JI240. Jahrein Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Eine Seereise und eine Auswanderung. � Von Dr. Adolf Douai. II. Wer da von den vielen Schiffsmannschaften gelesen hatte, welche in diesem Gnrtel der Windstillen elend verdurstet, oder zugleich verhungert und verdurstet waren, dem konnte es bei diesem langen, regungslosen Stillliegen des Schiffes, diesem leb- losen Zustande der umgebenden stiatnr, diesem Verschwundensein aller lebenden Wesen, außer uns selbst, dieser Sonnengluth, diesem Lichtmeerc, diesem Durste, dieser Aussichtslosigkeit angst und bange werden. Ich wußte davon, schwieg aber darüber, um nicht zu cutmuthigen. Ich wußte auch, daß an keiner Stelle des Meeres der Boden so mit Mcnschenlcichen gepflastert ist, wie gerade dort; denn wir waren ja hier auf der großen Heerstraße des Neger- sklavenhandels. Binnen den drei Jahrhunderten, in denen er geblüht hat, sind hier nach müßiger Berechnung hundert Millionen gewaltsam aus Afrika entführter Neger der Sklaverei in Amerika entgegcngcführt worden, zu vielen Hunderten im engen Schiffs- räume verschlossen, ja gefesselt, elend genährt, schlecht getränkt, aus Mangel frischer Luft verschmachtend, täglich mißhandelt, oft, wenn sie in ihrer Verzweiflung aufrührerisch ivurden, aus Kanonen mit gehacktem Blei beschossen, selten unter zlvci Monaten unterwegs, oft ein halbes Jahr infolge der Windstillen, tvclche dicht am Aequator vorherrschen, so daß durchschnittlich kein ganzes Drittel aus diesen Qualen ihr Leben rettete. Davon mußte man vor unfern Auswanderern natürlich ganz schweigen. Obwohl diese nämlich weit besser daran waren, nicht nur als jene armen Neger, ja selbst als die Insassen der allermeisten Auswandererschiffe, halfen alle unsere Erhcitcrungsinittel und Hoffnungsredcn bald nicht mehr genug, um die düstere Stimmung der Leute zu beschwören. Hatten sie darum das noch immer wohnliche Vaterland, die trauten, gewohnten Verhältnisse, die Bier- und Wasserquelle verlassen, damit sie hier verschmachten und in's Meer versenkt werden sollte», Ivo niemand ihre Grab- stätte besuchen konnte? Und wer sonst als ich war schuld daran? Dieser letztere Gedanke hätte vielleicht nicht gezündet, aber wir hatten in Bremen eingewilligt, etiva zwanzig Pfälzer und Nassauer an Bord zu nehmen, da wir reichlich Platz hatte», und dadurch unsere eignen Ueberfahrtskosten zu vermindern. Diese, durch keine Rücksichten an mich gefesselt, stifteten Unzufriedenheit in meiner engeren Landsmannschaft. Zunächst klagten sie den Kapitän, der zu einem Drittel Schiffscigenthümer war, und die Rheder der gewissenlosen und mangelhaften Ausrüstung des Schiffes aus Gewinnsucht an. Ich' suchte sie zu überzeugen, daß unsere niedrigen Fahrpreise, ein Fünftel niedriger als die damaligen Fahrpreise für die halb so lange Reise nach Nenyork, gar keinen Gewinn lassen, und daß die Fahrt für die Eigner mit Verlust verbunden sein würde, falls sie in Texas keine lohnende Rück- fracht fänden- was jeder sich selbst nachrechnen konnte; daß wir eine so billige und bisher prächtige Ueberfahrt blos erlangt hätten, weil die Rheder ihr neues Geschäft durch meine Empfeh- lung emporbringen wollten. Ich fragte sie, welchen Grund zur Klage außer dem Wassermangel sie bisher gehabt hätten— und sie verstummten, um mich nachher der Verschwörung mit dem Kapitän anzuklagen. Meine Landsleute vertheidigtcn mich da- gegen, aber wer weiß, ob sie es noch lange aethan hätten, wenn nicht nach fünf Wochen Windstille ein willkommenes Gewitter unsere Segel geschwellt und uns gerade soweit nordwärts ge- fördert hätte, daß wir wieder in den Strich des Passatwiudes kamen. Sofort bewährte sich unser Fahrzeug wieder als ein vor- trefflicher Segler, und sofort ließ der Kapitän wieder das Wasser reichlich austheilcn, dessen Fänlniß gleichzeitig zu Ende ging. Jetzt hatte Roth und Klage ein Ende, und man bedauerte offen- bar unter den Auswanderern das vorherige Benehmen. Wie wenig sie wirklichen Grund zur Klage gehabt hatten, geht aus der einfachen Thatfache hervor, daß aus der ganzen Zahl von 131 blos ein Säugling auf der Reise gestorben ist. Die armen Säuglinge können nur höchst ausnahmsweise eine Seereise über- leben; die gänzlich veränderte Lebensweise der Mütter ist Gift für sie. Wären unsere Auswanderer nicht ganz vorzüglich genährt und guten Muthes erhalten worden, so hätten die lange Wind- stille und das faulige Wasser viele Opfer hinraffen müssen. Wir waren kaum dieser Gefahr entronnen, als wir in eine neue hineinrannten. Und hieran trug ebenfalls der Mangel, den unser guter Kapitän an wissenschaftlichen seemännischen Kennt- nisscn litt, allein die Schuld. Es mag jetzt besser geworden sein— aber damals schickten Bremen und Hamburg Kapitäne auf gefahrvolle und verantwortliche Seereisen aus, welche wissen- schaftlich höchst dürftig befähigt waren. Unser Lamke war ein vor- trefflicher, praktischer Scknffsbauverständiger, Schiffsbcfehlshaber und Unternehmer. Mit Stolz sprach er davon, daß er den Bau seines„Hohenstaufen" bis in die geringste Kleinigkeit geleitet und jedes Stück Holz und Metall, jede Seilerwaare ic. besonders für ihren Zweck ausgesucht habe, und konnte, da ich alles genau zu wissen verlangte, über diese Zwecke befriedigende Auskunft geben. Mit einem Berufsstolze, den ich an jedem Menschen schätze, war 1 m. ,0 'tt. 10.«11(111» 187». er für die Leistungen seines Schiffes eingenommen— und diese sprachen allerdings für sich selber. Als wir im galvestoner Hafen vom Lande ans den in der Bai liegenden„Hohenstaufen" be- trachteten, war dieser ruhige, trockne Mensch voll Begeisterung und rief:„Liegt er nicht da wie ein lebendes Wesen? Sieht er nicht aus wie eine schmucke Braut?" Als Disziplinar hielt er seine Mannschaft in vollkommenster Ordnung, ohne je eine Strafe zn verhängen, und an Bord war alles gewissenhaft reinlich und zweckdienlich. Er war der bravste Melisch und lebte stimmt seiner schmucken Schifssbraut wohl noch heute, wenn ihn nicht sammt ihr in den ostindischen Meeren ein Cyeloneorkan verschlungen hätte— wahrscheinlich infolge seiner mangelhaften wissenschaftlichen Erziehung. Alan urtheile darüber nach Thatsachen. Er hatte kein anderes Mittel, die geographische Länge seines Schiffsortes zn finden, als Chronometer und Taschenuhren, wozu mitunter das Auswerfen der Logleine(um die Geschwindigkeit des Schiffs zu messen) trat. Er hatte offenbar keine Kenntniß in, und kein Mittel zu Mond- und Sternbeobachtungen, und nicht einmal Sternkarten. Er wußte gewiß nicht, daß uns die Meeresströmung in fünf langen Wochen schon ganz nahe an Westindien herangetrieben hatte, sonst würde er eine Laterne in mondloser Nacht vorn ausgehängt und dem im Vorderkastell ausschauenden Matrosen ganz besondre Wachsamkeit eingeschärft haben. Denn hier ist eine sehr belebte Schiffsstraße für den Verkehr zwischen Nord-, Mittel- und Süd- amerika, der meist durch Schvoner aus Neuengland vermittelt wird. Aber es war keine der nöthigen Vorsichtsmaßregeln gegen einen Zusammenstoß getroffen. Ich hatte mich bei der ungewohnten Hitze in eine Hangmatte gebettet, welche von einer Rae des Hintermastes herab und über die Schiffswand hinaus über das Meer hing, um die köstliche Nachtkühle zu genießen und die unbeschreibliche Pracht des Stern- Himmels, des Meeresleuchtens und eines unaufhörlichen Wetter- lenchtens aus fernem, dünnen Gewölke zu beobachten; denn ich hatte hier einen ungleich freieren Umblick als ans dem dicht mit Segeln besetzten Schiffe selbst. War es nun der große, günstige Witterungswechsel, der mich in gehobenste Stimmung versetzte, oder haben wirklich viele Beobachter recht, welche Himmel, Land und Meer Westindiens schöner als irgendwo sonst schildern— kurz, ich sog den Naturgenuß in vollen Zügen ein und konnte nicht einschlafen. Da erblicke ich plötzlich ein Schiff unter vollen Segeln' im rechten Winkel auf uns zukommen, und zwar befand es sich schon in allergrößter Nähe. Mein Schreckensruf und der eines andern— es war der erste Schiffsoffizier— kamen zu- gleich. Der letztere war mit einem Sprunge am Steuerrad und drehte rechts ab und— wie durch ein Wunder sauste und rauschte das fremde Fahrzeug vorn dicht an unserm Bugspriet vorüber, ohne uns zu berühren. Wir waren gerettet, durch dieses braven Mannes Geistesgegenwart gerettet. Denn daß zwei mit wahrer Dampferschnelligkeit im rechten Winkel aufeinanderstoßende Schiffe wenig. Aussicht auf Ganzbleiben haben, leuchtet Ivohl ein. Drüben am Bord kein Laut— kein Mensch au Deck außer dem Matrosen am Steuer, welcher auch geträumt und genickt haben mochte, wie unser wachhabender Matrose, keine Laterne aushängt. Der Offizier, sonst der ruhigste Mensch, stürzte mit Windeseile vorwärts nach unserm Schläfer, rüttelte ihn unsanft zusammen und hielt ihm eine lange, eindringliche Strafpredigt— aber leise, um dem Kapitän nichts zu verrathen. Nach dieser Aufregung konnte ich lange nicht schlafen. Ich mochte zuletzt ein paar Stunden geschlafen haben, als mich der Offizier weckte, um mir das erste amerikanische Land zu zeigen. Es war das mächtige Vorgebirge Samana auf der Insel San Ueber die Von Or Es gibt nicht zwei Leute, besonders Laien, die über den Werth der Heilkunst einig wären. Die einen können die ärztliche Kunst, Krankheiten zu heilen, nicht hoch genug anschlagen. Sie beobachten sich auf das genaueste, bei dem geringsten Uebelbesinden rennen sie zum Arzt, sie wollen, um des Erfolges sicher zn sein, gleich im Anfang etwas thun, gegen alles verlangen sie ein Mittel. Kein Wunder, daß sie eine ganze Apotheke bei sich führen und Domingo, welches durch das allererste Morgengrauen hervor- dunkelte. Am Abende desselben Tages hatten wir schon die süd- lichste Spitze Eubas in Sicht und am nächsten Morgen waren wir auf der Höhe des Kap San Antonio, der westlichen Spitze Eubas. Wieder einen Tag später, und wir schwammen durch die schmutzig-grünen Fluthen, welche das Meer nahe den Mississippi- Mündungen kennzeichnen; endlich am Abende dieses Tage's, mit dem letzten Sonnenstrahle, liefen wir in den nächsten texanischen Hafen, den von Galveston, ein. Dies erwähne ich, weil solche Leistungen noch heute von Segelschiffen höchst selten übertroffen werden. Der erste Amerikaner, den wir zu sehen bekamen, war der Lootse. Sein Betragen war höchst sonderbar; denn anstatt sofort von seinem Boote zu uns an Bord zu steigen, umsegelte er ein-, zwei-, dreimal das Schiff, so daß selbst der Kapitän nicht wußte, was er daraus machen sollte. Dann segelte er wieder davon, ohne ein Wort zu verlieren. Wir zerbrachen uns noch den Kopf darüber, als er wieder herankam und nun ohne weiteres an Bord stieg, das Steuerruder übernahm und den Kapitän zn sich winkte. Es konnte einem ängstlich dabei zu Muthe werden. Jetzt erscholl das Kommando des Kapitäns:„Alle Auswanderer an Backbord!" Wir wußten, was das hieß, und gehorchten. Eine Minute später kam das Kommando:„Alle an Steuerbord, rasch!" und beide Kommandos wurden noch mehrmals wiederholt. Ich bemerkte, daß nach jedem der Schlamm und Sand des Meeres- bodens aufgewühlt wurde, fühlte, daß unser Schiff mehrmals den Boden berührte, ohne daß wir sitzen blieben, und begriff nun den Zweck dieses originellen, wohl selten erlebten Manövers. Die Barre vor dem galvestoner Hafen,„die hohle Gasse, durch welche wir einlaufen mußten," hatte blos 8'/- Fuß Wasser, unser Schiff hatte noch immer 9 Fuß Tiefgang(„es ist ein Glück," sagte der Kapitän zu mir, als das Manöver gelungen war,„daß wir so- viel unterwegs verzehrt haben; bei der Abfahrt hatten wir 19 Fuß Tiefgang— wir wären in keinen texanischen