v,. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. -- 1878 Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften h 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Eine Zeereise und Von Dr.< I I. Warum sind Selbstbiographien und Erzählungen wirklicher Erlebnisse fast immer interessant?— Nun, doch wohl, weil der Mensch dem Menschen näher steht als alles andere, und weil niemand seine Erlebnisse zu beschreiben pflegt, als wer wirklich etwas der Rede Wertstes erlebt hat. Es gibt daneben noch andere Erklärnngsgründe— aber lassen wir sie beiseite! � Ein Abschnitt in meinem vielbewcgtcn Leben, der meiner «eercise und Auswanderung nach Texas, soll hier erzählt werden, und der Leser mag selbst nrtheilen, ob wahrheitsgetreue Schilde- rnng von Erlebnissen das Interesse, welches ein guter Roman einflößt, nicht noch übertreffen kann. Weshalb wanderte ich nach Amerika ans? Ich hatte alle meine politischen Prozesse überstanden; die ans Versuch des Hoch- dcrraths und Aufruhr lautenden mit Freisprechung, die Preß- Prozesse durch„Abbüßung" meiner„Strafen". Ich war entschlossen, solange als möglich in Deutschland auszuharren und durch un- erinüdliche Agitation im arbeitenden Volke eine bessere Zeit vor- Zubereiten, soweit es mir möglich. Als die politische Bewegung erstarrte, fand ich in der frcigcmeindlichen Agitation, als diese mir verwehrt wurde, durch volksthümlich-wissenschaftliche Vorträge nn Mittel, das im Herzogthum Altenburg und im anstoßenden Sachsen und Preußen erwachte geistige Volksleben zu fördern. vich hatte ein Mandat als Abgeordneter in's Parlament zu ttranksurt in der Tasche, und zwar für einen crzgebirgischen Wahlkreis in Sachsen, machte aber keinen Gebrauch davon, weil ich die„Wühlerei" im Volke für weit ersprießlicher hielt als alle ■pcirlaiiicntlerci. Hätte ich nun ein unabhängiges Vermögen gc- so hätte ich mcincii Vorsatz durchführen können; aber ohne alle Msttcl, außer einem gesunden Leibe und Geiste, mar ich den unersorschlichen Rathschlüssen einer Hochwohlweisen, angeerbten Regierung preisgegeben. Diese, von keiner deutschen Regierung �bcrtrossen in revolutionsfeindlicher Energie, war einmal ent- Ichlossen, mich loszuwerden, nmsomehr als ich vor 1848 eine Art Günstling der herrschenden Gewalten gewesen>var, und mein 'tainpf mit ihr um das Dableiben ging in zwei Jahren(1852) Zu Ende— die Mittel waren zu ungleich. Man ervssnetc mir Regierungsseitig, daß die königlich sächsische und die königlich preußische Regierung mir jede Betretung ihres Gebietes zu Agi- ationszwecken verboten haben, und man stellte mich im kleinen ~ �«dchen unter polizeiliche Aufsicht. Die acht freien Gemeinden, welche ich in diesem begründet ine Auswanderung. lotf Zwuai. hatte, würden mir den Lebensunterhalt gesichert haben; allein die Regierung beeinflußte zwei der Landtagsabgcordneten von unserer Majorität, ihre Farbe zu wechseln, und es ging ein Gesetz durch, wonach die Regierung die Genehmigung der Wahl eines Sprechers in freien Gemeinden zu crtheilen hatte, und als meine Wahl zur Genehmigung eingereicht wurde, erfolgte Verwerfung. Als Privatlehrer hätte ich mein Brot finden können; aber das Geben von Privatstunden wurde mir auf Grund eines alten Landesgesctzcs hin verboten, wonach blos die und die Klassen von Leuten zum Unterricht im Lande berechtigt waren. Ich schildere diese kleinlichen Vorfälle nicht weiter; ich erwähne blos zur Ehre der Altcnbnrgcr, daß mir von vermögenden Bürgern der Vorschlag gemacht wurde, sie wollten mir einen Gasthof kaufen, damit ich daselbst als Wirth agitirend unter meinen Gästen fortthätig sein könnte, und als ich dies ablehnte, weil es der Regierung nach unfern Gesetzen unbenommen sei, einem „kriminell Bestraften" die Ausübung einer Gasthofsgerechtigkcit zu untersagen, daß sie mir ein Jahresgchalt von 600 Thalern anboten, dessen Geber ich nie erfahren sollte, und für welches ich keine Verpflichtung haben sollte als zu agitireu nach Gutdünken. Dieses edle Anerbieten mußte ich ausschlagen, weil ich eine lange Dauer der Rcaktionsper.ode voraussah und bei der steten poli- zeilichen Ucbcrwachung zu wenig für dieses Geld hätte leisten können. Kurz, ich wurde aus meinem thcuren Vaterlandc hinaus- gehungert. Soweit ging die Entschlossenheit der Regierung, mich loszuwerden, daß sie mir einen Reisepaß verweigerte, um mich zu zwingen einen Auswanderungsschein und Verzicht auf mein Heimaths- und Bürgerrecht anzunehmen. Und um ihre energische Haltung bis auf den letzten Augenblick nicht zu vcr- leugnen, war bei meiner Abdampfung von Altenburg der Bahn- Hof mit Militär besetzt. Wie leicht hätte doch bei meinem Abschied- nehmen von den alten Gesinnungsfreunden eine Revolution aus- brechen können! Es ist mir leider nie gelungen zu erfahren, Ivas aus dem armen Soldaten geworden ist, welcher bei meinem Ein- steigen aus Reih und Glied stürzte, das Gewehr wegwarf und mich mit Schmerzensrufen umarmte— war das nicht als „Desertion vor dem Feinde" auszulegen?— Kurz, der Schreiber dieses bat zwar nicht die Ehre gehabt, als„polithcher Flüchtling" das liebe Vaterland meiden zu müssen; wohl aber dürfte er so ziemlich der einzige Achtundvierziger gewesen sein, welchem die Ehre einer militärischen Abschieosverherrlichung zutheil wurde. Ich bedanke mich dafür hiermit, wenn auch etwas spät. 3- ilügllsi 187«. Warum ich gerade nach Texas wollte?— Nun, mein Haupt- grund war, daß ich„kulturmiide" war, daß ich ein Bauer werden und meine Kinder zu ganz freien Menschen erziehn wollte. In einem Klima ohne eigentlichen Winter ist dies für der Handarbeit Entwöhnte leichter als in rauheren Himmelsstrichen; in Texas gab es außerdem einen billigen Anfang, deutsche Ansiedlungen und ganz naturwüchsige Verhältnisse— soviel wußte ich aus Büchern, Zeitungen und Briefen. Außerdem hatte Texas dazumal einen Anflug von Romantik, und es war bereits die zweite Heimath vieler Stndirten, Adligen und Naturforscher geworden, in deren Gesellschaft es also doch immerhin ab und zu Ent- schädigung für Arbeit und Entbehrung geben mußte. Ich hatte so viele Reisegefährten gefunden, welche willens waren, mit mir zusammen, wenn ich nur wollte, eine neue Ansiedlung zu begründen und mir die schweren Anfänge des Urbarens einer Wildniß zu erleichtern, daß ich ein ganzes Schiff mietbete, den „Hohenstaufen", Kapitän Lamke, Rheder Pokranz und Hofmann in Bremen. Wohl wissend, daß sie in Amerika nach allen Rich- tungen auseinander laufen würden, wies ich alle Verabredungen mit ihnen ab, bevor sie auf texanischem Boden angelangt und auch dann noch zusammenzubleiben einig geworden wären; ich versprach ihnen aber, für eine billige und gute Ucbcrfahrt und für guten Rath bei der Ankunft in der neuen Heimath zu sorgen. So fuhren wir in Altenburg ab, iii Leipzig noch einen letzten Händedruck mit Roßmäßlcr, in Halle mit G. A. Wislicenus, in Bremen mit Dnlon wechselnd, und waren schon tags darauf an Bord des Hohenstaufen, der nur auf uns gewartet hatte, um in See zu stechen. Als ich sechs Jahre vorher, nach längerem Aufenthalte in Rußland, über die Ostsee nach Teutschland zurück- gekehrt war, hatte ich mich in Swinemünde vor übermächtiger Rührung zu Boden geworfen und hatte die deutsche(pardon! ich hätte sagen sollen— die preußische) Erde geküßt. Diesmal packte mich keine solche Schwäche beim ewigen Abschied von dem heiß- geliebten Vaterlande. Dagegen traten mir, als ich bald darauf die Vereinigte Staaten- Flagge auf einem vorbcisegeluden Schiffe emporhissen sah— wie wohl den meisten meiner Begleiter—, die Thränen der Freude in die Augen. Wohl warfen wir, als die letzten flachen Landzungen an der Wesermündung dem Blicle entschwanden, noch manchen Blick hinter uns und gedachten der vielen zurückgelassenen Freunde, ohne deren Opferwilligkeit ich die Reise nicht hätte bestreiten können, und des Guten, das wir im Vaterland genossen; allein es galt vorwärts schauen und mit der Vergangenheit abschließen. Ich müßte auch lügen, wenn ich sagen wollte, daß ich je wieder eine Sehnsucht nach Deutschland empfunden hätte. Darnach mache man sich eine Vorstellung, was für ein hartgcsottner Sünder ich bin. Und als sollten wir im Vergessen des Erlittnen unterstützt werden, trieb uns ein überaus günstiger Wind mit solcher Schnelligkeit der neuen Hcunath entgegen, daß wir nach achtzehn Stunden Fahrt die Leuchtfeuer von Dover und Calais in Sicht, nach sechsunddreißig Stunden den Kanal hinter uns und das offene, indigofarbige Weltmeer unter uns hatten. Unser Schiff, welches erst seine zweite Fahrt machte, war ein ausgezeichneter Segler, und schon am achten Tage hatten wir die