Ein verlorener Posten. Roman von Hiudokf Lavank. (Fortsetzung,.) Wolfgang, der einen Moment nicht Ivnszte, ob er wachte oder träumte und ob das Ganze nicht vielleicht doch nur ein Spuk seiner erregten Sinne mar,— so überwältigte ihn die un- willkürliche Freude über diesen wunderbaren Zufall,— hätte im nächsten Augenblick hinausjauchzen mögen in den Sturmi ein wunderbares Kraftgefühl schwellte ihm jeden Muskel; seine Sehnen strafften sich und er wünschte, das, die Gefahr größer sein möchte, als sie war; er fühlte sich allem gewachsen, und eine fast über- müthige Kampflust loderte in ihm a'iis und forderte die Wuth des Sturmes auf, ihr Aeußerstes zu thun. Ihm mar nicht bang, und freundlich ermunternd rief er Martha zu: „Fürchten Sie nichts, die Geschichte hat ganz und garnichts zu bedeuten und ich bringe Sie sicher hinab in die Stadt. Geben Sic mir nur Ihren Arm, und dann wollen wir es einmal vereint mit diesem unmanierlichen Nordost aufnehmen. Können Sie schon wieder weiter oder wollen Sic noch ein paar Minuten rasten?" Sie nickte nur und that als Antwort einen Schritt dem Sturm entgegen. „Brav so, wir dürfen uns doch auch nicht von Proud beschämen lassen." Das stolze Thier hatte sich bereits wieder mit gesenktem Kopf in Maxsch gesetzt, aber iii dem Augenblick, in dem es den Hohlweg und den Schutz der Seitenwände desselben verließ, warf es die Gewalt des Sturms, der an dieser Stelle am tollsten tobte, fast auf die Seite, sodaß es ein murrendes Geheul ausstieß: und auch Wolfgang und Martha wankten, als sie diese kritische EckcZ vor der Martha eine Bicrtelstundc vorher erschöpft hatte Halt macheu müssen, passirten. Einmal wieder im Freien, kanien sie langsam aber stetig vorwärts, und Martha's einzige Antwort auf Wolfgangs besorgte Fragen, ob sie nicht wieder Halt macheu sollten, damit sie ein paar Minuten ausruhen könnte, war ein verneinendes Lächeln, pnd am liebsten hätte sie gefragt:„<-oll mir Ihre Nähe nicht die Kraft einflößen, mit Ihnen Schritt zu halten? Und ich bin auch gewiß kein nervenschwaches Dämchen, das in einer solchen Situation nichts besseres zu thun weiß, als i» Ohnmacht zu fallen und sich tragen zu lassen." Sie erröthete über den eignen Gedanken,— mußte sie sich gestchen, daß er etwas seltsam �üßcs und Berlockendes�hatte? Die Heftigkeit des Sturms verminderte sich nicht, aber als sie erst den Wald erreicht hatten, der ihnen Schutz bot, achteten sie desselben kaum noch und schritten in dem nur ans wenige Schritte einen Ausblick gestattenden Gestöber langsanier dahin, als unbedingt nöthig gewesen wäre; sie hatten es ja beide nicht so eilig, dieses nnvermnthete, beglückende Beisammensein zu be- endigen. Wolfgang ließ sich von Martha erklären, wie sie bei diesem greulichen Unwetter in's Freie gekommen war. Ein Samariter- gang in ein benachbartes Dorf, von dem man daheim nichts wußte und auch nichts erfahren sollte, hatte ihr mehr Zeit gekostet, als sie erwartet hatte, und der Wunsch, vor Einbruch der Nacht die Stadt wieder zu erreichen, hatte sie verleitet, den ihr„so vertrauten"(sagte sie das absichtslos?) näheren Weg einzuschlagen. Wie lieb und herzlich klang es, wie stolz und glücklich machte es sie, als Wolfgang erwiderte: „Mir verratheil Sic kein Geheimniß, wenn Sie mir sagen, daß Sic Armen und Elenden Hülfe gebracht und ihnen— was vielleicht mehr ist— in theilnahmsvoller Weise Trost eingesprochen haben. Ich habe Ihren Namen oft nennen hören, von lebeiis müden Greisen und von verkümmernden Kindern; ich habe ja so manchen Blick in die Hütten gethan und werde, was ich so gesehen, nie vergessen." Martha war nahe daran, sich mit Bitterkeit und Entrüstung darüber auszusprechen, daß Wolfgang grade seiner Theilnahnie für die Armen ivegen angefeindet werde, der Name des Rektors schwebte ihr auf der Zunge, aber— nie war es ihr kindischer vorgekommen, diesen sicheren, kühnen, besonnenen Mann warnen zu wollen, und wenn sie es that und die Warnung ihm als ein Ausfluß kleinlicher weiblicher.Klugheit erschien und ihn nuangeuehm berührte, hätte sie dann nicht muthwillig den Zauber gebrochen, der über ihnen waltete? Und konnte er nicht auch glauben, sie wolle ihn in Ermanglung andrer Berührungspunkte dadurch für sich interessiren und eine gewisse Bnndesgenoffcnschaft zwischen ihnen herstellen, daß sie Sympathien mit seinen politischen und sozialen Anschauungen verrieth? Mußte er nicht denken:„Davon verstehen Sie ja doch nichts, es muß also einen sehr persönlichen Grund, den Grund, sick, mir angenehm zu machen, haben, wenn Sie solche Fragen herbeiziehen?" Und sie that aus Zartgefühl das Unklugste und Unpraktischste, was sie nur thun konnte— sie schwieg. Sie hatte flüchtig auch den Gedanken, Wolfgaug offen und ehrlich zu fragen, was ihn an jenen. Abend, an dem eine so Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durchfalle Buchhandlungen und Postäintcr. auffällige Wandlung mit ihm vorging, so seltsam verstimmt habe; sie ivollte ihn herzlich bitten, ihr eine ebenso offne und rnckhalt- lose Antwort zu geben, und vielleicht bekam sie dann auch Auf- schluß über den Abbruch jedes Verkehrs und darüber, daß er nie wieder eine Einladung erhalten hatte. Aber sie schrak vor dem Wagniß zurück, sie fürchtete, sich einer Mißdeutung auszusetzen, sie zitterte davor, Wolfgang durch ein zu sichtliches Entgegen- kommen zurückzustoßen und einen Verdacht in ihm zu erwecken, an den sie nicht denken konnte, ohne tief und brennend zu er- röthen. Ja, hätte Wolfgang nur mit einer Silbe davon gesprochen, daß sie sich so lange nicht gesehen, hätte er das leiseste Bedanern darüber geäußert! Aber er knüpfte ja, mit absoluter Nebergehnng der ganzen Zwischenzeit, da wieder an, wo sie an jenem Abend abgebrochen hatten, und konnte er nicht Gründe dafür haben, die lange Pause, die für ihn vielleicht herbe Erinnerungen barg, mit Stillschweigen zu übergehen? Und war das, was er that und fühlte, nicht recht und gut, sodaß sie nicht anders konnte, als sich ihm fügen, auch Ivo sie ihn nicht verstand? War zudem nicht alles, alles wieder gut, war er nicht in Blick und Ton ganz der Alte, und war nicht vielleicht alles, ivas sie geträumt und gc- fürchtet, sehr, sehr thöricht? Mußte denn auch gesprochen sein, da schon in dem bloßen Einanderwiederhaben, in dem langsamen Vebeneiiiaiiderhergeheil ein so reines Glück lag? Wie, schade, daß uns nicht wenigstens in unfern Hcrzensnötben ein Schutzengel zur Seite geht, der so freundlich ist, uns in kriti- scheu Momenten einen guten Rath zuzuflüstern und uns so vor verhängnißvollen Unterlassungssünden zu bewahren! Hätte ein solches gntmuthiges, allwissendes Fabelwesen unsichtbar zwischen den beiden Menschen geschwebt, die zuletzt so langsam durch das Flockengewimmel schritten, als Hütten sie am liebsten jeden Schritt znriickgethan, der sie ihrem Ziele cntgegenfiihrte, es hätte Martha zugeraunt:„Sprich und sprich sofort: sag' ihm, daß du auch vor seiner Parteistellung nicht zurückschreckst, daß dn, um ihn zu ver- theidigcn, zum ersten und vielleicht letzten male in deinem Leben auf einen politischen Streit dich eingelassen hast. Er wartet darauf, mit ungeduldigem Herzklopfen, daß du thnst, Ivas Lcontinc und selbst das Kind Emmy gethan haben und was er ihnen kaum gedankt hat, während er es dir von ganzer Seele und in überströmendem Gefühl danken würde."— Und Wolfgangs Hand hätte es leise, aber fest zurückgehalten, als sie schwer ward und niedersinken wollte, und ihm in's Ohr gehaucht:„Noch nicht, erst laß sie reden; danir thue, was du willst und was dein Herz dich lehrt. Du wirst eine Voreiligkeit, die fünf Minuten nicht warten mag, mit Qual und Thränen bezahlen." So aber blieben sie sich selber überlassen; Martha kämpfte, überlegte und zauderte, und als sie endlich den Mund öffnen wollte, um die paar Worte zu sprechen, die fortan kein Miß- verständniß zwischen ihnen hätten austauchen und Macht gewinnen lassen, da war es zu. spät, denn— schon sank Wolfgangs Rechte scheu sind kaum fühlbar, leise und lose ans die ihre, um einen Moment da zu ruhen und dann, wie auf einem strafbaren Ver- gehen ertappt, rasch zurückgezogen zu werde». Es konnte ein Zufall gewesen sein, aber die bloße vertrauliche Berührung dieser Hand— wohin war der wildlederne Handschuh gerathcil, den sie sich erinnerte, anfänglich an ihr gesehen zu haben?— jagte Martha alles Blut zum Herzen; die Worte erstickten ihr in der Kehle, sie fühlte, wie sie erröthete, und ihre Augen mieden die Wolfgangs, der das freilich nicht bemerkte, denn er befand sich in ganz derselben Hülflosen Gemüthsvcrfassung und fürchtete sich vor dem Blick jener ruhigen, ernsten, dunkeln Augen. Konnte dieser Blick nicht ein verwunderter, fragender, vorwurfsvoller sein, eine stumme Verwahrung gegen jede Wiederholung einer solchen Vertraulichkeit? Dennoch zwang es seine Hand wenige Minuten später wieder herab auf die kleine Linke im gefütterten Glace- Handschuh, die um keinen Preis von ihrer Stelle gewichen wäre, seitdem sie erfahren hatte, welchen angenehmen Gefahren sie hier ausgesetzt war, und diesmal fühlte Martha, daß es kein Zufall war und sein konnte, denn die Hand des jungen Mannes um- faßte, wenn auch kaum fühlbar, die ihre und— wurde nicht wi der zurückgezogen. Martha zitterte davor, diese Hand durch eine Bewegung der ihrigen zu verscheuchen, sie würde so traurig gewesen sein, wenn sie absichtslos eine neue Flucht herbeigeführt hätte, und am liebsten hätte sie sich herabgebcugt und ihre Lippen ans diese schüchterne, zaghafte Hand gepreßt. Zwischen dem, was wir in solchen Momenten thnn möchten und wirklich thn», besteht aber ein merkwürdiger Unterschied; als die liebe Hand die von ihr umfaßte leise drückte, wagte sie nicht, diesen Druck zurück- zugeben; sie wagte nicht, Wolsgang anzusehen, so sehr sie sich danach lehnte, in seinen Augen die stumme Bestätigung der Ber- mnthung zu lesen, die einen Schauer von Glück über sie ausgoß, und sprechen hätte sie vollends nicht gekonnt; es pflegt uns in derartigen thöricht-süßen Momenten absolut nichts halbwegs Ver- niinftiges einzufallen, und auf die Worte, die uns zur Wiedergabe unserer Empfindungen zur Verfügung stehen, blicken wir nun vollends gar mit souveräner, unauslöschlicher Verachtung herab. Höchstes und reinstes Glück ist immer stumm, und dieses jeden Laut fürchtende, fast andächtige Verstummen kam über beide. Als vollends Wolfgangs kleiner Finger sich den Martha's suchte und sich um ihn legte, hatten sie das Gefühl, als müßten sie noch stundenlang so fortgehen, gleichgiltig wohin, und Prond konnte froh sein, daß Wolfgang, der ja wußte, daß Martha daheim nicht vermißt sein wollte, nicht einmal einen Umweg zu machen wagte,— hätte er sich einfallen lassen, ihr eine Waldpartie vor zuschlagen, sie hätte willenlos genickt und man wäre wohl noch vis in die sinkende Nacht durch das Gestöber gewandert, ohne an den armen, treuen, triefenden Proud zu denken, den man ganz und gar vergessen zu haben schien und der soviel instinktive Diskretion besaß, sich nicht bemerkbar zu machen und stumm hinterher schritt. Aber selbst ans der kurzen Strecke Wegs, die noch zurückzulegen war, setzten die beiden Hände das Miteinander- vertrautwerden mit merkwürdigem Erfolg fort, und als man vor dem Hause des Kommerzienraths stand und Martha die erste Bewegung machte, ihren Arm aus dem Wolfgangs zu nehmen, da hatte dieser erst eine sehr innige Verschlingung aller Finger der beiden Hände zu lösen; vier der seinen hatten sich nach und nach zwischen je zwei Martha's gedrängt und nur fiir den kleinsten war nicht mehr Rath geworden; dafür war er freilich auch nicht mit gefangengenommen worden, als Martha's Hand sich unwill kiirlich schloß und die vier Kühnen festhielt, die allerdings diese Gefangenschaft viel zu süß fanden, um sich aus derselben fort- znwünschen. Und dann stand man sich ein paar Augenblicke länger gegen über, als nöthig gewesen wäre, und— hätte sich am liebsten gefragt:„Morgen?" Aber es ging noch immer nicht mit dem Sprechen, und grade, daß Martha ihn: nicht dankte, machte Wolfgang sehr glücklich(er hätte natürlich auch jedes Dankes- wort hinreißend gefunden). Sie gab ihm noch einmal die Hand; er drückte sie, als hätten sie einen Abschied ans ewig zu nehmen, und in dem Blick, den sie dabei, im Scheiden endlich Muth findend, tauschten, lag der innigste und beredteste Ausdruck, zu dem ihre scheue junge Liebe nur immer gelangen konnte; es lag soviel übermenschliche Glückseligkeit in ihm, daß man ihn fast hätte traurig nennen können— Glück und Trauer sind einander näher verwandt, als man glaubt. Man mochte sich nicht„Hammer" und„Hoher" nennen und „Herr" und„Fräulein" waren vollends gar abscheulich und nn- aussprechbar; man hatte nicht den Muth zu„Wolfgang" und „Martha", und so kam es unwillkürlich, daß beide— feine Diplo� matie der Liebe!