33. Jalirg.lll—--—-- t 1878. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorener Posten. Roman von Hludotf Lavant. (Fortsetzung.) Frau von Larisch war nicht geneigt, sich Wolfgang entschlüpfen zu lassen. Sie glaubte mehr und mehr, einen tiefen Blick in sein Herz gethan zu haben, und nachdem er soweit aus sich heraus- gegangen war, ließ er sich wohl auch aus der letzten Verschanzung locken. Kam alles, wie sie wünschte und plötzlich hoffte, so schrak sie auch vor dem kleinen Wagniß nicht zurück, den ver- hängnißvollcn ersten Schritt, zu dem er sich anscheinend nicht entschließen konnte, ihrerseits zu thun. Sie mußte sich vor allen Dingen Gewißheit darüber ver- schaffen, wie Wolfgang innerlich zu Martha stand, ob nicht viel- leicht aus ihr unbekannten Ursachen(und die Gründe, welche Liebende trennen, sind oft spinnwebendünn und spinnwebenfein) eine Entfremdung zwischen den beiden eingetreten war. Lag eine solche Entfremdung vor, so galt es, sich dieselbe zu nutze zu machen, wennschon sie daran, Wolfgang vielleicht für immer von Martha zu trennen, kein Interesse hatte. Vor einer ernsten Leidenschaft schrak sie ihrer ganzen Ratur nach zurück; sie fand, da sie an Treue und Beständigkeit nicht glaubte, eine Frau bezahle solche Leidenschaften stets zu theuer— mit einem verwüsteten und aus- gebrannten Innern und einem innerlich gebrochnen Sein. Dieser blonde Philosoph und Dichter vollends schien ihr ganz der Mann, pedantisch gründlich in einer Licbesleidcnschaft zu sein, und des- halb fürchtete sie ihn, wenn er sie auch grade durch diese Schwere und Einseitigkeit in seinem Wesen mehr reizte, als jeder andere Mann, den sie bisher kennen gelernt. Es peinigte sie, daß er fortwährend wie ein ungelöstes Räthsel vor ihr stand; sie ver- sprach sich eine eigcnthümliche, ironische Befriedigung von der Entdeckung, daß er nur durch einen fremdartigen Anstrich den Schein erhalte, anders zu sein, als die Männer, die sie bisher kennen gelernt; sie hatte sich endlich schon so manches mal ge- standen, daß seine Unempfindlichkeit für ihre äußeren Reize und die Anmuth, Lebendigkeit und prickelnde Geistreichigkeit ihres Wesens eine Beleidigung ihrer Eitelkeit sei; sie mußte ihn zu ihren Füßen sehen. Und dann? Jenun, sie traute sich das Ge- schick zu, eine kleine, pikante, heiße Tändelei mit ihm zu unter- halten und dieselbe abzubrechen, sobald die Sache kritisch zu werden begann, sobald sie sich sagen mußte, daß sie'anfing, die volle sichere Herrschaft über sich selber zu verlieren. War die Liebe eines Poeten ein Lilienkclch voll perlenden Champagners, so wollte sie den Schaum wcgnippen und das Glas dann beiseite schieben; einer Frau von Geist und Erfahrung mußte das ge- fingen, und gelang es, so hatte sie das Buch ihrer Erinnerungen um ein ganz eigenthümliches Blatt bereichert. Es klang ganz unbefangen, aufrichtig und ernst, als sie Wolfgang, nachdem sie geraume Zeit hindurch schweigend und nachdenklich neben ihm hergegangen war, wie mit plötzlichem Eut- schluß fragte: „Haben Sie, als Sie so gleichmüthig und gefaßt von der Möglichkeit eines baldigen Scheidens von uns sprachen, auch au Martha Hoher gedacht? Ich habe, offen gestanden, geglaubt, daß sie Ihnen nicht ganz gleichgiltig sei." Ihr scharfes Äuge erkannte trotz der Dunkelheit, die rasch zugenommen hatte, daß Wolfgang jäh und tief erröthete. Das war ihr genug— sie hatte wirklich den wunden Punkt berührt. Wolfgang erwiderte rasch, ungeduldig und herb:„Nun über- raschen Sie mich heute Abend doch; daß Sic mir das imputiren würden, hätte ich mir niemals träumen lassen, und ich bin eigcnt- lich sehr geneigt, zu fragen, ob Ihnen momentan kein anderer und besser motivirter Scherz einfallen wollte, wenn nun einmal um jeden Preis gescherzt werden mußte." Frau von Larisch unterdrückte mit Mühe ein Lächeln. Hätte sie offen sein wollen, so hätte sie sagen müssen:„Mein lieber Herr Hammer, vergessen Sie nicht, daß Sic es mit einer Frau, und zwar mit einer in Herzensdingen erfahrenen Frau zu thun haben. Wenn man beschuldigt wird, ein zärtliches Interesse für eine Dame zu hegen, ereifert man sich nicht, es sei denn, daß die Frage den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Nun weiß ich, daß Sie in Martha erliebt sind, daß aber hier irgend eine verliebte Laune, irgend eine eingebildete Kränkung, irgend eine Empfindlichkeit, ein Skrupel oder eine Grille oder alles mit ein- ander in schönem Bunde im Spiele ist. Sie sind nur ärgerlich, weil man Sie durchschaut, obgleich Sic wunderbar vorsichtig ge- wesen zu sein und Ihr Gefühl durch kein Wimperzucken verrathcn zu haben glauben." Von alledem sagte sie natürlich nichts, aber Wolfgang empfand auf seinem Arme einen leisen Druck, der zur Roth zufällig sein konnte und der doch seinen Zweck nur um so sicherer erreichte. Sie hing sich fester in seinen Arm und näherte dabei wie absichts- los ihren Kopf seiner Schulter, sodaß er dieselbe für einen Moment streifte, und dann sagte sie, voll zu ihm aufblickend: "l. 18. Mai 1878. „Nun ja, lassen Sie es einen Scherz sein. Martha ist ein sehr gutes Mädchen und kann einen etwas schwärmerisch angelegten jungen Mann auf den romantischen Gedanken eines Freundschafts- bündnisses bringen, aber Ihre Geliebte habe ich mir doch anders gedacht, sobald ich reiflicher über Ihre Stellung zu Martha nach- dachte. Ich sage absichtlich nicht ,Jhre Frau"— ich kann Sie mir kaum verhcirathet denken, und Dichter sollten vielleicht über- Haupt nicht heirathcn." Es war ein glcichgiltiges und wenig überzeugt klingendes: „Sie können Recht haben!" das Wolfgang zurückgab. Die Ueber- eilung, die er begangen hatte, war ihm rasch zum Bewußtsein gekommen; es verdroß ihn, daß er sich durch eine so abgebrauchte List oder— wenn keine Berechnung im Spiele gewesen war— durch eine Regung, wie sie höchstens einen noch halb kindischen Gymnasiasten beherrschen durfte, sein sorgsam gehütetes Gchcimniß hatte entreißen lassen; er war ärgerlich über sich selbst, und dieser Unmuth machte ihn nicht blos ungeduldig und kurz, sondern er übertrug denselben unwillkürlich auch ans die schöne Frau, die in der verführerischen Dämmerung an seiner Seite schritt und ihren Arm so fest auf den seinigen legte, ohne eine Ahnung von der anscheinend launischen und doch in Wirklichkeit so gut moti- virten Wandlung zu haben, die sich in ihm vollzog. Sie würde zu jeder andern Zeit die Veränderung in dem Tone Wolfgangs bemerkt haben, der es nie der Mühe werth hielt, sich zu verstellen und dem die Gabe der Verstellung auch nur in bescheidenem Maße zur Verfügung stand: jetzt war sie selber halb befangen und erregt, sodaß ihr auch die leise ironische Färbung von Wolfgangs nächster Frage entging:„Und wie, wenn ich fragen darf, dachten Sic sich meine— Geliebte?" Die Antwort erfolgte nicht sofort; es war, als habe Lcontine ein Zaudern und Schwanken zu überwinden oder als suche sie nach den ihren Gedanken am klarsten wiedergebenden Worten. Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie endlich halb schüchtern sagte:„Sie sind von ernstem und nachdenklichem Wesen,— Sie neigen sogar zur Melancholie: Sie würden die schönste und be- friedigendste Ergänzung in einer Frau von heiterm Sinn, von neckischem und witzigen Wesen finden, die genug von der Welt weiß, um ihr nicht naiv und unerfahren gegenüberzustehen, und die vielleicht grade darum die Tiefe des Gefühls zu schätzen weiß, deren Sie fähig sind, und von der man in der Welt glaubt, daß sie sich höchstens auf der Schwelle des Jünglingsalters finde, wo sie Hand in Hand mit allerlei ungenießbaren und komischen Ertra- vaganzcn geht, die uns beim besten Willen nicht gestatten, uns ernstlich mit dieser unreifen Empfindung einzulassen." Es war selbst Wolfgang nicht möglich, zu verkennen, daß Frau von Larisch von sich selber sprach, aber diese Entdeckung hatte durch die vorausgegangene Erwähnung Martha'» und durch den geringschätzig-spöttischen Ton, in dem sie erfolgt war, alles Ge- fährlichc, Betäubende, Verwirrende und Berauschende verloren. Jene Worte, die ihm sein Empfinden für Martha zum Vonvurf machen zu wollen schienen, hatten ihn tief verletzt, und indem sie das Bild der Stillen, Innerlichen vor ihm auftauchen ließen, hatten sie zugleich den süßen, verlockenden Spuk zerblasen, und er lief von diesem Moment an keine Gefahr mehr, von einer verzeihlichen und erklärlichen Wallung des warmen Jngendbluts in eine Selbstvcrgessenheit und Selbsttäuschung hineingelockl zn iverden, die er am nächsten Tage bitter bereut haben würde; er hatte von jenem Augenblick an an seinem Stolz und an seinen Grundsätzen einen starken Bundesgenossen wider die bestrickende Nähe der schönen Frau, deren Zlthemzügc er hörte und. deren Berührung ihn mit entnervenden Schauern durchrieselte; ja, er empfand etwas wie Bitterkeit gegen sie. und den Wunsch, sich dafür zu rächen, daß er trotz aller Gegenwehr doch sinnlich in dem Bann ihres Wesens stand und mit aller Anstrengung gegen den- selben ankämpfen mußte. Es war nur noch das Verlangen, sie zuni Fallenlassen der Maske zn verleiten und sie dann zn de- müthigen und ihr das feine Gewebe, das sie bereits halb über ihn geworfen, zerrissen vor die Füße zn werfen, das ihm die Worte dikfirte: „Ich kann und ich mag nicht leugnen, daß Sie da ein selt- sam verlockendes Bild vor mir aufrollen, und daß mir um mich selber bange sein würde, nähme mir eine Frau, die diesem Bilde entspricht, jeden Zweifel darüber, daß ich ihrer Gegenliebe sicher sei. Nun, das ist ja aber nur eine akademische Unterhaltung; gesetzt, ich kennte eine Frau, die ganz so ist, wie Sie sich meine Geliebte denken,— das Zweite gehört darum doch in das Reich der Träume." Waren diese Worte mißzuverstehen? Frau von Larisch fühlte, wie ihr das Blut zum Herzen drängte; sie verlor die Fähigkeit, ihre Gedanken in das lose, trügerische Gewand des Scherzes zu kleiden und ihre überlegene Sicherheit ging in einer Erregung und Spannung unter, die sie ihrer besten Waffen beraubte. Sic konnte nur noch grade auf ihr Ziel losgehen und wähnte auch, daß dabei keine Gefahr mehr sei. Es lag wie ein zärtlich- strafender, schmollender Vorwurf in dem Klang ihrer stimme, als sie leise erwiderte: „Wie kleinmüthig! Ich glaube zu wissen, wen sie meinen: ich kenne diese Frau ebenfalls und zwar besser als Sie,— soll ich Ihnen sagen, wie sie denkt? Sie hat sich von Anfang an für Sie interessirt, ihr Interesse ist unvermindert und es droht nicht einmal Ihrer Freiheit Gefahr von ihr, denn— eine testa- mentarischc Bestimmung ihres verstorbenen Herrn Gemahls räumt ihr die Niitznießung seines Vermögens bis zu ihrem Tode nur unter der Bedingung ein, daß sie sich nicht wieder verhcirathet; schließt sie eine neue Ehe, so fällt auch diese Rente an die Verwandten des Testators. Diese Bestimmung wehrt ihr die Ver- heirathung mit einem Manne ohne Vermögen, aber— ich traue. ihr soviel Geist zn, diese von greisenhafter Eifersucht diktirte Bestimmung dadurch zu umgehen, daß sie wenigstens die Neigung eines Mannes annimmt, dem sie ihre Hand nicht reichen kann. Diese Frau", setzte sie ganz leise hinzu,„liebt Sie— nach meiner festen Ueberzeugnng—, und ich glaube, sie könnte von Momenten der Selbstvcrgessenheit erzählen, in denen sie, nur von ihren vier Wänden oder von der Stille des Waldes gehört, Ihnen zurief: Komm!" Sie hatte schon vorher, wie absichtslos und ohne daß er es zu hindern gesucht, ihren Arm leise aus dem seinen ge zogen und dann war sie einen Schritt zur Seite gewichen und stehen geblieben; hätte er nur die leiseste Bewegung gemacht, so würde sie ihm die Arme entgegengebreitet haben. Aber Wolfgang warf ihr nur einen halb forschenden, halb düsteren Blick zu und sagte so unbefangen, daß der ironische Beigeschmack seiner Worte auch für einen harmlosen Scherz gelten konnte: „Ich muß Ihnen in diesem Augenblick einen Verdacht ab bitten, den Sic glänzend widerlegen. Ich glaubte allen Ernstes, Sie seien tiefer