theile ver- loren. Besondere Waffen führen sie garnicht mehr. Die Klei- dung der in den größeren Plätzen Wohnenden unterscheidet sich im Grunde garnicht von der der Weißen: leichte, bequeme An- zügc, als Kopfbedeckung breitkrempige Stroh- oder Panamahüte. Das weibliche Geschlecht, unter welchem mau zuweilen recht hübschen Gesichtern begegnet, trägt einen einfachen Ueberwurf von buntem Kattun, welcher, gleich dem Ornat eines Priesters, von den Schul- lern zu den Füßen reicht. Aus der Rinde eines Bau- ines verstehen sie mittels Schlagen und verschiedener Manipulationen einen Löschpapier- ähnlichen, jedoch ziemlich haltba- ren Stoff zu ver- fertigen,„Tapa" genannt,ihrenur- sprünglich cinzi- gen Bekleidnngs- stoff, der jedoch allmählich ganz außer Gebrauch kommt. Allge- meine Sitte unter ihnen, sowohl un- ter dem weiblichen als unter dem männlichen Ge- schlecht, ist, sich zu bekränzen. Um Hals und Schul- teru � liebt man Kränze von dicht aneinander gc- reihten Blumen und Guirlanden von Laubwerk zu tragen, eine Sitte, welche man auch auf den Gesell- schafts-Inseln findet. Ueber die Art ihres einstigen, heidnischen Got- tesdicnstes konnte Schreiber dieses wenig Zuverlässi- ges in Erfahrung bringen, und über das Vcrhältniß der sich meist durch außer- ordentliche Körpergröße auszeichnenden alten Häuptlinge zum „Volke" sei nur soviel bemerkt, daß erstere über letzteres eine Machtbefugniß besaßen, nach welcher vielen der europäischen Herrscher der Mund wässern würde. Die ursprünglichen Wohnungen der Eingebornen bestanden aus niedrigen Grashütten primitivster Art, die größeren mit polygonalen Dächern versehen. Diese verschwinden allmählich. Allgemein greift man nach Holz und Stein als Baumaterial. Bauholz wird von dem 2000 englische Meilen entfernten Kali- formen eingeführt. Ihre Nahrung ist zumeist vegetabilisch. Die Mahlzeiten werden von dem gewöhnlichen Volke in kauernder Stellung eingenommen. Das tägliche Hauptgericht ist der bereits erwähnte„Poi". Eine sie schon lange Christen, und Kirchen findet man auf allen Inseln Licblingsspeise ist der aus einer Knollenfrucht bereitete„Pia". in großer Anzahl. Ihre alten Volkssitten haben sie infolge der Nächst dem Poi und Früchten aller Art machen Fische, welch, Wirksamkeit der Missionare und des Verkehrs mit den allmählich I zum Theil gedörrt, zum Theil roh mit Salz genossen werden 330 einen Hauptbcstandtheil der Nahrung ans.— Tic Sprache der Hawaiicr ist im Grunde ein und dieselbe wie die der Bewohner aller anderen Südsee-Inseln, die Fidschigrnppe ausgenommen. Sie ist sehr weich»nd besteht meist ans Silbcuwiederholungen. TaS hawaiische Alphabet besitzt nur 12 Buchstaben, nämlich: a, e, i, o, u, h, k, 1, m, n, p, w. In dieser Sprache erscheinen in Honolulu zivei Wochenzeitnngen von großem Format, welche gegenwärtig lebhaft mit dem russisch-türkischen Kriege beschäftigt sind. Tie eine nennt sich„Hawaii ponoi"(der ächte Hawaiier), die andere„Hupepa kuokoa"(die unabhängige Zeitung). Man findet in jetziger Zeit unter den Eingebornen Handwerker verschiedenster Art. Auch als Seeleute erweisen sie sich brauchbar. Zuweilen hört man von einer Anzahl junger Burschen einer Schönen ein Ständchen bringen. Tie Weisen ihrer Minnelieder sind melodisch, der Text ein kurioses Gemisch von hawaiischer und englischer Sprache. Für Bolksbildnng ivird in den öffentlichen konfessionslosen Schulen durch unentgeltlich ertheilten Unterricht gesorgt. Außer diesen existiren noch zahlreiche Privatschulen. Die Schüler werden in den größeren Ortschaften außer in ihrer Muttersprache auch im Englischen unterrichtet. Jedes Kind ist verpflichtet, solange die Schule zu besuchen, bis es mindestens die nothwendigsten Elementarkenntnisse besitzt. Die Zahl derjenigen Erwachsenen, welche nicht lesen, schreiben und rechnen können, ist auf den Sandwichinseln geringer als irgendwo, was allerdings unfern europäischen„Knlturstaatcn", weiche die Intelligenz gepachtet zu haben meinen, etwas sonderbar vorkommen mag. Es ist diese erfreuliche Thatjachc zum Thcil der besseren Klasse von Weißen, die sich hier angesiedelt, zum Theil— man muß es ihnen lassen— der Wirksamkeit der Missionäre zuzuschreiben. Im höchsten Grade auffallend ist die ungemein starke Ab- nähme der eingebornen Bevölkerung. Cook schätzte vor hundert Jahren die Zahl der Bewohner sämmtlicher Inseln auf 400,(XX). Zweifellos war diese Zahl bedeutend zu hoch gegriffen. Immer- hin wies aber die erste im Jahre 1832 vorgenommene amtliche Volkszählung noch eine Einwohnerzahl von 130,000 auf. Tie seit dieser Zeit vorgenommenen Volkszählungen zeigten eine rapide Abnahme der Bevölkerung. Die Zählung von 1836 ergab 108,000, von 1849: 84,000, von 1853: 73,000, von 1860: 69,000, von 1866: 62,000, und die letzte, 1872 vorgenommene Zählung wies nur noch 56,000 Einwohner ans, einschließlich der mehreren tausend Fremden. Gegenwärtig schätzt man die Zahl der Eingebornen auf höchstens 45,000. Diese Zahlen zeigen deutlich, daß sich die Urbewohncr der Inseln, gleich den amerikanischen Jndianerstämmen, auf deni Aussterbeetat befinden. Aus den Gescllschafts- und andern Südsce- Inseln beobachtet man dieselbe Erscheinung. Die innthmaßlichen Ursachen sind mannichfach. Es würde zu weit führen, dieselben hier zu erörtern. Erwähnt muß jedoch werden, daß die durch Ausländer eingeschleppten Krankheiten, besonders Syphilis und Lepra, eine der Hauptursachcn sind. Die an der von Chinesen eingeschleppten Lepra Erkrankten bringt man, da man diese entsetzliche Krankheit für unheilbar hält und dieselbe ansteckend ist, auf einen abgesperrten Theil der Insel Molakai, woselbst sie der Tod nach längerer oder kürzerer Zeit von ihren Leiden erlöst. Da eine große Zahl der eingelvanderten Fremden mit ein- geborenen Frauen verheirathet ist, so wächst allmählich eine Mischlingsrasse heran. Die Zahl dieser„Halbweißen" betrug bei der Volkszählung von 1872 bereits 2500 und es ist dieselbe im stetigen Wachsen begriffen. Tic größere Hälfte der auf den Inseln lebenden Ausländer besteht aus Chinesen. Es mag deren Zahl gegenwärtig 4— 5000 betragen. Sie gehören, mit sehr vereinzelten Ausnahmen, der arbeitenden Klasse an. Die Einwanderung— richtiger Jmpor- tation dieser Kulis ist gegenwärtig sehr stark. Als billige Arbeitskräfte sind dieselben den hiesigen Plantagenbesitzern ebenso willkommen, als den Kapitalisten und Großgrundbesitzern Kali- forniens. Jllus demselben Schiff, auf welchem Schreiber dieses von San Franziska nach den Inseln reiste— einer alten Barke, welche schon„manchen Sturm erlebt"—, befanden sich 150 Chinesen, ausschließlich Männer zwischen 20 und 40 Jahren, welche sich kontraktlich verpflichtet hatten, drei Jahre für 10—12 Dollar pro Monat auf Znckerfeldern zu arbeiten. Wie sehr die Chinesen dem Laster des Spiels ergeben sind, hatte ich auf's neue zu sehen Gelegenheit. In Gruppen ans dem Boden des Zwischendecks gekauert, waren dieselben unter lautem Geschnatter bis tief in die Nacht hinein ununterbrochen mit Spielen um Geld, einer Art Dominospiel, beschäftigt. Streit und Schlägerei, wobei zuweilen die Schiffsmannschaft interveniren mußte, bildeten die einzige Unterbrechung. Gleichzeitig mit diesem lief ein von Hongkong kommendes, mit nahezu 400 Chinesen, darunter nur sechs Frauen, befrachtetes Schiff in den Hafen von Honolulu ein. Tie bezopften Passagiere waren ebenfalls ausschließlich als„Hände' für Zucker- plantagcn importirt. Die bedeutendsten Ortschaften auf den Inseln sind: Honolulu aus der Insel Oahu mit 15,000, Hilo ans der Insel Hawaii mit 4000 und Wailnku mit 4000 und Lahaina mit 3000 Einwohnern auf der Insel Maui. Ten Berkehr zwischen den verschiedenen Inseln vermittelt außer zahlreichen kleinen Fahrzeugen ein elegant eingerichtetes, nenerbautes Dampfschiff. Honolulu, die Haupt- und„Residenzstadt" des Königreichs und der Haupthafenplatz, liegt an einer kleinen Ebene, am Fuße eines ausgebrannten Vulkans, welcher infolge seiner Form den Namen„Punschbowle" trägt. Im Hintergründe erheben sich bis zur Höhe von 3000 Fuß die vielen Spitzen des das Rückgrat der Insel bildenden Gebirges, welches von zahlreichen, dicht- bewachsenen Thälern durchschnitten