Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorener Posten. Roman von Äkudokf Favant. (Schl.ifj.) Martha nickte ihm lächelnd zu und nahm in der Sophaccke Platz, Wolfgang rückte einen Stuhl so dicht als möglich daneben, hielt Marthas Hand zwischen seinen beiden Händen und nun kam es zu jenem wirren, ans lauter Sprüngen zusammengesetzten, mit so manchem glücklichen:„Weißt du noch?" dnrchflochtcnen Geplauder, das für Dritte so unsterblich langweilig, für die beiden Betheiligtcn so namenlos süß ist, zu einem bald übermüthigen und bald ge- rührten, bald ernsten und bald zärtlichen Geplauder, aus welchem Martha das erste Wort über die Versammlung und über die Bedeutung von Wolfgangs Auftreten in derselben erfuhr. Proud sah regungslos und ernsthaft mit seinen klugen Augen auf die Gruppe; er schien nicht recht zu wissen, wie er die Situation zu nehmen habe, und so harrte er denn mit stoischer Geduld ans. Man einigte sich in der Vcrmuthnng, daß wohl Frau von Larisch dem jiommerzicnrath, vielleicht ganz gelegentlich und bei- läufig, einen Wink gegeben haben möge; Martha stützte sich dabei uns die Andeutungen Annas, Wolfgang dachte an das Rcndez- vous im Walde; man schüttelte den Äopf über das grobe kom- werzienräthliche Manöver; und Wolfgang warf Plötzlich die Frage ans, ob er seine Abreise nicht verschieben und am nächsten Morgen bei Herrn Reischach vorrücken solle, um ihm energisch die Wahrheit zu sagen und ihm seine ganze Verachtung in's Gesicht zu werfen. Martha schüttelte nachdenklich den Jlops: „Ja, verdient hätte er es, doppelt und dreifach, aber magst du noch hier bleiben, wenn ich fortreise? Und mich entführt ja der Rachtzng, mein Gepäck liegt schon auf dem Bahnhof. Das hat die kleine kluge Anna besorgt, der du nun wohl dein freund- lichstes Gesicht machen wirst— ja?" „Gewiß, sie hat ja nun uns gerettet; aber wohin willst du den» so Plötzlich und was hast dn vor, Martha?" «Hast dn auch bedacht, Wolfgang, ob ich nach den Enthüllungen, die du mir geFebm hast, auch nur für Stunden in das Hans Herrn Reischachs zurückkehren kann? Ich glaube, ich müßte ersticken und mag und kann mich nicht der Gefahr aussetzen, diesen— Menschen wiederzusehen. Sieh, ich bin zu dir gekonimen,> ohne zu wissen, inwieweit uns eine Verständigung gelingen werde; j ich wußte nur, daß ich es mir und dir schuldig war, mich zu rechtfertigen, und daß ich, wenn meine Vcrmuthungen eintrafen, � nie wieder einen Fuß über die Schwelle jenes Hauses setzen- würde. Er und ich— wir sind für immer geschiedne Leute und> ich reise heute Nacht zu einer mütterlichen Freundin, die mir einstweilen gern ein Asyl unter ihrem Dache gewährt; es sei denn—" Sic stockte und eine milde Röthc färbte ihr Gesicht und Hals. In Wolfgangs Augen zuckte ein Strahl stolzester Freude und trunkenster Bewunderung auf und mühsam stieß er hervor: „Es sei denn—? sprich weiter, Martha, vollende! Nicht ich, du sollst den Satz vollenden!" In- dem Blick, mit dem Martha sein Drängen erwiderte, lag der vollste Ausdruck schrankenloser Hingabe, weltvcrgesscndcr Innigkeit und gläubigsten Bertranens. Leise und einfach erwiderte sie ihm:„Ja, ich will vollenden, mein Freund. Es sei denn— du nimmst mich gleich mit." Wolfgang riß die Lächelnde und Weinende an sich, die unter seinen Küssen träumerisch fortfuhr: „Wir haben ja beide kein Heim mehr,— gehören wir nicht von Stund an zusammen und ist das Lebe» so lang, daß wir uns auch nur um eine Stunde des Glücks und des Beisammenseins muthwillig bringen dürften?" „Aber hast du auch bedacht, Martha, wie man im ganzen Städtchen über dich sprechen wird und wie die Lästermäuler gierig über dich herfallen werden?" „Ich glaube das sogar noch etwas besser und genauer zu wissen, als du, mein vorsichtiger Freund, aber sieh, auch das ist mir so gleichgiltig, ich kann dir nicht sagen, wie gleichgiltig. Wenn dn mich nur achtest, was frage ich nach den übrigen Menschen? Mögen sie doch reden, wenn du nur weißt, daß ich schuldlos bin. Die Selbstachtung, die auf dem Urthcil der Menge beruht, ist ein Kartenhans auf glattem Tisch, das jedes Lüftchen umbläst; ich will die meine aus Stein auf Felscngrnnd bauen— auf dein Herz! Dann trotzt sie jedem Sturm." „Du wagst, Martha; nennst du es stolz oder gar eitel, wenn ich dir ganz leise sage, daß der Gewinn das Wagiiiß wohl wcrth ist? Setze ruhig dein alles auf den einen Wurf— du gewinnst!" „Das habe ich vom ersten Augenblick an gewußt, wenn ich auch nicht glauben konnte, daß du mich jemais lieben würdest; nur deine Freundin wollte ich sein, ich glaube freilich, daß ich dich immer geliebt habe." „Nun, das wollen wir unterwegs überlegen, Martha; der Weg nach I ~- „Nein, Wolfgang, sage mir nicht, wohin du wich führst, ich will auch das nicht wissen; du kannst dir nicht denken, wie süß es ist, alle Fesseln zu zerreißen und die alte Welt hinter sich versinken zu sehen und nur das Eine zu wissen, daß in der neuen, wie fern sie auch sei, das Glück wohnt." „Wohl, Lieb, ich begreife auch das; nun mache dich aber ans eine weite, weite Reise gefaßt, und wenn wir am Strande unsrcr neuen Welt landen, werden wir garnicht mehr viel übrig haben. Aber nicht wahr, das ficht dich nicht an? Ich habe auch eine tapfre, standhafte Frau, die sich in alles fügt und schickt? Wir finden wackre Freunde vor, und ich werde bald wieder so viel haben, daß ich dir ein kleines, behagliches Heim schaffen kann; diese brutalen Praktiker sollen sehen, daß ich meine liebe, schlanke, dunkeläugige Martha ,rcin aus verliebter Liebe � entführt habe, und wir brauchen dein unglückseliges Vermögen nicht, das beinahe unser Verhängnis; geworden wäre." „Ich verstehe dich, aber— es scheint, du weißt noch garnicht, was für ein sorgsames Hausmütterchen ich abgeben werde. Sieh, so ganz arm komme ich dock) nicht, zu dir; ich wußte ja nicht, daß du nnch mitnahmst, hatte mich vielmehr auf ein längeres Veriveileu bei meiner guten Louise einzurichten, und�ihr konnte und wollte ich selbstverständlich in keiner Weise zur. Last fallen. So kann es wohl sein, daß ich mehr habe, als du; aber das soll unsere Reserve sein, für's erste will ich ganz von dir ab- hängen. Sind wir erst in unsrer neuen Welt, so kannst du ja einmal nachsehen, wieviel ich in meinem kleinen Portefeuille habe; später, meinetwegen über Jahr und Tag, wird Herr Reischach freilich ausliefern müssen, was ich ihm jetzt recht gern noch lassen will." Ueber Wolfgangs Geficht glitt ein Schatten; seufzend sagte er:„Ich weiß freilich auch nicht, was anders werden soll, aber ich mag nichts damit zu schaffen haben und nichts davon wissen. Verwende die Zinsen zu wohlthätigen und humanen Zwecken, wir aber wollen unser eignes, kleines Budget haben, und solange mir Kopf und Hände den Dienst nicht versagen, soll es dir gewiß an nichts fehlen." „Glaubst du, ich wüßte das nicht, Wolfgang? Aber haben die Engländer nicht ein Sprüchwort, das ungefähr besagt, die Mildthätigkeit beginne für jeden einzelnen bei ihm selber? Sollst du noch länger in der Tretmühle eines Berufs gehen, der dich doch unmöglich befriedigen kann, oder sollst du diese Dienstbar- kcit mit einer andern vertauschen und für Geld schreiben? Nein, das darfst du garnicht. Du wirst auch ohne Beruf immer fleißig sein und du sollst frei deinen Neigungen und Ucberzeugungcn leben. Wirst du nicht die Anschauungen, die du für die richtigen hältst, mit Wort und Feder ganz anders vertreten können, wenn du in der Lage bist, überall eingehende Studien zu machen?— So ungefähr denke ich mir deine Zukunft; du wirst so unendlich mehr nützen und dir selbst ein ganz anderes Genügen bereiten können." Wolfgang hatte erst den Kopf geschüttelt, nun aber sagte er rasch und froh, fest und entschieden: „Wohlan, das ist die beste Rache! Dieses Geld, in das sich der Schweiß und das Mark einer verkommenden Arbeitergeneration verwandelt hat, soll die große Emanzipationsarbcit des Arbeiter- standes unterstützen, und ich will mir durch dasselbe die Freiheit von äußeren Fesseln nur erkaufen, um freiwillig in den Dienst dieser großen Kulturbewegung zu treten, die allerlei Geister, jeden an seinem Platze, zu verwenden vermag. Es gilt, Studien zu machen in den großen Centren der Industrie in allen Kultur- fftaaten, und wie ich sie dann vcrwerthe, ob ich mich mit ihnen an dos Gefühl oder au den Verstand der Einsichtigen und Wohl- meinenden tvcnde, in jedem Falle wird die Arbeit eine frucht- bringende sein." „Wie es mich freut, daß mein Gedanke durch dich Fleisch und Blut und Leben bekommt! So ungefähr hatte ich mir's ja auch gedacht, aber es war alles blaß und schattenhaft und unbestimmt." „Es wird vielleicht noch manches mal so sein! Aber— da fällt mir ein, daß wir doch vielleicht eine kleine Rache an unserm Herrn Kommerzieurath uehuicu könnten." Er nahm ein Blatt, schrieb mit einem Lächeln die folgenden Worte: „lO. 1. 74. „Ihre heute erfolgte Verlobung und ihre gleichzeitig erfolgte Abreise nach..... beehren sich Ihnen anzuzeigen"— und schob sie dann Martha hin, die mit zustimmendem Nicken ihren Namen darunter setzte; dann fügte er den seinigcn hinzu, füllte die Lücke durch„London" aus und adressirte ein Couvert an Herrn Kom- merzienrath Reischach, Ritter:c. „Die paar Worte sind einstweilen genug,— und nun ist das Abschiedsgedicht an dich, das ich heute Abend ersonnen habe, doch nicht das letzte gewesen, was ich in diesen Räumen schrieb." „Gib mir die Verse, Wolfgang, oder lies sie mir vor!" „Ich will sie dir vorlesen; schwer genug wird es mir werden, aber ich habe schon eine solche Strafe verdient, und mitten in meinem Glück verlangt mich nach einer solchen Sühne!" Als er geendet, küßte ihn Martha auf die Stirn und sagte leise:„Armer Freund, wie traurig mußt du gewesen sein und wie mußt du gelitten haben! Aber nun ist ja alles, alles über- standen." „Und wir müssen nun auch gehen, da ich dich doch erst noch einmal zu Frau Meiling führen muß, und Krone und Anna und wohl noch einige andere auf dem Bahnhof sein werden; wir wollen sehen, daß wir ihnen zuvorkommen können." Frau Meiling kam denn auch auf Wolfgangs ersten Ruf, und als ihr junger Miether ihr in heiterstem Tone und doch mit be- wegter Stimme seine Braut vorstellte, die er„der Kürze halber und da er sich doch nicht wieder von ihr trennen könne", gleich mitnehme, da kugelten der Alten die Freudeuthräncu über die Wangen und sie brachte es zu keinem vorschriftsmäßigen Glück- wünsch, sondern drückte den beiden nur krampfhaft die Hände. Erst unten an der Hausthür ermannte sie sich zu einem zusammen- hängenden Satze und sagte gerührt: „Ach, Fräulein, wer hätte sich das au dem Abend träumen lassen, wo Sie mit Frau von Larisch hier waren und ich Sic hinauf—* Sie verstummte erschrocken, als ihr Martha erröthend die Hand auf den Mund legte und abwehrend sagte: „Nichts iveiter! Das muß er von mir erfahren, später, oder nein, gleich jetzt, auf dem Weg zum Bahnhof. Sehen Sie nicht, was für ein verwundertes Gesicht er macht?" Man schüttelte sich noch einmal die Hände, die alte Frau küßte Wolfgang wie eine Mutter auf die Stirn, und dann trat das junge Paar Arm in Arm und von Proud gefolgt den Weg nach dem Bahnhof an; Frau Meiling, mit ihren Thränen kämpfend und sich wegen ihrer Schwatzhaftigkeit scheltend, sah ihnen nach, bis sie in Dunkel und Gestöber ihren Blicken entschwunden waren; dann kehrte sie in tiefen Gedanken in ihr verödetes Haus zurück. Als die beiden auf dem Bahnhof ankamen, hatte Martha den heimlichen Besuch bei Wolfgang, der ihr einst durch Frau von Larisch aufgezwungen worden war, gebeichtet, und diese Beichte war mit einem dankbaren Händedruck beantwortet worden. Sie betraten dabei den noch verödeten Perron, in welchem der Zug aber bereits hielt, und Wolfgang sagte nachdenklich: „Von deiner Leontine kann und muß ich dir da auch noch wunderliche Geschichten erzählen: mach' dich nur immerhin auf Briefe, Maiblümchen, sogar ans ein Rcndez-vous im Walde ge- faßt, es hat sich auch noch eine dritte Dame einigermaßen für mich interessirt und mir einen anonymen Brief geschrieben." Martha lachte, indem sie im Coupe Platz nahm: „Am Ende gar Emmy? Wie komisch das wäre! Aber Scherz beiseite: kann nicht sie es gewesen sein, die Herrn Reischach aus seine Pläne gebracht hat? Nun, wir reisen ja in die weite Welt und da kannst du in aller Ausführlichkeit erzählen." Wolfgaug löste eben am Schalter die Billets, als Krone, den breitkrämpizeu Hut tief iu's Gesicht gedriickt, eilfertig die Stufen emporgesprungen kam; unser Freund schob seinen Arm unter den des wackcru Jüngers Guttenbergs und ging langsam niit ihm im Perron auf und ab. Er hatte aber bald bemerkt, daß Krone zerstreut und befangen war und mit irgendeinem Entschluß kämpfte, und so sagte er denn scherzend: „Krone, Sie haben etwas auf dem Herzen und wissen nicht, wie Sie es anbringen sollen; heraus damit, sonst kommen uns schließlich noch andre über den Hals." „Ach, es ist rein nichts— eine Kleinigkeit; ich wollte Sic nur bitten— nehmen Sie hier den Brief, aber machen Sie ihn erst in ein paar Tagen auf!" stieß der so Ueberrumpelte, sichtlich sehr ärgerlich über sich selbst, in hülfloser Verwirrung heraus, und wollte Wolfgang dabei ein ziemlich großes, selbstgeschnittenes, sorgsam mit Gumnii zugeklebtes Couvert aufdringen.