Ein verlorener Posten. Rvuiaii non Atudokf Lavanf. (Fortschuiig.) Zivci Tage später fand Wvlfgang, als er abends heim kam, am Spiegel ein kleines, zierliches, parfümirtes Briefchen mit ans- gezackter Zchlnjzklappc.„Stadtpoststempel? eine völlig unbekannte Handschrift? kein Siegel? kein sbionogramm?" Er öffnete das Üonvcrt, trat, die Cigarre zwischen den Zähnen, an's Fenster, da es schon merklich dämmerte, und las mit steigender Ver- wunderung und wiederholtem Kopfschiitteln die folgenden räthsel- haften Zeilen: „Mein Herr! Eine Dame, die Ihnen wohl ivill und der kein anderer Weg offen steht, um Ihnen einen VZink zn geben, der>vohl von Wichtigkeit für Sie sein dürfte, entschließt sich, wenn auch ungern, dazu, sich brieflich an Sie zu wenden und hält'sich für dazu verpflichtet, in Erinnerung an eine ihr von Ihnen erwiesene zarte Aufmerksamkeit, die ihr eine lebhafte Freude bereitet hat, ohne daß sie im Stande gewesen wäre, Ihnen ihren Dank abzu- stattcin Es droht Ihnen Ihrer politischen Thätigkeit wegen und weil man einen geheimen Verkehr zwischen Ihnen und den Arbeiter» vermuthet, Gefahr von seiten zweier Männer, die Ihre Gänge überwachen und sich auf's Spionireil gelegt haben. Es wird Ihnen von Interesse sein, das zu wissen. Ich erlaube mir nicht, Ihnen einen. Rath geben zu wollen, aber ich bitte Sie, ans Ihrer Hiith zu sein, und Sie werden diese Bitte nicht mißverstehen und ihr keine willkürliche Deutung geben. Wenn Ihre Vermuthungen über die Schreiben» dieser Zeilen, was ja möglich wäre, das Richtige träfen, so gebcu Sie derselben Ihren Dank dadurch zu erkennen, daß Si? ihr durch keine Andeutung und keinen Wink eine Verlegenheit bereiten, sondern diese Zeilen absolut ignoriren. I. S. D. N. I'. 8. Tie beiden Ihnen feindlich gesinnten Herren sind Rektor Storek und Weinlich. Wenn Sie im Sinne der Absendcrin handeln wollen, so übergeben Sic diese Zeilen den Flammen; ich bin zn dieser Bitte genöthigt, obwohl ich Ihnen für das mir gewidmete Andenken gern ebenfalls ein schriftliches Eriunernngs- zeichen gewährte." Wvlsgang zündete eine Kerze an und hielt das Blatt in die Flamme, bis das starke, mit Goldschnitt versehene Blatt langsam Zu einem verkrausten schwarzen Aschenblatt verbrannt war; er wgte dasselbe ans die flache Hand, öffnete das Fenster und blies es hinaus in die blaue Abendluft, die es spielend entführte. Ter Brief gab ihm Räthsel auf. Die Anspielungen auf mnthinaßlich sehr zarte und keine rauhe Berührung vertragende Beziehungen zwischen ihm und der Schreibcriu waren- ihm vollkommen unverständlich, und er vermochte trotz alles Nachdenkens keinen Sinn in diese geheimnißvollen Andeutungen zu bringen. Er würde unbedenklich ein Mißvcrständniß angenommen haben, hätte nicht das Thatsächliche der Warnung jeden solchen Gedanken ans geschlossen. Davon, daß ihm der Rektor und der alte Weinlich auf's bitterste grollten, brauchte man ihn nicht erst in Kenntmß zn setzen, und auch das war für ihn über jeden Ziveifel erhaben, daß ihm die beiden häufig nachschlichen; er war ihrer wiederholt in später Stunde auf einsamen Wegen von weitem ansichtig ge worden, und sie hatten dann jedesmal das ersichtliche Bestreben gezeigt, ihm auszuweichen und sich seinem Blick baldmöglichst zn entziehen. Er hatte das anfänglich für Zufall gehalten, doch allmählich hatte sich ihm die Ueberzeugung aufgedrängt, daß hier Absicht und Planmäßigkeit angenommen werden mußten. Es unterlag also, auch wenn die Adresse nicht gewesen wäre, keinem Zweifel— der Brief war an ihn gerichtet. Nun war es freilich komisch, äußerst komisch, daß man sich so romantische Vorstellungen von seinem geheimen Rathschlagen mit den Arbeitern machte und die Zusaminenkünfte mit denselben in des Waldes tiefste Gründe und ivomöglich in Schluchten und Höhlen verlegte,— man hätte es näher und bequemer haben können, denn in Wirklichkeit hatten die vertraulichen Besprechungen, die zur Gründung des kleinen, aber bereits gehaßte», weil in- stinktiv gcfürchtetcn sozialdemokratischen Arbeitervereins geführt hatten, im Städtchen selbst und zwar in der Wohnung eines Arbeiters stattgefunden, und Wolfgang hatte es nicht einmal für nöthig gehalten, den Gang dorthin tief vermummt oder auf Um- wegen und durch Nebenpförtchen anzutreten. Immerhin war und blieb die Warnung gut gemeint nicht blos, sondern auch dankenswerth, aber von wem kani diese Warnung? Er wußte keine Antwort auf diese Frage. Das Bricfchcn hatte seine Geschichte. Fräulein Emmy war sich entschieden wichtig vorgekommen, als sie ihre Schreib- mappc zur Hand nahm— that sie nicht vielleicht ciiicn folgen- schweren Schritt, indem sie, wenn auch anonym, au Wolfgaug schrieb? Sie wählte lauge unter ihren Briefbogen; sollte sie u. Mai. 1878. . 30 Pfennig. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfcuuig.— In Heften Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postnniter. 374 einen bunten, sollte sie einen mit gepreßten Käntchcn nchinen? Das war in der That eine wichtige Frage, wichtiger fast, alo die, in welchem Tone der Brief zu halten sei. Als freilich ein Bogen gewählt war, fiel ihr der Zweifel, ob sie auch den rich- tigcn Ton treffen werde, schwer aufs Herz— sie befand sich allerdings in einem höchst bedenklichen Dilemma. Sie zagte davor, als Absenderin erkannt zu werden, und mußte sich doch gestchen, daß sie sehr unzufrieden mit dem Briefe sein würde, wenn sein Wortlaut die Möglichkeit ausschlösse, errathen zu werden; sie erröthcte tief bei der bloßen Vorstellung, daß Wolf- gang ans dem Tone ihrer Zeilen schließen könnte, sie nehme ein wärmeres Interesse an ihm und doch hätte sie.ihren Brief um keinen Preis so formulirt, daß jede solche Vermnthung ans- geschlossen war. Nein, das durfte nicht sein; sie dachte sich's unwillkürlich bezaubernd, durchblicken zu lassen, nach welchem sinnverwirrenden, nie geträumten Glück Wolfgang nur die Hände auszustrecken brauchte. Sie wurde seltsam warm bei dem Ge- danken, welchen überwältigenden Eindruck so viel Güte und Herablassung auf den jungen Mann machen müßte, und wenn er dann zu ihr kam, wenn er hingerissen vor ihr auf die Kniee sank und ihre Hände bebend mit Küssen bedeckte— wer wußte, ob sie dann nicht ihrer romantischen Güte die Krone aufsetzte und ihn zu sich emporzog? Er war freilich nicht Offizier, und das war ewig schade, aber er war doch ein so hübscher junger Mann, sanft und stolz zugleich, und traf sie nicht vielleicht eine weise Wahl, wenn sie sich einen Gatten auserkor, der ihr ewig dankbar sein, der sie anbeten und auf den Händen tragen mußte, was wohl keiner von den verwöhnten Herren in Attila und Stülp- stiefel thun würde? Sie war fast gerührt und weich und das Romantische des Gedankens lieh ihr Flügel— sie konnte ein mnthwillig-übxrmnthiges Lächeln nicht unterdrücken, wenn sie an das köstlich verblüffte Gesicht des Vaters bei der Eröffnung dachte, die sie ihm selber niachen würde. Unter dem Einfluß dieser aus- schweifenden Träumerei schrieb sie ihren Brief, als sie ihn aber tief anfathmend überlas, erschrak sie über das Unerhörte ihres Schritts, und wenn ihr auch der Gedanke, Wolfgang könne sie verschmähen, weltenfern lag und ihr garnicht kommen konnte, so knitterten und knäulten die kleinen Hände das unvorsichtige, verrätherische Blatt doch heftig zusammen und sie beschloß, einen andern Brief zu schreiben, einen Brief, der so steif und förmlich, so gemessen und kalt ausfiel, daß er ihr beim Ueberlesen geradezu abscheulich vorkam und daß sie ihn in kurz und kleine Stückchen riß. Also ein dritter Entwurf! Auch er befriedigte sie nicht und schien ihr auf der einen Seite schon zu viel zu verrathen und auf der andern keine genügende Erimityigung für Wolfgang zu sein; sie fand, es sei doch eigentlich schwer, einen Brief zu schreiben, der dazu auffordern mußte, ganz bestimmte Dinge zwischen den Zeilen zu lesen, und am liebsten hätte sie einen vierten Entwurf gemacht. Aber es war schon zu spät, ihre Lider sanken schwer über die Augen, sie mußte ja auch den Entwurf, in dem sie gewaltig herum korrigirt hatte, noch abschreiben und so behielt sie diesen dritten Entwurf bei und fügte nur nach einigem Besinnen die Nachschrift hinzu und die Buchstaben I. S. D. N.(das Gcburtstagssonett hatte mit den Worten begonnen: „Ich sah dich nahn—"), dann warf sie sich fast erschöpft von der ungewohnten Anstrengung auf ihr Lager und fragte sich noch im Einschlafen:„Werde ich in acht Tagen Braut sein? Was würden die Herren Offiziere zu der unerwarteten Botschaft sagen?" Und sie lächelte und schlief mit dem Gedanken an die Toilette ein, in der sie ihre Brautvisiten machen würde.— Sie war auch in vierzehn Tagen noch nicht Braut, denn Wolfgang gab weder eine direkte»och eine indirekte Antwort. Sie war einige Tage hindurch sehr geneigt, dem Undankbaren zu zürnen, der sich so vieler Güte nicht würdig zu zeigen wußte, aber bald kamen ihr andere Gedanken.„Nein, diese Männer," sagte sie sich halb unmuthig, halb belustigt—„das Feinste und Zarteste in der weiblichen Natur bleibt ihnen doch ewig un- verständlich und ihrem groben Wahrnehmungsvermögen kann man doch nur mit groben Mitteln beikommen. Der leise Duft einer echt jungfräulichen Natur ist zu unkörperlich für sie und höchstens in aristokratischcn�Familien und in wirklich vornehmen Kreisen bildet sich das Feingefühl aus, das für einen solchen Duft empfänglich ist. Woher soll am Ende dieser Herr Hammer auch ein solches Feingefühl und Verständniß haben? er ist doch ans gewöhnlicher Familie und dann— seine Verzagtheit und Schüchternheit haben doch auch etwas hübsches. Er wagt es nicht, den Blick zu mir zu erheben und glaubt gewiß, er sei höchstens be- rechtigt, mich im Stillen zu verehren, mich zu seiner Muse zu machen und mir seine Gedichte zu widmen, müsse sich aber im übrigen, zu hoffnungsloser Liebe vernrtheilt, in achtungsvoller Entfernung halten, immer fürchtend, durch ein rauhes Wort den poetischen Zauber zu brechen und sich streng und vorwurfsvoll in seine Schranken zurückgewiesen zu sehen. Und hat das Be wnßtsein, einem modernen Dichter dasselbe zu sein, was Beatrice für Tante war(soviel hatte sie doch aus der Literaturgeschichte behalten) nicht auch seinen geheimen Reiz? Wer weiß, ob er nicht noch berühmt wird, und dann steht vielleicht in seiner Biographie, daß eine hoffnungslose, verschwiegene Liebe zu einer jungen Dame, die gesellschaftlich unerreichbar hoch über ihm stand, seinen schönsten Liedern das Leben gegeben und ihnen die schwer- müthig- seelenvolle Färbung verliehen habe, und daß er nnver heirathct geblieben sei, da er diese Liebe nicht zu vergefffn ver mochte. Gewiß, es ist besser so, und ich bin doch eigentlich recht romantisch-thöricht gewesen, als ich an einen minder zarten Aus gang dachte. Nicht Braut, aber ein in verschwiegener Seele verehrtes Dichterideal! Ich werde ihn durch einen tiefen, scelen vollen Blick belohnen, der ihm sagt, daß ich ihn verstehe und seine Huldigung annehme." Und sie kam sich sehr erhaben Nor und lächelte, träumerisch wie sie glaubte, vor sich hin.