Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Haften ä 30 Pfennig Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Pastäintcr. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Nildotph von ZZ Fritz Lauter hieß er, war ein junger Schweizerdegcn und stand bei Gandersberg».Komp. in der mittelgroßen Proviinial- und Universitätsstadt P. Doch die geneigten Leser, und mehr noch die lieben Leserinnen werden nicht wissen, was das heißt, ein Schweizerdegcn sein und stehn bei Gandersberg und Komp. Nun, es heißt gar nicht wenig, denn es will sagen, daß Fritz Lauter ein Buchdrucker ist, wie er im Buche steht, der eben so gut als Schriftsetzer hinter dem Setzkasten stehn und zum Sterben unleserlich geschriebene Manuskripte in unsterbliche gedruckte Werke umsetzen oder an der Schnellpresse als Maschinenmeister Hantiren und das Gesetzte nöthigenfalls in 100,000 Exemplaren vervielfältigen kann. Fritz Lauter bestndct sich in seiner Eigenschaft als Buchdrucker, wie er sein soll, und trotz seiner Jugend— er ist erst 20 Jahre alt— auch in ganz vortrefflicher Lebenslage, er steht in gc- wisscm Gelbe, d. h. er hat einen festen Wochenlohn und zwar von 9 Thalern, und kann damit als Buchdrnckergehilfe ein anstän- digcs und behagliches Leben führen. Und ein unbesorgtes Leben dazu. Denn wer einmal bei der alten und soliden Firma Gan- dersbcrg u. Komp. ein Unterkommen als Beamter oder als Arbeiter gefunden hat, der braucht nur seine Pflicht zu thun, um seine Existenz auf die Dauer zu sichern. Arbeit gibt es hier Jahr aus Jahr ein die Hülle und Fülle und vom Wechseln ihres Personals halten die Herren Gandersberg, Bater und Sohn, der Tradition ihrer Vorfahren folgend, nicht viel. Da steht sich's freilich gut für jeden Buchdrucker— bei Gandersberg n. Komp. wird mancher Leser rufen wollen. Und das ist auch ganz richtig— nur sieht man es ihm heute nicht an, dem Fritz Lauter, trotz des schönen Sommerwetters, das durch die großen Fensterscheiben des Setzersaales auf die emsigen Ar- bcitcr herniederlacht; und auch die letzten 14 Tage hatte schwerlich jemand etwas von großem Behagen in den hübschen und für seine Jahre recht männlichen Zügen des kräftigen jungen Mannes zu entdecken vermögen. Sehr ernst schaute er drein; hatte er sich sonst schon wenig an den Gesprächen und Scherzen der Kollegen bethciligt, so war er jetzt ganz stumm geworden. Er arbeitete nur noch fleißiger als zuvor, aber— merkwürdig!— er arbeitete gar nicht mehr so gut als sonst. Der Korrektor hatte bei ihm immer leichte Arbeit gehabt; oft hätte man dem Korrekturbogen nicht angeschn, ob das spähende Auge des alten Herrn Korrektors Klose schon van Zeile zu Zeile, von Buchstabe zu Buchstabe darüber hinweggegangen sei, wenn nicht das mit Blaustift an dem Ende des Bogens gezeichnete V. bestätigt hätte, daß auf der langen Korrekturfahne auch nicht ein Komma am unrechten Flecke gestanden. Jetzt war das, wie gesagt, anders. Die für den Unbetheiligten ergötzlichsten Satzfehler waren dcni Fritz Lauter in den letzten Tagen durch den Winkelhaken geschlüpft. Er hatte z. B. eine Schauspielerin des P'schen Sommcrtheaters, welche der dem schönen Geschlcchte gegenüber äußerst begcisternngsfähige Thcaterrczenscnt Feldau die Blume des gesammten Künstlerthnms genannt, zur Blame des gesummten Künstlerthnms gemacht, und der alte Klose, gewöhnt, die von Fritz Lauter gesetzten Artikel nur rasch zu überfliegen, hatte ihn unbehelligt in die Welt gehen lassen, diesen schmach- vollen Druckfehler, wie ihn der ganz in Verzweiflung gerathene Herr Feldau genannt, nachdem ihm seine lieben Freunde im Kaffee hohnlächclnd Komplimente über die Unbestechlichkeit und Furcht- losigkcit seiner Kritik gemacht hatten. Nebenbei waren Hochzeiten und sogar Leichen nichts gar seltenes gewesen in seinem Satze, d. h. er hatte ganze Worte und größere Satzthcilc doppelt gesetzt oder ganz tveggclaffen— kurz er war, wie mit einem Schlage, aus einem sehr tüchtigen, sorgsamen und zuverlässigen Setzer ein ziemlich mittelmäßiger geworden— der Spott seiner Kollegen, deren alle Zeit fertige Witzfabrikate ungefähr dasselbe Lob verdient hätten, wie die Ausstellungsobjekte der deutschen Industrie auf der Weltausstellung zu Philadelphia— dieser derbe Spott ließ nicht auf sich warten; die einen sprachen die Vermuthnng ans, Fritz Lauter arbeite in Gedanken an einem Trauerspiel, worin er selbst die traurige Figur spielen wolle, die andern meinten, er wolle Leichenbitter werden oder mache Gedichte auf irgend eine unbekannte und unerreichbare Geliebte u. s. w. Aber die Versuche, zu erforschen, woher die langanhaltende Verstimmung des sonst zwar nicht sehr gesprächigen, aber niemals ausfällig niedergeschlagen gewesenen jungen Mannes rühre, blieben lange vergebens. Er wurde nur immer finsterer und zuweilen legte sich noch ein Zug geringschätziger Bitterkeit um seine Lippen, wenn es ihm der Uebermuth der Arbeitsgenossen gar zu arg trieb. Endlich hatte einer der Setzer, ein pfiffiger, beweglicher, wenn auch gar nicht mehr junger Bursche, vielmehr ein vierzigjähriger verwitterter Hagestolz, Namens Därmig, der sich was darauf einbildete, alle Neuigkeiten zuerst zu wisse», und alle möglichen, dem allgemeinen Stadtklatsch sich entziehenden Geschichten zu crschnüffeln, es glücklich herausgebracht— wie er wenigstens meinte—, was die sonderbare Veränderung in dem Benehmen Fritz Lauters ver- schuldet haben mußte. Par: V. 4. Ottobcr 1870. Dwuttchlonci». Natürlich gab er es sofort zum besten im Setzersaale, wo es zufolge des alten liberalen Regimentes bei Gandersberg u. Stomp. ziemlich lebhaft zuzugehen pflegte. Nachdem er sich mehreremale so laut geschnauzt und geräuspert hatte, daß es wie Posaunen- schall an den hohen Wänden des Setzersaäles widertönte, trom- petete er mit schnarrendem Organ in die erwartungsvolle Stille, welche sein Avertissementssignal im Saale erzeugt hatte, hinein: „Wißt Ihr schon, daß diese Mauern einen Helden einschließen? Ja einen Helden, sage ich Euch. Einen Sterl, der in seinen Mußestunden Menschen vom Tode rettet und dabei so wenig Wesens von seinen Heldenthaten macht, als ob es eben so leicht wäre, einen Menschen aus dem Wasser zu ziehen, als eine Prise vor dem Verschimmeln in einer gewissen Schnnpstabackdose zu retten." „Na, wenn das leicht ist!" brummte der Setzer Christlieb mit einem Blick ans die mächtige, aber nur sehr selten sich in bereit williger Anerbietung tabakhungrigen Freundesnasen sich öffnende Schnupftabakdose des Faktors, der neben ihm stand und die allen verständliche Anspielung gemüthlich-kaltblütig hinnahm. „Wer ist der Held? Her mit dem Helden! Und wen hat er ans dem Wasser gezogen?" tönten außerdem ein Dutzend Fragen durcheinander. „Schauet hin— da steht er!" deklamirte Herr Därmig weiter, indem er mit weithingestrecktcm Winkelhaken auf Fritz Lauter wies. „Jener dunkelblondbraun behaarte Jüngling da ist es, der so im Vorbeigehen in Lebensgefahr befindliche Menschen einem schreck lichen Tode entreißt, ohne Ansehn der Person, ganz egal, ob es das schönste und reichste Mädchen in P. ist oder nicht." Fritz Lauter war roth geworden vor Unwillen, als er gehört hatte, worauf Därmig hinauswollte, brandroth, und er hätte diesmal wahrscheinlich derb genug geantwortet, wenn nicht ans Därmigs letzte Worte ein wahrer Sturm von neugierigen Fragen, von Rufen ironischer Bewunderung und spottenden Zweifelns laut geworden wäre. „Ich bitte mich in meinem Vortrage nicht zu unterbrechen," drang endlich die Schnarrstimmc Därmigs durch den Tumult. „Wenn Ihr Eure Bewunderung nur einen Augenblick mäßigen wolltet, würdet Ihr das große Ereigniß, welches sträslichcrwcise vor so theilnehmenden Freunden, wie wir alle hier sind, fast drei Wochen lang verborgen gehalten worden ist, ganz genau kennen. Denn wahrlich, ich sage euch," fuhr Därmig fort, der seiner Behauptung nach einmal hatte Theologie stndiren sollen und sich darum oft einer möglichst biblischen Ausdrucksweise bc fleißigte,„es geschehe, was geschehen mag, der Därmig bringt es endlich an den Tag!" „Nun zum Teufel, was ist es denn eigentlich?">gnrde der pathetische Redner wieder von verschiedenen Seiten unterbrochen. „Im Jahre des Herrn 1872, am tz. Juni, begab sich Herr- Fritz Lauter wie gelvöhnlich ans der Druckerei nach seiner Woh nung. lind siehe, als er beim Schloßtciche vorübergeht, dort wo das Schwanenhäuschen ist— es ist ganz einsam und menschenleer da an Wochentagen, wie ihr wißt, hört er einen Hilferuf und sieht ein junges Mädchen, das eben aus einer Gondel hat ans Land steigen wollen und ins Wasser gefallen ist. Der Teich ist bekanntlich auch an den Ufern sehr tief, und die unvorsichtige Mamsell wäre elendiglich ertrunken, wenn unser Fritz nicht, ge spornt und gestiefelt, sich in den Schlund gestürzt hätte und als flotter Fahrtenschwimmer und Taucher die Jungfrau herausge- fischt hätte." „Ist's wahr? Wie heißt sie? Hurrah, der Lebensretter soll leben!" riefen die Setzer, jetzt zunieist gar nicht mehr spöttisch, durcheinander.„Wo steckt er, Fritz der Held, he?" Ter war verschwunden. Was hätte er auch sagen sollen— die Sache stimmte und gern hörte er nicht davon erzählen. Er hatte seine guten, sehr guten Gründe dafür! Herr Därmig aber brannte nur so darauf, weiter zu erzählen. „Machen Sie rasch, Därmig," ermahnte der Faktor, der selber neugierig geworden war,„lange darf der Spektakel nicht mehr dauern. Es könnte doch jemand kommen." „Wenn ich erst'ne Prise hätte, ging's besser," entgegnete der schlaue Därmig und fuhr schmunzelnd fort, nachdem ihm der Faktor mit ostensibler Bereitwilligkeit seine Tose hinübergereicht: „Des reichen Alster einzige Tochter war die'Wasserjnngfer wider Willen. Na, ihr könnt euch denken, wie unser Fritz beim alten Alfter anfgcnonimcn wurde, als er am nächsten Sonntage ans ausdrücklichen Wunsch des Fräuleins, dem übrigens das Bad garnichts geschadet hatte, Visite machte. Es ist eben ein Glücks- pilz, dieser Fritz Lauter. Und wenn er seit drei Wochen ein Gesicht schneidet, wie sieben Meilen böser Weg, so kommt's daher, daß er bis über die Ohren verliebt ist und daß er Angst hat, der reiche Alster könnte ihn nicht zum Schwiegersohne haben wollen. Na, das wißt ihr schon, ich verstehe mich ans solche Geschichten und ich sage euch, der Teufel soll mich holen, wenn der Fritz nicht in ein paar Jahren der erklärte Bräutigam der Wanda Alster ist." „Reden Sic keinen Unsinn, Därmig," mahnte der bedächtige Faktor Weber.„Ter alte Alster ist nicht nur ein sehr reicher, sondern auch ein stolzer Mann, der immer hoch hinaus gewollt hat und seine Wanda am liebsten nur an einen Grasen ver heirathete. Ich kenne den Mann ganz genau; habe in einem seiner Häuser lange genug gewohnt,— der will nichts wissen von einem armen Schlucker von Buchdruckergesellen." „Wenn er sich aber erinnert, daß er selbst mit einer kleinen Quetsche von Spezereihandlnng in der Obcrvorstadt angefangen hat — der steinreiche Herr Alfter, dann fällt ihm vielleicht auch ein, wie aus mehr als einem armen Buchdruckergesellen ein kolosial reicher Buchdrnckerprinzipal geworden ist," rief ein Setzer ans einer der Ecken des geräumigen Lokales hervor. „Sind dünn gesäet, solche Glückspilze," seufzte der Faktor- halblaut vor sich hin; er hatte dereinst auch von einer großen Zukunft als Ehes einer Druckerei geträumt und hatte Jahr für Jahr das ersehnte Ziel vor sich zurückweichen sehen, bis es ihm schließlich ganz ans den Augen geschwunden war. Ter feinhörige Därmig hatte den Faktor verstanden: „Freilich nicht jeder braucht blos den Mund aufzusperren, um die gebratenen Tauben hineinfliegen zu lasten. Aber es giebt solche Kerle und der Lauter ist so einer, ich laß mich gleich hängen, wenn es nicht wahr ist. Kaum kommt er von der Wanderschaft, ohne ein Pfennig Geld in der Tasche und ohne Empfehlung oder sonst was, wird er hier bei uns eingestellt, blos weil nnserm jungen Herrn Prinzipal seine Nase gefällt— einen anderen Grund kann ich wenigstens nicht'rauskriegen. Und gleich kommt er auch ins gewisse Geld und verdient so viel wie Mancher, der sich tzier schon am Kasten krumm und lahm gc- standen und gesetzt hat!" „Solche aufwieglerische Redensarten verbitte ich mir, Därmig," grunzte der Faktor entrüstet.