Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Ein verlorener Posten. Roman von Rudolf Lavant. (Fortsetzung.) Wenn alles in uns flutet und stürmt, haben Ivir eine ver- hängnißvolle Neigung, das Nächstliegende zu übersehen; Wolf- gangs Brief hatte Martha in eine so fieberhafte Aufregung ver- setzt, das; sie erst gegen Morgen sich die Frage vorlegte, wie dieser Brief wohl auf ihr Fensterbrett und zwischen ihre Blumentöpfe gekommen sei. Anna war zuletzt bei ihr gewesen— dazu kam des jungen Mädchens befangenes und unsicheres Wesen, das ihr wieder einfiel— und war es nicht sehr denkbar, daß er gerade sie zur Ueberbringerin sich ausersehen hatte, sie früher als jede andre Mittelsperson? Innere Unruhe, erwartungsvolle Spannung und ein letzter matter Schimmer von Hoffnung, von der Kleinen doch vielleicht etwas über sein Reiseziel zu erfahren, trieben sie im Zimmer hin und her und die Minuten dehnten sich zu Ewig- kcitcn. Endlich wurde es rege im Hanse; sie konnte Dorcttc klingeln und sie ersuchen, Anna so bald als möglich zu ihr zu schicken. Die Kleine schrak zusammen, als ihr dieser Wunsch hinter- bracht ward; eilfertig und mit brennenden Wangen flog sie die Stufen hinauf; zagend öffnete sie die Thür und ein einziger forschender Blick in Marthas Gesichtj reichte hin, sie mit der bittersten Reue über die Eigenmächtigkeit zu erfüllen, mit der sie augenscheinlich großes Unheil angerichtet hatte. Die Thräncn schössen ihr in die Augen, als Martha hastig und erregt fragte: „Haben Sic mir gestern Abend einen Brief auf's Fensterbrett gelegt?" und mit gesenktem Blick und stockender, kaum hörbarer Stimme bejahte sie die Frage und sagte fast demüthig und in bittendem Tone: „Ach, verzeihen Sie mir, Fräulein Hoher, ich habe es so gut gcnieint und es ist mir so sauer geworden—" „Bon wem haben Sie ihn bekommen?" forschte Martha weiter, ohne die Worte zu beachten. „Bon Herrn Hammer. Er ließ mich am Mittwoch zu sich kommen, sagte mir, daß er fort müsse und bat mich, Ihnen den Brief zuzustellen, nachdem er abgereist sei." „Seit Mittwoch! Zwei volle Tage schon! Ach, Anna, warum mußten Sie so gewissenhaft sein! Warum haben Sie mir den Brief nicht einen Tag früher gebracht! Sie hätten mir und wohl auch ihm einen großen Dienst erwiesen; er müßte Ihnen verzeihen und ich würde selber für Sie bitten. Nun ist er fort und es ist zu spät." Die Kleine hatte bei den ersten Worten in frohem Schreck aufgehorcht und der Wechsel zwischen Verzweiflung und Reue und Gjück und Triumph war ein so jäher und überwältigender, daß sie sich vor glückseligem Ucbcrmuth kaum zu fassen wußte und lachend und weinend hcrausstieß: „Aber Fräulein, so ist es ja garnicht, er ist ja noch garnicht fort— er reist ja erst heute Nacht— ich habe Ihnen den Brief ja früher gegeben, als ich sollte und durfte, weil ich mir dachte, es könnte so besser sein— für ihn und für Sie! So habe ich es also doch gut gemacht und Ihnen nicht wehe gcthan, und er wird mir zu gutcrletzt noch danken müssen?" Martha suchte mit der einen Hand eine Stütze an dem Spiegcl- tischchen und legte die andre vor die Angen— die Wandlung war ja für sie noch in ganz anderem Sinne überwältigend wie für die kleine Anna, der die hellen Freudenthränen über die Wangen stürzten, dann aber kam es wie ein Jauchzen über ihre Lippen, wie ein Jubelruf, und sie legte ihren einen Arm um den Hals Annas und küßte sie auf die Stirn. „Freilich haben Sie es gut gemacht, freilich sind Sie klug gewesen, freilich wäre ich jetzt ohne Sic sehrs sehr unglücklich— viel unglücklicher, als Sie Sich denken können!" sagte sie leise und herzlich, und ihre weiße Hand glitt schmeichelnd über das in glück- lichcr Verschämtheit gesenkte Köpfchen. Anna hatte einen scheuen Blick zu Martha erhoben— wie leuchteten jetzt diese dunklen Augen, deren trostloser, zerstreuter Ausdruck sie wenige Minuten vorher noch so tödtlich erschreckt und ihr allen Muth genommen, der ihr wenige Minuten vorher noch zum bittersten Selbstvorwurf gereicht hatte! Sic schauerte zusammen unter der liebkosenden Berührung der weichen Hand, die sie am liebsten an ihre Lippen gezogen hätte, und sagte, ihre Bewegung mühsam niederkämpfend: „Wie glücklich mich das macht!— Ich hätte keine ruhige Stunde wieder gehabt, wenn es schlimm abgelaufen wäre, und ich habe die beiden letzten Nächte vor Herzklopfen kein Auge ge- schloffen. Hundertmal habe ich mir gesagt:„Du darfst nicht!" und immer wieder sagte mir dann eine Stimme:„Du mußt!" Und wie habe ich mich vor Ihrer ersten Frage gefürchtet!— Als Sie mich vorhin hcraufrufen ließen, war es mir gerade, als müßte ich vor's öffentliche Gericht! Nein, das war ganz schreck- lich, Fräulein— aber jetzt möchte ich die ganze Welt umarmen!" Martha erwiderte mit einem gerührten Lächeln: M. i?. ji»« low, j - 4: „Wissen Sie denn aber auch, daß Sie Sich eine schlaflose i und mir eine traurige Nacht hätten sparen können, wenn Sie mir gestern Abend offenherzig gesagt hätten, daß Sie den Brief eigentlich erst abgeben dürften, wenn Herr Hammer fort sei, daß Sic ihn mir aber früher brächten und daß er erst heute Nacht |! reise?" „Ach ja, das wollte ich auch erst thun, aber ich hatte nicht den Muth dazu: die Worte blieben mir in der ftchle stecken und so bin ich schließlich mit schwerem Herzen gegangen, ohne Ihnen eine Silbe gesagt zu haben." „Zinn, werden Sie mir nicht wieder betrübt— die Nacht, die hinter mir liegt, ist ein geringer Preis für alles Liebe und Gute, das in dem Briefe steht, und alles, was noch dunkel bleibt, muß sich nun klären; wäre Ihr tapfrer Retter freilich schon fort ge- Wesen, so war es zu spät und dann war der Brief recht sehr traurig für mich." Anna nickte nur— Marthas Worte waren ja einigermaßen dunkel für sie, aber sie glaubte sich nicht berechtigt, zu fragen. Sie sagte ablenkend: „Es ist gewiß ein recht schöner Brief gewesen, den ich einer andern als Ihnen garnicht gönnen würde. Aber Sic hätten nur sehen sollen, wie traurig und ernst Herr Hammer am Mittwoch war; er wollte sich freilich nichts merken lassen, er that, als wäre ihm alles glcichgiltig, aber ich hätte kein Mädchen sein müssen, wenn ich nicht gefühlt hätte, daß es nicht richtig mit ihm war und daß es eine geheimnißvolle Bewandniß damit hatte, daß Sie den Brief, der ihm so wichtig zu sein schien, erst haben sollten, Wenn er fort war. Ich habe absichtlich von Ihnen gesprochen; er zuckte mit keiner Wimper, aber ich sah es ihm an den Augen an, daß ihm das Herz schwer war. Ich habe ihm hoch und heilig versprechen müssen, den Brief nicht früher abzugeben, keine Minute früher, und ich habe es ernst gemeint und war stolz darauf, daß er sich auf mich verließ. Aber als ich dann allein war, da kamen mir so allerlei Gedanken und ließen mich nicht wieder los und ängstigten und quälten mich und zuletzt konnte ich nicht anders— ich mußte Ihnen den Brief eher geben. Er brannte mir wie Feuer in den Händen, so oft ich ihn aus meiner Kom- mode nahm und die Adresse betrachtete— in nieinem Herzen und in nieinem Kopfe ist noch nie eine solche Verwirrung gewesen, wie in diesen paar Tagen. Ich kam nicht über den Gedanken weg, daß er Sie lieben müsse, recht ernsthaft und ehrlich lieben, und das weiß doch auch ich, daß zwischen zwei Menschen, die sich lieben und nicht zusammenkommen können, so leicht ein Miß- verständniß entsteht, das gar keinen ordentlichen, vernünftigen Grund hat und doch immer größer und größer wird, bis sie schließlich denken, sie können sich gar nie wieder versöhnen. Und dann machen sie schließlich einen recht thörichten Streich und der eine läuft fort in die weite Welt oder heirathct eine andre, wenn es ihm auch das Herz zerbrechen will— und es ist ja nicht immer eine kleine Anna, die mit ihrem einfachen Verstand kliiger ist, als der grnndgcschcidte, gelehrte Herr, der andern helfen kann, sich selber aber nicht! Und ist das nicht auch hübsch? Sehen Sic, jetzt möchte ich mir vor Uebermuth die Hände reiben, wie ein ausgelassenes Schnlmädchcn." Martha hatte der Kleinen, die sich ganz in Eifer geredet hatte und deren Augen von innerster Befriedigung blitzten, nachdenk- lich und lächelnd zugehört und wiederholt mit dem Kopfe zugenickt. Nun sagte sie ernst: „Sie mögen so unrecht nicht haben und Sie geben auch mir in mancher Hinsicht eine beherzigenswerthe Lehre.' Was in dem Briefe steht, gibt Ihnen recht, was Herrn Hammer betrifft, und Ihnen darf ich schon sagen, daß Sie errathen haben, was er dachte und fühlte. Aber nun sagen Sie mir— an mich mußten Sie doch auch denken; haben Sic mich denn auch errathen? Ich bin ja immer verschlossen genannt worden und nun sagen Sie mir am Ende, daß ich mein Geheimniß doch noch nicht sorgfältig genug gehütet habe." Anna lächelte sehr überlegen und fast ein wenig übermüthig. „Aber Fräulein, von Ihnen wußte ich ja, was ich von Herrn Hammer nur vcrmuthete— nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn ich das sage?"(Martha verneinte mit leichtem Kopf- schütteln.)