(Ein verlorener Posten. Roman von Rudotf Lavant. (Fortsetzung.) Herr Reischach umfitc nichts zu erlvidcr»; es drehte sich alles !!m ihn im Zt reise imb ivic gelahmt lies; er alles weitere iibcr !ch ergehen. Tic Veifallssalvcn der Arbeiter dröhnten ihm in den£hrcn; verworren und unklar nur vernahm er die von den übrigen �omitemitgliedern flüsternd gewechselten, bestürzten und Rathlosen Bemerkungen; der Sinn von Wolfgangs Rede ging zuletzt 011 seiner hnlflosen Betäubung fast spurlos vorüber, er vernahm suir noch den Klang der hellen, sonoren Stimme, die spielend bis die entlegenste Ecke des weiten Saales drang, und Wvlfgaitgs grollende Begeisterung und der Schwung und das Feuer, die "'ehr und mehr jedes Wort charakterisirten, hatten selbst für ihn f„"s. unwillkürlich Berauschendes. Das Blut drängte ihm so nnrniisch nach dem Kopfe, daß er den Sprecher nur wie durch esnen röthlichen Ztebel sah;— was>var dieser Hammer für ein eathselhaftcr, unheimlicher Mensch, und wer sollte ihn widerlegen "»d ans dem Felde schlagen? So hatte er noch nie reden hören, ""o auch später blieb er dabei, es den Arbeitern nicht verdenken können, wenn sie sich von Wolfgangs Worten beherrschen und '"rtreißen ließen. � Als Wolfgang die Tribüne unter betäubendem, minutenlangem �udelruf verließ, stürzte SUoite, der sich von der Galerie in den «aal begeben hatte, nach derselben— er hatte sich beim Bor- atzenden, der vollständig den Kopf verloren hatte, zum Wort flciiiclbct. Seine Wangen glühten, seine granen Augen butzten; �olfgangs besorgtes, abmahnendes:„Lassen sie das, Krone; �°zu wollen Sic mich noch in den Abgrund springen?" bcant- "Acte er nur durch ein energisches Kopfschüttcln und ein aus- »ercgtcs:„Ich muß!" und saßtc auf der Tribüne Posto. Lr t"1" aber nicht sogleich zum Sprechen; die Wogen gingen noch '"ch und die Klingel des Borsitzendcn machte vergebens vci »"ciielte Anstrengungen, die Ruhe wiederherzustellen. � «olsgcing verfügte sich, mit leichtgcröthcten Wangen, im übrigen � ruhig und sicher, an den Koinitötisch, warf einen etwas iro- Uchen.Blick ans den Rektor, dessen Gesicht eine grangrünliche rhu, ig cingciiomincn hatte, dessen blasse Lippen zitterten un ."ch rathlos und nervös mit der Hand durch den Haarb i.i und trat zum Kommerzienrath, der am liebsten �'braust wäre, aber keine Worte fand und den lungen Man.i .. lleistesabivesend und ziemlich albern anstarrte. Äci � � li e"' gelassenen Artigkeit, die unter Umständen am meisUii iniponirt und brutale Naturen ihrer Waffen beraubt, sagte er: „Ich habe Ihnen meine Antwort gegeben, Herr Kommerzicuralh, und ich glaube, sie ist deutlich ausgefallen. Sic sehen c? wohl mit mir als selbstverständlich an, daß diese Stniidc unser Berhältniß löst,»ud ich kvminc Ihnen zuvor, indem ich Ihnen erkläre, daß ich den Fuß nicht wieder in das Gomptoir setzen werde. Meine Bücher und Skriptur- 11 sind vollständig in Ord nnng, nicht blos bis auf den Tag, sondern bis ans die Stunde und Minute; sollte dennoch irgendeine Ansklärung gewünscht werden, so bitte ich, dieselbe bis morgen Abend zu fordern, da ich solange hier bleibe, um meiner Wählcrpflicht zu genügen und � das Resultat der Wahl abzuwarten. Ob Sie mir ein Zengniß ausstellen wollen, stelle ich in Ihr Belieben; ich bedarf desselben nicht und will Ihnen nicht zumnthcn, sich noch weiter mit einem Manne zu befassen, der Ihnen eine so verdrießliche Lektion er- thcilt hat, iveiin Sic auch zugeben werden, daß Sic ihn gereizt hatten." Der Kommerzienrath nickte steif und kalt und erklärte so sein Einverständniß; es erschien ihm in diesem Moment unmöglich, eine andere Form der Erwiderung zu finden und dennoch seiner Würde nichts zu vergeben. Erst einige Tage später besann er sich ans allerlei stolze, strafende, geringschätzige, iiicderschincttcrndc Redewendungen, die eine gebührende Abfertigung dieser„unver- schämteii, herausfordernden Dreistigkeit" gewesen wären. Mit einer förmlichen Verbeugung gegen Herrn Reischach und den Landrath, der ihn kalt und fremd fixirte, hatte sich Wolfgang zurückgezogen. Inzwischen war denn Krone endlich zum Wort gelangt. Aber seine Stimme erlvies sich unfähig, das»och immer anhaltende dumpfe Snmnicn eifrig redender Stimmen zu übertönen. Bon all' den massiven Wahrheiten, die tr an Wolfgangs bahnbrechende Rede hatte knüpfen wollen, blieben ihn, sieben Achtel in der Kehle stecken und auf das. zur Aussprache gelangende Achtel hörte fast niemand. Es blieb also bei einem in unregelmäßigen Zwischen- rännieu hervorgestoßenen: „Freunde I Bürger! Wer von all' den Rednern, die heute gesprochen haben, die Wahrheit vertreten hat. darüber kann wohl kein Zweifel sein— das innsz sich jeder sagen. Die ewigen Ideen lassen sich nicht nnterdrücken,-- sie erheben iminer wieder sieg- reich ihr Haupt, die Gewalt kann ihnen nichts anhaben,— *• Ctull 1878. Erscheint wöchentlich— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 4 aller Lug und Trug muß endlich cullarvt werden,~ alle Redekünste leiden zuletzt doch kläglich Schiffbruch. Tie Wahrheit kann überschrieen werden,— sie bohrt sich aber immer wieder durch � oder vielmehr, sie verschafft ihrer Stimme immer wieder Gehör. Wir haben Reden genug gehört— jeder weiß, was er zu thiin hat,— ich stelle den Antrag auf Schluß." Der gute Krone wußte weder, daß seine vieldeutigen und in allen Farben schillernden Worte allen Parteien genehm sein und sogar den Verdacht erwecken konnten, als habe er gegen Molsgaug Front machen wollen, noch wußte er, daß er niit seinem Antrag, der doch nur bezweckte, zu verhindern, daß die Rede Wolfgangs etwa abgeschwächt und ihr Eindruck verwischt tvcrde, den Gegnern einen großen Gefallen erwies. Sein Antrag ward widerspruchslos mit unzweifelhafter Majorität angenommen; die llltramontanen stimmten die Piushymue an, und als er die Tri- biine fast unbeachtet verließ, kam ihm die Ahnung, daß er doch eigentlich etwas anderes gesagt hätte, als ursprünglich in seiner Absicht lag. Ter Saal leerte sich rasch und es blieb nur eine kleine Gruppe zurück; die entschiedensten unter den Sozialisten drückten Wolfgang dankbar die Hand, bestürmten ihn mit Fragen über die von ihm gefaßten Entschlüsse und sprachen sanguinische Hoffnungen auf den Erfolg des Abends aus. Wolfgang lehnte sehr ernst jeden Dank ab und versicherte, daß er ohne starke persönliche Motive diese Rede fckpverlich gehalten haben würde; er warnte achsel- zuckend vor voreiligen Illusionen und verabschiedete sich dann herzlich von allen, ohne Tag und Stunde seiner Abreise zu ver- ratyeu. Am Ausgang des Saales stieß er auf Krone; dieser streckte ihm die Hand entgegen und sagte fast kläglich und kleinlaut: „Herr Hammer, ich glaube, ich tbue am besten, wenn ich Ihnen garnichts sage; schließlich kommt doch wieder alles ganz anders heraus, als es gemeint war. Der Teufel soll mich lothweise holen, wenn ich je wieder eine Rede halte. Denken Sie Sich, eben gingen zwei Schwarze vorbei, die steif und fest glaubten, ich hätte für sie gesprochen; sie hielten sich an die Worte: ,Die ewigen Ideen ließen sich nicht unterdrücken und die Gewalt könne ihnen nichts anhaben/ Und im nächsten Augenblick sagte ein feister Fleischermeister zu einem aufgedunsenen Bäcker, der neben ihm herwatschelte: Jeden kann er, das muß wahr sein, aber der Schriftsetzer hatte recht: die Redekünste leiden zuletzt doch elend Sckifsbruch. Was die Theiler uns vorreden, ist doch nur Lug und Trug und mit dem Bravoschreicn machen sie uns noch lange nicht bange/ Soll man sich da nicht alle Haare einzeln aus- raufen? Ich habe das Redenhaltcn längst verschworen gehabt und nun falle ich doch wieder so jämmerlich hinein und—" „Lassen Sie Sich's doch lieb sein, daß niemand so recht weiß, daß Sie für mich gesprochen haben oder vielmehr haben sprechen wollen. Sie können doch nicht so ohne weiteres Ihre Sieben- fachen in einen Koffer packen und auf und davon fahren—»ach England oder Ostindien, nach dem Kap der guten Hoffnung oder nach der Pfefferküste— was kümmert's mich?" „Nun ja, da haben wir die Bcscheerung; das habe ich mir doch gleich gedacht!" sagte hinter ihnen im Schmollton eine helle Tenorstimine und der lange Alfred legte seine Hand auf Wolfgangs Schulter. ,Nun hat die Freude am längsten gedauert� meinte auch der Dicke, der übrigens sehr wüthend auf Sie war und ganz aufgebracht davongelaufen ist. Schließlich hat er sich indessen mit der Erwägung getröstet, daß Frau Meiling ihren Garten vielleicht an uns vcrmiethe." „Das sieht ihm ähnlich. Grüßen Sie ihn von mir, denn morgen geht, unter uns gesagt, die Reise fort. Sie müssen nun sehen, wie Sie den Bildungsvcrein weiter durchschleppen,— ich rechne auf Sie." „Das können Sie. Ucbrigens war das vorhin eine famose Pauke, wenn sie auch sehr uugemüthliche Folgen hat. Ich könnte blutige Thränen weinen, daß Sie so Knall und Fall abschwärmen, denn nun wird es wieder schauderhaft langweilig in diesem gott- verlassenen Neste, aber ich sehe schon ein, daß es alles nichts helfen konnte. Es niuß ein wahres Fest sein, endlich einmal seine Meinung offen heraus sagen zu können. Ich bin ja bis jetzt nur ein halber Rothcr, aber es wird mir schon jetzt sauer, mit meiner Meinung hinter dem Berge halten zn müssen, und es sind doch nicht alle Leute so dumm, wie die beiden Commis-vohageurs, die neulich behaupten wollten, ich sei ein Sozialist, aber ganz still wurden und sich möglichst dumm ansahen, als ich mich da- gegen verwahrte und behauptete, Kollektivist zu sein. Von der Partei hatten sie in ihrem Leben noch nichts gehört, und ich war nun sofort wieder ,lieb' Kind' bei ihnen. Das ist doch , niedlich'?" Wolfgang hörte nur mit halbem Ohr auf dieses Geplauder, und als der Sonettendichter Alfred herzlich sagte: „Nun trinken wir aber noch eine Flasche Wein zusammen— zum Abschied?" lehnte er es bestimmt ab und erwiderte ernst: „Ich brauche nun Ruhe und. Alleinsein, um mir den ganzen wüsten Spuk aus der Seele fortzuschaffen. Wir sehen uns ja morgen Nacht eine Viertelstunde vor Abgang des Schnellzugs ans der Bahn noch einmal; jetzt muß ich schon bitten, mich mir selber zu überlassen; ich will noch ein paar Stunden hinaus in die Nacht und auf die Berge laufen und Abschied nehmen. Das' wird mir besser thun, als hinter gefüllten Römern zu sitzen." Krone nickte, als sei dieser Vorsatz ganz nach seinem Sinne; Alfred aber meinte: „Eineni andern würde ich dcrs nicht glauben, Sie freilich sind über den Verdacht erhaben, als umschlössen die Mauern dieses Städtchens ein zartes Liebchen, von dem Sie einen thränen- reichen Abschied nehmen wollten. In diesem Falle ließe ich Sie übrigens weit lieber gehen und fände Ihre Weigerung wenigstens begreiflich." Man war in eine der Gassen gekommen, die aus dem Städtchen in's Freie führten, Wolfgang drückte den beiden die Hand mit einem fast gleichgiltig klingenden:„Morgen also, vielleicht schon im Wahllokal!" und schritt langsam hinaus in die Nacht. Auch Krone und der junge Cheniikcr trennten sich, beide schweigsam, beide in Gedanken mit dem Scheidenden beschäftigt. Der junge Tag, der letzte, den Wolfgang in M. verleben sollte, war bereits angebrochen, als er todtmiide in's Städtchen zurückkam; dürfen wir uns darüber wundern, daß ihn seine Schritte schließlich doch noch, und zwar ganz unwillkürlich, in den Hohlweg geführt hatten, wo das kleine Idyll sich anspann, das nun so traurig endete? Grade in dem Moment, in welchem er diesen Hohlweg durch- schritt, trat aus zerrissenem, dunklem Gewölk die Mondesscheibe, und ihr blasses Licht ließ das Brombeergestrüpp im Schnee er- kennen;— ob sie, die seine Hoffnungen so bitter enttäuscht hatte, wohl im Sommer wieder diesen Weg ging, ob ihr Blick an den weißen Blüthen haftete, die dann zwischen den