Empfindungen nicht fähig, am wenigsten aber einer wahren Freundschaft. Sic müssen aber eine äußerst leb- hcffte Zuneigung für diese Dame empfinden, von der ich, wenn ich Ihren Motten wirklich Glauben schenken muß, geliebt werde, denn Sie haben sich so lebhaft in ihre Situation hineingedacht und hincingefühlt, daß Sic dieselbe mit einer Lebendigkeit und Lcbenswahrhcit wiedergeben, die mich mit Bewunderung erfüllt. Darf ich Ihnen wieder meinen Arm bieten, gnädige Frau?" Einen Moment regte sich in der so kalt Verschmähten und bitter Enttäuschten das leidenschaftliche Verlangen, Wolfgangs Arm zurückzustoßen, aber es war nur ein Moment. Mit Blitzes- schnelle drängten sich in ihrem Kopse die Gedanken, und mit der Erkenntniß, daß sie sich nur kompromittircn könne, wenn sie das beleidigte Weib herauskehre, fand die Weltdame auch ihre volle Sicherheit wieder. Später fand sich ja wohl eine Gelegenheit zur Rache, für den Augenblick mußte sie die tödtliche Kränkung verbergen und den Schmerz verbeißen, die Bergcltungslust unter drücken. Sic legte ihren Arm wieder ans den Wolsgangs, freilich lange nicht mehr so fest, wie vorher; und erwiderte, wenn auch mit einem nicht ganz zu unterdrückenden leisen Beben der Stimme, bedeutungsvoll und beziehnngsreich: „Sic haben sehr Recht, Herr Hammer, das Herz spielt uns zuweilen, wenn Ort und Stunde dem günstig sind, sonderbare und höchst lächerliche Streiche, die wir bei kaltem Blut und klarem Sinn garnicht zu begreifen verniögen. Im vorliegenden Falle ist es um so unverzeihlicher, daß ich mich von meinem lebhasten Temperament zu einer kleinen Ueberschrcitnng des gesellschaftlich üblichen Tons hinreißen ließ, als ich wußte, daß Sie bei weitem weniger Temperament besitzen, und als ich mir im voraus hätte sagen können, daß die Dame, für die ich bei Ihnen mit weniger Geschick und Umsicht, als Eifer plaidirte, von Ihnen nichts zu erwarten hatte und daß unsere Unterhaltung doch lediglich eine akademische war." Wolfgang schien keine von den kleinen Malicen zu verstehen, die Frau von Larisch in diese Worte gepackt hatte, obgleich er jeden Stich fühlte. Er enviderte ernst und ruhig: „Ich bin weit davon entfernt, eine so spöttische Absicht gehabt zu haben, als Sie zu vermuthen scheinen. Die von Ihnen an den Tag gelegte Wärme des freundschaftlichen Gefühls für jene Dame macht Ihnen in meinen Augen wirklich nur Ehre, ich be- daurc sogar lebhaft, daß ich Ihre uneigennützige Absicht zu spät erricth, sonst würde ich Ihnen mit einer Erklärung zuvorgekommen sein, die unser Gespräch vor dieser Abschweifung bewahrt hätte. . Aber was wollen Sie? Ich bin in vielen Stucken ein ungelcckter Bär, der seine angeborne Ungeschlachtheit auch darin beweist, daß er für eine Liaison, wie die von Ihnen angedeutete, keinen Sinn und kein Verständniß hat. Die Grundsätze des Salons sind mir gleich fremd wie sein Ton, und auch in Liebesdingen habe ich ivnnderbar altväterische, pedantische und schwerfällige Maximen. Als ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts habe ich allerdings längst begriffen, daß eine Ehe im besten und edelsten Sinne des Wortes nicht blos dpie den Segen der Kirche, sondern auch ohne die Sanktion des Staats existiren kann, ich habe begriffen, daß ein Bündniß zwischen Mann und Weib keiner Formalitäten bedarf und daß es seine Heiligung durch die Tiefe, Wahrheit und Auf- richtigkeit der gegenseitigen Neigung erhält, ich habe begriffen, daß vom Standpunkt der reinen Moral aus Verhältnisse, über die die Welt die Nase rümpft und die Achseln zuckt, und von denen man in ,guter� und.anständiger' Gesellschaft beileibe nicht sprechen darf, viel reiner und makelloser sein können, als Ehen, bei denen es ganz normal und wohlanständig herging, die der Beamte in seine Bücher eingetragen und über die der geistliche Herr seinen Segen gesprochen hat,— aber Ihrem scharfen Vcr- stand wird es nicht entgehen, daß ich damit zwar Schranken niedergerissen, mir aber dafür neue ausgebaut habe, die viel schwerer zu überklettern sind, als die beseitigten. Schloß ich früher eine für alle Welt unangreifbare und ,Gott wohlgefällige' Ehe, wenn ich nur jene Bedingungen erfüllt hatte, die sich mit sehr unedlen Beweggründen meines Innern prächtig vertrugen, so hängt jetzt und vor dem Richterstnhl der neuen Moral die Giltig- kcit und ethische Berechtigung einer Ehe von der Beantwortung der Gewissensfrage ab, ob es denn auch wirklich eine zwingende, aufrichtige, ehrliche Licbesncigung ist, die zwei Menschen zusammen- führt. In dem von uns rein akademisch erörterten Fall muß die Frage zweimal verneint werden; davon, daß ich eine Liebes- neigung für jene Dance empfände, kann zu allernächst keine Rede sein, aber es ist nicht einmal die Möglichkeit vorhanden, daß in mir je eine solche Neigung entstünde, denn— die Dame liebt ja auch mich nicht oder vielmehr, sie dürfte ivohl nur einer halben Liebe sähig sein. Ich habe ihre Neigung offenbar mit dem bc- quemen, standesgemäßen Auskommen zu theilcn, für das meine Liebe sie nicht entschädigen könnte,— liebte sie mich, so würfe sie mit ihrem ganzen früheren Leben auch diese Rente über Bord, durch die ihr erster Gemahl sie selbst über das Grab hinaus ai> sich zu fesseln wünschte. Dazu aber, mich mit einem halben Herzen zu begnügen, bin ich nun doch zu stolz, und das hätten Sie wissen können, gnädige Frau." Frau von Larisch war schweigend und mit geringschätzig aus geworfener Lippe neben ihm hergegangen c ihre seinen Nasenflügel vibrirtcn, und als Wolfgang geendet, sagte sie, mit der Spitze ihres Sticfelchens einen kleinen Stein weit wcgschncllcud, ironcsch: „Es ist bitter schade, Herr Hammer, daß Sie nicht Professor geworden sind,— Sie würden Ihren aufmerksamen Zuhörern die lichtvollsten Exposes liefern, und die Hochschule, an der sie lehrten, würde um Sie beneidet werden. Ich erlaube mir gegen Ihre über- zeugenden Deduktionen nur den einen schüchternen Einwand, daß Sie mit Ihren Anschauungen bezüglich der Liebe und der Ehe nicht sowohl ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts, als vielmehr ein voreiliger Vorläufer koniniendcr Jahrhundertc sind, die mit über- legenem Lächeln auf unsere vorurthcilsvolle Beschränktheit herab- blicken. Ob Sie dieses Bewußtsein auch»och in späteren Jahren darüber zu trösten vermag, daß Sic an der Gegenwart und an allem, womit sie Ihnen winkte, vorübergingen, weil sonst Ihr sublimes System zu Schaden gekommen wäre, muß ich dahin- gestellt sein lassen. Einer Frau iverden Sie leise Zweifel daran zugute halten müssen." „Verzeihen Sie, gnädige Frau, wenn ich Sie gclangweilt habe, aber ich liebe reinen Tisch und wünschte, Ihnen Rechenschast über meine letzten Betveggründc abzulegen, da mir, was sie auch glauben mögen, daran gelegen ist, von Ihnen vielleicht für einen starren Prinzipmann, aber doch nicht für einen verdrehten Sonder- ling gehalten zu werden. Erst so rückt, was wir heute mit ein- ander verhandelt haben, in die richtige Beleuchtung, und sollte an voller Klarheit nicht auch Ihnen gelegen sein?" Sie waren mittlerweile ivieder an der Pforte angelangt und Frau von Larisch nahm rasch ihren Arm von dem Wolfgangs V und trat in den Park. Noch einmal haftete ihr Blick— der Mond war inzwischen emporgestiegen— an Wolfgangs Zügen, dann sagte sie: „Ich gebe gern zu, daß wir zu voller Klarheit gelangt sind, und dae hat seinen unleugbaren Werth. Zudem bin ich um die Erinnerung bereichert, einmal eine Stiiudc lang im Abenddunkel mit cincm Doktrinär pur san� im Walde spaziren gegangen zu sein,— Sie werden es verzeihlich finden, wenn diese Erinnerung jedesmal ein Lächeln ans meine Lippen ruft." „Gewiß nicht, nur wünsche ich, daß es kein bittres sei. Ich iverde von meinem Philosophenvorrecht Gebrauch machen, höchstens nachdenklich zu lächeln, und da Sie ja wohl kaum in Ber- suchung gcrathen werde», von dem heutigen Abend gegen einen Dritten etwas zu erwähnen, so will ich Ihnen meinerseits aus- drücklich versprechen, ebenso zu handeln. Meine Lippen, gnädige Frau, sind versiegelt—(sollte auch darin ein Doppelsiiiii liegen? Frau von Larisch neigte zu dieser Annahme) auch für den Fall, daß meine Tage hier, wie ich vermuthe, gezählt sein sollten." Diese leichte Mahnung an den Ausgangspunkt ihrer eigen- thümlichcn. Unterhaltung brachte dieselbe zii Ejide. Frau von Larisch drehte den Schlüssel um, gab ihm ein vieldeutiges:„Das letztere glaube ich jetzt allerdings selbst; Ihnen ist schwerlich zu helfen, Herr Hammer!" zurück, und war mit einem plötzlichen, wieder weich und bewegt klingenden, fast zögernden:„Gute Nacht, leben Sic wohl!" in der Dunkelheit verschwunden. Wolsgang kehrte sich scharf, beinahe heftig um und führte die Linke langsam und nachdrücklich über die Stirn; dann sagte er halblaut zu sich selber: „Wieder ein Feind! Es ivird nicht lange mehr dauern und es ist vielleicht am besten so." Und er schritt ans weitem Um- iveg langsam seiner Wohnung zu. Mit dem„Feind" irrte er aber doch. Leontine von Larisch war mindestens ein Feind, der das Feld räumte. Sic weinte in der Nacht, die diesem Abend folgte, zornige Thränen und zuckte bei jeder Erinnerung an die einzelnen Phasen dieses Gesprächs noch Wochen nachher zusammen, aber sie konnte sich, als der erste heiße Schmerz der erlittenen Demüthigung verivundeii war, nicht verhehlen, daß sie sich die herbe Lektion selber zugezogen hatte, und einer unedlen, kleinlichen Rache ivar sie nicht fähig. Sie besann sich am nächsten Tage auf eine alte, dringende Einladung zu einer in Berlin verheirathetcn Jugendfreundin, alle Vor- stcllungen und Bitten des Kommerzicnraths iind Emmys konnten sie an der Ausführung dieses plötzlich entstandenen Plans nicht verhindern, und erst im Frühjahr kehrte sie. nach M. zurück. Bis dahin aber chatte sich viel geändert. * * Wenige Wochen nacb jenem Abend schon ergriff der Winter Besitz von den das Städtchen nmschließeildcn Höhen und drang die Hänge hinab in'S Thal vor. Die cinsamen Ausflüge Wolfgangs, der seinen Gewohnheiten auch im Winter nicht entsagen mochte, und dessen Stimmung ganz danach angethan war, au grauen Novcmbcrncbeln nnd wirrem Flockcngcsiöbcr Gefallen zu finden, mieden jetzt,>vv er kanm noch Gefahr lief, unvermuthet Martha zu begegnen, die Höhe hinter dem Park des Kommerzicnraths nnd deii Hohlweg nicht mehr, in dem er Martha kennen gelernt, und eher hätte behauptet werden können, daß er diese Punkte mit einer gewissen Vorliebe auffuche. Er würde freilich, hätte man ihm diesen Umstand neckend vorgehalten, behauptet haben, daß dies purer Zufall sei und völlig absichtslos geschehe. Weihnachten ivar nicht mehr gar fern, als er an einem Sonntag- abend, im Begriff, den Heimweg voii einem eine Meile entfernten! Torfe anziitreteii, von einem heftigen Schneesturm Überfällen ward. Man rieth ihm aus einem der letzten Häuser des Dörfchens mit freundlichem Zuruf, ja auf der Straße zu bleiben, aber er schlug dennoch einen Feldweg ein,— es war, als übe der Hohl- iveg, den er aus diesem Wege berühren mußte, eine magische An- zichungskraft auf ihn aus, ja, als sei der weite Marsch, den er sich nnd Proud zugeiimthet, nur ein Vorwand dafür gewesen, dem Hohlweg einen Besuch zn machen. Er achtete es kaum, daß der Sturm fortwährend an Heftigkeit zunahm und daß er nur langsam vorwärts kam. Der feuchte Schnee, der sich bereits wie eine dicke Kruste schwer ans seinen flockigen Paletot gelegt hatte, ballte sich an den Sohlen und Absätzen seiner hohen Stiefel, und nur mit Anstrengung setzte er einen Fuß vor den andern. Die großen Flocken füllten seine Augen, vor die sie sich momentan wie San Marino >' Was war das? Er sah Proud nicht mehr, aber aus ganz geringer Ferne kam das dumpfe, freudige Gebell, mit dem er die Freunde seines Herrn zu begrüßen pflegte. Und als Wolfgang einige Schritte vorwärts gethan hatte, erkannte er durch das dichte Gestöber die Umrisse einer weiblichen Gestalt; Prouds buschiger Schweif war in rascher Bewegung— wer konnte das sein? Der Gedanke„Martha Hoher" ward ebenso schnell init einem unmuthigen Kopfschüttcln verworfen, als er gekommen war; wie konnte man nur auf einen so phantastischen Einfall gerathen? Und dennoch— wie hätte er Martha verkennen können? Halb in Freude, halb in Schreck war er im Nu neben ihr, und es war ein alle Verstellung verschmähendes, besorgtes und theilnahmvollcs: .