Hafen hinein- gekommen"). Das Manöver hatte den Zweck, durch schnelles Umlasten des Schiffes mit dem Kiele soviel Sand und Schlamin vom Boden aufzuwühlen, daß wir eben gerade noch darauf hin- rutschen konnten. Das erste amerikanische Land, welches wir in der Nähe sahen, vom letzten Sonnenstrahl vergoldet, sah ebenso sonderbar aus. Nichts als Sand, auf dem Sande eine aus Brettern erbaute, iiicht eben große Stadt, ein einziger kümmerlicher Baum(später sahen wir in den Straßen sogenannte Schattenbäumchen, eine chinesische Art Esche, jüngst erst angepflanzt, welche aber rasch wächst), kein Mensch am Hafen, der uns ein Willkommen hätte zurufen können, ein einziger Mensch überhaupt zu sehen, der am Strande in einem Einspänner spaziren fuhr, worauf nachher ein zweiter in einem Boote an uns herankam, heraufstieg und sich in die Kajüte einquartirte— der Zollwüchter, der das Schmuggeln verhindern sollte, wenige Schiffe— das war alles. Doch ja— ein Willkommen wurde uns zutheil: beim Ein- laufen tummelte sich eine außerordentlich große Zahl Schweine- fische, so groß wie junge Wale, um uns herum und schien uns durch allerhand Sprünge und durch vieles Auftauchen über den Wasserspiegel bis zu halber Leibeshöhe belustigen zu wollen. Wir lachten und klatschten Beifall, und die muntere Bande überbot sich immer mehr in ihren Kunststücken. Es ist bekannt, daß dieses Thier die Menschengesellschaft ebensosehr liebt als der�Delphin— und trotzdem würdigt der lieblose Mensch diese Freundschaft durch fleißiges Harpuniren! Ist das nicht auch menschlich? Wir schliefen noch eine Nacht, die letzte, an Bord des„Hohen- staufen". nft j\i heilen. W. K. mit rührender Gewissenhaftigkeit ihre Tropfen und Pulver ver- schlucken. Bei jeder ernstlichen oder längeren Erkrankung trom- meln sie womöglich hundert Aerzte zusammen, scheuen sich nicht, Schäfer und alte Weiber um Rath zu fragen, und verschwenden eine Masse Geld auf Wundermittel und Wnnderkuren. Tie anderen— wer könnte sagen, ob sie die Mehrheit bilden— lachen über die Thorheit jener Gläubigen. Sie halten von den Aerzten und ihrer Macht, die Krankheiten zu bekämpfen, garnichts. Ihr Schlagwort ist die Natur. Wenn man krank sei, so müsse sich die Natur selbst helfen, es werde entweder von selbst besser oder garnicht. Die Arzneien sind werthlos, schaden mehr als sie nützen, sie stören, verderben blos die„Natur". Es verschlägt nichts, daß solche Leute zuweilen, wenn sie einmal ernstlich krank werden, doch zum Arzt schicken, ihn nicht erwarten können und willig das bitterste Zeug herunternehmen. Denn nicht darauf kommt es an, ob diese Leute Kraft genug besitzen in allen Fällen konsequent nach ihren Ansichten zu handeln, sondern ob ihre An- sichten überhaupt stichhaltig, wahr sind. Man vergesse nicht, wie wenige Menschen bei ihren Handlungen an bestimmten Grund- sätzen festhalten, sich konsequent bleiben. Es wird daher auch sicher sehr viele geben, die zu keiner von beiden eben geschilderten Parteien gehören, sondern bald mehr zu der einen, bald zu der anderen hinneigen. Interessant aber ist, daß die Verfechter der beiden entgegengesetzten Ansichten ihren Staudpunkt durch That- fachen unterstützen. Der eine hat es an sich selbst oder bei seinen Onkels und Tanten erlebt, mit eigenen Augen gesehen, wie sie durch irgend eine Kur sofort gesund geworden sind, der andere hat ebenso sicher selbst die Rathlosigkeit der Medizin erfabren. Was kann mau da thun? Für welche Partei soll man sich ent- scheiden? Zunächst ein Wort über die„Erfahrung", über die augenscheinlichen Thatsachen. Es ist nichts ichwercr als die Wirkung irgend eines medi- zwischen Eingriffes sicher zn bcurtheilen, man kann nicht oft genug wiederholen, wie häufig falsche Schlüsse nach dem Satze post hoc ergo propter hoc(nachher also deswegen) gemacht werden. Hier ein alltägliches Beispiel. Es gibt einzelne Krank- heiten, die nach einer gewissen Zeit ablaufen, aufhören. Wenn nun bei solchen Krankheiten viel„gedoktert" ivird, so erscheint derjenige als Retter, welcher zufällig zn der Zeit eingreift, wo die Krankheit ihrem Ende nahe ist. Es ist mit den körperlichen Zu- ständen ähnlich wie mit den sozial-politischen. Welche Thorheiten kommen heraus, wenn man zwei aufeinander folgende Ereignisse ohne weiteres als direkt von einander abhängig hinstellt, z. B. Lohnerhöhungen und Geschäftskrisis. Es gehören viel Kenntnisse und Scharfsinn dazu, um gerade bei körperlichen Vorgängen die Abhängigkeit zivcier Erscheinunger auch nur wahrscheinlich zu machen. Also die„Thatsachen" selbst in der Form statistischer Zahlen beweisen wenig oder garnichts, wenn sie nicht erst auf ihre Gültigkeit kritisch geprüft werden.— Wie steht es aber doch mit der Kunst Krankheiten zn heilen? Um diese Frage zu bcautwortcn, muß man sich erst über das Wesen der Krankheiten klar werden. Zu einer Zeit,- wo die Menschen glaubten, die Krankheiten seien nichts anderes, als die Aeußerungen eines in den Körper gefahrenen Teufels oder bösen Geistes, gingen alle Heilversuche dahin, diese Dämonen anszu- treiben, und nach der Aussage der Bibel hat Christus in dieser Teufelsaustrcibnngskunst ganz besondere Gewandtheit gezeigt. Daher fiel der Glaube an die Möglichkeit zu heilen mit dem Glauben an die. Fähigkeit über die Geister zu kommandircn zu- sanimcn. Allein die Ansicht, daß die Krankheiten im Menschen steckende Wesen seien, ist längst gefallen, heutzutage ist mau zu der Einsicht gelangt, daß alles, was bei einer Krankheit im Körper vorgeht, nicht wesentlich verschieden sei von den Prozessen während des gesunden Zustandes. Alle Vorgänge im gesunden und im kranken Organismus folgen den allgemeine» Natur- gesetzen und lassen sich schließlich auf physikalische und chemische Erscheinungen zurückführen. Zwischen Gesundheit und Krankheit gibt es keine scharfe Grenze. Was ist eine Krankheit? Darauf läßt sich nicht so scharf und bestimmt antworten, daß man in jedem Falle genau bestimmen kann: das ist schon Krankheit und das ist noch Gesundheit. Es ist nichts damit gewonnen, zu sagen: Krankheit ist die Abweichung des Organismus vom normalen Verhalten, durch welche seine Leistuugssähigkeit beeinträchtigt wird. Denn dann kommt alles darauf an, genau die Grenze des normalen Vcr- Haltens zu bestimmen, und das ist eben unmöglich. Die normale, durchschnittliche Pulszahl eines Erwachsenen beträgt zum Beispiel 70 Schläge. Muß deshalb einer mit ö8 oder 75 oder 78 Puls- schlügen krank sein? Keineswegs. Also mathematisch scharf läßt sich Normales von Abnormem und ebenso Gesundes von Krankem nicht unterscheiden, womit natürlich nicht gesagt ist, daß man überhaupt nicht bestimmen könnte, was abnorm ist, 120 Puls- schlüge eines ruhenden Erwachsenen sind geiviß abnorm.'Noch ein Punkt ist besonders hervorzuheben. Jede Krankheit beruht auf einer Veränderung eines respektive mehrerer Organe oder Körpertheile. Früher war man geneigt, in Uebereinstimmung mit der Ansicht, daß der Organismus eine Einheit sei, zu glauben, auch eine Erkrankung könne nur den Organismus als Ganzes treffen. Nun stehen allerdings die einzelnen Organe und Körper- theilc in einem gegenseitigen Abhängigkeitsvcrhältniß, Veräudcrun- gen des einen können auch Veränderungen des andern bewirken, müssen es aber nicht thun und brauchen es vor allen Dingen nicht in allen Fällen in gleich starkem Maße zu thun. Verän- derungen am Auge, z. B. Trübungen der Linse(der sog. graue Staar) können auf dcü übrigen Organismus ohne jeden nenncns- welchen Einfluß sein. _ Es ist von großem Juteresse und für unsere Frage sehr wichtig, auf diese Einwirkung der einzelnen Körpertheile auf ciuaudcr näher einzugehen. � Kein Zweifel, die einzelnen Körpertheile besitzen eine gewisse Selbständigkeit, und bei den niederen Thiercn oder gar bei den Pflanzen kann dieselbe so groß sein, daß einzelne Theile isolirt fortleben oder lange Zeit thätig sind. Ein Froschherz, völlig vom Körper getrennt, schlägt noch stundenlang fort, und selbst zer- schnitten schlagen noch die einzelnen Stücke. Wie lange nach dem Tode des Thieres die Muskeln(das Fleisch) der Fische noch ihre Fähigkeit, sich zusammenzuziehen, bewahren, weiß jede Haus- frau. Bei den höheren(warmblütigen) Thieren wird diese Uii- abhängigkeit der Theilc immer geringer und beim Menschen hört jede Funktionsfähigkeit der einzelnen Theile sehr bald nach dem Tode auf. Hier ist aber der Zusammenhang und die Wechsel- Wirkung der einzelnen Organe auf einander eine viel innigere, verwickellcre und feinere. Ganz besonders steht, man kann wohl sagen, jeder Punkt des menschlichen Körpers zu den Central- organeu der Cirkulation(Blutlauf) und der Nerventhätigkcit in Beziehung. Dieses Bezichungsvcrhältniß ist nun in vielen Fällen ein höchst merkwürdiges und interessantes, nämlich ein solches, daß, wenn ein Theil irgendeine Veränderung erleidet, durch di.'se Verbiudnug mit andern Organen eine Reaktioil(Rückwirkung) eintritt, welche den normalen Znstand wiederherstellt. Treten wir plötzlich in einen kalten Raum und kühlen also die Haut und das in ihr verlanfeude Blut ab, so verengern sich sofort die Blutgefäße(Adern) der Haut, es fließt weniger Blut durch sie, es wird weniger WcEme nach außen abgegeben und so der Wärme- Verlust ausgeglichen. Umgekehrt, wird die Haut erwärmt, so er wcitern sich die Gefäße, zugleich tritt Schweißabsonderung resp. Wasserver dunstung ein, wobei Wärme verbraucht wird, sodaß durch diese Reaktion alle von außen zugeführtc Wärme wieder abgegeben wird. So kommt es, daß die Menschen in der kältesten Zone und die unter der glühenden Sonne des Acquators dieselbe Jnnentemperatur— 36 bis 37 Grad Celsius— haben. Der menschliche Organismus besitzt nun diese Fähigkeit, sich selbst zu reguliren, so günstig auf äußere Einwirkungen zu rcagiren, in ausgedehntestem Maße, und sie spielt bei der Heilung von Krank- heiten eine nicht unbedeutende Rolle. Das Herz arbeitet bekanntlich nach Art eines Pumpwerks, und die meisten Krankheiten desselben beruhen darauf, daß seine Ventile(die Herzklappen) nicht ordentlich schließen, infolge dessen allerlei Störungen des Blutlaufs, insbesondere Rückströmung des Blutes, eintritt. Nun bewirkt aber grade diese Rückströmung, daß sich das Herz erweitert und verdickt, also mehr Arbeit leistet, und so kann es im Laufe der Zeit trotz der Rückströmung doch eine gehörige Quantität Blut in alle Theilc treiben. So kommt es, daß Leute mit Herzfehlern oft grau und alt werden. Man könnte diese Beispiele bis in's Unendliche vermehren. Jede Wunde heilt auf diese Weise. Dadurch, daß die Haut, Knochen verletzt, getrennt werden, wird zugleich ein Reiz auf sie ausgeübt, der zu neuer, starker Produktion Anlaß gibt, die schließlich das ver- loren gegangene wieder ersetzt. Eine große Masse Gifte, die in den Körper gelangen, werden nach einiger Zeit durch den Harn wieder ausgeschieden, und es ist wieder alles beim Alten. Das iß wahrscheinlich auch die Ursache,.warum so viele Jnfektions- (ansteckende) Krankheiten, die ja ivohl auf dem Eindringen eines wahrscheinlich lebendigen Giftes beruhen, nach einer gewissen Zeit „von selber" vorübergehen, weil eben nach dieser Zeit das ein- gewanderte Gift wieder ausgeschieden ist. Natürlich ist diese Thatsache der Regulationsfälsigkeit des Körpers für fromme Gc- miither ein Anlaß, die Weisheit und Güte Gottes oder der Vor- sehung zu rühmen, welche es oft ans so wunderbare Weise er- möglicht hat, daß allerlei Schädlichkeiten dem Menschen nichts anhaben können. Aber zum Unglück gibt es eine nicht minder qroszc Anzahl von Fällen, iro eine solche Selbstregulirnng, die' übrigens auch