gezackten Blättern schimmerten; ob sie seiner gedachte und traurig die schmale, weiße Hand vor die Augen legte? Es war der Schlunimer der äußersten Erschöpfung, der sich in dieser Nacht bleischwer auf Wolfgangs Lider legte; er hatte seine Schuldigkeit gethan, der Bruch war vollzogen, und was nun noch kam, war nur ein kleines Nachspiel, das ihn innerlich kaum noch berührte. ** » Zu derselben Zeit, da Wolfgang die Tribüne bestieg, hatte Martha die kleine Anna, die ihr merkwürdig aufgeregt und zer streut hatte vorkommen wollen, entlassen; das junge Mädchen machte sich, als habe sie noch etwas ans dem Herzen, auch nach dieser freundlichen Weisung noch im Zimmer zu schaffen, als aber Martha fragte:„Wollen Sie noch etwas, Anna?" bekam sie ein hastiges und befangen klingendes:„?tein, Fräulein, nein!" zur Antwort und sah sich im nächsten Augenblick allein. Sie hütete noch immer das Zimmer; obgleich ihr Unwohlsein fast gänzlich gehoben war, bedurfte sie der Einsamkeit und Stille, und der Gedanke an Emmy's Geplauder und des Kommerzien- raths banales Geschwätz war ihr unerträglich. Immer und immer wieder fragte sie sich, warum ihr Wolfgang nach der Begegnung im Schneesturm kein Lebenszeichen gegeben habe, und dieses quälende Räthsel, das wie Reif auf die Blüthen ihres Liebes glucks gefallen war, verfolgte sie bis in Schlummer und Traum. Sie ging jetzt langsam, mit unsteten, unhörbaren Schritten im Zimmer auf und ab, nachdem sie das Buch, nach welchem sie gegriffen, um ihren traurigen Gedanken zu entfliehen, wieder weggelegt hatte; sie hatte sehr bald die Entdeckung zu machen gehabt, daß sie nur mechanisch die Zeilen überflogen und die Seiten umgewendet hatte, und daß sie kein Wort von dem wußte, was ihre Augen gelesen. Als sie dann ihr Taschentuch von dem Spicgeltischchen wegnahm, fiel ihr Blick auf das Myrthenbäumchen im Fenster, das sie sich aus einem kleinen Reis gezogen und das sie ebenso sehr liebte, wie die Passiflora daneben, die jetzt freilich fast blätterlos war. Was war aber das? Stak nicht zwischen den beiden sich fast berührenden Aeschen ein Brief? Sic nahm ihn zögernd und von einer jähen Ahnung überfallen heraus, und 471 alles Blut schoß ihr zum Herzen, als sie gewahrte, daß der Brief verschlossen und daß er au sie adressirt war; und wem konnte diese feste, zierliche Handschrift gehören, als Wolfgang Hammer? Sic hatte nie eine Zeile von ihm gesehen, aber so mußte er, so konnte nur er schreiben. Es überfiel sie ein Zittern. So nahe der Entscheidung, fehlte ihr plötzlich der Muth, sich Gewißheit zu schaffen; sie sank mit dem Briefe, den ihre Hniidc�so fest umschlossen, als müßten sie ihn gegen die ganze Welt vertheidigen, in einen Stuhl; ihr Athem flog, und lauge, lange betrachtete sie das Siegel; es zeigte einen auffliegenden Falken und unter ihm die vieldeutigen Worte: „Ncvcnnore! Nevcrmind! Kevertheless!"(Niemals! Achte es nicht! Trotz alledem!) Endlich zog sie eine Nadel aus dem reichen, schwarzen Haar, das von neidischen Jugendfreundinnen oft genug bewundert worden war, und öffnete, ohne das Siegel zu verletzen, vorsichtig das Eouvcrt. Ter Kommerzienrath hatte das Dekret über die Verleihung des rothen Adlers nicht mit halb der ehrerbietigen Scheu auseinandergefaltet, mit der sie den Brief auseinandcrschlug; wieviel hatte ihr Wolsgang zu sagen,>vie lieb mußte sie ihm sein! Sie warf einen forschenden Blick in das Heftchen und als sie sah, daß es ihr ausschließlich Verse brachte, preßte sie es, überwältigt von nicht zu fassendem Glück, sammt dem Briefe an ihre Brust, und dann rückte eine zitternde Hand den silbernen Leuchter mit der brenncilden Zterze näher heran, und ihre verschleierten Augen versuchten, den Inhalt des Brieses zu entziffern. Aber im nächsten Augenblick schon zuckte sie zu- sammcn und schlug die Hände vor's Gesicht. Er war fort? Und wie sollte sie das Folgende verstehen? Wäre die Adresse nicht gewesen, sie hätte nicht geglaubt, daß der Brief au sie gerichtet sein könne; das alles war ja unverständlich, gcheimnißvoll, un- begreiflich. Sic las und las, ganze halbe Seiten mit einem Blick umfassend, und als sie geendet, als sie wußte, ivie glücklich sie hätte sein können und wie elend sie war, daß er sie geliebt hatte und daß sie beide das Opfer eines unseligen Mißverständnisses oder einer nicht auszudenkenden Jntrigue wurden, da brach sie in konvulsivisches Schluchzen und in heftige, unstillbare Thräncn aus. Ihr Gesicht sank auf die grausamen, beseligenden Blätter, und als sie— es war ivohl zu gleicher Zeit, als Wolfgang den „Preußischen Adler" verließ— es ivicdcr erhob, da ivar die zierliche Schrift von ihren Thräncn verwischt� und verwüstet, als wäre ein warmer Regen auf sie gefallen. Sie stützte den Kopf in die Hand und versuchte, Ordnung in das Chaos der sie bc- stürmenden Gedanken zu bringen, sie las wieder und wieder und mit unheimlicher Schnelligkeit verdrängte eine Hypothese die andre. Aber es war alles umsonst; sie war so betäubt, daß sie nur das Eine klar erkannte: er liebt mich, aber er verwirft mich; ich habe feine Achtung verloren, aber er hat mich geliebt. Er ist fort und ich werde ihn nie wiedersehen; er ist mir verloren und ich bin doch unschuldig." Sie glaubte sterben zu müssen und doch sang und klang es vor ihren Ohren:„Er liebt mich! Er glaubt sich auf's tödtlichste beleidigt, und doch schreibt er so sanft und mild und gut, doch ist sein letztes Wort Verzeihung!" Gaben ihr vielleicht die Verse Aufschluß? Sie griff nach ihnen, und wie sie las, traten ihr immer ivicder die Thräneu in die Augen, immer ivicdcr zuckten die Lippen, und immer wieder mußte sie das liebe, kleine Buch weglegen, um es nicht ebenfalls zu ver- derben, wie den Brief. Aber sie begriff auch hier nur das eine: ein schwarzer Schatten hatte von Anbeginn zwischen ihnen gc standen und mit den Worten: „Meine Lippen schmachten nach einem Kuß— Ob Wind und Meer mir die Seele heilt?" brach das Buch ab und ließ das Räthsel ungelöst. Es flirrte und dunkelte vor ihren Augen; ihre Gedanken vcrwirrtcil sich und ihr Herz pochte, als wolle es zerspringen. Da kam der scharfe, grelle Pfiff der Lokomotive durch die Stille und Klarheit der Winternacht zu ihr; sie zuckte zusammen und sprang auf— vielleicht trug ihn dieser Zug in die öde, fremde Ferne, aus der nie wieder ein Wort von ihm zu ihr kam; vielleicht konnte sie ihn noch ereilen, ihm noch sagen, daß sie nichts, nichts gcthan, ivas sie seiner unwürdig mache; ihn noch bitten, ihr dieses bange, herzbrechende Wirrsal zu lichten, ihr zu erklären, was in aller Welt er mit seinen grausamen Worten meinen könne; ivar es denn nicht Aberwitz, daß sie— durch einen Dritten— ihm Bc- dingungen, solche Bedingungen gestellt haben sollte? Aber, ach Gott! er war ja schon fort, es war zu spät— und ihr hatte man nichts gesagt! Sie war, ohne es zu wissen, vor den Spiegel getreten.— War das todtblasse Gesicht, das sie ans dem Glase mit seltsam leuchtenden Augen ansah, das ihre? Sie löste das Haar und ließ es fesscllos über das weiße Nachtgewand herabfallen und flüsterte, ohne es zu wissen:„Und dich hat Wolfgang geliebt? Das ist ein so großes Wunder, daß es in Trauer und Thräneu enden muß!" Und dann kehrte sie sich hastig um und kniete vor dem geflochtenen Lchnstuhl nieder und bedeckte den Brief und das kleine Buch mit Küssen und preßte ihre Lippen auf ihre Hand, als wäre es die des Geliebten, und bat mit brechender Stimme: „Vergib mir alles Weh, das ich dir zugefügt habe, das aus der Liebe zu mir dir erwachsen ist; ich werde es ja nimmer wieder gut macheu köuuen, wenn ich auch mit sinein Lächeln den letzten Tropfen Herzblut für dich hingeben könnte!" Daun barg sie Brief und Buch auf ihrem zuckenden Herzen und warf sich auf ihr Lager; sie verschlang die Finger ihrer Hände vor den Augen und preßte die Zähne in die Unterlippe und schloß unter den Händen die Augen, und dann lag sie Ivicdcr mit schwcrathmcndcr Brust und leicht geöffnetem Munde und starrte in die flackernde Flamme der Kerze auf dem Tisch und wußte und fühlte nur noch eins: daß es eine große Wohlthat für sie wäre, sterben zu können. Aber wenn dann ihre Hand zufällig die Briefblättcr berührte, daß sie leise knisterten, flüsterte sie träumerisch:„Und er hat mich doch geliebt, und sollte ich die ganze Welt answandcrn, irgendwo muß ich ihn doch finden und er muß mir sagen, daß ich schuldlos bin!" (Zorlsetzmig folgt.) Ein protestantischer Paplt. (Hierzu das umslehtude Bild.) Seit einigen Jahren wird der Kampf gegen kirchliche An- maßung etwas weniger schüchtern geführt als früher. Aber wenn man genauer zusieht, entdeckt man doch, daß sich dieser Kampf gar oft nur gegen die allcrgröbstcu Ausschreitungen richtet, und die Leute sich schließlich einbilden, schon recht viel gewonnen zu haben, wenn nur den„ Ultramontancn" auf die Finger geklopft wird, wogegen man die Ucbergrisse der„Evangelischen" gar zu gern übersieht. In Wirklichkeit aber ist die Herrschsucht, der Hang znm Despotismus gleich groß bei den Priestern beider christlichen Konfessionen. Allerdings hat der katholische Klerus sich im ganzen an der Menschheit mehr versündigt als der protestantiiche, aber dies liegt hauptsächlich an den verschiedenen Verhältnissen, unter welchen diese zwei Kirchen ihre Macht zur Entfaltung brachten, keineswegs jedoch daran, daß die Geistlichen der einen Konscssion besser sind als die der andern. Nicht am Wollen hat es den evangelischen Pastore» gefehlt, wenn sie ihre „Herden" wen'ger drückten als die kathvlischcn Geistlichen, wohl aber am Können. Damit man nun nicht, in dem Wahne, von dieser Seite sei doch eigentlich für den incnschlichen Fortschritt nichts zu befürchten, sich in eine verderbliche Sicherheit einwiege, sei hier einmal das Bild eines Geistlichen vorgeführt, ans dessen Wirken man ersehen mag, daß auch in der protestantischen Kirche der Klerus, wenn er unumschränkte Herrschaft erlangt, zur Geißel der Menschheit wird. Der Mann, dessen Schalten und Walten einen schlagenden Beweis hierfür geben soll, ist kein geringerer als I. Calvin, einer der vier gefeierten Reformatoren. Er war derjenige unter ihnen, welcher die Ideen, wie sie sich sehr bald nach der Refor- mation unter den protestantischen Theologen ausgebildet hatten, am konsequentesten durchführte, und zum Unglück war er mit weitreichender Gewalt ausgestattet, mit einer so großen, wie sie kaum jemals in gesitteten Ländern ein Mensch in höherem Grade besaß. In Bückicrn wie in den Schulen wird zwar noch durch- gehend(soweit nicht Katholiken das Wort haben) von Calvin eine Schildcriinq cutwor- fcn, der zufolge man ihn für riiicii Ver- breiter geistiger Auf- klärung, siir einen Förderer alles Gn- ten, einen Wohlthäter der Menschheit hal- tcn könnte. Aber wie weit entscrnen sich solche Darstel- lungen von der Wahrheit! Tos gerade Gegcntheil muß man denken, wenn man die Veröffent- lichungen des genfer Geschichtsforschers Galifse liest. Was dieser emsige Forscher in den Prozeßakten jener Zeit gefunden hat, das theilt er in verschiedenen Schrif- tcn mit und ver- sichert, nicht ein Wort darin vorzubringen, welches er nicht mit Dokumen- ten beweisen könne. Auf Grund dieser Enthiillnngeu, die, obgleich zum Theil schon vor l 5 Jahren veröffentlicht, noch immer soviel wie möglich verschtviegen werden, sei hier der vielgepriesene Reformator gezeichnet. Wenn er dabei in einem ungewohnten Lichte erscheint, so ist eben dieses doch das einzig richtige, und das Volk soll die Wahrheit hier ebenso gut kennen lernen wie in an- der» Dingen. Johann Calvin tvnrde im Jahre 150!) in derPieardic in Frankreich gebo- ren. Er studirte Theologie und schloß sich bald der rcfor- motorischen Rich- tnng an. Da aber die Protestanten in Frankreich stark