Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen nnd Postämter. Das Patent. Novelle von Ä.«Äito'Waklkcr. l Eine Strafpredigt. „Herr Kühne, ich habe Sie heute in mein Bureau müssen rufen lassen, indem Sic mir nachgradc ein gemeingefährliches Subjekt werden zu wollen scheinen, nnd ich dem schlechterdings nicht mehr, ohne einzuschreiten, zusehen kann. Sic wissen, daß ich mehr für Sie gcthan, als ich eigentlich vor mir selbst verantworten kann, ja, daß ich Sie halb und halb wie mein Kind behandelt, weil ich Fähigkeiten in Ihnen zu entdecken glaubte, die ich einstmals nutzbringend für mein Geschäft verwenden zu können hoffte. Infolge dessen hatte ich mich auch bewogen ge- fundcn, Sie besser zu stellen, als ich es sonst meinen Geschäfts- Prinzipien nach jemanden zugestehen würde, aber es scheint, als wenn Sie keinen besonderen Hang zur Dankbarkeit besitzen, wes- halb ich mich endlich genöthigt sehe, Ihnen ein Ultimatum, wie die Diplomaten sagen, nämlich die Alternative zu stellen, ent- weder in die Schranken der Ordnung, der— Disziplin und Pflichttreue zurückzukehren, oder ans diesem meinem soliden, ivohl- geordneten und weilrcnoinmirtcn Geschäfte auszutreten. Hierzu will ich Ihnen in Rücksicht auf früher bewiesenes gutes Verhalten eine Woche Bedenkzeit zugestehen, nnd hoffe, daß Ihr sonst ver- nünftiger Sinn Sic auf den Weg der Reue und besseren Er- kenntniß fuhren wird." So sprach in feierlicher Morgenstunde und mit Salbung nnd Würde der große Eiscngießcrcibesitzer Ferdinand Krummbügel zu einem, ehrerbietig mit der Mütze in der Hand, vor ihm stehenden jungen Arbeiter, dem die über schwarztuchene Beinkleider herab- fallende, kurze blaue Bluse recht gut zu dem rosigen Gesicht mit den hellen, treuherzigen Augen und dem schlichten blonden Haare stand. Herr Krnnimbügel saß, während er seine mit absichtlichem Bemühen im Amtsstile gehaltene Bermahnung ergehen ließ, in seinem prächtig ausgestatteten Privatkabinet, er hatte bei dieser Gelegenheit sogar seinen Staatssrack mit dem großen Orden an- gelegt, und wendete nun sein wohlgenährtes, von buschigem, stark mit Grau gemischten Haupt- und Barthaar umrahmtes Gesicht mit den ettvas lauernden, grauen Augen ans den armen Sünder, der sich nach einigem Zögern zu folgender Antwort ermannte: „Es thut mir sehr leid, Herr Krummbügel, daß ich mir Ihr Mißfallen zugezogen, aber ich iveiß wirklich nicht, worüber Sie zu klagen hätten. Ich erinnere inich nicht, irgendwie meinen Pflichten entgegen geivesen zu sein, weiß also auch nicht, was ich bereuen oder besser erkennen soll." „Ja, so seid ihr, so macht ihr's alle, einer wie der andere. O, ich kenne euch. Unschuldig seid ihr allemal, wie neugebornc Lämmer. Aber ich frage Sie, Herr Kühne, haben Sie oder haben Sie nicht das Schriflstück veranlaßt, welches mir meine Arbeiter zu überreichen wagten und in welchem sich diese Leute, welchen ich das Brot gebe, erdreisteten, mir Vorstellungen wegen der noch- wendig gewordenen� Lohnherabsetzung zu machen?" „Dieses Schriftstück habe ich nicht mehr und nicht minder veranlaßt, als meine übrigen Kameraden." „Kameraden, was Kameraden,— Sic sind Werkführer und jene sind die Ihnen untergebenen Arbeiter." „Nichtsdestoweniger bin ich doch Arbeiter, wie sie." „Ich muß Ihnen sagen, Sic haben auch nicht ein Fünkchen Ehrgeiz in sich, Herr Kühne, das mißfällt mir sehr an Ihnen." „Mein Ehrgeiz besteht darin, meine Pflichten bestens zn erfüllen." „Papperlapapp, das ist sehr schön gesagt, aber Phrase; in Wirklichkeit helfen Sie eher die Leute aufreizen, statt, wie es Ihre Pflicht wäre, sie in Ordnung zn halten. Pflichten erfüllen! Ja, es hat sich was. Sie gehen ja nicht einmal regelmäßig in die Kirche!" „Wenn man die ganze Woche gearbeitet hat, will nian Sonn- tags wenigstens einmal frei sein." „Frei!