(Seite 395.) „Sie hier, Fräulein Hoher, in diesem heillosen Unwetter?", das er hervorstieß. Sie war es in der That, erschöpft, halb bewußtlos, von dem ihr entgegenbrauseuden Sturm au die Stelle gefesselt; ihre Kniee wollten brechen, und der Blick, der den Kommenden traf, drückte die vollste Hlllflosigkeit und doch auch einen Hcrzensjubcl aus, der wohl nicht blos dem Retter, sondern zum guten Theil grade diesem Retter galt. Sie versuchte, zu sprechen, aber der Sturm nahm ihr die mit schwacher Stimme gehauchten Worte von den Lippen und führte sie davon. (Fortsetzung folgt.) dichte, weiche Körper gelegt hatten, immer wieder mit Nässe, so daß er gezwungen war, die Lider halb zu schließen und nur zu blinzeln; er konnte ohnedies in dein dichten, grauen Gestöber nur wenige Schritte vor sich sehen und kaum noch Proud erkennen, der verdrießlich und schnaufend, mit gesenktem Schweif durch den Schnee watete und von Zeit zu Zeit den mächtigen Kopf hob, um einen fragenden Blick auf seinen Herrn zu heften und dann resignirt seinen Weg fortzusetzen. So kamen sie, standhaft gegen den heulenden Sturm an- kämpfend, in den Hohlweg, der schon arg verschneit waö und in dem Wolfgang wiederholt bis an die Knie in lose Wehen versank. Unwillkürlich suchte sein Blick das Brombeergestrüpp, durch dessen stachliches Gewirr er einst Martha in die Höhe zog; die kahlen Ranken ragten noch ans der weißen Hülle hervor, und er blieb einen Augenblick stehen, um— mußte es grade an dieser Stelle sein, Freund Wolfgang?— Athem zu schöpfen. Er rückte die weiche Bibermütze aus der Stirn und trocknete die großen Schweißperlen und die Nässe der von der Hautmürme geschmolzenen Flocken mit dem Taschentuche auf. Als er das ganz durchweichte Tuch wieder in die Brusttasche steckte, horchte er plötzlich auf. . 390 Der Mihling einst iini> jetzt. (Schluß.) Das pflanzliche Leben auf unserem Planeten begann mit niederen Wasserpflanzen, die noch ganz und gar der Blüthen entbehren. Nichtsdestoweniger pflanzen sich die höheren Formen dieser Wasserpflanzen auch auf geschlechtlichem Wege fort, wobei das Wasser selbst, in welchem die Pflanzen leben, als Medium dient, durch welches sich die Geschlechtszellen vereinigen. Aus Wasserpflanzen entwickelten sich im Verlaufe langer Zeiten durch allmähliches Abändern nach und nach wieder Sumpf- und Landpflanzen, bei denen die geschlechtliche Fortpflanzung immer noch unter Vermittlung des Wassers vor sich ging. Auch in der jetzigen Pflanzenwelt finden sich noch lebende Repräsentanten dieser bliithenloseu vorweltlichcn Flora, so z. V. Moose, Farnkräuter, Schachtelhalme und Bärlappgewächse. Erst verhältnißmäßig spät entwickelten sich aus blüthenlosen Gewächsen die Niedern Blüthen- pflanzen der Vorzeit; es sind dies nacktsaniige Gewächse, Land- pflanzen vom Charakter unserer Nadelhölzer, bei denen wir zweierlei Blüthen antreffen: männliche Blüthen, welche in be- sonders ausgebildeten Blättern eine Unzahl von kleinen Blüthen- staubkörnern bilden, die als männliche Fortpflanzungszellen nicht mehr durch das Wasser, sondern durch den Wind vorgetragen iverden und gelegentlich auf weibliche Organe gelangen, und weibliche Blüthen, in denen an besondcrn Blättern die Samen- knospen, d. h. die Anlagen für die eigentlichen Pflanzensamen gebildet werden. Tie Samenknospen enthalten die weiblichen Fortpflanzungszcllen, die Eizellen, welche erst zur Entwicklung gelangen, wenn sie von männlichen Fortpflauzungszellen, von den Blüthcnjtanbkörnern bcsruchtet worden sind. Die eigentliche Bc- fruchtung findet dadurch statt, daß Jnhaltsbestandtheilc der Blüthenstaubkörncr, tvelche letztere in einen Schlauch aus- und den Eizellen entgegenwachsen, in die Eizelle übergeführt werden. Es ist selbstverständlich, daß von den zahllosen Blüthenstaub- körnern, ivelche aus einer männlichen Blüthe entleert werden, durch den Wind und die Schwerkraft ein großer Bruchthcil unnütz zerstreut wird und daß es als glücklicher Zusall bezeichnet werden muß, wenn von einer Million Blüthenstaubkörncrn nur ein einziges sein Ziel erreicht, nämlich auf die passende Stelle einer entfernt stehenden weiblichen Blüthe gelangt und dort die Befruchtung vollziehen kann. Mau hat in Gebirgsgegenden wiederholt be- obachtet, daß zur Zeit, da die Tannen- und Kieferwälder blühen, oft die Wasserfläche ganzer Bergsecn von verloren gegangenen, durch den Wind hergetragenen Blüthenstaubkörncrn bedeckt und gelb gefärbt ist. Ein Gcwittersturm nach längerer Windstille ivirbclt ans den dunkeln Nadelwäldern ganze Wolken solcher Blüthenstanbkörner auf und läßt sie an anderer Stelle als „Schwefelregen" zur Erde nieder. Hier sehen wir die Natur noch sehr verschwenderisch zu Werk gehen: Zur Befruchtung relativ iveniger Samenknospen tverdcn tausend oder Millionen mal mehr Blüthenstaubkörncr gebildet, als nothwendig wären, wenn sie alle, jene männlichen Fortpflauzungszellen, durch andere sichrere Transportmittel auf die weiblichen Blüthen übergetragen würden. Der Wind ist kein zuverlässiger Postillou d'amonr; taufende von Liebesgrüßen verschleudert er in alle Richtungen, che er einen einzigen Gruß an die richtige Adresse abgibt. Darum ist es begreiflich, daß diejenigen Pflanzen, welche zu verlässigere Boten iii ihren Dienst zogen, vor den windblüthigcn Brüdern im Vortheil waren, da sie nun nicht mehr jene Unmasse von Blüthenstaub zu bilden hatten. Als solche zuverlässigere Boten der Liebe stellten sich die Insekten ein. Manche windblüthige Pflanzen wurden von den Insekten ans- gesucht, weil diese letzteren für sich und ihre Brut in dem zarten Blüthenstaub eine kräftige und wohlsckMeckende Nahrung entdeckten. Beim Sammeln des Blüthenstaubes(Pollen) schwärmen die Insekten von Blüthe zu Blüthe und schleppen nnabsichtllch und unbewußt an verschiedenen Körpertheilen anhängende Pollen- körner auch auf die weiblichen Blüthen. Nun konnten diejenigen windblüthigen Pflanzen, welche regelmäßig von pollensuchenden Insekten besucht wurden, des Windes als Boten der Liebe entbehren. Wenn sie nun auch nicht mehr so enorm viel Blüthenstaub bildeten, so wurde die Befruchtung, respektive die Samenbildung doch ver- mittclt. Hiermit eröffnete sich für die betreffenden Pflanzenarten ein enormer Vortheil in der Richtung des ökonomischen Haus- Haltes; denn je weniger eine Pflanzen- oder Thierart unnütze Verschlvcudung treibt, desto kräftiger wird sie im Kampf nni's Dasein dastehen, desto sicherer in der Konkurrenz mit andern, verschwenderischen Pflanzen obsiegen; denn das Prinzip der Er- Haltungsfähigkeit einer Thier- oder Pflanzenart ist die Selbstsucht. Keine Pflanze bildet Blüthenstaubkörncr, damit sie den Insekten als Nahrung dienen können, ebensowenig, als unsere Kiefern und Fichten solche Unmassen von Pollen bilden, damit der Wind ein Spielzeug darin finde. Wenn nun da und dort einige Pflanzen sich weiterhin so ab- änderten, daß sie innerhalb ihrer Blüthen einen süßen Saft aus- schieden, der die Insekten für den Besuch belohnte, so war damit ein neues Moment in die lebende Natur eingeführt: der Insekten- besuch ward noch viel sicherer gesetzt: die Pflanzen zogen abermals Vortheil daraus. Bei der weitern Entwicklung der Blumen- und Jnsektcnwclt bildeten sich ganz gefetzmäßige Beziehungen zwischen der Form und Anordnung der einzelnen Blüthentheile einerseits und der Organisation des Jnsektenkörpers andererseits. Die Honigbehälter der Blumen erhielten jene Lage, welche das be- suchende Insekt nöthigt», gewisse Bewegungen auszuführen, ehe es den Nektar kosten konnte. Diese Bewegungen sind nach gewiesenermaßcn derart, daß das honigleckendc Insekt mit seinem Körper bald die blüthenstaubtragenden männlichen Organe be- rühren und zufällig oder gesetzmäßig Pollenkörner an seinen Körper ausnehmen, bald aber mit derselben Körperstelle die empfängnißfähigen weiblichen Organe einer andern Blüthe treffen und dort Befruchtung vermitteln muß. Und diejenigen Insekten, welche bei ihrem langsamen Entwicklungsprozeß sich mehr und mehr den honigabsondernden Blumen anpaßten, zogen ihrerseits daraus den Nutzen, daß sie bessere und reichlichere Nahrung fanden, als jene, die diese Anpassung an die Blumen versäumten. So sehen wir denn die Insekten den Blumen und die Blumen den Insekten angepaßt. Diese Anpassung— oft von scheinbar raffi- nirtcstcr und weisester Durchführung— erscheint dem Natur- forscher als Resultat der natürlichen Zuchtwahl. Die meisten höheren Pflanzen besitzen gefärbte, oft weithin schimmernde Blumenkronen; sie ziehen hieraus den Nutzen, daß sie von den honigsnchenden Insekten schon aus der Ferne bemerkt werdeir. Manche Blüthen duften weithin; auch das Aroma ist eine den betreffenden Pflanzen allein nutzbringende Einrichtung: denn die Insekten nehmen auch vom Wohlgeruch Notiz und wissen ganz gut die dnftendc Blume zu finden, auch wenn diese mit ihren Blumenblättern nicht allzusehr Aufsehen macht. In der Regel sind es auch nicht die glänzendsten und größten Blumen, welche am stärksten duften,' sondern kleinere, unscheinbarere Blüthen, ivelche durch ihr Aroma ebenso sehr ihre Freunde an sich locken, als jene großen nicht duftenden Blumen durch ihre glänzenden Kronblätter. Die meisten höhern Blüthenpflanzen bilden nicht cingcschlcch- tige, sondern zwitterigc Blüthen, in denen wir beiderlei Ge schlcchtsorgane, pollcnbildende Staubblätter und samenknospen tragende Fruchtblätter, antreffen. Tie weiblichen Organe sind bei den bedecktsaniigen Gewächsen in den Fruchtknoten zusammen- gewachsen; dieser bildet ein Gehäuse, in dem die Samenknospen mit den zu befruchtenden Eizellen liegen. Der Fruchtknoten ist hänsig nach oben in ein stielartiges Organ, den sogenannten Griffel verlängert, welcher an seinem ober» Ende sich verbreitert und eine feuchte Stelle bildet, die Narbe. Auf der Narbe wird der Blüthenstaub festgehalten und zum Treiben der sogenannten Pollenschläuche veranlaßt. Die Pollenschläuche wachsen durch den ganzen Griffel hinunter bis in den Fruchtknoten, wo sie die einzelnen Samenknospen durch die Befruchtung der Eizellen zur Weiterentwicklung veranlassen. Die Samenknospen entwickeln sich nur dann zu keimsörmigen Samen, wenn sie vom Blüthenstaub- Schlauch befruchtet wurden. Bis vor kurzem war nun aber noch allgemein die Ansicht verbreitet, daß bei den zwitterigen Pflanzen deshalb beiderlei Geschlechtsorgane in einer und derselben Blüthe gebildet werden, damit die Befruchtung möglichst sicher sich durch den Blüthenstaub vollziehen könne, der in nächster Nähe des weiblichen Apparates gebildet wird. Allein seit dem Erscheinen des Darwinismus in der Entwicklungsgeschichte- der Naturwissenschaften hat sich diese Annahme»ls irrig erwiesen. Im Gegcntheil hat sich heraus- gestellt, vaß es eine Menge von Pflanzen gibt, bei denen trotz der Anwesenheit beiderlei Geschlechtsorgane in derselben Blüthe ">cl»als Selbstbefruchtung stattfiudet, niemals stattstiiden kann. Bei einer Menge anderer zwitteriger Bliithenpflanzen wirkt der Blülhenstaub aus andern, fremden Blüthen der gleichen Art schneller und kräftiger, als der eigene Blüthenstaub. Wieder bei andern Pflanzen kann Selbstbefruchtung stattfinden; aber die Keimlinge, welche als Frucht dieser Selbstbestäubung entstehen, sind weniger kräftig, als Keimlinge, die durch Fremdbestäubung erzeugt wurden. Allerdings gibt es zwitterige Pflanzen, bei denen die Selbstbestäubung innerhalb derselben Blüthe in der Regel stattfindet und keimfähige Samen erzeugt; aber diese Pflanzen bilden die kleine Minderheit, während andererseits eine größere Zahl von Pflanzen