„Es ist nur so ein Einfall von mir, aber Sie dürfen mir den Spaß nicht verderben." Wolfgang würde, wäre Krone dabei ruhig und unbefangen geblieben, den Brief, um Weitläufigkeiten zu vermeiden, achtlos 507 in seine Brusttasche versenkt haben; diese Verlegenheit und dieses tiefe Erröthen machten ihn stutzig und eine Ahnung blitzte in ihm auf. Er drohte scherzend mit dem Finger: „Mein lieber Krone, ich fürchte sehr, Sie wollen Sich in der letzten Viertelstunde untreu werden, das heißt, mich überlisten und mir ein£ für ein II machen. Die Hand auf's Herz— Sie wollen mir da Geld mitgeben, iveil Sie mich für halb und halb gemäß- regelt ansehen und fürchten, ich könnte drüben in Verlegenheit kommen. Sie haben Sich das sehr hübsch ausgedacht und alles sehr fein eingefädelt, aber Sie sind zum Diplomaten verdorben und werden in Ihrem ganzen Leben kein Schauspieler." „Das ist ja eben das Unglück; Sic sollen die paar Thalcr als einen Vorschuß ansehen,— können es ja später wieder bc- zahlen,— ich Hab' mit meiner Alten drüber gesprochen,— sie ist sonst ein bisset zähe und mißtrauisch, aber diesmal war sie gleich dabei,— und nun nehmen Sie's und sagen Sic kein Wort inehr— ich bitte Sie inständigst." Wolfgang drückte ihm herzlich die Hand und erwiderte, eigen- thiimlich bewegt und doch auch wieder voll Ucbermuth: „Ich danke Ihnen und werde Ihnen diesen Zug nie vergessen; ich würde mich auch keine Minute zieren und das Geld von Ihnen ganz einfach annehmen, aber sehen Sie, erstens sind meine Finanzen noch ganz leidlich bestellt, zweitens habe ich drüben alte Freunde, die reicher sind als Sie, und drittens nehme ich eine reiche Frau mit, kann also garnicht in Noth kommen. Ja, ja, machen Sie nur große Augen, ich entführe dem Herrn Kommerzienrath eine von seinen Damen, ein Husarenstreich, der Ihnen gewiß zu ganz besonderer Genugthuung gereichen wird. Erst spiele ich ihm in der Wahlversammlung den ärgsten Possen und nun gehe ich ihm auch noch mit Fräulein Hoher durch— und das ist der Humor davon." Er klopfte an das Fenster des Coupes, Martha ließ dasselbe nieder und Wolfgang stellte vor: „Hier, Martha, hast du meinen Steiger Krone, das treueste, bravste Herz in der ganzen Stadt und einen der prächtigsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe; gib ihm die Hand, er hat es zwauzigfach um mich verdient."' Krone brachte es zu keiner Antwort,— er drückte die zarte Damenhand, die ihm freundlich eutgegeugehaltcu ward, mit einer Energie, die wohl einer Milderung fähig gewesen wäre; er vcr- suchte, Wolfgang das Wort abzuschneiden, und als dieser ihm die Hand driickic und ihn aus den bärtigen Mund küßte, obwohl er sonst kein Freund von Zärtlichkeiten unter Männern war, als er ihm jagte:„Leben Sic wohl, Krone, und behalten Sic mich in gutem Andenken; ich hoffe, Sie werden noch so mancherlei vm? mir hören!"— da wollte es ihm wieder einmal das Herz tft? drücken, und er konnte doch nur wieder und immer wieder die Hand seines Hauptmanns schütteln und sich beschämt mit der Hand über die feuchten Augen fahren. Es war ihm fast will- kommen, daß in diesem, bei seiner Weichheit für ihn so überaus kritischen Moment die kleine Anna am Arme des jungen Schlosser- meistcrs, dein einst die beiden Alfrede so sehr im Wege waren, auf Wolfgang zukam; er trat diskret zurück, in die nächste Ecke, um nicht zu stören, und hörte Anna hastig und erwartungsvoll fragen: „Haben Sic Fräulein Hoher nicht gesehen? Es ist möglich, daß sie mit diesem Zuge- ebenfalls abreist; ich habe ihr Gepäck heimlich zur Bahn gebracht." Wolfgang lächelte.„Ja, Sie wollten mir aber doch eine Ueberraschnng bereiten?" „Ach, das hat Zeit, das ist nicht so wichtig; wenn ich nur wüßte, ob Fräulein Hoher hier ist,— Sie müßten sie doch ge- sehen haben." „Freilich habe ich sie gesehen; wir reisen sogar in einem Coupv, tvic dies bei einem Brautpaar ivohl selbstverständlich ist." „Verlobt?! Mit Fräulein Hoher?" jauchzte die Kleine.„Und sie fährt gleich mit? Da steht aber morgen früh bei uns das Haus auf dem Kopfe!" „Und daran sind eigentlich Sie schuld, denn wenn Sie gc- halten hätten, was Sie mir mit Hand und Mund versprochen hatten, passirte die ganze Geschichte nicht. Aber ich danke Ihnen für diesen Wortbruch, er hat mein Glück geschaffen, und daß Sie den Brief früher abgaben, als Sie durften, war der klügste Streich Ihres ganzen Lebens." „Und nun sollen Sie auch gleich den dümmsten erfahren: ich habe mich hier mit diesem eisersüchtigen, immer rußigen und als Mann wohl zuweilen recht brummigen Menschen verlobt, in der Hoffnung, daß er sich noch bessern wird; gptmükhig ist er, man kann es also am Ende darauf ankommen lassen." Der herzliche Blick auf den zukünftigen Gatten, mit dein sie die neckenden Worte begleitete, strafte sie zur genüge Lügen. Mau war vor dem Eoupa stehen geblieben, Martha nahm die lebhaften Glückwünsche der kleinen Uebcrglücklichcn entgegen und erwiderte sie freundlich, und Wolfgaug sagte ernst: „Nun sind wir ganz quitt, meine kleine Anna; ich hoffe, Ihr Bräutigam wird Rücksicht darauf nehmen, daß wir einander doch näher stehen, und nicht scheel sehen, wenn ich von Ihnen Abschied nehme, als wären Sie meine Schwester." Und er gab ihr die Hand und küßte sie ans die Stirn. Das rauhe:„Zurücktreten!" dcS Schaffners, der den Zug entlang eilte und die Thüren zuschlug, riß die kleine Gruppe ans- einander; Wolfgang sprang in den Wagen und grüßte die Zurück- bleibenden noch einmal mit Hand und Äugen, das letzte, hastige Läuten schallte durch die Halle, da schoß der lange Alfred, die Stirn niit dem Taschentuch trocknend, aus der Vorhalle in den Perron und rief schon von weitem: „Gott sei getrommelt und gepfiffen, daß Sic noch da sind! Wäre ich zu spät gekomme», ich hätte es mir nie vergeben. Aber eine höchst dringende Abhaltung—" „Hätte mich beinahe verhindert, Ihnen in Fräulein Hoher meine Braut vorzustellen!" schnitt Wolfgang in bester Laune den Redefluß ab. Eine Verbeugung Marthas, die neben ihm an's- Fenster ge- treten war, eine verdutzte Reverenz des Soncttendichters, ein Händedruck Wolfgangs— und der Zug kam laugsam in's Rollen. Alfred hatte Hut und Taschentuch noch immer in der Hand, als die kleine Anna am Arme des jungen Schlossers auf den aus einer Verblüfftheit in die andere Fallenden zutrat und mit einem ein ganz klein wenig spöttischen Knix und einem mühsam unter- drückten Kichern vorstellte: „Mein Bräutigam, Ferdinand Tie weiteren Worte gingen in dem schrillen Pfiff der Loko- motive unter, Krone aber, der wieder vorgetreten war, schwenkte mit aller Macht seinen brcitkrümpigcn Filzhut und rief mit wahrer Stentorstimme den Scheidenden nach: „Es lebe die soziale Republik!" Meeresleuchten. Bon Or. Leopold I a c o v y. (siehe umstehende Illustration.) In einer gedankenreichen Abhandlung über die allmähliche Entwicklung des sinnlichen Unterschcidungsvermögcns der Mensch- heil hat im vorigen Jahre tn\ Schmidt in Breslau nachgewiesen, daß in der frühen Kulturzeit des Menschengeschlechts das Wahr- nehmungsvcrmögen aller Sinne, rücksichtlich der Ausdehnung der Sinneserregbarkeit und Uuterscheidungsfähigkeit, ein völlig un- ausgebildetes gewesen sein muß. So wird in den ältesten lite- rarischcn Denkmälern, welche die Menschheit besitzt, und noch im Homer, auch überall da, wo in hochpoctischcr Weise die Schön- heit der Natur in Flur und Wald besungen und bis in's einzelne geschildert wird, der Blumenduft�nirgend erwähnt; der Wohllaut musikalisch zusammenklingender Töne wurde bis zu späten gc- schichtlichen Entwicklungsepochcn vom Ohre des Menschen nicht empfunden, und vor allen: ivunderbar wird es dem Leser er- scheinen, daß zu den Zeiten der altindischen Gesänge bis auf Homer das Blau des Himmels und ebenso das Grün der Bäume als eine besondere, von einem unbestimmten Dunkel unterschiedene Farbe für das menschliche Auge noch garnicht existirte. Noch zu den Zeiten des Empedokles und Phthagoras gab es für die ge- bildctstcn Völker der Erde nur die vier Farben: schwarz, weiß, roth, gelb, und zweihundert Jahre vor Aristoteles vermochte die Menschheit, wie uns Tenophanes zeigt, in dem sicbenfarbigen Regenbogen nur erst die drei Farbenabstufungen: purpur, rvthlich und gelb zu unterscheiden. Mit diesem Entwicklungsprozeß der Sinnesempfindbarkcit muß die sonst völlig räthselhaftc Thatsachc in Äerbindung gebracht werde», daß im ganzen Alterthnm eine der prachtvollsten Ratnr- erscheinungen, das Funkeln und Leuchten des Meeres in grünlich- blauem Phosphorlicht, den Menschen so gut wie unbekannt geblieben ist. Nirgends in den zahlreichen poetischen und beschrci- bcnden Stellen der altorientalischcn und der klassisch-antiken Literatur, welche vom Meere uns Kunde geben, wird des Meer- leuchtens direkt Erwähnung gcthau*); selbst Plinius, dessen Natur- gcschichtc in 37 Büchern uns eine mit Fabeln jeglicher Art durch- flochtcne Zusammenstellung alles Merkwürdigen vorführt,>vas den Völkern der alten Zeit aus der Statur bekannt war, weiß nichts von dem wunderbaren Phänomen; er erzählt nur, daß gewisse Bohrmuscheln, wenn man sie im Dunkeln aus dem Wasser nimmt, wie mit einer leuchtenden Masse überzogen erscheinen. Lcnchtinfusoricn. Für die„ erschienen, glühten mit blassem Lichte. Das Schiff trieb zwei Wogen flüssigen Phosphors vor sich her, und eine lange, schim- mernde Milchstraße folgte ihm nach; soweit das Auge reichte, glänzte der Kamm einer jeden Welle.— Bennet sah auf seiner Reise im September 1832 in der Nähe des Aequators das Atlantische Meer so stark leuchten, daß es rund umher einer einzigen, feurigen Masse glich. Ein anderer Reisender, Strehler, fuhr in derselben Gegend durch ein wahres Feuermeer. Der Himmel erschien rabenschwarz und die See so hell, daß man um Mitternacht hätte eine Fliege auf dem bleichen Segel erkennen können. Ein Platzregen verwandelte das Meer gleichsam in eine aufkochende Gluth.'— Bei Trieft hat man an stillen Herbst- abenden Gelegenheit, an den Ufern der Adria das Phänomen *) Wohl finden sich mehrfach einzelne unbestimmte Acußerungen, Beiwörter u. s. w., die vielleicht auf das Mcerlcuchten gedeutet werden können; ein wirklicher Hinweis aber ans die doch so ausfallende Natur- erscheinung ist vielleicht nur die Stelle in dem Periplus(„Umschiffungs- reise") des karthagischen Seefahrers Hanno zu erblicken, der um 500 vor Chr. lebte. Es heißt darin, südlich von Ccrne habe man das Meer wie mit Feuerströmen brennen sehen.