und dessen Beleuchtung je nach der Tageszeit und Witterung von höchst malerischem Effekt ist. Der Geschäststheil der Stadt macht mit seinen Logirhäusern und vielen Verkaufsläden ganz den Eindruck einer größeren ameri- kanischen Hafenstadt. Tic mit Trottoirs versehenen Straßen, welche thcils englische, theils einheimische Namen führen, kreuzen sich in rechten Winkeln. Unter den öffentlichen Gebäuden fällt besonders das neue Rcgiernngsgebäude,„Jolani", in die Augen. Auf einem freien Platze stehend, macht das aus künstlichem Stein aufgeführte Gebäude mit seinen doppelten Säulenhallen und vier- eckigem Glockenthurme einen imposanten Eindruck. Es enthält außer den Bureaus der Regierungsbeamten auch die öffentliche Bibliothek und den schönen, großen Sitzungssaal, in. welchem. die aus allgemeinem, gleichen und direkten Wahlrecht hervorgegangene gesetzgebende Versammlung des Reiches aller zwei Jahre zu- sammcntritt. lieber dem Hanpteingange erblickt man an hervorragender Stelle in erhabener Schrift:„Ha mau ko ea o ka aina > ka pono"(die Wohlfahrt des Landes ist im Rechtthun be- gründet), Worte, die König Kamehameha III. bei Gelegenheit einer Rede gebraucht und die seitdem Nationalmotto geworden sind. Diesem Gebäude gegenüber befindet sich, von einer Mauer umgeben, die sehr einfache Residenz des Königs, welcher jährlich eine Civilliste von 25,000 Dollar erhält und in der schweren Arbeit des Regierens durch ein Ministerium von vier Mitgliedern unterstützt wird. Seine Heeresmacht besteht aus 50 Mann nach europäischem Muster einexerzirter, hübsch uniformirter Soldaten. Unweit davon erblickt man das große, komfortabel eingerichtete Hotel, welches die Regierung mit einem Kostenaufwandc von über 100,000 Dollar erbauen ließ. Unter den sechs Kirchen fällt die katholische Hanptkirche durch ihre Größe und geschmacklose Bänart auf. Auffallend ist die Menge der von Chinesen gehaltenen Berkaufsläden, Thee und Kaffeehäusern, ivclche man in einem Theile der Hauptstraße der Stadl, der Nuuannstraße, erblickt. Ihre Inhaber sind meist„schon lange im Lande"; ihre Lokalitäten werden jedoch fast nur von Eingebornen frequentirt. Schreiber dieses sprach mit einigen, welche schon vor 25 Jahren hierher- kamen und sowohl der englischen, als der Sprache der Eingebornen mächtig waren. Ein großer Theil dieser„ansäßigen" Söhne des Reichs der Mitte ist mit Töchtern der Inseln verheirathet. In dem Theile der Nnuanustraße, welcher in das gleichnamige Thal führt, befinden sich die meisten, zum Theil recht einladenden, von luftigen Berandas umgebenen Wohnungen der weißen Kaufleute und Regiernngsbeamten. Die wohlgepflegten Gärten zeichnen sich durch üppige Vegetation aus. Zartbelanbte Tamarinden, Bananen, Fächer-, Kokos-, Dattel- und Königspalmen in malerischen Grup- pirungcn, Wasserpalmen mit ihren seltsamen, einem ausgebreiteten Damenfächer gleichenden Kronen, Brotfruchtbäume mit breit- fingerigen Blättern, schlanke Papaias mit ihren dichten Blättcr- kronen und rund um den Stamm sitzenden, melonenähnlichcn Früchten, dichtbelaubte Mangobäume, theils blühend, theils mit Früchten beladen w. entzücken nach allen Seiten hin das Auge des Fremden. Die Blumen, ivelche man in den Gärten erblickt, sind meist akklimatisirt. Die einheimischen Blumen sind wenig zahlreich, wenn auch zum Theil interessant. In anderen Stadt- theilen erblickt man vorzugsweise die Wohnungen der Eingebornen, meist leichtgebaute, hölzerne Cottages, hie und da in dichten Banmgruppen idyllisch versteckt.— Alles reitet hier: auch die eingebornen Frauen und Mädchen, ivelche jedoch rittlings im 2attc( sitzen, sind gewandte Reiterinnen, und man sieht sie pfcil- schnell auf den kleinen, einheimischen Pferden mexikanischer Ab- kunft durch die Straßen galoppiren. Auch die Musik wird in Honolulu gepflegt. Ein Piano darf in keinem Hause eines Weißen, der auf Bildung Anspruch machen will, fehlen, und ein aus öffentlichen Mitteln unterhaltenes, aus 25 jungen Hawaiiern bestehendes Musikkorps, welches durch einen Deutschen ausgebildet wurde, gibt häufig aus einem öffentlichen Platze Konzerte. Außer den bereits erwähnten hawaiischen erscheinen in Honolulu noch zwei englische Wochenblätter, deren Redaktcure allerdings nicht selten, wegen verspäteten Eintreffens der erwarteten Schiffsnachrichten, behufs Füllung ihrer Spalten in peinliche Verlegen- heit kommen. Im Hafen liegen außer zahlreichen Segelschiffen fast stets ein englisches, französisches und amerikanisches' Kriegsschiff, welche drei Mächte aus gegenseitiger Eifersucht die Unabhängigkeit des Königreichs garantirt haben. Tic Inseln waren früher eine Station Die Bedingungen Von Ätk �Jn der neuesten Zeit macht sich eine sehr berechtigte und hoffentlich folgenreiche Agitation gegen die Verfälschung der Lebensmittel seitens gewissenloser und gewinnsüchtiger Produzenten oder Kaufleute bcmerklich. Ich habe es deshalb für zeitgemäß erachtet, in dem folgenden einen kleinen Beitrag zur Aufklärung über diese Frage zu geben. Man muß in der Besprechung wirthschaftlicher wie anderer allgemeiner Fragen Zeitperioden, in denen die eine oder die andere besonders hervortritt, wählen, um allgemein wissenschaftliche Erörterungen daran zu knüpfen, die Klarheit iiber jene Fragen zn verbreiten im Stande sind, will man überhaupt diesen Besprechungen einigen Einflnß verschaffen. Denn gewiß ist eine für diese oder jene Erscheinung interesselose Zeit nur halb geneigt, sich über dieselben belehren zn lassen, und was darüber gesagt wird, bleibt nur lose im Gcdächtniß auf- gespeichert. Das für die meisten unentbehrliche Befestigungsmittcl für neue Gedanken, das unmittelbare, frisch geweckte Interesse fehlt in diesen Fällen oder ist nur in unzureichendem Maaßc vorhanden. Die folgenden Betrachtungen halten sich übrigens fern von spezifisch physiologischen Spekulationen. Sie sind geschrieben vom chemischen Standpunkt aus und können daher keinen Anspruch auf allseitige Vollständigkeit erheben. Jene andere Seite der Rahmiigsmiitelsragc zn beleuchten wäre Sache vcs erfahrenen Mediziners.— Von allen instinktiven Trieben, die sämmtlichen organisirten Wesen, an deren Spitze der Mensch steht und deren unendliche Reihe nach Höckel von dem strukturlosen Protoplasmaklurnpen*) des Meeresgrundes, dem Bathybius, oder den einzelligen Algen, deren tausende in einem Wassertropfen leben können, gemeinsam sind, ist der ursprünglichste und gewaltigste, alle anderen erst bc- dingende, der Drang nach Ernährung. Das kaum geborene Kind kennt noch keine andere Willensäußerung; was ihm nahe gebracht wird, steckt es ohne weiteres und häufig zum gerechten Eni- setzen der Mutter in den Mund, und es hat in den ersten Wochen *) Unter Protoplasma versteht man die zwar organische, aber »norganisirte, gallertartige bis dickflüssige, aus stickstoffhaltiger Materie bestehende Masse, welche im letzten Grunde das eigentlich das gesammte Lebensprinzip Tragende pflanzlicher wie thierischer Organismen ist. Die lctztern setzen sich nämlich aus Millionen und aber Millionen der verschiedenartigst gestalteten, mit bloßem Auge garuicht oder kaum ficht baren Zellen zusammen, die also ganz wie die Bausteine eines Hauses aufzufassen sind. Diese Zellen nun, deren jede einzelne von mehreren, sehr zarten Häutchen umgeben ist oder auch unumhüllt sein kann, haben ium Inhalt vor allem jenes Protoplasma, welches, vermöge seiner Fähigkeit, die aufzcnommeneii Stoffe chemisch umzusetzen, zu verarbeiten und wieder abzugeben an die Orte des Verbrauchs, das� im letzten Grunde Lebenerhaltendc des Organismus darstellt. Aller Tod hat das Aufhören der Funktionen des Protoplasmas zur Ursache. Derartige Protoplasmainassen, ohne irgendwelche Umhüllung, gallertartig, mit Wasser sich nicht mischend, obwohl für dasselbe durchdringbar, fähig, geeignete Nahrung auszunehmen und zu verarbeiten, hat man nun in nlcilcnweiter Ausdehnung auf dem Grunde des Meeres gefunden und hält sie für die niedrigste Form organischen Lebens. für Wakfischfahrer, und es liefen jährlich hunderte dieser Fahr- zeuge im Hafen von Honolulu ein. Doch wurde bekanntlich die amerikanische Walfischfänger-Flotte während des amerikanischen