ech t Gleich ther C Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. 1878. No 50. Jahrg.III. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Das Patent. Novelle von A. Offo- Balffer. III. Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es war bestimmt, daß Herr Krummbügel an diesem Tage zweimal seinen Staatsfrack anziehen sollte; denn als er nach einem Schlafe, der gleich dem des Gerechten, gründlich und tief, aber auch nicht ganz geräuschlos war, abermals eine Tasse Kaffee zur Wiederbelebung des Blutumlaufes zu sich genommen, wurde ihm der erste Buchhalter gemeldet. Herr Krummbügel nickte, was soviel, wie eine geneigte Zustimmung, den Besuch zu empfangen, bedeutete. Alsbald erschien ein kleines, graues Männchen mit merklich überwölbten Schultern, wie sie häufig bei Leuten zu finden, die ihr Lebtag gebückt über dem Schreibpult gestanden. Der Mann brauchte sich nicht besonders zum Gruße zu verneigen, denn die ganze Gestalt schien ein Bückling zu sein. Es war einer jener Beamtensklaven, die das Servile gewöhnlicher Staats- und Stadt beamten gegenüber ihren Vorgesetzten mit der Unsicherheit jener Menschen verbinden, deren Existenz, deren Brot von der augenblicklichen und unberechenbaren Laune einer Privatperson abhängt, eine Unsicherheit, die in Aengstlichkeit umschlägt, wenn die Schwäche des Alters den Menschen gegen seine eigene Kraft mißtrauisch macht. " Ich komme, meldete Herr Bückling, um Ihnen, Herr Kommerzienrath, die ergebenste Mittheilung zu machen, daß Ihre Arbeiter eine Versammlung abgehalten und eine Adresse an Sie beschlossen haben." " Ich weiß, ich weiß; aber ich will ihnen schon die Wege weisen, den Faullenzern, den Nimmersatten, den Aufrührern. Aber weshalb kommen Sie, mir das jetzt zu sagen?" Weil dieselben eine Deputation gewählt, die sich eine Antwort auf ihre Adresse zu erbitten kommt." " Sagen Sie den Leuten, daß ich mit ihnen garnichts zu thun haben will, ich anerkenne so ein Comité nicht, das wäre mir etwas ganz neues. Die Leute kennen meinen Willen, und wenn der eine oder andere sich nicht wohl bei mir fühlt, kann er gehen. Es gibt Ersatz genug. Ich brauche nur die Hand aus zustrecken, um in jeßiger Zeit zehn oder zwanzig Arbeiter an jedem Finger zu haben, und ich muß mich in der That sehr wundern, daß Sie Sich zu einer solchen Meldung mißbrauchen lassen konnten. Man sieht, Sie werden alt und stumps, lassen Sich breitschlagen, statt die Kerle gehörig abzutrumpfen." " Ich habe es auch nicht thun wollen, entschuldigen Sie mich, Herr Kommerzienrath. Ich habe den Leuten mitgetheilt, wie Sie über die Adresse denken, aber die Leute meinten: auch Kaiser und Könige gäben in solchen Fällen ihren Unterthanen Audienz, und da meinten meine Kollegen im Comptoir, ich sollte herüber und Ihnen wenigstens Meldung machen." Nichts konnte wirksamer zur Sinnesänderung bei Herrn Krummbügel führen, als die Anspielung auf Kaiser und Könige. Der Fabrikant erhob sich von seinem Sopha, streckte seinen kurzen und dicken Körper soviel wie möglich und erklärte dann: ,, Gut, ich werde den Leuten eine Audienz gewähren. Lassen Sie dieselben in das Kabinet eintreten. Ich einigen Minuten bin ich drüben." Nachdem Herr Krummbügel hierauf seine Frisur vor dem Spiegel geordnet und vor allen Dingen den spärlichen Haarresten über der Stirn die Form eines Hahnenkammes gegeben, ließ er sich den Staatsfrack reichen und schritt mit majestätischen Schritten nach dem Amtslokale. Die Deputation harrte seiner daselbst bereits und zwar stehenden Fußes. Herr Krummbügel überflog ihre Reihen mit einem vornehmen, gleichgiltigen Blicke, der schließlich auf der Person des jungen Arbeiters Kühne haften blieb, wobei die Züge des Arbeitsherrn einen merklich strengeren Ausdruck annahmen. ,, Guten Tag, ihr Leute!" rief er kurz und scharf.„ Was wollt Ihr von mir? Aber nur einer spreche, sonst gibt's ein Durcheinander." „ Unser Mitarbeiter Kühne ist unser erwählter Sprecher," bemerkte ein Arbeiter. ,, Also Sie, Herr Kühne? Recht nett, in der That! Und heute Morgen leugneten Sie noch, der Rädelsführer zu sein?" Herr Krummbügel," erwiderte der Arbeiter fest, ich bin kein Rädelsführer, noch sonst etwas dergleichen. Ich wurde von meinen Mitarbeitern gewählt, um bei Ihnen der Sprecher für ihre Angelegenheiten zu sein. Ich war überzeugt, daß sie gerechte Sache hatten, und in solchem Falle halte ich es für meine Pflicht, für die jedes gerechten Mannes, wenn er von seinen Mitmenschen ein Vertrauensamt angetragen bekommt, dasselbe auch anzunehmen. Denn ein jeder hat in solchem Falle die gleiche Pflicht, und es ist nicht ehrenhaft, andere vorgehen zu lassen, wenn man selbst es kann und dazu berufen wird." Wie Ihnen das von den Lippen geht! Aber, daß Sie ein ganz undankbares Individuum gegenüber allen den Wohlthaten, die ich Ihnen, dem Waisenjungen, bewiesen, dessen scheinen Sie Sich nicht bewußt zu sein." III. 14. September 1878. " Es handelt sich hier garnicht um unsere persönlichen Beziehungen, Herr Krummbügel, auch nicht um mein persönliches Interesse, sondern um das Recht der Arbeit." „ Gut; und ich habe Ihnen allen zu sagen, daß Ihr ganzes Vorgehen ein ebenso unvernünftiges, wie unstatthaftes ist. Ich habe das Recht, meine Arbeiter zu bezahlen, wie ich will, und ich bezahle sie so, wie es mir die Verhältnisse erlauben. Ich muß sehen, daß ich meine Konkurrenten durch Billigkeit der Waaren schlage, und das kann ich nicht, wenn ich hohe Löhne zahle." „ Und Ihre Konkurrenten," rief der junge Mann lebhaft aus, " sagen dasselbe und drücken dann die Löhne womöglich noch tiefer. Und bei diesem Wetteifer hat der Arbeiter die Kosten zu bezahlen. Deshalb ist es an uns, zu sehen, wie wir dem Einhalt thun, und weil dieser Arbeitsplatz maßgebend für viele andere, so sind wir zu der Einsicht gekommen, daß hier der erste Widerstand geleistet werden muß." Sehr verbunden. Das ist wenigstens offenherzig, und ich fühle mich demgemäß verpflichtet, auch offenherzig zu sein. Meine Antwort ist einfach: ich gebe nicht mehr, als der von mir neu herausgebene Tarif besagt." „ Aber dabei können die Arbeiter mit ihren Familien nicht auskommen." Das geht mich auch garnichts an, ich habe nur an mein Geschäft zu denken." " " Und dem Geschäft zuliebe können die Arbeiter verhungern?" „ Es fällt mir garnicht ein, mich mit Ihnen über solche ganz überflüssige Fragen herumzudiskutiren, wirklich nicht. Und überhaupt mit Ihnen, die Sie Sich an die Spize der Opposition gegen mich gestellt, will ich schon garnichts mehr zu thun haben. Sie sind mit heute aus der Arbeit entlassen. Den andern aber können Sie sagen, daß sie alle gehen können, alle, wenn ihnen meine Arbeit nicht mehr gefällt, natürlich unter Beobachtung der vierzehntägigen Kündigungsfrist." ,, Und haben wir nicht das Recht, von Ihnen das Einhalten der vierzehntägigen Kündigungsfrist zu beanspruchen?" ,, Gut, Sie können mich deshalb verklagen, wenn Sie denken, etwas damit erreichen zu können." " Und das ist Ihr letztes Wort?" " Mein allerlettes. Sie sind entlassen." " Darf ich Sie nun noch um einige Minuten Unterredung wegen einer privaten Angelegenheit bitten?" fragte der junge Arbeiter fühl. „ Das will ich Ihnen gewähren, aber selbstverständlich nur unter vier Augen." " Wohlan, Freunde, ihr habt alles gehört, wir werden unsere gemeinschaftliche Angelegenheit alsbald weiter berathen. Laßt mir für meine Privatangelegenheit vorerst nur einige Minuten." Die übrigen Mitglieder der Deputation entfernten sich stillschweigend und ohne dem Fabrikanten einen Abschied zuzuwenden. Herr Krummbügel schien das auch garnicht anders erwartet zu haben, denn er setzte sich ohne weiteres so bequem wie möglich in seinen Armsessel zurecht und maß nun den allein zurückgebliebenen jungen Arbeiter mit einem halbspöttischen, geringschäßenden Blicke. " Nun, Herr Kühne," begann er," Sie hatten noch etwas privatim mit mir zu sprechen? Ich vermuthe, Sie möchten, nachdem Ihre offizielle Mission gescheitert, auf Grund Ihrer früher bei mir genossenen Gunst, ein Privatabkommen mit mir treffen. Ich kann Ihnen aber erklären, daß Sie, nach allem was geschehen, von meiner Seite wenig Entgegenkommen finden werden. Was wünschen Sie?" " Sie irren sich vollständig in mir, Her Krummbügel, wenn Sie denken, daß ich jetzt noch meine Sache von der meiner Kollegen trennen könnte. Es kann sich zwischen uns nur noch um Ordnung einer Privatangelegenheit handeln. Sie wissen, daß ich Ihnen eine Erfindung anvertraute, deren Verwerthung, namentlich wenn ein Patent darauf erlangt würde, uns beiden zu gleichen Theilen zugute kommen sollte." " Ja, aber es ist anders gekommen. Ihre sogenannte Erfindung mußte von mir bedeutend verbessert werden, und nur auf die Verbesserung hin, für welche die Erlangung eines Patents immer noch sehr zweifelhaft ist, kann ich überhaupt etwas erhoffen." " Sie haben aber doch bereits eine ganze große Werkstätte zu diesem Zwecke eingerichtet, was ein Beweis, daß Sie die Er findung in umfassender Weise auszubeuten gedenken." " Gut, ich habe das in Angriff genommen, leider, muß ich 590 sagen, denn es kann mich diese Geschichte möglicherweise noch ruiniren. Jedenfalls ist vor der Hand garnicht darüber zu sprechen. Und wenn Sie sonst nichts haben...?" " Nein, Herr Krummbügel." " Gut; so sind wir zu Ende. Sprechen Sie nicht mehr. Die Sache ist für mich glatt und abgethan." Damit erhob sich Herr Krummbügel voller Würde und ging in das anstoßende Comptoir. IV. Scheiden, ja scheiden. In der Familie des Fabrikanten hatte sich inzwischen nach den erzählten Begebenheiten an der Mittagstafel eine Stimmung gegen den Herrn des Hauses eingestellt, die den letzteren wenig Die erbaut haben würde, hätte er sie in Erfahrung gebracht. Gattin flagte über Krummbügels rauhes, befehlshaberisches und launenhaftes Wesen in einer Weise, welche sich knapp auf der Grenze zwischen den lebhaften persönlichen Gefühlen und den nothwendigen Rücksichten der Mutter gegenüber den Kindern hielt. Die kleine Alma nahm solch' zarte Rücksichten nicht und ihre Gefühlsäußerungen waren oft derart, daß die Mutter von Zeit zu Zeit einen Ordnungsruf an sie mußte ergehen lassen. Endlich erschien die vielbesprochene Person des jungen Arbeiters selbst, um Abschied zu nehmen. Alma flog gleich auf ihn zu, ergriff seine beiden Hände und zog ihn, allen Abmahnungen der Mutter zum Troß nach dem Vordergrund des Zimmers. " Ich komme, um Abschied zu nehmen," erklärte der junge Mann, nachdem ihm seine kleine Freundin die Freiheit der Bewegung wiedergegeben. " Es thut mir und uns allen sehr leid, Herr Kühne, daß Sie gehen," meinte die Frau des Hauses. Wir haben Sie immer halb und halb als ein Glied der Familie angesehen. Konnten Sie denn nicht ein wenig zurückhaltender sein? Sie hätten uns dadurch manchen Kummer, namentlich den letzten und größten, erspart. Mein Mann ist allerdings etwas wunderlich, aber Sie kennen seine Eigenheit auch lange und gut genug, um Konflikte vermeiden zu können. Konnten Sie es diesmal nicht?" Ich konnte nicht, Frau Kommerzienräthin, nehmen Sie meine Versicherung, es war nicht zu vermeiden. Es ist für die Arbeiter in diesem Etablissement eine Lohnherabsetzung beliebt worden, die eine große Härte bildet; die Leute haben dagegen Vorstellungen erhoben und mich zu ihrem Sprecher erwählt." , Sie hätten es ablehnen sollen." " Ich hätte es ablehnen können, aber es war dies meinen Grundsätzen zuwider gewesen. Denn ich habe von Jugend an die Lehre eingeprägt bekommen, daß es beinahe ebenso schimpflich, etwas Gutes und Gerechtes zu unterlassen, als etwas Schlechtes und Ungerechtes zu thun." " Und wenn Sie weggehen, wohin werden Sie Sich wenden?" " Ich werde wohl etwas weit zu wandern haben, ehe ich eine für mich passende Stelle wiederfinde." " Sie entschuldigen mich einen Augenblick," meinte die Hausfrau, ich hoffe, Sie noch zu sehen, bevor Sie fortgehen." ,, D," rief die kleine Alma, nachdem die Mutter das Zimmer verlassen," Sie dürfen nicht gehen. Ich werde mit dem Papa ein determinirtes Wort sprechen." „ Es hilft nichts, meine liebe Alma, wenn etwas zerbrochen, ist es zerbrochen." „ Das will ich Ihnen gleich widerlegen, Arthur; sehen Sie die Vase hier? Ich ließ sie letzte Woche fallen, und sie zerbrach in vier Stücke. Jetzt haben wir sie so zusammengetittet, daß sie wie neu erscheint und daß Papa noch nicht einmal etwas bemerkt hat." „ Und doch gibt niemand für diese Vase, welche vielleicht zwanzig Thaler gekostet, jetzt auch nur einen einzigen dafür." „ Alma, die Mutter verlangt nach dir," rief eines der älteren. Mädchen, welches mit der andern Schwester sich nach der Thür zurückgezogen hatte und nun mit der Gerufenen das Zimmer verließ, in welchem sich Kühne plößlich allein sah. „ O, so ist es," rief er, nachdem er einen Augenblick die Thür angestarrt, die sich hinter den Mädchen geschlossen.„ Da sehe ich ja, daß es nicht blos das Schicksal der bei Hofe einmal in Gunst gestandenen Größen ist, daß man ihnen den Rücken zukehrt, sobald die Gnadensonne der Majestät aufgehört hat, ihre Person zu verklären, sondern daß sich im kleinen Fabrikantenleben das große Staatsleben widerspiegelt. Ich war eine Zeitlang dieser Mädchen Freund, Vertrauter und alles, und heute, wo ich einen kurzen Abschied nach so langer Freundschaft zu nehmen komme, behandelt man mich wie einen Aussäßigen, vergißt man, oder vielmehr mißachtet man mir gegenüber die einfachsten Regeln der Höflichkeit." " Was sprechen Sie denn da, Alfred!" rief jetzt eine sanfte Frauenstimme, und ein bleiches, von üppigem blonden Haar umrahmtes Mädchenangesicht trat seinem Blick entgegen. Erschrocken und überrascht trat er schnell einen Schritt zurück, dann aber rief er freudig: " Wie? Melanie? Sie sind hier?!" " Ja, Arthur, und ich habe recht garstige Worte von Ihnen vernommen. Wir sind nicht solche Leute, wie Sie meinen, auch meine Mutter verkennen Sie. Die Schwestern sind nur gegangen, weil sie meinten, ich hätte noch einige Worte vertraulich mit Ihnen zu sprechen, zum Abschiedo, zum Abschied. Ich dachte nie, daß es so kommen könnte. Wir hatten uns alle daran gewöhnt, Sie als ein Glied unserer Familie anzusehen. Wie, Arthur, ach, ich fühle es erst jetzt... wie.. Das Mädchen konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen und verhüllte das Gesicht mit den kleinen weißen Händen. Der junge Mann trat lebhaft auf sie zu, ergriff eine von diesen Händen, küßte sie leidenschaftlich und rief: " O, Melanie, verzeihen Sie mir, wenn ich unrechtes von Ihnen und Ihren Schwestern dachte. Sie glauben nicht, wie mir zu Muthe ist. Wenn Sie eine vom Sonnenglanze noch eben erfüllte Gegend plötzlich durch kalte, distre Wetterwolfen über schattet, im aschgrauen Lichte erblicken, dann empfinden Sie etwas Aehnliches. Ich habe es erlebt, wie das Unternehmen Ihres Vaters in wenigen Jahren riesenmäßig wuchs, habe ich mich doch selbst redlich dabei geplagt. Aber je bessere Aussichten das Geschäft bekam, je kühler, kälter, vornehmer ward Ihr Vater gegen mich, und bald genug wurde ich gewahr, daß ich von der Stellung eines halben Familienangehörigen zu der eines ausgebeuteten Arbeiters herabgeglitten. So ist es ſtufenweis herabgegangen, und bei dieser letzten Affaire, bei einer Maßregel, von der ich sagen muß, daß sie ebenso verderblich für die Arbeiter, wie für das Geschäft ausfallen wird, habe ich erst deutlich erkennen können, was ich jetzt noch in seinen Augen bin. Ich werde weggeworfen, gleich den übrigen, wie eine ausgepreßte Citrone. Ist es da ein Wunder, wenn mich ein Mißtrauen überkam, wenn ich an allem übrigen verzweifelte?" An meiner Liebe sollten Sie wenigstens nicht verzweifeln, mich wenigstens sollten Sie doch fennen, Arthur?" ,,, ich kenne Sie, aber wenn alles um einen herum zu brechen scheint... es flog ein düsterer Schatten durch meine Seele, den ich nicht abwehren konnte, und Sie mußten mich grade belauschen, ich glaubte nur zu denken, zu fühlen, und ich habe gesprochen?" ,, Gesprochen, ja, und nimmer möchte ich's wieder hören; es war grausam, beinahe lieblos. Arthur, hatte ich das um Sie verdient?" ,, Nein, nein, vergeben Sie mir. Beim Abschiednehmen soll man sich alles vergeben." Müssen Sie wirklich gehen?" 