„Denken Sie noch an die dunkle Rose aus Herrn Hammers Garten, die Sie Sich von dem kleinen Mädchen geben ließen? Ich habe es wohl gemerkt, daß Sie sie zu Hause in ein Buch legten und dann habe ich Sie einmal in Pyrniont ohne Absicht dabei überrascht, als Sie die Rose ans dem Buche nahmen und sie küßten, und nun wußte ich gleich Bescheid. Es freute mich so sehr, daß Sie Herrn Hammer lieb hatten, denn eine bessere Frau konnte er doch auf der ganzen Welt nicht finden, und darum habe ich Ihnen auch, als man so viele Worte über den Schiffer machte, der ein Kind aus dem Rhein zog, recht ab- sichtlich alles erzählt, was ich von dein Krawall in der Fabrik wußte und was ich eigentlich auch für mich behalten sollte. Damals haben Sie gerade so leuchtende Augen gehabt, wie heute, und mir jedes Wort vom Munde genommen und mir so herzlich gedankt, daß ich mir eben auch in aller Stille meinen Vers darauf gemacht habe. Und dann sind Sie auf der Reise so traurig gewesen, Sie wurden so froh, als es wieder heim ging, und das habe ich mir alles znrecht gelegt und gemerkt." Martha erröthete leicht, aber sie war nicht in der Stimmung, sich jetzt ihrer scheuen, hoffnungslosen Liebe zu schämen. Sie sagte einfach:„Auch das mag alles richtig sein, und hoffentlich können nicht alle so scharf beobachten; es haben ja wohl auch nur Sie so viel Interesse an mir genommen." „Glauben Sie das nur'nicht, Fräulein Martha; ich habe mehrmals von Frau v. Larisch und Fräulein Reischach An- deutnngen gehört, die bewiesen, daß sie auch ungefähr wußten, wie es Ihnen Herr Hammer angethan hatte." Martha hatte den Kopf in die Hand gestützt; dann erwiderte sie entschlossen: „Das soll jetzt hoffentlich alles glcichgiltig sein und jedenfalls soll es mich-nicht anfechten. Aber nun, Anna, lassen Sie mich allein; ich habe noch vieles vor, das Sie wohl auch freuen wird, und das will überlegt sein. Und über alles, was Sic wissen, halten Sie reinen Mund— gegen jedermann. Diesmal müssen Sie allerdings gewissenhaft sein, sonst könnte uns schließlich doch noch alles fehl gehen." Anna legte mit einer anmnthig-übcrmüthigcn Ucbertreibung und einem strahlenden Blick die Linke vor den Mund, die Rechte auf die Brust und neigte znni Zeichen des Gehorsams den Kopf; Martha konnte in diesem Blicke lesen, daß Anna diesmal ihr Versprechen unbedingt halten würde, und die Kleine hatte äu der That das Gefühl, als werde erst eine blinde Unterwerfung unter Marthas Wunsch ihren Ungehorsam Wolfgang gegenüber zu einem segensreichen machen. Davon, was Martha nun thnn würde, hatte sie freilich kaum eine Vorstellung, als sie mit glühenden Wangen aus dem Zimmer huschte und, ein Liehchen summend, die Treppe hinablief, aber sie verließ sich unbedingt auf die einsam Zurückbleibende und war überzeugt, daß diese es verstehen werde, alles zu einem guten Ende zu führen. Mit dem Erwachen des Tages war es auch in Marthas Seele Heller geworden; als der Sturm der ersten Erregung vorüber war, ward sie eher wieder eines scharfen Nachdenkens fähig, vermochte sie eher wieder die Verhältnisse kühl und gelassen zu überdenken und fragte sich bald mit einem gewissen Staunen, wie es nur möglich gewesen sei, Wolfgangs Andeutungen so gar räthsclhaft zu finden. Es schien ihr jetzt fast selbstverständlich, daß der Kommerzienrath der„Mittelsmann" gewesen war, von dem Wolfgang mit so viel Geringschätzung und Bitterkeit sprach, und erwog sie, was ihr einst der Rektor über Wolfgang's politische Thätigkcit gesagt hatte, so brauchte sie nur noch die Annahme,. daß Frau v. Larisch eines Tages ans Uebermuth oder Langer- weile in ihrer leichten, spöttischen, vexirenden Weise Herrn Reischach mit den Äcrmnthnngen bekannt gemacht habe, die sie ja nach Annas Angaben wirklich hegte, um sich das weitere im großen und ganzen erklären zu können. Sie kannte den Kom- inerzienrath und wußte genau, wieviel er sich ans seine Welt- klugheit einbildete, wie tief er von der dünkelhaften Ucbcrzcugung durchdrungen war, ein schlauer Diplomat zu sein und alles fertig bringen zu können; sie hatte sich schon mehr als einmal in die Nothwendigkeit versetzt gesehen, Plänen, die er für ihre Zukunft geschmiedet und die er ihr mit großer Selbstgefälligkeit und Siegeszuversicht auseinandergesetzt hatte, auf's Entschiedenste und Kategorischste zu widersprechen, und bei seiner Vorliebe für krumme Wege war es ziemlich naheliegend, daß er versucht hatte, die ihm gewordene Kenntniß in seinem politischen Interesse auszubeuten—, auf eine Lüge, das wußte sie, kam es ihm dabei nicht an, und eine edle, zarte, uneigennützige Denkungsweise oder den Stolz einer Ueberzeugung setzte er bei niemandem voraus— war es da ein Wunder, wenn er den reizbaren, empfindlichen und stolzen Wolfgang auf's tödtlichste und plumpste verletzt hatte? Sie zweifelte nicht, daß die Auskunft, die ihr Wolfgang vor seiner Abreise noch geben mußte, ihre Vermuthung im wesentlichen bestätigen würde; wenn dem aber so war, wenn ihr Liebes- und 483 Lebcnsgliick einer erbärmlichen, plumpen Jntrigue Herrn Reischachs zum Opfer gefallen war, dann war allerdings ihres Bleibens in seinem Hause nicht länger, ja sie beschloß sogar, unter Zurück- lassung eines lakonischen, schriftlichen Abschieds dieses Haus zu verlassen und für's erste ein Asyl bei einem Schullehrer in einem kleinen Dörfchen am Fuße des Riesengebirgcs zu suchen, dessen Frau eine große Liebe und Anhänglichkeit für sie hegte und von der sie— das war sicher— auch ohne vorherige Anmeldung mit offenen Armen ausgenommen ward. Sie ging sofort, cnt- schieden aber ohne Hast, daran, sich auf die Abreise vorzubereiten; sie konnte eine Strecke weit denselben Zug benutzen, der Wolf- gang in die Ferne führen sollte, und dieser Gedanke hatte einen wehmüthigen Reiz für sie. Es war nur das Nöthigste, was sie iu einen Koffer packte, den sie durch Annas Vermittlung un- bemerkt im Voraus nach der Bahn bringen ließ; mit Geldmitteln war sie für längere Zeit vergehen, da sie die Gewohnheit hatte, sich bei Beginn jedes Vierteljahres vom Kommerzienrath eine bestimmte Summe auszahlen zu lassen. Der Boden brannte ihr unter den Füßen; ihre Augen schwammen in Thränen, aber ihre Lippen preßten sich fest aufeinander und sie empfand es als eine unnennbare Wohlthat, daß sie in ihrem Zimmer bleiben konnte und nicht hinunter zu gehen brauchte. Ter Anblick des Kom- merzienraths wäre ihr unerträglich gewesen und sie würde Mühe gehabt haben, ihm gegenüber ruhig und gelassen zu bleiben. Sie ließ den Frühkaffee, den ihr Dorette herausbrachte, unberührt; es >var ihr, als könne sie in diesem Hause nichts wieder über die Lippen bringen, als müsse hier alles einen faulen, dumpfigen, widrigen Geschmack haben. Und konnte man überhaupt an Essen und Trinken denken, wenn man einen Brief, wie den Wolfgangs, wenn man Verse wie die seinen vor sich liegen hatte, mit der Aussicht, sich einen endlos langen Tag hindurch an diesen bitter- süßen, kummervoll-innigen Worten zu berauschen? Während Martha so mit der Entschiedenheit des iu ihren besten und heiligsten Emhfiudungen beleidigten Weibes einen Entschluß faßte, der ihr nicht einmal einen Kampf kostete, saß der Kommerzienrath mit seiner Tochter am Frühstückstisch. Er>var ungcwöhnlich einsilbig und verstimmt und suchte er- sichtlich nach einem Ableiter für seine üble Laune. Aber Emmh war nicht gewöhnt, sich von dem Herrn Papa und seinen gelegentlichen Anwandlungen schlimmen Humors einschüchtern zu lassen und sie unterdrückte die Frage nicht, die ihr schon seit einigen Tagen auf den Lippen schwebte. „Was ich dich schon lange einmal fragen wollte, Papa: Wie steht es mit Herrn Hammer und Martha? Du wolltest dock dafür sorgen, daß er endlich mit der Sprache herausginge und sich ein Herz fasse, und ich hatte eigentlich im Stillen gedacht, du würdest es so einrichten, daß wir Martha ihren geliebten Wolfgang zu Weihnachten bcschccrtcn; das wäre doch ganz reizend gewesen." Ter Kommerzienrath schob die Tasse mit einer so heftigen und unmuthigen Bewegung zurück, daß das Geschirr schwankte und klirrte und Emmy ihn höchst betreten und vorwurfsvoll ansah. „Das fehlte gerade noch, daß du nun auch noch kommst und mir mit solchen Geschichten den Kopf warm machst! Schlag dir den Gedanken aus dem Sinne— daraus wird nichts!" „Wird nichts? Ja, Papa, wie soll ich denn das verstehen? Warum trittst du so plötzlich zurück? Tu tvarst doch erst ganz einverstanden? „Das war ich allerdings, aber zu einer Verlobung gehören bekanntlich immer zwei, und dieser Herr Hammer, de» ich in der zartesten Weise ermuthigt hatte, sich um Martha zu bewerben, hat sie gestern Abend, förmlich öffentlich, in der beleidigendsten Weise— ausgeschlagen. Es scheint, daß mein Fräulein Tochter sich denn doch ganz merkwürdig getäuscht hat, und es war nicht sehr überlegt von mir, mich auf ihre Vcrmnthungen und Ein- bildungcn zu verlassen." Es war vielleicht das erste mal, daß er seiner Tochter gegen- über so bitter ward, und dieser Umstand und die unbegreifliche Reuigteit versetzten Emmy in eine sprachlose Bestürzung. Sie wurde ganz blaß und stammelte endlich: „Ja, aber Papa, das ist doch garnicht möglich— da muß irgend ein unglückseliges Mißverständniß—" „Mißverständniß! Ich sage dir, Emmy, dieser Herr Hammer weiß ganz genau, was er will. Das ist ein fanatischer Mensch, den der Teufel reitet; er hat nicht blos Martha ausgeschlagen, weil sie zur guten Gesellschaft gehört, die er auf's grimmigste haßt, er hat auch gestern Abend eine skandalöse Rede gehalten und für den infamen Sozialdemokraten gesprochen, der in unserm Wahlkreis aufgestellt worden ist— wahrhaft empörend!" „Das hat mir doch gleich geahnt, das da'wicdcr eure abschcn- liche Politik im Spiele ist! Aber dann ist es auch nicht so schlimm, wie du es machst; es ivird und muß sich noch alles aufklären und ausgleichen, und vielleicht hast du nur—. vielleicht solltest du das weitere einmal mir überlassen— in Herzens- fachen ist ein Mädchen doch—" „Willst du etwa damit andeuten, daß ich nicht diskret und zartfühlend genug zu Werke gegangen bin? Du schienst so etwas durchblicken lassen zu wollen. Weibliche Einbildungen— Roman- ideen— Gartenlauben- Redensarten— weiter nichts!", fuhr der Kommerzienrath ärgerlich ans. „Aber Papa, du bist ja heute so ungnädig, wie ich dich noch garnicht gesehen habe!" erwiderte Emmy, ein wenig die Hände faltend.„Du schnurrst mich ja au, als hätte ich Herrn Hammer heirathcn wollen." Der Kommerzienrath mußte trotz seines kochenden Unmnths lächeln.