— nur:„Gute Nacht!" sagten. Aber wie vertraut und innig es auch dafür klang, dieses schlichte„Gute Nacht!"— ♦» ♦ Am selben Abend hatte in dem seit dem Kriege in„Gasthof zum preußischen Adler" umgetauften„Ilütel äe Pmsse" eine Sitzung des nationalliberalen Comites für die bevorstehende Reichstagswahl stattgefunden, dem sowohl der Kommerzienrath als der Landrath von Wertowsky beiwohnten. Beide Herren beschlossen, zusammen zu soupiren, da sie noch verschiedenes zu besprechen hatten, und als dem saftigen Rehrücken volle Gerechtig keit widerfahren war und man sich in der behaglichen Stimmung, die eine gute Mahlzeit zu erzeugen Pflegt, eine Cigarrc angezündet hatte, um noch in Ruhe und Gemiithlichkeit eine verstaubte und mit Spinnengeweb behangene Flasche Burgunder auszustechen, hob der Kommerzienrath sein Glas und sagte im Vorgefühl des Sieges:„Trinken wir darauf, daß am l<). Januar den Schwarzen die Lust verleidet wird, in nnserm Kreise je wieder im Ernst einen Kandidaten aufzustellen." Der Landrath ließ sein Glas mit dem Herrn Reischachs an klingen, legte die Serviette beiseite und sagte, den Wein mit geübter Zange bedächtig nachkostend: „Das kann leicht kommen, aber— glauben Sie denn, daß wir es nur mit dem Kandidaten des Centrums zu thnn bekommen? Ich möchte nicht darauf schwören und bin auf einen dritten Be- wcrber gefaßt, wenn ich ihn auch vorerst nicht fürchte." „Aber, Herr Landrath, woher soll denn der Dritte kommen? Wir sind ja, wenn wir auch liberal heißen, so konservativ, daß sich alle konservativen Elemente uns angeschlossen haben, und eine Fortschrittspartei existirt in unserm Kreise doch nur noch dem Namen nach— Offiziere ohne Soldaten!" Herr Reischach lächelte behaglich und überlegem „Nun, und die Rothen, Herr Kommerzicnrath? Sie vergessen, daß das letztcinal im ganzen Kreise noch kein sozialistischer Verein existirte; jetzt sind sie allerwärts aufgetaucht, wie Pilze nach einem warmen Regen, und die Leute werden einmal das ziffcrmäßige Resultat ihrer bisherigen Anstrengungen sehen wollen, die garnicht zu verachten sind. Ich bin sehr geneigt, zu glauben, daß sie eine überraschend anständige Minorität erzielen würden." „Aber das fehlte grade noch,— das ist ja garnicht möglich, lieber Herr Landrath. Unser Berciuchcu hier am Platze besteht allerdings aus intelligenten Burschen— ich habe mich schon oft darüber geärgert—, aber was ihnen anhängt, ist doch fast aus- schließlich heruntergekommenes, wüstes, geivaltthätigcs Volk, dao mehr abschreckt als anzieht; auf den Kern unserer Arbeiterschaft haben sie nicht den mindesten Einfluß, und die ganze Bürger schaft ist ihnen spinnefeind, um nicht zu sagen todfeind." „Meine Informationen klingen weit weniger rosig, bester Herr Konimerzienrath; man hat die nnlautern Elemente entweder dis- ziplinirt oder abgestoßen und der Verein hat, wenn auch, aus naheliegenden Gründen, wenig Mitglieder, desto mehr heimliche Sympathien, und die Wahl ist ja, wenigstens nach der Meinung der Leute, die Farbe und Format eines Stimmzettels in ihrer Unschuld für glcichgiltig hallen, geheim. Speziell Ihre Arbeiter sind, wie ich höre, sehr stark iufizirt und unter Umständen ist mir ejn kleiner Krawall, wie der in diesem Sommer, lieber, als die Einsicht, daß Krawalle und Putsche nur schaden. Sic lassen sich durch die Ruhe der Leute und ihre prinzipielle Vermeidung aller Widersetzlichkeiten täuschen." „Ah bah,— so schlimm ist es doch nicht, wenn ich auch zu- geben will, daß ich mich vielleicht nicht genug um die Stimmung unter den Leuten gekümmert und den Andentungen des alten Weinlich zu wenig Gewicht beigemessen habe. Vor allen Dingen fehlt ein Führer, der ihnen als Autorität gilt und auf den sie schwören; den Rheinländer, der das Zeug dazu gehabt hätte, haben wir gelegentlich mit guter Manier und ohne Aufsehen uns vom Halse geschafft." „Doch nicht so ganz rechtzeitig, mo» eher, und dann ist wohl der Führer fort, aber die Antorrtät ist geblieben und übt Tag für Tag ihren unfaßbaren, ideellen Einfluß aus." Der Koinmerzienrath lächelte ungläubig.„Und wer wäre diese geheimnißvollc Autorität? Von ihr müßte ich doch schlechterdings auch etivas wissen, denke ich." „Sic scheinen sich wenig darum zu kümmern, was Herr Hammer außcrgeschäftlich treibt."—„Das ist kein Borwurf," setzte der Land rath eilig hinzu,„denn das geht Sie im Grunde nichts an, und wenn er im Geschäft seine Pflicht thut und Ihnen nützlich ist, sind Sie mit einander im Reinen, abgesehen davon, daß mir dieser Herr Hammer ganz den Eindruck gemacht hat, als ivürde er sich jeden Versuch eines Eingriffs in sein privates Thun und Lassen sehr nachdrücklich verbitten." „Aber um Gottcswilleu, Herr Landrath, was treibt er denn eigentlich? Jetzt wird mir die Sache ernstlich fatal und ich muß um genauen Aufschluß bitten." In der That hörten der Wein wie die Cigarre auf, Herrn Reischach zu munden, seit des Land- raths Andeutungen eine so konkrete Form annahmen. „Nachweisen läßt sich ihm nichts, dazu ist er viel zu klug. und vielleicht ist er auch eine zu kontemplative Natur, um an einer eigentlichen agitatorischen Thätigkeit, die ihm tausend praktische Rücksichten auferlegen ivürde, ivährend er es lediglich mit der Idee zu thun haben mag, Geschmack zu finden ," erwiderte der Landrath, den Herrn Reischachs Verblüfftheit und seine komische Verziveifliiiig höchlichst amüsirten. Diese Auskunft beruhigte den Konimerzienrath wieder; tief aufathmend sagte er: „Ja, aber Herr Landrath, wenn man ihm nichts nachtveiscn kann, läßt sich auch nichts thun." „Und was wollten Sie thnn. Ivenii ich fragen darf?" „Das kann doch nicht zweifelhaft sein; ich brauche ihn»öthig, sehr nöthig, ivenigstens zur Zeit noch, aber ivenn er hier eine sozialdemokratische Bewegung in Gang, gebracht hätte, würde ich ihn, ohne auf meine Interessen Rücksicht zu nehmen, entlassen; von zwei liebeln wählt man das kleinere, und ich werde niemals an meinen Vortheil denken, wo es sich darum handelt, diese un- hcilvollcn, verbrecherischen Bestrebungen zu bekämpfen." „Das sind die loyalsten Gesinnungen, die sich denken lassen, aber praktisch und klug gehandelt Iväre dies wohl kaum. Ein bekehrter und gewonnener Feind ist mehr Werth, als ein zu Boden geschlagener, uno selbst wenn sich dieser Herr Hammer frei heraus- gewagt hätte, wenn er offenkundig Sozialist wäre, würde ich für ein minder gewaltsames Verfahren plmdiren. Erinnern Sic Sich nicht mehr, wie ich Sie im Frühling auf ihn aufmerksam machte und mir zugleich erlaubte, Ihnen einen wohlmeinenden Wink zu geben? Ich sah voraus, daß seine etwas zu radikalen Ansichten ihn nach und nach zur Unterstützung staats- und gesellschafts- feindlicher Bestrebungen bestimmen würden, weshalb ich Ihnen rieth, zu versuchen, ob es nicht möglich sei, ihuZn unser Lager herüberzuziehen.>vaS bei seinen Anlagen und Kenntnissen wohl der Mühe Werth war. Nun finde ich alle meine Vermuthungen im vollsten Umfange bestätigt; es ist also jedenfalls nicht angäng- lich gewesen, den zweifellos begabten jungen Mann in unser Interesse zu ziehen und ihn nicht blos unschädlich zu machen, sondern ihn sogar in geeigneter Stunde zu benutzen?" „Erinnere mich sehr wohl, Herr Landrath; wie könnte ich auch einen Rath vergessen, den ein so einsichtiger und gewiegter Poli- tikcr wie Sic mir gab? Aber es hat sich nur eben mit Herrn Hammer nichts anfangen lassen, und die fatale Krawallgcschichte, die Sie ja im wesentlichen kennen, hat mich doch verdrossen, und ich habe seit der Zeit nur noch geschäftliche Berührungen mit ihm gehabt. Zuweilen kam mir wohl, wie ich schon erwähnte, an- dcutungswcise zu Ohren, daß er im Verdacht stehe, sich auf gc- Heime Verbindungen mit den Arbeitern eingelassen zu haben, aber ich hielt das für müssiges Gerede, und ein Geschäftsmann ist ja ein vielgeplagter Mensch, der nicht Zeit hat, sich um solches Geschwätz zu bekümmern; er verlangt Thatsachen, wenn er sich mit Nichtgeschäftlichcm befassen soll." „Was ihm kein Vernünftiger verübelt— gclviß nicht. Aber zu Ihrer Information thcile ich Ihnen mit— ganz im Vcr- trauen, Herr Konimerzienrath, aber quasi amtlich—, daß Herr Hammer die sozialistische Bewegung hier am Ort und in der Umgegend dadurch unterstützt, ja, ihr eigentlich erst ans die Beine geholfen hat, daß er die Führer unter vier Augen ermunterte und in ihren Ansichten bestärkte, daß er ihnen allerlei Broschüren besorgte und zustellte, daß er ihnen nie seinen Rath versagte und höchst Ivahrscheinlich auch seine verteufelt getvandtc und scharfe Feder nicht. Daß er mit seinen Sympathien zu ihnen fleht, ist eine große Ermuthigung für die Arbeiter gewesen; er ist allgemein bekannt, beliebt und geachtet, und es hat sich rasch herumgesprochen, daß er zu der radikalen Partei hält und daß die Führer nichts thun, ohne sich seines Einverständnisses vergewissert zu haben. Können Sie es den Leuten verdenken, daß sie au ihn glauben, daß er so manchem eine Bürgschaft für die Richtigkeit der neuen Lehre ist? lind diesen Einfluß werden Sic gclviß nicht unterschätzen. Das alles läßt sich ihm nicht nachweisen, aber ich denke, Sic können die moralische Gewißheit, die ich hege, thcile»; Sic wissen, daß ich nicht vorschnell mir eine Meinung bilde." „Ich bin so fest überzeugt, als hätten S�ie mir die umvidcr- leglichsten Beweise geliefert; aber was läßt sich in dieser verdrießlichen Geschichte thnn?" „Nichts, Herr Koinmerzienrath, als meinen ursprünglichen Rath beherzigen und darüber nachdenken, ob es nicht möglich ist, den Herrn Hammer zu uns herüberzuziehen. So oder so sollte die Sache sich doch machen lassen, wenn auch nicht heute und morgen, und jetzt, wo er bereits eine Autorität ist, dürfte seine Bekehrung aus einem radikale», neuerungsjüchtigen SauluS iu einen praktischen, konservativen Paulus einen noch erheblich höheren Werth haben, als damals, als ich zuerst diese Idee hinwarf." Der Konimerzienrath, dem die Eigarre längst ausgegangen ivar, stützte den Kopf in die Hand und sah äußerst nachdenklich aus, doch überraschte es den Landrath keineswegs, daß das einzige Resultat dieses profunden Nachdenkens ein rathloses Achselzucken war. Er stand auf, klopfte Herrn Reischach vertraulich auf die Schulter und sagte mit einer Mischung von Kordialität und Herablassung: „Nun, nun, kommt Zeit, kommt Rath; suchen Sie nur ernst- hast, so finden Sic auch einen Weg, haben Sie aber den erst, so braucht es nur noch ein Ivenig diplomatische Gewandtheit, die Ihnen ja vollanf zu Gebote— nein, ncin, Herr Koinmerzienrath, keine übergroße Bescheidenheit; ich sage nur, ivas ich denke! Und haben wir ihn erst herum, so trinken wir eine Flasche Sekt in Eis— ja?",(Forlsctzuiig folgt.) - 400- Allerlei Meisen. Ein Frühlingsbild. Der Frühling ist da! Also hat es gerauscht durch die Nur Freund Specht bringt es fertig, der Natur das ab- Schöpfung, und der Winter beginnt sein Bündel zu schnüren, zulauschen, was so vielen andern Künstlern fehlt, die natürliche wie ein griesgrämiger Alter bei der Ankunft einer Gesellschaft Ungezwungenheit in Auffassung der Situation eines Thierbildes. fröhlicher Jünglinge. So haben wir sie ja oft gesehen die Meisen in ihren ver- Allerlei schicdcnen Arten, denn es gibt bekanntlich die Schwanzmeise iAlecistura, candata), die Kohlmeise(Palms major), die Blaumeise (Paims cocimlcus), die Tannenmeise(Parus ater) und die Haubenmeise(P arus cristatus); sie, diese niedlichen, munteren Thierchen, die uns den Frühling, das Wiederaufleben der Natur verkündigen sollen. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage, als ich mich entschloß, nach monatelangem Sicchthum, in dem nahgelegcnen Garten eines Freundes von mir, in dessen prächtig angelegten Lauben ein Stündchen Erholung zu suchen. Die Luft wehte bal- samisch von den nahgelegenen Blumenbeeten, wo die Hyazinthen Meisen. und Tulpen in voller Blüthe standen. Die Lauben sind dicht mit Jasmin umzogen, der beinahe durch die Reihe der Jahre „armstark" geworden, und die eine Seite derselben lehnt an eine dicht anstoßende Gartenmauer. Diese Ecklaube ist ein wirkliches Erholungsplätzchen; geschützt gegen Regen und Wind kann man es hier aushalten. Diesen Gedanken, vielmehr dieser Ansicht schienen auch unsere kleinen Freunde, niedliche Kohlmeisen, zu sein, die hier in aller Stille sich unbeobachtet glaubend ihren häuslichen Heerd auf schlagen wollten. Ein in der Mauer befindliches Loch war der ausgesuchte Ort hierzu. Eifrig trug das Weibchen Moos und Haare herbei, und ich begreife jetzt noch nicht, wo sie dieses das„Zuh-zuh-zuh", welche Laute diese Thierchcn sehr schnell Material in der Nähe ausgekundschaftet hatte. Es waren Roß- von �sich geben, bekannt?„ Sitzida-sitzida" rufen sie auch. und Kälbcrhaare, die dieses kleine Thierchcn geschleppt brachte.— Die bekannteste dieser Meisen ist wohl die Kohlmeise! Wem wäre nicht dieses rufende„Pink-pink-pink", das„ Sittih- sittih", Die Kohlmeise sucht die Gesellschaft des Menschen nnzweifcl- Haft, und ivir finden recht selten einen Garten, in dem dieselbe nicht vertreten. Ende April, Anfang Mai ist die Paarzcit. Da Paris vor tausend Jahren.(Seite 407.) rat mein Freund zu mir; ich theiltc ihm die gemachten-8e-. Zbachtungen mit und er erzählte, daß er seit vielen � Jahren ilästchcn an den Bäumen angebracht, die Thiere ledoch stets stly räch einer solchen Maueröffnung umgesehen. Der Neubau über- caschte ihn freudig. Auch in den anstoßenden Gärten wird e» ehr lebhaft in der Vogelwelt, es herrscht da ein sidcles Leben. Da sehen wir auch die Blaumeise. Sie ist gering kleiner als die Kohlmeise und hübscher gefärbt. Diese beiden Arten paaren sich gern und scheinen besonders für einander zu shmpathisiren. Da hat sich auch ein Chor von lustigen Spatzen eingefunden. Sie scheinen auch baulustig. Wie da die Meisen stutzig werden. Sehr oft kommt es hier zu den heftigsten Kämpfen, wie ich 402-- dies vor einigen Jahren zu betrachten Gelegenheit hatte.— Ein schöner lttachniittag verleitete mich, einen Ausflug nach der sogenannten„Hardwaldung" zu unternehmen. Das Gewitter, welches hier aufgetroffen, hatte sich über den Wald zurückgezogen, eine wahrhaft köstliche Luft erquickte nun Herz und Gemüth. Bald umgab mich dichtes Nadelholz. Siehe da! Auch hier fand ich meinen Freund, es ist die sogenannte Tannenmeise(L-rrus ater). Diese ist ziemlich groß, weniger schön in der Feder. Diese Tannen- weise ist ein ruhiges Thierchen, es singt nicht übel, und die Töne sind nicht unmelodisch. Hier findet sich auch die Haubenmeise (Parns cristiitus). Es ist ein lebhaftes Thier, mit hoher, spitzer Fcderhanbe, die aufrecht hoch getragen wird. Ich habe jahrelang in der Nähe größerer Nadelholzwaldnngen gelebt und oft und nur zu gern stundenläng in denselben veriveilt. Es gibt in der That, meiner Ansicht nach, nichts herrlicheres, als so einen recht gesunden Kiefer- oder Fichtenwald. Dort die Mutter Natur so in ihren Einzelheiten, Sondcrlichkeiteu zu belauschen, ist ein löst- licher Genuß, der, wenn auch vielfach sehr beschwerlich, doch lohnend ist. So kannte ich einen alten Förster, der sämmtliche Stimmen der Böget, wenn dieselben auch außerhalb des Waldes heimisch, nachahmte, und zwar so täuschend, daß er selbst die Böget täuschte. Auch ich habe mich gern mit den Böget«, insbesondere den lebendigen Meisen unterhalten und mir eingebildet, ihre Sprache ein wenig zu verstehen. Will). Gottwcis. Giordano Uruuo. Bon Dr. Iacoliy. Es war eine wunderbar bewegte Zeit, jener Wendepunkt in der Kulturgeschichte der Mensche» zu Ende des fünfzehnten und im sechzehnten Jahrhundert, als die tiefe, tausendjährige Wacht des Mittelalters dem Morgcuroth einer neuen Entwicklungsepochc zu weichen begann. Als wollten die Menschen in Hast nachholen, was sie durch den Niedergang aller Kultur die vielen Jahrhunderte hindurch versäumt hatten, so drängten sich neue, großartige Er- findungcn und Entdeckungen, Bliithe der Kunst, Wiedererwachen der klassischen Studien und vor allem das Aufkommen der Naturwissenschaften in überraschend kurzer Zeit zusammen, mit einander wetteifernd, die ersten Fundamente zu legen für ein neues, schöneres Mcnschenthum. Das wüste, leere und beengte Traumleben voll Aberglaubens und Selbstqnälerei, in welchem die Böller unter der starren, die Bernunft ertödtendeu Kirchenherrschaft bis zu jener Epoche dahingelebt hatten, kann nicht schärfer verurtheilt iverdcu als durch den bloßen Namen, den man der neuen Zeit gab: mau mannte sie das Zeitalter des„Humanismus", das Auf- erstehen des Menschenthums, so andeutend, daß die dahinter- liegende Zeit eine unmenschliche, eine menschenunwürdige gewesen. Aber nicht so leichten Kaufs läßt eine tausendjährige, wenn auch in ihren Grundfesten verrottete Macht sich der Herrschaft berauben. Jahrhundertelang wußte sie den Gcgcnkampf zu führen, mühsam von der Neuzeit Errungenes sich wieder zurückzuerobern, bis das, was als Reformation mit so schönen Ansätzen begonnen hatte, selbst wieder in Bcrknöcherung und Rückschritt versank und von den neuerstandenen Streitern des Menschenthums bis auf den heutigen Tag nichts übrig blieb, als der junge Riese der Naturwissenschaften, der denn freilich, gestützt auf soziale Erkennt- niß und auf eine geläuterte Philosophie, die er selbst erst gc- schaffen, dazu bestimmt ist, allen vcrnunftfcindlichcn Mächten für immer den Todesstoß zu geben und durch die Befreiung von Elend und Sklavenarbeit für die Menschen eine Entwicklungsära herbeizuführen, viel schöner, als sie damals die Berkünder der neuen Zeit geahnt. Auch Einzelopfer, mit Recht beklagt und beweint, kostete gleich von Anfang an jener Kampf, und unter ihnen steht in erster Linie das Bild des Mannes, den unsere Uebcrschrift nennt und dessen Bedeutung und Geschick wir heute dcni Leser in kurzen Zügen vorführen wolle». Eine natürliche � Frucht jener gährungsvollen Zeit war der Anstoß zu einer Neuentwicklung der Philosophie. Bis dahin hatte das ganze Mittelalter hindurch als eine unantastbare Autorität der griechische Philosoph Aristoteles in Geltung gestanden. Die herrschende Kirche hatte diesen großen Denker gleichsam für sich zurechtgelegt med zurechtgeknctct und in solcher Weise— merk- würdig genug— den heidnischen Philosophen zu einer Stütze des Christenthunls gemacht, bewogen zunächst durch die Berührungs- punkte, die sie in seiner Darstellung von dein Bau des Weltalls mit der Erzählung der Bibel vorfand. Man fühlte das Bc- dürfniß, doch wenigstens in etwas, außer den Stützen, welche die Bibel gab, den Kirchenglauben als eine Wahrheit erscheinen und beweisen zu lassen. Dies war die Aufgabe einer philosophischen Richtung, die von der Mitte des elften Jahrhunderts bis zu Ende des Mittelalters herrschte und welche man die Scholastik nannte. Das Studium des Aristoteles, freilich meist nur an Aeußerlich- leiten haftend und auf Erklären und Auslegen beschränkt, lieferte den Philosophen der Scholastik ihr Hauptmatcrial. Ein Wider- streit gegen die Meinungen und das Ansehen des Aristoteles wurde gefährlich wie ein Angriff auf das Christenthum selbst. Roth. iveudig mußte daher jede Neubegründung der Philosophie mit der Bekämpfung des Aristoteles beginnen. Ein Borgängcr in dieser Richtung war im sünfzehntcu Jahrhundert der Philosoph Nikolaus von Cusa gewesen und ihm folgte nun eine Reihe von Denkern italienischer Schule, welche man wegen ihrer Naturverhcrrlichung und Watlirbegeisteruiig als Vorläufer der sogenannten„Natur- Philosophie" bezeichnen kann, einer philosophischen Auffassung, die in dem ersten Drittel des gegenwärtigen Jahrhunderts wieder verblühte und Männern, wie Lamarck, Treviranus und Okcn Gcdankei'keime der großen darwinistischcn Entwicklungslehre eingab. Vertreter jener Schule im sechszchnten Jahrhundert waren: Eardanus, Eampanella, Teleslns, der Stifter der ersten Waturforschergesellschaft zu Neapel; der tiefste und bedeutendste von allen aber Giordano Bruno. Neben seiner vorzüglichen Kenntniß der Schriften des Altcrthums— das Studium derselbe« war erst in eben jener Zeit durch die aus Konstantinopel geflohenen Griechen wiederbelebt worden— ist Giordano Bruno ausgezeichnet und'charakterisirt durch ein überquellendes poetisches Talent, durch eine reiche schöpferische Phantasie, die ihn in prophetischem Ziaturgcfühl Gedanken finden und Sätze aussprechen läßt, ivclchc später im Wciterbau der Philosophie zur Aufstellung weltbewegender Systeme und zu den folgenschwersten Erkennt nissen geführt haben. In jedem der philosophischen Werke Bruno's spiegelt sich als eine Wahrheit das Wort des Dichters wieder: „Bringst du harmonisches Gefühl Mit dir in die Natur hinein, Ihr ungeheures Chaos ivird Dir Harmonie und Schönheit sein." Giordano Bruno wurde in der Stadt Wola in Unteritalien um die Mitte des sechszchiiten Jahrhunderts geboren. Da der Knabe schon früh ungewöhnliche Geistesgaben verrieth, so brachte ihn der Bater zur weiteren Ausbildung"nach Neapel. Wach fünfjährigem Studium daselbst trat er im Jahre 1583 in den Klostcrorden der Dominikaner ein. Wir keniicn die Betvcggründe nicht, die ihn zu diesem Schritte bestimmten; sicher aber ist, daß der feurige Jüngling sich in den Klostcrmaucrn nicht glücklich fühlen konnte, obwohl er über zehn Jahre darin zugebracht hat. Die Kühnheit seiner freisinnigen Anschauungen, aus denen er kein Hehl machte, zog ihm den Haß der Klostervorgesetzten zu, und mehrmals ivegen seiner Aeußeruugcn mit dem Strafprozeß der Kirche bedroht, cutschloß er sich endlich im Jahre 1578 zur Flucht aus dem Kloster. Er selbst nennt in einem Gedicht seinen Klosteraufenthalt„jenes düstere Gefängniß, wo der Jrrthum mich so lange Zeit trostlos festgebannt hielt." Bon dieser Zeit an sehen wir Giordano Bruno ein ruheloses Wanderleben führen, zuerst in den Städten Obcritaliens durch Unterricht sein Leben fristend, dann ui Genf sogar eine zeillang als Korrektor einer Druckerei beschäftigt, dann in Frankreich: in Lyon, in Toulouse und endlich in Paris, Ivo es ihm gelang, öffentlich an der Universität Philosophie vorzutragen. Sein Frei- niuth auf dem Katheder, seine Geringschätzung des pedantischen Wesens und vor allem sein Bemühen, das noch immer allmächtige Ansehen des Aristoteles zu brechen, mußte wohl auf die Dauer feine Stellung Unhaltbar machen, obwohl selbst Frankreichs König Heinrich III. sich lebhast für ihn interessirte, freilich weniger wegen der philosophischen?lnsichten des kühnen Neuerers als wegen der „Kunst des Lnllns", einer Art Mnemonik, welche Giordano Bruno mit Eifer ausübte und lehrte. Born Könige selbst mit einer Empfehlung an den französischen Gesandten in England, de Castelnean, versehen, ging er im Jahre 1583 nach London, wo er im Hause dieses gelehrten und mild gesinnten Mannes eine ehrenvolle Zufluchtsstätte fand. Hier hat er mit der kurzen Unterbrechung eines Versuches, auf der Universität Oxford Philo- sophie zu lehren, drei Jahre gelebt und seine grundlegenden und bedeutenden Schriften sind hier entstanden. Es sind dies vor allein� die drei Werke in italienischer Sprache:„La cena della ceneri"(Das Aschermittwochsmahl),„Del infinitio, universo e mondi"(Von dem Unendlichen, dem Universum und den Welten), und das Hauptwerk„Deila causa, prineipio ed uno"(Bon der Ursache, dem Prinzip und dem Einen).