Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorener Posten. Roman von HNtdoff Lavant. (Fortsetzung.) So fand denn einer der ersten Abende der zweiten Woche des neuen Jahres Wolfgang an seinem Schreibtisch; er stützte oft den Äopf in die Hand und blickte nachdenklich vor sich hin, aber er strich und änderte kein Wort in dem Abschiedsbrief, den er an Martha richtete und der folgendermaßen lautete: Mein Fräulein! In dem Augenblick, in ivclchcm diese Zeilen Ihnen übergeben werden, habe ich M. bereits verlassen, um nie wieder hierher zurückzukehren, und in welchen Winkel der Welt mein Schicksal mich verschlagen wird, vermag ich in diesem Augenblick selbst nicht zusagen; ich würde es aber auch nicht sagen mögen, selbst wenn ich es sagen könnte. Sie nennen diese Zeilen vielleicht überflüssig; habe ich Ihnen denn, wenn Sie dieselben lesen, nicht bereits die denkbar klarste Antwort auf die Eröffnungen gegeben, die Sie mir unter der Hand machen ließen, habe ich nicht die Bedingungen, die Sic stellen zu müssen, die Sie stellen zu dürfen glaubten, kurz und schroff von der Hand gewiesen? Was will ich also noch von Ihnen? Ich habe auch eine Zeitlang gemeint, daß jene Antwort voll- auf genüge. Aber ich bin nach und nach auf andere Gedanken gekommen. Eine solche indirekte Erklärung ließe doch einzelne, vielleicht sogar wichtige Punkte dunkel, und es liegt mir daran, daß Sie den, der auf immer von Ihnen geht, so sehen, wie er ist; ich bin sogar geneigt, zu glauben, daß ich damit eine letzte Psticht gegen Sie erfülle, nicht blos eine Pflicht gegen mich selbst. Ich würde mir nachträglich, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, die Behandlung verdienen, die ich erlitten habe, wäre ich im Stande, Ihnen wider die Wahrheit und aus falschem Stolz Zu sagen, daß ich kühl und ruhig, mit einem philosophischen Achselzucken und einem leichten Auswerfen der Lippe, Ihnen und all' den Träumen, die an Sic sich knüpften, Lebewohl sage. Ich bleibe, der ich bin, auch wenn ich Ihnen, trotz alles Geschehenen, , das mich wahrlich wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf, frei- müthig bekenne, daß ich seit dem Abend, an welchem ein fast koniischcr Zufall unsere Bekanntschaft vermittelte, im Banne Ihres Wesens stand, daß ich Sie geliebt habe, obgleich der durch aller- lei kleine Vorkommnisse verschärfte Gedanke an Ihren Rcichthum das überwallende Gefühl immer wieder zurückilrängte, und daß >ch, nach dem Abend im Schneesturm, im Begriff stand, Ihnen alle meine Zweifel und Bedenken, alle meine Onal und Un- schlüssigkeit zu gestehen, und Sie dann zu fragen, ob Sie mein Weib werden wollten, als die Eröffnungen, welche Sic mir durch den allernnglücklichsten Mittelsmann von der Welt vorbeugend zugehen ließen, alles zerstörten und zertrümmerten. Rettungslos und für immer zertrümmerten! Je inniger ich Sie geliebt, desto bittrer und vernichtender war die Enttäuschung. Ich hatte in Ihnen die Verkörperung all' meiner stillen Poetenträume gesehen, ich hatte mich nach Ihnen gesehnt, weil ich meinte, Sie würden meine stille, nachdenkliche, ernste Art und meine Liebe zur Poesie und zur Natur verstehen und sich an mich anschmiegen und ein sanfter Widerhall meiner selbst sein.— und Sie ziehen einen kalten, illusionslosen, nüchternen Praktiker in das zarte Geheimniß dieser Neigung und fordern von mir als Vorbedingung einer günstigen Aufnahme meiner Bewerbung den Verzicht auf die Thätigkeit als Feuerwehrmann, den Verzicht auf meine Lehrerthätigkcit im Bildungsvcrcin, den Vcrrath an allen meinen Ucberzeugungcn und Idealen! Es laufen so viele durch Gold und andere, feinere Formen der Bestechung gewonnene Renegaten in der Welt herum, daß ich den Plan, einen jungen Mann mit radikalen Anschauungen auf diesem Wege unschädlich zu machen, im allgemeinen„verflucht geschcidt" nennen muß. In diesem bcsondern Falle war er freilich doch nur„herzlich dumm". Es gibt Zumuthungen, die einem ächten Manne die Schamröthe in die Wangen treiben und die innigste Liebe in Kälte, wo nicht in Haß und Verachtung vcr- wandeln können; es schmerzt mich, daß Sie nicht wußten und fühlten, daß auch mir meine Ucbcrzeugnngen höher stehen, als eine Neigung meines Herzens.„Wodurch"— ich habe es hundert- mal vorwurfsvoll gefragt—„hast du den Verdacht erweckt, du könntest deiner Pflicht und deiner Ehre vergessen?" Und ich habe keine Antwort auf diese Frage gehabt und habe auch heute noch keine. Sind die Menschen, denen Sic bisher auf Ihren Lebens- wegen begegneten, denn alle armselige, schwung- und energielose Krämcrnaturcn gewesen, sind Sie niemals wenigstens Einem begegnet, auf dessen Stirn und in dessen Augen geschrieben stand, daß er für eine Idee zu kämpfen und zu leiden und nothfalls zu sterben wisse? Wie klein muß ich Ihnen erschienen sein— ebenso klein und verächtlich, als Sie mir groß und edel erschienen. 446 Wein es zur Ileberzenpngssnche geworden ist, daß des Mannes Ehre darin besteht, sich selber unter allen, auch unter den er- schivercndsten Umständen und im Kampfe wider seines Herzens süßeste Regungen treu zu bleiben, der kann nicht schwanken; auch mir war mein Weg vom ersten Moment an scharf und klar vor- gezeichnet, und ich habe nicht'einmal erwogen, ob ich Sie nicht bestimmen könnte, Ihre Bedingungen zurückzunehmen. Wollten Sie es selber thun— was wäre mir damit geholfen? Wie ich nur aus dem Ganzen und Bollen leben kann, so kann ich auch nur ans dem Ganzen und Bollen lieben, und das— geht eben nicht mehr. Ich würde nicht zu vergessen vermögen, was Sie mir angesonnen haben, ich würde das volle Vertrauen nicht wiederfinden und meiner Neigung schönste Blüthe ist verwelkt. Aber glauben Sie mir: daß es so ist, daß ich Sie kleiner gefunden habe, als ich Sic mir geträumt, ist der herbste und bitterste Schmerz meines Lebens. Ich habe mir die redlichste Mühe gegeben, mir diese Wendung zu erklären und Sie zu entschuldigen, ich habe die anfängliche Bitterkeit überwunden und bin jetzt so- weit, daß mir alle die harten Worte, die ich Ihnen sagen mußte, vielleicht weher thun, als sie Ihnen thun können. Sie mußten gesprochen werden, aber sie würden einem Manne, ja selbst jedem andern Menschen gegenüber viel schärfer und härter ausgefallen sein, und selbst in der milden Forin, die ich endlich gefunden habe, wollen sie mir noch grausam erscheinen— grausam, weil sie an Sie gerichtet sind. Es ist mir bitter leid um Sie, und ich habe dieses brennende Mitleid bisher nur unverschuldeter Roth gegenüber empfunden, die ich nicht zu lindern vermochte. Ich liefre Ihnen einen Beweis für die Wahrheit dieser Worte und gehorche zugleich einem plötzlichen Impuls, indem ich eine kleine poetische Geschichte meiner Neigung zu Ihnen, die ich erst vernichten und dann mindestens für mich behalten ivollte, diesen Zeilen beifüge und indem ich den rehbraunen Handschuh behalte, der ein Unterpfand unserer Freundschaft war. Ich habe viele Tage geglaubt, ihn zurücksenden zu müssen,— darf ich ihn als Andenken behalten, ivie ich Ihnen als Andenken meine Verse überlasse? Sie konimen ja wohl bei dem Tausche nicht zu kurz, und es ist doch immer ein milder, versöhnlicher Zug in dem trüben, schmerzlichen Bilde, über das wir nun einen dichten, grauen Schleier fallen lassen wollen. So ist denn alles, alles aus, und wir dürfen uns nie wieder- sehen. Die Lebensbahnen, die monatelang in eine zusammen- laufen zu wollen'schienen, trennen sich für immer,— ob wir beide jetzt schon so recht wissen, wie traurig das ist? Lassen Sie mich hoffen, daß Sie nie in bittrer, nutzloser Reue an dieses Jahr Ihres Lebens zurückdenken, es wäre, keine Genugthnung für mich, das denken zu müssen. Was aus mir wird, wohin ich gehe und wie ich innerlich über den Schlag, der inein Herz ge- troffen, hinauskomme, darüber habe ich zunächst nur Vermuthungen. Ich will nicht mit der Versicherung schließen, daß ich nie wieder lieben werde, denn ich iveiß, daß die Zeit, die alles heilende, solche Schwüre fast immer Lügen straft, aber ich kann Ihnen, was vielleicht ebensoviel ist, sagen, daß ich mir nicht denken kann, es werde mir je wieder der Muth kommen, zu träumen, wie ich hier geträumt, seitdem mein Blick zum erstenmale dem Ihrigen begegnet war. Wie aber auch mein Geschick sich wenden möge— eins wenigstens dürfen Sie als sicher annehmen. Ich habe dem Schmerz der Enttäuschung meinen Tribut gezahlt, ich habe mir die Erklärungen abgerungen, die ich Ihnen nicht erlassen konnte, aber nun tritt die milde, melancholische Empfindung in ihr Recht; sie wird die herrschende bleiben, und ich werde keine Rückfälle in die alte Bitterkeit erleben. Ich werde ja oft genug an Sie denken müssen, im stillen Walde, in dunkler Nacht, ans öder Haide, auf ncbelfeuchter Düne, aber ich werde Ihnen nicht nachtragen, was Sie, ohne die volle Tragweite Ihres Schrittes ermessen zu können, mir zugefügt haben. „Und mild, wie man der Todtcn sonst gedenkt, Gedenk' ich Dein." Lassen Sie das schwermüthigc Dichterwort auch meinen ernsten, weichen Scheidegruß sein! Wolfgang Hammer. So war der Brief geworden, so blieb er auch. Er war noch milder ausgefallen, als unser junger Freund sich ihn gedacht hatte, aber er war in dieser Form ein treuer Spiegel seines Empfin- dens, und es war ja nur wahr, wenn schließlich sein innerstes Empfinden znin Durchbruch gelangte; fluthete es doch unter der starren Decke vorwurfsvollen Grolls still und stetig dahin, wie die Wasser des Stroms unter ihrem Panzer von Eis. Warum > sollte er dieses Briefes sich schämen, warum ihn je bereuen? Es entstand aber nun eine weitere Frage. Auf welchem Wege sollte er die Blätter in Martha's Hände bringen, welcher Weg bot unbedingte Sicherheit? Er konnte den Brief am Tage nach seiner Abreise auf irgendeiner Station der Post überweisen, er konnte durch Rekommandation dafür sorgen, daß derselbe un- gefährdet au seine Adresse gelangte, aber er konnte, wenn er sich für diesen einfachsten Ausweg entschied, nicht verhüten, daß wenigstens die Thatsache, daß er an Martha geschrieben hatte, im Hause bekannt ward. Der Kommerzienrath ließ alle Geschäfts- und Privatbriefe von der Post abholen, auch die Briefe an seine Damen gingen durch seine Hände, und das durfte bei diesem Briefe nicht geschehen. Es war sowohl ein tiefer Widerwille dagegen, die Neugierde seines Chefs wachzurufen, als eine letzte zarte Rücksichtnahine auf Martha, die ihn bestimmten, diesen Weg zu verwerfen. Da besann er sich ans Anna. Sie war ihm einige Tage vor- her begegnet und hatte ihm erzählt, daß Frau von Larisch sie bei ihrer Abreise zurückgelassen habe, da Fräulein Emmy sie ge- beten habe, ihr das Mädchen, an das sie sich selber gewöhnt hätte, zu lassen; Frau von Larisch sei ziemlich bereitwillig darauf eingegangen, und sie selber sei eigentlich recht einverstanden damit gewesen, in M. zu bleiben. Sie hatte das mit einein gewissen Stocken der Stimme und erst nach einigem Zaudern gesagt, aber Wolfgang war wenig in der Stimmung gewesen, daraus zu achten und. Schlüsse daraus zu ziehen. Es hatte keine Schwierigkeiten, der Kleinen durch Frau Meiling, die mit den Verwandten des Mädchens bekannt war, am nächsten Tage ein paar Zeilen znzn-. stellen, durch die er sie um einen Besuch bat: er habe„seine kleine, treue Bnndesgcnossin" um einen letzten Dienst zu bitten. Anna fand sich, halb erwartungsvoll, halb bestürzt an dem- selben Abend bei ihm ein und Wolfgang empfing sie mit einem freundlichen:„Das ist hübsch— aus Sie kann man sich wenigstens verlassen." Aber die Kleine kam ihm durch ein unruhiges:„Warum haben Sie„letzten" Dienst geschrieben? Sie wollen doch nicht etwa fort?" zuvor. „Wie scharfsinnig Sie sind! Sie haben es errathen— ich muß. Aber zuvor habe ich noch eine Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen dürfen." „Mit dem, nicht dürfen' werden Sie wohl mehr recht haben, als mit dem, fort müssen'". „Als wenn ich mich so leicht zwingen ließe! Warten Sic nur noch ein paar Tage, dann werden Sie selber sagen, daß ich gar keine Wahl hatte, und wenn Sie mir eine kleine Freude machen wollen, so bringen Sic mir noch eine Photographie, ich möchte doch ein Bild von Ihnen haben, schon iveil Sie bei dem Krawall so klug und so tapfer gewesen sind." „Ach Gott, Herr Hammer, ich habe ja keine, und wenn ich mich erst schnell noch wollte abnehmen lassen, so geht das auch wieder nicht; ich bekomme mein neues Kleid erst Ende nächster Woche. Doch ich kann Ihnen das Bild ja nachschicken; aber ist es denn nur wirklich wahr, wollen und müssen Sie wirklich fort?" Wolfgang mußte über die Toilcttensorgen der Kleinen lächeln, aber schnell wieder ernst werdend erwiderte er: „Nun, ich kann Ihnen eine Adresse geben; mein Freund"(und er kritzelte dessen Adresse auf ein Blättchcn Papier)„weiß mich dann schon zu finden, denn' wohin ich verschlagen werde, darüber habe ich selber kaum eine Bcrmnthung. Ich reise am Sonnabend Abend ab, und meine Bitte geht nun dahin, diesen Brief unter vier Augen an seine Adresse gelangen zu lassen, nachdem Sic gewiß wissen,- daß ich seit vicrundzwanzig Stunden fort bin. Vielleicht sehen wir uns ans dem Bahnhof noch einmal— ja? Das wäre jedenfalls das sicherste." Die Kleine nickte nur, es schwoll ihr wie von verschluckten Thränen in die Kehle, und sie hätte kein Wort über die Lippen gebracht; der Gedanke, daß ihr Lebensretter so plötzlich fort wolle, und daß sie ihn vielleicht nie wiedersehe, machte sie sehr traurig. Dennoch hatte sie einen Blick auf die Adresse des ziemlich umfang- reichen Briefes geworfen, den ihr Wolfgang einhändigte, und es entging ihr nicht, daß der junge Mann unter dem überraschte» Blick, den sie ihm unwillkürlich zuwarf, leicht erröthcte und sich abwendete.—„An Fräulein Martha?" fragte sie und versuchte, durch den Ton dieser Frage anzudeuten, daß der Brief wohl sehr willkommen sein werde. 447 Wolfgang nahm alle Ki'ast zusammen und sagte leichthin: „An dieselbe. Ich habe eine Rechnung mit ihr in's Gleiche zu bringen, und che man abreist, macht man gern alle alten Schulden glatt." „Aber ich kann ihr den Brief ja gleich heute geben." „Das eben soll nicht sc.in und das dürfen Sie um keinen Preis thun. Vierundzivanzig Stunden nach meiner Abreise— keine Minute früher. Eben ivcil ich überzeugt war, daß Sie Sich mit der peinlichsten Genauigkeit an meine Borschrift halten würden, habe ich mich an Sie gewendet; können oder wollen Sie mir nicht mit Hand und Mund versprechen, den Brief solange als garnicht vorhanden anzusehen, so geben Sie mir ihn lieber wieder. Ich habe ganz bestimmte, sehr ernste und gute Gründe, zu wünschen, daß es so gehalten werde, und wenn Sic mich im Stiche lassen, so muß ich mich eben der Post anvertrauen oder auf einen andern Ausweg sinnen." „Nein, Herr Hammer, den Kummer werden Sie mir doch nicht machen?? Hier ist meine Hand; ich hüte den Brief, wie meinen Augapfel, und erst vierundzivanzig Stunden und eine Minute, nachdem ich Sic mit eigenen Augen habe davonfahren sehen, soll er an seine Adresse gelangen. Wissen Sie denn aber auch, daß Fräulein Martha seit einer Reihe von Tagen schon das Zimmer hütet und immer allein sein will? Sie hat sich, scheint es, stark erkältet, aber— sie kommt mir auch sehr traurig vor, und wenn sie mit jemanden spricht, ist es immer, als dächte sie an etwas ganz anderes und als müßte sie sich.jedes Wort erst abkaufen. Und kein Mensch hat eine Ahnung, was ihr fehlt, und wenn Fräulein Emmy sie darnach fragt, so versucht sie, zu lächeln und sagt, ihr fehle weiter nichts, als Ruhe, aber ich kann Ihnen garnicht sagen, wie unbeschreiblich traurig dieses Lächeln ist. Mir gibt es jedesmal einen Stich in's Herz, und sie ist so gut und hat mich immer behandelt, als wäre ich nicht eine Untergebene, sondern eine Bekannte; sie befiehlt nie, immer bittet sie. Aber ich ginge auch durch's Feuer für sie— grade wie für Sic." . Wo'lfgang hatte in dem Moment, in welchem Anna die Krank- hcit Martha's erwähnte, ihre Hand, die er lebhaft ergriffen hatte, um sie herzhaft zu schütteln, fahren lassen. Er versuchte ver- gcbcns, die Herrschaft über sich selber zu behaupten und es klang sehr gezwungen, als er endlich sagte: „Unwohl? Das thut mir leid. Ich glaube übrigens auch, daß sie gut und freundlich ist, und das ist mir Ihretwegen bc- sonders lieb. Mit Fräulein Reischach haben Sie wohl auch keine Roth, und da sind Sic schließlich hier besser aufgehoben, als bei Frau von Larisch in Berlin." „Aber, Herr Hammer, Sic sollten Fräulein Martha garnicht mit Fräulein Emmy lind Frau von Larisch zusammen nennen; Sie kennen sie gewiß nur ganz oberflächlich." „Doch nicht so ganz oberflächlich, aber das sind Nebensachen und Sic können mir über Fräulein Hoher kaum etwas neues sagen. Die Hauptsache ist, daß Sie meinen Brief pünktlich bc- sorgen und so, daß niemand sonst davon erfährt." „Gewiß und ivahrhaftig, Herr Hammer, ich halte Wort,— glauben Sie das nicht? Ich habe aber auch eine Bitte, eine recht dreiste Bitte— ich getraue mich garnicht recht, sie auszu- sprechen. Würden Sie mir denn— aber nein, ich fürchte, Sie werden böse!" „Nun, Kleine, so unerhört wird Ihr Anliegen doch nicht sein?" „Ach, ich hätte so gern— ein Bild von Ihnen, ein Andenken an meinen Retter. Ist das keine zu dreiste Bitte?' „O nein. Dort liegt mein Albuin; suchen Sie Sich das Bild heraus, das Ihnen am besten gefällt." Anna wurde ganz roth vor Freude, und dann zeigte sie mit dem Finger schüchtern und fragend ans die Photographie des Jäger- offizicrs, der die Mütze mit den gebogenen Spielhahnfedern keck auf's Ohr gesetzt hatte und recht kühn und verwegen in die Welt sah. Wolfgang amüsirte die Wahl. Er fragte: „Aber warum grade das Bild? Das stammt ja aus alter Zeit. Sic finden mehrere von jüngerem Datum." „Weil Sie hier so aussehen, wie ich Sie immer sehen möchte, frisch und froh. Jetzt sehen Sie viel nachdenklicher und ernster ans und heute— gradezn traurig. Ich möchte fast denken, es fiele Ihnen schwer, von hier wegzugehen, doch wenn das wäre, dann brauchten Sie ja nur nicht zu gehen. Aber, ivas ich da gesagt habe, war gewiß recht dumm." „Das möchte ich nicht behaupten, vor Ihnen muß man nch ja beinahe in acht nehmen! Aber, hier haben Sie das Bild; wenn ich eins in Fcuerwehrnniform hätte, bekämen Sie es extra." „Ach za, daran habe ich noch garnicht gedacht; was wird denn aus der Feuerwehr, wenn Sie fortgehen? Wissen die es denn schon?" „Daß ich fortgehe, weiß noch niemand und den Tag und die Stunde wird überhaupt niemand erfahren, Sie dürfen also auch keiner Seele etwas davon sagen— hören Sic? Meine kleine Bundesgenossin hat vor allen etwas voraus und kann schon ein wenig stolz darauf sein." „Das bin ich gewiß, und um Ihr Bild lasse ich mir einen hübschen Rahmen machen und. hänge es in meine Kammer, und ein frisches Kränzchen soll es auch immer haben." „Thun Sie das, denn sonst ivird, vielleicht meine alte, brave Frau Ateiling ausgenommen, doch niemand meiner �gedenken, das heißt, die Männer nehme ich aus, aber die bekränzen ihre Bilder nicht." Die Kleine schüttelte bestimmt den Kopf. „Das ist aber ganz gewiß eine Einbildung von Ihnen. Ich weiß, daß eine Dame wenigstens mich um dieses Bild beneiden würde, wenn sie es zu sehen bekäme, und am Ende iverde ich es vor ihr verstecken müssen." „Ich will nicht wissen, ivcii Sie meinen, aber ich nehme Ihnen das Bild wieder weg, wenn Sie es der Gefahr aussetzen, von dieser Dame gesehen zu werden. Das darf nicht sein." „Nun, die paar Wochen kann es ja im Kasten kampiren, wenn Sie so wollen; aber, nicht wahr, nun nehmen.Sie mir das Bild auch nicht wieder>vcg?" „Tic paar Wochen? Wie meinen Sie das?" „Das kann ich Ihnen nun leider nicht sagen, aber— blos jetzt nicht. Erfahren werden Sie es noch, am Sonnabend Abend ans dem Bahnhof." „Nun, das ist mir aber hübsch!' Geheimnisse, vor mir, der Ihnen einen so ernsten Auftrag anvertraut?" „Sic sagen, ernst'? Ist die Besorgung eines Brieses etwas so ernstes?" „Unter Umständen— ja; z. B. wenn der Brief sehr ernste Fragen betrifft. Und ist es denn nicht schon ernst zu nehmen, wenn ich Ihnen zumuthe, drei Tage lang einen versiegelten Brief zu hüten? Sie sind zwar meine kleine Berbündcte, aber doch immerhin ein Mädchen, und ich bin vielleicht doch unvorsichtig, wenn ich mich ans Sie verlasse." Wolfgang ivar ans dem leichten, scherzenden Ton plötzlich wieder in seinen ernstesten verfallen, und die Kleine erwiderte, ebenfalls im Tone des aufrichtigsten Ernstes: „Gott weiß, Herr Hammer, was für eine Bcwandtniß es mit dem Briefe hat, aber Sie sind gewiß nicht unvorsichtig, wenn Sie fest auf mich vertrauen; ich beiße mir eher den kleinen Finger ab, che ich nur im kleinsten gegen Ihren Befehl verstoße, und wenn er nicht gewissenhaft ausgeführt wird, so wage ich es auch nicht, Ihnen je Ivieder unter die Augen zu treten, und ich muß doch am Sonnabend noch einmal auf dem Bahnhof sein, um Ihnen Lebcivohl zu sagen—" „Und mich in Ihr Geheimnis; einzulvcihen, über das ich nicht nachdenke, weil ich mich überraschen lassen will." „Ach ja, denken Sie nicht darüber nach, sonst kämen Sie am Ende auf das Richtige und ich möchte Ihnen doch noch eine kleine Abschicdsfrcudc bereiten." „Das wird einen doppelten Werth für mich haben, ich gehe ja schweren Herzens und kann einen kleinen Lichtstrahl der Freude brauchen." „Sie gehen schweren Herzens, aber Sie gehen doch; was gäbe ich darum, wenn ich Ihnen helfen könnte!" „Diesmal. können Sie's freilich nicht, und wie das alles zu- sammenhängt, das ist mein Gchcimniß; ich muß es allerdings unaufgeklärt mit fortnehmen, obwohl ich schließlich Ihnen noch am ersten sagen könnte, wie es mir hier ergangen' ist. Sic würden mich, denke ich, verstehen und Sic würden zu schweigen ivissen. Aber nun, leben Sic ivohl, bis Sonnabend, sonst zerbricht sich Frau Meiling schließlich den Kops darüber, was wir solange zu verhandeln haben, denn ivic ich mit meiner kleinen Bundesgcnossin stehe, das kann sie sich doch nicht denken, und sie weiß ja nicht einmal, daß ich fort muß." „Sic iverdcn ihr gewiß an allen Ecken und Enden fehlen— die alte Fran� dauert mich." „Halten Sic es denn für ein so besonderes Vergnügen, sich für mich zu plagen?" „Das können Sie Sich nun nicht denken; aber sehen Sic, ich habe mir schon gewünscht, Frau Meiling möchte einmal krank iverdeu� 448 beim dann hätte ich mir's sicher nicht nehmen lassen, ihr an die Hand zu gehen und ihr die Sorge fiir Sie abzunehmen." „Ja, wissen Sie denn, ob ich mit dem Tausch zufrieden ge- Wesen wäre?" „Ich denke doch, und wenn Sie selber erst nicht gewollt hätten, würden Sie mir es denn verwehrt haben, wenn ich Sie recht darum gebeten hätte?" „Wenn Sie freilich ein Paar so bittende Augen dazu gemacht hätten, wie jetzt, wäre mir das Verbieten wohl recht sauer ge- worden. Wenn die beiden Alfrede diese Augen gesehen hätten!" „Aber ein klein wenig schlimm sind Sie doch— nun, am Sonnabend! Und über Ihren Brief— hier ist er!