„Du bist ein Kind, Emmy— wie kannst du nur so etwas aussprechen? Nun, lassen wir die fatale Geschichte— der Mensch ist es nicht Werth, daß ich mich seinetwegen erbose, und' du wirst ihn um so leichter vergesse», als ich ihn natürlich Knall und Fall fortgejagt habe— gleich in der Versaiumlung. Wahrscheinlich ist er jetzt schon über alle Berge— hier hat er sich unmög- lich gemacht, das wird er wohl selber einsehen, und soviel wird er ja noch' haben, um wieder hinüber nach England oder nach Amerika zu kommen." Stach einer kleinen Pause setzte er möglichst freundlich hinzu: „Was Martha anlangt, so thun wir wohl am besten, Rück- ficht auf ihren leidenden Zustand zu nehmen und ihr erst in einigen Tagen in schonender Weise Mittheilung von dem Bor- gefallenen zu machen. Daß du mir Andeutungen gegeben hattest und daß ich infolge dessen mit diesem Hammer über sie gesprochen habe, braucht sie natürlich nicht zu wissen; wir brauchen ihr ja nur zu sagen, was sich in der Versammlung zugetragen hat— das genügt." Emmy crividcrte hastig und fast erschrocken: „Selbstverständlich, Papa. Ich bitte dich um Gotteswillen, keine Silbe über unser Gespräch zu verlieren; Martha würde es mir nie verzeihen, mich in ihre Angelegenheit gemischt zu haben, und ich glaube, auch du würdest garnicht gut dabei fortkommen. In manchen Dingen ist sie sehr streng und besteht auf ihrem Kops. Ich glaube, sie bräche für immer mit uns, verlaß dich darauf, Papa!" Dem Kommerzienrath fielen allerlei alte Geschichten ein; er nickte zustimmend und etwas bedenklich mit dem Kopfe, und Emmy rief dem Fortgehenden noch nach: „Ich muß nachher doch einmal nachsehen, wie es Martha geht, aber ich werde meinen Besuch möglichst abkürzen, und wenn sie, was ich nicht hoffen will, bereits ctivas über die unglückliche Versammlung gehört hat, so weiß ich von allem kein Wort." Als sie eine Stunde später zögernd und befangen Marthas Zimmer betrat, fand sie diese mit Schreiben' beschäftigt und sehr schweigsam und konnte sich also, was ihr sehr lieb war, nach kurzer Zeit mit der Ankündigung zurückziehen, daß sie nach Tische zu einer befreundeten Familie über Land fahren und erst spät abends zurückkommen würde. Die ewig Muntre und Gutgelaunte hatte aber doch einen innerlich unruhigen Tag. Vielleicht war es ihre Pflicht, Martha einen Wink zu geben; aber dann hätte sie eingestehen müssen, daß sie in der ganzen Jntrigue eine Rolle gespielt, und ihr Schuld- bcwußtscin wog eben doch schwerer als das Mitleid mit Martha. Zudem konnte sie ja irren � was ging sie auch am Ende der ganze Handel an und welche Verpflichtung hatte sie, Martha den Besitz eines Gatten zu verschaffen, dessen Steigung doch eigentlich ihr gehörte? Vielleicht hatte Wolfgaug Martha nur deshalb aus- geschlagen, weil er seine unglückliche Liebe zu ihr nicht durch einen Ehebund entweihen wollte. Ucberdics kamen ihr diese Vermitt- lungsgedanken erst, als sie mehrere Stunden von M. entfernt war— sie konnte also garnicht beichten und war rechtsehr zu- frieden damit, einen so guten Entschnldigungsgrund zu haben, der sie auch für die Zukunft gegen gelegentliche kleine Gewissensbisse schützte.(Fortsetzung folgt.) - 485- Modern- rnUche Zustände. Sur uns liegt ein englisches Buch,„The Russians of to-day" Tie Russen von heute, aus dem wir den Lesern einiges erzählen wollen, zur Belehrung sowohl als zur Unterhaltung. Der Ver- fasser, E. C. Greuville Murrah, ist ein in der englischen sowohl als auswärtigen Literatur durch verschiedene Werke(z. B.„French Pictures in English Chalk") bereits ehrenvollst bekannter Autor, der feinsten Beobachtuugssinn mit gründlich umfassenden Ueunt- uissen vereinigt und diesen einen tadellos geschliffenen Stil hin- zufügt*). Sollte manches un- glaublich klingen— je nun: rclata refero, ich erzähle nur Erzähltes; sollte anderes gar grell und kraß klingen, so bitte ich festzuhalten, daß ich überall nur in knappster Kürze streng nach dem Original wiedergebe____ Greifen wir denn' frischweg hin- ein„in's volle Menschen- leben," das ja, nach dem Worte eines ge- wissen Goethe, überall, „wo man's packt, inter- essant ist." Einen eigent- lich systematischen Zu- sämmenhang zwischen den 35 Kapiteln des Buches kann ich nicht entdecken, ich binde mich daher auch nicht an die Reihenfolge derselben, zumal ich mich auf ver- schiedene ohnehin nicht weiter einlassen kann. Bevor wir das Buch aufblättern, nur noch eine flüchtige Bemerkung darüber, warum wir uns grade dieses zum Erzählungsthema ge- wählt haben. Deswegen nämlich, um dem Pu- blikum, soweit es da- von noch nicht genügend wissen sollte, den möglichst vollen' Begriff von der Berechtigung zu geben? mit der Rußland das Banner der„Be- freiung der unterdrück- ten Christen" wehen ließ, und den möglichst vollen Begriff von dem Werth der europäischen Diplomatie, die das geschehen ließ. Das könnte hochtendenziös erscheinen, je nun: um so untendenziöser ist das Werk selbst gehalten, und ich erinnere nochmals daran, daß ich nur, streng getreu, Erzähltes erzähle. ♦) Da der Verfasser nachstehenden Aufsatzes auf Wunsch der Re- daktion dieses Blattes von Zeit zu Zeit eine kurze Revue der neuesten englischen schöngeistigen Literatur zu bringen gedenkt, so sei hier vorn- weg bemerkt, daß die Engländer es namentlich verstehen, in aller Schlichtheit und Nüchternheit, ohne allen idealistischen Doktrinarismus, tüchtige kulturhistorische Gemälde zu entwerfen, die den Deutschen immerhin zum Muster dienen können. Der wahre Idealismus der Tarstellung ist es eben, das reine Wesen des Gegenstandes zu eist rollen. Ich wüßte z. B. kein deutsches Werk, das„Tirol und die Da es hier nicht darauf ankommt, wie in einem Roman zu spannen, so darf ich wohl gleich mit einem der interessantesten Kapitel anfangen, das eine ganze abgerundete kleine Geschichte enthält. Ist doch„die Geschichte(das Leben) romantischer als jeder Roman" und— eine Steigerung demzufolge nicht ans- geschlossen. Also: Herr Otto Dicker, Hotelbesitzer in K., Provinz Charkow, erhielt eines schönen Morgens von dem Hausverwalter Seiner Ehrwürden des Archi- mandriten(Art Erz- bischof) der Stadt ein Päckchen falscher Bank- noten als Zahlung für eine größere Weinliefe- rung. Dicker— ein Deutscher— war zu— vorsichtig, und das war sein Unglück. Ein Russe hätte das Geld ruhig weiter begeben, er aber ging zu dem Verlvalter, welcher glattweg leng- nete und Herrn D. schließlich aus dem Hanse spediren ließ. Alsbald fand sich in seinem eignen Hause ein Po- lizeioffizier mit zwei Untergebenen ein, der Herrn D. wegen Nicht- anzeige des Empfanges falschen Geldes bei dem Polizeiamte zur Rede stellte. Statt nun so- fort wieder die richtige Praxis einzuschlagen und dem Beamten bei einer Flasche vom besten eine anständige Anzahl ächter Banknoten in die Hand zu eskamotiren und mit den Gehülfen es ebenso zu machen, wobei alles zur Zufrie- denheit abgelaufen wäre, war D. so unpraktisch, schlechter Laune zu sein, und der Polizeivorge- setzte erklärte ihm daher kategorisch, er müsse das Haus durchsuchen lassen, das denn auch in weniger als einer Stunde wie geplündert aussah. Die Fässer wurden lau- fen gelassen— es konn- ten ja Fälschungsappa- rate darin sein. Dickers baares Geld, Gold- und Silbersachen wurden zusammengepackt, und„Marsch!" hieß es— in's Gefängniß. Das Straßenpublikum aber freute sich nicht wenig, einen Deutschen in Schwulibus zu sehen. Zu den Annehmlichkeiten der Gefängniß- zelle Dickers gehörten rieselnde Wände und„heranhnpfende" Ratten. Die Obrigkest gedachte ein Exempel für Verausgabung falschen Geldes zu statuiren; man ließ ihn die Silberminen Sibiriens in Tiroler"— einen für einen Engländer gewiß sehr schwierigen Gegen- stand— so meisterhaft und erschöpfend behandelt hätte, wie vor un- gefähr Jahresfrist Baillie Grohma». Kein Berliner z. B., nebst wohl noch Millionen anderer Norddeutschen, wäre im Stande gewesen, sich in diese Volksseele so ganz hineinzuleben und sie so treu wiederzuspiegeln, wie dieser Engländer. Der Vers. 486 verheißmigSvoller Perspektive schauen, aber— der duinme Deutsche verstand es noch immer nicht, seine Unschuld zur vollsten Evidenz zu erweisen! Unter Schinipfivorteu wurde er daher aufgefordert, „zu gestehen", und auf die Frage„Was?" er bedeutet, daß man ihn schon zur Verminst bringen werde, worauf er zu den Ratten zurückkehrte. Frau Dicker wußte besser Bescheid. Sie begab sich, eine quittirte, aber unbezahlte Rheinweinrechnung(im Betrage von 300 Silberrubeln) in der Hand(dazu sechs Flaschen Lieb- fraueninilch), zu einem in ihren: Hotel speisenden Oberstlieutenant, welcher dem: infolge dessen das„Mißverständniß" aufklären zu wollen versprach. Nachdem dies nun durch ein kleines, auf einen Hundertrubelschein gestrichenes Pflaster für des archimandritischen Verwalters verwundete Ehre, sowie durch weitere Bepflasterung der Untersuchungsbehörde und des Gcfänguißdirektors bewirkt war, wurde Herr Dicker freigelassen. Natürlich wähnte der quer- köpfige Deutsche, seine Freilassung seiner Unschuld zu verdanken und— seine Frau hatte für ihre That den Dank dahin.— Da brach der„heilige Krieg" gegen die Türkei aus und ein Ukas verordnete folgende sinnreiche Kriegssteuer. Alles Papiergeld mußte abgestempelt werden, was ihm 5 Prozent Werth benahm. Folge: Niemand achtete vollends mehr darauf, ob er ächte oder falsche Banknoten in die Hand bekam. Aber Herr Dicker that es. Wieder zu seinem Unglück. Denn er hätte dem edlen Verwalter gar zu gern etwas am Zeuge geflickt und setzte daher insgeheim Prämien für solche aus, die den: Manne das Ausgebe:: eines falschen Scheines nachweisen könnten. Das kam dem Verwalter zu Ohren, es wurde ihn: unbehaglich und er bat den Archiman- driten, doch ja recht auf seiner Hut sein. Durch des letzteren Einfluß erstreckte sich diese Vorsicht auf weitere und weitere Kreise, und„so wurden denn die Geschäftsbcziehungen sehr schwierig", bis der Eivilgouverneur, die allgemeine Kalanntät auf ihre Quelle zurückführend, es für das Beste hielt, wenn Herr Dicker bald wieder un Gefängnisse säße. Das gelang init Leichtigkeit und— die Cirkulation falschen Geldes und das„gegenseitige Vertrauen" waren wieder hergestellt.