jy«o. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften:i 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Hludotpl) von ZZ...... (Fortsetzung.) Wando fühlte daher den Beruf, den Fritz ans dein Banne des abscheulichen Geschäftsgesprächs zu retten, und ergriff scelcns froh die Gelegenheit, als sich die Herren erhoben, gleichfalls von ihrem nur sehr unruhig behaupteten Sitze aufzuspringen und aus- zurufen:„Kommen Sie, Fritz, jetzt will ich Ihnen unfern Garten zeigen. Nicht wahr, Papa, du erlaubst? Die Frau Doktor kann ja nachkommen." Und ehe Herr Alfter, der im Augenblick garnicht aufgelegt war, sich mit Kleinigkeiten abzugeben, Zeit zur Antwort gehabt, hatte Wanda den Fritz, den sie recht schwesterlich bei der Hand genommen, zur Thür hinausgezogen, und zwei Menschen sehr entrüstet über ihr Benehmen zurückgelassen— die Frau Doktor Winter und den Herrn Referendar Doktor Wichtcl. „In der That ein merkwürdiger Kavalier, den sich da Ihr Fräulein Tochter auserkoren hat! Der junge Mann befindet sich unsercinem gegenüber entschieden im Vortheil,— seine Stclllung in der Welt, sein Bildungsgrad, seine Art, sich zu benehmen, schließen die Konkurrenz aus!" bemerkte der Referendar malitiös, als sich die Thür geschlossen hatte. „Wollte Gott, unsre Wanda hätte diesen jungen Menschen garnicht wiedergesehen!" seufzte die Frau Doktor Winter.„Solcher Umgang kann für ein Mädchen von Bildung und Familie wirk- lich zu nichts Gutem führen." „Ach, was, Familie und Umgang!" antwortete Herr Alfter brummend.„Einmal und nicht sobald wieder,— wollen schon dafür sorgen! Sehen Sie nur nach, liebe Winter, wo die beiden stecken, und behandeln Sie den Fritz Lauter wohlwollend, aber kühl. Er niag mit Ihnen und Wanda im Gartenhaus die Nachinittagschokolade nehmen, dann mag er in Gottes Namen wieder nach der Langenholzgasse wandern." Wie Herr Alster gesagt, so geschah es. Wanda hatte kaum Zeit gehabt, dem Fritz mitzuthcilcn, daß die Frau Doktor Winter und der Papa es für sehr unpassend gehalten, daß sie ihn neulich mit Du angeredet, und daß sie hätte versprechen müssen, es nicht wieder zu thun, als auch schon Frau Doktor Winter am Horizont auftauchte, um sich trotz Wanda's eifrigstem Bestreben absolut nicht mehr abschütteln zu lassen. Wanda mochte in den wcitausgedehnten Garten- und Parkanlagen mit Fritz promeniren, wo sie wollte, rasch oder laugsam gehn, im lauschigen Buschwinkel auf einer Garten- dank sich niederlassen, oder ihr getreues Grauchen, das Rosses- stelle bei ihrer Parkequipage versah, vorführen, immer keuchte die dicke Frau Doktor Winter hinterdrein und nahm thcil an jedem Gespräch, es so langweilig als möglich gestaltend und Wanda und Fritz alle Freude an einander und au dem wunder- schönen Park und dem prächtigen Sonntagswetter verderbend. So kam es, daß es Fritz wie eine Befreiung erschien, als ihm Wanda, nachdem auch die Chokolade überstanden war, die Erlaubniß gab, sich zurückzuziehen. Am Ausgange des Gartens hatte ihn aber, garnicht zu seinem Vergnügen, der gemüthliche August in Beschlag genommen, um ihn noch einmal zu Herrn Alster zu führen, der, wie August erklärte, so gnädig sein wollte, mit ihm noch ein paar Worte zu sprechen. Der Doktor Juri wäre nicht mehr da, versicherte August wie zur Beruhigung, und wenn der fort wäre, wäre der gnädige Herr noch weit„vernünftiger", als sonst. Vernünftig mochte denn der Herr Alster auch sein, aber be- sonders liebenswürdig und freundlich war er, nach Fritzens Meinung, jedenfalls nicht. Er empfing den Fritz allerdings huldvoll, wie ein Fürst einen untcrthänigsten Knecht, oder, besser, wie ein Kommerzienrath den jüngsten Lehrling in seinem Geschäft, der ihm ettva eine verlorne Brieftasche mit hundert Thalern Inhalt wiedergebracht hat. Er klopfte ihn auf die Schulter, nannte ihn einen auch um seine Mitmenschen bekümmerten, braven Jungen, wie man sie heut zutage im Arbeiterstandc nicht oft träfe, lud ihn ein, ini November desselben Jahres einmal wiederzukommen, da gäbe er, der Herr Alster, seiner Dienerschaft alljährlich ein Fest, da könne Fritz ja theilnchmen, trug ihm dann einen schönen Gruß an seine gute Frau Mutter auf und wollte ihm schließlich mit einer verabschieden den Handbewegung einen Zehnthalcrschein als Belohnung dafür, daß er Wanda zuhülfe gekommen sei, in die Hand drücken. Fritz war dunkelroch geworden in bitterster Beschämung. Er zog die Hand zurück, nach der Herr Alster gegriffen, als ob ihm dieser glühendes Eisen hätte hineinlegen wollen. Dann stammelte er einige Worte— er Ivußtc seibst nicht was— und lief mehr, als er ging, zur Thür hinaus und die Treppe hinab, bei dem gemüthlichen August mit kurzem Gruß vorüber, auf die Straße.---— So war es denn dem Fritz Lauter zum erstenmal in seinem Leben eindringlich genug zu Gemüthe geführt worden, daß er nur ein Arbeiter war,— ein den reichen, höhergebildeten Leuten nicht ebenbürtiger Mensch den man zur Verrichtung einer bc- stimmten, sclbstvcrständttch wirklich oder vermeintlich niederen Arbeit recht gut brauchen kann, zu dem mau sich, wenn er sich �•'• Rivtmber 1879. gelegentlich einmal besonder»„brav" erweist, auch aus einen Augenblick in Freundlichkeit herabläßt, aber nur um ihn gleich darauf möglichst fühlbar mit der Nase ans die Barriere zu stoßen, welche Hoch und Niedrig, Reich und Arm scheidet. Diese Tcmnthigung, grade an diesem Ort erfahren, wo ihm zuerst Wanda's herzgewinnende Frenndlichkcit entgegengelacht, hatte unfern Fritz niedergeschlagen und ihm ivochenlang die gute Laune geraubt. Aber sie hatte in ihm auch das Verlangen von neuem angestachelt, zu erforschen, ob es denn nicht möglich sei, sich über jene Barriere hinüberznschwingen. Dabei schien ihm das eine klar: es bedurfte vor allem einer bedeutenden Geistesbildung, um die Aussicht zu gewinnen, sich aus seinen beschränkten Lebensverhältnissen in minder beschränkte emporzuschwingen. Wie und ans welchem Wege diese erringen? An einen Lehrer konnte er nicht denken. Seine Mittel erlaubten ihm, zu leben und seine Mutter zu unterstützen, aber mehr auch nicht. Er war also auf Alleinarbeiten, Selbststudiren angewiesen. Wo da an- fangen? Sollte er dort anknüpfen, wo er bei seinem Abgange vom Gymnasium aufgehört? Gewiß, es schien ihm nichts andres übrig zu bleiben. Die Einbildung, er werde nun in seiner Eigenschaft als Setzer, in Ausübung seines Berufes, spielend lernen,— die Worte, die er setzte, zu seinem geistigen Eigenthum niachen und damit ein hoch- gebildeter Mann werden können,— war ja längst dahin. Was er zu setzen bekommen hatte, war allermeist nicht werth, gelernt zu werden. Was konnten seinem Wissensdurst leicht hingeschriebene Tagesnachrichten, witz- und sensationhaschendcr belletristischer Krimskrams und erbauliches Gesalbader pfäffischer Schönredner und Schönschreiber frommen? Und was half es ihm auch, wenn er ausnahmsweise einmal ein wirklich werthvolles, Wissenschaft- liches Werk zu setzen erhalten hatte? Konzentrirte er sein Denk- vermögen auf den Sinn seines Satzes, so setzte er bestimmt Fehler über Fehler, und wenn er sich auch aus den dadurch nöthig- werdenden Korrekturen nichts gemacht hätte, so konnte er sich doch nicht verheimlichen, daß ihn sehr häufig das Verständniß im Stiche ließ, daß er sogar fast nie dasjenige, was er auf diese Weise hätte lernen können, in die unbedingt nöthige Verknüpfuug mit jenem, das er bereits wußte, zu bringen vermochte. Er mußte also in seinen Mußestunden ganz systematisch studiren, das sah er ein, und unverzüglich ging er an's Werk. Dabei war er aber immer niedergeschlagener und erbitterter geworden, bis zu jenem Tage, an welchem der schlaue Kollege Därmig hinter den greisbarsten Theil seines Geheimnisses gekommen war. ** * Das Restaurant Weinhold, das eleganteste in P., pflegte in den Herbst- und Wintermonaten allabendlich von der sogenannten besten Gesellschaft der Universitätsstadt zahlreich besucht zu werden. Aber erst wenn das nahegelegene Theater, in dem nur von Oktober bis Mai, dann aber täglich, gespielt wurde, geschlossen war— gewöhnlich zwischen 9 und 10 Uhr abends— füllten sich die ziemlich geräumigen Lokalitäten; vorher sah man meist nur eine kleine Anzahl von Stammgästen mit staunenswerther Ausdauer ihre strategisch wichtigen Punkte besetzt halten, d. h. jene Winkel und Nischen, von denen man das ganze Lokal zu überschauen vermag, und deren Wände denen, die sie okkupirt haben, nach zwei oder gar drei Himmelsrichtungen den Rücken decken. Und heut, um 8 Uhr abends, am 10. Oktober, ist es im Restaurant Mcinhold nicht anders als alle Tage. In denr einen Winkel, links vom Eingange, sitzt ein halbes Dutzend Herren vcr- schiedcnen Alters, in zwanglosester Weise plaudernd und trinkend, was jedem bchagt: bayrisch oder Pilsner Bier, rothen oder weißen Wein; während in dem andern Winkel, diesem diagonal gegen- iiber, nur zwei Herren ungefähr gleichen, mittleren Alters gemein- sam eine Flasche alten Ungarweins trinken und sich dabei gegen- scitig nach Kräften zu langweilen scheinen. „Dir merkt man heut übrigens nicht an, daß du eine gewisse Berühmtheit als Gesellschafter genießest, Schweder," gähnte der eine der Herren nach langer Gesprächspause, während deren er sich damit beschäftigt hatte, den Rauch seiner Cigarette in kon- zcntrischcn Ringen in die Luft zu blasen. „Ich treibe soeben Politik und Nationalökonomie," erwiderte der andere, von einer Zeitung aufschauend, die vor ihm auf dem Tische lag, und zwar so zusammengeschlagen, wie sie der Kellner vor einer halben Stunde gebracht hatte. Der erste lächelte.„Das Annoncenblatt der Landeszeitung ist ein recht geeignetes Hülssmittel für diese Studien." „Gewiß," bestätigte Herr Schweder ernsthaft.„Man muß so eine Seite Annoncen nur zu lesen verstehen. Zum Exempel: welche nationalökonomischc Perspektive eröffnet sich einem sach vorständigen Auge beim Durchlesen dieses Inserates hier, welches die Versicherung gibt, daß die Herren Alster, Justizrath Wichtcl nebst ungenannten Genossen eine Eiscnbahnwaggonfabrik errichten wollen, welche die ausländische Konkurrenz auf diesem Gebiete aus dem Felde zu schlagen bestimmt ist." Herr Schweder muhte ein für seinen Freund überaus inter- cssantes Thema berührt haben, denn aus dem Gesichte des andern Herrn war mit eincmmale die Langeweile geschwunden.„Mensch, du bist nicht recht gescheit," sagte er, hörbar erregt, und griff nach dem Zeitungsblatt:„Alster und Wichtel werden doch nicht daran denken——" Seine Blicke waren auf die fragliche An- kündigung gefallen. Schweder sah ihn lächelnd und scharf an:„Ich wußte aller- dings, lieber Senkbeil, daß du als Industrieller ein reges Interesse an nationalökonomischen Fragen hast, aber daß dich die sür die ausländische Konkurrenzindustrie allerdings niederschmetternde Nachricht so ungemein lebhaft interessiren möchte, hätte ich tbirk- lich nicht vermuthet." Der mit den« Namen Senkbeil angeredete Herr hatte das Inserat zum zweiten- und drittenmal überflogen. Es interessirtc ihn nicht blos, es regte ihn offenbar in hohem Maße auf, was er da las.„Das hatte grade noch gefehlt!" brach er endlich los, nur mit Mühe seine Erregung mäßigend und seine Stimme dämpfend.