so abgeändert ist, daß der eigene Blüthen- staub auf der Narbe nicht nur garnicht befruchtend, sondern geradezu als Gift wirkt, so bei manchen Orchideen(Knaben- kräutern) Brasiliens. Es erweist sich also im allgemeinen selbst bei zwitterigen Pflanzen, die anscheinend hiefür extra eingerichtet sind, die Selbst- befruchtung weit weniger vortheilhaft, als die Fremdbestäubung. Die Vereinigung zu nahe verwandter Geschlechtszellen zur Erzeugung neuer Individuen erweist sich meist schon in der ersten Generation, wenn nicht in dieser, so doch häufig in den späteren Generationen als nachtheilig. Darum wurden in dem langsamen Entivicklungsprozeß unserer Pflanzenwelt von der natürlichen Zuchtivahl iin Kampf nm's Dasein alle jene mannigfaltigen Abänderungen begünstigt, welche die Selbstbefruchtung innerhalb derselben Blüthe verhindern und Fremdbestäubung ermöglichen oder geradezu zur Nothwcndigkeit machen. In der That ist es denn auch ganz erstaunlich, zu welchen Resultaten die natürliche Zuchtwahl innerhalb der Sphäre des Licbelebens der Pflanzenwelt gelangt ist. Es ist ein Triumph des menschlichen Erkenntnißvermögens, dem alten Aberglauben und der naiven Weltanschauung in der Beurtheilnng der Blumen- und Jnsektenwelt für ein und allemal die Berechtigung zur iveitern Existenz benommen zu haben. Wir wissen heute, wie es kam, daß das Veilchen in der Dornhecke solch wunderbaren Dust erhielt; wir wissen, was die farbigen Striche auf den Blumenblättern des Geraniums bedeuten— sie weisen dem honigsuchenden Insekt den Weg zum Nektarb'ehälter; wir wissen, warum die Wiesensalbci zu jenein wunderlichen Hebel- Äomödiantensahrten iwist Von Dr.? Aus gelbhäntigcm Sumpfe ragt ein mächtiger Rundthurm empor, den. wie Küchlein um die Henne gelagert, niedrige ivind- schiefe Häuser mit cngvcrgitterten Fenstern umgeben— das ist die Kapitale des verschollenen Kaiscrthums Trapezunt, das Trcbi- sond der Griechen, um dessen Wiege die Sage chren duftigen Blüthenkranz gewunden, aber in den übelriechenden Straßen merkt man nichts mehr davon. Wie in den meisten Küstenstädten am Schwarzen Meer wurde auch hier die Kultur, welche im Mittelalter die Genuesen hierher getragen, unter türkischen Tritten zermalmt. Zwischen halbverfallenen Moscheen und verwahrlosten Bazars lBerkaufshallen) wand sich unsere Künstlerkaravane durch fußtiefen Straßenkoth zum Hafen. Trotz des phantastischen Aufputzes der Kamcele, die mit dem theatralischen Flittcrkram bepackt, den Zug eröffneten, wurden wir von niemand beachtet, denn die Matadorc der Neugierde, der hungernde aber stets rosig gelaunte Schuster- junge und der ziellose Pflastertreter sind in den Straßen der orientalischen Städte unbekannte Größen. Auch der Moslem hat seine humoristische Ader, aber nach seiner Art, denn Kset emek, wörtlich„Laune machen", heißt an einem gcmüthlichcn Ort Kaffee trinken und Tabak rauchen: deshalb geht der Türke nicht, sondern sitzt spazieren..,, Ter Hafen befand sich in demselben ausbesserungsbedurfligen Zustande wie die Stadt. Obzwar seit Jahren versandet, dachte die Hafcnbchörde nicht an's Baggern; deshalb müssen schisse mit größerem Tiefgang auf der den Stürmen ausgesetzten Rhede ankern. Eine längst an den Grenzen ihrer Seetüchtigkeit angelangte Schaluppe, die gar keine Passagierkabinen hatte, brachte »ns zu dem türkischen Postdampfcr„Nusrethieh", der glücklicher weise von einem englischen Renegaten(ein zum Jslani bekehrter Christi befehligt wurde nnd einen italienischen Koch am Bord hatte. M- apparat gekommen ist, der bei jedem Besuch vou Seite einer Biene oder Hummel den Blüthenstaub auf den behaarten Rücken des honigsaugenden Insektes abstreift; ivir wissen, warum die bei der Nacht sich öffnenden Blumen entweder sehr stark dnfteii oder sich durch helle, leuchtende Farben auszeichnen; wir wissen, daß jedes Pflanzcnhaar, welches gesetzmäßig au gewissen Stellen in der Blüthe angetroffen wird, für Sein oder Nichtsein der be treffenden Pflanzenart den Ausschlag geben kann. Die natürliche Zuchtwahl— kein mystisches, selbstbewußtes, zweckbewußtes, intelligentes persönliches Wesen,— die natürliche Zuchtwahl, das heißt: der ewig sich selbst wiederholende Ans- jätungsprozcß des weniger gut Örganisirten, das Siegen besser ausgestatteter Pflanzen nnd Thicre über andere Konkurrenten, die natürliche Zuchtivahl hat auch das allmächtige Liebeleben in Thier- und Pflanzenwelt nach ganz natürlichen Gesetzen zu jener Mannigfaltigkeit und Herrlichkeit entwickelt, welche uns der lachende Frühling so überwältigend zum Bewußtsein bringt. Ist der Frühling deshalb minder schön, weil wir auf den Grund des Füllhornes sehen, aus dein Frau Benüs Blumen und Wohlgerüchc nnd die Hochzeitskleider der Pflanzen- und Thierwelt nnd die tausend Melodieen der singenden Vögel herausschüttet? Wir haben uns als Kinder an die Märchen der Großeltern gewöhnt. Wir sind größer geworden und haben an ihrer Wahr- heit zweifeln gelernt, nnd als wir erfahren, daß es eben nur Märchen waren, mit denen man nnserc Kindesseele beschäftigte, da haben auch die Märchen ihren Reiz verloren und wir haben nach Wahrheit begehrt. Nun schreitet die Wahrheit, in Gestalt der blühenden Natur- crkcnntniß durch die Welt nnd vor den Strahlen ihres Lichtes schwinden die Nebel im Thale und auf feuchtem Wiesengrund, nnd die Sänger im Walde singen»ns doppelt schön, weil sie mit ihrem Sange um Liebe werben, nnd die Primeln leuchten doppelt freundlich nnd die Veilchen duften noch viel herrlicher als vorher; i' denn es ist die Liebe, welche sie verklärt, und die Boten dieser Liebe sind die summenden und taumelnden Bienen nnd Schinctter- linge, und alles, was im Lenze sich regt und lebt, athmet Liebe, Liebe aus jedem und für jedes. Wer guten Willen hat, findet die höchste Ethik in der Statur, denn der Griffel, mit dem diese Ethik geschrieben ist, heißt Liebe. Dr. A. D.-P. tu Trapyllllt und Fiume. tu Traullt. Wie ein spielender Wallfisch schaukelte sich das schwarze Schiffs- ungethüm auf der empörten Meeresfluth, und rasend heulte der Wind in seinem Tanwcrk. Wer nicht den Mnth besaß, auf der schwankenden Falltreppe emporzuklcttcrn, wurde wie ein Waaren- ballcn im Gurt hinaufgclootst. Unser Souffleur, der wahrschein- lich mit einer ungewöhnlich großen Dosis Rum seinen Magen für die Seekrankheit präparirt hatte, verlor auf. der Treppe das Gleichgewicht, purzelte ins Wasser nnd hätte im Fallen beinahe eine alte, dicke Choristin in das unfreiwillige Bad mitgerissen. Nur mit Mühe wurde er unter dem Gekreisch der Weiber auf- gefischt. Nach einigem Bürsten und Reiben in's Leben zurückgerufen, verwünschte er das(vider Willen verschluckte Secwasser. Landsmann Koch brachte trockene Kleider, nnd mitleidige Matrosen sorgten für einen kräftigen Schluck Cognac. Heute verdiente nur zu sehr das„schwarze" Meer sein Beiwort. Duukelwogcnd brandete seine donnernde Fluth an den Schiffsivändcn, daß es über Bord spritzte. Doch auch die Gebirge winkten uns düsteren Abschied. Die Nebel stiegen ans ihren Thälern in dichten Massen empor, ivie die Geister der Erschlagenen in Kanlbachs Hunnenschlacht. Unwillkürlich fiel mir ein Gedicht von Bodenstedt ein, daß ich im Maleralbum auf der Fraueninsel im Chiemsee(Bayern) gelesen: Die Wolken zogen trüb und trüber Aon der Gebirge Höh' herüber,> Bis sie des Sturm's Gewalt entjchürztc Und wilder Drang in's Flußbett stürzte. Da ward ein Heulen, Zischen, Tobe», Es braust von unten, braust von oben, Als ob die See zum Himmel steige, Der Himmel sich zur Erde neige. S Der Anker wird gelichtet, ein Glockenzeichen, ein Pfiff und ächzend hebt das Dampfroß an zu stampfen. Kaum haben wir die Brandnngsbarre am Außenmolo passirt, als das Schiff mit dem in zweiter Auflage betrunkenen Souffleur um die Wette zu schwanken begann, und wir armen Landratten, obzwar nüchtern, brachten nach schmerzlichem Ringen den Mecrgöltern reichliche Opfer dar. Wie hilflos ist doch der Mensch im Kampfe mit den Elementen. Der Kapellmeister mit dem Bariton nii> Bassobuffone versuchten einen Tarock aber bald kcmertcn sie, in Plaids und Mäntel gewickelt, wie ein Häufchen Unglück unter dem Fokmast; bekanntlich diejenige Stelle, wo es am wenigsten schaukelt,— aber für die Drei schaukelte es hier noch immer zu viel, denn ihre sonst röthlichen Nasen waren bedenklich erblaßt, ein Zeichen der nahenden Eruption. Der Souffleur, die geschenkte Schnapsflasche zärtlich an sein Herz gedrückt, lehnte am Ranchfang und machte mit seinem Schnarchen dem Sturmwind Konkurrenz. Die Choristen und Musiker, gleich Odysseus' Gefährten nach der durch die Circe bewerkstelligten Metamorphose, verkrochen sich essend und trinkend in die regengeschütztcn Winkel am Verdeck, um nach kurzer Zeit— auf Poseidons Geheiß— leichenblaß und mit großen Umwegen zur Brüstung zu wanken und das Genossene über Bord zu Ipcdiren. Ter Verfasser dieser Skizzen schlich mit schlotterndem Gebein wie das böse Gewissen umher, denn auch ihm hatte die Seekrankheit mit trübem Schleier die Sinne umwunden und gleich tofana, dem schleichenden Gift, die Kräfte gelähmt. Der fettige Dunst der Maschine, der Anblick der in den unmöglichsten Stellungen zusammengekrümmten Kollegen gab mir den Rest. Die Einladung zum Mittagessen, welche der Stewart(Kellner) ein schicfbeiniger Neger, schwarz wie Ebenholz, mit gellender Stimme ausrief, klang mir wie qualifizirtc Bosheit, denn mein mißhandelter Gaumen ließ nicht einmal einen Tropfen Wasser, geschweige die fünf Gänge der Tadlv d'liöte zur Labung des brennenden Magens durch. Nur zwei Männer blieben seefest und promcnirten ans dem schwanken Deck als ob sie Mailänder Trottoir unter den Sohlen hätten, der winzige Haut- und Knochenmann, Direktor Papanicola und der böhmische Trompeter Hrdlitzka, der wahrscheinlich statt des Magens einen Bierkrug im Leibe hatte. Wenigstens bercch- tigte der Umfang seiner Elephantentaille zu dieser Annahme. Den weiblichen Thcil der Gesellschaft verschlang der Orkus der Kajüte und gab ihn erst in der Gegend der Gartenstadt Bujukdcrc, dem Sommeraufenthalt der europäischen Gesandten am Bosporus, frei. Als nach ununterbrochenem Stürmen die rasche Strömung (Teufelsfluth nennt sie der Türke), die vom Schwarzen Meer in die Propontis(Marmara-Meer) dringt, unser Schiff erfaßte, schwand wie mit einem Zauberschlag die lähmende Wirkung der Seekrankheit, denn„das Wetter klarte ans", wie die Seeleute sagen. Auch Frau Sonne hatte Mitleid mit uns und gab ihr Wolkenincognito auf, um die steilen Uferfelsen und die para- diesischen Landzungen, die wie Blumcnampclir ans den Wellen zu schweben schienen, zu vergolden. Die Segenspenderin lachte dem Erdenrunde, und ihr strahlendes Licht, ihre belebende Wärme hob unseren gesunkenen Pnlsschlag. Gesund zu sein ist nicht das höchste Glück ans Erden, sondern gesund zu werden. Bald wimmelte es am Deck wie in einem Ameisenhaufen. Die Sehnsucht nach. Von Dr. I Wie der Vogel, auf dessen Flügeln noch der Waldodem ruht, gefangen gehalten, angstvoll umherflattert, sein zartes Köpfchen gegen die Stäbe des Käfigs stößt, um wieder jene goldene Frei- heit zu erlangen, in der er geboren— so läßt sich bei all' unfern Thieren eine Sehnsucht nach Ungebundenheit beobachten, welche wunderbar genug ist, um die Äufmerksamkeit des Menschen zu erregen und seine Denkkraft zu ihrer Erklärung herauszufordern. Ja selbst jener Mensch, der alles zu ignorircn geneigt, was nicht seinen beschränkten und egoistischen Interessen dienen kann, wird durch des Phänomen der Wanderlust der Thiere, eine der außer- ordentlichsten Erscheinungen in der Natur, die eine Menge un- gelöster Räthscl in sich birgt, auf das Thierleben aufmerksam Der eine lief zür Damenkajüte hinunter, um sich nach dem Be- finden der Frau und Kinder zu erkundigen, für deren Wohl und Wehe �er in der Apathie gar keinen Sinn gehabt hatte; der andere griff nach Speise und Trank; die Matrosen verschwanden ini Schiffsbauch, um Toilette für die Schönen des Phanar (Griechenvicrtcl von Konstantinopel) zu machen; die Damen stiegen mit ihren Handarbeiten ans Deck, um, von Kindern umjohlt, sich au der Luvseite des Schiffes niederzulassen, während die Männer peripathctisch mit sichtlichem Behagen die lang verschmähte Cigarre schmauchten. Schon wölbt sich Prächtig klarer Himmel über uns, doch vcr- gebens späht das Auge am Horizont nach dem modernen Kalifensitz, der Königin der Städte. Konstantinopel ist wie Neapel und Venedig eine der Wunder- inseln unserer Träume, aus denen uns Feenmärchen der Ver- gangenheit entgegenwinken und die Romantik nnverblaßt unserer Phantaiie�ihren Tribut abliefert, aber wie alle orientalischen Städte nur aus der Entfernung, denn unter der unheilvollen Berührung der Söhne des Propheten ist aus dem einst so präch- tigen Konstinopel der griechischen Kaiser ein Bild der wüstesten Zerstörung— das türkische Stambul— geworden. Alles was die Kunst und Wissenschaft hier an unermeßlichen Schätzen auf- gehäuft, haben die Türken während der vier Jahrhunderte ihrer Herrschaft derart zerstampft und vernichtet, daß selbst jede Spur davon unrettbar verloren ging..Aus dem Schutte der Paläste, welche einst die Zierde und der Stolz des goldenen Byzanz, der Kapitale des oströmischcn Reiches, waren, entstand das heutige Stambul mit seinen hölzernen, schmutzigen, fensterlosen Hänftrn, in übelriechenden, holperigen, engen Gassen, oder auf winkeligen, unregelmäßigen Plätzen, welche alle insgesammt von Schmutz und Unrath starren und deren einzige Reinlichkeitsorgane die zahl- losen halb verhungerten Hunde sind, deren Kadaver sie aber auch verpesten.. Auf dem berühmten Atmeidanplatzc sind jetzt nur mehr die armseligen vereinzelten Ucberbleibsel der prachtvollen gricchi- sehen und römischen Monumente und Bauwerke sichtbar, welche hier einstens prangten. Von all der fabelhaften Herrlichkeit, welche hier geherrscht, ist nichts mehr zr; sehen als ein unvoll- endeter Obelisk in der Mitte des Platzes, ein früher mit Kupfer bekleideter Pfeiler, der so prächtig war, daß er wie der Koloß von Rhodus für ein Weltwunder galt, und endlich ein dreifaches Schlangengcwinde, dessen Köpfe aber nicht mehr vorhanden sind und das den Dreifuß von Delphi getragen haben soll. Tie marmornen Stufen des Hippodrom sind verschwunden, der Raum hat durch schlecht gebaute Häuser sich um das Vierfache verringert und aus dem unebenen schmutzigen Boden sproßt hie und da eine Sykomorc oder Platane hervor; es gibt nichts traurigeres als den schroffen Gegensatz zwischen dem Einst und Jetzt dieses Platzes. Hier giebt es keine Spur mehr von der Statue des Herkules Trihesperus, noch von jener der Liebe athmenden Helena und der berühmten Wagenlenker; fort sind der Eseltreiber von Aktium, die Wölfin des Romulus und Remus, das Nilpferd, die fliegenden Sphinxe und die zwei Ungeheuer Scplla und Charyb- dis; auch die Altäre des Zeus, Saturnus, Mars, der Venus, der Selene und des Merkur fehlen, dafür sieht man hie und da die schmutzige Bretterbude eines Kaffeewirthes auf dem mit Kehricht und Abfällen aller Art bedeckten klassischen Boden. (Fortsetzung folgt.) freiheit beim Thiere. chottwcis. werden. Es ist nicht im Nahrungs- und Wärmebedürfniß allein begründet, es ergreift mit energischer Gewalt die sämmtlichen Individuen der Thierart eines Landes, leitet sie ans den nächsten Wegen zu den Sammelplätzen und führt durch uns nur wenig begreifliche Verständigungsmittel, die allgemeine Uebereinstimmung, die Festsetzung des Tages und der Stundä der Reise herbei, es weist mit der Sicherheit der Magnetnadel die Wanderschaaren über Berg und Thal, über Flüsse und Meere nach den fernsten Gegenden, gibt ihnen die Kraft zu ungeheurer Anstrengung und erstaunlichen Leistungen, bei kaum vergönnter spärlichster Nahrung und Ruhe, und führt sie wieder zur bestimmten Zeit in die alte Heimath zurück.— Thiere, die sonst unabhängig von einander leben, sich nicht um einander kümmern, werden, wenn die Wanderungszeit naht, von einem Geiste der Zusammengehörigkeit ergriffen, ordnen sich in regelrechte Schaaren und nnterwerfen sich mit blindem Gehorsam der Führung einiger Individuen, von welchen man nicht begreift, durch welche Mittel sie erkoren wurden, die Führer zu sein, Der Wandernngstrieb erregt im Vogel eine fieberische Un- ruhe, bei Wärme und reichlicher Nahrung flattert er im Käsig schlaflos die Nächte hindurch, und der Kukuk und manche andere Vögel sterben, wenn man sie vom Wandern abhält, Alle diese Erscheinungen treten am deutlichsten bei den regel- mäßigen periodischen Wanderungen ein, fehlen aber auch zum Theil nicht bei den ungeregelten durch Umstände bedingten und bei jener von Ost nach West gehenden, im Laufe des Jahrtausend sich vollziehenden, durch welche Europa einen Theil seiner Thier- bevölkerung erhalten. Doch genug einstweilen hiervon, ich wollte von recht nahe liegenden Beobachtungen sprechen! Gibt es ein anmuthigeres, eleganteres, zarteres Thier, als unser einheimisches Reh? Dieses überaus zierliche, fein geformte Köpfchen mit den gutmnthigen Augen, sind sie nicht geschaffen, um sich daran zu ergötzen, wären sie nicht Werth dieses Thierchen zum geliebten Gespielen des Menschen, zum getreuen Hansthier zu machen? Es ist eine cigenthümliche Poesie in dieser Thicrgestalt, die jeden anheimelt, sei es, daß er so glücklich ist, sie zwischen den Zweigen des Waldes zu erblicken, oder.ihr gezähmt in einem Thiergarten zu begegnen. Man begreift den Dichter, der diese Thiere in Verbindung bringt mit zarten Jungfrauen, es liegt in dem ganzen Geschöpfe etwas mädchenhaftes, unschuldiges, das diese Jdeenverbindung rechtsersigt. Jung eingefangen und vom Menschen gezogen wird das Reh außerordentlich schnell zahm, es folgt seinem Pfleger auf Schritt und Tritt, so gut wie ein Hund, wenn es aber älter wird, ändert sich dieses Vcrhältuiß sichtbar. Während das weibliche Reh seine ursprüngliche Zahmheit noch behält, bricht in dem Bock die wilde Natur hervor, es ist, als ob plötzlich ein böser Geist in ihn gefahren wäre, seine Zahmheit verwandelt sich in Dreistigkeit, er hat die Furcht vor Menschen verloren, und folgt seiner wilden Kampfbcgier.— So oft man auch die Zähmung der Rehes versucht hat, soviel Liebe und Sorgfalt auch auf dieses Thier verwendet wurde, immer und immer scheiterte der Versuch der vollständigen Zähmung in der Gefangenschaft, die Sehnsucht nach Freiheit bricht in einer unbeschreiblichen Weise hervor und erfaßt das liebe Thier. So ist es eine längst konstatirtc That- sache, daß das Reh, selbst dann, wenn es in einen, noch so großen Park eingefriedigt ist, einem scheinbar ganz uneingeschränkten WeltaussteUungsbricse. Ii. Paris, Ende April 1876. Von den meiste» Besuchern einer Weltausstellung wird diese nur als ein großartiges Vergnügungsschauspicl betrachtet, ihnen zuliebe wird das Unternehmen niit Pomp und Prunk in Szene gesetzt, die uncnd- liche Kosten verursachen. Ich bin überzeugt, wenn es einer Regierung einfallen würde, in irgend einer kleineren Stadt eine große Bretter- budc zu errichten und in derselben die Ausstellung abzuhalten, ohne besondern äußern Glanz; nicht 2 Prozent der Besucher, die jetzt hier erwartet werden, würden sich einfinden. Das ist sehr begreiflich, denn nur wenige, die ein wirkliches Interesse an der Ausstellung haben, sind pekuniär so situirt, daß sie ihrer Belehrung wegen eine weite Reise machen können; diejenigen, welche es können, würden, falls der An ziehungspunkt der Ausstellung wegfiele, doch reisen. Daß die Regierung und besonders die Geschäftswelt von Paris nicht anders denken und die Ausstellung nur als eine temporäre neue Zierde von Paris be trachten, bewciien die vielfachen Vorbereitungen und Projekte, welche mit der Ausstellung eigentlich nichts zu thnn haben. Die Hauptsache ist und bleibt eben das Geschäft und das Vergnügen in Paris. Die Fremden werden in beide hineingezogen und müssen durch ihre Einkäufe die Summen, welche ausgegeben, verdreifacht und verzehnfacht den pariser Geschäftsleuten wieder einbringen. Ich bin kein prinzipieller Gegner der Weltausstellungen, aber fest scheint es mir doch zu stehen, daß der mit der großen Pauke ausgetrommelte Nutzen einer solchen für die meisten Besucher ziemlich gleich Null ist. Da kommen die Fremden von allen Enden der Welt, laufen ein paarmal durch die Ausstellungs- räume, finden dies niedlich, dies amüsant, dies espritvoll, gehen dann ihren Vergnügungen in der Stadt nach und reisen wieder ab. Wer früher schon mehrere Nnsstellungen besucht hat, ist noch vom vorigen Staturlebcn überlassen ist, nicht gedeiht. Man kann hierfür durchaus keine stichhaltigen, materiellen Gründe anführen: selbst dann, wenn man ein als Lieblingsort des Rehes bekanntes Ge- hölz, in welchem es alle zu seinem Gedeihen nothwendigen Be- dingungen anerkanntermaßen findet, mit einer Einfriedigung ver- sieht, fängt es an zu verkünimern. Krankheiten befallen es, und wenn ein solcher Rchstand auch in glücklichen Verhältnissen nicht zum Aussterben kommt, so fehlt die natürliche Fortentwicklung, die das Reh in der gänzlich ungebundenen Freiheit zeigt. Fragen wir nun nach der Ursache, so bleibt uns nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß dem Rehe jenes ungezähmte Freiheitsgefühl innewohnt, das jede und sei es selbst die weiteste Grenze als eine Einschränkung seines persönlichen Selbstbestimmungsrechtes empfindet,— ein Gefühl, das uns nur noch bei einem Thiere in so greller Weise entgegentritt, nämlich bei unserer Kreuzotter, die in der Gefangenschaft nicht nur jede Nahrung verschmäht, sondern sogar bei der Gefangennahme ihren Mageninhalt ansspeit, um sich so schnell als möglich dem Hungertode zu iveihen.— Mich er- innert das Reh lebhaft an ein Volk, das gleichsam ein Fluch über die Erde treibt, des nirgends heimischen Boden unter den irrenden Füßen hat, an das räthselhafte Volk der Zigeuner, dieses Volk, das mitten im Herzen der zivilisirteu Welt alle Mühen und Gefahren des ungebundeneu Umherschweifens dem ruhigen Kleben an der Scholle und des Lebens Einerlei, das den einen Tag so wie den andern spinnt, vorzieht; in beiden ist es das Freiheitsgefühl, das Bewußtsein, frei zu sein, das es verschmäht, sich in goldene Fesseln schlagen zu lassen, die Festigkeit des Eharakters, die freilich im Kampfe um's Dasein den Kürzeren zieht, weil sie das Prinzip der Civilisation, nämlich das der Ver- gesellschaftung, verscheucht, die aber nichtsdestoweniger unsere volle Achtung verdient. Die Geschichte des Rehes übrigens und die Betrachtung des Verhältnisses, in welchem dieses Thier zum Menschen steht, gibt uns Aufschluß über wichtige Beziehungen, die zwischen den Menschen einerseits und der Thierwelt andrerseits statthaben, und das Ver- halten der einheimischen Thiere in der Gefangenschaft gegenüber dem der Thiere andrer Zonen läßt uns Schlüsse ziehen auf die Gestaltung und Entwicklung des Thierlebeus im Laufe der Zeiten. So ist nichts so unbedeutend, kein Verhältniß so geringfügig, daß wir nicht aus ihm lernen könnten und jedes Thier, wenn wir seine Naturgeschichte, wenn wir seine historische Bedeutung er- forschen, ist im Stande, uns eine Leuchte aufzustecken ans dem Wege zur Erkenntniß des organischen Lebens.