— breiteich alle Hände!" Wolfgang reichte ihr die Hand hin,— sie drückte sie stumm und huschte zur Thür hinaus und die Treppe hinab. (Fortsetzung folgt.) Voltaire und Rousseau und ihre Kulturhistorische MWon. Beitrag zur hundertjährigen Gedenkfeier am 30. Mai und 2. Juli 1878. Bon L. Iehkcise». (Fortsetzung.) Die deutschen Geschichtschreiber der Philosophie pflegen Voltaire's philosophische Bedeutung mit Geringschätzung zu behandeln. Diese Ungerechtigkeit hat darin ihren Grund, daß Voltaire allerdings nie ein eigenes System aufgestellt hat, wie solches leider jeder deutsche Philo- sophie-Professor thun zu müssen glaubt, allein er hat seinem Lande und in der Folge der ganzen Mensch- heit unendlich mehr genützt, dadurch, daß er den Baum der Freiheit aus England, wo derselbe im 17. Jahr- hundert schon so schöne Blüthen getrieben hatte, nach Frankreich verpflanzte, wo er in der Revolution so herrliche Früchte tragen sollte. Bis zu Anfang des 18. Jahrhunderts war die englische Literatur inFrank- reich beinahe vollständig unbekannt; Voltaire war einer der ersten, welcher diese reiche Fundgrube des Wissens seinen Laudsleuten erschloß; er war der erste, der Shakespeare studirte, er verbreitete die Schriften Locke's und machte die großartigen Entdeckungen Newtons populär, in welch' letzterer Arbeit ihn übri- gens seine Freundin, die Marquise du Chätelet, nicht wenig unterstützte. Seine Bewunderung eines Volkes, welches seine Könige bestraft und' seine Geisttichkeit im Zaume gehalten hatte, wirkte ansteckend. Tie ausgezeichnetsten Männer Frankreichs richteten ihre Blicke jetzt nach England, dessen Beispiel aber eine Liebe zum Fortschritt in ihnen anregte, die sie bald mit den herrschenden Klassen in Unfrieden brachte, weil bei diesen noch der alte stationäre Geist herrschte. Diese Opposition war eine heilsame Reaktion gegen den schmählichen Knechtsinn, durch den sich die Schriftsteller unter Ludwig XIV. ausgezeichnet hatten; leider hatten sich der Adel und die Geistlich- keit so sehr an die Gewalt gewöhnt, daß sie nicht den geringsten Widerspruch ertragen wollten, und als jene großen Schriftsteller es unternahmen, der Literatur ihres Vaterlandes einen freien Forschnngsgeist einzuflößen, wurden die regierenden Klassen zu einem Haß und einer Eifersucht aufgeregt, die alle Grenzen über- schritten und einen Kreuzzug gegen das Wissen erzeugten, in dessen Schöße die Revolution heranreifte. Unter dem Titel„Philosophische Briefe" veröffentlichte Voltaire die in England geivonnenen Eindrücke, aber zu seinem Unglück nahm er darin Locke's Gründe gegen angeborne Ideen auf. Die Beherrscher von Frankreich, obgleich sie wahrscheinlich von an- gebornen Ideen nicht viel wußten, hegten den Verdacht, diese Lehre könnte gefährlich sein, und als sie gar hörten, daß sie neu sei, verboten sie die Herausgabe, ließen Voltaire gefangennehmen und sein Werk von Henkers- Hand verbrennen. Auf dem Boden der Naturwissenschaft, den man immer als neutrales Gebiet betrachtet hatte, herrschte derselbe despo- tische und verfolgungs- süchtige Geist, ein Bericht über die Arbeiten Newtons wurde verboten; man wußte damals so gut, wie man dies auch heute noch weiß, daß Dummheit und Aber- glaube die sichersten Hülfs- mittel sind, die Völker in Knechtschaft und Unter- würfigkeit zu erhalten, des- halb widersetzte man sich jeder Art von Wissenschaft und Aufklärung. Die de- rühmte Encyklopädie, an welcher die größten Ge- lehrten arbeiteten und deren Herausgabe die Re- gierung anfänglich erlaubt hatte, wurde später ver- boten. Rousseau wurde ans Frankreich vertrieben unfr seine Werke öffentlich verbrannt; letzteres geschah auch mit der berühmten Abhandlung„Ueber den Geist" von Helvetius; der Naturforscher Buffon wurde gezwungen, öffent- lich Lehren zu widerrufen, deren Richtigkeit jetzt all- gemein anerkannt ist. Es werden wenige Schriftsteller von Bedeutung zu nennen sein, deren Werke nicht verboten oder verbrannt und die nicht in den Kerker oder in die Verbannung geschickt worden wären. Je größer und bedeutender der Mann, desto größer die Verfolgung, der er aus- gesetzt war; die natürliche Folge war, daß diese Männer und ihre Werke an Popularität gewannen und daß sie in glühendem Hasse gegen ihre Verfolger ihre Anstrengungen verdoppelten, Institutionen zu stürzen, unter deren Schutze eine so ungeheure Tyrannei ausgeübt werden konnte. Voltaire war es, welcher am erfolgreichsten diese Intoleranz bekämpfte, er beschränkte sich dabei auf die Gegenwart und hielt mit Recht das Niederreißen schon für ein gutes Werk; denen, die ihn darob tadelten und wissen wollten, was er an die Stelle setzen wolle, sagte er:„Wie, ich habe euch von einem reißenden Thiere befreit, das euch verschlang, und ihr fragt mich noch, was ich an seine Stelle setze?" Damals, wie auch heute noch, galt das Niederreißen alter, morscher Staats- und Kirchen- einrichtungen für gefährlich oder gar verbrecherisch, man wollte vorher das, was an die Stelle treten follte, fehen und erproben, Ein mittelalterlicher Hochzeitszug.(Seite 455.) ehe man liebgewonnene, durch das Alter geheiligte Gewohnheiten und Institutionen aufgab. So tief ein solches verlangen in der menschlichen Natur begründet sein mag, so sehr zeugt es doch von kindlichem Unverstand, denn nur auf den Ruinen eines alten, baufälligen Gebäudes kann ein neues errichtet werden, zuerst müssen die alten, wurmstichigen Einrichtungen fallen, ehe die neuen platzgreifen können, welchem Gedanken Schiller so schön und treffend Ausdruck verleiht: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Mehr denn je thäte auch unserer Zeit wieder ein Äoltaire noth, der mit gleichem Erfolg für Gewissensfreiheit und Toleranz kämpfte, denn der finstere, reaktionäre Geist der Intoleranz wüthet heute ärger als jemals; statt alleinseligmachender Kirchen*) sind es heute alleinseligmachende Parteien, welche das Leben der Völker vergiften und mit einem Hochmnth und einer Anmaßung herrschen, um die sie die fanatischesten Glaubenseiferer früherer Zeiten hätten beneiden können. Man hat sich heute daran gewöhnt, mit gewissem, mit Mitleid gepaarten Hochmnth auf frühere Zeiten herabzublicken; kommende Geschlechter aber werden das letzte Viertel des vielgerühmten Ist. Jahrhunderts, in welchem ganze Parteien und Bevölkerungs- klaffen mit beispielloser Wuth und Verachtung verfolgt wurden, gewiß ebenso streng oder noch strenger beurtheilcn, als wir die Zeiten der Juden- und Kctzervcrfolgungcn. Diese eitle Selbst- iiberhebung unserer Zeit ist gradezu lächerlich, denn>vie kann man denn von wirklichem Fortschritt auf geistigem Gebiet reden zu einer Zeit und in einem Lande, da es nicht zu den Selten- heilen gehört, daß Diebe und Ganner aller Art in denselben Strafanstalten sitzen und oft nicht anders behandelt werden als die sogenannten politischen Verbrecher, d. h. Männer, welche muthig und offen in Wort und Schrift für ihre Ueberzeugung eingetreten sind! Da, wo die Wahrheiten der Geschichte voll- ständig verkannt und vernachlässigt werden, kann von keinem Fortschritt die Rede sein, sonst müßte man sich doch sagen: Die Folgen der unglaublichen Verirrung, mit der die Beherrscher Frankreichs jeden Mann von Geist zu ihrem persönlichen Feinde machten und dadurch am Ende die ganze Intelligenz des Landes gegen sich aufbrachten, konnten nicht ausbleiben: die Revolution war nicht mehr eine Sache der Wahl, sondern der Nothwendig- kcit. Montesquieu aber sagt:„Die Verantwortlichkeit fällt nicht ans die, welche Kriege und Revolutionen machen, sondern auf die, welche sie unvermeidlich gemacht haben." Der Einwand, heute handle es sich um etwas ganz anderes, um den Umsturz alles Bestehenden u. s. w., heute sei ja diejenige Wissenschast, welche vor hundert Jahren verfolgt wurde, vollständig frei, ist nicht stichhaltig; auch jene Philosophen und Aufklärer galten da- Mals für gefährliche Umstürzler, sonst hätte man sie doch nicht verfolgt. In der That handelt es sich heute wieder um dieselbe Aufgabe: durch Besänftigung der Leidenschaften, durch kluge Nach- gicbigkeit gegen das fortschreitende Wissen, durch freie Gesetze einen verderblichen Zusammenstoß zu vermeiden oder durch den vom Unverstand diktirten Versuch, Ideen durch Gesetze zu untxr- drücken, statt sich mit diesen Ideen gütlich abzufinden, einen solchen Zusamnienstoß erst zu ermöglichen. * * Von bahnbrechender Bedeutung Ivar Voltaire auf dem Ge- biete der Geschichtsschreibung; sein Zweck war, wie er sagte, eine Geschichte der menschlichen Geister zu schreiben und nicht bloS eine Ehronik kleinlicher Thatsachcn, er wollte nichts zu thnn haben mit der Geschichte großer Herren, sondern zeigen, durch welche Entwicklungskämpfe der Mensch sich allmählich aus der Barbarei zur Bildung erhoben babe. Diese durch ihn angebahnte Reform trug nicht wenig dazu bei, der Revolution den Weg zu ebnen, indem sie alte Ansichten wankend machte und jenen mächtigen Individuen keine Achtung mehr zollte, die bisher mehr als Götter, denn als Menschen verehrt worden waren, jetzt aber von den größten und populärsten Historikern vernachlässigt oder ganz übergangen wurden, um desto länger bei der Wohlfahrt und den Interessen des ganzen Volkes verweilen zu können. Auf diese Weise leisteten Voltaire und seine Zeitgenossen der demokratischen Bewegung Vorschub, indem sie die Huldigungen, ♦) Welche übrigens immer noch mit dem alten Dünkel austreten, nur gehen glücklicherweise nicht mehr so viele Schafe in ihre Hürden. welche frühere Geschichtsschreiber einzelnen gezollt hatten, zcr- störten und die Geschichte aus cincin Zustand befreiten, in welchem sie eine bloße Aufzählung der Thatcn politischer und geistlicher"fj Tyrannen war. Auf Voltaire's politische Wirksamkeit pflegt man im allgemeinen wenig Gelvicht zu legen, man hält ihn vielfach sogar für einen 1 engherzigen Aristokraten; diese Meinung ist aber durchaus un- begründet. Während seines ganzen Lebens huldigte er einer entschieden freisinnigen Richtung; kein andrer als er ist der Ur- Heber und Vcrkündcr des später so mächtig gewordenen Wahl-\> sprnchs:„Freiheit und Gleichheit". Ebenso klar als scharf spricht er sein politisches GlanbenSbekenntniß mit den Worten ans: Daß der Mensch frei und alle gleich seien, das ist das allein natnr- gemäße Leben; jeder andere Zustand ist nur ein unwürdiges, äußerliches Machwerk, ein schlechtes Posscnspicl, in welchem der eine die Rolle des Herrn, der andre die des Sklaven, dieser die Rolle des Schmeichlers, jener die des Verfolgers übernimmt. „Nur durch Feigheit und Dummheit konnten die Menschen ihren natürlichen Rechtsznstand verlieren." In seinen Briefen an Friedrich II. betont er immer mit Nachdruck, daß alle Menschen von Geburt gleich seien, und bekannt ist sein Witzwort, daß er nur dann an das göttliche Recht der Ritter glauben werde, wenn er sehe, daß die Bauern mit Sätteln auf den Rücken und die Ritter mit Sporen an den Fersen ans die Welt kämen. Bei all seiner Freisinnigkeit blieb Voltaire aber in dem Grund- irrthum befangen, alle Besserung nicht von unten, sondern von oben zu erwarten und seine ganze Hoffnung ans jene freisinnigen Regierungsmaßregeln zu setzen, welche man treffend aufgeklärten Despotismus genannt hat. Zum großen Theil aus diesem Gesichtspunkt sind seine Verbindungen mit Friedrich II., Catha- rina II., Gustav III. und andern fürstlichen Personen zu bc- urtheilen. Obgleich in diese Verbindungen viele andere, nicht immer reine Beweggründe hineinspielen, und obgleich er in seinen! Lobsprüchcn und Schmeicheleien nicht selten das erlaubte Maß überschreitet, so ist doch nachgewiesen, daß er in seinen geheimsten Briefen und Mittheilnngen an diese Fürsten nie seine politischen Ueberzcugungen und Bestrebungen verleugnete. Unbedingte Unterordnung der Kirche unter den Staat, Ge- Wissens- und Preßfreiheit, Milderung der Kriminalgesetze, Besse- rung des Volksschulwesens, gerechte und gleichmäßige Steuer- vcrthcilung— diese und ähnliche Forderungen wiederholt er fort und fort, gleich unerschrocken gegen den gewaltthätigcii Druck eines absoluten Königthnms, wie gegen die Privilegien des über- mttthigen Adels und den finstern Eifer der herrschsüchtigen I Geistlichkeit. In der Religion ein begeisterter Kämpfer für Aufklärung und Duldung ivar Voltaire in der Politik derselbe nn- erschrockene Kämpfer für reine und freie Menschenliebe, für Milde und Gerechtigkeit. Nicht blos im politischen und'religiösen, auch