ohne Vorsehung sich sehr gut materiell erklären läßt, garnicht vorhanden ist. Die Alten halfen sich sehr einfach damit, daß sie außer an gute Götter auch noch an böse, feind- liche glaubten. Wenn ein Blutgefäß verletzt, geöffnet wird, so blutet es, und es würde alles Blut wie durch ein Loch in einem Rohre ausfließen, wenn das Blut nicht die Eigenschaft besäße, zu gerinnen, und das Blutrohr nicht die Fähigkeit hätte, sich bei- nahe bis zum vollständigen Verschluß zusammenzuziehen, zu vcr- engen. Allein diese„wunderbare Fürsorge" gegen die Verblutung ist grade da nicht vorhanden, wo sie am nöthigsten wäre. Grade die größten Blntröhren— die großen Schlagadern—, aus denen das Blut massenhaft und sehr rasch herausschießt, besitzen die Fähigkeit, sich zusammenzuzieheik, fast garnicht, und die Gerinnung des Blutes reicht gegen die Gewalt des Blutstroms in ihnen nicht ans. Hier verläßt uns also die Vorsehung und auch die „Natur" hilft sich da nicht von selber. Ja, in anderen Fällen hilft die„Natur" nicht nur nicht, sondern sie vcr- schlimmcrt sogar, mit anderen Worten, eS ruft die schädliche Ein- Wirkung nicht Zustände hervor, die eine Wieder- Herstellung zur Folge haben, sondern solche, welche von neuem schäd- lich wirken oder die ur- sprüngliche Schädlichkeit noch erhöhen. Wenn sich ein Stein in der Blase gebildet hat, so bewirkt er nicht etwa Veränderungen, durch die er wieder von selbst entfernt wird, sondern im Gegcntheil, er wirkt als mechanischer Reiz auf die Blasenschlcim- haut, es entsteht ein Blasenkatarrh, dieser aber hat neue Stein- bildung zur Folge, und so geht das in unseligem Kreise fort. Die Eni- wicklnng von Eiterherden in der Lunge bei der Lungenschwindsucht wird von Fieber beglei- tet, dieses Fieber ver- ringert aber die Kräfte des Organismus und Ludwig Börne. begünstigt so die Bil- düng neuer Eiterherde. In allen diesen Fällen exislirt also eine Selbstregulirnng von Seiten des Organismus, ein Heilbestrebcn der Natur keineswegs. Es ist also falsch, wenn die Partei der Naturheilkundigen sagt, jedes ärztliche Eingreifen sei überfliissig, da sich die Natur immer von selbst helfe; es ist ferner falsch, zu sagen, daß da, wo der Organismns sich nicht von selbst zu reguliren im Stande sei, auch der Arzt machtlos sei. Im Gegenthcil, die Medizin kann mit Stolz behaupten, daß sie in einzelnen Fällen im Stande sei, da,>vo der natürliche Verlauf in furchtbarem Kreise immer Ucbel auf Uebcl häuft, diesen Kreis zu durchbrechen. Wenn aus der verletzten großen Schlagader mit den: hervorspritzenden Blute das Leben zu entfliehen droht, so braucht der Arzt blos kunstgerecht das Blutrohr mit einem Faden zuzubinden, und die Blutung stockt, das Leben ist gerettet. Ter Arzt kann den Stein in der Blase zertrümmern oder herausbefördern, und das Leiden ist beendet. Man glaube iibrigens ja nicht, blos chirurgische Eingriffe seien im stände, so ellatante Wirkungen zn erzielen. Auch innerlich verabreichte Medikamente können etwas ausrichten. Bei einer Vergiftung kann ein zu rechter Zeit angewendetes Gegengift un- zweifelhaft retten; wir haben Mittel, um unter Umstünden die Ficbcrtemperatur herabzusetzen, die Herzthätigkcit zu verändern, Schmerzen unsühlbar zu machen. Allerdings verhehlen wir uns nicht, daß diese Waffen in der Hand der Medizin vcrhältnißmäßig geringfügig sind gegenüber dem zahllosen Heer von Nebeln und Krankheiten, die den Menschen befallen. Kein Zweifel, diese Waffen, diese Hülfsmittel sind im Laufe der Zeit mächtiger und zahlreicher geworden, aber sie sind noch immer klein im Vergleich zu der Zahl der zn bekämpfciidcn Feinde. Bei keiner Wissen- schaff aber kommt ihre Mangelhaftigkeit mid Unzulänglichkeit dem großen Publikum so zum Bewußtsein, als bei der Medizin. Bei der Astronomie, der Physik, der Chemie-c. preist man mit Enthusiasmus ihre Fortschritte; alle Welt erfreut sich mit Be- friedigung der außerordentlichen Vortheile, die sie uns bcscheert haben. Wie wenige aber cmpfindcu es als einen Maizgel, daß auch diese Wissenschaften noch sehr viele Probleme zu lösen haben, daß sie uns noch auf unzählige Fragen ohne Antworten lassen; ja, wer kennt überhaupt nur diese Fragen? Ganz anders bei der Medizin. Keine Wissenschaft hat ein so scharf abgegrenztes Ziel wie sie, bei keiner wird die Erreichung dieses Zieles von jedermann, vom Gebildetsten bis zum Rohesten, so leb- hast gewünscht und bei keiner wird die That- fache, daß sie von ihrem Ziele noch sehr weit ent- fernt ist, so schmerzlich empfunden, als bei ihr. Die Heilkunde hat die große Aufgabe, alle uns bekannten Krankheiten zu heilen. Nun hat sie von dieser Aufgabe nur einen sehr geringen Theil auch nur an- nähernd gelöst. Jeder- mann also, der selbst vder dessen Umgebung von einer Krankheit be- fallen wird, hat Gc- legcnheit, diese Uuzu- länglichkeit der Medizin zu erfahren. Dazu kommt noch ein Umstand.— Die jcnigcn Hebel, denen die Medizin mit ihren Hülfsmitteln einiger- maßen beikomnicn kann, sind nicht grade die ge- wöhnlichsten und häu- (Seite 539.)-figsten. Das Wechsclficbcr, die Syphilis zc. kann der Arzt mit einiger Sicherheit bekämpfen, einem gewöhnlichen Schnupfen oder katarrhalischem Husten steht er fast machtlos gegenüber. Und wie wenige leiden vcrhältnißmäßig ain Wechsel- sicber zc. und wie unendlich viele am Schnupfen. Tie Heilkunst befindet sich also den andern Wissenschaften gegenüber in der un- angenehmen Lage, daß ihre Schwächen von jedermann, auch dem Uneingeweihtesten, empfunden werden. Diese Unzulänglichkeit darf aber bei ihr ebensowenig wie bei jeder andern Wissenschaft dazu verleiten, sie als werthlos oder überhaupt leistungsunfähig hinzustellen. Sic ist nicht machtlos, wenn auch ihre Macht viel geringer ist. als von aller Welt so dringend gewünscht wird. Wir wollen ganz davon absehen, daß die Heilkunft in sehr zahlreichen Fällen nützen und mildern kann. Auf die Fragen. die Goethe den trotzigen Prometheus höhnisch au die Gottheit stellen läßt: Hast dn die Schmerzen gelindert Je des Betroffenen? Hast du die Thränen gestillt Je des Beladenen? könnte die Medizin getrost mit Ja antworten. Und noch mehr, die Medizin kann auch heilen, d. h. Ucbel völlig beseitigen; aller- 534 dings kann sie dies heutzutage vielleicht noch nicht bei dem hundertsten Theil aller der Hebel, denen die Menschen überhaupt ausgesetzt sind. Daß sich diese Kunst des Heilcns in zweifacher Weise bethätigen kann, ergibt sich, menu wir alles oben gesagte zusammenfassen. Einmal kann sie sich in einer Reih- von Fällen auf eine passive, defensive Rolle beschränken. Bei allen den Krankheiten, bei denen die Forschung ergeben hat, daß sie durch die natürliche Rückwirkung der Organe„von selbst" vorübergehen, kann sich die Heilkunst vorläufig damit begnügen, diesen natürlichen Berlauf zu überwachen und alles das fern zu halten, was ihn stören könnte. Zweitens aber offenbart sich die Kunst zu heilen auch darin, aktiv und offensiv vorzugehen. Gegen alle jene Leiden, deren natürliche Fortentwicklung nicht von selber eine Wiederherstellung herbeiführt, greift sie von außen mit künstlichen Hülfsmitteln ein, bekämpft sie die Natur, sucht sie dieselbe zu beherrschen. Freilich ist die Sicherheit und der Umfang ihrer Wirkungsfähigkeit nach dieser Richtung noch gering, aber sie erweitert und befestigt sich von Tag zu Tag. Die Jünger der Heilkunst können wie die jeder andern Wissenschaft' von sich sagen: Wir vermögen wenig, aber wir wollen arbeiten, forschen, studiren, und wir werden mehr vermögen. Sie Kindersterblichkeit. Besprochen von Wazimitian Schlesinger. (Schluß.) Aus derselben Quelle entnehmen wir noch folgende Tabelle, welche über die Sterblichkeit in vorgerückterem Alter Ausschluß gibt. In Erfurt starben 1848 bis 69 von je 100 Kindern der entsprechenden Altersklasse: Altrr 0 bis 1 bis 3 bis 6 bis 10 11 bis 14 bei unehelich geb. Kindern Jahr 35,2 pCt. ,, 6,5„ 4,2 ,. 2.1 0,3 Kindern des Arbeiter- standeS 30,5 pCt. 11,5 ,. 13,6„ 6,8„ 2,5 des Mittel- stundes 17,3 pCt. 5,5„ 6.5„ 3,8„ 1,1„ der höheren Stände 8,0 pCt. 1,0 2,6„ 1,3 0,8„ Mittel 24,4 pCt. 7.6„ 8.7„ 4,5., 1,5.. Es ergibt sich aus diesen Zahlen und bestätigt sich aus allen ähnlichen Mittheilungen, daß die unehelichen Kinder im ersten Lebensjahr am ungünstigsten gestellt sind und ani zahlreichsten hinweggcrafft werden. Diejenigen unehelichen Kinder, welche diese Klippe umschifft haben, stehe» günstiger, als die Kinder der Arbeiter- klaffen, die in allen andern Altersstufen die niedrigste Stellung einnehmen. Die Kinder der bessersituirten Stände sind durchlveg am besten gestellt. Das Fabrikproletariat ist schlimmer daran, als das ländliche. Nach Engel betrug z. B. in Sachsen die Kindersterblichkeit in vorwiegend industriellen und kommerziellen Gegenden 40,9 pCt., in voriviegcud ackerbautreibenden nur 33,4 pCt. der Gesammtsterblichkeit. Eine interessante Berechnung hat Caspcr unternommen, indem er einen Berglcich zwischen der Sterblichkeit in fürstlichen und gräflichen Familien und der— der berliner Almosenempfänger zog. Es ivaren hiernach von 1000 Verstorbenen im Alter von.........., m B�lincr StaMarm, 0 bis 5 Jahren 57 345 5 bis 10„ 5 57 10 bis 15„ 27 14 Die mittlere Lebensdauer der Herren Grafen und Fürsten be- trug 50, die der berliner Almosencmpfünger 32,06 Jahr. Easper meint:„Man erstaunt, wenn man hier sieht, wie viel eine glück- liche äußere Stellung, wie sie Ehre, Macht und jeden Lebens- genuß gewährt, auch für die eigentliche Verlängerung des Lebens vermag." Der Leser wird dieses Erstaunen wohl nicht theilen. Die Statistik lehrt uns mit unerbittlicher Strenge, daß die Kinder des Proletariats dem Tode in viel größerem Maßstabe anheimfallen, als die Kinder der Bourgeoisie. Die wenigen Zahlen, die wir hier mitgetheilt haben, zeigen mit umviderleg- licher Logik, daß die eiserne Nothtvendigkeit die Arbeitcrbevölkerung heute zum schnellen Verlust der kaum erworbenen elterlichen Freuden verurtheilt, daß die jungen, zarten Sprößlinge den Stempel des Todes auf der Stirn tragen, sobald ihre Wiege in der Hütte eines armen Mannes stand. Nach dem Grunde dieser auffallenden, in allen„zivilisirten" Staaten völlig gleichen Er- schcinung braucht man nicht lange zu suchen, er drückt sich in einem Worte aus, in dem Worte: Ernährung. Die Ernährung ist es fast immer, welche den Grund der frühen Sterblichkeit bildet, und dieser Grund läßt sich überall nachweisen, wenn er auch in den verschiedensten Gestalten auftritt, sobald man nur durch die Hüllen/ in denen er verborgen ist, zu schauen weiß. Bald sind es die Nahrungsmittel in direktester Form, welche dem Kinde, infolge mangelhaften Verdienstes der Eltern, fehlen, und der schwache, kindliche Organismus ist auch gegen vorübergehende Störungen nicht gewappnet; bald fehlt das Ätahrungsmittel Wasser, bald fehlt das wichtigste aller Nahrungsmittel, die Luft, weil die Eltern nicht in der Lage sind, hohe Miethspreise zu erschwingen und deshalb enge, mit sauerstoffarmer Luft und allen Aus- dünstungen der Armuth geschwängerte Räumlichkeiten bewohnen müssen. Bald wieder hat die mangelhafte Ernährung schon vor der Geburt begonnen, da es der Mutter nicht vergönnt war, sich so reichlich zu sättigen, um auch das Kind, das sie unter dem Busen trug, auszubilden, bald versagt aus dem gleichen Grunde die Milchquelle ihrer Brust, das natürlichste und beste Nahrungsmittel des Kindes. So ist es die„Magenfrage", welche hauptsächlich die Kinder- stcrblichkcit rcgulirt, ivelche die Kirchhöfe mit den Leichen der Arbeiterkinder füllt. Daneben machen sich in geringerem Grade noch andere Einflüsse geltend: ausschipeifendcs Leben der Eltern, Unkenntniß der Behandlung und Pflege des Körpers, Leicht- sinn k.