Jlluftrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorener Polten. Roman von Sludolf Lavanl. (Fortsetzung.) In feinem Zimmer war es so tranlich und warm; die Lampe mit dem grünen Schirm verbreitete ein gedämpftes, mildes Licht, die Thcemaschinc summte, und schon als er vor der Thür stand, hatte ihn Prouds freudiges, leises Winseln begrüßt. Er klopfte das treue Thier ans-den Ltops und sagte in einer Anwandlung ingrimmigen Hnmors: „Ich kann dir nicht helfen, Prond, du mußt dich wieder ein- mal reisefertig machen. Gehst du wieder mit nach England? Frau Meiling und ihre Schinkenknochen werden dir freilich lange noch das Herz� schwer machen und bei deinem Herrn ist auch nicht alles, ivic es sein soll, aber das wird verwunden und der, Kopf geht dabei nicht herunter." Aber er zuckte doch leicht zusammen, als sein Blick auf den Schreibtisch fiel,— da hatte er sich ja schon am Mittag Brief- Papier zurechtgelegt, und nun blieb sein erster Liebesbrief, der im Kopse längst fertig war, doch ungeschrieben. Oder vielmehr— der Gedanke hatte durch den Kontrast etwas schmerzlich Pathetisches für ihn— auf den Bogen, auf dem er ein Bild von seinen inneren Kämpfen und seinem Sehnen und Zweifeln hatte entwerfen wollen, wollte er sich den eigenen Ausweisungsbefehl schreiben. Jedenfalls kam er damit rascher zustande— derartige Befehle pflegen sich einer lakonischen Kürze zu befleißigen. Die drollige Formel österreichischer Ausweisungsbefehle, wonach man„aus den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern" aus Gründen der öffentlichen Ordnung„abgeschafft" wird, kam ihm in den Sinn, und er hatte für einen Moment den Einfall, einen solchen Befehl parodistisch auf seine Lage anzuwenden, aber mit dem Scherzen wollte es doch picht so recht gehen, und so schrieb er denn kurz und knapp, wenn auch mit zuweilen versagcnwollcndcr Hand: Alter Junge! Die(zweifelhafte) Herrlichkeit hier hüben ist doch nur von kurzer Daner gewesen. Ich habe eine bittre Lektion bekomme», eine gallbittre, und werde mich in wenig Tagen eigenhändig in die Luft sprengen. Es wird mir Ueberwindung genug kosten, auch nur solange noch auszuhaltcn, aber es ist eben doch»och so manches glatt zu niachen, und da heißt es denn, die Zähne aufeinanderbeißen und still halten. Was passirt ist, kannst Du Dir in der Hauptfachc an den Fingern abzählen; das Stück Poet in mir hat mir einen ganz ungeheuerlichen Possen gespielt, und bei dein Ausbrennen einer Wunde geht es denn nicht ohne Zuckungen ab. Ich werde Dir ja den bösen Roman in ein paar Wochen ausführlich mündlich erzählen, und für's erste genügt es, wenn Du weißt, daß ich bald wiederkomme, ohne weitere Anmeldung. Das Schreiben wird mir verzweifelt sauer, und wüßtest Du, was mir heute passirt ist, so bekamst du vielleicht einen gelinden Respekt davor, daß ich überhaupt noch wie ein Mensch schreiben kann, von dem sich voraussetzen läßt, daß er seine fünf Sinne trotz alledem noch so leidlich beisammen hat. Nur das Eine laß Dir noch sagen, daß ich nicht, was Dich ja wurmen würde, eine senk! mentale Abschicdsszene aufführen werde; ich bin vielmehr ganz in der Stimmung, der zu sein, der das Tischtuch zerschneidet, und mir einen glänzenden Abgang zu sichern, nachdem ich vorher noch einmal nach Herzenslust nm mich gehauen habe. Daß ich's kann und daß die Milch meiner Denknngsart sich zwar nicht in gährend Drachcngift verwandelt, aber immerhin unter bestiminten Boranssetzungen bedenklich sauer wird, weißt Du ja. Also Hab' nur keine Bange; ich bin sträflich sentimental gewesen, ich habe eine Dummheit begangen, die nicht aufhört, eine Dummheit zu sein, tvcil sie sich hochpoctisch herausgeputzt hatte, ich bin dafür über die Gebühr malträtirt worden, aber ich werde ihnen zeigen, daß sie sich trotzdem immer noch in mir verrechnet hatten und dafür sorgen, daß sie sich bedenklich hinter den Ohren kratzen, so oft sie meiner gedenken. Grüß mir inzwischen die See, meine alte Liebe, und laß ein Bett aufschlagen für£cincn Wolfgang. Es war ein schmerzliches Zucken der Lippen, mit dem unser junger Freund den fertigen Brief überlas. Dieser Brief befriedigte ihn nur sehr wenig. Einerseits fand er denselben matt und farblos und unvermögend, dem Freunde auch nur einen entfernten Begriff von dem herben, bittren Groll zu geben, der ihm bis herauf in die Kehle schwoll, von dem widrigen Geschmack, den er auf der Zunge hatte, von dem brennenden Bcrgeltnngsvcrlangcn, das ihn verzehrte; andrerseits fühlte �er sich viel elender, als diese Zeilen verriethen, und er war geneigt, sich einen Komödianten zu nennen, und sich ein hohles Prahlen mit einer Festigkeit vorzntvcrfe», von der sein Herz doch nichts wußte, wenn er sie auch, verzweifelnd fast, anstrebte. Der Gedanke an den Entschluß, der ivährcnd der qualvollen Unterredung in ihm gereift ivar, behütete ihn vor dem lS. fluni 1978. f» —— 4; widerstandslosen Versinken in dje cinpörte Fluth des Gefühls, und er klammerte sich krampfhaft an diesen Gedanken, aber es mar doch ein wildes, schneidendes Weh, das er empfand, und das rothe Herzblut der Schmerzen sickerte imnier wieder durch den dürftigen Nothverband der Bitterkeit und des sarkastischen Spotts über die eigne thörichte Schwäche. Er schlug sich vor die Stirn und fragte sich, ob er darum dreißig Jahre alt geworden sei, um eine blonde, blöde Jugcndeselei zu begehen, die andre in ihrem achtzehnten Jahre abmachen, ob Raison darin sei, sich in ein paar dunkle, sprechende Augen zu verlieben und aus Rand und Band zu gerathcn, wenn sich hinterher ganz naturgemäß herausstellt, daß diese schönen Augen einem in weiblichen und kleinstädtischen Vornrtheilen verknöcherten Mädchen angehören; er warf sich vor, durch seinen Jdealisirungsdrang an allem selber Schuld zu sein und sich ein alltägliches Geschöpf solange systema- tisch herausgeputzt zu haben, bis er sich berechtigt glaubte, sie anzubeten: er stellte sich vor, daß er es ja in der Hand habe, der engherzigen Kleinstädterin den Nachlveis zu liefern, daß man es doch noch anders anfangen müsse, um einen so wilden, scheuen Bogel wie ihn einzufangen; er weidete sich im voraus an dem Bilde, das der Herr Kommerzienrath und seine vorsichtige Klientin in dem Augenblick darbieten würden, in dem er alle ihre klugen Pläne zu schänden machte,— aber warum wollte nur das alles nicht so recht anschlagen, warnni zuckte das arme Herz fort und fort? Er zürnte sich selber, er schalt und verhöhnte sich, er rief den Stolz zu Hülfe, der ihn schon über so vieles hinausgehoben und emporgetragen hatte und von dem er hoffte, er werde sich gegen die unwürdige Schwäche empören, aber es blieb doch bei einer Halbheit, und alle Erbitterung und Entrüstung konnte nicht verhindern, daß er die Hände vor die Augen schlug und in hüls- losem Weh stammelte:„Also auch sie, auch sie!" So ward er hin und hcrgeworsen zwischen dem leidenschaft- lichen Grimm über die ihm angethane Ichmach, über den rohen, brutalen Stoß, den man gegen sein Herz geführt, und zwischen der herzbrechenden Traurigkeit über die rettungslose Zertrümmerung und Verwüstung seiner schönen Welt, über den blutigen Hohn, ' der sein Lohn war für seine aufrichtige, uneigennützige Liebe, und als der Morgen des Wiütcrtages durch die Scheiben herein- dämmerte, saß er noch immer am Tisch, den Kopf in' die Hand gestützt und mit müden, erloschenen Augen vor sich hinstarrend. Die Lampe, deren Docht das Oel verzehrt hatte, glomm nur noch in mattem, unsicheren Schein und war nahe am Verlöschen, als er sich endlich noch für ein paar Stunden auf sein Lager warf. Er war so müde, daß er kaum noch eines klaren Ge- dankens fähig war, und doch wollten die schweren, schmerzenden Lider sich nicht schließen,— und wie sehnte er sich nach Ruhe, nach Schlummer, nach noch so kurzem Vergessen! Am liebsten wäre er garnicht wieder aufgewacht: was sollte er auch in einer Welt, die für all' die rosigen Träume einer poetisch angelegten Natur nur trostlose Enttäuschungen hatte? Er hatte keine An- läge zum Pessimismus, aber in dieser schmerzensreichen Nacht legte er sich, doch mit bleichen Lippen die Frage vor, ob die weich- herzigen Träumer, die ohne ihre Illusionen nicht leben können, nicht vor Ekel und Abscheu sterben würden, wüßten sie, wie denn eigentlich die Welt und die Menschen sind, die sie durch gefärbte Gläser sehen müssen, um sie erträglich zu finden. War die Welt nicht für jeden einzelnen eine andere, Ivar sie nicht vielleicht für jeden eben nur die Welt, die in seinem Auge sich spiegelte, und hing nicht alles von der Konstruktion dieses Auges ab? Und er spann den Faden dieses Gedankens, der ihm kam, als er sich wieder erhob, in trübem Sinnen immer weiter, und als er lang- sam und mit schleppendem Schritt in's Comptoir ging, war alles in ihm wie ausgebrannt, und ein leises Frösteln ließ seine Zähne aufeinander schlagen. Frau Meiling, an der er im Hausflur vorüberkam, fragte erschrocken: „Aber, um Gotteswillen, Herr Hammer, wie sehen Sie aus? Sie sind ganz gewiß krank; wollen Sie Sich nicht wieder Bett legen, soll ich nicht den Arzt holen? Was in aller Welt ist Ihnen denn nur zugestoßen?" „Nichts, nichts, Frau Meiling!" lautete die müde Antwort. „Und mit dem Zubettgehen und Doktor» wird nun vollends nichts. Ich bin ein wenig übernächtig, das ist alles, und Sie brauchen Sich keine Gedanken zu machen." Dadurch ließ sich die gute Fran freilich nicht täuschen; sie sah ihrem Miethsmann besorgt nach, schüttelte das graue Haupt und murmelte:„Er hat gewiß wieder die ganze Nacht geschrieben, und das kann unmöglich gut sein. Was er nur immer zu schreiben haben mag? Es wäre ihm wiel zuträglicher, sich bei Zeiten auf's Ohr zu legen und ordentlich zu schlafen; er arbeitet doch den Tag über genug und könnte sich nachher Ruhe gönnen." Als Wolfgang abends heimkam, fing sie ihn ab und sah ihm forschend in's Gesicht. Er bemerkte es und sagte scherzend, wie schwer ihm mich das Scherzen fiel: „Nun, sehe ich wieder manierlich ans? Es war nur eine kleine Staupe, die man beim Arbeiten am schnellsten und leichtesten über- windet." Aber die gutherzige Alte ließ sich kein i' für ein 11 machen; Wolfgangs fahle Bläsft, der erloschene Blick seiner Augen und die Schatten unter ihnen entgingen ihrem Scharfblick nicht und sie hörte es auch dem Klange seiner Stimme an, daß nicht alles war, wie es sein sollte. Sie hörte ihn noch lange mit schweren, ungleichmäßigen Schritten oben im Zimmer ans und ab gehen, und auch das beunruhigte sie. Was er nur haben mochte? Aber sie wußte längst, daß sie nicht fragen durfte, und es ließ sich ja hoffen, daß die Geschichte auch wieder vorübergehen würde. Viel- leicht war er schon am nächsten Morgen wieder ganz der Alte und wünschte ihr mit einem Scherzwort einen guten Morgen— er mar ja nie krank gewesen. Diesmal war er aber doch krank, wenn auch in anderer Weise, als die gute Fran Meiling meinte. Er blieb still, gedrückt und einsilbig, ging schweigend ab und zu und hatte für so manche Frage der alten, braven Fran nur ein mattes, zerstreutes, melan- cholft'ches Lächeln. Manchen Tag kam er ihr so sanft vor, wie nie zuvor, am nächsten Tage schien er von einer nervösen, fiebernden Unruhe beherrscht zu werden, und hatte ungeduldige, fast harte Accente in seiner Stimme. Sie wurde fast irre an ihm, und wenn sie nicht so heillosen Respekt vor ihm gehabt hätte, würde sie am Ende die Frage riskirt haben, ob ihm ein Mädchen zu schaffen mache, und wer denn eigentlich die unbegreifliche Thörin sei, die ihm das Herz so schwer mache, statt mit beiden Händen zuzugreifen. Sie hörte da und dort herum, ohne jedoch nur die leiseste Spur aufzufinden, und Wolfgang kam jeden Abend mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit heim, sodaß sich nicht einmal ver- muthen ließ, er mache irgendwo Fensterparadc. So blieb das beunruhigende Räthsel ungelöst; die Tage gingen eintönig dahin, und auch in den späteren Abendstunden hielt sich Wolfgang still zu Hause; der Gewohnheit der einsamen Spazirgängc schien er .ganz und gar entsagt zu haben. Solange er in Deutschland gelebt hatte, war ihm das Fehlen alles Familienzusammenhangs nie so fühlbar gewesen, als in den Tagen vor dem Weihnachtsabend; sich einen Abend nach seinem Sinne durch Anschluß an eine Familie zn verschaffen, war nicht seine Art, während es ihm ernstlich widerstrebte, diesen Abend im Kreise von Schicksalsgenossen im Wirthshause zn verleben. So hatte er sich denn immer ein Fichtenbänmchcn besorgt, und mit einem halben Lächeln über diese ächt deutsche Gefühlsweichheit sein Zimmer mit Kerzenschimmer und Nadelduft erfüllt und sich eine Weihnachtsfreude dadurch bereitet, daß er die Lektüre eines Buches begann, das er sich lange aufgespart hatte. Er war dieser Gewohnheit in der Fremde erst recht' treu geblieben, kam doch hier noch eine Regung von Heimweh hinzu, das ihm am Christ- abend doppelt schwer auf die Seele gefallen wäre. Nun erlebte er wieder einen Weihnachtsabend in der Heimath, aber diesmal fehlte in seinem Zimmer der weißgcdeckte Tisch und das grüne Bäumchen. Er hatte flüchtig den Gedanken gehabt, sich auch dies Jahr nach einer Fichte umzusehen, aber ebenso rasch hatte er ihn wieder verworfen; es war ihm alles zuviel, alles gleich- giltig, und dann wollte er sich auch nicht weich machen. Er mußte hart sein, wenn er seine Rolle bis zum letzten Wort streng und folgerichtig durchführen wollte, und so beschränkte er sich darauf, Frau Meiling ein Geschenk zu machen, das die alte Fran um so tiefer rührte, als sie nicht gewagt hatte, ihrerseits an ein Geschenk zu denken. Außerdem hatte er einigen armen Arbeiter- familien anonym durch die Post kleine Geldgeschenke gemacht— dazu, den Leuten durch Brennmaterial oder Lebensmittel, die er erst hätte einkaufen müssen, eine Freude zu machen, war er doch zn müde gewesen— und als er nach Einbruch der Dunkelheit einen Gang durch die Stadt machte und dabei auf ein kleines Mädchen traf, das, die blaugcfrorncn Händchen unter der Schürze, vor einem Spielwaarenladen stand und die ausgestellten Herrlichkeiten an- staunte, ging er mit ihr, die ihm betroffen folgte, hinein, forderte sie auf, sich eine Puppe auszusuchen, und schüttete, als sie dies gethan, den Inhalt seines Portemonntiies in ihr gedrucktes Kattun- schürzchcn und schickte sie mit einem freundlichen: „Nun lauf' aber, Kleine, und schenk' das Geld der Mutter!" heinn Er selber aber ging langsam nach Hause und dachte, zwischen Bitterkeit und Wehmuth schwankend:„Wenn dir nun in ein paar Tagen ein plumper, roher Mensch deine liebe, schöne Puppe aus der Hand schlägt, das; ihr Porzellankopf auf dem Pflaster in Stücke und Splitter zerschellt, die sich nimmer wieder kitten lassen, bist du dann nicht vielleicht trauriger als ich und ist, was ich'ertragen muß, denn so erheblich härter? Ist es nicht im wesentlichen genau dasselbe Malheur?" Sylvester- Punschlaune und Neujahrs-Katzenjammer waren nie nach seinem Geschmack gewesen; er hatte auch den Jahres- Ivechsel stets still fiir sich begangen und die lärmenden, aus- gelassenen Gesellschaften, die sich an diesem Abend zusammen- finden, gemieden. Aber er war doch immer an's Fenster getreten und hatte aus den Schlag der mitternächtigen Stunde gelauscht und seinen Freunden im Geiste ein kräftig-herzliches„Profit!" zugerufen: diesmal zündete er sich nicht einmal Licht an und starrte, Prouds Kopf auf seinem Knie, in die knisternde Glnth und auf das irre, hastige, zuckende Spiel der rochen Lichter, die das Feuer an die Wand warf, und der Schlag der Mitternachts- stunde, das Krachen von Schüssen und das Schreien und Lärmen auf den Straßen schreckte ihn ans tiefem, schweren Sinnen ans. Auf dem Tische lag das Heftchen mit all' den Liedern, denen die thörichte Neigung zu Martha Hoher das Leben gegeben hatte; er hatte die Eindrücke des vergangenen Jahres symbolisch von sich abschütteln wollen, indem er dieses Heft den Flammen über- gab, aber nun— ünd das war die Frucht seines Sinnens— stand er langsam auf und schloß das arme, kleine Heft wieder in den Schreibtisch. Was hatten schließlich die Lieder verbrochen, ivomit hatten sie es verdient, den Flammentod zu erleiden? War die Neigung, von der sie redeten uild flüsterten, wie trostlos sie auch enttäuscht und zum Traum eines Poetenherzens verflüchtigt Ivard, nicht ächt und tief und schön gewesen? Er brauchte sie ja nie wieder anzusehen, aber mußten sie darum vernichtet werden? Bielleicht erhielten sie in späteren Jahren erhöhten Werth, als die einzigen glaubwürdigen und unangreifbaren Zeugen, die über eine vcrivorrcnc Periode seines Lebens Auskunft geben konnten und die er dann am Ende gar mit verwundertem, beinahe un- gläubigem Kopfsthütteln anhörte, ohne sich ihren Aussagen vcr- schließen zu können. Sie mußten also anfbeivahrt werden. Die Erinnerung ist eine arge und systematische Betrügerin, die uns ihre gefälschten und entstellten Berichte solange wiederholt, bis wir ihr schließlich Glauben schenken, und wenigstens über den großen Herzensirrthum seines Lebens sollte sie ihm nichts vorslnukern können; mit dem kleinen Heft in der Hand konnte er ihr jede Fälschung nachweisen. Wolfgang wußte längst, daß wir viel weniger Jrrthümer und Fehlgriffe zu beklagen hätten, wenn ivir uns nur daran gewöhnen könnten, nicht immer unseren ersten Impulsen und den Auf- Wallungen der Leidenschaft zu gehorchen; nie aber wurde ilun ein schlagenderer Beweis für die Unzuverlässigkcit dieser ersten Regungen geliefert, als in den Wochen, die der unseligen Szene im Comptoir folgten. Wie viele Wandlungen machten sein Empfinden und seine Entschlüsse durch, ivie entfernte er sich mit jedem Tage weiter von seinem Ausgangspunkt, wie wenig glich, ivaS er jetzt für klug und gerecht hielt, dem, was er in den ersten Tagen für selbstverständlich und unvcrineidlich gehalten hatte! In einem Punkte freilich war er sich gleich geblieben, ja, die Entschlüsse, die sich ihm damals mit Blitzesschnelle aufdrängten und ihn mit einer tvildcn Freude, mit einer düsteren Genug- thuung erfüllten, ivaren noch fester, eiserner und unerbittlicher geworden. Hätte er überhaupt die seelische Marter dieser sich träge hinschleppenden Tage ertragen, wenn er nicht beide Hände auf das regellos pochende Herz hätte pressen, wenn er ihm nicht hätte sagen können:„Warte nur, du sollst deine Rache haben und auch nicht um das Tüpfelchen über dem i sollst du geprellt ivcrdcn!"? Er wußte es nicht, aber so oft ihm die Worte des KommerzienrathS vor den Ohren klangen, knirschte er:„Ihr sollt an mich denken!" Der eitle, innerlich rohe Glückspilz wußte freilich nicht, wie tödtlich, wie unauslöschlich er ihn beleidigt hatte,— was sind solchen Menschen Ueberzeugungen, Grundsätze und Gefühle? Aber einmal wenigstens sollte ihm beiviesen werden, daß es doch noch Menschen gibt, deren Heiligstes diese Heber- zeugunge», Grundsätze und Empfindungen sind und die es als eine ihnen angethane blutige Beschimpfung auffassen, wenn man ihnen dieses Heiligste für schnödes Gold abschachern will, die aber auch das Zeug dazu besitzen, für diese Beschimpfung Rache zu nehmen und nebenbei ihre Stunde abzuwarten verstehen. Jeder Tag, der ihn der Stunde näher brachte, in der er dem Kom- merzienrath indirekt, aber darum nicht weniger entschieden, sagen ivollte, daß er sich kläglich geirrt und verrechnet habe, weil er diesen ideellen Faktor aus der Rechnung weggelassen hatte, wälzte einen Theit der Last, die ihm den Athem raubte, von seiner Brust und er drückte, die Faust ballend, die Fingernägel m's Fleisch und wiederholte sich wieder und wieder:„Geduld!" Anders war es mit seinem Empfinden, soweit dasselbe Martha anging. Hatte er anfänglich auch ihr auf's bitterste gegrollt und ihr die heftigsten Vorwürfe gemacht, so war er mit jedem Tage milder geworden. Er hätte freilich nur die Achseln gezuckt und die Lippen verächtlich aufgeworfen, hätte ihm jemand von einer Aussöhnung, von einem Vergessen, Verschmerzen und Verwinden der namenlosen Kränkung gesprochen, die auch sie ihm zugefügt; zwischen ihnen war alles unwiderruflich ans und in seiner Seele klang es:„Gewogen, gewogen und zu leicht befunden!" Erver- trug an der, die er lieben sollte, keine Kleinlichkeit, keine Be- schränktheit und Engherzigkeit, keinen Mangel an Zartgefühl, und in dem Augenblick, Ivo er diese Gebrechen an ihr entdeckte, verlor sie zwar nicht ihre sonstigen Vorzüge, aber es kam ein greller Mißton in die Melodie, der sie für ihn zerstörte und ihr allen Reiz und Werth nahm. Sie war vielleicht noch immer ein ganz liebes Geschöpf, aber sie war nicht mehr eine Geliebte für ihn, an der kein Fehl und Makel sein durfte; sie hätte das, was sie gcthan, nimmermehr thun dürfen, wenn er nicht aufhören sollte, sie zu lieben. Wie ein Glas, in das ein Sprung gekommen ist, kein Helles Läuten mehr von sich gibt, sondern nur noch einen dumpfen Klang, so machte dieser eine Beweis dafür, daß sie doch nicht in jeder Beziehung mar, was er geträumt, alles rettungslos zunichte.' Aber war es denn nun gerecht, ihr zu grollen? Durfte er sie mit so strengem Maße messen? Was konnte sie dafür, daß er sie iiber die Gebühr idealisirt hatte und daß sie nun seinem Tranmbilde nicht entsprach? Konnte sie, in engen, ungünstigen Verhältnissen und einer korrumpirendcn Umgebung aufgewachsen, anders sein, als sie war?" Im Einklänge damit hatte er anfänglich gemeint, es ihr gegen- über nicht bei der Antwort bewenden lassen zn dürfen, die er dem Kvimnerzieiiralh gab und die ja auch ihr galt; er hatte ihr in schonungslosen Worten auseinandersetzen wollen, daß und warum er ihre Bedingungen verwerfen müsse und ihr—„leichten Herzens" natürlich und mit„kühlem Achselzucken", wenn auch „bcfchämt über seinen Mangel an Scharfblick"— entsage. Jemehr ihn alle die bitteren, unbarmherzigen Worte, die er ihr sagen zn müssen glaubte, quälten, desto mehr steifte er sich darauf, ihr diesen Brief zu schreiben; er schalt sich wegen der Schwäche, /die ihm immer und immer wieder vorstellte:„Warum sie zur Zcr- trümmerung aller ihrer Illusionen, an denen du doch mit schuld bist, auch noch geflissentlich und kalten Blutes kränken, warum deiner rechtmäßigen Rache auch noch Sarkasmen und Demüthi- gungen hinzufügen?" Dennoch siegte diese Regung; es war genug, wenn er einen Schritt that, der ihr sagte:„Ich bin so weit davon entfernt, dich des Preises iverth zu finden, den du forderst, daß ich meine Schiffe hinter mir verbrenne und eine nnübcrsteigliche Mauer zwischen uns aufrichte?" War es nicht sogar noch stolzer, edler und eindringlicher, wenn er sie gar keines direkten Wortes würdigte? Und dennoch kam er noch später ans den Gedanken, ihr zu schreiben, wieder zurück, nur wollte er ihr so schreiben, wie es ihm wirklich um's Herz war; er wollte ihr nichts schenkeu und erlassen, er wollte aber auch nicht mit einer Ruhe prahlen, die sie doch vielleicht als eine vorgebundene Maske erkannt hätte, er wollte wahr sein bis zum letzten Augenblick; erhielt er doch nur dadurch ein Recht, über das an ihm Verübte zu Gericht zu sitzen, konnte er doch nur auf diese Weise sein Handeln in den Augen Martha's aus einem blos trotzigen, eigensinnigen und hoch- fahrenden zn einen: stolzen, berechtigten, ja nothwendigen machen. Zudem— strafte er sie nicht viel empfindlicher, wenn er ihr sagte, was sib ihn: gewesen war und was sie an ihm verlor, raubte er ihr so nicht jede Möglichkeit, ihr eignes Verfahren sich selber gegenüber zu beschönigen und ihm falsche Motive anzudichten, die sie nur als erwiesen anzusehen brauchte, um sich über das Scheitern ihres Plans zu trösten, und gereichte ihr die volle Kenntniß seiner Beweggründe nicht hoffentlich zugleich zur Warnung und zur Lehre, vorausgesetzt, daß sie noch einmal die Aufmerksamkeit eines so kritischen und sensitiven Träumers auf sich zog, wie er es war? (Fortsetzung folgtfl �—:--:—."_—----»-.VT- Wüstenpost.