im gewöhnlichen Leben war er der Bekämpfer des Fanatismus, der Rächer des verletzten Gesetzes, der Freund und Beschützer der Verfolgten und Bedrückten. Hiefür nur ein Beispiel: Nachdem der katholische Fanatismus an einem Reformirten, Namens Salfls, einen Justizmord begangen und dessen Familie der Schande und dem Unglück überliefert hatte, war es Voltaire, der drei Jahre lang unermüdlich in dieser Sache kämpfte; er rief die öffentliche Meinung der ganzen gebildeten Welt an, Paris, ja ganz Europa ergriff Partei und verlangte Gerechtigkeit. Der Urtheilssprnch wurde für falsch erklärt, die Ehre des geräderten Vaters wieder hergestellt und der Familie eine Entschädigung überwiesen. Um auch seiner Leistungen als Dichter und Romanschriststcllcr zu gedenken, fo sei erwähnt, daß Voltaire seine glänzende Lauf- vahn als Dichter begann und als solcher zunächst auch berühmt wurde; seine Gedichte, Romane, dramatischen Werke alle sind voll Geist und Witz und übten auf seine Zeit eine außerordentliche Wirkung aus, heute sind sie aber ziemlich in Vergessenheit ge- rathen, unsere in Bezug auf religiöse Verfolgungswickh fort geschrittene Zeit hat natürlich nicht mehr dasselbe Interesse an diesen Schriften, in welchen Voltaire seinen beißendsten Spott in Anwendung brachte, religiösen Wahnsinn zu'bekämpscn. Trotz aller Mängel bleibt Voltaire einer der hervorragendsten und der am mächtigsten wirkenden Geister aller Zeiten. Nicht das, was er unmitielbar schriftstellerisch erzeugte, ist das Maß- gebende, sondern die Fülle des Lichtes, das er überall entzündete und das leuchtete von den höchsten Kreisen bis herab in die Hütten des Volkes. Kein anderer Schriftsteller irgend einer Station hat so viele gesunde Gedanken in der ganzen Masse eines 451 Lölkes erweckt, wie er, der Nielgeschmähtc, der cille und charakter- schwache, trotzdem aber wahrhaft geniale Mann; wie sehr man anch seine persönlichen Fehler tadelt— die Menschheit hat in ihm einen ihrer erfolgreichsten Vorkämpfer für Aufklärung und geistige Befreiung zu verehren. Wie Voltaire der Vater, so ist Rousseau der Erbe der fran- zösischen Aufklärung; er theilt den Haß gegen das Bestehende, dieser Haß beruht aber ans andern Gründen und strebt nach andern Zielen. Hatte Montesquieu die Macht und Freiheit des englischen Staatslebens dem gedrückten Frankreich als anzn- strebendes Ziel vorgeführt, spricht jetzt Rousseau das kühne Wort, selbst England sei ein gedrücktes, freiheitsloscs Land; Frei- hcit und Wohlfahrt könnten nur da kräftig gedeihen, wo das Volk selbst unmittelbar souverän sei. Derselbe Mann aber, welcher an Kühnheit und Neuheit der politischen Anschauung alle gleichzeitigen Denker und Staats- künstlcr weit hinter sich läßt, känipft zugleich mit dem leiden- schaftlicbsten Eifer gegen den Atheismus und Materialismus und kehrt zum Gottcsglauben zurück, freilich nicht ans Grund der Offenbarung und des Kirchenglanbcns, sondern auf Grund des dem Menschen innewohnenden Gefühlslebens. Rousseau war eben eine ganz neue, tiefe und ursprüngliche Natur, rein aus sich selbst sich entwickelnd, unberührt von allen herrschenden Gesinnungen, Urtheilcn und Vorurtheilen; ein Kind des Volkes, liebte er dasselbe und setzte ohne Ausnahme alles in unmittelbare Beziehung zu demselben. Lange halte er sich nach Freiheit und Unabhängigkeit gesehnt; er, der Geniale, mußte den Bedientenrock tragen und vor hohlen Köpfen sich bücken. Er lernte einsehen, daß dieienige Freiheit, deren Ideal er seit den Drangsalen seiner Jugend im Herzen trug, nicht denkbar ist unter solchen Zuständen der Gesellschasl, die nur den Reichen und Mächtigen Vortheil bringen, unter dem unerträglichen Druck dieses armseligen Staatslebens, das die Gesammtheit unter die Gewalt- Herrschaft der nur durch zufällige Geburt, nicht durch Krast und Klugheit Bevorzugten stellt. Seine edle Seele grollt gegen eine unnatürliche Bildung, welche den Menschen. zwar verfeinert, aber auch verweichlicht; er grollt gegen den Staat, welcher den Menschen zu unwürdiger Knechtschaft erniedrigt. Die tiefsten Fragen der Menschheit gähren und wühlen in ihm und lassen nicht ab von ihm, bis sie Zusammenhang und feste Gestalt gewinnen; das Alte und Schädliche will er zertrümmern, Neues und Heilbringendes an die Stelle setzen, die Menschheit zu Glück und Freiheit er- ziehen. Alle seine Schriften stehen mit gleicher Härte und Schroff- hcit, aber auch mit gleicher Frische und Zähigkeit im Dienste dieser gewaltigen Aufgabe. Gegen das Veraltete erhebt sich die frische Werdelust des unabweislichen Fortschrittsbcdürfnisses, gegen das Erstorbene und Erstarrte die Jugendfrische und Innerlichkeit der nach unverkümmertcr Entfaltung lechzenden Menschennatur, gegen die einseitige Sprache hohler Federfuchscrei die ansprechende, natürliche Sprache des fühlenden Herzens. Solche neue, ungebundene, von Grund aus umwälzende Geister sind am besten geeignet, die stockende Geschichte wieder in Gang zu bringen; es liegt etwas Schwärmerisches, Prophetisches in Rousseau; mit einem biblischen Ausdruck möchte man sagen, er wie Voltaire tvarcn„gewaltige Rüstzeuge" ihrer Zeit. Er>var ein wahrer Sturmvogel der Revolution; er sprach aus, was als unbestimmtes Sehnen durch die ganze Menschheit hindurchzog; nicht blos in den Helden von 89 und 93 sehen wir seine Ein- Wirkungen, sondern ebenso in den begeisterten Jünglingen der deutschen Sturm- und Drangperiodc, in der Empörung der Schiller'schcn Jugcndwcrke gegen den Zwang der bürgerlichen Ordnung. Auch auf seinein Leben und Charakter haften viele und häß- lichc Fehler, wir haben es aber blos mit seinen Werken zu thun, uns kümmert das Gefäß nicht, in welchem der Geist eingeschlossen war, der heute noch so mächtig auf uns wirkt. (Schluß folgt.) Wie soll man mit Verbrechern umgehen? Das achtzehnte Jahrhunderte strich die beschimpfenden Strafen, das neunzehnte schafft die Todesstrafe ab. Menschenrechte brechen sich Bahn, müßten sie auch gegen Jahrhunderte kämpfen, Menschen- würde muß geachtet werden, und fordert es auch ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, das im Kampfe um das Dasein gc- fallen ist— ein Verbrecher. Die„gute, alte Zeit" der Tortur, des Prangers und des Stockschillings sah in der Strafe nichts als ein Abschreckungsmittel, durch welches ein jeder zum Vcr- brechen Geneigte von der Begehung zurückgeschreckt werden sollte; durch die Summe von Nebeln, die der Sträfling zu erdulden hatte, sollte die Lust an der Gesetzesübertretung unterdrückt werden— die Strafe des Verbrechers war ein Mittel fiir den Vorthcil anderer. Daher die rohen und unmenschlichen Straf- nicthoden, daher die entsetzlichen Leibesstrafen, tvclchc das Mittel- alter erfand und deren Erzählung schon uns mit Grausen erfüllt, daher die lächerlichen Belchimpsungen, welchen man den Vcr- brccher aussetzte, um so auf die Moral des Volkes zu wirken. Man benutzte den Verbrecher als Werkzeug, um auf das Gcmüth anderer einen wohlthätigen Einfluß auszuüben— einen Einfluß, den mau nicht einmal erreichte. Denn während die Sittlichkeit gehoben werden sollte, sank sie immer mehr. Weit entfernt mit Schaudern erfüllt zu werden, zogen Familien zu öffentlichen Hinrichtungen fröhlich wie zu Komödien hin, und vor dem Pranger belustigte fich das Volk vielleicht nicht weniger, als einst der cnt- nervte, unter Despoten sich beugende Römer, wenn in der Arena Verbrecher und Gladiatoren, deren einziges Vergehen es war, im Kriege gefangen worden zu sein, unter dem Jauchzen der Zu- schauer init Löwen und Tigern kämpfen mußten. In dem Ver- brccher aber, wenn er mit dem Leben davonkam, regte sich der Drotz gegen seine Peiniger, und, statt jetzt einen ordentlichen Lebenswandel zu beginnen, übertrat er von neuem das Gesetz. Einer solch' inhumaneu Rechtsanschauung, wie sie diese Zeit bietet, chnntcn Freiheitsstrafen nur wenig genügen; die Strafen mußten la öffentlich sein, wenn der Abschreckungszweck erreicht werden sollte. Noch weniger war ein Bcdürfniß vorhanden, für eine nützliche Einrichtung der Strafanstalten zu sorgen; schwere Uebcl sollten den Verbrecher treffen, Besserung Erstrebte man fiir ihn nicht. Erst das Ende des vorigen Jahrhunderts, erst jene Zeit, die mit mächtiger Faust Jrrthum und Vorurtheil zu Boden warf und Aufklärung hineinzutragen suchte in all die Finsterniß, welche das Mittelalter zurückgelassen hatte, erst sie ließ auch der Menschenwürde des Sträflings Gerechtigkeit widerfahren. Seit der große Engländer Howard rastlos Nordamerika und Europa durchreist hatte, uin die Gefängnisse kennen zu lernen, seitdem er gezeigt hatte, welch' grausigen Anblick die Gefängnisse darböten, seitdem fing man auch an, für des Sträflings Aufenthalt zu sorgen. Mit jener Zeit beginnen auch die Reformversuche auf dem Gebiete des Gefängnißwesens, die auch heute noch lange. nicht zum Abschlüsse gelangt sind und nicht eher zun? Abschlüsse gelangt sein werden, als man sich für die Wahl eines bestimmten Haftsysteins entschieden haben wird. Das älteste Systein, das schon sehr frühzeitig gehandhabt wurde und noch heute die meiste Anwendung, namentlich in deutschen Strafanstalten, gefunden hat, ist das Systein der ge- mcinsanen Haft. Tag und Nacht bleiben die verschiedenen Gc- fangenen zusammen, und jeder Verkehr ist ihnen unter einander gestattet; den Tag über arbeiten sie in gemeinsamen Arbeits- räumen, die Nacht bringen sie in gemeinsamen Schlafsälen zu. Von den bessern Elementen erwartet man in dieser Verbrecher- gesellschasl immer einen wohlthätigen Einfluß auf die schlechteren, es soll eine segensreiche Wechselwirkung entstehen; der eine soll den andern im Guten zu überflögen suchen und durch diesen Wetteifer eine allmähliche Umkehr der ganzen Vcrbrechergefcllschast zum Wege der Tugend erreicht werden. Es läßt sich nicht leugnen, daß man dieses Systein in? Laufe der Jahre?nannigfach zu vcr- bessern gewußt hat, dennoch konnte inan sich die vielen Nachtheile, die a?ls dein gemeinsamen Verkehr der verschiedensten Verbrecher entstehen, nicht verhehlen und suchte deshalb a?lch diefen Nach- theilen zu begegnen.