— Wie man sich unschwer sagt, war dies alles nnvir uns die Gründe, welche die Märchcnfeinde in's Feld führen, genauer an. Das Märchen, sagt man, behandelt das Wunderbare, Uebcrnatürliche als etwas ganz Gewöhnliches, als sei es so in der Ordnung, und beeinträchtigt die sich im Kind allmählich entwickelnde Urtheilsfähigkeit. An wen aber soll sich die Poesie aus dem Kindeszeitaltcr der Völker wenden, wenn nicht an die Kinder? Mir fällt dabei ein neuerer Humorist ein, der den Borschlag niacht, in dem Zeitalter der so fortgeschrittenen Raturwisscnschaft, in der Acra der Spektralanalyse, in einer Zeit, wo die zn festem Körper verdichtete Luft Münchhausens Realität gewonnen hat, dürfe man nicht mehr singen:„Wie schön leuchtet uns der Morgenstern", sondern nur„Wie schön leuchtet uns das Natrium"! Ein Zeitalter aber, in welchem die Entfernung des konfessionellen Religionsunterrichts aus den Volksschulen immer noch frommer Wunsch bleibt, hat nicht das Recht, hat nun und nimmermehr das Recht, dem Märchen seine Existenzberechtigung abzusprechen, es' den Kindern ich möchte geradezu sagen vorzu- enthalten. Das Märchen soll nicht lehrreich, nicht unterrichtend genug sein! Der ältere deutsche Name solcher früher gerade für das kindliche Alter für recht geeignete gehaltenen Geschichten ist spei, d. i. Spiel, und als Spiel muß das Märchen eben auch vom pädagogischen Standpunkt aus betrachtet werden; es soll eben hier die sonst ja leider mit aller Gewalt in den Hintergrund gedrängte Phantasie zur Geltung kommen und ihr Spiel treiben; das Märchen soll, wie man gesagt hat, wie mancher Traum das Gefühl der dichterischen Befreiung von den gewöhnlichen Natur- schranken bereiten. Und für diesen poetischen Reiz hat die Jugend eine feine Empfindung:„die Kinder, sie hören es gerne!" Der alte Römer Quintilian, der in seinem Unterricht der Be- rcdsamkeit auch die früheste Jugenderziehung berücksichtigt, tritt für das Märchen ein. Aus dem fünfzehnten Jahrhundert ist uns eine Anleitung zur Erziehung der fürstlichen Knaben am bairischcn Hofe erhalten, wo es über unsren Gegenstand folgende»- maßen lautet:„Zum fünften mal in Verheugen(ihnen gestatten) zim- liche spil und in sagen etlich Historien und märlin, mit welchen sy lust haben und allermeist denn, wann sie anhebend zu erkennen die bedüttung der wortt.... man soll den kindern lnst machen mit spil und mit etlichen mären: wan das messigspiel, das ziemt den kindern, darum wann in messige spilen ist ain messige erwegung (Bewegung, Erholung), mit welcher gemitten wird die trakhcit---- Och soll man den kindern etlich merlin sagen, Historien oder etlich ersame liedlin sol man in singen." Man sollte doch der Jugend, die bei unserer modernen Er- ziehungsweise ans verschiedenen Ursachen um das gebracht wird, was der Jugendzeit seine Poesie verleiht, nicht das letzte Stückchen von diesem Artikel im Märchen vollends noch rauben, wenn auch vom schnlmcisterlichcn Unfehlbarkeitskalheder dagegen gedonnert werden mag. Von diesem Kombiniren der Elemente der wirk- lichen Welt zu Erscheinungen, die nirgends unter dem Monde vorkommen, wird das kindliche Gemüth mächtig angezogen, es bant sich aus bekannten Vorstellungen selbst eine ganz neue Welt ans und übt damit den natürlichen kindlichen naiven Entdcckungs- trieb, natürliche naive Dichterlnst, die mehr oder minder eben jeder unter normalen Verhältnissen empfindet. Wenn bisjetzt nur von der blosen Unterhaltung die Rede war, von dem ausruhenden Sichgehcnlassen des Geistes bei der Beschäftigung mit dem Märchen, so ist das aber nicht das einzige. Das Kind, welches noch ziemlich anschaulich denkt, was der höher knltivirte Mensch, der immer mehr mit abstrakten Begriffen opcrirt, leider immer mehr verlernt, was eine überstiegene Philosophie bei ihren Spekulationen sogar für verwerflich hält, übt an diesen Erzählungen die Fähigkeit und Kraft des Vorstellcns, und das ist nach unserem Dafürhalten von ganz bedeutender Wichtigkeit. Die Fähigkeit des anschaulichen Denkens, von dem wir sprechen und dessen Abhandenkommen wir beklagen, ist eine Eigenschaft gerade der hervorragendsten, d. h. am normalsten entwickelten Geister; so rühmte Heimroth an Goethe, daß er so anschaulich denke, und Goethe, der sehr viel über sich selbst reflektirte, spricht in einem kleinen Aufsatz davon, wie er durch dieses einzige geist- reiche Wort bedeutend angeregt worden sei. Ein andrer, wohl ernster zu erwägender Umstand ist der, daß oft grausige, unheimliche Dinge in den Märchen vorkonimen, die geeignet seien, übermäßige Furchtsamkeit in den Kindergemüthern hervorzubringen. Die Furcht, eine ganz natürliche Empfindung, absolut auszutreiben, dürfte keiner Erziehungsmethode gelingen. Verfasser gesteht gern zu, daß eine besonders gefährliche Situation, das plötzliche Wahrnehmen eines Abgrundes, ein scheinbar un- vermeidlich drohendes Unglück, welches er sich oder andern bevor- stehen sieht, jene krampfhafte Empfindung, die man Furcht nennt, in ihm hervorbringt. Er hält aber diese Nervenreaktion für ebenso natürlich, wie die Empfindung von Frost bei einem hohen Kälte- grad, wie das Schwitzen bei großer Hitze. Freilich darf auch hier das Allzuviel nicht platzgrcifen: nervöse Ueberreizung ist absolut zu vermeiden. Aber wir möchten fast glauben, die jeweilige Be- schäftigung mit düsteren Bildern wirke abhärtend und schütze vor einer solchen krankhaften Sensibilität, wie ja Goethe als straß- burgcr Student den Schwindel ablegte, indem er sich auf dem Münster oft ans die höchste, äußerste Galerie des Thurmes stellte, und den Ekel durch häufiges Beiwohnen bei Sektionen bewältigte. Wieweit diese Ansicht subjektiv ist und nicht ans allgemeine Gel- tung Anspruch machen darf, wissen wir nicht, wohl aber erinnert sich Schreiber dieser Zeilen ans seiner Jugend, daß er oft mit Lust Schillers Geisterseher und ähnliche Sachen, und oft tief in der Nacht gelesen hat, eben mit der bewußten Absicht, im Gegensatz zn jenem Hans im Märchen, das„Gruseln" zu verlernen, und er kann sich erinnern, daß er wirkliche Erfolge in dieser Richtung aufzuweisen hatte. Hierher scheint uns auch die Stelle ans dem zweiten Theil des„Faust" zu passen. Der Zanberschlüssel, den Faust von Mephistophcles empfängt, soll ihn zu den räthselhaftcn„Müttern" führen. Faust erschrickt über das Wort: Den Müttern? Trifft's mich immer wie ein Schlag! Was ist das Wort, das ich nicht hören mag? Mcphistopheles: Bist du beschränkt, daß neues Wort dich stört? Willst du nur hören, was du schon gehört? Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge, Schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge. Faust: Doch im Erstarren such' ich nicht mein Heil, Das Schaudern ist der MenschhMt bestes Theil; Wie auch die Welt ihm das Gefühl vcrtheure*), Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure. Das fällt zum Theil zusammen mit einer späteren Bemerkung Goethe's, daß nur Erstaunen und Bewunderung in das Heilig- thuni der Künst führen und jeder, der einmal mit Lust�und nach seinem Empfinden mit Glück produzirt hat, der hat in der Stunde *) verleide, nach Düntzers Erklärung. des Schaffens, in dem Augenblick der Geburt seines Werkes jenen Schauer, jenes entzückende Schaudern gefühlt. Das Märchen soll ferner den Wahrheitssinn der Kinder be- einträchtigen. Einen Pädagogen, der solches behauptet, möchte ich fragen: Ist das Unwahrheit und Lüge, wenn dein spielendes Kind aus einem leeren Becher den köstlichsten Wein zu trinken vorgibt? wenn es auf einem Schaukelpferde reitet und jubelnd ausruft:„Jetzt sind wir in Paris! Jetzt sind wir in Amerika!" O, ihr hartherzigen Pedanten! Steigt gravitätisch hin auf euer Tribunal und verhängt eine Strafe für„Unwahrheit und Lüge" über die Unschuldigen! Bei aller Vertiefung in das Spiel, das mögen die Herren Philister glauben, steht bei dem Kinde gewiß- lich der Unterschied von Wirklichkeit und Einbildung im Hinter- gründe, er wird vom Kinde fortwährend gefühlt, wenn auch nicht festgehalten. Ein lieber und verehrter Lehrer erzählte uns öfter, so ein geschworner.Wahrheitsverehrcr sei nicht in das Theater gegangen:„Ich soll Zimmer sehen, die nur drei Wände haben?" rief er entrüstet aus, als man ihn nach dem Grunde fragte. Die deutschen Lehrerversammlungen, die schon so mancherlei merkwürdige Dinge geleistet haben(es sei nur an die famose „Prügelpetition" einer solchen erleuchteten Versammlung erinnert), haben sich auch mit dem Märchen beschäftigt. Auf dem frank- furter Lehrertag wurde die Jugendlektüre«„in weitgehendster und ausgiebigster Weise" besprochen. Fast über die ganze Jugend- literatur wurde da der Stab gebrochen, nur zwei Bücher fanden Gnade vor Augen der gestrengen Herren: Eampe's Robinson; nur sollten dieser anders geschrieben, und die Märchen der Ge- briider Grimm— die aber sollten— garnicht geschrieben sein, das Märchen dürfe blos erzählt, nicht gelesen werden! Wir wären allerdings geneigt, die Ansicht zu theilen, daß das Märchen mehr in die Familie als in die Schule gehört, wenigstens möchten wir es nicht dazu verurtheilt sehen, als Lernstoff, als Stoff zu grammatischen Uebnngen zu dienen, wobei natürlich alle Poesie entweichen