591 Strudel des großen Lebens, das vor dir aufgeht; ich hier in meiner stillen Abgeschlossenheit, ich werde Zeit genug haben, an dich zu denken." ,, Liebste Melanie, du gibst mir die beste Reisestärkung mit auf die Wanderschaft. Einsam, elternlos, mußte ich des Lebens Last und der Erde Weh tragen, bis ich dich fand, da wurde mir die Erde heimisch, und heimisch wird sie mir bleiben, bis..." ,, Eine saubere Familie habe ich in der That," donnerte hier mit einemmale die Stimme des Fabrikanten zwischen die leidenschaftlichen und doch so sanften Worte des jungen Arbeiters, der erschrocken zurückfuhr. Dort weise ich dem Verräther die Thür und hier schmuggelt man ihn wieder herein. Den Augenblick verschwinde vor meinen Augen, du ungerathenes Kind, das es mit den Feinden seines Vaters hält, die Schlange wieder aufnimmt, die ich von meinem Busen geschleudert, das seine gesellschaftliche Stellung vergißt und sich hinwirft an einen..." ,, Vater, hör auf, ich gehorche, ich gehe!" rief das Mädchen, indem es die feinen, weißen Hände wie abwehrend gegen weitere böse Worte erhob und von sich streckte. Der Fabrikant verstummte da in der That und brummte nur einige unverständliche Worte vor sich hin. Als das Mädchen das Zimmer verlassen, herrschte eine peinliche Pause; die beiden Gegner im sozialen Kampfe beobachteten sich gegenseitig mit verstohlenen Blicken, bis endlich der Fabrikant, von einer plötzlichen Erinnerung veranlaßt, den Augenblick als günstig zur Erledigung einer delikaten Angelegenheit erachtete. Er griff in die innere Seite seines Staatsfracks, zog ein Papier aus derselben hervor und reichte es dem jungen, bleichen Mann mit den Worten: ,, Um Ihnen zu zeigen, Herr Kühne, daß ich, wenn ich auch für nöthig erachten mußte, meine Verbindungen mit Ihnen abzubrechen, dennoch ein persönliches Interesse an Ihrem weiteren glücklichen Fortkommen nehme, habe ich Ihnen hier ein Zeugniß geschrieben, welches zwar zu Ihren Gunsten etwas von der Wahrheit abweicht, welches aber bei Ihrer hoffentlichen Bekehrung zum Besseren von Ihnen zur Wahrheit gemacht werden und Ihnen vorerst den Eintritt in andere Arbeitsstätten erleichtern wird. Sie sehen, daß ich troh Ihrer Undankbarkeit..." ,, Behalten Sie Ihr Zeugniß und sparen Sie Ihre Worte!" rief der junge Mann, dem eine lebhafte Röthe Gesicht und Hals färbte. Was für ein Recht haben Sie, Zeugnisse zu schreiben, die nicht der Wahrheit entsprechen? Wollen Sie Ihre Kollegen täuschen, wollen..." ,, Es ist, hören Sie doch, es ist zu Ihren Gunsten; ich will Einiges für Sie..." ,, Sorgen Sie für diejenigen, die Ihre Hülfe brauchen, ich hoffe, ohne dieselbe auszukommen." ,, Aber ein Zeugniß, von meinem Etablissement ausgehend, ist Goldes werth, deshalb wollte ich, in Ansehung Ihres früheren..." Ich will überhaupt kein Zeugniß, weder ein günstiges, noch ein ungünstiges. Was braucht ein Mensch vom andern ein Zeugniß, das doch immer nur ein persönliches und für Fremde deshalb werthloses Urtheil enthält? Wenn das Zeugnißausstellen noch gegenseitig wäre, wollte ich nichts dagegen sagen. Es ist " Ich muß, ja ich muß, glauben Sie mir, theuerste Melanie, für den Arbeiter oft noch viel wichtiger, zu wissen, was für ein ich bliebe gern, wenn ich nicht gehen müßte." ,, Sollte sich kein Ausweg finden lassen?" ,, Reiner, feiner, es müßte denn Ihr Vater nachgeben. Aber das wird er nicht." ,, Nein, das wird er nicht," bestätigte Melanie seufzend. ,, Und ich habe, nach allem, was geschehen, dem Rufe der Pflicht und der Ehre zu folgen. Herr Krummbügel, welcher, nachdem er so reich durch seine Arbeiter geworden, recht verächt lich auf dieselben herabblickt, soll gewahr werden, daß auch bei uns Ehr- und Pflichtgefühl vorhanden, und mehr vielleicht als bei denen, deren Himmel statt von Sternen, von Goldstücken erglänzt. Und nun, Melanie, wollen Sie, werden Sie mir Ihre Liebe, die mit uns groß geworden, bewahren, ob auch noch so lang das Schicksal mich fern von Ihnen hält?" ,, Sie fragen, Arthur, also zweifeln Sie? Sie sollten aber nicht zweifeln, denn Ihr Zweifeln kränkt mich. Nein, Arthur, nein, mag Sie das Schicksal noch so lange fern von meinen Augen halten, ich werde Sie nie vergessen. Als ich heute das erste Wort von Ihrem Zerwürfniß mit meinem Vater hörte, da stockte mir das Herz, und jetzt, beim Gedanken an die Trennung, will es mir brechen; ich hatte ja keine andre Freude, als diese meine Freundschaft, meine Liebe für dich, Arthur, und ich war mir's nicht bewußt bis heute. Vergiß nur du mich nicht im Zeugniß die Arbeiter beim Verlassen einer Arbeitswerkstelle ihrem Arbeitgeber ausstellen können, als der Arbeitgeber nöthig hat, zu wissen, was die Meinung eines Kollegen über dessen Arbeiter ist, zumal er weiß, daß dieser Kollege, so wenig wie er, Einblick in die Fähigkeiten eines Arbeiters gewinnt. Das einseitige Zeugnißausstellen seitens der Arbeitgeber ist eine Schmach mehr für den überall getretenen Arbeiter, ich will davon nichts wissen. O, und es ist nicht blos das, diese Zeugnißausstellung wird auch noch dazu benutzt, mißliebige Arbeiter, d. h. solche, die für das Recht der Arbeit männlich eintreten, durch geheime Zeichen, arbeitsfrei, das heißt soviel wie vogelfrei, zu machen. Nein, nein, Herr Krummbügel, behalten Sie Ihr Geschenk, von dem ich annehmen will, daß es diesmal gutgemeint war; ich will meinen Weg selbst finden, vertrauend meiner Kraft und meiner Fähigkeit." ,, D, Sie sind ganz und gar verdorben, und nun möchte ich Ihnen das Zeugniß schon garnicht mehr geben. Sie sind dermaßen vom sozialdemokratischen Gifte angefressen, daß ich es mit meinem Gewissen garnicht vereinigen könnte, Sie einem Kollegen zu empfehlen, dem Sie die Arbeiter nur rebellisch machen würden, wie Sie es mit den meinigen gethan. Ich bemitleide Sie...." ,, Gut, bemitleiden Sie mich; ich muß Sie auch bemitleiden, daß Sie keine besseren Begriffe von Menschenwürde und Arbeiterrecht haben. Der Tag wird kommen, an dem Sie die Folgen Ihrer Rechtsverachtung spüren werden Ja, der Tag wird kommen, der schnödem Uebermuthe und seiner Niedertretung alles Mensch lichen ein Ende sehen wird. Dann denken Sie an mich, Herr Krummbügel, unsere Wege gehen vorerst auseinander." Mit raschen Schritten entfernte sich der junge Arbeiter und ließ den Fabrikanten in einem Anfall von Wuth zurück, der ihn nöthigte, sich in einem Wiegestuhl erst die nöthige Fassung wieder herbeizuwiegen. V. Ein Höfling am Fabrikantenhof. " 1 Eine Stunde und noch etwas mehr Zeit kostete es, bis der Herr des weitgedehnten Etablissements sich soweit von seinem Aerger über die Frechheit" und den„ Uebermuth" des heutigen Arbeiterstandes erholt, um sein Nachmittagsmahl einnehmen zu können. Die Eßglocke tönte diesmal ganz vergeblich, denn keines der Familienglieder fühlte das Bedürfniß, an dem Mahle theilzunehmen. Das verstimmte Herrn Krummbügel insoweit, daß er in den Speisen nur herumstocherte und während dessen seinem Unmuth in abgerissenen Bemerkungen Luft machte. Die Aussicht auf einen sehr langweiligen Abend verdüsterte die Stimmung noch mehr, und es war ihm wie eine Art Erlösung, als der Diener die Ankunft eines Besuchs durch Ueberreichung einer Visitenkarte meldete. Es war eine Visitenkarte ganz absonderlicher Art, sie hatte die Form des preußischen Eisernen Kreuzes und war an den Rändern mit Silberpapier eingefaßt. In der Mitte war der Kopf des Besuchers photographirt, und auf den vier gezackten Gliedern, die sich um den Mittelpunkt gruppirten, las man: " Bildender Künstler, Maler, Photograph, goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, silberne Medaille, Diplome von zehn Ausstellungen, Patent, Preise von London, Paris, Wien und Philadelphia, Spezialität von Porträts, 345 Empfehlungsbriefe von den hervorragendsten Personen der Gegenwart." Und wieder in der Mitte mit Perlschrift der Name: Eugen Kunst. „ Lassen Sie den Herrn sofort eintreten," befahl der Fabrikant mit einem Ausdruck höchlichster Befriedigung. Der Diener ging, und bald erschien eine hühnenhafte Gestalt in einem sammetnen Schnurenrock, in dessen einem Knopfloch ein rothseidenes Band eingeknüpft war. Ein weißes Blusenhemd quoll aus dem halbgeknöpften Rock hervor, überschattet von einem langen, röthlichen Bart. Die mächtige Gestalt trat so selbstbewußt und imponirend auf, daß der Fabrikant sich bewogen fand, seine Serviette beiseite zu legen und sich zur Begrüßung des Besuchers zu erheben. " Lassen Sie Sich durchaus nicht stören," rief im tiefsten Grundbaß der Besucher mit einer Geberde, die das Wiederniedersetzen des Hausherrn wie eine Gnade zu bewilligen schien und denselben auch förmlich dazu nöthigte. " Bitte, nehmen Sie Play," stotterte Herr Krummbügel, sicht lich bewältigt von dem sicheren Auftreten und dem Imponirenden in dem Wesen des Fremden. Kann ich Sie einladen zu einem Ileinen bescheidenen Imbiß?" " Ich stehe Ihnen ganz zu Diensten, auch in dieser Beziehung, mein verehrter Herr Kommerzienrath; wir Künstler machen nicht viel Umstände. Es ist zwar meine Zeit. noch nicht, aber nichts destoweniger will ich Ihnen gerecht werden. Ich weiß, es ist sich besser in Gesellschaft." Damit nahm der Fremde an einem der von den Familien mitgliedern verschmähten Size Platz und langte sich einen Löffel Salat auf den Teller. Herr Krummbügel fühlte sich gedrungen, seinem Gaste die Brotschüssel darzureichen, aber der Künstler wehrte sie mit einer Handbewegung ab und ergriff einen Teller, auf welchem geräucherte Pökelzunge lag, von der er sich ein gut Theil Schnitte auf seinen Teller herunterschob. " Bemühen Sie Sich nicht," bemerkte er dabei leichthin, ich bediene mich schon selbst." " Wünschen Sie Rheinwein oder Burgunder?" fragte der Fabrifant gefügig. ,, Geben Sie mir Burgunder, der verwandelt sich leicht in Blut. Und reiches Blut ist die Hauptsache, das macht den Körper und den Geist auch reich. Also, Sie sind Herr Krummbügel? Ich freue mich ganz ungemein, einen so weit berühmten Indu striellen unseres Landes von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, einen König der Industrie, speziell einen Kanonenkönig, wie man Sie gemeinhin zu nennen pflegt." ,, Sie sind sehr gütig, mein Herr, und ich bin fast beschämt..." 594 „ Nur keine falsche Bescheidenheit, die Welt weiß, wer Sie sind, und ich wäre gewiß nicht in diese Wüste der Kunst gekommen, wenn ich nicht durch den weltberühmten Namen, den Sie Sich zu erwerben gewußt, hierher gelockt worden wäre. Erst neulich, als ich im Bade Wildungen meine Galerie hervorragender Industriekönige ausbreitete, rief einer der Herren Diplomaten: Haben Sie noch nicht das Porträt des Herrn Krummbügel, der dürfte doch vor allen Dingen nicht fehlen. Ich entschuldigte mich, daß ich infolge der vielen Bestellungen noch nicht dahin gekommen, daß ich aber den ersten günstigen Tag, den mir meine Geschäfte lassen, dazu benutzen würde, in Ihren Ort zu kommen. Und so kam ich trotz allen Schwierigkeiten hierher.... Haben Sie keinen Champagner?" " Gleich sollen Sie ihn haben. He, Joseph! Champagner den rothgesiegelten! Sie sollen sehen, Herr.... Eugen Kunst ist mein Name," bemerkte der Gast mit Würde, und langte sich eine Bratenschüssel mit Kalbfleisch herbei. Mein Name deutete meinen fünftigen Beruf mir schon von Geburt an, und der Kunst habe ich gelebt bis heute. Diese Pfeffergurken sind wirklich ausgezeichnet. Späterhin habe ich mich allerdings mehr der Photographie zugeneigt, mehr aus Liebhaberei als aus Geschäftsrücksichten, ich nehme gern alles, was mir gefällt, mit mir im Bilde nämlich, und die Photographie ist viel bequemer, obwohl ich sagen kann, ich zeichne ein Gesicht in drei Minuten." Ist das die Möglichkeit!" ,, Ah, da kommt der Champagner; ich kann sagen, der ist mein Lieblingsgetränk, für ihn lasse ich jedes andere Getränk stehen. Ah, wie das perlt! Hm! Das ist prima Sorte, ich trank sie das letzte mal beim Grafen Esterhazy." Beim Grafen Esterhazy?" rief der Fabrikant, die Augen weit aufreißend. Ja, er liebte mich sehr, er liebte die Kunst und die Künstler über alles. Ihn fing ich gewandt, indem ich sein Porträt in drei Minuten zeichnete, während er mir den Rücken zudrehte. Das war die Wette, ich gewann sie mit 300 Kaiserdukaten. Ich will Ihnen auch sagen, wie ich das anfing. Ich stellte den Toilettenspiegel gegen den großen an der Wand. Er mußte sich vor ersteren setzen, und neben das auf dem andern erscheinende Spiegelbild legte ich das Papier und brauchte blos abzuzeichnen. Hei! War das nicht schlau ausgedacht?" ,, Sehr schlau, haha! So hätten Sie mich nicht gefangen." ,, D, Sie, das ist etwas anderes; bei eineni so intelligenten Industriellen hätte ich es auch nicht ristiren wollen. Diese Korneliuskirschen haben einen sehr delikaten Geschmack. Der arme Graf war sehr leicht zu fangen, deswegen ist er auch bei seinem Riesenvermögen unter Sequester gekommen. Namentlich haben ihn die Damen vom Ballet hineingeritten. Ich mußte sie alle photographiren. O, ich habe eine pikante Galerie." Was Sie sagen? Haben Sie dieselben mitgebracht?" fragte der Fabrikant, sichtlich interessirt. ,, Gewiß, Sie können sie bei mir sehen, wenn Sie mir einmal die Ehre Ihres Besuchs gönnen. Kabinetstücke, sage ich Ihnen. Den ganzen Harem des Vizekönigs von Aegypten können Sie in Augenschein nehmen." Den Harem des Vizekönigs!" schrie Herr Krummbügel, dem die Augen allgemach zu funkeln begannen. Ja, auf diese Sammlung bin ich stolz, sie steht einzig da in der Welt. Ich habe sie mit Gefahr des Lebens zusammengebracht." ,,, das müssen Sie mir erzählen, ich bin auf solche Geschichten ganz versessen." ,, Gut, noch ein Glas von diesem rothen Nonmousseur. Ah, das ist Marke Nummer 1. Woher beziehen Sie ihn? Er macht Ihrem Geschmack alle Ehre." Ich beziehe ihn direkt von Witwe Cliquot in Rheims. Aber nun legen Sie los." ,, Wirklich superb. Ich wollte, ich hätte einen Korb, ich könnte ihn bei meinem neuen Werke trefflich brauchen." ,, Sie sollen morgen einen in Ihre Wohnung geschickt bekommen, heute Abend noch. Aber erzählen Sie." ,, Nun, sehen Sie, es war bei der Einweihung des Suezkanals, zu welchem außer den Souveränen auch die hervorragendsten Männer der Kunst eingeladen worden. Ich hatte damals grade die Kaiserin Eugenie porträtirt." ,, Die Kaiserin Eugenie!" ,, Und diese sagte mir bei meiner letzten Sizung: Wissen Sie, Kunst, Sie könnten auch mit nach Aegypten gehen, da gibt es viel Interessantes zu zeichnen. Ja, sagte ich, Majestät, wenn fleine Steinchen Geld wären.