(Seite 44Z.) 437 Doltaire und Rousseau und ihre kulturhistorische Mission. Beitrag zur hundertjährigen Gedenkfeier am 30. Mai und 2. Juli 1878. Bon K. Ichteiscn. Die französische Auskläruugsliteratur des 18. Jahrhunderts dokuuieutirt eine der gewaltigsten Wendungen in der Geschichte des menschlichen Geistes, sie erzeugte eine so tiefe und allgemeine Umwälzung in den Meinungen und Gesinnungen der Menschen, wie eine ähnliche seit der llicformation nicht mehr vorhanden war. Die Gedanken und Forderungen der französischen Vhilo- sophen sind aber um vieles kühner und vordringender, rückhalts- loser und unerschrockener. Mit heldenmüthiger und wahrhaft bewundernswerther Energie und Kühnheit, mit der edelsten Selbst- Verleugnung und Begeisterung, mit dem kraftvoll einschneidenden Unwillen sittlicher Empörung wenden sich diese Schriftsteller gegen alles, was in Kirche und Staat den Forderungen der Vernunft zuwiderläuft. Mitten un- tcr dem elendesten Druck des kirchlichen und weltlichen Despotismus behaupten sie die Freiheit und Würde der Menschen- nawr. Gegen die Geistes- Unterjochung der allein- seligmachenden Kirche dringen sie auf Gedanken- freiheit, auf Liebe und Toleranz; gegen die Be- drllckungen der herrschen- den Staatsform ans Besse- rung der Verwaltung, auf Umgestaltung der Ber- fassung, auf Verminderung der Abgaben und Strafen. Der Mensch ist nicht da blos zu Gunsten weniger Bevorzugter, welche voni Schweiße der Armen sich mästen, sondern alle haben gleiches Anrecht auf die Güter dieser Erde, jeden« soll Befreiung werden durch die allgemeine Zugänglich- keit der Erziehung und Bildung. Durch die her- vorragendsten Geister jener Zeit geht eine warme und thatkräftigc Menschenliebe, eine jugendfrische Bcgeiste- rung und Opferfrendigkcit für die Sache der Menschheit. Die überlebten An- schauungen und Ucberliefe- rnngcn werden zertrüm- inert ivic hohle Götzen und dagegen die Vernunft wieder in ihre verlorenen Rechte eingesetzt. Ganz Europa nahm den lebhaftesten Antheil an den Kämpfen dieser Männer. Allein die allgemeine Gunst, welche das vorige Jahrhundert diesen Philosophen entgegenbrachte, ist jetzt fast in ebenso allgemeinen Haß verwandelt; nach den Gcwaltthätigkeitcn und Uebcrstürzungen der französischen Revolution hat man sich gewöhnt, über die französische Aufklärungsliteratur unerbittlich den Stab zu brechen. Man liest und kennt diese Schriftsteller nicht mehr, aber man verleumdet sie; man spricht nicht nur von ihrer Frechheit und Oberflächlichkeit, man sieht in ihnen nur das Produkt eines verwilderten Zeitalters; was sie Gutes und Segens- reiches gewirkt haben, danach fragt man nicht. ' Uns fällt nicht ein, ihre großen Fehler verthcidigen oder gar in Abrede stellen zu wollen; sie haben oft nur spottenden Witz, wo wir sittlichen Ernst und wissenschaftliche Gründlichkeit vcr- langen; aber selbst ihren Jrrthümern wohnt ein uiiverwüstllcher scquenzcn eine festere Grundlage zu geben, sie selbst bleiben die- selben. In einer Zeit, da religiöse Verfolgung, Folter, willkürliche Haft, Ungerechtigkeit des Richterspruchs, Erpressung aller Art die täglichen und völlig zu Recht bestehenden Dinge waren, da waren sie es, die mit dem überzeugenden Gefühl tiefster Entrüstung gegen alles, was sie für Mißbrauch hielten, mannhaft Krieg führten, unermüdlich für Aufklärung und religiöse Duldung, für Befreiung und Erleichterung der gedrückten Volksklassen stritten und die verlornen, aber unveräußerlichen Rechte der denkenden Erkenntniß und der angebornen Menschenwürde wiedcrcroberten. Dies ist bei allen ihren Schwächen ihre Größe, ihre unvergängliche Welt- geschichtliche Bedeutung. Es ist nicht leere Schmeichelei, sondern rich- tige geschichtliche Einsicht, weyn die jüngeren fran- zösischen Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts Voltaire ihren Patri- archen nennen, denn er war der Vater und das Haupt jener Aufklärnngs- Philosophie, welche so ge-' waltig gegen die Satzungen und Ueberlicferungen der herrschenden Kirche an- kämpfte und die großen Entdeckungen und Anschau- ungcn Newtons und Locke's zur allgemeinen Grundlage des Denkens zu erheben suchte. Seinen Charakter bc- zeichnet am besten eine Aeußerung Friedrichs des Großen. Während seines Aufenthaltes in Berlin hatte Voltaire einen etwas schmutzigen Handel mit einem Juden, wobei der Christ und der Jude ein- ander um die Wette be- trogen. Darüber aufgc- bracht, schrieb ihm Friedrich: „Wenn Ihre Werke Sta- tuen verdienen, so ver- dient Ihr Betragen Ketten- strafe." Boltaire's Cha- rakter war eine seltsame Mischung der größten Tu- genden mit den größten Laster». Habsucht, Eitelkeit, Rachsucht finden sich vereint in ihm mit der edelsten Freigebigkeit, der opfer- willigsten Großmuth und der strengsten Gercchtigkeitsliebe. So räthselhast ein solcher Charakter bleibt, wenn man blos den Menschen für sich betrachtet, so klar wird uns dieser Mann, wenn wir ihn im Zusammenhange mit seiner Zeit betrachten; seine Fehler erscheinen dann als natürliche Wirkungen seiner Zeit und ihrer Vcrbildnng, theils sogar als Mittel zu ihrer Umbildung. Es war nicht ein reines, ruhiges Licht, dessen die Zeit bedurfte, sondern ein loderndes, sunkensprühendes Feuer; es handelte sich nicht darum, eine neue Wahrheit aus den Tiefen der Natur und des menschlichen Geistes heraufzuholen, sondern die erkannte zu verbreiten, sie für die weitesten Kreise verständlich und anziehend zu machen, und ganz besonders alles, was ihre Ausbreitung hin- derte, das Verlebte und Verrottete, Mißbräuche und Bornrtheile aus dem Wege zu räumen. Grade in letzterer� Beziehung war Kern von Wahrheit innc, ihrem Denken und Wirken hochherzige Voltaire, vermöge seines beizenden und ätzenden Spottes, Master. Begeisterung und Thatkraft. Es gibt nicht eine Frage der Er hat die Atmosphäre des men,chllchen Denkens von einer Menge modernen Naturwissenschaft, welche nicht schon von den französi- fauler D'nste befreit, manche Gessel, die das menschliche Leben scheu Materialisten angeregt und bis z» ihren letzten Konsequenzen beengte, ha. er gelprcngt oder doch angeseilt; sein Standpunkt verfolgt worden wäre; die heulige Wissenschaft sucht jenen Kon-| ist zwar nicht mehr der unsere, aber wir wären nicht so weit fort- 438 geschritten, wenn seine scharfe Axt uns nicht die Bahn gebrochen hätte. Die Behauptung, Boltairc habe sich in seinen letzten Tagen wieder zum Christenthum bekehrt, ist falsch; dies beweist ein kurzer Blick ans diese Zeit. Auf Antreiben seiner Nichte unternahm er im Februar 1778, 84 Jahre alt, noch einmal eine Reise nach Paris, wo ihn das Volk beinahe vergötterte, während der in Versailles sich anfhaltende Hof ob seiner Ankunft in große Vcr- legenhcit gerieth; Ludwig XVI. ließ sogar in den Registern der Berhaftsbefchle feines Vorgängers nachsuchen, ob sich kein Akten- stück vorfände, das Voltaire den Aufenthalt in Paris verbiete, es fand sich aber nichts. Den vielen Aufregungen und Anstrengungen war indeß der alte Mann nicht mehr gewachsen; schon am 2. März ließ er mit dem Arzt einen Abbe rufen, damit man nicht, wie er sagte, seinen Leichnam auf den Schindanger werfe. Zu dem Abbe sagte er: „Sie wissen, weshalb ich Sie rufen ließ; wenn es Ihnen gefällig ist, machen wir das kleine Geschäft auf der Stelle ab." Nachdem der Abb« seine Beichte gehört, wollte derselbe ihm auch das Abendmahl reichen, Voltaire aber machte ihn darauf aufmerksam, daß er Blut speie und sagte:„Da müssen mir uns doch in acht nehmen, das des lieben Gottes nicht mit dem ineinigen zu vcr- mischen." Einem Freunde, der ihn einige Tage später fragte, ob er wirklich gebeichtet habe, erwiderte er:„Je nun, Sie wissen, wie es hierzulande zugeht, man muß ein wenig mit den Wölfen heulen; an den Ufern des Ganges wollte ich mit einem Kuh- schwänz in der Hand sterben." Einige Jahre vorher hatte er einmal an Friedrich geschrieben: „Ich fürchte den Tod nicht, aber ich habe eine unüberwindliche Abneigung gegen die Art, ivie man in unsrer heiligen römisch- katholischen apostolischen Kirche stirbt; es scheint mir äußerst lächerlich, daß man sich ölen läßt, um in die andere Welt zu gehen, wie man die Achsen seines Wagens schmieren läßt, wenn mau auf Reisen geht." Den Ueberzengungcn, welche er sein ganzes Leben lang vcr- focht, blieb Voltaire bis zum letzten Augenblick treu. Nur darf nicht vergessen werden, daß er durchaus kein Atheist war; mit seinem berühmten: Eerasez l'infame!— vernichtet die Infame! meinte er nicht die Religion überhaupt, sondern nur die christ- liche Kirche; Gott hat er unmcr rcspeklirt, aber alle diejenigen, welche in seinem Namen die Menschheit betrogen haben, schonungs- los' gegeißelt. Von ihm rührt auch der Ausspruch her:„Wenn es keinen Gott gäbe,, so müßte man einen erfinden"— für das Volk nämlich! Bon unten, von der Masse, erwartete er kein Heil; Voltaire, dieser Hauptbcgründcr einer neuen Zeit, stand eben mit einem Fuße noch auf dem Boden der alten, er war der auch heute noch verbreiteten irrigen Meinung, das Volk be- dürfe des Glaubens an einen strafenden und belohnenden Gott, theils als Trost im Unglück, theils als nothwendigcn Zügel, um es in Zucht und Ordnung zu halten; das Volk aber wird eines Tages beweisen, daß diese Ansicht ein Jrrthum ist und daß es ebenso, wie schon heute aufgeklärte und gebildete Menschen, auch ohne besondern Glaubensapparat und religiöse Zucht- und Dressur- mittel ein moralisch geregeltes Leben zu führen im Stande sein wird. Von diesem ersten Krankheitsfalle erholte Voltaire sich wieder, aber am 28. Mai stand der Abbe schon wieder vor dem Bette des nunmehr wirklich mit dem Tode Ringenden, der auf die Frage, ob er an die Gottheit des Erlösers glaube, sich mit deu Worten abwandtc:„Laßt mich in Frieden sterben!" Nachdem die Geistlichkeit, ivie vorauszusehen war, das Begräbnis; verboten hatte, wurde die Leiche so eilig und still als möglich nach der Abtei Scellieres bei Trohes gebracht, deren Abt Voltairc's Neffe war, und dieser ließ seinen Onkel am 2. Juni nach einem feierlichen Todtenamte in der Klosterkirche begraben. Kaum war dies geschehen, als ein Erlaß des Bischofs von Trohes das Begräbniß untersagte; das Verbot kam zu spät, Boltairc hatte der Klerisei auch im Tode noch ein Schnippchen geschlagen. Elf Jahre später begannen die Pariser, in Praxis zu übersetzen, was Voltaire sie theoretisch gelehrt hatte, und im Jahre 1791 dekretirte die Nationalversammlung die Versetzung der Reste Voltairc's zugleich mit denen Rousseau's nach der zum Pantheon umgewandelten Gcnovcfakirchc; nach ueunundzwaiizig Jahren wurde das Pantheon wieder Kirche und die beiden un- heiligen Leichen wurden aus der Gruft in ein Gewölbe unter der Vorhalle gebracht; wieder nach zehn Jahren gab die Juli revolution den umhcrgcworfencn Gebeinen ihre vorige Ruhestätte wieder. Man sagte später, von diesen sei nichts mehr zu finden gewesen, die Geistlichkeit habe Kalk darauf schütten lassen, um sie gänzlich zu vertilgen; sie hätte damit unbewußt den Antichrist ihrem Christus gleichgestellt, der ja auch keine irdischen Reste auf der Erde zurückgelassen haben soll. So möglich es wäre, daß die Geistlichkeit ihren Haß auf solche Weise an den Gebeinen Voltairc's ausgelassen hätte, so lächerlich wäre ein solches Be- ginnen, denn das, was der Mensch— ob er als Ehrist oder Antichrist gelebt— auf Erden zurücklassen kann, sind ja nicht die paar armseligen Knochen, sondern es ist sein Geist, der unsterblich in seinen Werken unter den Menschen fortlebt und fortwirkt, so- lange es Menschen gibt, die diese Werke zu verstehen und zu be- wundern fähig sind.(Fortsetzung folgt.) Ein Stuck Kulturgeschichte des Mittelalters im Orient. Von ,21. 