„Sie wissen, bei uns geht's gc- müthlich zu, aber gerecht auch und gehetzt wird nicht, sonst—-" „Ach was, ich denke nicht an's Hetzen und bin selber froh, daß ich bei Gandersberg u. Komp. stehe, aber wie im Himmel ist's halt nirgends, und dem einen giebt's der Herr im Schlafe, auch wenn er gar keinen Verstand hat, während ein anderer riesig viel Pech entwickelt, wenn er auch gerade so viel Verstand hat." „Das letztere paßt nu allerdings auf Sie, Därmig," rief wieder der Setzer ans der Ecke.„Aber das erste paßt ans den Lauter nicht. Dumm ist er nicht, wenn er auch nicht den zehnten Thcil so viel schwätzt, wie gewisse Leute. Außerdem glaube ich die ganze Geschichte von der Lebensrettnng nicht. S'ist'n fauler Witz von Därmig; man hätte doch gewiß was gelesen davon im stadtblatt oder geredet hätten die Leute in der ganzen Stadt davon.— Das kann doch nicht verborgen bleiben� bis drei Wochen nachher der Därmig dahinter kommt— Unsinn!" Nun ging ein allgemeines Streiten los, ob die Geschichte wahr wäre oder nicht. Die meisten Setzer schlugen sich auf' die seite des Zweiflers, Därmig aber schwor Stein und Bein auf die Wahrheit seiner Mittheilnng, wenn er auch nicht erklären konnte, woher das seltsame Dunkel gekommen, welches so lange über dem interessanten Vorfall gelegen. Als rtritz Lauter wieder im Setzersaal erschien, wurde er von einem Meer von Fragen überschwemmt, aber er wies die Fragcr alle an Därmig, der ja bekanntlich allwissend sei, wie der Herr- gott selber,� und' mußte schließlich von den über seine Unzngäng lichkeit ernstlich ergrimmten Sio liegen in Frieden gelassen werden. „Laßt ihn laufen! Er ist verliebt bis über die Ohren! die Wassernixe hat ihm das Gedächtniß geraubt! S'ist übrigens auch ganz egal, unsertwegen soll er sich als Jungfernrctter ein Patent geben lassen!" so suchten sie sich über die höchst mangelhafte Beftiedigung ihrer Neugier zu trösten, aber das Benehmen Fritz Lauters über- zeugte sie noch�mehr als alle Betheurungen Därmigs, das doch etwas an der Sache sein müsse. Und, wie gesagt, es war nicht nur etwas daran, sondern es war auch ausnahmsweise einmal in der Hauptsache richtig, was Tarmig berichtet; ja, es wäre nach viel mehr zu erzählen ge- � wesen, als Därmig sagte und wußte. Wanda Alster ivar die liebste JuFcndgespielin Fritz Lauters gewesen. In dem Hause, wo Herr August Alster seinen Kolonial- waarenhandel betrieben, hatte die Wiege Fritz Lauters gestanden. Sein Vater und Alster waren Freunde; der crstere bekleidete den Posten eines Obersteuereinnehmers und ivar als solcher ein Mann, dessen Freundschaft sich der Krämer Alster zur hohen Ehre angerechnet. Ter Obersteuereinnehmer Lauter hatte jedoch nicht weniger als sechs lebendige Kinder und starb, als das jüngste, unser Fritz, zwölf Jahr alt war. Ein kleines Vermögen, das die Mutter ins Haus gebracht, ivar in Hoffnung auf zukünftiges Glück zur Ausstattung der beiden ältesten Töchter vcnvendct worden. Der für die beschei- denen Bedürfnisse der Familie nicht unbeträchtliche Gehalt des Familicnhauptes war auf Heller und Pfennig aufgegangen in dem Bemühen, den Kindern, den Söhnen wie den Töchtern, eine anständige Erziehung angedeihen und wenigstens einen von den Söhnen studiren zu lassen. So blieb der Familie, als der Vater starb, nur die kleine Wittwenpension der Mutter, und die Zukunft der unerzogenen Kinder verhüllten die Schleier der Armnth. Fritz, der es bis zum Tode des Vaters bis zur Quinta des Gymnasiums gebracht hatte, konnte die Anstalt noch ein Jahr besuchen, weil er als Sohn eines Beamten an dem mit Vermächtnissen und Zuwen- düngen aller Art finanziell reich ausgestatteten Lehrinstitut Frei schule genossen und sich durch Fleiß und treffliche Anlagen die wohlwollende Unterstützung seiner.Lehrer verdient hatte. Als er vierzehn Jahre alt geworden, blieb jedoch nichts anderes übrig, als ihn einen Beruf ergreifen zu lassen, der ihm bald Brot und Lohn zu gewähren versprach. Tie Mutter hielt ihren Fritz mit schwerem Herzen dazu an, er stand als der jüngste ihreni Mutterherzen am nächsten, ihn hätte sie am liebsten auf die Bahn zu Ehr und Ansehen im Staat und in der Gesellschaft geleiten wollen. Fritz hätte Kaufmann werden können, aber Au- spräche auf eine höhere kaufmännische Karriere konnte der aus Quarta abgehende arme Junge nicht machen, und dereinst als Äommis in einer Kolonialwaarenhandlung, wie sie Herr Alster gc habt, in dcrHeringstonnc hcrumznfischcn, die häßlichsten Köchinnen „Mein schönes Kind" nennen und in die Backen kneifen zu müssen, das waren für den angehenden Studenten gar zu abstoßende ZuknnftSaussichten gewesen. Er wählte daher das Buchdrnckcrgewerbc. Es galt damals noch vielseitig als ein in materieller Beziehung hoffnungsvolles und Fritz Lauter schien es geistig in so naher Berührung mit Wissenschaft und Schriftstcllcrei zu stehen, daß ihm der Eintritt in die Druckerei fast wie das Aufrücken in eine höhere BildungS- anstalt vorkam. So war denn Fritz Buchdrucker geworden, hatte drei Jahre Schriftsetzer und dann noch eines Maschincncister gelernt und ivar dann als untadlichcr Schweizerdegcn wohlgemuth in die Welt hinausgezogen. Ter Blüthcnstanb seiner schönsten Hoffnungen auf ein rasches und gedeihliches Fortschreiten in wissenschaftlicher Erkcnntniß, vermittelt durch die die Druckerei passirenden Geistesschöpfungen, war freilich bald abgestreift worden. Die Druckerei war nicht groß, in der Fritz als Lehrling angenommen worden war; ein kleines Sonntagsblättchsn, Erbauungsbücher, Rcchnnngs- und Briefköpfe, Etiguets und Plakate— das war so ziemlich alles, was dort gedruckt wurde. Dabei war wenig zu profitiren; aber Fritz hatte sich jugendmuthig auf seine Zukunft als Gehilfe getröstet, die ihn in die weite Welt hinaus und in die größten Druckereien von Berlin und Wie», von London und Paris führen sollte. Und sie hatte ihn auch nach Stuttgart und Leipzig, nach Berlin und Wien wirklich geführt; aber nach Paris und London hatte das Geld niemals recht reichen wollen, und auch der Muth nicht; der der fremden Sprachen unkundige Schriftsetzer hätte in der That in den beiden europäischen Weltstädten einen schweren Stand gehabt und beinahe von neuem sein Gewerbe zu erlernen beginnen müssen. Sehr tüchtig in seinem Berufe war Fritz Lauter bei seinem zweijährigen Umherschweifen in der Welt geworden, und diese seine durch vcrtrauenswerthe Empfehlung gewährleistete Tüchtig- kcit und nicht ein unvernünftiges Glück, wie der Kollege Därmig meinte, war cS auch gewesen, die ihm in der Universitätsdruckerei von Gandersberg u.Komp. rasch ein von vielen Kollegen benci- dctes Unterkommen verschafft hatte. (Forlsctzung folgt.) Das Leben der Erde. Von«5. Isehleise». Die irrige Vorstellung, als ob es eine sogenannte unbelebte, todte Statur gebe, ist immer»och weit verbreitet, und doch offen bart sich dem Blicke überall Veränderung und Bewegung, nirgends herrscht absolute Ruhe, überall ist Leben,— was wir Tod nenne», ist nur Zersetzung und Umwandlung zusammengesetzterer Verbin düngen in einfachere. Ucberall zeigt es sich, daß die augcnblick liche Erscheinungsweise der Erdoberfläche nur ein vergängliches Bild in dem EntivicklungS oder Lebens Prozesse unfres Planeten, nur eine momentane Gruppirung des ruhelos wandernden Stoffes ist, welcher nur scheinbar eine gewisse Stabilität besitzt.— Eine Hauptrolle in diesem„Leben" unsrer Erde, eines Organismus, der gleich den an seiner Oberfläche lebenden, geboren wurde, lebt und dereinst sterben wird— spielt das Wasser, dessen Bedcu tung für den Erdkörper derjenigen des Blutes für unfern Körper zu vergleichen ist. An der einen Stelle zerstörend und sortführend, an der andern absetzend und ncubildend, das einemal in flüssigem, das andre inal in festem Zustande, als Schnee oder Eis, bringt das Wasser im Lause von Jahrmillionen die großartigen Wirkungen hervor, deren Ursachen unsre kindlichen Vorfahren natürlich nicht anders zu deuten wußten, als mit Zuhilfenahme überirdischer oder unter- irdischer Mächte: sie glaubten aus großartigen Wirkungen auf großartigeKraftäußerungen schließen zu müssen und dachten nicht daran, in dem alles durchdringenden Wassertropfen das Element zu suchen, dessen stille, aber nimmer rastende Thätigkeit die Haupt Ursache der heutigen Oberflächengestaltung der Erde ist. Die einschneidende Wirkung dieses geologischen Werkzeuges beruht auf seinem Streben, von der Höhe nach der Tiefe zu gelangen. Als Regentropfen auf den Schauplatz seiner irdischen Tbätigkeit gefallen, beginnt er sogleich mit Ueberwindnng aller Hindernisse sich einen Weg nach dem ticfften Punkte der Erdober- fläche, dem Meere, zu bahnen. Der Größe und Schwierigkeit der Ausgabe des Wassers entspricht die Vielfältigkeit der Mittel, welche ihm zur Erfüllung derselben zu Gebote gestellt sind. Reicht seine mechanische Kraft zur Zertrümmerung und zur Trans- portirung der GestcinSmasscn, welche sich ihm in den Weg stellen, nicht ans, dann kommt ihm seine Fähigkeit zu Hilfe, gewisse Bestandtheile chemisch aufzulösen, zu zersetzen und auszulaugen und dadurch den Fels in seinem innersten Gefügc zu locker», und sind beide vereint zur Bewältigung der Hindernisse zu schwach, so gesellt sich ihnen der Frost zu. Daun nimmt das Wasser seine feste Form an und dehnt sich bei dieser Gestaltsveränderuug mit so unwiderstehlicher Gewalt aus, daß es, in Felsspalten cingc- schlössen, die Gesteine zertrümmert. Der Weg, welchen das Wasser einschlägt, um aus den Bergen in die Ebene, und von da zum Meere zu gelangen, ist ein dop- pelter; ein Thcil sucht sich unterirdische Bahnen, ei» anderer folgt der Oberfläche des Bodens. Die während eines Regens gefallenen Tropfen streben nach der nächsten Bodencinscnkung; zum Riesel- bach vereint, schneiden sie sich Wasierrisse iuS Gestein; als Gc- birgsbach stürzen sich die gesammelten Gewässer in vorhandene Spalten und wühlen sich tiefe Schluchten in die Felsen. Die Bäche vereinen sich zum Bcrgftrome, welcher die Schlucht zum Gebirgsthal erweitert, die Bergströme zu Flüssen, deren Bett sich zum Thalc ausdehnt, aus welchem sie in die Niederung treten, um durch diese, indem sie andere Gewässer in sich aufnehmen, dem Meere als Strom zuzufließen. In das ursprünglich kom- pakte Gebirge schneiden sich die Wasser ganze Systeme von Wasser- kanälen ein; Schluchten und Thälcr unterbrechen jetzt in mannig- fachstcr Gestaltung die früher gleichförmig ausgedehnten Abhänge, als deren Ueberbleibscl nur noch die Felsrücken und Grate stehen geblieben sind, welche die einzelnen Thälcr trennen. Außer der Bildung von Thälern und Schluchten ist dein Wasser aber noch eine andere, wichtigere Ausgabe geworden: soll das Ätecr durch Absätze fortwährend neue Schichten und durch Anschwemmungen neues Festland schaffen, so bedarf es eines Ersatzes der ihm durch vulkanische Hebung entzogenen Substanzen,— diese Zufuhr und Nenvcr- sorgung besorgen die fließenden Gewässer. Jeder Regenguß, jeder Gewitter- schauer löst von den abschüssigen Bergab- hängen Felsblockc und fuhrt sie dem Bache zu, der sie ent- weder direkt oder, nachdem sie der Frost in kleine Stucke gc- sprengt hat, mit