— Erscheinungen, deren Existenz doch nur durch die sozialen Verhältnisse der Gegenwart bedingt ist. Wie treffend sind doch die Worte, die Lassalle in Frankfurt a. M. den Arbeitern zurief:„Wenn Ihnen Ihre Kinder sterben, meine Herren, so glauben Sie, das sei ein Zufall. Es ist kein Zufall, wie Sie sehen, es ist ein eisernes, statistisches Gesetz, wurzelnd in Ihrer schlechten Lage!" Die Statistik zeigt uns, daß die Zunahme der Bevölkerung nach beiden Seiten hin, nach der Geburts- und Sterbeziffer, von der Lage des Geschäfts abhängt. Nach günstigen Ernten mehren sich Geburten und Heirathen, nach ungünstigen tritt ein Rückgang ein; in gleicher Weise äußern Handelskrisen und Kriege ihre Wirkung, die Kriege in noch viel empfindlicherer Weise, als die Geschäftsstockuugen. Noch sichtbarer ist der Einfluß aus die Sterblichkeit. Jedes Steigen der Wohnungsmicthen vermehrt, weil es entweder ungesündere Wohnungen oder Ernährung zur Folge hat, die Sterblichkeit,— ebenso füllt jede Steigerung der Lebensmittelpreise sofort die Kirchhöfe. Die Hungersnoth und Tbeuerung, welche von 1841—1851 in Irland herrschte, hat die irische Bevölkerung um 19,8 pCt. vermindert. 37 pCt. der Ge- sammteinbuße kam auf Kinder von 0—5 Jahren. Wenden wir uns von den allgemeinen Gesichtspunkten ab und den mehr speziellen Gründen der hohen Kindersterblichkeit!zu. so werden wir uns zunächst über die bedeutende Morbilität der unehelichen Kinder nicht zu wundern habe». Tie Mütter der- selben sind meist ohne Ernährer, betrachten ihre Kinder als eine Last, und diese Last wird auch, wie die Thatsachcn lehren, schnell abgeschüttelt. Die unehelichen Geburten selbst iverden durckj viele Zustände hervorgerufen, wir erwähnen hier nur den ain stärksten wirkenden Umstand, daß fast in allen Ländern der kraftigste Theil der Bevölkerung zu Soldatendiensten und gleich- zeitig zum Cölibat gezwungen wird. Einen wesentlichen Äntheil an der hochgradigen Sterblichkeit bei ehelichen und unehelichen Kindern haben die zahlreichen Fiudelhäuser, die von den Acrzten immer mehr als Brutstätten der tödtlichen Massen- crkrankungcn erkannt und bekämpft werden. Eine schlechte Privat- pflege soll nach Ansicht der medizinischen Autoritäten immer noch besser sein, als diese Institute,— wofür freilich die im lieben deutschen Reich sehr in Flor stehende Praxis der„Engelmachc- rinnen" nicht spricht. Den unehelichen Kindern stehen die mntter- losen gleich, da ihnen das wichtigste Nahrungsmittel, die Mutter- milch, fehlt. Zu gleichem Schicksal sind viele Kinder verdammt, deren Mütter sich unter dem Druck der sozialen Verhältnisse als Ammen vermiethen, ihre Brüste dem Kinde des vornehmen Mannes reichen, während ihr eigener Sprößling zu Grunde geht. Daß die künstliche Ernährung einen vollkommenen Ersatz für die Muttermilch nicht bieten kann, weist die Statistik nach, indem sie sofort eine größere Sterblichkeit der Kinder, welchen diese Wohl- that verschlossen ist, konstatirt. Dies müssen viele arme Frauen erfahren, welche ihre Kinder gern selbst stillen würden, wenn ihnen dies möglich wäre. Früh- zeitige Beschäftigung in Fabriken, überlange Arbeitszeit, sitzende Lebensweise, Fabrikation gesundheitsgefährlicher Gegenstände k. tragen dazu bei, daß die Frau des Arbeiters oft genug keine Milch hat und ihr Kind mit Brei auffüttern muß. Die Be- schäftignng der verheiratheten Frauen in Fabriken schädigt noch in anderer Weise die Gesundheit der Kinder. Bekannt ist, daß in England während größerer Arbeitseinstellungen trotz des fehlenden Verdienstes die Sterblichkeit abnahm, weil die strikenden Arbeiter- franen jetzt Gelegenheit hatten, ihren Kindern statt der tödtenden Opiate regelmäßig die eigene Brust zu reichen. Die Statistik lehrt ferner, daß diejenigen Kinder um so leichter sterben, welche künstlich entbunden werden mußten. Die Roth- wendigkeit der künstlichen Entbindung hängt von der Kleinheit des Beckens der Mutter,— diese aber wiederum von den sozialen Verhältnissen ab; die Entwicklung des Beckens wird bei denjenigen Mädchen gehemmt, die schon frühzeitig zur Arbeit genöthigt sind. So führen alle Erscheinungen in einer Kette wieder zu den Wurzeln des sozialen Nebels zurück. (Beiläufig sei bemerkt, daß Frauen, die eine„ cmanzipirte" Erziehung genossen haben, gewöhnlich aus physiologischen Gründen unfähig sind, Kinder zu stillen. Diejenigen, welche das Stich- wort„Emanzipation der Frauen" im sozialistischen Nebereifer in die Forderung:„ Völlige Gleichstellung des männlichen und weib- lichen Geschlechts" umkehren, werden gut thun, diese Verhältnisse näher zu studiren.) Wir wollen diese Betrachtungen nicht schließen, ohne nochmals die ernstlichen Mahnungen, ivclche die Statistik an die Sozial- Politiker richtet, zu betonen. Ob die Kindersterblichkeit in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, diese Frage läßt sich in allgemcingiltiger Weise nicht beantworten. Wahrscheinlich ist, daß, in Deutschland wenigstes, die Verhältnisse sich noch um ein geringes verschlechtert haben. Die Ursache der hochgradigen Kindersterblichkeit liegt nur in dem großartig entwickelten und neuerdings er- schreckend anwachsenden Pauperismus. Dies läßt sich nicht wegdeuteln, noch bestreiten. Wenn man aber die Ursache eines gesellschaftlichen Leidens erkannt hat, wird hoffentlich das Heil- mittet nicht schwer zu finden sein. Glumen— ein Symbol der Liebe. Von Kugo Sturm. „Stolz möge» wir»nS glücklich nennen, Weil bei des Geistes mildem Schein Des Lebens Fülle wir erlennen, Die Andre drückt mit dnmpser Pein: Doch mehr noch glücklich, weil wir sinnig Und liebend rings das Leben schon'», Und an dem kleinsten fromm»nd innig Mit RindeSinbrnnst uns erbau'»." (Gottfried Kinkel.) Es ist ein Charakterzug des deutschen Volkes, mit sinnigen Blicken das Leben der Natur ringsumher zu erfassen. Wir stehen in dieser Beziehung gewissermaßen mit den Jndiern in Verwandt- schaff, wenngleich uns die glühende Phantasie derselben fehlt, die so überschwengliche Bilder hervorzuzaubern im Stande ist. Unsere bescheidenere Natur hält uns in Schranken, so daß unsere Auf- fassung derselben nicht in das Phantastische übergeht, das wir bei den Völkern wahrnehmen, über die das Füllhorn der Pflanzen- und Thierwclt in reichlicheren Gaben und mannigfaltigeren Formen ausgeschüttet worden. Aber dennoch vermag auch ein deutscher Frühling unser Herz > zu Hymnen zu begeistern, und die vielen poetischen Erzeugnisse, die gerade diese Zeit verherrlichen, sprechen ja laut genug hier- von. Durch Gegensätze lernen wir den Werth einer Sache recht kennen, und so stellt auch unser Winter erst die Schönheit des Lenzes in den Vordergrund. Der Südländer, dem Flora zu allen Zeiten Gaben spendet, kennt garnicht den Reiz der wechselnden Jahreszeiten. Dort gibt es keine Lcuzcsliedcr; dort erklingt keine Leyer zum Preise des Wonnemonats; dort entbehrt man des Vergnügens, allmählich sich den Lenz aus den starren Fesseln des Winters entwinden zu sehen, dieses Kampfspiel, dein unsere ganze Aufmerksamkeit immer zugewendet bleiben wird. Die sehn- sucht, die den in jenen Zonen ivohncnden Nordländer gerade zur Lcnzeszeit zu übcrschlcichcn pflegt und ihn immer wieder an die weniger üppige, aber niehr zum Herzen sprechende Hciniath erinnert, hat gewiß auch in dem Reiz unserer wechselnden Jahres- Zeiten mit ihren Grund. �< Und vor allem ist es die Pflanzenwelt, die uns den Wechfel der Zeiten, die Kontraste und die in ihnen wurzelnden Uebcr- raschu ngcn so recht vor Augen führt. Zwar fehlt es ja auch in der Thierwelt nicht an Erscheinungen, die den kommenden Lenz und Herbst ankünden, aber ihr Leben verbirgt sich mehr den Blicken der Menschen, während Floras Gaben vor jedermann offenkundig daliegen. Selbst der Wanderzug der Vögel, die, er großartigste der Vorgänge in der Vogclwclt, wird von vielen Menschen übersehen, aber das Knospen und Blühen der Blumen, das Welken und Verdorren derselben dürfte wohl nur von wenigen nicht beachtet werden. Die Pflanzenwelt ist mit tausend Fäden an unser Leben geknüpft. Ohne sie ist ein Leben nach nnsern Begriffen nicht möglich, ohne sie Iviirdc die Landschaft des eigcut- lichen Charakters entbehren, den sie erst durch die blühenden und grünenden Kinder Floras erhält. Es ist wahr: die Pflanze schwingt sich nicht zu der Höhe des thierischen Lebens«upor, aber trotzdem ist sie doch der erste und wichtigste Gegenstand der Natur. Das animalische Leben schöpft seine Lebenskraft nur aus dem Pflanzenreich; es wurzelt in ihm, mit ihm zusammen gedeiht und vergeht es— eins ist eben von dem andern unzertrennlich. Goethe, als Dichter und Naturforscher gleich hochgeachtet, sagt sehr richtig: „Hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; Doch ein neuer sogleich fasset der vorige an, Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlange, Und das Ganze belebt, sowie das Einzelne, sei." Mit der Pflanzenwelt haben alle Völker, die je in der Ge- schichte eine Rolle gespielt, in einiger Verbindung gestanden. Es ist nnuöthig, auf diesen Pflanzenkultus Hinzuweisen, der ja nur wenigen gänzlich unbekannt sein dürfte. Heilige Haine oder auch einzelne den Göttern geweihte Bäume finden ivir fast überall, Ivo wir unsere Blicke in die Geschichte der Völker schweifen lassen. Das Paradies der Juden, die heiligen Dattelpflanzungen des Arabers sind direkt von Gott gepflanzt worden, und wie wenige Völker sind es nur, bei denen wir nicht solchen der Gottheit ge- widmeten Orten begegnen! Doch noch inniger ist das Verhältuiß des einzelnen Menschen zu den düftespendenden Blumen. Ohne daß wir danach suchen, drängen sich uns von selbst Anknüpfungspunkte genug auf, durch die das Leben der Pflanzen zu dem unfern in gewisse Beziehungen tritt. Sic haben eine knospende Jugend, entfalten erst allmählich ihre Pracht und ihren Dust, bringen Furcht und— welken zu ihrer Zeit dahin. Welche Fülle von Betrachtungen knüpft sich nicht ganz von selbst an diese Erscheinnngen! Wir würden den uns zur Verfügung stehende» Raum geiviß um das zehnfache überschreiten müssen, wollten wir die' Pflanze»ach allen diesen Richtungen hin auch nur ganz oberflächlich an nnsern Blicken vorüberziehen lassen. Nur eine Bezichnng der Pflanze zu unserm Leben sei heute Gegenstand unserer anspruchslosen Skizze: die zu unserer Liebe. Blumen und Liebe— eine so naheliegende Jdeenveebiudung für jedes liebende Herz! Man bezeichnet mit Recht die Zeit unserer Minne als unfern Lebensmai. Wie die Natur nach dem Schlummer und der Ruhe des Winters die mannigfaltigsten Blnthen treibt, roie_ diese in tausenderlei Formen und Farben schimmern �und süsse_ Düfte spenden, gleichsam als wären sie aus edleren Stoffen aufgebaut als alle andern Pflanzentheile, so sind auch die Gefühle im Frühling unserer Liebe so überströmend, so uneigennützig und edel, daß wir sie wohl als die Blüthe der künftigen Mannes- tilgend ansehen können. Das Herz, das einer aufrichtigen und wahrhaftigen Liebe, die nicht auf rohe Begehrlichkeit hinausläuft, fähig ist, das sich für den Gegenstand seiner Minne begeistern kann, wird auch später für aste Tugenden nicht nnempsindlich sein. Nur ein edler Charakter ist der wahren Liebe fähig, ein unedler liebt höchstens— sich selbst. Die Blüthezeit ist ein Fest in der Natur. Da drängt sich Form an Form, Glanz und Pracht entfalten sich, berauschende Düfte steigen auf— ein leises, seliges Erzittern scheint mit� dem Abendhauch über die Fluren ausgegossen zu werden, ein süßes unbeschreibliches Etwas, ein Traum von Glück und Seligkeit. So