Bürgerkrieges durch ein südstaatlichcs Rebellen-Kriegsschiff und durch eine später erfolgte große Eiskatastrophe fast gänzjich ver- ' nichtet, sodaß man jetzt nur selten„Waler" vor Anker liegen sieht. Der Handel der Insel ist verhältiiißmäßig bedeutend. Im Jahre 1876 betrug nach amtlichen Erhebungen der Werth der gesammten Einfuhr 1,811,000, der der Ausfuhr 2,241,000 Dollar. Am 18. Januar dieses Jahres feierte man in Honolulu den hundertjährigen Gedenktag der Entdeckung der Inseln durch Cook. Welche Veränderungen sind in diesem kurzen Zeitraum eingetreten! Wer weiß, wie nahe wir der Zeit sind, wo es keinen Landstrich mehr geben wird, unangebaut und groß genug zum Jagdrevier für einen Indianer oder Papua, wo das Dampfroß über die Trümmer der chinesischen Mauer dahinkeuchen und der letzte Wilde als Merkwürdigkeit in Weingeist ausbcivahrt sein wird!? der Ernährung. ü» Lange. seines Lebens sogar nur einen in geringein Grade entwickelten Geruch oder Geschmack. Es verlangt lediglich nach Befriedigung seines Hungers resp. Durstes, und die Mittel hierzu sind, da es nicht nur, wie der erwachsene Mensch, die durch Arbeit verzehrte Körpersubstanz zu ersetzen, sondern auch für ein Mehr im Interesse des Wachsthuins zu sorgen hat, relativ in bedeutend größerein Maaßc erforderlich, als es in spätern Jahren der Fall sein wird. Für den Erwachsenen stellt sich die Rahrungsfrage wesentlich so, daß seine Nahrungseinnahme und sein Kraftvcrbrauch in einein, ciiifachen Verhältniß stehen müssen. Bei Verringerung der erstem tritt, ivenn der Kraftvcrbrauch gleich bleibt oder noch sich steigert, eine entsprechende Abnahme der Körpersubstanz ein, während eine Verringerung des Kraftverbrauchs bei gleichbleibender oder vermehrter Nahrung eine Vermehrung der Körpcrsubstanz zur Folge hat. Die Art des Kraftvcrbrauchs kann eine sehr verschiedene sein: er wird gemessen durch die nothwendige Nahrung bei Erhaltungs- diät. Ein Steinklopfer, du Gelehrter arbeiten in qualitativ sehr verschiedener Weise und haben dennoch beide quantitativ dieselbe Summe von Arbeit verrichtet; während wiederum ein Mensch, der eine gewisse Zeit in einer nieder» Temperatur verweilt hat, gezwungen ist, eine Wärmemenge auf Kosten seiner Körpersubstanz zu produziren, die gleich ist einerseits der Differenz zwischen der äußern ihn umgebenden Temperatur und der normalen Körper- wärme, und andererseits eventuell quantitativ äquivalent der Arbeit des Steinklopfers, des Gelehrten, und dies ohne im land- läufigen Sinne„Arbeit" verrichtet zu haben; es mar innere Arbeit. Es bedarf dies letztere Beispiel, das ich wählte, um besonders deutlich den Satz zu illustriren, daß Arbeiten qualitativ sehr ver- schieden, dennoch quantitativ in Beziehung ans die individuellen Organismen, die Arbeitenden, glcichwerthig sein können, noch einer besondern Erläuterung. Es wird den meisten der Leser schon bekannt sein, daß der menschliche Leib wie überhaupt der thierische und pflanzliche Organismus eine innere Körperwärme, die für das Zustandekommen der Lcbcnsprozessc unumgänglich erforderlich ist, besitzt. Dieselbe beträgt beim Menschen 35—40 Grad Celsius und kann z. B. in den Achselhöhlen gemessen iverden. Der Mensch produzirt sie, wie der Ofen, vermittels zugeführten Brennmaterials, indem er ein gcniigendcs Quantum Nahrungsmittel aufnimmt, die besonders zur Verbrennung geeignet sind; hierher gehören die Fette, Zucker, Stärkemehl. Indem dieselben thcil- weise chemisch verändert und von den Geweben des Körpers isolirt, mit dem durch Athmung aufgenommenen Sauerstoff der Luft im Blute in Berührung kommen, verbinden sie sich mit demselben, sie werden oxydirt, und das Produkt dieses Bor- ganges, die Kohlensäure, entweicht gasförmig bei der Aus- athmung*). Durch jede Vereinigung irgend eines Körpers aber *} Man kann die Kohlensäure im Athem sehr leicht nachweisen, indem man den letzteren vermittels eines Röhrchens durch ganz klares Kalkwaffer treibt; es wird die Kohlensäure vom Kalk festgehalten, sie mit Sauerstoff wird Wärme erzeugt(hierauf beruht ja auch die Ofcnverbrennung, die ohne Luft, also ohne Sauerstoff, nicht vor sich geht), und diese Quelle ist es also, der der menschliche Leib seine Temperatur zu verdanken hat. Befindet sich nun irgend ein erwärmter Gegenstand plötzlich in einer kälteren Umgebung, so wird er mehr oder weniger schnell von seiner höhern Wärme solange an die umgebende Luft, oder Wasser, abgeben, bis er auf deren Temperatur abgekühlt ist. Dasselbe gilt voni Menschen; er würde im Winter die Temperatur der Luft annehmen— und somit sterben, da oben erwähnte Wärme von 35—40 Grad Celsius zu seinem Leben absolut noth- wendig ist— falls ihm nicht stets von neuem Brennmaterial zugeführt wird. Geschieht dies nicht, so wird er zunächst die in seinem eigenen Körper aufgespeicherten Brennstoffe, die Fett- ablageruugen, zur Verbrennung verwerthen und erst dann sterben, wenn diese gänzlich verzehrt sind. Dieser Verbrauch von Nahrung zur Wärmeproduktion ist auch der Grund, weshalb man im Winter, wo man fortwährend von der umgebenden Luft entzogene Wärme zu ersetzen hat, durch- schnittlich mehr ißt und trinkt, als in der warmen Jahreszeit, im Sommer. Es macht nichts hungriger als ein Spaziergang in kalter Luft, während die brennende Mittagshitze häufig genug jeden Appetit benimmt. Es wird aus dem Gesagten, dem wir noch eine Menge anderer Beispiele anreihen könnten und dessen Wahrheit jeder an sich selbst zu erproben im Stande ist, für den Leser nunmehr deutlich genug hervorgehen, daß unser Satz: der Kraftverbrauch aus irgend einem Wege müsse mit der Nahrung in direktem Ver- hältniß stehen, richtig ist. Es fragt sich nunmehr, wie wird dies Nahrungsbedürfniß befriedigt? Der menschliche(thierische) Leib besteht im wesentlichen aus wenigen Elementen. Abgesehen von den Stoffen, aus denen sich das Knochengerüst aufbaut*), und den Salzen, die sich außerdem in sehr geringer Menge im Organismus überall vertheilt finden**), besteht die weitaus größte Masse des Körpers aus Wasser und aus organischer Substanz, die ihrerseits aus Kohlenstoff, Wasser- stoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel uud Phosphor, die beiden letzten in geringerer Menge, zusammengesetzt ist. Es fragt sich nun, ob wir durch direkte Aufnahme dieser Elemente im isolirten Zustande unsere Ernährung vollziehen können? Hierauf müssen wir die Antwort„nein" geben. Abgesehen vom Phosphor, der direkt für uns tödtlich wirken würde, wären wir nicht im Stande, unfern Stoffwechsel durch die übrigen fünf Stoffe unterhalten zu können; es würde ferner uns auch nur wenig nützen, wenn etwa je zwei oder drei dieser Stoffe zu einfachen Verbindungen zu- sammenträten, etwa zu Kohlensäure— die aus Kohlenstoff und Sauerstoff— oder zu Ammoniak— das aus Wasserstoff und Stickstoff zusammengesetzt ist—; auch in dieser Form, mit allei- niger Ausnahme der Wassers, sind sie für uns theils ohne Werth, theils direkt schädlich. Wir bedürfen vielmehr der allerkompli- zirtesten Kombinationen jener Stoffe, wenn sie unserer Ernährung dienen sollen; und wer bereitet uns diese Verbindungen? Bis- jetzt lediglich— denn dies Gebiet hat die Chemie ihr nur noch wenig streitig gemacht— die Pfanzenwelt. Hier liegt die Grundbedingung alles thierischen Lebens! Dies ist der Grund, weshalb der Wanderer der Wüste verhungert und verdurstet, ob- wohl ihn alle zur Ernährung erforderlichen Grundstoffe in reicher Fülle umgeben: die stille aber unersetzliche Arbeit der Pflanze fehlt, die jene Stoffe ihm zubereitet! Die Pflanze entzieht direkt der Luft ihren Sauerstoff, ihre Kohlensäure, ihr Ammoniak und Wasser(denn mit den meisten jener sechs Elemente, mit Kohlen- stoff, Wasserstoff, Stickstoff, Phosphor und Schwefel kann auch sie nichts beginnen, falls sich jene nicht zuvor zu den allerdings einfachsten Verbindungen vereinigt haben); sie zersetzt vermöge ihrer Wurzelthätigkeit die rauhestcn Fclsgesteine und entnimmt sich aus ihnen die ihr nothwendigen unorganischen Salze. Aus diesen Materialien baut sie dann in wunderbarer und erst zum kleinsten Thcile unserer Erkcnntniß dargelegter Thätigkeit jene Stoffe auf, die nur geeignet