sich fortschiebt. Durch gegenseitige Reibung runden sich die Frag niente ab und verlieren zugleich immer mehr an Größe, bis sie, am Fuße der Ge- birgc angekommen, zu»ies, Sand und zum Theil zu den feinen Schlamm- theilchcn zermalmt ivorden sind, welche die Trübung der Flüsse bewirken. In- folge der allgcmei- nen Verbreitung des Regens und der Bildung vonfließen- den Wassern ist der größte Theil der Oberfläche des Fest- landcs in einer Be- wegnng nach dem Meere begriffen, in welchem sich die ein- geschwemmten Sub- stanzen zu feinem Schlamme nieder- schlagen,»m allmä- lich zu Gestein zu erhärten und im Laufe der Zeiträume von neuem über den Spiegel des Meeres, zum Theil zu hohen Gebirgen gehoben zu werden. Das Ma- terial, ans ivelchcm die.Erdkruste aus- Ein jüdischer Händler gebaut ist, befindet sich somit in einem beständigen Kreislaufe, den ihm die Bahn des Wassers vorschreibt, welches, im Meere angelangt, in Dunstform zum Gebirge zurückkehrt, um dort seine Wanderung wieder und wieder anzutreten. Wie schon erwähnt schlägt ein Theil des Wassers einen andern Weg ein. Durch feine Spalten, durch Poren des Gesteins dringt er in das Innere der Gebirge, um an deren Fuße oder in der Ebene als Quelle wieder an das Tageslicht zu treten. Auch auf dieser seiner unterirdischen Bahn liegt das Wasser erfolgreich seiner Aufgabe der Zerstörung ob und versieht sich zu diesem Zwecke mit einer neuen Waffe, indem es begierig die Kohlensäure, mit Gesteine,— selbst die dichteste Felsart kann ihm den Zutritt nicht wehren, dann be- ginnt es den Prozeß der Auflösung und Zersetzung, welchem im Laufe der Zeit fast alle Mineralsub- stanzen unterliegen. Beladen mit fremd- artigen Stoffen, setzt das Wasser seinen Weg fort, um frischen Kräften, nämlich neu eindringenden Ge- wässern, Platz zu machen, welche das begonnene Werk aufnehmen. Vor der andauernden Thä- tigkeit der niikrosko- pisch kleinen Wasser- tröpfchen verschwinden ausgedehnte Gesteinsmassen, an ihrer Stelle entstehen unterirdische Hohl- räume, an deren Erweiterung die Wasser so lange arbeiten, bis ihre Decke die auf ihnen ruhende Last nicht mehr zu tragen vermag. Dann bricht die Höhle in sich zu- sammen, Stöße er schüttern die Erd- oberfläche, der Bo- den wird von Spal- ten durchsetzt und be- ginnt sich unter erd- bebenartigenErschci- nungen zu senken. Die Mineral- wasser selbst sam- mein sich in der Tiefe an und brechen aus unterirdischen Reser- voirs als Quellen hervor. Dann ist ein Theil ihrer Aufgabe gelöst, sie haben den Gebirgen cinebcdcu- tcnde Menge ihres Materials entzogen und in ihrem Innern ebenso zerstörend gc- wirkt, wie die Bäche und Ströme an deren Oberfläche. Ihre chemische Thätigkeit erlischt, sobald sie mit atmosphärischer Luft in Berührung kommen, dann ent- lveicht ein Theil der Kohlensäure, die ent- führten Substanzen scheiden sich aus und lagern sich am Fuße Wartburg.(Seite 12.) der Gebirge oder an der Oucllcnmün- der es in Berührung kommt, aussaugt. So ausgerüstet, entfaltet| dnng, fern von ihrer ursprünglichen Heimath, ab, wo sie der zer- das Wasser im Verborgenen eine Thätigkeit, für deren Groß- störenden Einwirkung der fließenden Tagewasser verfallen und artigkeit uns jeder Maßstab fehlt, es verwandelt das Erdinnere als Schlamm, Sand und Kies dem Meere zugeführt werden. in eine Werkstatt, aus welcher die wichtigsten geologischen Er- Die Gebirgsqncllcn entledigen sich jedoch ihrer mineralischen scheinungen hervorgehen. Zuerst drängt es sich in die Poren der Last bei ihrem Austritte an die Oberfläche nicht vollständig, eine geringe Menge der aufgelösten Stoffe, namentlich kolffen saurer Kalk, bleibt gelöst und wird dem gemeinsamen Ziel aller Gewässer zugeführt. Da dies in taufenden von Strömen geschieht, so müßte der Ozean binnen kurzem zu einer gesät- tigten Lösung von doppeltkohlensaurem Kalke werden. Ties zu verhindern, wirken Millionen von Meeresbewohnern, deren Lebensaufgabe es ist, den kohlensauren Kalk, welcher aus dem Innern der Kontinente, vielleicht von den höchsten Berggipfeln stammt, wieder dem Wasser zu entziehen, als feste Substanz aus znscheiden und als Material für Gesteinsbildungen aufzuspeichern. Diese im Haushalte der Natur so wichtige Pflicht liegt namentlich den Mollusken und Korallenthieren ob. Tie Austernbänke der atlantischen Küste sind aus Kalk aufgebaut, welcher zum großen Theile aus den Alpen und andern Hochgebirgen stammen mag; die Korallenriffe des stillen Ozeans mögen ihr Material zum Theil den Cordilleren verdanken; auf der andern Seite sind diese Gebirge zum Theil wiederum nichts anderes, als über den Meeres- spiegel gehobene Bauten von Seethieren,— kurz, diese wie jene repräsentiren nur Stadien in dem Kreislaufe des Stoffes. So wenig wie eine vollkommene Nndurchdringlichkeit, existirt eine vollkommene Unzersetzbarkeit und Unauflöslichkeit irgend eines Gesteines durch Wasser. Tie sogenannten„Pseudomorphosen", d. h. Minerale in der ihnen nicht zukommenden Krystallform anderer Minerale, sind Umwandlungsprodukte ursprünglicher Ge steinskörper, wobei diese bald gewisse Bestandtheile verloren, bald solche neu aufgenommen haben, oder wobei ein Austausch ein zelner Bestandtheile, oder endlich eine vollständige Verdrängung der einen Substanz durch eine andere stattgesunden hat. Ihr Studium hat zu den wichtigsten Resultaten bezüglich der Umwandlungsprozesse im Mirndrnch geführt, hat namentlich die Löslichkeit vieler Ge steinselemente dargethan, die für den Chemiker gewöhnlich als unlöslich galten. Für letzteres sprechen namentlich diejenigen Pseudomorphosen, bei welchen das Umwandlungsprodnkt keinerlei chemische Beziehung mehr zu dem ursprünglichen Minerale besitzt. Hierher gehören die Pseudomorphosen von Brauneisenstein nach Quarz, von Zinnstein nach Feldspath, Schwefelkies nach Quarz und Rothgültigerz, Quarz nach Flußspath n. s. w. In hohem Maße kommt dem Wasser bei diesen Umwandlungen sein Gehalt an Kohlensäure zu statten und die Erfahrung lehrt, daß außer Gold und Platin kaum irgend ein in kohlensäurehaltigem Wasser absolut unlösliches oder unzey'etzbareS Mineral existirt, daß namentlich alle die Mineralien, welche einen wesentlichen Antheil an dem Ausbau der Erdrinde nehmen, dem zersehenden und lösenden Einfluß der Sickerwasser nicht widerstehen können. Ueberall tritt die Tendenz des Wassers hervor, dem Gebirgs inner» Material zu entziehen, indem es entweder die Gesteins element- direkt löst oder nach Zersetzung unlöslicher Verbindungen wenigstens einen Theil derselben entführt. Viele Mineralsubstanzen wie: Steinsalz, Kalkstein, löst es direkt, andere wandelt es vorher in lösliche um(Schwefelkies in Eisenvitriol, Kupferkies iu Kupfer und Eisenvitriol, Anchydrit in Gyps), um sie dann zu entführen, noch andere zersetzt es mittels seines Kohlensäuregehaltes und bemächtigt sich aller dann löslichen Elemente: der Alkalien, des Kalkes, des Eisenoxydules und eines TheileS der Kieselsäure der Feldspathe, so daß wenigstens eine theilweise Entführung des ursprünglichen Gesteines stattfindet. Noch mannigfaltiger ist der zersetzende und lösende Einfluß der durch solche Prozesse ent stehenden Lösungen. So wird das anscheinend allen Zersetzungen widerstehende Thonerdesilikat nicht nur in geringen Mengen von Das ältere deutsche Lied in Literarhistorische Ski Frühzeitig, entweder kurz nach oder vielleicht fast zugleich mit der Sprache, entsprang die Poesie. Ist nicht jedes Wort, jeder Gegenstandsname im Grunde genommen ein anschauliches dichterisches Bild? Besonders gehobene Stimmungen brachten den Spieltrieb, wie Schiller jene ästhetisch gestaltende Kraft deS Menschengeistes nannte, in Bewegung und es entstand— das Lied, das Lied in Wort und Weise. Denn allem Anscheine nach ist die älteste Poesie der Völker allemal zugleich Gesaug gewesen. Das Kind, welches sich einen Spaß mach: und mit einem Gegen- kieselsauren Alkalien gelöst, sondern auch von schwefelsaurem Kalke und Chlorealeium zersetzt, während Kalksilikat außer durch kohlen säurehaltige Wasser durch kohlensaure Alkalien, und Flußspath ebenfalls durch letztere in die leicht löslichen Fluoralkalien und kohlensauren Kalk umgewandelt werden. Wenn die durch Auslaugung des Gebirgsinnern entstandenen Mineralsolutionen mit atmosphärischer Luft in Berührung kommen, verdunstet ein Theil des Wassers oder der Kohlensäure und die aufgelösten Substanzen scheiden sich größtentheils aus. Zu diesem Vorgange bietet sich in Spalten, Höhlen und Trusenräumen inner- halb der Erdrinde und auf der Erdoberfläche selbst vielfach Ge- legenheit. Durch allmäliche Ausfüllung der Spalten entstehen Mineral- gänge; diese führen entweder nur Kalkspath, Quarz, Schwer- spath oder Flußspath, oder aber neben diesen, ja selbst ans- schließlich Erze, von welchen die deS Eisens, Bleies, Kupfers und Silbers die gewöhnlichsten sind. Das Auftreten von Erzen in Gangspalten ist dadurch bedingt, daß lösliche Metallsalze durch Gewässer in)eiie geführt und darin, falls sie mit gewissen pudern Substanzen zusammentreffen, als schwerlösliche Schwefelmetalle oder Metalloxyde abgeschieden werden. Tie Silieate, d. h. die Verbindungen der Kieselsäure mit Zink, Kupfer, Nickel und Silber sind in reinem, kieselsaures Blei in kohlensäurehaltigem Wasser löslich; kommen also diese Silicate in den Gebirgsgesteinen vor, so können sie durch Gewässer in Gangspalten geführt werden. Das so häufige Vorkommen von Schwefelmetalleu beruht auf der so häusig und beinahe überall vorhandenen Möglichkeit des Zu trittes Schwefelwasserstoff haltiger Gewässer, welche ihren Gehalt an dieser Schweselverbindung meist der Zersetzung schwefelsaurer Salze durch faulende organische Substanzen verdanken. Wie auf Spalten können die mit Mineralsubstanzen beladenen Gewässer auf Höhlen treffen und hier einen Theil ihrer Last absetzen. Am häufigsten ist dies der Fall mit Lösungen von doppeltkohlensaurem Kalke, aus welchen sich bei der Verdunstung des Wassers oder nach Verdrängung eines Theils der Kohlen säure durch atmosphärische Luft einfach kohlensaurer Kalk ans- scheidet. An Punkten, aus denen die Wassertropsen so langsam fallen, daß sie an der Höhlendecke hängen bleiben, bis sich ein Theil des Kalkes ausscheidet, entstehen eiszapsenartige Gebilde von Kalksinter, die Stalaktiten. An den Punkten, wo die fallenden Tropfen aiffschlagen, findet der Absatz des Restes von Kalk statt, der zur Bildung von Stalagmiten Veranlassung gibt, welche in die Höhe, den Stalaktiten entgegen wachsen, bis sie sich zuweilen mit diesen vereinen und ganze Säulen bilden. Solche Tropfsteinhöhlen sind in Kalksteingebirgen außerordentlich häufig. Seltener sind die Fälle, Ivo in Höhlen Schwefelmetalle zur Ablagerung gelangen; die großartigsten hierher gehörige» Vorkommnisse sind die Bleiglanz, Schwefelkies und Zinkblenden absähe in den Höhlen der Bleiregion am oberen Missisippi, an deren Wandungen sie nicht nur als fußdicke Krusten auftreten, sondern auch in liniendicken Lagen mit Kalksinter abwechselnd die regelmäßigsten Stalaktiten bilden, welche dann auf dem Quer bruche lauter konzentrische Ringe jener Erze und zwischen diesen solche von Kalksinter zeigen. Ebenfalls seltene Erscheinungen sind die von kristallisirten Mineralabsätzen und zwar hauptsächlich von Bergkristall ausgekleideten Höhlen im Granite, die sogenannten Kristallkeller. Sie finden sich z. B. im Granite der Alpen; besonders berühmt sind die Kristallhöhlen des Zinkenstockes im Berner Oberlande und jene des Viescher Thales und von Nater» in Oberwallis, welch' letztere Quarzkristalle von mehr als einem Meter Durchmesser geliefert hat.