— Für Wolfgang schien mit dem Briefchen der Kleinen eine Acra der Billet-doux zu beginnen. Am Tage nach dem Empfang jenes Briefchens fand er ein zweites vor, dessen Handschrift er sofort erkannte; es war ikic von Frau v. Larisch. Dieses zweite Briefchcn war erheblich kürzer als das Emmy's und lautete folgendermaßen: „Wenn Sie Sich morgen Abend 7 Uhr an der Parkpfortc ein- finden wolle», werden Sie dort eine Dame finden, die der Wunsch, Ihnen eine Warnung zukommen zu lassen, bestimmt, einen solchen der Mißdeutung ausgesetzten Schritt zu thun. Dafür, daß er bei Ihnen einer solchen Mißdeutung nicht ausgesetzt ist, bürgt ihr Ihr Charakter. Ein Maiblümchenstrauß." „Sie also?" sagte Wolfgang leise vor sich hin. Nun erst er- fuhr er, daß es Frau von Larisch gewesen>var, die ihm die feine Aufmerksamkeit erwies, welche ihn auf seinem Krankenlager so eigenthümlich bewegt und gerührt hatte. Diese Entdeckung war weit davon entfernt, ihm Freude zu machen und nur wider- strebend entsagte er der Illusion, die er solange gehegt hatte. Er schwankte sogar geraume Zeit, ob er dieser Einladung Folge leisten solle, aber der Gedanke an die Bereitivilligkeit, mit welcher ihm Frau von Larisch entgegen kam, als er sie für die kleine Anna zu interessiren wünschte, schien ihm die Verpflichtung auf- zuerlegen, ihre Warnung anzuhören, die jedenfalls mit der bereits erhaltenen identisch und ebenso gut gemeint war. Vielleicht er- fuhr er sogar von der wcltkundigcn klugen Dame Näheres und Greifbareres, und so wenig er sich auch vor seinen Gegnern fürchtete— war es denn so ganz unmöglich, daß die äußerste Vorsicht noch gebotener war, als er nur ahnen konnte? Dem Abend, an welchem sich Wolfgang zu dem geheimniß- vollen Rcndez-vous begab, war einer jener klaren, milden, stillen Tage vorausgegangen, wie sie auch das letzte Drittel des Oktober uns zuweilen noch beschecrt. Auch in der Seele unseres jungen Freundes war es still und klar, und der Gedanke an die Be- gegnung, die ihm bevo�'tand, trieb ihm das Blut nicht rascher durch die Adern. In nachdenklichster Stimmung schritt er lang- sam auf dem schmalen Waldpfad auf und ab, die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt; sein Blick hastete am Boden und an dem rostbraunen, welken Laub, das zollhoch die Erde bedeckte und das sein Fuß vor sich herschob. Aber seine Gedanken waren nicht bei der schönen Frau, die ihn an dieses einsame Plätzchen bestellt hatte, sondern bei der Strophe, die den Schluß eines an Martha gerichteten Gedichts bildete und die ihm schon den ganzen Tag durch den Sinn gegangen war; er hatte sie schon wieder- holt umgegossen, aber noch immer befriedigte sie ihn nicht recht, und er hatte sich auf die Stunde des einsamen Wartens im Walde vertröstet, ans die er vorbereitet war— Frauen sind ja niemals pünktlich. Nur zuweilen warf er beim Vorübergehen an der Parkpforte einen flüchtigen und zerstreuten Blick in die kies- bestreuten Gänge und wendete befriedigt den Kopf wieder weg, wenn er diese Gänge noch einsam im ersten Dämmern des Abends liegen sah. Die stille Stunde erwies sich ihm günstig; er fand für seinen Gedanken eine Form, die ihn vollkommen befriedigte, und kritzelte sie, sich an den Stamm einer alten Buche lehnend, mit Bleistift in stenographischen Zeichen ans ein Blatt seines Notizbuchs. Tie Verse lauteten: - E 375 Aus Klippen und Dünen, in Schlick und in Sand, An der Wimper der Woge spritzenden Schaum, Sah ich im Geiste mein Heimatland, Das buchengrünk, in wachem Traum; Wenn im Sturme die Möve ängstlich schrie Und des Leuchtthurms Licht durch den Nebel glomm, Kam sernher geweht eine Melodie, Eine liebe, vertraute, und lockte mich:„Komm!" Nun bin ich daheim, doch mein Herz ist schwer. In den Tonien des heimischen Waldes träumt Meine kranke Seele vom ewigen Meer, Das zu weißem Geflock an der Klippe zerschäumt. Es rauschen die Kronen: die Grasmücke singt Durch die heimliche Stille, doch mir ist weh, Und lausch' ich den Stimmen des Waldes, so klingt Durch sie alle hindurch ein mahneudes:„Geh!" Hier wird mir bange, hier ist es schwül. Ucber grüne Wogen mit Kämmen von Schnee Weht drüben crsrischend der Wind und kühl Und die Möve kreischt und es donnert die See. Dort war ich ganz und aus einem Guß, Hier bin ich zerrissen, krank und getheilt; Meine Lippe schmachtet nach eineni Kuß— Ob Meer und Wind mir die Seele heilt? Kaum hatte er das Buch wieder iu die Brusttasche geschoben' als er auch die eiserne Parkpforte leise klirren hörte, und als er den Blick erhob, sah er sich Frau von Larisch gegenüber. „Sie wußten, daß Sie mich erwarteten?" fragte sie mit einer leichten Befangenheit, die sie besser kleidete, als alle kecke Sicherheit, die sie bei früheren Anlässen entwickelt hatte. Wolfgang nickte leicht mit dem Kopfe.„Ich konnte wohl nicht in Zweifel darüber sein, da man Ihre Handschrift so leicht nicht vergißt. Sie hat etwas höchst Charakteristisches." „Wollen Sie mir Ihren Arm geben und mich tiefer in den Wald führen? Sie begreifen, daß ich jede Begegnung zu ver- meiden wünsche; nicht nur soll, was ich Ihnen zu'sagen habe, unter uns bleiben, sondern es ist auch am besten, wenn nie� wand ahnt, daß ich Ihnen einen Wink gegeben habe." „Wichts einfacher als das, gnädige Frau." Cr nannte sie zum erstenmale so und hatte die abgeschmackte Titulatur bisher stets geflissentlich vermieden, infolge einer Regung demokratischen Selbstbewußtseins, das lieber anstieß, als sich beugte. Frau von Larisch entging es nicht, daß er sich dieser Form bediente, und sie sah ihn überrascht und halb Vorwurfs- voll an. „Sie könnten die.gnädige Frau' auch heute beiseite lassen, denke ich. Nie war sie so überflüssig." Wolfgang erröthete leicht; er mußte sich sagen, daß er im Unrecht war, und dieses Bewußtsein stimmte ihn wider Willen weicher. „Ich würde mir in der That Vorwürfe machen müssen, wenn ich Sie vorsätzlich gekränkt hätte, denn ich bin Ihnen für Ihre gütige Absicht, mich zu warnen, den lebhaftesten Dank schuldig, und diese Dankbarkeit wird dadurch, daß Sie mir schwerlich etwas neues sagen und daß ich genau zu wissen glaube, vor wem Sie mich warnen Ivollen, gewiß nicht verringert. Sie wollen mich darauf aufmerksam machen, daß Herr Weinlich und Herr- Rektor Storck mir auf Schritt und Tritt nachspüren und daß sie hoffen, mir einen geheimen Verkehr mit den Häuptern des sozialdemokratischen Arbeitervereins nachweisen zu können, weit sie glauben, niich dadurch für hier unmöglich zu machen?" „Sie sind ein Hexenmeister,— ivoher in aller Welt wissen Sie das?" lautete die betroffene Antwort. Wolfgang lächelte.„Lassen Sie das mein Geheimniß bleiben; ich bin zum Schweigen verpflichtet, wenigstens mvralisch, und Sie werden mich dieser Pflicht nicht abtrünnig machen wollen." „Würde ich Glück damit haben? Ich werde den Versuch klüglich unterlassen. Uebrigcns ist es am Ende kein so großes Wunder, daß Sie die Pläne Ihrer Feinde kennen, denn möglichcriocise ist Herr Rektor Storck anderwärts nicht vorsichtiger gewesen, als uns gegenüber." „Darf ich fragen, iven Sie unter diesem.uns' verstehen?" sagte Wolfgang, mit einem vergeblichen Versuch, die Spannung zu verbergen, mit der er auf die Antwort wartete. „Ich will offner sein, als Sic es sind. Der Herr Rektor hat sich seines Vorhabens Fräulein Reischach, Fräulein Hoher und mir gegenüber gerühmt und schien seiner Sache so sicher zu sein, daß'ich ernstlich besorgt ward und es fiir meine Pflicht hielt, Sic vor Unvorsichtigkeiten zu warnen, zu denen Ihr Stolz Sie so leicht verführen könnte. Aber Sie scheinen ja sehr kühl über diese Jntrigne» zu denken und sich sv sicher zu fühlen, daß Sie sich berechtigt glauben, die Warnung lächelnd und achselznckcnd ent- gegenzunehmen. Das gefällt mir übrigens so gut, daß ich gern auf das Bewußtsein verzichte, Ihnen einen Dienst geleistet zu haben." Es lag etwas wie Bewunderung in dem Ton, mit dem diese Worte gesprochen wurden und in dem Blick, der sie begleitete. Aber Wolfgang erwiderte ernst und mit einem leichten Anflug von Traurigkeit:„Ich bin ivcit davon entfernt, mich so sicher zu fühlen, als Sie annehmen; es wird mich im Gegcnthcil garnicht überraschen, wenn ich der Koalition erliege, die sich gegen mich gebildet hat und die mir schließlich doch hinterrücks ein Bein stellen wird. Ich bin, um ein militärisches Gleichniß zu brauchen, ein verlorener Posten in Feindesland, und habe mich schon ge- fragt, ob es mir gar so sehr verübelt werden könnte, wenn ich den Posten aufgäbe, auf den mich der Zufall gestellt hat. Es würde mir grade in diesen Herbsttagen leicht werden, auf und davon zu gehen; der Zugvogel in mir regt jetzt, wo die letzten Geschwader unserer Sommervögel sich lärmend zum Aufbruch rüsten, fast sehnsüchtig die Schwingen, und selbst wenn ich ungern ginge, würde ich mich mit dem welken Laube trösten, das jeder Windhauch von den Äesten streift, wie ich mich mit ihm trösten würde, müßte ich aus dem Leben scheiden." Er hatte es ohne jede Affektation gesagt, mehr zu sich selbst, als zu der anmuthigen Frau, die ihren Arm unwillkürlich fester auf den seinen legte; er fühlte, wie jeder Finger ihrer Hand ein mildes Feuer ausströmte, das ihm durch alle Adern floß, und als er sie ansah, überraschte ihn ein Ausdruck in ihrem Gesicht, den er noch nicht kannte. Es lag urplötzlich ctivas Mädchenhaftes in ihrem Wesen, etwas Sanftes, Anschmiegendes, Schüchternes und fast Demüthiges, und sie war ihm in diesem Moment ityil. unvergleichlich gefährlicher, als je zuvor. Ob sie eine Ahnung davon hatte? Es war, als verschleirc sich ihr Blick von einer im Auge zerdrückten Thräne, als sie leise, ein wenig traurig und mit beinahe stockender Stimme sagte: „Wird Ihnen das Scheiden von hier so leicht? Ich hatte geglaubt, die Trennung würde Ihnen aus mehr als einem Grunde schwerer fällen, und dieser resignirte Ton gefällt mir nicht an Ihnen, weil ich größere Tiefe und Wärme des Gefühls— fiir Orte und Menschen— bei Ihnen voraussetzte. Aber ich hätte mir sagen können, daß Sic das anscheinend unvermeidliche Gebrechen aller Poeten theilen, sich in der Praxis von all' den zarten und schönen Empfindungen zu emanzipiren, die ihren Dichtungen Reiz und Zauber verleihen." „Bielleicht thnn Sie mir doch sehr unrecht, vielleicht bin ich viel mehr Mensch als Poet, und vielleicht sind es grade rein menschliche Empfindungen, die mir das Scheiden leichter machen, als dies ohnedem der Fall sein»viirde. Ich habe hier schmerz liche Erfahrungen zu machen gehabt und bin in Verivicklnngen gerathen, die befriedigend zu lösen ich keine Hoffnung habe. Und ist eS nicht besser, ich gehe, bevor mir das�Hcrz wund geworden ist und ich die Frische und Elastizität der Seele eingebüßt habe? Bisher habe ich den Kopf oben behalten, aber ich bin aus weichem Thon gemacht und kann nicht dafür stehen, daß ich nicht auf die Dauer an dem Widerstreit zwischen einer ernsten Steigung und äußeren Verhältnissen ernstlich erkranke." Er dachte dabei an Martha, der er es vorwerfen zu dürfen glaubte) daß sie, grade sie, keinen Schritt gethan hatte, wie Frau von Larisch, und selbst die lustige, halb kindische Emmy. Der Aufschluß, den ihm Frau von Larisch gegeben, ließ ihm, trotz mancher räthselhaften Wendung, kaum einen Zweifel darüber, daß der erste Brief von Emmy herrührte; darauf, daß er nicht von Martha geschrieben war, hätte er blindlings einen Eid geleistet; Handschrift und Stil konnten nicht die ihren sein. Er vermochte eine Aufwallung von Bitterkeit und Trauer nicht zu unter drücken und daran, daß seine Worte von Frau von Larisch falsch gedeutet werden konnten, ja daß sie dieselben beinahe falsch deuten mußte, dachte er mit keiner Silbe. Frau von Larisch verstand ihn aber wirklich falsch. Wenn er Martha liebte, wie sie bisher so fest geglaubt, wie konnte er dann von äußeren Hindernissen sprechen? War Martha nicht in jeder Hinsicht frei, brauchte er nicht blos nni sie zu werben, und konnte es denn einen Moment zweifelhaft sein, auch für ihn, daß er mit offenen Armen empfangen ward? Aber vielleicht hatte sie sich geirrt, vielleicht lag in Wolfgangs Worten eine Anspielung auf Das Vogelnest.