— In dem ersteren Buch preist er u. a., wie vielfach auch in seinen Gedichten, die um- wälzende Thal des Kopernikus, des Entdeckers der Bewegung der Erde, der ihn zuerst aus seinen Jrrthümern gerissen und die Schönheit und den Glanz der Welt habe erkennen lassen. Die anderen beide Werke geben in schwungvollen Worten und in oft hinreißender Schilderung, wie immer in künstlerischer Form, seine Weltanschanung und seine Grundgedanken wieder. Sie sind es, mtf denen sein Ruhm für alle Zeiten beruht. Die allgemeine Substanz, welche das allgemeine Weltall bildet, die alles ist und wodurch alles ist, sie ist ihm das innewohnende Prinzip der Welt, das Wesen und der Quell der Dinge. Er nennt diese Substanz Gott. Sie ist zugleich Wirkung und Ursache, das Ziel und das ordnende Prinzip der Dinge. Diese allgemeine Substanz ist nothwendig unendlich, ohne Anfang, ohne Mitte und ohne Ende; und sie ist auch als das allgemeine in ihrem Wesen von dem Besonderen und den Einzeldingen nicht zu unterscheiden. Diese Substanz, dieser Gott, den Bruno in solcher Form zum ersten mal aufstellt, hat nichts Persönliches an sich; er steht nicht außer der Welt wie der Gott der Religionen und Konfessionen, sondern ist befindlich in den Dingen selbst; er kann sich nicht selber ver- ueinen oder seine Natur verändern; die Nothwendigkeit dieser Substanz ist das Gesetz, welches das Weltall beherrscht. Kein Theil dieser Substanz kann vernichtet werden; könnte dies je ge- schehen, so bekäme das All eine Lücke und stürzte in sich zu- sammen. Jedes Ding ist somit ein Theil des Unendlichen und mit diesem von gleichem Wesen; es wird nicht erzeugt und geht nicht unter.„So ist denn," heißt es in dem letztgenannten Werk, „diese Substanz, dieses Wesen, das wahre, allgemeine, unendliche, unermeßliche, in jedem seiner Theile ganz, dergestalt, daß es das Ueberall selber ist." Das Weltall ist befindlich und gegenwärtig in allen Dingen und alle Dinge sind in ihm nicht wie in einem sie nmhiillenden, einschließenden Ranm, sondern die wahrnehin- baren Dinge sind das Weltall selbst. Wenn auch ohne den streng logischen Beweis, nur in dichte- rischen Worten ausgesprochen, treten doch deutlich erkennbar in diesen Sätzen die Grundlagen hervor, ans welcher der Nachfolger Bruno's, der große Denker Spinoza sein epochemachendes System aufbaute. Das Wesen der denkenden Substanz Spinoza's, die nothwendige Unendlichkeit derselben, ja auch ihre Untheilbarkeit ebenso wie ihre Unvernichtbarkeit, sind bereits in den Aussprüchen Bruno's gegeben. Die Berührung dieser Gedanken beider Philo sophen kann wohl keine zufällige sein. Da indeß aus Spinoza's Abhandlungen und Briefen nirgend ersichtlich ist, daß er von den Anschauungen Bruno's Kunde gehabt, bleibt dieser so in die Augen springende Zusammenhang noch zu erforschen. Einen interessanten Beweis dafür, wie Giordano Bruno der unentwickelte Spinoza ist, liefern uns diejenigen Gedichte Goethe's, welche dem mächtigen Eindruck der Lektüre Spinoza's ihre Ent- stehung verdanken und welche in vielen Stellen klingen, als wären sie direkt den Worten Bruno's entnommen; so z. B. die Stein Wesen kann in nichts zerfallen; Das Ew'ge regt sich fort in allen.— Was war ein Gott, der nnr von außen stieße, Im Kreis das All am Finger laufen ließe? Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich in Natur zu hegen.— Es muß das erste Aussprechen dieser Gedanken, welche eine so'folgenschwere, bis ans unsere Zeit reichende Bedeutung gehabt haben, al« eine Großthat Giordano Bruno's anerkannt werden. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, eine der größten Errungenschaften der Naturerkenntniß unseres Jahrhunderts, ist hier bereits voransgefühlt, und der Zukunft wird es vorbehalten bleiben, auch das Verdienst Bruno's in der wahren Erkenntniß des Ranmbegriffes zu würdigen. Nicht minder bedentungsvoll ist der Ausspruch Bruno's geworden, daß, wer Philosoph sein wolle, zu Anfang an allem zweifeln müsse. Es ist dies der große Gedanke der Voraussetzungslosigkeit aller wahren Philo- sophie, und wie für Spinoza die Substanz, so schuf für den Philosophen Cartesius dieser Gedanke Bruno's die Grundlage seines Systems, die Selbstgewißheit des Denkens. Cartesius ging ans von eben diesem Zweifel an allem. Indem aber ein Mensch an allem zweifelt, das heißt alles sich fortnimmt, was er vorher für wahr gehalten, bleibt ihm doch dies eine als unumstößliche Gewißheit bestehen, daß er in seinem Gehirn eben diesen Zweifel vollziehen kann; das aber ist Denken und dieses Denken liefert also offenbar dem an allem zweifelnden Menschen die erste, sichere Erkenntniß, nämlich die von seiner eigenen Existenz. Dies ist die Bedeutung des berühmten Satzes:„Coxito ergo sunt"(Ich denke, also bin ich). Ein dritter bedeutender Philosoph, Leibnitz, der in scharfem Gegensatz zu der einheitlichen Weltanschauung Spinoza's die Philosophie eigenartig entwickelte, erhielt gleichfalls durch einen Gedanken Bruno's den ersten Anstoß zu einer Besonderheit seines Systems, zur Ausbildung seiner Monadenlehre, lim das Weltall zu erklären, nahm Leibnitz, während er die Atome, die kleinsten Theile der wahrnehmbaren Substanz, für theilbar ausgedehnt und die ausgedehnte Substanz selbst für todt erklärte, die Existenz von wirklich unausgedehnten, untheilbaren und zwar belebten und beseelten Punkte an, welche der Quell aller Bewegung, Thätigkeit und Veränderung, das Wesen der Einzeldinge selbst seien; und diese selbstständigen, beseelten Punkte nannte er Monaden. Den Keim dieser Auffassung fand er wiederum bei Bruno, und wir wissen von Leibnitz direkt aus einem seiner Briefe, daß er von den Schriften Bruno's Kenntniß gehabt. Auch der Name für Gott in der Darstellung von Leibnitz als Monade der Monaden stammt von Bruno. Und so stehen wir vor der interessanten Thatsache, wie drei große verschiedene Richtungen der Philosophie in den Aussprüchen und Gedanken Giordano Bruno's eine gemeinsame Wurzel haben. Tie Allbeseeltheit des Weltalls, welche gegenwärtig den itoth- wendigen Hintergrund der immer mehr zur Herrschaft aufsteigenden Entwicklungslehre bildet, wurde von Bruno mit glühendem Eifer verfochten. Wiederholt erklärt er, daß die unzähligen Schaaren der Einzeldinge im Weltall nicht wie in einem bloßen Rannte, sondern eben dasselbe seien wie die Säfte und das Blut, wir würden heute sagen, die Zellen und Blutkörperchen, in dem Organismus eines gemeinsamen, lebendigen Körpers.— Als der Beschützer Bruno's in London, de Castelnean, im Jahre 1585 nach Paris zurückkehrte, folgte er selbst ihm dorthin. In Paris erschienen in diesem Jahre die beiden satyrischen Schriften Bruno's, die ihm vor und nach seinem Tode viel Haß eingetragen haben:„Spaccio della bestia trionfante"(Die Austreibung des siegenden Thieres) und„Cabala del cavallo Pagaseo"(Cabala vom pagaseischen Esel). In den Allegoiren des ersteren Buches wurde vielfach die bittere Verspottung des Papstlhnms erblickt, von anderen ein Zurückweisen all' und jeder Glaubensreligion. Ein Kirchenlehrer zu Ende des vorigen Jahr- Hunderts äußert sich voller Entsetzen über das Buch also:„Die verrufenste von allen seinen Schriften ist diejenige, die den Titel führt:„Die Austreibung des siegenden Thieres". Der Verfasser wolle in derselben gar beweisen, daß die jüdische, christliche und muhamedanische Religion der heidnischen eigentlich ganz ähnlich sei. Joh. Toland, der das Buch im Jahre 1713 itt's Englische übersetzte, sagt von demselben: Diese� Abhandlung kann nnr für Leute taugen, welche gesunden Verstand und Vernunft genug haben, nm allen Trugschlüssen gewachsen zu sein.... Es ist aber sicher, daß das siegende Thier nicht allein nach der Redens- art jener Zeiten den Papst bedeuten sollte, sondern der unselige Mensch wollte darunter jede geoffenbarte Religion überhaupt per standen wissen, von welcher Beschaffenheit sie immer wäre und ans welche Weise sie immer in der Welt die siegende sein möchte. Sowohl die heidnische und jüdische als auch die christliche Religion greift er an und macht sie lächerlich, verwirft sie alle ohne Um- schweife und Ausnahmen."— Die zweite Schrift, die Geschichte vom pagaseischen Esel, bildet eine von köstlichem Witz und Humor dnrchwiirzte Ironie ans die Glückseligkeit des frommen, geduldigen Eselthiims. Die Scholastik und Aristoteles wird darin nicht minder gegeißelt, wie der fromme Aberglaube und die Unwisscn- hcit des herrschenden Ehristenthuins, insbesondere wird von-dem Mönchthum jener Tage ein erbauliches Spiegelbild gegeben. Bruno blieb nur ein Jahr in Paris, Vertrieben durch die politischen Unruhen und Wirren der Zeit. Nach flüchtigem Aufenthalt in Mainz und Marburg, wo ihm die Erlaubnis;, au der Universität Philosophie zu lehren, verweigert wurde, kam er nach Wittenberg, und hier durfte er über ein Jahr verweilen und in Privatunterricht wie öffentlich an der Universität seine philosophischen Anschauungen frei vortragen. Es ist ein schönes Zenguiß für den damals in Wittenberg herrschenden toleranten und echt wissenschaftlich milden Geist, welches Giordano Bruno in einer Dank- und Widmuugsschrift au den Senat der Universität Niedergelegt hat. Es heißt darin:„Ihr habt mich angenommen und bis ans diesen Tag mit Wohlwollen behandelt, ohne daß ich mich als Bekenner i Eures Dogma's hätte erweisen müssen; und obwohl ich vielleicht von allzu großer Liebe für meine Ideen fortgerissen, in öffentlicher Borlesung solches vortrug, was nicht nur das bei Euch Angenommene, sondern auch die seit Jahr- Hunderten und überall eingeführte Philosophie auf's tiefste er- schüttern mußte, so habt Ihr es doch mir nicht entgelten lassen und mich deshalb angefeindet, und ist keine Schulwnth'gegen mich aufgeregt worden; sondern nach dem Glänze Eurer Humanität und Wissenschaft habt Ihr Euch als echte Weise bewährt."