kommt es wenigstens dem Herzen vor, das liebend mit empfindet. Da schwindet aste Berechnung, die Poesie nimmt uns auf ihre Fittige, und wie im Nebel bleibt die Erde mit ihren Kleinlichkeiten hinter uns zurück: „Ich möcht' an» Herz den Himmel pressen, Die Blumen küssen, die ich pflück'." So leiht Emil Ritterhans seinen überströmenden Gefühlen Worte, und wenn viel Tansende es auch nicht in so wohlklingenden Rhythmen auszudrücken vermögen, so durchzieht ibr Herz gewiß doch dasselbe Empfinden. Das ist ja eben das Charakteristische der Liebe, daß die Sprache viel zu arm ist, um alles da» auszu- drücken, was das Herz bewegt. Der gewandteste Dichter vermag nicht alle Empfindungen in Worte zu kleiden, er muß nach Symbolen haschen, um wenigstens uns einen Begriff von dem zu geben, wofür er auch uns zu begeistern sucht. Vor allem eignet sich aber die Pflanzenwelt dazu, und erfahrnngsmäßig werden ja auch ihr die meisten und treffendsten Bilder entlehnt. Die unorganische Natur paßt weniger dazu. Ihr fehlt das Leben, und ein Dichter, der auf sie zurückgehen wollte, würde sich kaum der Sympathie seiner Leser zu erfreuen haben. Auch die Thierwelt tritt mehr zurück. Wir sind gewohnt, ihr Handeln, Thun und Treiben von dem unser» abzuleiten und zu erklären, so daß wir dabei nicht zum reinen ästhetischen Genuß kommen können. Anders ist es mit den zarten Kindern Flora». Ihr Leben ist ein geheimnißvollcs, dem Auge mehr verborgenes, das aber dennoch in seinen Aenßeningen von jedermann wahrgenommen wird. Zwar sind es verschiedene Regungen, die der Anblick einer Blume in eines jeden Herzen hervorruft, aber ich glaube kaum, daß sich jemand mit Widerwillen von einer Pflanze abwenden kann, wie beispielsweise von der Sippe der Kröten und Schlangen. Die Uache des Nach dem Französischen des K. v (Sc Während dieses Wortwechsels war Margretha ans die Seite getreten und achtete auf jedes Geräusch, um die Ankunft ihres Geliebten sogleich zu bemerken. Herr von Liron mar eingetreten, verwundert und entstellt, wie jemand, der aste Hoffnung auf- gegeben hat; das junge Mädchen hatte sich gleich in seine Arme geworfen. „Du hier, Margretha!" rief der Gefangene.„Dich sehe ich wieder und kann dich umarmen?... O, es ist nicht möglich!" „O, mein Freund! Ludwig! Ich bin es ja!" antwortete zärt lich Margretha.„Wie hätte ich dich nicht aufsuchen sollen! Ich mußte dich sehen! Glaube mir, du wirst nicht sterben! Du gc- hörst mir!"... Der junge Mann lächelte, Margretha fuhr fort: „Nein! Weshalb sollte man dich meiner Liebe entreißen? Du hast nichts verbrochen, was die Todesstrafe verdienen könnte; einige unvorsichtige Worte vielleicht... einige unnütze, unüber- legte Reden!... Ja, das ist es! Oder vielmehr... wer kann Keine Pflanze ist häßlich, keine kann unsere Lachlust reizen, eine jede envcckt an und für sich nur wohlthuende Empfindungen. Darum eignet sich auch die Pflanze am besten zu ästhetischen Betrachtungen und zur symbolischen Darlegung unsere Gefühle. Die Blumensprache ist der Poesie verwandt. Auch der Dichter liebt das symbolische Wort und gibt ihm entschieden vor dem der strengen Wissenschaft den Vorzug. Es ist dies ja auch ganz natürlich. Ter Wissenschast kommt es auf strenge Begriffe an, die sie ihren Jüngern in bestimmter Form zu eigen machen will, die Poesie hat ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie in dem Herzen ihres Verehrers Akkorde erklingen läßt, die in harmonischer Be- Ziehung zu denen stehen, die des Dichters Sinnen und Empfinden gewesen. Tie Wissenschaft will belehren, die Poesie will uns dem Staube der Alltäglichkeit entrücken. Darum spielen auch die Blumen überall hinein in unser Liebesleben. Sie durchduften dasselbe und breiten darüber den Schleier der Poesie, der so berauschend unsere Sinne gefangen hält. Noch ehe der Mund das süße Wort auszusprechen wagt, vertraut er es heimlich den Blumen im Hain, von denen er gewiß ist, daß sie es als Geheimnis; mit in das frühe Grab nehmen. Mancher Strauß wird gewunden und wieder verworfen, der bestimmt war, der Erwählten unsere Gefühle zu offenbaren. Und ist es geschehen, haben die Herzen sich gestanden, was sie sich eigentlich nicht mehr zu gestehen hatte», dann haben die Blumen keineswegs ihre Bedeutung verloren. Wenn Robert Rein ick auch singt: „Wenn sich zwei Augen gesunden, Wer schaut die Blumen an?" so widerspricht dieser Auffassung doch die allgemeine Erfahrung. Möglich, daß die Blume als solche dann mehr zurücktritt, aber sicherlich nimmt sie als Liebessymbol noch immer eine hervor- ragende Stellung ein. Namentlich wird die Maid jedes Blättchen, das aus der Hand des Geliebten kommt, als ein heiliges Unter- Pfand seiner Neigung aufbewahren, und wenn selbst die Matrone im grauen Haar noch die getrocknete Rose, die sie einst in ihrem Lenze empfangen, mit gewisser Ehrfurcht wie ein Heiligthum hütet, so ist dies doch der sicherste Beweis von dem großen Ein- fluß der Blumenwelt auf unser Liebesleben. Und endlich der Brautkranz, dieses herrlichste und schönste aller Symbole. Ich habe eine Dame gekannt, die noch in der Stunde ihres Todes sich den sorgsam aufbewahrten Myrtenkranz bringen ließ, ihn mit einem Blick des seligsten Erinnerns au- schaute und dann dem schon dahingeschiedenen Gatten folgte. Möglich, daß jemand ein solches Ende nicht als ein„seliges" bezeichnet, ich aber habe kein anderes Wort dafür. Ich erachte es nicht fiir überflüssig, in nnsrcr poesielosen Zeit an solche Züge aus dem Leben zu erinnern. Sic mögen ja selten sein und werden noch immer seltener werden, denn Ehen, die auf dem „nicht mehr ungewöhnlichen Wege" der Heirathsannonce zustande kommen, entbehren ja von vornherein aller Poesie. (Schluß folgt.) Volkstribunen. Wazade von Arnold Sch..... uß.) es wissen?... eine Rache... vielleicht!?... Doch wer sollte sich an dir rächen, Ludwig?... Nein, es ist nicht möglich! Bald werden sich diese Thüren öffnen� wir werden abreisen, ohne einen Blick zurückzuwerfen... es sei denn, um demjenigen zu danken, der dich gerettet haben wird." „Tu erinnerst mich daran." sprach Ludwig von Liron;„wer hat mir dieses außerordentliche, unbegreifliche Glück verschafft, dich wiederzusehen? Wer hat dir diese unsinnigen Gedanken einer baldigen Rettung eingeflößt?" Ehe Margretha antworten konnte, war Barrerc, den Fonguier eben verlassen hatte, zu ihnen getreten und reichte dem Gefangenen die Hand. Bei scinem Anblick fuhr der junge Mann zusammen; sein Gesicht glühte. Er schwieg einen Moment, ohne aus das freundschaftliche Eutgcgcnkomnien Barrercs zu antworten. Solange er mit dem jungen Mädchen allein gewcyen, schien er traurig und niedergeschlagen zu sein; in Gegenwart des Tribuns crivachte sein ganzer Stolz, sein Herz bebte im Andenken an den alten Haß. Unwillkürlich hatten sich diese Gefühle in seineni Blicke gezeigt. Beklommen erwartete jeder den Ausbruch dieser Gefühle. .Also," rief plötzlich Herr von Liron mit blusiger Ironie, „Sic sind es, der mich retten will?... Es ist dieser Mensch, Margretha, den du ausgesucht hast, um mir diese Thüren zu öffnen?... O Elend!"... „Ludwig!" rief Margretha bestürzt. „Und für welchen Preis hat man meine Freiheit gekauft?" fuhr der� junge Mann mit zunehmender Aufregung fort.„Ich will es wissen!... Dieses wird wohl wieder eines jener schändlichen Geheininisse sein!..." �„Mein Herr," sagte Barrere, zitternd vor Aerger,„denken Sie daran, daß es sich um Ihr Leben handelt! Wenn man uns hören würde!... Was mich betrifft, so vergesse ich alles im Hinblick auf Ihre gefährliche Lage." „Vergessen? Ich vergesse nicht!" antwortete Herr von Liron. „Lieber den Tod, als von Ihnen gerettet zu werden!" „Unglücklicher!" rief das junge Mädchen schluchzend. Barröre war bewegt, unrichig. Was war zu thun gegenüber der Beschimpfung von Seiten eines Mannes, der morgen vielleicht sterben mußte? Tic Großmuth trug noch einmal den Sieg da- von; er näherte sich Herrn von Liron und sprach fast flehend: „Ihre Hand, mein Herr, hier ist die meinige!" Herr von Liron kreuzte die Arme, und mit hochmüthigem Stolze im Blick antwortete er kalt: „Das letztemal, als wir uns begegneten, haben wir uns nicht mit Frcuudschaftswortcu und Händedrücken verabschiedet: es sollte in Zukunft nichts Gemeinschaftliches mehr zwischen uns sein; wir sollten uns nicht wiedersehen. Aber," fuhr er mit ironischer Bitterkeit fort,„wir hatten den Fall nicht vorgesehen, daß wir uns je gegenüberstehen könnten wie heute: Sie als Henker, ich als Opfer!" .„Das ist zu arg!" rief entrüstet Barrere. Das junge Mädchen wandte sich zu ihm mit bittendem Blicke und unterbrach die Worte auf seinen Lippen. „Was heißt denn das?" fragte der Gefängnißwärtcr, der in diesem Augenblick eintrat. „Das heißt, Bürger Gefängnißwärtcr," antwortete Herr von Liron,„daß du mich in meine Zelle, zwischen meine vier Mauern, zurückführen wirst, bis..." Er endigte nicht und verließ trotzig das Zimmer, einen Blick stolzer Verachtung zurückwerfend. „Ludwig!" rief ihn? mit Schrecken das junge Mädchen nach. „Unglücklicher!" murmelte Barrere. Tie beiden sahen sich einen Augenblick betrübten Blickes an, indem sie bei sich dachten, es sei nun wohl alles umsonst und der junge Mann, der sie auf diese Weise verlassen hatte, sei nun ein sicheres Opfer der Guillotine. Weder der eine iloch_die andere hatte den Muth, zu sprechen; nach einer Weile tiefen Schweigens verließen sie das Gefängniß. Schon fing es an. Nacht zu werden, eine kalte, neblige, feuchte Nacht; es fiel ein dichter Nebel, der die Glieder erstarren machte; einige fahle Laternen bewegten sich in langen Zwischenräumen hin und her, ein trauriges und mattes Licht werfend. Aus dem Innern des Gefängnisses drang plötz- lich ein wüstes Geschrei an ihre Ohren, und mitunter konnte man den Namen Barrere hören.... Es waren Ausdrücke des Hasses der Gefangenen, welchen man die Ankunft des Mitgliedes des Wohlfahrtsausschusses mitgctheilt hatte; aber schon verstummten diese Ausrufe, welche das Herz des Tribuns gepreßt hatten. Er schritt schneller vorwärts; das Mädchen folgte ihm schweuparn durch die Straßen; es hatte den Muth verloren, dennoch hielt es seine Thränen zurück. In den Straßen war alles still ge- worden und immer rascher eilte Barrörc vorwärts. Trauriges Schicksal! Dieser Mann, der gekommen war, um eine gute Hand- lung zu verrichten, um dem Messer einen Kopf zu entreißen, erhielt zum Lohne Verwünschungen und Haß! Und in dieser schwarzen, feuchten Nacht schritt er dahin, mit einer unbekannten Rührung im Herzen, wähnend, immer neue Flüche auf sein Haupt schleudern zu hören. r„ Als sie in seiner Wohnung wieder angekommen waren, lien Varräre sich ermattet auf einen Stuhl niederfallen, bald die tiefe Traurigkeit der armen Margretha, ivelche nicht sprechen konnte oder nicht zu sprechen wagte, betrachtend, bald in tiefes'Nach denken sich versenkend; um sich sah er nur die Gegenftände, welche 'hn täglich beschäftigten____ Der Schmerz allein über alle» was heute geschehen war, drückte ihn nieder; jedoch, was tollte er thun?.... Was ihn am meisten bekümmerte, das mar oer, treuherzige Schmerz dieses jungen Mädchens. Plötzlich erhob er sich: „Nun!" rief er aus,„er wird trotzdem gerettet werden, trotz ihm selbst! Ja, für dich— für Sie, Margretha!... Ich will seinem Hasse mit einem hartnäckigen Vergessen antworten; ich werde meine Ohren seinen Beschimpfungen verschließen, damit nicht auch mein alter Groll gegen ihn erwacht." „Ist es möglich? O, mein Gott!" antwortete zitternd Mar- gretha und öffnete ihre glänzenden Augen einer neuen Hoffnung „Es ist Wahnsinn!" fuhr Barrere fort.