— Die Sehnsucht frei zu sein, ruht tief in jedem seelischen Wesen, sei es Mensch oder Thier! Es ist ja ein göttlicher Gedanke„frei zu sein!" ob schon der Dichter sagt:„Frei sein ist nichts, aber frei iberden!" male des Anstarrcns und Anstannens müde und richtet sein Auge» merk auf die Nebensächlichkeiten, wie z. B. auf den Ausstellnngspark, die einzelne» Gebäude, welche doch nur den Raum für die eigentlichen Ansstcllungsgcgcnständc hergeben, ans die Restaurationen, die Musik ansfUhrunge» w. 3C. Wenn nur das Ganze einen recht großartigen Eindruck macht, wenn sich daselbst nur recht viel„Welt" versammelt und alles ringsumher von morgens früh bis abends spät in Reichthui» und Genuß schwelgt, dann sind die meisten Besucher schon zufrieden. Ist's da ein Wunder, wenn die Ausstellungskommission für die Schale mehr besorgt ist, als für den Kern? Leider scheint die diesmalige Weltausstellung mehr als früher nur für jene Genußsüchtigen eingerichtet zu werden. Ich habe mich schon seit längerer Zeil durch Bücher und Zcitnngen, sowie durch eigne Prüfung mancher Gegenstände, die aus gestellt werden, überzeugt, daß die Weltausstellungen mehr und mehr zn einfachen Jahrmärkten— allerdings in einer kolossalen Ausdehnung— hinabsinken, zu Märkten, auf welchen stets dieselben Dinge feilgeboten und von der Jury dekorirt werden. Wenn sie so schnell aufeinander- folgen, wie in letzter Zeit, 1887 in Paris, 1873 in Wien, l87K in Philadelphia, 1878 in Paris und künstig I88l) in Rom, so verfehlen sie gänzlich den hohen Zweck, eine Kontrole des Fortschritts der inter- nationalen Industrie zu schaffen und dadurch den Schöpsnngsgcist und Unternehmungssin» des arbeitenden Volks anzuregen. In so kurzen Zwischenräumen, wie die, welche oben angegeben, wird aber unmöglich ein Fortschritt zn erkennen sein, und, was schliinmer ist, der ruhige Gang der Entwicklung in der Arbeit der Völker wird durch die speziellen Vorbereitungen aus die Weltausstellnngen gestört. Aber was Hilst es, diese Betrachtungen anzustellen, da die Welt ausstellnng nun einmal vor der Thür steht? Der ehrenvolle Auftrag, der mir geworden, den Lesern der„Neuen Welt" über jene Bericht zu erstatten, geht nicht dahin, die Jnopportunität und andere Mängel zu beklagen, sondern vor allen Dingen das wahrhast Nutzbringende, welches auch die bevorstehende Weltausstellung zeitigen wird, mit Ernst und gutem Willen ausfindig zu machen und zu beschreiben. Bekümmern wir uns also nicht um jene Menge von Neugierige», sondern suchen wir denen ein anschauliches Bild zu geben, die von einer Weltausstellung wirklich etwas lernen wolle». Unser vorwiegendes Interesse werden wir der Industrie zu- wenden, die bestimmt ist, das gesellschaftliche Leben aller Völker an- genehmer und glücklicher zu machen. Wenn auch bis jetzt die Zegnungen der Industrie nur wenigen� ganz und voll zugute kommen, so wird— hoffentlich bald— eine Zeit kommen, in welcher die große Menge des Volks, insbesondere auch die Arbeiter, an denselben gleichmaßig Theil haben werden. Die Früchte der Industrie sind zum große» Theil sür uns bis jetzt noch verbotene,— wir dürfen sie nur ansehen, bewundern und beurtheileu. Aber dies können und dies müssen wir, auch müssen wir willig arbeiten daran, daß ihrer immer mehr werden, im Hinblick darauf, daß wir ein moralisches Eigenthumsrecht aus sie haben, welches sich einst in ein thatsächliches verwandeln wird. Innerhalb der Industrie werden wir wiederum unser Hauptaugen- merk auf die Kunstindustrie richten, deren Betrachtung mit Rücksicht aus ihre Entwicklung besonders geeignet ist, Hinweise und Fingerzeige auf die Zukunft zu geben. Sie ist es auch insbesondere, welche inner- halb der Industrie die Bildung, den Geschmack und die Lust an der Arbeit vergrößert und verfeinert. Da wir später uns mit den Erzeug- nissen derselbe» vielfach zu beschäftigen habe», so wird hier als Ein- leitnng eine kurze Betrachtung des Wesens derselben wohl am Platze sein. Die Zusammensetzung des Wortes„Kunst-Industrie" weist auf das Wesen dieser Arbeitsthätigkeit deutlich hin, bedarf aber dennoch einiger Erläuterung. Kunst und Industrie scheinen zwei Pole zu sein, die sich nimmer berühren können. Kunst wirkt zivar in einer höhern Weise mittelbar auch nützlich, aber diese Nützlichkeit ist weil entfernt, identisch zu sein inil dem direkten praktischen Nutzen, welchen die Industrie er- zeugt. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Werke der hohen Kunst keinen praktischen Zweck haben, sie wollen einzig und allein das Schönheitsgefühl befriedigen i das Geiverbe hat hingegen die Ausgabe, den praktischen Bedürfnissen der Menschen zu dienen. Gelingt es, beide mit einander in einem Arbeitsprodukt zu vereinigen, so wird— um mich vulgär auszudrücken— der betreffende Arbeiter zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der Gegenstand wird nicht nur allein irgendein praktisches Bedürsniß befriedigen, sondern auch temporär oder dauernd durch seinen Anblick das Herz des Besitzers erfreuen. Das ästhctlsche Schönheitsgcfühl wird heute— so kann man ivohl sagen— fast allen Mitgliedern der civilisirten Gesellschaft angeboren, wenn es auch bei dem einen schwach, bei dem andern stark ausgebildet ist. Greifen wir ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben heraus. Wenn bei einem Familienfeste ein Kuchen oder eine Torte den Tisch zieren soll, so ist gewiß erste Bedingung, daß die Torte gut ausgebacken und geschmack- voll in der Würze ist, aber ivird, wenn diese Bedingung erfüllt ist, nicht ein jeder es auch gern sehe», wenn die Torte eine hübsche, runde Form hat und der Zuckerguß sich in leuchtenden Farben präscntirt? Wird nicht eine Tasse dem Besitzer lieber sein, ivenn sie aus seincrcni Porzellan und mit Blumen bemalt ist, als wenn ihr jede Farben zierde fehlt?( Bei allen Völkern, selbst den uncivilifirtesten, hat sich, soweit das Gedächtniß der Menschen in's Alterthum zurückreicht, das Bestreben gezeigt, die den Bedürfnissen dienenden Gegenstände nach dem jeweiligen Geschmack der Besitzer zu zieren. Die fast nackt einhergehcnden Neger suchten z. B. schon früh dem Schurzfell, welches sie um die Hüsten banden, eine nach beiden Seiten hin spmmetrische Form zu geben und zogen ein buntfarbiges dem einsarbigen Fell vor. Die Indianer Amerikas zieren ihre Moccassins(primitive Schuhe aus Thierscll) mit bunten .Kieselsteinen. In diesem Bestreben sehen wir die ersten Symptome der noch kaum geborncn Kunstindustrie. Sie beruht demnach aus einem Sin», der dem Menschen von Natur angeboren ist, und weil dies der Fall, hat der Mensch die Verpflichtung, dieselbe immer weiter aus zubilden und zu pflegen, denn der Fortschritt der allgemeinen Kultur beruht einzig und allein nur in der immer größeren Verfeinerung und Bcsriedigung uiisrer angebornen Neigungen. Aber von der Zeit, in welcher jene ersten Symptome des Schönheits- sinnes wahrgenommen werden, bis zu dem Augenblick, wo die kunst- industriellen Neigungen den Menschen klar bclvußl wurden und sich Leute fanden, die einerseits Gebrauchsgcgenständc im Hinblick auf schöne Form und Farbe arbeiteten und andrerseits solche Gegenstände den roheren Produkten vorzogen, hat erst eine lange, unendlich lange Reihe von Jahren verstreichen müssen. Die Künstindustrie konnte nicht eher ein Gewerbe werden, als bis sich die Industrie einerseits und die Kunst andrerseits zu einem gewissen Grade entwickelt hatten. Und alle beide gingen ihre eignen Wege, die weit auseinander zu führen schienen. Die Kunst schuf Gemälde und Statuen, die den praktischen Bedürfnissen nicht die geringste Beftiedigung gewährten, die Industrie erfand und vervollkommnete hingegen nur in Beziehung auf die letzteren. Seltsam erscheint es zwar, daß sich bei den meisten Völkern die zivecklose Kunst schneller und einseitiger entwickelt hat, als der ästhetische Geschinack des Industriearbeiters; aber es ist leicht erklärlich, denn sobald in einem Volke der Klassenunterschied von Reich und Arm sich ausgebildet hatte, lag die Jndustriearbeit in den Händen der Wenig- oder Nichtsbesitzende». Wo sollten diese Zeit und Mittel hernehmen, um au ihren Erzeugnissen Zierrathen-anzubringen? Die Reichen und Wohlhabenden dagegen, welche nicht init ihren Händen industriell arbeiteten, wandten ihr Interesse naturgemäß mehr den Erzeugnissen der Kunst zu, die nicht zu gleicher Zeil den gemeinen Bedürfnissen dienen, sonder» lediglich nur das Auge erfreuen. Die Industrie war in ihren Augen nichts als eine nothwendige Arbeitsthätigkeit des armen Volks, welches ihrer Meinung nach keinen Geschmack hatte. So erklärt sich die merkwürdige Tyar jache, daß es fast bei allen Völkern eine Zeit gegeben hat, in welcher die Kunst blühte und die Kunstindustrie brachlag. Da umgaben sich die Wohlhabenden mit kostbaren Gemälden und Statuen, die, wie z. B. die griechischen, noch jetzt als Muster der Skulptur angesehen werden, während die Gebrauchsgegenstände in Form und Farbe gradezu häßlich waren. Aus dieser Thatsache erhellt, daß das Steigen und Sinken in der Entwicklung der Kunstindustrie zu gleicher Zeit untrügliche Anzeichen der geringeren und größeren Klassenunterschiede in einein Volke sind. Wo Reichthum und Bildung sich gleichmäßiger in einem Volke ver theilten, da war auch Zeit und Geld sür die Handwerker vorhanden, ihren Geschmack zu veredeln; wo Reich und Arm sich schroff gegenüberstanden, verfiel die Klmstindustrie. Aus dem Gesagten ersieht wohl jeder, wie wichtig es ist, sich über die Fortschritte der Kunstindustrie zu unterrichten. Bei einer inter nationalen Weltausstellung in großem Stile, wie die bevorstehende, wird sich die beste Gelegenheit dazu bieten. Ich denke in diesem Augenblick an die internationale Konkurrenz der Kunstindustrie in Philadelphia und erinnere mich mit Wehmuth des Ilrtheils, welches ein anerkannter Kenner, Prosessor Reuleaux, in drei Worten über die deutsche Industrie, welche das Kunstgewerbe uinschließt, fällte:„Billig und schlecht." Beruht diese scharfe Kritik auf Wahrheit, welch' tiefen Blick läßt sie uns in die sozialen Zustände Deutschlands thun! Nun, wir wissen ja alle, wie es um diese steht, traurig genug, aber hier an dieser Stelle muß doch hervorgehoben werden, daß seil einigen Jahrzehnten die deutsche Kunstindustrie wieder neuen Aufschwung genomnien hat. Der tiefste Verfall der Kunstindustrie liegt bei uns wie bei den anderen Völkern Europas glücklicherweise hinter uns. Am tiesste»>var er in der ersten Hülste dieses Jahrhunderts, und daran waren nicht allein die sozialen Zustände schuld, sondern wesentlich die Ilmgestaltung der politischen Verhältnisse, der plötzliche Aufschwung der Großindustrie und die Umwälzung der Zeit- und Raumverhältnisse, welche die blitzschnell sich folgenden neuen Entdeckungen und Erfindungen hervorbrachten. Die Ursachen, welche die Kunstindustrie hauptsächlich in Verfall brachten, haben in anderer Hinsicht Großes geschaffen. Ei» paar Worte über diese Ursachen und über den jetzigen Stand der Kunst industrie»lögen den Schluß dieses Briefes bilden. Was die Kunstindustrie schafft, muß ztveckinäßig sein, gleichzeitig aber den Gesetzen der Schönheit entsprechen; es muß das Nutzbare durch die ihm angepaßte Fori» und Verzierung veredeln. Aber das lernt sich nicht in einem Tage, der Geschmack muß besonders bei uns Nord ländcrn erlernt werden. Es gehört also dazu nicht nur Zeit, sondern auch der gute Wille zum Lernen. In früheren Jahrhunderten, als das Leben noch nicht so pfeilschnell gelebt wurde, als jetzt in dem Zeitaller des Dampfes und der Telegraphic, brauchten die Handiverker nicht ihre ganze Tageszeit zu opfern, um nur das Nutzbringende hervorzubringen, sondern sie hatten Muße, auch über die Verschönerung desselben nach zudenken. Deshalb bemerken wir denn auch vom Mittelalter her bis in das vorige Jahrhundert ein allmähliches Wachsen der Kunstindustrie; in den Städten und selbst auf dem Lande finden wir Gewerbe, so z. B. die der Keramik(Thonarbelt), der Holzarbeite», Steinarbeiten und Mctallarbeiten, deren Produkte noch jetzt unser Erstaunen hervorrufen. Es bildeten sich in jedem Gewerbe gewisse Schönheitsregcln, der so genannte ästhetische Stil, aus, welche den Werken der höheren Kunst entlehnt waren. Es thaten sich einzelne Handwerker durch ihre geschmack vollen Arbeiten besonders hervor, und diese wurden von den übrigen als Muster angenommen. Solange der einzelne noch nicht gedrängt wurde, so lange er noch als ein selbständiges Individuum im Gewerbe galt und nicht zur Maschine durch den Kapitalisten hinabgedrückt wurde, hatte er noch die Freiheit, nach eigenem Gutdünken seine Arbeiten zu verrichten. Das hörte aber