— Freilich kam bald darnach in Wittenberg eine strengere religiöse Richtung ans, welche den philosophischen Wanderer wieder ivcitcr und schließlich in sein verhäugnißvolles Ende hineintrieb. Er ging nach Prag, dann nach Braunschweig und endlich nach Frank- furt am Main. Die frommen Theologen sorgten überall dafür, daß nirgends seines Bleibens lange war. In Frankfurt erhielt er den Brief eines vornehmen Venezianers, Giovanni Moccuigo, dessen Name wegen seiner verrätherischen That au Bruno für alle Zeit an den Pranger geheftet ist. Derselbe hatte von der„Lullischen Kunst" Bruno's gehört, wünschte diese zu erlernen und lud ihn zu sich nach Venedig, ihm Sicherheit des Aufenthalts und der Existenz versprechend. In beklagcnswerther Unvorsichtig- keit ließ sich Bruno verleiten, der Einladung zu folgen und kehrte nach vierzehnjährigem Exil wiederum nach Italien zurück. Er kam im Juli 1ö9l in Venedig an und wohnte im Hause des Mocenigo. Dieser hatte vielleicht in der Knust des Lullus den Schlüssel zu einem alchymistischen Gcheimniß zu finden gehofft, worin� er sich getäuscht sah; es bildete sich ein gespanntes Vcr- hältniß zwischen ihm und seinem Lehrer aus, und als Bruno! voll Beunruhigung hierüber, bereits Vorbereitungen zur Flucht aus Venedig getroffen hatte, da überfiel ihn des Ztachts im Schlaf sein erbärmlicher Gastfreund und lieferte ihn gefesselt im Frühjahr 1592 der Inquisition aus. Alsbald verlangte der Papst in Rom seine Auslieferung, und die Regierung Venedigs, sonst so selbstständig auch der Kurie gegenüber, gab diesem Ersuchen Folge. Acht qualvolle Jahre dauerte im römischen Gefängnisse sein Prozeß. Wir geben nachfolgend die Darstellung seines er- schlitternden Lebenseudcs mit den Worten wieder, in denen sein Tod von M. Carricrc in dessen Werk„Tic philosophische Welt- anschaunng der Reformationszeit" geschildert wird. Bruno wurde angeklagt, nicht nur ein Ketzer, sondern ein Ketzcrfürst, ein Urheber neuer Irrlehren zu sein. Es lebte dämals in Rom ein deutscher Gelehrter, Schoppc, mit lateinischetzi Namen Casparus Scioppius, der zu Neu-Marck in der Pfalz INI Jahre 1579 als Protestant geboren, seinen Glauben abschwur und nun, als ein echter Renegat, ein wüthender Verfolger der Protestanten wurde. Derselbe zählt folgende Ketzereien von Bruno auf:„Es gäbe unzählig viele Weltkörpcr, nicht blos einen, die Erde mit dem Himmel, wie die Bibel lehre. Der heilige Geist sei nichts anderes als die Weltseele, und das habe Moses sagen wollen, als er ihn über den Wassern schweben ließ. Die Welt sei von Ewigkeit: Moses habe seine Wunder durch Magie gemacht, worin er den übrigen Aegyptern überlegen gewesen. Er habe seine Gesetze selbst gemacht; die heiligen Schriften seien ein Traum; Christus sei nicht Gott, sondern nur ein ausgezeichneter Magier gewesen u. s. w. Nachdem nun Bruno dem peinlichen Verhör der heiligen Inquisition in Rom Jahre hindurch unterworfen worden, mußte er," so fährt der hämische Augenzeuge Scioppius fort,„„am 9. Februar des Jahres 1609 mit gebogenen Kuieen im Palast des Großinquisitors zu Rom den feierlichen Urthcils- spruch entgegennehmen: Sein Leben, seine Studien, seine Lehre wurden dargestellt, und welchen Eifer die Inquisition angewendet, um ihn brüderlich�) zu crmahnen und zu bekehren, welchen Trotz und welche Gottlosigkeit et aber dagegen bewiesen; dann degra- bitten und exkommunizirten sie ihn und übergaben ihn der welt- lichen Obrigkeit mit der"Bitte, daß er so mild als möglich und ohne Blutvergießen�)(das heißt auf dem Scheiterhaufen! M. E.) bestraft werde. Da dieses geschehen ivar, jagte er nichts anderes als die drohenden Worte:„Majore forsan cum timore sententiam in nie fertis quam ego aeeipiam."(Mit größerer Furcht wohl sprecht Ihr dieses Urtheil gegen mich, als ich es empfange""***). — So ward er denn von den Dienern des Gouverneurs in das Gefängniß zurückgeführt und dort beständig beobachtet, ob er vielleicht noch jetzt seine Jrrthümer widerrufen wolle; allein vergebens. Heute(am 17. Februar 1900) wurde er also zum Scheiterhaufen auf den Campofiore geführt. Als man ihm, da er schon sterben wollte, das Bild des gekreuzigten Erlösers zeigte, wies er es mit trotzigem Blick von sich zurück, und so verbrannte er und kam elendiglich um, damit er, glaube ich,, in jenen übrigen Welten, die er sich dachte, verkündige, ans welche Weise gotteslästerliche und gottlose Menschen von den Römern behandelt werden."—— Giordano Bruno hat durch seinen Tod die todtübcrwindende Macht der Idee glänzend bewiesen. Er ist als ein Blutzeuge der Wahrheit gestorben, ein Prophet der Gcistesfrcihcit und der allgemeinen Menschenliebe. So hat er selber voll Vorgefühls gesungen: Der schönen Sehnsucht breit ich ans die Schwingen; Je höher mich die Lüfte heben, So freier soll der stolze Flügel schweben, Die Welt verachtend himmelwärts zu dringen. Und mögt Ihr mich dem Ikarus vergleichen, Nur höher noch entsalt' ich mein Gefieder. Wohl ahn' ich selbst: einst stürz' ich todt hernieder./ Welch' Leben doch kann meinen Tod erreichen! Und fragt mich auch das Herz einmal mit Zagen: Wohin, Verwegener, fliehst du? Wehe! wehe! Die Buße folgt aus allzukühnes Wagen! Ten Sturz nicht fürchte! ruf ich aus der Höhe. ?luf! durch's Gewölk empor! und stirb zufrieden, Ward dir ein ruhmreich edler Tod beschieden. Wiederum ist heute eine Zeit zurückgekehrt, die wohl Aehnlich- kciten und Parallelstcllen genug darbietet mit der stnrmbewegten Periode am Ende des Mittelalters. Wieder neigt sich heute eine abgelaufene Kulturentwicklung dem Ende zu, und eine neue pocht vernehmbar au den Thoren und beginnt Einlaß zu begehren. Aber ein bedeutsamer linterschied waltet ob zwischen jener Zeit und heute. Damals war es eine winzig verschwindende Zahl f von Männern, die das Wehen und den Geist der neuen Zeit verstanden; und das Licht einer schöneren Erkeuntniß, dessen Bannerträger sie waren, konnte nur einen sehr geringen Thcil der Menschen mit seinen Strahlen durchdringen. Tiefe Nacht lag immer noch, auch später, auf der ungeheuren Mehrzahl der Blenschen Jahrhunderte lang. Wenn damals ein Denker ivic Bruno oder Spinoza die Augen schloß, so konnten sie für das Seelenleid und die Entbehrungen, die ihnen so vielfach das Leben dargeboten hatte, keinen anderen Trost mit sich nehmen als das innere, unumstößliche Gefühl, daß wohl einmal in einer un- bestimmten Zukunft die traurigen Menschenzuständc rings um sie her einem schöneren Erdendasein weichen müßten und daß dann auch eine erkenntliche Nachwelt ihres Vorkampfes und ihrer Ideen in Liebe gedenken würde. Ihr letzter Blick aber in der damaligen Gegenwart fiel auf lauter Nacht und aus unabsehbares Elend. Die Epoche, die nun kommen will, stellt eine bei weitem erhöhte Entwicklungspotcnz dar in der vorwärts schreitenden Reihe der unendlichen Zeit. Aber nicht nur die Mittel des Kampfes sind| gewaltiger, riesenhafter geworden, sondern auch die.Kämpfer in ihrer Zahl. Heute ist es nicht mehr ein bloßes Gefühl, welches für die Zukunft Trost gewährt, sondern das erhebende Bewußt- sein selbst kann nicht mehr unterdrückt werden— tausend That- sachcn verkünden es auch dem blöden Auge— daß zum ersten *) Durch die Tortur. **) Tie Geschichte der Kultur der Menschen kennt wohl kein Bei- spiel einer blutigeren Heuchelei, als sie in diesen Worten der llteligion der Liebe und Barmherzigkeit ausgesprochen ist:„Mild und ohne Blut- vergießen." Tas heißt auf dem Scheiterhaufen. '***) Diese Worte sind seitdem berühmt geworden und wurden nach in neuester Zeit angewendet. mal jenes Dunkel, welches bis heute auf den Massen lagerte, sich aufzuhellen begimtt, daß diese selbst anfangen theilzunehmen an dem Aufbau einer schöneren Zeit, die ihnen und ihren Kindern und somit der überwältigenden Mehrzahl aller Menschen zugute kommen soll. Dem bequemen Einwand:„Es ist immer so gc- Wesen, es wird immer so sein!" kannst du heute mit Fug und klarem Blick das Wort Goethe's entgegenhalten:„Und was nie war, nun will es werden!" und wenn hin und wieder halbverzagte Me Probleme in I. Der Stein der Weisen. Angesichts der erfreulichen Thatsachc, daß die Naturwissen- schasten m unserem Jahrhundert zu einer nie geahnten Bedeutung sich entwickelt haben, so daß es gegenwärtig kaum ein Gebiet nienschlichen Wissens und menschlicher Thätigkeit geben dürfte, das sich gänzlich ihrem Einflüsse entziehen könnte, dürfen wir es manchen Naturforschern nicht übel nehmen, wenn es ihnen geht, wie es den meisten Emporkömmlingen zu gehen pflegt, sie vcr- gessen nämlich ihren Niedern Ursprung oder schämen sich gar desselben, sie vergessen, daß der heutige Stand der Wissenschaft nur erreicht werden konnte durch Benützung dessen, was die voran- gegangenen Forscher geschaffen. Dies ist um so ungerechter, als wir heute vielfach noch mit denselben Aufgaben beschäftigt sind, an deren Lösung die Gelehrten des Mittelalters arbeiteten; die Art und Weise, wie, und die Gründe, warum man diese Pro- bleme heute zu lösen sucht, sind allerdings ganz andere, als früher, aber die Fragen, um deren Lösung es sich heute noch handelt, sind dieselben. Wahrscheinlich würde mancher Chemiker den Vorwurf entrüstet von sich weisen, daß er nach demselben Ziele, wie die Alchemisten strebe— nach der Entdeckung des Steins der Weisen, und er hätte recht, wenn man als dieses Ziel die Erzeugung des Goldes blos um seines Werthes willen annehmen würde; ivenn man aber be- denkt, daß für ernste und gewissenhafte Forscher wie: Albertus Magnus, Geber, Basilius Baleutinns u. a., und von solchen kann natürlich nur die Rede sein, nicht von gewissenlosen Aben- tcnrcrn und Betrügern,— deren es ja auch heute noch genug gibt, mehr als zu den finstersten Zeiten des Mittelalters— wenn man bedenkt, daß für diese Männer der Werth des Goldes erst in zweiter Linie oder auch garnicht in Betracht kam, sondern lediglich die Frage, ob ein Metall in ein anderes verwandelt werden könne, so braucht man blos zu wissen, daß es der Chemie bis heute noch nicht gelungen ist, die Frage: was ist ein Ele- ment? zu beantworten, um die Uebereinstimmuug beider Fragen klar vor Augen zu sehen. Es ist nämlich eine zienilich un- bestrittene Annahme, daß die sogenannten chemischen Elemente, d. h. die Stoffe, welche wir mit unfern chemischen uud physikalischen Hilfsmitteln nicht weiter zerlegen können, nicht die letzten Elemente der Materie sind, sondern durch sehr hohe Hitzegrade, wie wir sie freilich wohl nie künstlich werden erzeugen können, weiter zerlegt werden, so daß sie nur als die verschiedenen Ver- dichtungszustände eines und desselben Stoffes anzusehen wären, nach welcher Annahme die Verwandlung eines Elementes in ein anderes wohl denkbar wäre. Unterstützt wird diese Annahme durch die Ergebnisse der Spektralanalyse. Mit Hilfe dieses werthvollen Untersuchungs- mittels hat man nämlich gefunden, daß das Licht derjenigen Nebelflecke, welche keine fernen Sternhaufen, sondern glühende Gasmassen sind, hauptsächlich aus zwei Lichtartcn zusaminengesetzt ist, welche von glühendem Wasserstoff- und Stickstoffgas aus- gestrahlt werden. Dieses Resultat befriedigt zunächst wenig, denn wenn dort nach der Kant-Laplace'schen Hypothese Welten ähnlich der unsrigen entstehen sollten, so müßten noch über 60 verschiedene Stoffe dort gefunden werden. Da wir alle Ursache haben, eine Gleichartigkeit des Stoffes, wie wir sie in unserem Sonnensystem beobachten, auch außerhalb desselben vorauszusetzen und in der Bildung jener Nebelwelten Spiegelbilder des Zustandes unserer eigenen Welt vor unendlichen Zeiträumen zu erblicken, so müssen wir versuchen, diese auffallende Erscheinung mit unsrer Erfahrung in Einklang zu bringen, und da gibt nun die Untersuchung des Lichtes der Fixsterne interessante