- Gut, sagte sie, es soll mir auf hundert Napoleonsd'or nicht ankommen und ich werde Sie profegiren. Gut, sagte ich, Majestät, ich gehe mit und wenn ich mich durchbetteln sollte. So kam ich hin. Ich dachte, was kann da sein? Die alten Türken zu sehen, war längst mein Wunsch gewesen." ,, Aber der Harem und die Photographien!" Ja, ganz recht; das kommt gleich hernach. Also sehen Sie, wie ich da durch die Straßen von Kairo bummle und nach jemanden ausschaue, der mir Feuer für meine Cigarre geben fönnte, sehe ich einen Türken mit untergeschlagenen Beinen auf einer Matraze fizen. Der Türke dampfte gewaltig aus einer großen Meerschaumpfeife und sah behaglich zu, wie man den Wagen wieder in Stand brachte, der ihn bis dahin gebracht und grade dort gebrochen war. Ich hatte zwar einige Scheu, den beturbanten Raucher, der vielleicht gar ein Pascha von einem, zwei oder drei Roßschweifen war, anzureden; da aber nirgends in der Runde ein anderer Raucher zu entdecken war, so nahm ich mir ein Herz, dachte, was kann da sein, und nahm all' mein bischen Türkisch zusammen, indem ich sagte: ,, Allah kehrim! Pascha!" Und dabei zeigte ich auf meine unangebrannte Cigarre. ,, Himmel! Da hätte ich eine Photographie von dem breiten Munde abnehmen sollen, der sich unter dem Schnauzbarte öffnete und zwei Reihen weißer Zähne zeigte. Aber noch mehr als über den Mund, erstaunte ich, erschrak ich förmlich über die in breitester deutscher Mundart gesprochenen Worte: Na, sprich man, wie dir der Schnabel jewachsen, oller Junge. Bist du nicht Kunst?" Ja, stottere ich ganz perplex, aber habe ich nicht die Ehre...? " Ja wohl, die hast du, ich bin August Kirsten, dein Schulkamerad, der in jeder Schulklasse der letzte war. Und wie in der Schule, so blieb ich auch im Leben Klassenleyter, bis ich endlich rappelföpfisch wurde und unter die Türken ging. Da blühte mein Weizen, und ich bin jetzt Schloßverwalter beim Vizekönig." ,, Aber wie hast du das zustande gebracht? ,,, D, das hat mir gar kein Kopfzerbrechens gemacht. Ich errichtete hier ein Dienstmanninstitut, dessen Chef, Kassirer und gesammtes Dienstpersonal ich in meiner bescheidenen Persönlichkeit vereinigte, wodurch ich allen stürmischen Generalversammlungen von vornherein gründlich vorbeugte. Und da will es das Schicksal, daß der Vizekönig, obwohl er einige hundert Schönheiten in seinem Harem hat, auf ein galantes Abenteuer ausgeht, welches schief abläuft. Kurz, der Vizekönig, königliche Hoheit, wäre so verhauen worden, daß er auf sechs Wochen die Staatsraths fizungen hätte schwänzen müssen, wenn nicht grade der einzige Dienstmannsinstitutsvorsteher in Kairo, das war ich, dazwischen gekommen und die Prügel in Empfang genommen hätte, indem 595 ich den Fez auf meinen Kopf und meine Dienstmannmüße dem Vizekönig auf den Kopf praktizirte. So lag ich sechs Wochen, | wie gerädert, im Spital, und nach der Zeit war ich Schloßverwalter. Da siehst du, wie weit es ein Klassenletzter bringen kann. Und nun sag', was kann ich für dich thun? Ich erinnere mich, daß du eines Tages in der Schule Prügel befamst, weil du nicht an mir zum Verräther werden wolltest; heute kann ich dich belohnen. Nun, dann sagte ich denn, daß ich mein Glück machen könnte, wenn ich einige Photographien von Haremsdamen abnehmen dürfte. Da frazte er bedächtig sein Haupt unter dem Turban.... Aber diese Zuckergurken sind wirklich das Feinste, was ich je genossen! Legten Sie sie selbst ein?" " Ja, ja, das heißt mein Weib. Fahren Sie nur fort." " Können Sie mir nicht das Rezept geben?" " Meine Frau soll es Ihnen geben, aber der Harem?" ,, Nun, geben Sie mir noch ein Glas Champagner, das viele Erzählen macht mich trocken." Hier ist eine ganze Flasche, aber kommen Sie zum Ziele." „ Gut, das Resultat war, daß er mich im nächsten Gehöft als Gärtner installirte. Da war nur eine Mauer zwischen meinem Garten und dem, in welchem die Haremsschönheiten zu promeniren pflegten. Da wurde denn einfach ein Steinblock herausgenommen, der Apparat hinein in die Lücke geschoben, und so habe ich eine Schönheit nach der andern, sowohl im Puz, wie im Negligé, gewissermaßen weggefangen. Sie werden sie bei mir sehen, sobald Sie mich besuchen. Und nun hoffe ich, mein verehrter Herr Krummbügel, daß Sie mir bald Ihre werthe Kundschaft persön= lich und durch Ihre Familie zuwenden. Der versprochene Korb Champagner ist jedenfalls dann da, um unsere Zusammenkunft genußreicher zu machen.' " Meine ganze Familie soll sich einzeln und in Gesammtgruppe bei Ihnen abnehmen lassen. Außerdem habe ich nächste Woche meinen Geburtstag, da werde ich es meinen Leuten zu verstehen geben lassen, daß sie mir ihre Ergebenheit dadurch zu erkennen geben, daß sie sich saalweise für mich photographiren lassen, und das Comptoir kann ein Album zu diesem Zwecke stiften. Die Kerle können auch etwas für mich thun." " Herr Krummbügel, Sie sind ein Fabrikant, wie er im Buche steht. Seien Sie überzeugt, ich werde an Ihrem Ruhme arbeiten." Wir sprechen noch weiter davon. Ich hoffe, ich werde einige genußreiche Stunden bei Ihnen zubringen. Ünsereins fühlt das Bedürfniß nach besserer Gesellschaft, als der, die man hier hat, Arbeiter ohne Bildung und ewig ergebene Beamte, den langweiligen Pastor garnicht zu zählen. Man hat Sinn für das Höhere, und Sie sind ein Kunstgenie, das in die Welt past. Ich werde meine Protektion für eine Ehrensache ansehen. Also auf Wiedersehen!" ( Fortseßung folgt.) Irdische Massenbewegung. ( Schluß.) Wir brauchten im vorhergehenden Abschnitt unseres Artikels absichtlich den Ausdruckluftverdünnter Raum", obgleich an Stelle dessen zumeist von luftleerem Raum gesprochen wird. Einen absolut leeren, nichtsenthaltenden Raum vermögen wir einmal nicht herzustellen, dann aber wäre, ein solcher vorausgesetzt, eine Wirkung der Schwere unmöglich. Ein Stoß oder Antrieb kann eben nur durch Stoff, und wäre es auch die verdünnteste Luft oder sogenannter Aether, ausgeübt werden. Freilich, solange man von Imponderabilien( unwägbaren Stoffen) sprach, konnte man auch ganz harmlos daran glauben, daß eine Kraft oder Bewegung zwischen zwei Körpern durch das Mittelglied" Nichts" wirksam sein tönne! Nur weil Räume, deren Inhalt an Luft man so gut als möglich auspumpte, doch nicht ganz leer davon waren, fonnte man Licht- und Wärmebewegung durch dieselben durch gehend beobachten, wie sie ja auch den„ Aether" durcheilen, dagegen versagte der elektrische Strom den Durchgang durch das mittelst der Geisler'schen Quecksilberpumpe hervorgebrachte Vacuum. In der Herleitung des Gesetzes des freien Falles der Körperund in Umkehrung derselben auch der Gesetze des senkrecht auf liegt uns eins der wärts gerichteten Wurfes oder Hubs schwierigsten Kapitel der Philosophie der Natur vor. Es ist besonders schwer, die richtigen Ausdrücke zu ihrer Entwicklung zu finden. Den Lehrbüchern und für Fachleute geschriebenen Ab= handlungen stehen zur leichtern Ueberwindung dieser Schwierigfeiten in diesem und ähnlichen Fällen die mathematischen Formeln und Rechnungsarten zu Gebote. Dieselben sind aber nichts weiter, als in gedrängteste Formen gebrachte logische Operationen, und es ist bekannt, daß für das mathematische Rechnen die größte Schwierigkeit in der Formulirung der Aufgabe und ihrer Voraussegungen, im Ansatz, beruht. In diesem ist aber das Resultat, die gesuchte unbekannte Größe schon eingeschlossen. Der Mathematiker entdeckt nichts. Ist der erste Ansatz falsch, so werden es auch die Schlüsse. Die alten Mathematiker, die nicht die Erleichterung der algebraischen Darstellung, der Logarithmen, der Differentialrechnung hatten, mußten alle ihre Schlüsse im Geist fertig machen. Wenn wir mit all' diesen Erleichterungen durch mathematische Operationen schneller zum Ziel kommen, eine Summe von neuen Beziehungen herauszufinden, so vermindert dies das Verdienst unsrer geistigen Arbeiten, nicht jedoch den praktischen Werth der Resultate. So macht auch in der Physik der Naturforscher, nicht der Mathematiker, den ersten Ansah, und gleichviel, ob er ihn in mathematischer oder einfach sprachlicher Formel ausdrückt, sind die mathematisch und logisch entwickelten Schlüsse gleich richtig, wenn eben der erste Ansatz richtig war. Betrachtet man die Physik als Unterrichts- und Erziehungsmittel, so liegt grade in dieser Uebung und Entwicklung des logischen Denkvermögens mindestens zur Hälfte ihr hervorragender Werth. Nach der Stellung, welche wir diesem Zweig der Naturwissenschaft im Volksunterricht angewiesen sehen, vermögen wir auf die Absicht zu schließen, wieviel Logik man im Volt verbreitet zu sehen gewillt ist! Kehren wir nach dieser, für die Absicht der Aufgabe, die wir uns gestellt, immerhin nicht fernliegenden Abschweifung zur Formulirung der Fallgeseze zurück, nachdem wir die dabei stattfindenden Vorgänge bereits speziell betrachtet haben. Der erste und zugleich Fundamentalsatz für die Lehre vom freien Fall der irdischen Massen ist der schon erwähnte, daß die erlangten Geschwindigkeiten sich wie die Fallzeiten verhalten, d. i. entsprechend der Zeit zunehmen. Bewiesen kann und braucht dieser Satz nicht zu werden; er geht als selbstverständlich aus den Thatsachen hervor, daß jede Bewegung fortdauern muß, und daß der den Fall verursachende Antrieb in jedem Augenblick gleichmäßig wirkt. Die Beschleunigung folgt also daraus, daß zu der andauernden Bewegung in gleichen Zeiten gleich viele, gleich starke, neue Anstöße kommen, welche sich der vorhandenen Bewegung addiren. Die Geschwindigkeiten müssen also gerade so wachsen, wie die Summe der Anstöße, die eben von der Zeit abhängen. Die Größe des Antriebs gegen die Erde können wir nur mittelbar, durch ihre Wirkung messen. Wir bezeichnen sie nach der Größe des Fallraums in einer bestimmten Zeit und zwar nehmen wir den Fallraum unsrer Zeiteinheit, der Sekunde oder nach der in der ersten Zeiteinheit erlangten Endgeschwindigfeit, worunter wir den Weg verstehen, den der Körper in der nächsten Sekunde zurücklegen würde, wenn er sich nun unbeeinflußt durch den Antrieb weiter bewegte. Diese Größe ist durch Versuche bestimmt worden, sie beträgt für die Erde 9,801 Meter oder 31% preuß. Fuß. Nach obigem muß, da der Körper am Anfang der ersten Sekunde und der Bewegung keine Geschwindigkeit hat und diese bis zum Ende derselben auf 314 Fuß gewachsen ist, ein gleicher Zuwachs bis zum Ende der zweiten Sekunde sich hinzufügen, die Endgeschwindigkeit dann 2 mal 314 oder 622 Fuß betragen; nach 10 Sekunden 312% Fuß u. f. f. Diese gleichmäßig in jeder Sekunde zutretende Größe von 314 Fuß nennt man auch die Beschleunigung im Fall. Der Fallraum in der ersten Sekunde ergibt sich nach folgender Ueberlegung. Nach der ersten Hälfte der Zeit, nach einer halben Sekunde, muß die Endgeschwindigkeit 15% Fuß sein, und da sie von diesem Zeitpunkt ab betrachtet, bis zum Ende der ersten Sekunde um ebensoviel zugenommen hat, als sie bis zum Beginn derselben in gleichmäßiger Abnahme geringer gewesen ist, so ist der Weg eines fallenden Körpers in der ersten Sekunde offenbar so groß, als ob er ihn in einer gleichmäßigen Geschwindigkeit von 154 Fuß zurückgelegt hätte. Der Fallraum der ersten Sekunde ist also gleich der halben Endgeschwindigkeit derselben oder 1534 Fuß. In derselben Weise läßt sich der Fallraum berechnen, wenn die Anzahl der Zeiteinheiten bekannt ist, während welcher der Körper gefallen ist. Die Beschleunigung in der Sekunde ist bekannt, gleich 31% Fuß; mit der ganzen Sekundenanzahl multiplizirt, ergibt sie die Endgeschwindigkeit am Ende der beobachteten Fallzeit. Da sie wegen der Gleichmäßigkeit des Zuwachses von der Mitte der Zeit ab bis an das Ende ebensoviel an Bewegung gewonnen hat als sie gegen den Anfang hin geringer war, so muß der ganze Fallraum so groß sein, als ob der Körper mit dieser mittleren Geschwindigkeit in jeder Sekunde gleichmäßig gefallen wäre. Der ganze Weg ist also diese mittlere Geschwindigkeit mal der Sekundenzahl. 596 Die Fallzeit läßt sich hinwiederum berechnen, wenn die Endgeschwindigkeit irgend eines Körpers durch Beobachtung gefunden ist. Man erhält sie durch Theilen der Endgeschwindigkeit mit der bekannten Beschleunigung( 31 Fuß) in Sekunden ausgedrückt. Es ist das nur die Umkehrung der Berechnung der Endgeschwindigkett durch die Zeit. Kommt also zum Beispiel eine senkrecht nach oben abgeschossne Flintenkugel mit der Endgeschwindigkeit von 1872 Fuß wieder unten an, so erfahren wir durch Theilung dieser Zahl mit der Beschleunigung 314 die Fallzeit, nämlich 6 Sekunden. Aus derselben Größe( der Endgeschwindigkeit) läßt sich auch der Weg berechnen, den der Körper im Fallen zurückgelegt hat. Ohne einen Rechenfehler zu begehen, können wir wieder annehmen, der Körper sei, anstatt durch beständige Beschleunigung zu seiner Endgeschwindigkeit gelangt zu sein, mit der Hälfte derselben als mittlerer Geschwindigkeit gleichmäßig in Bewegung gewesen. Die Zahl Sekunden, welche der Fall dauerte, berechnen wir, wie soeben zuvor angegeben; und diese mit der mittlern Geschwindigkeit vervielfältigt, ergibt den ganzen Fallraum oder Weg. Nehmen wir das vorige Beispiel, so ist bei einer Endgeschwindigkeit von 1872 Fuß die mittlere 933/4; die Fallzeit war 6 Sekunden, also ist die Fallhöhe( und Steighöhe) der Flintenkugel 5562 Fuß gewesen. Ein senkrecht in die Höhe geworfener Körper kommt zur Ruhe, indem der in entgegengesetzter Richtung gleichmäßig verzögernd wirkende Antrieb oder die Schwere eine gleichmäßige Abnahme seiner Geschwindigkeit verursacht. Im Moment, wo dieselbe gleich Null geworden ist, kehrt er um und hat bei Rückkunft an der Stelle, von wo er aufgeworfen wurde, genau dieselbe Geschwindigkeit, mit der er seine Bahn begann. Das Maß der Bewegung für den aufgeworfenen Körper ist die Steighöhe mal seinem Gewicht; das Maß für die Massenbewegung im freien Fall( also gleichzeitig auch für die Größe des in solche umgesetzten sphärischen Antriebs) ist die Fallhöhe mal dem Gewicht des Körpers. Für dieselbe Last sind beide Größen ganz gleich: man sieht also, wenn in der Mechanik Kräfte gemessen werden durch die Bewegungsgröße, die sie hervorbringen und diese durch Hubshöhe mal Gewicht( durch eine bestimmte Zahl Kilogramm auf eine bestimmte Zahl Meter gehoben), so besteht die Messen wesentlich in einem Vergleichen mit dem sphärischen Antrieb. Dieses Urmaß ist darum das einzig rationelle, weil es einmal ein absolutes, durch keinen Einfluß für uns auf der Erde veränderliches ist und dann, weil durch Anlegung desselben allein ein erschöpfender Begriff einer Kraft und der Bewegungsgröße, als Arbeitsleistung derselben, gegeben wird*). In einem wunderlichen Konservativismus( Beharrungsvermögen oder Trägheit) findet man in namhaften physikalischen Lehrbüchern neben dem von uns entwickelten noch den Ausdruck, Masse mal Geschwindigkeit" für Bewegungsgröße, auch Bewegungsmoment genannt, beibehalten. Von Cartesius aufgestellt, ist er schon durch Leibniz widerlegt worden. Er würde höchstens nur mehrere ewig unerschöpflich zu denkende Kräfte, oder ewig gleichmäßige Bewegungen zu vergleichen gestatten, da er aus der ganzen Bewegungsdauer ein willkürliches Zeittheilchen heraushebt; um aber die ganze Arbeitsleistung endlicher Kräfte zu erfahren, oder diejenige, welche eine bewegte Masse von einem bestimmten Moment ab liefern fann, ist er ganz unbrauchbar. Die Arbeitsleistung muß in Kilogrammmetern oder Fußpfund ausgedrückt werden können, und zu dem Zweck müssen wir den ganzen Weg kennen, nach dessen Zurücklegung die Kraft verausgabt ist. Wollen wir zum Beispiel die Arbeitsleistung erfahren, die ein Centner Steinkohle liefern kann, dessen Verbrennungswärme in einer Lokomotive in Dampfspannung und dann in Bewegung der Maschine umgesetzt wird, so können wir sie keineswegs berechnen, wenn uns die Masse der Lokomotive auf 400 Centner und deren Geschwindigkeit auf 100 Fuß in der Sekunde angegeben wird. Wir erhalten nicht einmal einen Vergleich mit der Arbeitsleistung eines Centner Kohle von einer andern Sorte, wenn wir auch erfahren, daß dieselbe Maschine sich bei Verbrennen dieser mit zum Beispiel 70 Fuß Geschwindigkeit bewegt. Wir müssen in jedem Falle den ganzen Weg kennen! Wäre zum Beispiel durch Beobachtung festgestellt, daß ein Stein beim Fallen von einem Thurm bis zum Aufschlagen auf den Erdboden 4 Sekunden gebraucht hat, so tommt er mit einer Endgeschwindigkeit von 125 Fuß unten an; seine mittlere Ge*) Es ist hierbei nicht gemeint, daß die Zahl für die Beschleuschwindigkeit ist also 62% Fuß, und da er 4 Sekunden in Benigung, welche allen Berechnungen zugrunde liegt, absolut richtig oder wegung war, so ist die Fallhöhe das vierfache derselben, nämlich unveränderlich sei; jedenfalls ist sie es annähernder als unsre auch ratio230 Fuß.