„Diese rasende Ver bleudung! Es war nur eine vorübergehende Aufwallung, die er vielleicht jetzt schon bereut. Wenn es nur nicht zu spät ist! Doch nein! Habe Zutrauen, mein liebes Kind, ich wiederhole es: ich werde ihn retten." „Wie werden Sie dieses fertig bringen?" fragte zaudernd das Mädchen. „Ich werde es dir später sagen. Ich habe keinen Augenblick zu verlieren, und wenn er aus dem Gefängnisse sein wird, aus Paris selbst, dann muß er doch auch leben können!" Mit diesen Worten ging Barrere fort. Margretha, ebenso zweifelhaft und unruhig an diesem Morgen ivie am vorigen Tage, blieb allein zurück. Sie konnte nun ihre Augen um sich iverfen, ihre Neugierde befriedigen— sie war ja ein Weib— und unter- suchen, wie der Palast eines Mitgliedes des Wohlfahrtsausschusses aussah. Alles war einfach, ohne überflüssige Verzierungen, mit einer bürgerlichen Regelmäßigkeit eingerichtet; es>var da nichts zu finden, als das Nothwendige. Und welches Nothwendige noch für ein Regierungsmitglied, für einen Mann, der das Szepter Frankreichs in der Hand hatte, der seinen Theil an dieser kollektiven, das Königthum vertretende» Regierung hatte! Wo war denn der Reichthum und die Verschwendung dieser Regie- renden? Fast war es Armuth, die da herrschte, und dieser Tribun, Bertrand Barrere, in dessen Namen die republikanischen Horden von Sieg zu Sieg eilten, sah sich, um zu leben, gezwungen, ein paar tausend Franken zu leihen. Margretha wußte das nicht, doch hatte sie den Namen ihres Beschützers hoch rühmen hören, und Erstaunen ergriff sie und Ehrfurcht zugleich über eine solche würdevolle Einfachheit. Eine Stunde ungefähr war verflossen, als ein Geräusch sich ver- nehmen ließ. Barräre trat rasch ein und reichte ihr beide Hände. „Nun, mein Kind," sagte er,„hoffe! Ich komme vom Wohl fahrtsausschuß... der Name des Herrn von Liron ist von den Listen gestrichen. Ich habe befohlen, daß er gleich freigelassen werde, so wie ich es angeordnet habe.... Wenn du ihn sehen willst... in einigen Stunden vielleicht wird es möglich sein; bis dahin mußt du mir folgen." „Befehlen Sie, ich werde Ihnen überallhin folgen!... Aber, zuerst sagen Sie mir, wie ich Ihnen je genug danken kann?" „Indem Sie Sich meiner erinnern," sagte Barrere mit melancholischer Ruhe:„das wird für mich die liebste Zahlung Ihrer Schuld sein. Die Erinnerung eines Freunoesherzcns bringt immer Glück, Margretha!" Ein Wagen erwartete sie an der Thüre und führte sie schnell, zuerst durch mehrere Ssi-aßen bis aus der Stadt, dann über Landwege, und hielt bei einem alleinstehenden Hause. Sie hatten schon ziemlich lange gewartet, als Barrere plötzlich durch das Rollen eines Wagens, der sich rasch näherte, sehr er- � regt wurde. Bald hörte man Stimmen— die Thür öffnete sich. „Ludwig!" rief Margretha mit unaussprechlicher Freude. „Wieder Sie!" antwortete der junge Mann, einen Blick ans Barräre werfend.„Was habe ich zu erwarten? Ohne Zweifel einen langsameren, grausameren Tod!" Barrere antwortete nicht. ,O, keine Beschimpfungen!" sagte das junge Mädchen mit ruhiger Würde.„Hören Sie mich zuerst an: Dieser Mann, den Sie beschimpfen, ist Ihr Retter! Ludwig, er ist auch der meinige! Er ist der Retter," fuhr sie leiser fort,„des Kindes, das ich unter dem Herzen ttage, und das Ihnen gehört, Ludwig!" Der junge Mann erbebte. „Sie sehen nun, daß Sie mich anhören müssen. Als ich hörte, daß Sie verhaftet seien, bin ich nach Paris gekommen, um Sie wiederzusehen, weil ich Sie liebte, weil ich mit Ihnen sterben wollte, wenn es sein mußte. Ich bin gekommen, ohne zu wissen, was man für Ihre Rettung thun könne. Wenn ich allein gesagt hätte, Sie seien unschuldig... wer hätte mir wohl geglaubt? Der Zufall, oder Gott vielmehr, hat mir Herr» Barrere gezeigt. Da habe ich nichts mehr gehört, als die stimme, die mich zu ihm trieb. Ich habe vergessen, daß früher Zwietracht zwischen euch bestand,— Zwietracht und schrecklicher Haß, der mir viele Thränen gekostet hat.... Und es hat sich gefunden, daß er, großmüthig und gut, auch alles vergessen hatte... daß er Sie dem Tode entreißen wollte. Sie haben ihn beschimpft, er konnte sich deshalb rächen... aber nein... er rettet Sie trotz Ihrer Verhöhnung. Ihrem Hasse antwortet er mit der edelsten Freund- schaft, Ihrer Verachtung mit persönlicher Aufopferung, und Sie beschimpfen ihn wieder!... Sie sehen also, Sie hatten an das alles nicht gedacht. Es war ein plötzlicher, unüberlegter Aus- bruch, nicht wahr?... O, Sie haben mir das Herz gebrochen, mein Freund, als ich soviel Zorn bei Ihnen fand für eine Wohl- that. Ludwig, sehen Sie, ich weine, und es sind dieses Thränen der Dankbarkeit für ihn sowohl, als Thränen der Liebe für Sie!" Das junge Mädchen konnte nicht mehr, es schluchzte. Diese Aufregung hatte es erschöpft. Herr von Liron war bleich und traurig geworden. Jedes Wort seiner Geliebten hatte ihn heftig bewegt, all' sein Haß schmolz unter dem Hauch dieser geliebten und feurigen Stimme. Uebrigens, sollte er jetzt nicht auch die ganze Großniuth des- jenigen einsehen, den er für seinen Feind gehalten hatte? Barröre betrachtete sie mit süßer Ruhe; die Freude klärte seine Stirne, er näherte sich ihnen. „Nun, Herr von Liron, verweigern Sie noch immer, diese Hand zu drücken?" sagte er.„Ich selbst hätte mich nicht ver theidigt, aber ich bekräftige alles, was Fräulein von Jonzae gesagt hat." Herr von Liron nahm seine Hand und, seinen Stolz de- müthigend bis zum Kniefall, sagte er: „Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir, daß ich Sie verkannt habe. Ja, Margretha hat es gesagt, es war eine blinde Auf- wallung...." „Keine Verzeihung," unterbrach ihn Barröre, ihn aufhebend, „aber Freundschaft— das ist's, was ich will!" Er drückte die Hände der beiden jungen Leute mit väterlichem Wohlwollen und betrachtete sie einen Augenblick mit träumerischem Blick; dann, denjenigen rufend, der Herrn von Liron aus dem Gefängnisse bis in dieses Hans begleitet hatte, sagte er: „Jakob, mein Freund, du hast mir dieses Zimmer abgetreten, um meine Rache zu vollführen; habe Sorge für diese zwei Kinder bis morgen, wo ich wiederkommen werde, um ihre Abreise vor zubereiten, denn die pariser Luft ist jetzt nicht gut!— Und ihr, meine Kinder," fuhr er fort,„wenn es euch möglich ist, denkt an mich; meine Erinnerung möge nicht ganz aussterben!" „Nie!" riefen Herr von Liron und Margretha.„Immer werden Mann und Frau sich erinnern, daß sie Ihnen ihr Glück auf dieser Welt zu verdanken haben." „Und nun," sagte Bertrand Barröre mit bittrer Traurigkeit, „wollen wir unsere alte Rüstung zum neuen Kampfe wieder an- legen. Wer weiß, ob ick eines Tages mich selbst werde retten können?"— Nach diesen Worten verließ er die beiden Glücklichen, und während schon der Morgen dämmerte, kehrte er langsam nach Paris zurück, wo ihn neue Stürme erwarteten. Pariser Skizzen. In, vorigen Jahrgänge war es mir vergönnt, den Lesern der „Neuen Welt" eine Charakteristik des philosophischen Kaisers Julianus vorzulegen, und wem seine edle Gestalt damals lieb geworden ist, der wird heut gern mit mir eine Stätte betrachten, die ihm besonders theuer war. Zuvor aber appellire ich gegen einen Vorwurf, der mir nach der Veröffentlichung des genannten Aussatzes gemacht worden, an die Tole- ranz der wahrhaft Freisinnigen. Man hatte es bedenklich gefunden, daß ich einen unbeschränkten Machthaber ajs Vertreter eines Freiheitsgedankens dargestellt; grade als ob ein Fürst von seinem Thron den Fortschritt nur zu kominandiren brauchte und niemals das Verdienst eines opferfreudigen Kämpfers beanspruchen könnte. Wer in der Geschichte bewandert ist, weiß recht gut, wie wenige der Gewaltigen wirklich frei gewesen. Schnell sind sie gezählt, die der bestehenden Ordnung getrotzt haben; und hatten sie die Ketten gebrochen, so wurden sie zumeist inehr Weißler der Unterdrückten, als väterliche Beschützer. Die Mehrzahl aber blieb unter dem Druck einer un sinnige» Etikette, starrer Gesetze, die sie als unheilbare Krankheilen über- kommen hatten; und oft genug wurden sie Opfer derselben. Sie waren also weit weniger, frei verantwortliche Herren, als vielmehr gekrönte Knechte; Knechte entweder der privilegirten Klassen oder Knechte einer durch langen Mißbrauch des wirklichen Rechts traditionell gewordenen, versteinerten Unordnung. Je älter die Throne wurden, desto mehr glichen sie Petresakten des historisch erstarkten Vvrurtheils. Unter-solchen Umständen sollte ein edler Mensch nicht aus unsere Bewnnderung zählen könne», der rein und gerecht blieb in der größten Versuchung, die es gibt, im Besitze unumschränkter Gewalt; und mehr als dies, der alle seine Macht nur gebrauchte, ui» sich und die seiner Leitung Anvertrauten zu veredeln? War es etwa leicht, das Christenthum zu bekämpfe», welches seit Konstantin das Reich überschwemmt hatte, oder war es für Julians Herrschaft nützlich? Ein Nero, ein Diokletian hatten es verfolgt, weil sie das in ihm waltende sklaven- züchtende Prinzip nicht erkannten; hingegen Konstantin hatte eingesehen, daß man die Knechtseligen nicht zu Märtyrern, sondern zu Ministern inachen muß. Julian aber wollte keine Knechte, sondern freie, denkende Mensche»; deswegen griff er auf die griechische Philosophie zurück und erhob zun, religiösen Symbol das edelste Prinzip, den Kultus des Lichts. Ich wohne im Quartier lati», dem lateinischen Viertel von Paris. Weiß nicht, ob es seinen Namen von den Gelehrtenschulen hat, die es zur Heimath der Studenten machen, oder von seinen Ruinen aus der Römerzeit. Wenige Schritte nur von meinem Hanse erheben sich diese gewaltigen Reste der von Konstantins Chlorus erbauten römischen Kaiserbnrg. Spricht man heut von ihnen, so nennt man sie gewöhnlich Müsse de Cluny, weil die?lebte der Benediktinerabtei Clüny in Süd- burgund sich ein Schloß in spätgothischem Stil, das heut als Museum eine große Sammlung römischer und mittelalterlicher Alterthümer um- faßt, auf den antiken Fundamente» errichtet haben. Aber sehr üblich ist auch noch die Bezeichnung„Die Bäder Julians", nach dem Haupt- theil des erhaltenen Kastells. Es ist wohl wahr, daß wir nordischen Epigonen an das Herein ragen der römischen Vergangenheit in unsere Gegenwart von Kind aus gewöhnt sind. An den tiefblauen Havelseen meiner märkischen Heimoth hatten wir eine Römerschanze, die, wenn auch nur von der Sage so benannt, doch meinen Knabenphantasien einen weiten Spielkreis öffnete. Und später als Student fand ich am lieblichen Neckar eine heidnische Kapelle, nahe dem antiken Sumlocennä; und in einem Schwarzwald- bade ausgegrabene Münzen mit den Bildern der Imperatoren, unter denen auch Juliamis nicht fehlte. Aber so lebendig hatte das nicht zu mir gesprochen, wie die mächtigen Trümmer der Lutetia Parisiorum. Cäsar war es, der im Jahre 52 vor unserer Zeitrechnung diese alte Gallierstadt ans der Seineinsel eroberte und sie mit Mauern um- gab. Aber der Name Lutetia,„Sumpfloch" nach lateinischem Sinne, scheint älter, scheint keltischen Ursprungs zu sein und„Rabeninsel"*) zu bedeuten. Für den Handel war sie durch ihre Lage trefflich ge eignet; darum trägt sie noch heut ein segelndes Schiff in ihrem Wappen, und die Zunft ihrer Schisser errichtete unter der Regierung des Tiberius dem Jupiter einen Altar. Eine seltsame Ironie der Geschichte hat aus diesem Punkte den Wellenschlag menschlicher Träume zum ostnials wechselnden Ausdruck gebracht. Im zwölften Jahrhundert wurde hier der Bau von Notre Dame begonnen, unter deren Chor man 1711, mit einer Grifft für die Erzbischöfe beschästtgt, jenes Denkmal des heidnischen Gottes fand. Und noch vor Ablauf dieses achtzehnten Jahrhunderts proklamirten