und überraschende Aufschlüsse. In dem Spektrum der hellsten, also auch der heißesten Sterne, wie z. B. des Sirius, treten nur die Linien des Wasserstoff mit einiger Deutlichkeit auf, und doch sollte mau meinen, gerade hier Stimmen klagen, daß wir auf Vulkanen tanzxn, in deren Aus- brächen mit dem Schlimmen zugleich wohl auch manches Schöne und Gute hinweggeschwemmt und vernichtet werden könnte, so mag ihnen die Wahrheit des Dichterausspruchs zur Beruhigung dieneub Wo Lavaströme flössen, Dort wächst der beste Wein; Drum muthig, ihr Genossen, Froh wird die Lese sein! wdernem Gewände. die nieisten Elemente in Dampsform anzutreffen. Bei den Sternen mit gelblichem Lichte, welche in der Abkühlung schon etwas weiter vorgeschritten sind, wie unsere Sonne, erscheinen mehr und mehr von den übrigen Elementen, namentlich Bietalle, während chemische Verbindungen bisjetzt noch nicht nachgewiesen werden konnten, welch' letztere dagegen bei noch weniger heißen, röthlich leuchtenden Sternen reichlich auftreten, während freier Wasserstoff meist fehlt, da dieser sich mit Sauerstoff zu Wasserdampf verbunden hat. In der Atmosphäre noch mehr abgekühlter Gestirne, z. B. der meisten Planeten, kommt gar kein freier Metalldampf oder Wasserstoff mehr vor, und unser Mond, als Repräsentant einer Klasse von Gestirnen, bei denen die Abkühlung am weitesten vorgeschritten ist, hat überhaupt keine Atmosphäre mehr, auch der Wasserdampf und andere Gase sind verschwunden, vermuthlich aufgesaugt von der innern Masse des hinreichend erkalteten Gestirns, oder die Meerreste sind, wie du Prel annimmt, vergletschert; sie erscheinen als 3—4 Meilen breite Lichtstreifen an den sichtbaren Theileu der Mondobcrfläche. Auf Grund dieser Beobachtungen hat der Astronom Lvkyer die Vermuthung ausgesprochen, diese verschiedenen Klassen von Weltkörpern könnten als verschiedene � Entwicklungsstufen des Stoffes zu betrachten sein. Aus den Erfahrungen der Chemie ist bekannt, daß eine hohe Temperatur im Stande ist, die Wirkungen der chemischen Affinität aufzuheben, so daß mit ihrer Hilfe jede zusammengesetzte Substanz in ihre Bestandtheile zerlegt wird; mau nennt dies erst vor kurzem als allgemeines Naturgesetz erkannte Verhalten Dissoziation, d. h. Auseinander- lösuug der Stoffe durch Wärme. Es würde also nur einer ge- steigerten Temperatur bedürfen, um den Wasserdampf und alle gasförmigen Verbindungen, die sich in der Atmosphäre der rothew Sterne finden, auf den Elementarzustaud zurückzuführen, in welchem sie sich auf den gelb leuchtenden Gestirnen befinden. Die fortschreitende Zahlverminvcrung der Elemeutarstoffe auf den heißeren Gestirnen gibt Grund zu der Vermuthung, daß auch die 63 Elemente durch sehr hohe Hitzegrade weiter zerlegt und disso- ziirt werden könnten, wonach sie sich, wie gesagt, nur als die verschiedenen Verdichtnngszustände eines und desselben Stoffes erweisen würden. Und zwar wäre der Wasserstoff oder ein diesem nächststehender Körper als dieser Grundstoff zu betrachten, aus welchem alle übrigen die Welt bildenden Stoffe hervorgegangen sind: ex ist ohnedies der dünnste und leichteste aller bekannten Stoffe und bildet den Hauptbestandtheil der Nebelflecke und der weißen, also heißesten Gestirne. Dieser Anschauung von der Einheit des Stoffes entspricht die allgemein anerkannte Einheit der Kraft; außerdem wird sie noch durch mancherlei Gründe gestützt: gewisse Regelmäßigkeiten in den die sogenannten Atomgewichte ausdrückenden Zahlen; der Um- stand, daß die Wärmekapazität der Elemente dem Atomgewichte umgekehrt proportional sich verhält; sowie verschiedene Analogien unter den einzelneu Elementen, die sich bei ähnlicher Dichtigkeit oft auch chemisch ähnlich verhalten u. dgl., deuten darauf hin, daß der Grundstoff, aus dem ihre kleinsten Theilchen bestehen, der- selbe ist. Damit kämen wir wieder zu der einen Substanz Spinoza's mit ihren beiden Attributen des Denkens und der Ausdehnung, welche in sich selbst untrennbar vereinigt die Bedingungen zur Entwicklung einer Welt enthält. Natürlich darf man die glühenden Gasmassen der Nebelflecke nicht ohne weiteres als diese Ursubstanz betrachten, denn sie sind selbst schon eine Entwicklungsstufe, ein Gewordenes; wer aber>den Gedanken des Monismus in der Tiefe faßt, wie ihn Spinoza begründete, der wird keine Schwierigkeit finden,> aus diesen Gasmaffen, die alle Bedingungen dazu enthalten, ohne fremdes Zuthnn, die Mannigfaltigkeit des Weltganzen in der Zeit hervorgehen zu sehen. 406 Komödiantensahrten Mischen Trapyunt und Finme. Lvn Or. Waz Fraustt. (Fory'etzung.) Blitz! Wo bm ich hingerathcii? Meine Phantasie ging mit mir durch; wir nähern uns ja erst Konstantinopel und ich habe es schon zu schildern versucht. Die spannende Neugier der Passagiere des„Nusrethich" nimmt stetig zu; die Kinder unter- brechen ihre Spietc, ihre Mütter verlieren eine Strickmasche um die andere und den Vätern geht die Cigarre aus. Selbst in den trüben Augen des heute ausnahmsweise nicht betrunkenen Souffleurs oszillirt der letzte Rest seines geistigen Lebens. Der Bosporus verengt sich und hat vor Bujukdere das Aus- sehen des Sognedaler Fjords(Norwegen). Nur die in den Cypressenhainen und Mimosengärten versteckten Fischerdörfer Therapia und Unkiarskelesfi mit ihren verwahrlosten buntbemalten Holzhäusern, die sich im Meere spiegeln, mahnen uns daran, daß wir uns der Kalifenstadt am Goldenen Horn nähern. Bei der nächsten Wendung des Schiffes um das Kap Diester dar Burun ändert sich die Szenerie. Wir sind in den„süßen Wässern Asiens". Von steiler Felsenwand drohen die Zwing- bürgen Anatvli-Hissar und Rumeli-Hissar. Hier hatte Thescus' Argo ein Scharmützel mit dem Skythenkönig Amykus, Darius führte hier über eine Schiffbrücke seine Horden zur Knechtung Griechenlands und die Genuesen schloffen Jahrhunderte lang bei Wacht die Passage mit einer Eisenkette ab, damit sich niemand ohne Bosporuszoll durchschleiche. Von Arnautköi bis Lrtaköi wird der Strand belebt mit Villen, Schlössern und den beider kaiserlichen Palästen Sternenkiosk und Dolma Bagdsche. Saftiger Wiesengrund und schattige Lausch- Plätzchen, wohin die Blicke streifen— jetzt entringt sich der Brust ein bewunderndes„Ah", ein hellschimmerndes Häusermeer er- scheint, das weit, weit gegen Süden au der thrakischen Land- zunge wie eine Fatu morgana in farbigen Nebeln verschwindet; ein Chaos von Farben und Formen, ein unabsehbares Gewirr von Kuppeln, Minarets und Terrassen über sieben Hügel gebreitet, vom hellen Uferstreif der blauen, tiefeingeschnittenen Buchten um- säumt. Unser eisernes Dampfroß steht mit uns vor Topchana (Hafenviertel) im Angesicht des die Ufcrhöhen hinankletternden Christcnviertels Pera, im Süden Stambul, die kuppelgeschmückte Türkenstadt, und auf dem blauen, vibrirenden Streifen des Goldenen Horn ein Mastenwald von den langen Kolonnen der Schiffe aller Zonen und Völker, plumpe, goldstrotzende Gondeln mit türkischen Würdenträgern, schlanke Kaiks(Micthsboote), die wie Forellen zwischen den Wallfischen herumschießen, Ruderschlag und brausender Gischt, schrilles Pfeifen und eintöniger Matrosen- gesang, Kanonensalven und an beiden Ufern sinnbctäubendcs Menschengetümmel. Mir war Konstantinopel nicht neu, und wie mich der Roman- schriftsleller Hackläuder vor Jahren herumgeführt, so geleitete ich jetzt meine Kollegen als Cicerone durch den Kirchhof menschlicher Größe. Auf einer dieser Wanderungen begegneten wir am Freitag (dem türkischen Sonntag)„dem Schatten Gottes auf Erden", ,deni Sultan Abdul Medschid, einem Greis von 40 Jahren. Er schien während des Rittes zur Moschee auf dem von Pagen geführten Pferde zu schlafen. Ein Sinnbild des Islam! Die Pfahlwurzel des Versalls der Türkei ist der Islam. Seine fatalistische Grund- anschauung hat überall, wo er dauernd herrschte, die Initiative des Individuums erstickt und damit die Möglichkeit jedes Fort- schreitens vernichtet. Mag der einzelne Mohamedaner noch so strebsam sein— er steht unter dem Kismet, dem blinden Schicksal, und wird von dem Christen überholt, sobald beide bei gleichem Wind und Wetter in die Laufbahn treten. Auf dem Schlacht- fclde kann der mohamedanische Turane, der den gesunden Ver- stand des Menschen, die Kraft des Löwen mit der Treue des Hundes vereinigt, noch bedeutendes leisten— auf der Feldflur, in der Werkstätte und Schule ist er von vornherein verloren. Der Effendi(Beamte) ist ein Automat und Sklave seines Berufes. Die auf Willkür beruhende Regierungsmaschinc dreht sich nur aus der Steuerschraube. Der Ulema(Lehrer) und Kadi(Richter) ist ein zweibeiniger Koran, in Schweinsleder gebunden. Der Jmam �(Pfarrer) und der Derwisch(Mönch) sind Faullenzer, die wie überall sich von der Dummheit mästen. Alle zusammen fühlen instinktiv, daß sie nicht nach Europa gehören. Und erst der Harem— solange dieser besteht, solange gibt es aus dem illyrischen Dreieck keine Jugenderziehung, kein Handwerk, keine Kunst und keine Wissenschaft. Chateaubrand zeichnet unendlich treffend diese Sachlage, indem er von den Türken sagt, sie seien in Europa gelagert. Voll- ständiger kann kein Ausdruck die unverschämte Sorglosigkeit zur Darstellung bringen, mit welcher dieser ehrliche, aber faule Nomadenstamm alles um sich her verfallen läßt. Das schrieb ich vor 20 Jahren in mein Tagebuch und heute neigt sich unter dem fahlen Scheine des abnehmenden Halbmondes der Thron der Osmaniden zum Sturze in den Hellespont und Mohameds Volk liegt in den Zuckungen des Todeskampfes, ge- knebelt von den nordischen Barbaren. Kommen werden die Zeiten, wo Asiens grimmige Horden uns aufs neue den Kampf bieten am Goldenen Horn. Und wie die Väter gesiegt, so können die Enkel erliegen, denn der gläubige Muth fehlt, wie die riesige Kraft. Dann ergießt sich der Schwärm, geführt von Attilas Schatten, über den Stolz der Kultur ohne Erbarmen daher. Und seine Erben, die Russen? Im Jahre 1769 sagte Friedrich der Zweite zu Kaiser Joseph in Neisse, es werde eine Zeit kommen, wo ganz Europa gegen Rußland zusammenhalten müsse. Es scheint, die Zeit sei da. Haben denn die Rajahs(Nichttürken) den Rest von Menschen- würde, den ihnen die 400jährige Sklaverei belassen, bewahrt? Mit nichten! Der Slave ist das einzige bildungsfähige, aber rohe Zukunfts- � Material. Kein Baustein, nur Mörtel. Der Jude, wie überall blanker Kieselstein, wie ihn die Fluth ivelle der Unterdrückung plättet. Der Grieche und Armenier— Völkerschutt. Ter berühmte Orientalist Hammer-Purgstall behauptet, die Hunde, unter diesen vierfüßigen Schweifwedlern meint er die Griechen, verdienen garnicht, daß sich Europa für sie interessirt. Es ist zwar nicht so schlimm, aber auch nicht viel besser. ES mag wohl im Straßenkothe des Phanar(Griechenvicrtel) manche echte Perle der Weiblichkeit vergraben liegen; um aber dort einen ehrlichen Mann zu finden, muß man eine Diogenes latcrne haben. Und doch werden die Phanarioten von den Armeniern an Geriebenheit noch übertroffcn. Hier ein kleines Pröbchcn davon. Vor 30 Jahren hatte Konstantinopel, auch das Christenviertel Pera nicht ausgenommen, so gut wie gar keine Straßcnbeleucss tung. Mußte man nothgedrnugen des Nachts ausgehen, so ließ man sich von einem Kawassen(Polizist) vorlcuchten. Besagte zweibeinige Hermandad mußte dem Occidentalen zugleich die bissigen Herren und zahllosen Köter, die in der Dunkelheit ein ohrcnzerrcißendes Heulkonzert aufführen und mit fanatischer Derwischwuth nach europäischen Schmalhosen schnappen, von den Waden fernhalten. Zum allgemeine» und freudigen Erstaunen hatte ein arme- nischer Kaufmann, der„dunkle Ehrenmann" hieß BasilioS Raum, die nachahmungswürdige Idee gefaßt, auf seine Kosten Peras Hauptstraße mit Gas beleuchten zu lassen und bat nach Aus- sührung des Aufklärungswundcrwerks, wie es die Türken nennen, den Sultan, die gemeinnützige Neuerung zu besichtigen. Seine Majestät vergaßen vor lauter Entzücken das Einschlafen im Wagen und befahlen den Ghiaur(Ungläubiger) zur Audienz. Als nun einige Tage später der Armenier in Dolma Bagdsche (Lieblingsschloß Abdul Medschids) vor dem Großherrn knieend sein Taminah(Gruß mit der Hand zur Erde, der Brust und Stirn) machte, geruhte ihn der Padischah mit einer seltenen Aus- zeichnung zu beglücken, nämlich ihn anzusehen. Direkt darf der Sultan laut HöfceremoNie, deren Befolgung der verschnittene Haremsmarschall strenge beaufsichtigt, mit keinem Menschen sprechen; deshalb fragte nach einer feierlichen Pause, während welcher der gähnende Beherrscher der Gläubigen die parfümirtcn Bernsteinkugeln seines Rosenkranzes mechanisch durch die Finger gleiten ließ, Jzzed Effendi, der Geheimschreiber, den Armenier, 407 welche Gnade er sich für die Gasbeleuchtung erbitte. Unverfroren erwiederte Raum:„Monopol sämmtlicher Schaustellungen." Der Dragoman(Dolmetsch) sah den Eunuchen(Verschnittenen) und dieser den Geheimschreiber an, der Sultan sah gar niemanden an, denn er schlief schon wieder, aber 8 Tage später über- brachte dem Armenier ein Palikare(Hofgensdarm) den darauf bezüglichen Ferinan(Regierungspatent) und forderte zum Er- staunen Naum's nicht einmal einen Backschisch.