Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In H ften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Oeul Schicksal abgerungen. Novelle von Mndofpß von W (Fortsetzung.) Seltsam erregt und bewegt! In der That! Aber wenn die verehrten Leserinnen, gleich den Kollegen Fritz Laniers im Setzer- saale, daraus schlieszen wollten, das; Fritz sich über Hals und Kopf verliebt hatte in seine dereinstige Spielgenossi», so würden sie irren gleich jenen. Trotz seiner zwanzig Jahre war er viel zu überlegt und ruhig, um so rasch hingerissen zu werden. Der erste Eindruck des unerwarteten Wiedersehens war allerdings ein mächtiger, beinahe verwirrender gewesen, und während der wenigen Minuten in Wandas Gesellschaft hatte ihn die Hast der Ereig- nisse nicht mehr zur Besinnung kommen lassen. Auf dem Wege nach Hause begann er jedoch nachzudenken über das, was ge- schehen und was er gesehen— und der Frost, welcher ihn trotz der ziemlich warmen Abendtempcratur und trotz seiner dicken Ein- hüllung allmälich zu schütteln begann, trug wesentlich dazu bei, seine Gedanken kühl und nüchtern zu gestalten. Wanda war ganz das natürliche, liebe Kind wie früher, und — dafür hatte Fritz Lauter auch ein Auge gehabt— ein sehr hübsches, man könnte wohl sagen, ein reizendes Mädchen! Wie gern hätte Fritz den alten kindlich freundschaftlichen Verkehr mit ihr wieder aufgenommen—— aber Wanda war zu alledem leider ein reiches, sogar ein vornehmes Mädchen. Merkwürdig, wie rasch die Leute heutzutage vornehm werden können! Fritz hatte ein sehr gutes Gedächtnis; und entsann sich genau des Ver- hältnifses, in dem Herr Alfter vor zehn bis fünfzehn Jahren zu seinem Vater gestanden, der als höherer Steuerbeamter eine all- gemein geachtete gesellschaftliche Stellung eingenommen hatte. Wie hatte Herr Alster vor Glückseligkeit gestrahlt, als ihm der joviale Lauter einst bei seiner Geburtstagsfeier, die Herr Alster durch eine Maibowle verschönern zu dürfen sich ausgebeten hatte, das vertrauliche Du angeboten. Mit welchem Stolze hatte Herr Alster sich bei jeder Gelegenheit in die Brust geworfen und be- theuert: Mein Freund, der Obersteuereinnehmer selbst, hat mir gesagt, Alster, ich versichere dich, die Sache verhält sich so oder so! Damals war dem Herrn Alster von Vornehmheit noch nicht die Spur anzusehen gewesen; und die paar Jahre darauf, als Alster ins Stadtverordnetenkolleginm gekommen war, ging es mit ihm noch viel schneller empor ans der Leiter der öffentlichen Werthschätzung und des persönlichen Glückes, als es mit der ihres Ernährers beraubten Familie Lauter» bergab ging. Ja, die Mutter unseres Fritz, die sich Tag und Nacht abquälte, um erst durch Sticken und später, als das gar zu elend bezahlt wurde, durch Handschuhnähen das nöthigste zu ihrer kümmerlichen Wittwen- Pension hinzuzuverdienen, da ihre bereits verheiratheten oder sonst selbstständig gewordenen Kinder mit ihrer eigenen Existenz hart genug zu kämpfen hatten und nicht im Stande waren, sie in crwähnenswerther Weise zu unterstützen,— die Mutter, das hatte Fritz oft genug mit seinem scharfen Knabenauge beobachten können, war von ihren nächsten Bekannten sogar— bestenfalls mitleidig — über die Achsel angesehen worden,— gar manche liebe Freundin aus besseren Tagen that grade so, als ob die arme Frau selber schuld sei an der Dürftigkeit ihrer Lage; man war nicht selten Hcrzensroh genug, ihr, wenn sie sich ein Wort der 5llage ent- schlüpfen ließ, mit dem alten thörichten Sprichwort zu antworten: „Wer da spart in der Zeit, der hat in der Roth." Wie zogen dagegen die Leute vor Herrn Alster von Jahr zu Jahr tiefer den Hut! Als er Stadtverordneter geworden, nannte man ihn wohlwollend einen angesehenen Mann; nachdem er sein Haus so glänzend verkauft und ins Thal gezogen war, ward er ein vorzüglicher, hochangesehner Mann; als es stadtkundig wurde, daß er durch die Betheiligung an Eisenbahn- und anderen Aktien- Unternehmungen in wenigen Jahren hunderttausende von Thalern verdient hatte, erhielt er den ersten und bald darauf einen zweiten Orden und wurde bei seinem vor kurzem stattgehabten 25jährigen Bürgerjubiläum als allverchrter, hochverdienter Mitbürger von aller Welt angefestredet und angehocht. Fritz Lauters Mutter hatte jene Zurücksetzung nicht verdient; ob Herr Alster sein Emporkommen wirklich verdient haben mochte? Wie man nur in wenigen Jahren so ungeheuer viel Geld ver- dienen kann! Und wenn der eine so viel sich zu erschwingen, so hoch empor zu kommen vermochte, sollte das nicht jeder gescheite, fleißige und energische Mensch auch können? Wenn es mit rechten Dingen zugegangen war bei Herrn Alster, wenn er— im edlen Sinne des Wortes— wirklich verdient, was er errungen-- warum nicht? Gewiß, es mußte möglich sein! Das waren die Gedanken, welche in Fritz Lauter auszntauchen anfingen auf der Fahrt aus dem Thal in die Obervorstadt am Tage jenes unfrei- willigen Bades, und welche er in der nächsten Zeit nicht wieder abschütteln konnte. Er war ganz dazu angelegt, nicht eher zu ruhen, bis er ein Räthsel gelöst, das ihn zu quälen begonnen. Flugs hatte er sich vorgenommen zu erforschen, wie es wohl Herr Alster gemacht habe, daß er so reißend schnell zu Ansehn und Reichthum gelangt. Daß er sich dabei keine ganz leichte Ausgabe setzte, wußte er, und das grade reizte ihn. Als Junge schon hatte er seine Mutter ,8. Oclofct 1879. gefragt, wie man es machen müßte, um reich und geehrt zu werden. Tie Mutter hatte schmerzlich lächelnd das liebe Haupt ge- schüttelt und gemeint, reich und geehrt von den Menschen werden, das stünde nicht immer in der Macht des einzelnen Menschen; was der einzelne thun könne, sei nur, sich durch wackere Arbeit und redlichen Lebenswandel solchen irdischen Glückes würdig zu zeigen. Diese Auskunst hatte dem Fritz nie recht gefallen wollen. Aoch weniger aber befriedigte ihn, was er später erfuhr, wenn er ähnliche Fragen an die ihm besonders klug und lebenserfahren erscheinenden Bekannten gerichtet hatte. Der eine meinte: Wer fleißig und sparsam ist, kommt allezeit vorwärts. Der andere sagte: Ja, Glück muß der Mensch haben— ohne Glück hat nichts in der Welt Geschick. Ter dritte erklärte: Wer die Menschen richtig zu behandeln und zu benützen wüßte, der käme am besten vorwärts. Der vierte, und das mochte wohl der gescheiteste von allen sein, orakelte, auf die Gelegenheit komme es an und auf die Geschicklichkeit, sie zu benutzen. Jeder Mensch hätte wenigstens einmal im Leben Gelegenheit, es zu was Ordentlichem zu bringen; besondern Glückspilzen böte sich diese Gelegenheit öfter: die meisten Menschen wären aber blind für solche Gelegenheiten, ließen sie immer unbenutzt vorübergehen und schleppten zeitlebens wie Karren- gäule den schweren Rumpelkasten ihrer Existenz in den ausge- fahrenen Gleiten des Alltäglichen dahin. Fritz war viel zu sehr geweckten Kopfes, um nicht bald weg zu haben, daß mit solcher Weisheit als Lebensrichtschnur wenig anzufangen sei Er hatte bereits Erfahrungen gemacht, die ihn das lehrten. Int Kellergeschoß des kleinen Hauses in der Langenholzgasse, wo seine Mutter' ihren mehr als bescheidenen Wittwensitz ausge- schlagen hatte, lebte seit mehr als zwanzig Jahren ein Schuh- macher mit seiner Frau und vier Kindern. Der Fleiß des Mannes war sprüchwörtlich im ganzen Stadtviertel; der erste Arbeiter, der früh morgens um fünf Uhr zur Fabrik ging, sah das Talg- licht in der feuchten Kellerstube des Meister Liebermann seine flackernden Strahlen auf die große Glaskugel werfen und hinter der Kugel den Meister auf seinem Schemel hocken und Ahle und Pcchdraht Hantiren, als wenn er eine Maschine sei und gar kein Mensch, und der letzte Lüderjahn, der des Abends um zivölf Uhr aus der Schnapskneipe nach Hause wankte, fand ihn noch ebenso maschinenhast emsig, oder besser angstvoll fleißig sticheln und hämmern. Angstvoll fleißig— freilich, daß er nur ja seine arme kränkliche Frau, die ihn Jahr für Jahr mit einem Kinde beschenkte, so kärglich sie es gewöhnt waren, ernähren könnte, und seine blassen, hohlwangigen Kinder dazu, soviel ihm die Roth und die Kinderkrankheiten als seine einzige Freude am Leben ließen. Aber was hatte dem Schuhmacher Lieberinann sein bewun- dernngswürdiger Fleiß, der seinem zähen Körper vielleicht zwanzig Lebensjahre kostete, genützt? Uni nur immer Arbeit zu haben, an der er ihn bcthätigen konnte, mußte er spottbillig arbeiten. Schuster gab es genug in der Obcrvorstadt, die einander nach Kräften die Preise verdarben und das Leben schwer machten, und dazu hatten auch noch ein paar große Schuhfabriken Ver- kaufsfilialen in dem Stadttheil der armen Leute errichtet und verschleuderten die Waaren, die sie fabrikmäßig in großen Partien herstellten, zu einem Lumpenpreise, dem gegenüber selbst für den bescheidensten Kleinmeister jede Konkurrenz aufhörte. So gab es in der Haccptsache jämmerlich bezahlte Flickerarbeit zu verrichten, und als Lohn dafür— bei jener bittersten Sparsamkeit, die sich selbst erzwingt— trockne Kartoffeln und trocken Brod, Zichorien kaffee und Wasser für die ganze Familie. Und vorwärts kom- inen, nun ja— auf ein Lorwärtskommen rechnete der fleißige Schuster Liebermann, und das war seine einzige Hoffnung auf Ruhe, das Vonvärtskommcn vor die Obervorstadt, dahin, wo die hohen Fichten stehen, und wo kein Mensch mehr zu arbeiten braucht, der da im Quartier ist, in den Friedhof der Armen. Wenn Fritz Lauter bei solchen Gedanken angelangt war, krampsten sich seine Fäuste zusammen, als wenn er sich mit all' ihrer Kraft ivehrcn ivolle, auf Tod und Leben wider ein ähnliches, ein so furchtbar trostloses Geschick. Sollte es denn wahr sein, grübelte er dann gewöhnlich weiter, was der andere behauptete, daß man dem Elend nicht anders entlaufen könne, als wenn man Glück hat? Ist es wirklich ganz gleichgiltig, ob man mit dem Schicksal ringt wie ein Äerzweifeler oder ob man die Hände träg und feig in den Schoß legt'? Sollte wirklich der eine Theil der Menschen von vorn herein für das Unglück gewissermaßen ausgelost sein, während der andere aus gebornen Glückspilzen besteht, unter deren Händen alles zu Gold wird, was sie berühren? Stein— nein, gegen diese Annahme lehnte sich die ganze Thatkraft auf, die in Fritz Laniers jugendfrischem Geiste wohnte und waltete, und die fast kindliche Zuversicht, die auch nach den herbsten, unverschuldeten Schicksalsschlägen bei sittlich guten Menschen nicht zu ertödten ist, die Zuversicht, daß dennoch— wenn auch vielfach verhüllt und verdunkelt, mannigfach durch kreuzt und nicht selten anscheinend ganz vernichtet— eine Art Gerechtigkeit die Menschengeschicke regiert, die hin und wieder mit unwiderstehlicher Macht und in wundersamen Fügungen für den unschuldig Darbenden und Duldenden Partei ergreift. Freilich— da hatte die Mutter schon recht— würdig mußte man sich der Gerechtigkeit des Schicksals