(Seite 383.) ein— möglicherweise nebenhergegangenes?— tieferes Empfinden fnr sie selbst und ans ihre Verhältnisse, die ja stadtkundig waren und von denen er beinahe wissen mußte. Sie mußte ihn son- diren, und sie erwiderte mit einer Wärme, die Wolfgang unter andern Umständen stutzig gemacht haben würde: „Ist das auch eine ächte Neigung, die sich von ungünstigen Verhältnissen, von zufälligen Unterschieden der sozialen Stellung und des Vermögens abschrecken läßt? Verdient sie nicht den Vor- tvnrf der Kleininüthigkeit und des voreiligen Verzagens? Hat sie nicht die Pflicht, einen ernsten und entschlossenen Versuch zu wagen, ehe sie die Accente elegischer und schwermüthigcr Resignation an- schlägt? Ich fürchte, Sie vergessen, daß Sie den ersten Schritt zu thun haben, daß er von Ihnen erwartet wird und daß Sie die Verhältnisse unrichtig beiirtheilen." Wolfgang sah düster vor sich nieder und zuckte traurig die Achseln.„Ich begehe vielleicht einen Fehler, aber ich habe den Muth nicht, den Sie von mir fordern. Wir sind eben alle das Produkt unserer Verhältnisse, unserer Erziehung und unserer Ersahrungen, und in jedem bilden sich gewisse Grundsätze aus, nach denen er handeln muß, wenn er sich nicht selber untreu werden will. Aber wollen wir das melancholische Gespräch nicht fallen lassen? Es kann kaum ein Interesse für Sie haben, und ich bitte, zu entschuldigen, daß ich diesen Ton angeschlagen habe. Es ist wohl die wehmüthige Herbststimmung, für die ich immer besonders empfänglich war, die mich zu dieser Abschweifung auf ein so intimes Gebiet verleitet hat und mich der Gefahr aussetzt, von Ihnen für einen Lyriker aus System gehalten zu werden." (Fortsetzung folgt.) i 378 Der Friihliiig einst und jetzt. Keine Jahreszeit ist so ime der Frühling von dichtenden Menschen besungen worden und keine wurde mit soviel Recht gepriesen wie der Lenz. Das haben die Gegensätze im Natur- leben verursacht. Der Winter ist für den Naturfreund der wider- wärtigste Geselle, für die geplagte Schuljugend eine Marterzcit, für Braut und Bräutigam eine— oft allerdings süße— Zeit der Gefangenschaft, für den kindergesegneten armen Hausvater die jährlich wiederkehrende Periode des Hungers und Frostes, für den Greis die Zeit stiller Einkehr und leiblicher Heimsuchung. Wie ganz anders der Frühling! Allmählich oder plötzlich erwacht der Genius des Lebens und sprengt die Fesseln der nordischen Mächte. Die vorher starre Erdrinde öffnet sich an allen Enden; des Himmels Königin— von den Sounenanbetern nicht umsonst göttlich verehrt— durch- bricht die frostige Nebeldecke des Winters und ans ihren Ruf ersteht die Pflanzenwelt aus langem, langem Schlafe. Schnee- glöflcheii läuten die herrliche Zeit des Blühens herbei. Veilchen und Primeln, Anemonen und Seidelbast eilen dem kommenden Heere der Blumen als Herolde voraus. Und in den kahlen, blättcr- losen Bäumen beginnt das Knistern der zersprengten Knospen- hüllen, und die Vögel in den Zweigen ahnen das Kommen ihrer Fest- und Feiertage und sie beginnen zu singen, zu zwitschern und zu jubiliren. Die ganze Welt beginnt mit ciuemmale eine andere zu werden. Und alles das wirkt so ivohlthätig, so sorgenverscheuchend, so hoffnungbcseligend, so durchwärmend und durchleuchtend auf des Menschen Gemüth. Auch er beginnt zu singen, zu jauchzen und dem Weltschmerz seinen Rücken zu kehren. Auch er, der bisher gebeugte, beginnt ein anderer zu werden und wieder aufrecht zu wandeln unter andern Menschenkindern und im trauten Umgang mit der erwachenden Natur. Der Mensch hat einst geglaubt. Und wenn wir von allen frommen Gesängen und geistlichen Liedern, welche zum„Preis des Ewigen" gedichtet wurden, Tag und Stunde ihrer Geburt kennten, so würden wir finden, daß die große Mehrzahl derselben im Frühling selbst oder beim herannahenden Lenz der glaubenden Menschenbrust entfloßen. Aber damals stand unser Geschlecht noch auf dem Piedestal eines sich selbst vergötternden Götzen. Man glaubte, den„unsichtbar Ewigen" zu preisen und streute sich selbst Weihrauch und Blumen. Man schmeichelte sich, Endzweck der Schöpfung zu sein und setzte alle anderen Kreaturen so ohne weiteres als seine eigenen Diener: der laue Südwind, welcher den Schnee von den Dächern und Feldern fegt— ein Engel Gottes im Dienste des Menschen; der Genius des wiedererwachen- den Naturlebens— ein segenspendender Freund derer, die sich vorlogen, die Blume des Feldes blühe und dufte ihretivcgen. Ja, und die trillernde Lerche in blauer Frühlingsluft, sie stieg ja für unsere Väter himmelan, um den feldbauenden Landleuten die schwere Arbeit zu versüßen und ain lichten Sonntag die Menschenkinder zu lehren, daß man Gott zu preisen habe. Ja, das war die Zeit der naiven Weltanschauung: eine Zeit der Märchen, als die Phantasie noch ini Fcicrkleide lustwandeln ging, die Blumen des Feldes für sich in Anspruch nahm und sich beim Frühlingskonzcrt der Vögel des Waldes„als Königin" in's Parterre setzte. Die Phantasie ist die ältere, leichtgeschürzte und oft sehr ausgelassene Schwester des Verstandes. Sie schoß auf zur blühenden Jungfrau und setzte sich zur Beherrscherin der ganzen Gedankenwelt, als der Verstand, ihr jüngerer Bruder, noch in den Windeln lag und erst Miene machte, allmälflich aus allen Vieren zu gehen. Aber der Junge ist mit der Zeit groß geworden, ein kecker Jüngling, der sich der Herrschaft seiner Schwester Phantasie zu entwinden versuchte und schließlich in Freiheit gelangte. Jetzt schickt er sich an, Herr der Welt zu werden, indem er der älteren Schwester das Szepter aus der Hand windet. Der Aufschwung, den die wissenschaftliche Erforschung der Thier- und Pflanzenwelt infolge der Darwin'schcn Theorie ge- nominell hat, brachte auch eine wissenschaftliche Beantwortung der Frage: Wie erklären wir die Farbenpracht, den Wohlgeruch und die Honigabsonderung der höheren Pflanzenblüthen und wie haben wir die mannichfaltige Anordnung und Gestalt der der- schiedenen Bestandtheile der höheren Blumen zu verstehen? Es ist eine seltsame Erscheinung in der Geschichte des Natur- erkennens, daß zwei der interessantesten Räthsel des Frühlings zu gleicher Zeit ihre Lösung fanden: das eine ist das Problem der Blumen, das andere dagegen das Problem des Vogelgesanges. Beide Räthsel fanden ihre Lösung im gleichen Prinzip: in der Liebe. Darwin hat das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl im Kampf um's Dasein auch in der Sphäre des Geschlechtslebens beider Naturreiche, der Pflanzen- und der Thierwclt, wieder- erkannt und für Thiere und Menschen mit dem speziellen Namen „geschlechtliche Zuchtivahl" belegt. Es hat sich gezeigt, daß viele Thiere, namentlich viele Vögel und auch manche Säuger, nicht allein von der Gestalt und Farbe, sondern auch von der Stimme ihrer künftigen Ehegatten tiiotiz nehmen. Vorab sind es die Weibchen, welche bei der Wahl ihrer Männchen genannte Faktoren so sehr in Rechnung bringen, daß zur Paarungszeit unter den männlichen Ehckandidaten eine förmliche Konkurrenz eintritt und ein bald blutiger, bald unblutiger Wettkampf um die Gunst der umworbenen Weibchen ansgefochten wird. Die Hähne kämpfen mit einander um das Hühner- Harem auf Tod und Leben, und ein spornloser Hahn hat gar keine oder nur geringe Aussicht auf Nachkommenschaft, wenn ein bespornter Konkurrent mit ihm um den Besitz der Hennen kämpft. Ter männliche Hirsch besitzt ein Geweih, mit dem er den Kampf mit einem Rivalen um dasselbe Weibchen aufnimmt, wobei der Stärkste Meister wird und der Schwächere ohne Nachkommen dahingeht. Auer- und Truthähne paradiren um die Wette, indem sie vor den anivesenden Weibchen ihre Gefieder in allen möglichen theatralischen Stellungen ent- falten. Bei buntgefiederten Vögeln sind es vorab die Männchen, welche sich durch Farbenpracht auszeichnen, und man hat beobachtet, daß die umworbenen Weibchen von Farbe und Anordnung der Federn bei der Auswahl ihrer Männer Notiz nehmen. Bei unsern Singvögeln sind es wiederum die Männchen, welche sich ganz besonders in der Gabe des Gesanges vervollkommnet haben, während die Weibchen den besten Sängern den Vorzug geben. Dasselbe gilt von den Grillen und Cikaden.