( Der verzögernde Einfluß des Luftwiderstandes ist nelle Einheit für das Längenmaß, das Meter, wirklich gleich dem zehndabei allerdings nicht berücksichtigt.) millionten Theil eines Erdmeridianquadranten ist. Unser Urmaßstab( das Beziehen der Bewegungsgröße auf Gewichtserhebung) ist auch anwendbar, wenn gar kein Fallen stattfindet. Am besten erklärt das ein Beispiel. Es sei die Bewegungsgröße zu ermitteln, welche in einem Eisenbahnzug von 2000 Centner Gewicht steckt und der mit 20 Fuß Geschwindigkeit in der Sekunde vorwärts rollt, in dem Moment, wo der Dampf abgesperrt wird! Wir könnten durch eine mechanische Vorrichtung diese Bewegungsgröße zur Hebung eines gleichen Gewichts, von 2000 Centner also, mit 20 Fuß Anfangsgeschwindigkeit auf eine zu ermittelnde Höhe benußen; oder, was dasselbe ist, wir können uns denken, daß, wenn 2000 Centner frei fallen, sie nach irgend einer Zeit eine Endgeschwindigkeit von 20 Fuß erlangen. Diese Fall oder Hubhöhe läßt sich aber nach der oben entwickelten Regel berechnen. Die mittlere Geschwindigkeit, hier also 10 Fuß mal 20, getheilt durch 31,25, ergibt die Steighöhe, 6,4 Fuß. Dieser Weg mal dem Gewicht des Buges, 200,000 Pfund, ergibt die Bewegungsgröße 1,280,000 Fußpfund. Hätte aber derselbe Bahnzug eine Geschwindigkeit von 40 Fuß, so würden wir 25,6 Fuß als Hubhöhe und 5,120,000 Fußpfund als Bewegungsgröße finden. Also, wenn die Geschwindigkeit zweifach so groß ist, steigt die Hubhöhe und damit auch die Bewegungsgröße auf das vierfache; bei 60 Fuß würden wir diese Größen neunmal so groß, als zuerst finden. Wir können hieraus die wichtige Regel ableiten, daß, wenn bei gleichen Massen die Geschwindigkeit steigt wie die einfachen Zahlen, die Bewegungsgröße derselben und also die Wirkungsfähigkeit in sehr viel rascherem Verhältniß wächst, nämlich wie die mit sich selbst multiplizirten Zahlen. Ein Schnellzug mit 60 Fuß Geschwindigkeit ist neunmal schwerer zu bremsen, als ein Güterzug vom selben Gewicht, aber nur 20 Fuß Geschwindigkeit; oder der erste geht, wenn bei beiden der Dampf gleichzeitig abgesperrt wird, noch neunmal soweit, als der lettere, ehe beide von selbst zum Stillstand kommen. Auf einer glatten Schienenbahn ohne Steigung bewegt eine Kraft die zweihundertfache Last, oder eine gleiche Last 200 mal soweit, als wenn sie dieselbe heben müßte. Der Schnellzug mit 60 Fuß Geschwindigkeit, welche 57,6 Fuß Hubhöhe entspricht, geht dem nach 11520 Fuß weit vermöge der Bewegungsgröße, welche er im bezeichneten Moment besißt, während der Lastzug schon nach 1280 Fuß stehen bleibt. 597 Es dürfte lehrreich sein, an dieser Stelle eine Aufgabe zu besprechen, die auch von viel bedeutenden Köpfen für ein lösungsfähiges Problem betrachtet wird, nämlich die, den auf infanteristische Vorwärtsbewegung angewiesenen Menschen das Fliegen beizubringen, durch Montirung mit einer Flugmaschine, wobei also die Muskelkraft die Bewegung zu erzeugen hat. Nehmen wir also an, die Aussicht auf glänzende Belohnung lasse einen Schlaufopf eine sehr leichte, zweckmäßige Waschinerie erfinden, die nur 10 Pfund wiegen möge. Ein kräftiger Mann muß der Ein kräftiger Mann muß der neue Jtarus seiner Sicherheit wegen schon sein, also 150 Pfund Gewicht müssen ihm für seine Person erlaubt sein. Mann und Maschine wiegen also nur 160 Pfund. Soll nun in der Sekunde ein Aufsteigen von nur 5 Fuß stattfinden( was die mäßigste Forderung sein dürfte, da sonst die Luft zuviel Zeit zum Ausweichen hat, als daß die bewegende Kraft den Druck des Gewichts auf sie übertragen könnte, so muß der fliegende Mensch während dieses Weges den beständigen Druck nach unten von 160 Pfund überwinden, also 800 Fußpfund Arbeit leisten. Sollte dem Manne das Aufsteigen zu schwer fallen, so könnte er vielleicht auch von einem Luftballon aus ausgesetzt werden etwa mit dem Auftrag, als Friedenstaube den Delzweig von einer Hauptstadt zur andern zu bringen. Leichter ist die Flugarbeit nun auch nicht, da gleichfalls eine Kraft gleich dem vollen Gewicht aufgewendet werden muß, um dem Antrieb nach unten entgegenzuarbeiten,| und um nur fünf Fuß vorwärts zu kommen in der Sekunde, muß der Mann wiederum 800 Fußpfund Arbeit in jeder Sekunde leisten. Was will das sagen? Nichts andres, als daß zu dieser geringen Leistung im Fliegen( ein Fußgänger legt in derselben Zeit durchschnittlich 5,3 Fuß zurück) schon 13 Pferdekraft erforderlich ist. In der Mechanik nennt man nämlich die Arbeitsgröße von 510 Fußpfund eine Pferdekraft, da nach der Erfahrung ein Durchschnittspferd bei täglich achtstündiger Arbeit in jeder Sekunde 510 Pfund einen Fuß hoch zu heben vermag. Durchschnittsmenschent- aft beträgt aber nur den sechsten Theil einer Pferdekraft. Eine Es ist daher garnicht zu verwundern, wenn ein vorher noch so viel versprechender moderner Ikarus angesichts der Nöthigung seine Schwingen zu erproben, das Entfliegen mit dem Kourierzug vorzieht*). Vernichtbar ist die an irdischen Massen sich äußernde Bewegung so wenig, als die der Himmelskörper. Da wir sie aber dem Auge schließlich immer wieder entschwinden sehen, so sind wir berechtigt, nach dem Ausgang derselben zu fragen! Es kann zunächst eine Uebertragung der Bewegung in unveränderter Form, durch Anstoß stattfinden, wie beim Stoß unelastischer Körper, des Windes gegen die Flügel einer Windmühle, des Wassers gegen ein Schiff oder Mühlrad, oder beim Heben einer Last durch Menschen- oder Pferdekraft; oder aber, die Bewegung kann als solche verschwinden, indem sie in Kraft umgesetzt wird. Ein mit einer solchen begabter Körper kann dann wieder soviel Bewegung veranlassen, als er vorher aufgenommen hat. Eine gehobne Last, ein aus seiner Gleichgewichtslage entferntes Pendel stellt eine Kraft vor, und wir wissen, daß bei diesem die durch einen Anstoß ertheilte Bewegung sich wohl 24 Stunden lang beständig aus Bewegung in Kraft und umgekehrt umsehen kann. Ein besonders geläufiges Beispiel für die Erzeugung von Kraft durch Massenbewegung bietet uns eine Feder von Stahl. Bei einer solchen lassen sich die Theilchen durch den Angriff einer Bewegung äußerlich an einander verschieben und sind dann in einem Zustand der Spannung, d. h. sie nehmen nach Aufhören der äußern Einwirkung ihre vorige Lage von selbst wieder ein: wir nennen dies Verhalten Elastizität. Wir müssen sie als eine Art der Kohäsion betrachten, dieser zwar allgemeinsten, doch bisher noch am wenigsten erklärten aller Kräfte. Von der als Spannung in einer Feder niedergelegten Bewegung machen wir den allgemeinſten Gebrauch zum Zeitmessen in unsern Taschenuhren. Die ganze Bewegung in einer Uhr kommt von der menschlichen Hand, die sie aufzieht, wobei dieselbe als Kraft in der Hauptfeder niedergelegt wird. Indem diese sich abzuwickeln strebt, verwandelt sie die Kraft wider in Bewegung: die Uhr geht! Die Bewegung geht unverändert durch das Räderwerk bis in das letzte Rad, das Steigrad, und wird hier in einzelnen Anstößen der kleineren Spiralfeder oder Unruh mitgetheilt, die durch Hin- und Herschwingen die Zeit mißt. Es wird in ihr ein kleiner Theil der aus der Hauptfeder kommenden Bewegung wieder in Kraft umgesetzt; dann steht die Spirale still und beginnt die entgegengesetzte Bewegung, und so fort, bis durch) das Abwickeln der Hauptfeder alle Kraft in Bewegung umgesetzt ist und diese sich schließlich als eine kleine Menge Wärme ver flüchtigt hat. Auf demselben Prinzip beruht das Schwingen von Saiten, wie z. B. im Piano. Der von der Taste getriebne Hammer verlängert die elastische Saite ein wenig zwischen den nicht nac, gebenden Wirbeln; dabei wird die Bewegung als Spannung aufgenommen. Die Saite bewegt sich mit zunehmender Geschwindig keit zurück, die in ihrer ursprünglichen Lage am größten ist; dadurch tritt sie nach der andern Seite heraus, es entsteht wieder Spannung und die Bewegung geht zurück und so fort. Bei der Saite, welche den höchsten Ton gibt, geschieht das Hin- und Herschieben nicht weniger als 16000 mal in der Sekunde. Wir sehen die Massenbewegung hier nur noch als eine Verdickung der Saite. Derselbe Vorgang findet bei der Fortpflanzung des Schalles statt. Die verdichtete Luft hat eine Bewegung als Kraft aufgenommen, indem sie eine größere Spannung zeigt. Nachdem sie dieſe als Bewegung an die nächste Luftschicht abgegeben, sind alle Lufttheilchen wieder auf ihrem frühern Plazz. Die ganze Wellenbewegung beruht auf diesem raschen Uebergang von Bewegung in Kraft und umgekehrt. Der Wellenberg der Wasserwelle ist eine gehobne Last und stellt also eine Kraft vor; im Herabsinken geht diese in Bewegung über und so fort. *) Wir können diese Erfahrung auch auf dem ästhetischen Gebiet nüßen. Eine Art ,, Historienmaler" sehen wir oft Menschen darstellen, die sie mit prächtigen Schwanenfittigen ausstatten, oft sind sie sogar ohne Unterstüßung in die Luft gemalt, als ob sie fliegend schwebten. Warum bewegt uns solcher Anblick, je nach unserer Stimmung, peinlich oder zu unbezwinglicher Heiterkeit? Offenbar ist es das Mißverhältniß, daß uns zugemuthet wird, an fliegende Menschen zu glauben, während der Maler ganz vergessen hat, denselben auch die benöthigte Muskulatur, welche mindestens 13/5 Pferdekraft zu entwickeln im Stande ist, zuzutheilen; die dargestellte fann immer nur zur Bewegung der Arme dienen, die Schwingen gehen leer aus, haben sogar nicht einmal stüßende Knochen. Mr. 50. 1878. Die ganze Erscheinung beruht aber in einem in sich zurück fehrenden Schwingen der kleinsten Theilchen; wenn die Wellen in einem nicht fließenden Gewässer fortzueilen scheinen, so ist das nur Augentäuschung. Das zeigt am besten ein wogendes Kornfeld, wo jede Aehre, vom Winde nach unten gedrückt, von der Elastizität des Halmes wieder gehoben wird; dabei sehen wir die Wellen ganz deutlich über das Feld eilen, während doch jede Aehre nur einen kleinen, in sich zurückkehrenden Weg beschreibt. Alle bisher angeführten Bewegungen bezeichnen wir als Massenbewegungen, weil die Körper sich als Ganzes bewegen. Wählen wir aber statt einer dünnen Klavierseite ein großes, dickes Stück Eisen und schlagen dasselbe anhaltend mit einem schweren Schmiedehammer, so hören wir zwar auch noch ein Geräusch, aber es tritt auch zugleich ein Erwärmen des Eisens ein, das sich bis zum Glühen steigern läßt. Das durch das Geräusch angezeigte Schwingen des ganzen Körpers ist selbst nur als scheinbare Verdickung nicht mehr wahrzunehmen. Es geschieht hier der Uebergang von Massen- in Molekularbewegung, welche lezztere sich dadurch kennzeichnet, daß die mit ihr behafteten Körper ihre Lage gegen ruhende andere nicht ändern, ebenso wie eine Veränderung ihrer äußern Form nicht sichtbar ist, während sie doch Bewegung irgend welcher Art abzugeben vermögen. Aus der Wärmebewegung erzeugen wir sehr häufig wieder Massenbewegung. Der Ausgang aller irdischen Massenbewegung ist schließlich immer in Wärme, die unter gewissen Umständen zuerst auftretende Elektrizität verwandelt sich, wenn sie strömt, beständig in Wärme. Aus einer bestimmten Bewegungsgröße erhalten wir immer eine bestimmte, gleich große Wärmemenge. Sie ist auf verschiedene Weise durch Versuche gefunden worden. Wenn man als Maßeinheit für Wärme die Menge annimmt, durch welche die Temperatur von 1 Kilogramm Wasser um 1 Grad Celsius erhöht wird, so find 425 Kilogrammmeter gleich einer Wärmeeinheit, d. h. wenn 425 Kgr. einen Meter hoch fallen, oder 1 Kgr. 425 Meter hoch, so wird soviel Wärme dadurch entwickelt, als 1 Kgr. Wasser um einen Grad erwärmt. Umgekehrt entspricht die Bewegung, welche wir einem Kilo Wasser durch Erwärmung um einen Grad Celsius hinzufügen, der Erhebung von 425 Kgr. auf 1 Meter Höhe. Daß wir mit dieser Wärmemenge eine solche Gewichtshebung faktisch nicht ausführen können, beruht zum Theil I. 598 auf der Mangelhaftigkeit unsrer Maschinen; doch wird es aus vielen Gründen nie möglich sein, eine gegebene Menge Wärme vollständig in Massenbewegung umzusetzen. Es ist daher eine ziemlich müssige Arbeit, zu berechnen, wie oft versucht wurde, wieviel Kohlen wohl verbrannt werden müßten, um die Dampfmaschine mit Dampf zu versorgen, die im Stande wäre, einer Masse gleich unsrer Erde ihre Umdrehungs- und Umlaufsgeschwindigkeit zu ertheilen! Interessanter und lehrreicher finden wir umgekehrt die Berechnung des mechanischen Wärmeäquivalents für die in der Erde vorhandene Bewegungsgröße. Wir können die Aufgabe verständlicher so stellen: Was würde geschehen, wenn es einem unsrer glaubensstarken Mitbrüder gelänge, das von Josua mit solchem Erfolg an der Sonne verübte Attentat mit unsrer Erde in Szene zu setzen? Gehemmte Massenbewegung muß sich in Wärme umsetzen; berechnen wir sie! Die Geschwindigkeit des Erdmittelpunktes in der Umlaufsbahn um die Sonne beträgt etwa 35 Kilometer. Die Hubhöhe, wie oben berechnet, ist demnach 62,436,391 Meter. Jedes Kilogramm wird also eine Bewegungsgröße von 62,436,491 Kilogrammmeter beſizen, oder eine ebenso große mechanische Wirkung ausüben. Durch Theilen dieser Zahl mit 425 erhalten wir die Anzahl Wärmeeinheiten, welche diese Bewegungsgröße erzeugt, es find 146,674. Da die Wärmekapazität der Erde nur ein Viertel von der des Wassers ist, das heißt, da dieselbe Wärmemenge 1 Kgr. Erde um 4 Grad erwärmt, so muß die Temperatur des Kilogramm Erde 586,596 Grad Celsius betragen, und da dieselbe Berechnung für jedes andre Kgr. Erde gleichfalls gilt, so würde die ganze Masse der Erde dieselbe Temperatur annehmen, wenn ihre Umlaufsbewegung plötzlich gehemmt würde. Den Wärmeeffekt aus der gehemmten Arendrehung- brauchen wir nicht erst zu berechnen; der Athem stockt uns vor Grausen beim Gedanken an eine Hize, wie sie die wahnglühendste Phantafie eines mittelalterlichen Mönches für seine geliebte Hölle nicht zu ersinnen wagte. Sollten wir einst ein solches Ereigniß erleben und wir nach geschehener ungeheurer Explosion unsre dissoziirten Atome auf dem Neptun wiederfinden, so wünschten wir die unsres erdhemmenden Bruders doch auf dem Sirius zu wissen, damit wir nach erneuter immer höherer Organisirung unsrer Atome nicht zum zweiten mal durch solchen Rückschlag bedroht, die ganze Plackerei wieder umsonst gethan hätten! R.