zeigen— aber, das ivar es ja grade, wie denn eigentlich, wenn die redlichste, fleißigste Arbeit um die Existenz dazu nicht genügt? Dadurch, daß man, wie jener dritte der vermeintlich Weltkundigen behauptet hatte, die Menschen richtig behandelte und benützte? Ja, wie soll und darf man die Menschen anders behandeln, als daß man den Guten freundlich und den Bösen feindlich entgegentritt? Aber weiß man denn immer gleich, wer gut ist oder böse? Wäre es nicht das Richtige, daß man unterschiedslos zu allen freundlich zu sein sich bemüht, mit alleiniger Ausnahme der Wenigen, die man als unzweifelhaft böse und schlecht kennt? Nun, Fritz war immer, schon seiner Charakteranlage nach, zu aller Welt freundlich, ent gegenkommend gewesen, und geschadet hatte es ihm freilich nicht, aber daß es ihn sonderlich gefördert hätte, davon wußte er des- gleichen nichts zu erzählen. Es schien den Leuten meist höchst gleich'giltig, ob Fritz Lauter mehr oder minder freundlich zu ihnen war, seine Kollegen hatten ihn sogar nicht selten erst recht ver- spottet, wenn er ihren oft entsetzlich faulen Witzen, sobald er die Zielscheibe derselben war, mit freundlicher Ruhe zu begegnen ver suchte. Er steckt wieder den Pastorton auf! Er spielt den Alten![ Er salbt eine Rede! jubelten und höhnten sie von allen Seiten. Dagegen genoß ein alter Poltron, der seit vielen Jahren bei Gandersberg u. Komp. Setzer ivar und als unflätiger Grobian eine weitteichende Berühmtheit besaß, notorisch die meiste Achtung im Geschäft, sowohl bei den Kollegen, als auch bei den Bor gesetzten bis zu den Prinzipalen hinauf. Er war der einzige Setzer bei Gandersberg, der da kommen und gehen durfte, wie es ihni einfiel: allerdings stand er auch im Berechnen, d. h. er bekam immer nur so viel Satz bezahlt, als er fertig stellte, und nicht mehr. Er schimpfte auf jeden und alles, das ihm in den Weg kam, er räsonnirte sogar auf die Chefs, die sich köstlich amüsirten, wenn sie gelegentlich etwas davon zu Ohren bekamen, er nannte die wirklich gut eingerichtete Druckerei eine elende Schmierbude, in der ein anständiger Mensch, wie er, sich schämen müßte zu arbeiten— genug, er ivar ein Flegel, wie Fritz nie im Leben einem zweiten begegnet war, und wie es schien, war er grade deswegen bei aller Welt wohlgelitten und sand stets, auch bei seinen sinnlosesten Schimpfereien allgemeinen Beifall. Aber die Grobheit allein thnts auch nicht immer! Gar manchen Grobian hatte Fritz schon übel anrennen sehen, und er hätte nicht probiren mögen, ob er in den Fußstapfen des alten Packert vorwärts zu kommen vermöchte. Die richtige Menschenbehandlung war sicherlich eine sehr schwere Kunst, und worin sie eigentlich bestehe, hatte noch Nie wand sagen und er selbst nicht herausbekommen können. Mit der Gelegenheit, die man nur am Schöpfe zu fassen brauche, um glücklich zu werden, war es eine ähnliche Sache wie mit dem klugen Behandeln der Menschen. Woran erkennt man die rechte Gelegenheit, die zum Glücke führt? Fritz entsann sich, daß sein Vater einmal zu seiner Mutter so recht ärgerlich und ingrimmig gesagt, jetzt wüßte er, daß ihm das Glück die Hand geboten habe, daß er hätte mit einem Schlage reich werden können, und er Thor hätte diese sicher nicht mehr wiederkehrende Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen. Fritz hatte sich später die Geschichte, welche mit dieser Selbst anklage seines Baters im Zusammenhang stand, von der Mutter erzählen lassen. Dem Vater hatte eines Tages ein Bekannter ein Hausgrundstück zun, Kauf angeboten. Der Bekannte siedelte nach der Schweiz über und wollte sein Besitzthum an einen recht zu verlässigen Mann gegen sehr mäßige Anzahlung und Verzinsung der als Hypotheken auf dem Grundstück ftehen bleibenden Gelder veräußern. Der Vater hatte grade tausend Thaler von der Mit- gift der Mutter zur freien Verfügung, und diese Summe hätte zu jener Anzahlung ausgereicht. Zu damaliger Zeit aber ging es mit den Verkäufen von Grund und Boden sehr flau; es drohte Krieg, Handel und Wandel stockte, die Wohnungen sanken im 27 Miethpreise, viele standen leer, und der alte Lauter, der sonst ein lcbensmuthiger, unternehmungslustiger Mann war, hatte über- Haupt nie Lust gefühlt, seine geschäftlichen Plackereien durch die Sorgen und Mühen um ein von mehreren Miethparteien be- wohntes Haus zu vermehren. Er wies das Anerbieten trotz ver- schiedener noch weiter gehender Zugeständnisse des ursprünglichen Besitzers dankend ab und legte das Geld seiner Frau zu drei Prozent Zinsen in unerschütterlich sichern Itaatspapiercn an. Ein Bierteljahr darauf war ganz wider alles Erwarten die Kriegsgefahr vollständig und für lange Zeit beseitigt. Industrielle und Kaufleute athmeten wieder geschästsfteudig auf. Nach den Städten drängte sich Arbeit suchend und findend der fluktuirende Thcil der ländlichen Bevölkerung; auch die Gutsbesitzer vom Lande kamen in die Stadt, um in Rechnung auf den bessern Geschäftsgang des nächsten Jahres einen vergnügte» Winter in der an Gelegenheiten zur Unterhaltung und zum geselligen Ber- kehr dem ländlichen Aufenthalt so weit überlegenen Univcrsitäts- stadt zu verleben. Bald gab es keine leeren Wohnungen mehr in P. und die Miethspreise stiegen bis zu einer vorher kaum für möglich gehaltenen Höhe. Im Frühjahr wurde massenhaft gebaut. Und auf den Stadt- theil, wo das Herrn Lauter zum Kauf angebotene Grundstück lag, warf sich die Baulust am eifrigsten. Es war weder ein Quartier der Armen noch der Reichen. Der mäßig besitzende, leidlich situirte Bürgerstand, der wohlhabende Beamte und Kauf- mann pflegte hier sein Domizil aufzuschlagen. Herr Lauter selbst hatte in den ersten Jahren seiner Ehe hier gewohnt, bis der steigende Miethzins und das rasche Anwachsen seiner Familie ihn in die billige Obcrvorstadt hinaus getrieben. Der Mann, welcher an Stelle des alten Herrn Lauter jenes Grundstück fiir einen Spottpreis und unter den vortheilhastesten sonstigen Bedingungen an sich gebracht, parzellirte das Stück Feld, welches zu seinem Hause gehörte und bot die Parzellen als Bau- stellen aus. Eine nach der andern und eine immer theurer als die andre schlug er los. Mit dem Baarertrage baute er selber. Sein Hans erhöhte er um ein Stockwerk und dann baute er noch ein neues Haus an, stattete beide elegant aus und erhöhte die Wohnungsmiethcn um das doppelte des Preises, zu dem die Wohnungen des alten Hauses, als er es übernahm, vermicthet waren. Ehe noch ein Jahr vergangen war, hatte der Mann, welcher keinen Pfennig eigenes Vermögen besessen, als er Haus- besitzer geworden— auch die mäßige Anzahlung hatte er sich geliehen!—, ungefähr 27,000 Thaler profitirt. Da er kein Spekulant und ein wenig gescheiter, oder auch nur vorsichtiger war, als die meisten Menschen in ähnlicher Lage zu sein pflegen, so verkaufte er seine beiden Häuser bei nächster günstiger Gc- legcnhcit, legte seine Gelder zinsensicher an und lebte fortan als kleiner Rentier mit einem Einkommen von 13— löOO Thalcrn ein beschauliches Slilllebcn. Das hätte Fritz Lautcrs Vater auch haben können. Aber hatte er vielleicht thöricht und unbesonnen gehandelt, als ihm jene Glücksgelegenheit in den Weg trat? Nein, keineswegs— er hatte im Gegentheil klug und ehrlich gehandelt, und es wäre bei seinen Verhältnissen ein großer Leichtsinn gewesen, wenn er anders gehandelt hätte. Es war damals zehn gegen eins zu wetten gewesen, daß der Krieg ausbrechen würde, ein für die wirthschastlichen Zustände wenigstens momentan so ansgezcichnete Wendung der politischen Venvicklungen konnte Niemand im Publikum auch nur ahnen, selbst die kühnsten Haussiers*) an den Börsen der großen Handels- städte waren kleinlaut geworden und hielten ängstlich zurück; Herr Lauter riskirte in dem sehr möglichen Falle, daß er einmal die Hypothekenzinscn nicht ganz zu bezahlen vermöchte, die tausend Thaler, welche einen sehr wesentlichen Bestandthcil des Vermögens seiner Frau ausmachten. Der andere hatte nichts zu verlieren, auch nicht amtliches Ansehen und besondere bürgerliche Achtung. Der andere verstand von den politischen Ereignissen und ihrer Einwirkung auf das wirthschaftliche Leben nicht das mindeste— das wußte jeder, der ihn kannte,— und er kümmerte sich auch nicht darum. Er hatte blindlings zugegriffen und war im Handnin- drehen zu seiner eigenen Ucberraschung zum wohlhabenden Manne geworden. Was hat man also zu thun, um die günstigen Gelegenheiten blitzschnell, wie es oft nöthig ist, zu erkennen und zu ergreifen? Fritz Lauters Erfahrung gab ihm keine Antwort ans diese Frage. Und seine Bekannten und Freunde vermochten es gleichfalls nicht, auch seine Mutter nicht. Da kam ihm der Gedanke, ob er nicht vielleicht von Herrn Alfter über solche Fragen, die ihn gnälten, Auskunft und Bc- lehrung erhalten könne. Allerdings hatte das Benehmen des Herrn Alster, als er vor Jahren daS lctztemal das schöne Haus im Thale ausgesucht, ihm, ivie wir wissen, das Wiederkommen gründlich verleidet. Aber damals war er noch ein Junge gc- ivesen, der dem klugen Herrn wahrscheinlich gar zu unbedeutend vorgekommen war. Fritz war nun zwar in seiner Selbstbeurtheilnng nicht nnbc- scheiden, aber daß er jetzt nicht mehr grade wie ein dummer Kerl aussah oder so redete, das glaubte er zu wissen. Schon das Bewußtsein des redlichsten Willens, zu lernen, wo und was er nur könne, gab ihm diese Ueberzeugung. Zudem hatte ihn Wanda Alster so dringend eingeladen, und er hatte fest versprochen, zu kommen; Wanda hatte versichert ihr Vater erinnere sich seiner noch immer in freundlicher Weise, er konnte also, ja er mußte den Besuch machen. So begab sich denn unser Fritz, angcthan mit seinen besten Kleidern und in einer Stimmung, die ein wenig beklommen wurde, als er das vornehme Thalquartier betrat, auf den Weg zur Villa Alster. Herr Alster sowohl als Wanda waren zu Haus; sie hatten seinen Besuch cnvartct.