— Dies führte zunächst zu dem sogenannten Auburn'schen oder Schweigsystem. Während die Sträflinge die Nacht über in ihren besondern Schlafzcllei? getrennt bleiben, arbeiten sie den Tag über in geineinsamen Arbeitsräumen und 452 zwar unter dein Gebote des strengsten Stillschweigens. Jeder Laut, jede Verständigung unter einander, sei es durch Worte oder Zeichen, wird ans das strengste bestraft, und grausame Peitschen- hiebe treffen den Gefangenen, der diese Hausordnung ubertritt. Tas Schweigsystem soll die vollständige Trennung, wie sie zur Ztachtzeit eintritt, ersetzen und doch den Sträfling nicht verein- sawen. In dieser Ausbildung findet sich das System zuerst in der Stadt Auburn im Staate Nenyork, von der auch das System seinen Namen erhalten hat. Von da an verbreitete es sich schnell über den Erdkreis, doch ebenso schnell fand man, daß seine Durchführung ans die größten Schwierigkeiten stoße. Trotz des größten Kostenaufwandes, den' alle n schon die große Anzahl der Aufseher erforderte, trotz der grausamsten Disziplinarstrafen und Züchtigungen erreichte man immer nur scheinbar das Schweigen, und, je härter die Strafe wurde, desto größer wurde auch die Schlauheit und List, mit der die Slräflinge eine Verständigung herbeizuführen wußten. Man schaffte deshalb dieses System an vielen Orten wieder ab, so daß wir es heute verhältnißmäßig nur noch an wenigen Anstalten, hauptsächlich in französischen Zuchthäusern, finden. An seine Stelle setzte man meist die Einzel- Haft, iudein man von dem Prinzip des Zusammenlebens der Verbrecher abging. Das Klassifikationssystem, das dieses Prinzip noch festhält, erlangte nur wenig Anerkennung. Das Klassi- fikationssystem bringt die Sträflinge in verschiedene Klassen; die verderbteren kommen zu den verderbteren, die besseren zu den bessern. Wer sich gut fllhrts, wird in eine höhere Klasse versetzt, in der er größere Erleichterung und mannigfache Belohnung ge- »ießt; wer sich schlecht führt, kommt in eine niedere Klasse. In den einzelnen Klassen ist den Gefangenen der Verkehr unter einander gestattet. Doch auch das Klassifikationssystem erwies sich bald als unausführbar, weil es nie gelang eine richtige Klassifikation zu erzielen. Es war dies natürlich. Es gibt keine moralisch gleichen Verbrecher; es können zwei dasselbe Verbrechen ausgeführt haben, aus derselben Stufe der Sittlichkeit werden sie jedoch nie stehen, und der eine wird immer besser sein als der andere. Darum mußte auch das Klassifikationssystem dem Trennnngssystem bald weichen. Das Trennungssystenl oder das System der Einzelhaft hat zwei Hauptphasen in seiner Entwicklung aufzuweisen. Die im Jahre 1776 von Mitgliedern der menschenfreundlichen Quäkersekte zu Philadelphia gegründete Gesellschaft„zur Erleichterung des Elendes in den Gefängnissen" bewirkte, daß 1790 die gesetzgebende Versammlung die Erbauung eines Gebäudes nach dem Grundsatze der Einsamkeit der Sträflinge in dem Gefängnisse zu Philadelphia bewilligte. Es wurden lauter Einzelzellen gebaut, wovon jede mit einem Höfchen zum Luftschöpfen versehen war. Ein jeder Verkehr mit der Außenwelt wurde dem Verbrecher ab- geschnitten und durch die jahrelange Einsamkeit, durch die Absperrung von allen äußern Einflüssen, durch die Entziehung jeder Arbeit sollte der Sträfling zur Einkehr in sich selbst gezwungen werden. Aber schon 1829 erbaute man zu Philadelphia ein neues Strafhaus, in welchem zwar die Gefangenen ebenfalls ge- trennt von einander lebten, eine vollständige Vereinsamung aber, die für den Körper und Geist so schädlich wirkt, dadurch ver- hindert wurde, daß man dem Sträfling nicht nur Arbeit gewährte, sondern auch für einen geregelten versittlichenden Verkehr sorgte. Man trennte den Sträfling nur' von andern Verbrechern, be- förderte aber den Umgang mit Menschen, deren Einfluß aus das Denken und Wollen des Gefangenen vortheilhast zn wirken ge- eignet schien, so daß er nicht einem trostlosen Brüten und Nach- | denken überlassen blieb. Dieses neue philadelphische System gewann immer mehr Anerkennung, und auch jetzt noch fährt man in fast allen Staaten fort, dasselbe einzuführen; in Preußen wurde es zuerst in der Strafanstalt zu Moabit angewandt. Eine äußerst glückliche und großartige Vereinigung ver- , schiedener Systeme ist das von dem Iren Walther Crofton er- fnndene, seit 1857 in Irland allgemein angewandte sogenannte irische oder Progressivsystem. Das irische System hat vier Stadien. Alle Verbrecher, die zn nicht weniger als drei Jahren verurtheilt sind, müssen zuerst eine Jsolirhaft durchmache». Die Jsolirhaft, welche nenn Monate dauert und nur bei anhaltend gutem Betragen um einen Monat verkürzt wird, ist, obwohl sie nicht streng durchgeführt wird, dennoch sehr drückend und schwer, damit der Kontrast mit dem srllheren Leben so grell als möglich erscheine. Namentlich macht die langweilige Beschäftigung, Zupfe» von Werg oder Kokosfasern, die Einzelhast sehr beschwerlich, so daß in dem Sträfling bald der Wunsch nach ihrer Beendigung auftauchen muß und er so in� ein besseres Denken und Wollen hineingedrängt wird. In der Einsamkeit soll der Gefangene unter der Leitung tüchtiger Lehrer lernen, den Verlockungen zu wider- stehen, welche ihm bald in der Gesellschaft mit andern Verbrechern, in dem Stadium der gemeinschaftlichen Zwangsarbeit drohen. In diesem, dem längstem Stadium genießen die Sträflinge schon größere Erleichterungen. Während sie die allerdings noch sehr schwere Arbeit gemeinschaftlich und zwar meistens im Freien ver- richten, sind sie die Nacht und die arbeitsfreie Zeit über getrennt, jedoch nur durch Drahtgitter, so daß sie sich wohl unterhalten können. Ein guter Unterricht sorgt für Besserung; um überdies den Eifer für einen ordentlichen Lebenswandel in ihnen zu wecken, sind sie jetzt auch in fünf Klassen getheilt, von denen jede immer mehr Erleichterungen bringt. Hat der Sträfling alle Klassen durchgemacht, so kommt er in das dritte Stadium, in die so- genannte Zwischenanstalt, welche den Zweck verfolgt, die Gegen- sätze zu vermitteln, welche in der Ruhe des Strafgefängnisses und dem Geräusch des Lebens liegen, und dadurch den Sträfling für die Freiheit vorzubereiten. Er soll hier wiederum den Werth seiner Persönlichkeit kennen lernen, und darum wird soviel als möglich von dem beseitigt, was ihn an sein Verhältniß erinnern könnte, so trägt er z. B. keine Sträflingskleidung mehr, wird so wenig als möglich beaufsichtigt, auch ist seine Arbeit keine allzu schwere. Damit die menschliche Gesellschaft den ihr bald Wieder- gegebenen nicht verstoße, beschränkt man den Ziichtling im Ver- kehr mit der Außenwelt auch jetzt schon mir ivenig, läßt ihn Proben von seiner Besserung und seiner Tüchtigkeit ablegen und gibt ihm vornehmlich solche Arbeit, wo er der Versuchung zum Schlimmen ausgesetzt ist. Läßt sich der Sträfling aber nur ein einziges Vergehen zn Schulden kommen, so wird er sofort zurück- versetzt. Als letztes Stadium folgt die bedingte Freilassung, die ungefähr das letzte Viertel der erkannten Strafe umfaßt. Der Gefangene wird, mit einem Urlaubsschein versehen, zu einem ordentlichen Arbeitgeber, der mit des ersteren Vergangenheit be- kannt gemacht ist, in Arbeit gegeben. Hier genießt er in allein die Freiheit, unterliegt jedoch einer strengen Aufsicht der Polizei- behörde. Auch ist sein Urlaub widerruflich, sobald er nur im geringsten von der Freiheit einen ungehörigen Gebrauch macht. In dieser Gestalt hat das irische System fast nur in Irland seine Anwendung gefunden. Nur einige wenige Anstalten haben sich Irland angeschlossen, z. V. die oldenburgische Anstalt Vechta; meistens ist dieses System wesentlich verändert eingeführt worden. (Schluß folgt.) Wie eilt Comnulimrd den Dersaillern entkam. Von Lissagaray. (Fortsetzung.) Gegen acht Uhr Abends wurde die Absperrung des Boulevard Voltaire aufgehobeu. Die Dunkelheit sank tiefer und tiefer herab; wir beschlossen aufzubrechen. Die Wirthin ivollte uns eine Strecke Weges begleiten, damit man uns für Kleinstädter halten könnte, die sich die Boulevards ansähen. Wir legten also nochmals ge- meinsam die Schmerzensstraße zurück, auf der so viele der Unsrigen glorreich gefallen waren, diesen Boulevard Voltaire, welcher in Zukunft in den Jahrbüchern der Revolution seinen Platz neben der Bastille haben wird. Wir verharrten in düstrem Schweigen; hier hatten wir Deleseluze fallen sehen— von den Fenstern jenes Hauses ans hatten wir die Barrikade vertheidigt, auf der er den Tod fand. Der Platz des Chateau d'Eau bot ein Bild der Ver- Wüstung; die Fontaine war durch die Granaten zerstört, die Bäume durch die Kugeln entblättert, der Boden durchfurcht und aufgewühlt, die brennenden Häuser drohten mit Einsturz. Auf dem Boulevard St. Martin mischten mir uns unter die Menge, 453 die zusammengeströmt war, um die Ruinen in Augenschein zu nehmen. Das Theater der Porte St. Martin brannte noch; das Pflaster vor dem Triumphbogen war aufgerissen. Bon hier bis zum Boulevard Montmartre schien Paris seine gewöhnliche Lebens- weise wieder aufgenommen zu haben. Die Kaffees waren von Besuchern überfüllt. Wer, der diese lebhafte, fast heitre Menge sah, hätte gedacht, daß im selben Augenblick tausende von Männern und Frauen in Ungeheuern Schlachthöfen niedergemetzelt wurden? Auf dem Boulevard Montniartre verließen wir unsere Wirthin. Die brave Frau umarmte uns mit Thränen in den Augen und sprach die Hoffnung aus, uns wiederzusehen. Wie groß waren während dieser wilden Jagd die Frauen von Paris! Sie nahmen die Flüchtlinge auf und verbargen sie mit Gefahr der Freiheit und vielleicht des Lebens; in dieser Stunde machte man keinen Unterschied zwischen dem Geächteten und dem, der ihm ein Asyl gewährte. Die Mutter eines versailler Soldaten versteckte bei sich mehrere hervorragende Persönlichkeiten der Commune; die einen brachen den Willen ihrer Männer, die andern stritten sich um das Vorrecht, den am ärgsten Verfolgten Schutz gewähren zu dürfen. Die erste große Gefahr war überstanden. Wir hatten die gefährlichsten Stadttheile hinter uns, aber wohin uns nun wenden? Die Nacht brach an, und es thut nicht gut, des Nachts in einer Stadt spazieren zu gehen, die mit Sturm genommen ist und sich im Belagerungszustand befindet. Humbert hatte keinerlei gesell- schaftliche Beziehungen in diesem Quartier. Die meinen waren zahlreich, aber hat man auch in solchen Stunden das Recht, sich seiner Bekannten zu erinnern? Der erste, zu dem wir gingen, ein Doktor der Medizin, einer meiner Freunde und Mitlegionäre, sagte nns:„Ich bin bereit, euch zu verbergen, aber ich befürchte eine Haussuchung. Dombrowski hatte am Sonntag meine Er- nennung zum Major unterzeichnet." Wir durften die Gefahr, in der er bereits schwebte, nicht vergrößern. In der Rue Lafayette blieb eine Thür, an die wir klopften, geschlossen; der Hausmeister, der uns eingelassen hatte, ohne ein Wort zu sagen, lief uns nach und fuhr uns auf offener Treppe barsch an— wir mußten die Flucht ergreifen. Auf dem Platz St. Georges rief der, welchen wir aufgesucht hatten, aus:„Ich hielt euch für todt!" schien uns zu bemitleiden und bot uns für den nächsten Tag seinen Beistand an, überließ es uns aber, einstweilen anderswo ein Nachtquartier zu suchen. Enlmuthigt verließen wir ihn. Um uns wenigstens äußerlich eine sichere Haltung zu geben, zündeten wir uns, indem wir das Trottoir der Rue Rotte Dame de Lorette zurückverfolgten, eine Cigarrc an. Plötzlich stürzten zwei wüthcnde Individuen auf uns zu:„Hinüber auf den Fahrweg!" schrieen sie uns an,„auf den Trottoirs wird nicht geraucht." Sie gehörten zu jenen Dumm- köpfen, die vor den vermauerten Fenstern ihrer Keller Wache hielten und in jedem Raucher einen Brandstifter sahen. Die Bourgeoisie war durch ihre Blätter, welche seit der Straßen- schlacht eine neue Auflage aller der Verleumdungen veranstalteten, welche man gegen die Junikämpfcr von 1848 erfunden hatte, glücklich in die Weißglühhitze des Fanatismus und der Angst versetzt worden und schenkten den ungeheuerlichsten Fabeln Glauben. Behauptete nicht sechs Monate später ein Abgeordneter, ein Mit- glied der parlamentarischen Enquete, über den 18. März, er habe Firnißballons gesehen, die mit einem dem Zahn einer Viper ähn- lichen goldnen Häkchen versehen waren und die Föderirten hätten zwanzigtausend solche Ballons anfertigen lassen, um die Soldaten zu vergiften? Wir gingen die Sttaßc des Faubourg Montmartre wieder hinab, mechanisch, ohne Plan und Ziel, als wir aus der Rue Vergöre eine Patrouille auf dem Fahrweg auf uns zukommen sahen und zwar eine Patrouille Brassardiers! Es waren das jene feigen und grausamen Bürger, die wäh- rend der Commune demüthig und gefenkten Hauptes umher- schlichen, aber nach dem Triumph der Ilrmee aus ihren Löchern hervorkrochen. Ihr Erkennungszeichen war eine dreifarbige Arm- binde(brassarä). Seit sechs Tagen stritten sie sich mit den Soldaten um die Ehre, zu arretiren und zu füsiliren, und kühlten unter dem Schutze der militärischen Gewalt ihren privaten, ihren Straßen- und Stadtviertelhaß. Ju dieser Stunde, wo alle Läden geschlossen unv die Straßen verödet waren, mußten wir ihnen verdächtig erscheinen. Aber wir hüteten uns wohl, die Flucht zu ergreifen und setzten unfern Weg inmitten der Fahrbahn fort, um direkt auf sie zu stoßen. Die Dunkelheit(denn das Gas war verlöscht) verschleierte die Nachlässigkeit unserer Toilette. Sie machten vor uns Halt und der Anführer fragte in hoch- fahrendem Tone: „Wo wollen Sie hin?" „Nach Hause?" „Wo wohnen Sie?" „Cito Bergöre." „Woher kommen Sie?" „Vom Platz St. Georges." „Bei wem waren Sie da?" „Nummer... bei meinem Freunde." „Hm!" „Wenn Sie uns nicht glauben wollen, so lassen Sic uns nach der Citö begleiten." Allem Anschein nach ließ er sich durch unsere unbefangene Sicherheit und durch die Raschheit unserer Antworten überzeugen. denn er fuhr in etwas milderem Tone fort: „Wir können nicht anders, meine Herren. Es gibt äugen- blicklich so viele Schufte, die ganz wie anständige Leute aussehen. Machen Sic übrigens, daß Sie nach Hause kommen." Wir hüteten uns wohl, ihm zu erwidern, daß die, welche augenblicklich für Schufte gälten, eigentlich die anständigen Leute seien und die, welche sich für anständig hielten, oft die wirklichen Schufte, und gingen dys Faubourg hinab. Mich in meine Wohnung zu begeben, erschien mir noch immer als der Gipfel der Unklugheit, aber wo die Nacht zubringen? Das Boulevard war öde, bcnn die Truppen biwackirtcn hauptsächlich in den Faubourgs, aber wir konnten bei jedem Schritt vorwärts neuen Patrouillen begegnen, die vielleicht weniger umgänglich waren als die erste. Aller Wahrscheinlichkeit nach ivar das Ende voin Liede unsere Gefangennahme. In der Angst versuchten wir es nochmals mit dem Abenteuer vom Morgen und wiederum— gelang es. Ein unscheinbares Gasthaus in der Rue Montmartre nahm uns auf. Wie viele von unseren Freunden machten zur gleichen Zeit in Angst und Sorge genau dasselbe durch!