Azorcninseln passirt und waren in den Passatwind und die Aequatorialströmung eingetreten. Wir durften hoffen, die Reise nach Texas in drei Wochen beendet Zu haben. Unter diesen prächtigen Aussichten und bei dem ruhigen Gange des Schiffes gab es wenig See- kranke, und die Krankheit war nur von kurzer Dauer, alles war heitrer Laune, es wurde jeden Abend auf dem Deck getanzt, die witzigste Unterhaltung riß kaum je ab, wozu der Kapitän, ein prächtiger Geselle, nicht wenig beitrug. Ten Lebensmittelvorräthen und verkorkten Flaschen, sowohl denen im Privatbesitz, als denen des Schiffes, wurde unverhältnißmäßig stark zugesprochen, und das Trinkwasser wurde nicht geschont. Der Kapitän hatte ein paar gemästete Schweine und eine ganze Zucht Ferkel an Bord, sowie einen vollen Hühnerstall; außerdem hingen am Fockmaste, um ja solange als möglich frisches Fleisch zu haben, ein paar riesige Hinterviertel von Rindern. Dieser Vorrath ging rasch zur Neige; von den Hühnern freilich bekamen nur die Kajüte und die Kranken; das übrige frische Fleisch aber ging in gleiche Theile für alle. Hier machte ich die erste störende Erfahrung. Daß ich nicht seekrank werde, war mir zwar nichts neues; aber zum ersten male fiel die Wahrnehmung mir ivie ein Zentner auf's Herz, daß ich eigentlich meine Lebensbestimmung verfehlt habe. Ich war offenbar zum Seemann geboren— und nun war es zu spät, einer zu werden! Welche strotzende Fülle von Kraft, Unter- nchmungsgeist und Lebenslust erblühte in mir auf dem Meere! Welch' erstaunliche Eßlust und Magenlcistung zeigten sich! Ich hatte vier Kinder zuwarten und zu pflegen und die seekranke Gattin dazu und— wie man bald sehen wird— alle Hände voll zu thun, und doch fiel mir alles so leicht. Ein Seefturm— und welcher Auswaudrer hätte nicht wenigstens einen furchtbaren er lebt?— berauschte mich. Wenn alle von uns Landratten den Akuth verlieren wollten— ich hatte davon für jeden etwas übrig. Ja, ich gestehe zu meiner Beschämnng, daß mich einmal sogar der Uebcrmuth anwandelte, zwei meiner Mitreisenden in der Kajüte gleich nach einander mit Ohrfeigen dafür zu züchtigen, daß sie mich einen Lügner nannten. Es waren das freilich zwei Bourgeois, welche an allem zu tadeln fanden und mir die schuld an Nebeln beimaßen, welche von allen Seereisen mit Segelschiffen und vielen Auswandrern fast unzertreiinlicb sind. Als die Reise langwierig wurde und der Kapitän— leider zu spät— mit Wasser und Wein sparen mußte, ivollten sie mir schuldgeben, ich hätte ihnen abgerathen, ihren eignen Wein mitzunehmen. Ich leugnete das und forderte sie ans, meinen Brief-vorzuzeigen. Statt dessen erfolgte obige Beleidigung und die erwähnte Züchtigung. Ich schäme mich der letzteren, denn sie hatten sich bei jedermann so verhaßt gemacht, daß alle gegen sie Partei nahmen und ich die Beleidigung ruhig hätte einstecken können. Aber ich erwähne dieses Vorfalls zum Beweise, welchen zauberhaften Einfluß das Meer auf gewisse Naturen übt. Da war noch eine solche Natur an Bord, ein Bauer Namens Wagner aus Selka bei Schmölln, von dem ich später zu berichten haben werde. Er kletterte bis auf die Mastspitze, er lief auswendig am Schiffskörper auf der schmalen Leiste wie ein Eichhörnchen dahin, über ivelcher das „Bollwerk"(die Einfassung des Verdecks) sich erhebt, und schwang sich von einem Wandtau zum andern. Viele der Reisegefährten verrichteten Matrosendienste, wenn es schnell zu manövriren galt. Alle aber aßen mit einem Wolfshunger von ihren großen Speise vorräthcn, welche sie auf meinen ilialh mitgebracht hatten. Damals ivar die Scgclwissenschaft und Windkunde noch nickt soweit entwickelt, daß man dem Kapitän hätte zumuthen können vorauszusehen, ivas eintreten mußte. Wenn wir den Passatwind schon aus dem fünsunddreißigstcn Breitengrade vorfanden, anstatt auf dem gewohnten achtuudzwanzigsten, so konnte der Streifen, auf welchein er regelmäßig verbreitet ist, nicht bis zum fünften Grade reichen, sondern höchstens bis zum zwölften; der Kapitän aber in seiner Freude, den höchst günstigen Wind von Grad zu Grad immer stärker blasen zu sehen, gab den kürzeren Weg über die Bahamabänke mit ihren Widerwärtigkeiten auf und ivählte den längeren(zwischen Euba und San Tomingo hindurch), um mit dem Passate zugleich die Aequatorialströmung benutzen zu können und trotzdem schneller und gefahrloser seine Menschenfracht an's Ziel zu bringen. Er ging also möglichst nahe an die Linie hinan und wurde dabei durch ciuen Nordwellsturm sogar vcr schlagen, der unausgesetzt drei Tage anhielt, dann plötzlich sich legte und uns in der Gegend der Windstillen sitzen ließ. ES dauerte zlvar mehrere Tage, bis der hohe Icegang vorüber war und wir Landratten die ganze Bcscheerung merkten, die man freilich den Seeleuten anmerken konnte. Ja, selbst als das Meer ganz spiegelglatt geworden war, und eine unerträgliche Lichtfülle vom Himmel der Linie, und vom Meere zurückstrahlte, blieb noch wochenlang ein Wogen der ruhigen Wassermasse bemerkbar, wie ein leises Athmen des Ozeans. Ich vcrmuthe, daß diese Be- wegung der Aequatorialströmung auf die Rechnung zu setzen ist. Damals aber vermuthete ich dies noch nicht, und ick glaube, der Kapitän vermuthete es auch nicht. Daß wir dennoch trotz zweier Windstillen von zusammen sünfwöchentlicher Dauer langsam durch die Strömung dem Ziele näher kamen, das wußten wir nicht, oder der Kapitän fand nicht für gut, uns damit zu trösten. Man stelle sich nun die Verzweiflung dieser armen Auswandrer vor, denen die Wasserportioncn immer mehr gekürzt wurden, denen nach Aufzehrung ihrer eignen Lebensmittel die Schiffskost schlecht mundete, zumal als das Wasser ziveimal nach einander faulig wurde, denen alle Hoffnung schwand, jemals aus dieser Hölle von Hitze und Licht erlöst zu werden! 519 Die Kindersterblichkeit. Besprochen von Mazimitian Schtesinger. Wenn wir es untcriiehinen, die Aufinerksamkeit der Leser ans die Janitätsverhältnisse ini Kindcsalter zu lenken, so sind wir uns der Schwierigkeit unsrer Aufgabe ivohlbewukt. Die Statistik, auf deren Hülfe wir ausschließlich angewiesen sind, ist eine gegen- ivärtig noch so unentwickelte Wissenschaft, daß trotz der großen Verdienste, welche sich geniale Männer der Neuzeit um dieselbe erworben haben, chre Resultate zumeist nur bedingte Zuverlässig- keit besitzen und Schlußfolgerungen auf die politischen und wirth- schaftlichen Aufgaben nicht immer gestatten. Die Äenntniß dieser Thatsache muß uns- daher die größte Vorsicht überall da zur Pflicht machen, wo unser subjektives Urtheil zur Auslegung der gewonnenen Zahlen schreitet. Wenn man den Einfluß, den die Bernfsbeschäftignng des Menschen auf seine Lebensdauer ausübt, kennen lernen will, so muß man zuvörderst wissen, wie hoch das Lebensalter ist, welches von den Menschen durchschnittlich erreicht wird. Der Unterschied zwischen dem allgemeinen Durchschnitt und der Altersstufe in dem speziellen Bcrufszweige gewährt alsdann einen ersten Einblick in die schädlichen oder nützlichen Folgen der Arbeitsthätigkeit. Die mittlere Lebensdauer einer Bevölkcrungssnmme berechnet man, indem nian die Anzahl der Jahre, welche alle beobachteten Per- sonen alt wurden, durch die Zahl der Personen dividirt. Dieser Altersdurchschnitt ist nicht in allen Ländern gleich, die mittlere Lebensdauer des männlichen Geschlechts schwankt in den civili- sirten Staaten nach den nenesten Berechnungen zwischen 35 bis 40, die des weiblichen zwischen 38 bis 42 Jahren. Es wird viel darüber gestritten, ob die Lebensfähigkeit der Menschheit sich im Laufe der Jahrhunderte erhöht hat. Sicher ist, daß es in der Vergangenheit Perioden gab, in welchen infolge von verheerenden Kriegen oder Seuchen die mittlere Lebensdauer geringer war, als gegenwärtig. Indessen neigen die bedeutendsten Stati- stikcr zu der Ansicht, daß. abgesehen von allen vorübergehenden Störungen, die Lebenskraft der Menschheit heut vielleicht geringer, jedenfalls aber nicht höher ist, als in den verflossenen Zeiträumen. Wenn wir die mittlere oder wahrscheinliche Lebensdauer kennen, so ist uns einer der Faktoren gegeben, von welchen das Wachs- thnm der Bevölkerung abhängt; wenn beispielsweise die mittlere Lebensdauer 35 Jahre beträgt, so wissen wir, daß von allen gleich- zeitig gebornen Menschen die Hälfte nach vollendetem 35. Lebens- jähre gestorben sein wird. Um die Genauigkeit der festzustellenden Thatsachen zu sichern, sucht man die Berechnungen aus möglichst zahlreiche Personen und möglichst lange Zeitperiodcn auszudehnen, und vermittelt gewisse Turchschnittsziffern, die man alsdann mit einander zu vergleichen hat, um Rückschlüsse