(Fortsetzung folgt.) *) Die aus das Steigen der Kurse spckulirendc» Börsenmänner. Das Leben der Erde. Von G. Zchkeisen. (Schluß.) Die Mitwirkung des Eises aus die Gestaltung der Erdober flächenvcrhältnissc macht sich haupffächlich durch die, Gletscher genannten, größer« Ansammlungen von Landeis geltend. Es sind dies Eisströme, welche in den Firnschnceseldern entspringen und sich langsam thalabwärts bewegen; das Gletschereis durch Zusammenschmelzen des Firneises, dieses durch Abschmelzen der Firnschneekrystalle zu runden, losen oder durch Eiszement ver kitteten Körnern. Tie Gletschermasse füllt die von den Firnschnee- feldern sich nach abwärts ziehenden Thälcr in ihrer ganzen Breite und bis zu ziemlicher Höhe aus und gleitet in ihnen unaufhaltsam und beständig thalabwärts. Sie befindet sich in einem plastischen Zustande, infolge dessen ihre Bewegungen durch Verengungen ihres Bettes oder Unebenheiten des Bodens nicht verhindert werden, vielmehr schmiegt sie sich der letzteren an, quillt durch Engpässe hindurch und breitet sich bei Erweiterung des ThalcS wieder aus; tritt einer vorrückenden Gletschermasse ein Felsenriff in den Weg, so schiebt sie sich an demselben in die Höhe und über dasselbe hinweg; in ähnlicher Weise drängt sie sich Felsen- abhänge hinab und spaltet sich dabei in verschieden gestaltete Eis- böcke: mehrere Gletschcrströmc können sich zu einem Hauptgletschcr vereinigen und verschmelzen dann zu einer einzigen Glctschermassc. Die Bewegung des Gletschereises ist eine regelmäßige und bc- ständige, nie ruckweise vor sich gehende, welche aber in heißen Jahreszeiten stärker als in kalten ist und namentlich durch Regen und Schneeschmelzen begünstigt wird. Die Größe der Bewegung hängt von der Masse des Gletschereises und der Stärke der Neigung seiner Unterlage ab, schwankt demnach in weiten Grenzen und beträgt zioischen 15 Zentimeter und 1,30 Meter täglich. Die Bewegung ist übrigens eine zusammengesetzte; einerseits gleitet der Gletscher als eine starre Masse ans seinem Unter- gründe abwärts, andrerseits fließt er, vergleichbar einer Flüssig- keit, unter Verschiebung seiner einzelnen Theile. Thomson, Thndall, Helmholz und Heim erklären die fließende Bewegung folgendermaßen: dieselbe geht vor sich infolge des Ge- Die Kitzlochklamm.(Seite 34.) wichtes, also des thalabwärts gerichteten Druckes der Gletscher-\ Punkt des Wassers; bei sehr hohem Drucke, der auf Eis wirkt. massc; das Eis gibt an und für' sich schon bis zu einem gewissen findet deshalb eine theilweise Schmelzung des Eises zu Wasser Grade diesem stetig wirkenden Drucke nach, ohne daß sich Risse von unter Null Grad statt. Letzteres wird herausgepreßt, und bilden, jedoch wird diese Plastizität durch folgende Erscheinungen die thalaußvärts gelegenen, abtvärts drückenden Eismassen rücken noch bedeutend vermehrt: unter hohem Drucke sinkt der Gefrier- um den Betrag dieser Volumenveränderung nach; unter Ver- Ein gefiederter Gärtner.(Seite 35.) mittlung dieser theilweisen Verflüssigung des Gletschereises durch| den aus ihm lastenden Druck bewegt sich die Gletschermasse nach und nach abwärts. Hoher Druck wirkt jedoch noch in anderer Weise auf das Gletschereis ein, indem er in demselben ein dichtes Netz von Haarspalten aufreißt und das Eis in lauter Körner zerbricht, die in diesem losen Zustande ihre Stellung etwas ver- ändern und dann von neuem zusammenfrieren. Diese Prozesse der Haarspaltencntstehung, der Körnerbildung und des Wieder- zusammenfrierens(der Regelation) gehen ununterbrochen neben und durcheinander im Gletschereise vor sich und erzeugen einer- - 30 seits die körnige Struktur desselben und vergrößern andrerseits seine Plastizität. Die Glctscherbildungen sind an Gegenden gebunden, wo sich kalte Winter und kiihle Sommer im Kreislaufe wiederholen, wo die Massen atmosphärischer Niederschläge bedeutend und endlich die Bedingungen für eine Bewegung auf geneigtem Untergrunde, durch Bodenerhebungen gegeben sind. Diesen Erfordernissen cnt- sprechen die Hochgebirge der heißen und gemäßigten Zonen, die Gebirge der kälter« Landstriche, sowie die Kontinente der Polargegenden. Früher, in der Eisperiode, welche der Jetztzeit voraus- ging, besaßen die Gletscher eine viel größere Verbreitung. Ans den Hauptthälern der Alpen traten mächtige Eisströme in die Ebene; die einen füllten das weite Thal zwischen Jura und dem erstgenannten Gebirge vollständig, also bis zu 1350 Meter Höhe aus, andere drangen über den Bodensee bis weit nach Baiern und Schwaben vor; von den Südabhängen der Alpen stiegen Eismassen bis in die Po-Ebene hinab. Großbritannien und Skandinavien ähnelten in der Eiszeit in Bezug auf ihre Gletscherbedeckung und die Ausdehnung ihrer Gletscher bis zum Meeresspiegel dem heutigen Feucrland und Grönland. Der Vorschub, welchen das Eis der Aufgabe des Wassers leistet, indem es Hand in Hand mit ihm die Gebirge abzutragen beflissen ist, offenbart sich am augenfälligsten in dem Transporte von Gesteinsmassen auf dem Rücken der Gletscher. Von den Felsparticn, zwischen welchen sich diese hindurchdrängen, stürzen, zum Theil infolge der Gesteinszersprengung durch den Frost, zum Theil infolge der zerstörenden Gewalt der Lawinen, größere oder kleinere Trümmer auf die Glctschcroberfläche, wo sie sich dadurch, daß der Gletscher unter dem Ursprungsortc der Gestcinsbruch- stücke langsam vorbeizieht, in lauge, der Bewegung und den Rändern des Gletschers parallele Reihen ordnen, ivelche man Seitenmoränen nennt. Beladen mit solchen Gesteinsmassen, setzt der Gletscher seine thalabwärts gerichtete Wanderung fort. Vereinigen sich zwei Eisströme zu einem Hauptgletscher, so bilden diejenigen ihrer Seitenmoränen, welche auf den miteinander bei der Berührung verschmelzenden Rändern der beiden Gletscher lagen, auf dem Rücken des neu entstandenen Hauptgletschers eine Mittclmoräne. An seiner Grenzlinie angelangt, schmilzt das Eis des Gletschers, seine Belastung stürzt auf die Thalsohlc und häuft sich hier im Laufe der Zeit zu einem oft mehrere hundert Fuß hohen Wall, der Endmoräne, auf,— eine Station auf der Wanderung der Gesteinsfragmente von den höchsten Berges- gipfeln nach dem Meere. Diejenigen Gcstcinstrünimer, welche in die Spalten zwischen dem Gletscher und seinen felsigen Userwändcn oder zwischen ihn nnd die Thalsohle gerathen, werden unter dem Drucke der un geheuren Eismasse entweder zu Sand zerrieben oder doch abgc- rundet, geglättet und an ihrer Oberfläche mit seinen Streifen versehen. Sie bilden eine Geröll- und Schlammschicht unterhalb des ganzen Eisstromcs— Grundmoränc— und tverden an der untern Grenze des Gletschers von diesem ausgestoßen oder theil- weise durch ihm entströmende Gletscherbäche fortgeführt. Die Quantität des durch Äletscherbäche weggeschwemmten Materials ist so bedeutend, daß z. B. dem Aargletscher, ivelchcr im Monat August zirka zwei Millionen Kubikmeter Wasser pro Tag zu liesern pflegt, in derselben Zeit 284,374 Kilo Sand cnt- führt iverden. Durch denselben Vorgang, aus ivelchem die Grundmoräncn entstehen, werden große Flächen des Felscnbcttcs, in welchem der Gletscher dahingleitet, glatt gescheuert nnd vollständig polirt iSchliffslächen). In die Oberfläche der ebenen Schliffflächcn hat der Gletscher die Richtung seiner Bewegung vermittelst be- sonders harter, an seinem Boden eingefrorner Gesteinsfragmcntc in Gestalt zahlloser, feiner, geradliniger, mehr oder minder paralleler Ritzen und Streifen eingegraben. Tie geologischen Erscheinungen, welche aus der Bewegung der Gletscher hervorgehen, sind so charakteristisch, daß die Aus- dehnung und Mächtigkeit ehemaliger, seit langer Zeit verschwundener Gletscher, der Weg, den sie genommen, ans den nnverkenn- baren Spuren, die sie zurückgelassen, genau festgestellt werden können. Die jetzige nordeuropäische Tiefebene war während der Eiszeit eine seichte Küstenzone, bedeckt von einem Meere, auf welchem zahlreiche, von den skandinavischen Gletschern abstam- mende Eisberge herumschwammen; mit Gesteinsfragmcntcn bc- srachtet, strandeten sie ans dem sandigen, flachen Meeresboden und hinterließen als Denkmale ihrer Fahrten die zum Theil gewaltigen erratischen Blöcke oder Jrrblöcke, wie sie in unzählbarer Menge in der norddeutschen Niederung zerstreut liegen. Wie man sieht, macht sich die Thätigkeit der Gletscher, sowie der von ihnen abstammenden Eisberge in doppelter Richtung geltend, einmal in der Abrundung und Polirung der. ursprünglich rauhen und zackigen Felsoberflächen, sodann im Transport von Schuttmasscn und Fclsblöcken, sowie in der Wiederablagerung derselben an anderen Stellen. Manche Gletscher haben auch zur Bildung von Seen beigetragen, indem ihre Endmoränen wie künstliche Dämme Gcbirgsthäler absperrten nnd die Wasser hinter sich aufstauten. Auf diese Weise ist z. B. der Garda See entstanden. Ein Ereignis;, welches sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Erde oftmals wiederholte, war das allmäliche Untertauchen eines Kontinents unter den Spiegel des Meeres, welches sich über ihn ausbreitete und sofort seine Thätigkeit auf dessen einstmaliger Oberfläche begann. In demselben Maße, wie es sich auf Kosten des Festlandes vergrößerte, rückte es seine sandigen Dünen immer weiter landeinwärts, glich Thäler und Vertiefungen wenigstens zum Theil aus und stellte ebene Flächen her, bis allmälich jede Stelle des ganzen Kontinentes einmal Küste gewesen nnd als solche vom Meere bearbeitet nnd umgestaltet worden war. Ge- birgige und felsige Partien unterwusch und benagte es und suchte mit dem so hergestellten Gcrölle nnd Sand die Thäler auszu füllen, kurz, es arbeitete darauf hin, alle Unebenheiten möglichst auszugleichen, eine Tendenz, welche auch seine Niederschläge ver- folgten, nachdem das einstige Festland bereits zum Grunde des Ozeans geworden, und welche endlich von neuem hervortrat, so- bald sich der Meeresgrund wiederum langsam zum Festland erhob, wobei von neuem jeder Punkt desselben eine Zeit lang Küste und der ausgleichenden Arbeit der Brandung ausgesetzt war So wird das Wasser in allen Richtungen seiner Aufgabe gerecht: auszugleichen, was der Vulkanismus aufgcthürmt, und die flache, ursprünglich von Gebirgen noch nicht unterbrochene Gestalt der Erde wiederherzustellen,— Vorgänge, welche in ihrer Gesammtheit recht wohl ein Leben unsers Planeten genannt iverden dürfen. Das ältere deutsche Lied iu seiner politischen Dedentung. Literarhistorische Skizze von W. Wittig. (Schluß.) In dieser Epoche wird die deutsche Poesie von den Meister- sängern, vom Bürgerthnm getragen. Die politische Betheiligung des Bürgerthum ist nun einfach eine so stark egoistische als man sie sich nur denken kann, sie ist von Anfang an reine Kirchthums- Politik. Ein Blick auf das große Ganze und das Bestreben, als Glied des Ganzen sich zu fühlen und für dessen Nutz und Frommen zu wirken, dürfen wir hier nicht suchen. Freilich von den Fürsten und Herren wurden die Städtcbewohner eben nur als eine Sorte von„Bauern" betrachtet und nur noch mehr als jene gehaßt, La sie mit anderen Machtmitteln auftretend, diesen Herren ein arger Pfahl im Fleisch wurden. Was die Dichtkunst der Bürger anlangt, so ist zunächst über die Form zu bemerken, daß diese zur abgeschmacktesten Künstelei und Spielerei ausartete, die auch schon in den Namen der„Töne", das ist das Versmaß und die Sangweise, deutlich zu Tage tritt. Da begegnen uns Bezeich- nungcn, die Schwarzdintenweis, die Kälberweis, die wohlriechende Majoransweis, die heiße Thränenweis, die kurze Affenweis, die abgeschiedene Bielfraßweis, die verschallte Fuchsweis, die harte Trittweis, die Zimmtröhrenweis und was derartige kindische und unsäglich geschmacklose Namen mehr sind. Um sich in die Hanswurst- und Zwangsjacken so gesuchter Formen zu fügen, mußten selbstverständlich auch Stoffe gewählt werden, die an und für sich gar keinen Anspruch