-L. Kunst und Revolution. Von W. H. Eine wunderbare Schrift erschien im Jahre 1850 unter vorstehendem Titel. Der Verfasser ist der berühmte Tondichter Richard Wagner. Aus seinem Leben sei hervorgehoben, daß er im Jahre 1849 an dem Maiaufstande in Dresden sich betheiligte und nach Niederwerfung desselben durch preußische Soldaten in die Schweiz flüchtete. Nach der Amnestie im Jahre sich nach München, wo er zum Generalintendanten der königlichen Schauspiele ernannt wurde, und von dort nach Bayreuth, woselbst er ein Nationaltheater erbauen ließ. Seinen höchsten Triumph feierte er im Jahre 1876, als er in dem eben vollendeten Theater seine Riesenschöpfung:„ Der Ring der Nibelungen" zur Aufführung brachte. Ehe wir näher auf den Inhalt der weniger vergessenen, als mit Absicht dem Publikum vorenthaltenen Schrift eingehen, sollen hier einige Säße aus derselben Platz finden, die zeigen, wie sehr der große Künstler ein Verständniß für das gesammte Volkswesen hatte, wieviel ihm an der Mithülfe der Gesammtheit gelegen war. Nachdem Wagner die große Aufgabe, die ungemeine Wichtigkeit angedeutet hat, die der Kunst in Bezug auf die soziale Bewegung zufällt, fährt er fort: Mehr und besser als eine gealterte, durch den Geist der Deffentlichkeit verleugnete Religion, wirkungsvoller und ergreifender, als eine unfähige, lange an sich irre gewordene Staatsweisheit, kann die ewig jugendliche Kunst, die sich immer aus sich und dem edelsten Geiste der Zeit zu erfrischen vermag, dem leicht an wilde Klippen und in seichte Flächen abweichenden Strome leidenschaftlicher sozialer Bewegung ein schönes und hohes Ziel zuweisen, das Ziel edler Menschlichkeit." Wagner ruft nun den Freunden der Kunst, dann den redlichen Staatsmännern zu, obige Worte zu beherzigen, und wendet sich dann in rührender, aber energischer Weise an das gesammte Volk, vorzüglich an das arbeitende Volk: Ihr leidenden Mitbrüder jedes Theiles der menschlichen Gesellschaft, die ihr in heißem Grollen darüber brütet, wie ihr aus Sklaven des Geldes zu freien Menschen werden möchtet, begreift unsere Aufgabe und helft uns die Kunst zu ihrer Würde zu erheben, damit wir euch zeigen können, wie ihr das Handwerk zur Kunst, den Knecht der Industrie zum schönen, selbstbewußten Menschen erhebet, der der Natur, der Sonne und den Sternen, dem Tode und der Ewigkeit mit verständnißvollem Lächeln zuruft: auch ihr seid mein und ich bin euer Herr!" Aus diesen Worten des genialen Meisters strömt voll und ganz die hoffnungsfreudige Menschenliebe hervor, welche eine glückliche, durch die wahre Kunst getragene Zukunft dem Menschengeschlecht in sichere Aussicht stellt, wenn nur das Volk selbst seine Mithülfe nicht versagt. Und daß dies nicht geschieht, davon haben wir nach dem großartigen Aufschwunge, den das Volksleben in den letzten fünfzehn Jahren besonders in Deutschland genommen hat, die festeste Ueberzeugung. Nach einer kurzen Einleitung, in welcher Wagner alle diejenigen Künstler" bemitleidet, welche sich vor revolutionären Zuckungen des geschädigten Broterwerbs wegen fürchten und die deshalb jegliche Revolution hassen, führt er uns in die Blüthezeit der griechischen Kunst. Apollon, den Nationalgott der Griechen, zeigt 599 er uns als den Vollstrecker von Zeus Willen, nicht als„ weich| lichen Musentänzer", wie ihn die üppige Bildhauerkunst der Nachwelt meist überliefert hat; und Apollon, der höchste Ausdruck der mit Kraft gepaarten Schönheit, begeistert den Dichter, das höchste Kunstwerk, das Drama, hervorzubringen. " Die Thaten der Götter und Menschen, ihre Leiden, ihre Wonnen, wie sie ernst und heiter als ewiger Rhythmus, als ewige Harmonie aller Bewegung, alles Daseins in dem hohen Wesen Apollons verkündet lagen; hier wurden sie wirklich und wahr; denn alles, was sich in ihnen bewegte und lebte, hier fand es seinen vollendetsten Ausdruck, wo Auge und Ohr, wo Geist und Herz lebendig und wirklich alles erfaßten und vernahmen, alles leiblich und geistig wirklich sahen, was die Einbildung sich nicht mehr nur vorzustellen brauchte. Solch' ein Tragödientag war ein Gottesfest, denn hier sprach der Gott sich deutlich und vernehmbar aus: der Dichter war sein hoher Priester, der wirklich und leibhaftig in seinem Kunstwerk darinnen stand, die Reigen der Tänzer führte, die Stimme zum Chor erhob und in tönenden Worten die Sprüche göttlichen Wissens verkündete." In dieser anschaulichen und lebendigen Weise führt uns Wagner das griechische Kunstwerk vor, und das war das griechische Volt selbst in seiner höchsten Wahrheit und Schönheit. In der In der Tragödie fand sich der Grieche selbst wieder und zwar das edelste Theil seines Wesens, vereinigt mit den edelsten Theilen des Gesammtwesens, der ganzen Nation. So feierte die Kunst ihren höchsten Triumph; sie erfaßte den ganzen Menschen, sie erfaßte die ganze Gesellschaft. Doch nein! Da lauert ja grade der Kunst das höchste Verderben. Nicht die ganze Gesellschaft wurde von der Kunst erfaßt, sondern nur die freien Griechen, die die Sklaven zur Arbeit benuzten. In Bezug hierauf sagt Wagner: Dieser Sklave ist nun die verhängnißvolle Angel alles Weltgeschickes geworden. Der Sklave hat durch sein bloßes als nothwendig erachtetes Dasein als Sklave, die Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller Schönheit und Stärke des griechischen Sonder menschenthums aufgedeckt, und für alle Zeiten nachgewiesen, daß Schönheit und Stärke, als Grundzüge des öffentlichen Lebens nur dann beglückende Dauer haben können, wenn sie allen Menschen zu eigen sind." Wagner dehnt nun diesen Gedanken bis auf die Jeztzeit aus und schleudert der Menschheit folgende furchtbare, aber gerechte Anklage entgegen: „ Leider aber ist es bis jetzt nur bei diesem Nachweis geblieben. In Wahrheit bewährt sich die jahrtausende lange Revolution des Menschenthums fast nur im Geiste der Reaktion: sie hat den schönen freien Menschen zu sich, zum Sklaventhum herabgezogen; der Stlave ist nicht frei, sondern der Freie ist Sklave geworden." Zurückgreifend auf das Alterthum, schildert Wagner das Verhältniß der freien Griechen zum Sklaventhum in folgender, wahrhaft klassischen Weise: " Dem Griechen galt nur der schöne und starke Mensch frei, und dieser Mensch war eben nur er: was außerhalb dieses griechischen Menschen, des Apollonpriesters lag, war ihm Barbar, und wenn er sich seiner bediente- Sklave. Sehr richtig war auch der Nichtgrieche in Wirklichkeit Barbar und Sklave, aber er war Mensch, und sein Barbarenthum, sein Sklaventhum war nicht seine Natur, sondern sein Schicksal, die Sünde der Geschichte an seiner Natur, wie es heutzutage die Sünde der Gesellschaft und Civilisation ist, daß aus den gesündeſten Völkern im gesündesten Klima Elende und Krüppel geworden sind. Diese Sünde der Geschichte sollte sich aber an den freien Griechen selbst gar bald ausüben: wo das Gewissen der absoluten Menschenliebe in den Nationen nicht lebte, brauchte der Barbar den Griechen nur zu unterjochen, so war es mit seiner Freiheit auch um seine Stärke, seine Schönheit gethan, und in tiefer Zerknirschung sollten zweihundert millionen im römischen Reiche wüst durcheinander geworfener Menschen gar bald empfinden, daß sobald alle Menschen nicht frei und glücklich sein können alle Menschen gleich Sklave und elend sein müßten." Mit der Auflösung des athenischen Staates hängt auch der Verfall der Tragödie, des eigentlichen dramatischen Kunstwerks zusammen. Ebenso wie sich der Gemeingeist in tausend Richtungen zersplitterte, löste sich auch das große Gesammtkunstwerk der Tragödie in einzelne Kunstbestandtheile auf:„ auf den Trümmern der Tragödie weinte in tollem Lachen der Komödiendichter Aristophanes, und aller Kunsttrieb stodte endlich vor dem ernsten Sinne der Philosophie, welche über die Ursache der Vergänglichkeit des menschlichen Schönen und Starken nachdachte." " Der Philosophie, und nicht der Kunst, gehören die zwei Jahrtausende an, die seit dem Untergange der griechischen Tragödie bis auf unsere Tage verflossen. Wohl sandte die Kunst ab und zu ihre blizenden Strahlen in die Nacht des unbefriedigten Denkens, des grübelnden Wahnsinns der Menschlichkeit; doch dies waren nur die Schmerzens- und Freudensausrufe des Einzelnen, der aus dem Wuste der Allgemeinheit sich rettete und als ein aus weiter Fremde glücklich Verirrter zu dem einsam rieselnden kastalischen Quell gelangte, an dem er seine durstigen Lippen labte, ohne der Welt den erfrischenden Trank reichen zu dürfen; oder es war die Kunst, die irgend einem jener Begriffe, ja Einbildungen, diente, welche die leidende Menschheit bald gelinder, bald herber drückten, und die Freiheit des Einzelnen wie der Allgemeinheit in Fesseln schlugen, nie aber war sie der freie Ausdruck einer freien Allgemeinheit selbst: denn die wahre Kunst ist höchste Freiheit und nur die höchste Freiheit kann sie aus sich fundgeben, kein Befehl, keine Verordnung, kurz kein außerkünstlerischer Zweck kann sie entstehen lassen." Der römischen Kunst, die ja mehr oder weniger ein Ausfluß der griechischen Kunst ist, widmet Wagner nur wenige Zeilen. Nicht Sänger des heiligen Chorus find es, welche die römischen Großen erbauen und belehren, sondern wilde Bestien und Gladiatoren müssen sich, um das Auge zu ergößen, zerfleischen und mit ihrem Todesröcheln das Ohr vergnügen. Die brutalen Weltbesieger behagten sich nur in der positivsten Realität. In den Augen der römischen Imperatoren waren alle andern Menschen Sklaven; nur die manchmal ungehorsamen Prätorianer erinnerten den Imperator hin und wieder, daß auch er eigentlich nur der Sklave seiner Soldaten sei. " Dieses gegenseitig und allseitig so klar und unleugbar bezeugende Sklaventhum," sagt Wagner nun, verlangte, wie alles allgemeine in der Welt, nach einem sich bezeichnenden Ausdrucke. Die offenkundige Erniedrigung und Ehrlosigkeit aller, das Bewußtsein des gänzlichen Verlustes aller Menschenwürde, der endlich nothwendig eintretende Ekel vor den einzig ihnen übrig gebliebenen materiellsten Genüssen, die tiefe Verachtung alles eignen Thun und Treibens, aus dem mit der Freiheit längst aller Geist und künstlerische Trieb entwichen, diese jämmerliche Existenz ohne wirklichen thaterfüllten Lebens konnte aber auch nur einen Ausdruck finden, der, wenn auch allerdings allgemein, wie der Bustand selbst, doch der gradeste Gegensatz der Kunst sein mußte. Die Kunst ist Freude an sich, am Dasein, an der Allgemeinheit; der Zustand jener Zeit am Ende der römischen Weltherrschaft war dagegen Selbstverachtung, Ekel vor dem Dasein, Grauen vor der Allgemeinheit. Also nicht die Kunst konnte der Ausdruck dieses Zustandes sein, sondern das Christenthum." Nachdem nun Wagner in höchst trefflicher Weise zunächst im allgemeinen über das Christenthum moralisirt und dann das Verhältniß des heuchlerischen christlichen Mittelalters zur wahren Kunst recht drastisch dem Leser vorgeführt hat, kommt er zu nachstehender Folgerung: " Konnte nun aber die Kunst da wirklich und wahrhaftig vorhanden sein, wo sie nicht als Ausdruck einer freien, selbstbewußten Allgemeinheit aus dem Leben selbst emporblühte, sondern von den Mächten, welche eben diese Allgemeinheit an ihrer freien Selbstentwicklung hinderten, in Dienst genommen und deshalb auch nur willkürlich aus fremden Zonen verpflanzt werden konnte? Gewiß nicht: Und doch werden wir sehen, daß die Kunst, statt sich von immerhin respektablen Herren, wie die geistige Kirche und geistreiche Fürsten es waren, zu befreien, einer viel schlimmeren Herrin mit Haut und Haar sich verkaufte: der Industrie." Nun schildert Wagner die Geschäftigkeit des Gottes Merkur, des Patrons der Kaufleute und Spizbuben, in ungemein anregender Weise. Der stolze Römer hatte diesen Gott immer nur als ein nothwendiges Uebel angesehen. Aber-„ dieser verachtete Gott rächte sich an den hochmüthigen Römern und warf sich statt ihrer zum Herrn der Welt auf: denn krönet sein Haupt mit dem Heiligenscheine christlicher Heuchelei, schmückt seine Brust mit dem seelenlosen Abzeichen abgestorbener, feudalistischer Ritterorden, so habt ihr ihn, den Gott der modernen Welt, den heilig= hochadligen Gott der fünf Prozent, den Gebieter und Festordner Kunst. Leibhaftig seht ihr ihn in einem unsrer heutigen bigotten englischen Banquier, dessen Tochter einen ruinirten Ritter vom Hosenbandorden heirathete, vor euch, wenn er sich von den ersten Sängern der italienischen Oper lieber noch in seinem Salon, als im Theater( jedoch auch hier um keinen Preis am heiligen Sonntage) vorsingen läßt, weil er den Ruhm hat, sie hier noch theurer bezahlen zu müssen, als dort. Das ist Merkur und seine gelehrige Dienerin, die moderne Kunst." 11 Und weiter schildert der große Künstler die gegenwärtige Kunst" mit schneidender Schärfe: " Das ist die Kunst, wie sie jetzt die ganze zivilisirte Welt erfüllt! Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten. Aus dem Herzen unsrer modernen Gesellschaft, aus dem Mittelpunkte ihrer freisförmigen Bewegung: der Spekulation im großen, saugt unsere Kunst ihren Lebenssaft, erborgt sich eine herzlose Anmuth aus den leblosen Ueberresten mittelalterlich ritterlicher Konvention, und läßt sich von da 600 mit scheinbarer Christlichkeit auch das Schärflein der Armen nicht verschmähend zu den Tiefen des Proletariats herab, entnervend, entsittlichend überall, wohin sich das Gift ihres Lebenssaftes ergießt." Als Resultat des Vergleichs der modernen mit der griechischen Schauspielkunst erhalten wir von Wagner folgenden trefflichen Sazz, der auch den Schlußsaz unseres heutigen Artikels bilden soll: " Wo der griechische Künstler, außer durch seinen eigenen Genuß am Kunstwerke, durch den Erfolg und die öffentliche Zustimmung belohnt wurde, wird der moderne Künstler gehalten und bezahlt. Und so gelangen wir denn dahin, den wesentlichen Unterschied fest und scharf zu bezeichnen, nämlich: die griechische öffentliche Kunst war eben Kunst, die unsrige künstlerisches Handwerk." ( Fortsetzung folgt.) Moderne Gattinnen. Skizze aus der Gesellschaft. Von M. Kautsky. Wer die Umgebung Wiens kennt, der weiß auch, was für herrliche Thäler, schöne Waldgebirge, reizend gelegene Ortschaften da zu finden sind. Reine Luft, süße Ruhe, malerische Partien, alles, was so ein geplagtes Menschenkind, das sich den Tag über mit wiener Straßenaroma gesättigt, sich müde gearbeitet und geschaut, nun braucht, um seine Glieder, seine Lunge und seine Augen wieder für die morgen sich erneuernden Plagen ein wenig zu stärken. = Freilich gibt es solcher Feierabend- Erholungswinkel schon eine halbe Meile vor der Stadt, aber da Madame es vorzog, zwei Meilen weit ihren Landaufenthalt zu nehmen, da sie die Gebirgsluft so nervenstärkend, die Gesellschaft hier ausgesuchter findet, so ist es auch Monsieur plausibel gemacht worden, daß morgens und abends eine halbe Stunde Fahrt mit der Bahn, und eine ganze mit dem Stellwagen, zu den nothwendigen, gesundheitentsprechenden Bewegungen eines verheiratheten Mannes gehöre, der überdies Neigung zu einem leichten Embonpoint verrathe, eine Neigung, die Madame bei einem dreißigjährigen Manne höchst unanständig fand. Und so saß denn auch heute, wie alle Nachmittage, Heinrich Bruno, Doktor der Rechte, im Innern des sich langsam durch den Staub wälzenden Ungeheuers, Stellwagen genannt, und ließ sich, sehnsüchtige Erwartung im Herzen, einen Westphälerschinken und einige Schachteln Bonbons in einer großen Tasche mit sich führend, seiner lieblichen Villa zurütteln. Doktor Bruno gehörte ohne Zweifel zu denen, die ein reiches Gemüth, ein gutes Herz besitzen, deren lebhafte Phantasie immer zum Dolmetsch ihrer Wünsche wird, und deshalb nur das Angenehmste ihnen vorzaubert, das sie die bösen Launen der Gegenwart oft genug übersehen läßt. Saß er doch jetzt eingepfercht zwischen zwei dicken Frauen, die Freundinnen zu sein schienen, benn sie tauschten die intimsten Bekenntnisse so über ihn hinweg aus; als er aber mit der artigsten Bereitwilligkeit seine, die Konversation hindernde Persönlichkeit aus ihrer Mitte entfernen wollte, und um den Edsiz bat, wurde dieses Ansinnen mit dem, allerdings sehr motivirten Ausspruch:" Der Platz in der Mitte ist der schlechteste, wir sind selbst froh, daß wir beim Fenster sißen," zurückgewiesen. Weit entfernt, darüber ärgerlich zu werden, ließ er das Kreuzfeuer ihrer Beredtsamkeit ruhig über sich hinstreifen, schloß die Augen und dachte an die Süßigkeiten des Heims, an sein junges Weibchen, sein kleines Bübchen, an die angenehme Frische und Kühle seines Gartens, die ihn nach diesem unfreiwilligen Schwigbade doppelt laben würde. Einmal zuhause, wollte er sich schon entschädigen, sich's recht fommode machen, und, sanguinisch wie er war, erlaubte er sich sogar, an die, freilich von seiner Gattin verpönten Freuden eines Schlafrocks und gestickter Pantoffeln zu denken. Ja, seine einmal entfesselte Phantasie gefiel sich, ihm die Wonnen eines Tschibuks, mit den sich sanft fräuselnden, allmählich verduftenden Rauchringen, und die Stärkungen eines frisch schäumenden Bieres ahnen zu lassen. Er sah sein Luischen an seiner Seite, das zärtlich zu ihm aufjah, ihm leuchtenden Auges von ihren mütterlichen Freuden erzählte, und endlich den kleinen, fünf Monate alten Sprossen selber brachte, dem der überglückliche Vater, der die Prinzipien der Abhärtung und Kräftigung bei seinem Sohne frühzeitig anwenden wollte, einige Tropfen Bier einflößte. Aber Träume, Schäume! Auch die Idylle, die der Doktor in der sonnigsten Beleuchtung komponirte, zerstob in nichts nach einem vehementen Stoße des Wagens, der ihn mit seinen Nach Die Wirklichkeit barinnen in allzu fühlbare Berührung brachte. trat wieder in ihre Rechte, und der arme Bruno fonnte sich über die Hize, den Staub, das alberne Geplapper seiner Mitpassagiere und die Zerschlagenheit seiner Glieder keinen weiteren Illusionen hingeben. Da, endlich war das Ziel erreicht, der Wagen hielt, er stieg aus und war in weniger als fünf Minuten in dem geträumten Eldorado seiner Häuslichkeit. Ein heftiges Kindergeschrei empfing ihn, aus dem er mit Befriedigung die gesunde Lunge seines Erben konstatirte; er trat mit der lächelndsten Miene in das Kinderzimmer, wo er die Köchin, das Faktotum des Hauses, in vollster Arbeit fand, seinem Hugo mit einem dicken Brei den Mund zu stopfen, welches Geschäft sie mit unerbittlicher Konsequenz, froß aller Widerstandsversuche des Kleinen, fortsette. " Johanna," rief der über dieses Gebahren geängstigte Vater, ,, was machen Sie mit dem Kinde? Sehen Sie denn nicht, daß es die zähe Masse nicht hinunterwürgen fann? Wo ist seine Amme?" „ Ach, gnädiger Herr, gut, daß Sie fommen," sagte Johanna, den Löffel etwas erzürnt beiseite werfend und aus Hugos Gesichtchen die reichlichen Ueberreste des Mahles wischend.„ Ich weiß nicht mehr, was ich mit dem kleinen Eigensinn anfangen soll. Bitte, nehmen Sie ihn einen Augenblick, vielleicht können Sie ihn beruhigen. Die gnädige Frau war gezwungen, die Amme fortzuschicken, weil diese plötzlich frank geworden ist und nach Hause verlangte; jetzt soll ich den Buben füttern, aber er ist so boshaft und will just nichts nehmen." " Wo ist meine Frau?" " Sie hat einen Ausflug gemacht." " So!" „ Mein Gott, die Gnädige wollte anfänglich nicht. Als die Frau von Schwarz herüberfam, sie abzuholen, sagte sie entschieden, Nein!'; dann kamen aber auch der Herr Baron und der Herr Lieutenant, und sie baten solange, bis sie mitging." Ein zweites noch gedehnteres ,, So!" entfuhr den Lippen des etwas enttäuschten Gemals. " Die gnädige Frau hat gesagt, Sie möchten nur nachkommen," fahr die diplomatische Köchin, die ihrer Herrin sehr ergeben schien, in der determinirtesten Weise fort;„ die Herrschaften werden im Rückweg den Wald bei der Mühle passiren, da können Sie die gnädige Frau garnicht verfehlen." " Johanna, bringen Sie mir meine Pantoffeln und meinen Schlafrock." „ Aber gnädiger Herr-" " Keine Bemerkungen, Johanna." Diese ging, etwas vor sich hinbrummend, nachdem sie den Hugo in die Arme seines Papas gelegt, der nun versuchte, seiner Aufgabe als Kindsmädchen so gut wie möglich gerecht zu werden. Er trug das Bübchen hinaus in den Garten, er schaukelte es, er sprach zu ihm, er machte ihm allerlei spaßiges Zeug vor, und der kleine Schreier vergaß aus Verwunderung über diese veränderte Erziehungsmethode seine momentanen Leiden und lachte, augenscheinlich mit seinem Papa sehr zufrieden. In der Laube standen bequeme Rohrstühle, da wollte er sich mit seiner kleinen Fracht vor Anker legen, denn er fühlte sich nachgrade sehr ermüdet; aber als er dahin kam, fand er daselbst Linchen, das Stubenmädchen, und vor ihr und neben ihr auf allen Stühlen ausgebreitet, die Bestandtheile eines lichten, feinen Linonkleides mit seinem massenhaften Aufputz von Volants, Spitzen und Bändern, die sie eben zu einem Ganzen zu vereinen bestrebt war. Da war auch nicht ein Plätzchen leer, und Linchen schien nicht gewillt, etwas von dem eroberten Terrain abzutreten. Der Doktor runzelte die Stirne." Packen Sie den Blunder zusammen und machen Sie ihn anderswo fertig, wo es Ihnen beliebt," sagte er etwas heftigen Tones, und als sie diesem Befehl nicht schnell genug Folge leistete, gab er ihr das Kind und machte sich nun selbst daran, mit der größten Rücksichtslosigkeit auf die Kostbarkeit und auf die Delikatesse des Stoffes, die verstreuten Theile auf einen Knäuel zusammenzuraffen. Das Mädchen sagte kein Wort, aber ihr flehentlicher Blick wandte sich hülfesuchend an die eben daherkommende Johanna, die, ein Deus ex machina immer zur rechten Zeit erschien, um die Rechte ihrer Gebieterin gegen vermeintliche Uebergriffe des Herrn in Schutz zu nehmen. Sie hatte mit einem Blick den Thatbestand aufgenommen, den eigentlich Schuldigen herausgefunden. Sie lächelte: " Gnädiger Herr, ich bitte um Entschuldigung, aber ich kann unmöglich das Gewünschte bringen, Schlafrock und Pantoffeln sind im Garderobekasten und die gnädige Frau hat die Schlüssel abgezogen." " Was sehe ich, Linchen?" wandte sie sich an diese mit dem bestgespielten Erstaunen. Sie machen Sich wieder mit dem Kinde zu schaffen, sind Sie dazu da? Aber das ist so ihre Art und Weise, immer faul zum arbeiten, immer bereit, die kostbare Zeit mit Spielerei und Tändelei zu vergeuden. Wissen Sie nicht, daß die gnädige Frau das Kleid bis übermorgen fertig haben muß, oder glauben Sie, sie geht vielleicht zweimal auf ein Kränzchen mit derselben Robe? Und ich bitte, gnädiger Herr, da schauen Sie nur her, wie diese dumme Person mit dem tost baren Zeug umgeht, da liegt alles auf einem Haufen, und diese Spizen tosten allein, Gott verzeih' mir's, 400 Gulden. Und diese prachtvollen Bänder! Ach, es ist eine Todsünde, da liegt die Hälfte am Boden. Gehen Sie nicht vom Plage, bis Sie nicht die Spigen und Bänder an den Rock geheftet, die gnädige Frau hat es so befohlen." Bruno hörte nicht weiter, das Kind fing wieder an zu schreien, und er stürzte mit einer Hast aus dem Hause, als würde er von den Furien gejagt. Sein Aerger machte sich in einzelnen Ausrufungen Luft. Er war zornig auf seine Frau, auf sein ganzes Hauswesen, seine Empfindung war eine durchweg unbehagliche. Bald aber wurde er ruhiger; die Schönheit der Natur, die ihn umgebende Stille stimmten ihn versöhnlich. Er schritt einen sanft ansteigenden Hohlweg hinan, dessen Wände mit dem üppigsten Gras bewachsen und hie und da mit einer hübschen Baumpartie ausgestattet waren. Die Luft war so milde, die wechselnden Lichteffekte erfreuten das Auge in der angenehmsten Weise, er wurde heiterer und gelangte zu dem Schlusse, daß er daraus, daß er nicht alles so gefunden, wie er erwartet, doch eigentlich niemand einen Vorwurf machen könne. Durfte er es seiner Frau verargen, daß sie häufig an schönen Nachmittagen durch einen weiteren Spazirgang sich vergnügte; war sie nicht heute überdies überredet worden? Mußte man es nicht ihrer Jugendlichkeit zugute halten, wenn sie ihre Pflichten als Mutter noch nicht recht begriff, und da durfte er sich billiger weise über seine Domestiquen beklagen, die ja die treueste Pflicht erfüllung zeigten? Freilich konnte er sich nicht verhehlen, daß die so bedeutenden Ausgaben seines Haushaltes in letzter Zeit seine Einkünfte zu übersteigen drohten, aber fonnte er seiner Luise einen Wunsch versagen? Nichts erfreut den Liebenden so sehr, als sein Mebstes zu schmücken, und Luise war so schön! Ein Mann kam hinter ihm her und unterbrach seinen Gedankengang. Sie begrüßten sich, sie hatten vor einigen Tagen den weiten Weg von der Bahnstation bis hierher im schlechtesten Wetter zu Fuß gemacht, da sie den Stellwagen versäumt und kein anderes Fuhr 601 | werk aufzutreiben war. Sie hatten damals beide des Schicksals Fücke humoristisch aufgefaßt, den Weg über soviel gelacht und gegenseitig soviel Gefallen aneinander gefunden, daß sie in der That erfreut waren, wieder zusammenzutreffen. Es stellte sich heraus, daß sie auch heute ein gutes Stück mit einander gehen konnten, ohne von ihrem Ziele abzuweichen. Der Neuankommende, ein junger Mann, beiläufig in Bruno's Alter, stellte sich diesem als der Landschaftsmaler Walter vor, der hier auf einer kleinen Besitzung beständigen Aufenthalt mit seiner Familie genommen. Er war von auffallender Schönheit und dem kräftigsten Wuchse, und besaß jene Leichtigkeit und Ungezwungenheit im Umgange, die meist nur bei Aristokraten oder Künstlern zu finden ist. Seine Kleidung, leicht und bequem, schien nicht von der herrschenden Mode diftirt, stand ihm aber ausgezeichnet gut. Er schritt leicht und elastisch einher, wie man nur bei ganz gesundem Körper und fröhlichem Muthe zu thun pflegt, so daß der ohnedies schon ermüdete Bruno lächelnd eingestand, daß er bei diesem Rennen nicht mitthun könne. Sogleich nahm Walter ein gemäßigtes Tempo an, bot dem Doktor eine Cigarre, die dieser dankend annahm, worauf die beiden rauchend und plaudernd langsam dahinschlenderten. „ Mein Haus ist kaum zweihundert Schritte von der Mühle entfernt und doch haben Sie's noch nicht entdeckt," sagte der Maler lachend. Ja, ich halte mein Nestchen gut verborgen. Wald- und Gartenanlagen sind die natürlichen Mauern, die mein himmlisches Reich vor den Augen der Ungebetenen verbergen; aber wenn Sie mir erlauben, will ich Ihnen heute den geheimnißvoll gewundenen Pfad zeigen, Sie würden mir und meiner Frau mit Ihrem Besuch eine rechte Freude machen. Mein Haus ist schön," fuhr er nach der artigen Erwiderung Bruno's mit einigem Stolze fort, zu luxuriös vielleicht für einen armen, unbedeutenden Künstler, wie ich bin, aber es ist ja meine ganze Welt, es ist der Tempel meines Glückes geworden, und dann habe ich es ja für meine liebe Frau, mit ihr geschaffen. Meine Marie hat mit der emsigsten Sorge mit mancher Entbehrung kämpfend, erst daran gearbeitet, alles behaglich und wohnlich zu machen, und dann in den Forderungen weitergehend, immer wieder einen neuen Gegenstand der Kunst oder des Geschmacks darin aufgestellt. Wir sind jetzt aber auch in der besten Gesellschaft, nun, Sie werden sehen. Wie glücklich wirkt diese feine Harmonie im Arrangement des uns stets Umgebenden, diese Zusammenstellung des Würdigsten und Edelsten, was die Menschheit durch Jahrtausende geschaffen, sei es auch nur in gelungenen Kopien, auf die ästhetische Bildung eines Weibes! Wie wird dadurch ihr Geschmack veredelt, verfeinert; sie kennt das Schönste, wie könnte sie jemals am Unschönen wieder Gefallen finden? Und daß sie mitgeholfen hat, alle diese Schäße zu erwerben und zusammenzutragen, daß sie mithilft sie zu erhalten und zu mehren, macht ihr diese so unendlich theuer. Sie pflegt und reinigt nun alles selbst, weil sie es zu hoch achtet, um eine ungeschickte Hand damit in Berührung zu bringen, sie gewöhnt sich an diesen zarten Duft von Eleganz und ausgesuchter Ordnung und findet es endlich nur mehr in ihrem Hause behaglich und schön." So sprechend hatte Walter einen Seitenweg eingeschlagen, und bat Bruno, ihm zu folgen. Ich werde Sie jetzt durch meinen Küchengarten führen, wir schneiden da ein gutes Stück ab und kommen eher zur Mühle," sagte er. Bruno war erstaunt über diese großartigen Anlagen, die sie nun durchschritten, er hatte sie schon einmal im Vorbeigehen bewundert. Alle Sorten Gemüse fanden sich da, alle von ungewöhnlicher Schönheit. Da war auch nicht ein Blatt zerfressen oder krank, die Beete waren nach ornamentalen Zeichnungen angelegt, und das Angebaute harmo nirte immer so gut in Farbe und Gestalt, daß über diese sinnreiche Ordnung jedes Auge entzückt sein mußte. Mehrere Arbeiter waren hier beschäftigt, die freundlich grüßten. Walter richtete einige Fragen an sie und ging dann weiter.