5Jcßcf. (Schluß.) Wo der Ueberfluß die Schivelgerci ermöglicht, da hat uptcr den bisherigen Formen der Menschheitsentwicklung stets neben dem Reichthum die bitterste Armuth ihre Hütten aufschlagen müssen. Bagdad, das zur Chalifenzeit über eine Million Ein- tvohncr zählte, barg in sich dieselben Gegensätze, die.jede moderne Großstadt heute in sich birgt. Und wie heute an den Tischen der Reichen und Mühseligen sich gerne ciii Heer von Schmeichlern und Schmarotzern einfindet, so war es in noch höherem Grade der Fall in jenem Zeitalter mid in Ländern, in denen die Gastfreundschaft zu den ersten Tugenden gehörte. Das Schmeichler- und Schmarotzerthum bildete, wie die Angehörigen jedes wirklichen Gewerbes im Orient und später im christlichen Mittelalter, eine wohlorganisirte Zunft, die ihr charakterloses Handwerk nach bestimmten Regeln trieb; und da ist es denn höchst ergötzlich, zu hören, wie der Altmeister einer solchen Zunft seinen Genossen BerhaltungSregclii gibt und im Tone des Kapuziners in Walleustein's Lager, über den Verfall der edlen Schmarotzerkunst klagt, als er einem in die Zunft Neuaufgenommenen das Bcstallungsdiplom einhändigt, das im Auszug folgendermaßen lautet: „Dies ist das Bestallungsdiplom des N.?2. für d-m N. N., ausgefertigt bei gcsnnden Sinnen,— doch krank von innen,— geschwächt im Kauen— und besorgt um sein Verdauen,— bei des Lebens Ausgang— und der Ewigkeit Anfang,— als Ermahnung und Berathung an die edlen Äunstsproßcn— und Sufy-Zunstgcnossen,— die Tellcrlccker und Nimmersatten Fein schmecker— der Tofaily- Gilde, deren Mühle immer geht,— deren Gier nie stille steht,— die Männer mit gaffendem Mund— und klaffenden Schlund. „Heil über euch!— Und Gott lobpreise ich zugleich,— den Einzigen, der euch mit Zähnen zum Beißen und Kauen bewehrt,— der euch ivcitc Mäuler und tiefe Schlünde gewährt,— und dem Propheten spende ich mein Lob,— der des Islams Fahne erhob,— die Verwandten zu ehren befahl— und mit den Armen zu theilen das Mahl!— „Hiermit thue ich denn kund, daß ich sah, wie die Männer vom Eßbundc und die Meister der Frcßkunde— immer seltener werden— auf Erden,— ciuen Stern nach dem andern sah ich schwinden;— in Stadt und Land ist kaum einer zu finden,— de., diese hohe Kunst noch innc hat,— der all' ihre Schliche und Griffe im Sinne hat,— wie man in den Speisesaal sich schleicht — und die gedeckte Tafel erreicht.— Das höchste, was jetzt einer leistet, ist, daß er sich an die Reichen macht;— dann sitzt er an deren Tische in Demuth und Andacht,— schürzt elegant seinen Leibrock empor— und holt mit den Finqern behutsam die Bissen aus der Schussel hervor*).— Das alles ist gegen die Regeln der guten Schule, der alten— welche große Brocken vorschreibt und tadelt das Maßhalten.— Wenn dann ein solcher Stümper die guten Bissen genossen hat,— so hält er ein, als wäre er satt— und ißt er noch weiter,— so thut er es als Gesellschafter und Begleiter.— Ein solcher Stümper leistet im Essen bei solchen Festen— kaum mehr als einer von den Gästen.— Und das, ihr Edlen, hat die Kunst vernichtet— und ihr Ansehen zu Grunde gerichtet,— so daß deren Jünger die Regeln nicht mehr ivissen— und alle ihre Feinheiten missen,— unbekannt sind ihnen der alten Meister gewandte Grifte— und ihre Künstler- kniffe.�— Hier in diesem Schreiben will ich nun mit der Zunge der Eßbegier das alles deuten— und wollen hierfür zuerst dem Teufel Nimmersatt den Gruß entbeuten.— „So wisset denn ihr Kumpane von Tafel und Tisch:— je verächtlicher der Tropf,— desto leichter füllt er den Kropf,— je ungeschlachter,— desto bessere Geschäfte macht er;— besuchet das Bad an allen Tagen— und salbt euch den Magen,— auch Strecken'und Wälzen sei euch empfohlen,— um von durchwachten Nächten euch zu erholen,— dann aber laßt keine Straße und Ecke,— keinen Eselstall,— seid überall!— Gebt besonders auf die Herbergen und Schenken acht,-- umwandelt sie Tag und Nacht,— vorzüglich nehmt auf Hvchzeitsschmänse Bedacht— oder die Häuser, wo man eine Erbschaft gemacht,— oder wo man bei Würfelspiel ivacht,— haltet euch vow den Kreisen der Possenreißer nicht fern,— sowie von den Standplätzen schein- heiliger Herren,— besucht die Widderkänipfe gern,— ebenso ivie die Pfründer in den Kapellen— und die Bewohner der heiligen Andachtsstcllen;— bei allen Weibern mit Krücke— kann mancher Tag euch glücken— und achtet bei jedes Hauses Thor— was für ein Geruch gehet daraus hervor.— Tadel und Spott beirren euch nicht:— es ist nur der Neid, der ans euren Feinden spricht;— laßt keines Lakaien Drohung euch verdrießen,— von keinem Pförtner die Pforte verschließen,- eröffnet euch selber das Thor;— sind aber Riegel davor,— so klettert zum Fenster empor.— „O, wie oft habe ich gestritten— und gelitten!— Hiebe gegeben und bekommen,— Tritte verthcilt und genommen!— jetzt sieht man an mir nur die Reste,— denn vergangen ist das Beste— mein Haupt ist durch die Glatze glatt,— und mein Aug' durch das alles matt,— ab«' das ist mir alles Spaß,— wenn nur erst da ist ein leckerer Fraß!— drum ermahne ich euch, ihr Jungen und Alten,— das alles wohl im Gedächtniß zu behalten,— und nun denn seien eure Kiefern und Magen,— Gottes Schutz befohlen in allen kommenden Tagen!" Im Gegensatz zu Dichtungen solch grob materiellen und sinn- lichen Inhalts wie die vorstehende eine ist, entwickelt sich in geistig höherstehenden Kreisen die rcflektircndc Tichtnug, die edel in der Form, alles was sie besang poetisch vergeistigte. Wie ganz anders als die früher mitgetheiltcn klingt ein Liebcslicd des Waddah, das in seiner ganzen Denk- und Darstcllungswcisc vpn einem lyrischen Dichter unseres Zeitalters ausgegangen sein könnte, nur das die Sprache des Arabers epischer ist. Ach! mich verfolgt von der einen Seite der Tadler Schaar! Von der andern ein Traumbild, wie reizender keines noch war! Es besuchte mich in Sana's Palästen, denn es durchfliegt, Was da von Wegesgefahren und Bergen zwischen uns liegt. lieber Felsengeröll und Sandfluth wanderts mir mch, Wenn auch ein Weg von acht Tagen zwischen mir und der Geliebten lag. Und als ich schlief, da kam es und begann mir Vorwürfe zu machen, Ach, wie lieblich sie klangen, und sagte mir auch noch gar manche Sachen. Ich aber rief: sei gegrüßt du holdes, geliebtes Bild, Tausendmal grüß ich dich, wen» du mich heimsuchest so mild. Jede Liebe muß mit der Zeiten Länge allmählich vergeht!, Aber meine Liebe zu Rauda vergeht nicht, sie wird ewig bestehn. Ein durch seine Innigkeit des Gefühls wahrhaft rührendes Gedicht ist das nachfolgende des Abu Firas Hamdang, der!>6« unserer Zeitrechnung starb, also in einer Periode, wo das Ehalifenreich seine Blüthczeit hinter sich hatte. Abu Firas gehört zu den ersten Dichtern des Orients. Die meisten seiner Gedichte handeln von Kampf und Krieg, weniger von Minne und Zechgelagen, wie sie andere Dichter jener Zeit so reichlich bieten. Das nachfolgende Gedicht richtet er ans der *) Im Orient wird noch heute ohne Lössel und Gabel die Speise mit den Fingern aus der Schüssel gelangt. Gefangenschaft in Konstantinopel"), in die er im Kampf gegen' das griechische Kaiserreich gerathen war, an seine alte Mutter in Manbig. Diese Lage erklärt auch den ihm sonst fremden melancholischen und tiefreligiösen Zug, welcher in dem Gedicht sich kund thut. War's nicht wegen der Mutter in Manbig, der alten, Mich würde die Furcht vor dem Tode zurück nicht halten. lind ich würde, was du heischest: durch Lösegeld mich zu befrei'»— Mit stolzem Sinn abweisend entgegnen: o nein! Doch kann ich es nicht und ich thue, was sie immer nur wollte, Und selbst wenn es mit Schmach bedecken mich sollte. Und ich seh' es als Pflicht an, die ich ihr schulde, Zu sorgen, daß auch des Krieges Wildheit sie nicht dulde. � In Manbig da sitzt sie, die Alte, in Angst und Bangen, Voll Trauer um mich ist die Aermste von Kummer unlsangen. � Ach wenn des Schicksals Tücken, die Schrecken der Nacht, Sich abwenden ließen durch der Menschen Willensmacht, Dann würde sicherlich niemals von des Unglücks Harme Die Stätte heimgesucht werden, tvo sie wohnf, die Arme! � Doch Gottes allmächtige Fügung, sein hehres Walten, Beherrschen die Menschheit und lassen, sich nicht aufhalten Und der Duldermuth, der wächst für jeden umsomehr, Als das Mißgeschick ihn heimsucht unerwartet und schwer. Oh, daß doch diese Wolken nach Manbig flügen Und fort und fort meine Grüße zu ihr hintrügen. Frömmigkeit und echte Ergebung in Gottes Befehle Sind vcrcinl in dem guten Herzen dieser edlen Seele. O Mütterlein! dir ruf ich zu: verlier nicht den Mnth, Gott hat geheime Gedanken: die verthcilt er gut. Wie manchen Schrecken schon hat er von uns abgelenkt, Wie manche bittre Prüfung uns geschenkt. Drum harre aus, o Mutter, in geduldigem Sinn, Denn dieser Rath ist in Roth der beste Gewinn. Im zehnten Jahrhundert,' das deuteten wir schon an, hatte das Ehalifenreich seinen höchsten Glanzpunkt erreicht. Der hohen materiellen Entwicklung entsprach die geistige. Auf allen Hoch- schulen hatten sich philosophische Schulen gebildet, die in rücksichts- loser Forschung nach dem Urgrund und der Entstehung aller Dinge fragten und zu Schlüssen kamen, die sehr abweichend von dem, was die mohamcdanischc Priesterschaft, voran die fanatischen Ulemas, lehrten. Es gab gewaltige Geisteskämpfe, die aber ganz im Gegensatz zu den späteren gleichartigen Kämpfen im Christen- thum, ohne Blutvergießen und ohne jene wahnsinnigen Ber- folgnugen des christlichen Mittelalters verliefen. Auf verschiedenen dieser Hochschulen ward der Atheismus offen gelehrt und gc- predigt.' Aber das war die Grenze, an welcher die Forschung ankam. Die Naturwissenschaften waren, trotz der Förderung, welche sie unter dem Islam erfahren, immer noch, im Vergleich zu heute, in den Kinderschuhen und ihre Weiterentwicklung ward gehemmt, als mit dem Ende des zehnten und dem Anfang des elften Jahrhunderts es jedem Denkenden offenbar wurde, daß das Reich des Islam seinem Verfall entgegenging. So verbreitete sich jene Geisteskrankheit, die stets entsteht, wenn die Strebenden fühlen, daß eine bisher große und mächtige Gesellschaft ihrem Untergang entgegeneilt— der Pessimismus. Bei dein Untergang des römischen Weltreichs nahm der Pessi- mismus die Form der stoischen Philosophie an, und das damals aus platonischer Philosophie und hebräischem Mystizismus cnt- standcuc Christenthum ist seiner wahren Natur nach nichts anderes als eine Religion des Pessimismus. Wenn dieser sein wahrer Charakter sich trotz aller Mühe, die man sich fast zwei Jahr- tausende gegeben, nie zu allgemeiner Wirkung in der Menschheit gelangt, so war dies nur möglich, weil Völker auf die Weltbühne traten, die zu urwüchsig, zu gesund und zu kräftig waren, um sich vom Gifthauch jenes Pessiinismns entnerven zu lassen. Diese ungläubige und pessimistische Philosophie des Islam fand in der Person des Dichters Maarry, der wenige Jahre nach" dem Tode des Abu Firas geboren, bis iu's elfte Jahrhundert lebte, ihren poetischen Ausdruck. Er war der letzte große Dichter, der aus arabischem Stamme hervorging, und so zeigt sich denn auch au diesem Umstände, wie die geisftge Produktionsfühigkeit einer herrschenden Klasse oder Rasse nachläßt, sobald ihre materielle Grundlage m's Schwanken gekommen ist. Der philosophische Geist des Zweifels und der Glaubenslosig- keit, gepaart mit der Naturauffassung jener Zeit, tritt hervor in folgenden Gedichten des Maarry: *) Konstantinopel siel erst 1453 in türkische Hände. Ich frug die Kundigen von Ma'add und ihre Mannen Um Saba's Könige und was sie denn sannen und gewannen. Sie sprachen darauf: eitel Tand; denn der Zeiten Macht Verschont den König nicht, noch den Frommen, der die Nächte durchwacht. Ich sehe dort oben ein Firmanent in ewiger Schwingung, Aber verborgen für uns ist dessen inn're Bedingung. Wohlan! laß die Welt und bleibe, wenn du klug bist, ihr fern, Denn ihr vergönne ich fürwahr meine Freunde nicht gern. Wir sind die Geschicke;— Sie sind wie Reiter, die ziehen, Oder wie Heere, die einmal siegen, das andere mal fliehe». In einer anderen Dichtung wendet er sich mit kühnen Worten gegen der Priester Lug und Trug: Erwacht, ihr vom Wahne Bethörteu, aus dem Wahne erwacht! Denn eure Dogmen sind Fabeln, listig von den Allen erdacht. Sie wollten nur irdisches Gut gewinnen und sie haben's erworben: Sie starben und mit ihnen ist das Gesetz der Elenden gestorben. Sie sagten, daß die Zeit dem Ende nahe, dem Ende der Welt, Daß von den Tagen nur wenig mehr bis zur letzten Stunde