auf allgemeine öffentliche Verhältnisse aus ihnen entnehmen zu können. Um die Stcrblichkeitsgrade in den einzelnen Städten und Ländern zu erkennen, bedient� man sich eines feststehenden Begriffs, der allgemeinen Sterbeziffer. Diese erhält man. wenn man. die Zahl der innerhalb eines Jahres ge- storbencn Personen um das tausendfache vermehrt und das Pro- dukt durch die Gcsammtzahl der Bevölkerung dividirt. Hierdurch wird die Jahressterblichkeit durchweg gleichmäßig pro tausend Einwohner berechnet; um die Uebersichtlichkeit noch weiter zu er- leichtern, wird auch für die einzelnen Monate oder Wochen stets die allgemeine Jahressterblichkcit festgestellt, indem man annimmt, die betreffende Monats- oder Wochensterblichkcit daure das ganze Jahr in gleicher Weise fort. Vermittels dieser Methode kann man nach ciuheitlichcm Grundsatze kontroliren, in welchem Maß- stabe die Bewegung der Bevölkerung in verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten sich entwickelt hat. Wen» z. B. in einer Stadt von 200,000 Einwohnern 7300 Personen im Lause des Jahres gestorben sind, so ist die Sterblichkeitsziffcr gleich 36'/,. Dieselbe Ziffer würde man erhalten, wenn in dieser Stadl im Verlaufe einer Woche 140 oder während eines Monats 608 Per- sonen verschieden sind. In ähnlicher Weise berechnet man eine allgemeine Geburts- Ziffer, uni das Verhältniß der Suminc der innerhalb eines Jahres Gebornen zur Gejamintzahl der Einwohner zu erkennen. Auch hier ist die Reduktion der Bevölkerung auf die Zahl 1000 neuer- dings üblich, während die älteren Statistiker diejenige Anzahl von Personen, auf welche durchschnittlich je ein Neugeborner kam, zur Geburtsziffer machten. In der neueren Statistik zeigen Geburts- und Sterbeziffer somit den Promillcsatz der Geborenen resp. Gestorbenen an, während sie früher zeigten, wieviel lebende Einwohner ans je einen Geborenen resp. Gestorbenen kommen. Geburts- und Sterbeziffer haben für die Beurtheilung der so- zialen Verhältnisse die entgegengesetzte Bedeutung, je größer die Geburts- und je kleiner die Sterbeziffer(im neueren Sinne) sind, um so günstiger ist die Lage der Bevölkerung. Die Differenz zwischen Geburts- und Sterbeziffer ergibt die faktische Vernich- rung, beziehungsweise Verminderung der Einwohnerzahl. Eine eigenthümliche, aber nicht schwer zu erklärende Erscheinung ist es, daß jede Zunahme der Geburtsziffer sofort eine relativ vermehrte Kindersterblichkeit zur Folge hat,„gleichsam als wenn— wie Wappäus sagt— der Werth eines Kindeslebens im umgekehrten Verhältniß zu seiner Häufigkeit stehe, oder als wenn die Natur bestrebt wäre, um so weniger von den Neugeborenen zugrunde gehen zu lassen, je geringer ihre Zahl in einer Bevölkerung ist." Im großen und ganzen ist die Bewegung der Bevölkerung eine stetige und gleichmäßige, und selbst in den Schwankungen ist Regelmäßigkeit nicht zu verkennen. Die Zahl der Geburten wechselt nach der Jahreszeit und ist am größten in den Monate» Februar und September, in industriereichen Gegenden ist indeß kaum ein Unterschied zwischen den einzelnen Monaten wahrzu- nehmen. Die Todesfälle bewegen sich, wenn man zunächst von der Säuglingssterblichkeit absieht, in ganz Europa im Herbst in aufsteigender, im Frühjahr in absteigender Linie, und erreichen ihr Maximum gegen Ende des Winters, ihr M nimum gegen Ende des Sommers. Die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Altersklassen ist in den verschiedenen Ländern sehr ungleich. Im allgemeinen bc- trägt die kindliche Bevölkerung von 0 bis 15 Jahren überall etwa ein Drittel der Gesammtheit, ein Zehntel kommt rnss die Altersklassen von 15 bis 20 Jahren, der Rest, welcher sich in dem eigentlich erwerbsfähigen Alter befindet, ist noch um das Greisen- alter von über 60 Jahren zu vermindern, welches der Gesammt- heit ausmacht. Abweichungen von diesem Durchschnitt sind zahl- reich; in Amerika, sowie in den vorwiegend industriellen Städten, ferner in vielen ländlichen Bezirken nimyit das Kindesalter einen höheren als den angegebenen Antheil in Anspruch. In anderen Staaten Europas ist das Greisenalter beträchtlicher als in größeren Städten ist infolge von Einwanderung die Altersklasse von 15 bis 30 Jahren gefüllter als auf dem Lande. Auffallend gering ist die kindliche Bevölkerung in Frankreich, vornehmlich in Paris. Die wohlhabenden Stände besitzen, wie bekannt, durch- weg iveniger Kinder als die besitzlosen. Zur Erklärung dieser Schwankungen hat man auf die Ver- schiedenheiten der Rasse, des Klimas, der Beschäftigung, der Er- nährung u. s. w. hingewiesen. Es ist Thatsache, daß die Arinuth die Zeugungsfähigkeit zum mindesten nicht verringert. Es scheint vielmehr, als ob vielfach Armnth und Kinderrcichthnm sich gegen- seitig bedinge; wenn wir somit den sozialen Verhältnissen nur einen negativen Einfluß auf die Geburten einräumen �so werden wir später eine desto positivere Wirkung ans die Sterblichkeit konstatiren können. Deutschland nimmt in Bezug auf den Kinderreichthum eine mittlere Stellung ein, es ist weniger kinderreich als Kanada, die Vereinigten Staaten, Ungarn, England, Schottland und'Norwegen; überragt dagegen Belgien, die Schweiz und Italien, und gleicht etwa Oesterreich, Schweden, Dänemark und den Nieder- landen. Einzelne Gegenden Deutschlands können sich fast mit dem kinderreichen Kanada messen, z. B. die preußischen Regicrnngs- bezirke Bromberg, Marienwerder, Köslin, Posen und Oppeln, während einzelne Theile von Bayern sich französischen Zuständen nähern. Im deutschen Reich haben durchschnittlich 100 Ertverbs- fähige nicht nur für ihren eigenen Unterhalt, sondern auch für 59 Erwerbsunfähige zu sorgen, in Frankreich für 46, in Kanada für 80 Personen. Dieselbe Ungleichheit, welche wir in der Frequenz der ein- zelnen Altersklassen wahrgenommen haben, finden wir wieder, ivenn wir die Sterblichkeit der Bevölkerung mit Rücksicht ans das Lebensalter untersuchen. Selbstverständlich zahlt das Kindes- alter, einerseits wegen der großen Zahl von Kindern, andrerseits, weil der zarte Organismus der'Neugeborenen den Unbilden der ; - 520— Außenwelt nur gerinne Widerstandskraft entgegensetzen kann, den genden Jahre betrug die Zahl der Gestorbenen nur noch 10, und fiel relativ stärksten Tribut an den Tod. Auch hier sind die Ber- beständig, bis sie im 13., 14., 15. sich gleichmäßig auf je 3 Todte Hältnisse nicht überall gleich, durchschnittlich hat etwa der dritte belief. Ihren niedrigsten Stand nimmt die Sterblichkeit bis zur Theil der Menschheit mit vollendetem 14. Lebensjahr zu existiren erlangten Mannbarkeit ein, um alsdann wieder allmählich zu aufgehört. Am bedeu- tendsten ist die Sterb- l ichkeit im ersten Lebens- jähr; nach einer sehr umfassenden Berech- nung von Wappäus beträgt dieselbe den vierten Theil aller Sterbefällc, eine An- gäbe, die in einzelnen Fällen bedeutend hinter der Wirklichkeit zurück- bleibt und sie ebenso häufig überschreitet.— Dr. Pfeiffer in Weimar, dessen Zusammen- stellung wir hier viel- fach benutzen, theilt eine Anzahl von Tabellen mit, aus welchen sich ergibt, daß in gewissen deutschen Ländern, z.B. in Sachsen und Bayern, die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr über V.-i der gesammten Todesfälle absorbirte, während sie in anderen Ländern, wie Schles- wig-Holstein, zur selben Zeit noch nicht den fünften Theil betrug. Fassen wir die Todes- fälle der Säuglinge näher in's Auge, so gewahren wir auch hier eine beträchtliche Vcr- schicdcnheit und eine mit vorrückendei» Alter stets abnehmende Gefährlich- keit. Bon 100 Säuglingen sterben 25 im ersten Lebcnsmonat, iiber 10 im zweiten, und in den folgenden Monaten verringert sich die Zahl der Gestorbe- neu beständig. Ter Mensch ist unmittelbar nach seinem Eintritt in das Leben der Todes- gefahr am meisten aus- gesetzt. Ter erste Tag, die erste Woche tödtcn mehr Kinder als alle folgenden. Nach vollbrachtem ersten Lebensjahr ver- mindert sich die Wahr- scheinlichkeit eines bal- digen Todes in hohem Grade. Bedeutend ist sie immerhin noch bis zum fünften Jahre, von looo gleichzeitig Geborenen männlichen Ge- schlechts starben im Jahre 1856 in Belgien nach Quctelet: im ersten Lebensjahr 162, im zweiten 56, im dritten 30, im vierten 18, im fünften 14. Im sol- -================================================== steigen. Diese allgemeinen Verhältnisse machen sich überall geltend, von deutschen Gcbietsthcilen aus: die Provinz Posen und die es darf jedoch nicht vergessen werden, daß in den verschiedenen preußischen Regierungsbezirke Gumbinnen, Danzig, Königsberg, Bezirken und Ländern die Ergebnisse oft sehr wesentlich anders