ver- folgt wurden, floh er nach Straßburg und Basel, versuchte dann in Ferrara als Prediger zu wirken und ging, als dieser Versuch mißlang, 1533 nach Genf. Hier war die Rcfor- mation von Farel und Virclt verbreitet worden und hatte ziemlich Wurzel geschlagen. Calvin wußte rasch einen großen Theil der Fromriit. GournanN. Farcl. Lc Ga»nr»x. Collado» Calvin und die Seinen bc 'ciiir. Ifoluin. äpifamf. Sc Btzc. in Genf. Nach Labouch�rk. Bekenner der neuen Lehren für sich zu gewinnen, und selbst die ersten Verbreiter der Reforination in Genf ordneten sich ihm unter. Sobald er nun zu größerem Einfluß gelangt war, begann er durchgreifende Aeuderun gen i» kirchlichen Au gelegenheiten. Na- mentlich wollte er einen neuen Katechis- »ins einführen. Das erregte lliizufriedeii heit und dieselbe steigerte sich zur Er bitterung, als er eines Tages vor der Abendmahlsfeicr plötzlich der versammelten Menge er klärte, sie sei ins- gesammt unwürdig, den Leib des Herrn �u genießen. Der Reformator mußte fliehen. Tie verschie- denen Parteien be- kämpften sich hierauf in Genf längere Zeit, bis es den Enlviuia- nern, deren Häupter unser Bild zur Ka- techismusberathung versammelt zeigt, endlich 1540 gelang, die Riickberiifuiig ihres Führers durchzusetzen. WarEalvin schon zuvor selbst- herrisch aufgetreten, so geschah dies jetzt viel mehr. Er hatte die Ansicht, die Menschen seien nn würdige Geschöpfe. Das denken nun freilich die meisten Theologen und sicher alle Fanatiker. Aber sie suchen und ein- pfehlen doch in der Regel ein Heilmittel gegen dieses Uebel. So meinte Luther, der Glaube, wenn er vollständig wahr und hingebend sei, verschaffe dem armen Sünder trotzdem die ewige Seligkeit. Die katholische Lurche lehrt, daß neben andcrm auch gute Werke die Himmels pfortcn öffnen kön- ncn. Ter Streiter Gottes in Genf aber lehrte: Die Menschen »lüßteu allerdings Buße thiyi wegen ihrer Sündhaftigkeit, allein dessen- ungeachtet könnten 474 fic sich keine Hoffnung machen auf Lohn im„Jenseits", denn das hänge von der„Gnadcn>vahl"'ab. Nur wen der Herr von vornherein dafür bestimme, werde eingehen dürfen in sein Reich. Sein Gott regierte also rein nach Willkür. Daß diese Lehre recht schlimme Wirkung hervorbrachte unter Menschen, die sich einmal gewöhnt hatten, nur im Hinblick auf das„Jenseits" zu handeln, konnte nicht fehlen. Die sittenlosesten Bewohner Genfs und deren Familien waren in der Folge die Anhänger des Rc- formators. Um die verderbte Welt im Zügel zu halten, gab es natürlich nach der Anschauung Calvin's nur ein Mittel: äußerste Strenge. Er gestaltete nach und nach die Gesetze Genfs in diesem Sinne um. Schon leichte Vergehen wurden streng bestraft, barbarisch aber die Verbrechen, die er für schwere erklärte. Mit dem Be- griffe„Majcstätsverbrcchcn" ivnrden die Genfer erst durch ihn bekannt, und wie es sich von selbst versteht bei einem solchen „Erleuchteten des Herrn" war Majestätsvcrbrcchcn jede von der seinigen abweichende religiöse Ansicht, ja mit der Zeit wurde dazu gestempelt jeder leiseste Widerspruch' gegen den frommen Mann. Denn, schrieb er einmal,„wer mich beleidigt, beleidigt Gott Vater, Gott Sohn und den heiligen Geist." Seine Todesnrtheile wurden noch dadurch schrecklich, daß er das Lebendigverbrcnnen, das ganz abgekommen war, wieder einführte. Auch die Folter, die in Genf damals kaum mehr gekannt war, wurde nun bei jedem gerichtlichen Verfahren mit aller Grausamkeit angewendet. Da- neben ersann er für kleinere Vergehen entehrende Strafen, namentlich wurde kein Angeklagter entlassen ohne öffentlich Buße gethan und Versprechungen aller Art im Sinne eines bornirten Bigottismus gemacht zu haben. Damit aber ja kein„Verbrecher" seiner Strafe entgehen könne, wurde ein weitverzweigtes, schwach- volles Spionirsystcm eingeführt. Bei solchem Verfahren verfolgte der Reformator einen doppelten Zweck: er wollte die Menschheit im Glauben befestigen und die Ehre Gottes erhöhen, und dann konnte er mit seinen drakonischen Gesetzen leicht alle Gegner, ja schließlich seine persönlichen Feinde treffen. Und als persönlicher Feind betrachtete er in seinem Fanatismus zuletzt jeden, der nicht sein blinder Nachbeter war, wie er überhaupt nichts weniger iiiii sich dulden konnte als unabhängige Gesinnung, eignes Urtheil. Deshalb nahm auch allmählich unter seiner Partei Kriecherei und Charakterlosigkeit entsetzlich überhand. Die Vcrtheidiger der alten genfer Gesetze verfolgte Calvin von Anfang an mit besonderer Rücksichtslosigkelt. Eine große Zahl dieses besten Theilcs der Bevölkerung wurve entweder förmlich verbannt oder durch Be- drohung und mannigfache Quälereien ans der Stadt vertrieben. Denn natürlich konnte der Herrscher die Hinrichtungen nicht gleich zu massenhaft vornehmen. So wurde die Mehrzahl seiner poli- tischen Gegner verjagt, ihr Vermögen eingezogen und zun« Besten der neuen Lehre und ihrer Verfechter verwendet. An Stelle der vielen Vertriebenen fanden tausende seiner Landslcutc Aufnahme in der Stadt. Zum Theil kamen sie allerdings nach Genf, weil sie ihrer Ueberzeugnng wegen anderwärts verfolgt worden und in der Hoffnung, hier eine Stätte freier Forschung zu finden. Diese sahen sich indeß sehr bald getäuscht, ja sie fanden daselbst oft schlimmere Behandlung, als die gewesen wäre, der sie eilt- flohen waren. Große Massen der nach der Stadt am Leman strömenden Franzosen kamen, wenn auch dem Namen nach als Flüchtlinge, in der Absicht, unter der Diktatur ihres Landsmannes ans Kosten der Einheimischen ein behagliches Leben zu führen. Wenn diese Leute nur blindlings den Geboten des Reformators folgten und allenfalls äußerlich sich als fromme Christen zeigten, durften sie gewiß sein, von demselben auf alle Weise unterstützt und selbst bei wirklichen Verbrechen(wie dies sehr häufig vorkam) höchst glimpflich behandelt zu werden. Wie wenig diese Menschen, welche mit der Zeit die Hauptstütze Calvin's wurden, wegen ihrer religiösen Ueberzeugnng nach dem Eldorado des Protestantismus gewandert waren, beweist die Thatsache, daß von ihnen in der Folge zwei Drittel zum Katbolizismus zurückkehrten. In dieser Weise hatte der Verfechter der Reformation in Genf seine Partei zu der überwiegend größern gemacht. Aber neben diesem systematischen Vertreiben unliebsamer Personen wurden gleichwohl immer noch Todesnrtheile genug vollzogen. So allein in den Jahren 1542—46 achtundsünfzig(30 an Männern, 28 an Frauen). Davon wurden 10 enthauptet, 13 gehenkt, 35 lebendig verbrannt. Wahrscheinlich waren diese Opfer nicht alle Partei- gegner des„großen" Mannes, hie und da mag vielleicht auch ein wirklicher Verbrecher den unmenschlichen Gesetzen verfallen sein, indeß ist aus den Akten zu ersehen, daß die Schuld Sümmt- lichcr nicht erlviesen werden konnte, und als sicher ist demnach anzunehmen, daß noch weit mehr Menschen gänzlich unschuldig waren als blos 38, die wegen„Zauberei" und„Pestverbreitung" ihr Leben lassen mußten. Wahrlich, wenn man nur die Gräucl- thaten aus den 4 Jahren in's Auge faßt, sollte man genug haben an diesem Verbreiter eines„aufgeklärten" Christenthums! Allein das Bild des Glanbensstreiters soll noch etwas weiter ausgeführt werden. Damit man nun nicht einwenden kann, es sei ausgeschmückt oder zu unbestimmt gehalten, sei hier eine Liste vorgeführt, welche die hervorragendsten Opfer Calvin's nennt, sofern sie Fremde, keine Einheimischen waren, weil bei diesen behauptet werben könnte, politische Rücksichten möchten vielleicht Calvin bestimmt haben, gegen seine Neigung strenger zu verfahren als er es sonst gethan haben würde. Lebendig verbrannt wurden im Jahre 1553 Servet, 1562 d'Argilliöre; hingerichtet 1558 Gentili-; gebrandmarkt und verbrannt wurden die Dnickcr Norbert und Billonnt(1561—63); gefoltert, gepeitscht und dann verbannt: F. Bellvt, G. Dubois und der Pole Thomas Alexander(1545—47- 59); verbannt unter Androhung des Todes: T. Mesquin, I. P. Alciat und S. Telio (1558— 59); lebenslänglich verbannt unter Androhung der Peitsche: I. Bolser, G. Guainier, F. le Teinturier und M. Antoine (1551—56); außerdem verbannt und vollständig zu Grunde gc richtet oder durch Verfolgung vertrieben: die berühmten Italiener Gribaldo und G. Blandcrate l1555— 58); Carigna», Gallo, Giustiniano und Zucchi, der begabte Castalion, C. Dumont u. a. ihrer Nachfolger im Rektorat der Schulen, endlich die Pfarrer Caroli, de la Mar, Mögret, Champereau, Beyron, Essantier, M. de Villicrs und noch viele. Was die Verfolgungen besonders verabschenungslvürdig macht, ist, daß die Betroffenen Schicksalsgenossen Calvin's waren, Flüchtlinge wie er selbst, wegen ihrer religiösen Meinungen aus der Heiinath vertrieben, und daß er, während ihm in seinem Refuginm Macht und Ansehen erblühte, die bevorzugte Stellung benutzte, die Aermsten vollständig zu verderben, denn in den meisten Fällen war die Vertreibung ans dem Asyl so schlimm wie ein Todes- urtheil, manchem mochte sie noch schlimmer erscheinen. Und alles nur, iveil diese Leute, mit einer Ausnahme durchweg gläubige Protestanten, in ganz untergeordneten religiösen Fragen von dem „Seignenr"(Lehensherr), ivic er sich nennen ließ, abwichen, nach unseren Begriffen jedoch sehr orthodox Ivaren. Der einzige unter den Genannten, der etwas weniger gläubig, war der Spanier Miguel Scrvede. Er war ein höchst begabter Mann, der sich nach Menne in Frankreich zurückgezogen battc und dort als Arzt und als Korrektor sein Brod verdiente. Er leugnete die Dreieinigkeit, weshalb sich Calvin längere Zeit umsonst bemühte, ihn in seine Gewalt zu bringen, denn sogar der Bischof nahm sich seiner an. Leider war Scrvede, obgleich er schon einmal nur mit genauer Roth den Fangarmen Calvin's entronnen, so unvorsichtig, ans einer Reise nach Neapel sich in Genf aufzuhalten. Er nmrdc festgenommen und verklagt. In diesem Falle zeigt sich Calvin nicht nur in seiner ganzen grausamen Versolgnngs'sncht, sondern er wird uns auch noch verächtlich durch Feigheit und Lüge. Es bestand nämlich iil Genf das Gesetz, daß jeder Ankläger gleichzeitig mit dem Angeklagten gefangen gehalten werde. Aber dazu hatte der Reformator keine Lust. Ein„Strohmann" iiinßte für ihn in's Gcfängniß wandern. Scrvcdc wurde zum Feucrtodc verurtheilt und im Oktober 1553 bei langsamem Feuer lebendig verbrannt! Da waren doch die fanatischen Katholiken milder als sie in Florenz ein halbes Jahrhundert zuvor Savonarola, che die Flammen ihn verzehrten, erdrosselten!