alles fast mit einem Schlage auf, als die Zünfte mehr und mehr verknöcherten und alsbald durch die neuen Er findungen der Dampskrast und der Telegraphic die Kapitalisten Gelegen heit hatten, sich der Industrie ganz und gar zu bemächtigen. Nun lag die Kunstindustrie in den Händen einzelner, deren Arbeiter keinen freien Willen in der Fabrikation mehr hatten und fortwährend zu schnellem Arbeiten angespornt wurden, damit der Kapitalist seinen Reich thum immer vermehre. Natürlich wurde jetzt weniger auf die ästhetische Seite der Fabrikate gesehen. Uni dem inimer größer iverdenden Bedarf an Gebrauchsgegenständen zu dienen, wurde rasch und nach einer ge wissen Schablone gearbeitet. Das hatte den Versall der Kuustiudustric zur Folge, und dieser lag klar zutage, als im Jahre 1H51 in London die erste internationale Industrieausstellung stattfand. Sie erhielt eine unvergängliche Bedeutung dadurch, daß sie uns Europäern insgesammt den verwahrlosten Zustand des Geschmacks in Sachen der bildenden Künste und die Ueberlegenheit der Völker des Orients vor Augen führte. Sie gab aber auch den Anlaß zur Reform. In allen europäischen Ländern, vornehmlich in England und Deutschland, errichtete man kunst gewerbliche Museen, in welchen ältere und neuere Jndustriegcgenstände ausgestelll wurden. Diese Museen bilden die Schulen, in welchen das Volk seinen Geschmack bilden konnte und kann. Als im Jahre 1862 in London wiederum eine Industrieausstellung abgehalten wurde, war jedermann überrascht durch die außerordentliche» Fortschritte, welche besonders die Englander gemacht hatten. Dieses Volk, welches sich sreierer Institutionen erfreute, trug die Palme davon über die Fran- zosen, deren Geschmack so berühmt ist, über die Italiener, die durch die Natur ihres Landes und die Schönheitsmuster der früheren Kunstepoche so sehr in der Ausbildung ihres Geschmacks begünstigt werden, und über die Deutschen, die in dem Ruf stehen, ein Volk von Idealisten zu sein. Aber die lehtgenanntcn drei Völker waren durch die Zerrüttung der politischen und sozialen Verhältnisse im Fortschritt der neuerstandenen Kunstindustrie zurückgehalten, und vielleicht die Deutschen mehr als alle andern, da sie, von Natur ein friedliches Volk, plötzlich in einen kriege- rischen und militärischen Chauvinismus hineingetrieben sind. Wo aber die Lorbeeren der Waffen so überwiegend wachsen, da ist kein Platz für die Palmen des Friedens. Auf der Weltausstellung i» Philadelphia hat sich das zum größten Leidwesen aller wirklichen Patrioten gezeigt. Wir Deutschen haben also mehr als andere Nationen Grund und Ver- pflichtung, wsnu sich uns eine Gelegenheit bietet, wie die bevorstehende Weltausstellung, de» Fortschritt der Industrie und Kunstindustrie bei anderen Völker» zu studiren, wen» wir nicht auf lange Zeit aus den untere» Stufen des Kunstgewerbes stehen bleiben wollen. Kade. Das Serail. Kein Theil Kouftantinopels zieht die Aufnierksam- keit der Fremden so sehr auf sich, als das Serail des Großsnltaus. Es liegt gegen Sonnenaufgang am östlichen Ende der Stadt auf einer Landspitze, wo der Hafen mit den Gewässern des Bosporus sich ver- einigt, in Gestalt eines ungleichseitigen Dreiecks und schließt die ganze Hohe eines Hügels, sowie die Ebene unter demselben, welche von der Aja Sofia(Sofienkirche) bis an das Meer reicht, in sich. Aus der Land- seite stößt es dicht a» die eigenlliche Stadt und wird durch eine dicke Mauer, welche auf der Seeseite viereckige, auf der Stadtseite runde Thürmc hat, umgrenzt. Sein Umfang beträgt 7,3 Kilometer, seine Einwohner- zahl nahe an IV.OOO; es kann daher an und für sich schon als eine Stadt angesehen werden. Rund herum geht eine von Steinen auf- geführte Brüstung. Die ohne Lafetten liegende» Kanonen sind so ge- ! richtet, daß sie dem Wasser gleich schieße». Es wird indessen nur bei großen religiösen und politischen Festen, bei Hinrichtungen, die im Serail stattfinden, sowie wenn feindliche Schiffe in Sicht sind, aus ihnen Feuer gegeben. Das Serail, 1478 von Mohamed II. gegründet, hat 3 große Thore, die es mit der Stadt verbinden, und 5 Pforten, welche»ach dem Bosporus führen. Den Haupteingang bildet die„Hohe Pforte"(bsb- . ali, bab-i-humaium, Pascha-Kaplissi), wo der Palast des Großveziers, Zeughaus, Münze und Wohnungen hoher Staatsbeamten sich befinden. Ei» zweites Thor, Divan-Kapussi, führt durch einen mit Gärten, Kiosken u. s. w. versehenen Hof zum Tivan(Ludwig-Saal); das dritte, Thor der Glückseligkeit(Sadet-Kapnssi), zu verschiedenen Palästen, dem Harem, der 20 Meter hohen Marmorsäule Arcadius, und endlich zum Kiosk des Sultans nebst deni Thronsaale. Die berühmte Residenz besteht in einer Menge von Gebäuden und Pavillons, welche seit Mohamed II. die verschiedenen Sultane errichte» ließen. Sie sind ein buntes Gemisch des seltsamsten Geschmacks, bei welchem man jene edle Harmonie vermißt, die ein Kunstwerk bezeichnen. Tie Gebäude sind auf der erhabensten Spitze aufgeführt und gehen lheils aus die vielen Gärten nach dem Gestade, theils gegen die Ge- Wässer beider an der Ecke dieses Zaubersitzes zusammenstoßenden Meere. — In den Thürmen der äußeren Mauer halten beständig Ainazoglans und Bostandschi Wache, damit nieurand weder auf der See- noch aus der Landseite zu sehr dem Serail sich nähere. Wenn mau von den sieben Thürmen längs der Gestade hin fährt, hat man während der ganzen Fahrt links das Serail und die Stadt, rechts die Aussicht aus eine unendliche Meerfläche. Jemehr man sich dem Serail nähert, desto stiller und öder wird die Gegend, kaum daß hin und wieder ein Schiffchen mit Bostandschi sich zeigt. Dann, am Anfang der Mauern erblickt inan einen prächtigen Kiosk, der des ' Bostandschi-Baschi, der schönste im ganzen Serail. Er enthält 3 kostbar ausgeschmückte Säle, welche mit vergoldeten Kuppeln bedeckt sind. Ge- wohnlich sind die Fenster durch hölzerne verzierte Gitterlverke ver- schloffen. Dieser Ort hat eine weite Aussicht aus den Bosporus, die Propontis und einen Theil der Stadt, und man kann von innen alles scheu, was außen vorgeht, ohne selbst gesehen zu werden. Manchmal belustigt sich hier der Sultan mit seinen Frauen. Der schon erwähnte Divan ist ein Gebäude mit einem bleigcdcckten Thurm, aus der Spitze ist derselbe mit einer großen vergoldeten Kuppel gekrönt. Einnläl wöchentlich und zwar Dinstags crtheilt hier der Sultan im großen Saale Audienz. Der zur Wohnung der kaiserlichen Sklavinnen bestimmte Theil des Serail, der Bajuk Harem(große H.), ist von einer dichten Mauer� um- geben, deren einzigen Eingang zwei eiserne und zwei erzene Thore bilden. Tag und Nacht halte» hier Eunuchen Wache: nicht einmal ihr überhaupt, der Kislev Aja, darf ohne besonderen Befehl des Sultans hier eintreten. Eine weite Rotunde führt von einer Seite zu den Ge- »lächern der Kadincn(die eigentlichen Geliebten des Sultans) und rück- wärts zu denen der Aja und Unterhosmeisterin, etwas abgesondert liegen die Gebäude der übrigen Sklavinnen. Auf der anderen Seite kommt nian zum Pavillon des Großherrn mit dessen Schlafzimmer und Thronsaal. In ersterem steht aus einer Estrade das Bett mit atlassenen, gold- und perlcngcstickten Vorhängen, den übrigen Theil des Gemachs nimmt ein mit Goldstoff bedecktes Sopha ein. Der Thronsaal, in welchem der Sultan die meisten Feste feiert und nur Prinzessinnen und Kadinen empfängt, ist mit Gold ausgetäfelt, mit reichen Divaus ver sehen und hat vier von Gold und Edelsteinen strahlende Throne. Hinter dem Pavillon selbst befindet sich ein Gebäude mit 13 Gemächern, welche die Garderobe des Sultans— der Schatz des Harems genannt— ent halten. Die Aufsicht darüber führt die Unterhofmeisteriu. Dicht daran stößt der mit Marmor gepflasterte und auf Porphyrsäulen ruhende Badesaal, wo der Sultan täglich zweimal sich von den Gedeklis (Kammermädchen) bei seinen Abwaschungen bedienen läßt. Von den Kadincn hat jede ihr besonderes Bad; für die übrigen Bewohnerinnen des Harems ist zum Baden ein allgemeines, Tag und Nacht offenes, geheiztes Gebäude eingerichtet. Die Aussicht vom Serail ist wahrhast entzückend. Wenn man nach Südost den Blick wendet, so sieht man den Meerbusen von Nijäa, die Gestade von Asien und Skntari, die reizenden Gegenden des Bosporus, die Vorstädte Pera, Galata, Topchana und Fondukli stufenweise jenseits des Hasens an Bergen. Ein Gemälde unendlich anmuthiger Land- schaftcn mit ungemein sanften Farbentönen. Aus der einen Seite hat man die unendliche Aussicht über die Propontis, auf der andern den schimmernde» Hafen mit seinen tausend Mannigfaltigkeiten. Auge und Sinne fühlen sich endlich ermüdet: wir glauben alles gesehen zu haben, so daß uns nichts mehr zu fesseln vermöchte. So denken wir, doch wir irren, den» noch viel bleibt uns zu schauen, zn bewundern übrig. San Marino. Bild Seite 388.)„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!" singt der Dichter; und, wenn er auch nicht für alle Fälle recht hat, so sprechen doch mannichfache naheliegende Gründe für die Annahme, daß sich Ueberreste freiheitlicher Institutionen etliche tausend Fuß über der Meeresfläche leichter erhalten konnten, als im flache» Lande. Hoch-da droben gab es immer weniger zu holen und das Wenige auch noch um höheren Preis, daher haben es nicht selten die praklischen Feinde der Freiheit verschmäht, letztere bis in ihre unweg samen Gebirgsschlnpfwinkel zu verfolgen. Solch' ein Stücklein Freiheit, »ach dessen Vernichtung es keinem Despoten besonders gelüstet haben mag, thront auf den drei Gipfeln des Monte Titano in Mittelitalien— es ist die Republik San Marino, perpetuae libertatis gloria clara— die da erglänzt im Ruhme ewiger Freiheit. Die ersten Geschichtsspuren der eine deutsche Quadratmcilc großen Republik verlieren sich in die ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung: ein Missionar Marinus soll im dritten Jahrhundert die Stadt gegründet haben. Im zehnte» Jahrhundert krönte den Berg ein Kastell, im elften nahmen dessen Be wohner an den Kämpfen zwischen Kaiser und Papst theil und im drei zehnten Jahrhundert schlössen die Republikaner ein Schutz- und Trutz bünduiß mit den benachbarten Grasen von Montefeltre, den späteren Herzögen von Urbino, wodurch sie ihrer Unabhängigkeit eine für die damalige Zeit mächtige Stütze erwarben. Als die Herzöge von Urbino ausstarben, und im 17. Jahrhundert der Papst von den, heimgefallenen Lehn Besitz ergriff, erkannte er die Republik an, bestätigte den Schutz vertrag und sicherte ihr Zollfreiheit für die Ausfuhr ihrer Maaren nach seinen Staaten zu. Auch der gewaltige Korse, Napoleon I., vergriff sich an dem Felsennest nicht; desgleichen überdauerte die Unabhängigkeit seiner Bewohner alle politischen Wirren der neuesten Zeit. Die Verfassung des kleinen Freistaats hat wenig Veränderungen erfahren; nur ward 1847 der„große Rath", welcher sich vordem aus den Angehörigen! bestimmter Geschlechter zusammensetzte, in eine Repräsentativ-Kamnicr von 60 durch sämmtliche Einwohner gewählten Mitgliedern verwandelt. Die Einwohnerzahl San Marinas beträgt gegen 8000, von denen etwa 6000 in der Hauptstadt aus den Berggipfeln ivohnen. Die Stadt hat einen einzigen Zugang; ihre jäh bergan kletternden Straßen sind zu- meist von ärmlichen Häusern umrahmt, von denen sich ein ans dem 14. Jahrhundert stammender Regiernngspalast, ein Theater, ein Kol legium, zwei Volksschulen, zwei Klöster und fünf Kirchen abheben. Die Einwohner treiben Wein- und Ackerbau, sowie Viehzucht und einigen Handel; unter den industriellen Arbeiten sind mir Steinarbeiten und Schuhmacherei in erwähnenswerther Weise vertreten. Das neue Altarbild.