(Backschisch heißt wörtlich Tabaksgeld, nicht, wie allgemein angenommen wird, Trinkgeld.) Der Ferman entschädigte ihn hundertfältig für die Kosten der Gasbeleuchtung, denn er machte ihn zum privilegirten Vampyr aller Theater und Cirkusdircktoren, von deren Vrutto- einnahmen er ihn 20 Prozent Rabatt zu erheben berechtigte. Auch unser Direktor Papauicola mußte zähneknirschend in diesen sauren Apfel beißen. Sein Gesuch um Aushebung dieser Beutelschneiderei wurde vom Seraskierat abschlägig beschieden. In der Türkei gibt es keine Ausnahmen, weil es dort keine Regel gibt. �Fortsepung folgt.) Eine Hochzeit in China. Wie überall, so ist auch in den« Reich der Mitte die Verheirathung zweier Personen von ulannigfachen Sitten »nd Gebräuchen begleitet. Die Hochzeitsgebräuche sind bei Armen und Reichen selbstverständlich verschieden, und ivenn ich einer Hochzeitsfeier- lichkeit aus der vornehmeren Welt gedenke, so hoffe ich, nächstens eine solche aus den unteren Ständen vorführen zu können. Auch in China ist die Verheirathung zweier Personen ein sehr wichtiges Ereigniß, und schon lange vorher werden dazu bedeutende Vorkehrungen getroffen. Der Vater des Bräutigams ist verpflichtet, seiner zukünftigen Schwieger- tochter bedeutende Geschenke zu machen, die in Bezug auf ihren Werth sich nach den Vermögensverhältnissen desselben richten. Die Eltern der Braut sorgen für die Aussteuer, die aus kostbaren und mit schöner Stickerei versehenen Gewändern, goldenen Spangen und Armbändern und dergleichen besteht. Sehr häufig ist es auch Sitte, ihr eine Sklavin zur Bedienung mitzugeben. Für das junge Paar ist meistens ein eigenes Haus hergerichtet worden. Für die Ausschmückung mit Tapeten und Teppichen sorgen die reichen Freunde der Familie. Oft findet man die kunstvollsten Bilder in dieselben gestickt, und alle enthalten d» Glückwünsche in vergoldeten oder dunklen Sammetbuchstabcn. Am Bormittage des festgesetzten Hochzeitstages versammeln sich die geladenen Gäste in« Hause des Bräutigams und können nicht müde werden, all' die Geschenke von neuem zu betrachten und zu bewundern. Sind alle beisammen, so wird die Braut abgeholt. Eine Musikbande schreitet vor ihr her und verkündet durch die scheußlichsten Töne das Nahen der rothen Brautsänste. Raketen und andere Feuerwerkskörper werden vor deni Hochzeirshause abgebrannt, und der Lärm steigert sich von Minute zu Minute, bis man die Sänfte in dem Empsangszimmer abgesetzt hat. Bon hier bis nach dem Brautgemach sind fast immer rothe Teppiche gelegt. Die älteste Dame der Gesellschaft begrüßt die Braut mit einigen beglückwünschenden Worten, worauf sie von den Dienerinnen zu dem Bräutigam geführt wird, der ihrer im Brautzimmer harrt. Im Empsangszimmer wird jetzt alles zur Ceremonie bereit, gemacht. Zwei große rothe Kerzen brennen auf dem Tisch und neben ihnen liegen einige Geschenke, beispielsweise ein Packet Gabeln, ein Spiegel, ein Maß, eine Geldwage, nie aber fehlen zwei kleine Hähne aus weißem Zucker und zwei durch eine rothe Schnur verbundene Becher. Zuerst tritt der Bräutigam herein und stellt sich vor den Tisch, nach ihm wird die Braut hereingejührt und nimmt an seiner rechten Seite Platz. Beide werfen sich darauf viermal gegen den freien Himmel hin auf die Knie, wechseln die Plätze und knien abermals viermal nieder. Dann tritt der Bräutigam seiner Braut entgegen nnd zum drittenmal wiederholen sie das viermalige Niederknien. Eine Mischung von Wein und Honig wird aus dem einen Becher mehreremal in den andern gegossen und ab- wechselnd an den Mund des Bräutigams und der Braut gebracht, ohne daß sie davon trinken. Auch die Zuckerhähne werden beiden hin- gehalten, und in gleicher Weise verfährt man mit allen übrigen Ge- schenken. Jetzt ist die Ceremonie beendet, und die Braut wird unter Vorantragen der rothen Kerzen in das Brautgeinach zurückgeführt, während der Bräutigam in dem Empfangszimmer verbleibt. Tie tveiblichen Gäste begeben sich jetzt zu der Braut, um sie und ihre Kleidung in Augenschein zu nehmen, denn bisjetzt war sie noch immer durch einen großen rothen Schleier verhüllt. Ohne Scheu tadelt jede rücksichtslos, was sie an der Braut auszusetzen hat. Ihr Anzug, ihre Armbänder, ihre Fingernägel, ja selbst ihre Füße werden genau be- trachtet und gelobt oder getadelt. Der Bräutigam nimmt unterdeß die ganz besonderen Glückwünsche der männlichen Gäste entgegen. Am Abende aber vereinigt ein großes Fest alle Geladenen, und ost kehren erst mit Anbruch des Tages die fröhlichen Hochzeitsgäste in ihr Heini zurück._,_ H. St. Paris vor tausend Jahren.(Bild Seite 401.) Unser Bild sührt uns in die ferne Vergangenheit der französischen Haupt- und Weltstadt, die mehr als jede andere Stadt der Erde ein Recht hat, sich die geistige Hauptstadt der Welt zu nennen. Der großen Gegenwart, deren sich Paris erfreut, und die durch die kindischen Dekapitalisirungs- versuche seiner neuesten� Regierer nicht im entferntesten getrübt werden konnte, entspricht seine Bedeutung in einer fast zweitausendjährigen Vergangenheit. Schon als der historisch größte Römer, CajuS Julius Cäsar, ganz Gallien, das Frankreich der Neuzeit, der römischen Welt- Herrschaft unterwarf, stand am Orte der heutigen Cito(der Altstadt) von Paris die Hauptstadt des keltischen Bolksstammes der von den Römern sogenannten Parisier, von diesen Lutuhezi, d. i. Wasserwohnung, von de» Römern Leucotetia oder Lutetia Parisiorum, die Kothstadt der Parisier, genannt. Im Jahre 54 vor Chr. berief Cäsar eine Versa»»» lung von Abgesandten der gallischen Stämme nach Lutetia, das er nach der Zerstörung im Kriege wieder ausbauen und mit Befestigung ver sehen ließ. Späterhin war die Stadt vorübergehend Aufenthaltsort mehrerer römischer Kaiser, unter anderm auch der Julian des Abtrünnigen, der daselbst 360 von seinen Soldaten zum Kaiser ausgerufen wurde. Um dieselbe Zeit ungefähr wich der Name Lutetia dem andern, Civitas Parisiorum, der bald in Parisia abgekürzt ward. 486 endlich nannten die Franken, nachdem sie die Stadt sich unterworfen hatten, dieselbe Paris. 508, drei Jahre vor seinem zu Paris erfolgten Tode, inachte der Frankenkönig Chlodwig Paris zur Hauptstadt seines Reichs. Seit dieser Zeit, also jetzt seit 1370 Jahren, ist es der Mittelpunkt, das Herz des Frankenreichs geblieben. Von nun an vergrößerte es sich rasch, Handwerke und Künste kamen in Blüthe und der Handel die Seine hinab machte die Einwohner wohlhabend. In der Mitte des 7. Jahrhunderts ward das berühmte große Krankenhaus, das Hotel Dieu, gestiftet und am Ende des achten stattete Karl der Große Paris mit einer Normalschule aus, welche sich späterhin zu der das geistige Leben von ganz Europa lebhast beeinflussenden Universität entwickelte. Im 9. Jahrhundert, in das uns unser Bild versetzt, war es den feindlichen Anfällen der Normannen ausgesetzt, welche, die Seine hinauf- fahrend, ihre Raubzüge über den ganzen Norden von Frankreich er- streckten. Ueber die damalige Größe der Stadt ist uns nichts genaues bekannt; erst aus dem 13. und 15. Jahrhundert sind zuverlässige Angaben ausbewahrt, nach denen die Einwohnerzahl damals schon auf >50,000 und im 15. Jahrhundert aus 300,000 angewachsen war. Daß schon vor tausend Jahren in der mächtigen Seinestadl ein reges, viel seitiges Leben herrschte und daß die früh eustandene Wohlhabenheit des glücklich situirten Theils seiner Bewohnerschaft auch durch die Raub und Mord drohenden Kämpfe mit den Normannen nicht vernichtende Schläge empfangen hat, das zeigt recht lebendig unser auf engem Räume eine Fülle verschiedenartiger Erscheinungen darbietendes Bild. Wirkung des Kamphers auf Erregung des Pftanzenlebens. In einer der vorhergegangenen Nummern der„Neuen Welt" war vom ärztlichen Standpunkt' aus die das lhierische Leben zwar erregende Wirkung des Kamphers besprochen, aber auch auf die Bedenklichkeit des Gebrauchs desselben als Medikament ohne ärztliche Anordnung und besonders aus die Sinnlosigkeit einer Verlvendung als Universalmirtel und einer darauf basirten sogenannten Heilmethode hingewiesen worden. Bon Interesse und Nutzen dürfte dagegen die Kenntniß seines Einflusses auf das Pflanzenleben sein. Es wurde schon im vorigen Jahrhundert beobachtet, daß in Wasser, in dem etwas Kampher gelöst war, frisch abgeschnittne Zweige deS Fliederstrauchs sich viel länger srisch erhielten, als in reinem Wasser. Diese Versuche hat man neuerdings bestätigt gesunden. Man hat dann serner Samen von verschiedenen Gemüse- pflanzen und Blumen in Kampherwasser zum Keimen gebracht und beobachtet, daß mit wenigen Ausnahmen der Prozeß viel rascher vor sich ging, als wenn man reines Wasser verwandte. Von Gemüsesamen waren es besonders Kresse, Rettig, Gurken, Bohnen. Bei Kleesamen trat die Erscheinung nicht ein, wovon irgend welche nicht bekannte be- sondere Zufälligkeiten die Ursache sein können. Nun bringen zwar auch andre anregende Mittel, wie Chlor, Jod, Terpentinöl ähnliche, die Keimung beschleunigende Wirkung hervor, aber die Keimlinge werden in ihrer weiteren Entwicklung gehemnit und gehen, wie vergiftet, bald zugrunde. Das ist jedoch bei den in Kämpherwasser entwickelten Keimlingen nicht der Fall. Sie entwickeln sich auch weiterhin kräftig und frisch.— Diese Beobachtungen können also von Gärtnern, sowie für die Blumenzucht iin Zimmer mit Nutzen verwcrthet iverden. R.-L. Milchbier. In einem Vortrage, den Chevallier über das Bier und seine Wichtigkeit als gesundheitliches Mittel hielt, betrachtet er das Bier als ein sehr nützliches Getränk, da es mehrere, die Ernährung befördernde Salze enthält, daneben leicht asfimilirbare stickstoffhaltige Substanzen und eine Menge die Respiration unterstützende Stoffe. Er erwähnt als ein neues Produkt das Milchbier(biöro äs lait, milkbeer), das dazu bestimmt scheint, in der Hygieine der Ernährung eine wichtige Stelle anzunehmen. Es besteht aus denselben Bestandtheilen wie gewöhnliches Bier, nur wird beim Brauen statt Wasser Milch an- gewandt. Es hat eine gelbliche Farbe und eine Dichtigkeit von 0,980, — 408 während anderes Vier nur 9,950 hat. Sein Geschmack ist angenehm, nicht so bitter wie andere Malzpräparate. Es enthält 5,5 Prozent Alkohol, 9 Prozent Extrakt und ergibt 7,7 Prozent seines Gewichts Asche.' Dr. B.