fehlt. Sie logen! denn wie wüßten sie, daß der Zeitpunkt gekommen? Verschließt euer Ohr den Lügen, die ihr von jenen vernommen. Sein atheistisches GlaubenSbekenntniß enthalten folgende Strophen: Auf einen Gottesmann hat das Volk seine Hoffnung gebaut, Der da leiten soll, wenn die Menge rathlos um die Retter schaut. Eitler Wahn ist's, denn die Vernunft allein ist der göttliche Leiter, Der am Morgen und Abend euch führet als erfahrner Pfadvorschreiter. Und in Bezug auf das Fortleben nach dem Tode: Wie sollte das wieder zum Leben erstehen, was einmal sein Ende fand, Nachdem das dürre Schilf entfachte den letzten Vernichtungsbrand? Allem Anschein nach waren die großen Wallfahrten, die all- jährlich vom ganzen Orient nach Mekka stattfanden— und heute noch alljährlich vorkommen— oft von sehr nnhciligen Hand- lungen begleitet, wie das ja auch mit treffendem Grunde von den christlichen Wallfahrten bis in unsere Tage gesagt lvird. Da- gegen erhebt sich Maarry's warnende Stimme also: Jungfrau, halt ein! Denn gewiß die Wallfahrt ist nicht Für Frauen und Mädchen bindende Glaubcnspflicht. Im Felsthal von Mekka da wohnen gar böse Gesellen, Unwürdige Hüter des Tempels und der heiligen Rollen. Die Schaibamänner*) sind betraut mit der Tempelwart. Wenn zur Kaaba die Völker versammelt die Pilgerfahrt, Da stoßen sie paarweis die Leute in die heilige Kammer, Während sie selber taumeln vor Kätzenjammer. All' ihr Streben geht darauf, sich Geld zu erlisten, Sie ließen für Geld in die Kaaba selbst Juden und Christen. Ersetze die Wallfahrt durch das Gute, das du gethan, Drum, wenn eine Wallfahrt man heischt, sprich hurtig: wohlan! Seine Ansicht über die Religion, wenn man diesen Ausdruck hier gebrauchen darf, da es sich um ein reines Sittengesetz handelt, faßt er in die Worte zusammen: Religion ist's, gerecht zu sein, gegen alle Welt. Viebt's eine Religion, die einem das Recht vorenthält? Mit diesen zwei Zeilen ist die„Religion" des echten Menschen den Religionen, die auf Unterdrückung des Menschen beruhen und aller Unterdrückung Werkzeug sind, gegeniibergestellt und treffend beantwortet durch— eine Frage. Endlich kommt auch der Pessi- *) Schaiba heißt die Familie, die bis auf deu heutigen Tag die Kaaba hütet. Wie ein CommuuarD Es war am Sonnabend Abend der„blutigen Woche", am 27. Mai gegen 10 Uhr, als wir die Mairic von Belleville ver- ließen, um frische Luft zu schöpfen. In der Mairie lvar es wie in einem Schmelzofen. Das Geschrei der Verwundeten, die sich unter blntgerötheten Decken am Boden wanden, das Kommen und Gehen von Stafetten, die Verstärkung verlangten, die Ver- zweiflung der in ihrem letzten Zufluchtsort in die Enge getriebenen Besiegten, das Pfeifen der Granaten, der Brand der Docks von la Vilette, alles das zusammen brachte die Festesten zum Er- bleichen und faßte die Abgchärtesten an der Kehle. Alphonse Humbert, der einzige unter den Redakteuren des„Pere Duchesne", mismus bei Maarry voll und ganz zur Geltung. Er behandelt ein Thema, das auch unsere modernen Philosophen, von Schopen- haner bis zu Mainländer traktiren, die Selbstvcrnichtung des menschlichen Geschlechts durch die Enthaltsamkeit— von der Zeugung. Der Erzeuger trügt die Schuld dafür, Daß in's Leben treten die Kinder, Und wären sie Gewalthaber in den Städten, Die Schuld trifft sie nicht minder. Nur erhöhen kann's dir die Entfremdung Bon deinen Leibessprossen Und erhöhen ihren Groll gegen dich, wenn sie sind Von den Edlen und Geistesgrößen: Denn sie sehen den Vater, der sie schuldlos hinausgejagt In das Wirrsal des Lebens, welches kein Weiser zu lösen gewagt. Nach solchen Grundsätzen lvar es nur logisch und nicht mehr als billig, daß er, der feinem Erzeuger den Vorwurf macht, ihn erzengt zu haben, zu dem Entschlüsse kommt, sich dem gleichen Vor- Wurf nicht auszusetzen. Das hat mein Vater an mir gesündigt, Ich aber versündige mich an niemand. Da sind wir also bei dem Nirwana des Buddha glücklich wieder angekommen. Das Zurückgezogensein auf sich selbst, die Selbstvernichtung, das ist dieser Weisheit letzter Schluß. Das ist dieselbe Lehre, die uns aus hundert Stellen des neuen Testa- ments entgegenstarrt, welche die Enthaltsamkeit, die.Kreuzigung des Fleisches" fordern, an der das Christcnthuni seit mehr als achtzehnhundert Jahren arbeitet und mit jedem Jahrhundert mehr erfahren mußte, daß die Menschheit immer weniger geneigt ist, sich selbst zu kreuzigen. Und diese selbe Lehre tischt uns die moderne Philosophie auf, die in Mainländers„Philosophie der Erlösung'"") ihren Gipfelpunkt erreicht. Buddha, Christus, die Philosovhen des Islam sahen diese Selbstvernichtung in nicht lvciter Ferne sich vollziehen— sie haben sich getäuscht; Mainländer sieht sie in einigen hundert Jahren sich vollenden— auch er wird sich täuschen. Wohl wird die Menschheit nicht ewig bestehen, wie nichts ewig ist, ausgenommen der Stoff selbst, aber eS ist Vermessenheit, der Menschheit die Bahnen vorzeichncu zu wollen und ihr zu sagen: Dort bist du am Ziel! Dort hast du zu endigen und dich selbst zu vernichten! Wo unser Wissen endlich ist, wann es am Ende sein wird, wozu uns quälen? Wir haben der Aufgaben so unendlich viele zu lösen, daß wir es den nachfolgenden Ge- fchlechtern ruhig überlassen können, sich zu entscheiden, ob ihr Bcdürfniß nach Fortschritt, das mit ihrem Können sicher Schritt halten wird, zu Ende ist oder nicht. Als die Philosophen und Dichter des Orients in der Zeit des Verfalls des Chalifenreichs zum Pessimismus ibre letzte Zuflucht nahmen, brachen im christlichen Abendland die ersten schwachen Strahlen der Morgenröthe einer neuen Zeit hervor, welche die Kultur des Orients entzündet hatte. Heute ist es das uuchriftlich und materialistisch gewordene Abendland, das den Völkern des Orients die Leuchte einer höheren Civilisation, als sie der Orient je besessen, entgegenbringt und sie, wenn sie nicht schon zu ent- kräftct sind, zu neuem, schönerem Leben verjüngen, ihnen neue Bahnen zn höherer VcrvoNkommuuug zeigen Witt. *) Die Philosophie der.Erlösung von Phil. Mainländer, Berlin, Theobold Grieben 1876. en Aersaiiiern entkam. dem ich Treue und Muth nachrühmen kann, das Mitglied des Communeraths X., sein Sekretär und ich durchirrten die Straßen von Belleville, wo jeder Schritt uns bewies, daß die Sache der Commune ihren Todeskampf kämpfte und bereits in den letzten Zügen lag. Tic Föderirten waren zweifelsohne zahlreich, aber erschöpft und erschlafft; sie hatten nicht einmal mehr den Instinkt des Widerstandes. Alle Häuser waren überfüllt, viele schliefen auf dem Pflaster oder lehnten sich schlummernd an die Wände, ohne jeden Schutz vor den Granaten, die auf dem Pflaster krepirten. Aber niemand ließ sich durch solche Kleinigkeiten stören, und wenn eine stärkere Explosion erfolgte, so rief man:„Es T lebe die Commune!" und drehte sich wieder um, um weiter zu schlafen. Schlafen und sterben waren in dieser Stunde völlig gleichbedeutend für diese durch sechstägigen Kampf erschöpften Männer, von denen am nächsten Tage fo vielen taufenden die Erde zum Leichentuch werden sollte. Von Zeit zu Zeit eine un- > vollendete und überdies werthlose Barrikade, beivacht von einigen düstern Föderirten, die gebieterisch das Losungswort verlangten i und die selbst, nachdem es gegeben war, nicht immer den Weg frei gaben— in der letzten, schwersten Stunde glaubt man nur noch an eins, an sein Gewehr. Gegen Mitternacht dachten wir daran, uns ein Asyl zu suchen, um einige Stunden zu schlafen. Ueberall verschlossene Thüren— kein Mensch antwortete. In der Rue des Amandiers sahen wir endlich einen Mann auf der Schwelle eines Hauses stehen, der, neugieriger oder unerschrockener als die andern, dem Platzen der Granaten zusah. Wir baten um Einlaß.„Ich habe kein' Bett!" sagte er und trat zurück, um sich in's Haus zu begeben. Aber wir hatten den Fuß zwischen Thür und Schwelle gesetzt und sagten:„Ein Winkel genügt uns!" Wir waren unser vier, er war allein. Ohne Zweifel imponirte ihm unsere entschiedene Haltung, denn schließlich wies er uns in eine Art Schuppen nach der linken Seite der Hausflur. Wir streckten uns auf dem Fußboden aus, buchstäblich zu Ende mit unserer Kraft. Seit Sonnabend Abend hatten wir kein anderes Bett gehabt. Ich hatte mit Alphonse Humbert, der seit diesem Tage ununterbrochen bei mir geblieben war, während der Nächte im Stadthause, auf dem Boulevard Voltaire, in der Mairie des 11. und in der des 12. Arrondissements biwackirt. Kaum ein- oder zweimal hatten wir eine wirkliche Mahlzeit ge- halten. Schmutzig, mit langem Barte und wirrem Haar, an allen Gliedern wie gerädert, sanken wir in einen unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf und sagten uns, daß der nächste Tag vielleicht allen unfern Mühsalen ein Ziel setzen werde. In einem solchen Zustande physischer und moralischer Erschöpfung hat das Leben keinen höheren Werth, als ein Goldstück in den fieberhaft zitternden Händen eines entmnthigten Spielers. Zwei Stunden nachher, beim ersten matten Tagesgrauen, er- wachten wir. Alphonse Humbert und ich hielten es für räthlich, aufzubrechen; T. und sein Kamerad waren geneigt, zu bleiben. Wir kamen dahin überein, uns volle Freiheit des Handelns zu wahren, und Humbcrt und ich ersuchten den Concierge, uns hinauszulassen— unser Weggang schien ihn innerlich sehr zu erleichtern. Die Straße war öde und einsam; wir verfolgten sie bis zu' Ende. Am Eingang des äußeren Boulevard stand eine von vier oder fünf Föderirten besetzte Barrikade. Man verlangte uns das Losungswort ab— es war Charles Cherbourg. Auf dem Boule- vard angelangt, wendeten. wir uns zur Linken; überall Oede und Schweigen. Wir kamen übcrein, bis zur Mairie hes 11. Aron- dissements vorzudringen. Vom Mittwoch bis zuni Freitag war diese Mairie das Hauptquartier des Widerstandes gewesen, und wir wußten, daß sie noch am Abend vorher von den Unsrigen besetzt gewesen war. Plötzlich bemerkten wir in der Rue de la Roquctte— Ver- , sailler. Ohne Zweifel gehörten sie zu denen, die am Abend vor- her den Kirchhof Pörc-Lachaise genommen hatten. Wir rparfen uns in eine Querstraße und eilten der Mairie zu. Sie lag schweigsam und öde da; dichter schwarzer Rauch drang aus den Seitenfcnstern. Auf dem Platz Voltaire standen ein Dutzend Födcrirter. Was wollten die Tapfern noch hier? Sie hatten sich darauf gesteift, ihren Posten zu behaupten. Und doch waren die beiden Geschütze, welche den Platz Voltaire verthcidigten, be- . reits mit zerschmetterten Lafetten zusammengesunken. Derartige Szenen echten Heldenthums haben sich während dieses wunder- baren Kampfes an tausend Punkten von Paris abgespielt, ohne einen Chronisten zu finden. Wir waren jetzt also abgeschnitten; alles war zu Ende. Wir hatten seit Montag den 22. gekämpft; jetzt, Sonntag den 28., war kein Widerstand mehr möglich— es war uns also wohl erlaubt, an unsere Rettung zu denken. Aber wohin uns wenden? Humbert wohnte im Quartier Latin, ich in der Citö Bcrgere, nahe dem Boulevard Montmartre, in großer Entfernung vom i Platz Voltaire, und ohne Zweifel war man bereits in unfern Wohnungen gewesen, um uns zu verhaften. Es war überdies deshalb unmöglich, diese Viertel zu erreichen, weil wir von 60,000 Maiin umringt waren. Andrerseits kanuteu wir in der Gegend, in der wir uns befanden, keine Seele. Da wir keinen Augenblick zu verlieren hatten, verließen wir uns auf unser gutes Glück und klingelten am ersten besten Hotel. Es war am Ein- gang der Rue Richard le Noir, welche auf den Mairieplatz münvet. Das Hotel war ein sehr bescheidenes, eine Art Hotel garni; im Erdgeschoß befand sich eine(natürlich geschlossene) Weinhandlung mit Weinstube. Auf unser hastiges, kräftiges Klingeln öffnete sich die Thür des Hotels; eine Frau erschien auf der Schwelle und fragte:„Was wünschen Sie?" Sie mochte vierzig Jahre alt sein und sah freundlich und anständig aus; sie betrachtete uns mit neugieriger Miene.