(Freisetzung folgt.) seiner politischen sedentung. ze von Mittig. stand auf den Tisch schlägt, wird gar bald in den Tönen einen gewissen Rhythmus hören, weiter hören wollen und wiederholt hervorbringen: das ist die erste Regung des musikalischen Ge fühls, das ist der Anfang der Musik. Aber nicht nur die augenblicklichen Empfindungen des Einzel lebens spricht das Lied aus und hält sich somit in dem engen Rahmen der speziell sogenannt lyrischen Dichtung, gar bald mischen sich epische, erzählende Züge ein. Der Sänger spricht nicht mehr nur in erster Person zu einer zweiten, etwa der Ge liebten, gewandt, sondern es werden Handlungen und Ereignisse aus dem Leben Dritter berichtet. Da entstehen die Götter und Heldenlieder und ans dieser Dichtungsgattung, so weit die Sache verfolgbar, ist bei allen Völkern— die Geschichtsschreibung entkeimt und erwachsen. Hier ist das enge Verhältnis; zwischen Poesie und Leben, die enge gegenseitige Beziehung zwischen Dich- ten und Geschehen ganz klar. Die ältesten erhaltenen Helden- sagen aller Völker, auch bei uns Deutschen, enthalten geschicht liche Erinnerungen in Hülle und Fülle, aus denen sich ans Ver- Hältnisse und Zustände altersgrauer Borzeit werthvolle Schlüsse ziehen, oft auch einzelne geschichtliche Thatsachen feststellen, be- deutende Persönlichkeiten in ihrem Charakter und in ihren Thaten erkennen lassen, der Mit- und Nachwelt zu rühmlicher Nachahmung oder als warnende Beispiele. x Auch unser deutsches Tllterthum, von dem also wir hier be- sonders reden ivollen, nahm seine poetischen Stoffe nicht nur aus dem Schatze der frei erfundenen oder ans sinniger Naturbetrach- tung erwachsenen Göttersage, sondern, wie beim einfachen lyrischen Lied, gab da volle gegenwärtige Zustand eines Volksstammes, seine Gesammtstimmung, den Anlas; zu lyrisch-epischen Gesängen, an Personen und Ereignisse der allerjüngsten Vergangenheit knüpfte die dichterische Schöpfung an, aus dem großen vollen Leben ihrer Gegenwart nahm diese ihre Stoffe. Poesie und poli tische Geschichte des Volkes traten in innige Wechselbeziehungen, sei es nun, daß dem Hörer das Vergangene nur zum Genuß vorgeführt ward, sei es, daß in ihm eine gewünschte Stimmung absichtlich und künstlich hervorgerufen oder gesteigert werden sollte, welche gegebenen Falls sich wieder in eine That umsehen konnte. So schrieb der griechische Tragödiendichter Aeschylos seine„Perser", anknüpfend an den Sieg der Hellenen über jenen asiatischen Barbarendespoten, so sang Tyrtäus den gegen die Messenier zu Felde ziehenden Spartanern seine mnthentflammen den Marsch- und Schlachtlieder, so benutzte der weise Solon sein Dichtertalcnt, um unter dein Deckmantel erheuchelten Wahnsinns die in träger Ruhe sich verliegcnden Athener durch seine Ode über die Insel Salamis vorwärts zu treibe» auf dem Wege, der sie später an die Spitze von ganz Griechenland führen sollte. Die Geschichte aller Literaturen gibt zahlreiche Beispiele, wie die Poesie den politischen Ereignissen vorausgeht, gleichwie nach der hebräischen Sage, der Herr in einer Feuersäule vor dem Volke Israel ans seinem kriegerischen Zuge einher wandelte. Lieder und Thaten der Völker gehen bald gleichzeitig neben- einander her, bald rufen die einen die anderen hervor, bald sind die einen den anderen gefolgt. Diese geschichtlichen oder poli tischen Lieder, ivelche wir speziell betrachten wollen, entstehen innerhalb des Laufes der Ereignisse, gewissermaßen selbst ein Stück Geschichte, sie sind selbst eine Seite des lebendigen Drei bciis, welches sich in ihnen abspiegelt. Sagen wir es kurz und gut, was diese politischen oder gc schichtlichen Lieder sind und bedeuten: sie entsprechen vollkommen unserer heutigen Presse im Wesen, in Aufgaben und Zielen. Für die große Ocffentlichkeit gedichtet und gesungen, sollen sie auf die Menge, oder wie es gelehrter heißt, auf das Publikum einwirken. Zunächst schaffen sie diesem Kenntniß von wichtigen Ereignissen und Thaten, dann bezwecken sie die Erregung von freundlicher Theilnahme für glückliche Ereignisse, für geachtete und schätzcnswerthc Personen, oder von Mitleid mit schweren Unglücksschlägen, sowie von Entrüstung und Mißbilligung gegen verwerfliche Charaktere und gcmeinfäyrliche Menschen. Ist ja das ganze Zeitungswesen unserer Tage, welches ganz genau die selben. Funktionen hat, auch aus diesen poetischen Kundgebungen der öffentlichen Meinung entstanden, die uns in der Zeit des Druckes als„fliegende Blätter", als„Newe Zittungen"(Nene Zeitungen» entgegentreten! Die Dichtung als der Mund der öffentlichen Meinung wird uns am klarsten, wenn tvir die politischen Volkslieder betrachten, bei denen gar oft ein Verfasser nicht feststellbar ist, die vielleicht oft das Resultat gemeinsamen Dichtens, von„Kollektivarbeit", sind und dann folgerichtig die allgemein herrschenden Anschan ungen am wahrsten zum Ausdruck bringen. Es kann nun nicht unsere Ausgabe sein, mit historischer Genauigkeit eine vollständige Geschichte des politischen Liedes der Deutschen zu geben: wir ivollen nur die wichtigsten Erscheinungen dieses Gebietes aus heben und an ihnen die Bedeutsamkeit dieser Kunstschöpftingen für das wirkliche Leben des Volkes aufzeigen. Was die ältesten, der Forschung zugänglichen Zeiten der deutschen Geschichte anlangt, so gilt es zunächst einen Jrrthnm zu berichtigen, der, lange Jahre geglaubt, vielleicht heute noch hier und da lebendig ist. Es ist nämlich festzustellen, daß man mit Unrecht im vorigen Jahrhundert, als man für deutsches Alterthum liebevollen Antheil und warmes Interesse an den Tag zu legen begann, seitens Klopstocks und der politisch gesinnungs- verwandten Männer, von einer Sängerkaste der Barden geredet und gesungen hat, die man als Parallelen zu den nordischen Skalden anzunehmen sich berechtigt glaubte, ja sogar in deren inuthmaßlicher Art und Weise dichtete. Die sogenannten Bar bieten, Bardenlieder, sind jedoch ein Hirngespinnst, welchem jede historische Beglaubigung fehlt. Wort und Sache hat man in dem Wort Barritus in des Tacitus Germania erkennen wollen, in einem Buche, in welchem der Römer Wohnort, Eigenschaften, Sitten und Gebräuche des naturwüchsigen Volkes der Deutschen schilderte und mit dieser ethnographischen Skizze eines gesunden kräftigen Menschenschlages nach Art Rousseaus den naivsn Natur- menschen als Gegensatz und Vorbild für seine an Hypcrkultnr leidenden Landsleute aufstellte. Daraus aber, und aus wenigen weiteren kurzen Notizen eine altdeutsche Sängerkaste zu kvu struireu, war sicher eine irrige Uebertreibnng. Jedenfalls aber kann diesen Gesängen, von welchem Tacitus berichtet und die bei Beginn der Schlachten von den Germanen gesungen zu werden Pflegten, ihr hochpolitischer Charakter nicht abgesprochen werden; hier trat die Poesie ans der Sphäre der bloßen Empsindnng heraus und begeisterte die Singenden selbst zu höchster politischer Kraitbethätigung, zur Erhebung des be- wehrten Armes im blutigen Kampfe der Feldschlacht. lieber Form und Inhalt dieser Lieder ist freilich nichts weiter bekannt, als daß in ihnen die heidnischen Gottheiten und Stammes- Helden unserer Altvorderen gefeiert wurden. Tacitus sagt hier- über: sie feierten den Tuisco und Mannus in Liedern, welche bei ihnen die einzige Art geschichtlicher Ueberliefernngen sind. Anders ward es, als das Christenthnm, die Religion der Liebe, den streitlustigen, schwertgewandtcn Germanen durch List und Jntrigne, oder auch mit F uer und Schwert gepredigt und aufgedrungen wurde. Das Verkünden des Reiches, welches nicht von dieser Welt ist, dämpfte einigermaßen die urgermanische Streit und Thatenlnst, zugleich aber auch Thatkraft, und trug nicht wenig dazu bei, die Einzelnen zu nöthigen, sich in ihr In neres zurückzuziehen und ihnen das Bewußtsein ihrer Rechte und Pflichten in der freien Gemeinde vergessen zu machen, wenig- stens so weit selbständiges politisches Handeln in Betracht kam. Diese ganze Tendenz war natürlich eine dem alten politischen Liede feindliche, welche sich von Anfang an in Verfolgung und Unterdrückung desselben seitens der Geistlichkeit bethätigte und unter Ludwig dem„Frommen" sich auch den„weltlichen" Arm zu dieser Art„Kulturkampf" dienstbar machte, wie zahlreiche Capitnlarien und allerlei Verordnungen beweisen. Ganz ent bchren konnte man das Lied seines zum Theil'ja auch gottes dienstlichen Charakters wegen freilich nicht; ja, auch seine poli tische Verwendbarkeit leuchtete den Herren vom Räncherfaß und der Tonsur ein und im gegebenen Falle bedienten sie sich dieses gewaltigen Hilfsmittels zur Begeisterung der Massen, um ihre Sonderzwecke zu erreichen, recht gern. In der folgenden Epoche tritt uns auch der Klerus als Hauptträger der Dichtung entgegen, die in der ganzen Haupt fache freilich, soweit sie erhalten ist, dürr und öde genug aus- sieht und im wesentlichen nur Taufformeln und Abschwörungen des heidnischen Aberglaubens, Gebete, Predigten, Glaubens- bckenntnissc und dergleichen aufweist. Allerdings war der Volks gesang nicht ganz auszurotten, ja die Kleriker selbst dichteten und sangen weltliche, sogar Liebesliedcr, aber die schriftliche Ueberlieferung war schon leichter zu unterdrücken seitens der geistlichen Gcnsdarmcrie. Auch in der weltlich-politischen Poesie trieb der kirchliche Zug der Zeit sein Spiel. So heißt es ini Lndwigslied, welches den Sieg des australischen Königs Lud wig lil. über die heidnischen Normannen in der Schlacht bei Soucourt(881) feiert, der König habe die Schlachtfahne erhoben, Schild und Speer genommen und weiter heißt es: Thee kuuinc reit kuono sanc lioth frono ioh alla sarnan suugon kyric eleison! (Der König ritt kühn voran, fang ein heiliges Lied und alle zu- samnien sangen: Kyrie eleison, d. i. Herr erbarme dich!). In diesem Kyrie eleison haben wir ein griechisches Anhängsel 8 des römischen Kirchcnthums, welches sehr häusig den Kehrreim, den Refrain von Liedern bildet. Von geringerer politischer Bedemung, höchstens als(allerdings vorsichtig zu benutzende) Quellen kommen die Gedichte zeit- geschichtlichen Inhalts in Betracht, in Ivelchcn Kleriker die Thaten der Könige und Kaiser meist in lateinischen Versen zu�mmen- schrieben und natürlich nur Gutes berichteten, da ihnen das „Spotten" ausdrücklich verboten war, daher gehören der Lob- gesang der Gandersheimer Nonne Hroswitha ans Otto I., das ebenso wie das genannte lateinisch geschriebene Loblied ans die drei Ottonen, das Lied Wipgus, des Kaplans Heinrich III., das sich ausdrücklich einen Pancgprikus*) auf diese Kaiser nennt, und andere mehr. Ferner das vielbcrühmte Annolied, jener Lob- gesang auf den Erzbischof von Köln, den heiligen Anno, welches Martin Opitz(1597—1639) entdeckte und zuerst drucken ließ. Inhaltlich entspricht das seinem Titel nur wenig, da es zum größten Theil eine poetische Weltgeschichte von heidnischen und christlichen Königen und ihren Abenteuern ist. Auch die Kaiser- chronik zählt zu dieser Gattung; sie berichtet ganz konfus über römische Kaiser von Cäsar bis auf Konrad III., wobei darauf hingewiesen sei, daß die ganze deutsche Kaiserhcrrlichkcit ja eine Fortsetzung des röniischen Jmperatorcnthums sein sollte. Eine neue Wendung trat ein, als das ausgebildete Ritter- thum den Poesiebetrieb dem Klerus abnahm. In dieser wie in der folgenden Zeit hat natürlich die Ader des Volksgesanges, obgleich mannichfach beschränkt und unterbunden, kräftig fortpnl- sirt, nur fehlen uns hier Denkmäler, da diese Lieder ja lebendig von Mund zu Mund sich fortpflanzten und nicht in den ge- schriebenen Buchstaben eingekapselt auf dem Papier oder Pergament. *) Eben so viel wie„Lobgesang". Das Ritterthum durch das Lehnswesen mit den deutschen Königen eng verbunden, erlebte eine reiche politische Geschichte thätig mit und an Stoffen