-R. Um Erdwiirmer zu vertreiben oder zu tödten bedienen sich die griechischen Gärtner, und Landbauer einer Abkochung der bitteren Lupine, zusammen mit Oleanderblättern und Tabak. Diese Flüssigkeit wird zum Begießen gebraucht, und die Würmer sterben entweder davon oder ziehen sich tieser in die Erde zurück, während die Nutzpflanzen, wie Artischoken, Salat, Radieschen u. s. w., nicht beschädigt werden und auch den bittern Geschmack nicht annehmen. Dr. B.-R. Man kann Getränke im Sommer auch ohne Eis auf folgende Weise unter die Temperatur des Wassers bringen. Man gieße die be- treffende Flüssigkeit in eine Alasche, umwickle diese mit einem durch- näßten Tuch und setze sie der Zugluft, womöglich nach Norden, aus; auch begieße man das Tuch von Zeit zu Zeit. A. G. �ierMcher QßtüfRaflcn. Verlin. Fabrikarbeiter P. Wie oft sollen wir es denn nur an dieser Stelle wiederholen, daß sich der Geschlechtssphäre angehorige Krankheitssormen nicht zur öffentlichen Besprechung eigne», sondern eventuell der privaten Korrespondenz, falls die Adresse und nicht, wie von Ihnen, blos ein Buchstabe angegeben ist, überlaffen bleiben müssen! Daß Leute wie Sie in der Regel an auffälligen Ernährungsstörungen leiden und von ihren Bekannten für schwindsüchtig gehalten werden, ohne daß sie es wirklich sind, steht fest; ebenso die Thatiache, daß sie durch die mannichsachsten Nervenzufälle, durch Uebcrcmpfindlichkeit oder Abgestumpftheit des Gehörs und Gesichts, konvulsivisches Muskelzucken, Herzklopsen, Händezittern, Schwere und Abgeschlagenhcit i» den Untergliedern, Kreuzschmerz u. s. w. in hohem Grade hypochondrisch werden und vom Arzte zum Eharlatan und Quacksalber und von diesem wieder zum Arzte lause», allerlei Schwindclmittel brauchen und sich nicht blos den Magen verderben, sondern sich auch pekuniär von diesen kurir wüthigen Vampyren aussaugen lasse». Die wenigsten solcher Kranken bedürfen arzneilicher Behandlung, die meisten werden durch angemessene Diät geheilt. Keuscher Lebenswandel, vollständige Enthaltung von jener üblen Gewohnheit, nahrhafte, aber reizlose Kost, Waschungen, und Ab- reibungen mit kühlem Wasser, frische Luft, anhaltende und ernste Thätig- keit, das sind die Kardinalmittel für solche Kranke. Der Arzt, der Ihnen dies alles anrieth, war ein sehr vernünftiger Mann: Sie haben gar keine Ursache, noch bei uns anzufragen,„ob denn die Sache nicht etwas energischer angefaßt werden müsse, vielleicht durch die Tiedemaun scheu Präparate?" Gute Kost, frische Lust und kühles Wasser sind eben sehr energische Heilmittel, trotz gegentheiliger Meinung der mit dem Doktor, Medizinalrath- und Prosessortitel geschmückten„Männer der Wissenschaft". Die alten Raubritter lauerten dem harmlosen Wanderer im Busche auf; heute sitzen sie in den Jnseratenspalten»nserer'Zeitungen. Jene hat vielleicht etwas„Ritterlichkeit" häufig davon abgehalten, einen wehrlosen Kranken zu plündern; dem modernen Raubritter ist dies gleich, er fällt jeden an, selbst den Sterbenden, ebenso wie die Hyäne des Schlachtfeldes den verwundete» Soldaten. Leipftg. H. Ihr aus eine Notiz in der Redaktionskorrespondenz der Nr. 30 bezüglicher Wunsch, es möge der Rath zu Bremen ver anlaßt werden, dem steinernen Roland auf dem dortigen Marktplatze die großen Füße zu beschneiden, damit sich die bremenscr Frauen nicht mehr an denselben„versehen" und Kinder zur Welt bringen, welche übermäßig große Füße haben, würde diese— wie Sic behaupten, in Bremen allgemeine— Landplage wohl kaum ausrotten. Das„Ber- sehen" der Frauen in interessanten Umständen wird von der modernen Medizin gänzlich geleugnet und in das Bereich der Fabel verwiesen. Wäre etwas an diesem Aberglauben, so würde wohl icder Mensch ein solches Andenken an die' nervöse Uebereinpsindlichkeit seiner Mutter an sich herumtragen und wir würden manches Monstrum zu sehen be- konimcn. Unser Leben und Dasein ist ehernen Gesetzen unterworfen. Wenn wir behaupten wollen, daß das Abbild einer Maus oder Ratte, über welche die Mutter erschreckt ist, auf dem Körper des Fötus sozusagen photographirt erscheinen könne, so würde dies immer oder wenigstens häusiger geschehen. Solche Mängel werden vielmehr meist aus dem Wege der natürlichen Zuchtwahl vertrbt, wie sich dies in einzelnen Fainilien aus den sog. Erbsehlern(krumme Fingerglieder, monströse Nasen, herabhängende Unterlippen, abnorme Stellung der Zähne?c.) konstatiren läßt. Ob aber die bei der Thierzucht mit so gutem Erfolge geübte künstliche Zuchtwahl auch bei den Menschen gleiche Erfolge ergeben wird, das ist noch die Frage. Versuche in dieser Beziehung führten vielmehr zu negative» Resultaten, wie z. B. der des preußischen Soldatcnkönigs Friedrich Wilhelm, der seinen längsten Gardesoldaten mit einer Riesenjungsrau zusammenkuppelte und beide auf der Pfauen insel internirte, nni ein Riescngeschlecht zu erzielen. Es kamen aber ganz gewöhnliche Kinder zur Welt. Den Bremensern würde es init ihren Rolandsfüßen, wenn sie die künstliche Zuchtwahl und Kreuzung mit einer klcinfüßigen Rasse�versuchte», kaum anders ergehen. Vom ästhettschen Standpunkte aus aber haben Sie recht. Königsberg. I. S. Im allgemeinen wird ein täglich einmaliger, zu bestimmter Stunde erfolgender, weder zu harter, noch zu weicher Stuhl als regelmäßig bezeichnet. Eine dauernde Zurückhaltung der Kothmassen von je über zwei Tage, nennt man habituelle Stuhl Verstopfung. Doch kommen von obiger Regel mannichfache Abweichungen vor, täglich zwei- bis dreimaliger Stuhl, oder nur alle 3—4 Tage Stuhl, bei vollkommenem Wohlsein.— Wegen Ihres katarrhalischen Leidens konsultircn Sie einen dortigen Arzt. Fr. R. V. in Lichtenstein findet eine Antwott auf seine Frage im Briefkasten von Nr. 26; Saudabreibungen können ihm nichts nützen; F. in Hamburg, K. L. in Magdeburg, H. C. B— nn, H. R. und B. L. in Be-rlin wollen' sich die im Eingange des heutigen Brief kastens befindliche Epistel»<> notam nehmen. G. W. und F. H— l in in Berlin wollen die Adresse angeben; Karl W— cke in Berlin sich an Herrn Prof. Frerichs wenden, da wir ohne persönliche Unter suchung nicht entscheiden können, wer von beiden Aerzten recht hat. Ebenso wolle der„Abonnent in Plauen" einen dortigen Arzt kon sultiren.— Tie übrigen, bis zum 9. Mai eingegangenen Briefe, welche eine genaue Adreßangabe und wenigstens das Porto zur Rück antwort enthielten, sind direkt beantwortet worden. Dr. Resau. cJi.edaklions-�-t.orresponden). Zürich. E. K. TaS Mpt, um drsien Prüiung Sie mich im 1. 1874 eriucht baben. ist, wie ich ei Ihnen seiner�eil nngelündigt habe, 1875 an Sie zurückgeschickt worden. Daß Sie dahelbe jcht in ziemlich unmanierlicher Weise reklamiren und zwar nachdem Sie volle drei Jahre für die sozialistische Partei in Deutschland sowohl als für mich ver- schollen waren, nachdem Sie auch jahrelang gegen die im„Bolksliaat" seinerzeit wider Sic erlassene Warnung nicht» einzuwenden hatten, zeigt zur genüge, weß Geistes üind Sie sind. Bei der Gelegenheit sei Ihnen übrigens nicht verschwiegen, daß mir in»- besondere Ihre Handlungsweise an Ihrem Parteigenossen und Freunde in M. und dessen Frag den Wunsch veranlasst, nie wieder mit Ihnen in Berlehr zu treten. N. Köln. G. W.«lle bisher erschienenen Nummern der„N. W." sind noch zu haben. Drei»Nummern ver Kreuzband zugesandt losten 40 Psg. Babhlon(Nordamerila). Henri, Hovve. Wenden Sie Sich an die Kxvedition de» „Borwäris", Leipzig, FSrberstr. 12, dieselbe sendet Ihnen aus Wunsch ein Schristen- verzeichnih ein. Lvndon. Willm. Ridgwah. Ihr Wunsch wird baldmögligst crsüllt werden. Laugalle». W. B. Bon Ihrer ziemlich umsangreichen Einsendung verNehen wir absolut nichts weiter, als das, Sic der„N, W." wohlwollen, und das ist uns angenehm. Dresden. Frau Eugcnie Klemich. Wir haben, verehrte Kollegin, mit Bergnügc» von Ihrer Erinnerung'Notiz genommen, daß Sie bereit« seit ca. süns Jahren die Re- daltion eines der sozialistischen Partei dienenden Journals führen. Tastelbe ist aller ding» wohl nicht als ein volitische« Organ im engeren Sinn, wie wir sie bei Absasiung der Korresvondenzbrnierlung in Nr. 8t im Auge gehabt haben, z» betrachten, zudem destiitiat die eine AuSnahmc, dast die Regel so laute«, wie wir ausgesprochen. Gotha. E. L. Tai„Nachdruck verboten" bezog sich nicht auf den Text de« betreffenden Liedes. Hahnau. R. H. Herr vr. Mülberger ist leider noch immer zu sehr mit anderen Arbeiten überladen, um sür die nächste Zeit eine Fortsetzung seiner astronomischen Artilel liesern zu lönnen. Würzburg. Fabritarbeiter W. S. Das zuletzt eingesendete Silbenräthsel ist gut und wird bald verwendet. Bon srüher nicht acceptirten Sendungen lönnen wir nach- träglich leine eingehendere Beurtheilung liesern. Berlin. Maschinenbauer M. S. Ein Staatsanwalt lann schon darum nicht wegen wistentlich ialscher Denunziation belangt werden, wenn er eine offenbar unbegründete Anklage erhebt, weil er nicht denunzirt, sondern eben anklagt, austcidem möchte auch der Nachweis der wistentlich unbegründeten Anklage, besonder« in politischen Dingen, kaum in zwingender Weise zu führen sein. UebrigenS— verzeihen wir doch den Staat«- anwälten die kleine Schwäch», welche sie oft in recht unschuldigen Handlungen und Worten eine« Sozialdemokraten ei» kleine« Bcrbrechr» erblicken läßt!— Ro. Frdl. Dank sür die eingesendeten Rebu«. Einige davon sind wohl etwa« kühn.— Mehrere Aquarien- Jnterestenten. Hr. 0r. G. P. läßt soeben seinen BentilationSapparat von einem hiesigen Mechaniker konftruiren. Sobald derselbe fertig fein wird, soll derselbe in der„N. W." beschrieben, vielleicht auch abgebildet werden.— M. H.(Weistcnsec.l Wir haben Ihre naturwistenschastliche Arbeit unserm Freunde R.-L. zur Durchsicht eingesendet und bei demselben angesragr, ob er zu einer Korrespondenz, wie Sie sie wünschen, bereit ist. Budapest. S. K. Dank siir frdl. Anskunst. Tarmstadt. Buchhandlung H. Ich., Wittgirrcn. K., Wilsdruff. O. S. Ihre Wünsche der Erpedition übermittelt. Berlin. A. R., Straßburg. H. H.,»Magdeburg. H. L., tkhcmnitz. R. Sch., Leipzig. R. D., Braunschweig. M. Tz., Kopenhagen. P. R., Innsbruck. B. D Komeise. K., Landau. F. H. Die eingesendeten Sedichte und kleinen Abhandlune sind sür un« nicht verwendbar. Entweder leiden sie an Formschwächen oder sie zu unbedeutend oder sie würden, wie da« de« Magdeburger H. L. die staatSanwal»'» Nerven zu stark angreisen. Berlin. A. Bl.: Hamburg. I. I. Sch.: Frankfurt. Ingenieur H. F., M, llr. M. L. und mehrere andere. Ihre Einsendungen werden demnächst geprüft. (Schi»!, der Redaktion: Montag, den«3. Mai.)' _- Inhalt. Ein verlorener Posten, Roman von R. Lavant(Forts.).— Allerlei Meisen, von Dö. W. Gottwois(mit Illustration).- Giordano Bruno, von Dr. L. Jacoby.— Alte Probleme in modernem Gewände(I. Der Stein der Weisen).— Komödianteiifahrten zwisch Trapczunt und Fiume, von Dr. Max Trausil(Forts.).— Eine Hochzeit in China. Paris vor tausend Jahren(mit Jllusttatton). Wirkung d Kamphers auf Erregung des Pflanzcnlebens. Milchbier. Gegen Erdwürmer. Frischerhaltung von Getränken im Sommer. Aerztlicher Br» kästen. Redaktionskorrcspoudenz. Verantwortlicher Redakteur; Bruno Geiser in Leipzig(Plaqwitzerstraße 20).— Expedition: Färberstraße 12. II. ., Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.