machten. Solche fanden sich denn in den biblischen Historien, in den scholastischen Glaubenslehrsätzen und allerlei Tingen, welche die Sänger und die Hörer nicht warm werden lassen. Drunterhinein bildete eine Feuersbrunst, eine Judenhatz wegen angeblicher Kinderschlächterei und Brunnenvergistung, eine schauerliche Mißgeburt und Aehn- liches eine fast wohlthuende Abwechslung! Eine Dichtungsgattung, der Schwank konnte nun vielleicht in den Verdacht gerathen, politische Zwecke und Ziele wirksam verfolgt zu haben: auch hier finden wir nur eine so ganz und gar lederne, hausbackene, kleinigkeitskrämerische Moral, welche höchstens über Zeit- und Modenarrheiten in Sitte und Kleidung zu Gerichte sitzt, daß derjenige, der Interesse am öffentlichen Leben in diesen Dichtungen, politischen Hintergrund und kühnen Wurf und höheren Schwung sucht, sich arg enttäuscht fühlen wird. Wenn der Satiriker auch einmal nach den hohen Regionen langt und die Fürsten, Könige oder Kaiser packt, so richtet er seine Angriffe gegen ihre Sitten, nicht gegen ihre Thaten, und wenn von diesen letzteren ja einmal die Rede ist, so sagt er zu ihren Erfolgen höchstens sein trcugehorsamstes, allerunterthänigstes Ja und Amen. Die großen Gesichtspunkte, die noch bei Walther von der Vogelweide vorhanden sind, fehlen hier gänzlich, Erfolgs- anbeterei und beschränkte Impotenz sind die Hauptmerkmale dieser bürgerlichen Poesie, abgesehen von wenigen einzelnen Dichtern, wie etwa am Ende dieses Zeitabschnittes Hans Sachs, die mit größerer Genialität ausgestattet und von einer edleren Sitt lichkeit getrieben, aus dem Schwärm dieser trivialen Verse- schmierer bedeutsam hervorragen. Auch die hier in der Entwickelung wieder eingreifende Volks- Poesie konnte keinen Wandel schaffen, jedenfalls aber nur sehr wenig helfen. Wandte sie sich auch mehr zu dem konkreten Leben, so ist doch auch ihr Gesichtskreis ein sehr enger: ein hochfahrender Bürgermeister, ein eingefangener Schnapphahn und seine Hinrich- tung, oder höchstens Krieg und Fehde mit einer Nachbarstadt, eineiig nahen Fürsten oder Raubritter, die den verhaßten Bauern das Fell über die Ohren ziehen und sich von ihrem Fette mästen wollen: das ist die Weltgeschichte der nicht zünftigen und nicht in die Meistcrsängergilde eingeschriebenen Volkspoeten unserer mittelalterlichen Städte. Eine ganz eigne Gattung politischer Lieder ist die der Neck- und Schimpflieder, welche besonders benachbarte Bolksstämme aufeinander dichteten und sangen. Bei kriegerischen Begegnungen oder vor und nach solchen spielten diese Trutzgesänge eine ganz bedeutende Rolle. Hierfür sind eine Menge Belege vorhanden, z. B. für die in Scheltpoesie sich vernehmlich machende Feind- schast zwischen den Bayern und Oesterreichern ein- und den Schweizern andererseits. Tie streitbaren Schweizer, die eifrig das Reislaiifcn*) übten, die aller Herren Schlachten schlugen und ihre Siege erkämpften und noch von Kaiser Maximilian als die Krone seines Kriegsvolkes bezeichnet wurden, hießen bei ihren obgedachten Nachbarn„Bauern und Knhbuben", denen man alles Schlimme nachsagte: keiner sei ein echter Schwitzcr, der nicht eine Nacht bn einer Kuh gelegen hätte und anderen bittern Schimpf mehr.„Sie wollen Schweizer werden", sagte man lnachdem die Schweiz vom zerbröckelten Reiche in der That sich schon lange losgelöst hatte), von jedem, der im Verdacht stand, sich seiner rechtmäßigen Herrschast entziehen und„Ordnung und Recht brechen" zu wollen. Schwaben, Elsaß und alle Nachbarlande schallten wieder von Spottliedcrn, Trutzsprüchen und gemeinen Schimpf- reden, besonders nach dem Wormser Reichstag von 1495, von wo das fliegende Wort entsandt worden war, man wolle„den Schweizern einen Herren geben". Ein zeitgenössischer Geschichts- schreiber berichtet darüber:„Haut sich erhaben serhoben) ohn Zweifel vom Hasser alles Friedens dem Tüfel sclbs erdachte schändliche, mimenschliche Schmähwort Lieder und Mucken." In der Schweiz war es auch, wo ein Auffchwung zum wirk- lichen hohen politischen Liede stattfand. Die ewigen Kriege gegen Oesterreich und Burgund entwickelten zuerst in diesem deutschen Stamm den Begriff eines einigen, freien, selbstbewußten Volkes, wovon eine große Menge von Nachrichten beredtes Zengniß ab- legen. Diese äußere Entwickelung im Leben zog die Poesie mächtig nach sich, der politischen That folgte das politische Gedicht, dem *) Reise Kriegsfahrt, Reislaufen hieß die Sitte der Schweizer, in allen Landen unter allen Fahnen nni Sold zu dienen, welche so stark um sich griff, daß feiten der eidgenössischen Regierung verschiedene Male durch Gesetze dagegen eingeschritten werde» mußte. Krieg das Kriegslied, wie nicht anders zu erwarten bei einem von altersher als sangeslustig bekannten Lande, wie die schon in der Minnepoesie stark mitbetheiligte Schweiz eines war. Besonders leuchtet aus der großen Zahl dieser Gesänge das Lied hervor,„so nach der Sempacher Schlacht gesungen ward", wie der erste Veröffentlicher desselben sagt. Es ist diese Angabe sehr glaubwürdig: das meiste wird als bekannt vorausgesetzt, Namen besiegter Feinde werden nicht genannt, nicht einmal Herzog Leopold von Oesterreich, der vornehmste der gegnerischen Fürsten, der in der Schlacht fiel. Zu Sempach vor dem Walde treffen der Stier(die Schweizer, nach dem Stier Uris symbolisch so genannt) und der Löwe(das österreichische Wappenthier) zusammen. Da sprach der Löwe zum Stiere Du kommst mir eben recht.... Tu hast mir vor Lausen*) Gar viel zu Leide gethan.... An dem Morgarten**) Da erschlugt ihr mir manchen Mann, Ich will es dir hin vergelten, Wen» ichs so fügen kann. Sie begonnten zusamnien treten Sie griffen fröhlich an Bis das derselbe Löwe Gar schier die Fluchte»ahm; Er floh hin bis an den Berg: „Wohin willst du, starker Löwe? „Du bist nicht chrenwerth." Willst du mir hie entweichen Aus dieser Heidebreit? Es steht dir lästerlichen So man es von dir seit....(sagt, erzählt, singt). Und nun folgt in kurzen kräftigen Zügen, wie der Schwitzer Stier„mit seinem Schtvanze hat ihrer viel erschlagen". Er triumphirt: „Ich schlug ihn in den Graben, Ich schlug ihn daß er da lag Ich schlug ihn immermehrc Daß ihm der Kopf zerbrach." Und zu dem Löwen spricht er: ....„Run bin ich hie gewesen „Tu hast mir sehr gedroht „Ich bin von dir genesen! „Run kehr du wiederumb heim „Zu deiner schönen Frauen „Dein' Ehr'» sind wahrlich klein!" Eine mächtige und gewaltige Poesie, wie sie eben nur unter dem Eindruck des Gelingens eines so mächtigen und gewaltigen Stückes Arbeit entstehen kann! Wir können ihr ans neuerer Zeit nur die Lieder aus den Freiheitskriegen würdig an die Seite setzen, geradezu erbärmlich aber fallen dagegen alle die zusammengestöppelten Reimereien des Krieges von 1870/71, die in dem stupiden, nicht einmal originellen Kutschkelied ihren Höhepunkt fanden. Sonderbar! Blut ist genug geflossen 1870 und doch kein Dichter, der die Heldenthaten würdig besang! Neben der Schweiz läßt sich ein selbstbewußtes, fteiheitliebendes politisches Lied noch aufweisen in dem hohen Norden bei den Titmarsen, welche auf das hartnäckigste gegen holsteinische und dänische Knechtung ihre Unabhängigkeit wahren. Aus diesen nie ganz ruhenden Kämpfen leuchtet besonders die Schlacht bei Hein- inigstadt hervor, auf welche denn auch mehr als ein Dutzend Volkslieder erhalten sind, welche die Heldenthaten der freigesessenen Bauern gegen dänische Könige und die Grafen von Holstein***) besingen. Aus einem Bruchstück geben wir eine Probe. Das betreffende Lied bezog sich auf das Jahr 1404. Die Holsteiner hatten 1408 zur Niederhaltung der freien Ditmarsen eine Zwing bürg, die Marienburg erbaut, besonders auf den Rath des Elaus von Ahlefeld. Von dieser heißt es: Het let wol buwen ein gut schlot j Er ließ wohl bauen ein gutes Schloß unsem ehrlichen Lande to gramme Uuserm ehrlichen Lande zum Grame do schrack sich Rolhffs Bojeken sone Das sprach Rols Boikensohn de beste in unsem lande. Der beste in unserem Lande. *) Schlacht bei Laufen 13.19. **) Schlacht bei Morgartcn 1315. ***) Eigentlich Holsten, Holstein ist eine ganz unsinnige Umbildung, als wenn der Name mit einem„hohlen Stein" etwas zu thun hätte. Der Volksname Holste» bedeutet„die im Holze, im Walde sitzen, wohnen." — 32 Tretet heto, gi stoltcn Ditmarschcn! Tretet herzu ihr edelu Titinarsen unsen knmmer Wille wi wrecken � Unfern Kummer wollen wir brechen wat hendekcn gcbuwet haen! Was Händchen(höhnisch) gebaut haben Das können wol Hände auch wieder brcchcin Tie Ditmarsen riefen überlaut Das leiden wir nun und nimnier- mehr Wir wollen darum wagen Gut und Blut Und wollen das wieder ändern, zu nicht machen. Wir wollen daran wagen Gut und Blut Und wollen alle drum sterben Ehe daß der Holsten Uebermuth So sollt' unser schönes Land ver- derben. Und hier bricht leider das Ueberlieferte ab, es gibt uns aber schon einen deutlichen Begriff von der starren ditmarsischen Vater- lands-»nd Freiheitsliebe. Oben lvard schon einmal hingedeutet auf die Frage nach den Verfassern dieser historischen Lieder. Gedenken wir dabei noch eines interessanten Umstandes. In der Zeit des sinkenden Mittel- alters kam ein professioneller Kriegerstand auf, die Landsknechte, die sich heute hier, morgen dort um Sold verdingten und dafür im wahrsten Sinne des Wortes ihre Haut zu Markte trugen. Besonders unternehmende, vielleicht mit etwas„Anlagekapital" ausgestattete, schlachtengeübte Hauptleute trommelten solche Lands- knechte landauf landab zusammen und stellten sich dann Kaisern, Königen, Fürsten und Städten zur Verfügung, eine Einrichtung, bat können wol hendkcn lobrekcn. De Ditmarschcn repen averlut: bat lide wi nu und nummermere wi willen darumme wagen goet u bloet und willen dat gar umkeren. Wi willen darumme wagen goet und bloet und willen dar alle umme sterven er dat der Holsten er aver moct so scholde nnse schone laut vor derven. aus der die späteren„Soldaten", die vom„Sold" oder auch vom Loliäus, einer alten italienischen Münze, ihren Namen haben. Oester treten nun diese Führer auch als Dichter auf, welche für die geistigen Bedürfnisse ihrer Leute Sorge tragen. Und von einem solchen rührt ein Lied her„Von der garde", welches auf jene ditmarsischen Kämpfe bezüglich und gegen die Ditmarsen gerichtet ist. Trotzig fragte der Führer der Garde, Slentz(Schlei- nitz):„wo liegt des Titmarsenland, im Himmel oder ans der Erde?" Der Uebermuth sollte jedoch wie bekannt der Garde übel bekommen. Diese Landsknechte, anfangs und eigentlich aus dem eignen Lande aufgebrachte Leute, später freilich von allen Ecken und Enden zusammengelaufenes Volk, fühlten sich als eine geschlossene Gesellschaftsgruppe, als eine Bruderschaft oder ein„Orden", wie sie es nannten; als einen Staat im Staate, was unser heutiges stehendes Heer ja auch noch ist, ivclches sich ans der Landsknecht- schaft entwickelt hat. Unter ihnen gab es auch eine ganze An- zahl Dichter und Schriftsteller, so Meinhart von Hamme, Jörg Graff, Wilhelm Kirchhoff, Nikolas Manuel, der Landsknecht, Dichter und berühmter Maler zugleich war; auch Hans Sachs ist vielleicht Landsknecht gewesen und andere mehr. Es liegt ja außerordentlich nahe, daß die Landsknechte, welche jener Zeit hauptsächlich die Geschichte machten, auch am leb- haftesten an der politischen Dichtung betheiligt waren. Das setzte sich in späterer Zeit fort ixi Soldatenlied, jener besonderen Gattung des Volksliedes. Hiermit aber hätte unsere Betrachtung des älteren politischen Liedes ihr Ende gefunden. Alle hierher gehörigen Erscheinungen aufzuzählen, wäre unmöglich gewesen, aber ich hoffe durch Vorführung der hauptsächlichsten ein Bild von dem Leben und von der hohen Bedeutung des älteren beut- schen geschichtlichen und politischen Liedes gegeben zu haben. Das Dove'sche Drehungsgesetz der Winde. Von A. M. (Schluß.) 2. Dem vorstehend Dargelegten entsprechend ist das Verhältniß auf der südlichen Halbkugel: X. 5 5i 5ii 5ni 5iv 4 4i 4ii 4m 4iv 3iv 0. W. 3 3l 3ii 3m 3iv 0. 2 2i 2ii 2m 2iv 1 Ii Iii Im liv S. Denken wir uns auch hier die Luft vom Pol nach dem Aequator hin in Bewegung gesetzt(also Südwind), so wird die von 4— 4iv ausgegangene Luft fast noch als reiner Südwind in 5— 5 iv ankommen, die von 3— 3iv ausgegangene in 5— 5iv schon eine östlichere Richtung angenommen haben, bis endlich die aus 1— iv in 5— 5 iv eintreffende Strömung eine rein östliche gewor- den sein wird. Auf der südlichen Halbkugel also gehen Winde, welche als Südwinde(Polarwinde) entstehen, bei ihrem allmälichen Vorrücken durch Südost in Ost- winde über. Ist so aus dem Polarstrome durch die Rotation(Umdrehung) der Erde nach und nach ein Ostwind entstanden, so wird er, da er längs der Parallelkreise V—V, und 5— 5iv streicht, vorläufig keine Veränderung mehr erfahren. Verwandelt sich nun durch irgend welchen Einfluß die polare in eine Aequatorialströmnng, so tvird diese, auf der nördlichen Halbkugel südliche, auf der südlichen Halbkugel nördliche, Strömung ihren Einfluß auf den östlich gewordenen Polarstrom in folgender Weise geltend machen: a. auf der nördlichen Halbkugel wird der Südstrom den Ostwind zunächst in Südost nnd allmälich in reinen Südwind, b. auf der südlichen Halbkugel dagegen der entstandene Nordstrom(Aeqmatorialstrom) den Ostwind allmälich durch Nordost in Nordwind herumdrehen. Die Veränderung auf der nördlichen Hemisphäre wird also der Reihe nach sein dl. dll). 0. 80. S. ans der südlichen Hemisphäre dagegen: 8. 80. 0. dIO. N. II. Aeqnatorialströmungen. Strömt die Luft vom Aequator nach den Polen, so kommt sie aus Orten, deren Umdrehungsgeschwindigkeit nach Osten hin eine weit größere, als die derjenigen Orte, nach denen sie geht. 1. Nehmen wir wieder an, daß auf der nördlichen Erd- Hälfte von den Orten: llorck Nord u-v- �-—=-*' u I Ii h i.i I.'/ y Ii Ii, iiä Uz Ii« West in iiii in. niz m« Ost w. IV IV, IV. IV3 iv« V V, V, Vi v« Süd "i. 0. IV v« Süd I— 14 die nördlichsten, V— V« die südlichsten sind unter gleichen Parallelkreisen, I— V die westlichsten, I4-V« die östlichsten unter gleichen Meridianen, so wird bei einer Luftströmung von Süd die aus II— II« in I— l« ankommende Luft(da sie eine größere Rotationsgeschwindigkeit nach Osten hin besitzt, als� die unter dem Parallelkreise I— I« befindliche) schon eine etwas westliche Richtung angenommen haben, die von lll— III« ausgehende Luft wird in noch westlicherer Richtung in 1— I« anlangen, bis endlich der von V— V« über IV— IV« ic.:c. sich fortpflanzende südliche Strom (— der, wie man nicht vergessen darf, seine Ursache im Norden hat) in l— I« eintreffend eine immer westlichere Richtung ange- 33 nommen und sich durch Züd West allmälich in einen reinen West- wind verwandelt haben wird. Ans der nördlichen Halbkugel also gehen Winde, die als Südwinde(Äcquatorialströme) entstehen, bei ihrem allmälichen Vorrücken immer mehr durch Süd-Äest in Westwinde über. 2. Es seien ans der südlichen Erdhälftc von den Orten: hs. 5 fii Li, 5ni Siv 4 4 t 4ii 4iii 4iv W. 3 3i 3ii 3iu 3iv 0. 2 2i 2i[ 2iii 2iv 1 Ii Iii Im liv S. N. W. 0. s. 5— 5iv die nördlichsten, 1— 1 iv die südlichsten unter gleichen Parallelkreisen, 5—1 die westlichsten, 5iv— liv die östlichsten unter gleichen Meridianen, so wird die aus Norden kommende Luft von 2— 2iv schon in etwas westlicher Richtung in 1— liv anlangen, die von 3— 3iv über 2— 2iv in 1—1 iv eintreffende wieder eine stärkere Abweichung von Norden nach Westen zeigen, bis endlich der aus 5— 5iv nach 1- liv gekommen, zu einem reinen West- winde geworden sein wird. Auf der südlichen Halbkugel also gehen Nord- winde iAcqnatorialströmnngen) bei ihrem all- mälichen Vorrücken durch Nord-West in West über. Wie der in Ostwind übergegangene Polarwind wird auch der in Westwind verwandelte Aequatorialstrom keine weiteren Störungen erleiden, da er nun längs der Parallelkreise fließt, er wird aber, wie jener, auch bei fortdauernder Ursache der Polar- resp. Aequa- torialströmung auf diesen ursprünglichen Strom hemmend ein wirken und so eine relative sbcziehnngsweise, d. h. der Drehung des Orts, über welchem sie sich befindet entsprechende) Ruhe an- nehmen, die bald wieder der ursprünglichen Polar- oder Aequa- torialströmung weichen wird(so lange deren Veranlassung dauert) worauf sich die eben geschilderten Erscheinungen wiederholen werden. Tritt aber nach dem Aequatorialstrom wieder ein Polarstrom ein, so werden: e. auf der nördlichen Halbkugel die Westwinde allmälich in Nordwest und sodann in Nordwinde übergehen. ck. ans der südlichen Halbkugel die Westwinde sich nach und nach in Südwest und Südwinde verwandeln. Die Veränderung würde bei zuerst vorherrschender Aeqnatorial strömung und deren Verdrängung durch die Polarströmnng sein: ans der nördlichen Halbkugel S. SW. W. NW. N. auf der südlichen N. NW. W. SW. N. Zu erwähnen wolle» wir nicht vergessen, daß durch lokale Einflüsse, sowie durch die verschiedene Vertheilnng und Erwär- mnng von Meer und Land häufig eine Störung in den Erschei- nniigen dieser Gesetze eintritt; im allgemeinen aber folgt aus der Gesammtheit der erörterten Bewegungen bei aufeinanderfolgenden Polar- und Aequatorialströmungen, daß in der nördlichen Erdhälfte der Wind in der Richtung von N. nach 0. S. W. und N. in der südlichen von 8. nach 0. N. W. und 8. die Windrose durchlaufen wird, abgesehen davon, daß in Folge lang andauernder Polar- oder Aequatorialströmungen die Reihen- folge unterbrochen werden wird, und der Wind zwischen N. und 0, W. und 8. öfter zurückspringt. Dies ist im allgemeinen das Dove'schc Drehungsgesetz des Windes. lieber die Ursachen der Abweichungen im mittleren Europa mögen noch einige Auseinandersetzungen nach Dove hier Platz finden. Nach dem aufsteigenden Luftstrom unterhalb des Aequa- tors fließen, wie mehrfach erwähnt, von Norden und Süden her Ströme kälterer Luft, die, sich gegenseitig hemmend, in jenem aufgehen, und erwärmt wieder mit in die Höhe geführt werden, wodurch eine Zone der Windstillen auf beiden Seiten des Aequa tors erzeugt wird. Der in dieser— nach der Jahreszeit wechseln den und etwa sechs Polarkreise umfassenden— Region der Calmen(Windstellen) aussteigende Lnftstrom bleibt bis über die Wendekreise hinaus in der Höhe und sinkt dann erkaltet und schwerer geworden und infolge der Verengerung der Meridiane nach den Polen hin zusammengepreßt, wieder herab, um aus der Nordhälfte der Erdkugel in südwestlicher, auf der Südhälfte in nordwestlicher Richtung nach den Polen zu fließen. Es entstehen dadurch in veränderlichen Betten neben einander fließende Polar und Aequatorialströmungen, deren gegenseitiges Verdrängen den Wechsel in den Witterungsverhältnissen bedingt. Da aber die von den Polen kommende kältere Luft einen geringeren Raum einnimmt, als die immerhin wärmere, wenn auch abgekühlte, voni Aequator koniniendc, so werden überall schmälere Polar- ströme mit breiteren Aequatorialströmungen wechseln, und es wird bei den angedeuteten Verdrängungen und Verschiebungen derselben immerhin die Wahrscheinlichkeit größer sein, in einen Aeqnatorial ström zu gerathcn, als in einen Polarstrom. Svinit muß sich nach Raum und Zeit eine überwiegende süd liche Windrichtung in der nördlichen gemäßigten Zone geltend machen, die sich infolge der Rotation der Erde nach den oben entwickelten Gesetzen mehr und mehr in eine südwestliche und ivestliche vertvandeln wird, wie sie ja bei uns in der That vor herrschend sind. Noch aber ist ein anderer Umstand, der für die in Mittel- Europa überwiegende westliche Windrichtung sehr bestimmend ist, in Betracht zu ziehen: die hohe Teniperatur des zentralen Asiens in den Sommermonaten verursacht einen mächtigen auffteigcndcn Strom, infolge dessen dort der atmosphärische Druck bedeutend verringert wird. Deshalb strömen die nebenliegenden Luftmassen dorthin, über Europa der Nordwest, welcher unfern Sommer oft so unfreundlich macht, deshalb wehen an den Ostküsten Asiens nur östliche Winde, an den Küsten Sibiriens nördliche. Die über Inner Asien aufsteigende warme und trockene Luftniasse fließt seitlich nach Osten ab und häuft sich über dem Nordwesten Nord Amerika's an. Bemerken wir noch, daß sich, wie schon angedeutet, in der Windrichtung einzelner Orte gar oft lokale Einflüsse geltend machen, die das oben ausgeführte Drehungsgesetz ganz verdecken, und daß namentlich hohe Gebirge und tief eingeschnittene Thäler solchen Einfluß ausüben, so glauben ivir alles gesagt zu haben, was sich in engen Grenzen über das Doveschc Gesetz überhaupt und die in Mittel Europa insbesondere vorherrschende Wind richtnng sagen läßt. Marienwürmchen. Bon Hugo Sturm. Der rauhe Herbst mit seineu Stürmen ist vor der Thür. Die Natur hat ihre höchste Entsaltuna erreicht und bereitet sich wieder allmählich vor zu der Ruhe des starren Winters. Die Sommervögel ziehen hoch oben in der Luft dein Süden zu und die Wintcrschläser unter den Thieren suchen nach einem schützenden Ort für die bald eintretende kalte Jahreszeit. Lang- sam fällt Blatt um Blatt von Baum und Strauch, bis nur noch kahle Reiser und Aeste emporragen. Diese Vorgänge entgehen keinem Auge. Aber wie häufig über- sehen wir die Regsamkeit der kleinen und kleinsten Geschöpfe, die doch picht minder eifrig darauf bedacht sind, eine gute Schlafstelle aufz» finden, in der sie dem Schnee und Eis Trotz zu bieten vermöge». Wohl kein Baum ist zu finden, an dem wir nicht solche Äcobachtungcn aus dem Leben der so vielfach unbeachtet gelassenen kleineu Thierwelt machen könnten, die meist noch interessantere Erscheinungen darbietet als selbst die große,»ein zusammengerolltes Blatt finden wir, in dem nicht mehrere kleine Thiere regungslos sitzen und warten, bis dasselbe zu Boden fällt und unter den andern seinen Insassen ein warmes Winter- quartier bietet. Am häufigsten begegnen wir in der schützenden Blatthülle einigen rolhgcfärbten Käfern mit schwarzen Rückenflecken, die von Jedermann als Sounenkälbchen, Marienwürmchen oder Herrgottkühlein gekannt werden. Die Wissenschast läßt diese und die übrigen Namen, die man für unfern kleinen Käser noch weiß, gelten, kann sich jedoch mit den selben, die fast in jedem Landstrich wechseln, nicht begnügen, und nennt das Thier seiner Farbe wegen LoceinaUa, wozu noch für die häufigste und größte Art der Beiname septempuuetata kommt, weil bei dieser die Zahl der schwarzen Flügelpunkte meist sieben beträgt. Der kleine Käfer ist wohl keinem unserer Leser unbekannt, weshalb wir wohl von Nr H iaan der Beschreibung desselben absehen können. Nnr die Lebensweise dürfte nicht Jeder genauer kennen, und von ihr möchte ich einiges mitzutheilen mir erlauben. Wie schon gesagt, überwintert der Marienkäser unter den abge sallenen Laubwerk oder auch in einer Rindenspatte, in welchen Verstecken man meist mehrere zusammen findet. Ganz zeitig im Frühling, wenn die Sonne ihre ersten warmen Strahlen durch die noch laublosen Bäume sendet, erwacht der kleine Schläfer und schlüpft unter dem Laube her- vor, um als erster Bote des Lenzes Groß und Klein zu erfreuen. Mit lautem Jubel begrüßt die Jugend den kleinen Küfer, hascht ihn, ohne ihm jedoch irgend ein Leid zuzufügen. Er ist durch Tradition gefeit. So wie wir uns einst freuten, wenn er seine Flügeldecken zum Fortfliegen erhob, so ist dies auch die Freude unserer Kinder. Sie suchen ihn durch eiu kleines Licdchen dazu aufzumuntern, das in vielen Variationen in allen Theilen Deutschlands gekannt ist und in meiner Heimat— Provinz Pose»— folgendermaßen lautet: „Marienwürmchen, fliege! Dein Vater ist im Kriege, Dein Häuslein brennt, Deine Kinder schrei», Flieg' fort aus der Höll' In den Himmel hinein!" Die Verehrung, deren sich das Thier überall zu erfreuen hat, stammt schon aus jenen Tagen, als noch die heidnischen Götteraltäre unter unser» Vieseneiche» rauchten, als noch der Landmann das Wirken der holten Freys überall in Feld und Wald zu verspüren meinte. Ihr war der kleine Frühlingsbote geheiligt, der ihr vorausflog, um den Menschen das Nahen der Göttin zu verkünden. Hieraus beziehen sich auch die vielen Volksnamen des Käfers, die heute noch gelten. Als das Ehristenthum die Götter unserer heidnischen Vorfahren ver- drängte, übertrug man die Eigenschaften der Freya vielfach auf des Heilands Mutter Maria, der man auch de» Vorläufer der Frühlings- göttin widmete. Von ihr ist das Thierchen auch mit der Gabe der Vorhcrverkündigung ausgestattet worden. Seine sieben Rückenpunkte, an und für sich schon durch ihre Zahl bedeutungsvoll, betrachtet der abergläubische Ackers, imun in jedem Jahr mit größter Aufmerksamkeit, da er von ihnen aus einen Schluß auf den Ausfall der nächsten Ernte machen zu können vermeint. Noch im Lenze feiern die Käfer die Zeit ihrer Wonne, die jedoch nicht mit demselben ihr Ende erreicht, sondern bis zum Herbste hin fortdauert. Man findet vom Mai an nicht selten auf der Rückseite der Blätter die schmutzig-gelben Eier, die in Häuschen von lg— 12 an der Zahl hier angeklebt sind. Sie sind verhällnißmäßig groß und an dem einen Ende merklich zugespitzt. Aus ihnen schlüpfen nach einigen Tagen die kleinen schwarz gefärbten Larven, die sich nicht weit von einander entfernen und gar munter umherkriechen. Nach Beobachtungen, die ich im vorigen Jahr angestellt, häuten sich die Larven in nicht ganz be- stimmten Zeiträumen. Während bei einzelnen dieser Vorgang schon in der zweiten Woche eintrat, dauerte er bei andern 5— g Tage länger. Jedenfalls ist die Ursache hiervon in der geringern oder reichlicheren Nahrung der kleinen Geschöpfe zu suchen, der sie mit großer Freßlnst nachgehen. Nach mehrmaligen Häutungen hat die Larve eine Länge von ca. 1 cm. erreicht. Sie sieht blangrau aus, nur an den Seiten einzelner Glieder erblickt man rolhe Flecke. Auch die l«> Rückenpunkte, die paarweise auf den einzelnen Gliedern stehen, haben diese Farbe. Sie stehe» zwischen zwei Reihen schwarzer Warzen, die mit kleinen borstcnförmigcn Haarbüscheln verziert sind. Auch die Beine und der Kops sind borstig besetzt. Die Larven sind beweglich und lausen ziemlich schnell auf den Blättern umher. Ihre Nahrung ist animalischer Natur und besteht in den schädlichen Blattläuse», die oft zu Tausenden die Blätter bedecke». Die allezeit hungrige Larve erhascht ihre Beute mit den Vorderbeinen und führt, sie nach den Freßzangen, um sie in kurzer Zeit völlig aus- zusaugen und darauf wieder eine andere zu erbeuten. ES gidt kein besseres Mittel, um von Blattläuse» befallene Topfgewächse oder seltene Sträucher von ihren Schmarotzern zu befreien, als einige Larven des Marienkäfers auf dieselben zu setzen, die in nicht zu langer Zeit gründ- lich unter jener Gesellschaft aufräumen. Etwa acht Tage nach der letzten Häutung wird die Larve träger. Sic sncht sich einen geschützten Platz, an dem sie sich mit ihrem letzten Gliede festheftet. Sie zieht den Kops ein, krümmt den Rücken und ver harrt regungslos in dieser Stellung. Die Borsten fallen ab, die Haut reißt auf dem Rücken entzwei und die Puppe windet sich heraus. Von vorn gesehen, erkennt man, wie auch bei andern Käferlarven, deutlich den ausgebildeten Kopf, sowie die bis zum neunten oder zehnten Ringe reichenden Flügel und die Beine. Die Farbe der Puppe ist roth und schwarz. Eine eigenthttmliche Bewegung ist der Puppe eigen, sobald sie in ihrer Ruhe gestört wird. Der bekannte Entomologe Or. Taschen- berg in Halle, schreibt darüber:„Sie hebt den Äordertheil ihres Körpers und läßt ihn wieder fallen, oft so taktmäßig, wie der Hammer einer schlagenden Uhr." Acht Tage nach der Verpupp, ing schlüpft der Käfer aus der Puppen- hülle. Flügeldecken und Schilder sind weich, auch ist die Färbung noch nicht normal. Ter vollkommene Käfer nährt sich ebenfalls von Blatt- läusen, obgleich man lange hieran gezweifelt hat, freilich nicht mit der Gier, wie bei den in der Entwickelnng begriff, neu Larven. Es gibt bei nns mehrere Arten von Marienkäfern, die aber durch- schnittlich unserm eben beschriebenen an Große nachstehen. In der Lebens- und Entw:ckelungsweise stimmen alle genau überein, so daß nur die Farbe als leicht in das Auge fallendes Unterscheidungsmerkmal aufgeführt zu werden braucht. Es gibt noch welche mit fünf und mit zwei schwarzen Punkten, serner solche mit gelber Farbe und weißen Flecken, solche mit schwarzen Würfeln und gelblicher Grundfarbe u. s. s. Sie alle haben sich unsers Schutzes zu erfreuen, und verdienen die Schonung, die man ihnen von allen Seiten angedeihen läßt. Die.Kitzlochklamm.(Bild S. 28). Wir haben auf unserer Welt- fahrt die Leser im 4. Jahrgang Nr. 3ö der„N. W." ins Pongau zu den Liechtensteinklammen von Sankt Johann geleitet und bitten sie, die heutige Wanderung dort auszunehmen, um uns zum Ausgang des Pongaus, zu der Kitzlochklamm bei Tayenbach zu solgen und zwar dies mal auf der Eisenbahn. Beim Anblick dieser Tunnels und Felsen- galerien, die man dem Urgestein abgerungen, freuen wir uns, daß das Pulver nicht allein deshalb erfunden wurde, um die Wahlstatt mit Schlachtopfern zu bedecken, sondern daß es eine noch bessere und sried- lichere Verwendung zu Gnnsten des großen Völkerverkehrs habe, näm lich den, die Felsen zu sprengen, um dem sausenden Dampfroß die Wege zu bahnen. Manchmal hört man beklagen, daß die Dichter und Künstler der Gegenwart nicht auf der Höhe früherer Zeiten stehen, daß es keinen Rubens, keinen Shakespeare, keinen Goethe und Beelhoven mehr gebe. Dafür schafft die Menschheit Wunderwerke der Technik. Die Menschheit kann ebenso wenig wie der einzelne alles zu gleicher Zeit leisten. Uns kommt es vor, als ob das Genie der Menschheit in den Kops der Techniker gefahren sei, so daß diese jetzt Tinge voll- bringen können, die in ihrer Weife alles, was die Vorzeit zu Wege brachte, weit übertreffen. Jetzt werden die großen praktischen Gedanken ins Werk gesetzt, von denen die bedeutendsten Menschen der Vorzeit nur träumen dursten. So hat jedes Zeitalter seine Größe. Unter diesen und ähnlichen Gedanken haben wir in Lend den Waggon gewechselt und sind, che wir es uns versehen, in Taxenbach. Der schöne ebene Marktplatz von Taxenbach mit dem einladenden Postwirthshaus,„wo unser Herrgott den Arm herausstreckt", umfaßt sämmtliche Gebäude des Ortes und liegt 72L Meter über der MecreSflächc. Wir sind zwar nur eine halbe Stunde von unserem Ziel, der Kitzlochklamm entfernt, aber diese liegt in der schauerlichsten der Alpenschluchten, iu der Rauns. Obzwar die Scharte, welche die Ranriser Ache in die Felsen genagt hat, wegen ihrer Goldadern schon den Römern bekannt war, haben sich die Einwohner der Rauns bis zum Jahr 1877 begnügt, die Verbindung mit der Hauptstraße des Landes, dem Salzachrhal, durch den über Embach nach Lend führenden Saumweg zu unterhalten, obgleich dcr- selbe einen weiten Bogen nach Osten beschreibt und zur Begehung vielen Zeitaufwand kostet. Dcr Verkehr mit Taxenbach war infolge dessen gering. Nach der Eröffnung der Giselabahn, welche das nörd liche Tyrol mit dem Salzkammergut verbindet, kamen die von dem gleichen Bedürfniß beseelten Bewohner des Salzach- und Rauristhals überein, die der unmittelbaren Verbindung ihrer beiderseitigen Thälcr im Wege stehenden Hindernisse, vermittels des Durchbruchs der u» geheuren Felsenwände und Schluchten nächst der Rauriser Ache, für alle Zeit zu beseitigen. Kein Alpenthal kann sich eines so wunderbaren Zugangs und eines in landschaftlicher Beziehung so eigenartigen Hinter grunds rühmen, als die Umgebung der Kitzlochklamm, deren Mittel Punkt unser Bild darstellt. Im Verlaufe einer halben Stunde gelangt man aus dem Eisenbahnkonpö in die Hochgcbirgsnatur. Wenn man Taxenbach verlassen hat, ist die prickelnde Lust lind und aromatisch, würzige Düfte steigen aus dem Thale auf, welchem der Blick weithin zu folgen vermag. Die Föhren rauschen, die Rauriser Ache stürzt brausend niederwärts und in ihren Gischt spielt die Sonne alle Farben des Regenbogcns hinein. Binnen einer Viertelstunde ist der hügelige, von Sturztrümmern bedeckte, von Ebereschen, Buchen und Fichten spär lich bewachsene Anstieg erklommen und vor uns liegt ein Natnrgemälde aufgerollt, dem die Wildheit der Berge, welche ringsum bis zu den Wolken aufsteigen, ein großartiges Bild verleiht, lieber dem gemsen- öden Revier kreisen Aar und Falke, an den Hängen flattert hie und da ein Silberband durch grünes Nadelgezweige und die feierliche Stille der Hochgcbirgsnatur wird nnr selten durch das Gezwitscher eines Vogels unterbrochen. Plötzlich ist das Panorama kesselartig abgeschlosfen und der Weg windet sich thalabwärts über Galerien und Brücken. Das eigentliche Kitzloch ist ein römischer Stollenbau in dcr ersten, am rechten Nfcr der Rauriser Ache sich senkrecht erhebenden Riefenwand, auf der Südseite begonnen, gegen Norden aber nicht vollendet. Man erkennt an ihm, daß er mit Spitzhaue und Meißel angelegt wurde. Tacitus erwähnt der Goldbergwerke am Jvarus(Salzach), welche der Praetor von Juvavium(Salzburg) Ahenobarbus in Stand setzen ließ und preist deren Ergiebigkeit. Heuer decken die Rauriser Goldbergwerkc kaum die Betriebskosten. Ob die Goldadern erschöpft sind oder der Raubbau der Privatunternehmer daran schuld ist, mögen Sachverstän- digc entscheiden. Die Oedenwand, deren glatte Breitfeite, vom Sal zachthal aus betrachtet, das Rauriser Thal ganz absperrt, zeigt sich als eine mehrere hundert Meter aufragende Mauer, vor welcher den Bc schauer infolge der nischenartigen Unterwaschungcn das Gefühl bc schleicht, daß sie einstürzen könnte. Durch dieses Gestein hat sich die Rauriser Ache unter Tosen und Brausen im Lauf der Zeit eine Schlucht von etwa 125 Meter Tiefe gebrochen, und noch immer dauert der to- bcnde Kamps zwischen Wasser und Gestein fort. Alle elementaren Kräfte scheinen entfesselt, um sich im verzweifelten Ringen aufzureiben, un- gezählte Jahrtausende geht es so fort und doch ist im großen und ganzen die Erdrinde dadurch nur unwesentlich verändert. Und hat Wasser und Feuer der Mutter Erde eine Wunde gerissen, so ist der duftige Urwald stetig bemüht, sie grün zu überkleiden. Wie auf unse rem Bilde ersichtlich, streckt er seine hilfreichen Arme, die Bäume, nicht nur bis an den Rand des Abgrundes, sondern weit über denselben hinaus, um den goldgesäumten Wolken, die den Morgenhimmel um- ziehen, zu winken. Doch dieses. Naturwunder von Hetzjagd und Still- stand muß man mit eignen Augen sehen, wenn man den richtigen Ein- druck davon empfangen will. Zum Schluß müssen wir indeß auch den Werken von Menschenhand, den Wcgbauten, Gerechtigkeit widerfahren lassen, umsomehr, da sie an Kühnheit alles übertreffen, was aus diesem Gebiete bisher geleistet worden ist. Welchen großartigen Charakter die jetzt vollendeten Arbeiten an sich tragen, beweisen folgende Angaben. Vom Römerstollen, dem Ausgang der Kitzlvchwand, bis zum Landstcg Rauris war eine neue Wegstrecke von 2000 Meter herzustellen: diese enthält viele Galerien, einen großen Tunnel und sieben Ueberbrückuugen. Ter Gesammtkostenbetrag dieser ungemein schwierigen und gefahrvollen Bauten ist von den betheiligten Gemeinden beider Thäler übernomm n worden. Darnach zu schließen, haben die Gemeinden heidenmäßig viel Geld. Und doch verarmt in dieser landschaftlich so reizvollen Gegend die Bevölkerung immer mehr. Nur Fachschulen für Frauenarbeit und Hausindustrie können der überhandnehmenden Verarmung steuern. Dr. M. T. Ein gefiederter Gärtner. Der Vogel, welcher sich den Lesern im Bilde(S. 29) präsentirt, gehört zur Gattung der Paradiesvögel und ist in die Register der Naturforscher unter dem Namen Amblz'- oruiz iuoruata. eingetragen. Die Amblyornis ist, was die Farben- Pracht des Gefieders wie die äußere Erscheinung überhaupt betrifft, der schmuckloseste und� unansehnlichste Paradiesvogel, wohingegen er an Intelligenz seine Stammesgenossen weit überragt. Nach einem Bericht von Odoardo Beccari, der diesen Vogel im Jahre 1875 in Neuguinea (Westküste von Afrika) zu beobachten Gelegenheit hatte, erreicht die Amblyornis die Größe einer Turteltaube; das Gefieder ist in der Hauptsache braun gefärbt. Beccari hat den Borschlag gemacht, den Vogel Gartenvogel zu nennen, wohl um deswillen, weil sich vor seinem Neste oder besser vor seinem Baue stets ein mit allerlei Früchten, Blumen und Blüthen ausgeschmückter und wohlgepflegter Platz vor- findet. Mit demselben Recht kann man die Amblyornis auch den Baumeister unter den Vögeln nennen, denn das Nest oder der Bau lenkt nicht minder die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich. Nach den Aufzeichnungen Beccari's wählt der Vogel zum Baue seines Nestes einen ebenen Platz an einem kleinen Baum, der in der Regel die Dicke eines Spazicrstockes hat. Am Fuße des Baumes errichtet er eine Art niedrigen Kegel, der meist eine Handbreit im Durchmesser hat und wesentlich aus Moos besteht. Die Höhe des Kegels oder Stammes, der als Pfeiler dient, ist wenig geringer als die Höhe des ganzen Baues, etwa 02 Centimeter. An dem Gipfel des Pfeilers befinden sich ringsherum und niethodisch aufgelagert Stämmchen von einer Orchidee, doch so, daß vorn ein Eingang offen bleibt. Viele andere Stämmchen sind in verschiedenen Richtungen quergelegt, so daß die ganze Lagerung möglichst undurchdringlich wird. Zwischen der Außenwand und dem inneren Mooskegel ist ein rundlicher Gang angelegt. Der Durchmesser des ganzen Baues beträgt etwa 1 Meter. Die Stämmchen der Orchidee finden sich in großen Büschen auf Baumzweigen und sind ebenso bieg- sam als dauerhaft. Die Blätter läßt der Vogel an den Stämmchen, ja er macht sie womöglich noch fest; und offenbar verwendet er gerade dieseJPflaiizc zu seinem Nestbaue, weil sie sehr lange frisch bleibt und der Fäulniß fast gar nicht ausgesetzt ist. Vor dem Neste errichtet unser Baumeister eine Wiese von herbeigebrachtem Moos, die frei von Gras, Steinen, überhaupt frei von allen, gewissermaßen die Schönheit des Ganzen beeinträchtigenden Gegenständen ist. Aus diese Wiese oder Rasen werden Blüthen oder Früchte von frischen Farben so ausgebreitet, daß die Fläche deu Eindruck eines kleinen zierlichen Gartens macht. Die meisten Zierrathen befinden sich am Eingange des Baues, und es scheint, als ob der männliche Vogel den Eingang täglich mit neuen Früchten, Blumen und Blüthen ausschmückte, um dem Weibchen Ueber- raschungen zu bereiten. Alles muß aber von hervorstechender Farbe sein. Unter den Früchten fanden sich kleine violette Nepfel vor; auch eine rosige Frucht, die von einer Pflanze, ähnlich dem Jngwcrgewächs, stanimt, wurde vorgefunden. Die Blüthen hatte der Vogel einem statt- lichen Heidelbeerstrauch entnommen. Auch an Pilzen und farbigen In- selten fehlte es in dein Garten nicht. Was von dem Gartenschmuck verdorrt oder unschön geworden ist, wird entfernt und an die Seiten des Baues gelegt. Eine weitere Merkwürdigkeit im Charakter des Vogels ist, daß er das Geschrei und Gesinge von Vögeln uachzuahincn im Stande ist, welcher Umstand ihm auch den Namen Iluriiu Gum, d. i. Meister- oder Lehrervogcl, eingetragen hat. Sein anderer Name ist Tukan Kobou(Gärtnervogel). Außer dem wenig in die Augen fallenden Vogel stellt das Bild auch den ganzen Nestbau desselben dar. Die Figur in der Ecke rechts oben vergegenwärtigt den Plan. A ist der Mittelpseiler, Ii ist der Grundkegel an demselben, C ist der Gang, D ist der Grundumfang des Dachs, E ist der Garten, T, G, II und I sind die Stellen, wo die Früchte und Blüthen der verschiedenen Pflanzen, aber alle gesondert, hingelegt werden, die Stellen XU dienen zur Ablagerung aller ver- welkten oder verwesten Gegenstände. 8. Die Katastrophe von Szegcdin Wohl besteht das Leben des einzel- neu Menschen und das der Nationen in einem unausgesetzten Kampfe gegen die zerstörenden Kräfte der Natur und unerbittlich nagt der Zahn der Zeit an den stolzesten Denkmälern der Baukunst; aber daß die Wohnstätte von 75,000 Menschen binnen wenigen Tagen von der Sturmfluth der Erde gleich gemacht wird, ist jetzt nur noch in einer ungarischen Stadt, wie Szegedin, möglich, deren kaum metertief gefestetc Häuser, von blos an der Luft getrockneten Lehmziegeln gebaut, von allen vier Seiten frei in breiten ungepflasterten Straßen stehen. Was dem Wogenprall wider- stand, drückte das entfesselte Element mit seinen feuchten Armen>vie Brei zusammen. Das konsistente Material der steingemauerten Regierungs- gebäude wankte und stürzte ebenfalls zusammen, weil der lockere Unter- grund, vom Wasser gierig vollgcsogen, jeden Halt verlor. Zur Erklärung der Bodenbeschaffenheit der ungarischen Tiefebene zwischen den Flüssen Donau und Theiß müssen wir das Buch der letzten Erdrevo- lution aufschlagen, denn was der gewaltige Theißstrom, das einzige Rinnsal der südlichen Karpathenabdachung, in den Zcrstörungstagen voll bracht, zumal die verheerende Wirkung seiner Jnundations- Gewässer (die Wassermasse außerhalb des Flußbettes) erinnert geradezu an jene vorhistorische Hochfluth die vor vcrhältnißmäßig nicht allzulanger Zeit die Tiesebenen der Theiß und Donau bedeckte. Von dem Festlandboden Europas ist jener der großen ungarischen Tiesebene, in deren Mitte Szegedin schutzlos und kaum einige Meter über dem Normal-Nivcau der Theiß liegt, ziveifellos der jüngste. Die weiten sarmalischen Steppen flächen von den Karpathen bis zum Ural, sowie die flachen Gestade- länder Norddeutschlands waren längst von den Seesluthen besreit, als im Stromgebiete der untern Donau noch immer Meereswogcn jenen Diluvialboden peitschten, auf welchem heute zahllose blühende Städte liegen, wogende Kornfelder mit unermeßlichem Erntesegen sich breiten und das Dampfroß nach allen Richtungen die einförmige, aber in ihrer Art gleichwohl malerische und vom feurigen Volksliede poetisch verklärte Ebene durchbraust. Das heutige ungarische Tiefland und die rumänische Ebene dürften in demselben Zeitraum von ihren Wassern befreit worden sein. Jedenfalls ging der Abfluß des„Dacischen Meeres", dessen ein- stigcn Seeboden das heutige Rumänien bildet, voran; die Gestade zunächst des Schwarzen Meeres wurden trocken und an der bulgarischen Uferstufe(Dobrudscha, bildete sich ein Gewässer, ein Fluß, der aus- schließlich von jenen Bächen gespeist wurde, die einerseits in der hohen Balkankctte, andererseits in den transsilvanischen Alpen Siebenbürgens entsprangen. Wenn von einem Ursprünge dieses großen dacischen Flusses überhaupt die Rede sein kann, so dürfte er am sogenannten„Eisernen Thor" zu suchen sein, wo zwischen Bazias und Orjova ein Knoten das Balkan- und Karpathensystem verbindet. Dieser Gebirgsstock war ursprünglich der Riegel, welcher das ungarische Meer von dem rumä- nischen trennte. Als die unermüdliche Fluth die Felsenbarre durchsägte, ersolgte der Durchbruch durch jenes großartige Defilö, das heute den Namen„Kazan" trägt und leider heute noch zur Hochwasserzeit die Gewässer staut, daß sie rückprallend die Theißniedcrung' als Springfluth bedecken. Daß das„Eiserne Thor" für die enormen Wassermassen der Donau, Theiß, Save und Drau zu schmal ist, haben alle Generationen zu ihrem Schrecken erfahren müssen, und doch niemals an die Abhülfe der Gefahr gedacht. Auch heute dürfen wir annehmen, daß die Kala strophe, durch welche die Stadt Szegedin vernichtet wurde, sich nicht so entsetzlich gestaltet hätte, wenn die Regierungsorgane nicht in einem unverzeihlichen Optimismus besangen gewesen wären. Der Regierungs kommissär hatte keine Kenntnis; von jener baroinetrischen Depression, die am 11. März sich bereits zeigte und das Herannahen eines Sturmes von Norden verkündete. Aus die Thatsache gestützt, daß ein momen- tanes Fallen des Wassers um 15 Centimeter eingetreten war, posaunte er in die Welt die trügerische Botschaft, daß Szegedin gerettet sei. Da kam der Sturm und wälzte mit der schäumenden Flurh über die Dämme die Leichen der Deicharbeiter in die Straßen der unglücklichen Stadt, deren Bewohner im Schlafe vom Verderben ereilt wurden. Nord- und südwestlich von den Wällen der Alföld und Staatsbahn gestaut, stürmte das Wasser durch die Rauchfänge in die verrammelten Häuser. So fanden Viele, durch die Fluth überrascht, ihren Tod, die sich gerettet hätten, wenn man ihnen die Gefahr rechtzeitig bekannt gegeben hätte. Rettungsboote waren so gut wie gar nicht vorhanden und die wenigen Fahrzeuge konnten in der Schreckcnsnacht den Weg nicht zu den ein- stürzenden Häusern finden, weil die Gasbeleuchtung von dem eindringenden Wasser zerstört worden war. Die Verwirrung dieser angstvollen Stunden beleuchteten hie und da brennende Häuser, von ruchloser Hand angezündet. Bon 10,000 Baulichkeiten sind 8200 eingestürzt, unter deren Trümmern man taufende von Leichen ausgesunden hat. Tie immer wachsende und vom Sturm gepeitschte Fluth leckte dann an dem Hügel von Neu- Szegedin und Söregh, wohin sich die lieber- lebenden gerettet hatten. Auch die Maros und Körös, die in geringer Entfernung von Szegcdin in die Theiß münden, hatten ihre Ufer über fluthet und bedrohten die Ortschaften Szentes, Hold Mezö-Vasarhcly und Czongrad. Die in unmittelbarer Nähe liegenden Dörfer Doroczma, 36- Algyö und Tapd sind gleich Szegedin von der Hochfluth verschlungen worden. Was an Gut und Blut, Wald und Aussaat das tückische Element verschlungen, ist noch bis heute nicht zu bestimmen. Wir wollen hoffen, daß die Erfahrungen dieses elementaren Ereignisses zum künf- tigcn Heile der Theißbewohner ausgenützt werden. Es lassen sich nicht alle elementaren Katastrophen verhindern, aber es ist möglich, die Aus- dehnung derselben zu beschränken. Dafür ist nicht in entsprechender Weise gesorgt worden. Angesichts des Elends war der nationale Anw- gonismus völlig geschwunden und aufopfernde Menschenliebe an seine Stelle getreten. In einem nächsten Artikel wollen wir über das weitere Schicksal von Szegedin berichten. Dr. M. T. Das Budget der Frau von Pompadour. Die Freundinnen der Fürsten des vorigen Jahrhunderts wurden durch ungeheure Geschenke für den Verlust ihres guten Rufes entschädigt und gestatteten sich eine Verschwendung, die uns heutzutage fabelhaft erscheint. Die Pompadour trieb es noch nicht am ärgsten und doch brachte sie Frankreich in den neunzehn Jahren ihrer Herrschaft von 1745—1764, um 36,924,140 Livres, wozu noch 1,700,000 Livres Schulden kommen. Das Verhältniß ihrer einzelnen Ausgaben gestaltet sich, wie folgt: Für Gebäude.......... 7,500,000 Livres Reisen, Schauspiele und Feste für den König 4,000,000- Lohn der Bedienten........ 1,518,886 Beleuchtung und Heizung...... 810,000- Kleidung............ 350,225 Leinenzeug........... 1,777,000- Küchcngeschirr.......... 66,172 Zu ihrer Befriedigung(pour sc satisfaire) 1,338,167 Gold- und Silbergeschirr...... 687,600 Goldene Dosen.......... 394,000- Diamanten........... 1,783,000 Lackirte Sachen.......... 111,945 Chinesisches Porzellan........ 150,000 Geschnittene Steine für den König... 460,000 Denkmünzen........... 400,000 Gemälde............ 60,000 Bücher............. 12,500- Wagen und Pferde........ 1,800,000 Stallung und Fütterung....... 1,300,000- Für ihre Gesellschaftsdamen..... 460,000 Schulden ihres Vaters....... 400,000 An Verwandte, Diener und Klöster... 229,236 An die Armen.......... 150,000- Diese Ausgaben wurden durch Geschenke des Königs und aus andern Quellen bestritten. Die Pompadour bezog ein förmliches Gehalt, 4000 Livres monatlich und 40,000 Livres Rcujahrsgelder. Biel brachte ihr das Spiel ein, denn wer hätte nicht der Geliebten des Königs gegenüber verlieren wollen. Sie gewann an manchem Abende ini Landsknecht 9000, 20,000, ja selbst 30,000 Livres. __ Dr. B. R. Die orientalischen lsicwürze, welche die Römer kaum in den letzten Zeiten ihrer Macht kannten, wurden in Frankreich erst durch die Kreuzzüge bekannt. Der hohe Preis derselben, die Seltenheit, die Ent- sernung der Länder, wo sie herkommen, setzten sie bei uns bald in großen Werth. Als im Jahre 1163 ein Abt von St. Gisles sich von König Ludwig VII.(1137— 1180) eine Gnade zu erbitten Willens war, so glaubte er sie desto eher zu erlangen, wenn er ihm einige Spczereien aus der Levante sendete. Alle noch vorhandenen Manuskripte aus den Zeiten der Kreuzfahrer sind voller Lobeserhebungen des Zimmts, Jng- wer», der Muskatnüsse u. s. w., welche die Dichter damals mit den vor trefflichsten Wohlgerüchen verglichen. Es war indessen nicht blos Sinn- lichkeit, die unsere Vorfahren zum Gebrauch der orientalischen Gewürze leitete: da sie gewohnt waren, sich mit schwerem Fleische zu nähren, so glaubten sie durch diese Spezereien die Verdauung zu befördern. Erst im achtzehnten Jahrhundert machte Poivre den glücklichen Versuch, von der Insel Ceylon Muskat und Gcwürznägleinbäume zu holen»nd nach Jsle de France zu verpflanzen; ein Unternehmen, das vom besten Er- folge gekrönt wurde. Dr. B.-R. Die erste Tapezirnug der Mauern bestand bei den alten Fran- zosen aus Strohmatten: sie wußten die Strohfarben auf eine so künst- liche Art anzuordnen, daß diese Matten ganz hübsche Tapeten vorstellten. Die-tadt Pontoise hatte in dieser Arbeit den höchsten Ruf. Noch jetzt liefert die Levante sehr sein und künstlich gewebte Matten. Sehr be- diente man sich in Schlössern und Städten statt der Matten der von Wolle und Seide durchwirtten Tapeten, die allerhand Zeichnungen, ja ganze Gemälde darstellten. Diese Art Arbeit scheint sehr alt zu sein, denn man sieht noch in der Sakristei der Kathedralkirche zu Bayern ein altes Stück Tapete, das die Eroberung von England durch Wilhelm den Normannen(1066) darstellt. Der Gelehrte Montfaucon glaubt, daß diese Tapete bald nach dieser großen Begebenheit verfertigt worden sei. Indessen dauerte es lange, bevor diese?lrt Wandbekleidung allgemeiner wurde. Dies geschah erst im fünkzehnten Jahrhundert, als die Herzöge von Burgund Herren der Niederlande waren. Nur sehr reiche Leute konnten sich solcher Tapeten bedienen, weil sie außerordentlich theucr waren. Weniger Bemittelte mußten mit ungarischen oder bergamaskischen Tapeten fürlieb nehmen. Diese letztern hatten ihren Namen von der Stadt Bergamo in der Lombardei, wo sie erfunden wurden, sie werden von ziemlich grober verschiedenfarbiger Wolle gemacht. Tie ungarischen sind etwas kostbarer, weil Seide zu ihnen verwandt wird. Beide Arten Tapeten wurden auch in der Normandie verfertigt. Dr. B.-R. Der Theo erfährt hinsichtlich seines Preises und der auf ihm lastenden Abgaben eine so hohe Steigerung wie kaum ein anderer Handelsartikel. Zuerst wirft er dem chinesischen Erbauer und dann dem Theehändler, der ihn zubereitet, einen erklecklichen Nutzen ab. Dann wird er, nach der Hafenstadt Kanton gelangt, aus direkte und indirelle Weise fünf bis sechs mal besteuert, und nachdem der on groo handelnde Hongkaufmann einen großen Gewinn von ihm gezogen, auch noch von den Beamten der Lokalregicrung besteuert. Von hier kostet er eine ungeheure Fracht nach Europa, und nachdem die ostindische Kompagnie ihren reichlichen Gewinn entnommen, fällt er der Krone anheim, die den Thee mit 100 Prozent nach seinem Werthe belegt. Endlich kommen die Makler, die Groß- und Kleinhändler, welche sämmtlich bei Kauf und Verkauf ihren Profit machen. Diesen Tribut könnte Europa sich er- sparen, da der Thee nur ein Modetrank ist und nicht allein zur Er- Haltung der menschlichen Gesundheit nichts beitrügt, sondern sogar wegen seiner arzneilichen Eigenschaften durch einen fortgesetzten Genuß diese schädigt. Dr. B.-R. Die Kunst des Brodbackens war anfangs den alten Römern unbekannt; sie nahmen die Körner aus den Aehren und verzehrten sie entweder frisch oder rösteten sie leicht, auch warfen sie dieselben in warmes Wasser, um sie zu erweichen. Nach diesem kam man auf den Einfall, die Körner zu zerstoßen, und erst lange nachher wurden die Handmühlen erfunden. Diese waren zn Cäsar's Zeit(59 bis 50 vor Christi Geburt) in Gallien, sowohl in den Städten, wie auf dem Lande, allgemein in Gebrauch. Die Windmühlen wurden erst nach dem ersten Kreuzzuge, im Anfange des zwölften Jahrhunderts in Europa bekannt, nachdem die Kreuzfahrer diese nützlichen Maschinen bei den Sarazenen kennen gelernt hatten. Wassermühlen wurden erst später allgemeiner. Aber schon unter Kaiser Augustus(30 vor bis 14 nach Chr. Geb.) war in Rom eine Wassermühle gebaut worden, die als außerordentliche Merkwürdigkeit betrachtet wurde. Die Kunst, das Getreide zu mahlen, führte nun auch zu der Kunst des Brodbackens, die ein römischer Leib- eigener erfunden haben soll, welcher, nebst seiner Freiheit, große Be- lohnungen erhielt.— Rund geschnittene Brode dienten den Gästen bei Schmausereien als Teller. Dieser Gebrauch erhielt sich einige Jahr- hunderte und wird noch in der Krönungsgeschichte Ludwig Xll.(1498 bis 1515) erwähnt. In gewissen Gegenden mahlten die Bauern bei Mißwachs Heu zn grobem Mehl und bereiteten daraus Brod. Auch findet mau in den alten Mönchsregeln für gewisse Vergehungen die Strafe festgesetzt, eine Zeit lang Henbrod zu essen. Dr. B.-R. Musik als Reizmittel. Alsieri pflegte oft, che er dichtete, seinen Geist durch Anhören von Musik vorzubereiten.„Fast alle meine Tra- gppjen"— sagte er einst—„skizzirte ich in Gedanken beim Anhören von Musik oder wenige Stunden später"; ein Umstand, der auch von vielen anderen Dichtern und Schriftstellern verzeichnet worden. Lord Bacon ließ oft in einem an sein Studirzimmer anstoßenden Ge- mach eine Kapelle spielen. Milton wurde beim Anhören der Orgel von seinen solennen Inspirationen erfüllt. Musik war auch eine Roth- wendigkeit für Warburton, den empfindsamen Dichter. Ein berühmter französischer Prediger, Bourdalone oder Masilia, entwarf seine Pre- digten, die er vor dem Hose zu halten hatte, während er seine Geige spielte. Curron, der eminente Advokat, dachte über seine geistvollen Plaidoyers ebensalls mit der Geige in der Hand nach. Auch Lena», der ini Wahnsinn geendet hat, entwarf gcigenspielend seine düsteren Poesien. T. Snhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Das„Leben" der Erde, von C. Fehleisen (Schluß).— Das ältere deutsche Lied in seiner polittschen Bedeutung; literarhistorische Skizze von M. Wiltig(Schluß).— Marienwürmche».— lfic Kitzlochklamm(mit Illustration).— Ein gefiederter Gärtner(mit Illustration).— Die Katastrophe von Szegedin.— Das Budget der Frau von Pompadour. Die orientalischen Gewürze.— Die erste Tapezierunq der Mauern Reizmittel. Thee.— Die Kunst des Brodbackens.— Musik als Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.