muß. Kinder- und Hausmärchen nannten die Brüder Grimm ihre prächtige Sammlung! Aber gegen das Lesen von Märchen ist uns kein vernünftiger Grund erfindlich. Sehen wir unsere Jugendschriften mit ihrer faustdick aufgetragenen Moral, mit diesen ledernen Lobhudeleien der„guten" und„artigen" Kinder an, der abgeschmackte Klatsch über böse Kinder a la Struwelpeter können einen wirklich zur Verzweiflung bringen und sind auch für das jugendliche Gemüth eine Geistesnahrung von äußerst fragwürdigem Werthe. Nicht unbemerkt lassen dürfen wir hier, daß eine Gruppe von tüchtigen und vernünftigen Pädagogen der Meinung ist, das Märchen sei berufen, an die Stelle der sogenannten„biblischen Geschichte" zu treten, was wohl recht gnt gemeint ist; doch sind wir auch nicht so rigoristisch gesinnt, diesen Legenden aus der älteren jüdischen und christlichen Zeit ihren wirklich hohen poetischen Werth ganz absprechen zu wollen, da uns jeder Fanatiker, auch sogar der Aufklärungsfanatiker, eine wenig sympathische Er- scheinung ist. Nach gründlicher Erwägung kommen wir inimer wieder zu dem Schluß, daß nnnöthigerweise gegen das Märchen Alarm gerufen wird. Ein verständiger Erzieher darf seinen Zöglingen Märchen erzählen oder sie Märchenbücher lesen lassen, er wird das rechte Maß zu halten wissen, er wird auch die rechte Aus- wähl aus dieser großen Literatur treffen. Die ächten Volk- märchcn sind durchgängig von einer poetischen Schönheit und von einer hohen Reinheit,„um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen"(Grimm), daß sie keinerlei Gefahr bergen. Der unverständige Erzieher versteht überhaupt kein Erziehungs- mittel recht zu handhaben, so wird er auch mit dem Märchen sich nicht zu rathen wissen. Zum Schlüsse noch: die besten Sammlungen sind eben die von Grimm und Bechstcin. Daneben lassen sich noch Andersen und Hauff nennen, als Vertreter der Kunstdichter unter den Märchenerzählern; wiewohl elfterer sich manchmal mehr an Er- wachsene wendet, bietet er doch auch eine Menge ächt kindlicher Geschichten. Lei Garibaldi\ Von Dr. M Der Kolbenschlag des groben Neapolitaners, der im Gefecht bei Marsala die Dauerhaftigkeit meines Schädels aus eine so harte Probe stellte, daß er mir ein lebenslängliches Denkzeichen in die Stirnc grub, war die„unschuldige" Ursache, daß ich den größten Vulkan Europas, den Aetna, dieses Tonristenziel aller Zeiten bestiegen habe. Bewußtlos aus der Gefechtslinie in das in großer Schnellig- keit improvisirte Lazareth von Mazzara transportirt, schwebte ich ivochenlang zwischen Tod und Leben. Als ich das erste mal auf kurze Zeit zur Besinnung kam, war mir wie einem Schlafwandler zu Mnthe, den man plötzlich geweckt hat, und doch kehrten überraschend schnell unter der sorgsamen Pflege des englischen Arztes Mr. Giles die Kräfte in- meinen jugendlichen Körper zurück. Der, unglaubliche Schmutz und die grauenhafte Unordnung zwangen die Aerzte zur Evakuirung der Rekonvalcscenten. Wohl lag die Jacht eines Engländers, ich glaube Herzog von Southerland hieß der Samaritaner, bei Trapani vor Anker, um Halbgenescnc nach Cagliari auf die Insel Sardinien zu überführen, aber Mr. Giles; erklärte meine Ueberführung für unthunlich, denn ein Seesturm| würde mich tobten oder wahnsinnig inachen, weil ein hartnäckiger Schwindel jeden Versuch mich aufzurichten vereitelte. Zum Glück erboten sich menschenfrenndliche Patrioten, infolge eines Zeitungs- aufrufes, verwundete Garibaldianer in Pflege zu nehmen. Unter den zahlreichen Anerbieten wählte nidin Schutzengel, Mr. Giles, den gesündesten Punkt und zwar das hochgelegene Nicolisi am! südlichen Abhang des Aetna zu meiner völligen Wiederherstellung. Nack einigen Probefahrten im Ambulancewagen hob man mich in eines jener von Ochsen gezogenen Fuhrwerke, für welche die gewagte Benennung Wagen sehr euphemistisch ist. Das Stoßen i In, b Schütteln dieses vorsintflnthlichen Vehikels spottet jeglicher Beschreibung. Mit dreimonatlichem Sold in der Tasche und der Aussicht aus kostenfreie Verpflegung dünkte ich mich ein Krösus. Diejenigen Leser, welche das Reisen nur aus dem Eisenbahn- waggon kennen, würden mich fiir einen orientalischen Märchen- lnd am �etna. at Traulll. erzählet halten, wenn ich ihnen die dicke Schmntzkrnste des ver- kommenen Siziliens schildern» wollte, welche die Kultur der Trinacria der Alten deckt. Als sick das Fuhrwerk in Bewegung setzte und ich unter den Strahlen der rücksichtslosesten Sonne bralend dalag, glaubte ich verschmachten zu müssen, und doch hat mich das unausgesetzte heiße Luftbad vom Schwindel befreit und die schmale Diät den Hunger geweckt. Das erste Mittagessen, Reis und Obst, würzte mir in einem schattigen Pinienwald— eine Seltenheit in dem holzarmen Sizilien— eine sprudelnde Quelle. Was frisches Quellwasser für eine erquickende Himmelsgabe ist, weiß nur der zu schätzen, der wochenlang gezwungen war, gekochten Wein(vinv cotto) zu trinken. Nach einer mehrstündigen Siesta unter dem würzigen Wipfeldom konnte ich ohne fremde Hilfe auf den Wagen klettern. Als wir uns Sciacca näherten, zog die Sonne abwärts ihre leuchtend stolze Bahn. Heiß ruhte ihr Kuß auf dem Städtchen, das wie eine wahre Räuberherberge sich in die schwarzbraunen, kahlen Felsen hineindrllckt. Die Abendwolken zogen langsam und majestätisch über das ferne Mazzaragebirge dahin nnd das träumende Auge erblickte in ihnen die prächtigen Züge der ewigen Götter, deren weite Gewände, von den Strahlen der scheidenden Sonne vergoldet, die Spitzen der Berge berührten. Mein zweites Nachtlager hielt ich in Girgenti. Die schönste Stadt Großgriechenlands,?lgrigentiim, die Königin der Meere, die einst zwischen den Flüssen Hypsas nnd Akragas 800,000 freie Bürger beherbergte, ist zur Bettlerin Girgenti herabgesunken, in deren schmutzigen Winkelgassen 20,000 von Hunger nnd Fieber geplagte Einwohner ihr elendes Dasein fristen. Der geringe Verkehr in dem versandeten Hafen ist in den Händen der Priester. Um einen Begriff von ihrer ehemaligen Ausdehnung nnd Herrlich- keit zu bekommen, muß man die Tempelruinen des Jupiter und der Eoncordia am Meeresufer besuchen. Die Pfeiler unserer gothischen Dome sind geschmacklose Barbarei, verglichen mit den Tcinpelresten der doncorbia, bestehend ans 19 Sauten im reinsten dorischen Styl. Am andern Tage verschaffte mir mein garibaldisches Roth- henid einen Platz in dem bequemen Korbwagen eines Fleischers, der mich über Caltanisetta nach Catania brachte. Zwei Rasttage in einer nach sizilianischen Begriffen ziemlich reinlichen Locanda(Herberge) hatten mich soweit gekrästigt, daß ich, auf einen Knotenstock gestützt, nach dem nahen Ricolosi humpeln konnte., Die Straße steigt' ziemlich steil zwischen den catanesischen Gartenhäusern, die, von den gefiederten Zweigen der Dattel- Palmen überragt, sich hinter Feigen- und Johannisbrotbäume verbergen. Oliven-, Cittonen- und Orangenpflanznngen wechseln mit Weizenfeldern ab, in denen noch Reihen von Weinstöcken stehen. Mais und Wein, Obst und Korn wächst den Menschen so recht in die Fenster hinein. Die außerordentliche Fruchtbarkeit der schnell verwitternden Lava erspart hier jegliche Anstrengung und zeitigt Mitte Juni die Ernte. Granat- und Mandelbäume bilden in den höheren Regionen den Uebcrgang zu unserem heimischen Laubholz. Eine knorrige Steineiche bezeichnet den höchsten Punkt des Vorberges. Von da senkt sich die Straße nach Rikolosi, welches zwischen zwei Eruptionskegeln erbaut ist. Die Lavaspuren der jüngsten Eruption glichen Gießbächen mit erstarrten Wellen. Ricolosi ist ein armseliges Rest, in dessen engen Gäßchen die Schweine frei umherlaufen. In den dumpfen Zimmern sah ich nur Frauen und Mädchen emsig Hantiren. Die „Herren der Schöpfung" standen auf dem holperigen Marktplatz um einen antiken Brunnen gclangwcilt in Gruppen herum. Das nennt man in Italien Sonntagsvergnügen. Ein Paar schreiende und lachende Kinder, deren üppiger Haarwuchs noch nie die Be- kanntschaft eines Kammes gemacht zu haben schien, zeigten mir den Weg zu meinem Pfleger. Mir wurde aNgsr und bange beim Llnblick der windschiefen Baracken, deren Wände der durch die Thüren seinen Ausgang suchende Ranch gebräunt hatte. Aber freudiges Erstannen belebte meinen gesunkenen Math, als die halbnackten Knirpse vor einem weißgetüuchten Hause mit hellen Fensterscheiben hielten. Gegen die Landessitte ivar die Hausthür mit dem blankpolirten Messinghammcr geschlossen und auf mein Pochen öffnete eine bildhübsche Magd. Ans ihre scharfgcbogene Rase und ihre blitzenden Augen, schwarz wie die Nacht, hätte eine maurische Königstochter stolz sein können. Als ihre fragenden Blicke in den meinen brannten, glaubte ich eine alte Bekannte, die Madonna von Murillo, wiederzusehen. Sie schien auf meine Ankunft vorbereitet, denn auf meine Frage nach dem Herrn des Hauses führte sie mich an der brgtenduftendcn Küche vorbei über einen reinlichen Hof in das Erdgeschoß des Hinterhauses Meine hochgespannten Erwartungen bekamen eine gewaltige Ohrfeige beim Anblick des dielenlosen Estt'ichs, des roh gefügten Dachgebälkes und der verschimmelten Tapeten des mir angewiesenen Zimmers. Wohl prüsenttrten mir von einem Büchergestell die Heren Dante und Boccaccio, Petrarca und Ariost ihren schweinsledernen Rücken, aber die Stühle waren wackelig und die Schränke wurmstichig. Weltansstellungsbriefe. IV. (Schluß.) Nachdem wir Japan und China aus der Ausstellung besichtigt haben, werfen wir schnell einen kurzen Blick auf Indien. Dieses alt berühmte Land hat zlvar die Ausstellung nicht aus eigener Initiative beschickt, ist aber dennoch in der englische» Abtheilung durch die Herr lichsten seiner Jndustrieobjekte vertreten. Der großen Mehrzahl nach sind es Geschenke, welche dem Prinzen von Wales auf seiner letzten Reise durch Indien von den' einheimischen, tributpflichtigen Rajahs (Herrschern) gemacht worden sind. Die Sagen sowohl wie geschichtlich beglaubigte Urkunden erzählen uns von einem fabelhaften, prunkvollen Reichthum, der in den verschiedenen kleinen Distrikten, die von Selbst Herrschern regiert wurden und zum Theil noch werden, gefunden worden ist. Während das arme Volk oft vor Hunger und Glend nach hundert tausenden hinstirbt, können sich noch jetzt einzelne Rajahs rühmen, die Besitzer des größten Reichthums zu sein. Tic Arbeit des Volks trägt ihnen und der englischen Regierung in Indien die rohen und sabrizirten Produkte des Landes zu, und der Profit aus letzteren beträgt Milliarden .