war kein Mangel. Außerdem sah sich nach den starren Gesetzen der Logik der Thatsachen die Kirche, die eine Macht geworden war, auch genöthigt,„von dieser Welt zu werden." Die Ritter wurden in den jetzt beginnenden Kampf der zwei Schwerter, der römischen Kirche und des deutschen Kö- nigthums, hereingezogen, sie wurden in der Welt umhergeworfen in diesem Drängen und Treiben politischer Kraftbethätigung. Als höchste Blüthe der neuen Erscheinungen dieses Zeitraumes brauchen wir nur die Kreuzzüge zu nennen, welche den Deutschen den Orient verschlossen, dieses Amerika des Mittelalters,>vie man ihn treffend genannt hat. Aber nicht großartige geschicht- lich politische Lieder sind es, die uns hier entgegentöncn und hauptsächlich den Glanz jener Dichtungscpoche ausmachen; außer den Kreuzliedern und gegen oder für Kaiser und hohe Reichsfürsten gesungenen Liedern war es die Minnepoesie*), in der diese Haudegennaturen schwelgten und ausruhten von den Anstrengungen beschwerlicher Feldzüge und blutiger Schlachten. Der wacker dreinschlagende Michel sang schon damals in deni Tone:„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,,, und dem, der thatenftcudige politische Lieder fordert, kann wohl ein hartes Wort wie„Schmachtlappen" dem Gehege der Zähne entfahren, wenn er sieht, wie die sentimentalen Minncthorei� vor ihren Damen seufzen und winseln, wenn er etwa gar liest, wie der Typus dieses Süßholzrasplerthums, Ulrich von Lichtensteiii— das gebrauchte Waschwasser seiner Herzdame mit Entzücken hin- untersäuft. (Fortsetzung folgt.) *) Minne— Liebe. H a»l b>l r g. Von W. Mtos. Wer es je gesehen, das stolze Hamburg mit seinen hoch- ragenden Thürmen und mit dem unendlichen Mastenwald seines Hafens, mit seinen ungeheuren Waarenmassen und seinem Welt- verkehr, mit seinen mittelalterlich verlvorrcnen Straßen und seinen sich kreuzenden Kanälen, mit seinen finsteren Masscnqnartieren und seinen aristokratisch-eleganten Vororten, der wird sich dem Eindruck des Großartigen und Gewaltigen nicht verschließen können. In der That, hier athmet man so zu sagen Wcltluft; nian sieht, daß eine der riesigen Hauptadcrn des Weltverkehrs bloß- gelegt ist und man fühlt deren Pulsschlag. Die Rcichthümcr aller Zonen begegnen hier dem erstaunten Blick und die Eigen- thümlichkeiten aller Völker kommen zur Geltung. Ter Vermehr, die Ankunft und Abfahrt der Seeschiffe würfeln täglich die Pro- dnkte und die Menschen der alten und neuen Welt durcheinander. Von dieser großartigen Stadt hört man rühmen, daß ihr Handel fast eben so umfangreich sei, wie der von ganz Spanien, und der Schäker Heinrich Heine war von ihrer Großartigkeit so sehr eingenommen, daß er sich Hammonia nur als„hochbusiges Frauen- zimnier" vorzustellen vermochte, deren Gliedmaßen er mit dori- scheu Säulen verglich. Der alte Bund der meerbchcrrschenden Hansa, dessen festesten Eckstein die stolze Hammonia einst bildete— wie lange schon ist er in Trümmer gefallen! Es ist lange Zeit vergangen, seitdem seine Heere und seine Flotten die nordischen Könige vor sich herscheuchten. Die mächtigen Städte an Nord- und Ostsee, deren Ruf einst durch die Welt drang und deren demokratische Bürgerschaft einst den gefährlichen Kampf gegen das gefährliche mittelalterliche Raubritterthum furchtlos aufnahm— was sind sie geworden? Das einst so hochberühmte Lübeck ist heute ein Handelsplatz dritten, das alte Bremen einer zweiten Ranges und Stralsund, Wismar, Rostock sind zu Provinzialstädten geworden, die man durchaus nicht in den ersten Rang derselben einreiht. Nur Hamburg ist nicht rückwärts gegangen, sondern zu größerer Blüthe und Machtfüile aufgestiegen, als es früher je aufzuweisen hatte. Mit der ganzen Zeitentwickclnng hat Hamburg immer Schritt halten können— durch sein Glück. Glück hatte Hamburg gegenüber seiner Nebenbuhlerin, der Stadt Bardavieck, die südlich von Hamburg— heute an der Uelzener Bahn— liegt. Bardavieck ist heute ein Ort von 1600 Einwohnern ohne alle Bedeutung. Der öde Flecken am Rande der Lüncburger Haide läßt den Beschauer nichts von entschwnn- dcncr Größe ahnen und nur der große alte Kirchthnrm mit seinem„bemoosten Haupt" erscheint als ein stummer Zeuge vcr- gangener Macht. Es ist auch lange her, seit Bardavieck's Größe iind Reichtum im Blut und in den Flammen des Krieges unter- ging. Bardavieck soll die älteste Stadt Norddeutschlands sein imd erfreute sich der besonderen Gunst Karls des„Großen", der ihr einen Bischofssitz zuwies und dadurch die Grundlage seiner Bedeutung schuf. Er machte aus ihr den Hanptplatz für den Handel und Verkehr mit den skandinavischen Ländern und Bar- davicck ward eine gar blühende und kriegsgewaltige Stadt. Sic beherrschte den Norden. Aber ihr Stolz brachte ihr Verderben. Als Heinrich der Löwe, der wilde Braunschwciger, den Friedrich „Barbarossa" in die Rcichsacht erklärt hatte, vor Bardavieck Einlaß verlangte, schlug man ihm die Thore vor der Nase zu und verhöhnte ihn von den Wällen herab. Furchtbar entbrannte des Braunschweigers Zorn und er schwor, die Stadt zu zerstören. Die trotzigen Bürger von Bardavieck vcrthcidigten todesmuthig die Zinnen ihrer Äcste. Aber der wilde Braunschwciger nahm sie 1189 mit Sturm und seine Schaarcn hausten darin mit Mord und Brand. Die Stadt wurde bis aus den Dom zerstört, wo heute noch die Inschrift„vestigia leonis" von dem furchtbaren Wüthen des Braunschweiger„Löwen" zeugt. Bardavieck konnte nie wieder zur Bedeutung gelangen. Zu Hamburg steht heute noch ein altcrthümliches Gebäude, das Zippelhaus genannt, in welchem die geflüchteten Bardavieckcr Bürger aufgenommen worden sein sollen. In jenem Hause fanden die Bardavieckcr, wenn sie nach Hamburg zum Markte kamen, von Alters her unentgeltlich Unterkunft. Diese Gast frcnndschaft kam den Hamburgern nicht zu thcner zu stehen, denn nachdem Bardavieck der ftirchtbaren Rache Heinrichs erlegen, ging sein Handel und seine ganze Bedeutung überhaupt auf Hamburg über, das rasch aufzublühen begann und bald unter den Städten des Nordens der mächtigsten und berühmtesten eine war. Seine Schiffe beherrschten die nordischen Meere und waren gefürchtet weit umher, was alles vielleicht nicht gekommen wäre, wenn nicht der Zorn des Braunschweiger Löwen die Nebenbuhlerin am Saum der Lüneburger Haide dem Erdboden gleich gemacht hätte. Von der Brandstätte, wo ehemals Bardavieck sich aus- , dehnte, schafften die Hamburger die soliden Quadersteine herbei, die vordem als Grundlage zu Thurm und Wall gedient hatten. Sie erbauten aus diesen Quadern feste Hasen- und Ringmauern, innerhalb deren sich nun das großartige Gemeinwesen entwickelte, das bald über die Ringmauer und Gräben hinaus wuchs. Bon all den mittelalterlichen Befestigungsbauten, welche die stete Kriegsbereitschaft einer Hansestadt nothwendig machte, ist heute allerdings wenig mehr zu sehen. Naht man auf einem Elbdampfer oder in sausendem Zug über die Elbbrücke vom be- nachbarten Harburg herüber, so sieht mau völlig eine moderne Stadt vor sich liegen. Hochragende Thürme— es sind die hoch- sten in Europa darunter— und bald weit ausgedehnte, bald eng zusammengedrängte Häusermassen werden dich weniger intcr- essire», als der Hafen mit seinem dichten Wald von Masten. Ist man auf dem Dampfboot gekommen, so steigt man im Hafen an der Landungsbrücke aus, das gegenüberliegende Ufer gehört zu der Insel Steinwärder, die eine Seite des Hafens bildet. Sie ist mit vielen Fabriken bedeckt und kleine Böte führe» die Arbeiter hinüber und herüber. Dort steht auch das Etablisse- ment der Gebrüder Ohlendorfs, welche hier eine Guanofabrik und in Berlin die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" besitzen. Weit über den Hafen empor ragt der„Stintsang", eine mit Bäumen schön besetzte Anhöhe, von welcher die Mündungen dreier riesiger Geschütze auf den Hafcnpassagicr herabgähnen. Ist hier Belagerungszustand?— Doch nein, die Geschützkolosse stammen augenscheinlich aus dem vorigen Jahrhundert und machen viel Lärm, aber wenig Schaden. Bei Gefahr infolge steigenden Wassers feuert man sie ab, um ein Warnungsfignal zu geben. Vom„Stintfang" herab blickt man auf das bunte und wechselnde Leben am Hafen. Vor demselben etwas nach rechts hin liegen die riesigen Dampfer, die den Verkehr mit Amerika vermitteln und von denen einige schon in 11— 13 Tagen von Hamburg nach New- Aork gefahren sind. Sie haben alle eine gute Lunge, d. h. ihre Maschinen sind kolossal und wenn solch ein Ungethüm sich vorwärts bewegt, pustet und schnaubt es wie ein Lcviathan. Armselig sehen dagegen die Segelschiffe aus, die sich schwer und unbehilflich bewegen. Sie liegen zu Hunderten da vor den verschiedenen Quais, tragen Namen aus allen Spra- che» und sind mit Wimpeln und Flaggen aller seefahrenden Nationen behängt. Am Hafen wird immer gearbeitet; ein geschäftiges Menschen- gewühl, summend und brausend wie ein Bienenschwarm. Da ist soeben ein Schiff mit englischen Kohlen angekommen und so- fort wird es von den„Kohlenjumpers", den Kohlen-Ausladern, die in Böten angefahren kommen, zu dutzendcn erklettert. Die Kohlen werden in die Böte herabgeschafft und ans Land gebracht, was mit großer Geschwindigkeit vor sich geht. Diese„Kohlen- jumper" genannten Arbeiter halten sehr fest zusammen und pfleg- ten früher sämmtlich die Arbeit einzustellen, sobald einer nur um einen Groschen billiger arbeitete, als die mit den Kohlenhändlern vereinbarten Lohnsätze betrugen. Die schlechte Geschäftszeit wird diese Disziplin gelockert haben. Weiterhin beinerkt man eine Anzahl von Matrosen das Tau- werk ihrer Schiffe ordnen und vernimmt dabei ihren eintönigen Gesang, der einen schwermüthigcn Eindruck macht. Wer das Seewesen nur aus Romanen kennt, muß finden, daß dieser Gesang ihm einen Thcil der Poesie raubt, mit dem die Poeten es umwoben haben. Was hat zudem der Mensch vom Leben, der sich drei Viertel desselben der stürmischen See anvertrauen muß, der da lebt ohne öffentliches Leben, ohne Verkehr außer dem nur der Schiffsgenossen, ohne trauliches Heini und mit dem falschen und tückischen Element unter sich? Man gcräth in Gedanken und indem man sich darüber besinnt, wie man dies doch ändern könne, und dabei zu keinem Resultat kommt, wandert man weiter durch das Menschengewühl, das geschäftig an uns vorbciwogt und sich nicht um unsere Grübeleien kümmert. Tic Wirklichkeit drängt sich uns bald auf. Man läßt sich übersetzen und gelaugt nach den Quais, wo die Waaren, die Schätze fremder Zonen, ausgeladen und mittels gewaltiger Kräh neu in die offenen Lagerhallen spedirt werden. Hier sieht man den Reichthum zweier Welten und es erfaßt einen mächtig, wie man die gewaltigsten Lasten von den gigantischen Hebelarmen des Krahnes getragen leicht ans Land schweben sieht. Wir haben es doch weit gebracht, würde der gute Stammvater Adam sagen, der es blos bis zu einem Feigenblatt brachte. Hier speit der Freihafen, der vom Zollverein cingcschloffcne, aus, was auf allen Meeren ihm zugeschwommen ist. Hier pulsirt der Welthandel. Die Waarenmassen werden von hier, soweit sie nicht sofort weiter zu befördern sind, in die Magazine der Speicher geschafft. Der Transport dahin geschieht theils zu Wagen, größtentheils aber auf den sogenannten„Fleets". Die„Fleets" sind jene Kanäle, ivelche die Altstadt Hamburgs, den Hauptsitz des Handels durchschneiden. An Schlamm sind sie nicht arm und über ihre Ausdünstung hat sich der Spötter Heine mehr als einmal lustig gemacht. Und doch sind diese„Fleets", so schmutzig sie aussehen, für den hamburgischen Handel ungemein wichtig. Sie befördern mit wenig Kosten auf ihrem Rücken die schwersten Lasten in die Magazine. Tie letzteren, Speicher genannt, sind meistens so gebaut, daß ihre