— Und auch die Acchtheit des Textes dieser Stelle kann in Zweifel gezogen werden. Ueber die unvergleichliche Schönheit und den märchenhaften Eindruck der Naturerscheinung des Mccrleuchtens herrscht unter allen späteren und neueren Berichterstattern und Forschern nur eine Stimme der Bewunderung. Columbus ans seiner zweiten Entdeckungsreise im' Jahre 15(12 bemerkt aus der Gegend von Puerto Bello, am Isthmus von Panama: Nachts gleichen die tobenden Wellen großen Flammen, durch die leuchtenden Theilche» veranlaßt, welche die Oberfläche des Wassers in diesem See und im ganzen Lauf des Golfstroms bedecken. Alexander v. Humboldt berichtet: Ueberall, wo die Welle an einen harten Körper an- schlägt, überall, wo das Wasser nur erschüttert wird, glimmt ein blitzähnliches Licht auf. Unbeschreiblich prachtvoll ist das Schau- spiel in dem Meere der Tropenwelt, das bei finsterer Nacht eine Schaar sich wälzender Delphine darbietet. Wo sie in langen Reihen kräuselnd die schäumende Fluth durchfurchen, sieht man durch Funken und intensives Licht ihren Weg bezeichnet. Darwin beschreibt den Anblick, den ihm das Meer unter dem Kap Horn in einer sehr dunkeln Nacht darbot: Es wehte eine frische Brise und alle Theile der Oberfläche, die am Tage als weißer Staub Welt" gczcichnlt und geschnitten.< in einem milderen Glanz und doch in überraschender Schönheit zu beobachten, vor allem dort in der melancholischen Fclsenbucht, Ivo das Schloß Miramarc in den Fluthcu sich spiegelt. Blitz- funken rinnen bei jedem leisen Athemzuge der Wellen an den Felsen auf und nieder, und Feucrstreifen und Glühsterne tauchen in lichtem Blau aus dem Dunkel der Tiefe empor. Zuweilen aber schimmert die ganze Meeresoberfläche bis weit hinaus in leisem, geisterhaften Lichte, wie es der Verfasser einmal im vorigen Herbst in einer unvergeßlichen Novcuiberiiacht auf einer Mcer- fahrt nach Italien erlebte. Nachdem über die Ursache des Meerleuchtcns unter den Ge- lehrten lange gestritten worden, steht heute, hauptsächlich durch die eingehenden Untersuchungen.von Ehrcnberg, Qnatrcfagcs und Panceri, soviel fest, daß die Träger dieser Erscheinung in der lebenden Thierwclt zu suchen sind. Wenn wir den in eigenem Lichte leuchtenden Haifisch, den uns Bennet beschrieb(öguitlus fulgens); hinzuzählen dürfen, so sind unter den Erzeugern des Meerleuchtens alle Hanptstämme des Thierreichs vertreten, der- gcstalt, daß die Stärke und Ausdehnung der Lichterscheinung zu- gleich mit der Anzahl der sie hervorbringenden verschiedenen Thier- arten zunimmt, je tiefer wir in die Enlwicklnngsreihe hinabsteigen. -- 500 JnK)»., w -.- �. t--•---'—__ � '■?'f'i' M/lW» llil� .~t-.' j I I ■ I � S. .....-"■ Äff-• V::;' *.11 V'V ■ i■:.v.'.:■"' k't■-••.; DWWO'-' i �|; M JP s'.Vi �«ki 1 M■ ■■;.,.»J»■';i, M I UI�M0HW«MchWWGMMxzz■"■'•».«I V '5| 5;.'U W-> .äÄ it. ��7 ' il l( d U MM p ;f D � 'ch�. f''H, ' V�i F F i 1 -'' � , � ;�:.. fr.f7; '..-y 7■"lV? jt• 1�� S hmm** k..■■■'! 1' k «Jp;> i|j, M >%■.■•>.- y« I f I :r"M Bianca Cappella.(Seite 51S.) Unter den Urthieren haben wir als Lichterzeuger die Wurzelfüßer und die Infusorien in ihrer vielgestaltigen Formenwelt, unter den Strahlthieren: Quallen, Polypen und Seesterne, unter den Wurm- thieren: Salpen, Feuerwalzen und Borstenwiirmer, unter den Weichthieren: Nacktschnecken und Muscheln, unter den Gliederthieren: Krebse, und unter den Wirbelthicren endlich den crivähnten Haifisch. Michaelis in Kiel ist der erste gewesen, welcher Leucht- infusorien auffand; sie wurden dann vorzüglich von Ehrenberg in Berlin genauer studirt. Bei ihm sah Humboldt im Jahre l832 in einem finsteren Raum unter dem Mikroskop Infusorien als leuchtende Punkte aufblitzen. Ehrenberg schildert, wie er durch Filtriren von frischem Seewasser sich eine Menge von 510 Lcuchtiiifusorien verschaffte, mit denen er cxpcriinentirte. War ihre Fälligkeit, Funken zu sprühen, erloschen, so ermachte sie zu neuer Stärke, sobald die Thiere durch zugegossene Säure oder durch Alkohol gereizt wurden. Als hauptsächliche Lichterzeugcr fand er die sogenannten Kranzthierchen, kngel-, stab- oder ainpel- sörniige Infusorien mit einem Wimperkranz, dessen Flimmerbewegung das Thierchen forttreibt.(Siebe Figur 1—3 und Figur 7.) Ferner eine von dem Entdecker Phoiocharis(wörtlich „Licht- Anmuth� genannte Art, von welcher er berichtet: Wenn man das Thier reizt, so entsteht an jedem einzelnen Rankenfaden desselben ein Flimmern und Aufglühen einzelner Funken, die au Stärke zunehmen und den ganzen Faden erleuchten; zuletzt läuft das lebendige Feuer auch über den Rücken des Thierchens hin, so daß dieses unter dem Mikroskop wie ein brennender Schwefel- faden unter grüngelbem Lichte erscheint. Die Größe dieser In- fnsorien variirt von'/,o bis- ico Linie. (Schluß folgt.) Modern-rusjische Zultände. (Schluß.) Für den Geist der Armeeorganisation nur die eine für sich selbst sprechende Thatsache: Subalternchargen sind von kassirten österreichischen und deutschen Offizieren mit Leichtigkeit zu haben. Zur allseitigen Charakterisirnng des Geistes und Charakters der russischen Regierung haben ivir vornehmlich noch zweier Dinge zu gedenken, die ja allbekannt und vielverrufen, dennoch nicht richtig gekannt sind: das Regiment in Polen und Sibirien. Bevor er nicht auch hierüber genaue Kunde hat, glaube niemand die russische Regierung wirklich zu kennen. _„Sentimentalen Bewunderern russischer Politik" gibt der Ber- faffer� den Rath, erst einmal in Russisch-Polen sich gründlich umzusehen, dann mögen sie daraus einen Schluß ziehen ans das Glück, das slavische Provinzen, die unter russische Botmäßig- kcit kommen, zu erwarten haben.„Die russische Grausamkeit ist bisjetzt nur trübe wie durch einen Nebel geschaut worden, denn Polen ist iveil entfernt, und die Gelegenheiten, sich über seine Lage zu unterrichten, sind dürftig. Es gibt ja absolut keine un- abhängige polnische Presse! Ein Pole, der, in Polen, für weft- europäische Blätter schriebe, würde, bald entdeckt, nach Sibirien wandern. Nach der polnischen Erhebung von 1863— 64 unter- nahm man es, das nationale Element vollständig auszurotten. Jedes Grundbesitzers Liegenschaften, der nicht aktiven Anthcil am Kampfe gegen Die Insurgenten genommen hatte, wurden kon- fiszirt, er selbst verbannt; die Kämpfer wurden natürlich nach Sibirien geschickt. Dasselbe geschah mit ganzen Dörfe'rn in mißvergnügten Gegenden, und mit„raffinirter Grausamkeit" dürfen diese„politischen Verbrecher" mit ihren Angehörigen nicht korrc- spondiren, so daß sie von der Welt völlig abgeschnitten sind. „Bis auf den heutigen Tag fragen polnische Flüchtlinge, in Eng- land anfhältlich, bei der russischen Regierung nach dem Schicksal ihrer Eltern, Geschwister ze. nur ganz vergebens an und ebenso- wenig kommen je Geldsendungen in ihre Hände." Vcröffent- lichungen in polnischer Sprache sind strafbar, polnische Werke in Privatbibliothckcn sind längst beschlagnahmt worden. Die Preß- zensnr, in Rußland(wie wir gesehen) leicht umgehbar, ist un- erbittlich in Polen. Stach Polen reisenden Fremden wird an der Grenze jeder Streifen bedrucktes Papier, selbst Umschlag- und Packpapier, abgenommen und erst wieder bei Verlassung des Landes zurückgestellt. Polnische Frauen dürfen keine Trauer tragen, weil— sie solche an nationalen Jahrestagen anlegten. Jede Zusammenstellung von Scharlach und Weiß(die Landes- färben) in ihrer Toilette wird ihnen gleichfalls verhängnißvoll. Auf der Universität(Warschau) wird den Studenten höhnend vordozirt, daß ihre patriotischen Heldenväter„Räuber" gewesen. Jedem Polen, der nicht zum politischen und religiösen Renegaten wird, ist jeder Gewerbebetrieb verschlossen.„Durch diese unversöhnliche Tyrannei ist der öffentliche Geist in Polen ausgetreten worden", und selbst völlige Resignation schützt vor Verfolgung und Cujonirung nicht— trotzdem bleibt der Pole immer ein Pole.„Verschwörungen" werden oft aus einem trotzigen Worte cints unschuldigen Kindes gemacht— natürlich wird es den Eltern angerechnet.„Es ist namentlich die geistige Ueberlegen- heit des Polen über den Russen, die diesem mit dem unglaublichst infernalischen Hasse gegen jenen beseelt.... Rußland hat sich vorgesetzt, Polen auf einen geographischen Begriff zu reduzircn und wird damit fortfahren, es müßten ihm denn irgendwelche unvorhergesehene Ereignisse Einhalt auf dieser Bahn gebieten." Die Todesstrafe ist in Rußland, damit es vom Auslände kein barbarisches Land genannt werden solle, abgeschafft worden, dafür steht Sibirien in um so größerem Flor. Tie Deportation nach I(... 1,...f. Tt i i". r..*1.w. f..'rr Verschwiegenheit gehüllt. Auf einmal ist der Mann verschwunden und nichts ist von ihm wieder zu erfahren, es sei denn durch einen mitleidigen Polizeibeamten.„Was einen hierbei irritirt, ist weniger der erbarmungslose Despotismus, als die heuchlerische Maske der Humanität, die uns in Rußland auf Schritt und Tritt begegnet und Fremde glauben machen will, derlei Recht- losigkeitcn gehörten einer längstverschollenen Zeit an." Nach Aus- sage der Russen haben willkürliche Deportationen längst aufgehört; wird aber der Russe erst zutraulich, dann zeigt es sich, daß fast jedem Fälle von Transportationen aus mysteriösen Gründen bekannt sind. Die stereotype Bemäntelung lautet: es handle sich um ein Verbrechen, das, vor die Oeffentlichkeit gebracht, zu viel Skandal erregen würde;„aber die Regierung schreckt doch nie vor dem Skandal eines öffentlichen Nihilistcnprozesses zurück, selbst wenn Personen hohen Ranges darin verwickelt sind." Fast alle nach Sibirien Bernrtheilten sollen die Gerechtigkeit ihrer Bestrafung zugeben— natürlich! kann ihnen doch nur ein volles, schriftliches Geständniß ihrer„Schuld" etwaige Begnadigung erwirken.(Dies hat den kleinen Vortheil, daß das berüchtigte Sibirien zu einem der gerechtesten Strafinstitute der Welt wird!) Es gibt drei Kategorien von Sträflingen. Sich selbst Beköstigende, die ihre Familien mitnehmen dürfen; von der Regierung Unterstützte, die als Diener oder Gewerbsleute sich des weiteren forthelfen müssen, und. die zu schwerer Arbeit, nanientlich in den Minen, Vcr- urtheilten. Der Transport erfolgt stets im Frühjahre, karavancn- weise, durchweg zu Fuße, denn auf die hinterdrein fahrenden elenden Karren werden nur die durch die Strapazen gänzlich Erschöpften geladen, cskortirt von waffcnstarrenden Kosaken mit mächtigen Peitschen. Stets geht's in der Nacht fort, und Städte werden nur Nachts passirt. Die verschicdcuartigsten, besten und allervcrworstiistcn Elemente, kunterbunt durcheinander, Hintennach die Frauen, im raschesten Tempo, aber mäuschenstille, der grau- sigen Peitschen halber. Niemand darf dem Zuge nahen, oder er macht mit diesen Bekanntschast. Jeden Augenblick wird der Boden abgesucht, ob nicht Briefe fallen gelassen wurden. In der ersten Kirche am Wege hören die Sträflinge die Messe und eine Predigt,„in der die Milde des Czars gepriesen wird." Außer- halb der Städte aber darf— gesungen, auch geweint werden! Hat sich das Gerücht von einem nahenden Zuge vc-rbreitet, so eilt die Bauernschaft— das Mitleiden mit den Dcportirten�ist allgemein— mit Speise und Trank herbei, stellt sie an den Straßen- rand und zieht sich wieder zurück, denn Sprechen mit den Gc- fangcncn ist verboten. Selbst der Koiak fühlt ein menschlich Rühren— er läßt das zu, macht auch von der Peitsche nur im Falle des Ungehorsams Gebrauch.„Unglücklicherweise wird oft das Ficbcrdelirium, dem zarter konstruirte Individuen durch die übermäßigen Anstrengungen verfallen(von Petersburg bis zum Ural sechs Wochen, für viele dann noch verschiedene weitere Wochen!)— für„Ungehorsam" gehalten und dann wird mit der Peitsche ein Excmpcl statuirt." Lange vor Erreichung der sibi- rischen Grenze sind auch die Robustesten auf's äußerste mit- genommen.