Marienwerder, Frankfurt, Breslau, Oppeln, Liegnitz, Arnsberg,■ sind. Durch hohe Gebnrts- und hohe Sterbeziffer zeichnen sich Düsseldorf und Minden; ferner der sächsische Regierungsbezirk Leipzig, Sachsen-Alten- bürg, Reuß j. L., die bayrischen Regierungs- bezirke Oberbayern, Niederbayern, Schwa- ben, Oberpfalz, Mittel- franken, Pfalz, sowie Königreich Wllrttem- bcrg, die badischenKreisc Heidelberg. Villingen und Konstanz, und Hvhcnzollcrn. Das mittlere Geburtsverhält- niß für das deutsche Reich beträgt 1872 41,26 pro mille, am niedrigsten tvar es im Regierungsbezirk Lüne- bürg: 30,96, am höchsten im Regierungs- bezirk Zwickau: 50,55; Berlin erreichte mit 42,96 etwa das Mittel. Eine höhere Fruchtbar- keit, als die hier an- gegebene, kommt nur unter ganz abnormen sozialen Verhältnissen vor. So stieg die(ik- burtszifferin demRhön- dvrf Frankenheim, nn- mittelbar nach der bc- kannten grassirenden Typhusepidcmie, auf 58 pro mille. Eine besondere Be- achtung verdienen die Todtgeburten, die nach dem Beschlüsse des neunten internationalen statistischen Kongresses nicht mehr unter den Geburten und Sterbe fällen, sondern speziell aufgeführt werden. Räch Wappäus' sehr umfangrcicherRcchnung betragen dieselben 3,78 pCt. der Geburten und 4,75 pCt. der Todes- fälle. Die Häufigkeit - der Todtgeburten hängt von der Höhe der Geburtsziffer ab, die meisten Todtgeburten ereignen sich in dem kinderreichen Rußland, ferner nehmen fabrik reiche Gegenden höhern Antheil daran, als solche, in denen Ackerbau oder Kleingewerbe überwiegen. Das Gleiche gilt wohl auch von den bis jetzt von der Statistik wenig be- rücksichtigten Sterbe- fällen, die sich kurz nach der Geburt infolge von Lebensschwäche er- eignen. ,07." Wir erwähnten oben Nach dem Gemälde von vfranz Desregger.(seUe 527.) bereits, daß die durch- 522 schnittliche Lebensdauer des weiblichen Geschlechtes höher sei, als die des männlichen, und~es erübrigt jetzt noch, einige Worte über das Äerhältniß beider Geschlechter zu einander zu sagen. Die höhere Lebensdauer des weiblichen Geschlechts würde sich schon nach der oben entwickelten Regel, daß eine hohe Geburtsziffer eine erhöhte Sterbeziffer zur Folge hat, ans der Thatsache ergeben, daß durch- weg mehr Kinder männlichen Geschlechts geboren werden(also auch eine gesteigerte Antwartschaft auf den Tod haben). Aus 21 männliche Geburten cutfallen fast in allen Ländern 20 weib- liche, trotzdem ist die Zahl der lebenden Einwohner männlichen Geschlechts überall nicht nur relativ, sondern absolut niedriger, als die Einwohnerzahl weiblichen Geschlechts: 1000 männlichen Einwohnern entsprechen 1027 weibliche. Dies ist natürlich nur dadurch möglich, daß die anfangs zahlreicheren männlichen Kinder durch eine eminent höhere Sterblichkeit hinweggerafft werden. Während nach der oben erwähnten Quetelct'schen Tabelle von tausend Knaben im ersten Lebensjahr 162 starben, starben in gleicher Zeit nur 136 Mädchen, also 26 weniger. In den fol- geuden Jahren gleicht sich das Verhältniß wieder aus, indeß tragen jedenfalls die Kriege auch im vorgeschritteneren Alter dazu bei, daß das männliche Geschlecht ungünstiger gestellt ist. Freilich ist die Sterblichkeit während und nach der Geburt schon so in- tensiv, um den Unterschied zu erklären: die männlichen Todt- geborenen sind weit häufiger als die weiblichen. Die Zahl der bei der Geburt sterbenden Knaben verhält sich zu der der Mädchen wie 3:2. Ob nach dem ersten Lebensjahr eine ähnliche Ver- schiedenheit noch existirt, darüber sind die Meinungen getheilt, in Bayern und Württemberg wird der große Mehrvorrath von Knaben schon vor diesem Zeitraum aufgezehrt, dasselbe gilt von Frankreich, in Preußen scheint die Sache anders zu liegen. Genug, die Thatsache bleibt überall dieselbe: Mehr männliche Ge- burten und weniger männliche Lebende! Ganz anders gestalten sich die Ergebnisse der Statistik, sobald wir aufhören, die Bevölkerung als ein geschlossenes Ganzes zu betrachten, sondern die sozialen Verhältnisse der Eltern, die Ber- theilung der Gestorbenen aus die verschiedenen Bcvölkerungsklassen in's Auge fassen. Alle Länder bieten uns alsdann dasselbe Bild und zeigen, daß die Kindersterblichkeit stets am höchsten ist bei unehelichen Geburten, ferner um so größer ist, je ärmer die Ellern sind, und daß die Kinder der Wohlhabenden nur in gc- ringem Grade der Gefahr eines fiühzeitigeu Todes ausgesetzt sind. Die ärmeren Klassen weisen schon eine höhere Anzahl von Todtgeburtcn auf, als die reicheren, am beträchtlichsten ist die Zahl der unehelichen Todtgcburten. Stach der Berechnung des Geh. Medizinalraths Müller waren 1863 bis 1868 in Berlin von sämmtlichen Neugeborenen unehelich.... 16,0.3 pCt., von den Todtgeboreneu......... 25,82„ von sämmtlichen Neugeborenen waren todtgeboren. 4,72„ von unehelich Neugeborenen waren todtgeboren.. 7,06„ Wappäus gibt allgemein die Zahl der unehelichen Todtgeburten doppelt so hoch als die der ehelichen an. In zweiter Reihe bringt das industrielle Proletariat den Todtgeburten den höchsten Tribut; so erreichte in der Fabrikstadt Chemnitz 1872 die Zahl der Todt- geborenen 6,4 pCt. aller Geburten, also fast das Doppelte der Durchschnittszahl. Es erscheint daher ganz gerechtfertigt, wenn 4>r. Pfeiffer in einem Aufsatz über die Kindersterblichkeit(ab- gedruckt in Gerhardts„Handbuch der Kinderkrankheiten", Bd. 1) auf Seite 552 sagt:„Die Todtgeburten sind nur in den Bezirken häufig, in denen die eigentliche Arbeiterbcvölkerung zusammen- gedrängt wohnt, die wohlhabendsten Stadltheile kennen fast keine Todtgeburten." Die soziale Lage der Eltern beeinflußt aber nicht nur das Geburtsvcrhältniß selbst, sondern auch die Lebensfähigkeit der Kinder, und wir finden, daß die Sterblichkeit der bereits Ge- borenen bei unehelichen und armen am höchsten ist und sich zu Gunsten der besitzenden Klassen stufenweise vermindert. Beginnen wir, dies an den Säuglingstodesfällen nachzuweisen. Die Sterb- lichkeit in den ersten 12 Lcbensmonatcn, nach dem Stande der Eltern, hat Wolff(Erfurt) in folgender Tabelle nachgewiesen. Bon 1000 Geboreneu starben in Erfurt im Alter von: (Schluß folgt.) Meeresleuchten. Von Dr. Leopold A a c o ö y. (Schluß.) Eine Stufe aufwärts in der Thierwelt führt uns zu den Wurzelfüßern, so genannt von den Fortsätzen ihres Protoplasma- Inhaltes, die als körnchentrageudc Scheinfüße aus dem Körper- innern heraus wurzelförmig verästelt überallhin sich erstrecken. Zu dieser Klasse wird von Eitiigcu ein Hauptrepräsentant unter den Lichterzeugern im Meere gezählt, das„funkelnde Leucht bläschcn"(Noctiluca miliaris; siehe Figur 12 a-c*). Es sind stecknadelknopsgroße Thierckien mit einem beweglichen Fortsatz ver sehen, im Innern von körnigen Schlciiusträngeu durchzogen, die man als nach innen gerichtete Schcinfüßchcn deutet. Sic sind so zahlreich vertreten, daß sie von dem leuchtenden, oberflächlich abgeschöpften Meerwasser oft über ein Viertel der ganzen Raum- masse einnehmen. Läßt man das Wasser in einem Glase zur Ruhe kommen, so vereinigen sich die Thierchen an der Oberfläche zu einer dichten Decke, die bei jedem Anstoß aufleuchtet und beim Umschütteln das ganze Glas erhellt. Sehr zahlreiche Repräsentanten der Erzeuger des Meer- leuchten? finoen wir demnächst in der großen Klasse der Quallen oder Medusen. Es sind dies jene allen Küstenanwohnern oder Mccrbesuchcrn bekannten, ganz aus gallertartiger Masse bc stehenden Thiere, deren Lebensthätigkeit. rücksichtlich der Deutung einzelner wichtiger Organe, noch vielfach räthsclhaft erscheint. Bei den Glocken- oder Scheibenqnallcn beginnt das Leuchten mit dem *) der Illustration aus S. 568 in voriger Nummer. Austreten zerstreuter Lichtpunkte auf der Glocke(siehe Figur 13), dann fließen diese Funken zusammen, sodaß die ganze Glocke leuchtet, und zuletzt erscheinen auch alle Fangsädcn des Thieres in Licht getaucht. In der Abtheilung der Rippenquallen, so ge- nannt nach einer Anzahl(vier oder acht) Reihen von schwingende», kammförmigen Plättchen, Rippen, welche die Bewegung vermitteln, ist es ein überaus zierliches Geschöpf, die Kappenqualle,(tyclippe genannt, welches besonders häufig bei Trieft das Meerleuchten verursacht. Das Thierchen gleicht völlig täuschend einem Luft ballou(siehe Figur 14) mit den beiden Ankertauen, seinen Fang- fäden, die es bald auswirft, bald einzieht. Es ist ein anziehendes Schauspiel, das Auf- und Niedersteigen dieses Thieres in seinem durchsichtigen Lcbcnsclcment in einem großen und hohen weißen Glase zu beobachten. Schon wenn man das Gefäß bei Tage unter den Tisch in den dunkeln Schatten stellt, sieht man in senk- rechten Linien an dem Ballou hellblaue Fünkchen aufglimmen; im Finstern aber leuchten diese Linien, die schwingenden Plättchen der Rippen, genau so, wie wenn die Speichcnenden eines winzigen Mühlenrades beim Umdrehen in blaue Gluth getauchte Funken sprühen. Während die eigentlichen Seesterne mit festangcwachsenen Armen(�.steriaäen) nicht leuchten, läßt die Abtheilung der Schlangensterne(Opbiure») ihre dünnen und von dem Körper beweglich abgesetzten fünf Arme bei jedem Anstoß in grünlichem Lichte flimmern und funkeln. Die runde Körperscheibe bleibt 523 dabei stets dunkel, die Lichtringe der Arme aber erscheinen, wie Möbius berichtet, unter dem Mikroskop aus parallelen Streifen zusammengesetzt, die so geordnet sind wie die zarten Muskeln zwischen den Kalkgliedern der Schlangenarme.