�bei denen sich die Mänuchen allein der Gabe des Zirpens und Schrillens erfreuen, wie ja denn schon ein alter Dichter sang:„Glücklich leben die Eikaden, iveil sie stimmlose Weiber haben." So hat die neuere Naturwissenschast auch für die ästhetischen Seiten des Thierlebens eine natürliche Erklärung gefunden. Das Tanzen der Mücken und Fliegen im Abendsonneiischein eines lauen Frühlingstages ist ein Wettkamps in der Sphäre des Liebelcbens im iveitern Sinne, nicht minder als der melodische Gesang unserer gefiederten Waldbewohner..Und wenn die erwachende Natur sich im Lenz mit Farbe und Melodien bekleidet, so ist es der allmächtige Selbsterhaltungstrieb der lebenden Natur, die Liebe in allen Tonarten und Farbenabstnfungen, welche ihrem Natur- dränge Ausdruck gibt. Wir fassen hier das Wort„Liebe" im weitesten Sinne: als Verkleidung des Geschlechtstriebes, der— naturwissenschaftlich definirt— nichts anderes anstrebt, als die Vereinigung zweier verschiedener Geschlechtszellen zur Erzeugung eines neuen In- dividuums. Die„Liebe" fiTNahmlothweirdigkeit.' Wenn wir das Leben der einzelnen Pflanze, des einzelnen Thieres oder des einzelnen Individuums unseres eigenen Geschlechts von der Eizelle an bis zum Tod, von der Wiege bis zur Bahre verfolgen, so finden wir, übereinstimmend bei allen höheren Organismen, daß die Höhe der vollen Entwicklung, die Glanzperiode des Einzelwesens dann erreicht ist, wenn die ge- schlechtliche Fortpflanzungsfähigkeit in ihre Rechte tritt. Bei den höheren Pflanzen ist es"die Zeit des Blühens, bei den Thieren die Zeit um die erste Paarung; des Menschen„Blüthezeit" ist das Zeitalter des Freiens. Und gar oft ist diese„Blüthezeit" eine sehr kurz zugemessene. Der Pessimist Schopenhauer sprach eine große Wahrheit, als er sich dahin äußerte:„Mit den Mädchen hat es die Natur auf das, was man einen Knalleffekt nennt, abgesehen, indem sie dieselben, auf wenige Jahre, mit überreich- licher Schönheit, Reiz und Fülle ausstattete, auf Kosten ihrer ganzen übrigen Lebenszeit, damit sie nämlich, während jener Jahre, der Phantasie eines Mannes sich in dem Maße bemäch tigen könnten, daß er hingerissen wird, die Sorge für sie auf Zeit Lebens, in irgend einer Form ehrlich zu übernehmen, zu welchem Schritte ihn zu vermögen die bloße vernünftige Ucber- legung keine hinlänglich sichere Bürgschaft zu geben schien. Sonach hat die Natur das Weib, eben wie jedes andere ihrer Geschöpfe (wie jedes andere Lebewesen) mit den Waffen und Werkzeugen ausgerüstet, deren es zur Sicherung seines Daseins bedars, und ans die Zeit, da es ihrer bedarf; wobei sie denn auch mit ihrer gewöhnlichen Sparsamkeit verfahren ist." Wir finden diese Worte schon acht Jahre vor dem Erscheinen des Darwin'schen Haupt- wertes gedruckt; sie enthalten die Grundwahrheiten der von Darwin beleuchteten sexuellen Zuchtwahl, allerdings im verschleiernden Gewand jener philosophischen Sprache, welche nicht diejenige des Skatlirforschers sein kann. Durch die geschlechtliche Zuchtwahl haben die männlichen Hirsche im Verlaufe vieler Generationen bei allmählichein Abändern ihr kräftiges Geweih erhalten, indem beim Wettkampf um die Weibchen immer der bestbewaffnete Hirsch iiber den schwächeren Konkurrenten den Sieg davontnig, die Braut heimführte und Nachkommen er- zeugte, ans welche er seine eigenen Vorzüge vererbte. Durch geschlechtliche Zuchtwahl erlangten viele männliche Vögel nach und nach ein glänzendes Gefieder und zwar grade auf jene Zeit, da es die besten Dienste verrichtete: ans die Paarungs- zeit; denn die umworbenen Weibchen gaben stets den schönsten Bewerbern den Vorzug; letztere hinterließen Zkachkommen, denen sie gleichfalls ihre Vorzüge vererbten, während die weniger schön gefiederten Konkurrenten entweder kinderlos dahingingen oder nur Die J Bon Dr. Es ist in der Geschichte der Medizin eine keineswegs vcr- einzelt dastehende Erscheinung, daß die Wissenschaft ein von der Volksmedizin erfundenes und erprobtes Mittel in sich aufnahm und dessen wahren Werth zu bestimmen und zu begründen versuchte. Seltener dagegen geschah es, daß ein gegen gewisse Krankhcitsformen früher verwandtes und im Laufe der Zeit bei Seite gesetztes Mittel, welches nur in der Hausmittclpraxis des Volkes fortvegetirte und sich dort sein Bürgerrecht bewahrte, mit einem male wieder zu Ehren kam bei den Aerzten, wie dies neuerdings mit dein unter dem Rainen„Massage" eingeführten Heilverfahren geschehen ist. Wer hätte wohl gedacht, daß die gute, alte„Streichfrau", denn das ist die Massage, wieder Bürgerrecht in der Wissenschaft erlangen und ihr Verfahren von den angesehensten Lehrern der Medizin, wie z. B. vom Professor Billroth in Wien, als ein ganz exaktes und durch nichts anderes zu ersetzendes gepriesen werden würde? Selbstverständlich natürlich ohne jenen Hokuspokus, den Schäfer und andre Heilkünstler nicht blos beim Streiche», sondern auch beim„Besprechen" blutender Wunden, beim„Büßen" der Rose n. s. w. anwenden, welcher im Abmurmeln einer von jenen Zauberformeln besteht, die das Christenthnrn aus dem heidnischen Alterthnin ererbte iind sich anpaßte, um vermeintlich die Heilung durch kreuzweise er- folgende Manipulationen und durch Anrufung der heiligen Drei- einigkcit zu beschleunigen; jenen Luxus, ohne den auch die Aerzte bis vor zwei Jahrhunderten nicht bestehen zu können glaubten. „Denn das Zeichen des Kreuzes", so predigte Set. Chrysostomus, „hat' bei unseren Vorfahren und noch jetzt verschlossene Thiiren geöffnet; es hat die Kraft des Schierlings ausgehoben; es hat die Bisse giftiger Schlangen geheilt,"— und deshalb strichen und drückten christliche Aerzte die Brauschen und dergleichen kreuz- weise, wie heute noch die Streichfrauen ans dem Lande. Doch was ist nun an der Massage Gutes? Die Chinesen kennen dieselbe schon lange, denn wir finden heute noch bei den- selben Aerzte, welche diese Kunst Hausirend ausüben. Aber auch den griechischen Aerzten zu Zeiten des Pythagoras(580 v. Chr.) war sie schon bekannt und unter den hippokratischen Aerzten wurde sie allgemein in den griechischen Kampfschulen ausgeübt und die in denselben beschäftigten Gymnasten erhielten von jenen Aerzten regelrechten Unterricht in Bezug auf die Behandlung der etwa dorkoinmenden Unfälle, namentlich kannten sie gewisse Knnstgriffe, um die Folgen von Verstauchuiigeii, Verrenkungen und Verdrehungen zu heilen. Später wurde dieselbe Kunst nachweislich in den römischen Fechterschulcn geübt, bis sie im Laufe der Jahr- hunderte, mit dein Verfall der Medizin überhaupt, wieder in Vergessenheit gericth, und zwar in der Weise, daß bis vor wenigen Jahren bei dergleichen Unfällen,— nachdem man das Gelenk, wenn es verrenkt ivar, wieder eingerichtet hatte, lediglich kalte Umschläge, Blutegel, spirituöse Einreibungen und dergleichen ver- 79- "och schwächliche Weibchen als Bräute heimführten, was gleichbedeutend mit Ausjätung. Wir können die prächtige Anpassung mancher Vögel und Fische, bei denen die Männchen ans die Zeit der Paarung jeweilen ein besonders glänzendes Hochzeitskleid erhalten, mit Schopenhauer einen„Knalleffekt" der Natur nennen. Das Gleiche gilt von der Gabe des Gesanges mancher männlichen Vögel; aus Nichtsängern sind im Verlaufe zahlloser Generationen durch geschlechtliche Zucht- Wahl die nicht allein von ihren Weibchen, sondern auch vom Menschen geliebten singenden Vogelartcn geworden. Das Mäiinche» singt in der Regel am schönsten und eifrigsten, wenn es nach einem Weibchen sucht; mit seinen Melodien berückt es das jungfräuliche Herz seiner künftigen Gattin. Das sind die Stimmen des Früh lings, die gegen den Sommer und Herbst allmählich verstummen: „Knalleffekte" der Natur, Resultate der Zuchtwahl innerhalb der Sphäre des Geschlechtslebens, der„Liebe". Aber die„Liebe" feiert auch im Pflanzenleben ähnliche Triumphe. Die prangende Blume ist das Hochzeitskleid der Pflanze, der Wohlgeruch ist dem lockenden Bogelgc)angc zu ver- gleichen und der Bliithenhonig im Kelch der Blume die dem Kusse dargebotene, schivellende Lippe.(Schluß folgt.) ajjage. i. Resau. ivandt wurden. Jeder, der einen derartigen Unfall erlitten hat, z. B. eine Verstauchung des Fußgelenkes, oder eine ähnliche Er- krankung der Hand- oder Fingergelenke, die auf die gedachte Weise behandelt wurden, wird aber wissen, ivie sehr sich das Leiden dabei in die Länge zog und wie nicht selten eine Gelenk- cntzündnng zurückblieb, welche dauernd den Gebranch des bc- treffenden Gliedes behinderte und schmerzhaft machte.— Es mag unentschieden bleiben, ob die aus China herübergekommenen Be- richte über die durch die dortigen Aerzte ausgeübte Massage den ersten Anstoß gegeben haben, dieses Verfahren auch in Europa wieder aufzunehmen, oder ob die außergewöhnlichen Knrerfolge, welche man im Dome in Bologna damit sogar bei Gelenkaffektionen erzielte, die sonst dem Messcr anheimfielcn, die Veranlassung dazu gaben; es genüge vielmehr die einfache Thatsache, daß seit zwei Jahren viele Chirurgen für dieses Verfahren geradezu schwärmen und dasselbe nicht nur bei den Folgen von Verrenkungen und Verstauchungen, sondern auch bei andersartigen, namentlich chro nischen rheumatischen Gelenkentzündungen, bei Muskelrhenmatis- mus(dem sogenannten Hexenschuß), bei Muskeldehnungen n. s. n>. mit bestem Erfolge anwenden und. so lautet der technische Aus- druck, die Aufsaugung der Exsudate dadurch befördern.— Zur Erklärung dieses Ausdrucks, wie weiterhin der Massage und des bei deren Anwendung stattfindenden Heilungsvorgangcs müssen wir eine kleine anatomische und physiologische Einschaltung inachen. Die meisten Gelenke werden durch die Vereinigung zweier glatter und überknorpelter Knochenflächen gebildet, seltener zweier Knorpel oder eines Knochens und eines Knorpels, indem zene sick, genau berühren, ohne jedoch miteinander verwachsen zu sein. Sie werden vielmehr nur durch äußere, mehr oder minder dehnbare Bänder zusammengehalten, ivclche theils als Gelenk- kapseln so an deni Umfange der Gelenke sitzen, daß sie den von ihnen begrenzten Zwischenraum ringsum vollständig abschließen, theils als eigentliche, mit ihren an die zu verbindenden Knochen angehefteten Enden die Bewegung des Gelenkes gestatten und vermitteln. Die Gelenkbänder zeigen nach ihrer Größe und Form vielfache Verschiedenheiten, ebenso wie hinsichtlich ihrer Lage iind Richtung. In der Gelenkkapsel befindet sich die Gelenk- schmiere, vermittelst deren die beiden einander zugekehrten Gelenk- fläche» glatt und schlüpfrig erhalten werden, lieber den Bändern liegen zum Thcil Mnskcllagcn und Fettschichten, zum Theil aber auch nur die äußere Haut mit einem dünnen Nnterhantzellgewebe, und zu ihnen treten, wie zu allen anderen Theilen des Organis- mus, Nerven und Gesäße. Die Nerven vermitteln die Bewegung und Empfindung, die Gefäße die Ernährung der Gelenktheile, und zwar führen die arteriellen Gefäße den Blutstrom vom Herzen zu denselben, welcher dort nengebildete Bcstandtheile absetzt, während die venösen Gefäße und die sie begleitenden Saugadern die verbrauchten und abgenutzten Bestandtheile wieder zum Herzen und in die Lunge führen, in welch' letzterer das Blut durch Auf- nähme von Sauerstoff verbessert und wieder gebrauchstüchtig gemacht wird. Die vorgenannten Thcile, namentlich aber die Gelenkkapseln und die 51nvchenendtheile, sind es nun, welche bei den ver- schiedenen, hier zu betrachtenden Gelenkerkrankungen eine wesent- lichc Rolle spielen, vor allem aber bei der sogenannten Ver- stanchung oder Verdrehung(Distorsion),— weiterhin bei der eigentlichen Verrenkung(Luxation). Erstere unterscheidet sich von der letzteren dadurch, daß der Verletzte sofort nach dem Stauche sein Glied ordentlich bewegen kann, wenn auch unter Schmerzen, was er bei der Verrenkung solange nicht oder nur wenig kann, bis das Gelenk durch künstliche Hülfe wieder in die richtige Lage gebracht ist. Die Verstauchung resp. Verdrehung besteht im wesentlichen in einer Zerrung, zu starken Dehnung und auch theilweise Zer- reißung von Gclenkkapselbändcrn mit Austritt von etwas Blut in die Umgebung des Gelenks und in letzteres selbst; bei der Verrenkung findet derselbe Vorgang in viel bedeutenderem Grade statt und außerdem sind die Geleukeudeu aus ihrer gegenseitigen Lage gewichen. Geschah letzteres nur theilweise, so nennt mau sie Subluxationen, wenn mit