die Hebertisten die Kathedrale zum Tempel der Vernunft. Dann kam Robespierre und setzte das Ltrs supräms(höchste Wesen) wieder ei», und 1801 schiff die Politik Napoleons, eines zweiten Konstantin, von neuem die Macht des katholischen Klerus. Der Papst Pius VlII. überschritt 1804 die Alpen, um an der nämlichen Stelle, wo einst Jupiters Priester geopfert und noch vor kurzem die Voltai- rianer den VernunstknltnS gepflegt hatten, denselben Despoten zum Kaiser z» krönen, der ihn bald darauf voin ßtuhle St. Peters stürzen und gesnngen nach Savone führe» sollte. In diesem Jahre bat man daselbst natürlich aus für Pio Rono die offizielle Seelenmesse abgehalten, die frostig ivar wie ein Herbsttag, wenn der Sturm das abgestorbene Jahr zu Grabe heult. Ruch im nördliche» Stadttheil sucht man Erinnerungen an die römische Herrschast. Montmartre— das soll Möns Maitis heißen, als habe dort oben ein Tempel des Kriegsgottes gestanden. Wahrschein licher aber bleibt die Erklärnng Möns niartyrnm, Berg der Märtyrer. Doch gleichviel, beide Namen erinnern an die ganze Schmach der ent arteten Menschheit; denn welches Gräßliche ist nicht inbegriffen in die beiden Worte: Krieg und religiöser Fanatismus? Die Bäder Julian's liegen im Süden, ans dem linken Seineufer, und ihre mächtigen»»terirdischen Gewölbe, die als Wasserreservoirs gedient haben mögen, reichen weit unter den Boulevard St. Michel. Bon diesem aus blickt man durch ein hohes eisernes Gitter in das jetzt auf der einen Seite offene Tepidarium, den Saal für die warme» Bäder, dessen Dach der Zeit erliegen mußte. Jetzt ist er ein Theil des Gartens; aber um so besser ist er blosgelegt, um das Großartige, Massige der gebrochenen, vom Alter geschwärzten Mauern erkennen zu *) Oder Wasierwohnung. Cf. Nr. 34„Paris vor tausend Jahren". Red. d. N.W. lassen; man denkt bei ihrem Anblick an die kyklopischen Mauern von Mykenä und kann sich eine Vorstellung von den ungeheuren Dimensionen machen, welche die ganze Kaiserburg gehabt hat. In den besterhaltenen Thcil, das Frigidarium, d. h. das Kaltwasser- bad, gelangt man durch eine» Vorhof aus dem Schloß der Aebte, und zwar gewöhnlich, nachdem man auf einer kleinen Wendeltreppe aus der Kapelle herabgestiegen ist, die in der Revolutionszeit ein Sitzungssaal des Stadtviertels, dann eine Anatomie und noch später eine Druckerei war.— Der Eindruck, den man an der offenen Eingangspforte empfängt, wenn man über die in das Frigidarium hinabführenden Stufen den ganzen weiten Raum überblickt, ist in der That ein überwältigender. Es sind kolossale Massen, die hier der zerstörenden Zeit getrotzt haben, und noch jetzt, oder gerade jetzt in ihrer stolzen Größe als Ruinen voll altehrwürdiger Majestät, wirken sie fast erschütternd auf die von historischen Erinnerungen getragene Einbildungskraft. Die tempelartig hochgewölbte Haupthalle ist von einem mächtigen Kreuzbogen überdacht. Da, wo die Piscina war, ein schönes Becken, das recht wohl Raum zum Schwimmen bot, steht jetzt— lächerlicher Kontrast!— ein morsches Altarbild von Holz mit vergoldetem Schnitz- werk; sonst aber sind ringsum viel Reste aus römischer Zeit vorzüglich erhalten. Hoch oben an den vergitterten Fenstern und an den Wetter- benagten Thürbogen rankt sich uralter Epheu mit jungem Grün empor, eine freundliche Mahnung an das ewig sprossende Leben über den Trümmern. Die Hallen sind den Winden offen, und das erhöht ihre eigenthümliche Wirkung. Kunstvolles Menschenwerk, das die Zeit der Natur wieder zurückgegeben hat, und dazu den Geist des Philosophen Julianus, der hier geweilt— das alles übt aus das Gemüth den ganzen Zauber historischer Poesie. Von Julian selbst befinden sich zwei Statuen in Paris. Die eine, von weißem Marmor, ist im Louvre; aber ihre Beleuchtung ist nicht günstig; die andere, in besserem Licht, steht in der größeren, mittleren von drei Wandnischen des Frigidariums, der Piscina gegenüber. Auf dem Haupte trägt Julianus hier ein Diadem, und sein Leib ist in ein weites, faltenreiches Gewand gehüllt. Die Linke hält, ganz charakte- ristisch für den Mann der Wissenschast, eine Schriftrolle. Das unter der Kopfbedeckung hervorquellende Haar fällt tief in die Stirn und ist nicht vortheilhaft für den Eindruck seiner Züge; aber die große, ernste, würdige Ruhe des Angesichts läßt trotzdem etwas Geistiges, Edles, läßt den Denker erkennen. Die Nase, an sich nicht übergroß, erscheint zu groß, weil die Stirn bedeckt ist. Ani wirkungsvollsten ist das Profil. Das ist Julianus, deni Paris ein Lieblingsaufenthalt gewesen. „Mein geliebtes Lutetia" hat er die Stadt im„Misopogon" genannt, wo er das Land und sein Leben in demselben mit einer liebenswürdigen Einfachheit schildert, die ihn uns wie einen in der Stille seinem Studium gewidmeten Gelehrten erscheinen läßt. Und in diesem Paris war es auch, wo im Jahre 3G1 dnrch die Legionen seine Erhebung zum Augustus stattfand und mithin seine Macht begann, die den Kampf gegen das kulturseindliche Christcnthum eröffnen sollte. Wir wissen, daß ihm der Tod früh die großen Pläne aus der Hand nahm, daß eine barbarische Zeit erschien, die seinen edlen Namen schmähte, daß mit der langen Nacht des Mttelalters Finsterniß sich über die Welt breitete, die Menschen ihre Liebe zur Freiheit vergaßen und im Dienste der Knechts- religio» zu Sklave» wurde». Aber wir wissen auch, daß das Licht ewig, daß es der Quell alles Lebens ist, und daß die Spuren der Menschheitsgeschichte trotz allen Unterbrechungen seinen fortschreitenden Sieg verkünden. Eduard Bertz. Ludwig Börne.(Porträt Seite 532.) So wie der Erdmittel- punkt eine bloße Fiktion ist und doch»ach Newtons Gesetz die ganze Schwerkraft als von ihm ausgehend angenommen wird, so liegt der Schwerpunkt des einzelnen Menschen wie des gcsaminten Volkes nur in der Erlangung politischer Freiheit, weil ohne die Freiheit der Palrio tismus und die Nationalität nur leere Phrasen sind. Seitdem die Faust-Natur im Menschen durch Beobachtung der Vorgänge in der Statur der Menschheit Wissen und Erkennen mehrt, kann den Unsreien auch die Religion nicht mehr trösten, weil er das Jncasso des vom Pfaffen gi ritten Wechsels aus die Entlohnung für irdische Entbehrungen im Jenseits bezweifelt. Der kosmopolitischen Idee, daß die Freiheit über dem Patriotismus stehe, hat bei den dickhäutigen Deutschen erst im vorigen Jahrhundert Gotthold Ephraim Lessing zum Dnrchbruch verHolsen. Dem Schleppträger des Preußenkönigs Friedrich II., seinem Freunde und Verfasser der Grcnadierlieder, Gleim, schreibt Lessing über das Thema folgendermaßen:„Vielleicht ist der Patriot auch bei mir nicht ganz erstickt, obgleich das Lob eines eifrigen Patrioten nach ineiner Denknngsart das allerletzte ist, wonach ich geizen würde, des Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrte, daß ich ein Weltbürger sein sollte. Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes(es thut mir leid, daß ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir auf's höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre." Und wie Lcssing auf der Warte der Kultur, der Ab- wehr von pfäsfischer Verduminung und der Heranbildung eines denkenden Geschlechtes stand auch Ludwig Börne. Die Ausgabe seines Lebens bestand darin, das deutsche Volk zu crmuthigen, sich von jeder Fessel freizumachen, die sein innerliches Leben hemmte. Auch er schrieb in acht kosmopolitischer Weise:„Es gibt Tugenden, die unvereinbar, es gibt gewisse gute Eigenschaften, die nothwcudig mit gewissen Fehlern verbunden sind. Das aber ist die wahre, nützliche Aufklärung, die man den Völkern geben kann, ihnen zu zeigen, wie sie in außcrordent- lichen Fällen, wo sie zum Handeln oder zum Widerstehen gute oder schlimme Eigenschaften, die ihnen selbst fehlen, nöthig hätten, dieselben bei fremden Völkern suchen und zum besten gebrauchen sollten." Lion Baruch, der später umgetaufte Ludwig Börne, ist am 13. Mai 1786 zu Frankfurt am Btain geboren. Er studirte in Gießen und Berlin Medizin und in Heidelberg Staatswissenschaft. Unter dem Einfluß der französischen Gesetzgebung, welche Gleichheit aller Kulte auf ihre Fahnen schrieb, wurde der Jude Baruch Stadtbeamter. Aber die nach den „Freiheitskriegen" hereinbrechende Reaktion hatte nichts Eiligeres zu thun, wie ihn des Amtes zu entsetzen. Er ließ sich 1825 taufen, uni die Staatskarriere zu ermöglichen, folgte aber bald seiner Neigung und wurde Literat. Die zwei von ihm gegründeten Zeitschriften„Zeit schwingen" und„Wage" verschlang der tanscndarmige Polyp, deutsche Reichsmaschine genannt, und drückte dem Literaten den Wanderstab tu die Hand. Immer unterwegs zwischen Paris, Hamburg und Frank- furt, schrieb er die zahllosen Skizzen, Erzählungen, Briefe und Kritiken, deren Witz und Feinheit nur von Heine erreicht worden ist. Die hoch gespannten Hoffnungen, die er an die pariser Juli-Revolution knüpfte, bestimmten ihn, seiiteit ständigen Wohnort in Paris auszuschlagen und im Verein mit glcichgesinnten Deutschen und Franzosen die Zeitung „Balance" zu gründen, in welcher er dem Patriotismus, dieser„lügne tischen Tugend", zu Leibe ging. Als ächter Journalist hat der strenge Republikaner Börne nur zwei Bücher„Briefe aus Paris" und die Schrift über Menzel den Franzosensresser herausgegeben. Seine zu- nehmenden körperlichen Leiden, der unerquickliche Zwist mit Heinrich Heine, den er mit Nadelstichen verfolgte, und der literarische Streit mit dem Fürsten Pückler-Mnskau, den er mit einem Keulenschlag nieder- streckte, steigerten seine Erbitterung zur Verbissenheit und beschleunigten sein Ende. Er starb in Paris am 13. Februar 1837 und wurde unter allgemeiner Thcilnahme am Pere-Lachaise beerdigt. Der Nestor der Republikaner, Raspail, dem das Schicksal vergönnt war, Louis Philipp und Louis Napoleon zu überleben, feierte in einer Grabrede Börnes Verdienste um die Menschheit, und der Bildhauer David modellirte eine Grabesbüste mit der täuschenden Wiedergabe der scharfmarkirten Gesichts- züge des unerschütterlichen Freiheitskämpfers. Auch seine Vaterstadt Frankfurt setzte ihm nach 41 Jahren ein Monument, welches ein ent- artetet Epigone einige Tage nach dessen Aufstellung verunglimpfte. Dr. M. T. Sitten und Gebräuche der Chinesen in San Francisco. (Bild Seite 533.) Wie die Lebensgewohnheiten der Völker, so ist auch ihre Bestattungsweise verschieden. Während der Eskimo mit Steinen bedeckt, der Indianer auf einem Holzgerüst, der Peruaner im Höhlen spalt und der Patagonier in Thierfelle eingenäht verwest, bleichen die Knochen des Kabylcn im Wüstensandc. Christen, Juden und Moslems verscharren ihre Leichen, die Neger Jnncrasrikas verspeisen sie. Die in Bombay ansässigen Anhänger der Zarathustra-Lehrc von Ahriman und Ormnzd(Licht und Finsterniß) setzen ihre Todte» auf hohen Thürmen zum Geierfraßc aus. In der Stadt Bcnares(Indien), deren Luft sozusagen mit Frömmigkeit geschwängert ist, denn sie hat 1000 Hindu- tcmpel und 333 Moscheen, kann nian eine ganze Musterkarte von Bestattungsmethoden kennen lernen. Die Bekenner der Waischnawa, welche Gott Wischnu in seinen verschiedenen Jukarnationcn(Fleisch werdung) anbeten, huldigen der Feuerbestattung; die Scktircr der Saiwa werfen ihre Tobten in den heiligen Fluß Ganges, und die Dschainaiten (Ketzer), welche sich um die Trimurti Brahma-Schiwa- Wischnu(Drei faltigkeit der Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung) nicht kümmern, setzen die lustdichtverschlossenen Särge in ihren Tempeln bei. In allen Ländern ist aber die Hauptsache das„Geschäft", welches die„Secl- sorger" beim Austritt und Abgang und den verschiedenen andern Akt schlttssen des