(Siehe Figur 15.) Ganz ähnlich offenbart sich die Erscheinung bei den leuchtenden Borstenwürmern, die das Meer in großer Artenzahl beherbergt. Das Leuchten beginnt mit einer Reihe von Funken an jeder Seite des Körpers, dort wo die Füße sitzen. Werden diese in Bewegung gesetzt, so fließen die Funken in Lichtlinien zusammen, die endlich in ein vollständiges Glühen des Rückens übergehen. Auch hier scheint das Licht au die Thätigkeit der Muskeln, welche die Füße bewegen, gebunden zu sein.(Siehe Figur Ilt und 17.) Bei den Salpen(siehe Figcr 18) sind es die Eingeweide, welche durch die Haut hindurch ein grüngelbes, an Stärke aus- und abschwellendes Licht ausstrahlen.— Tie prachtvollsten Repräsentanten unter den Lichterzeugern sind die Feuerwalzen (Lz-rosomen). Eine solche Feuerwalze, wie sie Figur 19 darstellt, ist nicht etwa ein Einzclthier, sondern eine Kolonie von Thicreu, die zusammen einen oben offnen, unten geschlossenen Cylinder bilden. In diesem sind die kleinen Einzelthicrchen von länglich kegelförmiger Gestalt(siehe Figur 19a) so eingewachsen, daß der Mund gegen die Außenfläche, die Auswurfsöffnung gegen die Höhle des Cylinders gekehrt ist. Dadurch, daß die Einzelthicrchen das aufgenommene Wasser in die Höhle des Cylinders hinein- stoßen, treiben sie gemeinschaftlich die ganze Feuerwalze vorwärts. Die Pyrosomen sind die eigentlichen Glühlaternen des Meeres und von der Pracht und Stärke ihres grünlich-blauen Lichtes werden von den Beobachtern wahrhaft Wunderdinge berichtet. So erzählt von Bibra in seiner Reise nach Chile, daß er einst t!— 8 Pyrosomen fing, bei deren Licht er in einer völlig dunkeln Kajüte mit Bequemlichkeit lesen konnte. Einem Freunde, der un- wohl im Bette lag, las er aus einem kleinen zoologischen Handbuch eine kurze Beschreibung dieser Thiere bei ihrem eignen Lichte vor. Von den Meerkrustacecn sind bisher nur die winzig kleinen, durchsichtigen Krebschcu als leuchtend erkannt worden. Der Forscher Meyen, der in den Jahren 1830—32 eine Reise um die Welt machte, sah bei den Azoren unzählige Sckaaren von Saphirinen(„Silberblättchen" siehe Figur 20) in blaßgrüncm Lichte funkeln, während dieselben Thiere bei Tageslicht von oben betrachtet im Meerwasser violett mit einem rothen Kern erscheinen. Während die wenigen Arten der Wcichthiere des Meeres, an denen bisher die Erscheinung nachgewiesen wurde, nicht direkt in ihrem Körper, sondern nur vermittelst eines abgesonderten Schleiers leuchten, hat uns Bennct einen Haifisch beschrieben, der eine überaus starke Lichtcntwicklung zeigte. Ein gefangenes Thier dieser Art, welches in eine dunkle Stube gebracht wurde, gewährte ein höchst merkwürdiges Schauspiel. Der ganze untere Theil des Körpers und des Kopfes strahlte einen hellen, grünlichen Phos- phorschein aus, welcher dem durch sein eigenes Licht erleuchteten Fisch ein wahrbaft schauderhaftes Aussehen gab. Der Lichtschein war beständig und wurde durch Bewegung und Reizung nicht wesentlich erhöht. Als der Haifisch starb, was erst geschah, nach- dem er schon drei Stunden aus dem Wasser gewesen, erlosch das Licht, zuerst am Bauche und dann allmählich an den hinteren Theilen, am längsten au den Kinnladen und an den Flossen ver- iveilend. Bennet glaubte anfangs, daß der Fisch zufällig mit phosphoreszirender Materie aus dem Meere bedeckt sei! aber diese Bermuthung wurde durch eine genaure Untersuchung nicht be- flätigt, während die Gleichmäßigkeit, womit der Lichtschein einzelne Theile des Körpers überzog, seine Beständigkeit während des Lebens und sein Verschwinden nach dem Tode keinen Zweifel darüber ließ, daß die Erscheinung eine dem Thiere cigenthümliche Lebensäußerung war. Uebcr das eigentliche Wie? der Erscheinung, über die Ursache, durch welche das Leuchten in den Thiercn bewirkt wird, ist die Wissenschaft selbst noch heute keineswegs erleuchtet. Wohl haben wir bei den Schlangensternen und Würmern gesehen, daß die Lichtcntwicklung au die Muskelbewegungeu der leuchtenden Thiere anzuknüpfen scheint; und da Muskelerregung durch Elektrizität ausgelöst wird, so hat lange Zeit die Existenzannahme eines licht- erzeugenden, magncto-elcktrischcu Lebensprozesses in den Organismen bei der Erklärung eine Rolle gespielt. Humboldt meinte, es müßten die kleinen Infusorien, da sie im Salzwasser, einer stark leitenden Flüssigkeit,'lebten, einer ungeheuren elektrischen Spannung der blitzenden Organe fähig sein, um als Wasserthiere so kräftig zu leuchten. Aber mit Recht konnte Ehrenberg hervor- heben, daß eine bis zum Funkengeben erhöhte elektrische Spannung in der Tiefe des Wassers und in unsichtbar kleinen Körpern ein physikalisches Räthsel bleibt. Rur das Allgemeine wissen wir sicher, daß überall die Lebensthätigkeit der leuchtenden Organismen das bedingende Moment der Erscheinung ist. Wenn wir die That- sachc erwägen, daß das bläuliche Licht der Bohrmuscheln nach den Untersuchungen Reanmnrs am stärksten zur Zeit der Fortpflanzung ist, und wenn wir von dem mückengleichen Auf- und Niedertanzen der Leuchtorganismen hören, so werden wir gewiß dem Liebes- leben einen bedeutenden Antheil au der Pracht und der Glanzstärke des Phänomens zuschreiben dürfen; alles weitere bleibt der wissen- schaftlichen Forschung der Zukunft zu crgrünoen vorbehalten. Die Rache des Rolkstribunen. Nach dem Französischen des K. v. Mazade von Arnold Sch..... Es war in jener großen Epoche, der schönsten, wenn auch— leider— der blutigsten der ersten französischen Republik, während der Regierung jenes Ausschusses der öffentlichen Wohlfahrt (Comitö de saliit public)— welcher mit einer Hand den Feind über die Grenzen jagte, den Sieg organisirtc, wie man gesagt hat, und mit der andern die Gefängnisse stillte und die«schafsotte errichtete— als eines Tages ein junges Mädchen vor den Thoren des lssationalkonvents stehen blieb: es war schwarz und sehr ein- fach gekleidet.. In Gegenwart dieses, fiir seine Augen neuen schaiypicles, dieser aufgeregten Menschenmenge, welche in der Umgegend des Konvents auf- und abwogtc, konnte es sich nicht erwehren, seiner Aengstlichkeit offenen Ausdruck zu geben, was in dieser schrecklich bewegten Zeit gefährlich werden und Verdacht erregen konnte. Und was war diese äußere Aufregung gegen die Stürme, welche in seinem Innern tobten! Doch'wer hätte wohl an das arme fremde Mädchen gedacht?— Nach und nach wurde es ruhiger und nahm eine besonnenere Haltung an, um nicht auffällig zu er- scheinen.. Das Gedränge des Volkes nahm immer zu; die einen! gingen vorüber ohne sich aufzuhalten, viele sogar ohne sich umzu- sehen; andere suchten, mit viel Mühe, sich Eingang zur Pforte der Versammlung zu verschaffen. Bald folgte auch das Madchen diesen letztern, als wäre es von einer unsichtbare» Macht an- gezogen, und befand sich, ohne zu wissen wie das geschehen war, in, Sitzungssaale, unter der Menge von Patrioten, welche ssch durch ihre strengen, finstern Blicke auszeichneten. Im ersten Momente suchte es sich wieder zurückzuz chen, und hörte nicht ans den dumpfen Lärm, der an sein Ohr schlug. Was kümmerte das arme Mädchen all' diese Aufregung? Sein Sinn ivar anderswo, weit von dieser Versammlung, am Lager eines Gefangenen, der vielleicht bald sterben mußte— da.waren seine Gedanken, welche fast beständig Thränen in seine Augen riefen. „O, ich werde ihn retten!" murmelte es ganz leise,„ich will, ich muß ihn retten!... Warum sollte man ihn tödten? Es wäre zu schrecklich!____ Uebrigens, welches Verbrechen kann er begangen haben? Er ist unschuldig, ich bin dessen gewiß; ihn retten! Aber wie kann ich die es? Trauriges Räthsel, ivelches ewig denjenigen aufgegeben ist, welche ein liebes Haupt dem Schaffotte entreißen wollen!" In diesem Augenblicke fing das dumpfe Getöse an sich zu legen; von allen Seiten wurde Ruhe geboten; eine einzelne Stimme ertönte im Saale. Das Mädchen erbebte plötzlich, als es diese Stimnie hörte, es legte die Hand auf seine Augen und hörte mit Aufmerksamkeit zu. „Diese Stimme! dieser Mann!" rief es plötzlich aus;„o, mein Gott! Iver ist das?" „Das!"