«ein Wunder, daß England, wie jetzt augenblicklich, mit dem größteil Mißtrauen die Gefahr überwacht, welche für seine indische» Bcsitzthümer aus der Annäherung der Russen erwächst. Ter überaus interessante „indische Schatz des Prinzen von Wales" befindet sich auf dem Ehren platze der indischen Ausstellung in der großen Halle, die den Industrie-> Die Ankunft der Magd mit einer Suppenschüssel machte meinen düsteren Betrachtungen ein Ende. Sie stellte die rauchende Schüffel ans die Erde, lehnte den dreibcinigen Tisch an die Wand und deckte ihn mit einem Tischtuch, dessen zweifelhafte Farbe mich vermuthen ließ, daß eS bereits geraume Zeit dieselben Dienste geleistet. Das graziöse Reigen und Bengen, Heben und Senken des holden Wesens bestärkte mich immer mehr in der Ansicht, daß sie aus dem Goldrahmen irgend eines Altarbildes hernieder gestiegen sei, um uns Sterbliche zu beglücken. Als ich meine Hand um ihre Taille legte, natürlich nur um mich von ihrer „Göttlichkeit" zu überzeugen, gab sie mir einen unzweideutig menschlichen Rippenstoß und entfloh. Ich sah ihr nach bis sie in der Küche verschwand. Als ein langgezogenes Ritornell von ihren schwellenden Lippen zu mir herüber schallte, stellte ich mein einziges Gepäck, den Knotenstock, in die Ecke und die Suppen schüssel auf den Tisch, in deren Bauch in einer schwarzen Brühe Kopf und Füße eines undefinirbarcn Geflügels schwammen. Wer aber, wie ich, wochenlang Begetarianer wider Willen war, dem mundet jedes Fleisch wie Ambrosia. Kaum hatte ich einige Bissen aus der starkgewürzten spartanischen Suppe herausgefischt, da schienen plötzlich die Wände des Zimmers zu wanken und mit einem Krach berührte mein Sitzfleisch sehr unsanft den hartgestampsten Estrich. Im ersten Augenblick dachte ich an ein Erdbeben. Als ich aber, meine Knochen befühlend, mich überzeugt hatte, daß, nur der wackelige Stuhl die Schuld meiner Depofsedirnng war, stieß ich ein weithinschallendes„Heiliges Himmelkreuzdonnerwetter" ans. Hierauf erschien eine ältliche Frau, trotz ihrer stattlichen Leibesfülle mit jugendlicher Schnelligkeit wie aus der Erde ge wachsen, in der offenen Thür. Als sie mich mit deni Löffel in der Hand auf der Erde sitzen sah, stemmte sie ihre fleischigen Hände in die Hüsten und lachte, daß ihr die hellen Thräuen über die Wangen liefen. Ich muß ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben, denn als ich aufsprang, um ihr meine Reverenz zu mache», brach bei ihr immer wieder der znrückgestaute Lach ström hervor und hinter ihrem Rücken von ungewöhnlicher Schnltcrbreite kicherte schadenfroh die Magd. Am liebsten wäre ich auf und davon gelaufen. Meine verzweiflnngsvolle Miene schien ihr Mitleid zu erwecken, denn treuherzig sagte sie im ächten tyroler Kehlton:„Hab' ich vorhin recht gehört, daß Sie deutsch geflucht haben?" „So ist es, meine Dame!" erwiderte ich ermuthigt. „Ei, da sind wir ja Landsleute," rief sie mit blitzenden Augen und wischte ihre mehlbestaubte Rechte an der weißen Küchenschürze, um mir im nächsten Augenblick die meine zu drücken. Auf ihren Ruf erschien ihr Mann, Doktor— Entschnldigv, liebenswürdiger Giftmischer, daß ich nach acht zehn Jahren deinen Namen, aber nicht deine Wohlthaten vergessen habe, aber tröste dich damit, wenn dir jemals diese Zeilen zu Gesicht kommen sollten, daß die undankbare Welt die Rainen ihrer größten Wohlthäter, wie z. B. die der Erfinder des Pfluges und Dreschflegels, auch nicht kennt. (Schluß folgt.) palast nach der Seineseite zu abschließt. Es ist in derselben eigens ein kleiner indischer Soinmerpalast aus brannein Holz erbaut, der eigen thümlich genug in der Bauart ist, denn er besteht ans lauter kleinen schachtelartigcn Räumen und Kabinetten, die enge über, unter und nebeneinander zusammengepreßt sind. In diesem kleinen Palais sowohl wie aus einigen mit Glas überdachten Tischen stehen die herrlichsten Gold- und Silberwaaren zur Schau, die meistens ein sehr altes Datum der Herstellung habe». Manche derselben stammen sogar aus Zeiten, die vollständig in geschichtliches Dunkel gehüllt sind und von denen nur uralte Sagen nebelhaft zu erzählen wiffen. Umsomehr ist die treffliche Jndustriearbcit zu bewundern. Wir finden Silbergeschirre, welche alte Erbstücke der indischen Fürstenfamilien sind, die durchaus in gediegenen Metalle» gearbeitet und dabei centnerschwer sind. So sah ich eine Tischplatte, in welcher ein Jagdzug in getriebenem Silber dargestellt ist. Selbst unter der Lupe, die den alten Indern ganz fremd war und die sie demnach nicht benutzen konnten, ist kaum eine Ungenauigkeit z» entdecken, die Physiognomien der einzelnen Jäger und tanzenden Baja deren sind in feinster Zartheit modellirt worden. Es gibt in der ganzen modernen Silberindustrie kein Fabrikat, welches dieser Tischplatte zur Seite gesetzt werden könnte. Wunderbar effektvoll sind auch die Metallfarben verwendet worden, besonders prächtig wirkt das ticfgelbe Gold im Gegensatz zu dem matten, weißen Silber. Tausenderlei größere und kleinere Silber- und Goldgesäßc blitzen uns entgegen. Schalen, Kämme, Rauchapparate und Utensilien sür Bctelkaner. Die modernen Jndier haben sich auch mit Glück in der Nachahmung moderner, namentlich englischer und holländischer Silbergeräthe versucht, doch haben die letzteren einen weit geringeren Werth. Abenteuerliche, höchst phantastische Formen haben die Ornamente der Jndier, welche jedoch unserin modernen Ge- schmacke nicht so fremd sind, wie diejenigen der Chinesen. Die Gesäße ans Bronze, Kupfer und Zinn haben ebenfalls getriebene Ornamente. Diese Kunst wurde von altersher hauptsächlich in der indischen Stadt Madura und dem kleinen Dorfe Vizagapatam gepflegt. Daselbst wurden auch die Tempelglocken hergestellt. In der Damaszirung und Emailli- rnng waren und sind die Jndier noch jetzt Meister der Kunst. Ein Tinlensaß in der Form eines Pfaus, dessen Federn in hundert Farben schillern, erregt die besondere Aufmerksamkeit und ist der Seltenheit wegen kaum mit Gold aufzuwiegen. Unzählige Waffen hängen und liegen in der Ausstellung, von der einfachsten hölzernen Streitkeule des wilde» Eingeborncn bis zu den damaSzirten, sknlptirtcn und mit Juwelen reich besetzten Schwertern, Schildern und Helmen der alten und neuen Fürsten hinaus sind alle Arten vertreten. Unter ihnen nimmt das große Schwert Sivahi's, des Gründers der Marattenherrschast in In- dien, lange vor Christi Geburt, den ersten Platz ei». Daneben liegen die Hausrathsgegenstände aus geschnitztem Schwarz- und Sandelholz, welches sich durch seine Härte auszeichnet. Die berühmten Gewebe und Aetzarbciten aus dem Städtchen Kaschmir erwähne ich nur nebenher. Noch jetzt gelten diese Gewebe, welche nur durch Handarbeit hergestellt werden, als die vorzüglichsten in der ganzen Welt. Aber ihre Her- stellung erfordert auch Zeil und Arbeitskraft. Manche unserer vor nehmen Dame», die im Besitze eines ächten Kaschmirshawls ist und denselben lässig vvit der Schulter hängen läßt, ahnt nicht, daß hundert fleißige Hände jahrelang an demselben haben arbeiten müssen. Alle diese Gegenstände aber werden verdunkelt durch den Schatz der Edel- steine, Diamanten, Saphire, Rubine, Brillanten, Perlen jc., die, von der Sonne beschienen, ein Meer von Licht ausfluthen lassen. Das läßt sich nicht beschreiben, dieser Reichthum ist unnennbar groß und würde, zu Gelde gemacht, hundcrttausenden armer Leute unter jetzigen Vor- Hältnissen ein bequemes Dasein bis an ihr Lebensende gewähren können. Indien ist das Baterland der Edelsteine, es hat der Welt auch den größten Diamanten geschenkt, den sogenannten„Kohinor"(zu deutsch „Berg des Lichtes"). Dieser ist nicht im indischen Schatze, sondern in der Kollektion der Diamanten der Königin von England ausgestellt. Er ist so groß, wie ein halbes Hühnerei und wiegt 800 Karat. Sein Werth wird beiläufig auf 40 Millionen deutsche Reichsmark taxirt. Die Königin von England bekam diesen seltenen Edelstein im Jahre 1850 von der indischen Kompagnie, welche ihn bei der Eroberung des indischen Ländchens Penschab erbeutete. Wann der Kohinor gesunden worden, ist unbekannt geblieben, jedenfalls existirte er schon 500 Jahre vor Christi und hat'mehrfach Anlaß zu kriegerischen Fehden zwischen indischen Fürsten gegeben. Er soll früher doppelt so groß gewesen, aber durch mangelhaste Schleiferei verkleinert worden sein. Den modernen Schliff hat der Kohinor bei einem holländischen Juwelier im Jahre 1851 er halten. Westlich von Indien liegt Persien, welches sich ebensalls an der Ausstellung bethciligt hat. Der einzige Aussteller dieses Landes ist der „Sonnensohn", wie sich der Kaiser oder Schah von Pcrsien stolz bc- nennt. Er hat einen abscheulich häßlichen, grün und weiß angestrichenen Holzgelaß mit schmalen, langen Fenstern im Trocaderopark erbauen laffcn, in welchem weiter nichts bemerkenswerth ist als der Spiegel- saal, ei» Salon, dessen Decke und Wände vollständig mit kleinen Spiegelscheiben austapczirt sind. Glitzern und