„Zwei Betten, Madame," sagten wir. Sie erwiderte ohne Zögern:„Treten Sie ein!" rief eine Magd und befahl ihr, zwei Zimmer für uns in Stand zu setzen. Als dieselben bereit waren, hieß sie uns hinaufgehen, ohne nach Namen oder Papieren zu fragen. Zum ersten male seit sechs Tagen genossen wir einer kurzen, wirklichen Ruhe. Aber unsere seit langem so gewaltsam angespannten Nerven vertrugeik keine lange Rast. Um 7 Uhr springe ich an's Fenster und gewahre, daß, in einer Entfernung von 300 Metern, die dreifarbige Fahne auf dem Thurm der St. Ambrosiuskirche weht, die auf dem Platz Voltaire steht, nicht weit von der Mairie. Es war um uns geschehen, wir hatten die Versailler vor der Thür. Wir gingen sofort hinab. Die Eigenthümerin des Hotels weinte bitterlich.„Was gibt'S denn?" fragten wir.„Ach, meine Herren," antwortete sie,„sie erschießen alles. Das ist eine wahre Schlächterei drüben auf dem Platze." Ich sah Humbert, er sah mich an und unser Entschluß war gefaßt.„Hören Sie an, Madame!" sagte ich zu ihr, „wir wollen Ihnen gestehen, wer wir sind. Wir sind Föderirte; wir werden sicher erschossen, wenn man uns in seine Gewalt be- kommt. Wollen Sie uns verbergen?" „O gewiß, meine Herren!" erwiderte sie mit Wärme und Eifer. „Ich habe einen Neffen, der mich nächstens besuchen wollte, der sind Sie, wenn, es Ihnen recht ist!" Sie zeigte auf mich.„Was Sie betrifft(sie zeigte auf Humbert), so hat nieine Magd natür- lich Heimathspapiere. Sie wird sie Ihnen geben." Und sie rief die Magd, die gleichfalls ohne Zögern einwilligte. „Nun wohl, Madame, da ich fortan zur Familie gehöre, will ich Ihnen einen Rath geben. Oeffnen Sie Ihre Weinstube!" „Nein, ich mag keinen Versailler bei mir sehen." „Wenn der Laden verschlossen bleibt, durchsuchen sie das Haus, und wir sind verloren. Oeffnen sie hingegen, bekommen sie bei Ihnen etwas zu trinken, so wird man Sie damit verschonen." Es geschah!— Es kamen Leute der Marine-Infanterie. Ihre Hautfarbe war gelblich, ihre Bewegungen schwerfällig, ihr Blick umschleiert.„Gibt es viele Todte?" fragten wir.— „Ja," erwiderte einer von ihnen mit verthiertem Tone;„wir haben Befehl, keine Gefangenen zu machen; der General will es so;"(sie konnten uns ihren General nicht nennen);„wenn sie nicht Feuer angelegt hätten, würde man nicht so mit ihnen ver- fahren, aber da sie es gethan haben, muß man sie umbringen." Hierauf fuhr er fort, indem er sich zu seinem Kameraden wendete: „Diesen Morgen ist dort(und er zeigte auf die Barrikade der Mairie) einer in der Bluse gekommen. Wir haben ihn fort-' geführt. ,Jhr werdet mich doch wohl nicht erschießen?' sagte er. ,O, gewiß nicht.' Wir haben ihn vor uns her getrieben und dann-- piff- paff— wie er drollig zappelte!" Wir hörten die Erzählung dieser viehischen Gesellen an und bemühten uns, zu verhindern, daß uns der Abscheu der Seele in's Gesicht trat, als drei Mann mit einem Korporal hereinkamen. Sie ließen sich im Comptoir einschenken und wir glaubten zu bemerken, daß sie uns scharf in's Augen faßten. Wir versuchten, uns in den Laden zu verfügen, aber bald ward es ersichtlich, daß wir, namentlich von dem Korporal, beobachtet wurden. Wenn ihm der Einfall kam, uns abzuführen, so waren wir Kinder des Todes; in diesem Augenblick ivarcu die Unteroffiziere unum- j schränkte Herren über das Leben der Pariser, in höhcrem Grade vielleicht als die Offiziere, Es galt augenscheinlich, keck und ruhig Front zu machen. Einer der drei Soldaten sprach mit einem unverkennbaren südlichen Accent.„Sie sind aus dem Süden?" sagte ich und näherte mich ihm.„Ja," antwortete er.„Und aus welchem Orte?" „Aus Nörac!" „Da habe ich Bekannte," und ich nannte einen Mann. „Teufel," sagte der Korporal, der nicht aufgehört hatte, mich zu siriren,„das' ist ja mein Vetter." Ich hatte wirklich mit ihm studirt und sprach davon. Die Stirn des Korporals glättete sich— er forderte uns sogar auf, Nr. 27 ,547« mit ihm anzustoßen. Tie Klugheit gebot uns eigentlich, eA zu thun; aber wir hatten nicht den Muth, unser Glas mit dem- jenigeu dieser Unglücklichen in Berührung zu bringen, deren Hände uuS noch von dem Blute hingcmordeter Föderirter zu raucheu schienen. Von da an blieben wir in dem hintern Tbcil des Ladens, um der Aufmerksamkeit der Soldaten zu entgehen, die unaufhörlich das Comptoir erfüllten. Gegen 1 Uhr Nachmittags wollten wir sehen, ob es kein Mittel gebe, die Linien zu passiren. Der Platz der Maine wimmelte von Soldaten; die einen biwackirtcn neben ihren Gewehren, die andern hatten sich aus den Trottoirs ausgestreckt und kochten im Freien ab. Sie sahen abgemattet aus und wie Menschen, welche infolge gehabter Anstrengungen gereizt und zur Brutalität geneigt sind. Die linke Mauer der Mairie entlang erblickten wir eine Menge Leichen, die neben- einander am Boden lagen. Nicht eine erbärmliche �Neugierde, es war das herbe Verlange», die Wahrheit zu ermitteln, was uns vorwärts trieb; wir wagten es, uns zu nähern, auf die Gefahr hin, erkannt zu werden. Die Soldaten hatten auf die Brust der Erschossenen Zettel mit den Aufschriften:„Trunkenbold",„Mörder", „Dieb" gelegt und ihnen mehrfach einen Flaschenhals in den Mund gesteckt. So suchten diese Kinder des Volkes die Kinder des Volks, welche auch für sie und ihre Freiheit göstorbcn waren, noch im Tode zu entehren. Wie erhaben erschien uns jetzt jener pariser Föderirte, der die vor den Trancheen gefallenen versailler Sol- daten auflas und ivie ein Bruder pflegte, und in wie strahlendem Lichte ließ uns die Beschimpfung, welche unsere verblendeten Brüder ihnen zufügten, den Heroismus der Unsrigen erscheinen! Wir konnten uns nicht enthalten, von da bis vor La Roquette zu gehen. Dumpfes Geknatter ließ sich von außen vernehmen. Bon Zeit zu Zeit erschien vor dem Thorr eine Kolonne Gc- sangeucr jeder Lebensstellung, jeocs Alters und jeder Kleidung; das Thor schloß sich hinter ihnen. Diese Kolonnen hatten neues Futter für die Metzeleien zu liefern. Das Gefängniß La Roquette war einer der Schlachthöfe, die nach dem Kampfe in Paris ein- gerichtet wurden. Vom Sonntag bis zum Montag Morgen wnrden hier mehr als neunzehnhundert Opfer durch die Mitrail- leusen niedergemäht, ohne Urthcilsspruch, ohne Verhör, einfach auf die Handbewcgung eines Bataillonschefs hin, der am Ein- WeltauSstelliuigsbriefe. Paris, im Mai 1878. Derjenige, der das politische Motiv, von welchem ich im ersten Briefe gesprochen habe, gewissermaßen ersundcn und das Projett einer Weltausstellung zuerst in die Ocffentlichkeit gebracht hat, ist Emile de Girardin, ein begabter Mann, der in der politischen Geschichte Frankreichs seit Beginn der Louis Philipp'schen Regierung eine ver- hängnißvolle und wenig chrenhaste Rolle gespielt hat. Man hat ihn mit einer Ratte verglichen, die das Schiff jedesmais verläßt, wenn es im Sinke» begriffe», auch mit einem Sturmvogel, der das nahende politische Unwetter vorher anzeigt, und beide Bergleiche sind nicht schlecht gewählt. Er hat jeder Regierung gedient und ist darin das Prototyp aller ruhmsüchtigen Bürger, er war nacheinander der Champion des Königs Philipp, der Republik, des Kaisers Napoleon und jetzt wieder der Republik, zu deren beredtesten Bertheidigern und Lobpreisern er nunmehr gehört. Seine Dienste, die in der That in Anbetracht seiner große» schriftstellerischen und jouritalistischen Begabung jeder Regierung hochwillkommen waren, haben ihm Geld, Einfluß und allerdings einen etwas zwciselhastcn Ruhm eingetragen. Mit dem größten Geschick als Redakteur verbindet er eine genaue Kennlniß der öffentlichen Meinung, und, indem er der letzteren oft in gröbster Weise schmeichelt, weiß er sie im Sinne der jeweiligen Regierung zu beherrschen. Noch im Jahre 1875 und 1876 war der sogenannte Deutschenhaß und die Sucht nach Rache bei der großen Mehrzahl im sranzösischen Bolk sehr vu vogue. Die Herren von der Regierung besürchteten Un- heil, waren aber klug genug, einzusehen, daß ein verfrühter Rachckrieg gegen Deutschland, welchen die Volksmeinung zu wünschen schien, nur doppeltes Elend über Frankreich bringen werde. Da kaufte plötzlich, im Februar 1876, der alternde Girardin, welcher sich schon zur Ruhe gesetzt hatte, das täglich erscheinende Blatt„La France", und ebenso schnell fast überrumpelte er seine zahlreichen Leser mit dem Borschlage einer internationalen Weltausstellung im Jahre 1878. Das„Petit Journal"(ein kleines Blatt, welches täglich in 466,000 Exeinplarcn verkaust wird), der„Figaro" und einige andere kleinere Blätter begrüßten schon andern Tags die Girardin'sche Idee mit Jubel, gleichsam ans Kommando einer unsichtbaren Macht, welche aber leicht zu errathen gang des Gefängnisses stand und nach Willkür und Laune die Opfer bezeichnete. Wir betrachteten diese Mauern, hinter denen unsere Kameraden röchelten. Seit acht Tagen hatten wir des Grauenhasten gerade genug vor Augen gehabt— wir hattell gesehen, wie Frauen und Kindern von den versailler Granaten der Leib aufgerissen wurde, wir hatten unfern Nachbar aus der Barrikade getroffen zusammenstürzen sehen, wir hatten gesehen, ivie einer, der erhobenen Armes seine Kameraden anfeuerte, plötzlich verstummte und aus dem Pflaster hinschlug, wir hatten an hundert Stellen gemalttge Blut- lachen gesehen, doch das war der freudige Tod gewesen, der Tod des Helden. Dieser Tod in Haufen jedoch, ohne Kampf und ohne Rache, dieser Tod durch den dummen, geräuschvoll schnür- renden Mechanismus der Mitrailleuse, dieser Tod im Beisein von Pfaffen, welche die Gebete für die Sterbenden murmelten, erfüllte uns mit eisigem Entsetzen, und regungslos standen wir vor den fluchbeladenen Mauern, die diese Gräuel dem Auge verbargen. Begreift man nun die pariser Frauen, die den Anblick dieser Henker von Offizieren nicht zu ertragen vermochten und sie in's Gesicht schlugen und verlangten, mit hingeschlachtet zu werden? Wir mußten aber daraus bedacht sein, so oder so aus Paris zu entkommen. Der Boulevard Voltaire war abgesperrt, wir versuchten, durch das Faubourg St. Antoine zu entschlüpfen. In der Straße Basfroi sahen wir ganze Haufen von Tobten auf- gethürmt, die man aus allen Winkeln herbeigeschafft hatte; die Einwohner wurden genöthigt, Chlor auf diese Leichenhügel zu iverfen. Ebenso zwang man alle Vorübergehenden, beim Ab tragen der Barrikaden mit Hand anzulegen. Offiziere mit wahren Galeerengesichtern überwachten die Ar- besten. Ein oder zwei male wurden wir scharf von ihnen in's Auge gefaßt, aber wir setzten unfern Weg fort, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Wir kamen an verschiedenen Freunden vorüber, die uns ebenso wenig zu kennen schienen als wir sie. Auch sie suchten ohne Zweifel einen Ausweg. Aber der Bastille- platz war noch strenger bewacht als der Boulevard Voltaire. Um jedem unglücklichen Zufall auszuweichen, hielten wir es für rath sam, unser Hotel wieder aufzusuchen. Die gute Frau erwartete uns voll Unruhe. Sie sagte uns, wir hätten eine Unvorsichtigkeit begangen, da wir ja beliebig lange in ihrem Hause bleiben könnten.(Fortsetzung folgt.) war. Acht Tage später schon erschien ein Dekret Mac Mahons, ivelcheS die Idee der Weltausstellung sanktionirte und die Eröffnung derselben aus den 1. Mai 1878 festsetzte. Der Zweck, die kriegerische und über Haupt unruhige Stimmung der Bevölkerung z» besänftigen, wurde fast mit einein Schlage erreicht. Paris insbesondere begeisterte sich für die Idee, jetzt au der Spitze aller friedliebenden Völker zu marschire». Der Coup war überraschend gut gelungen und vielleicht auch deshalb, weil er nicht unpraktisch zu nennen ist. So begann die Geschichte der Weltausstellung von 1878. Es ist nicht anders als in der Ordnung, Emile de Girardin zuerst zu nennen unter den Männern, die sich uin das Zustandekommen des großen Unternehmens besonders verdient gemacht haben.