Rückseite an das„Fleet" anstößt, sodaß die Waaren gleich aus dem Fleetfahrzeug hereinbefördert werden können. Diese Fahrzeuge nennt man„Ewer" und die Arbeiter, die sich auf denselben befinden,„Ewerführer". Diese bilden ein beson- deres, abgeschlossenes Gewerk. Man kann sich leicht denken, daß die Fleets namentlich bei noch mangelhasten Transportmitteln, schon wahre Goldgruben für die Kaufmannschaft gewesen sind. Vom Quai aus kann man sich zeigen lassen, wo der kleine Grasbrook liegt, der Ort, wo der kühne Seeräuber Klaas Störtcbecker hingerichtet worden ist mit vielen seiner Genossen, nachdem ihn die Hamburger Anno 1407 bei Helgoland gefangen hatten. Der Henker watete bis an die Knöchel im Blute und die Hamburger Schönen weinten bitterlich, denn der Störtcbecker war ein Mannesbild gar kühn und trutziglich, wenn er auch nur Seeräuber war. Kolosse von Schiffen ankern hier, die dem großen Rheder Godeffroy gehören. An ihm kann man sehen, wie weites ein Hamburger bringen kann, denn er ist der souveräne Beherrscher einiger Samoa-Jnseln in der Südsee, die er kraft seiner Schiffs- kanonen hat besetzen lassen. Dort ist er Souverän, in Hamburg ist er Staatsbürger. Was man sonst hört von jenen Samoa Inseln, lautet nicht gerade günstig. Zwar hat das Haus Godcs froy einen schönen, großen, dem Publikum zugänglichen Park in Hamburg angelegt und für Errichtung eines naturhistorischen 1 Museums eigene Gelehrte angestellt. Aber den Bewohnern der! Samoa-Jnseln soll die Zeit, da sie das Haus Godcffrop noch � nicht kannten, angenehmer gewesen sein, als die gegenivärtige. Wir können ihnen dies auch gar nicht verdenken. Die Kontrakte, die sie eingehen müssen, sollen nicht geeignet sein, einem Menschen das„irdische Jammerthal" besonders angenehm zu machen, und wenn man sieht, zu welchen Spottpreisen die Kokusuüsse in Ham- bürg auf der Straße verkauft und wie massenhaft sie zum Ocl pressen verwendet werden, so kann man sich wohl denken, daß die Eingeborenen der Samoa-Jnseln mit der Produktion dieser Waare— soweit sie ihnen zusteht und nicht ans Rechnung des „Staats" Godeffroy betrieben wird— keine Schätze sammeln werden. Beim Durchschreiten der Straßen Hamburgs fällt auf, daß die Bauart nicht überall gleich ist und zwar tritt die scharfe Trennung in Gebäude alten und neuen Stils besonders hervor. Es gibt durchschnittlich nur ganz alte und ganz neue Häuser. Diese Erscheinung erklärt sich als eine Folge des großen und furchtbaren Brandes, der am 5. bis 8. Mai 1842 in Hamburg wüthete und einen sehr großen Thcil der Stadt in Asche legte. An Stelle der eingeäscherten alten Straßen entstanden neue Straßen in modernem Stil; die andern alten Gebäude, die wie alles Alte in Hamburg sehr dauerhaft sind, blieben stehen und so entstand die Mischung des Stils. Die alten Häuser sehen unschön aus und machen keinen so günstigen Eindruck, wie die alten Bauwerke Nürnbergs, sie sind auch unbequem gebaut. Sie fallen dadurch auf, daß die Fnyade jedes Stockwerks fast nur aus Fenstern besteht, die so eng an einander schließen, daß die Zwischenwand wegfällt. Tie Vorderwand ist also eine Feiistcr- und Glaswand. Die Fenster öffnen sich alle nach außen, was alljährlich den Tod verschiedener Dienstboten beim Fensterputzen erfordert. Die Kellerwohnungen sind ungemein zahlreich; von den Restaurationen werden vielleicht 30 Prozent im Keller bc- trieben und mögen auch 5—7 Prozent der städtischen Bevölkerung, „aus freier Hand" geschätzt, im Keller wohnen. Die Kellerein- gänge sind oft sehr vorspringend gebaut und beeinträchtigen das Trottoir so mancher Straße. Das Wohnungswesen liegt überhaupt sehr im Argen, was nicht zum geringsten Thcil daher kommt, daß durch die Gesetzgebung die Hauswirthe bedeutend bevorzugt sind. Tie Miethen sind enorm, trotzdem in den sre- quentesten Straßen die Häuser eng, unbequem und dumpfig sind und in Bezug auf Abfllhrwesen dort Zustände herrschen, die man in anderen Städten kaum glaublich finden würde. E» gibt in Hamburg keine einzelnen Senkgruben, sondern das Abführwesen beruht aus einer Siel-Einrichtung. Dieselbe hat ihre großen Nachtheile, so lange die Hauswirthe nicht gesetzlich verpflichtet sind, die nöthigen Reinigungseinrichtungen zu treffen. Das ist nicht geschehen und so dauert der alte Schlendrian fort. In den neuen Straßen und in den Vororten ist es besser. Die Kaufmannschaft wohnt zum großen Theil in den schönen Villen der Vororte, während sich die Comptoirs und Magazine in den öden und traurigen Gebäuden der Altstadt befinden. Die dunkelste Schattenseite des hamburgischen Wohnungswesens bilden die„Gänge", jene kleinen Straßen, die oft so enge sind, daß man mit ausgestreckten Armen die Häuser rechts und links zugleich berühren kann. Diese Gängeviertel gereichen der stolzen Hansestadt nicht zum Ruhme. Die Sonne scheint in viele dieser „Gänge" nicht hinein und doch müssen tausende von Kindern darin aufwachsen, taufende von Menschen fast ihr ganzes Leben darin hinbringen. In den engen schmutzigen Häusern klettert man oft wie auf Hühncrstiegcn die Treppen hinauf und muß sich an ein abgegriffenes Seil, das als Treppengeländer dient, halten, um nur emporzukommen. Die Prostitution und manche andere Laster haben in einigen dieser Straßen ihren Sitz aufgeschlagen; in den meisten aber wohnen fleißige Arbeiter und verarmende kleine Gewerbetreibende, die der billigen Micthe wegen sich in die„Gängeviertel" verbannt haben. Wie Häringe sind die Men- schen auf einander gepackt und der anständigste Mensch kann es oft nicht vermeiden, daß die Prostitution das gleiche Haus be- völkert, wie er und seine Familie. Wir haben schon oft von Fremden sagen hören, daß Hamburg, was seine trübseligen, düstern und ungesunden Massenquartiere anbetrifft, allerdings „Klein-London" sei. Während du durch die Straßen schweifst, kommt dir ein Leichenzug entgegen. Hinter dem Sarge schreiten ernst eine An- zahl Männer in mittelalterlicher Tracht: schwarzes Barett, große luciße, sorgfältig gefältelte Teller-Halskrause, spanischer Btantel und enge Beinkleider. Hinter ihnen kommen erst die Lcidtragen- den in Droschken. Die Mittelalterlichen sind eine hamburgische Spezialität; die Hamburger wollen nun einmal ohne Mittelalter- lichen Aufzug nicht begraben sein. Wenn nian Geld hat, kann man auch Leichenträger mit Degen haben, die ebenso für den Leichenzug am schönsten, wie die hölzernen Särge für den Todten am gesündesten sind. Aber laß die Todten ruhen und sieh dir lieber das rosige junge Geschöpf mit der weißen Haube und den entblößten Armen an. Das ist eine Hamburger„Kölsch"(Köchin) in ihrer National- tracht, nämlich weißer Haube oder„Mütze" und hellem Kattunkleid, das etwas kurz ist, um die schneeiveißen Strümpfe sehen zn lassen, die am Fuß mit niedlichen Pantoffeln verschwistert sind und auf welche die„Köksch" ganz besonders stolz ist. Ein gellender Schrei:„A— a� a— al!" der plötzlich an dein Ohr schlägt, läßt dich die, Köksch" vergessen; du siehst dich erschreckt um und stehst vor einer Fischfrau, die ihre Waare ausruft. Sie hat zwei Körbe an einer Tragstange über die breiten Schultern gelegt und schreitet mit hochgeschürzten Gewändern gravitätisch dahin.„Frischen Schellfisch— A— a— a— al!" klingt es noch in deinem Ohr, als plötzlich ein ohrzcrrcißendes Geschrei sich in deiner Nähe erhebt und sofort eine Anzahl Menschen sich ansam- mclt. Du kannst nicht verstehen, was da so laut geschrien wird; du eilst aber dahin, wo sich das Volk zusammendrängt und stehst vor einem Wagen, der je nach Umständen mit Apfelsinen, Ananas, Kirschen, Hummern, Kokosnüssen. Aepfeln, Thonwaaren, Kalendern, alten Büchern oder Hosenträgern und Schlipsen be- laden ist. Tu merkst erst jetzt, daß der Stentor, der so viel Lärm macht, seine Waare und deren Preis öffentlich ausruft. Das sind eben hamburgische Eigcnthümlichkeiten, zu denen auch die drallen Vierländerinnen mit ihren kurzen Röcken und merk- würdigen Strohhüten gehören. Im übrigen bieten die Straßen das Gewühl einer jeden großen Stadt mit Pferdebahnwagen und Die Dampfkessel der Zukunft. Die in unserm Zeitalter mehr und mehr zur Weltbefreierin heran- reisende Technik bringt zuweilen Erscheinungen hervor, welche in größerem Maße, als dies in der Regel bei technischen Erzeugnissen der Fall ist, die Ansiiicrksamkcit auch des außerhalb der eigentlichen Fach, und Omnibussen und du magst noch ab und zu wieder öon einem ausgelassenen Matrosen angerempelt werden, der vielleicht fünf- zehn Monate zur See geivcsen und jetzt„austreten" will. Diese „Austretenden" sind gewöhnlich � keine angenehme Erscheinung, und es kommt noch hinzu, daß ihnen von schlauen„Damen", die auf das„Austoben" spekuliren, die ganze mühsam verdiente Baarschaft in einer tollen Nacht aus der Tasche gelockt wird. Das ist ein Geivühl, ein Lärm, ein Schreien und Drängen, ein Rennen und Stoßen. Da wird es dir zu eng in den duinpfi gen und schniutzigen Straßen und du schnappst nach ftischer Luft. Nachdem du dir die öffentlichen Gebäude, die kein besonderes Interesse haben, ausgenommen vielleicht das JohauneuM, die bedeutendste hamburgische Lehranstalt, und die Börse, die helleren Theile der Stadt augesehen, gelangst du an das User der Alst er und athmest freier. Du trittst auf den Jungfernstieg, der die Alster entlang führt und es weht kühler um deine Stirne; die Alster sendet dir einen erfrischenden Hauch. Die Alster besteht aus zivei Bassins, der kleineren Binnen- und der größeren Außenalster. Die zwei Bassins werden ge trennt durch die Lombardsbrücke, ein solides Bauwerk, über welches auch die Verbindungsbahn zwischen Hamburg und Altona führt. Der schöne, klare Wasserspiegel der Alster bietet mit seiner Umgebung einen Anblick, den man nicht so leicht vergißt. Die Biimen-Alster ist von den prächtigen Gebäuden des Jungfern- stiegs und der anstoßenden Straßen umgeben. Die Wege, die rings um das Bassin führen, sind zu schönen, schattigen Alleen umgeschaffen worden. Die Außenalster ist auf der einen Seite der Stadt, auf der anderen Seite von den Vororten umgeben und der Blick verläuft in der Ferne in grünen Wiesen oder kleinem Gehölz, zwischen dem die modernen Villen einzeln her vorschimmern. Die Vororte sind ein Geniisch von Häusern und Gärten. Auf den beiden Alster-Bassins selbst schießen pfeilschnell jene kleinen Dampfer hin und her, welche den Verkehr zwischen der Stadt und den Vororten vermitteln. Sie treiben die Schaaren der Schwäne vor sich her, die majestätisch das Wasser zu durch furchen pflegen. Ist das Wetter günstig, so wimmelt, namentlich am Sonntag, die Alfter von Ruder- und Segelbötcn, was von der Lombardbrücke herab einen eigcuthümlich anziehenden Anblick gewährt. Man sieht die langen, schlanken Böte dahinschießen, die von ruderfreudiger Jugend in eigens diesem Fall angepaßten Kostüm besetzt sind. Männlein und Weiblein pflegen da der> lustigen Wasserfahrt. Willst du dich nach historischen Orten umsehen, so gehe nach l Wandsbeck hinaus, wo der lustige Dicher Claudius gehaust hat; auf seinem Denkstein findest du seinen Ranzen abgebildet. In der Königstraße zu Hamburg siehst du eine Gedenktafel; dort hat Klopstock, der Dichter des großen Epos„Messias" gewohnt. Er liegt auf dem Kirchhofe in Ottensen begraben und auf dem Stein, unter dem er schlummert, zählen jetzt die Marktweiber ihre Eier ab, denn die Zollgrenze läuft— prosaisches 19. Jahrhundert!