„ Es gefällt Ihnen, nicht wahr?" sagte er zu dem in lauter Anerkennung begriffenen Bruno, aber ich kann dieses Lob nicht einheimsen, es gebührt meiner Frau. Sie hat vor zwei Jahren diesen Grund mittelst ihrer Ersparnisse an sich gebracht, sie hat den Boden zu dem gegenwärtigen Ertrage tauglich gemacht, von ihr ist die Zeichnung, die Vertheilung der Beete und der Gemüsearten. Den ganzen vorigen Sommer hat sie sich's sehr angelegen sein lassen, ist selbst beinahe den ganzen Tag heraußen gewesen, hat alles selbst beaufsichtigt und geleitet, so daß wir schon gleich das erste Jahr einen ziemlichen Gewinn davon hatten. Heuer ist es viel leichter, wir haben immer dieselben Arbeiter, die sich nun schon an die äußerste Akkuratesse gewöhnt haben, sie werden gut bezahlt, und meine Frau hat sehr geschickt ihren Ehrgeiz zu wecken gewußt, so daß sie mit Stolz ihre Arbeit als eine Art Kunstwerk zu betrachten anfangen." " Und auf welche Art verwerthen Sie diese Erzeugnisse?" fragte Bruno. Unsern Hausbedarf abgerechnet, wird das alles nach Wien in die ersten Hotels geliefert und sehr gut bezahlt." ,, Und diesen praktischen Blick, dieses Verständniß für Bodenfultur sollte eine Frau besißen?" fragte Bruno beinahe verwirrt. " Ich gewiß nicht," erwiderte Walter lachend, ich bin entweder in meinem Atelier beschäftigt, oder ich treibe mich im Gebirge herum, um nach der Natur zu malen, und abends muß ich dann mit meinem Töchterlein spielen oder mit meiner Frau musi ziren, oder andern Unsinn treiben, als Landwirth bin ich eine Null." Sie waren unter diesen Gesprächen auf einen Punkt gekommen, von wo man eine reizende Aussicht auf das einem Garten gleichende Thal genoß, das sich gegen Westen etwas öffnete und einen Blick in weite Ferne gestattete, die jetzt im leichten Nebel schwimmend in das Unendliche sich zu erstrecken schien, während die naheliegenden Partien unter den Gluthen der tiefstehenden Sonne ungemein kräftig hervortraten. ,, wie schön!" rief unwillkürlich der Doktor. Hier möchte ich ruhen, um Leib und Seele zu stärken." Ihnen kann geholfen werden," sagte Walter, und deutete mit der Hand auf eine Bank, die unweit unter einer breitästigen Linde stand. " Nehmen Sie Play, ruhen Sie ein wenig aus und gestatten Sie mir, daß ich Ihnen dabei Gesellschaft leiste." Bruno zögerte; seine müden Glieder bedurften der Ruhe, aber er sprach die Befürchtung aus, er könne seine Frau, die ihn gebeten, ihr entgegen zu gehen, leicht verfehlen, wenn er hier, so weit entfernt von dem gewöhnlichen Fußsteig, verweile. Walter beruhigte ihn damit, daß man von dieser Stelle aus jeden aus dem Walde Kommenden erblicken könne und eine Gesellschaft von mehreren Personen schon durch ihr Sprechen die Aufmerksamkeit dahin ziehen würde. Bruno widerstand nicht länger und ließ sich mit einer Art 602 | Wonne auf dem breiten, bequemen Siz nieder.„ Ach, prächtig, reizend!" rief er wiederholt, ich meine, das müßte Ihr Lieblingsplätzchen sein." " Nein, ich habe das meine näher beim Hause; meine Frau ließ diese Bank hier anbringen, weil sie des Morgens meist mit ihrem Töchterlein hierher kommt, um nachzusehen, und oft eine Stunde hier verweilt; auch sie findet die Aussicht überaus schön, und hat sie einmal gezeichnet." " Ihre Frau! Das muß ein ganz ungewöhnliches Wesen sein, ich finde mich nicht mehr zurecht; Sie haben mir in einer Viertelstunde außerordentliches von ihr erzählt, aber eigentlich Eigenschaften, die man von einer Frau garnicht zu verlangen berechtigt ist, weshalb ich sie mir auch nicht recht weiblich denken kann, nicht anschmiegend, nicht zart, zu selbstständig, zu rechthaberisch." „ Es liegt etwas Kräftiges, Tüchtiges in ihr," sagte Walter, und freudiger Stolz leuchtete bei diesen Worten aus seinen Augen. " Sie entwickelt eine rastlose Energie und eine zielbewußte Thätigkeit; sie hat allerdings ihre eigenen Meinungen und weiß sie zu vertheidigen, aber ich achte sie deshalb nur um so höher, und unser Zusammenleben gewinnt durch die geistige Gleichheit, die zwischen uns existirt und die das gegenseitige Fördern all' unsrer Sträfte und Fähigkeiten bewirkt, einen eigenthümlichen, belebenden Reiz." " Sie muß eine bewunderungswürdige Frau sein," bemerkte Bruno rasch und verbindlich, aber er schüttelte dabei, vielleicht ohne es zu wissen, recht bedenklich den Kopf.„ Eine Kunstkritikerin und selbst Künstlerin, dabei Landwirthin von Fach, die Dekonomie vom wissenschaftlichen Standpunkte erfassend. muß sehr ernst sein. Sie ist wohl älter als Sie?" " 1 Sie Walter brach in ein unbändiges Lachen aus. Ich wette, Ihre Phantasie gefällt sich darin, Ihnen in meiner Frau ein kleines Monstrum von einer alten, ewig keifenden Pedantin vorzumalen, jezt sind Sie es meiner Eitelkeit schuldig, uns baldigst zu besuchen, damit Sie von Ihrem abscheulichen Frrthum zurückkommen." " 1 Sie machen mich immer neugieriger," sagte Bruno;„ begehe ich eine große Indiskretion, wenn ich Sie bitte, mir diese interessante Dame und die Art und Weise, wie Sie ihr Herz gewonnen, eingehender zu schildern?" ( Fortsetzung folgt.) Die deutsche Zeitungsliteratur. I. Die Statistik, so bedeutende Fortschritte sie in den letzten Jahren auch gemacht hat, steckt doch noch derart in den Kinderschuhen, daß man sich bei den meisten Untersuchungen über die Verhältnisse weitverbreiteter oder allgemeiner Institute mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Schäßungen begnügen muß. Dies ist besonders auch der Fall, wenn man sich über den Stand der Presse, darüber ,,, was Deutschland druckt und liest", unterrichten will. Die vortrefflich redigirte Zeitung, der ,, Hamburgische Correspondent" hat es unternommen, verschiedene Daten in Bezug auf die Presse zu sammeln, und wir glauben es ihm sehr gern, wenn er behauptet, daß ihm dies große Mühe verursacht habe. Auch geht für uns bei näherer Betrachtung der betreffenden Daten hervor, daß die Wahrscheinlichkeitsberechnungen des Verfassers im wesentlichen annähernd richtig sind. Wenn die erscheinenden deutschen Zeitungen in Groß- Oktavformat gebunden würden, von jeder Zeitung natürlich nur ein Exemplar, wie viele Bücher gäbe das jährlich? Mindestens 50,000 Bände zu zwanzig Druckbogen. In Deutschland erscheinen heute annähernd 2400 politische und mehr als 1100 nichtpolitische( fachliche und belletristische) Journale. Täglich mehr als 1000 Druckbogen müssen die Redaktionen und Mitarbeiter der deutschen Zeitungen und Zeitschriften herstellen. Daß dabei mancher alte Kohl aufgewärmt und mit etwas frischer Brühe begossen wird, ist sehr natürlich, und daß ferner die kleineren Blätter, besonders die Lokalblätter ihren besserfituirten Schwestern mit der Scheere ganz unbarmherzig zu Leibe gehen, dies ist gleichfalls ganz natürlich und verzeihlich. Zu wünschen wäre nur, wenn derartige Operationen durchweg mit größerem Geschick gemacht würden. Man Man kann nämlich tausend gegen eins wetten, daß die meisten Lokalblattredakteure aus den größeren Zeitungen den werthloseren Theil ausschneiden und den besseren sißen lassen. Doch immerhin muß auch, wenigstens bei den hervorragenderen Zeitungen, bei Fachlättern und belletristischen Zeitschriften die Feder recht emsig gerührt werden, um die 1000 Drudbogen täglich herzustellen. Wir wollen nun die einzelnen Angaben uns etwas näher ansehen. Da sind zunächst die politischen Zeitungen: 40 mit zusammen 340,000 Abonnenten, die täglich zweimal und noch 520 500" " " 2,000,000 " 800,000 " 1 " 780 500 " " 730,000 400,000 " 1 " " " öfter erscheinen, die täglich( wöchentlich fünfbis siebenmal) erscheinen, die wöchentlich drei- und viermal erscheinen, wöchentlich zweimal, wöchentlich einmal. Zusammen also circa 2350 politische Zeitungen mit mehr als vier millionen Abonnenten. Der Zahl nach sind die ,, Wochenblätter", d. h. die nicht täglich, sondern wöchentlich ein- bis dreimal erscheinenden, vorwiegend( 1780), Tagesblätter in der Minderzahl( 560); dagegen sind letztere gelesener als erstere( 2,340,000 gegen 1,930,000 Abonnenten) und die Zahl der Abnehmer steht im genauen Verhältniß mit dem Erscheinen des Blattes. So entfallen auf jede Zeitung, die wöchentlich erscheint: . · •.. Zwölf und mehr als zwölfmal 8500 Abonnenten, fünf- bis siebenmal drei und viermal zweimal. einmal " 3840 1600 " 17 950 800 " " Die Höhe der Auflage variirt freilich außerordentlich über und unter diesen Mittelzahlen; die größte Auflage mit mehr als 30,000 hat die ,, Kölnische Zeitung"; zwischen 20 und 30,000 bewegen sich von den Tagesblättern die ,, Augsburger Zeitung", dann die ,, Münchener Neuesten Nachrichten"; von berliner Zeitungen die alte ,, Bossische", die ,, Bolkszeitung", die ,, Tribüne", das ,, Berliner Tagblatt"; dann die ,, Breslauer Morgenzeitung", die Dresdener Nachrichten", der in Oberndorf in Württemberg erscheinende Schwarzwälder Bote" und das stuttgarter Neue Tageblatt"; zwischen 10- und 20,000 Auflage zählen wir noch annähernd 30 Blätter, darunter drei sozialistische Zeitungen, der ,, Vorwärts", die„ Berliner freie Presse" und das Hamburg- Altonaer Volksblatt"; zwischen 5- und 10,000 Auflage beiläufig 70 Tagesblätter; zwischen 2000 und 5000 Auflage rund 150 Tageszeitungen; unter 2000 find aber nicht weniger als 300. Bei den Wochenblättern gibt es auch einige, die sich in die Zehntausend und mehr aufschwingen, namentlich katholische Wochenblätter, wie das Augsburger Wochenblatt für das christliche Volt"( 36,000 Abonnenten) ,,, Sankt Paulinus- Blatt in Trier 603 ( 15,000 Abonnenten) 2c., die größte Zahl bewegt sich aber unter 1000 und die Hälfte der Wochenblätter sogar unter 500 Abonnenten, nicht zu gedenken, daß einige sogar kaum das erste Hundert überschreiten. Die Existenz einer großen Anzahl von Zeitungen ist somit eine äußerst ärmliche, und je größer die Noth, desto dürftiger auch meistens der Inhalt, da schließlich in der gegenwärtigen Zeit nur mit Geld, wenigstens im allgemeinen, tüchtige Redaktions- und Mitarbeiterkräfte sich anwerben lassen. Jedes Städtchen, jeder Ort fast gefällt sich darin, ein eigenes Lokalorgan zu besigen, welches schließlich auch in der lokalen Kirchthurmpolitik versumpft. Anstatt, daß das größere, besser redigirte Provinzialblatt gelesen wird, greifen die Menschen zu dem unvermeidlichen Wurstblättchen des Heimathsorts, in welchem sie alles das lesen, was sie schon längst wissen. Daß ein solches Lesen sehr bequem ist wer möchte das leugnen? Will man aber um jeden Preis Lokalblätter lesen, muß man es theilweise der Anzeigen halber, so steht und besonders den ausgeprägten Parteiblättern doch nichts im Wege, daß sie in der Druckerei der betreffenden Provinzialzeitung hergestellt und ihnen zu dem übrigen allgemeinen Inhalt dieses Blattes die Lokalnotizen und die Anzeigen hinzugefügt werden. Durch solche Ergänzung würde dem viel gediegeneren Inhalt der größeren Zeitung eine bessere Verbreitung zutheil, der Leser würde weniger Schund vor die Augen bekommen und seine ihm so theure Kirchthurmpolitik würde auch noch eine genügende Berücksichtigung erhalten können. Wir bekommen nun im weiteren Verlaufe der Berechnungen Aufschluß über die Vertheilung der politischen Zeitungen auf die einzelnen Staaten in Deuschland. Bei dem Umstande, daß die politischen Zeitungen zumeist lokal konsumirt", d. h. dort gekauft werden, wo sie erscheinen, also die preußischen Zeitungen in Preußen, die bayerischen in Bayern, und der Austausch zwischen Land und Land sich so ziemlich die Wage halten wird, so ist es ganz gut möglich, die einzelnen Länder nach ihrer Zeitungskonsumtion zu betrachten. Es stößt uns da vor allem das Faktum auf, daß in den Ländern mit vorwiegend katholischer Bevölkerung bedeutend mehr gelesen wird, als in jenen, wo die- protestantische Bevölkerung vorherrscht, daß Süddeutschland mehr und gelesenere Blätter zählt, als Norddeutschland, wie aus der nachstehenden, auf Grund der angeführten Daten angestellten Berechnung hervorgeht, wobei nur zu bemerken ist, daß die hohe Zahl der Abonnenten bei den ,, freien Städten" sich nicht sowohl aus dem dort herrschenden Wohlstande, als auch daraus erklärt, daß nur ein kleines Landgebiet denselben zugehört, also die immer größere Leserzahl der Städte nicht durch das wenig lesende flache Land herabgedrückt wird, wie dies bei ganzen und besonders bei den größeren Ländergebieten der Fall ist. Es entfallen nämlich auf je 1000 Einwohner: In Bremen Hamburg " 1 " Lübeck ,, Sachsen- Altenburg " " Hessen- Darmstadt ,, Württemberg 322 Zeitungsabonnenten 280 " 240 " 150 . • " 140 " 138 " " " Bayern 136 " " 1 Baden. Sachsen 131 123 " " 1 " Sachsen- Meiningen. 98 " " Preußen. 92 " " Anhalt. 88 " " Oldenburg. 81 " " 1 Sachsen- Weimar 80 " " Mecklenburg. 67 " 1 " Braunschweig 63 " 35 " " 1 " " Elsaß- Lothringen. Deutschland( Durchschnitt) 103 Bieten uns diese Zahlen ein Bild großer und bestimmt charakteristischer Verschiedenheit, so ist dagegen die Zahl der erscheinenden Blätter, nach der Bevölkerung berechnet, annähernd bei allen Ländern gleich, b. h. auf je 100,000 Einwohner 5 politische Zeitungen, woraus hervorgeht, daß dort, wo weniger gelesen wird, wohl eine gleiche Zahl von Beitungen, jedoch mit geringerer Abonnentenzahl, und umgekehrt, wo viel gelesen wird, gleich viele Zeitungen, aber mit größerer Abonnentenzahl erscheinen. Für die einzelnen Provinzen Preußens ergeben sich nachfolgende Biffern: auf je 1000 Einwohner entfallen Abonnenten in Brandenburg 180, Hessen- Nassau 122, Rheinpreußen 111, Westfalen 105, Sachsen 95, Schleswig- Holstein- Lauenburg 85, Hannover 77, Schlesien 75, Pommern 72, Hohenzollern 70, Preußen 46, Posen 30. Daß in Elsaß- Lothringen so wenig deutsche Zeitungen gelesen werden, das hat seine Ursache in dem besondern polizeilichen Drucke, der dort auf der Presse ruht. Das nichts weniger als freisinnige deutsche Preßgesetz ist dort noch nicht eingeführt; der Oberpräsident verfügt ganz nach Willkür darüber, ob ein Blatt gedruckt werden darf, ob es eingeführt werden darf oder nicht. Die elsaß- lothringische Bevölkerung ist im allgemeinen recht lesebedürftig, und zur Zeit, als dieses Land noch französisch war, tamen auf je 1000 Einwohner circa 110 Zeitungsabonnenten. Daß das Königreich Preußen unter der Durchschnittsziffer von 103 sich befindet, das hat es seinen östlichen Provinzen zu verdanken, deren eine sogar unter Elsaß- Lothringen herabsinkt. Doch mögen auch dort die nationalen Verhältnisse in etwas Schuld tragen. Uebrigens kann man den sogenannten Reichsfeinden nicht nachsagen, daß sie auf das Zeitungslesen einen ungünstigen Einfluß ausübten. In den freien Städten, in Altenburg, Sachsen, Hessen und Brandenburg sind zahlreiche Sozialisten; in der preußischen Rheinprovinz, Westfalen, Bayern und Baden sehen wir die schwarze Schaar der Klerikalen einhermaschiren. In einem zweiten Artikel wollen wir nun die belletristische und Fachzeitungsliteratur unseren Lesern vorführen. ―r. Reinecke im Kampf mit seinen Erbfeinden.