— Wie Sie das sagen!" „Außerdem weiß ich längst auswendig, was der alte Pastor predigt." „Nun, dann thut man es des Beispiels wegen. Aber genug. Sie kennen jetzt meinen Willen, nnd ich will hoffen, daß Sie den immerdar im Auge behalten, denn, junger Mann', ich habe noch große Dinge mit Ihnen vor,� bedenken Sie das wohl. Bor allem ziehen Sic jetzt Ihre Unterschrift von der Eingabe zurück." „O, wie könnte ich das! Ich will mich gern soviel ich kann, nach Ihren Wünschen richten, aber ich kann meinem Worte nicht untren werden. Ich habe meinen Mitarbeitern erklärt, daß sie recht hätten, gegen die beabsichtigte Lohnreduktion einzukommen, da die bisherigen Löhne schon niedrig genug gewesen." „Was wissen Sic davon, Kühne; garnichts wissen Sie davon!" rief Herr Krummbügel, indem er sich ziemlich erregt von seinem Sitze erhob und die rechte Hand würdevoll so über die Brust legte, daß der Zeigefinger den Rand des Ordens berührte.„Die Löhne", fuhr er fort,„richten sich nach dem Preise der Waaren auf dem Markte, und wenn andere mit ihren Preisen herunter- 578 gehen, so muß ich dasselbe thun und folglich auch billigere Arbeit haben." „So liegt es in Ihrem Geschäftsinteresse, Herr Krummbügel, aber das Interesse der Arbeiter geht den entgegengesetzten Weg. Die Arbeiter müssen sich vereinigen und dahin wirken, daß nicht durch zu niedrige Löhne zu niedrige Waarenpreisc erzielt werden können." „Ach, das hängt ja garnicht von uns ab," meinte Herr Krummbügel, vornehm lächelnd,„darein haben andere Industrie- staatcn ihr Wörtchen mit zu sprechen." „Eben deshalb müssen die Arbeiter sich international vcr- binden." rief der junge Mann lebhaft dazwischen. „Wie? Was? Jn-ter— natio— nal? Sie wagen das Wort auszusprechen, in meiner Gegenwart? Entweder, Herr Kühne, wissen Sie nicht, was dieses verruchte Wort bedeutet, oder Sie sind ein Sozialdemokrat, ein Kommunist, ein Atheist, kurz, ein Umstürzler der schlimmsten Sorte. Wissen Sie, was International' bedeutet?" „Es bedeutet zwischcnvvlkcrlich, mehrvölkcrlich, was mehr als ein Volk angeht oder zwischen mehreren Völkern vereinbart oder geordnet werden muß." „Da sieht man, wie die Leute mit Worten herumwerfen, die sie garnicht verstehen. Ich werde Ihnen sagen, was, international' ist. International bedeutet Umsturz, Vernichtung des Eigenthums und der Familie sammt der Ehe; es bedeutet fernerweit: Gott- losigkeit, Vaterlandslosigkeit, ein Attentat auf die göttliche Welt- ordnung, eine Verneinung aller Kultur, rohe Zerstörungswuth, Mord, Brand und Pctrolenni." O, Herr Krummbügel, von alledem steht kein Wort im Kon- versationslcxikon unserer Bibliothek." „Dann haben wir eine falsche Ausgabe, und ich werde dafür sorgen, daß eine andere angeschafft wird. Aber ich habe schon viel zu viel Zeit an Sie verschwendet. Was denken Sie denn? Zeit ist Geld, und bei mir ist jede Minute ein Goldstück Werth. Versäume ich hier schon eine halbe Stunde wenigstens. Gehen Sie, Herr Kühne, und überlegen Sie; überlegen Sic aber schnell, denn ich sehe jetzt, daß es bei Ihnen schlimmer steht, als ich bisher gedacht. Das Gift der Sozialdemokratie greift schneller um sich, als die Maul- und Klauenseuche. Ich kann Ihnen unter solchen Umständen nicht mehr