Lebensdramas des Menschen machen.'Die bezopften Bonzen Buddhas, welche seit unvordenklichen Zeiten die Gesetzgebung Chinas nur zu ihren Gunsten modelten, haben, um die Zahl der schurfähigen Schäflein nicht zu vermindern, das Dogma ausgestellt, daß nur der jenige selig werden könne, der zur letzten Ruhestätte im„Reich der Mitte" gebettet ist. Der Auswanderung war dadurch zwar ein Riegel vorgeschoben, aber ganz verhindern konnten sie die schlauen Pfaffen doch nicht, weil zuweilen der Hunger, namentlich aber der Durst, de» das Gold erzeugt, stärker ist wie der Glaube. Seit der wunderbaren Goldentdeckung in Kalifornien segeln Tausende der Abkömmlinge des Himmlischen Reiches über den Stillen Ozean nach dem neuen Eldorado am Sakramento, ohne sich jedoch weder mit der weißen, noch mit der farbigen Rasse Amerikas zu vermischen, weil sie, wie einst die Griechen und Römer, alle anderen Völker als Barbaren betrachten. Deshalb sieht wohl auch der Chinese, der stets ohne Familie auswandert, Amerika nur als zeitweiligen Aufenthaltsort an, und wenn er daselbst stirbt, so werden mindestens seine Gebeine nach China zurückgebracht, um dort in reiner Erde zu ruhen. Unser Bild stellt die Verpackung der Gebeine zu diesem Zwecke dar. Eine Schiffsladung voll, also 300—400 Leichen, werden immer aus einmal auf dem chinesischen Begräbnißplatz San Franciscos ausgegraben und in siedendes Wasser gebracht, damit sich das halbverweste Fleisch leichter von den Knochen abtrennen lasse. Das Fleisch sowie die Eingeweide hält der Chinese für unrein, deshalb bleiben 540 auch diese Bestandtheile des Todtcn im Barbarenlande zurück. Nur das reingeschabte Skelett wird, sorgfältig iu Kisten verpackt, zu Schisse gebracht, um zu seiner letzten Ruhestätte in's Naterland befördert zu werden. Dr. M. T. Ein neuer Krater auf dem Monde. Die„Kölnische Zeitung" schreibt, dasi es dem Dr. Hermann Klein, der sich seit etwa zwölf Jahren mit Untersuchung der Atondoberfläche beschäfttgt, gelungen ist, einen großen Krater zu beobachten, der sich neu gebildet hat. Bisher waren alle im Laufe der letzten hundert Jahre angestellten Nachforschungen Schröters, Hcrschels, Mäklers und anderer nach einer aus dem Monde stattgehabte» neuen Kratcrbildung völlig fruchtlos, sodaß die allgemeine Ansicht dahin ging, unser Mond sei eine völlig todte Welt, ein aus- gebrannter und längst erstarrter Himmelskörper. Diese Meinung muß nun aufgegeben werden, da jetzt die Thütigkeit gewaltiger Kräfte auf dem Monde nachgewiesen ist. Der neue Krater befindet sich nach Dr. Klein nahe im mittlckeu Thcile der Mondscheibe, westlich von einem andern Krater, der den Namen Hyginus führt, iu einer weiten, flachen Ebene, und stellt sich uin� die Zeit des ersten Mondviertels als ein schwarzer, schattenerfüllter Schlund von etwa 4000 Meter Durchmesser dar. Seine innere Fläche übertrifft also, mit Ausnahme des Kirauea auf Hawai, alle noch thätigen Krater unserer Erde. Nach den Beobachtungen des Entdeckers scheint der neue Krater eine äußere Um- Wallung von irgend wahrnehmbarer Höhe zur Zeit nicht zu besitzen, sondern stellt sich dar als ein mächtiger Schlund, der tief unter die Mondoberflüche hinabführt. Kurz nach dem Aufgang der Sonne über jener Mondregion sah Dr. Klein westlich von dem Krater die ganze Umgebung mit Hügeln oder Felstrümmern bedeckt, welche die Höhe unserer Kirchthürme kaum erreichen. Auch zwei schmale Risse oder Spalten zeigten sich dort in einer Ausdehnung von mehreren Meilen Länge. Diese letzteren können nur ausgezeichnete Justtumentc wahr- nehmen lassen, der neue Krater ist dagegen schon mit kleineren Fern- röhren sichtbar. Dr. M. T. Um Blumen frisch zu erhalte» oder wiederherzustellen, muß man sie in einer feuchten Atmosphäre halten. Am einfachsten ist fol gendes Verfahren: In eine flache Porzellan- oder Glasschale wird Wasser gegossen, dahinein wird die Vase mit den Blumen gestellt und das Ganze so mit einer Glasglocke bedeckt, daß deren Rand im Wasser steht. Die die Blumen umgebende Luft ist unter der Glasglocke ab- gesperrt und durch das verdunstende Wasser feucht gehalten. Bei starker Verdunstung läuft das Wasser an der Wand der Glocke wieder in die Schale zurück. Die kleine Mühe der Einrichtung wird reichlich belohnt durch die lange Frische der so bewahrten Blumen.— Eine andere Art, Blumen monatelang zu erhalten, ist, daß man sie gleich nach dem Ab- schneiden sorgfältig in eine ganz klare, dünne Lösung von Gummi arabicum taucht, zwei bis drei Minuten abttopfen läßt und dann auf- recht in den Vasen ordnet. Das Gummi bildet allmählich einen durch- sichligen Ueberzug über den Blüthen und bewahrt ihre Form und Farbe, wenn sie schon lange trocken geworden sind.— Verwelkte Blumen werden gewöhnlich mehr oder weniger wieder hergestellt, indem man sie bis zur Hälfte ihres Stieles in recht heißes Waffer bringt und solange darin läßt, bis dieses erkaltet oder die Blumen wieder frisch geworden sind. Der eingetauchte Sticltheil wird dann abgeschnitten und die Blumen werden in klares, kaltes Wasser gesetzt. Noch stärker ist die Wirkung, wenn man dem Wasser etwas kohlensaures Ammoniak(Hirsch- hornsalz) und einige Tropfen Lösung von phosphorsaurem Natron hinzufügt. Die Wirkung ist in Bezug aus Farbe und Aussehen der Blumen gradczu wundervoll, und wenn man alle Tage die Blumen- stiele mit einem scharfen Messer etwa anderthalb Centimcter abschneidet, so halten sich die Blüthen solange, wie überhaupt ihr Leben ausreicht. Ein kleiner Zusatz von Kochsalz zu dem Wasser der Blumenvascn ist immer zu empfehlen. Dr. B.-R. Fremde Körper im Ohr. Die Frage: Was der Laie sowohl wie jeder Arzt, der nicht Ohrcuspezialarzt sei, zu thun habe, wenn ein fremder Körper in's Ohr gelange? beantwortet der bekannte Ohren- spczialist Pros. Boltolini dahin, daß mau diesen fremden Körper ruhig liegen lassen solle. Wenn man das thäte, so habe mau seine Schuldig keit gethan! Dies mag manchen Leser d. Bl. gewiß überraschen: denn das erste, was gewöhnlich geschieht, ist das Herumbohren im Ohr mit dem kleinen Finger oder irgend einem Instrumente. Boltolini begründet diese Ansicht ungefähr in folgender Weise: Die Haut des knöchernen Theiles des äußeren Gehörgangs ist innig mit der Knochenhaut verwachsen und zugleich sehr dünn. Wird sie verletzt, so gesellt sich sehr leicht eine gefährliche Kuochenhautentzündung hinzu, die einem Kranken das Leben kosten kann. Jeder größere fremde Körper, der in den äußeren Gehör- gang geräth, gleicht serner, insolge der winkeligen Knickung desselben, einem Pfropfen, der in eine Flasche gefallen ist; er. kann nicht wieder zurück, bevor diese Knickung dadurch ausgeglichen wurde, daß man die Ohrmuschel nach außen, hinten und oben zieht. Ohne letzteres Ver fahren ist auch weder eine Ausspritzung,»och eine Untersuchung des Ohres möglich. Gelangt ein lebendes Thier in's Ohr(Fliege, Ohr- wurm), so ist dasselbe zunächst zu tödten, dadurch, daß man die erste beste Flüssigkeit, welche man bei der Hand hat, Milch, Oel, Wasser zc., in's Ohr gießt. Bohrt man bei solchen Gelegenheiten niit dem Finger im Ohre herum, so kriechen die Thiere geivöhnlich tiefer hinein, gelangen bis an's Trommelfell und können entsetzliche Beschwerden verursachen. Nachdem das Thier getödtet ist, wird es auf die weiter unten au- gegebene Weise durch Einspritzungen entfernt. Todte Körper können oft lange Jahre im Ohre sitzen, ohne daß der betreffende Patient eine Ahnung davon hat; häufiger jedoch verursachen sie Beschwerden, und es werden namentlich von Nerzten die quellenden Körper(Bohnen, Erbsen, Maiskörner- u. s. w.) gefürchtet, welche sich Kinder in's Ohr steckten. Doch ist die Sache meist nicht so schlimm, wie sie aussieht, denn sie quellen nur bis zu einem gewissen Grade und sterben dann ab. Wird ein Ohrenspezialarzt zugezogen, so wartet dieser selbst verständlich nicht solange, sondern er zerkleinert die Bohne oder Erbse durch Verbrennung niit dem galvanokaustischen Apparate. In jeden: andern Falle wartet man ruhig ab, was daraus wird, denn die Be- strebungen, die Fremdkörper auf andere Weise, als durch Einspritzungen, gewaltsam zu entfernen, können dem Kranken gefährlicher werden, als jener selbst. Das Einzige, was auch der Laie thun kann, sind Ein spritzungcn mittels einer Ohrspritze, die man mit lauwarmein Wasser füllt. Die Ohrmuschel wird dabei mit einer Hand nach außen, hinten und oben gezogen, während die andere Hand die Spritze mit kräftigem Strahle entleert, jedoch nicht in der Richtung der Längsachse des Gehör- ganges, sondern in einem stumpfen Winkel, nach einer beliebigen Wand desselben. Der Kopf wird dabei etwas auf die Seite geneigt, damit das Wasser und mit ihm der Fremdkörper herausfließen kann. Ist der Fremdkörper schwer(z. B. ein Schrotkorn), so muß der Kranke horizontal mit hintenüber hängenden Kopse gelagert und in dieser Lage müssen die Einspritzungen vorgenommen werden. Nach der Entfernung des Fremdkörpers wird das Ohr sorgfältig mit Watte ausgetrocknet und durch einen Wattepfropf verschlossen. Dr. R. -Ferftticher Qgr«fllaj!en. Hamburg. K. Wenn kein Mittel gegen das Erbrechen der Schwangeren helfen will, so versuchen Sie einmal Alkohol, indem Sie ein gewöhnliches Weinglas etwa zwei Finger breit mit Nordhäuser und den Rest mit SelterSwasser füllen. Hiervon trinkt die Patientin zu einer Hauptmahlzeit etwa die Hülste. Gewöbnlich bleibt schon nach achttägigem Gebrauch des Alkohols das Erbrechen aus und derselbe kann dann weggelassen werden. Ein Schaden für Mutter und Kind ist dadurch nicht zu befürchten; auch ist das Erbrechen ein noch viel schlimmeres Nebel als ein gelinder Rausch. Dresden. W. Nach Ansicht des sächsischen OberappcllationsgerichtS können Sie nicht weiterhin zur Impfung Ihres Kindes gcnöthigt werden, wenn Sie bereits wegen unterlassenen Nachweises der Impfung und wegen versäumter Impfung bcsttast sind. Mit diesen Bcstrasnnge» sind die Rechtsmittel gegen Sie erschöpft. Der Rechtsanwalt Martini in Leipzig, welcher einen solchen Prozeß in eigner Sache geführt hat, wird Ihnen darüber nähere Auskunft geben können. tzerli». L— r. Wegen Ihrer Frage verweisen wir Sie ans den Feuilleton-Artikel über„Fremde Körper im Ohr".— R. S. Wenn Sie wirklich gallensteinkrank sind, so dürfte Ihnen der Gebrauch des Karlsbader Salzes wesentlichen Nutzen verschaffen. Lösen Sie jeden Atorgen 15 Gramm in einem Liter lauen Wassers aus uud trinken Sic dasselbe im Verlaufe einer Stunde aus, während Sie nmhergehcu. Die Steine gehen nach solchen Kuren massenhaft mit dem Slnhlgaug ab.— Viktor B. Gegen Migräne werden die verschiedensten Mittel empfohlen und meist ohne oder mit nur halbem Erfolge gebraucht. Das sicherste Mittel ist in vielen Fällen die gänzliche Bermeidnug des Kaffeegenusses. Kaffeettinker werden in der Regel nicht von der Migräne geheilt. Die übrigen Korrespondenten erhielten bis zum 25. Juli direkte Antwort. Dr. Resau. Inhalt. Eine Seereise und eine Auswanderung, von Dr. Ad. Douai.(II.)— Ueber die Kunst zu heilen, von Dr. R. K.-r Tic Kindersterblichkeit, besprochen von Maximilian Schlesinger(Schluß).— Blumen— ein Symbol der Liebe, von Hugo Sturm.— Die Rache des Bolkstribuncitt nach dem Französischen von Arnold Sch.(Schluß.)— Pariser Skizzen. Ludwig Börne'mit Porträt). Sitten und Gebräuche der Chinesen in«an Francisco(mit Illustration). Ein neuer Krater aus dem Monde. Mittel, Blumen frisch zu erhalten. Fremde Körper im Ohr. Aerztlicher Briefkasten. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Plagwitzerstraße 20).— Expedition: Färberstraße 12. ll. Druck und Verlag der Genosscnschastsbuchdruckerei in Leipzig.