glimmern thut dieser Salon zwar genug, aber bei längcrem Verweilen in demselben verdirbt man sich die Augen. Der Schah hat mancherlei moderne und alter- thümliche Waarcn in diesem Palaste ausgestellt, unter denen besonders die prächtigen Scidenteppichc hervorzuheben sind, eine Spezialität der persischen Industrie, in welcher sie mit den Indern und Chinesen erfolg- reich wetteisern. Welche Fülle aninnchigcr und frischer Farben schimmert uns entgegen! Sehr interessant sind auch die in Erz getriebenen Gc- säße und Hausgeräthe, doch nach der Betrachtung der indischen Schätze dieser Art erscheinen sie weit weniger werthvoll als sie wirklich sino. Von den sogenannten orientalischen Völkern haben sich dann noch Tunis, Algier und Marokko betheiligt. Ich las zwar neulich in einer Zeitung, daß auch Aegypten vertreten sei, habe aber nirgendwo etwas von demselben bemerkt. Was die andern drei Länder betrifft, so nimmt Algier mit einem ganzen Palais im Trocaderopark den größten Raum ein. Es ist ganz weiß angestrichen, besitzt einige Farbenornamente, die wenig originell sind, macht aber einen seltsamen Eindruck deswegen, weil sich fast gar keine Fenster in demselben befinden. Das ist übrigens eine Eigenthümlichkeit des maurischen Baustils, der in Algier noch jepi bei Bauten verwendet wird. Die nackren weißen Wände eigne», sich vortrefflich dazu, die glühenden Sonnenstrahlen zurückzuwerfen. Jin Jnilcrn des Palastes sieht es dagegen desto ounter und ledhasier aus. Säulen, Treppen, Galerien, Fenster, Thüreu, Springbrunnen, Blumen, Palmbäume finden wir im Hose, der durch Zeltdächer vor der Sonne geschützt ist. Hier scheint das Paradies der Ueppigkeit und Schwelgerei, der lässigen Ruhe und poetischen Träumerei zur Wirklichkeit geworden zu sein. Wahrlich, die Muhamedaner verstehen es, ihr häusliches Z!ebe» sich so behaglich und poetiscki wie möglich zu machen. Was die Waaren betrifft, die von den Eingeborncn verfertigt und hier uusgestelll werden, so gleichen sie denjenigen, die auch Tunis und Marokko sabriziren. Große Feinheit, gute Arbeit, elegantes Aeußeres kann man ihnen nicht nachrühmen. Goldgewirkte Bekleidungsstücke von Seide, Leinen, Leder, Baumwolle ic. sind in Unmasse vorhanden und zeichnen sich durch seit- same Formen und grelle Farben aus. Waffen, zum Theil sehr schöne, Sattelzeug, Teppiche, Sophas, Divans, Kaftans, Feze, Turbane be- leidigen die Augen zum größten Theil durch schrille Farben. Aehnliches läßt sich auch von den vielen Kleinigkeiten ans Metall und Holz sage». Da stehen und liegen unzählige Kästchen, Federhalter, Uhrgehäuse, Schalen, Schmucksachen, Rosenkränze und tausenderlei sonstiges herum. Die Tuneser und Marokkaner haben kleine Bazars in buntangepinselten Holzhäusern errichtet und verkaufen gegen leidlich billige Preise daselbst. Ein Spazirgang durch diese eigenthümlichen Berkaufshallen ist zwar recht amüsant, aber man lernt nicht viel dabei. Ein tunesisches und ein marokkanifches Kaffeehaus fehlen auch nicht, aber die Speisen und Getränke, welche man dafelbst bekommt, sind so trocken und flau, als ob sie mit Saharastaub gewürzt wären. Die Musik, welche sechs Tuneser mit ihren Leiern und Trommeln machen, ist vielleicht Sphärenmusik für einen Neger, für uns Europäer aber gradezu ncrvenerschütternd fchrecklich. Und dazu kommt noch das lärmende Ausbieten der Ber- käufer und Verkäuferinnen, die weder hübsch noch jung sind,— entfernen »vir uns schleunigst! � Kade. Besuch deutscher Frauen in einem Harem zu Tunis.(Bild Seite 484.) Der Encyklopädist Diderot sägt:„Wer über Frauen schreiben will, sollte seine Feder in Regenbogenfarbcn tauchen und den Goldstaub von Schmetterlingsflügelu über die Zeilen streuen." Der schneidige Hosprcdigcr der Kaiserin Maria Theresia, Abraham a Santa Clara erwidert daraus:„Im Frauenzimmer, da steckt der Teufel drin; es ist und bleibt ein nothwendiges Uebel."— Wer von den beiden Antagonisten hat recht? Die Wahrheit liegt, wie immer, zwischen Ber- hcrrlichuug und Tadel. Unser Bild, eine Originalzeichnung von Leine- »vcber, den Besuch deutscher Frauen in einem Harem zu Tunis dar- stellend, liefert den Beweis, daß die gebildeten Frauen des Occidents mit ihren ungebildeten orientalischen Schwestern zum mindesten eine Eigenschaft gemeinsam haben und zwar die Neugierde. Die pikante Szene spielt im Tandur, dem Bersammlungssaal der Haremsfrauen eines tunesischen Gentlemans, den das unerbittliche Schicksal mit vier Frauen gesegnet.— Der große Prophet möge ihm helfen, sein dies- feitiges Loos im jenseitigen Paradiese zu vergessen.— Die tunesischen Frauen,»velchen der Fluch der Vielweiberei, dieser Krebsschaden des Islam, vor allen Anstrengungen Abscheu eingeflößt hat, kränkeln infolge dessen an einer chronischen Langweile und fehen in dem Besuch der deutschen Frauen eine erwünschte Unterbrechung des Haremcinerleis. Sie haben ihr Möglichstes gethan, um den Liebreiz des Körpers durch Toilettenkünste zu heben, denn sie wollen den Christinnen imponiren. Die eng anliegenden Beinkleider von goldgesticktem Sammet umschließen das pralle Bein und sind wohl dazu angethan, mehr zu verrathen wie zu verhüllen. Ein kurzes Seidenheind birgt faltenreich die schwellende Brust und eine Jacke von Goldbrokat umfängt die runden Schultern. Ein buntes Tuch, das Kopf und Hals vermummt, und der wallende Schleier, mit Perlenschnüren und aufgereihten Goldmünzen geziert, vervollständigt die bequeme Haustracht. Ist diese Gewandung, die nichts von Schnürlelb und Stöckelschuhen weiß, nicht vernünftiger, wie die beengende Tracht unserer Frauen, welche sie noch obendrein durch fortwährenden Schnittwcchscl zu Sklavinnen der Mode macht? Nach den stürmischen Empfangsfeierlichkeiten werden die lästigen Aufpasserinnen, die alten Negerwciber fortgeschickt. Ein reizender Backfisch, das 17. Kind des Hausherrn, präsentirt Tschibuck, Sorbet und Obst. Die Unterhaltung wird mit Hilse der jüdischen Dolmetscherin eingefädelt. Man spricht über Putz und verirrt sich— natürlich nur zufällig— aus das Kapitel der Männer. Die ältliche Dame mit dem unverschämten Zwicker, eine Schwiegermutter wie sie im Buche steht, versenkt sich mit der vornehmsten Chanum, der ersten' Hausfrau, in der. lichtlosen Brunnen der Eifersucht, während die jüngeren Odalisken den falschen Zopf und die andern„ächten" Toilettegegenstände der jungen deutschen Frau einer sorgfältigen Prüfung unterWersen. Die dritte Deutsche kann das Schulmeistern nicht lassen und fühlt dem zukünftigen Ali Hadschi init dem Eininaleins aus den Zahn. Nach einer halbstündigen Diskussion, während welcher wenigstens zwei Frauen zu gleicher Zeit gesprochen haben, umarmt und küßt man sich— die Visite ist zu Ende.' Man hat sich herrlich amüsirt. Die muhainedanischen Frauen haben für ein halbes Jahr Stoff zum Klatschen gesammelt und die Christinnen schreiben eine Haremsschildernng in die Modenzeitung. Dr. M. T. William Shakespeare.(Porträt Seite 485.) Unter den strah lenden Firnen der Weltliteratur ist Shakespeares Granitsockel einer der höchsten. Die Worte rühren nicht etwa von einem bezopften Zunft- kritiker her, sondern sind der Ausspruch eines gleichgearteten Dichter kürsten, Lord Byrons, dessen Füße, wie bei Shakespeare, in der Erde wurzeln, indeß die sturmbewegtc Lockenfluth die Wolken streift. Shakc- speares größtes Verdienst besteht darin, daß er nicht Könige und Bettler, Helden und Gaukler, Narren und Schurken mit und ohne Flittertand schildert, sondern Menschen mit ihren Vorzügen und Schwächen. Sein Genius läßt der blutigen Wahlstatt des inännermordenden Krieges 5 listige Blumen entsprießen, erweckt das Mitleid für den rasenden Othello, legt dem Narren tiefsinnige Weisheit in den Mund und stellt als wirkungsvollen Kontrast den eigensinnigen König Lear daneben, 492 dieses abstoßende Zerrbild inenschlicher Verkehrtheit. Götter und Dämonen. Gevatter Tod und Prinz Karneval, geflügelte Amoretten und gistgeschwollene Drachen, Ariel und Taliban sind nur Handlanger seiner Phantasie, die heute aus den Zalterschwingen des Zephyrs und morgen im Sturmzug des Boreas zwischen Grabesdunkel und den lichten Acthcr- räumen schwebt. Er erzählt uns Blumenmärchen in der Räuberhöhle und predigt Mord im Brautgemach, aber das Wunderbare, llnbcgreis- liche an dem Seher, welcher der Mitwelt und kommenden Geschlechtern in verzehrendem Harm und überschäumender Lust einen Spiegel vor- hielt, ihr gesammtes Denken und Empfinden reflektirend, ist, daß er in dem Maß erlernter Kenntnisse hinter den meisten Dichtern der Welt- litcratur zurückstand. Von Freiheit und Liebe, dem Schwingenpaar der rollenden Kugel Fortunas gehoben, schwebt sein prophetischer Geist über allen Gebieten des Lebens in Ernst und Scherz. In den Tiefen der Menschenseele ist er zu Hause und spricht die Sprache aller Stände, aller Geschlechter, jedes Lebensalters mit psychologischer Wahrheit, und diese Sprache ist Musik, noch im Donnern melodisch. Seine Frauen- gestalten haben die Sonne im Blick und Morgenroth umspielt ihr Lächeln. Wer nicht mit Julia geliebt und mit Desdemona getrauert, der kann nicht behaupten, den Krösus an Gedanken und Leidenschaft verstanden zu haben. Wie der römische Geschichtsschreiber Tacitus stellte Shakespeare dem„Königthum von Gottes Gnaden" die„Gottesgeißel eines durch eigene Schuld dem Verderben geweihten Geschlechtes" entgegen. Wie fast alle Ritter vom Geiste hat er nicht in goldener Wiege geschlummert, denn sein Vater hat, laut noch vorhandenen Urkunden, Landwirthschaft und allerlei städtische Hantirungen nebeneinander getrieben. Am 23. April 1664: erblickte William Shakespeare, als der älteste von acht Geschwistern, in Stratford am Avon das Licht der Welt. Den ersten und