— Wer indessen genügend bemittelt ist, einen Tschi- novnik vernünftig honorircn zu können, kann privatim reisen— etwas kostspielig zwar, da er 5—1» Mann Bedeckung mit eiucni Offizier ebenfalls zu bestreiten hat.— Eine Glanzseite russischer Frauen ist ihre Opferwilligkeit, ihren Männern nach Sibirien zu folgen, wenn sie die Erlaubniß erhalten. Selbst solche, die ein „fashionables" Leben führten, sind dann oft wie umgewandelt und werden zu ächten Weibern. Die sich dessen weigern, ver- fallen in die Gesellschaftsacht. Der sibirische Sträfling ist bürgcr- lich todt, seine Frau kann sich scheiden lassen und wieder Heirathen, was aber selten geschieht und wenn doch, so raunt man sich zu, sie— habe hauptsächlich bei der Deportation ihres Männcs die Hand im Spicle gehabt.- Tic Bessersituirten leben in, mindestens �0 Werst von einander entfernten, Dorfkolonien von nicht mehr als 200 männlichen Seelen, mit 40 Mann und 3 Offizieren Bedeckung. Diese sowohl als die Popen sind gleichfalls Sträflinge. Verkehr unter den Strafkolonien ist nicht gestattet. Hart ist namentlich folgende Bestimmung. Mitgenommene Töchter müssen im 20. Jahre entweder nach Rußland zurückkehren oder einen Bcrbannten heirathen und sich in Sibirien niederlassen; ebenso müssen die erwachsenen Söhne zur Armee abgehen und— die Eltern wissen, daß sie die Kinder nie wieder sehen. Die über 10 Jahre in Sibirien verbracht haben, erhalten fast niemals Be- gnadigung,„weil sie zu viel zu erzählen hätten." Begnadigungen erfolgen überhaupt nur aus purer Laune und haben mit der Ztatur des Vergehens nichts zu thun. Die(wieder karavanen- weise) Entlassenen haben erst einige Jahre unter polizeilicher Auf- ficht zu leben, ehe sie in die Heimath zurückkehren dürfen, was von ihrer totalen Verschwiegenheit abhängt. Alles flieht sie an ihrem Aufenthaltsorte wie Aussätzige, indem man sich durch bloßes Sprechen mit ihnen zu kompromittiren fürchtet.— Das entsetzlichste ist das der in die(Silber- und Quecksilber-) Minen Verdammten: verworfenster Auswurf und„politische Verbrecher" von edelstem Schlage. Wer irgend kann, erkauft sich seine Ver- Wendung zu leichterer Arbeit. Rie wieder erblicken jene das Licht des Tages, bis sie in's Siechenhaus heraufgeschafft werden, da- selbst zu sterben. Fürst Jos. Lubomirski, der die Erlaubniß er- halten hatte, die Minen zu besichtigen(und von dem man sich dessen nicht versah!), hat in französischer Sprache einen grauen- erregenden Bericht über das geschrieben, was er gesehen. Zu Gerippen abgemagerte, vollständig enthaarte, knochensraßbehaftete Menschen(von den Wirkungen des Quecksilbers) wurden unter Peitschenhieben zu schwerster Arbeit angehalten. Zwei Feiertage (Weihnachten und Ostern) im ganzen Jahre, kein Sonntag! Dreißigjährige Leute sind in fünf Jahren buchstäblich zu Greisen geworden. Den Frauen geht's um kein Haar besser. Dutzend- weise hat man polnische Edeldamen dort unten verfaulen lassen, sie lebten als„freie Kolonisten". Es muß ausdrücklichst hervor- gehoben werden, daß„schwere Arbeit in Sibirien allemal gleichbedeutend ist mit einem(nur unendlich grausameren) Todesurtheile und„die russische Regierung weiß das nur zu wohl, heuchelt aber wie in allen offiziellen Berichten." Dafür aber kommt wöchentlich ein Pope mit den„Tröstungen der Religion", zur„Geduld" er- mahnend! Gleichzeitig betreibt er einen kleinen Handel mit Wuttky, und dieser ist der einzige ivahre Trost der Bergwerks- sträflinge.„Des Lebens Bestes ist Trnnkeiiheit!" Die russische„Gesellschaft" hat aus den ersten Anschein etwas ungemein einnchmendes— an dem Urthcile des Fremden ist dem Russen alles gelegen. Russische Gastfreundschaft ist wahrhaft blendend, russische Feste und dergleichen übertreffen alle sonstwo gegebeneu. Der Russe ist gar freisinnig, er ist bescheiden und spricht mit großer Demuth von dem weiten Zurückstehen Rußlands hinter andern Ländern; er ist perfekt gebildet, mit den neuesten politischen, uatioualökouoniischcn und sozial-philvsophischen Theorien vertraut. Aber schon nach etwa 14 Tagen gewinnt diese Medaille ein anderes Antlitz. Der Ausländer erkennt ungemein viel Schauspielerei in allen Gesellschaftskreisen, und der dritte Eindruck nach ungefähr einem Monat hat ihn belehrt, daß er eine ungewöhnliche Anzahl von Unwahrheiten zu hören bekommen hat. Hinter jener„Demuth" verbirgt sich ungemessener Stolz: Kritik seiner heimischen Zustände, die der Ruffe anscheinend er- muthigt, erregt seinen Groll. Vertraulicher geworden— und er wird das früher als einem angenehm— läßt er die Maske fallen und prahlt mit brutalster Plumpheit: Alles iit am besten in Rußland! Den Despotismus gibt iiiau nur deswegen zu hassen vor, weil man weiß, daß er im Auslande unbeliebt, sich daher lächcr- lich zu machen fürchtet. Dies Freisinuigscheinenwollen ist auch häufig der Grund der zahlreichen �Bcrichworungen", in die der Russe hineintaumelt und die alle kläglich scheitern. Ja, man schwatzt in Gesellschaftskreisen von einer„bevorstehenden Revo- lution", wie von einem„morgigen Balle". Diese Verschwörereien haben übrigens noch ciiicu andern Grund: Beamtenthum und Polizeimacht sind, die hohen Paradestellcn ausgenommen, ganz in den Händen der Deutscheu; das tst dem Russen, obwohl der ächte Moskowste das Land garnicht cnergisch verwalten könnte, sondern es„unter seinen Händen in Stücke ginge", nichtsdesto- weniger ein Dorn im Auge, und nur. thur a so, als ob er seinen Kaiser aus den Fesseln iener Regierungsoande befreien wolle—- höchst loyale Verschwörung!— Jenes �ufait-sein in Politik. sozialwissenschastlicher Ethik:c. ist reine Modesache— die Mode betet der Russe der höheren Stände geradezu an— und ist daher nur dünner Firniß. Firniß seine Sprachkenutnisse, sein(übrigens seltener) Kunstenthusiasinus.„Der Russe ist der am schwierigsten zu unterrichtende Mensch, denn er behauptet alles zu wissen; und es ist sehr schwierig, von ihm etwas zu lernen, denn er erfindet (lügt) mit niemals verlegener Keckheit." Der wahre Takt fehlt dem Russen: er nimmt z. B. keinen Anstand daran, seinem Gaste oder gar einer Person in seinem Solde, im Spiele kolossale Summen abzunehmen._ Der russischen höheren Gesellschaft fehlt aller und jeder inoralische Halt, wie schon aus ihrer absoluteu Respektlosigkeit vor der Wahrheit hervorgeht. Der wahre hnmani- täre Bildungsstand, sagt Grenv. Murray treffend, zeigt sich aber in der Behandlung politischer Verbrecher: kein Russe hat auch nur eine Ahnung davon, daß das Strafmaß sich nach dem Grade des Vergehens richten müsse. Drückt man seine Verwunderung über die jahrelange Untcrsuchungshast jemandes aus, so heißt es ganz naiv:„Nun ja, er ist aber auch der Verschwörung— angeklagt!"— Als Grundursache der Verderbtheit der russischen Gesellschaft gibt Verfasser das gerade ihren'reichsten Mitgliedern aufgezwuuaene Nichtsthun an: denn da sie in keiner politischen oder sozialen Reform die Initiative ergreifen dürfen, so verzehrt sie tödtliche Langeweile und nun müssen Ausschweifungen aller Art die Leere ihres Daseins ausfüllen, und dies oft umsomehr, mit je glänzenderen Anlagen manche ausgestattet sind.— Nichts- destoweniger glimmt's überall unter der Äsche, deun„wenn die Russen wirklich einmal darauf verfallen, nachzudenken, so denken sie Uebles von ihrer Regierung." Die kindische militärische Gloirc ist es hauptsächlich, die künstlich genährte Nationaleitelkeit, die für alle die furchtbaren, abnormen Mißstände entschädigen muß und die großen Kinder bei leidlich guter Laune erhält! Denn „die Russen haben die größte, schönste, beste Armee der Welt," was nicht hindert, daß— andere Nationen auch oinc solche haben. „Aber man lasse den Ezar nur einmal gründlich geschlagen sein— und es wird sich zeigen, daß die nationale Unzufriedenheit keine oberflächliche Sacbe ist."--- So, lieber Leser, sieht's in Rußland aus, und dabei könnte ich noch zehnmal mehr erzählen!*) Aber das Allerwichtigstc glaube ich mitgetheilt zu haben, was Murrays Werk enthält. Und fragst du dich, Leser, mit einer Stelle im„Faust": Das liebe hcil'ge— russische Reich, wie hält's nur noch zusammc»? so lautet die Antwort: Wie überhaupt alle„Reiche" von heutzutage: Dank dem noch bei weitem nicht entwickelten Selbstbewußtsein der Völker, demzufolge sie sich nicht selbst organisch angehören wollen und können, sondern einen höheren Halt außer sich suchen. Das Volk in seiner Ursubstanz ist auch in Rußland nicht gerade schlecht, ivie denn das elenicutare Sein das überhaupt nicht sein kann. Man kann sich der Erwägung nicht verschließen, daß ein Volk, welches sich, nach der einen Seite, so unendlich geduldig zu seinem eigenen Ungemach mißbrauchen läßt, auch nach der andern Seite, zu seinem eigenen Vortheile und Wohlsein richtig angeleitet, die gedeihlichste Entwicklung nehmen dürfte. Volksseele ist wie Kindesseele bildsamer Stoff, dort- und dahin lenkbar.„Warum sollten die Leute arbeiten," sagt der Verfasser von Bauern eines Dorfes, die früher sämmtlich Leibeigene eines Fürsten waren,„da man sie nie gelehrt hat, daß Arbeit nutz- bringend sei?' Als Leibeigene schanzten sie' nur für ihren Herrn und jemehr sie schanzten, desto mehr wurde aus ihnen heraus- gepreßt— jetzt ist die Leibeigenschaft aufgehoben und mit ihr zugleich hält der Freigelassene die Tage der Arbeit für vorüber. Was ist daran zu verwundern?„Er würde ja arbeiten, würde ihm Arbeit geboten;" indolent wie die Leute sind,„sind sie rührig genug, wenn sie sich ein Zehnkvpekenstück verdienen können." Und im übrigen hat der Mann eine schlaue Ahnung davon, daß er durch die Verbesscruug seiner Lage nur„für den Steuereintreiber gearbeitet hätte!"— Ob aus solcher Korruption ciiic� inoralische Wiedergeburt möglich oder totales Verkommen und schließliche politische Auflösung und Vernichtung unvermeidlich ist— wer vermag das mit einiger Sicherheit vorauszubcstimmen? Reviewer. *) Ich habe nur kulturhistorisch Werthvolles zur Sprache gebracht: von gewissen politischen Tagessragen habe ich daher abgesehen. So z. B. habe ich den jüngsten russisch-türkischen Krieg beiseite gelassen, da ja, wie es„keinen Staatsinann in Europa gibt, der nicht gewußt hätte, daß der Vorwaud zu jenem, von Seiten der blutbeflecktesten Regierung der Welt, ein fauler war", auch jeder Urtheilssähige ans dem Publi- tum dies wahrlich zur genüge weiß. Glan) u Ein Kli Wer jemals in Wien in Sachers Restaurant gefrühstückt hat, muß mir beipflichten, daß die fesche Kaiserstadt an der Donau Paris, das Babylon an der Seine, nicht nur im schwiudelhaftcn Aufputz der Nichtse, die man Leckereien nennt, sondern auch in dem unverschämten Hinaufschrauben der Preise erreicht hat. Eine aufgeräumte Gesellschaft von Lebemännern frühstückt bei Sacher in dem traulichen Eckzimmer, zu dem man auf einer sebr diskreten Wendeltreppe gelangt. Die Tauben hätten uns nicht schöner zusammentragen können. Man müßte ein zweiter Kardinal Mezzofanti sein, der bekanntlich 79 Sprachen verstand, um mit jedem Genossen der Tafelrunde in seiner Muttersprache verkehren zu können. Und doch waren wir alle unter den Fittigen des Doppclaars, innerhalb der schwarzgclben Grenzpfähle, geboren und repräsentirten nur einen kleinen Bruchtheil von Äustrias vielgestaltigem Völkergewimmel. Fangen wir mit dem Senior der Gesellschaft, dem Baron von Ormay, an, um dessen braune Augen man besorgt sein mußte, wenn man die senkrecht aufgewichsten Nadelspitzen seines Schnurr- bartes ansah. Sein drollig-gemüthlichcs Deutsch hätte ihn als Magyar- ember dokumentirt, wenn es nicht schon der verschnürte Anzug gethan hätte, in dem sein stattlicher Körper wie angegossen stak. Gastfrei und reich, war er unerschöpflich im Auffinden passender und unpassender Veranlassungen von Gastereien. Ein- mal war es ein gewonnener Prozeß oder eine verlorene Wette, das andre mal ein Namens- oder Geburtstag und sofort. Heute feierten wir den Todestag seiner Frau, einer