Knochenbrüchcn oder Wunden der Oberhaut oder Zerreißungen großer Gefäße und Rervm verbunden: komplizirte Luxationen. Den Verrenkungen ist am aller- häufigsten das Schultergclenk— infolge seiner freien Beweglich- keit— ausgesetzt; demnächst an der Hand die Daumengelenke (das sogenannte„Vergreifen", wonach der Daumen in Hyperex- tensionsstellung nach dem Handrücken steht) und endlich das Fuß- gelcnk. Das Wiedereinrücken verrenkter Gelenke, namentlich aber die Behandlung komplizirter Luxationen ist in jedem Falle Sache des Chirurgen, und nur, wenn ein solcher nicht zu beschaffen, kann man versuchen, das verrenkte Glied zunächst nach der Rick- tmig hinzuziehen, nach welcher es hinsteht, und dann, wenn es dadurch beweglich geworden ist, schnell in seine ordentliche Stellung zu bringen. Kanu der Kranke das Gelcnk garnicht freiwillig bewegen, schmerzt dasselbe heftig bei Bewegungsversuchen, und hört man bei den Einrichtungsversuchen ein knisterndes Geräusch, oder ist sofort erhebliche Schwellung des Gelenks mit Eick- zündungsröthe eingetreten, so sehe man unter allen Umständen von derartigen Manipulationen ab, lagere das Glied ruhig und mache kalte Umschläge bis zur Ankunft des Arztes, denn in diesem Falle liegt der Verdacht auf eine komplizirte Luxation mit Knochen- bruch vor. In jedem anderen Falle von Verstauchung oder solchen Verrentungen, die der Kranke oder ein Anderer ivieder einrichten konnte und die nicht mit Verletzungen der Oberhaut oder bedeutenden Blutunterlaufnugen verbunden sind, schreite man aber sofort zur Anwendung der Massage. Wir sagten oben, daß bei den Verstauchungen und Ver- renkungen eine Zerrung und theilweise Zerreißung der Gelenk- bänder und ein größerer oder geringerer Blutaustritt in das Gelcnk selbst stattfindet; derselbe Vorgang, wie wir ihn auch bei Quetschungen oberflächlicher Wcichtheile beobachten, z. B. nach Stock- oder Fanstschlägcn auf den Rücken oder in's Gesicht. Bei letzteren läßt sich der Verlauf ziemlich deutlich verfolgen. Die Haut wird danach erst blauroth, dann blau oder grün, endlich hellgelb, und schließlich, nach Tagen oder Wochen, wieder normal. Diese eigcnthümliche Färbung rührt davon her, daß in den Fällen, wo Blut aus den zerrissenen Gefäßen in das benachbarte Binde- gewebc eintritt, cinestheils der Blutfascrstoff gerinnt, andercntheils der Blutfarbstoff die Blutkörperchen verläßt, sich in gelöstem Zik- stände in die Gewebe vcrtheilt und dort verschiedene Bcrändc- rungen durchmacht, welche jene blaue, rothe, grüne und gelbe Hautfärbung bewirken, während die wässerigen Blutbestandtheile (das Serum) bald aufgesogen(resorbirt) und wieder der Blutbahn «geführt Iverdcn. Langsamer und sehr allmählich findet dies bei en genannten festen Bestandtheilcn des Blutes statt, sodaß eben Wochen darüber vergehen können, ehe der Heilungsvorgang bc- endet ist. Noch böser gestaltet sich aber die Sache, wenn das Gelenk durch einen ähnlichen Borgang betroffen wird. Äußerlich ist nach einer solchen Verstauchung und Verdrehung in den ersten Stunden oft nichts sichtbar. Nur der Schmerz bei Bewegung�- versuchen tveist darauf hin, daß im Innern des Gelenkes eine Zerrung und ein Bluterguß stattgefunden hat. Letzterer wirkt aber einerseits in dem, nicht aus Weichthcilen, wie das Muskel- gcwcbe, sondern aus ziemlich festen, knorpeligen und sehnigen Massen anfgcbautcn Gelenk wie ein fremder Körper— z. B. wie ein in die Haut cingedrungencr Splitter, ohne dessen Ent- ferunug nicht an Heilung zu denken ist,— andererseits erschwert der eigenthiimliche Bau des Gelenkes die Aufsaugung des gewöhnlich nur ans einen kleinen Heerd beschränkten und sich sozu- sagen abkapselnden Blutergusses, es entsteht eine Blutstauung auch in den benachbarten Geweben, und sehr bald schwillt das Gelenk in größerem oder geringerem Grade an,— es entzündet sich. Der iveitere Verlauf kann sich nun sehr verschiedenartig gestalten; je nach dein Umfange des Krankheitsheerdes, nach der Art der Behandlung und nach dem Verhalten des Patienten kann das Leiden oft schnell wieder gehoben sein, oder cS kann sich Monate, ja selbst Jahre lang hinziehen, dergestalt, daß das Ge- lenk entweder steif wird oder, wenn beweglich, bei jeder An- strcngung oder bei Bewegungen nach bestimmten Richtungen hin schmerzt. Zum Theil sind diese Rückbleibscl davon abhängig, daß die eingerissenen Gelenkbänder nicht richtig Ivieder geheilt und vielleicht gekürzt sind, zum Theil davon, daß der Aufsaugungsprozeß des Blutergusses nicht vollendet ist, daß noch Rückbleibscl desselben, sowie der Produkte einer sich hinzugesellendeu Entzündung vor Händen sind, welche die Bewegungsfähigkeit des Gelenkes beein- trächtigen. Bei schwächlichen Personen, namentlich aber hei kränklichen, skrophulöscn Kindern, kann sich sogar mit der Zeit ans einer so einfachen Verletzung ein Knocheneiterungsprozeß mit Zerstörung des Gelenkes entwickeln. Doch ist dieser Ausgang glücklicherweise bei gesunden Erivachsenen selten, und diese haben wir hier unter den Lesern dieses Blattes, welche mit Arbeiten beschäftigt sind, bei denen jene Erkrankung sehr häufig vorkommt, besonders im Auge. Früher bediente man sich, wie schon gesagt, in der Medizin fast ausschließlich in solchen Fällen der örtlichen Anwendung der Kälte, der Blutentziehungen, der spirituösen Ein- rcibungen u. s. w., ohne dem Erkrankten damit wesentlich zu nützen. Denn die Heilung kann nicht hierdurch, sondern aus- schließlich durch Mittel bewirkt werden, welche d'c Anssangnng des vergossenen Blutes beschleunigen und weiterhin die Blut- stauung in den benachbarten Geweben verhindern. Das Blut strömt vom Herzen nach der Peripherie des Körpers, bis in die Fingerspitzen und Fußzehen, aus der Peripherie kehrt es nach de:» Herzen zurück, und der letztere Weg ist daher auch derjenige, auf welchem jene Produkte der Verstauchung und Ver- renkung zur Aufsaugung gelangen und vom Krankheitsherde ent- fernt werden. Der Natur kann man bei letzterem Bestreben zur Hülfe kommen, daß man derartige Blutergüsse durch Druck zer- theilt. Das wußten schon unsere Großmütter, denn sie drückten die Brausche, welche der ungezogene Enkel am Kopfe mit nach Hause brachte, mit dem Messer kreuzweise breit. Dieses„Drücken" ist wissenschaftlicher Weise, unter Berücksichtigung der Anatomie der Gelenke und dem Verlaufe des Blutrückfinsses zum Herzen entsprechend, ausgeübt— ist die Massage oder das Massiren. Die Erfolge dieser Methode, in den ersten 4— L Stunden nach dem Unfälle angewandt, sind oft geradezu wunderbar, denn Ivährend sich viele solche Kranke oft wochenlang bei anderer Behandlung henninschleppeii und arbeitsuntüchtig sind, vergehen hier oft nur wenige Tage bis zu vollkommener Heilung ohne jedwedes Rück- bleibsel. Ist schon akute, entzündliche Schwellung eingetreten, so muß ihre Anwendung allerdings bis zur Beseitigung derselben (durch dauernde Applikation von Kaltivasserumschlägen, oder wenn diese nicht vertragen werden: durch feuchte, warme Umschläge) unterbleiben; dann aber wird sie, wie unten beschrieben, vor- genommen; denn viele veraltete Fälle sind dadurch noch geheilt worden. Man unterscheidet beim Massiren verschiedene Arten: die Effleuragc, ein sanfteres Hinstreichen über die erkrankte Stelle, besonders beim Beginn des Verfahrens, Ivclches oft recht schmerzhaft ist; die Massage a, friction, ein Kn ten und Ver streichen der erkrankten Theile, und zwar wird mit der einen Hand quer zur Are des Gliedes geknetet, mit der anderen in dessen Lüngsaxe gestrichen; die Petrissage, ein Kneten mit beiden Händen; das Tampotement, ein Klopfen mit den Kanten beider Hände oder mit der Hohlhand oder mit den geballten Fäusten, besonders bei sehr veralteten Fällen und au größeren Gelenken, um den Resorptionsprozeß anzuregen. Bekommt man einen frischen Fall von Verstauchung oder(nicht komplizirtör) ivieder eingerichteter Verrenkung zur Behandlung, so muß das zu mas- sirende Gelenk, wenn es stark behaart ist, zunächst rasirt iverden, weil sich sonst beim-Reiben der Haut eine Entzündung der Haar- ivurzclscheiden entwickeln könnte. Hierauf lagert man dasselbe fest auf einer Matratze oder auf einem Stuhl oder Tisch, mit untergelegtem Leinenpolstcr und wendet zunächst die Efstenrage an, indem man mit beiden Händen, namentlich mit den Daumen, von der Peripherie nach dem Centrum hin streicht, also wenn die Verletzung an Hand- oder an den Fingergelenkcu stattfand,— nach dem Vorderarm hin,— wenn am Fußgelenk,— nach dem Unterschenkel hin. Pachdem der Kranke sich an diese anfänglich oft recht schmerzhafte Manipulation gewöhnt hat, geht mau zur Massage ä friction über, indem man mit einem oder mit beiden Daumen kreisförmig an allen Theileu des Gelenks drückt und knetet und ab und zu nach dem Centrum hin streicht, und zwar circa 10 Minuten lang. Hierauf nimmt man eine zwei bis drei Finger breite leinene Binde, taucht dieselbe in kaltes Wasser und umwickelt das Gelenk recht fest damit, bringt über derselben noch eine zweite Kaltwasserkompresse an, die alle'/«— Ve Stunden erneuert wird, und lagert das Gelenk ruhig. Dasselbe Verfahren wird tä'glich zweimal vorgenommen und nach zwei bis drei Tagen wird der Kranke schon wieder aktive Bewegungen vorzunehmen im Stande und in der Regel nach einer Woche vollständig geheilt sein, während er unter jeder anderen Behandlung lange Zeit krank geblieben sein würde. Ist bereits entzündliche Schwellung eingetreten, so beschränkt man sich bis zu deren Nachlaß mit der Kaltwasserbehandlung, namentlich aber muß die Rvllbinde durch einen mit der Anlegung von derartigen Verbänden vertrauten Lazarethgehülfen oder Barbier recht fest angezogen werden und vor ihrer Erneuerung wendet man die Effleurage oberhalb der erkrankten Stelle an, um die oberflächlichsten Venen und Lymph- gefäße zu entleeren. Mit Nachlaß der entzündlichen Schwellung geht man direkt zur Massage ä friction über, selbst wenn dieselbe Der Schlächter Episode aus dem polnischen Auf' Schlüssel rasselten in den doppelten Schlössern. Die Thür drehte sich kreischend in ihren Angeln. Ein Gesängnißwärter schob einen Korb mit Lebensmitteln in die Zelle. Dann verschloß er die Thür wieder und entfernte sich schnell und lautlos, wie er gekommen. Liwinski öffnete den Korb und packte den Inhalt sorgsam aus. Er enthielt die Henkersmahlzeit der drei zum Tode Ver- urtheilten. Traurige, bittre Ironie, daß der Unglückliche kurz vor seinem Tode, wo alles Wünschen, alles Hoffen aufhört, alles das erhält, was einst sein Gaumen vergeblich ersehnt! Von allen Lebensmitteln, die sich in dem Korb befanden, hatte für den Greis eine Hammelkeule das meiste Interesse. Vorsichtig nahm er sie in die Hand und löste dann das Fleisch von der Keule, so zwar, daß er zuletzt nur noch den nackten Knochen desselben behielt. Nun stürzte er sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft aus diesen und brach ihn in drei Stücke. Statt des Markes, welches ein solcher Knochen gewöhnlich enthält, fand er in demselben ein zusammengerolltes Papier. Liwinski faltete es auseinander, und die Klinge eines Skal- pels oder Zergliedcrungsmessers, wie es die Aerzte beim Seziren der Leichname zu gebrauchen pflegen, fiel ihm in die Hand. Auf dem Papier standen, von Thaddäa's Hand geschrieben, die Worte: „Ter Schlächter von Lithaüen hat die einzige Gnade, um welche ich ihn ersucht, dich noch einmal sehen zu dürfen, mir verweigert. Allein er hat mir erlaubt, deinen Körper an mich zu nehmen, wenn........ „Thue, was du mir versprochen hast: Stoße diese Klinge in die Luftröhre. Morgen wirst du in meinen Armen wieder vom Tode auserstehen." Der Greis lächelte wehmüthig, nachdem er die wenigen Zeilen gelesen hatte. Sein Auge ruhte einen Moment auf dem Skalpel. Er prüfte die feine Klinge desselben und murmelte: „Sie wird mich retten! Ich werde nicht sterben, wenn nicht im Kampfe gegen die Feinde meines Vaterlandes!" Nach, diesen Worten verbarg er das Messer sorgfältig, zerkaute das Papier, schluckte es hinunter und schritt dann zu dem Lager seiner Leidensgenossen. „Vorwärts, Kameraden!" rief er.„Die Nacht ist herein- gebrochen, die letzte, welche wir miteinander verleben. Wir müssen sehr schmerzhaft sein sollte. Mit letzteren beginnt man auch in chronische» Fällen, und schließt an dieselbe die Petrissage und, wenn es ertragen wird, das Tampotemeut. Ter Kranke empfindet danach anfänglich oft mehr Schmerzen, aber bald macht sich eine Besserung der Beweguugsfähigkeit des Gelenkes bemerkbar, und Fälle, die jeder andern BeHand- lnng trotzten, werden dadurch mitunter noch geheilt, wenn die Massage täglich wenigstens einmal Wochen und Monate hin- durch vorgenommen wird. Der Patient kann mit der feuchten Binde, über die bei chronischen Erkrankungen, um die Kleidung nicht zu durchnässen, eine trockene, wollene Binde gelegt wird, umhergehen. Die täglich zweimalige Vornahme der Massage und der Um- stand, daß der Massirende seine Hände 10 Minuten lang sehr kräftig gebrauchen muß, hält manchen. Arzt vielleicht von der Ausübung dieses Verfahrens ab, und ist es daher wünjcheus- Werth, daß sich das Volk selbst mit demselben vertraut macht. Es bildet sozusagen einen nicht unwesentlichen Theil der Kranken- pflege, und diese in exakter Weise zu lehren und zu üben, ist die Aufgabe der Medizin der Zukunft.„Denn Arzneien sind unsicher in ihrer Wirkung, aber die Wirkung richtiger Krankenpflege ist eine wohlthätige und unbestrittene," so sprach die aus dem Krimkriegc her bekannte und berühmte Diakonissin Florence Nightingale, jenes hochherzige Weib, dem die Gesundheitslehre der Neuzeit so viele Anregungen auf diesem Gebiete verdanken. Und ebenso wahr sagt Professor Billroth:„Das vorzüglichste aller chirurgischen Instrumente ist die Hand." von LitHanen. ande. Von Karl Kannemann. aß.) etwas genießen, damit wir morgen früh nicht wie die Weiber aussehen und keine Schwachheit zeigen, die man Furcht vor dem Tode nennen könnte." Die Verurtheilten nahmen ihre Henkersmahlzeit ein. Darauf drückten sie sich die Hände und legten sich zum letzten Schlummer nieder. Sie schliefen fest und ruhig, unbekümmert um den Tod, der ihrer am folgenden Tage wartete. Der eine von ihnen, ein junger Manu von 25 Jahren mit geistreichen Gesichtszügen, eine wahre Apollogestalt— lächelte im Traume. Um seinen hübschen, wohlgeformten Mund schwebte ein Zug unendlichen Glückes, eines Glückes, welches er vielleicht noch vor wenigen Tagen genossen und nun nicht mehr genießen sollte. Vielleicht träumte er von seiner schönen, liebreizenden Braut... „Von Licbesglück und sel'ger, goldncr Zeit, Von Polens Große, Glanz und Herrlichkeit; Von allem Schönen, das sein Herz ersehnl Und endlich er für sich errungen wähnt.— Doch ach, das Lächeln, das den Mund umspielt, Verschwindet, eh' der Träumer selbst es fühlt. Ein ander Bild zeigt sich dem regen Geist, Ein Bild, deß Anblick ihm das Herz zerreißt. Gesunken Polens Glanz und Glück in Staub: Die Geier theilen unter sich den Raub. Da zuckt um seinen Mund ein bittres Weh, Er murmelt leis:.Fiuiz Poloniae!'" Dcr Tag war kaum angebrochen, als der Kerkermeister die Thür der Zelle öffnete und die drei Todeskandidaten weckte. „Boleslaus Platen, Franz Mariwewski, Michael Liwinski," rief er,„macht Euch bereit!" Die drei Gefangenen umarmten, küßten sich und sagten einander Lebewohl. Platen und Mariwewski verließen zuerst die Zelle. Michael Liwinski zögerte noch einen Augenblick. „Nun, Alter, weshalb kommt Ihr nicht?" rief der Kerker- meister draußen auf dem Gange. „Nur noch eine Sekunde," rief der Greis zurück.„Laßt mich ein kurzes Gebet verrichten." „Gut, aber beeilt Euch! Ihr wißt, die Zeit drängt!" Michael hatte die Klinge des Skalpels ergriffen und au seinen Hals geführt. Ein Tropfen Blutes zeigte sich ans der Oberfläche der Haut, ein einziger, unbedeutender Tropfen, kaum so groß wie eine Erbse. Er wischte ihn mit deni Finger fort und preßte diesen dann einen Augenblick fest gegen die Stelle, an welcher er sichtbar geioesen. Der Atheni des Greises wurde kurz, keuchend, pfeifend. Er hielt ihn einen Moment zurück, richtete seine Gestalt zu ihrer vollen Höhe empor und verließ, ein Lächeln auf den Lippen, festen Schrittes die Zelle. Die drei Verurtheilten schritten lautlos den Gang entlang. An der Ausgangspforle des alten Klosters fanden sie ein Peloton Kosaken, von welchem sie in die Mitte genommen wurden. Auf dem langen Wege, den die dem Tode Geweihten zurück- zulegen hatten, standen dichtgedrängt zu beiden Seiten Männer, Frauen und Kinder. Dieselben warfen angsterfüllte Blicke auf die an ihnen vorüberschreitenden Gefangenen. Jeder fürchtete einen Verwandten, Freund oder Bekannten unter ihnen zu ent- decken. Mnrawiew trieb häusig seine Grausamkeit soweit, daß er die Angehörigen der Gefangenen über deren Schicksal in Ungewißheit ließ. Die erstcren erfuhren gewöhnlich erst dann das schreckliche Loos ihrer Männer oder Väter, wenn diese an ihnen vorüber- kamen, um den Weg nach dem Galgen anzutreten. Aus der Menge der Bersammelten, welche in düsterem Schweigen auf den sich ihnen nähernden Zug schauten, ertönte ein Schrei der Verzweiflung. Flüche und Verwünschungen durch- zitterten die Luft. „Ah!" schrie ein junges Mädchen, indem ein Strom von Thränen sich aus seinen schönen Augen ergoß.„Du bist es, Boleslaus Platen, du mein Bräutigam! O, lebe wohl! Deine Wanda wird dir folgen!" Und obgleich Boleslaus Platen seine Stirn kaum runzelte und seinem Antlitz einen kalten Ausdruck zu geben bemüht war, rollte doch eine große Thräue über seine Wangen. Ja, dort stand sie, von der er noch vor wenigen Stunden so süß geträumt, seine holde Braut, sein Lebensglück, sein Alles! Und sie mußte er zurücklassen in diesem Lande der Knechtschaft, unter den feigen Schergen eines rohen, unwissenden Volkes! Ach, es war ein düsterer, schrecklicher, herzbeklemmender Gedanke! Der junge Mann preßte die Zähne auf die Lippen, sodaß diese sich blutig färbten. Noch einen Blick warf er auf die an- mnthige Gestalt seiner Geliebten, einen einzigen, langen, traurigen Blick, welcher mehr sagte, als tausend Worte. Dann schritt er vorüber. „Ladislaus Mickiewicz!" rief ein Jüngling einem kaum dem Knabenalter entwachseneu Gefangenen zu.„Auf Wiedersehen, bald, Kamerad!" „Wo ist der Schlächter von Lithauen?" schrie eine junge, ärmlich gekleidete Frau.„Ich will ihm die Augen aus dem Kopse reißen, dem Schändlichen! Er hat mir den Gatten er- mordet!" Bestürzung zeigte sich auf den Gesichtern der Uni stehenden. Erschreckt, scheu wichen sie von der Verwegenen zurück. Ein mit einer Knute bewaffneter Kosak stürzte auf die junge Frau zu. Diese wehrte sich aus Leibeskräften gegen ihren An- greiser. Allein der kräftige Profoß warf sie zur Erde und zählte ihr in rascher Folge ein Dutzend Knutenhiebe auf. Sie stieß ein furchtbares Geheul aus und blieb dann wimmernd liegen. „So, das mag dir einstweilen genügen, mein Herzchen," rief der Kosak mit teuflischem Lachen.„Beim nächsten male wird man die Ration verdoppeln." Er stieß mit dem Fuße den nur leise zuckenden Körper der Unglücklichen bei Seite und eilte dem Zuge der Verurtheilten nach. Derselbe war indeß an der Todesstätte angelangt. Die Todeskandidaten— es waren im ganzen neununddreißig — boten einer nach dem andern ihren Hals der Schlinge dar. Ihre Körper schwankten wie ein vom Winde bewegter Strohhalni in der Luft. Siebzehn leblose Körper hingen bereits an eben so vielen Galgen. Auch Btichael Lvvinski bestieg die verhängnißvolle Leiter. Er war der Achtzehnte. Festen Schrittes klomm der Greis Sprosse für Sprosse empor. Kein Muskel seines Körpers zuckte, kein Zug seines Antlitzes vcr- änderte sich, als der Henker ihm die Schlinge um den Hals legte und den Knoten zuzog. In diesem Augenblicke klang eine Stimme aus der dicht ver- sammelten Menge von unten herauf, eiue gellende, schneidende Stimme, die Stimme eines jungen Mädchens: „Auf Wiedersehen, mein Vater! Auf Wiedersehen!" Der alte Patriot wandte das Haupt der Richtung zu, woher die Stimme gekommen war. Er breitete die Anne aus und segnete seine Tochter Thaddäa. Die Leiter ward unter seinen Füßen fortgezogen; der Gehilfe des Henkers sprang auf die Schultern des Greises; das Seil spannte sich dicht um den Hals des Opfers; eine Verzerrung des Gesichts— dann sanken die noch soeben emporgehoöenen Arme schlaff am Körper herab--- Ein anderer Verurtheilter kam an die Reihe. Als die Uhr auf dem Kirchthurme die neunte Morgenstunde schlug, schwebten neununddreißig Leichname in der Luft. * ♦ * Nachdem die Hinrichtung vollzogen war, suchte Thaddäa den Henker auf und überreichte ihm ein versiegeltes Schreiben. Der Henker erbrach es und las die Worte: „Borzeigerin dieses ist nach cndgiltig festgestellter Strangu- lation der Leichnam des Rebellen Thaddäus Michael Liwinski sofort zu übergeben. Kowno, 20. April 1863. Mnrawiew." Der Körper des Greises wurde vom Galgen abgenommen und Thaddäa überantwortet. Mit Hilfe eines alten Dieners trug ihn das junge Mädchen in einen breit gehaltenen Wagen und befahl dem Kutscher im Galopp davon zu fahren. Der Kutscher gehorchte. Das Gefährt hielt nach etwa fünfzehn Minuten vor einem hölzernen Hause von ärmlichem Aussehen. Das junge Mädchen und der alte Diener nahmen den Körper Michaels und trugen ihn in ein kleines, im Erdgeschoß liegendes Zimmer. In demselben befand sich ein Mann von etwa fünfzig Iahten, in welchem man auf den ersten Blick den Juden erkannte. „Nun, Doktor," wandte sich Thaddäa an diesen Mann,„jetzt können Sie Ihr Wort einlösen. Da ist der Körper meines Vaters; geben Sie ihm das Leben wieder." Der Arzt war bereits zu dem Leichnam getreten. Er ergriff die schlaff herabhängende Hand desselben und hielt sie eine Sekunde lang in der seinen. Das junge Mädchen hielt in furchtbarer Herzensangst den Blick auf ihn geheftet. Der Arzt ließ die Hand Michaels sinken und schüttelte bedenklich das Haupt. „Hm," sprach er,„der Körper ist schon vollständig erkaltet! Das ist traurig, sehr traurig! Allerdings, die Wirbelsäule ist nicht gebrochen, aber..." Er trat von dem Leichnam zurück. „Aber?" fragte Thaddäa bebend. Der Arzt antwortete nicht, sondern öffnete einen kleinen, auf einem Tische stehenden Kasten, welcher verschiedene chirurgische Instrumente enthielt. Er nahm aus demselben eine kleine Zange und eine Röhre, faßte mit der elfteren die Klinge des Skalpels, dessen Spitze nur in Größe eiues Nadelknopfs aus dem Halse Michaels hervor ragte, zog das Instrument heraus und führte die Röhre in die dadurch entstandene Wunde. In diese Röhre, welche kaum die Dicke einer Stricknadel hatte, blies der Arzt stark hinein und zog den Athen, an sich. Kleine Partikelchen geronnenen Blutes drangen in seinen Mund. Der Körper des Greises gab indessen nicht das geringste Lebenszeichen von sich. Sein Hals wurde unter dem warmen Athem des Arztes nicht um einen Hauch wärmer. „Eine Ergießung des Blutes nach dem Herzen, ivie ich ge- fürchtet hatte," murmelte der Arzt. Er wiederholte das Experiment noch einmal, bis keine Blut kügelchen mehr in seinen Mund kamen. Dann blies er mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft in die Röhre und versuchte mehrere Minuten lang die Funktionen der Lungen in Michaels Körper wieder herzustellen. „Zu spät!" sagte er düster. Das junge Mädchen stieß einen markdiirchdringenden Schrei ans. „Mein Gott! O, mein Gott!" rief es.