(Schluß folgt.) Merkwürdige Gelehrsamkeit. Der Friede von Tilsit war ab- geschlossen, Napoleon stand scheinbar aus dem Gipfel seiner Macht. Ich jage scheinbar, denn schon regte sich im preußischen Volke jener ge Heime Groll und Haß, den der korsische Tyrann mehr fürchtete, als offenen Widerstand. Seine Heere sogen zwar wie Vampyre das Mark des Landes aus, die Legion der Spione war überallhin verbreitet, aber doch ließ sich dieser Geist nicht dämpfen. Oesterreich machte die größten Rüstungen zu einem neuen Kampfe, Spanien erhob sich wie ein Mann gegen den Unterdrücker, selbst im eigenen Heere zeigten sich Spuren der Unzufriedenheit, hervorgerufen durch des Kaisers launenhafte Willkür und den schnödesten Egoismus. Auch Rußlands Kaiser Alexander zeigte nicht mehr jenes blinde Vertrauen, welches er ein Jahr früher offen- bart. Napoleons Scharfblicke konnten solche Veränderungen nicht fremd bleiben, er hielt es daher für rathsam, ehe er nach Spanien ging, seine Freundschaft mit Alexander durch eine persönliche Zusammenkunft zu befestigen. Als Ort der Zusammenkunst war die Stadt Erfurt be- stimmt, die dem französischen Kaiscrthum einverleibt worden war. Außer den beiden Kaisern hatten sich noch 4 Könige, 5 Großherzöge, ll4 Herzöge, viele Fürsten und Prinzen des Rheinbundes i»it ihren Generale», Minister», Diplomaten ic. eingefuudeu, und einer suchte den andern an Bezeigung der allerdemüthlgsten Unterwürfigkeit zu über- bieten. Alle Tage um 5 Uhr speiste Alexander bei Napoleon. Zu dieser Mittagstafel waren nie mehr als 5 oder G der in Erfurt anwesenden Fürsten geladen. Einst unterhielt man sich bei der Tafel über die deutschen Reichsinsignien, zu denen der König von Württem berg allen Ernstes die„goldene Bulle" rechnete. Rußlands Kaiser hatte auch wohl schon einmal von der goldenen Bulle gehört und wandte sich um nähere Auskunft über dieselbe au die anwesenden Herzöge und Fürsten, aber keiner vermochte rechten Bescheid darüber zu geben. Napoleon blickte voll Ironie die deutschen Fürsten an und sagte:„Die goldene Bulle— so nannte man iene Urkunde, durch.welche Karl IV. im Jahre 1356 auf dem Reichstage zu Nürnberg die Bestimmungen über die Kaiserwahl und die Rechte der Kurfürsten feststellte." Alle waren verwundert, und Alexander konnte die Frage nicht unterdrücken: „Aber wann und wo haben Eure Majestät diese gründlichen Studien gemacht?"—„Das war zu Brienne, als der Fähndrich Bonaparte sich um das Patent eines Sonslieutenants bewarb," war die Antwort. Die hohen Herren verstummten wie Schulbuben. Aber Napoleon hatte wohl ein Recht, sie zu verachten, die so wenig die Geschichte kannten! H. St. Rr.»n 454 Lasciate og Als die jenseitlose Welt, Die Welt des heiteren Genießens, In Trümmer sank, schuldbeladen, Wurmzerfressen durch Sklaverei, Da brach für die Menschen an Ein erdenberaubtes, träumendes Dasein. Hoffnungssklaven des Himmels quälten sie sich, Frendcnenterbt und heimathlos, In irdischem Fluch, in irdischem Elend. Wie ein Lottvspieler Harret auf des Glückes Laos,— Entzogen wird ihm durch Hoffen, Ausgesogen durch Hoffnung, Macht und Stärke von Hand und Hirn,— So klammerten sich an Hoffnung an Die Menschenkinder, Und lebten den Tod und starben ihr Leben. Da ein Dichter der Zeit Auf die Hallen des Schreckens schrieb: Die ihr eintretet, gebet die Hoffnung auf! Gran'nvoll klang das Wort In die angstcrbebenden, hoffenden Herzen. ") I» Dante's„GölNicher Nomödie" steht als Austchrist zur Hölle der berühl« oaih spcranza voi ch' entrate!14 Weltausstcllungsbricfc. in. (Schluß.) Wersen wir jetzt einen orientirenden Blick auf die Bauten und die Gartenanlagen der Weltausstellung, die soeben, am I. Mai, eröffnet worden ist. Zwei großartige Bauten nehmen unser Interesse vornehmlich in Anspruch. Der eine Palast, der eigentliche Ausstellungs- oder Jndustriepalast, ist ein breiter, langer, aber nicht sonderlich hoher Bau, welcher eine-viereckige Form hat, deren Seiten mit den Grenzlinien des Marsfeldes parallel laufen. Die Länge beträgt'706 Meter, die Breite Z46 Meter, sodaß das Gebäude, einige Borbauten mit hinzu- gerechnet, die Hälfte des ganzen Marsseldranmes einnimmt. Fast ganz aus Eisen errichtet und mit Glasdächern versehen, erfüllt das Gebäude, ein Werk des genialen Baumeisters Hardy, seinen Zweck auf's beste. Luft und Licht sind überall und der Raum ist in praktischer Weise ausgenützt worden. Eine nähere Betrachtung ergibt, daß der Palast aus acht großen Hallen und einem breiten Hof besteht, welche in der Länge parallel laufen. Je vier liegen nahe bei einander, der Hof nimmt die Milte ein. Der letztere enthält, grade im Centrum des Ganzen, einen eisernen, hübschen Pavillon, in welchem die Stadt Paris eine Spezialausstellnng abhält. Bon diesem Pavillon dehnen sich nach Nord- Westen und Südosten zwei Hallen aus, in welchen die Gemälde und andern Kunstgegenstände der verschiedenen Völker ihren Platz gesunden haben. Ganz nahe der südöstlichen Pforte befindet sich die deutsche Kunstausstellung. Bekanntlich ist Deutschland auf der Ausstellung nur durchs die Werke seiner Maler und Bildhauer vertreten. Der Raum des Hofes zu beiden Seiten des Pavillons und der Kunsthallen ist un- bedacht, wird aber bei regnerischem Wetter mit Segeltuch überdeckt werden, sodaß er immer als Promenade benutzt werden kann. Die eine Hälfte des ganzen Palastes, also vier jener obengenannten Hallen, und zwar die, welche nordöstlich vom Hofe liegen, gehört den französischen Ausstellern an, die andere Hälfte ist für die übrigen Völker reservirt. An der Ausstellung betheiligen sich folgende Nationen: England, Vereinigte Staaten, Schweden, Norwegen, Italien, Japan, China, Spanien, Oesterreich, Ungarn, Rußland, Schweden, Belgien, Griechenland, Dänemark, Central und Südamerika, Luxemburg, Monaco, Portugal und Niederlande. Außerdem in besonderen Pavillons' Persien, Marokko und Tunis. Die Türkei fehlt. Sowohl in der französischen wie in der ausländischen Abtheilung ist die Ausstellung der Produkte so arrangirt, daß die Maschinen und Rohprodukte sich an der Außenseite befinden, während die Knnstindustrie dem innern Hofe benachbart ist. Auf leichte Weise kann man indeß, wenn man an irgendeinem Punkte der Längsseite eintritt, Schritt für Schritt vorrückend, die Fabrikation vom Rohprodukt bis zum kompli zirtestcn Luxusartikel verfolgen. Die vier nebeneiiianderlaufenden Hallen der ausländischen Abtheilung werden quer von den Miimen, die den Völkern zuerthcill sind, durchschnitten. Deshalb ist es möglich geworden, i s p e r an z a). \ Kommen seh ich ein neu' Geschlecht Lebensfreudiger Menschen, Wissend, daß sie müssen erzeugen, Wissend, was sie müssen vollenden. Ausgeträumt ist oer öde Traum, Umgestürzt der Moloch des Hoffens: Da quillt ans eigner Kraft dem Menschen Ungeahnte Segensfülle Und ein Leben in Schönheit aus Erden. Kommen seh ich ein neu Geschlecht, Und wie die Griechen einst Auf Weisheithallen schreibt es die Worte ans: Kenne dich selbst! Das ist: Mach' dich von Hoffnung frei! Freudig tönt das Wort In den erwachten Herzen wieder. Hoffnungslos, vollbewußt Wirket dereinst am Weltenlauf Der Mensch, der Verächter blinden Glücks, Ein Gebieter des Schicksals. Leop. Iacoby. Vers: „Laßt alle Hoffnung draußen, die ihr eintretet!" daß der Besucher, welcher die Hallen rcchtwinklich durchschreitet, alle Produkte eines Landes nacheinander beschauen kann. Schreitet derselbe aber parallel mit dem Hose in grader Linie fort, so durchschneidet er die verschiedenen Abtheilungen der Länder, findet aber in jeder derselben stets dieselbe Art von Erzeugnissen und kann Vergleiche zivischen den Industrien verschiedener Völker anstellen. Das ist in der That ei» sehr praktisches Arrangement, welches allerdings schon im Jahre 1867 zur Anwendung kam, damals aber weniger Erfolg hatte, weil der Industrie palast nicht viereckig, sondern rund, ovalförmig war. Dort, wo die fremdländischen Abtheilungen in den Hof münden, ist den Architekten Gelegenheit gegeben, ihre Kunst zu zeigen. Jedes Land hat hier eine Faz-ade entweder aus Stein oder Holz oder sonstigem Baumaterial erbaut, die im nationalen Stil gehalten ist. So finden wir bei Belgien die Fa�ade eines fürstlichen Palais aus Ziegeln und Blaustein mit Säulen aus schwarzem, braunem und grünem Marmor, bei Rußland ein Bauernhaus aus Rundholz, bei Portugal eine Nach bildung der voetischcn Bogengänge des berühmten Klosters der Hicrony miten von Billam, bei der Schweiz statt des herkömmlichen berncr Häuschens eine elegante Kuppel w. Die beiden Längsseiten des Jndustriepalastes werden von zwei breiten Maschinenhallen begrenzt, die aber trotz ihrer Größe nicht ans- gereicht haben. Die Franzosen haben für ihre Maschinen noch be sonders zwei fast ebcnsogroße Hallen an der Nordseite des Marsfeldes hergerichtet. Architektonische Schönheit besitzt der Jndustriepalast als ein Ganzes genommen gewiß nicht, aber darauf wurde von Anfang an keine Rück ficht genommen, weil dann bei einem solchen Kolossalbau, der überdies nur provisorisch errichtet ist und im nächsten Winter wieder abgebrochen werden soll, die Kosten zu hoch gekommen wären. Einzig und allein die Breitseitcnfahade nach der Seine und dem Trocadero zu, ist mit besonderer Rücksicht auf einen schönen ästhetischen Anblick geschmückt und oruamentirt worden, so weit es eben ein eiserner Bau zuläßt. Die' Wirkung dieser Faqade liegt aber doch hauptsächlich in ihrer Größe und den drei riesigen Kuppeln, an den beiden Enden und in der Mitte, dort wo sich das Haupteingangspvrlal in den innern Hos befindet. Breite flache Treppen führen zu demselben hinauf, auf den Postamenten derselben sehen wir zahlreiche Statuen und Topfgewächse. Der ziemlich breite Raum zwischen den Treppen und dem Anfang der Jenabrückc ist i in einen prächtigen Garten mit Rosen und bunten Blumeiibeeten ver wandelt. In diesem Garten, sowie an den Seilen des Palastes sind noch zahlreiche Häuschen, Kioske, Tempel zc. zerstreut, auf die ich später zurückkommen werde. Das zweite große Gebäude steht auf der Spitze des Trocadero Hügels. Es schließt das Ausstellungsterrain im Nordwesten ab. Hinter demselben liegt ein kreisrunder Platz, die'».Place du Roi de Rvme", neuerdings auch Trocaderoplatz genannt, welcher von Häusern um geben ist.. Der Trocaderopalast ist von den Architekten Tevioud und Bourdais erbaut und besteht aus einem runden mit Säulengängen und Gallerien eingefaßten Mittelbau, den eine gewaltige Kuppel mit der Mesenstatue: ,La Rcnoinmb" überdacht, und zwei langen hufeisenförmig abschweifenden Flügeln, die nach der Seite der AussteÜung hin offene Säulengänge, nach der Seite des Trocaderoplatzes schmale Säle enthalten, in welchen Produkte der Landwirthschaft ausgestellt sind. Das ganze Gebäude ist ans jenem wunderbar schönen weißen Kalkstein erbaut, der unter Paris, in den Katakomben, und in nächster Umgebung der Stadt gehauen wird. Die Baukosten dieses Gebäudes betragen sechs Millionen Francs, von denen die Stadt Paris drei bezahlt und dafür das Recht erworben hat, den Palast, welcher nach der Ausstellung stehen bleiben wird, zu ihren Zwecken zu kennten. Der Anblick, den der Trocaderopalast ge- währt, ist ein sehr majestätischer und doch auch wieder zierlicher. Leicht und elegant erheben sich zwei hohe Thürme zu beiden Seiten der große» Kuppel in die Luft. Sie ähneln in der Forni und der Orna- mentik denjenigen, welche die Araber zur Zeit ihrer Weltherrschaft in Asien, Afrika und Syrien errichtet haben. In den Säulengängen sind unzählige, circa 2 bis 3 Meter hohe Statuen aus Bronze ausgestellt, welche symbolisch die an der.Ausstellung sich betheiligenden Völker- schasten imd die Künste, Wissenschaften und Handwerke darstellen. Von der kreisrunden Terrasse des Mittelbaues strönit eine mächtige Kaskade herab, welche ihre Fluthen über breite Treppen in ein rundes Bassin, welches in- der Milte des von der Jenabrücke an sanft ansteigenden Gartens liegt, ergießt. Tagesübcr im glitzernden Sonnenschein, wenn tausende von bunten Fahnen und Teppichen von allen Spitzen und Vorbauten des Palastes und der übrigen kleinen Gebäude, die ini Trocaderogarten ihren Platz gefunden haben, herabwchen und eine bunte Menge Besucher durch die verschlungenen Wege zwischen srühlings- grünen Gebüschen und Rajen dahinwandelt, glaubt man sich in einen Zaubergartey der Feenkönigin Abunda versetzt, in deren einsain ge- lcgenen Jnselreich, der Sache nach, stets Freude, Glück, Wohlsein und Sonnenschein herrschen. Ja, es ist schön hier aus dem Trocadero, und wie gern wollten wir glauben, alle diese Herrlichkeiten seien geschaffen zur Ehre des Menschengeschlechts, welches endlich, nach sechsjahrtausend- langen Kämpfen einen ewigen Frieden gefunden hat. Aber jene Sol- baten, die dort am Palais Wache stehen, jene traurigen Bettlergestalten, die wir jenseits der llmsriedung die Vorübergehenden ansprechen sehen, crinncru sie uns nicht immer wieder an die blutigen Kriege, welche noch heute Millionen junger Menschen in's frühe Grab bringen, und. an das Elend, die Sorge, die Roth der ärmeren Klassen? Wahrlich, die Zeit des großen internationalen Fricdeiisfestcs ist noch nicht ge- kommen, solange Kanonen brüllen und hunderte von armen Menschen täglich Hungers sterben. Werfen wir noch schnell einen flüchtigen Blick auf die zahlreichen kleinen Gebäude, die in den Gebieten des Trocadero und des Mars- selbes zerstreut liegen. Ihre Zahl beträgt sechzig. Sie dienen zum j Theil zu Spezialausstclluuge» größerer Aktiengesellschaften und Privat- gejchüfte, zum Theil enthalten sie Stationen der Feuerwehr, des ärzt- lichen Beistandes zc. Viele von ihnen sind auch nur Luxusbauten ver- schiedener Volker, die uns die cigenthümliche Art des Bauens und des Wohnens derselben veranschaulichen. Unter ihnen zeichnet sich besonders der im maurischen Stil gehaltene algicrische Pavillon aus. Die Pavillons von Japan, Persien, Tunis, Marocco, China, Norwegen imd Schweden, sowie der schwedische Kirchthum aus Holz, sind ebenfalls höchst originell, verlangen aber eine eingehendere Betrachtung, die wir auf unserer Wanderung durch die Ausstellung in einem der späteren Briese anstellen werden. Natürlich finden sich im Ausstellungspark auch Restaurationen, Wein- und Bierhäuser, welche lockend genug die vom vielen Anstaunen müden Besucher zur Erquickung einladen. Aber hüten wir uns? Es sind sammt und sonders„Mausefallen", in denen ein kleines Stück ,Speck hängt, welches, wenn einmal übergeschluckt, uns den ganzen Inhalt unserer Börse kosten kann. Wir thun weit besser daran, ehe wir die Reise nach dem Marsfelde antreten, auch für Proviant zu sorgen, iinl denselben bei gelegener Zeit auf den vielen Bänken behaglich zu verzehren! Aber nur aus die' Bänke dürfen wir uns setzen, nicht auf einen der vielen Stühle, ivclche, einmal von den Hinteren Schenkel- flächen berührt, sofort mit einem Franken per Stück bezahlt werden müssen. Auch ftir Unterhaltungsmusik ist gesorgt! Französische Kapellen spielen in einzelnen Restaurationen und im Pavillon von Tunis sogar eine tunesische Kapelle. In dein großen, hohen, halbrunden Festsaal des Trocaderopalastcs, welcher über 5V0V Menschen saßt, werden während der Weltausstellung zahlreiche Konzerte, Vorlesungen und Sitzungen von internationalen Kongressen und Vereinen statlflnden. Die projektirten pomphasten Ball- feste sollen in diesem Saale abgehakten werden. Um diese allgemeine Ucbcrsicht zu vervollständigen, sei noch der sogenannten„ArbciterauSstellung"(Exposition ouvriere) gedacht. In dieser werden die Fabrikate einzelner Fabrikanten und Arbeiter, welche - nicht das Geld haben, die Unkosten in der allgemeinen Ausstellung zu bestreiten, zur Ausstellung gelangen. Die Zahl derjenigen, welche sich an ihr betheiligen, ist nicht groß, da meistens nur pariser Arbeiter in der Lage sind, ihre Fabrikate herschaffen zu können. Aus die Beden- tung dieser Ausstellung werde ich später zurückkommeii, sobald sie er- öffnet ist, was erst Anfang Juni stattfinden wird. Vorläufig sei be- merkt, daß die Stadt Paris sämmtliche Kosten übernommen hat in der Höhe von 62,000 Francs, eine anscheinend kleine Sumnie im Vergleich mit den 44 Millionen, welche die allgemeine Ausstellung kostet. Es ist ein geringer, äußerst geringer Tribut, welchen man dem selbständig arbeitenden armen Fabrikanten zollt. Das Gebäude, welches drei große säle enthält, und der Garten bedecken zusammen eine Grundfläche von 3000 Quadratmetern, die dem Marsselde unmittelbar benachbart ist. Kade. Voltaire und die Genfer. Es ist bekannt, daß Voltaire von Fcrney aus, wo er seinen Lebensabend zubrachte, den ihm verhaßten stciskragigen genfer Calvinisten einen Schabernack um den andern' spielte. Das Konsistorium wollte kein Theater in der Stadt dulden, weil dadurch' die alten Sitten verderbt würden,— und Voltaire baute dicht vor den Mauern eine Bühne, auf welcher die ersten pariser Künstler austraten. Als man Anstalten traf, den anrüchigen Lesestoff zu kon fisziren, den er. unter seinen Anhängern verbreitete, wußte der alte Teufel— so nannten ihn stets die genfer Pfaffen— abermals Rath. Er ließ eine Menge Broschüren mit sehr frommen Titeln drucken(„Ernste Gedanken über Gott,"„Rathschläge für Familienväter," zc. 2C.); die ersten Seiten waren sehr erbaulichen und dezenten Inhalts, aber dann schlug der Ton urplötzlich in ein höchst unheitiges Grunzen um. Diese Waare ließ er durch verschmitzte Gesellen in die Magazine und Ateliers einschmuggeln, an die' Klingelzüge der Häuser binden, durch die Thür- spalten schieben, aus die Bänke der öffentlichen Promenaden hinlegen. Ja, selbst in den Sälen, wo die Jugend Religionsunterricht empfing, fanden sich nicht selten solche Broschüren eingeschwärzt, nach Format und Einband dem genfer Katechismus täuschend ähnlich nachgeahmt. Es half nichts, daß die heiligen Männer Broschüre über Broschüre zur Abwehr ausfliegen ließen, dem alten Teufel waren sie nicht gewachsen. Am lautesten heulten sie auf, als d'Alembert, natürlich durch Voltaire veranlaßt, in einem Artikel über die kirchlichen Verhältnisse Genfs schrieb, daß die meisten Diener der dortigen Kirche nicht an die Göttlichkeit Christi glauben und nur dasjenige in der Bibel als wahr anerkennen, was im Einklang mit der Vernunft stehe. Sie erließen ein Manisest, worin sie ihren vollen Glauben auch an das Unvernünftigste der Offenbarung nachdrücklichst betheuerten.— Immerhin bestanden zwischen Voltaire und einer Reihe von hcrvorragendern Genfern recht freund- licbe Beziehungen. So war z. B. der Maler Jean Hubor ein häufiger Gast in Ferney. Er benutzte den genaueren Umgang mit Voltaire dazu, um verschiedene Szenen aus dessen häuslichem Leben darzustellen, ja sogar in srciester Weise zu karrikiren. Eine solche pikante Samm- lung sandte er an die russische Kaiserin Katharina.„Voltaire", sagt Rigaud-Saladin in seiner Abhandlung über die schönen Künste in Genf, „erschien dort unter alle» Formen des häuslichen Lebens und wohl auch in Stellungen, welche manchmal seine üble Laune über die etwas kaustische Originalität dieser Art von Apotheose erregten. Einige solche Zeichnungen sind gravirt und hatten ihrerzeit einen ungeheuren Erfolg. Ein radirtes Blatt stellt 35 Köpfe Voltaire's dar, alle von verschie- denem Aussehen und doch von vollkommenster Aehnlichkcit. Die Dar- stcllnng der Züge Voltaire's war Hubcr so geläufig, daß er dessen Profil ausschnitt, indem er die Hände aus den Rücken hielt, ja dasselbe aus einer Karte herauszureißen wußte. Ein gewöhnlicher Spaß von ihm, der darin bestand, seinen Hund aus einer hingehaltenen Brotkruste das Profil Voltaire's herausbeiße» zu lassen, trug Huber keine geringe Berühmtheit ein. Daß man hierüber in Genf sich höher freute als in Fcrney, liegt auf der Hand. r.' Ein mittelalterlicher Hochzeitszug.(Bild Seite 443.) Wie stattlich fiel solch' ein Zug nach der Kirche aus, wenn es die Ver- mählung eines Paares aus den reichen bürgerlichen Häusern des deutschen Mittelalters galt. Zwei kleine Mädchen ans dem Verwandten- kreise der Brautleute gehen voran, gemeinschaftlich den Blumenkorb tragend, mit dessen duftigem, sarbensprühenden Inhalt sie den Weg bis zur Kirche bestreuen sollen; ihnen folgt ein Knabe, in der Rolle des den Sonnenaufgang ankündigenden Morgensterns, der die erste Fackelkerze trägt. Hinter ihm schreiten vier, gleichfalls kerzentragende Jünglinge, weiche die erste Abtheilung, gewissermaßen den Vortrab des Hochzeitszuges, schließen. Darauf wieder ein kleines Mädchen, als> Abbild der Licbesgottheit das Brautpaar führend, hinter diesem kommen als Fackelträgerinnen vier der Braut befreundete Jungfrauen, dann allerlei junges Volk, Mädchen und Knaben, welche den Brauteltcrn als Vortrab voranschreiten. Hinter diesen dann der Zug der übrigen Hochzcitsgästc. Alles erscheint würdig und feierlich, und doch liegt über dem Ganzen eine lebensfrohe Heiterkeit, die man oft dem deutschen Mittelalter garnicht zutrauen will. Aber in den Patrizierhäuscrn unserer große» Städte hatte die düstre Weltcutsaguug des Christen- thums glücklicherweise niemals so recht Eingang gefunden. Ueber den hundertjährigen Kalender. Auch in diesem Jahre haben die meisten Kalender-Redaktionen sich der Sünde wider den heiligen Geist der Vernunft schuldig gemacht und dem Kalendarium die Witterungsangabcu nach dem hundertjährigen Kalender zugefügt. Im Volke ist man häufig noch fest davon überzeugt, daß diese Borher- Verkündigungen des Wetters zutreffen, obwohl die Erfahrung schon hundertmal das Gegentheil bewiese». Aber selbst in den sogeimnnten „gebildeten" Kreisen trifft man noch vielfach auf Personen, die eine Reise zc. zu einer bestimniten Zeit nicht antreten, weil der Kalender 456 regnerisches Wetter vorherverkündigt. Wäre ihnen die Einrichtung des sogenannten hundertjährigen Kalenders bekannt, sie würden sicherlich nicht so sest auf die Wetterprophezeiungen vertrauen. Der hundert- jährige Kalender erschien am Ende des 17. Jahrhunderts und hat den Abt des Klosters Langheim bei Kulmbach 1>r. Mauritius Knauer zu seinem Verfasser, obwohl sein eigentlicher Urheber der seinerzeit große und berühmte Astrolog Stösler ist, der für 1524 den Welt- Untergang durch eine neue Sintfluth prophezeite, weil im Februar dieses Jahres drei Planeten im wässerigen Zeichen der Fische standen! Mit hundert Jahren hat der Knaner'sche Kalender nur das zu thun, daß er für sehr lange Zeit anwendbar ist, keineswegs gibt er die Witterung einer hundertjährigen Periode, sondern von sieben zu sieben Jahren, deren jedes einem der damals bekannten sieben herrschenden Himmelskörper untergeordnet ist. Diese sind Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond, die in der genannten Reihen- folge in der Regierung abwechseln. In jedem siebenten Jahre muß also die Witterungserschcinung sich wiederholen; 1833, 1830 ic. muß also dasselbe Wetter herrschen, was 1876 regierte. Die genannten Jahre stehen unter dem Regiment des Mars, der„mehr trockne als feuchte Jahre" liebt, wie Knauer uns belehrt. Saturn hat kalte, feuchte Jahre, Merkur mehr trockene als feuchte und zugleich mehr kalte als warme und daher selten fruchtbare k. Aber nicht nur im allgemeinen werden die Witterungsverhältnisse charakterisirt, auch die einzelnen Monate und Tage zieht der hundertjährige Kalender in den Kreis seiner Belehrung. So soll der Februar aller Jahre, die unter der Herrschaft Merkurs stehen, folgendes Wetter uns bringen:„Beginnt trübe und gelind bis zum 3., dann bis zum 6. trübe und kalt, am 8. schön, dann Regen, vom 23.