— Von den scheußlichen von Genfern verübten Justizmorden seien nur wenige erwähnt. Zuerst kam derjenige von Jakob Gruct. Mit den fürchterlichsten Folterqualen(oft wurde die Tortur in einem Tag mehrmals angewendet) ivollte man den Mann, der nicht willig jedem despotischen Gesetze des Diktators zustimmte, dazu bringen, sich des„Majestätsverbrcchens" schuldig zu bekennen. Er wurde nach langen Martern 1546 hingerichtet. Eine reichere Ausbeute für die Vcrfolgungssncht des Reformators bot der unter dem Vorwand eines ausgebrochenen Auf- ruhrs erfolgte Staatsstreich im Mai 1555. Stach mehreren Wochen entsetzlicher Martern wurden die Brüder Comparct, Claude Genövc u. a., die Calvin's Haß erregt hatten, qualvoll hin- gerichtet, iiberhaupt damals fürchterlich gehaust. Ein Fr. Daniel Bertholicr wurde erst sicher gemacht, um dann desto gewisser den Schergen in die Hände zu fallen. Nach zweimonatlichen Folter- quälen ward er enthauptet. Nur mit Abscheu kann man die in - 475 jener Zeit besonders stark hervortretenden Vctvtise von Calvin's Unmenschlichkeit lesen. Wer nach diesem Staatsstreich noch irgend Opposition machte wurde erbarmungslos verfolgt, so daß zuletzt in Genf nur noch eine Partei bestand, diejenige Calvin's. Von da an war seine Herrschaft etwas weniger blutig; aber übermäßig streng, ja gransam war sie immer noch. Die Anhänger und die bezahlten Lobredner des Reformators suchen die Strenge seiner Gesetze und die harte Anwendung der- selben damit zu entschuldigen, daß sie behaupten, die Genfer seien sitten- und zügellose Menschen gewesen. Galisfe erklärt nun da- gegen, die Einwohnerschaft Genfs sei damals durchaus nicht aus- schweifender gewesen als andere Leute jener Zeit(von den Hof- kreisen ganz zu schweigen), und namentlich die freisinnige Partei habe mehr auf Sittlichkeit gehalten als der Anhang Calvin's, welcher sehr häufig in Sittenprozessc verwickelt gewesen. Ebenso Ivenig begründet wie diese Entschuldigung ist das auf der andern Seite ihm von seinen Lobhudlern zugeschriebene Verdienst, die Sitten verbessert, die Aufklärung befördert und Bildung verbreitet zu haben. Schon ans obigem ist ersichtlich, daß dies nicht der Fast. Wie hätte auch er, der gleich Luther in finsterem Aber- glauben befangen war, zu richtigem Denken anleiten können? Auch die Sittlichkeit konnte bei seinem Vorgehen nicht gewinnen, und was die Bildungsanstalten betrifft, die er gegründet haben sost, so können darunter höchstens Institute gemeint sein, die aus- schließlich in der Theologie unterrichteten, und was die Welt diesen dankt, weiß man zur genüge. Von andern Schulen hat er keine einzige neu gegründet, nur einige von ihm früher auf- gehobene in den letzten Jahren seines Lebens wieder errichtet. So fällt vor dem Hauche der Wahrheit ein Blatt um's andere von dem Lorbeerkränze, mit dem besoldete Schreiber jener Zeit ihn geschmückt haben und welchen die fromme Nachwelt so gern erhalten möchte. Nicht einmal das eine, in ihren Augen be- sonders strahlende Blatt seiner Uneigcnnützigkcit, kann dem scharfen Lnftzuge der Forschung widerstehen. Denn, abgesehen von den vielen materiellen Vorthcilen, die er seinen intimen Freunden und nicht minder seinem Bruder und dessen, die Moral auf's gröbste verletzenden Verwandten zuwendete, hatte er selbst auch ein recht erkleckliches Sümmchen zu verzehren. Galiffc sagt, sein sicheres Einkommen lasse sich nach dem Geldwcrth im Jahre 1802 ohne Ucbcrtrcibung auf 9— 10,000 Francs(7200—8000 Mark) berechnen, außerdem aber fielen ihm fortwährend reiche Nebenbezüge zu. Und doch hatten seine Verehrer die Stirn, zu behaupten, er habe in größten Enthaltsamkeit gelebt und sei so arm gewesen, daß sein ganzes Besitzthum nur ans seiner Bibliothek bestanden habe. Als vor einigen Jahren der Papst den Ketzerrichter Arbuez zum Heiligen machte, da ging— und zwar mit Recht— ein Schrei der Entrüstung durch die Welt, deni Großinquisitor Calvin dagegen den Heiligenschein herunterzureißen, den er nun seit drei Jahrhunderten mit gleichen, Unrecht trägt wie jener, das fällt den guten Anhängern der Reformation natürlich nicht ein. Wir sind weit entfernt die Unmenschlichkeiten in Schutz nehmen zu wollen, die im Namen der katholischen Kirche verübt wurden, aber ebenso wie wir von einer Anzahl Päpste uns mit Abschen wegwenden, ebenso sollten wir den Kirchengewaltigen von Genf einmal würdigen und vor allein ans seinem Handeln den Schluß ziehen, daß die Priesterherrschaft, möge sie heißen wie sie wolle, dem menschlichen Geschlechte nur Verderben bringt, und daß es endlich einmal an der Zeit wäre, sich aus ihren Banden frei zu machen! A. Das Märchen. Literarhistorische Skizze von W. ZSittich. „Wir finden es wohl, wenn von Sturm und andrem Unglück, dos der Himmel über uns schickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen wird, daß noch bei niedrigen Hecken oder Sträuchcrn, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert hat und ein- zelnc Achren aufrecht geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder günstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort, aber in, Spätsommer, wenn sie reif und voll geworden, kommen arme Hände, die sie suchen und Aehre an Aehre gelegt, sorgfältig gc- bnnden und höher geachtet, als sonst ganze Garben, sind sie winterlang Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft."' So beginnen die Brüder Wilhelm und Jakob Grimm die Einleitung zu ihrer Märchenfammlnng. Gleich jenen stehengebliebenen Aehren sind aus vielen Periode» einer blüthcnrcichcn Vergangenheit oft nur ganz einzelne Zeugnisse übriggeblieben bis auf unsere Zeit. Ein Zcugniß nun der reichen poetischen Ader des deutschen Volkes der Vorzeit sind uns die erhaltenen ächten Volks- und Kindermärchen. „Wir wollen diese Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung vertheidigen: ihr bloßes Dasein reicht hin, sie zu schützen. Was so mannichfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt seine Roth- wendigkeit in sich und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben bcthaut." Deshalb wollten die Brüder Grimm, die Begründer einer Wissenschaft von der deutschen Sprache, ihrer Geschichte und ihrer Literatur, mit ihrer Sammlung nicht blos der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst leisten, es war zugleich Ab- ficht, daß die in den Märchen lebendige Poesie selbst wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann. Ein Produkt des dichtenden Volksgeistes ebenso wie das Volks-! lied, ist das Märchen eine Dichlungsgattnng, die nicht eben�leicht in dem herkömmlichen Fächer- und Schubladcnsystem der Poetik,> d. h. der Lehre vom Dichten, unterzubringen ist. Es berührt! sich mit verschiedenen anderen Gattungen, mit der Sage, der■ Fabel und dem Schwank so nahe, ist so innig mit ihnen ver-, wachsen, daß scharf niarkirtc Grenzlinien oft garnicht gezogen werden können. Das Märchen gehört zu den allerersten, in die früheste Kindheit der Völker fallenden Erzeugnissen einer freien, als einer Naturgabe, unbewußt geübten Natnrgabc, nicht als einer überlegt, vcrstandcsmäßig und nach bestimintcu äußeren Regeln und Gesetzen schaffenden Geistcsthätigkcit. Es wächst, wie ein Forscher sich treffend ausdrückt, von selbst, ungepflegt, auf dem Boden der Kindesphantasic. Die naiven Regungen des jugendlichen Gemüths. seine kindischen Wünsche und Neigungen, sowie seine Furcht und Abneigung zaubern das Märchen in bald grellen, bald zarten Bildern und sinnlich bunten Farben hervor. Die Märchen seien im Wachen sich gestaltende Träume, deren Deutung nur in den namenlosen Strebungcn eines unreifen und unschuldigen Denkens und Möllens zu suchen sei. Daher kommt es denn, daß wirkliche Märchen, diese Produkte des unbewußt schaffenden Volksgeistes, eigentlich ebensowenig ,vvn dem modernen Künstdicktcr„geniacht" werden können, wie wirkliche Epen oder Heldenlieder, die ja, wie die homerischen Gesänge beweisen, meist, vielleicht überall, durch krystallähnliches Zusammenschießen von Volksliedern entstanden sind. Das Märchen ist die freieste Domäne der Phantasie, diese schaltet unumschränkt, und Stoff und Form des in dem Berichte als geschehend Dargestellten sind einzig und allein der Willkür der Phantasie unterworfen. Die größten Wunderwerke, die über- natürlichsten Dinge werden mit einer naiven Einfalt hererzählt, als wenn sie alle Tage ebenso passiren könnten und passirten. Als poetische Gattung betrachtet, hat das Märchen zu dieser Ein- Mischung des Phantastischen und Wunderbaren gewiß ein gutes Recht; für das Epos wollte Gottsched, der leipziger Geschmacks- richter und einseitige Verstandes- und Regelmäßigkeitsmensch, das Wunderbare nicht gelten lassen: die Gegenwart zuckt darüber nur noch mitleidig die Achseln und findet trotz ihm„Das verlorne Paradies" des Engländers Milton, den„Obcrvn" Wielands und andere Dichtungen der Art schön und läßt sich nicht einfallen, diesen Werken ihre Existenzberechtigung abzusprechen. Das Märchen ist der reinste Ausdruck der erzählenden Dich- tung; es erfindet frei und bindet sich bei seinem Berichte nur durch die Aufeinanderfolge, nichts durch den Kausalnexus, den inneren Zusammenhang nach logischen und reflektirten Gründe», weil der Hörer als naiv und den logischen Znsammenhang zwischen Wirkung und Ursache nicht kennend angenommen ivird, damit dem freien Spiele der Phantasie gehuldigt werden kann. — 476 Diese Freiheit der Formen des Geschehens, wie sie dem Märchen eigciithiiiulich ist, war es nun gerade, welche über dasselbe ein Mitglied jener in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ans- tauchende Dichtergrnppc, die man Romantiker nannte, Hardenberg, folgendes Urtheil aussprechen läßt.„Das Märchen ist gleichsam das Kanon(Richtschnur, Muster) der Poesie, alles Poetische muß märchenhaft sein." Er fährt dann fort und bestimmt das Märchen als einen Traum von jener heimathlichen Welt, die überall und nirgends ist. Diese Welt, spielt Hardenberg metaphysisch weiter, die Zeit vor der Welt sei ein in zerstreuten Zügen hingeworfenes Aild der Zeit nach der Welt, sie sei der Wahrheitswelt durchaus entgegengesetzt und somit ihr durchaus ähnlich, wie das Chaos der vollendeten Schöpfung. In der künftigen Welt ist alles wie in der ehemaligen, und doch durchaus anders; die künftige Welt ist das vernünftige Chaos, das Chaos, das sich selbst durchdrang, das in sich und außer sich ist. Das ächte Märchen mußte zu- gleich prophetische Darstellung, idealische Darstellung, absolut uothwcndigc Darstellung- sein.„Der ächte Märchendichter ist ein Seher der Zukunft!" Bei dieser„Fülle von Gesichten", bei diesem kühnen Spiel mit Begriffen und ihren Gegensätzen schweben Hardenberg sein Freund Ticck mit seinen Märchen und vor allen Dingen auch Goethe vor, dessen Werke ja das Schiboleth und die Bibel der Romantiker Ivarcn. „Märchen noch so wunderbar, Dichtcrkünste inachcn's wahr." lautete das Motto, welches Goethe an die Spitze seiner Balladen stellte. Besaß er doch, wie er selbst in„Dichtung und Wahrheit" berichtet, schon in früher Jugend die Fertigkeit, mit Geschick und auf spannende Weise Märchen zu erzählen, hatte er doch „Vom Mütterchen die Frohnatur Und Lust zu fabuliren!" und der„Märchenstuhl" der Frau Aja, wie Goethe's Mutter in dem Bekanntenkreise genannt wurde, bildete den Mittelpunkt eines Kinderfestes im Garten des Großvaters.„Da saß ich und da verschlang er mich bald mit seinen großen, schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader au der Stirn schwoll und ivic er die Thränen verbiß; manchmal griff er ein k." So läßt Bettina von Arnim die„Frau Rath" erzählen. Als ein von ihm erzähltes Knabenmärchen legte Goethe„den neuen Paris" ein in„Dichtung und Wahrheit". Auch in Scssen- heim, bei seiner Geliebten Friederike Brion, kommt dem jungen straßbnrger Studenten diese Gabe wieder zu statten, und er er- zählt unter andern„Die neue Melusine", die er später infolge von Aufforderungen aus dem Publikum drucken ließ,„freilich werde er es jetzo nicht in seiner ersten imsckiuldigen Freiheit überliefern." Ferner spricht Goethe in seiner inehrerwähnten Selbstbiographie von den„Fabeln der Edda*)" und sagt:„Sie gehörten unter diejenigen. Märchen, die ich, von einer Gesellschaft aufgefordert, am liebsten erzählte." Später noch einmal meldet er, wie er sich zudringlichen Fragen seiner Begleiter bei einer Lustpartie über die Wahrheit seines Werther und den Wohnort Lottens dadurch entzieht, daß er Kinder um sich versammelte und ihnen Märchen erzählte,„welche ans lauter bekannten Gegenständen zusammen- gesonnen waren, wobei ich den großen Vortheil hatte, daß kein Glied meines Hörerkreises mich ctiva zudringlich gefragt hätte, was denn ivohl daran für Wahrheit oder Dichtung zu halten sein möchte." Betrachten wir die Märchen vom literaturgcschichtlichen Stand- punkte aus, so finden ivir es unter den Griechen bezeugt bei dem Lnstspieldichter Aristophanes, bei Plutarch und bei dem *) Edda bedeutet Aclterumtter und ist der Titel zweier altnordischer Saminlungen vo» Liedern, welche Thatcn der Götter und Helden besinge». Geographen Strabo, unter den lateinischen Schriftstellern bei Qnintilian, Apnlejus, der selbst das Märchen„vom goldncn Esel" schrieb, und bei dem Kirchenvater Tertnllian. Aber ans noch viel älterer Zeit liegen Zeugnisse für das Märchen vor; so in den-altindischen Lchrdichtnngen Pantschatantra und Hitopadcsa; und in gleicher Weise sind Spuren bei den meisten ältesten oricii- talischen Völkern nachgewiesen. Das Märchen ist überall zuhause! Wir heben zunächst nur die ivichtigste hierher gehörige Er- scheinung ans dem Orient hervor. Im 16. Jahrhundert wurden arabische Märchen zusammengestellt in der bekannten Sammlung „Tausend und eine Nacht", welche durch Vermittlung ihres fran- zösischen Uebcrsetzers Galland auch ziemlich allen übrigen abend- ländischen Völkern zugängig und bekannt wurde. Trotz des Verbotes des Propheten Mahomet wurden Märchen im ganzen islamitischen Orient gern erzählt, gehört und gelesen,„da diese Spiele einer leichtfertigen Einbildungskraft, die vom Wirklichen bis zum Unmöglichen hin- und wiederschwebt und das Unwahr- schcinliche als ein Wahrhaftes und Zweifelloses vortrügt, der orientalischen Sinnlichkeit, einer weichen Ruhe und einem bequemen Müssjggang höchst angemessen ivar."