eine Woche, ich kann Ihnen nicht einmal drei Tage Bedenkzeit zugestehen. Sagen Sie mir morgen, um dieselbe Stunde, Bescheid."Das andere wird sich dann finden. Sie sind entlassen." Damit war die befohlene Audienz vorüber, der junge Arbeiter zog sich zurück. „Das hat mir grade noch gefehlt, daß diese Pestseuche der Sozialdemokratie bei mir Eingang fände und meine Geschäfts- freunde mich damit verhöhnen könnten. Ich will meinen Arbeitern es einleuchtend machen, daß sie für das Brot, welches sie bei mir essen, sich dankbar zu beweisen haben. Ich werde zu diesem Zwecke sofort eine fulminante Proklamation an alle meine Be- amtcn, Werkmeister, Aufseher und Arbeiter zu Papier bringen, danach jeder zu achten hat, bei Strafe sofortiger Entlassung." Der würdige Fabrikant war, während er diese Worte in ziem- licher Erregtheit äußerte, mit langen Schritten in seinem Bureau auf- und niedergegangen. Jetzt setzte er sich entschlossenen Geistes an sein Pult und begann, seine fulminante Ansprache zu Papier zu bringen. Es mar das feinste Velinpapier, und die Feder war eine Goldfeder, die man das ganze Jahr gebrauchen und, wenn sie zum Schreiben nichts mehr nütz, noch beim Pfandleiher versetzen kann. Aber einen ordentlichen Satz vermochte er trotz Velin- papicr und Goldfeder nicht zustande zu bringen, weshalb nach einigen krampfhaften Versuchen der mnthige Proklamationen- schreiber die Feder hinwarf und meinte: „Ach, was für ein Narr ich bin. Habe ich nicht meine Leute? Mein Buchhalter kann daS Ding aufsetzen und der Pastor mag es durchsehen und verbessern. Ja, wartet nur, ihr Umstürzler, ihr.... Gut, ich will lieber zum Essen gehen, und des Nach- mittags soll ein Schriftstück von meinem Bureau ausgehen, welches die Welt in Erstaunen setzt. O, ich will ihnen zeigen, was unser- eins in dieser Welt zu bedeuten hat. Man braucht heutzutage nicht Graf, Fürst, Minister oder König zu sein, um etwas zu bedeuten, es genügt, daß man Geld hat. Und Geld habe ich, Gott sei Tank!" Nach diesem trostvollcn Zuspruch begab sich Herr Krummbügel in seine Privatwohnung, wo die Mittagstafel bereits vorbereitet war. II. Eine Familientafel. „Du hast heute keinen Gast eingeladen?" fragte die Haus- fran, die grade mit dem Arrangiren der Tafel zu Ende, ihren würdevoll eintretenden Gatten. „Eingeladen? Nein, wen sollte ich auch einladen, es ist ja gar kein vernünftiger Mensch hier, den man einladen könnte, und unsere Beamten sind jetzt zu sehr beschäftigt." „Ich meinte Herrn Kühne. Es ist heute sein Tag, und die Kinder sind daran gewöhnt, ihn an diesem Tage an der Mittags- tafcl zu sehen." „Die Kinder werden sich daran gewöhnen, ihn an diesem Tage nicht mehr zu sehen." „Hat er etwas Unrechtes gethan? Ist etwas vorgefallen?" „Es ist mir", bemerkte Herr Krummbügel, indem er sich auf seinen breiten Lehnsessel neben der Tafel niederließ und nun zu- nächst in allen Kompot- und Salatschüsseln herumzustochern bc- gann,„ganz lieb, daß die Sache so gekommen. Ich kann nun doch endlich einmal mit guter Manier einem von altersher ein- gerissenen Uebelstande ein Ende machen. Ich denke, ein Arbeiter, und wenn er auch Werkmeister geworden, will dennoch nicht gut an die Tafel seines Brotgebers passen." „Ja, wenn es ein fremdes Menschenkind ist, aber Herr Kühne war doch ein sehr manierlicher, angenehmer Mensch und auch schon ein Gast von sehr langer Zeit bei uns." „Er ist nichtsdestoweniger ein ebenso undankbares Geschöpf, wie das Arbeitervolk überhaupt; alle Güte ist.an ihnen ver- schwendet. Wenn ich bedenke, daß ich ihn als blutarmen Jungen aus dem Waisenhause genommen, ihn zu etwas gemacht, zu einem Werkmeister, weil er sich anstellig zeigte, daß er schon seit neun Jahren mein Brot ißt, ja sogar einmal wöchentlich an meiner Tafel, welche Ehre nicht einmal meinem Buchhalter oder meinem Kassirer so häufig zutheil wird,— wenn ich das alles bedenke und nun sehen'muß, daß er gemeinschaftliche Sache mit den fremden Arbeitern macht,— ach, was sage ich?