( S. 592.) Keines der vielgestaltigen Wesen, die sich nach Darwins Selektionstheorie aus der einfachen Zelle des Urschleims bis zu dem hirngewaltigen Zweihänder, Mensch genannt, auf unserem Planeten entwickelt haben, ist mit so großer Vorliebe von der Feder und dem Pinsel verherrlicht worden wie Meister Reinecke Fuchs. Bei allen Völkern und zu allen Zeiten hat der Sage sein verbrecherisches Treiben zum Vorwand allegorischer Schönfärberei gedient. Ein russisches Sprüchwort charakterisirt dieses Urbild der von der Schlauheit vervielfältigten Kraft mit folgenden Worten:„ Wenn der Fuchs schläft, zählt er im Traume die Hühner." In einem im 12. Jahrhundert entstandenen uiederdeutschen Epos( erzählende Dichtung), welches Altmeister Göthe ebenso genial ins Hochdeutsch übertragen, wie es Kaulbach meisterlich illustrirt hat, und worin den sprechenden Thieren menschliche Denkweise beigelegt wird, spielt Reinecke Fuchs neben König Nobel, dem Löwen, die Hauptrolle und führt alle Thiere, den königlichen Löwen mit inbegriffen, an der Nase herum. Die genaue Kenntniß seiner wohlberechneten Tücken verdanken wir seiner ausgesprochenen Vorliebe für Hausgeflügel, die er mit dem Marder, seinem Vetter, theilt, welche beide genäschige Patrone zwingt, sich in der Nähe der Bauerngehöfte aufzuhalten. Wenn sein Belz so werthlos wäre wie sein Fleisch, das sogar die Hunde, seine Erbfeinde, verschmähen, so würde es niemand der Mühe werth halten, ihn tod schlagen, was aber zum Unglück für den frechen Hühnerdieb nicht der Fall ist. Der Chef der größten Leipziger Rauchwaarenhandlung, Heinrich Lomer, veranschlagt die jährliche Pelzproduktion nur in Deutschland allein auf 120,000 Fuchsfelle. Davon liefern Bayern circa 30,000, Steiermark und Tirol 20,000, Würtemberg und Baden 16,000, Schle sien, Böhmen, Sachsen, Hannover und die Landestheile bis zum Rhein 18,000, Mecklenburg und Holstein 16,000, Preußen und Pommern circa 22,000 Stück. Daraus ersieht man, daß der kämpfende Held unseres Bildes troß der starken Verfolgung nicht sobald wie die Gemse, der Steinbock, der Auerochs und das Elennthier auf dem Aussterbeetat figuriren wird, denn er ist vom Aequator bis zu den Polen in unzähligen Varietäten verbreitet. Vom Kohlfuchs, einer in Würtemberg ziemlich oft vorkommenden Spielart, welche an der untern Seite statt weiß, schwärzlich, oder fast ganz schwarz gefärbt ist, bis zum Polar- oder Blaufuchs, dem Bewohner von Nowaja Zemblia und Spißbergen, dessen Rückenseite silbern schimmert, sind alle Farbennüancen auf seinem Fell vertreten. Auf unserm Bilde von Guido von Maffei sehen wir, daß er dieses sein kostbares Fell ziemlich theuer verkauft. Nachdem der Schlaumeier zwei seiner Gegner kampfunfähig in den Sand gestreckt, stellt er sich von dem dritten scheinbar überwunden, um im nächsten Augenblick sein Heil in schneller Flucht zu Dr. M. T. versuchen. Eine Negertrauung.( S. 593.) Wenn ein Gott dort oben im Himmel lebt, wie die heiligen Männer sagen, und wir Alle seine Wesen sind, o! beim Heiland, zu dem wir beten sollen, warum duldet er, daß meine schwarze Haut verachtet wird von meinen Brüdern? Warum, du Gott der weißen Herren, verlangst du unsere Liebe, wenn du uns nicht schüßen kannst? Bin ich nicht auch dein Geschöpf; sind meine Glieder nicht start; ist mein Blick nicht durchdringend; beseelt mich nicht Kühnheit und Muth? Habe ich nicht Ehrgeiz und Vertrauen auf meine Kraft? Warum bin ich ein Hund, verflucht und geschlagen, zur Arbeit verdammt, von der Sonne gebraten, mit verdorrten Lungen, und dort im fühlen Hause sißen sie und lachen, wenn ich weine. Lache nicht, weißer Mann, meine Brüder sind start, ihr Athem wird dich verzehren." Mit diesen Worten leitete am Ausgang des 18. Jahrhunderts der Negersflave Toussaint L'Ouverture die Proklamation ein, welche er den Kolonisten der Insel San Domingo als Fehdehandschuh hinwarf, und das Resultat seines blutigen Ringens war die Befreiung von Hayti. Eine unanfechtbare Großthat der Gesetzgebung der französischen Revolution war der Code des Noirs, die Verleihung gleicher Menschenrechte allen Sterblichen ohne Unterschied der Hautfarbe." Und doch hat es in dem ,, freien" Amerika noch über ein halbes Jahrhundert gedauert, bis die Gesetzgeber in dem weißen Hause zu Washington zur Einsicht gekommen sind, daß der Mensch mit der schwarzen Hautfarbe kein Lastthier ist. Und gerade die Priester aller Sekten, die seinsollenden Apostel der Nächstenliebe, agitirten am eifrigsten für Beibehaltung der Sklaverei und stüßten ihre Argumentation mit wurmstichigen Bibel- Citaten. Endlich nach unsagbarer Qual schlug auch in den Vereinigten Staaten Nordamerika's die Stunde der Erlösung für die Neger. Leider hat die Kugel des Mörders Edwin Booth den edlen Abraham Lincoln verhindert, die Früchte seiner segensreichen Saat zu ernten. Die jahrhundertlang unter 604 jochten und geknebelten Neger haben die kurze Spanne ihrer Freiheitsfrist wunderbar ausgenüßt. Troß aller Hindernisse, die ihnen namentlich in den Südstaaten die Weißen in den Weg legen, hat die schwarze Rasse heute viele geachtete Handwerker, Künstler, Priester und Advokaten auf zuweisen, ein Beweis, daß das Märchen von der höher stehenden weißen Rasse eben nur ein Märchen ist. Das sorglose, leichtlebige Temperament und die karikirte Nachahmung der Sitten und Gebräuche ihrer ehemaligen Beiniger geben dem Amerikaner beständigen Stoff zu höhnischen Wißeleien über den ,, Nigger", aber dieser Nigger besigt eine lebhafte Phantasie und sein Gemüth fühlt sich durch eine bilderreiche Sprache und schön ausgemalte Vorstellungen für alles Edle und Gute enthusiasmirt. Die unverdorbene Empfänglichkeit für Kunst und Wissenschaft ist eine Eigenschaft, welche dem geldmachenden, trockenen Yankee vollständig abgeht. Mit Liebreiz hat die Natur die afrikanische Menschengattung nach unsern Begriffen nicht übergossen, wie unser Bild zeigt, und ihre Descendenz vom Pavian oder Gorilla ist nicht schwer herzuleiten, aber dem schwarzen Don Quichotte Mungo gefällt seine Eliza und dem Sancho Panja Andy gefällt seine Dinah und das ist doch wohl beim Heirathen die Hauptsache. Der Priester mit der salbungsvollen Amtsmiene, die glückseligen Eltern, die aufhorchende Großmutter mit dem staunenden Enkel auf dem Schooß nebst den hungrigen Gästen sind eine Staffage, wie sie bei einer Hochzeit unter allen HimmelsDr. M. T. strichen vorkommt. Zur Frage über Ehe, Familie und Sittlichkeit. Es ist uns følgende Zuschrift zu Händen gekommen: Wenn es Verhältnisse in unserem Sinne gebessert sein werden. aber so ist, wie wollen wir hoffen, daß die auf unsere Fahne geschriebene Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, auch die Devise der gesammten Menschheit werde? Wird nicht eine andere Erziehungsform nothwendig sein, um die Menschen selbstloser und für einen Staat, wie wir ihn träumen, tauglich zu machen? Und sollte der Zukunftsstaat keine Form finden, die Menschen menschlich zu machen, ihnen die zum Leben in der großen Familie nöthigen Eigenschaften beizubringen, Kopf und Herz im erhabensten Sinn auszubilden, zu veredeln, sie zu seinen würdigen Gliedern zu machen und sich auf diese Weise jene feste Grundlage zu schaffen, die er nöthig haben wird, um nicht über kurz oder lang wieder zum Spielball Einzelner zu werden. Wohl wird er sich kein Beispiel nehmen können an unseren Pensionaten, Militärerziehungsanstalten, Waisenhäuseru, denn diese sind eben für den heutigen unfreien, nicht aber für den Zukunftsstaat berechnet, welcher sich voraussichtlich bei solchen Einführungen den Grundsatz zur Richtschnur nehmen wird: Wer gut säet, wird gut ernten! Nichts für ungut! Mit sozialdemokratischem Gruße A.... Gr... Wien, 7/8 78. Unsere Antwort in nächster Nummer. Buchdrucker. Red. d. ,, N. W." Vier Jahre Festungshaft für einen Kuß. Man hat bisher allgemein angenommen, daß der Dichter Christian Schubarth, dessen trauriges Schicksal Schiller zu seinen, Räubern" anregte, und der mit seinen Gedichten ,, Nach Afrika" und ,, Die Fürstengruft" in die Kategorie der Büchner und Herwegh rangirt, aus politischen Gründen auf dem Hohenasperg eingeferkert wurde, aber Pfaff erzählt in seiner , Geschichte von Württemberg" eine andere, von Augenzeugen bekräftigte Herzogs von Württemberg Karl Alexander, der nachmaligen Gräfin von Hohenheim, die auch das Urbild von Schillers Lady Milford" ist, Klavierunterricht und ließ sich in einer schwachen Stunde hinreißen, ihren üppigen Nacken zu küssen, als eben der Herzog eintrat. Rest war vier Jahre Festungshaft. Dr. M. T. Geehrte Redaktion! Als Sozialdemokrat und Abonnent der ,, Neuen Welt" erlaube ich mir meine Bedenken auszusprechen über die Art und Weise, wie Sie, geehrte Redaktion, über Fragen von so großer Wich- Version. Schubarth gab dem schönen Fränzchen, der Maitresse des tigkeit, wie über Ehe und Familie, freie Liebe und Erziehung der Kinder wenn auch nur in der Form einer Korrespondenznotiz sich ausgesprochen. Meiner Ansicht nach sollte das Organ einer dem Fort Schritte im weitesten Sinne huldigenden Partei, wie es die ,, N. W." ist, in solchen überhaupt noch nicht spruchreis gewordenen Fragen kein so turz gefaßtes, bestimmtes Urtheil in die Welt senden. Solche Fragen sollten entweder in würdiger, allgemein verständlicher Sprache, dem Geiste der Partei entsprechenden Weise behandelt werden oder aber, wenn Gründe dies nicht zulassen, die nöthige Beantwortung in die mildeste Form gefaßt werden, um das Interesse der Partei nicht zu gefährden! Redaktions- Korrespondenz. Der Wien. Buchdrucker A. G. Ihre Einwendungen gegen unsre Korrespondenzbemerkung über Ehe und Familie bruden wir wortgetreu ab, um diese Frage einmal gründlich Klarstellen zu können. Sachlich gehaltene Ausführungen, wie die Ihrigen, bieten uns die sehr willkommene Anregung zum öffentlichen Meinungsaustausch. J. S. Sie haben in der Sache recht. Wir baben unsern qu. Herrn Mitarbeiter gebeten, seiner gewandten Feder auch bei solchen Nebensächlichkeiten recht sorgfältig auf die Finger zu sehen. " Auf das in der gedachten Korrespondenz abgegebene Urtheil übergehend, kann ich nicht finden, das dasselbe im Sinne des sozialdemofratischen Prinzips lautet, denn, so sonnig auch die Ziele des letzteren Berlin. Lieutenant v. W. Ob wir Artikel über Barrikadenbau, Häuserdemodem Eingeweihten entgegenleuchten, so dunkel und unsicher sind noch firung 2c." gebrauchen können? O ja, aber von Ihnen und Ihresgleichen nicht. Wir die Mittel und Wege, welche zu ihnen führen werden. Man kann es bauen nämlich nur geistige Barrikaden, Barrikaden gegen Ungerechtigkeit und Thoralso nicht gut Wahnsinn heißen, die Institute der heutigen Ehe und heit, wollen nur die Häuser der Unfittlichkeit und derlei Bauwerke der Schande demolirt Familie einer Kritik zu unterziehen oder sie wohl gar für unmöglich wissen, und wie solche Arbeit verrichtet wird, Werthgeschäßter, darüber hat man Sie nicht instruirt. Frl. T. Gewiß, Hasenclever ist verheirathet. Es wird Ihnen das zu halten. Wer kann behaupten, daß die Ehe in ihrer heutigen Form boch nicht unangenehm sein?.. Ihr alter Lehrer ärgert sich darüber, daß ich kann nur die Monogamie im Auge haben und mit ihr die ,, durch den Sozialismus so viele Autodidakten, Leute, die nicht einmal Logit gehört haben, wie z. B. der Most, dazu verführt worden sind, Bücher zu schreiben"? Der Familie, den Begriff der höchsten Sittlichkeit und Vollkommenheit in Mann hat recht: es ist entsetzlich! Was die ,, Logit", die man auf unfren Universitäten sich schließt und die einzig richtige Grundlage des Staates bildet. zu hören bekommt, zu leisten hat, sagt ja schon der alte Goethe so schön: ,, Mein theurer Wozu denn das Ringen nach liberalen, die Bande dieser Institutionen Freund, ich rath' euch drum Buerst Collegium logicum. Da wird der Geist euch In span'sche Stiefeln eingeschnürt, Daß er bedächtiger fortan lockernden Gesetzen? Ich denke, wir hätten bereits Erfahrung genug, wohl dressirt, Frrlichtelire Und nicht etwa die Kreuz und Duer um uns für die Zukunft nach einer anderen Form dieser gesellschaft- inschleiche die Gedankenbahn, und her." lichen Nothwendigkeit umzuschauen, denn was nach der Ansicht der Hamburg. A. R. Ihre Mittheilungen über Ihren Aufenthalt in der berliner W. W. Freilich, g. R. der. Ehe und Familie unermeßlichen Werth verleihen solle, trifft Charité sind zu persönlicher Natur, um veröffentlicht zu werden. viele fühlen sich als ächte Sozialisten berufen, aber wenige sind auserwählt. in der Wirklichkeit nur selten zu. Dagegen sehen wir im allgemeinen freilich, Sich als Sozialist, durch und durch" zu bethätigen, ist natürlicherweise sehr schwer. die Menschen nur zu sehr auf der Oberfläche des Lebens dahingleiten, Dazu gehört umumgänglich, daß man die Grenzen der Rechtssphäre der Gesammtheit viele sinken unter der Last der gepriesenen Institution! Wie oft sehen ebenso genau tennt, als die der Rechtssphäre der Individuen, und die eine wie die andre bis in's fleiuste hinab vor jeder Verlegung schützt. Sie haben recht mit Ihrer Meinung, wir den Verkehr der Geschlechter entheiligt durch Untreue, und undaß in der sozialistischen Bewegung der Gegenwart dem Rechte des Individuums häufig würdige Verbindungen eingehen von Solchen, die Anderen Moral zu wenig Rechnung getragen wird, daß aber die wenn auch bebauerliche, so doch sehr troß der von Allen ge- erklärliche Reaktion gegen den krassen Individualismus unsrer Zeit der Kapitalherrschaft predigen und zum Muster dienen sollten berechtigt ist. fannten Verpflichtungen und Wohlthaten der Ehe. Sehen wir nicht die Zahl der Ehen von Jahr zu Jahr abnehmen und der freien Liebe" mehr und mehr den Vorzug gegeben, selbst von Solchen, welche nicht die sozialen Verhältnisse abhalten, in dieses Institut der Sittlichkeit zu treten. Und in diesem selbst sehen wir herzlose Eltern, verwahrloste Kinder, einseitige Bildung und Verbildung, und dort, wo wirklich die zarten Beziehungen ihre Schwingungen bis in das Jnnerste des Gemüthslebens senden, dort sind dieselben zumeist von schmerzlichen Empfindungen und Erfahrungen begleitet! Ebenso ist es Thatsache, daß der rohe Egoismus, der uns so oft im Leben begegnet, nur zu häufig in der Ehe und Familie anzutreffen, ja dort meist seine Entstehung erblicken läßt und die Ehe in ihrer heutigen Form wird, sowenig wie irgend ein religiöser Kultus, im Stande sein, diesen Feind der Nächstenliebe aus dem Leben zu bannen, mag ihre Grundlage auch noch so ideal angelegt sein, und auch dann nicht, wenn die sozialen| Ried( Oberösterreich). F. L. Die Schriften Jules Vernes sind interessant und lesenswerth, insbesondere aber solchen Leuten zu empfehlen, welchen das Auffinden der Scheidelinie zwischen dem Phantastischen und dem Faktischen nicht zu schwer wird. Die event. Antwort des Herrn Dr. Douai werden wir natürlich ihrerzeit sehr gern übermitteln. Daß die ,, N. W." in Ihrem Orte der ,, Gartenlaube" das lange behauptete Terraiu abgräbt, ist der reichs- und faiser und fönigstreuen und russenfreundlichen ,, Gartenlaube" schon recht. Ihr Wunsch bezüglich der Notizen vom Büchermarkt wird erfüllt, Chemnik. E. G. B. Da Sie bei Ihrer Behauptung beharren, Sie wären durch Ihre persönlichen Erfahrungen( und durch nichts anderes) zur felfenfesten Ueberzeugung von dem Dasein Gottes gelangt, so können wir Sie im Interesse der Sache nur auffordern, diese persönlichen Erfahrungen klipp und klar der Deffentlichkeit zu übergeben. Wir werden der Publizirung beweiskräftiger Thatsachen nichts in den Weg legen. Oberlungwis. H. Sch. Wir werden einen Sachverständigen zu Rathe ziehen, um zu erfahren, was gegen Ihre hartnädigen Holzwürmer, welche selbst dem Solaröl Troy bieten, zu thun ist. Hamburg. J. N. Wir werden einen der botanischen Mitarbeiter der ,, N. W." ersuchen, eine Abhandlung über die Zimmerpflanzen zu schreiben. ( Schluß der Redaktion: Montag, den 2. September.) Inhalt. Das Patent, Novelle von A. Otto- Walster( Fortsetzung). Jrdische Massenbewegung( Schluß). Kunst und Revolution, von W. H. Moderne Gattinnen. Skizze aus der Gesellschaft, von M. Kautsky. Die deutsche Zeitungsliteratur. Reinecke im Kampf mit seinen Erbfeinden( mit Illustration). Eine Negertrauung( mit Illustration). Zur Frage über Ehe, Familie und Sittlichkeit. Vier Jahre Festungshaft für einen Kuß. Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Plagwizerstraße 20). Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.