ib'antippe, die ihm vor zwei Jahren den Gefallen gethan hatte, zu sterben. Sein Nachbar zur Linken war die interessanteste Persönlich- keit von uns allen. Oesterreichs genialster Bildhauer Hans Gasser, ein moderner Diogenes, der mit Stolz erzählte, daß er noch nie Handschuhe getragen; schüchtern wie ein Kind und stark wie ein Löwe. Er war ein Kärnthner, ein Prachtexemplar jenes kernigen Bergvolkes, welches, zwischen Italiener und Slavcn eingekeilt, bis auf den heutigen Tag ungeschmälert seine deutsche Eigenart bewahrt hat. Seine mehr wie vernachlässigte Kleidung und das lange braune Haar, worauf keck ein Kalabreser saß, ließen keinen Zweifel über sein Künstlerthum aufkommen. Sprechen konnte er nicht viel, aber desto mehr trinken. Als Kuriosität führe ich an, daß ich ihn nie essen gesehen habe. Ormays Nachbar zur Rechten, Kraßnigg, obwohl von slavischcr Abkunft, ich glaube ein Kraincr, sprach und schrieb ein elegantes Deutsch und war seines Zeichens Journalist, gleich gewandt über und unter dem Feuilletonstrich. Gesucht und gefürchtet zugleich, war er eine jener katilinarischen Existenzen, welche die Wogen der Revolution entweder zum Ministerfauteuil oder auf den Laternenpfahl emporheben. Niemand wußte, wo er wohnte oder ob er überhaupt wohnte, denn heute warf er den Verdienst von mehreren Wochen zum Fenster hinaus, um morgen auf mehrere Wochen zu verschwinden, der Himmel weiß, wohin. Bezeichnend für seine pViimistischc Weltanschauung war das Feuilleton, mit welchem er ftch in Wien einführte:„Tic letzten Augenblicke eines Selbstmörders." Heute himmelstürmender Idealist und morgen cynischcr Realist—" kurz, Narziß Rameau im Frack. Die deutsche Sprache hat keine erschöpfende Bezeichnung für diese literarischen Vagabunden; der Franzose nennt sie„Bohemiens". Der Vierte im Bunde war der Rumäne Bucimnl»,„ ein geleckter Affe", welches Sobriguet(Spottname) ihm Kraßnigg oktroyirt hatte; tadellos in seiner Kleidung, was man von seinem Charakter weniger behaupten konnte. Er war Börsenmakler, Häuserspckulant, stiller Associö verschiedener Lombardgeschäfte und der Sündenbock unserer Konvivien. Meine Wenigkeit, der Komödiant, dessen Wiege am Gardascc gestanden, bildete den Schluß. Lustige Kumpane sprechen gewöhnlich nur bei der ersten Flasche von Politik, dann kommt das nnvernieidlichc Thema der Liebe auf's Tapet, mit und ohne Arabesken der Chroniqne scandaleuse. Kraßnigg, eine Autorität auf dem Gebiete der Pikanterieu, erzählte in seiner kaustischen Weise von der Opcrcttensängerin eines Vor- Iadttheaters, Namens Lcierhosf, daß sie ein Leben wie die Königin von Saba führe. „Heute Nacht ist bei ihr eingebrochen worden. Pretiosen im Wcrthe von viertausend Gulden wurden ihr gestohlen." Mit diesen d Elend. tnrbild. Worten schloß Kraßnigg seine farbcnprunkende Schilderung ä U Makart. „So was kann mir nicht Passiren," meinte Hans Gasser. „Sag' mir nur, Kraßnigg, wie erfährst du alles gleich?" fragte erstaunt Ormay.„Bist du denn der hinkende Teufel, der die Dächer der wiener Häuser aufheben kann, um bei Nacht hinunter- zuschauen?" „O nein. Bei mir geht alles mit natürlichen Dingen zu. Ich examinire die Milchweiber." „Tercmtete! Das ist originell. Werd' ich auch einmal Probiren!" „Ich sage euch, die Milchweiber und die Hausmeister sind De- tektives pur excellence. Die Polizei könnte manchmal bei ihnen in die Schule gehen," bemerkte Kraßnigg mit sardonischem Lächeln, der, wie alle Journalisten von der äußersten Linken, auf die heilige Hermandad nicht gut zu sprechen war. „Man sollte garnicht glauben, daß es den Damen vom Theater so gut geht," warf Gaffer ein und leerte seinen-Chainpagnerkelch bis auf die Nagelprobe. „Namentlich wenn sie hübsch sind," ergänzte Mephisto-Kraßnigg. „Und doch sind es Wasserlilien, die nur im Sumpfe gedeihen." Jetzt war Ormay in seinem Element. Mit beiden Händen ergriff er die Gelegenheit beim Schopf, eine Wette anzubieten, deren Ertrag beim nächsten Stelldichein in Champagner und Austern umgesetzt werden konnte. Mit den Worten:„Du siehst zu schwarz," eröffnete er den Meinnngskampf. Kraßnigg lachte wie Satan, der eine frische Seele in der Falle gefangen, und rief mit ungewöhnlicher Heftigkeit:„Meinst du? Hast du schon jemals am hellen Tage Sterne gesehen?" „Nein." „Siehst du! Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne." Ter Baron rieb sich mit der flachen Hand die weingeröthcte Stirne und entlockte mächtige Wolken seiner duftenden Havannah. Nachdem er eine Zeitlang vergeblich nachgedacht, polterte er her- aus:„Az ebatta! Ich versteh' dein Gleichnis; nicht!" „Das glaube ich. Dazu bist du zu wohlgenährt. Ich wollte damit andeuten, daß fünf Percent der Schauspieler prassen, während fünfundneunzig Percent darben." „Ich wette hundert Gulden gegen deine Elgarrcnspitze, daß es in Wien keinen Schauspieler gibt, der hungert." „Topp! Angenommen!— Heute ist Charfreitag. Da kannst du dich im, Lochst einer Spelunke auf der Wieden, die man die Komödiantenbörse nennt, vom Gegenthcil überzeuge». Dort versammeln sich die.Meerschweinchen'- Schauspieler aus jenen Städtchen, die man nur auf einer Spczialkarte findet. Ich will hängen, wenn zwei darunter sind, die sich seit vicrundzwanzig Stunden sattgegessen haben." Tie Wette wurde mit Akklamation angenommen, und nachdem der biedere Rumäne als Säckelwart die hundert Gulden nebst der Cigarrenspihc in Verwahrung genommen hatte, wurden Ormay und meine Wenigkeit zur Untersuchung des Sachverhalts im besagten„Loch" dclegirt, worauf sich die Gesellschaft trennte. Nachdem wir in des Barons Wohnung entsprechciidc Toilette gemacht hatten, um nöthigenfalls für Mimen von Styxneufiedel oder Gänserndorf gelten zu können, fuhren wir in seinem Tilbury bis an die Rückseite des Theaters an der Wien und vertieften uns am Ausgang des Papagcnogäßchcn in das Straßengewirr der„Laimgrube". Wir brauchten nicht lange zu suchen, denn bald holten wir ein Paar ein, dem man auf hundert Schritte die„Schmiere" ansah; sie ein Modell forcirter Grazie und er die Personifikation schäbiger Eleganz. Die Ophelia von Atzgers- dorf am Arm des Marquis Posa von Meidling dienten uns als Wegweiser zur Komödiantenbörse. Die„Schwemme" und das„Extrazimmer" des Gasthauses zum„Loch" unterschieden sich nicht wesentlich von allen andern wiener Etablissements gleichen Schlages, aber desto mehr das dritte Zimmer, heute Thalias Sanktuarium, sonst wohl nur zur Auf- bewahrung von Zwiebeln und andern wohlriechenden Knollen- gewächsen dienend. Für lichtbcdürftige Menschen schien das „Börsenlokal" nicht eingerichtet zu sein, denn unsere Augen mußten sich erst an das Rembrandt'scke Clair-Obscure(Hell- dunkel) gewöhnen, bevor sie eindrucksfähig wurden. Dafür war aber der erste Eindruck überwältigend. Unwillkürlich fiel mir Kaulbachs Bild„Das Narrenhaus" ein. Aehulich gruppirt saßen und standen die Männlein und Weiblein durcheinander. Als wir den günstigsten Standpunkt zu unseren Betrach- tungen gewählt zu haben glaubten, riefen wir den Kellner, was aber dieser Herr in dem traditionellen„ Schwalbenschwanz" ge- waltig übelnahm. Als wir aber zwei Seidel„Grinzinger" be- stellten, bekant er einen großen Respekt vor den„Spielern". Auch die andern Anwesenden machten lange Hälse. Zum Lobe dieses Kunstproletariats muß ich beifügen, daß die Statistik in seinen Reihen auffallend wenig Verbrecher zu konstatiren hat. Bald hätte unser Schauspielernimbus ein Loch bekommen, als der unvorsichtige Baron den Wein mit einer Zehnguldennote be- zahlen wollte. Ich applizirte ihm einen gelinden Rippenstoß und zahlte mit klingender Münze, nämlich mit Silbcrsechsern, die ich aus allen Taschen zusammensuchte. Der Ungar lachte, daß die Wände zitterten, über mein Armuthsmanöver. Uns gegenüber saß, wie wir durch den Kellner erfuhren, die komische Alte von Attnang, Fräulein Eulalia Pomeisl, mit ihren zwei Jungen. Der gutmüthige Ungar konnte das Traktiren nicht lassen und ließ für die halbwüchsigen Knaben eine Portion Kalbsbraten bringen. Rührend war die Weigerung der Mutter, auch nur davon zu kosten, bis die Kinder satt wären. Aber da konnte sie lange warten. Die Jungen entwickelten noch bei der dritten Portion eine Vernichtungsschnelligkeit, um welche sie mancher Feldherr beneiden könnte. Ter magere Knirps, der rastlos durch das Zimmer schlich, weil er kein Geld hatte, ein Seidel Bier zu bestellen, war der Charakterspieler Gifttg, zuletzt in Abbs an der Thaya. Vielleicht war er ein ehrlicher Kerl, aber er glich wie ein Ei dem andern einem Schurken. Der Glatzkopf mit dem in's Gesicht genagelten Lächeln, der mit dem vor ihm stehenden, leeren Schnapsglas liebäugelte, hieß Stnmpfmüller und war letzten Winter Zwerchfell- erschütterer in Guttenstein gewesen, wo sein berühmter Berufs- genösse Ferdinand Raimund begraben liegt. Wir wollen hoffen, daß Stumpfmüllers Leistungen den empfindlichen Raimund nicht zum„ Sichimgrabumdrehen" bewogen haben. Die hagere, fast durchsichtige Dame an seiner Seite war seine Braut, Fräulein Scholastika Stechapfel. Trotz ihres trockenen, kurz abgestoßenen Hustens hatte sie eine dauerhafte Konstitution, denn sie spielte seit 30 Jahren jugendliche Liebhaberinnen. Die Runzeln, die ihr der Griffel der Zeit in ihre Wangen gefurcht, wußte sie mit großer Fettigkeit zu verschminken._ Die„Gallmeier" von Zwcttl schäkett mit dem„Sonnenthal" von Horn und der„La Roche" von Gmunden unterhält sich mit der„Haitzinger" von Böcklabruck. In einer Ecke stellt der Direktor von Stein am Anger, Herr Hallwig, seine Gesellschaft für Bruck an der Mur zusammen. Er scheint an zurückgetretener Wäsche zu leiden, denn trotz des überheizten Zimmers ist er bis an den Hals zugeknöpft und sein Kinn ist in einem rothwollenen Shawl begraben. Jetzt wendet er sich an einen Jüngling, den Mutter Natur mit einer semitisch gesonnten, mehr wie ausgiebigen Nase ausgestattet hat, mit den Worten:„Herr Knofeles, besitzen Sie eine Taschenuhr?" „Zu dienen, Herr Direktor." „Dann können Sie die Regie führen." Und mit erhobener Stinime, damit ihn alle Anwesenden hören sollen, fährt er fort: „Ich sage Ihnen, meine Herren, dieses Wien ist ein theures Pflaster. Wenn man einige Novitäten angeschafft und etwas Vorschuß geleistet hat, sind auf Ja und Nein 10 Gulden pfutsch." Sprach's und verschwand. In der Thür karambolitte er mit einem Dicken, eine Selten- heit in der verhungerten Gesellschaft, bei dessen Anblick beifälliges Murmeln entstand. An dem Direktor von Mölk, Valentino Protzenberger, ist eine Finanzgröße verloren gegangen. Zum Millionär fehlen ihm nur die Millionen. Als er vor zwei Jahren in Langenlois die Gagen nicht zahlen konnte, hatte er den ingeniösen Ausweg getroffen, seinen Mitgliedern Aktien zu 10 Gulden, einlösbar in einer ge- wissen Zeit, zu geben. Die armen Schlucker verwertheten diese „Bons" mit Mühe und Verlust bei ihren Gläubigern, und diese mußten, als der Zahlungstermin verstrichen war, ihre Forderungen im Theater als Zuschauer„absitzen". Jetzt schritt er mit gespreizten Beinen, die mit unächten Ringen besteckten Finger in die Westentasche geklemmt, durch das Zimnier, um die vorhandene Menschenwaare zu prüfen. Sein Kennerauge hat im dunkelsten Winkel ein hübsches Mädchen entdeckt, die der Hunger von der Nähmaschine auf die weltbedeutenden Bretter treibt, vom Regen in die Traufe.„Vortreten, Mamsell!" herrschte er sie an. Die erglühende Schöne steht zitternd ans. Durch die reizende Zaghaftigkeit entwaffnet, examinitt er sie etwas weicher:„Was können Sie, mein Kind?" „Ich habe die Griseldis, Ophelia, Maria Stuart und—" „Dummes Zeug! Klassische Stücke gehören auf einen klassischen Boden. Genoveva und das Pfcfferrösel müssen Sie lernen. Wenn Sie nebstbci meine Theatergarderobe flicken wollen, sind Sie mit Kost und Logis- cngagirt. Vom Benefize können Sie Sich ein Kleid kaufen. Abgemacht!" Und er vertieft sich mit dem„Sonnenthal" von Horn in Unterhandlungen. Nach einigen Minuten sind sie handelseins. „Brauchen Sie einen Vorschuß?" frägt er den ehemaligen Handlungsbefliffenen. „Wenn ich bitten dürfte," entgegnete dieser schüchtere. �„Kellner, ein paar frankfurter Würsteln auf meine Rechnung. Schau, schau!" ruft er, nachdem er bezählt hat, und tritt in eine Fensternische.