— an ihrer Spitze steht er, eine Verschwörung hat er unter ihnen angezettelt, um mir mehr Lohn abzutrotzen, als ich beim besten Willen geben kann. Stein, dieser Undankbare kommt mir nicht mehr an meinen Tisch, er hat auch am längsten im Krumbügcl'schcn Etablissement sein Brot gefunden." „Was du sagst,— ich kann mich nocki immer nicht von meinem Erstaunen erholen," rief die Gattin, nachdem der Eheherr endlich eine Pause machte und somit Gelegenheit zu einer Bemerkung gab;„du sagtest es immer, er sei eine wahre Perle in deinem Geschäfte." „Dafür niag ich ihn früher angesehen haben, aber die Perle hat sich als eine unächte erwiesen." „Und das Patent für seine Erfindung?" „Was du doch immer von Sachen sprechen mußt, die du gar- nicht verstehst." „Du selbst sprachst oft mit mir davon und meintest, du gc- dächtest viel Geld damit zu machen." „Möglicherweise, habe ich gesagt, aber die Sache, hat sich anders dargestellt. Erstens ist die Erlangung des Patents gar keine sichere Sache, zweitens habe ich die Erfindung erst vcr bessern und dadurch werthvoll machen müssen, dann aber auch hat er die Sache ausgedüftclt, während er bei mir arbeitete, und diese Zeit und was während derselben gemacht wird, gehört doch mir. Aber ich denke, du verdirbst mir besser den Appetit nicht, ich habe grade genug heute. Läute die Glocke, die Mädchen sollen kommen." Die Hausfrau gehorchte schweigend. Sic zog an einer Klingel schnür, und gleich darauf erschienen vier Mädchen im Alter von 19 bis herab zu 14 Jahren, alle gleichmäßig in Weiß und Roth gekleidet. Die Mädchen schienen an die Fabrikordnung gewöhnt. „Ist Herr Kühne noch nicht da?" fragte das älteste Mädchen, indem es seinen gewöhnlichen Platz, vorerst stehend, einnahm. „Nein, und er wird auch nicht kommen, er hat sich dieser Ehre unwürdig bewiesen. Sprich das Tischgebet!" „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast Und segne, was du bcschccrct hast," murmelte das Mädchen eintönig. Sie hatte während dessen die Hände leicht zusammengelegt und setzte sich nun, um sofort die Suppenkelle zu ergreifen und ihren Teller zu füllen. Die andern hatten, ohne auf das Gebet zu hören, sich gegenseitig angesehen und folgten nun dem Beispiele der älteren Schwester. Und die jüngste, ein blühendes Geschöpf im Alter zwischen Kind und .---i 579 Jungfrau, setzte sich mürrisch nieder und schien durchaus nicht gewillt, au dem Mahle theilzunehmen. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis das Familienoberhaupt, dem seine jüngste Tochter zur Rechten saß, von diesem Streit im Essen Notiz nahm. Als aber der schwersilberne Löffel seinen letzten Dienst an der Suppe gethan, legte ihn Herr Krummbügel beiseite, wischte sich dann mit der Serviette den Mund, spülte ihn mit einem Schluck Rothwein rein- und sagte, die peinliche Stille endlich Ulllerbrcchend: „Na, was ist denn ivieder mit dir los, Alma, warum issest du deine Suppe nicht?" „Ich werde warten, bis Herr Kühne kommt." „Herr Kühne wird, wie du hörtest, heute nicht mit uns essen." „Nun, dann