-! Wir tvollen die Einzelheiten der nächsten zwei Jahre überschlagen. Bereits Ende April 1876 war die AnsstellungSkonimission, welche die Borarbeite» zu leite» und die Voranschläge der Kösten zu inachen hatte. ernannt. Man hatte sich an kompetenter Stelle geeinigt, daß diesmal die Weltausstellung ganz auf Kosten des Staats hergestellt werde, ent gcgengesetzt dein Versahren im Jahre 1867, wo die Regierung mit einer privaten Aktiengesellschaft einen Konipagnievertrag abschloß, bei welcher Gelegenheit dann die letztere auch einen Reingewinn von elner Million Franken nach Schluß der Ausstellung ihren Akttonären anbieten konnte. Die Geldmänner Frankreichs, Rothschild, Foult zc. behandelten das Unternehmen damals als Geschäft, und diejenigen, welche 1867 Paris einen Besuch abstalteten, werden sich noch schmerzlich daran erinnern, wie theuer ihren Geldbörsen dieses Geschäftsprinzip zu stehen kam. Jede Kleinigkeit auf der Weltausstellung war an einen Pächter ver geben, und dieser raubte gemeiniglich das Publikum in schlimmster Weise aus. Die Aussteller mußten lheure Miethe für ihre Räumlichkeiten bezahlen, und das Publikum konnte kaum einen Schluck frischer Lust gratis bekonlmen. An den Kassen wurde nicht geivcchsell und auch kein Heines Geld angenommen, damit dem Pächter des Wechselgeschästs an den Psorten der Profit nicht verloren gehe. Einer Aktiengesellschaft wurde das Recht übertragen, sämnitliche Stühle und Sitzplätze in der Ausstellung pro Stunde und Minute z» vermiethen und zwar zu un- erhört hohen Preisen. Desgleichen hatte der Bierbrauer Fanta die alleinige Erlaubniß, Bier auszuschenken, und that dies) indem er die Seidel durch Fingerhüte ersetzte und dennoch de» Preis nicht ver minderte. Ein solches„Geschäft" soll die diesmalige Ausstellung nicht werden. Wir wollen hoffen, daß dieses„soll" nicht trügt. Folgender Fall deutet leider nicht daraus hin, daß die große Opferfreudigkeit des Staates zugleich auch eine unparteiische ist. Als es sich kürzlich herausstellte, daß die Unkosten größer seien, als man früher glaubte, wurde die anfangs gefaßte gute Absicht, den Arbeitern an Sonntagen freien Ein- tritt in die Ausstellung zu gewähren, wieder beiseite geschoben. Aus . Sparsamkeit, sagt man. Wohl! Aber ist es nicht unrecht, das Sparen just dort anzufangen, wo es sich um das Geld derjenigen handelt, ohne die eine Weltausstellung unmöglich ist und die doch gezwungen sind, jeden Sous in der Hand zehnmal umzudrehen, ehe sie ihn ausgeben? Die reichen Bourgeois und insbesondere die Aussteller, welchen alle möglichen Begünstigungen zutheil werden, werden das selbstverständlick „ganz natürlich" finden, aber was diese natürlich finden, ist es nicht gewöhnlich unnatürlich? Im Jahre 1867 führte man dieselbe Sprache, nur war sie offenherziger. Der Minister Rouher erklärte im Namen der kaiserlichen Regierung, an freie Entröes für die Arbeiter an Sonn- tagen sei nicht zu denken, da durch dieselben die Interessen der Aktien- gesellschast arg geschädigt würden. Handelt die jetzige Regierung edler, humaner? Die Antwort mag sich jeder selbst geben. Diese Sparsamkeit, welche dem Arbeiter und ärmeren Volk die Möglichkeit erschwert, geistigen Profit aus der diesjährigen Ausstellung zu ziehen, macht sich um so erbärmlicher, weil der Staat nach allen anderen Richtungen hin mit den Millionen um sich wirft. Die Kosten des Unternehmens wurden vor circa anderthalb Jahren von der Kom- Mission auf 35 Millionen Franken normirt, und diese Summe ward von den beiden Kammern bewilligt. In Wien und Philadelphia hat man nicht mit so großen Ziffern gerechnet. Jetzt werden noch extra neun Millionen, die zum großen Theil schon verausgabt sind, nachbewilligt werden müssen. Der Handelsminister Teisserenc de Bort und der Generalkommissar Senator Krantz haben soviel Anmeldungen von Aus- stellern bekommen, daß sie die Bauten soviel wie möglich verbreitern und vergrößern mußten. Der ursprünglich abgegrenzte Platz für die Weltausstellung reicht nicht mehr aus, es sind auch außerhalb desselben neue Bauten errichtet. Weshalb, so wird vielleicht mancher fragen, hat man denn nicht gleich anfangs ans einen größern Raum Bedacht genonimen? Die Sache ist sehr einfach: es existirt in Paris keine größere, unbebaute, zusammenhängende Fläche als das Marsfeld mit- sammt dem Trocadero. Das Marsfeld ist eine große Sandebcne von circa 160» Meter Länge und 500 Meter Breite, mitten in der Stadt, im südwestlichen Theile derselben gelegen und an drei Seiten von hohen Häusern um- geben. Im Nordwesten begrenzt die Seine dieses Feld, welches in gewöhnlichen Zeiten als trefflich geeigneter Exerzirplatz der Garnisons- truppen benutzt wird. Historische Bedeutung hat dieser Platz schon frühzeitig gehabt. Im Jahre 1790 ward hier das große Berbrüderungs- fest(b'öte de la federatiou) gefeiert. Es war in jenen denkwürdigen Tagen, als das Volk, berauscht von den ersten Erfolgen seines Kampfes gegen die Tyrannei, den Glauben hegte, die Aera der Freiheit sei nun wirklich angebrochen, und mit der Großmuth des Siegers bot es allen seinen Feinden die Hand der Versöhnung. Der König hatte den Eid aus die neue Verfassung geleistet, der Erzjesuit Tallcyrand heuchelte die höchste Freiheitsliebe und celebrirte mit einem Gefolge von 400 Geist lichen in weißen Chorkleideru die Messe vor einem großen Altar. Die Nationalversanimlung tvar vollzählig zugegen, und an 200,000 Menschen jubelten dem König, als er nach der Reihe die hervorragendsten Ver- lreter des revolutionären Volks umarmte, zu. Bald darauf kam die SchreckenSzeit. Aull) auf dem Piarsfeld fanden Hinrichtungen statt, bis - im Jahre 1794 hier das große Fest des„höchsten Wesens" mit eben- solchem Pomp wie das Verbrüderungsfest gefeiert wurde. Robespierre, der bald daraus gemeuchelt wurde, hielt seine berühmte Rede vom Nutzen der Moral. Der liebe Gott ward wieder aus seinem Welten- throg restituirt. Im Jahre 1798 fand zur Feier des siebenjährigen Bestehens der Republik aus dem Marsfeld die erste französische Industrie- ausstellung vom 19. bis 21. September statt, während die ftanzösischen Soldaten sich an den Grenzen wie Löwen schlugen und das Direktorium durch seine egoistische Mißwirthschast dem zukünftigen Despoten Napoleon den Weg zum Thron ebnete. Aber so hoch der letztere auch später in der persönlichen Macht gestiegen war, es kam die Zeit, wo er, gedrängt von außen, um die Freundschaft und das— Mitleid seines eignen Bolls betteln mußte. Er veranstaltete— wiederum auf dem Mars- feld— am 1. Juni 1815 das sogenannte„Maifeld", eine Feier, welche dem ehemaligen Verbrüderungsfeste ähnlich sah wie ein Ei dem andxrn. Wie Louis XVl. leistete Napoleon einen Eid auf die neue freiheitliche Konstitution und ließ die Priester vazu beten und Psalmen singen, wie Louis XVl. meinte er es nicht ehrlich mit den Rechten des Volks und auch ihn traf wie die Bourbonen-der Schlag der raschschreitenden Nemesis: vier Wochen daraus war Napoleon kein Kaiser mehr, sondern ein Gesangener der Engländer. Fünfzehn Jahre später, im August 1830, übergab der„Bürgerkönig" Louis Philippe den Nationalgarden ihre Trikoloren Fahnen auf deni Marsselde und ward von dem enthusms- Wirten Volke, welches wiederum gläubig alle Versprechungen seine-.- Herrschers hinnahm, angejubelt. Aber wie schnell vergeht der Ruhm und die Bolksliebe, wenn Man letztere hintergeht! Zweiundzwanzig - Jahre verfließen und auf der Bildflächc des Marsfeldes erscheint der „Mann von Sedan", damals im Glücke. Am 10. Mai 185- erhielt die französische Armee die Standarten mit dem Bilde des napoleonischen Adlers, weld)er den gallischen Hahn verdrängte. Man sieht aus dieser kurzen Skizze, welch' eine Bedeutung das MarSfeld für die Franzosen hat. Aber nicht aus diesem Grunde hat man dasselbe zum Weltausstellungsterrain gewählt, sondern, wie gesagt, weil es das größte Feld innerhalb der Stadt ist. In der Stadt sollte die Ausstellung jedenfalls stattfinden, damit der große Fremdenzufluß dem pariser Octroi zugute käme. Dagegen läßt sich schließlich nichts einwenden, denn, wo die Stadt so große Kosten hat, mußten ihr auch die Vortheile der Ausstellung zukommen. Gegenüber dem Marsfelde, nur durch die Seine von demselben getrennt, befindet sich ein Kalksteinhügel, der„Trocadero", so genannt nach einer kleinen Insel an der spanischen Küste bei Cadix, die stark befestigt ist. Napoleon l. hatte die Absicht, diesen Hügel zu armiren und übertrug auf ihn den Namen der spanischen Insel. Die Hügel- fläche hat ungefähr ein Drittel der Ausdehnung wie das Marsfeld. Die direkte Verbindung zwischen letzterem und dem Trocadero wird durch die Jenabrücke hergestellt, welche Napoleon zum Andenken an seine Siege in Deutschland erbauen ließ und welche der wackere Hau- degen Blücher durchaus demoliren wollte. Als Tallcyrand diese seine Absicht durchkreuzen wollte, erwiderte der hitzige Feldmarschall grob, aber nicht ohne Humor:„Wenn der Herr die Güte haben will, sich auf die Brücke zu stellen, so werde ich sie und ihn mit desto größerem Vergnügen in die Luft sprengen lassen." Die Brücke blieb aber auf Befehl des preußischen Königs unverletzt. Neuerdings ist dieselbe durch Eisenwerk bedeutend vergrößert und erhöht worden, damit sie dem hin und herwogenden Strom der Besucher genügend Raum geben kann.(Schluß folgt.) Wüstenpost. Unsere Illustration(Seite 436) ist eine Nachbildung des gleichnamigen Bildes von Horace Vernet, des 1863 zu Paris verstorbenen berühmten französischen Malers. Auch diese seine Wüsten- post zeichnen die ihn charakterisirenden Vorzüge aus: die klare, drastische, lebensvolle Darstellung und der trotz der Einfachheit des Gegenstandes deutlich hervortretende Reichthum der Erfindung. Das„Schiff der Wüste", das einhöckerige Kameel, trottet in scharfem Trabe den Wüsten- weg dahin. Es hat nicht schwer zu tragen und ist nicht müde, und der bronzefarbene Beduine auf seinem Höcker balancirt geschickt im Reit- sattel, während er behaglich seinen Tschibuk raucht. Uebcr dem ganzen Bilde liegt die wunderbare Klarheit der Wüstenatmosphäre, welche die spärliche Vegetation und die kahlen Höhenzüge in der Ferne deutlich sichtbar macht._ Die Redensart„Glücklich wie ein König" kann für Frank reich keine Anwendung finden, wenn man sich erinnert, welchen Todes viele französische Herrscher gestorben sind: Karl lV. wahnsinnig; Karl VI. ließ sich verhungern, aus Furcht, von seinem Sohne vergiftet zu werden; Ludwig Xl. starb in seineni freiwilligen Gesängnisse zu Plessis les Tours, umgeben von seinen Opfern, gemartert von Reue und Gewissensbissen; Karl VIII. wurde in seinem zwanzigsten Jahre vergiftet; Franz l. starb infolge seiner Ausschweifungen; Heinrich II. an einem im Turnier erhaltenen Lanzenstoße; Franz II. wurde durch seine Mutter vergiftet; Karl XI. starb unter gräßlid)eu Qualen an Gift, gefoltert von der Reue über die Pariser Bluthochzeit; Heinrich III. wurde durch einen Dominikaner(Clement) und Heinrich lV. durch einen Jesuiten(Ravaillac) ermordet; Ludwig XIV. wurde unter dem dumpfen, vorwurssvollen Schweigen und Ludwig XV. unter lauten Verwünschungen des Volks begraben; Ludwig XVl. endete auf dem Blutgerüste; Ludwig XVlll. starb nach einer Verbannung von zwanzig Jahren und einer zweiten von hundert Tagen; Napoleon l., Karl X., Ludwig Philipp und 'Napoleon III. starben im Exil. Hr. B.