(Grimm.) Bis in die Zeit der Sassaniden*) hatten sich solche Erzählungen bis ins Unendliche vermehrt, und es werden dieselben noch heute gar gern wiedererzählt, auch viele neue dazu erfunden, und noch vor kurzem erst lasen wir in den Zeitungen, die gedrückte Stimmung der schweren heutigen Lage in Konstantinopel zeige sich auch besonders darin, daß in den Kaffeehäusern nur vereinzelte Märchenerzähler ein empfängliches Publikum fänden. Im Jahre 1556 erschien in Venedig unter dem Titel„Ergötz- liche Nächte"(Notti piacevoli) eine Sammlung von Erzählungen, Schwänken, Fabeln und Räthseln, Ivornnter sich 13 Märchen be finden, welche der Verfasser Giovanni Francesco Strapparola „aus dem Munde zehn junger Fräulein anfgenommen". Wegen einiger sittenloser Episoden hatte das Buch 1665 in Rom das Mißgeschick, in das Verzeichniß der verbotenen Bücher, den bc kannten Inclex librorum piobibitorum, zu kommen und es erschien deshalb später in abgekürzter und gereinigter Gestalt. Die Märchen sind das weitaus beste am ganzen Buche. 1637 erschien das„Pentaineron" des Giainbattista Basile, der im 16. Jahrhundert lebte, eine Sammlung von lauter Märchen, die von allen vor Grimm existirenden die beste und reichhaltigste ist und auch durch und durch volksthümlich auftritt: die Sprache ist der Dialekt des' neapolitanischen Volkes und die Darstellung ganz in dem Geiste der witzigen, lebhasten Neapoli taner und mit Sprüchwörtern und Wortspielen förmlich voll gestopft, ein Umstand, der freilich die Lektüre für den mit neapoli tanischer Sitte und Mundart Nichtvcrtranten erschwert. Nach Italien zeigt Frankreich zunächst Märchensammlungen, und den Reigen eröffnet hier Charles Perrault, der 1633 bis 1763 lebte und in einem einfachen, natürlichen Stil erzählte, so- weit es die damals schon glatte und elegante französische Sprache zuließ. Der Kinderton ist sehr gut getroffen, auch sprechen eine Menge innerer und äußerer Zeichen dafür, daß es sich hier nicht um künstliche Erfindungen, sondern um natürlich im Volke er- wachsene Märchen handelt. Nicht so ganz gelungen ist es der Gräfin Anlnoy, die ihren Stoff weit willkürlicher behandelte und zuviel Reflexionen ein- flocht. Beide fanden eine Menge Nachahmer, die jedoch alle bc- deutend Schwächeres leisteten. Auch Spanien besaß und besitzt Märchen, wie sich dies ans ciner Stelle des Cervantes, des geistreichen Verfassers des „Don Quixote" ergibt. Ebenso England, Schottland und Irland und die übrigen nordischen Länder, in deren Literatur öfter Uebersetznngen französischer Sammlungen und dem ähnliches vor- kommen.(Schlich folgt.) *) Persische Kölligsdynastie, welche von 218—626 n. Chr. regierte, wo sie vom Kalifen Omar gestürzt wurde. als den Der Das Gespenst der volksausklärnng. Man kann sich wohl kaum entschiedenere Gegensätze denken, allen Autoritäten im Himmel und auf Erden gebrochen hatte und sie in dem Philosophen von Ferney und dem eisernsten unter sie mit Spott und Hohn verfolgte, der andre die Autorität selbst, russischen Herrschern dieses Jahrhunderts verkörpert waren, und zwar die Autorität, welche sich mit allen Mittel, koste es eine der Repräsentant der neuen Zeit, der im Geiste mit auch tausende und Millionen Menschenleben, zu behaupten bemüht | war. Daß Voltaire den finster» Soldatenkaiser, wo er nur ge- könnt, verhöhnt und gekränkt hätte, wenn er nicht 18 Jahre vor Nikolaus Geburt gestorben wäre, ist gewiß niemand zweifelhaft; daß er aber noch lange nach seinem Tode und bis an Nikolaus Ende ihn beunruhigt, verfolgt und mehr als einmal in Wuth gebracht hat, dürfte manchen überraschen. Es ist eine kleine Hofgeschichte, die hier nacherzählt werden soll; eine Geschichte, die nicht allein interessant ist, weil der geistreichste Mann der geistreichsten Nation ihr Held ist, sondern weil fie auch die alle Gewalt über- wältigende Macht des Geistes beweist. Ob sie sick genau so zu- getragen hat, dürfte wohl gleichgiltig sein; daß sie in russischen und deutschen Hofkreisen erzählt und geglaubt worden ist, genügt vollkommen. Bekanntlich war die Kaiserin Katharina II. von Rußland als aufgeklärte Despotin nach dem Muster Friedrich des Großen den französischen Encyclopädisten. freundlich gesinnt gewesen und hatte besonders für Voltaire Bewunderung empfunden, mit ihm Briefe gewechselt und nach seinem Tode seine Bibliothek erstanden. Dieses letztere Andenken an den großen Franzosen hatte der mit eigenem Gcistreichthum sich brüstenden Fürstin aber nicht genügt, sie wollte ein recht sprechendes Abbild von ihm besitzen und ließ sich des- halb von dem. berühmten Bildhauer Houdon eine Voltaircstatue anfertigen. Houdon hatte dem außerordentlichen Manne kein ge- wohnliches Denkmal gemeißelt; auf niederem Lehnsessel sitzend, in reich drapirtem Gewände, das nur den Kops und die Hände den Blicken des Beschauers frei läßt, zeigte das Bildwerk eine beinahe unheimliche Lebendigkeit. Der Oberkörper und der fleischlose Kopf, mit dem runzligen Gesicht nach vorn gebeugt, machten den Eindruck, als wenn sich die Statue jeden Augenblick erheben und einem nachschleiche» könnte; die Augen hatten für einen Menschen ans Stein etivas ganz erstaunlich durckibohrendes, der Mund lächelte in fataler Ueberlegenheit— kurz, die Statue war wirklich ganz Voltaire und ganz dazu angethan, zu frappircn, und Leute, welche nur ein Lächeln und eine Haltung zu sehen gewöhnt waren, vie nämlich knechtischer Unterwürfigkeit, gründlich zu ärgern. Ob sich Katharina darüber geärgert hat, berichtet die Geschichte nicht, dafür war dieser steinerne Voltaire für den eisernen Nikolaus nicht nur ein Gegenstand des Aergcrs, sondern sogar des Hasses, ja der Furcht. Einige Jahre stand die Statue in der Bibliothek der Eremitage, jener prachtvollen Residenz Katharina's, die nach dem Tode der Kaiserin unbenutzt und ver- schlössen blieb. Erst im Jahre 1825 sollte wieder Leben hinein kommen, als der neue Kaiser, Nikolaus I., beschlossen hatte, die Kunstschätze, welche dort in Massen aufgehäuft und fast vergessen waren, wieder an's Licht zu fördern. Zwar hatte Nikolaus, der sonst in allen Winkeln selbst herum zu stöbern pflegte, es anfangs vermieden, die Lieblingsgemächer seiner Großmutter zu betreten; er hatte die oft grausame und mit der Aufklärung nur wie mit einem unglücklichen Liebhaber kokcttirende Tyrannin höchst nn- gerechter Weise für zu freisinnig gehalten, und sie darum eher gehaßt als geliebt. Eines Tages aber fiel ihm ein, yian könne die Bibliothekräume zur Vergrößerung dar Bildergallcric gebrauchen. Flugs ließ er sie öffnen und schaute nach, wie es wohl da drinnen aussähe. Einladend und freundlich war der Anblick nun gerade nicht— über ein Heer abgegriffener, mvttenzerfrcssener Bücher, die in schnörkelichen Rokokoschränken unordentlich aufgehäuft waren, flackerte ein mühsam durch einstmals grüne, seit laugein aber vergilbte Fenstervorhänge sich stehlender fahler Lichtschimmer. Die Luft mar dick und dumpfig wie in'einer Gruft, und mitten drinnen in dem langen düsteren Gemache hockte ein anscheinend mit grauen Laken umhülltes Skelett, das ganz aller Ehrfurcht bar hocken blieb, als der Kaiser eintrat, und ihn nur angrinste, als hätte es den Allgefürchteten verhöhnen wollen. Nikolaus er- kannte das Skelett auf den ersten Blick, es war Voltaire— für Nikolaus das tödtlich gehaßte Gespenst der Volksaufklärung. Ter erste Eindruck war der eines Schreckens, wie er dem rauhen Loldatengemüthe des Kaisers soust gänzlich fremd war. Den Schrecken löste der grimme Zorn über den Schreck und dessen Veranlassung ab. �„Hinaus mit dem Scheusal; nie wieder will ich's sehen," donnerte der Despot seiner entsetzten Begleitung zu und verließ eilends das Gemach und die Eremitage. Der Befehl des Czaren ward vollführt und die Voltairestatue zu schweigsamer Mitternacht- stunde in das dem Großfürsten Constantin gehörige Marmor- Palais geschafft, welches, da der Großfürst in Warschau residirte, unbewohnt und den gefährlichen Besuchen des Kaisers nicht aus- gesetzt war. Eine lange Reihe von Jahren verging. Rußland hatte Persien niedergeworfen und Armenien erobert, die Türken besiegt, Adria- nopel genommen, Handelsfreiheit mit der Türkei und freie Schiff- fahrt im Schwarzen Meer erzwungen, die polnische Revolution von 1830 gebändigt und die polnischen Freiheitsheldcn mit unerbitt- luher Grausamkeit niedergemetzelt oder, was schlimmer war, in Sibiriens Bergwerke deportirt; und im Innern waren ebenso erfolgreiche Kämpfe geführt morden gegen alles, was auch nur entfernt nach Freiheit und politischer Selbstständigkeit der Unter- thanen aussah. Kürz vor 1830 hatte ein beispiellos scharfes Ccnsuredikt die letzte Möglichkeit einer freien Meinungsäußerung in Rußland ver- nichtet, und ein Reglement über den Vortrag der Wissenschaften aus den Universitäten hatte auch die höchsten Lehranstalten in die spanischen Stiefeln des Militärdespotismus eingeschnürt. In den dreißiger Jahren ward die eiserne militärische Zucht über die ganze Civilverwaltung ausgedehnt, gleichzeitig wurde Rußland durch alle nur denkbaren Maßregeln von dem Auslande, welches sich dem Geiste der fortschreitenden Kultur nicht hatte entziehen können, abgeschlossen; so wurde den Fremden die Anstellung, ja sogar der Aufenthalt in Rußland erschwert, und die Russen mußten sich das Recht, in's Ausland zu reisen, mit theurem Gelde erkaufen und durften überhaupt garnicht auswandern. Nur ein Streben zeigte sich in allen Regierungshandlunge» des Czaren: aus seinen Unterthanen eine einzige durch dieselbe Sprache, die- selbe Religion, denselben Knechtlinn unzertrennlich verbundene willenlose Heerde zu niachen. Und das Bemühen des Kaisers war so ziemlich mit Erfolg gekrönt worden,— da drohte auf ein- mal wieder das Jahr 1848 mit dem Hereinbrechen revolutionärer Ideen. Um dieselbe Zeit ging mit dem Marmvrpalais eine Revolution vor. Ter im Jahre 1827 geborene zweite Sohn des Kaisers, Constantin, war der Erbe seines Oheims geworden und sollte sich nun vermählen und das Marmorpalais als großfürstliche Residenz erhalten. Da traf man bei den Reparaturen und Renovationen auf— Voltaire. Man erinnerte sich sofort an die Abneigung des Kaisers und verbarg die unbequeme Statue in ein dunkles Kämmerchen unter einer großen Treppe, von dessen Existenz der Czar nicht einmal eine Ahnung hatte. Die Besichtigung des Marmorpalais nach vollendeter Renv- vation besorgte Nikolaus natürlich selbst. Er war dabei in ans- nahmsweise guter Laune— nichts wie Lob quoll über seine Lippen. Schon wollte er höchst befriedigt den Palast verlassen, als seine Blicke von einem dunklen Winkel gefesselt wurden. Seine scharfen Augen hatten eine kaum bemerkbare Gcheimthür entdeckt. „Was steckt hinter jener Thür?" Niemand wollte es wissen. „Altes Gerümpel wahrscheinlich, kaiserliche Majestät!" „Oeffnen— sofort!" Die Thür knarrte in ihren rostzerfressenen' Angeln und aus staubcrfülltcm Grabesdunkel starrte hohnlächelnd ein Gespenst hervor— das Gespenst des Vaters der modernen Revolutionen. Der Czar war leichenblaß geworden— dann übermannte ihn der Zorn. Ohne die Baukommission, welche ihn geführt hatte, noch eines Blickes zu würdigen, unfähig ein Wort zu sagen, nur mit einer ungestümen aber sehr deutlichen Handbewcgung die sofortige Entfernung des tödtlich gehaßten steinernen Gastes bc- fehlend, verließ Nikolaus sofort den Palast. Nun war guter Rath thcucr! Wohin mit dem„vermaledeiten französischen Pavian", dessen Bosheit soweit ging, daß er noch lange nach seinem Tode einen Kaiser um seine majestätische Ruhe und hohe kaiserliche Beamte und Würdenträger um die schönsten Aussichten auf Orden, Rangerhöhungen und Belohnungen aller Art bringen konnte! Schließlich fand sich noch ein scheinbar ganz sicherer Zu- fluchtsort für die Statue, die man am liebsten zertrümmert hätte, wenn jemand die Verwegenheit besessen hätte, vom Czaren die Erlaubniß dazu zu erbitten— der von Katharina II. für Potemkin erbaute laurische Palast, in welchem allerlei Antiken, darunter auch ein paar verschimmelte Hoffräulein, ein unbeachtetes Dasein führten.