____ antwortete eine dicke Frau, mit kupferfarbenem Gesichte;„das ist der Bürger Barröre, welcher den Preußen einen Psalm vorsingt und ihnen einen Einguartirnngszettcl ausstellt...., und es lebe die Republik!____" „Er!... Bertrand!... ich hatte vergessen, es ist wahr!..." „He! he!" kicherte die Alte, indem sie ihrer Nachbarin einen satirischen Blick zuwarf,„sollte etwa der Tribun und das kleine Käuzchen?... Wer weiß?!— Siehst du," fing sie von neuem mit einem, lächerlich würdevollen Tone an,„wenn du alles genau wissen willst, das, wie du sagst, Barrere, das ist einer von den Guten; doch das bleibt sich gleich, er muß sich in acht nehmen, man muß ihm aufpassen! Das hat nicht mehr Herz als ein Huhu; er hat den Zärtlichen mit dem andern gespielt."(Der andere, das war der König Ludwig XVI.) Das junge Mädchen zitterte vor Schrecken, als es dieses hörte, und gab seine Angst durch eine unwillkürliche Bewegung zu erkennen; dennoch: lag nicht in diesen Worten selbst vielleicht ein Hoffnungsschimmer? Ja! dachte es, er ist gut!... er ist großmüthig!... Vielleicht sind nicht alle zärtlichen Erinnerungen aus seinem Gedächtniß verschwunden. Es war eine Zeit, wo er mich gern hatte!.... Und nachdenkend ließ es sein»öpfchen hängen.— Ja!... aber ist diese Vergangenheit selbst nicht gar ein Hinderniß? über- legte es weiter, und diese ganze Vergangenheit stellte sich ihm vor. Wer weiß, ob er vergessen hat, oder ob er sich nur erinnern will, um zu verzeihen? Und doch könnte er allein mir das Leben wiedergeben, indem er ihn retten würde. Mein Gott! mein Gott! wenn ich den Muth hätte!..... Ein harter Kampf schien sich in seinem Herzen zu entspinnen: Kampf zwischen Hoffnung und Furcht, zwischen Vertrauen und Verzweiflung!.... Die wild aufgeregte Sitzung dauerte fort, bald lärmend und stürmisch, dann wieder schrecklich ruhig; aber inmitten all' dieser Ereignisse und dieser Menschen sah das Mädchen nur einen Zweck und einen Mann; alles übrige war verschwunden. Endlich, sich von diesem kummervollen Traume losreißend und als hätte es plötzlich einen Entschluß gefaßt, richtete es sich ans und verließ die Versamm- lung. Es stellte sich an die Schlvelle der Thüre des Sitznngs- saales und wartete lange; niemand entschlüpfte seinen ans alle Austretenden gerichteten Augen. Stunde aus Stunde verrann, aber der Gesuchte wollte nicht erscheinen; doch plötzlich klärte sich der Blick des Mädchens ans: Bertrand Barrvre trat heraus und ging an ihm vorbei, so nahe, daß er seinen Rock streifte, doch ol>ne das arme Kind wahrzunehmen. Es folgte ihm, Schritt für Schritt, von ferne; bald, als es ihn in ein Haus eintreten sah, schlüpfte es ihm verstohlen nach; es hörte seine Schritte aus der Treppe und folgte ihm lautlos; eine Thüre ward zugemacht, da stand es an der Schwelle; seine Beine zitterten, die Furcht brach ihm alle Kräfte� einen Augenblick noch, und vielleicht sollte die Zukunft ihm wieder glücklich erscheinen; vielleicht auch erwartete es die Verzweiflung; also hat man Eile, um das letzte Wort eines Schicksals zu erfahren, und so zittert man, wenn dieses letzte Wort das Ohr treffen soll! Auch der Kühnste wird schwach in dieser Stunde. Auf ein leises Anklopfen öffnete sich die Thüre; Barrere war noch da. „Bürger!---- Mein Herr!...." stotterte es, sich vor ihm auf die Knie werfend. „Margretha Jonzac!..." rief er, das junge Mädchen auf- hebend. Trotz dem Tone der Verwunderung, lag doch im Acccnte Barröre's ein besonderes Wohlwollen; sein Gesicht strahlte vor außerordentlicher Zufriedenheit; es schien, als ob in einer un- sichtbaren Wolke ihm ein liebliches Bild aus seiner Vergangenheit erschienen sei. Die schweren Sorgen des Augenblicks verjagend, legte sich ein ruhiges Lächeln auf seine Lippen; und die Hand des Mädchens in die seinige nehmend, sprach er: „Sie hier, Margretha! Sie, an die ich so oft mit Zärtlich- keit gedacht habe." „O, Dank!" sagte Margretha.„Tank, Herr Bcrtrand! Ich weiß nicht, wie ich Sie jetzt nennen soll; ich fürchtete, von Ihnen erkannt zu werden;----' fast hätte ich nicht den Atnth gehabt, Ihnen in dieses Zimmer zu folgen!" „Wer? ich? Ich sollte mich Ihrer nicht mehr erinnern?" erwiderte Barrere.....„Obschon wichtigere Pflichten mich be- schäftigt haben, fürchten Sie dennoch nicht;— nein, ich erinnere mich, daß vor etlichen Jahren— Jahrhunderte für die Zeit in der wir leben— bei Carbes ein Kind lebte,� geschmückt mit allen Reizen, schön wie ein Engel, das Mawgrethd Jonzac hieß. Nach kurzer Bekanntschaft liebte ich dieseStKnd; ich hätte alles gegeben, um es glücklich zu sehen, und virlleicht hätte unsere Liebe die 24- Einwilligung seines Vaters erhalten; doch, waS sollte ich thun? Margrcthas Herz gehörte schon einem andern; deshalb entstand Kampf und Streit. Dieses allein habe ich vergessen, mein armes Kind; dieser Haß schläft in mir; andere Angelegenheiten haben ihn bis auf den Grund meines Herzens zurückgedrängt!" In diesem Augenblicke erschien eine leichte Wolke auf seiner Stirn. „Und Herr Ludwig von Liron?" frng er etwas ernsthafter. „Er ist hier," antwortete ganz leise das Mädchen,„im Ge- fängniß; er soll bald vor dem Richter erscheinen und vielleicht verurtheilt werden." „Im Gefängniß!?" „Aber er ist unschuldig, ich bürge dafür," fuhr Margretha eifrig fort.„Ach, ich habe nur ihn noch auf dieser Welt: mein Vater ist todt, auf seinem Sterbebette noch hat er unsere Liebe ver- flucht: Ludwig kehrte nach Paris zurück, und kaum angekommen, ward er verhaftet. Was sollte ich thun, als ich dieses erfuhr? Hoffnungslos, den Tod im Herzen, habe ich mich auf den Weg gemacht; ich wollte ihn wiedersehen, ihn retten, wenn es möglich sei. Doch was kann ich arnics und verlassenes fremdes Weib ausrichten?... Sie hat der Zufall mir in den Weg geschickt, ich bin der Vorsehung dankbar dafür. Vor einer solchen Gefahr, sagte ich mir, verschwindet alle alte Feindschaft: und ich kam zu Ihnen." „Und Sie haben wohlgethan, Margretha!... Wahr ist es," fuhr nach einer Weile das Konventsmitglied, getrieben von einer bittern Erinnerung, fort,„ich habe diesen Menschen sehr gehaßt, wegen der Demüthigungen, die er meinem Herzen angethan, weil er mir immer zu entfremden wußte, was ich in meiner Jugend mein Glück nannte; ich habe ihn gehaßt, wie man haßt, wenn man jung ist, das heißt... mit der Hitze der Unbesonnenheit. Aber, ich habe es Ihnen gesagt, dieses alles ist vergessen. Was war dieser kleine Kindcrzwist gegen die ernsten Kämpfe, an denen ich bctheiligt war? Und wenn ich nicht verziehen hätte, seit dem letzten Tage, an dem wir uns gegenüberstanden, jeder eine Waffe in der Hand, welch' günstigerer Augenblick wäre denkbar, als der jetzige, um allen Haß zu ersticken! Doch er!... Hat auch er vergessen? Ich kenne seinen alten Groll, und vielleicht—" „Ach, unterbrach ihn Margretha,„retten Sie ihn, und ich werde Ihre Füße umarmen. Wie sollte er Sie nocki hassen können, wenn er Ihnen das Leben zu verdanken haben wird." „Wir werden ihn retten; für Sie, Margretha, werden wir ihn retten, für Sie und für mich! Für mich, sage ich; niemand weiß, wie glücklich ich bin, wenn ich einem Unschuldigen das Leben retten kann. Wie viel größer ist dieses Glück, wenn es sich um ein Kind meiner Heimath handelt, um einen Mann, der geboren ist, wo meine Wiege stand, der aufgewachsen ist, wo ich aufgewachsen bin." „Wenn ich ihn nur einen Augenblick sehen könnte!?" sagte zagend das junge Mädchen. Barrere überlegte eine Weile, was er wohl thun könne. „In welches Gefängniß hat man ihn gesperrt?" fragte er. „Ich habe mich genau erkundigt," antwortete Margretha,„er ist im Gefängniß Sankt Lazarus." „Nun denn, keine Zögerung mehr!... Kommen Sie, Mar- grctha! Sie werden ihn sehen und wir werden ihn retten! Ich werde allen gegenüber gntsprechen für ihn, wie für mich selbst— Was könnte ich mehr thun?... Kommen Sie also!" „O, mein Gott, tausendmal Dank!" rief Margretha. Dank Ihnen, Herr Bertrand! Ich weiß nicht, was ich thun soll, um Ihnen meine Erkenntlichkeit auszudrücken. Ich fühle mich schon nicht mehr vor Freude, mein Glück kann von neuem blühen und Ihnen werde ich es zu verdanken haben!" Sie verließen zusammen das Haus; Bertrand Barrere und Margretha Jonzac, der Tribun und das junge Mädchen, und sie eilten nach dem Gefängniß Sankt Lazarus; sie liefen, ohne ein Wort zu sprechen, beide bewegt, doch voll Hoffnung. Die Thore des Gefängnisses öffneten sich vor dem Mitgliede des öffent- lichen Wohlfahrtsausschusses; Margretha bebte beim Geräusch der klirrenden Riegel, der kreischenden Thüren; traurige Gedanken bemächtigten sich des Mädchens, gleich einer bösen Ahnung. Wenn diese Thüren sich nicht wieder öffnen würden!