— gleich neben dem Grabstein durch. Die hamburgischen Poeten werden dich sonst wenig intcressiren, am wenigsten der alte ernst- hafte Brockes, der zwölf Gesänge:„Irdisches Vergnügen in Gott!" verfaßt hat. Laß die Poeten gehen und wende dich lieber zu der interessanten Gegenwart. Hast du noch nicht die Gaben des Meeres genossen, du kannst sie so billig haben, wie nirgends, denn sie kosten keinen Zoll, und schmecken dir besser als die alten Poeten. So sieht die Weltstadt aus, wenn du ihre Straßen durch missest. Es berührt dich der bunte Wechsel der Verhältnisse wie überall, wo so viele Menschen beisammen wohnen. Du wirst finden, daß der Spötter Heine Recht gehabt hat, als er über„Schcllfischseelenduft" klagte, da er in seinem engen Kramladen saß, den ihm sein Oheim am Graskcllcr 139 ein- gerichtet hatte. Es ist wahr; hier erscheint der Handel und der Weltverkehr groß, gewaltig und imponirend, aber es tritt auch alles andere vor ihm zurück. Merkur und Apollo vertragen nicht so leicht dieselbe Luft. Um die alte Hammonia genau und richtig beurtheilen zu können, dürfen wir uns mit der Anschauung ihres Acußeren nicht begnügen; wir wollen später auch ihr Inneres kennen lernen. Interessentenkreise stehenden Publikums auf sich ziehen. Und zwar erfährt eine technische Leistung stets dann jene allgemeine Beachtung, wenn sie geeignet ist, deutlicher als gewöhnlich den eigentlichen und wahre» Berus der Technik, wie überhaupt der menschlichen Arbeit und Wissenschaft, zu zeigen, den Berus nämlich, das Menschengeschlecht von Plage und Schmerz, Sorgen und Elend zu befreien— freilich nur zu zeigen; an eine Ausübung dieses Berufes, an eine wirkliche Befreiung ist unter obwaltende» Verhältnissen bekanntlich nicht zu denken. Ein solches Erzeugniß ist der neue Sicherheitsröhrendampfkessel, eine der bedeutendsten Erscheinungen, welche die Dampsbetriebstechnik seit Erfindung der Dampfmaschine aufzuweisen hat. Bisher hatte man sich allgemein fast ausschließlich der Verbesserung und möglichsten Ver- vollkommnung der Dampfmaschine, desjenigen Mechanismus, welcher die Dampskraft ansnimmt, verarbeitet und verbraucht, zugewandt, darin die Hauptaufgabe erblickend, während in der Verbesserung der Damps- kessel, der eigentlichen Dampferzeuger, sehr wenig, fast nichts, iiiindeftens nichts von Bedeutung, gethan worden war. Erst in neuester Zeit hat man begonnen, auch in diesem Zweige ernstlich fortzuschreiten, und wiederum sind es die Amerikaner, Franzosen und Engländer, welche der übrigen Welt, auch uns Deutschen, den Weg gezeigt haben, indem sie die ersten brauchbaren Sicherhcitsdampskessel konstruirten. Seit un- gefähr einem Jahrzehnt wetteisern nun die fortschrittlichen Kreise der Tampskesseltechniker in Amerika, Frankreich, England und Deutschland in der Verbesserung der obengenannten Dampferzeuger, von denen hier einige kurze Mittheilungen Platz finden sollen. Obgleich durch jene gemeinsame Arbeit verschiedene Arten dieses neuen Kesselsystems entstanden sind,— eine Urform kann deshalb nicht genannt werden, weil die ersten derartigen Dampfkessel, gleichwie es mit so vielen zeitgenössischen Erfindungen gegangen ist, fast gleichzeitig in de» drei erstgenannten Ländern konstruirl wurden,— so ist das Grundprinzip doch bei allen dasselbe: alle sind aus einzelnen Röhren zusammengesetzt, welche an den Enden durch vorgeschraubte hohle Verbindungsstücke oder i» anderer Weise mit einander in Kommuni- kation gebracht sind und in denen das Wasser durch Einwirkung von äußerer Fcuerhitze in Dampf von einer Spannung bis zu zwölf Atmosphären(Iii Kilogramm Druck pro Quadratcentimeter) verwandelt wird. Der Dampf sammelt sich oben in besonderen Behältern und wird von da zum Gebrauch abgeleitet. Das Röhrensystem liegt gc- wöhnlich in einem gemauerten Ofen. Diese Dampferzeuger unterscheiden sich demnach sehr wesentlich von den bisherigen Kesselformen, welch' letztere meistens aus einem oder mehreren großen Blechcylindern ge- bildet sind, in denen das Wasser zum Sieden gebracht wird. Bei jenen neuen Dampferzeugern dagegen sind es gleichsam eine Menge kleiner Kessel, welche zu gemeinsamer Thätigkeit vereinigt, in der Wirkung einem großen gleichkommen und in weiteren Hinsichten bei aller Ein- sachheit des zu Grunde liegenden Prinzips bisher unerreichte Vorzüge bieten. Da tritt uns zunächst die Sicherheit gegen Explosions- gesahr entgegen, welche hauptsächlich in der viel größeren Widerstands- krast der kleinen Röhren gegenüber großen Kesselcylindern besteht. Die Tampfkesselexplosionen bilden einen nicht unbeträchtlichen Theil der Unglücksfälle in der modernen Produktion; sie kehren so regelmäßig wieder, daß man Dampskesselexplosionsstatistiken angelegt hat. In Teutschland erfolgen all>ährlich drei bis sechs größere Kesselexplosioncn. Eine solche Explosion vollzieht sich gewöhnlich in der Weise, daß der betreffende Kessel in zwei oder niehrere Haupttheile zerplatzt, diese Theile nach verschiedenen entgegengesetzten Richtungen, oft weite Strecken bis zu 15» und 200 Meter, davonfliegen und auf diesem Wege Gebäude, Maschinen, Schornsteine zc. zertrümmern. Tödtungen»iib Verwundungen von Menschen sind dabei oft bedeutend. In England wurden in den zehn Jahren von IsOl bis 1873 durch Dampskessclexplosionen 017 Personen getödtet und l>!>7 Personen schwer verletzt. Der Mensch stand dieser Gefahr bisher nur mit unzurcichenden Mitteln, z. B. Kon trolc des Wasserstandes durch Wasserstandsgläser und Probirhähne, Anbringung von Sicherheitsventilen und anderen Sicherheitsvorrichtungcn gegenüber. Alle diese Sicherheitsinittel haben sich als ungenügend erwiesen, um Explosionen zu verhüten. Auch ist man über die wahren Ursachen dieser Katastrophen noch fast gänzlich im unklaren. Nicht durch kleine Palliativmittel, nicht durch fpitzfindige Spekulationen hat man nun die Explosionsfrage gelöst, sondern mit groben, radikalen Streichen dadurch, daß man die Konstruktion der Kessel selbst von Grund ans änderte. Die Beseitigung der Explosionsgefahr beim Dampf- betriebe ist eine Thal von so hoher und allgemeiner Bedeutung, daß sie in der Geschichte der Menschheit weit mehr eine» Ehrenplatz ver- dient, als so manche sogenannte Heldenthat. Diese Dampfkessel, ei» neues Ei des Kolumbus, haben aber auch »och ganz andere� schätzenswerthe Eigenschaste», die nur kurz berührt werden sollen. So sind sie vorzügliche Dampferzeuger, d. h. sie liescrn bei Verbrennung einer gewissen Menge Brennmaterial eine größere Menge Damps, als die meisten anderen Kessel; sie sind von höchster Dauerhaftigkeit, indem sich die einzelne» Rohre leicht auswechseln lafsen, die oft unendlich mühsamen und auch kostspieligen Kessclslickereien kommen nicht vor, außerdem gestatten sie sehr bequeme Reinigung von dem sich bei allen Dampfkesseln ansetzenden Kesselstein. Wer jemals im Bauche eines Dampfkessels in heißer dunstiger Atinosphäre und meistens höchst unbequemer Lage die Mühe des Kcffelausklopsens kennen lernte, der wird die neuen Dampserzeuger als Humanitären Fortschritt begrüßen, denn bei diesen wird die Reinigung von außen ohne Mühe durch Befahren der einzelncn Rohre ausgeführt. Es wird den explosionssicheren Dampfkesseln von interessirten Gegnern nachgesagt, daß sie zu wenig Wasserinhalt haben und daher bedeutenden Tampjschwankungen ausgesetzt sind. Doch trifft dieser Vor- 11- Wurf nur bei ganz unregelmäßigem Tampfverbranch zu. Es ist nun die Aufgabe der Technik, auch diese Frage zusriedenstellend zu löse», und es ist nicht zu zweifeln, daß dies, wenn nicht eher, doch ganz gewiß dann gelingen wird, wenn nicht mehr um des Gewinnes willen, sondern um des wirklichen Fortschritts zum Bessern gearbeitet und gedacht werden wird. Die neuen Dampferzeuger, welche, gleich vielen anderen Ersin- düngen, ihre Vorläufer hatten, wie den Albankessel u. a., sind von vielen Seiten als die Kessel der Zukunft bezeichnet worden, und mit Recht. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß sich die Sicherheits- dampskessel wegen ihrer Vortheile schon bald mehr und mehr ein- führen werden. In der zukünftigen Welt aber, welche technische Fort jchritte nicht um eines Profils halber, sondern um ihrer selbst willen, um der Erleichterung, die sie dem Menschen gewähren, fördern wird, werden die cxplosionssicheren Dampfkessel, jedenfalls noch bedeutend vervollkommnet, menschlichem Ermessen nach die allgemeinste Anwcn- dung finden. Von den Männern, welche sich besonders um die Erfindung und Verbesserung der neuen Dampskessel verdient gemacht haben, sind zu nennen: in Amerika und England: Root, Howard, Grisfith, Harriso», Lyndc, Kelly, in Frankreich und Belgien: Belleville, Sinclair, de Nacqcr � Co., in Deutschland: A.Büttner, Stcinmüller, die Gebrüder Ullrich, I. G. Schmidt, Beissel u. a. P. K. Dauer des Wasserbadcs. In dem Aussätze„Ein Swiniming Match"(Nr. 38) ward mitgetheilt, daß Kapitän Webb, gleich seinen Mitbewerbern in dem bekannten Wettschwimmen, von dem langen Aufenthalte im Wasser nicht die geringste nachtheilige Wirkung zu ver- spüren hatte. Professor Hebra von Wien, eine medizinische Autorität ersten Ranges, dessen Domäne seit Jahrzehnten das Feld der Haut- krankheitcn ist, hat sich schon in seiner vor zwei Jahren in der wiener „Medizinischen Wochenschrift" veröffentlichten Abhandlung„über die Wirkung des Wassers auf die gesunde und kranke Haut" dahin ausge- sprachen, daß ein längerer Ausenthalt im Wasser au sich dem Körper durchaus nicht schädlich sei; und er verweist„ans die Waschfrauen, tvelchc die Wäsche in fließendem oder stehenden Wasser reinigen, auf die Ar- beiter bei Wasserbauten, Badediener in Seebädern, Seefahrer bei an- dauernden Seestürmen und Unglücksfällen, aus die Erfahrungen Schiff- brüchiger, die nachgewiesenermaßen tagelang, an ein Brct sich an- klammernd, im Mccrwasfer herumtriebe», ohne Schaden zu nehmen, u. s. w."„Bei längerer Einwirkung des Wassers ans die Haut beim Baden, Waschen oder sonstigem Gebrauch," schreibt Prof. Hebra,„wird bekanntlich die Oberhaut an den Händen und Füßen, von den Finger- und Zehenspitzen ausgehend, weiß gefärbt und gerunzelt, aber nie werden die untergelagerten belebten Schichten der Epidermis, des Malphigi'schen Netzes oder der Papillenkörpcr blosgclegt, wenn auch monatelang ununterbrochen gebadet, gewaschen oder zu sonstigen Zwecken macerirt(durch Nässe aufgeweicht und aufgelöst) wird." Pros. Hebra, der beiläufig nichts weniger als ein Gegner der Benutzung kalten Wassers zu hygienischen und Heilzwecke» ist, sondern blos die Ucber- treibungcn der hydropathischcn Wunderdoktoren bekämpft, nieint nun zwar, es lasse sich schwer beweisen, ob„Widerstandssähigkeit gegen die Einwirkungen des Wassers auf die Haut durch Gewohnheit erzielt werde", allein dem Zusammenhang nach scheint er hiermit blos gemeint zu haben, daß die„Gewohnheit" nicht in allen Fällen verlängerten Aufenthalts im Wasser„als Grund angegeben werden kann, daß die Bctheiligten nicht durch das Verweilen im Wasser an ihrer Gesundheit Schaden erlitten." Die österreichischen Nordpolfahrcr, die er als Bei- spiel anführt, blieben allerdings„trotz dritthalbjähriger(1870—1872) Durchfeuchtung" gesund, obgleich sie vorher keine Gelegenheit gehabt hatten, sich an diese arktische„Durchseuchtung" zu„gewöhnen"; und ebenso haben die„Schissbrüchigen", die er weiter zitirt, zum großen Theil nicht die„Gewohnheit" des SchisfbrüchigwerdcnS gehabt, aber das beweist doch nichts anderes und soll offenbar auch nichts anderes beweisen, als daß der menschliche Körper auch ohne„Gewohnheit" unter Umständen sehr lange im Wasser verharren kann. Daß die Wider- � standsfähigkett des Körpers gegen die Einwirkungen des Wassers durch „Gewohnheit" vermehrt wird, läßt sich angesichts unzähliger Hand- greiflicher Thatsachcu nicht leugnen, und konnte unmöglich von einem Manne geleugnet werden, der die Wirkungen des Wassers auf die menschliche Haut so genau stndirt hat, wie Professor Hebra. Jeder regelmäßig Badende, jeder Schwiinmende