esse ich. auch nicht," entgegnete mürrisch das Kind und schob den Teller von sich. „Wenn du nicht essen willst, so geh weg vom Tisch." „Gut, ich gehe weg," erklärte das Mädchen trotzig und nahm einen Sitz soweit wie möglich entfernt von der Tafel. „Du erziehst deine Kinder gut," schrie der Fabrikant seine Gattin an. „Was kann ich thun?" erwiderte diese gelassen. Du sprichst den einen Tag so und den andern Tag sprichst du wieder ganz anders. Da verlieren die Kinder die Richtung. Ist das ein Wunder?" „Ja, du mußt allemal die Partie der Kinder gegen mich nehmen, selbstverständlich." „Weil ich die Kinder verstehe, da ich immer mit ihnen bin. Du aber verlangst, daß sie sich in dich schicken sollen, und du gibst ihnen doch keiue Gelegenheit, dich kennen zu lernen." „So? Machst du auch Opposition gegen mich? O, ich sehe, das sozialdemokratische Gift schleicht immer weiter, es scheint so- gar meine Familie zu infiziren. Aber ich werde dem ein Ende setzen. Die ganze Umgegend will ich reinmachen, oder ich will nicht mehr Krummbügel heißen und der erste Steuerzahler Iveit- hin in der Runde sein. Der Staat weiß, wen er an mir hat, ivas ich ihm werth bin, der Staat soll auch etwas für mich thun. Ja, und das Donnerwetter! Da sitze ich nun hier, die Tafel ist aufgehoben und ich bin noch hungrig ivie ein Wärwolf. Wo soll man die Kraft hernehmen zum arbeiten, wie ich arbeite, tvenn man sich nicht einmal satt essen kann." „Es ist noch alles da, was du wünschest, du hast nur zu be- stimmen." „Ja, o ja, nun hier sitzen und allein essen; da soll man Appetit haben. Und dabei an die ungeiathenen Kinder denken und an alles das andere verwctterte Zeug. Na, da lange mir nur die Kalbskeule her, ich will sehen, wie ich mit ihr fertig werde." Bald�stand die schöne, braunumkrustete Kalbskeule von neuem vor dem Fabrikanten, der sich bei diesem Anblick ivieder besänftigte und mit einem großen, scharfen Tranchirmcsser ansehnliche Stücke losschnitt, die von seinem Teller bald ebenso schnell wieder ver- schivandeu, wie sie daranfgelegt waren. Sobald der Appetit etwas abnehmen ivollte, tvurde er durch einen.kräftigen Schluck Rothwein wieder belebt, und erst nachdem Herr Krummbügel ein gutes Pfund Kalbfleisch hinuntergeschleckt und den letzten Tropfen aus der Flasche nachgeschickt, faltete er die Hände auf seinem hervor- ragcndsten Körperthcile und rief: „Nun kann man mir den Kaffee bringen, soivie ein Gläschen .Verdauung'." „Verdauung" sagte Herr Krummbügel nur, um nicht zu sagen „Cognac", denn er ivar soweit deutscher Patriot, daß er zwar nicht auf die französischen Getränke, wohl aher auf deren Namen verzichtete, und somit etwas weiter ging, als der Spruch in Gocthe's„Faust" lautete: „Ein ächter deutscher Mann Mag keinen Franzen leiden, Doch seine Weine trinkt er gern." Nachdem er den Kaffee und den Cognac zu sich genommen, tvarf er sich auf's Sopha und mar bald darauf entschlummert. Jiizivischcn ging das Geschäft seinen Gang. Herr Krummbügel, obwohl er sich gern die„Seele des Geschäfts" nannte, wurde nirgends vermißt.