sind, vom Thierleibe verarbeitet zu vereinigt sich mit ihm zu kohlensaurem Kalk, der unlöslich in Wasser ist und als weißes Pulver zu Boden fällt. *) Die Knochen bestehen, abgesehen von der organischen, verbrenn- lichen Substanz, wie Fett und Knorpel, wesentlich aus phosphoffaurcm Kalk, phosphorsaurer Magnesia, kohlensaurem Kalk, Fluorkalcium und geringen Mengen salzsaurer und schwefelsaurer Salze. **) Dies sind besonders phosphorsaure und kohlensaure Alkalien und Erden, Chlorkalcium, Eisenverbindungen, Fluorkalcium, Kieselerde. werden. Jene Kohlensäure, jenes Ainmoniak, jenes Wasser setzt sie in Eiweiß, Stärke, Zucker, Fett, also in Nährstoffe uud Brenn- Material für den thierischcn Körper*) um. Ist somit die Pflanzenwelt die unumgängliche Voraussetzung der Thierwelt, so ist diese wieder nothwendig zur Erhaltung eines Theiles ihrer selbst; mit andern Worten: die Thiere zerfallen in Pflanzenfresser, Fleischfresser und solche, welche beiderlei Nahrung bedürfen; zu der letztern Klasse gehört der Mensch. Der Mensch ist vermöge seiner ganzen Organisation darauf augewiesen, eine gemischte Nahrung zu sich zu nehmen, d. h. er kann nicht mit einem einzigen Nahrungsmittel sein gesammtcs Nahrungsbedürfniß befriedigen, wie dies aus der folgenden Be trachtung erhellen wird. Es existirt kein einziges Nahrungsmittel, welches die für die Erhaltung unserer Körpersubstanz erforderlichen Mengen von Eiweiß, Fett, Zucker, Stärke und Salzen in den erforderlichen Verhältnissen enthielten; man wäre also genöthigt, durchgängig. von einem oder dem andern dieser Bestandthxile mehr oder minder größere lleberschußmengcn aufzunehmen. Betrachten wir hier einmal das intensivste pflanzliche Nahrnngs- mittel, die Linsen. ,, Der erwachsene Mann bedarf, wie wir noch später betrachten 1 werden, nach sorgfältigen Beobachtungen zu seiner Erhaltung bei ji mittlerer Arbeit täglich: Eiweiß 130 Gramm, Fett 84 Gramm,; Kohlenhydrate(Stärke, Zucker) 404 Gramm. Die Linse enthält, abgesehen von Wasser, Salzen, Holzfaser, Eiweißstoffe 26 pCt., Fette 2,5 pCt., Kohlenhydrate 50,5 pCt. Es wären also, um zu decken den Bedarf an Eiweiß 500 Grm. Linsen, an Fett 3360 Grm. Linsen, an Kohlenhydraten 800 Grm. Linsen erforderlich. Selbstverständlich müßte der größte Betrag, um von allen Nahrungsmitteln die nothwendige Menge einzu- nehmen, also 3360 Gramm Linsen, täglich verzehrt werden. Diese Menge enthielte also überschüssig: 743 Grm. Eiweiß, 1288 Grm. Kohlenhydrate; ersichtlich eine kolossale Verschwendung! Abgesehen aber davon würde kein menschlicher Magen, resp. keine Eingeweide im Stande sein, ein. derartig enormes Quantum eines so schwer!> verdaulichen Nahrungsstoffes zu verarbeiten; dazu sind die mensch- lichen Eingeweide im buchstäblichen Sinne zu kurz! Der Darm der j Pflanzenfresser ist relativ bedeutend länger als der der Fleischfresser, da er eine schwerer verdauliche und viel voluminösere Nahrung zu verarbeiten hat; während er beim Ochsen'/- des Körpergewichts beträgt, macht er bei der Katze nur Vi» hiervon aus. Diesem Beispiele, welches die Unbrauchbarkeit eines der gehalt- reichsten vegetabilischen Nahrungsmittel für die ausschließliche I Ernährung mit demselben bewies, mögen noch einige andere folgen. Ich wähle zunächst ein in extremem Grade schlechtes Nahrungs- mittel, die Kartoffel. Nach obigen Angaben über den Nahrungs- bedarf eines Mannes bei mittlerer Arbeit berechnet sich die erfor- derliche Menge von Kartoffeln, um den Gehalt zu liefern an Eiweiß auf 6,5 Kilogramm, Fett 84 Kilogramm, Kohlenhydrate 1,88 Kilogr., uud es blieben in dem unverschlingbarcn Maximum von 84 Kilogramm 1,68 Kilo überschüssiges Eiweiß, 18,06 Kilo überschüssige Kohlenhydrate. Welcher Ochscnmagen selbst könnte dies verarbeiten? Nehmen wir nun, um allseitig gerecht zu werden, ein ani- malisches Nahrungsmittel, eines der vorzüglichsten sogar: Fleisch aus dem Hinterviertel eines schweren fetten Ochsen, zur Berech- nung hervor. *) Es ist hier der Platz, die chemische Beschaffenheit dieser Stoffe etwas zu erläutern. Vom Eiweiß, das aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff(15 bis 17 pCt.), Sauerstoff, Schwefel besteht, gibt es verschiedene Arten, die in ihrer Zusammensetzung wenig differiren und nur sich unterscheiden durch Löslichkeit oder Unlöslichkeit in verschiedenen Flüssigkeiten, Ver halten gegen Wärme». s. f.; für die Ernährung sind alle Arten gleich werthig. Man kennt Eierciweiß, Blutciweiß, Pflanzeneiweiß. Stärke, Zucker und Fette bestehen aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, sie sind stickstofffrei. Von diesen drei Stoffen gibt es ebenfalls wieder verschiedene Arten: Kartoffelstärke, Reisstärke, Weizen stärke, Arrowrot n. a.; Rohrzucker, Traubenzucker, Milchzucker; zu de» Fetten sind auch die Oele zu rechnen, beide enthalten als Hauptbestand' theil Verbindungen einiger organischer Säuren, der Fettsäuren, mit Glycerin. Wasser und Lust sind beide gleich unentbehrlich für den Körper. Man muß sie ebenso als Nahrungsmittel betrachten, da sie sich nicht nur an der Bildung der eigentlichen Körpersubstanz bethciligen, sondern außerdem den Stoffwechsel sozusagen vermitteln und erleichtern; wir haben sie hier nur zu erwähnen, um später noch einmal darauf zurück- zukommen. 333 Es sind enthalten 130 Gramm Eiweiß in 810 Gramm fetten Fleisches, 84 Grm. Fett in 240 Grm. fetten Fleisches, Kohlenhydrate garnicht.— Tiefes Beispiel zeigt zugleich für die ganze Klasse der animalischen Nahrungsmittel, daß dieselben zur ausschließlichen Bc� friedigung des Nahrungsbedarfes nicht geeignet sind, infolge des Mangels an Kohlenhydraten. Und selbst wenn man diese, was ohne ernsthafte Störungen des Organismus nicht wohl angeht, vernachlässigen und lediglich den dem menschlichen Körper noch- wendigen Kohlenstoff in Berücksichtigung ziehen und ebenfalls in Form von Fleisch und Fett einführen wollte, so wären zu dessen Herbeischaffung 2564 Gramm Fleisch erforderlich, welches Quan- tum niemand in 24 Stunden verzehren kann; und hierin wären ca. 400 Gramm Eiweiß überschüssig. Diese Zahlen, denen wir noch eine lange Reihe anderer an- fügen könnten, beweisen, daß eine ungemischte Nahrung unter Umständen gradczu schädlich für den menschlichen Organisnius ist, 1) weil in den meisten Fällen zu enorme Quanta verarbeitet werden müßten, und 2) weil ein ebenso enormes Quantuni von Nahrungswerth als überschüssig vergeudet werden würde. Eine solche Ernährungsweise würde aber sowohl den Grundsähen einer vernünfttgen Privat- wie Bolkswirthschaft direkt widersprechen. 3) aber wäre eine derart eintönige Nahrung deshalb unstatthaft, weil der Magen, wie bei toujours perdrix(stets Rebhuhn), sehr bald sich sträuben würde, sie bei sich zu behalten oder auch nur an- zunehmen. Beide Unverträglichkeiten werden nun vermiede» durch die gemischte Nahrung. Ersetzen wir beispielsweise die im mageren Fleisch fehlenden Kohlenhydrate durch Brot, so ersparen wir da- durch zugleich diejenige Menge Fleischeiweiß, welche im Brot vor- Händen ist, und fügen wir die benöthigte Quantität Fett in Form von Butter hinzu, so haben wir alle drei erforderlichen Nahrungs- bestandtheile in dem möglichst kleinen Volumen. Diesem Verhält- niß würde entsprechen eine Mischung von 365 Gr. Fleisch— 77,38 Gr. Eiw. 45,7 Gr. Fett Kohlenhydrate 700„ Brot— 49,00„„ 3,5„„ 437 Gr. 50„ Butter— 43,0„„ 0,3„ 126,38 Gr. Eiw. 92,2 Gr. Fett> 437,3 Gr. Eine andere zweckmäßige Mischung würde sein: 250 Gramm Fleisch, 500 Gramm Brot, 100 Gramm Butter, 150 Gramm Linsen, 100 Gramm Kartoffeln, u. a. m. Wir sollen also unsere Nahrung aus verschiedenen Bestand- thcilen mischen, um sie für unfern Körper ersprießlich zu machen, und wir begreifen unter Nahrungsmittel alles, was Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate(Zucker, Stärke), Salze, Wasser und nichts unserm Organisinus schädliche enthält; wir entnehmen sie dem Thier- wie dem Pflanzenreiche. Diesem Begriff von Nahrung fehlt indessen noch eins, das wir hier nachträglich noch zu besprechen haben. Zugleich mit den Empfindungen des Hungers und Durstes müssen unser�Ge- schmack und Geruch befriedigt werden. Die beiden letztern Sinne werden nun aber nicht durch die Nahrungsstoffe im eigentlichen Sinne des Wortes berührt, sondern durch gewisse andere Körper, die sogenannten Genußmittel. Dieselben brauchen nicht in so großen Mengen aufgenommen zu werden, wie die erster«; es sind in der Regel minimale Quantitäten der verschiedenartigsten Stoffe, die entweder den Nahrungsmitteln an und für sich schon an hasten, oder erst durch deren Zubereitung gebildet, oder, außerhalb der Nahrungsmittel erzeugt, denselben willkürlich zugesetzt werden. ' Hierher gehören gewisse anorganische Säuren, wie Essigsäure, Äuttersäure; dann Salze, besonders Chlornatrium'(Kochsalz); Gewürze, ätherische Oele; ferner die eigenthümlichen Stoffe, welche durch das Braten des Fleisches, das Backen des B'�tes in deren Kruste gebildet werden u. s. w.— Die chemisch isolirten, reinen Nahrungsstoffe,>vie Eiweiß, Stärke, Fett, Wasser sind, abgesehen von: Zucker, vollkommen geschmacklos. Wer aber jemals gc kochtcs— also der Kohlensäure beraubtes— oder gar destillirtes — auch von den festen Kalk- und Alkalisalzen befreites— Wasser| getninken, wird sich von der unerträglichen Fadheit auch jener | Stoffe einen Begriff machen können. Eine fernere, in ihren Wirkungen thcils auf Geruch und Geschmack, theils auf Magen- und Darmnerven und andere Organe sich erstreckende Eigenschaft der Genußmittel ist die Fähigkeit, die Lebensthätigkeit in bemerkbarem Grade anzuregen. Es gehört hierher z. B. der Alkohol; wir werden noch mehrfach Gelegenheit finden, daraus zurückzukommen. Nicht minder als Geruch und Geschmack verlangt unser ästhetisches Gefühl einige Berücksichtigung in dem Aeußern der Speisem Häufig wird bei unbemittelten, aber mit einem natür- lichcn Sinn für Schönheit begabten Leuten die Kärglichkeit der Nahrung theilweise verdeckt durch deren geschmackvolle Anordnung; der Appetit wird reger und läßt gern mit einfachen, aber reinlich bereiteten und zierlich geordneten Speisen fürlieb nehmen, während die feinsten Delikatessen, die durch Unsauberkeit.das Auge, wohl gar Geruch und Geschmack beleidigen, voll Ekel zurückgewiesen werden. Es gehört hierher der sogenannte Hautgout, d. h. der Geruch und Geschmack, die das Fleisch dadurch annimmt, daß man es durch längeres Lagern erst zuni Theil in Verwesung übergehe� läßt. Manche überraffinirtc, urtheilslose und jeglichen feineren Schönheitssinnes baarc, meist den begüterten Kreisen an- gehörende Individuen glauben denn durch das Verzehren solcher ekelhafter Substanzen, die der Bär wie viele andere Raubthicre angewidert liegen lassen würde, einen ähnlichen„feinen" Geschmack an den Tag zu legen, wie durch ihre gourmandistischc Vorliebe für die Exkremente von Schnepfen und andere derartige unästhetische Gegenstände. Es wurde bereits erwähnt, daß einige der eben besprochenen Genußmittel erst durch die Zubereitung der Speisen erzeugt würden. Dies ist jedoch nicht der einzige Zweck der letzteren; es soll durch sie auch, infolge äußerer wie innerer Umgestaltung der Nahrungsstoffe, diesen eine leichtere Verdaulichkeit beigelegt werden. Wir kochen und braten das Fleisch cinesthcils, um es unserm Geschmack angenehmer zu machen, andcrntheils um unserm Magen einen Theil seiner Arbeit abzunehmen. Wir entfernen die Schalen der Kartoffeln, Erbsen, die salzigen Theile der Gemüse, weil sie unverdaulich und ohne Nährwerth sind; wir kochen alle stärkemehl- haltigen Substanzen, wir backen unser Brofi weil uns die Stärke nur in gequellter Form, in der sie Wasser aufgenommen— und dies geschieht nur in der Wärme— genießbar ist; wir machen Früchte ein, um einen Theil ihrer Säure für unser» Geschmack zu mas kiren, sowie um sie haltbarer zu machen; wir lassen das Sauer- kraut in Gährung übergehen, weil hierdurch sich infolge der Ent- stehung von Buttersäure und anderen Stoffen der spezifische Gc- schmack ausbildet: kurz, jede Hausfrau wird im Stande sein, diese Liste beliebig zu vermehren. Jedenfalls ist somit die Koch- kunst, durch welche in fast nicht geringerem Grade als durch die persönliche Liebenswürdigkeit der Hausfrauen das Glück und be- hagliche Wohlbefinden der Familie befestigt und stets erneuert wird, ein nicht unwesentlicher Faktor in der allgemeinen Kultur- entwicklung, und wcnu schon die rafsinirte Ausübung derselben nicht sowohl eine Ueberkultur als vielmehr einen allzuschroffcn Gegensatz zwischen Arm und Reich innerhalb eines Volkes bezeichnet, kann doch andererseits mit Recht von dem durchschnittlichen Modus der Erncchrungsweisc eines Volkes in Bezug auf seine Kochkunst ein nicht ungerechtfertigter Schluß ans den Grad seiner Kultur gezogen werden.— Ich habe im Vorstehenden, wie ich hoffe in verständlicher Weise, die Fragen zu beantworten gesucht: Warum esse» und trinken wir? Welche Mittel haben wir zur Befriedigung dieser unserer Bedürfnisse? Und in welcher Weise werden dieselben für unsern Zweck verwendbar? Bielleicht werden wir später Gelegen- ycit haben, uns über die weitern Schicksale unserer Nahrung, über die Verdauung und Resorption, über die Größe des Nah- rungsbcdarfes bei Ruhe und Arbeit, sowie über die einzelnen Nahrungs- und Genußmittel zu unterrichten. tiomödmntenfahrten im Ranka/us. (Schluß.) Nack iivei Rasttagen ging es per Post weiter nach Tiflis. und wohlbedachten Schritten von Berlin nach Prenzlau trägt. Bei dem Worte Post" bitte ich dich, lieber Leser, nicht etwa an Die kaiserlich russlsch-georglschc Post ist ein sedern o, er Marter- die behäbige, alte Freundin. die gelbe Postkutsche zu denken, kästen, der dlr alle Knochen uLe.be zusammenruttclt und on welche dich in ihre gepolsterten Arme schließt und mit sicheren m.n.ature der Arche Noahs gleicht,>me sie auf neuruppmer Bilderbogen prangt. Selbstverständlich faßt sie nicht je ein Pärchen von dem,„was da kreucht und fleucht," sondern nur vier menschliche Leidensgenossen. Von dem Surampaß bei Achalzik sieht man die centrale Riesenmauer des Kaukasus, die ihre firnstrahlenden Zinken zu einer Höhe emporstreckt, wie sie Europa nicht kennt. Die Häupter dieses Gigantengeschlechts sind der Elbrus, 18,524 Fuß, Koschtantau, 17,000 Fuß, und Kasbeck, 16,500 Fuß hoch. Beim Anblick dieser Felsenaltäre, von denen der Geist der Natur seine erhabendste Größe predigt, kam mir das Sursum corda*) der Erdenwürmer, Menschen genannt, sehr nichtig vor. Einen auf- fallenden Gegensatz zur Schweiz bietet der gänzliche Mangel an Seen an der nördlichen Abdachung des Kaukasus. Vom Suram- paß windet sich in kühnen Serpentinen die Straße, in neuester Zeit sogar eine Eisenbahn, zum Flußgebiet der Kura, deren flache Ufer versumpft und öde sind. Zwischen den Höhenzügen des kleinen Kaukasus gelangten wir nach mancher Mühsal nach Tiflis. Die angebliche Geburtsstätte des Mirza Schaffy, der nur dem Kopfe Bodenstedts entsprang, um das deutsche Lesepublikum zu mystifiziren, ist eine am Kura-Ufer malerisch gelegene Bergstadt, die an Genua und Ofen erinnert. Das Nebeneinander seiner zierlichen Gartenterrassen verschwindet, wie in Genua's Hafen- viertel und der ofner Raizenstadt, im verschlungenen Uebereinander von Felsen und Bäumen. Die Häuser von orientalischer Bauart, nach außen schmucklos, im Hofe mit einem Springbrunnen, der mit seinem träumerisch einfachen Lied die menschliche Zwietracht zur Ruhe plätschert, haben flache Dächer, die nach Sonnenunter- gang den Alten eine trauliche Plauderstätte, den Jungen einen luftigen Tanzsaal für die Lesghieka bieten. Manches kulttvirte Volk, dem alle Grazie unter Kohlenrauch und Wasserdampf ab- Händen gekommen, könnte Tanzunterricht bei den Barbaren des Kaukasus nehmen. Tscherkeß heißt Stammverwandter. Diese Stammverwandtschaft umfaßt die Lesghier, Grusinen, Abchasen und Mingrelier. Durch hohe körperliche Schönheit ausgezeichnet, sind sie nicht nur das Urbild, sondern auch die schönste Spezies der sogenannten„kaukasischen" Rasse. Schlank und hochgewachsen, das ovale Gesicht von schwarzem Bart umrahmt und von dunklen Augen durchleuchtet, haben die Männer auffallend kleine Hände und Füße. Der Schmach, daß ihre Frauen heute noch der ge- suchteste Handelsartikel türkischer Sklavenmärkte sind, wird wohl die Zeit ein Ende machen. Die Annahme der neueren Anthropo- logen, daß die Tscherkessen germanischen Ursprungs sind, ist des- halb nicht unwahrscheinlich, weil sie zum Unterschied von ihren Gaugenossen, den brachykephalen(kurzschädeligen) Kurden und den semitischen Armeniern, dolychokephal(langschädelig), wie alle Germanen, sind. Das tifliser Publikum, zumeist aus russischen Offizieren be- stehend— der eingeborne Adel, hielt sich fern—, nahm unsere Oper enthusiastisch auf, überschüttete die Damen mit kostbaren Ovationen und überschwemmte die Herren mit Champagner. Direktor Papanicola schwamm in einem Freudenmeer und kaufte sich einen neuen Hut, ein Ereigniß, dessen sich seine ältesten Mitglieder nicht erinnern konnten. Da wöchentlich nur dreimal gespielt wurde, weil wir mit französischen Vaudevillisten abwechseln mußten, hatte ich Zeit, lohnende Ausflüge auf der grusinischen Militärstraße, welche Wladikawskas mit Tiflis verbindet, zu machen. Den Kopf voll kühner Pläne, im Herzen eine platonische Liebe, fehlte mir nichts zum vollen Glück wie ein Adlerschwingenpaar, um im blauen Aether über dem Kaukasus zu schweben. Da plötzlich griff der Zorn der Götter ein, Als ob nach einer Beute ihn gelüste, Damit ich es wie ein Verbrechen büßte, Daß ich versucht, ein Glücklicher zu sein. Wie von einem Blitz aus heiterm Himniel bekam meine„bewundernde Ehrfiircht" für Fräulein Schwarz einen gewaltigen Nasenstiiber, als sie ihr Herz an einen russischen Offizier verlor. Schluchzend machte sie mir selber die Anzeige von diesem Verlust und bat mit den Worten:„Schauen's, ich muß den Schlankel gern haben, ob ich mag oder nöd," ihr meine Freundschaft nicht zu entziehen. So wurden die blauen Hoffnungsfäden meiner Gedanken- stickerei über Nacht grau. Freundschaft ohne Beimischung der Liebe ist zwischen dem Maskulinum und dem Femininum allzeit *) Sursum corda! heißt wörtlich: Empor die Herzen! und ist eine �Aufforderung zur Erhebung des menschlichen Geistes zu Gott, die im katholischen Kultus vorkommt. ein weißer Rabe, aber mit zwanzig Jahren eine Unmöglichkeit. So oft ich die„Freundschaft" mit Fräulein Schwarz einfädeln wollte, riß mir die Eifersucht den Faden entzwei. In diesem unerquicklichen Dilemma begrüßte ich mit Jubel den Direktions- befehl, mich in acht Tagen reisefertig nach Kars zu halten. Ein liebgewonnener Freund, den ich mit meinem Liebeskummer oft malträtirt, der gemüthvolle münchener Maler Horschelt, machte mir den Antrag, mit ihm am Gocktschasee entlang über Erivan nach Kars zu reisen. Es war zwar mit der Kirche um's Dorf, aber sehr interessant. Laube behauptet von den Franzosen:„Ihr geselliges Aeußere ist so gleichmäßig geschliffen, daß von persönlicher Unterscheidung nur wenig zu entdecken bleibt." Ebenso dutzendgleich kamen mir die französisch erzogenen, in Luxus aufgewachsenen, besternten russischen Offiziere vor. Eine rühmliche Ausnahme dieser Kollektiv- forte von Menschen machte der hochgebildete Nabob und Generalstäbler Graf Kuscheleff-Besborodko, der mit Horschelt malte und mit mir musizirte. Er war nicht nur ein lebenslustiger Kumpan, sondern auch eine charaktervolle Individualität. Als Genosse unserer Gebirgstouren hatte er Gefallen an unserer deutschen Gründlichkeit gefunden und stellte uns als Honorar für die ge- nossene Belehrung, wie er sich schmeichelhaft ausdrückte, zur Reise nach Kars drei Kosakenpferde und seinen abchasischen Diener zur Verfügung. In einem Lande, wo nian für Geld und gute Worte im Chan(Wirthshaus) nur eine Lagerstätte findet, war die Kochkunst des landes- und sprachkundigen Abchasen Achmed, mit dem scharfgeschnittenen Profil und den dicken, zusammengewachsenen Brauen über raubvogelarttg ttefliegenden Augen, für uns ver- wöhnte Kulturmenschen von unschätzbarem Werth. An einem heiteren Junimorgen brachen wir drei, den Revolver im Gürtel, mit festem und flüssigem Proviant versehen, von sämmtlichen Theater- Habituös einige Werst begleitet, auf. In steilen Absätzen und sanfteren Erhebungen, bald an wundersam geformten Felsblöcken, bald an hochwipfcligcn Tannen vorbei, stieg unser Weg, den Windungen der Kura folgend, zu einem Hochplateau empor. Etwa tausend Fuß über der Wölbung des Bogens, den das Gebirge von Thal zu Thal um Tiflis gespannt hat, hielten wir, wegen der Hitze in eine kühle Schlucht einbiegend, die erste Mittagruhe. Die dunkeln,, sturmtrotzigen Föhren, die, dem spärlichen Rasenstreifen folgend, in sclbstgesprengten Rissen Wurzeln faßten, um an der Wiege der unsichtbar rauschenden Gewässer Wache zu halten, gemahnten uns an Dante's Hölle. Als ich nach dem Mittagessen die schwertscharfen, sturmgewalttgen Terzinen der„Divina Comödia" zu rezitiren begann, breitete der fromme Muselman Achmed vor meinen Füßen seinen Gebetteppich aus, weil er mich, den konfessionslosen Atheisten, für einen heulen- den Derwisch hielt. Horschelt hielt sich den Bauch vor Lachen und helle Thränen liefen ihm über die Wangen; Achmed war vor Erstaunen zur Sqlzsäule erstarrt. Nur mit Mühe konnten wir ihm begreiflich macheu, daß mein„Gebet" nicht Allah, son- dern Schaitan(dem Teufel) gegolten habe. Als ich nach Jahren zu Leoni am Starnbergersee Horschelts Skizzenbuch durchmusterte, fand ich auf einem Blatt, betttelt„Siesta im Urtvald", eine humoristtsche Wiedergabc dieser Szene. Den schäumenden Katarakten der Ljachwa folgend, erreichten wir nach drei Tageu auf dem Rücken unserer struppigen, un- ansehnlichen, aber ausdauernden Kosakenpferdc die Wasserscheide zwischen der Kura und dem Araxes. Alle Mühsal war auf der weitschauenden Höhe vergessen. Den Blicken erschloß sich auf einmal das ganze vielgestaltige Gebäu und Gefüge des Kaukasus. Das Ungeheure der Ausdehnungen, die unfaßbare, verwirrende Menge gleicharttger und in sich tausendfach verschiedener Gebilde, die schwindelnde Wirkung riesiger Tiefen und Weiten, das alles läßt nicht sogleich ein bestimmtes, unterscheidendes, ordnendes Beschauen zu. Man bedarf einer Minute der Sammlung, um die erregten Nerven zu beschwichtigen und die Sinne zur prüfenden Betrachtung die nöthige Kraft wiedergewinnen zu lassen. Ich habe von manchem Hochgipfel, in Nord und Süd, Umschau ge- halten, aber ich muß gestehen, daß mir der erste Eindruck dieser über alle Beschreibung erhabenen Szene ein völlig ftemdarttger gewesen ist. Wir waren in ein weites Lichtmeer getaucht, das rings, im magischen Blau die zahllosen Gipfel umfing. Wolken- gebilde, phantastisch hingestreckt wie ferne Eisgebirge im Polar- meer, begrenzten nach Norden den unermeßlichen Horizont. Die schwarzbraunen Felsengerippe der Gletscher traten im grellen Kontrast aus ihrer schimmernden Schneeumhüllung zutage. Die tiefen Thalrinnen versanken in blaue Schatten. Aus einem Felsenwinkel lugte ein Theil des unheimlich schwermiithigen Goktschasees hervor— glanzlos wie das brechende Auge eines Sterbenden. Nach Süden derselbe nnermeßliche Halbkreis von Zacken und Domen, die sich chaotisch nbergipfeln, und als Abschluß, wie eine Fata morgana in der Luft schwebend, die persische Hochebene, jene Rcibungsfläche, auf welcher siebzig Menscheualter hindurch die ungeheure Friktion zwischen Orient und Occident stattfand, und die nach der neuesten Umgestaltung der armenischen Grenzen die letzte Scheidefläche zwischen den Russen und Engländern ist. Zwei Bergriesen flankiren diese Hochebene, der unheimlich kahle und öde Alagoy und der majestätische Ararat mit seinem Doppelgipfel und dem ewig weißen Scheitel. Horschelt öffnete verschiedene male seine Skizzenmappe, machte sie aber immer wieder mit der Ueberzeugung zu, daß sein Stift, ebensowenig wie meine Feder, diese Herrlichkeiten wiedergeben könne. Zum Glück für unserem Magen war der gute Achmed kein Naturenthusiast wie wir, denn blind für die Wunder der licht- umflossenen Gebirgsherrlichkeit fachte er in einem dunklen Felsen- spalt ein lustiges Feuer an, worauf ein saftiger Pillaw(Reis mit Hammelfleisch) brodelte. Als wir uns nach der„höchsten" Mahl- zeit, 6000 Fuß über der Meeresfläche, bei Mokka und Czibuk dem süßen Kef überlassen wollten, drängte der Grausame zum Abstieg. Das Prickeln seiner Narben sowie die Unruhe der Pferde bedeute Gewitter, meinte er und rief mit einem schrillen Pflff die folgsamen Einhufer herbei, die er ohne unseren Befehl abzuwarten, zu satteln begann. Die Szene hatte sich wie mit einein Zauberschlag verändert. Aus den Thälern stiegen.helle Dunstschwaden empor, die sich zu- sehends auf den Köpfen der Herren Bergriesen zu Nebelkappen verdichteten, und doch regte sich keine Welle in dem schwülen Luftmeer. Unwillkürlich sah ich nach der Uhr und dann nach der Sonne. Es war drei Uhr Nachmittags und die Sonne stand am wolkenlosen Himmel, doch schien ihre Leuchtkraft verringert. Die geisterhaften Dunstgebilde, die auf den Felsenhängen aus- und niederschwcbten, rannen schon zum gestaltlosen Chaos zusammen und wie Inseln ragten die Firne aus dem fahlen Nebelmecr. Die Pferde drängten durch ungeduldiges Scharren zum Aufbruch. Auf den kahlen und lockereu Geröllschichten, wo sie eine erstaun- liche Behutsamkeit bekundeten, führten wir sie am Zügel. Als wir die Region des Nadelholzes erreichten, peitschte schon die tausendarmige Windsbraut des Waldes Geäst. Kaum spürten die schnaubenden Thiere festen Boden unter den Husen, als sie hell aufwieherten. Mit einem Satz saßen wir im Sattel, warfen den Pferden die Zügel ans den Hals und überließen uns ihrem Jystinkt, der jedenfalls findiger ist, als die blöden Sinne der Kulturmenschen. Die wilde Jagd begann, es war ein Ritt um'S Hoffinann von Fallersleben. (Porträt Seite geg.) „Jbr seid die Herrn der Schlösser und Paläste, Zuhaui bei Gold und Edelstein: Ich bin ein Fremdling, bin ein Gast der Gäste, Nicht einen Grashalm nenn' ich mein. „Doch mir gehört die hohe Himmelövestc, Der Frühling und der Sonnenschein: Behaltet eure Schlösser und Paläste! Ich singe— und die Welt ist mein." Es hätte seine Eigenart niemand besser zeichnen können, als es in diesen schlichten Versen der sangeffrohe Recke selber gethan. Ein echter Germane mit gewaltigem Brustkasten und mächtigen Schultern, auf denen ein harter Kopf mit im Grunde sausten Gesichtszügen und bei- nahe kinderfröhlichem Blick saß, ein merkwürdiges Gemisch von Bauer und Professor, so gelehrt wie die besten unter den Lehrern auf deut- schen Hochschulen und so knorrig, derb und lebensfrisch, wie man sonst nur zu sein pflegt, wenn man in stetem und ausschließlichem Verkehr mit der Natur steht, so ivaudeltc August Heinrich Hoffmann durch sein langes und bewegtes Leben. Am 2. April 1798 zu Fallersleben im Lüneburgischen, wo sein Vater Kaufmann und Bürgermeister war, ge- boren, ging er, nachdem er die Schulen zu Hclmstädt und Braunschweig absolvirl, nach Göttingen, um dort Theologie zu studiren. Der Um- gang mit den Brüdern Grimm wirkte gefährlich aus den jungen Theo logen— er neigte sich immer mehr der Philologie zu und sattelte schließlich gänzlich um. Schon 132Z ivar er Custos der Universitäts- bibliothek in Breslau, 1830 außerordentlicher, 1335 ordentlicher Pro- fessor. Mit außerordentlichem Fleiße sandte schon der junge außerordent liche Professor gelehrte Bücher in die Welt, als da sind von 1830 an die„Ilorao be'lgicae", dann die berühmt gewordenen„Fundgruben Leben, denn wir mußten vor dem Ausbruch des Sturmes, der' hier meterdicke Stämme wie Zahnstocher zerbricht, die Wolken- regio« durchkreuzen. Wo es die Lichtung erlaubte, im sausenden Galopp über gestürzte Baumstämme und ihren jungen Nachwuchs springend und kletternd zugleich durch das Chaos von Wurzeln und Astnetzen drangen die unermüdlichen Thiere, bis sie mit blutenden Flanken und Nüstern, schaumbedeckt die zitternden Glieder, auf der Haide stille hielten. Jetzt brach die Wetterschlacht los. Der Himmel öffnete die Schleußen und zog alle Register seiner Riesenorgel zum Dvnner- sang auf. Obzwar ein Hagelschauer niedersauste, der Mensch und Thier halbblind machte, feuerte Achmed nach kurzer Rast die er- schöpften Pferde durch allerlei Schmeichclworte zum Aufbruch an. Todmüde, zerfetzt und bis auf die Haut durchnäßt erreichten wir ein armenisches Wirthshaus am Ufer des Goktschasees. Unser erstes unter Dach und Fach war die Verpflegung unserer Lebens- rctter. Abgezäumt wälzten sie sich auf der Erde wie junge Hunde, um nach kurzer Ruhe mit wahrer Gier zu fressen und zu schlafen. Die Glücklichen! Uns war trotz siebenstündigen Rittes das zweite Gastmahl, wie es Shakespeare nennt, das Labsal des stärkenden Schlummers, nicht vergönnt. Die schmutzigen Räume des Chans fanden wir von persischen Kaufleuten überfüllt, deren einzige Nahrung, nach ihrem Dunstkreis zu schließen, aus Knob- lauch und Zwiebel zu bestehen schien. Hier überzeugte ich mich, wie Unrecht Herr Zacherl, der Erfinder des Insektenpulvers, hatte, sein Prophylaktikum„persisches" Insektenpulver zu nennen. Die Natur scheint Nassr Eddins beneidenswerthen Unterthancn eine so dicke Haut verliehen zu haben, daß daran die schärfsten Flohzähne zu Schanden werden, denn sie schnarchten Gvie Säge- wühlen, während Horschelt und ich einen aussichtslosen Ber- uichtungskampf mit diesen achtfüßigen Hyänen begannen, dem erst der Morgen ein Ende machte. Der Knüppeldamm im Araxes- thal von Erivan nach Ka'rs war, verglichen mit unserer Berg- tonr, ein parquettirter Fußboden. Papanicola's Operntruppe traf mit uns fast zu gleicher Zeit ein. Mein Vagabundenaussehen erregte ein schadenfrohes Lächeln der Kollegen, nur sie, die ge- feierte Diva, lachte nicht. Aber ihr Lachen und Weinen war mir jetzt gleichgülttg. Obzivar der Rubel dem Kosaken voraus- reitet, wie ein russisches Sprüchwort besagt, schien er damals noch nicht in Kars eingetroffen zu sein. Mcycrbeers und Verdis Sirencntöne vermochten die türkischen Offiziere nicht in unsere Konzerte zu locken— weil ihnen der Padischah siebzehn Monate den Sold schuldig war. Papanicola dirigirte deshalb schleunigst den Thespiskarren nach Trebisond, wo er nach Konstantinopel eingeschifft wurde. Die Argonautenfahrt nach dem Hellespont und die Erlebnisse{ am„goldenen Horn" schildere ich ein anderes mal. für Geschichte deutscher Sprache und Literatur", dann die klassische• j „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis ans Luther" und sehr vieles andere mehr. Aber der gelehrte Hoffmann konnte auch singen und sang selbstgedichtete Lieder mit selbstersonncnen Melodieen, und das schien der damaligen preußischen Regierung so unanständig für einen Pro fessor, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um dies räudige Schaf aus der saubergcschorencu Professorcnhecrde auszustoßen. Die getvünschte| Veranlassung gaben die, jetzt betrachtet, äußerst harmlosen„Unpolitischen Lieder", die im Volke den glänzendsten Erfolg hatten. Das Ministerium Altenstein aber entsetzte den fidelen Professor seines Amtes. Nun ein unruhiges Wanderleben von der Nordsee bis zu den Alpen, vielfach von der Polizei gemaßregelt, aber stets dichtend, forschend, sammelnd,' herausgebend, bis ihm das Jahr 1843 die Erlaubniß brachte, nach Preußen zurückzukehren. Hoffmann nahm einen festen Wohnsitz am Rhein, verheirathetc sich und lebte gänzlich der Kunst und seinen! Studien. In unu.nterbrochcner Reihenfolge erschienen jetzt Liebeslieder, j Hcimatklänge, Rheinleben u. s. w. Etwa Mitte der fünfziger Jahre � siedelte Hofsmann nach Weimar über, wo er mit Oskar Schade die;! nur kurze Zeit lebende kultur und literaturgeschichtliche Monatsschrift,!! „das Weimar'sche Jahrbuch", herausgab. Run folgten wieder poetische Werkchen wie„Fränzchens Lieb#",„Lieder aus Weimar",„Theophilus", j und auch mit dem schtvereren Geschütz der Gelehrsamkeit rückte Hoffinann wieder vor— mit einer Geschichte der lateinisch-deutschen Mischpoesie, schon des bisher noch nie behandelten Stoffes wegen sehr wichtig, und 1858 begann er ein Sammelwerk als Beitrag„zur Geschichte deutscher L Sprache und Dichtung",„Findlinge" von ihm benannt. Neben vielen' Fachschriften ließ Hoffmann seine poetischen Blätter fliegen, und das Volk nahm sie eben jo freudig und unverdroffen auf, und singt und i sagt HoffmaniLs Kinderlieber, Schullieder, Soldatenlieder, Liebeslieder, x| 336 neue Kinderlieder landauf landab. In all' diesen lehnt sich Hoffmann eng an das Volkslied an. Einfach im Strophenbau, lebhast im Rhythmus, schlicht und treuherzig in Stoff und Sinn, sind sie durchweht und durchduftet wirklich und wahrhastig vom Hauche der Rosen, der Beilchen, der Wiesen, der Berge, der Blumen, Bäume und Landschaften, die fie wiederspiegeln, milde durchleuchtet von der Innigkeit und Wärme eines liebevollen kräftigen Mannesgeumthes und ausgestattet mit treuen Bildern aus dem Gemüths- und Geistesleben des Volkes. Sein Leben beschloß er auf Schloß Korvei an der Weser als Bibliothekar des Her- zogs von Ratibor. Die Hussiten(Bild S. 328). Ans einer Wiese bei Constanz steht ein epheuumrankter Granitblock, ein sogenannter Findling, mit der lakonischen Inschrift:„Johannes Hnß— Hieronimus von Prag." Es ist zugleich ein Denkmal männlicher Entschlossenheit und ein Pranger wortbruchiger Tücke. Johannes Hnß, Professor der prager Universität und Freund des englischen Reformators Wikleff, des Baters des Puri- tanismus, hatte den Muth, eine Rekonstruktion des argverlotterten Christenthuuis anbahnen zu wollen. Wie Melanchthon ein stiller Ge- lehrtet, arbeitete er mit seinem jüngeren und thatkrästigeren Genossen Hieronimus von Prag seine Resormthesen aus, um sie dem Papst zur Approbation zuzusenden. Das war aber im Jahre 1412 nicht so leicht, 4>eim die Christenheit beglückten zu jener Zeit zwei Unfehlbare, die sich gegenseitig exkoinmunizirten. Der Eine fluchte in Avignon und der andere in Bologna. In Rom wurde ausnahmsweise gar nicht ge- flucht. Um diesem Unwesen, wie sich damalige Geschichtsschreiber aus- drücken, zu steuern, wurde ein Konzil nach Constanz berufen, dem sich beide Päpste und Johannes H»ß stellen sollten. Das Schicksal des Arnold von Brescia, Giordano Bruno und Savonarola machten den böhmischen Reformator mißtrauisch; erst ein mit Staatssiegeln ver- sehener Geleitschein„zur Wahrung von Freiheit und Leben", von Kaiser Sigismund unterzeichnet, lockte Hnß und Hieronimus ins Garn. Die Constanzer Stadtchronik, gewiß eine lautere Quelle, erzählt haarsträu- bende Ausschweifungen der Pfaffen in Purpur und härenem Gewände; unter anderem die Anwesenheit von über tausend Freudenmädchen.— Die„srommen" Konzilväter setzten brovi mauu beide Päpste ab und wählten einen dritten, der nichts eiligeres zu thun hatte, als Johannes Hnß zum Scheiterhauseu zu verdammeu. Des Kaisers Gewissensbisse wegen des Geleitscheins beschwichtigte der Papst mit dem Ausspruch: „Ketzern braucht man kein Wort zu halten." Als die Flammen, von Mönchen geschürt, den stillergebenen Hnß umzüngelten, rief er den höhnisch lachenden Kardinälen zu:„Jetzt bratet Ihr eine Gans(Hnß heißt im Böhmischen eine GanS), aber nach mir kommt ein Schwan, den werdet Ihr nicht mehr braten!" Ergrimmt über den ruhigen Tod des sittenreinen Dulders, schändeten die verbuhlten Psaffe» seinen Staub, warfen ein verendetes Maulthier in die Flammen und streuten die so vermischte Menschen- und Thierasche in den Bodensee. Ein Jahr später ereilte Hieronimus dasselbe Schicksal.— Des Böhmenvolkes Wuthgeschrei war die Antwort auf diese Schandthat. Adel und Priester, Bürger und Bauern spalteten sich in zwei Parteien, Hussiten und Katholiken, welche der Trunkenbold Wenzel, der aus dem böhmi- scheu Throne saß, auf einander hetzte, statt sie zu versöhnen. Die bis- herigen stillen Anhänger des Hnß, die sich im Freien zur Absiugung von Psalmen versammelten, wurden zu blutdürstigen Hyänen. Des Aufruhrs Flamme loderte im ganzen Land, und wer nicht den Kelch, d. h. das Abendmahl, unter beiden Gestalten(sud utraque specie) nahm, mußte es mit dem Tode büßen. Der größte Stratege seiner Zeit, der einäugige Ritter Zischka von Trotznow, übernahm ihre mili- tärische und der Burggraf Nikolaus von Hnß ihre staatliche Organi- sation. Als Zischka am 11. November 1424 von der Pest hingerafft wurde, trat der Mönch Prokop der Große an seine Stelle und trug den Ruhm und den Schrecken der Hussiten über die Landesgreuze. Die Spaltung seines Heeres in Taboriten und Horebiten barg den Todes- keim des Hussitismus. Wie der harte Diamant nur durch den Dia- manten zerrieben werden kann, so unterlagen in der Schlacht bei Lipan am 30. Mai 1434, also gerade 20 Jahre nach Hussens Tode die Tabo- riten den Horebiten oder Utraquisten. Prokop der Große wollte die Schmach nicht überleben und stürzte sich in das wildeste Kampsgewühl, wo er seinen Tod fand. Krieger und Priester zugleich, sieht man ihn auf unserm Bilde vor der Schlacht bei Eisek dem Prokop dem Kleinen segnend den Kelch reichen. Neben Prokop dem Kleinen knieen Nikolaus von Hnß und Johann von Zbirov, die einzigen zwei Edellente, welche sich dieser religiös- soeialistischen Bavegung angeschlossen haben. Wie unter Menschen einen Göttersohn, sieht man den einäugigen Führer, Zischka von Trotznow, die kelchgeschmückte Fahne in der Linken, all seine Mannen überragen. Fanatismus und Energie sprechen aus den scharfen, aber edelgeformten Zügen. Ihm zur Mechteu kniet, auf eine Streitaxt gestützt, seine von einem Priester geschändete Schwester. Die fromme Hiugebuilg in den wetterharten Gesichtern der sturmgewaltigen Krieger und ihre natürliche Haltung sind historisch korrekt. Im Hintergründe sieht man den Tabor(das Lager) und die gefürchtete Wagenburg. 1>r. M. Trausil. �serftlicher QSncfKdßett. Dortmund. R. Nehmen Sie wöchentlich ein warmes Bad und waschen Sie jeden Morgen den Oberkörper, namentlich aber den Rücken bis zum Kreuz mit kühlem Wasser; nachher kräftige Frottirung der gewaschenen Theile. Dresden. Reinhold R. Das zweckmäßigste Mittel gegen Maden- würmer ist der Knoblauch. Man hackt ein Loth davon ganz fein, kocht es mit>/« Liter Milch auf und verwendet letztere, nach dem Abseihen des Knoblauchs, zu Klystiren. mrauulchweig. W. U. Wir sollen Sie von Ihren Kopfschmerzen befreien? Das sollte gern geschehen, weiiu wir wüßten, welche Ursachen denselben zugrunde liegen, denn der Kopfschmerz ist stets ein Symptom einer anderweiten Störung oder Folge einer fehlerhasten Lebensweise. Sie müssen also einen dorttgen Arzt konsultireu. ZZeuthen.— 6— In den 30et Jahren stehen, ledig sein, und dann einen rein physiologischen Vorgang für krankhaft halten und die verschiedensten Kurmethoden dagegen gebrauchen?!? Da gibt es kein anderes Mittel als— Heirathen, denn die Natur läßt sich keinen Zwang anthun. Dr. Resau. 5N.et»aktienj. Berlin. Hrn. Sin. Ihre astronomische Arbeit ist trefflich zu gebrauchen und wird spätestens in Sir. St abgedruckt. Senden Sie mehr dergl.!— A. Th. Weisen Sie dem Menschen, der Ihnen mit der Behauptung, Sie hätten Anlage zur„Lutrehzia Borgeja", „schmeicheln" wollte, einsach aber energisch die Thür, salls Sie nicht etwa Brund haben zu der Annahme, der Mann wisse zuweilen selbst nicht, was er sagt. Lulretia Borgia, so schreibt man den Namen richtig, ist nicht wegen ihrer Gesangslunst berühnit, sondern wegen ganz anderer Tinge im höchsten Krade berüchtigt. Aus eine„kurze Leben»- beschreidung" diese« Weibes mögen Sic getrost verzichten. SraNan. W. B. AuSsührlichei demnächst. varischin. M. N. Solche Wünsche find an die Expedition, nicht an die Redaktion zu richten. Im übrigen ist geschehen, wie Sie wünschen! Hirschbcrg. K. B. Der Dr. Jäger, welcher die Schloffer'sche Weltgeschichte be- arbeitet hat, hat mit dem ehemaligen ReichsiagSadgeordnetc» für Reuh j. L. nicht mehr al» den Namen gemein. Ersterer ist ein tüchtiger Philologe, letzterer, soviel un» bekannt, Advokat pnd Bürgermeister. Spandau. R. R. Wir verweisen Sie aus die erste Norrespondenznotiz der vorigei Rümmer. Fieising. A. T. Wie wir es anfangen sollten, zwischen Ihnen und Ihrer Frau „Frieden zu ftistcn", ist un» ein wenig unklar. Sie theilen uns ja nicht einmal mit, warum Sie Sich beständig in den Haaren liegen. Sie halten uni wohl für Hexen meist«? Chemnitz. R. Sch. Den Zweck, Sie„tn'S Bockshorn zu jagen", hatte die Ihnen von uns zutheil gewordene Antwort in einer der vorhergehenden-Nummern natürlich nicht im mindesten, und e» sreut un», daß Sie den Entschluß gesüßt haben, durch stilles Arbeiten Ihr Wiffen zu vermehren und Ihren Charakter zn stählen. Soweit wir Sic darin unterstützen können, thun wir e« jederzeit gern.— 6. G. B. Ter Mangel an naturwisjenschaillichen Kenntnissen verschuldet, daß Sie meinen,„der Geist habe erst die Stoffe gemacht, ehe er