— Der achtundvierzigcr Völkersturm erschütterte Rußlands innere Ruhe nur wenig; dunkle Gerüchte über eine Anfang 49 in Peters- bürg entdeckte Verschwörung fanden ihren Abschluß in der aint- lichen Mittheilung, daß 21 höhere Beamte, Offiziere und Studenten wegen Aufruhrversuchs zum Tode durch Erschießen vernrtheilt, aber durch die Milde des Czaren zu ewiger Gefangenschaft in den Festung»! ober in den sibirischen Bergwerken begnadigt worden wären. Daß die Revolution aber Oesterreich und die übrigen deutschen Staaten bis in ihre Grundvesten erschüttert hatte, war Rußlands Bortheil. Es konnte Hülfe gewähren gegen die Revolutionäre, es rettete Oesterreich und ward Schiedsrichter über Deutschland. Der Versuch, nunmehr die orientalische Frage auf gut russtsch zti lösen, führte jedoch zu gefährlichen Berwicklungen. Frankreich und England traten auf die Seite der Türkei und ließen im September 1854 ihre Armeen zum Angriffskriege gegen Rußland in der Äriin landen. Und Rußland stand dieser Koalition ohne Alliirte gegenüber. Preußen verharrte in vorsichtiger Neutralität und Oesterreich hätte dem Helfer in der Revolutionsnoth seinen Dank am liebsten mit Kanonenkugeln ausgezahlt. Der Czar Nikolaus ging düsteren Sinnens umher— seine Macht bedrohten mächtige Feinde und seine Gesundheit war von einer tückischen Erkältung heftig erschüttert. Trotzdem feierte der Hof in Petersburg Feste. Bebte auch der Boden unter den Füßen der russischen hohen Gesellschaft, so mußte sie sich doch tanzend und scherzend über den Ernst der Lage täuschen. Ans den 10. Februar 1855 hatte der Kaiser eine Landpartie festgesetzt. Es sollte ein großes Fest werden, und man glaubte diesmal ein besonderes Recht zur Freude zu haben, denn aus- »ahmsweise lauteten die Nachrichten vom Kriegsschauplatze einmal günstig. Sebastopol war unerschüttert, die Feinde wurden zu tauseuden von ansteckenden Krankheiten dahingerafft, und Stürme hatten ihre Flotten arg beschädigt. So ging's denn zu Schlitten lustig über Land— in's tau- rischc Palais. Nach der Tafel überfiel den Czarcn die alte Luft am Herumstöbern und flugs schritt er, in alle Winkel schauend und nach dem Zwecke jeder nicht ganz gewöhnlichen Bagatelle fragend, durch das weite Haus. Weltansstelliingsbriefe. IV. (DaS Aquarium. Die Chincir». Tie Iapaneien. Der indische Schah de» Prinzen van Wales. Der»avinor. Der persische Palast. Algier. Tunis. Marollo.s Noch immer kann man von einer Fertigstellung und Vollendung der Weltausstellung nicht sprechen, so schön und brillant erfunden auch die Phrasen sind, mit welchen die pariser Zeitungsschreiber in ihren Berichten die zahlreichen Lücken zu umgehen suchen. Ich führe nur ein Beispiel an, das Süßwasseraqnarium inr Trocaderopark. Tie Einrichtung ist allerdings vollendet und verdient als ein Meisterwerk belobt zu lvcrde». Man denke sich in ziemlich großem Ilmsange eine allerliebste kleine Felsenpartie mit Grotten, Hügeln, Bergpfaden?c., welcher die künstliche Ei'tstehungsart durchaus nicht anzumerken ist. lieber Brücken und Stege muß man wandern und behutsam auftreten, um nicht zufällig in eins der zahlreichen Bassins zu fallen, die von der großen Trocaderokaskade durch Röhren und eingebettete Bäche gespeist werden. In der Mitte der Anlage befindet sich ein kleiner Hügel mit einem offenen Säulenpavillon, von dem aus man eine hübsche Ueber- ficht über die„Trocadcroschweiz" hat. Alles Geschilderte befindet sich unter freien Himmel. Sehr überraschend für die Besucher ist es, daß sich unter dieser hübschen Außenseite eine noch viel interessantere Innen- seile besindet. Man steigt aus bequemer Felsentreppe fast drei Meter tief in die Erde und gelangt in eine unterirdische Grotte mit großen Plätzen und engen gewundenen Gängen. Labyrinthartig schlingen sich dieselben durcheinander»nd werden erhellt durch Fenster! Aber diese Fenster empfangen nicht direkt das Himmelslicht, sondern durch große Wasscrbassins hindurch. Die letzteren sind dieselben, welche wir erst von oben betrachtet haben. Nun können wir von der Seite hinein blicken und übersehen weit besser die großen mit phantastischen Fels stücken angesüllten Räume. Umsonst spähen wir jedoch nach Fischen, welche biSjetzt nur in ganz geringer Anzahl vorhanden siich, da die meisten Wasserbehälter zur Aufnahme derselben geeignet sind. Der Kalkstein, aus welchen sie zusammengesetzt, macht das Wasser noch allzu schmutzig»nd che sich dasselbe nicht klar und rein erhält, dürsten die Bewohner des stüssigen Elements kaum ihr Leben in ihm fristen können. Spazieren wir im Trocaderopark noch ein wenig umher, so ge- langen lvir bald zu den Chinesen, die dortselbst einen niedrigen Palast Otis Holz errichtet haben. An demselben fallen besonders die»ach oben gebogenen Dachgesimse mit spitzzulaufendcn Ecken aus und die zahl- reichen Holzschnitzereien, welche die Wände bedecken. Es grinsen uns abscheuliche Götter und Thierfratzen aus ihnen entgegen und kein Europäer wird an denselben ein ästhetisches Gefallen finden. Es läßt sich aber nicht läugncn, daß die Chinesen eine ungemeine Geschicklichkeit in der Holzschnitzerei haben und mit derselben eine ausdauernde Arbeits- Im entferntesten Winkel des entferntesten Flügels bemerkte er eine Treppe.„Wohin führen diese Stufen?" „Zu den Dachränmcn," antwortete der begleitende Palast- bcanitc. „Was enthalten sie?" „Alte Möbel und dergleichen." Nikolaus stieg die Treppe hinauf. Eine verschlossene Thür sperrte sie ab. „Wo ist der Schlüssel?" lliicniand wollte es wissen. „Ein Beil!" Unter einem wuchtigen Hiebe brach das morsche Holz zusammen. Durch ein halberblindetes Tachfenstcr fielen die Strahlen der untergehenden purvurnen Abendsonne schräg aus eine merkwürdige graue Gestalt. Der Ezar trat überrascht näher. Da erkannte er den räthselhaften Gast. Der alte hshnlachende Todfeind, dessen Gespenst zum erstenmale nach der Verschwörung von 1825, zum zwcitenmale im Jahre der europäischen Revolutionen und nun— gerade mitten in dem gewaltigsten und an Niederlagen reichsten Kampfe, den Nikolaus je geführt, zum drittcuiual ihm in den Weg trat. Ein Schauer überrieselte den eisernen Gewaltmenschen. Er rief es nicht, er stieß es wuthschäumend, fast brüllend hervor: „Zermalmt das Scheusal und werft es in die Kloake!" In furchtbarer Aufregung verließ Nikolaus sofort und ganz ohne Begleitung zu Schlitten den Ort des Festes. Auch den "Abend über blieb der Kaiser allein und in der Nacht erkrankte er heftig, um uicht wieder zu genese». Am 10. Februar 1855 war das Gespenst der Volksaufklärung dem ärgsten Tyrannen des l9. Jahrhunderts zum drittenmale erschienen, am 18. Februar sank er in's Grab. Aber der marmorne Voltaire Katharina's II. lebt heute noch und lächelt in der kaiserlich russischen Bibliothek höhnisch wie zuvor auf seine kaiserlich russische Umgebung herab. G.-L. kraft und Arbeitslust verbinde». Bei der Herstellung dieses Baues sind nur Hände und Handwerkzeuge, nicht eine einzige Maschine verwendet worden, und daher kommt es auch, daß die Chinesen in ihren sonderbaren Ornamenten und Berzierunge» viel mannigfaltiger»nd fantastischer sind als wir Europäer bei unscrn Bauten. Die Maschinen arbeiten vielleicht ebenso genau und schars wie die fleißigen Chinescnhände, können aber ihre Fabrikate nur nach einer Schablone Herrichten. Schön und malerisch machen sich die Farben des chinesischen Palastes, hauptsächlich der richtig zur Verwendung gekommene Goldlack, in dessen Zu- bercitung die Söhne des„himmlischen Reichs"(so nennen die Zopf- träger ihr großes Vaterland) eine große und viel beneidete Geschicklichkeit besitzen. Sie thcilen dieselbe mit ihren Nachbarn, die zugleich ihre ärgsten politischen Feinde sind, den Japanesen. Das Gehcimniß der Bercitung des Goldlacks sowie anderer Farben und Tuschen liegt weniger in der Auswahl der Rohstoffe, welche sie der üppigen Pflanzenwelt ihres Landes entnehmen, sondern vielmehr in der vorsichtigsten und lang- wierigstcn Behandlung dieser Stoffe, welche seit uralten Zeiten in China bekannt und stets die nämliche geblieben ist. Ein kleiner Gegenstand, z. B. eine Schale, eine Dose aus Holz, Kupfer zc., welcher lackirt werden soll, wird nicht einfach übergestrichen, sondern wohl dreißig, vierzig mal, und häufig verschiedenen Temperaturen ausgesetzt, sodaß die Fertig- stellung besonders werthvoller Gegenstände oft monatelang dauert. Auch wird während der Lackirung mit größter Aengstlichkeit darauf geachtet, daß auch nicht ein einziges Stanbtheilchen der Lust den Lack ver- unreinigt. Um das zu verhüten, begeben sich die Arbeiter in kleinen oder größeren Schiffen, die man wohl schwimmende Fabriken nennen kann, aus das Meer und zwar soweit hinaus, daß der Wind ihnen kein Stanbkörnchen mehr zutragen kann. Europäische Schiffsreisende haben mehrfach vier bis fünf Stunden weit von der Küste solche Schiffe, die sich flottenweise vereinigen, angetroffen. Natürlich ist diese Her stellungsart außerordentlich zeitraubend. Aber in China und Japan haben'die Leute noch Zeit; der Grundsatz:„Time is rnoney", der in unserm europäischen und nordamcrikanischen Jndustrieleben eine so wichtige Rolle spielt, ist bei ihnen noch nicht zur Geltung gekommen. So arm auch die niederen Volksschichten in den ostasiatischcn Ländern sein mögen, Hunger und Durst aus Mangel an Arbeit erleiden sie selten. Um die soeben beschriebenen zeitraubenden Arbeiten verrichten zu lassen, gebrauchen die reichen Unternehmer stets sehr viele Arbeiter, die, wenn inan nicht mit der Hetzpeitsche(wie bisweilen bei uns) hinter ihnen steht, außerordentlich pflichtgetreu ihrer Aufgabe obliegen. Die Chinesen sind bekannt als das nüchternste Volk der Erde und erst neuerdings durch die Einführung des Opiums theilweise demoralisirt worden. Sowie die Nordamerikaner die Rothhäute durch Branntwein ihrer natürlichen Kraft berauben, so verlocken die Engländer die Chinesen zur Unthätigkeit durch Einsührung des berauschenden Giftstoffes. Es ist bekannt, wie Kaufleute, Schissseigenthümer und Kapitäne aller Nationen Europas das Opium dazu benutzen, um die Chinesen auf ihre Schiffe zu locken und dann unter scheinbarer Ratifizirung eines Miethskontraktes, den