-26. Schnee und etwas Kälte." Da nun das Jahr 1300 unter Merkur steht, so verdanken wir dein hundertjährigen Kalender schon jetzt die Kenntniß des Wetters für Februar des genannten Jahres. Auf gleiche Weise können wir für jedes beliebige Jahr schon jetzt das Wetter erkunden. Jeder Einsichtige muß erkennen, wie unsinnig dem- nach die Angaben der Witterungsvcrhältnisse nach dem hundertjährigen Kalender sind, und an seinem Theile dazu mitwirken Helsen, daß diese dem Geist der Zeit hohnsprechenden Wittcrungsnotizeu aus unseren Kalendern" verschwinden._:_ H. St. Mittel gegen den Baumblüthcn schädliche Insekten. Jährlich hört man die Klage, daß Früchte, wie Aepsel, Birnen, Pflaumen, Würmer enthalten, welche sie beschädigen und verderben. Ursache sind gewisse Insekten, welche während des Blühcns sich auf die Blütheu werfen, die Fruchtknoten anbohren und ein Ei hineinlegen, das sich in der Frucht entwickelt, sich von ihrem Fleische nährt und sie erst ver- läßt, wenn die Metamorphose zum vollständigen Insekt vor sich geht, welches dann im nächsten Jahre wieder Blüthen beschädigt. Man hat gegen diese Insekten ein Mittel gefunden: sie können den Essiggeruch nicht vertragen. Es genügt also, um sie zu entfernen und selbst um sie zu tödten, die Zweige der Bäume zur Zeit der Blüthcncntwicklung mit einer Mischung von Essig und Wasser zu besprengen. Man wendet einen Theil Essig und nenn Theile Wasser au, mischt gut und besprengt mittels einer Gießkanne die Knospen damit. Die Erfahrung hat er- geben, daß so behandelte Bäume mit Früchten, und guten Früchten, bedeckt waren, während andere nicht so geschützte Bäume fast nichts trugen..__ Dr. B.-R. Ein neuer Kurirschwindel. Zu dem unter gleichem Titel in Nr. 33 d. I. enthaltenen Fcuilletonartikel über den Mattei'schen Geheim- mittelschwindel geht uns von einem homöopathischen Apotheker die be- richtigende Aiittheilung zu, daß er das Depot jener Mattei'schen Mittel nicht infolge eines Protestes homöopathischer Aerzte, sondern schon vor sieben Jahren aus eigenem Antriebe aufgegeben habe. Er habe diese Nüttel nur sehr kurze Zeit geführt und seine Firma von dem Augenblicke an, wo man gewußt, daß man es nur mit einem plumpen Schwindel zu thun habe, nicht durch Begünstigung desselben beflecken wollen. FerjMchcr QßrufRö(ien. Berlin. C. G. Sie können keinen Arzt zwingen, Ihr Kind mit einer Lymphe zu impfen, die Sie ihm besorgt haben. Ebensowenig kann Sie aber auch der Arzt zwingen, Ihr Kind abimpfen zu lassen.— Von Airy's Naturheilmethode ist nichts zu halten. Hamburg. R. L. Wildunger Brunnen ist allerdings gegen chronische Blasen- und Nierenleiden, namentlich gegen die mit Steinbildung ver- bundenen Katarrhe der Harnwege sehr oft von wesentlichem Nutzen. Doch hängt die Auswahl unter sehr vielen ähnlich wirkenden und sich doch von einander unterscheidenden Quellen stets von den individuellen Verhältnissen des Kranken ab, weshalb wir Ihnen empfehlen, zuvor mit emcni Arzte zu sprechen, der Sie und Ihren Harn untersuchen kann. lleberhaupt sollte niemand ohne ärztliche Einwilligung eine Brunnenkur brauchen, da grade auf diesem Gebiete viel gesündigt und geschwindelt wird. Zum Beispiel ist der mit dem ungarischen Bitterwasser gettiebene Mißbrauch gradezu ein schreckenerregender. Es können durch den konsequenten Gebrauch eines so drastisch wirkenden Mittels ganz unheilbare Darmstörungen entstehen. Breslau. Frau H. Bleiben Sie nur bei der Milch. Sie ist für Kinder bis zum ersten Lebensjahre die einzige und passendste Nahrung. „An Zuckerwerk und Teigwaaren", sagt Sondcregger,„gehen in Städten und auf dem Lande tausende von Kindern uunöthigerweise und vor- zeitig verloren."„Es ist unglaublich, welche werthlosen und einseitigen Nahrungsmittel in aller Herren Länder den armen Kindern in den Mund gesteckt werden, nur um den Gebrauch der Milch zu verhüten. Das Wiegenkind des Bettlers bekommt eingeweichtes Brot mit Wasser, das Bauernkind kleberarmen Weißmehlbrei mit Milch, das vornehme Stammhalterchen vollends nur Tapioca, Arrowroot oder Reismehl, auch Salep, dessen Gummischleim gänzlich unverdaulich ist, und alle diese Kinder erkranken und sterben an der Einseitigkeit ihrer Stärke- mehlnahrung." I. N. in Solingen, Gustav R. in Berlin, R. I. in Hohen stein und ein Abonnent in Reichen berg wollen sich an Aerzte am Orte wenden, da sich das Leiden derselben ohne llntersuchung nicht be- urtheilcn läßt. W. M. in Berlin wolle die Einreibungen mit Kampher- spiritus unterlassen.— P. St. in Berlin. Warum nannten Sie Ihren Namen und Ihre Adresse nicht, damit wir Ihnen schreiben konnten'? Die übrigen bis zum 7. Juni eingegangenen Briese wurden, soweit es thunlich, direkt beantwortet. Dr. Resau. QfodaKtioits- Korrespondenj. Breslau. F. B. Was Ihr„Stein der Weisen", bestehend in der„Aegyptentasel" eigentlich soll, begreisen wir nicht! noch weniger, was dergleichen beweisen könnte. Sie mögen es recht gut meinen, hätten aber offenbar mit der Eutwickinng Ihrer eigenen Denksähigkeit noch alle Hände voll zu thun. Worms. M. I. Bebel nimmt in seinem Artikel„Zur Kulturgeschichte des Orients" „diese Barbaren", die Muhamedaner nämlich, nicht mehr in Schuh, als durch die Ge- schichte gerechtsertigt ist. Tie Türken der Gegenwart stehe» den europäischen Christen an Intelligenz und Grsttwng im allgemeinen unzweiselhast nach; ihre mittelalterlichen Bor-. sahren standen aber grostentheils ebenso sehr den unter der Herrschast des Papftthums geistig und sittlich unbeschreiblich verkommenen christliche» Völkern voran.— Ihre Scn- dung, welche an die Expedition der„N. 48." hätte gerichtet sein sollen, ist nun aus dem Umwege über die Redaktion ersterer zu Händen gekommen. Berlin. A. Die Ehe soll unserer Ausjaffung nach nicht nur ein Bertrag zum Zweck der Erzeugung und Erziehung von Kindern sein, sondern auch eine Vereinigung von Mann und Weib zum Zwecke geistiger und sittlicher Ergänzung und Unlerftahung. Insbesondere ist die Ehe inzosern von höchster sittlicher Bedeutung, als sie Eltern und Kinder anhält, die Besonderheiten anderer Menschen kennen und respektiren zu lernen, und den ordinären Egoismus des ganz aus sich selbst beschränkten Btenscheu zu Gunsten der edleren Sorge sür nächststehende andre auszugeben. In diesem Betracht ist die Ehe und die Familie in der Thal die Grundlage des Staates, der desto beffer seine in der Förderung de» Wohles aller seiner Angehörigen bestehende Ausgabe zu lösen vermag, je mehr es gelungen ist, an die Stelle der rohen Ichsucht die Freude an der Förderung fremden Glückes zu sehen. Genf. L. S. d. B. Das einzige Drama, welches wir Ihnen zu Ihrem Zwecke mit gutem Gewiffen empfehlen können, ist das historische Schauspiel„Madame Roland", von M. Kautsky, im Berlage von Roiner in Wien erschienen. Wenn Ihrem Berein einige Mittel und eine nicht zu kleine Anzahl sehr strebsamer Krästc zur Lersügung stehen, können Sie daffelbe zur Aussührung bringen. In jedem Falle wird Ihnen das Studium des Stückes, das Lesen desselben mit vertheilten Rollen oder auch der Vor- trag durch einen deklamatorisch besonders begabten Mann zum Bortheil und zur Befriedigung gereichen. Die sonst vorhandenen„sozialistischen Theaterstücke" sind gewiß alle aus dem redlichen Streben, etwas Tüchtiges zu leisten, hervorgegangen,>md einer und der andre der un« bekannten Versasier ist auch allgcmeinliterarisch trefflich be- anlagt, aber das Drama soll die Krone der poetische» Produktion sein; Kronen aber erringen aus dem Gebiete des Geistes nur die H ö ch st begabten, und auch diese nur nach ernstestem Studium und sorgsältigster, mühevoller Arbeit. Sie können Sich übrigens, ohne Furcht, an Ihrer sozialpolitischen Gesinnung Schaden zu leiden, an die Werke der groben deutschen Dichter wagen, vor allen an Schiller und Goethe, und werden bei diesen Geistcssürsten reiche Schähe gediegenen Gedaukengoldes vorsiuden und gemein- schaftlich zu studiren und zu d-klamiren genug haben. Was mit Ihrer sozialistischen Gesinnung in den Werken dieser und anderer Gröben der deutschen Literatur nicht har- monirt, das können Sie bei der tausendsältigcn Anregung Ihres Geistes und Gemüths, welche Ihnen darin zutbeil wird, getrost in den Kauf nehmen. Des srühverstorbenen genialen Georg Büchner grobartiges Drama„Dantoni Tod" empfehlen wir Ihnen übrigens zur Lektüre selbstverständlich auch aus das wärmste. Wittorf. F. R. Die sünssilbige Eharade ist in der Form sehr hübsch und ließe auch in de» Gedanken garnichts zu wünschen übrig, wenn Sie als Auflösung einen Gegen- stand gewählt hätten, der für die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse des Armen gröbere Bedeutung hat. Die dreisilbige Eharade ist politisch nicht ganz unbedenklich und in den beiden ersten BerSzeilen auch formell nicht jo gut. Die erstem werden wir ge- legentlich, vielleicht mit einer oder der anderen Korrektur, verwenden. Barmen. l>. Sch. Ihre Novelle„Arm und Reich" ist Ihrem Wunsche gemäß an Sie zurückgesendet worden. Frdl. Gr. Kopenhagen. G. H. Ihre neueste Zusendung vermochten wir noch nicht zu prüfen. Sind Sie, wie beabsichtigt, während der Psingstseiertage aus Bornholm gewesen, so senden Sie uns vielleicht eine kurze Beschreibung de» Ausflugs nach dieser wenig be- kannten Ostseeinsel. Leipzig, llr. M. B. Die Biographie Berangeri soll im nächsten QuaNal zum Abdruck gelangen. Ihre in»nsern Händen befindlichen satirischen Gedichte erscheinen uns sür die ,',R. W." nicht bedeutend genug. — Eine Anzahl der sür diese Nummer bestimmten Korrespondenznotize« mußte für die nächste reservirt werden. iSchlust der Redaktion: Dinitag, den 11. Juni.) Inhalt. Ein verlorener Posten, Roman von R. Lavant(Fortsetzung).— Voltaire und Rousseau und ihre kulturhistorische Mission, von C. Fehleisen(mit dem Porträt Rousscau's).— Wie soll man mit Verbrechern umgehen?— Wie ein Cominniiard den Versaillern Entkam, von Lissagaray(Forts.).— Merkwürdige Gelehrsamkeit. Lasciatc ogni speranza, Gedicht von L. Jacoby. Weltausstellungsbriese.(III. Schluß.) Voltaire und die Genfer. Ein mittelalterlicher Hochzeitszug(mit Illustration). Ueber den hundertjährigen Kalender. Mittel gegen den Korn- blüthen schädliche Insekten. Ein neuer Kurirschwindel. Aerztlicher Briefkasten. Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzcrsttaße 20).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.