— „Der Gefangene Liron!" sagte Barrere zum Gcfängnißwärtcr. „Warten Sie doch, Bürger," antwortete dieser.„Liron! Wo soll ich den nehmen? Es ist noch nicht lange— aha! jetzt weiß ich; schlechtes Zeichen für diesen," brummte er im Fortgehen. „Schlechtes Zeichen! Seine Sache wird in Ordnung sein— bah!" Margretha fühlte ihre Knie sinken bei diesen Worten, in Gegenwart dieser finstern, feuchten Mauern, wo kein Sonnen- strahl ein Atom von Leben und Hoffnung hervorrufen konnte. Während sie wartete, ging ein Mann bei ihnen vorüber, der aus dem Innern des Gefängnisses zu kommen schien; er hatte ein trocknes und unverschämtes Aussehen, und: „Ah, ah! Der Bürger Barröre!" rief er mit dreistem Tone von weitem, als er diesen erblickte. „Sie sind es, Fouquier! Wo gehen Sie denn hin?" „Ich bringe die Listen der Gefangenen, welche vor dem Gericht erscheinen müssen." „Um verurtheilt zu werden!... Lassen Sie mich doch sehen." Er nahm das Papier und las einen Augenblick.„Liron!" rief er plötzlich aus.„Es war Zeit! Was hat denn dieser Mann gethan?" fragte Barräre, indem er sich zu dem Fremden wandte. Dieser war kein anderer, als Fouquier-Tinville, der öffent- liche Ankläger. „Verdächtig!" antwortete dieser. „Und wenn ich für ihn gutsprechcn würde?" „Das hieße die Republik bestehlen,— nehmen Sic Sich in acht!"— Dann sprachen Sie leise mit einander. (Schluß folgt.) Ein Hraum. Des Traumgotts Fittig hob mich sonst empor Aus seuchtem Moderstaub der dumpfen Grüfte Hin zu des Jenseits räthselhaftem Thor. Die Erde sank und ihrer Wälder Düfte, Der buntbcschwingten Sänger Jubelchor, Der Menschen Leid verschlangen rasch die Lüfte, Im blauen Aether badend seine Schwinge, Zog mein Begleiter steigend seine Ringe. Es war ein unvergleichlich schönes Bild, Als ich im Fluge ein Asyl gefunden; Das Meer glich einem glattgeschliffnen Schild, Die Ferne schien vor meinem Aug' entschwunden, Zerstreut wie Spielzeug Städte im Gefild, Die Hochgebirge, glitzernd, steilgewunden, Blauduftumwoben schienen Riesenflossen, Vom Sonnenpurpur glühend Übergossen. Der helle Süden spielte tausend Farben, Getrennt vom Norden durch die Alpenwand, Wo sich mit Waldgrün mengt das Gold der Garben, Bis unter Frost, trotz Hellas Lavabrand, Im Schueegewand die warmen Töne starben. Zornmüthig wies des Zauberboten Hand Das Wellgetriebe mir vom Ozean Die Pyrenäen entlang bis zum Balkan. Die Freiheit drohte Rom im Frankenland Mit goldneyt Weihrauchsfasse zu erschlagen, Vom Harz zur schneegesurchten Alpenwand Hört' ich die unverdrossnen Deutschen klagen, Der Größenwahn mißbrauche ihre Hand Zu seines Aberwitzes tollem Wagen. Die Sieger tanzten um das goldne Kalb Und schwangen ihrer Feinde blut'gen Skalp. Bewirthet von dem Bampyr Ruhmeswahn Schmaust Wurm und Rabe bei der Leichenfeier Am wälderreichen Fuße des Balkan, Ein Tiger rang mit einem Lämmergeier. Dem Würger wahrt ein Panther freie Bahn, Zwei Adler sekundirten dem„Befreier"; Im Hinterhalte lauert beutelüstern Das Frettchen und der Wolf mit blut'gen Nüstern. Die abgetönte Farbenpracht der Auen Ist mit der Sonne in das Meer getaucht, In Dämmerung die Gletscher sanft verblauen, Vom Alpenglühen rosig angehaucht. Als ihr Gewand die Nacht entrollt mit Grauen Und Blut vom Schipkapaß zum Himmel raucht, Wallt aus der Nebel wie ein Hungertuch Und ferner Donner grollt— der Völker Fluch. Zu Wolken ballten sich die heißen Thräncn, Aus Samums Flügeln naht die schwarze Pest, Das Firneis floß geschmolzen durch Moränen, Die Vögel flattern kreischend aus dem Nest Und Herden flichn mit Wölfen und Hyänen, Gescheucht vom Blitz im prasselnden Geäst, Erdbeben hebt und stürzt die Felsenwändc Und lauer Regen strömt und strömt ohn' Ende. Aus seinen Ufern tritt das Meer, der Strom Verschlingt die Saat, den Mammon und die Waare; Tyrannenmacht zerstiebt wie ein Phantom, Dem Wüstling wird das Lotterbett zur Bahre; Vergeblich wankt der feiste Pfaff zum Dom, Zum Fluche wird sein Segen am Altare. Der Reiche wie der Bettler, Filz und Prasser, Sie ringen alle hülslos mit dem Wasser. Hier treibt ein Prinz auf einer Häringstonne, Ein Sträfling dort ans goldverzicrtem Thron, Umschlungen hält die Freudenmaid die Nonne, Der strenge Vater den verstoßnen Sohn; Der stille Gram, die traute Liebeswonne, Verzweiflung, Stolz und Demuth, Wahn und Hohn, Sie alle zittern aus der schwanken Planke, Umkrallt von des Gethieres blnt'ger Pranke. Mit langen Beineu kämpft im Vatikan Den letzten Strauß die krcuzgeschmückte Spinne, Dem Adlerklecblatt wie auch Galliens Hahn Raubt Müdigkeit die siegcrprobten Sinne. Nur Einer lacht im sturmgewiegtcn Kahn, Denn das Verderben wird ihm zum Gewinne. Ihn— Ahasver— bekümmert nicht die Roth, Erlöst winkt ihm der längstersehntc Tod. Den ew'gen Juden treibt der Fluth Gewalt Zum höchsten Firn. Der matte Lebensfunken Verglimmt in seiner riesigen Gestalt. Die letzte Handvoll Erde ist versunken, Des Weltgerichtes Donnerwort verhallt Und alles, was da athmete— ertrunken. Im öden Weltraum treibt, erleuchtet karg, Der fluthumhülltc Ball— ein leerer Sarg. Da bleichet um des Tages goldne Pforte. Der Sterne Demantkranz im Morgenroth. Der Wcltgeist rief aus Himmelshöh'n die Worte: „Des Daseins Räthsel löset nur der Tod! Die Freiheit jüngt im letzten Zufluchtsorte Ter Menschheit beste Lehrerin, die Roth!" Die Sündfluth unerbittlich strenger Zeit Verrauschte in dem Strom der Ewigkeit.— Ein Strahlenpfeil die Dämmerung durchbricht Und zündet goldumloht der Berge Spitzen; Durch Nebeldampf, der wallend sie umflicht, Wie Weihaltärc ihre Gletscher blitzen. Des Lebens Trieb erwacht im Sonnenlicht Und frisches Grün sprießt in den Felsenritzen. Wohl tausendstimmig steigt zum Himmelsdom Des Waldes neubelebter Liederstrom. Erstanden ist Deukalions Geschlecht, Zur Pflugschar wird der Schild, das Schwert zum Spaten; Gewalt gehl seinen Lenkern nicht vor Recht, Und seiner Henker unheilvolle Thaten Krönt nicht des Lorbeers blutiges Geflecht, Ich sehe weder Zöllner noch Soldaten. Da klirrt ein Schlüsselbund vor meiner Schwelle Und ich erwachte— in der Kerkerzelle. Max TrliufU. Ein schwarzer Philosoph. Der Afrikareisende Hermann Soyaux machte in der„Gegenwart" vor kurzei» in einem höchst interessanten Artikel mit der Ueberschrift„Nur ein Neger" eine Reihe von höchst anziehenden Mittheilungen über einen merkwürdigen Freund von sich, von denen wir im folgenden einen Auszug geben, der den Lesern der „Neuen Welt" nicht unwillkomnien sein dürfte. Beim Botanisiren hatte sich Soyaux in der schluchtenrcichcn Umgebung vonM-pungo am Dongo einmal verstiegen und wäre, als er ai5 einer äußerst gefährlichen Stelle sich bemühte, eine Farrenpflanze zu pflücken, beinahe ums Leben ge- kommen, wenn ihn Jona Gonsalves dÄzevcdo, ein Schwarzer, nicht von dem Abhang mit Gefahr seines eigenen Lebens gerettet hätte. Der Gerettete folgte dem Helfer in höchster Roth nach seiner Hütte, und wenn dieser ihn, als der Europäer Azevedo in herzlicher Dankbar- keit seinen Freund nennt, darauf aufmerksam macht, man müsse erst prüfen, ehe man mit diesem Ehrentitel jemanden auszeichne, so gab schon diese Acußerung dem Reisenden die Gewähr, daß der Schwarze wohl Werth sei, näher mit ihm bekannt zu werden. Sie kamen nun sehr häufig zusammen, und aus den bei diesen Zusammenkünften und gemeinsamen Wanderungen im Lande gepflogenen Unterhaltungen thcilt Soyaux eine Reihe von Aeußerungen mit, die uns den Beweis liesern, wie recht der Erzähler Hatte, dem Schwarzen seine Frenndschaft zu schenken. Da der Schwarze, regsamen Geistes, wie er war, fleißig an seiner eigenen Bildung gearbeitet hatte— Soyaux fand bei ihm außer reli giöscn Büchern, Landkarten, portugiesisch-englischen Wörterbüchern, auch die Werke des portugiesischen Dichters Camoens—, so werden wir uns nicht wundern über die klaren Urtheile des aftikanischen Autodidakten. Meist drehte es sich in den Gesprächen der beiden Freunde um allerlei interessante Erscheinungen, welche da zutage treten, wo europäische Kultur mit der einfachen Natürlichkeit der sogenannten„Wilden" zusammentrifft. Zunächst bringen wir einige Aeußerungen, welche sich aus die den Schwarzen von den Weißen entgegengebrachte Verachtung beziehen, und wie wenig dieselbe gerechtfertigt werden könne:„Was haben wir euch gctha», daß ihr uns Neger so tief in eurer Werth Schätzung stellt? Wir sollen nichts gethan haben, um eure Achtung zu erringen! So wie ihr Europäer euch hier in Angola zeigt, kann uns an eurer Achtung nichts liegen, sondern nur an den materiellen Vorthcilen, die wir durch euch haben könnten, die mir aber tausendfach an euch bezahlen müssen."