„Sie verniögen also meinen Vater nicht zu retten?" Der Arzt zuckte die Achseln.„Es ist unmöglich, denn es hat eine Blntergießnng nach dem Herzen stattgefunden," antwortete er. Thaddäa hob das�Haupt ihres Vaters empor, drückte ihren Mund auf die Wunde, blies in dieselbe hinein und versuchte, dem starren Körper des Greises wieder Leben einzuflößen.— Ver- gebens!— Zu spät! „Sobald der Tod konstatirt ist!" hatte Murawiew ge- sagt, und der Schlächter von Lithaucn wußte, was er sagte. Thaddäa stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie war so hoffnungsfrendig gewesen, daß ihr Bater gerettet werden würde. Sie erstickte endlich ihr Schluchze» und trocknete ihre Thräne». Ihr Antlitz nahm einen kalten, finstern, entschlossenen Ausdruck an. In ihren Augen glühte ein unheimliches Feuer. „Herrin," sagte der alte Diener in tröstendem Tone, indem er sich ihr näherte. Sic wehrte ihm, mit hastiger Gebcrde. „Laß mich, Bogumil!" erwiderte sie.„Ich habe ein Mittel gefunden, meinen Schmerz zu bekämpfen. Eine Lithauerin ver- schwendet ihre Zeit nicht mit nutzlosen Klagen, sondern sie handelt. Mir bleibt die Rache. Kehre nach Hause zurück, ich wünsche es!" Ter Diener küßte die Hand seiner Gebieterin und ging weinend hinaus. Rachdem Bogumil sich entfernt, sagte das junge Mädchen zu dem Arzte, der um seine Rührung zu verbergen, sich abgewendet hatte: „Sie haben Ihre Pistolen in Bereitschaft, Doktor?" „Ja, mein Fräulein." „Dann erzeigen Sie mir die Güte, mir dieselben zu leihen, ich bitte darum." Der Arzt leistete dem Wunsche des jungen Mädchens Folge. „Sie sind geladen?" „Sehr sorgfältig." „Gut, ich danke Ihnen." Thaddäa sammelte das geronnene Blut, welches am Halse ihres Baters sich befand, und ließ es in den Lauf der Waffe fallen. „Doktor," sprach sie dann,„dieses Blut macht die Kugel naß, nicht wahr?" „Natürlich, mein Fräulein." Sie verbarg die beiden Pistolen in ihre Kleidung. Darauf ließ sie sich an der Seite ihres Vaters nieder und betete. „Auf Wiedersehen, mein Vater... dort oben!" flüsterte sie endlich und drückte einen langen Kuß auf die Stirn des Leichnams. Es war elf Uhr, als Thaddäa Liwinska vie Wohnung des jüdischen Arztes verließ. Sie wußte, daß Murawiew noch an diesem Tage nach Wilna zurückkehren wollte und begab sich auf den Weg, den er gcztvungen war, einzuschlagen. Kurz vor ein Uhr erschien der General, umgeben von seinen Kosaken. Das junge Mädchen hatte sich an dem Thorweg eines Hauses aufgestellt, au welchem Muraiview vorüberkommen mußte. Der Gesürchtete kam endlich. Zitternd vor Grimm und Erregung erhob sie die Hände und drückte beide Pistolen gleichzeitig ab. Das Pferd des Tyrannen machte einen Seitensprung, aber mit gewaltigem Ruck riß er es wieder herum. Thaddäa schrie laut auf vor Ingrimm und Verzweiflung. Murawiew war nicht getroffen. Man stürzte sich auf das junge Mädchen. „Reißt sie in Stücke!" schrie Murawiew wüthend. Die Kosaken fielen über sie her und in wenigen Minuten war Thaddäa eine Leiche! Und Murawiew? Er kehrte, nachdem er bis zum Oktober als Menschenschlächter in allen Theilen Lithauens gewüthet und durch alle nur erdenklichen Grausamkeiten den Aufstand bezwungen hatte, aus seine Güter zurück. Mit Abscheu ward nach dieser Schlächterei sein Name in ganz Europa genannt; Rußland aber vergötterte ihn, pries ihn als einen Helden! Der Unterdrücker der Freiheit, der Verächter aller Menschenrechte, der Caligula der Neuzeit, ward von seinen knechtisch gesinnten Laudslcuten als ein Tapferer, ein Edler ge- lobt und verehrt! Sein dankbarer Kaiser, der milde Czar Alexander, belohnte ihn noch im selben Jahre mit dem Andreasorden und der Er- Hebung in den Grafenstand. Allein alle Ehrenbezeigungen, die ihm erwiesen wurden, alle Huldigungen, welche man ihm darbrachte, machten den Schlächter von Lithauen nicht glücklich. Er hatte keine ruhige Stunde mehr; in seinen Träumen sah er die blutigen Gestalten seiner Opfer als hohnlachende Gespenster an seinem Lager stehen. Eine schmerz- hafte Krankheit befiel ihn, raubte ihm monatelang den Schlaf. Er ließ sich, um die ersehnte Ruhe zu finden, nach seinem Gute Logo schaffen, und fand sie wirklich, doch in anderer Weise, als er sie erhofft hatte. Nach beinahe dreitägigem, schrecklichen Todes- kämpfe starb er hier am 11. September 1866, beweint von nie- manden, verflucht von den Polen und Lithauern, verachtet von allen Menschen, die ihn kannten und den Namen Mensch verdienen. Das Vogelnest.(Bild Seite 376.) Der Meister, von dessen Bild „Das Vogelnest" wir heute eine Nachbildung bringen, gehört zu den talentvollsten und bedeutendsten Malern dex Gegenwart. Vor allen andern Künstlern zeichnet Franz Tesregger die große Naturwahrheit, scharfe Charakteristik und die tiefempfundene Poesie seiner Bilder aus. Sein Hauptgebiet, auf dem er gradezu Klassisches leistet, ist das Genre- bild, jene Gattung von Darstellungen, in denen ein Stück Leben möglichst naturgetreu dargestellt, ein Vorgang geschildert wird, dessen menschliche Träger keinen Anspruch aus eigne geschichtliche Bedeutung für sich be- sonders machen, aber gleichwohl nicht ohne allgemeine kulturgeschicht- liche Wichtigkeit sind. Meist haben nun die Künstler, welche diese Gattung pflegten, aus dem Volksleben ihre Stoffe geholt, aber gar vst sind sie selbst diesen so fremd, daß ihre Darstellungen des Volkslebens nicht wahr, sondern steif und„gemacht" erscheiuen: malen sie Bauern und Hirten, so stellen sie Salontiroler und arkadische Schäfer aus Nirgendheim dar. Ganz anders Defregger, der 1835 zu Kronach im Pusterthal in Tirol geboren, einer jener Naturkünstler ist, welche sich in der Kunstgeschichte stets vortheilhaft abheben von Zeitgenossen, die in ausgetretenen konventionellen Bahnen hintrabe» und die nicht mehr die Natur direkt studiren, sondern wenn sie Bildwerke fertigen, der staunenden Mitwelt Kopien von Kopien in einer Manier liefern, die eben in der Mode ist. Aehnlich wie Giotto und mancher andere Meister, dessen Namen in der Kunstgeschichte glänzt, hat Defregger, schon als Hirtenknabe einem unwiderstehlichen Drange folgend, mit Köthel und Stift gezeichnet und in Holz geschnitzt, aber erst 1866 widmete er sich einer regelrechten Schulung seines Talents, unter der Leitung des Bild- Hauers Stolz in Innsbruck. Nachher in die münchener Akademie als Schüler ausgenommen, übten Piloty's Lehre und Beispiel einen segens- reichen, nachhaltigen Einfluß aus unseren Künstler ans. 1863 ging Defregger auf zwei Jahre nach Paris, wo er allerlei Anregungen er- hielt und auch den definitiven Entschluß faßte, sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Von da ab hat er uns mit einer ganzen Reihe prächtiger Meisterwerke beschenkt, durch welche alle jener realistische Hauch unbedingter Naturwahrheit weht, die doch nie zur Flachheit und j Trivialität herabsinkt: er führte mit seinen Genrebildern aus dem tiroler Volksleben:„Der Ringkampf in Tirol",„Der Tanz auf der Alm",„Die Wildschützen" und viele» anderen Bildern aus das wirt samste den Krieg gegen alles theaterhaste Gepränge und der asfektirten Bauern- und Gcnrcbildermalerei: er stellt nur Selbsterlebtcs, wirklich Empsnndeues dar,— da kann es denn seinen Werken nicht an Wahrheit mangeln. Dieses Selbstfürsichredcn seiner Bilder' erlaubte uns denn auch, uns mehr mit dem noch in München rüstig ivirkenden Künstler selbst zu beschäftigen. Sein Bild,„Das Vogelnest", macht jede erklären wollende Bemerkung überflüssig. Es sei denn, daß wir ein Wort der Fürbitte einlegten für das gefiederte Völklcin, dessen Repräsentant der Hauptheld aus unserm Bilde ist. Freilich wird auf dem Desregger'schen Bild das, wogegen wir sprechen möchten, so anmuthig �dargestellt, daß dieses Beispiel nicht sehr abschreckend wirken dürste. Füttert doch der älteste Knabe sorglich den kleinen Gefangenen und die Kinder werden ihn alle gewiß recht lieb haben,— aber sicherlich bliebe der arme kleine Kerl, statt in das Gitterhüuschen zu wandern, viel lieber in Freiheit und empfinge seine Atzung von seinen Eltern, den naturgemäßen Er nährern seiner Jugend. Gewiß muß er selbst in einem solchen Augen blick Angst genug ausstehen. Darum Schutz und Schonung und Frei- heit unseren Sängern! wt. Saufe und die Pfalz.(Bild Seite 377.) Kein Strom ist durch Sage und Geschichte mit unsereiu Volksleben so eng verwachsen, wie der Rhein. Deshalb ist er von jeher Deutschlands Schmerzenskind gewesen, und zahllose blutige Schlachten wurden um seinen Besitz ge schlagen. Er ist ein alter Knabe, denn schon in jener Zeit, da in Europa die Abendröthc der römischen und die Morgenröthc der gcrma nischen Bildung ihr Licht mischten, war er die Pulsader des europäischen Völkerverkehrs. In die Epoche der römischen Eroberungszüge fällt die erste Anpflanzung des Weinstocks an seinen anmuthigen Ufergcländen. Er ist aber auch ein Sonntagskind, denn während noch dir eisige Faust des unerbittlichen Winters unter gleichen Breitengraden anderer Länder 384 alles Lebeil im starren Todesschlafe hält, sprießen hier schon die ersten Frühlingsblüthen unter dem milden Hauche der Sonne, die mit leiser, lebenerweckender Hand an den Brüsten der Berge die Schneedecke lüftet. Der eherne Schritt der Bolkerwanderung, dieses Fiebers einer kranken Zeit, zermalmte den Hirt und die Heerde, zertrat den Winzer und den Weinstock, und die Rheinufer blieben, wie uns eine alte Urkunde er- zählt, bis zum Jahre 1074 eine unbebaute Wildniß, in welcher der Urwald sein angestammtes Recht wieder geltend machte. Achthundert Jahre gehörten dazu, um, Terrasse über Terrasse mühsam bauend, dem sonnendurchglühten Schieserboden den köstlichen Wein zu entlocken. Freudig und stolz klopft das Herz beim Anblick der reichen Trauben- fülle, die als goldblinkender Strom hinausfließt in alle Welt, preisend den Reichthum und die Schönheit des Rheins. Wer denkt heule beim kreisenden Becher an den Schweiß und die Thränen, die im Mittel- alter beim Keltern des„Lebenserwcckers" der Leibeigene des Pfaffen und Ritters vergossen?