„Da sitzt ja der alte Leierhoff." Der Name elektrisirte uns und wir sahen in der angedeuteten Richtung einen verschrumpften Greis, dessen gebückten Rücken ein sehr dünner Flansrock bedeckte. Der alte Mann sah von seiner Zeitung auf, rückte die Hornbrille aus der Nase zurecht und lüpfte mit zitternden Händen das Sammctkäppchen. Ihm die Hand reichend, sagte der Direktor in einer Anwand- lung von edelmüthiger Regung:„Altes Haus, Sie können bei mir im Sommer inspiziren." Der Alte dankte und vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Die Komödiantenbörse leerte sich allmählich, nachdem jeder Topf seinen Deckel gefunden hat, wie man zu sagen pflegt. Nur Fräulein Pomeisl mit ihren Jungen, die, vv» uns aufgemuntert, fämmtliche vorhandene Semmeln vertilgt hatten, war zurückgeblieben. Baron Ormay steckt jedem Jungen zehn Gulden in die Taschen und spedirte die weinende„komische" Alte, als sie sich bedanken wollte, an die Luft. Als wir zahlten, bemerkte der Kellner, der alte Leierhoff wäre! über seiner Zeitung eingeschlafen. Wir nähern uns auf den Zehenspitzen, um zu sehen, was er gelesen hat. Vcr ihm liegt die„Morgenpost" mit der fettgedruckten Notiz, daß d an Fräulein Lcierhoff— vielleicht seiner Tochter— Pretiosen im Werthe von 1000 Gulden gestohlen worden sind. Einige Tage las man in den Zeitungen, daß im„Loch" ein Schauspieler, Namens Leierhoff, an Entkräftung gestorben sei. Die gerichtliche Sezirung habe in dessen Magen keine Spur von Nahrung gefunden. Baron Ormay hatte seine Wette verloren. * ♦ ♦ Im Sommer 1877 reiste ich von Bozen nach Berlin und wählte die längere aber interessantere' Tour durch dm- Pusterthal, um von Jnnichen aus durch eine Fußwanderung in die Zauber- welt der Dolomiten meine argzerrütteten Nerven zu stärken und in Villach mein Kind zu besuchen. Die interessanteste Gebirgsformation Europas,..welche der Schweiz gänzlich fehlt, die geisterbleichen Dolomite': mit ihren bizarren Zackenkronen Iverde ich ein andermal schildern und führe den Leser nach Villach. Für das reinliche Bcrgstädtchen,„die Perle Kä»thens am Ufer der reißenden Drau", wie es Anastasius Grün nennt, habe ich ein Extrablatt in meinem Eriunerungsalbnm. Auch diesmal strolchte ich, nachdem ich mein Töchterchen umarmt hatte, mit ungetrübtem Behagen in den steilen Straßen herum, entzifferte zum so und so vielsten male die in die Wand der Pfarrkirche eingemauerten Grabsteinlttgen und gelangte„der Nase nach" ans einen menschenleeren Platz. Das Panorama ist hier geradezu ent- zückend. Den südlichen Horizont begrenzen die bis zu 10,000 Fuß ansteigenden, kahlen und schneegefurchlen Karawanken mit ihren saftig-grünen Vorbergen des Drau- und Gailthals, und nord- westlich schließt den grandiosen Gipfelkranz der Dobratsch ab, der österreichische Rigi mit einem weißschimmernden Hotel auf seinem Rücken. Plötzlich hätte ich aufichreien mögen. Zehn Schritte vor mir stand auf einem Sandsteinsoäel mein Freund Hans Gasser, wie er leibt und lebt. Die ausfallende 'Neigung des langbehaarten Kopfes zur linken Schulter; die markirten und doch so unendlich milden Gesichtszüge; der zwei- gethcilte, ungepflegte Vollbart, ja selbst der bequeme Flausrock mit den breiten Aermeln— täuschend ähnlich im Schnitt, mir die Flecken fehleit. Auch die fettglänzende Weste und die am Knie geflickten Beinkleider hat man für die Nachwelt idealisirt. Gestützt auf einen Marmorblock halt die Linke den Meißel und die Rechte schwingt schlagbereit den Schlägel. Als ich mich an dem lieben, guten Kameraden satt gesehen hatte, eilte ich in's Kaffeehans, um nähere Erknndignngen einzuziehen. Daß mir die Inschrift am Sockel dieselben hätte erzählen können, hatte ich in der Ansregnng vergessen. Die Tarock- und Billardspieler sahen mich groß an, als ich wie eine Bombe hereinplatzte und dem hungrigsten Zeitnngskrokodil fein Futter, die Lektüre, entriß, um mir von ihm die Entstehnngs- geschichte des Denkmals erzählen zu lassen. Mein Landsmann Zanetti brachte mich mit seiner Ruhe zur Verzweiflung. Zuerst setzte er sich ans die Zeitung, damit sie ja niemand vor ihm lesen solle, dann putzte er einige Minuten sein Binoele und begann:„Waren Sie denn mit Paher und Weiprecht am lliordpol, daß Sie das nicht wissen?" Ich wußte nicht, ob ich mich schämen oder ärgern sollte, doch zog ich das letztere vor und apostrophirte meinen Freund mit den Worten:„Schießen Sie endlich los in drei Tenfelsnarnen." „Wenn Sie mich mit so mächtigen Alliirten bedrohen, so muß ich wohl." Um mich ans die Folter zu spannen, begann der Mensch sich eine Cigarette zu drehen, und nachdem er sie in aller Gemächlich. keit angezündet hatte, fuhr er fort:„So hören Sie denn. Ein furchtbares Verhängniß hat den armen Hans Gasser wie ein Blitz ans heitrem Himmel ereilt. Ein Steinsplitter drang ihm während der Arbeit unter den Daumen der rechten Hand. Er beachtete die Wunde nicht, bis sie brandig wurde. Die Aerzte stellten ihm die fürchterliche Alternative: Amputation der Hand oder Tod. Er überlegte nicht einen Augenblick und wählte den Tod. Die Gemeinde von Villach ehrte das Andenken ihres Mit- bürgers durch ein Denkmal." „Der Ring des Polykrates," murmelte ich.„Was wird wohl ans Kraßnigg geworden sein?" „Das kann ich Ihnen ganz genau sagen," warf Zanetti ein. „Kannten Sic ihn denn?" fragte ich erstaunt „Nein, aber ich habe in dem Augenblick, als sie so freundlich waren, mich zu stören, im.Wiener Tageblatt� seine Beerdigung gelesen." „Und wie hat er geendet?" „In Roth und Elend!" In Wien erfuhr ich, daß der biedere Rumäne Bneiinikln im Zuchthaus saß und daß Baron Ormay, nachdem der Krach sein Vermögen verschlungen hatte, spurlos von Wien verschwunden war. Das ist der Lauf der Welt. Dr. Trausii. Weltansstclluugsbricfe. v. (Schill»>.) Dic Vereinigten Staaten von Nordamerika haben eine Unmasse von Nähmaschinen ausgestellt, fast alle nach verschiedenen Systemen konstruirt, und außerdem eine Anzahl Werkzeugmaschinen, die dem frischen Erfindungsgciste jenseits des Ozeans große Ehre machen. Besondere Aufmerksamkeit erregen eine Schreibmaschine, dic die Form eines Klaviers hat, auf dessen Tasten die verschiedenen Buchstaben an- gegeben sind, und eine ganz neue, aber höchst einfach konstruirtc, biegsame und bewegliche Wellenleitung, welche von einem Arbeiter bequem und leicht nach jeder Richtung hingeführt werden kann. Abgesehen von diesen kleinen Maschinen und neuen mechanischen Vorrichtungen, welche die Handarbeit erjeichtern oder ersetzen, ist die diesmalige Ausstellung Amerikas im Vergleich mit Wien und Philadelphia nur außerordentlich gering und klein. Einige Dampfpumpen, die fortwährend große Quanti- täten Wassers aufsaugen, ausschütten und wieder aufsaugen, landwirth- schastliche und Holzbearbeitungsmaschinen, sowie ein großer, langer Eisen- bahnwagen mit acht Rädern, der ans doppelten Federn ruht, die das Schwanken nach allen vier Richtungen hin verhindern, sind unter den größeren Maschinen noch besonders bemerkenswerth. Das praktische Amerika scheint zu der Einsicht gelangt zu sein, daß ein allzuhäufiges Beschicken der Weltansstellnngen nicht von großem Werthe ist, und hat sich deshalb dic Kosten, welche ein Transport zahlreicher großer Maschinen erfordert, wohlweislich erspart. Dagegen hat England kaum Platz für die sielen Maschinen ge- funden, welche es herübcrgeschickt hat, obgleich diesem Lande der Raum, welcher Deutschland zuertheilt war, zuertheilt worden ist. Es ist un möglich, hier auch nur eine Uebersicht der englischen Fabrikate zu geben. Was man sich an Maschinen denken kann, ist sicherlich in einem oder in mehreren Exemplaren bei England zu finden. Da sind Maschinen zu großartigem Ackerbaubetrieb von I. Fowler in Lceds: Dampspslüge, Lokomobilen, Straßenlokomotiven?c., wie bekannt in der prächtigsten Anssührung, Dampfhämmer, hydraulische Maschinen für den Bau von Brücken und Dampskesseln, zum Nieten und Lochen der Bleche, Druckpressen, Pumpmaschincn für Bergwerke und Pulsometer, Spinnmaschinen, Bor- und Feinspinnstühle, Karden, Webstühle, Mäh-, Wollkämm- und Holzbearbeitungsmaschinen, die alle in Thätigkeit sind, ferner Schleif- maschinell mit künstlichen Schmirgelschleissteinen, und als Spezialität einige Gasmaschinen, die durch fortwährende kleinere Explosionen von Gas in Betrieb gesetzt werden, endlich auch Feuerspritzen, Lokomotiven, Eisenbahnwagen und Taucherapparale. Fast alle die Maschine», tvelche sich in den fremdländischen Abthei- lungen befinden, sind auch in der französischen vertreten, einige besser, andere weniger gut konstruirt, durchweg aber eleganter in der Form. Um Wiederholungen zu vermeiden, sehe ich von einer neuen Aufzählung ab, obgleich Frankreich zweimal soviel Maschinen ausgestellt hat, als alle andern Völker zujaminen. Man würde allein Wochen und Aionate brauchen, wenn man die Objekte, welche diese weiten Hallen enthalten, genau studiren wollte, an eine Beschreibung derselben ist garnicht zu denken, dieselbe würde möglichenfalls hundert Bände anfüllen. Der freundliche Leser muß es mir also auf's Wort glauben, wenn ich kurz- ivcg der allgemeinen Meinung Ausdruck verleihe, daß die französische Maschinenindustrie fast nach allen Richtungen hin aus der Höhe der Zeit steht und bereitivilligst die neuesten Erfindungen und Konstruktionen der fremden Länder, besonders Nordamerikas, sich einverleibt hat. Ich ! will aber doch wenigstens einige Andeutungen gebe». Wenn man von Osten in die sranzösische Maschinenhalle eintritt, so passirt man zuerst die Kolossalausstcllung in Pyramideusorm des Kupferwerkes Lavessiärc mit seine» langen Röhren und Platten. Dann folgen die Druckerei- Maschinen in schöner Auswahl. Hier werden tausende von Exemplaren des in Paris viel gelesene»„Journal illustre" vor den Augen des Publikums abgezogen; hieraus die Stempel- und Papiermaschinen. Letztere verrichten dic ioinplizirlesten Arbeiten des Faltcns, Brechens, Schneidens, Ordnens und HänsenS der Drucksachen mit großer Schnelligkeit und Exaktheit. Es folgen die Stick-, Webe-, Spinnerei- und Wirkmaschinen, die viele glänzende Proben zutage fördern, welche sofort gekauft werden können. Diesen kleineren Maschinen sind die großen, durch Dampf und komprimirte Luft getriebenen Ungeheuer benachbart, welche bei Tunnel- bauten und Bergwerken gebraucht werden, unter ihnen Gesteinsbohrer und Stoßmaschinen, welche die belgischen an Größe»och übertreffe». Nicht zu überschlagen sind auch die Hochösen- und Pochwerkmodcllc, welche durch ihre graziösen Formen auch den Laien interessiren. Elektrische Leuchtthurmapparatc, Dampfncbclfignale, dic, an der Meeres- küste aufgestellt, zehn Meilen weit hörbar sind, fehlen nicht. Plötzlich weht uns ein eiskalter Hauch an. Er kommt stoßweise aus einem 30 Centimeter breiten Rohr, welches von einer Eiskruste umkleidet ist, trotz der herrschenden Hitze. Wir stehen an einer Lufkühlungsmaschine nach dem System Giffard, welche durch komprimirte Lust in Bewegung gesetzt wird. Nun beginnen die Doppelreihen der großen Damps- maschinen, die unaushörlich klappern, hämmern, zischen und brausen. Die gewaltigen Schivungräder erzeugen einen immerwährenden Luftzug, in dem man sich erkälten kann. Zwischen diese» befindet sich, einen ruhigen Mittelpunkt bildend, die Ausstellung der Eisen- und Zinkgießcrei von L. Grados in Paris, welche hauptsächlich architektonische Zieralhcn für Kirchen, Paläste und Häuser herstellt. Run wieder Maschine» und wieder Maschinen. Unabsehbar ist ihre Anzahl. Unter ihnen