(Fortsetzung folgt.) Johann Paul Friedrich Richter(Jean Paul). Von A. �eichenliach. Eine ganz eigcnthümlichc Erscheinung in der deutschen Dichter- schaar ist Johann Paul Friedrich Richter. Wahrhaft genial in seiner individuellen Anlage, ein Dichtcrtaleut im bestell Sinn des Wortes, tvcrth, unseren beiden größten, Goethe und Schiller, als dritter an die Seite gestellt zu werden. Doch wieder von ihnen so verschieden, daß sie selbst von ihm sich mehr abgestoßen als angezogen fühlten. Mangel an Durchbildung, eine im höchsten Grade gedrückte Lebenslage, beinahe durchgehend bis zu seinem Tode, sowie die individuelle Neigung für die besondere Form der Satire und des Humors haben den Schöpfungen dieses Mannes einen Stempel aufgedrückt, der sie trotz der Fülle und Genialität ihres Inhalts heutzutage kaum noch lesbar erscheinen läßt, tziur ans litcrarwisscnschaftlichcm Interesse»greift man noch danach, sonst werden sie ivenig oder garnicht mehr gelesen. Allerdings hat der so sehr prosaische Realismus unserer Zeit auch noch seinen guten Theil Schuld daran. Johann Paul Friedrich Richter wurde geboren am 21. März 1763 zu Wunsiedel im Fichtelgcbirge. Sein Bater war Schul- mann und Pastor, der bald nach der Geburt dieses Knaben in der letzteren Eigenschaft nach Joditz berufen wurde, Ivo daher der kleine Johannes auch seine Kinderjahre zubrachte. Doch auch da war des Bleibens nicht lange, der Pastor Richter wurde von Joditz nach Schwarzenbach bei Hof versetzt und starb hier schon im Jahre 1779, seine Familie in großer Dürftigkeit hinterlassend. Dennoch besuchte der erst sechzehnjährige Johannes von 1779 bis 1781 das Gymnasium in Hof. Den Anfangsunterricht in den klassischen Sprachen hatte er von seinem Vater selbst erhalten, da er, nach dem übereinstimmenden Wunsche bestimmt war, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Leider war es der letztere, der zuerst durch seinen für die Familie zu frühen Tod diesen Plan durchkreuzte. Trotzdem wurde alles aufgeboten, um dem ältesten Sohne das Studium der Theologie zu ermöglichen. Keinesfalls reichten dazu die Mittel der Hinterbliebenen Pastors- witwe aus, denn außer Johannes waren noch vier Brüder da, welche ebenfalls das Nöthige für Körper und Geist verlangten. Dessenungeachtet bezog Johann Paul Friedrich Richter im Jahre 1781 die Universität Leipzig, um daselbst Theologie zu studiren. So sehr auch sein Geist nach Wissensnahrüng verlangt haben mag, auch der Körper wollte das Seinige haben. Der sonst mit der vollsten Gesundheit des Geistes und Körpers ausgestattete Musensohn gericth bald in die bitterste Roth. Was thun? Von der Mutter war nichts zu erwarten, denn diese war selbst arm. Da erwachte seine Neigimg zur Schriftstellerei und er schrieb sein Erstlingswerk, die„Grönländischen Prozesse". Schon diese Bc- zeichunng deutet auf den satirischen Inhalt hin. Aber sein in der Schriftstellerwslt noch völlig unbekannter Name, thcils aber auch grade diese Art der Darstellung, machten es ihm sehr schwer, für diese Schrift einen Verleger zu finden. Endlich gelang es ihm doch, und das erste Schriffftellerhonorar lag als klingende Münze in seiner Hand. Das erweckte Hoffnung und Muth. Allerdings war das Sümmchen klein genug, und wenn der an- gehende Autor auch den besten Willen hatte, durch fleißige Arbeit sich den zur Fortsetzung seiner Studien nöthigen Unterhalt zu verdienen, es ging doch nicht, wie er es sich gedacht; er gericth in Schulden und sah sich im Jahre 1781 gezwungen, Leipzig heimlich zu verlassen. Aber nun wohin?— Mag eine Mutter noch so arm sein, für ein liebes Kind weiß sie immer noch ein Obdach und eine Suppe zu schaffen. So ging auch der tief- betrübte, sonst so hoffnungsvolle Jüngling zu seiner Mutter, welche mit ihren vier übrigen Söhnen in einem kleinen, ärmlichen Hause in Hof lebte. Dort saßen sie, die lieben Sechs, zusammen in ein und demselben Stäbchen, über Gegenwart und Zukunft nach- sinnend, der junge Schriftsteller mit dem Lesen verschiedener Schriften, dem Herausschreiben schöner Stellen und dem Nieder- schreiben seiner eigenen Gedanken beschäftigt. Beinahe drei Jahre dauerte dieses dürftige Zusammenleben. Im Spätjahr 1736 traf -r Richter mit einem ehcmciligcn Studieiigeiiossen, namens v. Oertel, zusammen, dessen Vater Gutsbesitzer in Tvpen bei Hof war. Dieser Jugendfreund vermochte csl daß sein Vater den in so trostloser Laxze befindlichen jungen Mann zum Hauslehrer für die jüngeren Kinder berief. War diese Stellung auch keineswegs eine angenehme zu nennen, sv hatte sie doch das Gute, daß sie ihm seinen Unterhalt gewährte und die Last der guten Mutter verminderte. Zivei und ein halbes Jahr blieb Richter in diesem Wirkungskreise, dann kehrte er abermals zur Mutter nach Hos zurück. Während dieser Zeit schrieb er sein zweites satirisches Werk, nämlich die„Auswahl aus des Teufels Papieren". Um jedoch nicht abermals der Mutter die dauernde Sorge für seineu Unterhalt aufzuladen, zog er im Jahre 1790 nach Schwarzenbach, Ivo ja sein Vater als Pastor gelebt hatte und gestorben war, und errichtete dort eine„Sammelschule". Vier Jahre brachte er auf diese Weise in dem genannten Städtchen zu. Seit neun Jahren, so sagte er selbst, hatte er in der„Essigfabrik der Satire" gc- arbeitet. Nun schien aber siir ihn und seine mühsam durch- gearbeitete Entwicklung ein Wendepunkt einzutreten. Seine im Jahre 1793 erscheinende„Unsichtbare Loge" bezeichnet seinen Uebergang von der Satire zum Humor, kündigt, wie Johannes Scherr sagt, den eigentlichen Jean Paul an und erzielt ihm auch einen günstigen Erfolg in pekuniärer Hinsicht. Da überkam ihn neuer Muth, neue Hoffnung; nun vertraute er seiner Kraft. Er hatte die Ucbcrzeugung gewonnen, daß er zum Schriftsteller bc- rufen und befähigt sei, etwas Gutes zu leisten. Er gab daher im folgenden Jahre(1794) seine Sammelschule in Schwarzeubach auf und kehrte zum drittenmal zum lieben Mütterchen nach Hof zurück. Um desto sicherer etwas zu verdienen, erthcilte er nun Privatunterricht,. war aber nebenbei selbstverständlich fleißig mit Schriftstellerei beschäftigt. Im engen Stübchcn eines kleinen, mehr hüttenartig gebauten Hauses, neben der am Spinnrad sitzenden Mutter, arbeitete der nun schon cinunddrcißig Jahre alte Dichter. Aber sein Genius entfaltete sich immer mehr und die Fülle und Innigkeit seines so reichen Gemüths ergoß sich hier in dem Werke, welches seinen Namen noch berühmter machte und ihm tauscude von Frauenherzcn gewann. Wir meinen„Hespcrus, oder fünfundvierzig Hundsposttagc". Nun war sein Dichterruhm fest begründet, nun war er bc- rechtigt, einen Platz neben den ersten deutschen Dichtern zu bcan- spruchcn. Darum zog es ihn auch dahin, wo damals die Heim- stätte eines Goethe, Schiller, Herder, Wieland». a. war. Im Jahre 1795 reiste Jean Paul, wie er sich als Schriftsteller nannte, nach Weimar, wo er bei Herder, Knebel und der Herzogin Amalie eine sehr begeisterte Aufnahme fand. Leider sollte die Freude und das Gefühl der Beglückung, welches durch diesen Besuch über ihn gekommen war, eine starke Trübung erfahren. Sein liebes Mütterchen, mit dem er so manche einsame und stille Stunde verlebt, welches den genialen Sohn so gern in seinem Schaffen belauscht und oft bedauert haben mag, ihm nicht ein glänzenderes Loos bereiten zu können, dieses liebe, treue Herz war auch, alt geworden und starb. Nun war der Dichter allein. Von seinen Brüdern wird nichts weiter gemeldet; wahrscheinlich konnten die- selben aus Mangel an Mitteln keine weitere Ausbildung erlangen und sind in untergeordneter Stellung verblieben.