— Die grauen, zerbröckelten Burgtrummer, welche gespensterhaft ans dem hellen Grün der Weinberge ragen, könnten uns furchtbare Geschichten erzählen vom Stöhnen der sterbenden Menschen- würde unter dem Giftbaum des Absolutismus, der nur im blutigen Sumpfe gedieh. Erst unserer Zeit war es vorbehalten, die Axt an die Wurzel des Baumes zu legen, durch dessen Aeste ein leises Zittern geht, ein Zittern der Angst, daß in kurzer Zeit dieser Baum als Riejenleiche daliegen wird.— Auch unser freundliches Rheinstädtchen Caub wird von den Ruinen eines Raubnestes, Gutensels genannt, überragt. In der mitten im Rhein liegenden, viellhürmigen Beste, Pfalz genannt, hielt im Jahre 1099 Heinrich der Fünfte, seinen Bater, Heinrich den Merten, den Büßer von Canossa, gefangen. In der Neujahrsnacht I8lZ— 14 ging hier Blücher mit der preußischen und russischen Armee über den Rhein, um mit seiner gewohnten Schnelligkeit über die Fran- zosen herzufallen. Im Jahre 1877 löste sich der die Stadt überragende Schieserfels los und drohte die ganze Stadt zu verschütten. Durch Dynamitsprengung der überhängenden Stcinmassen gelang es, die Ge- fahr abzuwenden. Caub mit seinen hochstrebenden Giebeln und massigen Wartthürmen hat bis auf unsere Tage den stnrmtrotzigen Städte- charaktcr des Mittelalters bewahrt. Urkundlich wird es zuerst im Jahre 988 erwähnt. Aus dem Besitze derer von Nüring gelangte es an die von Falkenstein im Jahre 1977. Im Jahre 1324 bekam es die Gerecht- same einer Stadl und hiermit eigene Berwalrung und die Befugniß, nicht mehr wie eine Sache vererbt, verschenkt oder verpfändet werden zu können. Wie glücklich waren doch unsere Voreltern mit ihrem bc- schränkten' Unterthanenverstande. Sie brauchten nur zu gehorchen. Selbst das Denken besorgte für sie die befehlende Obrigkeit. Andere Zeiten, andere Lieder. Dr. M. T. Für die Entstehung des Petroleums hat Byaffon durch ein gelungenes Experiment eine wissenschaftliche Erklärung gegeben: Wenn ein Gemenge von Wasserdampf, Kohlensäure und Schwefelwasserstoff- gas aus weißglühendes Eisen in einer eisernen Röhre einwirkt, so bildet sich eine gewisse Menge flüssiger Kohlenwasserstoffe, die dem Petroleum vergleichbar sind. Das Petroleum entsteht demnach durch Wirkung chemischer Kräfte. Das in Höhlungen der Erdrinde eindringende See- waffer führt zahlreiche Substanzen mit sich, namentlich Meerkalkstein. Dringt das Wasser bis in Tiefen, die eine hinlänglich hohe Temperatur haben, und kommt dort das Wasser in Berührung mit Metallen, wie Eisen oder dessen Schwefelverbindungen, so bilden sich flüssige Kohlen- Wasserstoffe. Diese bilden bei ihrer Verflüchtigung einen Theil der Gase, welche Erdbeben, Vulkanausbrüche ic. verursachen. Petroleum findet sich stets m der Nachbarschast von vulkanischen Bergketten; gewöhnlich wird es nach seiner Entstehung in seinen Eigenschaften noch durch mancherlei Einflüsse verändert, z. B. durch theilweise Destillation. Petroleumlager sind stets von Salzwasser oder Steinsalz begleitet. Ost, und namentlich wenn die Lager zwischen harten und kompakten Felsen liegen, ist das Petroleum von Gasen begleitet, besonders Wasserstoff, Schweselwaffer- stoff, Kohlensäure u. s. w. 4>r. B.-R. �sjerMcher OKriefKastc«. Meißen. E. G. Das Tragen von Ohrringen ist ein ganz ab- scheulicher Ueberrest barbarischer Sitten unserer Vorfahren, welchem gebildete Frauen nicht mehr huldigen sollten. Das Durchbohren von Körpertheile», wie der Nase, den Ohren und Lippen, um Schmucksachen hineinzuhängen, überlasse man doch den Wilden, welche ihren Reich- thum an Kostbarkeiten dadurch zur Schau tragen. Bei uns hat dieser Unfug heutzutage gar keinen Sinn, denn keinem Menschen dürfte es einfallen, ein Dienstmädchen deshalb für reich zu halten, weil es goldne Ohrringe trägt. Daß ein derartiges Ohrgehänge schön aussieht, ist pure krankhafte Einbildung putzsüchtiger Frauen. Sehr häufig ist es die Ursache für die Anhäufung von Schmutz am und im äußeren Ohr, welches von vielen Frauen, dieses Schmuckes halber, nicht sorgfältig und häufig genug gereinigt wird; und oftmals sogar die Quelle von Krankheiten. Besonders bei Kindern sahen wir nach Durchstechen der Ohrläppchen und durch das Tragen von Ohrringen aus unedlen Metallen sehr schwere Entzündungen des äußeren Ohres entstehen, die in ein- zelnen Fällen sogar zur Berschwärung und Verstümmelung desselben führten. Wir warnen daher vor dieser rohen Prozedur. Iltitermaiighaus bei Ohligs. L. M. Ihr Halsleiden besteht in einer chronischen Entzündung der Mandeln. Gurgeln Sie Sich morgens mit warmein Salzlvasser und waschen Sie den Hals täglich mit kaltem Wasser, um die Haut abzuhärten und weniger leicht erkältlich zu machen. H. bei Stollbesg. A. L. Das hartnäckige Erbrechen und die große Schwäche und Abmagerung deuten auf ein sehr schweres organisches Magenleiden, gegen welches wohl keine Hülfe möglich ist. Höchstens kann ein intelligenter, am Orte befindlicher Arzt, aber kein Quacksalber, einige Erleichterung verschaffen. Verlin. H. K. Die gestielte Warze wird am besten mit einem Seidensaden abgebunden, indem man sie an ihrer Basis doppelt mit demselben umschnürt und den Faden täglich etwas fester anzieht, bis sie abstirbt. Wegen Ihres Brustleidens wenden Sie Sich nur an einen dortigen Arzt; wenn Ihr Kassenarzt zu flüchtig darüber hinweggeht, an Herrn Prof. Dr. Früntzel oder Dr. Waldenburg, denn Ihr Ver- langen, Ihnen die Unterschiede zwischen Lungenentzündung und Lungen- schwindsncht auseinanderzusetzen und Ihnen das passendste Heilverfahren zu empfehlen, läßt sich leider im„Brieskasten" nicht erfüllen, weil wir dazu drei volle Nummer» der„Neuen Welt" brauchen würden.— H. G. Dasselbe müssen wir leider auch Ihnen antworte»; ohne persönliche Untersuchung wäre eine Berathung unsrerseits nicht blos zweck-, sondern sogar gewissenlos. Vraunschmeig. F. S. Gegen chronischen Rachenkatarrh ist ein Gurgelwasser von Kali chloricum ost ganz zweckmäßig. Kaufen Sie Sich 10 Gramm dieses Mittels und lösen Sie dieselben in einem Liter Wasser aus. Hiervon verwenden Sie jeden Morgen zwei Theelöffel voll aus ein Weinglas recht warmen Wassers zum Gurgeln. G. C. R. in Frankfurt wolle seine Adresse angeben, ebenso G. S. in Buckau; Frl. Clara I. in Berlin wolle es einmal mit einem andern Arzte versuchen, denn ohne persönliche Untersuchung wagen wir in diesem Falle nicht zu rathen. Die übrigen, bis zum 24. April eingegangenen Briefe wurden direkt beantwortet. Man wolle Anfragen in jedem Falle nicht an den Namen des Unterzeichneten, sondern an die Redaktion der„Neuen Welt" richten und mit der Ausschrist:„Für den ärztlichen Briefkasten" versehen. Dr. Resau. QiUdaktions--Ämelpondenj. Berlin. L. Er. Plephisma hieb im alten Athen ei» durch Stimmenmehrheit ge- sabter Beschlub der Bollaveriammlung.— grau Ft. Wir werde» uns bemühen, Ihren und Ihrer Freundinnen Wunich gelegentlich zu ersullen.— Dem oder den Einiendern des„Franz Moor". Frdl. Dank. Wird die Wohrenwäiche wiederholt? Leipzig. Dichter A. E. Sie iandten uns ein Oslerlied ein. iodab es am 2t. April in»Niere Hände kam. und meinten, daß es vielleicht noch am zweiten Literiei erläge, dem 22. April, in unierm Blatte oeröffenilicht werden könnte!?? Lerehrter Herr— wenn auch die„R. W." des Montags erichiene und wenn Sie auch ionst keine Ahnung davon gehabt hätten, daß iolch ein Blatt ein paar Wochen lang vor dem Tage des EricheinenS fix und fertig ieiti muß, io mußten Sie doch durch die Angabe des RedaltionSichlnfles aus jeder Nummer über den Sachverhalt belehrt worden lein.— Abonnent S. Wir dtttlen garnicht daran!— M. R, In jeder Bollsveriammlung iollte„zum Abonnement der,'Neuen Welt' energisch auigesordert werde»". Der Rath ist gewiß gut gemeint, aber die„N. W." hat bisher solch' gewaltsamer BerbreitungSversuche nicht bedurft. Chemnib.». Ä. Wir rathen Ihnen, an Ort und Stelle zu bleiben. Infolge der allgemeinen ÄeschästSstockung, welche wir dem„bewaiineten Frieden" verdanken, ist auch hier keine sonderliche Nachfrage nach Arbeitskräften Ihrer Branche, welche bei der sehr gedämpften Baulust nur in Großstädten, wie Berlin, Wien!e., Berwendung finden, Zürich. zv>;=l. Wir werden UNS nach der besten theoretischen und praktischen landwerthsqastlichen Schule erkundigen und Sie nächstens davon benachrichtigen. Lauda. F. H. Die Auflösung des RöfielsprungS ist richtig. In Betreff der zweiten Frage wenden Sie Sich an die Expedition der„N. W." Das Gedicht„St. Sedan" nicht verwendbar, weil bereits anderswo gedruckt. Die„R. W." veröffentlicht nur Lriginalarbeiten. Birmingham. M. W. Es wäre uns lieber gewesen, wenn Sie Sich mit der Ber- ficherung, Sie seien ein gewandter Schriftsteller, nicht hätten genügen lasten, sondern den BewetS dadurch erbracht hätten, daß Sie den nicht uninterestanten Inhalt Ihrer Arbeit in eine vollkommen druckreife Form gegosten, statt in eine solche, die totaler Umkuetung bedarl, um de» bescheidensten Ansprüche» an schriftstellerische Korrektheit gerecht zu werden. Berge». M. I. H.: Berlin. Frl. E. W. und B. Tz.: Breslau. E.— Dh: Philadelphia. W. St.: Hirfchberg(Schief.). An. L: Mailand. N. De. Die ein- gesandten Mpte find für die„N. W." nicht verwendbar. Die aus Bergen, Berlin(von JJrl. E. W.> und Philadelphia— weil sie sich»iibl auf jenes geistige Niveau erheben, auf dem die„N. W." als unterhaltenb-bclehrendes Bolls- und WeltblaN zu erhalten, unjre Pflicht ist: die übrigen, weil ihr Inhalt mit der Tendenz der„N. W." im Widerspruch steht. Darmftadt. Karl S.: Gmünd(»Srnthenl. I. P.: Wie». Delnicka Jednota; Unter-MarkhanS. L. M.: Ihre für die Expedition der„N.W." bestimmten, aber irrthüuilich an die Redaktion gerichteten Wünsche sind der ersteren mitgetheilt worden. Ein großer Theil der in dieser Woche eingelaufenen Korrespondenzen kann erst i» nächster'Nummer zur Beantlvortung gelangen. (Schluß der Redaktion: Montag, den 29. April.) Anyalt. Ei» verlorencr Posten, Roman von R. Lavant(Forts.).— Der Frühling einst nnd jetzt.— Die Massage, von Dr. Carl — Der Schlächter von Lithauen, von K. Hannemann(Schluß).— Das Vogelnest(mit Illustration). Caub und die Pfalz(niil Illustration). lieber die Entstehung des Petroleums. Aerztlicher Briefkasten. Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstr. 29).— Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzia.