Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In H.ftcii n 30 Pfennig. % Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal aligerungen. Novelle von Mudotph von ZZ (Fortsetzung.) Ter ehemalige Kolonialwaarenhändlcr Alster hatte indeß auch seinen Weg gemacht. Aus dem kleinen Kleinkrämer hatten die vielen tausend armen Leute in seinem Stadtquartier bald einen großen Kleinkrämer gemacht. Die armen Leute thatcn das meist unbewußt und ganz unabsichtlich, der Herr Alster aber� griff ihnen bei diesem für ihn so angenehmen Bemühen sehr bewußt und ab- sichtlich unter die Arme. Er war sehr billig mit seinen Waarcn, der Herr Alfter, das mußte man ihm lassen, und sobald er nur selber ein kleines Ber- mögen hatte, borgte er den armen Leuten„aufs Buch"— in welches die entnommenen Waaren bis zur monatlichen, und bei vierteljährlich ihren Gehalt beziehenden Beamten auch bis zur vierteljährlichen, Tilaung'eingetragen wurden,— soviel sie tvollten. Wer durfte es ihm da verdenken, so philosophirte er, daß er sich für den geringen Verdienst und die kleinen Verluste, welche bei dieser Geschäftspraxis nicht ausbleiben konnten, von vorn- herein zu entschädigen suchte dadurch, daß er den Werth der Waaren durch allerlei Beimengungen und kleine, angeblich ganz harmlose Verfälschungen verringerte. Die armen Leute merkten ja zumeist keine Spur davon, fanden sie doch z. B. den Farin- zuaer, den sie das Pfund bei ihm um zwei Pfennige billiger kauften, als bei den meisten seiner Konkurrenten, ganz ausge- zeichnet und behaupteten sie doch, mit der Butter, welche sie bei Alster bekämen, reichten sie wenigstens noch einmal so lange, als wenn sie sie ans dem Markte gekauft hätten. Daß der Zucker nur zur eine» Hälfte aus Zucker, zur andern ans Staub und geschmacklosen Abfüllen aller Art bestand— kein Mensch dachte daran, und daß die Butter deswegen länger reichte, weil sie den verhältnißmäßig unverdorbenen Geschmacksorganen der Kinder minder behagte, als die unverfälschte Marktbnttcr, wer wäre auf den im Grunde recht naheliegenden Gedanken gekommen! Genug— Herr Alster, der im Anfange seiner Krämerlauf- bahn seine Kassenschublade und die Geldschwingen darin vor jeder- manns Auge verborgen gehalten hatte, weil mit der Dürftigkeit ihres Inhalts nicht Staat zu machen war, verwahrte sie vor den Blicken der Neugierigen späterhin zwar nicht weniger sorgfältig, aber dann nur aus dem Grunde, weil er zu bescheiden, oder, gestehen wir's offen, zu vorsichtig war, um mit der Hochflnth jener schmutzigen, aber doch allbegehrten Scheidemünze, wie sie sich in seiner Kasse Tag für Tag anhäufte, den Neid und die Mißgunst zu erregen. Während ihm zu Anfang eine winzige Kassette, die seine Frau als Hochzeitsgeschenk erhalten, zur Aufbewahrung der aus der Tageskasse zurückgelegten Gelder mehr als genügt hatte, sah er sich in ein paar Jahren genöthigt, einen eisernen Geld- kästen anzuschaffen, dessen Inhalt ihm so theuer war, daß er ihn nicht nur stets mit einem diebessichern Schlosse verbarrikadirte, sondern daß er den Kasten auch mit eisernen Klammern an den Fußboden befestigte. So war der Herr Alfter ungefähr fünfzehn Jahre Kolonial- waarenhändler und sechs Jahre Hausbesitzer gewesen, als ihn seine Mitbürger als Vertreter ihrer Interessen seiner vielseitigen Verdienste wegen in das Stadtverordnetenkollegium wählten. Dort that Herr Alster sein Möglichstes. Er erfreute sich in hohem Grade der Gottesgabe, welche man ein gutes Mundwerk zu nennen pflegt, und glänzte infolge dessen bald als großer Redeheld, zumal in der Stadtverordnetenversammlung viele treff- lichc Bürger saßen, die es im Schweigen selbst mit einem noch größern Schweiger hätten aufnehmen können, als es der General- seldmarschall Moltke ist; dafür aber in Reden wirklich recht schwach waren. Und Erfolg hatte die aufreibende oratorische Thätigkeit, der sich Herr Stadtverordneter Alster hingab, gleichfalls ganz bedcn tcnd; erstens für ihn, indem er in alle möglichen Kommissionen und Deputationen gewählt wurde und überall sein gewichtiges Wort schwer in die Wagschale der Entscheidung fiel, zweitens auch für seine Mitbürger in der Obervorstadt, in deren Interesse er für Pflasterung und Beleuchtung einer ganzen Reihe von Straßen sorgte, die im Sommer der Wüste Sahara geglichen und im Frühling und Herbst, meist auch im Winter, eine auffällige Aehnlichkeit mit den pontinischcn Sümpfen gezeigt hatten. Sehr häufig wußte er den Vortheil seiner Mitbürger und seinen eigenen in beinahe genialer Weise gleichzeitig wahrzunehmen; so z. B. als eine neue Verbindungsbahn zwischen dem Hauptbahnhof in der Altstadt und dem Güterbahnhof jenseits der Obervorstadt gebaut werden sollte. Da bewies denn Herr Alster in der Stadtverordnetenversammlung in einer Rede, die allgemein als ein Meisterstück populärer Be redsamkeit bewundert wurde, von wie ungeheurer Wichtigkeit es für die ganze Stadt, ebenso wie für die Eisenbahngesellschaft, für das gesammte reisende und seine Frachtgüter ans der Eisenbahn versendende Publikum nicht minder als für den Staat, ja sogar für den Kultnrfortschritt der Menschheit wär, daß die Betbindungs. bahn quer durch die Obervorstadt hindurch gelegt würde, lind richtig!. Die klugen Kollegen in der Stadtverordnetenversammlung sahen es ein und beschlossen, ihre Genehmigung zu dem Bau der wr» -•••"cT ,___ 14 Verbindungsbahn mir dann zu nrtheilcn, und der Eisenbahn- gesellschaft zur Erwerbung des für die Strecke nöthigcn Grund und Boden» nur dann behilflich zu sein, wenn der Bahn die von Alster vorgeschlagene Richtung gegeben würde. ?a nun die Bäter der Stadt in der technischen Direktion der Eisenbahn gute Freunde und getreue Nachbarn sitzen hatten, die nach dem Grundsatz„eine Hand wäscht die andre" zu den auf- opferndsteu Freundschaftsdiensten immerdar bereit waren, so geschah, wie Alster vorgeschlagen und die Stadtverordneten beschlossen: die Verbindungsbahn ging durch die Obervorstadt deren ganzer Länge nach, und die Eisenbahngesellschast hatte das Vergnügen von dcni Magistrate den Grund und Boden von Straßen und Plätzen und von den Bürgern 50—60 Haus- und Garteugrund stücke käuflich zu erwerben, für die sie im ganzen nicht vielmehr zu bezahlen brauchte, als das doppelte des Preises, den dieselben bis dahin werthgeschätzt worden waren. Bei dieser wunderbaren, aber wie Herr Alster behauptete,„in der segensreichen Natur des modernen Wirthschastslcbens tief- begründeten Steigerung des Nationalreichthums" ging Herr Alster selber, wie sich gebührte, nicht teer aus. Auch sein Grundstück konnte die Eisenbahn nicht umgehen, und grade bei ihm, dem trefflichsten Redner und Nationalökonomen des Stadtverordneten- kollegitzms manifestirte das moderne Wirthschaftsleben seine segen- bringende Macht in eklatantester Weise; deyn sein Haus, welches er bislang selber nicht viel höher als auf 7000 Zhalcr taxirt hatte, konnte er plötzlich, als es die Eiseubahuverwaltung ankaufen wollte, beim besten Willen nicht unter 20,000 Thaler lassen. Er hatte über Nacht die Entdeckung gemacht, daß sich an der Stelle des kleinen Gärtchens hinter dem Hause ein sehr rentables Hinterhaus bauen und daß dieses sich verbinden lasse mit dem Vorderhause durch ein nicht minder rentables Seitengebäude,— also, daß er der Eisenbahn wahrhaftig noch ein Geschenk machte, als er ihr zu Liebe auf diese seine schönen Zukunftspläne für das mäßige Sümmchen von 10—12,000 Thaler Verzicht leistete. Fortan hatte sich Herr Alster ganz dem Gemeinwohl gewidmet. Die Beaufsichtigung des Kolonialwaarenhaudels, bei dem er die aktive Thätigkeit am Syrupsfasse und dem Buttereimer längst aufgegeben, raubte ihm zu viel Zeit und entschädigte ihn für den Aufwand seiner geistigen Fähigkeiten lange nicht mehr nach Ge- bühr. Größere und viel Erfolg versprechende Gebiete'hatten sich vor seinem geschäftsverständigen Auge geöffnet. Was gab es in der Zeit glänzenden, witthschaftlichen Aufschwunges z. B. nicht alles zu thuu au jenem herrlichen Institute, welches die Börse genannt wird! Wie konnte man da durch Betheilignng an allen möglichen Aktienunternehmungen Verkehr und Handel/ Industrie und'Ackerbau auf die Beine helfen! Und auch diese gemeinnützige Beschäftigung trug Herrn Alster reichen Lohn ein. Zwei Jahre nach dem Verkauf seines alten Grundstücks in der armen Obervorstadt hatte er sich ein Haus in der noblen Thalvorstadt gekauft, und ein Jahr darauf mußte er, wieder um mit seiner kostbaren Zeit zu sparen, die ihm bei seiner immer vielseitiger sich gestaltenden Thätigkeit immer mehr zu fehlen begann, Equipage anschaffen, u. s. u>. Es war eben aus dem kleinen Krämer, wie alle Welt wußte, ein großer Geldmann geworden, der Geld wie Heu, Ansehen und Einfluß wie ein kleiner Fürst und Selbstbewußtsein zum allerwenigsten wie ein Halbgott besaß. Aber er besaß noch etwas, der reiche, angesehene und stolze Herr Alster, und dieses Besitzthum wäre einem andern vielleicht mehr Werth gewesen, als all' das übrige zusammengenommen.- Er nannte ein bildhübsches, grundgescheites und wirklich unver Horben herzensreines Töchterlein sein, ein blondes Mädchen von jetzt fünfzehn Jahren, die denn auch, wie es gar nicht anders sein konnte, de» Vaters ganzes Herz erobert hatte, so weit nur bei dem welterfahrenen, geschäftsverknöcherten Manne von so einem Dinge, als ein Herz es ist, überhaupt»och etwas übrig war. Dieses Töchterlein, Wanda Alster mit Namen, war die Spiel- gefährtin Fritz Lauters, des Buchdruckergehilfen, gewesen im alten Hause in der Obervorstadt. Er hatte es sehr lieb gehabt, der zehnjährige kräftige Bursch' mit dem guten und getreuen Herzen, das fünfjährige blondlockige Ding, welches so schwach und gar manchinal den Mißhandlungen der Straßenjungen ausgesetzt war die ihren albernen Spott trieben über ihre schönen„krummen" Haare und ihre zarte, weiße Haut, die so garnicht auf die sonnen bebriitete Straße und ciaentlick aucb nickn i» die Ofiiw bebrütete Straße und eigentlich auch nicht in die Familie Alster hineinpaßte. Und wie sie an ihm gehangen, die kleine Wanda an dem großen Fritz, der mit seinen langen Armen und derben Fäusten jedesmal püffefroh und prügelmächtig zu ihren Gunsten intervenirte, wenn sie die barfüßigen Jungen der Obervorstadt an den Locken zerrten und die losen Itraßenmädel„Weißkatze" schimpften. Das war nun allerdings schon anders geworden, als Herr Alster zum Hausbesitzer avancirt war. Da durfte Wanda nicht länger, so wie früher, den halben Tag lang auf der Straße spielen und umherlaufen; die Gaffeukinder waren natürlich auch nicht mehr anständige Spielgcnossen für Herrn Alsters Tochter. Nur hinter dem Hause, in Hof und Garten durfte sie sich tummeln und mit den Kindern im Hause, besonders denen des Obersteuereinnehmers, konnte sie noch spielen.— Aber ihr war das auch genug, besonders, wenn der Gvmnaffast Fritz zu Hause und von seinen fürchterlich gelehrten Schularbeiten nicht immerfort in Anspruch genommen war. Dann lehrte er die kleine Wanda allerlei nützliche und ergötzliche Sachen: er zeigte ihr, wie man aus Papier schöne Lichtmanschetten ausschneiden könne, wie man durch künstliche Zusammensaltung eines Papierb�tteS Schiffe, Sterne, Mützen und alles erdenkliche andere mache: wie man ans Pappe und buntem Glanzpapier reizende Kästchen zusammenkleistern und ans Cigarrenkisten große Segelschiffe bauen könne, und noch viel des Schönen und Brauchbaren mehr. So war es geblieben bis Fritz Lauter, gezwungen die hochfliegenden Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft als Bruder Studio und später gar als Doktor und Professor aufzugeben, in die Lehre kam. Dann war er den ganzen Tag, von früh um halb sieben Uhr bis abends gegen acht Ulfr von Hause abwesend gewesen; es war ihm also für seine kleine Spielgefährtin fast gar keine Zeit übrig geblieben, und kaum war er ein Jahr in der Lehre, so verkaufte Herr Alster sein Hans zum Abbruch au die Eisenbahngesellschaft und zog ins Thal, wie die vornehme Vorstadt kurzweg genannt zu werden pflegte, während Frau Lauter mit ihren Kindern weiter hinauszog in die Obervorstadt, wo es noch kleinere Häuser und billigere Wohnungen gab. Seit dieser Zeit hatte Fritz die kleine Wanda nur noch zwei oder dreimal gesehen. Einmal hatte er bei Herrn Alster im Auftrage seiner Mutter Besuch gemacht. Die kleine Wanda kam ihm, wie immer, in kindlicher Herzlichkeit ent- gegen und freute sich, daß ihr die Thräuen in die dunkeln Augen traten, über das Wiedersehen. Auch Herr Alfter war nicht un- freundlich, aber er war so vornehm geworden, er erkundigte sich mit so kühlem Wohlwollen nach dem Befinden von Fritzens Mutter, er meinte, Fritz hätte gar nichts besseres thun können, als Buchdrucker zu werden— kurz, er benahm sich und sprach so, daß es Fritz garnicht wohl wurde in der Nähe des Mannes, der ihm und den seinen, wie er fühlte, jetzt fern, ganz unendlich fern stand. Dazu kam die für Fritz unerhört prächtige Aus- stattung der Wohnung; die dicken Teppiche auf dem Fußboden, die den Tritt bis zur UnHörbarkeit dämpften, und die kostbaren, hellleuchtenden Möbelstoffe— das alles war ihm so ungewohnt, kontrastirte so grell mit der ärmlichen Ausstattung der Behausung seiner Mutter, daß es den muntern Burschen fast beängstigte. So gern Fritz auch seine kleine Freundin recht oft wieder gesehen hätte, konnte er sich doch nicht überwinden, noch einmal das schöne Hans im Thal zu betreten, zumal Herr Alster ganz vergessen hatte, ihn dazu Einzuladen. Ein paarmal begegnete er Wanda dann noch im Laufe der nächsten Zeit ans der Straße und wechselte mit ihr einige freundliche Worte, aber sie waren einander doch allmälich auch fremder geworden und die alte Kinder freundschaft schien nur im Gcdächtniß und nicht mehr im Herzen aufbewahrt bleiben zu sollen. Als dann Fritz in die Fremde gegangen war, hatte er das kleine blonde Mädchen fast auch aus der Erinnerung verloren, und es wäre wol überhaupt nur dann, wenn er mit seinen Ge danken in seine Kinderzeit zurückkehrte, vor seinem Geistesaugc flüchtig cmporgetancht, und auch dann nur als ein' freundlich lächelnder Schatten ohne feste Gestalt und bestimmte Umrisse, wenn nicht urplötzlich jenes Ereigniß eingetreten wäre, welches neulich in der Druckerei von Gandersberg n. Komp. so großes Aufsehen erregt hatte. Wanda Alster war, wie fast täglich, in ihrer eigenen kleinen Gondel, die ihr der zärtliche. Bater zum Geburtstage geschenkt hatte, allein auf dem Schloßteiche spazieren gefahren und im Be griff gewesen, die Gondel an einer buschumgebeneu, einsamen User stelle zu verlassen, wo das Schiffleiu an einen Pflock angeschlossen zu werden pflegte,- als sie ganz unerlvartet und plötzlich die Gestalt eines jungen Mannes auftauchen ssah. Ei» wenig erschrocken wich sie einen Schritt zurück, trat dabei auf den Rand der Gondel i 15 — dieser gab nach Wanda ivankte und fiel mit lautem Auf� schrei ins Wasser. Hatte Fritz Lauter schon aus dem Gesicht der ihm eben so unvcrmuthet gegcniibcrtrctenden Mädchcncrschcinung ein bekannter Zug cntgcgengeleuchtet, so klang ihm die Stimme gar wohlver- traut an das Ohr. Aber der Unfall des jungen Mädchens ließ ihm nicht Zeit zur Ucberlcgung, wo und wann im Leben ihm dasselbe schon begegnet sein könnte. Mit einem einzigen Rucke hatte er Hut und Rock abgeworfen und war, wenn auch nicht gespornt, wie Herr Tärmig behauptet hatte, so doch in der That gestiefelt ins Wasser gesprungen. Das Retlungswerk hatte gar keine Schwierigkeiten gehabt. Wanda war nach einmaligem Untertauchen sofort wieder über Wasser gekom men und hatte sich an die Gondel anklammern können. Hätte Fritz mit Ruhe die Situation überschaut, ehe er sich dem Mädchen nachgestürzt, so würde er eingesehen haben, daß er die Gondel erreichen und sie mit Wanda ans Ufer ziehen könnte, ohne nur einen Finger naß zu machen. So hatte er— nicht minder kurzen Prozeß machend ihre Taille umschlungen und war mit einer einzigen Schwimmbewcgung wieder am Ufer gewesen. Für ein Salondämchen wäre es nach solch einem, im Grunde kleinen Unglück nunmehr die höchste Zeit gewesen, graziös in Ohnmacht zu fallen. Wanda war aber auch im Salon ihres hoch empor gekommenen Batcrs die ursprüngliche Natürlichkeit nicht abhanden gekommen; sie dachte an keine Ohnmacht, sondern schaute, nach dem sie rasch den ersten Schrecken überwunden hatte, ihrem jungen Retter hell und dankbar ins Auge, ohne Acht darauf, daß er sich eigentlich viel mehr Mühe um sie gegeben, als es unbedingt nöthig gewesen wäre. Und da— wie ein Jubelruf quoll es über'ihre frischen Lippen, ivic die herzensfrohe Bc grüßung eines langentbchrten, heiß ersehnten Freundes: „Fritz, lieber, lieber Fritz!" Und Fritz schlug ein i» die kleinen Hände, die sich ihm entgegen streckten, denn auch er lwtte die Jugcndgespiclin erkannt und auch ihm war das Herz ausgegangen in der Freude unverhofften'Wiedersehens. Seine ganze Kindheit hatte sich wie mit einem Ichlage wieder vor ihm aufgethan, als er ihre Stimme hörte, ihr in'die dunkelblauen Augen schaute und diese kleinen weißen Hände in die seinen schloß. Freilich konnte er sich dem Glücke, das ihn so plötzlich über- kommen, nicht länger als einen Augenblick hingeben. Wandas -»ind seine Kleider trossen von Wasser, und nur sein im Ufergrase liegen gebliebener Rock bot für die erstere eine trockene Um hülluug. So liefen sie denn ohne ei» Wort mit-einander zu reden, aber Hand in Hand, wie sie es als Kinder immer gethan, so rasch als es gehen wollte, nach der kleinen Hinterpsorte des parkähnlichen Gartens, dessen üppige Vegetation Herrn Alsters schönes Haus von allen Seiten umwogte. Im Garten trafen sie aus die Verwalterin und Repräsentantin dcS Alsterschcn Haus wesenS, die zienilich bejahrte Wittwe eines Arztes. Das Ent setzen der gutmüthigcn und ihrer Pflegetochter von ganzem Herzen zugethanen Frau über den Anblick, den Wandas durchnäßte Toilette bot, ließ sich durch dcS jungen Mädchens eifrige Ver sicherung, daß sie sich ganz wohl fühle und der ihr zugestoßene Unfall ohne Bedeutung sei, nicht beschwichtige». Sie dankte Fritz in flüchtigen Worten für sein tapferes Verhalten und drückte eben so hastig ihre Freude darüber aus, daß es grade einem Kindhcits- Frcunde ihres Schützlings vergönnt gewesen sei, diesen aus dem gefährlichen Elemente zu retten; dann aber empfahl sie Fritz der Obsorge eines auf ihren Ruf herbeigeeilten Dieners und ent- führte Wanda fliegenden Schrittes nach deren Schlafgcmach. Dann nur noch einen letzten dankenden Blick und die zärt- liche Bitte: ja, ganz bestimmt in den allernächsten Tagen sie und Papa, der heute verreist sei und ihn auch noch in sehr freund lichcm Gcdächtniß habe, zu besuchen, und Wanda war vor den au der lieblichen Mädchcngestalt wie gebannt haftenden Blicken unseres Fritz verschwunden. Der Diener, welchen die Frau Doktor — den Namen der Verwalterin, Winter, ersparten sich die Haus- genossen gewöhnlich— mit Fritz allein zurückgelassen, war eine brave Haut und in seinem Benehmen ein wenig besser, als man die echten Bedientcuseelen zu schildern pflegt. Er kannte nicht, >vic diese seine Durchschnittskollegcu, nur zwei Sorten Menschen � solche, die sie für höher gestellt als sie selber anerkennen müssen und denen sie desivegen in tiefster Demuth ersterbend gcgenübcrtreten, und solche, denen sie eine höhere Stellung nicht zuerkennen und.die sie, gewissermaßen zur Entschädigung für jenen Dcmuthszwang, nach Möglichkeit grob, nialitiös und niederträchtig behandeln. Die Menschcnbeurtheilung und Behandlung Augusts— Herr Alster nannte ihn, seit er heimlich die Toussaint Langeuscheidtschen Unterrichtsbriefe, im allgemeinen' ziemlich vergeblich, studirt hatte, Ohschüßt— zeigte sich vielseitiger und humaner. Den Höher- gestellten nahte natürlich auch er ungeheuer respektvoll, aber die nicht Höhergcstellten schied er in zwei Klassen in solche, die er als sich selbst gleichberechtigt betrachtete und denen er ungeheuer gcmüthlich entgegenkam, und in die andern, deren materielles Untergeordnctscin ihm gar zu grell in die Augen fiel, und die er denn auch vermöge seines hochentwickelten Würdcgefühls nur sehr von oben herab zu traktircn vermochte. Fritz Lauter mui imponirtc ihm, obschou das gnädige Fräulein denselben höchst befremdlicher Weise mit du angeredet hatte, keines ivegs als ein vom Schicksal besonders bevorzugter Mensch, aber so halbwegs gleichberechtigt kam er ihm doch vor. Daher wollte er ihn mit aller Gewalt in sein Souterain zimmerchen schleppen, ihm seinen schönen wattirtcu Schlafrock anziehen— welches vortreffliche Kleidungsstück er sich selber täglich nach 10 Uhr Abends,»venu nicht zufällig Besuch bei seiner Herrschaft war, zu seinem besondern Behagen anthat— und mit ihm ein paar Glas steifen— Grog nämlich— zur Stärkung und Erwärmung, auch seiner eigenen solcher Labe stets bedürftigen Person, schlürfen. Fritz Lauter aber schlug alles dies aus; nur die Droschke ließ er sich gefallen, die der brave August schließlich zu seiner Heimbeförderniig herzupfiff, und eine wollene Pferdedecke, in die er ihn, wie eine Mutter ihr Kind, sorglich einwickelte, und dann fuhr er ohne Aufenthalt, seltsam erregt und bewegt, nach Hause. (Fortsetzung folgt.) Das Men der Erde. Von E. Jehleisen. (Fortsetzung.) Bon dieser schimmernden Vegetation der Gnomen und Zwerge sagt O.uenstcdt:„Da, wo Griechen die lebensmüden Schatten der , Unterwelt hinsetzten, däinmert, abgewendet vom Lichte, die erste Morgenröthe der organischen Schöpfung: die tobte Substanz kämpst gegen das mechanische Gesetz der Schwere, sie wächst zu Formen, die wir Kristalle nennen. Natur macht keine Sprünge, sondern verniittclt soweit es i»ir möglich ist, und Kristalle bilden die Brücke, welche das Tobte mit dem Lebendigen verbindet, auch sie entstehen, wachsen und vergehen. Vieles hat sich in der Vorzeit gebildet, was heute die Erde nicht mehr hervorbringen kann, manche Edelsteine und Kristalle gibt es, deren Entstehungs bedingungen ebenso räthsclhaft sind und ebensowohl aufgehört haben, ivie die mancher vorweltlichen Thierc, andre bilden sich »och heute und wachsen im Erdschoße durch Jahrhunderte fort, wie Bcrgkristalle, Stalaktiten, Erze und selbst gediegene Metalle." Die mineralischen Substanzen, welche sich aus ihren wässrigen Lösungen weder in Hohlräumen des Erdinner», noch bei dem Austritt der Quellen an die Tagesobcrfläche abscheiden, werde» den Bächen und Flüssen und von diesen dem Meere zugeführt: ihre Quantität erscheint auf den ersten Blick sehr unbedeutend, stellt sich jedoch in ihrer wahren Größe dar, sobald man die enormen Wasserniassen in Betracht zieht, welche stetig dem Ozean zuströmen. Da Flüsse wie der Rhein, die Dona», die Rhone und die Elbe mindestens>/� mineralische Substanzen in aufgelöstem Zustande enthalten, so führen sie dem Meere in 8000 Jahren soviel zu, als dasGewicht ihrer jährlichcnWasscrmasiebcträgt,— genügende Mengen, um im Laufe längerer geologischer Zeiträume das Ma- lerial der mächtigsten Kalkstein und Gypsformationcn zu liefern. Im Meerwasser selbst sind bis jetzt, abgesehen von Sauerstoff und Wasserstoff, sowie organischen Substanzen, ungefähr 30 der 18 bekannten Grundstoffe nachqcwicscn worden, von diesen sind Chlor, Schwefel, Calcium,.Valium, Natrium und Magnesium die wesent lichsten und betragen'i,5 bis ch«.-, Prozent desselben.' Ter Gehalt desselben an festen Bcstandtheilcn ist ein konstanter und schwankt nur lokal infolge der ungleichen Verdunstung, der Schmelzung großer Eismassen in den Polarzonen und-des Zu flusses großer Ströme. Ein bedeutender Unterschied besteht zwischen dem Salzgehalt des Ozeans und demjenigen solcher Binnenmeere, ! welche zwar Zuflüsse, aber keine Abflüsse besitzen und sich der zuströmenden Wasser nur durch Verdunstung entledigen; insolge oavon konzentriren sich'nach und nach die ihnen in starker Ber dünnung zugeführten Mincralsnbstauzen, wie dies namentlich im großen Salzsee in Nordamerika und im todtcn Meere der Fall ist. Wie erfolgreich das Wasser seiner Ausgabe nachkommt, dem Innern der Erdrinde Material zu entziehen, ergiebt sich nicht allein aus der Quantität seiner Absätze und des mineralischen Gehaltes des Fluß und Mecrwassers, sondern in augenschein lichcrer Weise aus dem Massenverlnste des Gebirgsinneru selbst, ferner aus dem Einflüsse dieser Volumverminderung ans die Lagerungsverhältnisse der über den betroffenen Punkten liegenden Schichten, sowie ans die Gestaltung der Erdoberfläche. Die auf fälligsten derartigen Erscheinungen sind Bildungen von Höhlen und infolge des Zusammensturzes derselben Erderschütterungen, Schichtenstörnngen und Erdfällc. Zahlreiche lokale Erdbeben, wie sie kalk oder gypsreiche Gegenden heimsuchen, scheinen durch der artige Einstürze und Senkungen erzeugt zu werden. Hierher dürfte das Erdbeben des Visp Thales in Wallis-im Juli und August l855 zu rechnen sein, welches über einen Monat andauerte und die Bildung von Spalten in anstehenden Gesteinen, in Kirchen und Häusern, den Einsturz von Mauern und das Herabrutschen von Felsmassen zur Folge hatte. Da in jener Gegend nicht weniger al? 20 gypsführende Quellen bekannt sind, deren jede dem Erdboden im Laufe eines Jahres über 200 Kubikmeter GppS entzieht, so liegt es nahe, in der massenhaften Entführung dieses Gesteines und den dadurch bedingten Einstürzen die Ursache dieses wie zahlreicher anderer Erdbeben zu suchen, deren im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte in der Schweiz lOlll beobachtet wurden. And) das von Höhlen und Grotten total unterminirte Karstgebiet gehört zu den am meisten von Erdbeben heimgesuchten Gegenden, so daß man diese Erderschütterungcn nur dem Einsturz solcher Hohlräume zuschreiben kann. Eines der lehrreichsten und großartigsten Beispiele der crodi rcnden, d. h. zerfressenden und zerstörenden Thätigkcit des Wassers liefert die Elbe; das Labyrinth von grotesken Felsmassen>vie sie die sächsische Schweiz bilden, war ursprünglich eine monotone Ebene von horizontal liegenden Sandsteinen und dehnte sich im Niveau des Königsteines und Liliensteines gleichförmig ans. Aus diesem Plateau strömte die Elbe, damals augenscheinlich noch der Abfluß eines böhmische» Seebcckens, und stürzte sich ungefähr in der Gegend von Pirna über den steilen Rand des Sandstein territoriums, welches sich dort aus dem Flachlande erhebt. Ihre Wogen unterwühlten das Gestein, es brach zusammen, der Wasser fall rückte stromauflvärts und zog sich unaufhaltsam mehr und mehr in das Sandsteinplateau hinein, bis er dieses ganz durch schnitten hatte und bis oberhalb Tetschen der letzte Damm des böh mischen Elbsee's zusanimenftürzte und der See sich durch die tiefe Schlucht entleerte. Das neue Bett der Elbe liegt über 270 Meter- tiefer als das ursprüngliche. Durch diese Niveauvcränderung erhielten auch die Nebenflüsse des Hauptstromes neue Gelegenheit zur Ausübung ihrer Fallthätigkeit, ihre früher nur oberflächlichen Wasscrläufc schnitten sich tief in den Sandstein zu jenen Schluchten ein, welche sich heute in labyrinthischcm Gewirr zwischen den unberührt gebliebenen Fclspartien, den Ruinen eines zerstörten Landstriches, hindurchwinden. Aehnliche Beispiele bieten die Niagarasälle, welche jährlich um zirka' Meter rückwärts schreiten und nach ber Berechnung Halls und Lyells in 70,000' Jahren den Erie See erreicht haben, mit hin verschwunden sein werden; die sog. Kanons des Kolorado und anderer Flüsse in den Hochebenen Kaliforniens und Neu-Mexikos; der Rheinfall bei Ichasshausen, der endlich die Jurakalkbänke bis zum Bodensee durcharbeiten»nd dann den Bodensee entwässern ivird. Wie schucll das Wasser arbeiten kann, beweist eine durch den Simeto in Sizilien verursachte Schluchtenbildung; dieser Fluß wurde im Jahre 1603 bei einem Ausbruch des Aetna durch einen Lavastrom abgedämmt. Jetzt, nach 2>/z Jahrhunderten, hat er sich durch den harte» Basalt bereits einen Kanal von 20 bis 35 Meter Tiefe und 12 bis 18 Meter Breite gewühlt. Sehr häufig erhöhen aber auch die Ströme ihr Bett, nament lich dort, wo die Flüsse aus Gebirgen in die Ebene treten und die bis dahin starke Neigung der Flußbette und deshalb die Stromgeschwindigkeit und Transportsähigkeit der Gewässer eine geringere wird. Die Gcrölle setzen sich ab und infolge dieser Ablagerungen erhöhen die Ströme allmälich ihr Bett, versanden, brechen über ihre User aus und graben sich ein neues Bett. Um dies zu verhüten und sich und ihre Fluren vor derartigen lieber schwemmnngcn zu sichern, dämmen die Bewohner her Stromthäler die User der Flüsse ein zmd erhöhen diese Dämme in demselben Verhältnisse, in welchem sich der Boden der Ströme erhebt; so ereignet es sich, daß nicht nur der Spiegel der letzteren, sondern sogar der Grund des Flußbettes allmälig ein höheres Niveau erhält, als die beiderseitigen Thalebenen. Dies ist z. B. beim Po der Fall, welcher sich im Laufe der Zeit so sehr iiber die Nie derung erhoben hat, daß jetzt das Niveau der Stadt Ferrara unter dem des nahen Po-Bettes liegt. Dort, wo die Flüsse ihre Wassermassen in Seen oder in das Meer ergießen, bilden sich unter gelvisftn Bedingungen durch den Absatz mechanisch fortgeführten Gesteinsmateriales sog. Delta's. Diese bestehen aus abwechselnden Sand-, Kies- und Lehmlagen, welche eingeschwemmte Reste von Pflanzen, Land und Süßwasser- thieren einschließen und z. B. regelmäßige, zum Thcil aber auch, namentlich bei an Hochfluthen reichen Strömen höchst verworren gelagerte Schichten bilden. Teltabildungen setzen einen flachen, wenig geneigten Meeresgrund an den Flußmündungen voraus, welcher durch einen Usermall von dem offenen Meere geschieden ist. Dadurch werden Lagunen gebildet, in welche vom Flusse Saud, Schlamm und schwebende Theilchcn geführt und dort- in ähnlicher Weise wie in einem ruhigen Binnensee abgelagert werden. Durch fortgesetzte Niederschläge werden die Lagunen allmälich ganz oder theilweise ausgefüllt, so daß sich der neugebildcte Boden im Laufe der Zeit über das Meeresniveau erhebt und ein flaches, von sich verzweigenden Flußarmen durchfurchtes und seichte Seen, die Ueberreste der Lagunen, umfassendes Land bildet. Tie bc deutendsten Deltas sind die des Rheines, der Rhone, des Po, der Donau, des Nil, des Ganges und des Mississippi. (Schluß folgt.) Das ältere deutsche Lied in seiner politischen Ledeutung. Literarhistorische Skizze von M. Mittig. (Fortsetzung.) Mächtig aber arbeitete diese Zeit vortoärts auf dem Gebiet der schönen Form, welche bis lies ins>3. Jahrhundert hinein allem diesen Erzeugnissen eigen ist. Tic Dichter, meist mittel- lose, unbegüterte kleine Adelige, bieten häufig ein nicht gerade anmuthiges Bild literarischen Parasiten- und Hofschranzenthums, lvelches nach Belehrung, Unterhalt, Speis und Trank, ja sogar nach abgelegten Röcken und Mänteln hascht,.wofür sie den Preis ihrer Gönner in die Lande hinausposaunen. Boten und niedere herumziehende Sänger,„fahrende Leute", trugen diese Lieder in anderer Herren Länder und machten- öffentliche Meinung. In solcher Mäcenatcn und Beschützerrolle zeichneten sich beson- der» der Thüringer und der Wiener Hof unter den babcnbcrgi scheu Herzögen aus; mit Rudolph dem Habsburger änderte sich das freilich, er schlug aus der Art und ein Zeitgenosse, der bür- gerliche Dichter Meister Stolle, rühnit ihm zioar alle möglichen Mannes- und HerrscheLtugenden nach, in jeder Vcrszeilc aber kehren regelmäßig, wie daS cetcnim ccusco des alten Cato, die Worte wieder:„aber er gibt nichts!" Tic Sänger forderten eben Gaben als ihr gutes Recht und diese Anschauung hatte ihren inneren historischen Grund in dem alten Gefolgschafts- und Lehnswefen, wo auch die Parole galt: Kein Geld, kein Schweizer. Weß Brot ich cr, des Lied ich sing. Ganz wie bei unserer heutigen Presse. Tamals mar die Sache nur nicht ganz so unsittlich: sehen wir doch selbst Walther von der Bogelweide, der als sittlicher Charakter sicher eben so hoch zu stellen ist wie als Künstler, diesem Grundsatz zum Theil huldigen. Walther, der llßO— 1230 lebte, kann uns als Beispiel solcher fahrender Sänger dienen. Seine politischen Lieder geben den reichsten und herrlichsten Stoff für eingehendere Untersuchung und Schilderung. Wohl preist auch cr die Milde, d. i. Freigebigkeit einzelner Fürsten, tadelt aber doch das tolle Treiben der. mittel- alterlichen Geniewirthschaft am thüringer Hofe bei dem Land- grasen Hermann«'regierte 1195—1215). Dabei behielt er aber immer das Ganze im Auge und klagte über die heillose Berwir rung und Schwäche des deutschen Reiches; bei tiefer Religiosität kämpft er männlich gegen des Papstes Anmaßung und die Peter pfennigbrandschatzung, gegen den damals schon verrotteten Klerus, seine Gleißnerei und Weltlichkeit, ja selbst den Engeln, den Heer- schaaren des Himmels, kündigt cr Fehde und versagt ihnen seinen Lobpreis, so sie, die die Macht dazu haben, sich der Christenheit nicht annehmen wollen. Auch redet er den Großen der Welt mit männlich biederen und derben Worten ins'Gewissen und allem Volk legt er Hochachtung vor Ehre, Zucht und Sitte aus Herz. Walther feierte dankbar Herzog Friedrich von bestreich, den älteren Sohn Leopolds IV., der ihm viel gewesen zu sein scheint. Da Fried rich starb ill93 auf der Kreuzfahrt) drückte cr, wie er selbst singt, seine Kraniche iSchuabclschuhe) tief in die Erde, da schlich er wie ein Pfau und das Haupt hängt er nieder bis auf die L»ie. Darnach tritt er kräftig ein für Philipp von Schwaben, dessen Krönung«1199) cr hochersreut verherrlicht und ihm guten Rath ertheilt. Er rügt freilich an ihm zu geringe„Milde": j.„Königes Hand soll löcherig sein": und dabei wird an Sultan Saladin, diesen merktvürdigen orientalischen Fürst eriuuert, der mit seinen klösterlichen Mitteln so wohlthätig schaltete, daß bei seinem Tode nicht Geldes genug in der Schatulle war, um ihn zu bestatten. Des Landgrafen Hermann von Thüringen war schon gedacht. Im Streite zwischen Otto IV. und Friedrich 11., erst Otto dann Friedrich zufallend«weil er ungeachtet und uu belohnt blieb in des ersteren Diensten), schilt er jenen den bösesten , Mann und schlägt sich auf die Seite des zweite». Ter wandcr müde Dichter sehnt silt> nun endlich nach festem Sitz, nach einem Reichslehn, das er auch nach langem Hoffen von Friedrich II. im Jahre 1220 erhält. Ten Papst Gerbert, als tltachfolgcr Petri Sylvester 11. genannt, tadelt er heftig wegen iveltlicher Macht, Anmaßung und Aussaugung der deutschen Lande und . I wegen Mißbrauches und Bestechlichkeit in der geistlichen Gerichts barkeit, in geistlichen Lehns- und anderen Streitigkeiten, Rügen, die tausendfachen Widerhall erweckten und nicht wirkungslos blieben. Den Kaiser Friedrich mahnt er zum Kreuzzng, vielleicht hat der Dichter den Zug vom Jahre 1229 selbst mitgemacht: ein ander mal zur Herstellung des Friedens und der Ordung im Innern des Reichs. Welch eine Fülle schöner Dichtungen von diesem einen Mann, neben dem unzählige andere wirkten, deren Lieder, nur von nächstem Interesse für ihre Zeit, uns nicht ebenso zahlreich er halten sind: sie zeigten gewiß auch weniger hohe Kunst. Uns genügt Walther als Typus des politische» Dichters jener Zeit. Damit man aber den Glaube» an die Wirkung solcher Säuger gewinne, erinnern wir nur an den Troubadour", Bertra» de Bor» «1145—1210), der durch seine Sirvcntes, Rüge und Kriegslieder eint» ungeheuren Einfluß ans die politischen Berhältnisse seiner Zeit ausübte. Gaiize Provinzen, ja selbst des französischen Kö mgs Söhne wiegelte dieser um ciuein Liebe auf, welches seine Sängcrbolen in de» Lande» verbreiteten. So groß war die | Macht der Dichtersänger jener ciueren Zeit, und man begreift, daß sie ei» Faktor waren, mit dem gerechnet werde u mußte, ihr Lob konnte ungemein viel nützen, ihr„Schelten" ungemein verhäng- nißvoll für den Gescholtenen werden. *) Die Troubadours, welche zum Theil»lächiig aus unsere deuischc Dichtung einwirkten, waren die auch meist ritterlichen Sänger in Frank reich. Hingewiesen sei hier aus die verdienstvolle» Werke von Diez: ..Die Poesie der Troubadours", Zwickau 192U und„Leben und Werke der Troubadours", ebenda 1929, welche obige Thalsache anss klarste beweisen. Dichtersänger nannten wir diese Leute, denn sie verfertigten nicht nur den Text,„die Worte", sondern auch die Melodie,„die Weise" und waren somit die Hauptvcrtreter der hehren Kunst. Nicht eigentlich Lieder, weil nicht gesungen, gehören aber doch auch hierher die„Sprüche", längere oder kürzere, meist in sogen. Knüppel Versen abgefaßte Gedichte, welche ihren Namen daher hatten, daß sie von Spruchsprechern, Wappendichtern, später Schnepperern oder, wie diese lebendigen Zeitungen jener Zeiten sonst hießen, gesprochen, zum Theil auch, wen» der Bote neuer Märe lesen konnte, gelesen wurden. Auch diese Bote» waren Fahrende wie- die wan delnden Neuigkeitsrepertorien der Ritterzeit: viele dieser Sprüche schließen mit dem formelhaften Abschied„alde, ich var dahin" oder„jcz far ich von euch, dahin". Sie„liefen", wie der Kunst ausdruck lautet, in alle» Ländern herum: mit ihren Sprüchen, die meist' ihre eignen Machwerke waren; ein hörlustiges, neu gieriges Publikum fanden sie ja überall, da das Leben damals bei weitem mehr ein öffentliches war, als das heutige. Tie Lust und Freude an dem Hören solcher Vorträge und deren Eindruck war so gewaltig, daß Eschcnloer in seiner Geschichte der Stadt Breslau, welche die Jahre 1440- 79 umfaßt, bei Erwähnung eines 1457 erlassenen Rathsverbotes gegen die Schmähgedichte der katholischen Geistlichkeit gegen Podiebrad bemerkt:„ie mehr und mehr erHuben si«i> neue Gesenge und Gedichte in den Kretscham Heusern(Herbergen) und die Prediger waren dabei helfende, daß kein Ratman noch kein weiser Man darwidcr mehr reden durfte." Tie Freude des Singcus und Sagen, sowie die Lust zum Zu hören ließ sich eben nicht ausrotten, lieber die weite Berbrei tung solcher Berichte führen wir die Klage Schärtleins an:„Es haben die Grasen mich und die Meinigen schmählich mit Liedern und anderen Gedichten, mit Sprüchen und Schriften unter das Bolk gebracht, auch vor die kaiserliche Majestät, vor Kur- und andere Fürsten, Grafen und Herren." In einem Spruche aus dem Jahre I XXI haben wir auch ein glänzendes Zeugniß, wie sehr diese Dichter und Spruchspre chcr sich als Träger der öffentlichen Meinung fühlten. Ihre Ausgabe als öffentliche Censoren und Sittenrichter, als Ausrecht erhaltcr ehrlichen guten Brauches, als Kenner dessen, was rittcr liche Sitte erheischt, ist ihnen vollkommen klar. Sie kannten die ritterlichen Gesträuche, das ganze ungeschriebene Gesetzbuch ritter licher Zucht und Sitte und auch in ihrem Namen„Herold"*) klingt etwas davon nach. Doch zu unserem Spruche. Im Biai UOO war ein Fürstentag zu Frankfurt versammelt, auf dem es sich um die Absetzung König Wenzels als eines 1 Entgliederers des Reiches handelte und wo bei einem dazwischen fallenden himmelschreienden Frevel der Erzbischof von Mainz die Hand im Spiele hatte, der überhaupt in jenen Wirren eine große Rolle spielte. Beim Wegreiten von der Fürstenversammlung war nämlich Herzog Friedrich von Brauuschweig Lüneburg im wal deckschen Gebiete von Berkappten überfalle» und erschlagen wor den. Darüber verfaßte ein Dichter, der sich Königsberg nennt, einen Spruch, in dem er schildert, wie er fern von dem' Treiben der unruhigen Welt„auf einem Auger wohlgethan"«auf einem schönen Anger) spazieren ging und ihm ein außermaßen schönes Weib begegnete. Sic grüßt ihn zu seiner Verwunderung mit Nennung seines Namens und sagt ihm, sie sei auf Botschaft zu ihm gesandt, um seinen ritterlichen Dienst zu erbitten für sechs hehre Frauen. Sie sei Frau Gerechtigkeit genannt und werde mit ihren edlen Freundinnen Frau Ehre, Frau Treue, Frau Wahrheit, Frau Maße**), Frau Tugend und Frau Reine Zucht so hart bedrängt, daß sie wohl die Flucht antraten müßten aus deutsche» Landen. Ihre Feindin die Frau Schande habe jetzt da zu große Gewalt und nun solle er, der Dichter und Herold, der Träger der öffentlichen Meinung und Wahrer von echter Zucht und Sitte, der„zum Wappen geschworen habe", seine Stimme erheben ob schnöden Rechts und Friedensbruches, der au Herzog Fried rich begangen worden sei. Der Dichter antwortet:„er möchte der Rede erlassen sein", er möchte sonst arg an seinem Leibe zerschlagen oder lebendig begraben werden, wenn er„zu viel Wahrheit sage". Ein Stückchen mittelalterliche„Preßfreiheit" *) Herold hänyt zusammen mit Heraldik, was sreilich jetzt bloS noch Wappenkunde bedeutet, das Wort Herold aber greift tiefer und umfaßt die Kenntniß alles dessen, was einem Ritter, jenem deutschen Maimesideale ziemt; später verengt sich der Begriff Herold. **) Tie in allen Dingen das rechte Maß hält, Besonnenheit, ent- sprechend der Sophrosyne, einer der vier Haupttugenden der alten Griechen. mit Gänsefüßchen! Man möchte acrn genauere Zeugnisse für diesen Punkt haben! Vielleicht finoen sich noch Belege für der- artige Strafen an solchen, die„zu viel Wahrheit sagen!" Unser wackerer Königsberg sagt es aber eben doch in seinem Spruch. Auf die Frage: was hat den Frevel gethau, läßt er Frau Ge- rechtigkeit antworten:„Von Menze(Mainz) Bischof Johann!" Groß, kühn und edel ivaltet hier der Dichter seines Strafamtes! Die Gefahr, welche mit einer solchen schweren Beschuldigung gegen Mächtige allezeit verbunden war und noch ist, deutet er allerdings nochmals mit der zweifelnden Gegenfrage an Frau Wahrheit au: Was? der Mainzer„soll mit der Frau Schande gctanzct hau?" „Diese Bosheit ist Geschicht", d. i. Thatsache, wirklich gc- schchen, antwortet streng Frau Gerechtigkeit und erinnert ihn zum zweiten mal an seinen Schwur als Wappeudichter und Herold. Gr antwortete:„Ja ich habe es geschworen, wer da wohl thut, den setze ich fort(d. h. hinauf an die Ehrenplätze bei Tafel oder sonstwo) und wenn ich weiß ein' Bösewicht, den setze ich bei kein' Guten nicht". Dem'folgt nun der erneute Auftrag, mit Wort, Lied und Spruch zu brandmarken die Mordbuben, die„hau Frau Schanden Schwert so schändlich lassen schneiden." Folgen die Namen der heimtückischen Mörder. Die Fürsten, in deren Land der Frevel geschah, sollten dazii thun, daß die Unthat gerächt werde, sonst seien sie meineidig. Zum Schluß entgegnet der Dichter noch einmal: Jungfrau das mögt ihr sa'u(sagen) Danrit ich sei unschuldig an(daran). lieber unseren- Königsberg schweigen die bis jetzt bekannten Quellen, freilich möchte man gern wissen, ob er von dem Priester der Religion der Liebe, dem Mainzer Bischof oder einem anderen der erlauchten Mordgcsellcn zu einem Opfer mittelalterlicher „Preßfreiheit" auserkoren und in der von ihm selbst geschilderten Weise behandelt worden ist. Für gewiß läßt sich aber annehmen, daß diese furchtbare Anklage gewaltige Aufregung hervorgerufen und wie ein Lauffeuer durch die deutschen Gaue gegangen sein muß. Aus einem Spruche Johann Schneiders für das Jahr 1492 ergibt sich auch, wie sehr man mit der öffentlichen Meinung, „der sechsten Großmacht", wie Napoleon sie nannte, schon damals zu rechnen wußte, indem weltliche und geistliche Fürsten, mächtige Städte und andere politische Körperschaften solche Sänger und Spruchsprecher zu gewinnen suchten, ja förmlich in ihrem Dienste anstellten. Schneider war nämlich zweimal in solcher Stellung, beim Herzog von Baiern und bei Kaiser Maximilian. Und Stoff besonders zu ernsten Rüge- und Strafliedern bot jene Zeit übergenug. Bei Tafel wurde von dem Herold einer stimbolisch für un- würdig erklärt mit den anderen zusanimcnzusitzcu, indem'das Stück Tafeltuch ausgeschnitten ward, wo er saß, und an diesen Brauch anknüpfend, sagt ein Spruch: Tollt man jetz solch Zipfel schneiden, So mußlc manches Tischtuch leiden! Mit dem allgemeinen Niedergang verfiel auch die Poesie, die Wappeudichter und Spruchsprecher sanken immer tiefer herab und verloren immer mehr bei den: Wankendwerden alles sonst Das Dove'sche Drehl Von „Der Wind blaset wo er Ivill und du hörest sein Sausen wohl, aber du weißt nicht von wannen er kommt, noch wohin er fährt" sagt der Apostel Johannes. Jahrhunderte lang war dies der Standpunkt der Gebildeten und Ungebildeten, der Gelehrten und der großen Masse. Daß das Mittelalter sich nicht mit physi- katischen und meteorologischen Untersuchungen abgab, war ebenso natürlich und erklärlich, als daß bei der gesammten geistigen und wissenschaftlichen Richtung des 1 Macher und Poet dazu— soviel weiß wohl jeder unserer Leser vou dem wackeren Nürnberger, dessen Porlrät unser Bild(S. 16) wiedergibt, wie es uns ein alter Holzschnitt überliefert hat. Aber— das ehrsame Schuhmacherhandwerk >n Ehren!— es war nicht das Beste und Erste au ihm, dem„sinnreichen Herrn Hans Sachs", wie ihn einer seiner Schüler in Schusterei und Poeterei genannt hat, daß er treffliches Schuhwerk anfertigen konnte, vielmehr möchte es einem beinahe recht beklagenswerth erscheinen, daß ein Mann wie dieser, ein Poet und Gelehrter von hohem natür- lichcn Berus und entschiedenster Neigung, ein tüchtig Theil seiner Zeit auf dem Schusterschemmcl in geistarmcr Arbeit verbracht hat. Aber, wenn man bedenkt, daß es gerade dieser stete unmittelbare Zusammen- hang mit der keruhasten und zukunftsvollen Handwerkerschaft seiner Zeit war, der ihm das Vcrständniß des Volkslebens erschlossen und frisch erhalten, der allen seinen Dichtungen den vollen Hauch der Bolksthüm- lichkeit bewahrt und den freigebigen Born seines derben Humors un- erschöpflich gespeist hat; wenn man ferner die wunderbare Fülle des von dem Schuster Hans Sachs dichterisch Geleisteten überschaut und die Trefflichkeit der meisten seiner Schöpfungen anzuerkcncn sich gezwungen sieht, so wird man gestehen müssen, daß dieser poetischen Schöpser krast der Handwerksbetrieb, wie er damals gepflogen ward, keinen wesenl- lichen Eintrag gethan haben kann. Ja, der Handwerksbetrieb von da- m als! Das deutsche Handwerk des 16. Jahrhunderts hatte noch gol- denen Boden. Deutsches Städtewcsen und Bürgerlhum zog aus dem Verfall der Adelsmacht und Kaiserhcrrlichkeit reiche Nahrung und blühte jugendsrisch empor. Ein sich immer vielseitiger gestaltendes Geistes- leben erwuchs aus dem sruchtbarcn Boden der um die Mitte des voran- gegangenen Jahrhunderts erfundenen Buchdruckerkunst und das wieder sich erschließende Verständniß für die Schriftwerke des klassischen Alter- thums zeugte den Sinn für edlere Lebensgestaltung und den Drang nach freierer Geistesregung, als sie unter der weltlichen und geistlichen Doppel- Herrschaft oder Doppelknechtung bis dahin sich hatte entfallen können. Es waren die Jahre, von denen der herrliche Ulrich von Hutten in freilich sich dennoch überstürzender Begeisterung ausrief: Es ist eine Lust jetzt zu leben. Aber sie wußten es nicht, daß sie sich täuschte» in dein Vertrauen auf die Siegcsmächtigkeit jenes geistigen Frühlingswehens, das durch die Herzen und Köpfe des deutschen Volkes zog zu Ansang des 16. Jahrhunderts— sie, die deutschen Denker und Helden, wie Hutten, und die kernfesten Volksdichter, wie Hans Sachs; wie konnten sie auch ahnen, daß der Volksdrang nach Geistessreiheit, der in Luthers kirchlicher Reformation seine Auserstehung feierte, in eben dieser Reformation für lauge Zeit auch sein Grab finden sollte. Hans Sachs, welcher mit dem vielbekannten Liede von der„Wittenbergischeu Nachtigall" die dem Löwen, den Waldeseln, Schweinen, Katze» und Fröschen— d. i. dem Papst und seinen Getreuen— zu Aerger und Trotz die fromme Heerde von dürrem Acker auf saftige Wiese lockt, den deutscheu Reformator freudig begrüßt hatte, sollte bald genug selber einsehen, daß es eitel Thorheit war, die Interessen einer Volksbewegung mit dem Eigennutz der Reichs- fürstenschast zu verschwistern. Und so kehrte er zwar seinen Poetenzorn schließlich gegen die hohen Häupter, aus welche die Reformation ihre Hoffnung gesetzt hatte, aber er wußte selbst, daß sein Gesang wohl Wider- hall fand bei Seinesgleichen, aber da wo die Mächt war, an den Höfen und in den Schlöffern der Großen, wo dereinst der Dichter ein wohl- gelittener und einflußreicher Gast gewesen, nimmermehr auf Beachtung zu rechnen hatte. Hans Sachs poetisches Talent ward so allerdings anfänglich gespornt von dem großen geistigen Anlaufe, den seine Zeit nahm, dann aber wieder gezügelt und in enge Grenzen gebannt von den Schranken, welche eben diese Zeit stehen gelassen oder neu wieder aufgerichtet hat.— Am 5. November des Jahres 1594 ward dem Schneider Sachs zu Nürnberg der Sohn geboren, welchem er in der Taufe den Namen Hans gab. Von Kindheit an konnte der Vater mit dem aufgeweckten Jungen nichts Kleines vorgehabt haben, denn er schickte ihn mit dem siebenten Jahre in die Lateinschule und ließ ihn bis zu seinem fünszehnten darin. Daun aber that er ihn zu einem Schuster in die Schusterlehre, gleichzeitig aber auch zu dem als Meistersänger vielberühmten Leineweber Leonhard Nunneubcck in die Poctenschule. In den üblichen zwei Lehrjahren hatte Hans Sachs genug profitirt von dem ehrsamen Schuhmacherhandwerk und sicher auch von der Dichtkunst Meister Nunnebecks, um sich als Schuster und Poet selbst durch die Welt zu helfen. Und so begab er sich denn flott auf die Wanderschaft, um Menschen und Länder, Welt und Leben kennen zu lernen. (Schluß folgt.) Der ZruStempel in Olympia in seiner ursprünglichen Gestalt. (Bild S. 17). Der geistige Mittelpunkt der vielen Staaten, welche den„geographischen Begriff" Griechenland darstellten, war Olympia. Ganz Elis, zu dem Olympia gehörte, galt für ein dem olympische» Gott geweihtes Land, dessen Grenze keine bewaffnete Schar überschreiten durfte. Erst durch Einsetzung dieses Bundesheiligthums lernten sich die verschiedenen Stämme der Hellenen(Griechen) als ein durch Sprache, Sitte, Religion und Kunst gceinigtes Volk fühlen. Olympia war keine Stadt, nur ein Tempelbezirk. Die Landschaft, welche denselbe» bildete, bestand aus zwei Theilen, der eine lag innerhalb, der andere außer- halb der Altis, d. h. dem Tempelhof des hellenischen Obergottes Zeus, den die Römer Jupiter nannten. In der Altis befand sich nur, was den Göttern gehörte; von einer hohen, angeblich von Herakles(Herkules) gegründeten Umsassungsmauer umgeben, zog sie sich am platanenreichcn User des Kladeos, eines Nebenflusses des Alpheios, hin. Durch ihr einziges Eingangsthor, das von einem Oelbaum beschattet war, von deni man die Kränze abschnitt, mit welchen man die Sieger der von fünf zu fünf Jahre» stattfindenden olympischen Spiele schmückte, be- traten die Festzüge den geheiligten Boden. Da stellte sich den» Auge auf mächtigem Unterbau der Tempel des Zeus dar, mit seiner westlichen Front dem Eingang zugekehrt, wie ihn unser Bild darstellt. Dieses glänzend ausgestattete Nationaleigenthum war ein Werk des atheniensi- scheu Meisters Phidias. Im Eiuverständuiß mit Phidias ordnete Pa- uainos den malerischen Schmuck und die Gewandung des Tempelbildes, füllten Alkmenes und Paionios die Giebelfelder mit Gestalten der Götter und Helden. Er selbst, der König der Kunst, widmete seine ganze Kraft und Erfahrung der höchsten Aufgabe seines Lebens, dem Nationalgolt der Hellenen, dem Zeus, der im Innern des durch dop- pelte Säulenreihen in drei Schiffe getheilten Tempelraumes thronte. Die nackten Theile waren Elsenbein, die Bekleidung Gold, die Verzie- rungen aus den edelsten Stoffen, Gold, Silber und Edelsteinen ohne Zahl. Auf einem zwölf Fuß Hohen, mit vergoldetem Gestell geschmück- ten Postament, die Füße von tanzenden Siegesgöttinnen umgeben, thronte der Weltherrscher auf einem Sessel, den geflügelte Sphynxe trugen und die Gruppen der Hören(Stundengöttinnen) umschwebten; goldene Löwen trugen der Füße Sckicmel. Bei der Auffassung der majestätischen Stellung dieser achtundsechzig Fuß hohen Bildsäule schweb- ten dem Meister Phidias Homers Verse vor, in denen Zeus den Bitten der Thetis(Göttin der Gerechtigkeit)---------- ...„zuwinkte mit dunkele» Brauen, Und die ambrosische» Locken des Königs wallten nach vorne Von dem unsterblichen Haupt; es bebten die Höh'n des Olympos/" Der Zeustempel, wie ihn die Leser der„N. W." aus unserem Bilde sehen, ist die Gipfelkrone der griechischen Baukunst, welche die künst- lerische Form der indischen und chinesischen Bauten zum klare», durch- gebildeten Organismus entwickelte. Der Zeustempel bestand aus der rechteckigen Zelle, in welcher das obenbeschricbene Götterbild aufgerichtet war, und aus einer offenen Vorhalle mit dorischer Säulenstellung. Schlicht und naturgemäß wußten die Griechen nicht nur an diesem Tempel, sondern an all ihren Bauten zwischen den architektonischen und bildnerischen Theilen das Verhältniß abzuwägen. Beide Theile dienten gegenseitig zur Ergänzung; die Architektur erschien als Träger des Bildwerks und dies als die Blüthe, die aus dem Stamme der Architektur emporsproßte. „Nur einen Herrn kennt die Baukunst, das ist die Schönheit, die aus dem Bedürfniß entspringt. Sie artet aus, wo sie der Laune des Künstlers, mehr noch, wo sie mächtigen Kunstbeschützern gehorcht. Ihr stolzer Wille kann wohl ein Babylon, ein Persepolis, ein Palmyra aus der Sandwllste erheben, wo regelmäßige Straßen, meileuweite Plätze, prunkhafte Hallen und Paläste in trauriger Leere auf die Bevölkerung harren, die der Gewallige nicht aus der Erde zu stampsen vermag— das organische Leben der griechischen Kunst ist nicht ihr Werk, es ge- deiht nur auf dem Boden des Bedürfnisses und unter der Sonne der Freiheit." Nach diesen Worten des jüngst verstorbenen Architekten Semper wolle» wir zur Erklärung des herrlichen Bildwerks an dem Zeustempel schreiten. Auf der Spitze des Giebels schwebte die Sieges- göttin Nike; auf beiden Giebelenden stand ein Prcisgefäß. Zu den Füßen hing ein Schild, ein stolzes Siegeszeichen der Lacedämonier; den Architrav(das Stirnseld oberhalb der Säulen) bedeckte eine Reihe glänzender Schilder. Im Dreieck des Giebels aber füllte Zeus selbst den mittleren Raum. Rechts von ihm der alte pelasgische König Oinomaos mit seiner Gattin Sterope, der Atlastochter, dann das Bier- gespann des Königs, geführt vom Wagenlenker Myrtilos, von Dienern begleitet; als Abschluß im innern Winkel des Giebelfeldes der Flußgott Kladeos. Zeus zur Linken standen Pelops und Hippodamia, ein Heroenpaar, dann des Pelops' Wagenlenker mit de» dazu gehörenden Wärtern, und dort, wo das Giebeldach sich wieder senkt, schließt der Flußgott Alpheios die Darstellung ab. Dieser Schmuck des Giebels drückt den Grundgedanken aus: das Auge des Zeus überwacht Kamps und Sieg der Wettspiele z» Olympia und die über ihm schwebende Siegesgöttin vertheilt die Preise an die glücklichen Sieger. Die Dar stellungen des entgegengesetzten Giebels zeichneten die Anschauungen der damaligen Welt, nämlich den Gegensatz von Barbaren(Nichtgriecheu) und Hellenen(Griechen) und zwar durch den Kampf der Lapithen gegen die Centauren. Wie schon im Eingang bemerkt, war Olympia eine Stadt, bestehend aus lauter Tempeln. So schloß sich an den Tempel des Zeus eine Reihe anderer kunstvoller Bauten; mit ihm durch eine von Bildsäulen angefüllte Gasse verbunden zunächst das Heiligthum des Pelops, ein viereckiger, ummauerter Hof; dann der ebenfalls ummauerte, der Hippo- damia geweihte Raum, daneben eine Statue des Zeus, umgeben von Gestalten griechischer und trojanischer Helden. Daran reihte sich der Tempel der Here, des Donnerers Gemahlin. Auch dieses Gebäude, im Hintergrunde unseres Bildes sichtbar, war von großer architektoni- scher Schönheit und diente zur Aufbewahrung von Alterthümern und kostbaren Gcräthcn. Die Erz- und Marmorstatuen an den vier Ecken des Zeustempels sind Weihgeschenke verschiedener Staaten, veranlaßt durch siegreich beendete Kriege oder glücklich abgewendete Elementar- scbäden. Im Hintergrunde unseres Bildes sieht man eine Bodcnan- schwellung, welche der Hügel des Kronos(der Gott der Zeit, Urvater Saturn) genannt wurde. Hier lagen im Halbkreis die Schatzhäuser der verschiedenen griechischen Städte. Eine Reihe von Zeusstatuen auf einer Terrasse ausgestellt, führte zum Stadium und Hippodrom, d. h. den Rennbahnen der Wettkämpfe. Außerhalb der Altismaucr, unweit des heiligen Hains lag das Gymnasion, nicht zu verwechseln mit den Bildungsanstalten gleichen Namens unserer Zeit. Es war, was es wörtlich bedeutet, die Wohnung der nackt kämpfenden Athleten. Daran reihte sich das Heiligthum der Hestia, das Theater, der Tempel der Venus und aus dem Hügel des Kronostempels die Akropolis Olym- Pias, wo in vorgeschichtlicher Zeit dem Saturn Menschenopfer gebracht wurden. Einen großartigeren Aussichtspunkt gab es wohl in der ganzen Welt nicht. Man übersah von hier aus die große Zahl der herrlichen Bauwerke, die Prozessionsstraßen und Altarplätze. Die Straßen und Plätze aber waren von dichten Reihen der Siegerstatuen eingefaßt, deren der Schriftsteller Pausanias noch über 236 zählte, nach- dem schon viele durch den verrückten Kaiser Nero umgestürzt waren. Alle fünf Jahre entwickelte sich zu Olympia ei» großartiges Fest, dessen friedlicher Charakter aus der ganzen Halbinsel, Hellas genannt, sich fühlbar machte. Laut uraltem Uebereinkommcn zwischen Jphitos und Lykurg herrschte für die Dauer des Festes„Gottessrieden" und die in viele Stamm- und Stadtgebiete zerrissene und in unaufhörlicher Befehdung sich erschöpfende Halbinsel konnte sich erholen und ihre Bewohner pilgerten schaarenwcise zu den Wettspielen nach Olympia. Den siegreiche» Kämpfern winkle der einfache Ehrenkranz(wie schon eingangs erzählt), der Ruhm und Preis der Mannestugend und der 23 sehnlichste Wunsch aller Griechen, das stolze Recht auf Verherrlichung durch Aufrichtung einer Porträtstatuc auf geweihtem Platz. Daraus ersieht man, daß der Götterkultus überall nur auf die Verherrlichung der Menschheit hinausläuft. Deshalb trägt die Nationalgottheit den Rassenlypus der sie verehrenden Gläubigen. Daß auch die geistigen Eigenschaften der verschiedenen Götter national sind, ist selbstverständ- lich. Doch zurück zu unserem Feste, das alle fünf Jahre sämmtliche Griechen leider nur aus fünf Tage zu Brüdern machte. Tausende von Zuschauern, aus den heterogensten Elementen zusammengewürfelt, Ver- brecher für die Dauer des Festes mit freiem Geleit, hartnäckige Tod- feinde friedlich nebeneinander, harrten, das Herz mit feierlicher Stim- »mng erfüllt, auf den Ausgang des Kampfes. Waren die Preise ver- theilt und die fromme Menge verlaufen, so brach die alte Zwietracht aus unter den Stämmen der Hellenen, die sie ins Verderben führte; Römer und Barbaren verwüsteten die heiligen Haine Olympias. Unter den Barbaren waren die Gochen die schlimmsten, welche, um ihr Christen- thum zu bethätigen, mit frevelnder Hand die letzten Reste der Kunstepoche der Menschheit vernichteten. Die Statuen, deren edle Formen für alle Zeiten Zeugniß ablegen von dem vollendeten Geschmack ihrer Erzeuger, der unerreichten Bildhauer Griechenlands, wurden von Chri- sten und Mohamedancrn aus Befehl ihrer Priester verstümmelt. Der Menschen Aberwitz und der Elemente Wuth schienen sich zum Verderben der herrlichen Schöpfung vereinigt zu haben. Der durch Regengüsse angeschwellte Fluß Alpheios überschwemmte die Ruinen und stürzte die Prachtbauten, welche der Menschenhand entgangen waren. Die letzten Ueberreste schienen verschwunden, denn die Lehmfluth des Kladeos und Alpheios überdeckte sie von Jahr zu Jahr immer höher mit Geröll. Im Jahre 1852 leitete Professor Cnrtius die Augen der Welt aus diese verborgenen Schätze. Doch erst nach 23 Jahren sollten sie ans Tages- licht gefördert werden. Im Jahre 1875 schickte das deutsche Reich den Entdecker von Olympia mit einer Kommission von Fachmännern nach Griechenland, um die verborgenen Kunstschätze zu heben. Gleich beim Eröffnen der Gräben an den Fronten des Zenstempels feierten einige der oben beschriebenen Giebelfiguren nach jahrhundertlanger Ruhe ihre Auferstehung. Wie es sich gebührt, kam der Obergolt oder wenigstens ein Theil von ihm zum Vorschein, dann fand man die geflügelte Sieges- göttin Nike, leider in zwei Theile getrennt, nebst Bruchstücken ihres Postaments, Theile einer liegenden Figur, wahrscheinlich einer der Flußgötter u. a. in. Freilich war in der Folge die Ausbeute weniger ergiebig, aber immerhin alle Erwartungen übertreffend. Künstler und Gelehrte werden noch Menschcnalter hindurch die unerschöpfliche Fundgrube der antiken Prachtepoche ausbeuten, aber der Vertrag des deutschen Reiches mit Griechenland bürdet dem ersteren alle Pflichten auf und verleiht dem letzteren alle Rechte. Als Lohn der großen Mühe und der beträchtlichen Kosten erhielt Deutschland das Recht: Gypsab- güsse von den gefundenen Skulpturen zu nehmen, die Skulpturen selbst bleiben in Griechenland, welches sie später an Frankreich oder England verkaust. Wem fällt da nicht die Geschichte von den heißen Kasta- nien ein! Aus einem im Juli 1879 veröffentlichten Aussatze des Professors Adler über die Ausgrabungen von Olympia ersieht man, daß bis jetzt an Alterthümern gefunden und inventarisirt worden sind: 1328 Stück Skulpturen, 7962 Stück Bronzen, 696 Jnschristcn, 2935 Münzen, 2604 Stück Terraeotten und 165 Gegenstände aus Glas, Horn, Blei u. s.>v. Es werden Jahrzehnte dahingehen, bis die Wissenschast das neugewonnene Material bewältigt haben wird. Or. M. T. Modcthorheiten vergangener Jahrhunderte. I. Der Kobold Mode treibt nicht nur in der neuere» Zeil sein allzu oft widerliches Wesen; er hat von Anbeginn seines Einflusses mit seinen Launen den Leuten die Köpfe verdreht und ist bald als Geck flott und lüderlich einher- stolzirt, bald als ein die Freuden und Schätze der eitlen Welt ver- achiender Betbruder mit zu Boden gesenkten Augen dahingeschlicheu. Versuche zu seiner Besserung sind schon oft gemacht worden, man hat ihm sogar manchmal recht übel mitgespielt. Bald verfolgte man ihn, wie es heute von Th. Bischer geschieht, mit dem rücksichtslosesten Spott und der schärfsten Satire, bald donnerte man von den Kanzeln und in den von„Seelsorgern" verfaßten Flugschristen gegen den Mode- teusel oder die gestrenge» Behörden erließen ihre ,�Kleiderordnungcn" gegen sein üppiges Treiben. Da er jedoch das Kind von bestimmten herrschenden Sitten und Zuständen ist, so hatten die Moralpredigten u. dergl. auch nur dann Erfolg, wenn sie von Veränderungen und Verbesserungen dieser bestimmenden Verhältnisse begleitet waren. Wir haben übrigens keineswegs die Abficht, dem heutigen Modetreibcn den Text zu lesen; es sollen nur einige Beispiele vorgeführt werden, daß die heute auf den Straßen paradirenden Narrheiten und Ueberspannt- heitcn bereits in früheren Zeiten ihre Vorläufer hatten. Da ist z. B. die Schleppe; wer wäre nicht wenigstens einmal in die unangenehme Lage gekommen, in einem unaufmerksamen Augenblick durch unbarm- herziges Trauftretcn sie zu vernichten oder doch zu beschädigen. Was Hai man nicht in neuerer Zeit für Mühe, Tinte und Buchdrucker- schwärze daraus verwandt, um sie von der Straße zu verscheuchen. Sie tritt bereits im 14. Jahrhundert aus; erregte jedoch in Deutschland erst die Ausmerksamkeit zu Anfang des fünfzehnten. Die erste Behörde, die sich mit ihr beschäftigte, war der Münchner Rath; er bestimmte, sie solle nur die Breite eines Fingers haben. Der Rath zu Ulm gestattete schon eine Viertclelle und die Obrigkeit zu Modena erlaubte bereits eine ganze Elle. Doch war die letztere besonders streng in der Durchführung dieser Bestimmung und ließ ein darnach in Stein ge- hauenes Modell öffentlich ausstellen, woran die verdächtigen Schleppen gemessen wurden. In Frankreich hatte sie bereits um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts eine so ausgebildete Gestalt angenommen, daß sie einer besonderen Person zum Tragen bedurfte. Es herrschte sogar die Mode, daß das lange Oberkleid unten an den Seiten gespalten war, und während das vordere lange Ende von der Dame auf dem Arme getragen wurde, trug das Hintere Ende ein Diener. Ein Ritter, de la Tour, der sehr häufig gegen die Ausschreitungen der Mode zu Felde zog, sagt über die Frauen betreffs der Schleppe,„sie haben sich hinten beschmutzt, gerade wie die Schafe die Schwänze". Der Kurfürst Ernst und der Herzog Albrecht von Sachse» erlauben in ihrem Erlaß von 1482 ordnungsmäßig den Ritterfrauen und-Fräulein zwei volle Elle». Die Schleppe war im Lauf der Geschichte den verschiedensten Ver- änderungen unterworfen, aber behauptet hat sie sich bis heute. Wir haben selbst Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie sie ihre Gestalt bald nach dieser oder jener Richtung änderte und oft in der drolligsten Weise in die Erscheinung trat. Auch andere heutzutage Mode gewordenen Unsitten, wie die über alle Gebühr enganliegenden Kleider und die übermäßige Entblößung, waren um diese Zeit bereits an der Tagesordnung; sie verschwanden aus kurze Zeit, tauchleu wieder auf, um später anderen Platz zu machen, und spielen deshalb heute noch ihre Rolle. Trug damals eine Dame zu Hause nur ein einziges Kleid, so lag dies ganz eng am Körper an; ging sie zu Balle, oder zum Besuch n. dergl., so saß das Oberkleid eben so eng. Uebcr die Enge der Kleider wird uns versichert, daß die Dame nicht im Stande war, sich allein anzuziehen. Wir könne» heute Aehnliches erzählen. Soll doch eine bekannte Künstlerin, deren Körper- forme» nach der Breite hin die Grenze, die von den Anforderungen der Schönheit bestimmt werden, etwas stark überschritten hatten, zwei bis drei Personen gebrauchen, um die„Taille" einigermaßen gefällig her- zustellen. Das mag als Ausnahme gelten, aber es steht doch fest, daß im allgenieiuen hier sehr viel gegen die menschliche Natur, Gesundheit u. s. w. gesündigt wird. In den Augen der Behörden des 14. und 15. Jahrhunderts war es die verletzte Sittlichkeit, welche in erster Linie Abhilfe verlangte; daß die Gesundheit dieser noch vorausteht, ja ihr zu Grunde liegt, kann man den Weisen jener Zeit nicht zu wissen zu- muthen. Der Rath der Stadt Straßburg scheint es wenigstens geahnt zu haben, denn er schreibt in seiner Verordnung von 1379:„Hinfüro soll sich keine Frau mehr schürzen mit ihren Brüsten, weder mit Heni- den noch gebrisen(geschnürten) Röcken, noch mit einem anderen Ge- fängniß."„Gefängniß", das ist der bezeichnendste Ausdruck für diese Körpercinpreffungen; wie wenigen vom„schönen Geschlecht" ist dies aber bewußt?— Aber auch die sich immer so vernünftig dünkende Männerwelt war damals schon nicht von diesen Unarten ausgeschlossen. So sagt uns ein damaliger, die Verhältnisse von Wien und Umgebung beschreibender Schriftsteller:„Wieder andere ließen sich die Kleider so eng machen, daß sie solche nicht anders als mit Hilfe anderer oder mittelst Auflösung einer Menge kleiner Köpflein, womit die ganzen Acrmel bis auf die Schultern, dann die Brust und der Bauch ganz besetzt waren, an- und ausziehe» konnten. Andere trugen Kleider, die um den Hals soweit ausgeschnitten waren, daß man ihnen einen ziem- licheu Theil von der Brust und dem Rücken sehen konnte."„Etzliche aber," so schreibt ein andrer über die böhmischen Trachten im Jahre 1367,„und besonders diejenigen, so etwas vornehmes sein wollen, hatten an einem Kleid in die fünf, auch wol sechs Schock Knöpfe und der- maßen eingepreßt, daß sie sich nicht bücken oder die Erden mit der Hand berühren mögen. Die Rittermäßigen ließen sich auf gemelden Röcklein über die Lenden von Tuch anderer Farben Ströme, gleich als Rittergürtcl aufziehen. Etzliche trugen auch auf der Brust mit Baum wollen gefütterte und ausgefüllte Brustlätze, auf daß es ein Ansehe» haben mußte, gleich als wenn der Mann so wol gebrüstet wäre, als eine Weibsperson, und pflegten also dieselbigeu falschen Brüste und Bäuche gar sehr einzuschnüren." Dies wird genügen, um das Fehlen von Vernunft und Sitte in den Kreisen der„Herren der Schöpfung" von damals zu zeigen. Daß es heute damit nicht besser gestellt ist, dafür liefert uns manches Ebenbild des Schöpsers die hinlänglichsten Beweise. Welche Rolle das heute so nothwendige Requisit, Taschentuch ge- nannt, spielte, sagt uns folgender Passus der Magdeburger Kleider- ordnung von 1583.„Des Brüdegammes unde des Mannes Personen vam Geschlecht ere Schnüffeldöke schal eines över anderthalveu Daler nicht Werth sehn; der gemeinen Börger einen halven Daler, unde der Dicnstbodcn einen halven Gülden, by pcen einer Marck. Lrerst de Freuchengeschlinge van Sülver unde Golde schöllen an den Schnüffel- döcken gar verbadcn syn, bü peen dryer Marck." Eine Dresdner Kleider- ordnung(1595) verbietet den unteren Ständen mit Taschentüchern ein Hochzeitsgeschenk zu machen. Es wurde mit diesem Stück gleich in andern Fällen ein großer Luxus getrieben; der Stoff war feine Lein- wand, der Besatz bestand aus kostbaren Spitzen, auch hohle, durch- brochne Näthe faßten das Tuch ein und an den Ecken hingen kleine Ouästchen. Stickereien von Gold und Silber, mit Perlen, Goldrosen 24 lind anbeten kostbaren Gegenständen dienten als Schmuck dieses Stückes. Es war für gewöhnlich weiß, doch waren auch farbige in Gebranch. Die im Jahre 1575 herausgekommene„Weiberziernug" des Alestio giebt auch ein Rezept zur Bereitung von Wasser,„um Schnanptücher darin zu beizen oder dunken, welche das Angesicht schön weiß und wohl gefärbt machen, so man es damit abwischt oder abstreicht, und je baß man das Gesicht damit reibet, je schöner es wird. Diese Tücher währen sechs Monate lang." Tie zu diesem, zur Erhaltung des Teints die- »enden Wasser verwandten Stoffe waren:„Alaun, Malvasir, Borris, Gummi Tragand und Arabikum wird mit Quecksilbersublimat und Blei- weis, Ei'.wklar, Terpentin, Essig und Jmber gekocht, auch Myrten, Ziamphor, fünfzig Schnecken, eine gerupfte feiste Henne, Pom- meranzen. Zitronen und Znckerkandel zngemischt." In dieses Wasser tauchte man die Tücher siebenmal, und„so du sölches zum siebenten male gethan hast, seind sie recht zubereitet, köstlich und sürtrefslich für Königin und andere köstliche Weiber." Gelüstets da unser» heutigen Schönen nicht? Uns stehen noch eine Anzahl ähnlicher Rezepte zur Erhaltung der Schönheit zur Disposition, natürlich nur für alle die- jenigen, welche die Regeln und Gesetze der Natur unter die auch heute üblichen Mittelchen der Charlanterie stellen. Eine berühmte Dame in der früheren Zeit hatte einst ihrem Geliebten in einem Jahre, bei einem einzigen Parsümeur eine Rechnung von 50,000 Thalern für dergleichen Schönheitsmittelchen gemacht. Soviel für heute. Fr. Nauens. Der Alkohol. In dem großartigen Werke„Los Grandes Usiues"*) beschreibt Turcan die Getreidebrennerei von Maisons-Alfort und spricht bei dieser Gelegenheit seine Ansicht über den Alkohol im allgemeinen aus, über diese so viel verdammte und doch so nutzreiche Flüssigkeit. Turcan sagt: Mehr noch als der Tabak bildet der Alkohol das Thema von Moralpredigten. Allerdings besitzt der kouzentrirte Alkohol die Eigenschaft, energisch Wasser anzuziehen, sodaß er für die Schleimhäute, die er berührt, gefährlich wird: er bringt ferner Eiweis zum Gerinnen, er zersetzt gewisse organische Gewebe, er verändert die Gehirnsnbstanz. Aber andererseits ist zu beachten, daß er durch seine Bestandtheile, Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ein mächtiges Hilfsmittel für Respiration und Wärnieerregung ist; davon machen Hygieine und Medizin Anwendung, wie er auch als Vehikel für aromatische Essenzen dient, die in manchen Fällen ans den Organismus einen so wohlthä- tigen Einfluß ausüben. Er ist für den Magen nicht direkt schädlich; in Flüssigkeiten, wie z. B. Absynth, enthält er einige Stoffe in Lösung, sodaß bei Wasserzusatz die Flüssigkeit trübe wird und einen Bodensatz bildet. Genießen junge Leute häufig solche Liqueure, so wird die Magenschleimhaut angegriffen. Bei manchen Peisonen scheint Alkohol um so schneller auf den Kopf zu wirken, je verdünnter er ist. Bisweilen tritt schon nach einem einzigen Glase Grog Trunkenheit ein. Alkohol, wie auch viele andere pflanzliche und thierische Stoffe, die in den Körper eingesührt werden, darf nicht ohne Verständniß und gleichsam Maschinen- mäßig genossen werden, wie es die meisten Menschen thun. Das ist eine Lücke in der Erziehung. Beriiünstige Borträge über Ernährung und Nahrungsmittel sollten in jeder Schule eingeführt werden! Eine Menge anderer, weniger wichtiger Kenntnisse wird gebieterisch verlangt, aber den Lebenszufällen überläßt man die Wahl der Stoffe, welche unfein Körper und unser Gehirn ernähren sollen, die unser ganzes Wesen, unser Denken beeinflussen, uns zu gesunden Menschen machen sollen und in vielen Fällen nur schwächliche, hinsällige, leistungsunsähige Menschen bilden. Bei unserm jetzigen Kulturzustande haben wir den Instinkt verloren, der den Wilden leitet, uns kann nur ein beständiges Beachten unserer Bedürfnisse und der Verrichtungen unserer Organe richtig lenken. Verschiedene Klimate, verschiedene Temperamente ver- laugen verschiedene Ernährung. Der Lappländer und Eskimo genießen ohne Gefahr für ihre Gesundheit ein Kilogramm Fett und Thran; der Araber lebt von einigen Datteln. Für Leute, die sitzende Lebensart und Beschäftigung hahen, führt ein Mißbrauch stickstoffhaltiger Nahrung zu Gicht, Harnsand, Blasenstein. Der Mißbrauch fetter Nahrung führt bei andern zur Bildung von Gallensteinen— alles ebenso tödtlich wie eine Alkoholvergiftung. Für gewisse Temperamente und Lebensgewohn- heiten ist der Mißbrauch von Eiern, Fleisch, fetten Nahrungsmitteln ebenso gefährlich, wie ein Alkoholmißbrauch, aber die Wirkung ist weniger schnell, weniger zu Tage tretend, weniger beobachtet und stu- dirt. Wir vertheidigen sicherlich den Alkoholismus nicht, aber wir glauben, daß die meisten Krankheiten und Schwächen, die tödtlich sind jür die Liebhaber des Kneipenlebens, ebenso oft herrühren von Nacht- wachen, Raufereien, Unmäßigkeit und schlechter Ernährung als vom Alkohol selbst. Wir betrachten den Alkohol nicht als Gift, sondern als eine Art Nahrungsmittel, das um so werthvoller ist, als es in seiner Wirkung relativ unveränderlich ist. Dr. B.- R. *) Erschienen bei Calmann-Levy, libruire-tSditeur, rue Auber, 3, k Paris. Gelehrte Bauern.„Bauern und Gelehrsamkeit, wie reimt sich das zusammen?" höre ich meine Leser fragen. Besser als man für gewöhnlich annimmt. Ein flüchtiger Blick aus die Dichter und Denker aller Zeit belehrt uns, daß sich aussallend wenig Fachgelehrte darunter befinden. Der Erfinder der griechischen Buchstabenschrist war, um mit der Mythe zu beginnen, der Koch Kadmos, die Evangelisten waren 1 sammt und sonders ehrsame Handwerker, der Erfinder der Taschenuhr ein nürnberger Weber und sein Landsmann, der Schuhmacher Hans Sachs ein trefflicher Dichter. Sein Berufsgenosse Jakob Böhme war ein bedeutender Philosoph und der Strumpfwirker Van den Bändel, ein Holländer, schrieb mehrere Dutzend Tragödien in korrektem Latein. Ter Schauspieler Shakespeare besuchte nicht einmal so viel Monate die Schule, als er herrliche Stücke schrieb und der Entdecker des Dampfes, James Watt, hat niemals einen naturwissenschastlichen Kursus durchgemacht. Daß ein Mönch, Berthold Schwarz, das Schießpulver eiu- deckte, und daß ein Buchdrucker, Benjamin Franklin, den Blitzableiter erfand, spricht auch zu Gunsten der obigen Behauptung. Der Berg- knappe Stephenson hat mit der Lokomotive ebensoviel zur Verände- rung der Erdbahnen, wie der Musiker Herschel mit dem Teleskop zur Kenntniß der Himmelsbahnen beigetragen. Aber jetzt zn unseren gelehrten Bauern, die desto mehr Anerken- nung verdienen, je größere Hindernisse sich ihrer Ausbildung entgegen- stellten. Wir nennen zuerst den Astronomen Christoph Arnold, welcher den 17. Dezember 1050 zn Sommerfeld bei Leipzig geboren wurde. Dieser schlichte Landmann zeigte eine große Neigung für Naturwissen- schaften und erwarb sich besonders in der Sternkunde nmfassende Kennt- uisse. Er errichtete aus seinem eigenen Hause eine kleine Sterulvarte. Dort beschrieb und beobachtete er den Laus der Kometen vom Jahre 1083, 11,80 und 109O. Sein Bildniß steht in der leipziger Rathsbibliothek und seine Manuskripte werden in der Universitätsbibliothek ausbemahrt. Aus demselben Gebiete des Wissens zeichnete sich im verflossenen Jahrhundert der Bauer Johann Georg Pahlitsch aus, welcher zu Prohlis bei Dresden den 11. Juni 1723 geboren wurde. Ohne jeglichen Unter- richt wußte er sich durch rastlosen Fleiß mathematische, astronomische und physikalische Kenntnisse anzueignen. Sein Haus barg, neben den Wirthschastsgeräthen, mathematische Instrumente, eine gewählte Biblis- thek und eine Naturaliensammlung. Diesem Mann, der bei seinen landwirthschaftlichen Arbeiten selbst Hand anlegte, verdanken die Natur- forscher die Bekanntschaft eines neuen Planeten. Auch den Kometen von 1709 hat Pahlitfch früher, als die meisten gelehrten Astronomen beobachtet. Mit seinem Freunde, dem berühmten Astronomen Herschel in Greenwich bei London, stand er im lebhasten Briefwechsel. Er starb 1788 und liegt in Leubnitz begraben. Um die Dreizahl zn erfülle», gedenken wir in der Kürze noch des wendischen Häuslers Johann Gelanski, welcher im Jahre 1707 zn Gödan bei Baudissin starb. Durch Selbstunterricht brachte er es so weit, daß er, wie sei» Zeitgenosse Kardinal Mezzofanti, achtunddreißig Sprachen verstand. Sieben davon(die wendische, deutsche, böhmische, sranzöfische, italienische, lateinische und hebräische) las, schrieb und sprach er fertig. Wenn man suchen wollte, so fände man auch in anderen Ländern Männer genug, die ohne die Tretmühle der zünstigen Gelehrsamkeit zu tiefer Einsicht der Naturgesetze gelangt sind. Dr. M. T. Ursprung dcS Wortes„Halunke". In einer Beschreibung ver Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1025, gedruckt 1093, befindet sich ein Verzeichniß der einzelnen Waffengattungen. aus denen das türkische Heer zusammengesetzt war, darunter ein Abschnitt„von den Holuncken", der also lautet:„In den Türkischen Feldzügeu finden sich auch lose und verlohrne Rotten von allerlei) Buben zusammen ge- lanffen, worunter die Holuncken nicht die geringste zu achten; Sie sind gar übel außgerüstet und mit schlechten Gewehr und Waffen ver fehen. Der Kayser achtet ihnen auch wenig und brauchet sie anders nicht alß zum. Anlauffcn und Stürmen der Städte und Vestungen, ob ihrer gleich viel Tausend im lauste blieben und umbkommen also daß er offtmahls die Stadtgraben in den Belägerungen mit ihnen anzufüllen pfleget umb den Janitschareu damit einen Paß zum Stürmen zu machen; So lange sie zu Felde dienen sol ein jeder täglich 3 Aspern zu verzehren; Hernacher ziehet ein jeder seinen weg und begeben sich anff das Rauben und Freybeuten und haben offt die Christen von diesem Gesindel das meiste zn leiden alß welche sie vielmahlS mit Ver läumdungen nnd falschem Zeugnüß umb Ehr und Guth Leib und Leben bringen: dahero es auch kommen daß das Wort Holuncke bei den Teutschen ein gar schimpfflich Wort worden." Dr. B.- R. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von V......(Forlsetzung).— Das„Leben" der Erde, von C. Fehleisen (Fortsetzung).— Das ältere deutsche Lied in seiner politischen Bedeutung: literarhistorische Skizze von M. Wittig(Fortsetzung),— Hans Sachs (mit Illustration).— Der Zeustempel in Olympia in seiner ursprünglichen Gestalt(mit Illustration).— Modethorheileu vergangener Jahr hunderte.— Der Alkohol.— Gelehrte Bauern.— Ursprung des Wortes„Halunke". Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.