beobachtet an sich selbst, daß mit der„Gewohnheit" des Aufenthaltes im Wasser die Widerstands- fähigkcit gegen dessen Einwirkungen wächst. Schreiber dieses, dem anfänglich nach halbstündigem, ja kürzerem Ausenthalt im Wasser die Fingerspitze» weiß, starr und gerunzelt wurden, brachte es durch„Gewohnheit" dahin, daß er stundenlang im Wasser— und zwar in dem kühlen Wasser eines schweizer Sees— zubringen konnte, ohne daß die ' Fingerspitzen erstarrten, oder sich auch nur im geringsten särbten. Und jeder, der das Baden oder Schwimmen in Flüssen, Seen oder dem Meere überhaupt„verträgt", kann, bei gehöriger Uebung, seine Widerstandskraft ähnlich und noch bis zu einem höheren Punkt steigern. Freilich zu solchen gewaltigen Leistungen, wie denen Webb's, läßt sich — auch bei methodischer Uebung— nicht jeder Körper geeignet machen. Daß warme Bäder, welche dem Körper keine Wärme entziehe», 12 länger ausgehalten werden können, als kalte Bäder, liegt aus der Hand; ist es doch allgemein bekannt, daß auch beim Baden und Schwimmen im Freien die Temperatur des Wassers eine bedeutende Rolle spielt, und der Körper umsoweniger rasch erkaltet, je näher die Tem- peratur des Wassers der Blutwärme kommt. Professor Hebra schreibt: „Die Wahrnehmung, daß mauchcr Kranke sich während des(warmen) Bades und auch noch eine kurze Zeit nach demselben wohl befindet, während einige Stunden später Spannung der Haut. Schmerz, Jucken u. s. w. wieder zum Borschein kommen, sowie die Thatsache, daß in früheren Jahren, desgleichen auch heute noch in manchen Badeorten, z. B. Lenk, die Kranken aus ärztliche Anordnung viele Stunden im warmen Bade zubringen, hat mich bestimmt, Versuche anzustellen, um die Frage zu beantworten, wie lange ein Mensch im warmen Bade veriveilen kann, ohne Schaden an seiner Gesundheit zu erleiden. So wurde denn die Badezeit anfänglich aus Stunden(2-24), dann aus Tage(2—8), endlich auf Monate(l— 9, in Buchstaben ein bis neun Monate!) ausgedehnt, und es hat sich das unerwartete Faktum heraus- gestellt, daß der Mensch im kontinuirlicheu(sortgesetzten) warmen Wasserbadc gradeso wie außerhalb desselben essen, trinken und schlafen könne, daß seine Funktione»: Athmung, Ernährung, Ausscheidung keine Abnormität zeigen, daß er bei Erkrankungen, die außerhalb des Wassers mit Schmerzen und anderweitigen unangenehmen Empfin- düngen verbunden waren, während des Aufenthalts im Bade nicht belästigt wurde, und daß Hautkrankheiten zur Heilung lgäbracht wurden, die jeder anderweitigen Behandlung hartnäckigen Widerstand leisteten. Die seit dem Jahre l3ö2 fortgesetzten Beobachtungen haben serner gelehrt, daß man kontinuirliche Bäder auch in Fällen anwenden kann, wo bisher jedes Bad perhorrcszirt wurde, z. B. während gewisser weiblicher Zustände, bei Epileptischen, trotz eingetretener Pleura- Pneumonie(Rippenscllcntzündung) u. s. w., ohne je üble Folgen erlebt zu haben." Professor Hebra war der erste, der es mit warmen Bädern von mehrtägiger und schließlich inchrmonatlicher Dauer versuchte. Die günstigen Erfolge, die er damit erlangte, haben zur Nachfolge auge- feuert. Zwar sind seine Neunmonatsbäder unseres Wissens von keinem anderen Arzte erreicht worden, indeß die junge Kaiserstadt an der Spree hat doch ihr Bestes gethan, die alte Kaiserstadt an der Donau einzuholen, und es wenigstens auf sieben Monate gebracht, was sich gewiß scheu laßt. Einige Details über dies merkwürdige Bad dürsten den Lesern willkommen sein. Bor längerer Zeit— dcß erinnert sich wohl der eine oder andere — enthielten die Tagesblättcr die kurze Mittheilung, daß eine Pa- ticntin im städtischen Krankenhause am Friedrichshain zu Berlin, eine Frau von l>5 Jahren, behufs der ferneren langwierigen Behandlung aus dem Bett in ein Wasserbad gebracht worden ivar, in dem sie unausgesetzt verbleiben mußte. Die bezügliche Kur ist inzwischen beendet und man erfährt jetzt darüber folgendes Nähere: Die in Rede stehende Frau hatte einen sehr schweren komplizirten Bruch des Unterschenkels erlitten, sodaß sie nach der chirurgischen Abtheilung des städtischen Krankenhauses geschafft werden mußte. Bei dem hohen Alter der Pa- tientin war der Heilungsprozeß ein sehr langwieriger. Infolgedessen hatte sie sich bald aus dem Rücken durchgelegen und es entstand eine ausgedehnte Entzündung und Eiterung au den durchgeriebenen Stellen. Dazu gesellte sich ein hohes Fieber, welches die ohnehin geringen Kräfte der Greisin sehr bald erschöpfte und für ihr Aufkommen wenig Hoffnung übrig ließ. Die Patientin bekam nun warme Bäder von längerer Dauer, nach ivelchen sie sich besserte. Doch sobald sie in ihr Bett zurückgebracht wurde, verschlimmerte sich ihr Zustand zusehends. In diesem kritischen Momente ordnete der dirigirende Arzt der äußeren Abtheilung, der als ausgezeichneter Chirurg bekannte Dr. Schede, an, daß die Frau in gar kein Bett mehr gebracht, sondern permanent im Bade gelassen werde. So mußte die Patientin volle sieben Mo- nate unausgesetzt Tag und Nacht im Wasser zubringen und ist dank dieser beharrlich und konsequent durchgeführten Behandlungsweisc glück- lieh am Leben erhalten und als geheilt aus dem Krankenhause cnt- lassen worden.— Derselbe Fall betraf auch zu gleicher Zeit eine» jungen Mann von 18 Jahren, welcher infolge einer allgemeinen Knochenerkrankung ebenfalls im städtischen Krankenhause Aufnahme gefunden hatte. Auch dieser hatte sich durchgelegeu und mußte sechs Monate im permanenten Wasserbade zubringen. Danach heilte aber auch alles und er wurde vollkommen wiederhergestellt.— Dieses Durch- liegen der Patienten, sogenannter Deeubitus, ist für die Aerztc eine der gesürchtctsten Komplikationen, welche zumeist zu langwierigen und erschöpfenden Krankheiten hinzutritt und das Leben der Patienten stark gefährdet. In diesen Fällen macht Dr. Schede einen ausgedehnten Gebrauch von der Behandlung im permanenten Bollbade und hat damit, wie erwähnt, schon glänzende Resultate erzielt.— Auch bei größeren Brandwunden und Hautverbrühungen sind au- dauernde Bäder von außerordentlichem Nutzen, oft das einzige Mittel zur Ermöglichung des Heilungsprozesses und Rettung des Lebens. Ein jüdischer Händler auf der Wartburg.(Bild S. 4. u. 5). Wartburg, die unschätzbare Perle aller Bergveste» Deutschlands, ist nicht nur eine Stätte historisch wichtiger Begebenheiten, sondern auch der ewig frische Quell zum Schöpsen für alle schönen Künste gewesen. Letzterer Umstand unterscheidet sie wesentlich von allen anderen Fürsten- sitzen des Mittelalters. Sie erhebt sich auf einer schmalen, schroffen Fclsenstirn 1300 Fuß über den Meeresspiegel und 800 Fuß über die Stadt Eiscnach. Wahrscheinlich um 1070— 80 vom Grasen Ludwig dem Springer erbaut, war sie bis zum Aussterben der alte» thürin- gischen Landgrafen(1247) ununterbrochen die Residenz jener Dtznasten. Als Thüringen an die meißnischen Grafen fiel, war es mit Wartburgs Herrlichkeit vorbei. Zlvar residirten noch ab und zu in dem allen „Palas" Albrecht der Unartige und Friedrich der Einfältige, aber seit 1440 verfiel die Burg immer mehr und diente schließlich nur einem Schloßhauptmann zum Wohnsitz. Wenn längst das Andenken der Thüringer aus dem Hause Raspe und der Meißner aus dem Hause Wettin erloschen sein wird, bleibt noch lange ein erlauchter Gast der Wartburg in der Erinnerung kommender Geschlechter. Das ist der kühne Augustinermönch Marlin Luther, der die erste Bresche in die Mauer riß, mit welcher die römische Klerisei die Menschheit umschloß. Er wählte die Wartburg zur freiwilligen Gefangenschaft vom 4. Mai 1521 bis zum 3. März 1522. Doch auch er war ein Sohn seiner Zeit, sonst hätte er während des Bibelübersetzens sein Tintenfaß nicht nach dem vermeintlichen Teufel geworfen. Der ominöse Tintcnklex, den der Kastelan sorgfältig erneuert, so oft ihn reliquiensüchtige Engländer und andere Gcdächtnißkrämer abkratzen, vermag indessen den Ruhmesglanz des Martin Luther, des Bahnbrechers der Aufklärung» nicht zu verdunkeln. Nach fast dreihundert Jahren, am 18. Oktober 1817, versammelten sich hier 500 Studenten, um den Jahrestag der Schlacht bei Leipzig und die dritte Säkularscier der Resormation festlich zu begehen. Im jugendlichen Uebcrmuth verbrannten sie die Werke von 28 mißliebigen Schriftstellern, nebst einer Schnürbrust, einein Zvps und einem Korporalstock. Leider trug dieses Autodafö viel zu den strengen Maßregeln bei, welche die Regierunge» gegen die deutsche» Akademien und namentlich gegen die Burschenschaften ergriffen. Das Hauptgebäude, das Landgrasenhaus, im Jahre 1855 in ursprünglicher Gestalt reno- virt, stammt ohne Zweifel aus dem zwölften Jahrhundert her und ist, im edelsten romanischen Stil ausgeführt, das einzige Fürstcnschloß, welches aus jener Periode der Baukunst uns erhalten ist. In den Prunksaal des Landgrafenhauses verlegt die Sage den unter dem Landgrafen Hermann von Thüringen stattgefundencn Wettstreit der Minne- sänger Heinrich von Ofterdiugcn, Walter von der Vogelweidc, Wolfram von Eschenbach, Reinmar dem Zwcter und Klingsohr aus Ungarland. Ein im Jahre 1300 erschienenes, ziemlich iverthloses Gedicht schildert den„Sängerkrieg" und der unbekannte Verfasser behauptet, derselbe hätte im Jahre 1208 stattgefunden. Denselben Borgang behandelt Richard Wagners Oper„Tannhäuser"; Franz Lißt hat Hermanns Gemahlin Elisabeth in seinem gldchnamige» Oratorium vertzerrlicht. Moritz Schwind bannte durch Stift und Farben die Gestalte» aus der Glanzzeit der Wartburg mit seiner Meisterhand an die Wand des Landgrasenzimmers. Unser Bild rührt von dem düsseldorfer Maler Karl Gehrts her und versetzt uns ebenfalls in das 13. Jahrhundert. Der Fürst, dem der Säuger an der Seite steht, ist wie die meisten seines Stammes ei» Kunstfreund, denn ans allen Schätzen des jüdischen Händlers wählt er eine Schnitzerei, aus deren Schönheit er seine Gc mahlin ausmerksanr macht. De Santos, der Jude, ist ein Faktotum, der als gewandter Erzähler manche Kunde aus der fremden Welt, ja selbst geheime Botschaft, zur Kurzweil und zum Bortheil zu berichten weiß. Er versteht sein fliegendes Waarenlager, bestehend aus den aus erlesensten Schätzen der Elfenbeinschnitzerei, sowie aus Juwelen, Gc- räthen und Stoffen zierlich vor den Füßen der erhabenen Gebieterin auszubreiten, während er den gekrönten Kunstkenner in ein Gespräch über die neuesten Welthändel verwickelt. De Santos junior preist mit semitischer Geläufigkeit den jungen Prinzessinnen die sonstigen Kost- barkciten an, die für jene ja kein Tand sind. Zwei junge Dame» bcwun- dern einen mit Edelsteinen besetzten Stirnreifen; einer andern, die sich prüsend mit einer.Halskette geschmückt, hält der galante Jüngling den Spiegel entgegen. Die vierte, die im Begriff war, einen der kunst- voll gestickten Gürtel zu wählen, wird nun doch durch die Bewundc- rung des Stirnreifens angezogen und wendet sich dem gleißenden Kleinod zu. Selbst der kleine Prinz wird durch die alte Matrone zu den Schätzen geführt; da er aber für seine Wünsche keine Befriedigung findet, versenkt er sich in die Betrachtung des Gesichtes des Juden knaben. Vielleicht begegnen sie sich als Männer aus anderen Pfade». Alles schon dagewesen, sagt Rabbi Beu-Akiba. Dr. M. T. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......— Das„Leben" der Erde, von C. Fchlciscn.— Das ältere deutsche Lied in seiner politischen Bedeutung, literarhistorische Skizze von M. Wittig.— Hamburg, von W. Bios.- Die Tampskcsscl der Zukunft. — Dauer des Wasserbadcs.— Ein jüdischer Händler aus der Wartburg(mit Illustration). Beraulwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraßc 5).— Expedition: Färbcrstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerci in Leipzig.