die Unglücklichen im berauschten Zustande unter- schreiben, als Sklaven unter dem Namen Kulis nach Nordamerika und Brasilien zu verkaufen. Doch zurück zu den chinesischen Gegenständen auf der Ausstellung, die fast alle Meisterwerke der chinesischen Industrie genannt werden können. Der Trocaderopalast sowohl wie die chinesische Abtheilung in dem großen Marsseldgebäude sind voll von den seltsamen, thcilweise sehr geschätzten Waare». Unter ihneu zeichnen sich nächst den Leder- arbeiten und der Tusche, die bekanntlich nur in China und Japan vollendet schön bereitet wird, die Email- oder Schmelzarbeiten aus, welche darin bestehen, daß man Gegenstände aus Gold, Silber, Kupfer,. Stein, Eisen und Porzellan mit flüssigem Glas überdeckt. Mischt man diesem Glasflusse gewisse Metalloxyde bei, so nimmt er verschiedene Farben an, die dann, mosaikartig aus die Oberfläche des zu emaillirenden Objektes gebracht, eine überaus prächtige Ansicht gewähren. Die chincsi- schen Emailarbeiten zeichnen sich nun besonders durch die sanfte, har- monische Abstufung der Farben aus, durch die Genauigkeit, mit welcher die sandkorngroßen Mosaike durch Gold- und Silberfäden von einander getrennt sind und durch die imponirende Größe der Basen, Krüge, Schilde zc., welche mit dem Email bedeckt werden. Ein Gehcimniß war es uns Europäern bis vor kurzem, wie es den Chinesen und Japanern möglich sei, auf Porzellan den sogenannten Zellenschmelz(email eloi- aoune) zu befestigen. Sie bedecken die Oberfläche eines Porzellan- gegenständes zuerst mit einem engen Netze ganz schmaler Silber- oder Goldfäden, die auf unbegreifliche Weise senkrecht auf dem Porzellan befestigt werden. In die so entstandenen Zellen wird dann mit größter Borsicht verschiedenfarbiges flüssiges Glas hineingegossen. So kommt das ganze Stück in den Ofen, aus welchem es, sobald der Prozeß des Ausschmelzens vorüber ist, mit Vorsicht herausgezogen wird, sodaß beim Erkalten keine Risse entstehen. Dann werden die Zellen wiederum ge- füllt, und derselbe Prozeß wiederholt sich solange, bis alle Zellen bis zur Höhe der Goldfäden gefüllt sind. Tann wird die ganze Oberfläche auf's sorgfältigste polirt. Man kann sich einen Begriff machen, wie subtil gearbeitet werden muß, wenn man bedenkt, daß die Zellen kaum >/„ Linie hoch sind und doch mehrmals angefüllt werdeu müssen. Ein Kenner gibt den chinesischen und japanischen Emailarbeiten stets den Vor- zug vor den europäischen, die weit schneller, aber auch weniger sein her- gestellt werden. Eben jetzt geht durch die Zeitungen die Notiz, daß Herr Raven«, der bekannte Fabrikbesitzer in Berlin, seine japanischen Arbeiter wieder entlassen hat. Dieselben kamen vor Jahressrist nach Berlin, um hier den deutschen Arbeitern die Handgriffe ihrer Kunst zu lehren. Es hat sich aber herausgestellt, daß es sich weniger um be- sondere Kunstgriffe, sondern vielmehr um Ausdauer und vorzüglich um Zeit handelt. Herr Raven« hält es nun nicht der Mühe Werth, diese Zeit zu opfern, um die wahrhast schönen chinesisch-japanischen Kunst- objckte herzustellen. Jeder Liebhaber muß es bedauern, daß das„Zeit- alter des Dampfes" uns Europäern faktisch die Herstellung solcher Sachen verwehrt. Gewiß, schnelle Arbeit hat ihre gute Seite, aber sie darf zum Bortheil einiger Kapitalisten auch nicht so rasend betriebe» werden, daß der gute Geschmack darunter leidet.„Gut Ding will Weile haben," sagt ein altes Sprüchwort, und wenn wir in dieser Beziehung von unseren„asiatischen Brüdern" etwas mehr lernten, so könnte das nichts schaden. Jedenfalls hätten wir Deutsche» dann nicht aus der Ausstellung in Philadelphia das Prädikat„billig und schlecht" erhalten. Billig sind nun allerdings die chinesischen und japanischen Arbeiten dieser?lrt nicht. Ein reicher Engländer hat z. B. in diesen Tagen für eine einzige Vase, freilich von Meterhöhe, die anständige Summe von 50,000 Francs bezahlt. Solche Verschwendung kann sich nur ein sehr reicher Liebhaber erlauben. Dazu muß übrigens bemerkt werden, daß besonders die Japaner sehr wohl wissen, wie übertrieben hoch ihre Waaren von manchem europäischen Millionär, der nicht weiß, was mit dem Gclde ansangen, geschätzt werden. Und dumm sind die Herren mit der platten Nase und den geschlitzten, schlauen Augen auch nicht, deshalb»ormiren sie die Preise hier in Europa wohl zehnmal höher als in ihrem Batcrlande. Auch verstehen sie sich schon aus den modernen Schwindel und verkaufen miserable, nachlässig sabrizirte Dinge, die bisweilen sogar lädirt sind, als Kostbarkeiten ersten Ranges. Bei den Chinesen, die im ganzen ein ehrliches Volk sind, habe ich diese Art Prellerei noch nicht beobachtet. Man muß ihnen überhaupt in mancher Beziehung Achtung zollen für die Pietät, mit welcher sie an ihren ein heimischen Sitten und Gebräuchen festhalten und sich nur ungern den Einflüssen unserer modernen Kultur hingeben. Sic beobachten scharf, lMd die Gebrechen unserer modernen Gesellschaftszustände sind ihnen nicht unbekannt. Das Mißtrauen, daß sich ähnliche auch bei ihnen einfinde», hindert sie daran, sich europäisiren zu lassen, wie es bei den Japanern der Fall ist, die, von dem äußerlichen Glanz und Pomp unserer reichen Stände entzückt, ohne weiteres Reformen nach abend- ländischer Weise bei sich einführen. Ganz äußerlich prägt sich dieser Gegensatz zwischen den beiden ostasiatischen Völkern hier auf der Ausstellung in der Kleidung aus. Die Chinesen haben sämmtlich ihre Nationaltracht beibehalten, während die Japanesen mit Cylinderhut und schwarzem Frack einhcrstolziren. Dieser Nachäffungstricb der letzteren macht sich höchst komisch/ da er im Grunde nicht aus weiser Uebcrlegung und scharscr Kritik unserer Gebräuche und Sitten beruht, sondern mehr auf der Kurzsichtigkeit, welche ihnen alles bei uns im rosigsten Lichte erscheinen läßt. Alles, was die Chinesen und Japanesen sabriziren, trägt in seinen Verzierungen jenen barocken Geschmack an sich, der sich hauptsächlich in Darstellungen der furchtbarsten Thiersratzen und komplizirtesten Arabesken äußert. Aber durch die Feinheit und Sauberkeit der Arbeit gewinnt auch alles einen Anstrich von Zierlichkeit und Eleganz, an welcher sich selbst die französischen Knnstarbeiten ein Muster nehmen können. Ich erwähne nur noch die Eisenguß-, Metall-, Holz-, Elfenbein- und Lcder- waaren, ganz insbesondere auch die chinesischen Möbel und japanischen Schulgegenstände. In den crsteren drückt sich das Bestreben der Chinesen aus, wirklich nachahmungswürdige und bequeme Gegenstände unserer Industrie sich anzueignen. Da finden wir Schränke, Stühle, Tische, Etageren, Käna- Pees, Schemel, Wandschirme, Spicgelrahmcn, Kisten, Kasten, Koffer?c., meist alle aus Holz, mit Schnitzereien über und über bedeckt, dazu kost- bare Ucbcrzüge aus Seide und andere Gewebe, welche seit aller Zeit meisterhast in China hergestellt werden, endlich auch die bc ähmtc» Fächer und elfenbeinernen Schachfiguren von unbeschreiblicher Zartheit. Der Thee, das Hauptprodukt Chinas, fehlt selbstverständlich au.d nicht. Japan, in seinem Nachahmungstrieb, hat eine vollständige Schul- einrichtung nach modern europäischem Muster ausgestellt. Bekanntlich wird den Japanern von oben herab, von ihrem Kaiser, Mikado genannt, der wieder von den europäischen Mächten beeinflußt wird, die Kultur gewissermaßen aufgezwungen. Mit welchem Erfolge, das ist jetzt noch schwer zu beurtheilen. Bekanntlich ist es die Politik fast aller Kolonialmächte gewesen, bis zu einem gewissen Grade die Kultur des fremden Landes im europäischen Geschmack zu begünstigen, um den Verkehr zu erleichtern und dadurch größere Handclsvortheile zu er zielen. Das ist alles ganz schön, wenn nur wirkliche Humanität ein Wort mitspräche, und nicht blos Egoismus, der schnell bereit ist, den Reichthum des halbcivilisirten Landes aufzusaugen und im Tausch da gegen eine nur oberflächliche europäische Bildung zurückzuerstatten. Japan wird es vielleicht später noch einmal bereuen, so plötzlich den westlichen Bewohnern der Erde Thor und Thür geöffnet zu 1 aben, wenn mit deren„Bildung" auch alle Uebel und Unkrautgcwächse der selben eindringen. Wie leder toeiß, breitet sich Unkraut schneller aus, als nützliches Gewächs. We nl ich durch die japanischen Räume des Marsseldpalastes gehe und> fle die Schulbücher, Landkarten, aus- gestopften Vögel, Bilderbogen, Schreibhefte, Wandtafeln, Schulbänke, Tintenfässer, Ucbersctzungen der deutschen, französischen und englischen Klassiker betrachte, so werde ich den Gedanken nicht los, daß den armen japancsischen Schulkindern bei dieser Sintfluth von Novitäten ganz dumni im Kopfe werde»»inß, weil i i.ien ja alles und jedes, was nnsern Kindern ganz natürlich ist, Höch't fremdartig erscheinen muß. Im alltäglichen und häuslichen Leben sin!, sie ja noch ganz an heimis�e Art und Sitte gewöhnt und werden deshalb wohl zum größten Theil nicht wissen, weshalb und wozu sie sich alle die fremden Dinge>mt Hand und Kopf aneignen sollen. Ich bcdaure sie ein wenig, nicht des- halb, weil sie lernen sollen, sondern weil ihnen zuviel zugemuthct wird. Die„Einpaukerei" scheint in Japan tüchtig in> Schwange zn sein, und solches Vollstopfen mit unverdauten Kenntnissen nützt wahrlich»icht viel. Es werden sich in Japan deshalb bald alle jene Ucbclständc herausstellen, welche auch bei uns nicht ausbleiben, wie man in der vortrefflichen Sack'schen Schrift:„Gegen die Prügclpädagogen" nach- lesen kann. Auch bei uns bringt ja das Einponken der mannichsaltigsten und verschiedensten Kenntnisse hauptsächlich zuwege, daß unsere Knaben und Jünglinge keine Zeit haben, sich mit dem ernsteren sozialen Lcoen zu beschäftigen und deshalb später aus Unverstand und Gewohnheit biedere Bonrgcois und unterthänigste Diener jeglicher Regierung werde». Wissen ist gut, aber nicht jeder soll alles wissen wollen. Alles schickt sich nicht für einen. Sei jeder in seinem Fache kenntnißreich.nd tüchtig, so wird er durch seine Arbeit nützen können und zugleich Z'it finden, sich an dem politischen»nd sozialen Leben mit eignem Willer kraftvoll zu betheiligen.(Schluß folgt.) Eiweißgehalt in Getreide und Kartoffel». Liebig hat wieder holt daraus hingewiesen, daß im Getreidckorn der Eiweißgehalt— und damit der Nährwerth— von außen nach innen abnimmt. Das feinste Weizenmehl, das sogenannte wiener Kaisermehl, aus dem innersten Theile des Korns hergestellt, verdankt seinen Preis nur dein Umstand, daß es sich für die Kunstpräparate der höheren Koch- und Backkunst besser eignet. Durch die zwar kostspieligen Zusätze von Eiern, Bulter und anderen guten Dingen gewinnt es erst für den Feinschmecker auch den Nährwcrth wieder, den es durch die Art des Mahlens sonst ver- loren hatte. Wäre es möglich, nur die Hülsen vom Getreidekorn zu entfernen und den ganze» übrigen Theil zu Mehl zu zerkleinern, so würde dieses 30 Prozent Kleber(Eiweißstoff) enthalten, also zwei Dritttheile mehr, als das gewöhnliche Mehl. Jedenfalls sind bei der jetzigen Art des Mühlcnbetriebes die sogenannten gröbere» Sorten Mehl die nahrhafteren. Auch bei den Kartoffeln nimmt nach neueren Untersuchungen der Eiwcißgehalt von der äußeren Schale nach der Mitte zu ab, und zwar im Verhältniß von 121. zn 100. Die Kar- toffeln werden jetzt als Speise je nach Landesbrauch und Gewohnheit bald mit der Schale gekocht, bald werden sie vorher, und dann unter großem Substanzverlust, abgeschält. Für alle Haushaltungen, die von 480 £ieu zu Gejote stehenden Nahrungsmitteln nichts vergeuden wollen und könne», dürfte sich nach obigem das Kochen mit der Schale empfehlen, es wird dadurch ein Fünftel des in den Kartoffeln überhaupt vor- handenen plastischen(b. i. blut- und fleischbildenden) Nährstoffes mehr nutzbar erhalten._ R.