(Seite 389.) Tie Bäter des Dorfes sind versammelt! Eine wichtige Ausgabe harrt ihrer! Sogar der geistliche Herr, der pontifex maximus Thorenhausens, wie unser Dörflein heißt, hat es nicht verschmäht, seine heilige Person in die ungeweihten Räume der Dorsschenke hineinzuversetzen. Die biedern Dörfler haben den kritischen Richterstuhl bestiegen: sie solle» über den Kunstwerth des neuen Altarbildes entscheiden, das zur Belebung und Erweckung des religiösen Gefühls auf Betreiben des geistlichen Herrn für die Kirche beschafft wurde. Im Vordergründe scheinen die bedeutendsten Kunst- kenner des dörflichen Senats— man ersieht das schon aus ihren klassischen Gesichter»- sich postirt zu haben, und es sieht aus, als wenn das Bild vor ihrem kritischen Auge Gnade fände. Recht so entzückt von dem Kunstwerthe des Bildes scheinen die um den Pfarrer sich grnp- pirenden Dorfpatrizier zu sein. Vor allem dem biedern Wirth des Dorfes, den wir unfehlbar in der mit dem Pfarrer im Gespräch bc- ! 396 findlichcn Person erkennen können, ist die ganze Geschichte höchst gleich- gültig. Hochwürden hat sein heiliges Gesicht durch ein Lächeln verklärt, gewiß durch ein Lächeln der Befriedigung über das„treffliche" Werk, das vielfältige Wunder verrichten, das Dörflein zu einem Wallfahrtsort ü la Kevclaar und Marpingen macheu und ihm großen Ruhm, als einer Säule der Kirche und noch mehr Geld einbringen wird. Mit einem mephistophelischen GesichtSausdruik sieht sich der Schöpfer des großen Werkes die ganze Szene an. Gewiß hat ihm seine Kunstthätigkeil »och nie so großen Spaß gemacht. Frohen Herzens wird er die blanke» Markstücke, die der Fiuanzminister deS Dorfes aus den Tisch zählt, einstreichen und seine Spekulationen auf die frommen Herzen und gläubigen Seelen in anderer Gegend fortsetzen. dl— r. Ein neuer 5lnrirschwindel. Bon ungefähr zehn Jahren tauchte in Italien ein gewisser Graf Matte i auf, welcher vorgab, sieben Mittel entdeckt, rcsp. die Zubereitung von sieben verschiedenen Arzneiinischungen erfunden zu haben, welche, innerlich in kleinen(homöopathische») Dosen gebraucht, gegen alle nur erdenkbaren Krankheitsformen nützlich seien. Gr nannte diese Mittel:.Autiscrodoloso(Lymphdrüsen mittel), Autian- gioitico(Blutgcfäßmittel), Anticanceroso(Krcbsheilmittel), Febrifugo Fiebermittel), Pettorale(Lungenmittel) k. k. und fügte später noch fünf weitere, äußerlich anzuwendende Mittel hinzu, die die Wirkung der innerlich genommenen unterstützen sollten, welche er Elektrizitäts- mittel nannte. Da der Graf Mattet behauptete, die verloren ge- gangcne Kunst der alten Alchymisten in Bezug auf die besonders heil kräftige Zubereitung von Arzneimitteln wieder entdeckt zu haben, so fand er sehr bald Anklang mit denselben und wurde namentlich von dem sehr abergläubischen italienischen Landvolke überlausen. Der Klerus, in seiner bekannten Neigung, den Aberglauben zu unterstützen und für seine Zwecke zu mißbrauchen, bemühte sich»ach Kräften, den Ruhm des Grafen zu verbreiten, und als ein deutscher, durch seinen Hang zum Mystizismus bekannter homöopathischer Arzt ihn in Rom aus suchte und von dem klugen Italiener ciuc Quantität dieser Mittel zur Prüfung erhielt, da fanden sie auch ihren Weg nach Deutschland und machten sich, wie wir uns zu überzeugen Gelegenheit hatten, auch in der- homöpathischen Literatur breit. Ein deutscher homöopathischer Apotheker übernahm sogar ein Depot dieser Mittel, deren Zusammen- setzung bisjetzt nicht vollständig bekannt ist und die daher als Geheim- mittel zu betrachten sind. Wie alles Neue in der Medizin, so wurden sie auch von mehreren Aerzten begierig aufgegriffen, jedoch bald wieder verlassen, denn es stellte sich heraus, daß man nichts weiter, als einen plumpen Schwindel vor sich hatte, denn jene Reihe von Krankheits- -formen, welche ohne jedwedes Zuthun oder unter dem Gebrauch von Arzneimitteln in jedem Falle geheilt oder gebessert werden, gelangten durch die Mattci'schcn Mittel allerdings zur Heilung, während sie sich gegen die übrigen Krankheitsprozesse, gegen welche Mattei seiue Mittel ebenfalls als unfehlbar empfohlen hatte, wie z. B. Krebs, Staar, Brüche, Lungeuschwindsucht u. s. w., ohnmächtig erwiesen. Jener Apotheker gab deshalb infolge eines Protestes der deutschen homöo- pathischen Aerzte das Depot wieder auf, umsomehr aber, als der Graf Mattei, der seine Schwindclmittel ausänglich nur gegen mäßige Ber gütuug— aus purem christliche»! Mitleid mit der leidenden Mensch- heit— nach Deutschland gesandt hatte, plötzlich die Krallen des ge- wöhnlichcn Bauernfängers heraussteckte und für das Liter seines Gebräues achthundert Francs verlangte. Schon glaubte man die Geschichte ver- gcsscn, da tauchte sie vor wenigen Wochen von neuem auf und zwar nicht bloß in den Jnseratcnbcilagen der„Gartenlaube" und einiger anderen Zeitungen, in denen sich der jetzige Depositär Mauers, ein genfer Apotheker, breit macht und ein Cylindercheu mit LG) Zucker- köruchen für 1 Francs ausbietct, sondern auch in dem redaktionellen Thcilc des bei Payne erscheinenden„Neuen Blattes". Die Redaktion- verwahrt sich zwar in cin-.r Anmerkung gegen die Annahme, daß sie die in dem fraglichen Artikel niedergelegten Ansichten theile. Ob es aber nicht angezeigt gewesen wäre, jener offenbaren Reklame für eine Gchcimmittelprellerci die Spalten der Zeitschrist überhaupt zu verschließen,— das lassen wir dahin gestellt sein. Wir glauben aber die Leser der„Neuen Welt" vor diesem neuen Schwindel warnen zu müssen. Dr. R. „kerMcher QßrufRa(icn. Shemnih. Th. D. Der üble Geruch aus dem Munde rührt entweder von Stoffen her, die bei vernachlässigter Mund- und Zahn- pflege im Munde faulen, oder auch von kurz vorher genossenen Speisen lRettig, Zwiebel» u.s. w.), welche während ihres Ausenthalts im Magen' denselben verursachen, oder er ist das Symptom einer oder mehrerer anderwciter Störungen, wie z. B. chronischer Mund- und Rachenkatarrhe, Mund- und Rachengesckiwürc, Skorbut, Knochensraß der Zähne, chroni- scher Lungenleideu, Kehlkopfsgeschwürc, Magenkatarrhe». j. w. Wenn Sic daher Ihre Mundhöhle und Zähne genügend Pflegen, so muß eine der letztgenannten Störungen dem Leiden bei Ihnen zugrunde liege», und wenn Sie uns mittheilen, ob Ihre Verdauung in Ordnung ist, oder ob Sie an Brustbeschwerden, Husten k. leiden, würden wir viel leicht in der Lage sein, Ihnen einen Rath geben zu können. Bemerken wollen wir noch, daß das bloße Putzen der Zähne und Ausspülen des Mundes mit Wasser nichts hilft, sondern Sic müssen die in jeder Apo- theke käufliche medizinische Seife zum Reinigen verwenden und hinterher den Mund mit Salicylsäurc- oder Thymolmundwasser ausspülen, denn durch letztere allein kann die Fäulniß in der Mundhöhle aufhältlicher Speisereste beseitigt werden. Hausen. R. L. Schon die Gebrauchsanweisung, ivelche der Ber fertiger der Dr. Sulzberger'scheu Flußtinktur diesem Geheim mittel beilegt, sollte nach unserer Meinung jeden Menschen, der denken gelernt hat, von deren Gebrauch abhalten. Sie besteht aus einer Aus lösung von 1 Theil Aloö in 2 Th. Weingeist und kostet viernial mehr als das gleiche Quantum der in jeder Apotheke käuflichen,'ganz dasselbe leistenden Aloetinktur. In nicht zu großen Dosen wirkt sie gelind ab führend, und dies hat wohl dazu beigetragen, daß sie sich bei solche» Personen, die an Verstopfung des Stuhls leiden, zu fast täglichem Gebrauch eingebürgert yat. Solche Leute bedenken aber nicht, daß sie sich dadurch den Darm für die Dauer ruiniren.' Wir warnen Sie des halb vor dem Gebrauch dieses ekelhaft bitter schmeckenden Zeuges und rathen Ihnen, einen Arzt zu konsultiren, welcher den Fall genau mit Ihnen durchsprechen und Ihnen die besten Rathschläge geben kann. Hauiburi; I. H. Lassen Sie Sich durch Ihre gegenwärtige Be schästtgungslosigkeit nicht zur Hypochondrie verleiten, sondern machen Sie Sich fleißig Bewegung im Freien und suchen Sie Sich zu zer- streuen, nicht dadurch, daß Sie Romane lesen, sondern daß Sic Sich nachhaltig mit Gegenständen beschäftigen, die Sie anregen, selbst etwas zu prodnziren, damit Ihr Gedankenkreis von dem engbegrenzten Ge biete Ihres körperlichen Ichs abgelenkt wird. Sofern Sic durch Ihre Reise»ach Queensland Beschäftigung finden, rathen wir dazu. Mit der von Ihnen genannten Infektionskrankheit haben Ihre Beschwerden nichts zu thun, denn eineStheils pflegen die sekundären Erscheinungen nicht zwölf Jahre nach vollständiger Beseitigung der örtlichen Affektion, sondern schon nach wenigen Monate» einzutreten, anderntheils würden die Jod- und Schmierkuren entschieden dagegen genützt haben. Die übrigen, bis zum 3. Mai eingegangenen Briefe sind direkt beantwortet worden. Wir bitten in jedem Falle, auch da, wo öffentliche Beantwortung gewünscht wird, um Angabe der Adresse. Dr. Resau. QS.edalUions-Aomsponden). Zürich. Stilb. Phil. S. K. Bon allen böheren landwirllyckiafilichen Leliransiallen in Deutschland dürste Eldena de! Greisswald immer noch die beste sein. Daselbst ist der theoretische mit dem praltischen Unterricht in zwtckmißigster Weise verbunden.— Rod. S. Besten Tanl. Sic werden bald Gelegenheit haben, zu bemerken, daß wir solche Fahr- lülftgleiten nicht dulden. NoPenhagin. G. H. Ihre Arbeiten werden baldmöglichst geprüst. Vhotographischc Ansichten von«openbagen und Gothenburg zur eventuellen Reprodultion senden Sie gcsälligst ein. Leipzig. Ht. st. Ardl. Tan! sür die Uebcrsendung der Bernychen„Dentschcu Lyril seit Goetbe's Tode"! wollen sehen, ob wir das Büchlein zur Anschaffung empsehlen können. Bezüglich der Prümienbilder brauchen Sie keine Angst zu haben: denken Sie doch: öoooo gute„Oelgemülde", wie wir sie dem merkwürdigen Siauz in Mannheim zu liebe„bestellt" haben, repräsentiren, auch so billig gerechnet als möglich, ein Kapital von vielen Millionen Mark und ersordern, da wir mii ihrer Aussührung(es. Korr. d. Üir. 29) vorsichtigerwcise nur einen Künstler„beaustragt" haben, einen Zeitauswand von mehr als tausend Jahre». Ried(Oberösterreich-. F. L. Briese an Dr. Touai gelangen in des Genannten Hände, wenn sie gerichtet sind nach Kev-Lorlr U. S., Broadway betwwn Mtli and 45tli Str. Ihre zweite Frage beantworten wir nächstens. Die Expedition hat Ihre Wünsche ersüllt. Goldap. M. S. Wir hatten Ihre Arbeit einer nochmaligen Durchsicht»nterzogen, um uns zu Überzeugen, ob wir mit dem Urtheil, Sie hätten„entschiedenes Talent", nicht vielleicht mehr gesagt, als strengste Scwiffenbastigleit verantworten könnte. Jndeffk» können wir durchaus bei dem in lltr. 25 Gejagten beharren. Die Remission ersolgt am 7. d. M. Gera. Gracchn« Caffena(!?!). Sie sind ein sonderbarer Herr, wie neben Ihrem schnurrigen Pseudoiihm auch die ganze Schachtel voller Gründe zu erkennen gibt, mit denen Sie motiviren wollen, warum Sie Sich trotz unbändigster Freisinnigkeit der deutschen Sozialdemokratie nicht angeschloffen haben. Wir werden Ihren Bries in einer der nächsten Nummern mit einige» kleinen Randbemerkungen unsererseits veröffentlichen: vielleicht kuriren Ihre Bedenken andre gute Leute von der„Krankheit de» Sozialismus".- Pösneck. R. E. Ihr Roman ist angekommen. Hoffentlich komme» wir zur Prüsung deffelben, che Sie selbst in Leipzig eintreffen. Köln. E. B. W. Das von Ihnen eingesandte Gedicht ist hübsch. Sie haben jedoch das Pech, dad ein gewiffer Heinrich Heine— ein Mensch, dem nichts heilig war— un geiähr im Jahre t»2t wörtlich dieselben Berse gedichtet hat. Wenn der Mann nicht schon länger als 20 Jahre tobt wäre, so mühte» sie ihn wegen eines literartschen Dieb stahls belangen, der um so abscheulicher ist, weil er an Ihnen begangen worden sein muß zu einer Zeit, als Sie noch gegen solchen Frevel ganz wehrlos waren,— nämlich vor Ihrer Geburt. (Schluß der Redaktion: Montag, den 6. Mai.) Iiitsnlt. Ein verlorener Posten, Roman von R. Lavant(Forts.).— Der Frühling einst und jetzt(Schluß).— Sömödiantenfahrteu zwischen Trapezunt und Fiume, von Dr. Mar Trausil.— Die Sehnsucht nach Freiheit bcim Thierc, von Dr. W. Gottweis.— Weltausstellungs (.riefe.(II.) Das Serail. San Marino(mit Jllnstration). Das neue Altarbild(mit Illustration). Ein neuer Kurirschwindel. Aerztlicher Brieskasten. Redakttonskorrespondcnz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plaqwitzerstraße 20).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.