letzten Unterricht gewährte ihm die lateinische Freischulc» seines Geburtsortes. In seinem 18. Jahre vermählte er sich mit der 8 Jahre älteren Anna Hathaway. Dies wohl der Grund, warum er fünf Jahre später nach London ging-, sein Glück zu suchen. Mit dem genialsten Mimen des damaligen England, Richard Burbadge, der ihn in Londons Künstlerkreise einführte, leitete er das Blackfriarsthcatcr. Von 1589, dem Gebursjahr seiner Erstlingsarbeiten, bis 1613 schrieb er 36 Stücke, in denen er selbst als Schauspieler, jedoch nur in untergeordneten Rollen austrat. Trotz hochangesehcner Lebensstellung vergaß er nicht Weib und Kind, baute ihnen in Stratford, wohin ihn regelmäßige Jahresbesuche führten, ein schönes Haus und sorgte für reichlichen Unterhalt. Nach der stilleren Führung des Lebens begehrend, zog er sich im Jahre 1614 von London in die Hcimath zurück, wo ihn zwei Jahre später an seinem 62. Geburtstage der Tod ereilte. Was an ihm sterblich war, bestattete man in der Kirche von Stratford. Die im Jahre 1623 über seinem Grabe errichtete, wohlgetroffene Büste zeigt ihn, wie unser Bild, als einen stattlichen Mann von gewinnendem Aeußcrn mit einer göttlichen Stirne, für Daphnes Laub, den Lorbeer wie geschaffen, von welcher der Stempel der Gcistesmacht leuchtet. Im Jahre 1741 ehrte Englands Volk das Andenken seines größten Dichters durch ein Denkmal in der Ruhmeshallc der Westminster- Abtei. Aus dem unerschöpflichen Schacht seiner Werke schürste die ganze Welt Edelmetall. Mit Ausnahme der erzählenden Dichtungen„Venus und Adonis" und„Lukrezia" nebst einer Sammlung von Sonetten schuf er nur Dramatisches, ein Weltwirrwescn von allem was zwischen Himmel und Erde lebt und webt. Die Ueberladung des Tragischen mit dem Gräßlichen, die aufdringliche Deutlichkeit des Trivialen und die chrono- logischen Schnitzer abgerechnet ist er ein Muster für die Dramatiker. Mit seinen Nkcisterstücken Romeo und Julie, Sommernachtstraum, Kauf- manu von Venedig, Richard III., die lustigen Weiber von Windsor, Othello, Hamlet, Macbeth, Sturm und Wintermärchen hat er durch instinktive Genialität, harmonische Architektonik, schlichte Natürlichkeit, verbunden mit tragischer Kühnheit, unvergänglichen Ruhm erworben. Dr. M. T. �erjtlichcr QöriefKasten. Lprotta». W. D. Größere Mengen Salicylsäure in Speisen und Getränken können allerdings dem menschlichen Körper»achthcilig sein, und wir widerrathen Ihnen deshalb den Zusatz dieses Mittels zum Käse. Um Fäulniß zu verhindern, find übrigens ziemlich große Mengen Salicylsäure nöthig, wie dies Versuche mit sehr konzentrirtc» Lösungen dieses Mittels in Bezug ans die Lebensfähigkeit von Bakterien und anderen Fättlnißerregern erwiesen haben. Man schwärmt deshalb für die Salicylsäure lange nicht mehr so sehr, wie vor einigen Jahren. Meerane. E. H. Kuhmilch gibt man kleinen Kindern nicht roh, sondern abgekocht. Auch Eier ißt inan besser weichgekocht als roh; denn der Magen muß das Eiweiß roher Eier erst zur Gerinnung bringen und letztere werden daher von manchen Personen nicht ver- tragen. Hartgesottene Eier dagegen sind immer unverdaulich. Hamburg. G. Kopfkongestionen können die verschiedensten Ursachen haben und entweder von Fehlern in der Lebensweise oder von sonstigen, von außen auf den Körper wirkenden Schädlichkeiten abhängen; oder aber sie entstehen durch Krankheitszustände, deren Er forschung Aufgabe eines am Orte befindlichen Arztes sein muß. Es läßt sich deshalb gegen Ihre durch Kopskongestionen verursachte Schlaf- losigkeit nicht gut ein Arzneimittel anrathcn. Vermeiden Sie vor der Hand einmal alle alkoholischen Getränke, Wein, Bier, Kaffee u. s. w., trinken Sie viel Waffcr und sorgen Sie für regelmäßige Leibesentlecrung. Auch müssen Sie den Hals frei tragen und nicht durch zu enge Henid- kragen und Binden fest einschnüren. Der enge Halskragen verursacht z. B. beim Militär sehr häufig Kopfkongestionen, resp. er erschwert den Rückfluß des Blutes aus dem Kovfe, namentlich auf den Märschen, wo mancher vaim am sog. Sonnenstich zugrunde geht. resla». R. S. Die mikroskopische Untersuchung des Schweinefleisches auf Trichinen gewährt nur einen relattven Schutz. Denn wenn man auch jene Muskeln genau kennt, in denen sich erfahrungs- gemäß die Trichinen in größeren Mengen ansiedeln, und wenn man deshalb vorzugsweise diese bei der Untersuchung berücksichtigt, so können doch Fälle vorkommen, wo sie grade dort nicht so zahlreich vertreten sind und daher übersehen werden. Ganz sicher gehen Sie, wenn Sie Fleisch nur gekocht oder gut durchbraten essen, denn die Trichine ver trägt keine Siedehitze und ist in dergleichen Fleisch absolut unschädlich. Die mikroskopische Fleischschau wird wieder abgeschafft werden können, wenn jene Menschen, deren Schutz vor Trichincninsektion man im Auge hat, so vernünftig geworden sind, kein rohes Schweinefleisch mehr zu genießen. cerli». Schuhmacher P. Geben Sic Ihre Pcosessio» auf und ergreifen Sie einen anderen Beruf, der Sie nicht den ganzen Tag zu sitzen nöthigt. Die Schmerzen in der Lebergegend sind bei Ihnen wahr scheinlich durch das gesundheitswidrige Einsetzen des Leistens in jene Gegend entstanden. Der Bauch des Menschen ist kein Holzklotz, der sich nach Belieben malträtiren ließe. Großvater Schuhmacher hat zwar den Leisten auch so eingesetzt und ist mitunter ein alter Mann geworden; viel häufiger aber ist er in den vierziger oder fünfziger Jahren an einem schweren Untcrleibsleiden gestorben. Nicht beantworten lassen sich ohne persönliche Untersuchung oder aus anderen Gründen die Briefe von I. N. in Solingen, Adolf L— r in Berlin und G. T. in Kottbus.— Frl. F. S. in Altona wird um ihre Adresse gebeten; Max K. in Berlin wolle aus früheren Nummern dieses Jahrgangs ersehen, daß wir die öffentliche Ertheilung von Rathschlägen in Geschlechtskrankheiten ablehnen; R. in Berlin findet seine, Finnen im Gesicht betreffende Anfrage in srüheren Rum mern d. Bl. beantwortet. Direkte Antwort wurde sonst, wenn es thunlich, ans die bis zum 28. Juni eingegangenen Briefe ertheilt. Dr. Resau. Qücddktioits- Fporrespoitdenj. Forst. P. H. Wie das Bessere der Feind des Guten, so ist das Beaehren der Feind des Begehrten. Und daß im Sturm und Drang der Gegenwart die Vielen ihr Augenmerk nicht aus bloßen Zeitvertreib richten, werden Sie Sich denken lönnen. In- dessen sollen auch Sie besriedigt werden. Dresden. B. W. Die eingesendete» süns Gedichte sind recht hübsch, aber nicht gedanlenrcich, daher sür die„N. W." nicht verwendbar. Leipzig. De>a Ch. Ihr poetisches Räthsel ist ein Spiet von allerlei hellen Gedanke» und gesuivlcn Wendungen ohne saßbaren Inhalt. Ans solch' merkwürdige Poesie müsse» wir verzichten. Berlin. L. B. Ihnen hat unsre Korrespondenznotiz unter Berlin. A. in Nr. 39 „vieles Unverständliche" enthalten s> Sic meinen, was wir dort von der Ehe sagen, gelte „von jeder Gemeinschast zweier oder mehr Menschen", daß sie nämlich„insosern von höchster sittlicher Bedeutung sei, als sie Eltern»nd Kinder anhält, die Besonderheiten anderer Menschen kennen und reipektiren zu lernen und den ordinären Egoismus des ganz aus sich selbst beschränkten Menschen zu Gunsten der edleren Sorge sür nächststehende andere auszugeben". Aber Sie sind im Jrrthum! Die sittliche Bedeutung, welche das Neben- einanderleben mehrerer Menschen besitzt, hängt, abgesehen von der sittlichen Qualität der in Frage kommende» Menschen, wesentlich von der Art der Berührungen ab, zu welchen es den Anlaß gibt. Die Beziehungen, i» welchen zwei Minister eines und des- selben Staates, zwei Subalternbcamte eines und desselben Bureau«, zwei Arbeiter einer und derselben Werkstatt zu einander stehen, sind, gleichviel in welchen Formen sie zutage treten, im allgemeinen ganz grober, oberflächlicher Natur und daher sittlich ohne Belang: dagegen haben jene zarten und zartesten Beziehungen zwischen Mutter und Kind, Mann und Weib, die nicht an der Oberfläche des menschlichen Bewußtsein« dahingleiten, sondern ihre Schwitigllngcn bis in das Innerste des Gemüthsleben« senden, grade deswegen ihren unermeßlichen Werth. Und deswegen auch wäre es Wahnsinn, wenn man die Ede ersetzen wollte durch„srcien" Geschlechtsverkehr und die Familie durch StaatScrziehnng der Kinder. Wenn der Berkehr der Geschlechter nicht geheiligt wird durch die Treue und Würde danertider Berhältnisie, dann behält das thierische Element die Oberhand und muß sittenverschlcchternd, knlturflörend wirken: wenn den Kindern nicht die Wohlthaten der Elternliebe zulheil werde», wenn sie heerdenweise von Menschen erzogen werden, die ihnen bestensallS mit äußerlichem Wohlwollen gegenübertreten, und nur mit Kinder» umgehen, mit denen sie durch kein anderes Band, als das desselben Lehrstalles verbunden sind, so können aus ihnen in der Regel nur rohe Meuschen, d, i. schlechtes Material zum Ausbau vernünftiger, edler Menschengemeinschaften weiden. Die Pensionate unserer vornehmen Welt, die Kadettenhäuser unserer Militäritaate», die Waisenhäuser, in der die verlassenen Kinder der Armuth geistig und gcmüthlich verkrüppeln müssen,— sie alle liefern die schlagenden Beweise für diese Behauptung zu tausendcn. (Schluß der Redaktion: Montag, den l. Juli.) Inlsalt. Ein verlorener Posten, Roman von R. Lavant(Forts.). Skizze von M. Witlich(Schluß).— Bei Garibaldi und am Aetna, von Dr. Max Trausil. deutscher Frauen in einem Harem zu Tunis(mit Illustration). — Modern russische Zustände.— Das Märchen, literarhistorische - Weltausstellungsbricfe.(IV. Schluß.) Besuch W. Shakespeare(mit Porträt). Aerztlicher Briefkasten. Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstraße 26).— Expedition: Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig. Färberstraße 12. II.