große Werkzeugmaschinen, Drehbänke, Dampshebel, Fräsermaschinen, die dicke Eisenplatten wie Butterschnitten durchschneiden, Stempel-, Bau- und Dachziegelpressen, Diamantschleisereien, Stempelschncidemaschiuen, dic nach einem beliebig großen Muster Münzen, Medaillen?c. in jeder Größe fabriziren, ohne daß der Arbeiter mehr zu thun Hütte, als ein paar Schrauben auf- und zuzudrehen. Zucker-, Chokoladen- und Oel- fabriken finden hier alle Maschinen und Apparate, die zu ihren Einrichtungen nöthig sind, und zwar meistens in so großen Exemplare», daß sie fast die Höhe der 20 Meter hohen Halle erreichen. Den Be- schluß machen endlich Hausstandsmaschinen, und im nordwestlichen Pavillon des Jndustriepalastes der imposante Aufbau der Thicbaut'schcn Bronzegießerei. Dieser Aufbau ruht aus Porphyrsäulen, welche den Sockel eines großen Reiterstandbildes Karls des Großen tragen. Der ächtdeuffche Kaiser wird hier Charlemagne genannt und als erster französischer König verehrt. Zahlreiche andere Statuen in verschiedener Größe, und alle aus Bronze gegossen, umgeben das imposante Monument. Eine ähnliche Sammlung von Statuen hat auch das Eisengußwerk Val d'Osne aus die Ausstellung geschickt, doch stehen diese mehr vereinzelt in allen Theilen des Jndustriepalastes und der Gärten. Frankreich hat überhaupt, was Maschinen, Eisenbahnen, Agrikultur- und Weinproduzirungsapparate anbetrifft, mannichsaltig und im größten Maßstabe ausgestellt. Es gibt noch sehr viele einzelnstehende Häuser und Pavillons, welche derartige Ausstellungsgegenstände beherbergen. Unter diesen steht der großartige Palast der Creusot'schen Schmiede- und Gnßeisenstahlfabrik, dessen Eigenthüiner der jniigstverstorbene Ex Präsident des früheren gesetzgebenden Körpers, Schneider, war, obenan. Dieses ausgedehnte und renommirte Institut koiiturrirt erfolgreich mit dem bekannten Krupp'scheu Etablissement und verfertigt, wie dieses, hanptsäch- lich Kanonen. Zwischen beiden ist ein Wettstreit ausgebrochen, wer die größten Menschentödter fabriziren kann. Treten wir in den Pavillon ein, der sich zwischen dem Jndustriegebäude und der Seine befindet. Er ist von außen sehr hübsch und zierlich angemalt und schon von weitem erkennbar an dem großen, blauangestrichenen Dampshammer- modell, welches sich vor der Thür befindet. Das Original steht in Creusot und legt täglich Proben seiner furchtbaren Kraft ab. Im Innern des Pavillons finde» wir als Hauptschaustück eine trefflich gearbeitete große Tampfmaschine von 2640 Pferdekrast, die für ein sran- zösisches Schraubenpanzerschiff bestimmt ist. Daneben liegt, die ganze Breite des Raumes durchmessend, ein koloffaler Stahleylinder, Meter lang und 20, 250 Kilo schwer. Er wird demselben Schiffe dermaleinst als Schraubenwelle dienen. Man denke sich die Schwierigkeit, einem solchen Stahleylinder die gleichartige Festigkeit und Ebenmäßigkeit zu geben! Auch Panzerplatten von fast 1 Meter Ticke, auf einem Stück der Schiffswand montirt, kann man hier mit Entsetzen bewundern. Wie grausam und thierisch muß der Mensch noch im l9. Jahrhundert sein, wenn er solche Schutzwände vor den Angriffen seines„lieben Nächsten", der gleich ihm stets humane Phrasen im Munde führt, nöthig hat. Ja, er hat sie nöthig, denn in der Erfindung der Angriffs- waffen ist der Geist des 19. Jahrhunderts vielleicht noch srncht- und furchtbarer. Eine Kollektion von sauber gearbeiteten Kanonenröhren streckt uns ihre verderbenbringende» Oeffnungen entgegen. Das kolossalste Geschütz aus Gottes Erde wird wohl jenes 11 Meter lange, 38,000 Kilo- gramm schwere und einen halben Meter im Seelendurchmesser habende Kanonenrohr werden. Bisjetzt ist es noch nicht montirt und auch nicht ausgehöhlt, aber wie bald wird das geschehen sein, und vielleicht wird es schon in einem der nächsten Jahre Kugeln und Granaten entsenden, denen auch die stärkste Panzerplatte nicht mehr widerstehen kann. Für Laien hat diese Creusot'sche Ausstellung etwas entsetzen- und grauen- erregendes, für Kenner der Eisenindustrie verschwindet dieses Gefühl aber vor dem des Staunens über die treffliche Arbeit. Um zu zeigen, wie sest der Stahl ist, welcher zur Bearbeitung kommt, liegen zahlreiche Stangen. Platten und Fa�vneijen aus den Tischen verstreut, die sämmt- lich den Druck des riesigen Tampshammers habe» spüren müssen: einige sind zerbrochen, aber der Bruch zeigt uns deutlich die innere Ebenmäßigkeit; andere sind gekrümmt und gewunden und geben Zengniß von ihrer immensen Elastizität. Außer diesen Eisenfabrikaten befinden sich im Crenjofschen Pavillon noch sehr sauber ausgeführte kleinere und größere Modelle der ausgedehnten Fabrikräume und der Berggegend, in welcher sie liegen. Sie veranschaulichen, wie das Eisen gewonnen wird. Eine überlebensgroße Statue des verstorbenen Schneider steht an der hintern Wand, dem Portal grade gegenüber. Es ist ein Denk mal, wie nur das 19. Jahrhundert eins setzen konnte. Schneider, der willenlose Hosjchranze Napoleons III., welcher durch seine politische Feigheil und Sklavengesinnung einst die Verachtung der ganzen liberalen Welt aus sich zog, er ist es, den man hier in Eisen pomphast feiert, und weshalb? Weil er Geld hatte, weil er mit Hülfe Napoleons seine Fabrik vergrößern und immer mehr und immer mehr Geld verdienen konnte. Nicht die Arbeiter, welche die trefflichen Produkte hergestellt haben, werden belorbeert, sie können Hungers sterben, wenn sie arbeits- unfähig werden, aber desto mehr der Mann, der sein Glück durch ekles Schranzenthum zu korrigiren wußte. Und das finde» jetzt dieselben Liberalen ganz natürlich, die ihn einst verspotteten und verhöhnten. Ein zweites großes Eisenindnstriewerk Frankreichs, die Gesellschaft von Commemry-Fourchambault, hat ihre Produkte, die meist aus Panzerplatten und großartigen Schmiedestücken bestehen, in einem Pavillon im südöstlichsten Theile des Marsfeldes ausgestellt. Dicht daneben befindet sich auch ein Schuppen, in welchem eine Eissabrikalionsmaschine in fortwährender Thätigkeit ist. Sie ist nach dem System Raoul Pictet & Comp, ausgebaut. Sie sabrizirt täglich 24,000 Kilo Eisblöcke und erzeugt die Kälte auf chemischem Wege mittels schwefligsaurem Anchydrit. Was die Franzosen an Eisenbahn- und Tramivaywagen ausgestellt haben, befindet sich hart am jenseitigen Ufer der Seine auf dem Troea- dero. Da die Schuppen etwas abseits liegen, werden sie selten von der neugierigen Menge besucht, und doch ist mancherlei Interessantes da zu sehen, zum Beispiel Lokomotiven, die von komprimirter Lust getrieben werden, Tampstramways, welche das Aeußere eineS gewöhnlichen Pserdebahnwagens haben; die Maschine befindet sich hinter sinn reichen Verkleidungen aus Blech. Einige derselben sind mit elektrischen Bremsen versehen; sobald die Räder nur ein wenig abwärts rollen, theill ein Draht dies einem Elektromagneten mit, der sofort eine Maschine in Thätigkeit setzt, welche die Bremse augenblicklich vorschiebt, und zwar mehr oder weniger, je nach der Senkung der Spur. Eine Lokomotive, die kaum zwei Meter lang ist und den Namen„Liliput" führt, sowie Lastwagen in entsprechender Größe, sind für schmalspurige Schienenwege bestimmt, leicht transportabel und werden vieljach in der Landwirth- schast und beim Bergbau gebraucht. Endlich erregen auch die Fiaker und Droschke» Aufmerksamkeit, welche nicht von Pferden gezogen, sondern mit Dampf getrieben werden. Die Maschine befindet sich hinter der Rückenlehne und das Steuer dort, wo bei einem gewöhnliche» Wagen der Kutschersitz zu sein pflegt. Diese Dampfwagen, die übrigens ganz hübsch aussehen, werden wohl noch nicht allzubald in Mode kommen, da ihre Konstruklioii sehr komplizirt ist. Es wird sich Gelegenheit finden, später noch auf einige ändere große Maschinen zurückzukommen, vorläufig kehren wir in den Jndustrie- palast zurück. Außer den beiden Maschinenhallen an den Längsseiten des Gebäudes befinden sich»och zwei hohe und breite Hallen, sogenannte Vestibules, an den Breitseiten. In der nordwestlichen Halle befinden sich der indische Schatz, die Gobelins und die Sövresfabnkate, welche ich schon erwähnt habe; die südöstliche führt den Namen„Handarbeiterhalle" und bildet einen Hanptanziehungspunkt der großen Menge, weil hier in zahlreichen Abtheilungen Handwerke vor den Augen des Publi- kums betrieben werden. In der Mitte, hinter hohen Glaswände», befindet sich eine Diamantschleiserei, die viel umstanden wird; da aber die Diamanten so klein sind, daß man sie unter den Händen der Arbeiter garnichl bemerkt, so kann man sich auch gar keine Aufklärung über die Thätigkeit der kleinen mechanischen Vorrichtungen verschaffen. Kostbar ist die Sammlung der rohen und bearbeiteten Diamanten, welche hinter doppeltem Glasverschlnß schimmern und blitzen. Weiterhin treffen wir auf Arbeiter und Arbeiterinnen, die künstliche Bluiue» fabriziren, Puppen ausputzen und eoisfiren, Elfenbein- und Knochenartikel schnitzen, Papeteriearbeiten verrichten/ Manschettenknöpfe stempeln, Bürsten binde», Taschen- feuerzeuge zusammensetzen u. s. w. Um als Lckie wirkliche Einsicht in die Fabrikation aller dieser Tinge zu erhalten, muß man sich dieselbe selbst ansehen. Wer nicht nach Paris kommen kann, wird ebensoviel lerne», wenn er die betreffenden Werkstätten in Deutschland aussucht, denn eine originelle Arbeitsmethode besitzen die pariser Arbeiter nicht. Diese Fabrikanten gehören eigentlich garnicht aus die Ausstellung, da es ihnen weniger um die Ausstellung und die Veranschaulichung der Handwerke, als vielmehr um den Verkauf ihrer Erzeugnisse zu lhun ist. Sie spekuliren eben auf die Neugierde des Fremdenpublikums, welches auch den größten Schund— um mich derb auszudrücken— kauft, sobald es nur daheim sagen kann, es habe dies und jenes Produkt auf der Ausstellung gekaust und die Fabrikation beobachtet. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, welche hier in unausgesetzter Thätigkeit sind nud sich von Hinz und Kunz anstaunen und angaffen lassen müssen, bedaure ich wirklich. Sie sitzen fast da wie auf dsm Markt in Brasilien, wo die unglücklichen Sklaven ihre Künste zeigen müssen. Ebenso wie aus diese werden auch hier ans die Arbeiter Gebote gemacht, wenn sie sich als besonders geschickt erweisen. Seltsame Eindrücke empfängt in diesem großen Handwerkersaale auch das Ohr des Besuchers. In das uu melodische Zischen, Scharren, Stampfen, Kreischen der Maschinen drängen sich die dröhnenden Töne der Orgeln, welche sich ebenfalls in demselben Räume befinden. Ein Fabriksaal, in welchem zur Erheiterung der Arbeiter Orgel gespielt wird, dürfte ganz neu sein! Kade. Bianca Eappello. lBild Seite 509.) Man muß an der Ber nunst der Weltseele zweifeln, wenn mau die Ursachen der schaffende» Natur mil ihren Wirkungen vergleicht. Ost gibt sie Männern die herrlichsten Geistesgaben, um sie verhungern zu lassen, und schüttet Fortünas Füllhorn über Dummköpfe aus. Den Frauen scheint sie mir deshalb blendende Schönheit zu verleihen, um ihre Niedertracht damit zu verdecken. Unser Bild zeigt uns auch so eine schillernde Schlange unter duftigen Blumen— Bianca Cappella. Sie übertraf an heuchlerischer Verschlagenheit sogar die berüchtigte Tochter des Papstes Alexander des Sechsten, die Giftmischerin Lukrezia Borgia. Im Jahre 1548 in Venedig als Sprößling einer hochangesehenen Adelsfamilie geboren, ließ sie sich als l7jähriges Mädchen von einem Florentiner nach seiner Baterstadt entführen. Dieser schamlose Abenteurer verlauste sie an den Herzog Francesco von Medicis und entschädigte sich in den Armen der schönen Cassandra Bongiani. Obzwar der Herzog Franeeseo von Medieis mit der Erzherzogin Johanna von Oesterreich vermählt war, installirle er dennoch Bianca Cappello im Palazzo Pitt! öffentlich als seine Maitresse. Sie beherrschte ihn von dem Augenblick, als sie ihm einen untergeschobenen Knaben als ihr Kind darbrachte. Mit der Ermordung aller Mitwisser dieser That, sowie ihres Mannes Bonaventnri und seiner Geliebten Cassandra Bongiani, betrat sie ihre blutige Lausbahn. Trotzdem die legitime Frau dem Herzog einen Sohn schenkte, deffen Geburt ihr das Leben kostete, wurde Bianca Cappello auf den Rath des herzog- lichen Beichtvaters Giambattista Venosti mit Franeeseo heimlich getraut. Die geringste mißliebige Aeußerung brachte dem Tadler der herzoglichen Schwäche den Tod. Nachdem sie auch den Sohn Johannas aus der Welt geschafft hatte, wurde ihre Tranung mit dem Herzog öffentlich, in Gegenwart der spanischen und venetianischen Gesandlschajt, vollzogen. Da die verhaßte Jntrignantin, vom Adel gemieden, nur von den Pfaffen gehalten, dem erbitterten Volke ihren nntergeschobeneii Sohn als Thronfolger nicht ausdringen konnte, suchte sie Beistand und Schutz bei einem Gesinnungsgenossen, dem präsumtiven Thronsolger, Kardinal von Medieis. Unser Bild stellt die Zusammenkunft des Kar dinals mit dem Herzog und seiner Gemahlin auf dem Lustschloß Poggio de Cajani im Jahre 1587 vor. Hier sollte die Berbrecherin ihren Meister finden. Der saubere Kardinal vergiftete die Giftmischerin sammt ihrem charakterlosen Manne. Diese jedem menschlichen Gefühl hohnsprechende Verkettung schaudererregender Thatsachen ist nicht etwa die Fiktion eines Dichters, sondern ein blutbespritztes Blatt aus der akten mäßig beglaubigten Familienchronik der Medieis. 