-L. Schweinefett und Talg als Nahrungsmittel. Wenn im Laufe der„heiligen sozialen Ordnung" die Lage des arbeitenden Volks glück- lich wieder dahin gebracht ist, daß es seine Kraft um jeden Preis verkaufen muß, um nur das Leben für den nächsten Tag zu fristen, sehen wir unter andern regelmüßig die Erscheinung eintreten, daß der Konsum von Fleisch und Butter abnimmt, dagegen als naturgesetzlich nothwendige Beigabe zu der in größerer Quantität als sonst kon- sumirten, weil billigeren, vegetabilischen Nahrung, auch die billigere» Gcwebsfetlc vom Schwein, Rind und Hammel in steigendein Maße verwandt werden.„Wir möchten dem Vieh blas das Fett ausschneiden und es mit dem übrigen Fleisch wieder laufen lassen," kann man heutigen Tages die Schlächter in Arbeitervierteln sagen hören! Ter übergroßen Nachfrage wegen lassen sie sich natürlich nun auch ihre Fettwaare theurer bezahlen als anderes Fleisch. Und doch ist diese Quelle für den armen Mann häufig noch die billigere, weil er wenigstens sieht, daß er reines Fett sür sein theures Geld erhalten hat. Das Schweinefett, das im ungeschmolzcnen Zustand beim Händler oft billiger zu haben ist, ist nämlich von spekulativen Profitmachern nicht unberück- sichtigt geblieben. Es wurde schon früher vor einem Kunstprodukt öffentlich gewarnt, das unter dem Namen„Hamburger Stadtjchmalz" ein Speiseschwcincfett darstellte, das mit nicht weniger als 20 Prozent Spccksteinpulver verfälscht war. Aber auch feingemahlener Thon, Kreide, Gips, Schwerspath, Kartoffelmehl sind gelegentlich in derartiger, zum besten des armen Volkes einige Pfennige billiger verkaufter„Waare" zu finden. Dies Geschäft kann sich um so besser halten, als eben grade dek arme Mann das jetzt gekaufte Fett in der nächsten Stunde verzehrt und weder übriges Geld hat, um es, auch wenn es ihm verdächtig vorkommt, untersuchen lassen zu können,»och Zeit und Rath, um es vor dem Verbrauch selbst zu prüsen. Wird es mit Brot verzehrt oder als Beigabe direkt in Speisen gemengt, so niachen sich diese Beimischungen dem Auge garnicht, höchstens nnr dem Magen und dem betrogenen Organismus als beschwerender Ballast bcmcrklich. Eine einfache Probe aus die Reinheit des Schweinefettes kann man anstellen, indem man einen kleinen Thcil in einem Fläschchen mit dem fünfsachen Volumen Aether übergießt, gut verkorkt, die Flasche kurze Zeit in lauwarmes Wäger hält und dann tüchtig schüttelt. Reines Fett löst sich klar auf und darf höchstens nur ein wenig Wasser hinterlassen. Die Bersälschungs- mittel aber setzen sich als undurchsichtiger Satz zu Boden.— Dein Gebrauch der festeren thierischen Fette, des Talgs,-die hauptsächlich als Beigabe an Gemüse und Saucen verwandt werden, steht häufig, auch wenn dieselben ftisch und unverdorben sind, ein sür viele Leute un- übcrwindlich nnangenehmcr Geruch und Geschmack, eben der Talg- geschmack, entgegen. Dem Rindstalg läßt sich derselbe am leichtesten benehmen durch das von vielen Hausfrauen schon angewandte Verfahren, den Talg mit Milch gemischt, unter fleißigem Umrühren solange zu kochen, bis alle Wasscrtheile verdampft sind. Der unangenehme Ge- schmack verschwindet dadurch so vollständig, daß diese Fettsubstanz zu jedem Gebrauch, sogar zu Backwerk, ohne Bedenkeii benutzt iverden kann.— Ein einfaches Verfahren, Talg jeder Art durch Entfernung der sremdartigen Bestandtheile(die aus nur sehr geringen Mengen gewisser Fettsäuren bestehen) genießbar zu machen, fand Casthelay durch Versuche während der Belagerung von Paris. Er empfiehlt danach, den Talg zur Reinigung mit einer schwachen Sodalösung zu vermischen, ihn dann durch Znsatz von mehr Wasser wieder abzuscheiden und zu waschen und diese Behandlung, je nach der Beschaffenheil, zwei bis dreimal zu wiederholen) Die Waschungen müssen mit heißem Wasser ausgeführt und die Mischungen eine Viertel- oder halbe Stunde im Kochen erhalten werden. Es werden davurch geivisse flüchtige Substanzen ausgetrieben. Das Wasser enthält dann jene Säure» und ent- wickelt mit Schwefelsäure einen höchst unangenehmen, ranzigen Geruch. Der Talg aber hat nur noch einen schwachen Fettgcruch, der beim Gebrauch zum Kochen oder Braten von Kartoffeln oder Fleisch ver- schwindet.__ R.-L. Der Abschied des Calas von seiner Familie. Zur Erinnerung an die Gedenkfeier des Geistesherocn Voltaire reproduzirt Buchhändler C. Rüll in Nürnberg(Firma I. L. Lotzbecks Verlag) ein Kunstblatt, gestochen»ach einer Handzeichnung des berühmten Künstlers Chodowiccki, enthaltend den Abschied des Calas(nicht Salas, wie in Nr. 38 der „N. W." im Artikel Voltaire und Rousseau irrthümlich gesetzt ist), jenes Kaufmanns, der als ein Opfer leichtsinniger Rechtspflege gerädert ward und dessen Ehre, nach seinem Tode freilich, durch die unausgesetzten Bemühungen Voltaire's wiederhergestellt wurde. Das Blatt machte seinerzeit bei seinem Erscheinen großes Aussehen und ist noch heule sehr geschätzt von Sammlern und Kunstfreunden. Die neuen Abdrücke sind sehr schön, und der billige Preis(von 2 Mark) dürste beitragen, das Kunstblatt, das eine schöne Zimmerzicrde abgibt, weiter zu verbreiten. .Jserftficher �Lricfkasten. t erlin. Robert K. Wir hallen es für sehr fraglich, ob Ihr ein- jähriges Töchterchen, welches an der englischen Krankheit leidet, durch Vermeidung der Milch und durch ausschließlichen Genuß von rohem Rindfleisch, rohem Schinken, Bouillonsuppen und dergleichen geheilt werden wird, fürchten vielmehr, daß es durch diese einseitige Ernährung zugrunde geht. Versuchen Sie es nochmals mit der Milch. Setzen Sie derselben aber die in jeder Apotheke käuslichen Hartenstein schen Leguminosenpräparate Nr. 2 zu, derart, daß Sie von jedem die Hälfte geben. Richtig zubereitete Leguminose ist sozusagen flüssiges Fleisch. Wollen Aermere fich die Leguminose selbst bereiten, so geben wir hier eine einfache Vorschrift: Ein Psnnd geschälte Erbsen läßt man zwölf Stunden in etwas kaltem Wasser quellen, schüttet sie hierauf in l Liter Wasser, welchem eine Messerspitze voll doppeltkohlensauren Natrons zu gesetzt wurde, und kocht sie zwei- bis dreimal aus. Hierauf läßt man die Flüssigkeit sich absetzen. Das schwerverdauliche Stärkemehl und die pflanzliche Cellulosc sinken zu Boden, während in der trüben Flüssigkeit selbst sich das gelöste Legnmin befindet. Letztere gießt man ab und verioendet sie nun zum Auskochen von Knochen, zu Weizenmehlsuppen und dergleichen, oder man setzt sie zur Milch, der bei jüngeren Kindern etwas Milchzucker beigegeben werden muß. fteuders. R. B. Sie schreiben uns:„Wenn ich mich bücke, habe ich immer heftigen Blutandrang»ach dem Kopfe, sowie zu Zeiten starkes Nasenbluten. Ich trinke leidenschaftlich bayrisch Bier. Was ist dagegen zu thuu?"— Wollen Sie Sich diese Frage nicht selbst beantworten? «lauchau. Frau K. Ein Mittel gegen Kropf wollen wir Ihnen nennen, wenn Sie uns Ihre Adresse angegeben haben. Zur Beantwortung ungeeignet sind die Briese von Gustav M., Karl R— t, C. F. St., B. G�u und L. L— t in Berlin, K. in Altona, C. S. in Halle und G— t in Bremen. Die übrigen Briesschrcibcr erhielten, soweit es thunlich, direkte Ant- wort; Frl. F. S. in Altona soll eine solche nach Einsendung ihrer Adresse bekommen.(Schluß des Brieskastens am 21. Juni.) Dr. Resau. QledalUiöns-cÄomfsJonbenj. Sch. tivcttot einer SeillSu �ergeiellschasl. Tie srüheren Jahrgänge der„N. HJ." sind noch j» begehen. Die Werse Darwin« oder, wa« g» Ihrer Belehrung zweckmäßiger sein düriie. Büchner«„Darwinsiche Theorie" oder Dodel-Port«..Wesen und Be- gründung der AdftammungS- und Juchlwahllheorie"(da« leßle sehr billig!) sind durch lede Buchhandlung zu haben. Da«..Buch der Ersiudungen" ist sür denjenigen, der Zeit und Geld genug hat, eine Reihe dicker Bände mit größter Sorgfalt durchzustudireu, von entschiedenem Werthe. Ihre Besorguiß bezüglich der möglichen Berheerungen durch den unlängst hereingebrochenen Realtionsuurm geht vielleicht doch zu weit. Auch von dem weißen Schrecken, der al« Radilalmittel gegen de»— nur in der Eindckdung Unwissender und in der Erfindung Böiwilliger drohenden— rothen Schrecken angewendet werden soll, wird sich wohl mit dem betannten Sprüchwort prophezeien lassen: Gestrenge Herren regieren nicht lange! Dresden. An den Schwervcrwundcten von St. Privat. Wir werden Ihre Erinnerung an jenen mörderischen Hamps mit unwesentlichen Uorrelturen zum Abdruck bringen. Da«„Bourgeoiisränlein", welche« sich von dem Geliebten zurückzieht, weil er Sozialist und ein ehrenwerther Mann ist, der seine Gesinnung in den Tagen allgemeiner Anseindung seuicr Partei nicht wechselt, verdient so hübsche Abschicd-vcrse nicht. Da« Gedicht„Freiheit" ist nicht inhaltreich genug. In der Behandlung poetischer Zormen sind Sie anerlennendwerth gewandt i senden Sie un« weitere Produlte Ihrer Muse ein! vaugallca. ffl. R. Auch Ihre letzte Sendung enthält nicht«, wa« wir vcröffenl lichen lönnten. Der gute Wille allein genügt nicht. Jackson(Michigan, Bereinigte Staaten�. G. L. Al« wir die Ihnen fatale tlor- respondenznotiz erließen, wußten wir sehr gut, wa« wir thatcn. Wir wollten und mußten Sie»achdrücklich daraus ausmerlsam machen, daß ungünstige Mittheilunge» über irgendeinen Menschen nur dann von Werth sind, wenn Sie mit Beweisen belegt werden löunen. Die Angelegenheit, welche Sie gegen Hrn. B. ausgebracht hat, ist UN» von ganz verschiedene» Seilen dargelegt worden, aber immer iik einer Weise, die einen ernstlichen Borwurs sür B. ausschließt. Wir wurden sogar versichert, daß Sie ganz dasielbe gethan hätten, wa« Sie an B. so bitter tadeln, nur wäre Ihre Thätigleit geringer gelohnt worden, al« die «'«. Sei dem nun, wie ihm wolle, in leinem Falle lönnen wir sür c« ein Verbrechen be- trachten, wenn jemand gegen Honorar einen Vortrag hält, sobald er nur nicht mit solchem bezahlten Vortrage seine eigene Ueberzeugung verräth. Für Ihre sonstigen Mittheilungen über amerikanische Verhältnisse wisie» wir Ihnen Tank. B. RegierungSralh Z. Daß Sie aus der„N. W." die Ueberzeugung gewonnen haben, e« handle sich un«„allen Ernftcs" um die Belehrung und Veredlung de« Volk«, ist NN« nicht„sehr gleichgiltig", wie Sie sür möglich halten, sondern sreut UN« aus- richtig, denn daraui. daß Sic Sich um diese Ueberzeiigung bemüht haben, geht UN» hervor, daß auch Sie die Belehrung und sittliche Veredlung der großen Masse sür ei» ersprießliche«, achtungsivcrthe« Werk betrachte», und es gewährt UN« in der jeden edel- denkenden Menschen so sehr anwidernden Misere der Gegenwart eine besondere Genug thuung, mitunter einen höheren Beamten nicht nur al« persönlich hochachtbar zu erkennen, sondern auch einen solchen nicht völlig blind zu sehen dem Kerne unserer Bestrebungen gegenüber. Daß wir aus so objektive Beurtheilung seilen« der Ihnen ülahestehenden im allgemeinen nicht rechne» könne», wisien Sie am besten( und daß solche Objektivität weit über da« geistige Maß der Allgemeinheit hinausgeht und nur von geistig Hoch- besähigten errungen werden kann— dieses Bewußtsein ermöglicht un«, ohne jede Ge- hässigkeit der Ervitterung in'« Auge zu schauen, welche un« aus den Kreisen der theil- weise ja sehr gebildeten höheren Beamtenwelt gemeinhin entgegenschlägt. (Schluß der Redaktion! Montag, de» cks. Juni.) Anhalt. Ein verlorener Posten, Ronian von R. Lavant(Forts.).— Ein protestantischer Papst(mit Illustration).— Das Märchen, literarhistorische Skizze von M. Wittich.— Das Gespenst der Volksaufklärung.— Wcltausstellungsbricse.(IV.) Eiweißgehalt in Getreide und Kartoffeln. Schweinefett und Talg als Nahrungsmittel. Calas' Abschied von seiner Familie. Aerztlichcr Briefkasten. Redaklionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstraße 20).— Expedition: Färberstraßc 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbnchdruckerei in Leipzig.