� Jean Paul wählte nun Leipzig zu seinem Aufenthalte. Allein, mochte diese Stadt auch noch so viel Anziehendes für ihn haben, er hatte das Leben in Weimar gesehen, und da er ja frei war wie der Vogel, der sein Nest baut, wo es ihm eben gefällt, so verließ er schon im folgenden Jahre wieder Leipzig, um seinen beständigen Wohn- sitz in Weimar aufzuschlagen. Die Zeit, die er hier nun in Ge- meinschaft mit Herder, Knebel, Wieland und der Frau von Kalb verlebte, darf wohl die schönste seines Lebens genannt werden. Der Herzog von Hildbnrghausen glaubte ihm auch seine Ehren- bezcignng machen zu sollen, und verlieh ihm den Titel eines Legationsraths. Eine Trübung erlitt die schöne Zeit dieses Auf- entHalts in Weimar doch. Wie schon bemerkt, gelang es Jean Paul nicht, sich die Zuneigung Goethes und Schillers zu er- werben. Der letztere schrieb an jenen, daß er Jean Paul„fremd und wie einen, der ans dem Mond gefallen sei," gefunden habe. Wenn man auch grade nicht sagen kann, daß es dieser Umstand allein gewesen ist, so hat er doch gewiß nicht wenig dazu bei- getragen, daß Richter Weimar bald wieder verließ. Im Jahre 1800 reiste er nach Berlin, wo er sich mit der Tochter eines höheren Beamten verlobte und im folgenden Jahre vcrheirathctc. Dann nahm er seinen Aufenthalt in Mciningen, zog von dort wieder weg, und zwar 1803 nach Koburg; auch hier nur ein Jahr verweilend, siedelte er 1804 nach Bayreuth, wo von nun ab sein beständiger Aufenthalt war bis zu seinem Tode. Der Fürst Primas von Dalberg setzte ihm 1808 ein Jahrgchalt von tausend Gulden aus, welche Summe nach Auflösung des Rhein- bundcs der Llönig von Bayern zu zahlen übernahm. Wenn man von Baircuth die Straße hinauszieht, an welcher in neuerer Zeit Richard Wagner sein sonderbares Haus gebaut hat, so führt einen eine schöne Lindenallee etwa eine halbe Stunde weit auf eine Anhöhe bis zu einer Straßenecke. Links ab fübrt der Weg zur sogenannten„Eremitage". An dieser Ecke steht ein kleines Wirthshaus mit einem bescheidenen, daranstoßenden Wirthschaftsgarten. Da hinaus, durch die lange Lindenallee, nach dem einfachen Straßcnwirthshausc, wanderte Jean Paul fast tagtäglich, eine Ledertasche, mit Papier und Skripturen ge- füllt, umhängend, seinen treuen Spitz als Begleiter zur Seite. In der oberen Stube dieses Hauses, die nur mit ganz einfachem Geräthe ausstasfirt war, saß er, dichtete und schrieb bei einer Flasche Wein, gepflegt von der„Mutter Rollwcnzel". Jahrelang ging es so fort. Es schien, als ob der Dichter nur in der Stadt wohnte, bei Mutter Rollmenzel aber sein Arbeitszimmer hätte. Aber die gute Frau pflegte ihn auch wie eine Mutter, verstand ihn, besonders in seinen Schwächen, wußte, was er liebte und was ihm gut that. Es ist daher kein Wunder, daß er sich dort wohlfühlte. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat vor einigen Jahren selbst einmal von Baireuth aus eine„Wallfahrt nach jener ge- heiligten Stätte"*) gemacht und aus dem Zimmer, in welchem einstens Jean Paul gearbeitet, seine„Briefe und bevorstehender Lebenslauf" als Andenken mitgenommen. Aus dem ferneren � Leben des Dichters ist von nun ab kaum noch etwas Besonderes zu melden. In einfach geregelter Weise scheint es dahingeflossen zu sein. Im Jahre 1821, heißt es, traf ihn ein harter Schlag. Ein Sohn der damals in Heidelberg Theologie studirtc, wurde ihm durch den Tod entrissen. Seit dieser Zeit kränkelte auch er.