1?r. M. T. 516 Ter Phonograph und das Mikrophon. Ein Gebiet nach dem andern verliert das Reich des Unmöglichen an seine unerbittliche Be- siegerin, die Wissenschaft. Die von der Bibel zu Wundern ausgebauschtcn Thatm des jüdischen Gesetzgebers Moses, vor denen einst der Pharao von Aegypten zitterte, schrumpsen heute zu gewöhnlichen Taschenspieler- kunststiickchen zusaninien, welche die Wissenschaft auf natürlichem Wege erklärt. Wenn jemand unfern Großeltern erzählt hätte, daß Münch- Hausens Fabel von den gcftorenen Tönen eines Waldhorns, die im ge- heizten Zimmer lustig erklangen, sich verwirklichen wird, so hätte man ihn sicherlich in's Narrenhaus gesteckt. Und doch wird es einst durch Vervollkommnung des Phonographen ermöglicht, das gesprochene Wort und den gesungenen Ton von Geschlecht zu Geschlecht fortklingen zu lassen. Sein nun einunddreißigjähriger Erfinder, der Amerikaner Thomas Alma Edison, ist ein Genie im verwegensten Sinne des Wortes, denn er hat nie eine Schule besucht. Mit eis Jahren verdiente er durch Zeitungskolportagc in Eisenbahnwaggons seinen Lebensunter- halt und gab mit 13 Jahren ein Eisenbahnjournal heraus, das er, gleich Benjamin Franklin, selbst konzipirte, setzte, druckte und kolportirte. Von seinen mageren Erspärnissen schaffte sich Edison Naturwissenschaft- liche Bücher an und richtete sich ein kleines chemisches Laboratorium ein, mit welch' letzteren, er während der Fahrt Experimente anstellte, aber auch einen Brand des Waggons durch Selbstentzündung von Phosphor verursachte, der ihn zum Aufgeben seines Zeitungsgeschäsles zwang. Nach dieser Katastrophe lernte er ohne jegliche Anleitung die Telegraphie und trat in die Dienste der Western Union Company. Als Beamter dieser Gesellschaft erfand er den Duplexapparat, vermittelst dessen die gleichzeitige Beförderung von zwei Depeschen auf demselben Drahte er- inöglicht wurde, den Gold- und Stockindicator, eine Vorrichtung, die während der Börsestunden auf sich selbst abwickelnden Papierstreisen in den nordamerikanischen Hotels und Bankhäusern die Kurse telegraphisch meldet, und schließlich den Phonographen. Dr. Julius Hinde beschreibt seine Einrichtung folgendermaßen: „Das Instrument besteht aus einer kreisrunden Scheibe starken Papiers, die ans einem Holzringe aufgespannt ist, der seinerseits in einem Schall- bccher ausmündet. Wird ein Wort in den Schallbecher hineingerufen, so geräth die Papierscheibe in zitternde Schwingungen, welche, je nach der Natur der Vokale und der Gruppirung der Konsonanten, verschieden ausfallen. Auf der Rückseite der schwingenden Scheibe befindet sich nun ein Mclallstift, dessen äußerste Spitze eine Messingwalze berührt, die mit einem Blatte weicher Zinnfolie überzogen ist und durch eine so- genannte Schraube ohne Ende sowohl um sich selbst als auch von links nach rechts vorwärts bewegt iverden kann. Wird nun die Walze gedreht und gleichzeitig die Scheibe durch lautes Sprechen in Schwin- gungen versetzt, so iverden die Vibrattonen des Sttstes von der vorbei- gleitenden Zinnfolie in Gestalt kleiner Verliesungen ausgenommen. Eine mechanische Vorrichtung gestattet alsdann die Entfernung des schreibenden Sttstes von der Walze, die man zurückdreht, worauf der Stift der Folie wieder soweit genähert wird, daß seine Spitze die Verttesungen saßt. Es muß nun, ivenn die Walze gedreht wird, der Sttft die Vertiefungen in derselben Reihenfolge passjrcn, wie er sie zuerst aufzeichnete, und in dieselben Bewegungen gerathen, in welche er durch die schwingende Scheibe versetzt wurde. Indem dies geschieht, geräth auch die Scheibe in dieselben Schwingungen, welche sie vorher dem Stifte mittheilte. Es wird also der Prozeß der Uebertragung der Schwingungen in um- gekehrter Weise wiederholt." Der unermüdlich experimentirende Edison hat die Papierscheibe gegen eine nictallene vertauscht und durch Induktion eines elektrischen Stromes den Druck, welchen das Sprechen auf die Nadel ausübt, ver- stärkt, so daß ein Flüstern eine englische Meile, und eine Stimme, die im gewöhnlichen Unterhaltungston spricht, hundert englische Meilen vernehmbar wird. Auch das Mikrophon, dessen Erfindung man fälsch- lich dem Professor Hughes zuschrieb und welches für das Ohr dieselben Dienste zu leisten verspricht, die das Mikroskop dem Auge gewährt, ist laut einer neuyorker telcgraphischen Depesche Edisons Erfindung. Der Zusammenhang des Schalles mit der Elektrizität ist durch das Mikrophon, welches die Natur in ihren geheimsten Schlupfwinkeln auffucht, zweifellos bewiesen. Das Mikrophon ist ein röhrenförmiger Behälter von Eisen mit glühend gemachter Weidenkohle gefüllt, die mit Queck- silber gemischt ist. Das Quecksilber dringt naturgemäß in die durch das Glühen lustleergewordenen Poren der Weidcnkohle und erhöht ihre Rcsvnanzsähigkeit. Ein oben und unten zugespitzter Kohlenstist, der an den Wänden des Kästchens befestigt ist, steht niit dem Leitungsdraht eines Telephons in Verbindung. Der?lpparat wird zur größtmöglichen Jsolirung auf Watte gestellt. Die Telephonleitung vermittelt meilen- weit das Ticken einer auf das Mikrophon gelegten Taschenuhr. Das Geräusch des Uhrwerks schwillt zum knarrenden Gepolter des Räder- Werks einer Mühle. Die Tritte einer Fliege, die über den röhren- förmigen Eisenbehälter des Mikrophons lief, hallten so wuchtig, als wie von einem hufeisenbeschlagcnen Thier. Dr. Richardson in London glaubt, daß das neue Schallvergrößerungsinsttument auch der Diagnose bei der Äluskultation der Lunge und des Herzens gute Dienste leisten wird.____ Dr. M. T. Analysen von einundzwanzig Haarfärbemitteln brachte vor kurzem die londoner Zeitschrift„Lancet". Davon bestanden vierzehn aus Bleilösung mit darin vertheilteni Schwefel, einige waren als„völlig unschädlich"(!) bezeichnet. Die Preise schwankten von 25 Cents bis 1 Dollar 50 Cents die Flasche. Zwei waren Bleisalz in unterschweflig saurem Natron gelöst; eins war Bleilösung, frei von Schwefelverbindungen; eins in zwei Flaschen, deren eine ammoniakalische Höllenstein lösung, die andere Pyrogallussäurc enthielt.— Die restirenden drei hatten den Zweck, die Haare heller, statt dunkler zu färben. Sie unter schieden sich nicht viel von einander; jedes bestand aus ziemlich konzcn trirtem und schwach angesäuertem Wasserstoffsuperoxyd. Dies ist im allgemeinen stets das ivirksame Agens in derartigen Präparaten und kann nicht als gisttg bezeichnet werden, wenn es auch dem Haarwuchs schädlich sein soll. Dr. B.-R. Raummangels wegen fällt die Rcdaklionotorrespondcn.c aus. c�erjtlicher QSrieffiasten. Liegnitz. D. Jene Barbiere und Hebaminen, welche jedermann auf Verlangen ein Dutzend und mehr Schröpflöpfe setzen, um„schlechtes Blut" zu entfernen, begehen, geradezu gesagt, ein Verbrechen. Die Acrztc haben seit Jahren gegen diesen Mißbrauch, der aus früheren Jahr- Hunderten stammt, geeifert; aber vergeblich. Denn nach wie vor herrscht unter der Landbevölkerung die Unsitte, sich von Zeit zu Zeit zur Ader oder schröpfen zu lassen; eine Unsitte, die nur durch ein polizeiliches Verbot ausgerottet werden kann. Dem Körper wird dadurch nänllich ein Theil seines besten Materials entzogen, dessen er zum Gedeihen bc- darf. Das Blut ersetzt sich nur sehr allmählich von neuem. Es findet also stets eine, wenn auch vorübergehende Schwächung des Körpers statt. Letztere aber wirkt direkt lebensverkürzend und legt den Keim zu späteren Leiden. Unterlassen Sie also diesen Unfug. Verlin. Jenny St. Wir haben schon wiederholt erklärt, daß Ungarwein kein Kräftigungsmittel für solche Kinder ist, die an der englischen Krankheit leiden. Ebensowenig nützt in den meisten Fällen die Zuführung von Kalkpräparatcn. Denn das Leiden wird sehr häufig durch Verdauungsstörung unterhalten, und diese zu beseitigen, ist die Aufgabe des am Orte befindlichen Arztes. Das beste Nahrungsmittel für der- artig Kranke ist die in früheren Nummern schon mehrmals von uns erwähnte Hartenstein'schc Leguminose Nr. II, in Verbindung mit Milch, und für ältere Kinder Fleischkost, Eier u. s. w. Leidet die Verdauung nicht, so ist auch Leberthran zu empfehlen.— Hrn. W. v. F. Ober- stabsarzt Dr. Fräntzel in Berlin ist Spezialarzt gegen Krankheiten der Nieren und Harnorgane. Wollen Sie Sich gefälligst an denselben wenden, da sich Ihr Leiden ohne persönliche Untersuchung nicht be- urtheilen läßt. Vresla». Karl T. Sie haben sehr recht, wenn Sie an uns die Frage stellen, warum es keine Schutzvereine für Handwerkslehrlinge gebe, denn diese seien gewiß nöthiger, als Thierschutzvereine, Missions- vereine und dergleichen mehr. Blühende Knaben und Mädchen sind leider bei ihren Meistern und Herrschasten nicht immer genügend ver- sorgt; der Geiz begehl in Bezug aus Speise und Trank manches Ver brechen an ihnen, während er sie schamlos ausbeutet; und ausgemergelt, blutlos, schwindsüchtig und bleich kehrt oftmals das vorher gesunde Kind nach wenigen Jahren wieder heim in's Elternhaus. Viele unserer sozialen Zustände sind nicht blos der Verbesserung bedürftig, sondern auch sehr leicht fähig, wenn man nur wollte. Wie wäre es z. B. mit der öffentlichen Nennung des Namens einer solchen Herrschast und der Kennzeichnung ihres Küchenzettels, nach welchem sie ihre Dienstboten speist. Das würde schon helfen. Heute werden solche Klagen, aus deren Grund hin die Polizeibehörde oft ein solches Dienstverhältniß löst, in den Akten begraben und die.„Herrschaft" trifft nicht einmal eine Sttafe. Arno B. in Meerane wolle sich dem Augenarzt Pros. Coccius in Leipzig vorstellen; Fr. Sch. in Erfurt seine Adresse angeben und den Inhalt seines Brieses dabei wiederholen. Nicht beantwortet werden konnten die Briefe von A. K. in Halberstadt, I. W. in Berlin, Louis M. in Neuyork und R. H...t in Berlin, weil ohne pcrsön- liche Untersuchung eine richttge Beurtheilung der betteffenden Krankheiten unmöglich ist. Die übrigen Korrespondenten erhielten direkte Antwort.. Dr. Resau. Anhalt. Ein verlorener Posten, Roman von R. Lavant(Schluß).— Meeresleuchten, von Dr. Leop. Jacoby(mit Jllustratton).— Modern-russijchc Zustände(Schluß).— Glanz und Elend, ein Kulturbild von Dr. M. Trausil.— Weltausstellungsbriefc.(V. Schluß.) Bianca Cappella(mit Illustration). Der Phonograph und das Mikrophon. Ueber.Haarfärbemittel. Aerztlicher Briefkasten. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzersttaße 20).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.