-R. Das Alter der Panzerschiffe. Wohl kaum von irgendetwas anderem könne» wir beschränkte Unterthanen uns schwieriger einen Begriff machen, als von der Größe militärischer Entdeckungen, wenn auch, nach Versicherung erster Autoritäten, die Anspannung aller Geistes- kräfte derer, die sie machten, erfordert wurde. Uns scheint das alles mehr nur aus Fortschritte der Technik und der raschen Konzentrirung und Verwendung des Kapitals, der Früchte der Bolksarbeit, hinaus- zulaufen. Welch' Renommiren mit Panzerschiffen, Panzerthürmen und -Geschützständen! Ganz abgesehen von den allgemein bekannten alten Blechrittern ist die„geniale Idee" gepanzerter Schutzniittel keineswegs neu. Um nicht weiter zurückzugehen: schon die Kreuzsahrer panzerten ihre Belagerungsthürme vor Jerusalem mit Leder, die Belagerten ihre Mauern jenen gegenüber mit Wollsäckcn; den Waffen jener Zeit gegen- über völlig zweckentsprechend. Die Verwendung von eisernen Panzern, um Schiffe zu schützen, läßt sich im zwölften Jahrhundert schon nachweisen. Die seeräubernden Normannen pflegten damals ihre Schiffe von der Wasserlinie an mit einem eisernen Gürtel zu umringeil, der vorn in einen Sporn endigte. Später beschirmten sie den oberen Theil ihrer Schiffe durch Schilde. Peter von Arragon ließ gegen 1534 seine Seeschiffe niit Leder bedecken zuin Schutz gegen die dainals sehr häufig gebrauchten zündenden Substanzen. Als Karl V. seine Expedition gegen Tunis ausführte, enthielt das Geschwader des Andreas Doria ein Schiff, das mit niehrereu Lagen Leder bedeckt war. Es war in Nizza 444 gebaut und füll zum Erfolg der Flotte viel beigetragen babcm Im Jahre 1571 trugen in der Schlacht bei Lepanto mehrere Schiffe Bat- terien, die durch eiserne Schienen von hinten gesichert waren. Während der zwei folgenden Jahrhunderte ist eine weitere Entwicklung der„Idee" nicht nachzuweisen. Erst bei der Belagerung von Gibraltar erscheinen, gewifferinasze» die Typen der heuttgen Schiffsmigeheuer, 10 Panzerbatterien. Sie hatten geneigte Verdecke und waren bis auf eine Höhe von 5 Fuß mit einem Panzer von harten! Holz, Kork, Lcder und eisernen Schienen gedeckt. Sie widerstanden längere Zeit, wurden aber schließ- lich durch die glühenden Kugeln von damals gradcso vernichtet, ivie ihre noch viel kostbarere« Nachfolgerinnen im dicken Stahlgewand durch die heutigen Hartgußgeschoffe. Wenn das Volk nur recht fleißig und spavsam ist, um die Kosten erschwingen zu kvunen, kommt vielleicht in Zukunft die, zwar seit dein genialen Jagd und Kriegsmann Baron Münchhausen auch nicht mehr neue, aber geniale Idee zur Ausführung, Wälle und Schiffe niit Gummi zu panzern. Glückliches Volk, das dies Ziel zuerst erreicht haben wird! R.-L. Ferillicher cJgriefliasten. .Sremen. C. S— s. Als ein einfaches Hautrcizmittcl kann der sog. BaunscheidtiSmus bei Muskelrheumatismen und dergleichen mitunter von Nutzen sein. Doch erreichen Sie durch Schivitzprozeduren und nachfolgende kühle Abreibungen ganz dasselbe, ohne daß die Haut zuvor durch das mit dem ganz unpassenden Namen„Lebenswecker" benamste Instrument Baunscheidts durchlöchert wird. Ucber den albernen Versuch des Erfinders dieser Heilmethode, mit derselben gegen alle nur erdenkbaren Krankhcitsformen in's Feld zu ziehen, verlieren wir kein Wort. tztrli». Frau Franziska M. lieber die„Ursachen der ägypti- scheu Aug elic nlzündu ng" wissen wir so wenig wie Sie; nur das eine steht fest, daß dieselbe in hohem Grade ansteckend ist. Einen Rath können wir Ihnen jedoch nicht ertheilen, weil wir das Stadinm des Leidens nicht kennen: ob Trachombildung eingetreten ist?— inwieweit die Hornhaut mitleidet oder nicht? u. s. w.— Sehr. G. Unreines Blut gibt es nicht, sondern nur unreinliche Menschen. Waschen— aber mit Seife und warmem Wasser! 'ernburg. S. Z. Gegen Ihre rothc Nase wollen wir Ihnen ein Mittel verrathen, welches dann in vielen Fällen gute Dienste leistet, wenn Sic Sich dieselbe nicht etwa durch zu reichlichen Genuß alkoholi- scher Getränke zugezogen haben. Es ist dies ein Thcil Borax in 20 Thcilen Wasser gelöst, abends zun: Bestreichen der Nase angewandt. . rcslau. Schlosser F._ Sie scheinen ein arger Hypochondrist zu sei»! Zunächst bilden Sie Sich ein, an Kehlkopfsschwindsucht zu leiden, während jedenfalls nur ein einfacher Rachenkatarrh vorhanden ist, welcher verschwinden wird, wenn Sie Ihre Haut besser pflegen, morgens den ganzen Oberkörper mit kühlem Äasser waschen und nachher srottiren, außerdem aber Gurgelungen mit ivarmem Salzlvasser brauchen;— dann aber sollen wir Ihnen eine„Substanz" anrathen, welche Finnen in rohem Rindfleische unschädlich macht, damit Sie Ihrem„Lieblings- essen, dem rohen Fleische," nicht zu entsagen brauchen. Eine solche Substanz existirt nicht. Sie müssen also entweder das Fleisch gekocht oder gebraten essen, oder Sich an rohes Hammelfleisch halten; das ist finnenfrei. jündcnau. K. W. M. Breite Warzen ätzt man mit rauchender Salpetersäure, indem nian es dabei sorgfältig vermeidet, die angrenzende Haut mit anzuätzen. Wegen Ihres Augenleidens wenden Sie Sich an einen Augenspezialarzt in Leipzig(Dr. Schröter, Prof. Coccius). Ihre auf Geschlechtskrankheiten bezüglichen Anfragen sind ohne Untersuchung nicht zu beantworten. Magdeburg. Sch. Die Größe des Luftraums, welchen ein Mensch für eine Stunde braucht, ohne sich durch seine eigene Kohlensäure und Ausdünstung die Luft zu verderben, beträgt 0 Kubikmeter für jeden Erwachsenen, 1>/z— 3 Kubikmeter für jedes Kind. Ein� Schlafzimmer für 4 Personen, in welchem über Nacht kein Fenster geöynet ist, müßte daher ea. 200 Kubikmeter fassen, also 4 Meter hoch, 8 Meter lang und t>> 2 Bieter breit sein. Wer in einem kleineren Zimmer schafen muß, ist also zur Zufuhr frischer Lust während der Nacht genöthigt, entweder durch Ocffnung eines Fensters iin Schlaf- oder im Nebenzimmer. Trockne Mauerstcinwändc lassen allerdings Lust eintteten, denn jeder Windstoß aus der'Außenseite einer Wand bringt eine Luftbewegung an deren Innenseite hervor. Die Porosität der Wände hört aber sofort auf, wenn sie feucht werden; daher der Nachtheil neuer, nicht aus getrockneter Wohnungen und bewohnter Kellerräume. Letztere, in denen taufende armer Leute zu wohnen genöthigt sind, müßten polizeilich geräumt werden. Das ärmlichste Dachlogis, wen» vor dem Ein- dringen von Regen geschützt, ist stets eine gesundere Wohnung, als das sog. Souterrain. Rendsburg. R. Das Work„Hungertyphus", welches häufig von der Parteipresse mißbraucht wird, wenn in irgendeiner Gegend der Flecktyphus unter der Arbeiterbevölkerung auftritt, dürfen Sie nicht so wörtlich nehmen, denn der Hunger an sich ist keine Typhusursache, sondern nur ein die Verbreitung des Typhus begünstigendes Moment. Auch konimt der'Name Hungertyphus wenfger dem exanthemattschen oder Flecktyphus, sondern mehr dem Rückfallfieber Ctyplius recurrens) zu, welches bisher fast ausschließlich das Proletariat in den Zeiten der Theuerung und des Mißwuchses bettaf. Um die Vortheile der Wohl- habenheit gegenüber der Armuth zu beweisen, braucht man nicht den Hungerchphus heranzuziehen. In Berlin ist, nach Casper, von tausend Armen ein Dritttheil schon im 5. Lebensjahre gestorben; von tausend Wohlhabenden das Dritttheil noch nicht iin 40. Jahre. Bon den Armen überlebt die Hälfte das 30., von den Wohlhabenden die Hälfte das 50. Jahr. Die Stoffzufuhr ist bei der ärmeren und arbeitenden Klasse eine relativ zu geringe, der Stoffverbrauch ein zu großer, sodaß ein im Mannesaller stehender Arbeiter gewöhnlich 5—10 Jahre älter aus sieht, als er wirklich ist. Hierzu kommt denn noch bei Wohlhabenderen die bessere Pflege in Krankheiten, die nöthige Schonung in der Periode der Wiedergcnesung n. s. w.— Dinge, die der Aermere leider oft genug entbehren muß. Daß eine Besserung dieser ungünstigen Verhältnisse möglich ist,— wer wollte dies leugnen? Dresden. E. M. Die Anfrage wegen Sommersprossen ist in einer früheren Nummer der„N. W." schon beantwortet. Die übrigen bis zum 23. Mai eingegangenen Briefe wurden direkt beantwortet. Dr. Resau. Q�edaftkip ns- Fiorresponden). Gotda. W. B. Der Bersaffer des von Ihnen zur Beurtheilung eingesandten dramaiachen Versuchs hat offenbar garnicht unbedeutendes voetilch-dramatifches Talent, aber es fehlt ihm, wie es fcheinl, noch die Fähigkeit, seine Gestalten zu individualifiren— alle sind wie»ach einem Ucisten zugeschnitten, insbesondere reden alle dieselbe Sprache, ja sie dellamircn sogar sammt und sonders, der prosaischen Anlage des Dialog» mm Trox, auch die einfachsten Gedanken in Jamben her. Dabei ist ein dramatischer Kardinal- sehler zu rügen, daß nämlich die intcresiantesle Person des Stücke»— der eigentliche Held— erst am Ende aus der Szene erscheint und auch da im wesentlichen nur eine passive Rolle spielt. Wenn der Bersasier, dessen vortreffliche Beanlagung nochmal« be- tont sei, Zeil und Lust hätte, Lessing« Dramaturgie recht eifrig und bis zu völligem Perständniß zu ftudiren, so scheint uns die Hoffnung, daß er ei zu tüchtigen dramatischen Leistungen zu, bringen vermöchte, nicht ungerechtfertigt. Laugallrn. W. Va. Wir würden lügen, wenn wir behaupteten, daß wir von Ihrer zweiten Zuschrist viel mehr verstehen, als von ihrer ersten. Rur soviel begreiscn wir, daß Sit Ihre„wörtliche lvilbzeichnung" in der„R. W." veröffentlicht sehen möchten. Da deren Sin» NN» aber vollständig unbegpeiflich geblieben ist so ist natürlich an eine Ausnahme nicht zu denken. Wie wenig deutlilv und geschickt Sic Sich auszudrücken vrr- mögen, beweisen auch die Berse, welche Sie„Zur Lerständigung" überschrieben haben: „Wahrbeil finden— Recht erdenken,— Ist genannt Philosophie!— Stets jl» Licht: da« Denken schwenken,— Zu erreichen Wahrheusziel,— Als de« Menschen Ledensgeifte« Würde,— Frei von jeder Jrrtdnms- Unrechts- Bürde." Chemnitz. E. S. L. Aus Ihre umfangreiche Zuschrist antworten wir in nächster Rummer. Magdeburg. A. B. Nicht übel, aber doch nicht reis. Sie Icheinen ein Hoffnung«- vbller Ansänger. Mehren Sic den Schax Ihrer Gedanken, üben Sie Sich in der Hand hadung der Form, besonder» der prosaischen— dann kann's werden.— An den Ein» sender der„Magdeburger stzrien Presse". Was haben Sie dagegen einzuwenden, daß W. Brandt Krankheiten heilen will? B. Frl. It. St. Ihre in einem halben Duxend von Gedichten sehr oft wicdcrhoilt Betheurung, daß Sic einsam durch'» Leben schreiten, obgleich Sic„an Liebe nicht arm", hat unser lebhastes Mitgesühl erregt. Aendern würden wir an dieser traurigen Thaisache aber durch die Beröffentlichung Ihrer poetischen Schmerzcnsergüffc gewiß nichts. Tan Antonio( Texas). W. W. Senden Sie nur ein, was Sie in petto baden! Indessen wollen Sie bedenken, daß wir bei Schilderungen von Gegenden und Zuständen, die wir nicht nur nicht durch Augenschein kennen, sondern die auch selten treffend ge schildert worden sind, eine gewisse Garantie sür die Gewissenhaftigkeit des Bersaffer« haben müffen. Wien. An den Einsender der„Konstitutionellen Borstadt- Zeitung". Der Artikel über oder vielmehr wider„die Berechtigung des Impfzwanges" enthält einige beachten« wcrlhe Momente, ist aber doch wohl zur Weiterperdrcitung durch die„R. W." nicht bedeutend genug.— E. Ln. Wir haben in Madagascar leider keüie Berdindungen- Aus welche Weise man über dortige Lerhältniffc Erkundigungen der Ihnen erwünschten An einziehen könnte, darüber werden wir-Näheres zu erfahren suchen. Flensburg. M. N. A. Ihr dramatischer Versuch„So wählen unsre Gegner" zeigt IN erster Liaie, daß Sie keineswegs genügend die deutsche Sprache beherrschen, um mit Aussicht aus Ersolg an derartige literariiche Leistungen gehen zu können. Sie sind in den Fehler sehr vieler Ansänger verfallen, indem Sie Ihre noch sehr der Pflege br dürsende Fähigkeil an der schwierigsten Act der literarischen Produktion versuchten. Mit Kleinem sängt man an! Gcbwciler. T. Die Insel Wampu gehört zur chinesischen-Provinz Kanton und liegt vor der Mündung de» Perlfluffes. Erlangen. Dr. M. L. Ihr Wunsch ist erfüllt. Breslau. I. v. W.„Skizzen, Erzählungen. Fabeln und Räthsel" nehmen wir aus. wenn sie gut sind und mir der Tendenz der„R. W." Harmoniren. Also probiren Sie-s.— Ist. Wir haben unsern Herrn Weltausstellung«-Korrespondenten um Beanl wortung Ihrer Frage» ersucht. Breslau. B. M., Stettin. B., Konstanz. M— s. Ihre Arbeiten sind sür die „R. W." nicht verwendbar. (Schluß der Redaktion: Sonntag, dm 3. Juni.)' Änlsalt. Ein verlorener Posten, Roman von R. Lavant(Fortsetzung).— Voltaire und Rousseau und ihre kullurhistorische Mission, von(£. Fehlcisen(mit dem Porträt Voltaire's).— Ein Stück Kulturgeschichte des Mittelalters im Orient, von A. Bebel(Schluß).— Wie ein Comlnunard den Versaillern entkam.— Weltausstellungsbricfc.(III.) i Wüstenpost(mit Illustration).„Glücklich wie ein König." Das Aller der Panzerschiffe. Aerztlicher Briefkasten. Redaktionskorrespondenz. Perantwortllcher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwiperstraße 20).— Expedition: Färberstraßc 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.