—„Wir sollen so viele und schlechte Eigenschaften haben. Ich wüßte keine, die ihr nicht auch hättet; nur übertüncht ihr sie, ihr sagt, aus Liebe zum Besseren. Diese Liebe wird aber wohl anfänglich in der Furcht vor Bestrafung(ich schließe das nach dem, was ich an Kindern der Weißen gesehen) und in euren geregelten Ver- Hältnissen wurzeln. Uns fehlen geregelte Verhältnisse, seit— ihr im La n d c seid!! Wo noch kein Weißer war oder wo euer Einfluß noch nicht hinreicht, leben im Innern glückliche Stämme in geordneten Ver- Hältnissen!" Von welcher seinen Beobachtungsgabe zeugt ferner folgende Be- merkung, welche Azevedo machte, als von der Häßlichkeit der Neger die Rede war:„Auch wir Neger können einmal schöner werden! Sic sprachen einmal davon, daß Ihre vornehmeren und seiner gebildeten Europäer,' denen ja gewöhnlich auch größere Lebensbequemlichkciten geboten sind, sich auch körperlich vortheilhaft hervorheben. Ich ein sinne mich, daß ich bei meinem letzten Aufenthalt im Süden, bei den M-balundns, einem nach unseren Begriffen gut regierten Stamme, einer Volksversammlung unter dem Vorsitz der 53 Makotas(etwa eure Re Präsentanten) und 86 Sobas, Ortsvorstchcrn, beiwohnte. Alle die Würdenträger zeichneten sich durch hellere Hautfarbe und durch den äußeren Schein aus, den ihnen vornehmeres Leben und die Kopfarbeit, zu welcher sie die Sorge für ihre Unterthanen zwingt, aus das Gesicht prägt; ja, ich vermochte sogar ihre Verwandten, die unter dem ge wöhnlichcn Volke verstreut standen, zu erkennen.— Die M balundus sind überhaupt ein besserer Volksstami», weil sie sich am längsten von der Berührung mit den Weißen ferngehalten haben." .??c!u keilen da nicht die Pizarro und andere„Vorkämpfer der Civilisation" ein! Wir denken dabei auch an de», sy schnell mit Flinten und Kanonen gegen die„Wilden" operircnden Stanley, der, wie es scheint, seinem Borgänger Livingstone so unähnlich ist! Die Kulpir- Proben, welche die Europäer in jenen Ländern gegeben haben, dürften für die Ureinwohner genügen, in dem Weißen gleichzeitig einen Feind zu erblicken und ihn scrnzuhaltcn sich zu bestreben. Auch über die kulturellen Wirkungen des Christen th ums finden wir Dinge, so edel, schön und großartig, daß man glauben möchte, der Afrikaner sei bei Lessings„Nathan" in die Schule gegangen. „Was nutzen uns eure Missionen? Die Ncgcrkinder, die in ihnen erzogen werden, taugen zu garnichts; sie schreiben und lesen und beten ihr Paternoster. Aber sie haben vergessen, daß ihre Eltern Neger sind; sie schämen sich, daß sie eine schwarze Haut haben, und verachten ihre Brüder. Dabei haben sie verlernt, ivas für ein Negerleben nöthig ist. Sic lassen sich von den verachteten Ihren ernähren und thnn sehr weise. Von Arbeit haben sie gar keine Vorstellung. Daran wird wohl auch die Erziehung schuld tragen! Sie haben nicht einmal gelernt: Liebe deinen Nächsten! Christus wird unter dem.Nächsten' ivohl auch uns Neger verstanden haben." Schließlich wünschte Azdvedo:„Schickt uns keine Missionäre, schickt uns fromme Arbeiter, schickt uns ehrliche Männer, die bei ihrer Arbeit auch an uns, nicht nur an sich denken!" „Wie unklug sind eure Priester!" ruft Azevedo bei anderer Gelegen- heit aus.„Was versteht der Neger, wenn er auch sogenannter Christ ist, von einem Wort aus der Bibel, welches jeder Priester nach semem eigenen Gefallen auslegt und deutet! Wozu geben sie überhaupt dem Neger die Bibel in die Hand, die soviel Unverständliches enthält, daß sie sogar euch ausgelegt werden muß? Sprecht dem Neger, dem Natur- menschen, von der Größe und Herrlichkeit unseres Allvaters, beweist sie ihm an Gottes schönen Geschöpft», an dem Palmenbaum, an der Banane, am Sternenhimmel, an den Bergen, und vor allen Dinge» am Menschen, an euch selbst und eurem Beispiel!— Was ich von den Priestern kenne, kann mich nur mit Abscheu und Ekel erfüllen; ich bc- greife die Langmuth Gottes nicht, denn seine Priester werden seine Verhöhnung! Es ist, als ob ich diesen klaren Wein in ein schmutziges Gefäß gießen wollte. Eure Priester sollten die Besten, die Voll kommensten eures Volkes sein, aber es sind die Schlechtesten, denn es sind Heuchler und Lügner, die sogar sich selbst betrügen! Sind die Priester in eurem Lande ebenso, wie ihre Mehrzahl bei uns sich zeigt, so bedaurc ich eure Kinder, die von ihnen gelehrt werden! Ich bin überzeugt, daß ich, in ihre Hände gefallen, der vollkommensten Heuchler einer geworden wäre!" „Nennen Sie jene Missionäre," sagte der schwarze Weise ein andres mal,„Verbreiter Ihrer Civilisation? Ich nicht! Sie theilen nur die selbsterfundencn Satzungen und Formeln einer Religion mit, die mit eurer Gesittung fort- oder zurückschritt; es ist, als wenn sie auf einen Käffccbaum das Reis eines Feigenbaums pflanzen wollten." Wie nahe streift an hellste Vernunfterkenntniß folgendes Wort unseres Schwarzen:„Wenn ein Gott dies All schuf, wie groß muß er sein! Ihr Gott ist nicht größer als der der Neger! Der Gott der Schwarzen, Zambi, schuf auch alles; entweder die Erzählungen von Gott sind Menschenwort, oder der Gott der Bibel ist der Gott der Neger!" Weiter rcflektirt er:„Wie mag es wohl mit dem Christenthum aussehen, wenn es einige Jahrtausende älter ist? Das Christenthum von heute ist das Werk seiner Priester; ich glaube, wenn Christus jetzt auf die Welt käme, er würde recht traurig sein, er würde zürnen über seine Priester, wenigstens über solche, wie ich sie hier in Angola kenne. Bei euch mögen sie besser sein, aber sind nicht grade hier die besten nöthig? Wissen Sie, wer mich an Christus erinnert? Ihr— oder unser Livingstone! Wie ich den Mann bewundere! Er ist ein groß artiger Held; er allein mit seinem Wort und seinem Beispiel kämpft gegen den bösen Schatten, der von seinen Brüdern, den Weißen in unserem Lande, ausgeht. Ich sah ihn vor Jahren hier durch M-pungo am Dongo kommen; durch jene Straße zog er, von ein paar treuen Negern begleitet, die einige kleine, gelbe Blechkoffcr trugen. Seine schärfste Waffe, feine Ausrüstung ruhte in seinem Herzen. Als ich im Süden und im Osten war, hörte ich von dem.Weißen mit der Mütze', alle Neger hatten ihn lieb; warum kann es nicht mit allen Weißen so sein?"— Ja, fürwahr, es könnte, es sollte mit allen Weißen so sein, aber tief beschämt müssen wir gestehen, daß es eben leider nicht so ist! Beschämt müssen wir die Augen niederschlagen vor diesem„Wilden", der so schwerwiegende Anklagen und Vorwürfe gegen die civilisirten Kulturvölker vorbringt, denen Ivir kaum etwas Stichhaltiges zu ent gegnen haben. Er erinnert uns lebhaft an das Austreten Midhat Paschas, des Türken, in den« Gelehrtenvcrein der Positivisten in Paris! Man möchte fast glauben, das alte Europa habe jenen Völkern nichts mehr zu lehren, wohl aber könne es mit großem Nutzen bei ihnen in die Lehre gehe». Wir schließen mit einem bedeutenden, ebenso ivahren als dichterisch schönen Ausspruch unseres Afrikaners, in welchem er Wesen und Werth der ihm zu Gesicht gekommenen europäischen Kultur, oder vielmehr tlebcrkultur, hart, aber gerecht beurthcilt: „Mit eurer Kultur kommt es mir vor, wie mit Tabaksrauch in einem schönen Zimmer: anfangs sieht er schön blau aus, er duftet so angenehm, später aber � stinkt es im Zimmer!" vt. Zum Seelenleben der Thiere. Als ich in früheren Jahren die „Gartenlaube" noch regelmäßig las, brachte dieselbe, wie ich mich ent sinne, in ihren„Blätter und Blüthen" öfter kleine Skizzen aus dem Thierleben, unter der Bezeichnung„Instinkt oder Ueberlegung?" Sie überließ, auch wenn sie noch so frappante Beispiele einer gewissen Denk thätigkeit der Thiere zu erwähnen wußte, das Urtheil dem geneigt Leser, auf welche Seite, ob aus die des Instinkts oder die der Ueb' legung oder der Denkfähigkeit des betretenden Thieres, von wel die Skizze handelte, er sich stellen»volle. Seit der Zeit nun, seit w ich die„Gartenlaube" nicht mehr lese, habe ich mich zufällig meh eingehender mit dem Seelenleben der Thiere beschäftigt, nur allem Beobachtung im täglichen Leben, und vieles ist mir von jetzt st als aus Wahrnehmungen früherer Zeit klarer geworden. Hicrz kurze Geschichte. In den sechziger Jahren arbeitete ich in einer größeren sabrik in Berlin(Gesundbrunnen). Vor der eine» Thür der durch die eine Menge Arbeiter aus- und eingingen, lag an d> ein Hund, dem es jämmerlich schlecht ging. Nicht nur war armen Thier durch die alles besser wissenden und die Natur verh