„Tie ausländische Konkurrenz pfeift auf die Alster und Genoffen. Aber ich, ich—!" Herr Schweder affektirte wohl nur sein Erstaunen:„Du— du? Ich begreife nicht,— dein solidfundirtes Geschäft hat doch auch keine Konkurrenz zu fürchten." „Das verstehst du nicht, Schweder,— ich versichere dich, das verstehst du nicht. Du mit deinen zweitausend Thalern Rente hast dich den Teufel um die Chancen des Jndnstriemarktes, um die auch sür das solidest angelegte Geschäft oft ganz unüber- windlichen Schwierigkeiten der Konkurrenz gekümmert,— ich aber habe schon seit Jahren darunter zu leiden gehabt. Die Kon- kurrenz hat mich gezwungen, mein Geschäft auf einen größeren! Fuß zu stellen, als mir meine eigenen Mittel erlaubten,- du bist mein Freund, Schweder, und du Iveißt ja im Grunde schon! so ziemlich, wie ich stehe, wenn es dir jetzt auch beliebt, so ver- wundert zu thun,— ich bin abhängig von Leuten, die, wenn sie mich langsam abschlachten, ein besseres Geschäft machen, als wenn sie mir redlich unter die Arme greifen." „Du vergissest das gute Herz besagter guten Freunde," schaltete Herr Schweder ein. Herr Ienkbeil runzelte unwillig die Stirn.„Mach' keine Witze, Schweder, nur jetzt nicht,— ich bitte dich. Mir ist ver zweifelt ernst zu Muthe, und ich sage dir, auf die Ehrenpflicht hin. zu schweigen, wie es solche Vertrauensmittheilungen verlangen können, daß ich zugrunde gerichtet bin, wenn Alfter und Wichtel eine.Fabrik für Eiscnbahnbedarf' errichten." „Sie werden es thun, lieber Senkbeil, da ist kein Zweifel; zum Spaße erläßt man nicht solche hochtrabende Ankündigungen, wie diese, an der ich die viclgewandte Feder des eleganten Schock- schwerenöthers Wichtel junior erkenne." „Du hast recht, es ist kein Zweifel,— und es ist auch kein Zweifel, daß ich die Bude schließen kann, wenn ich nicht haben will, daß sie mir andere schließen!" „Aber warum denn eigentlich?" „Weil ich mir jetzt seit einem halben Jahre die erdenklichste und aufteibendste Mühe gegeben habe, so große Bestellungen zu erhalten, wie sie die Anlagen meines Geschäfts erheischen; wxil ich mich endlich zu der Hoffnung berechtigt sah, es würden mir von der Eisenbahngesellschaft, bei der Alster. Wichtel und Kon- sorten im Vcrwaltungsrath sitzen, die Herstellung des größten Theils ihres Bedarfs an Eisenbahnfahrzeugen übertragen werden, und weil diese Hoffnung vernichtet und dann jede Aussicht aus entsprechend große Bestellungeil geschwunden ist, ivenn die nimmer- satten Patrone Alster und Wichtel selbst eine solche Fabrik er- richten." � /.•Hm," machte Herr Schweder,„das ist freilich schlimm genug.. Indessen, warst du denn garnicht auf diesen Schlag vorbereitet?" „Nicht im mindesten. Neulich hörte ich von einer Andeutung, welche Alster— der von den Betheiligten wohl noch am wenigsten schweigen kann— fallen gelassen haben soll. Ich hielt die Sache für sehr univahrschcinlich, weil ich nicht weiß, woher der Alfter, trotz seiner Vielgeschäftigkeit und seines notorischen Reichthums auch noch die Zeit und das Geld zu einein solchen Unternehmen nehmen soll. Aber ich fragte doch gelegentlich den jungen Wichtel, von dem man ja weiß, daß er Alsters rechte Hand ist. Ter lachte und sagte, schon aus Respekt vor meinen Leistungen würde Alfter sich hüten, ein industrielles Gebiet zu betreten, auf dem er ganz und garnicht zuhause sei. Ter Kerl hat mich offenbar verhöhnt, und ich will ihm sagen, was ich von solcher Perfidie halte, ich—" „Werde sehr wohl thun," fiel Herr Schweder seinem Freunde in's Wort,„so ruhig als möglich wenigstens zu scheinen dieser Hiobspost gegenüber. Wichtel junior würde sich nur noch mehr schadenfreuen. Sich lieber zu, wie du dich mit der Thatsache jener Fabrikgründnng abzufinden vermagst!" „Abfinden!" seufzte Herr Senkbeil, indem er sein großes Ungarweinglas mit einem Zuge leerte.„Abfinden— abtreten vom Schauplatz mit Verlust eines respektablen Vermögens, alles dessen was meine Frau in die Ehe gebracht hat, und der zehn- bis fünfzehntausend Thaler, welche ich selbst besessen habe, dazu." „t)ia, na," beruhigte Herr Schwcdcr, den die ganze Sache sehr kalt zu lassen schien,„so schlimm wird es nicht sein. Ein gescheiter Mensch läßt sich vom Unglück nicht so leicht werfen, und wird er geworfen, so sucht er es zu machen wie die Katzen, er fällt auf die Beine und steht dann unversehrt wieder auf." �„Wenn jedes deiner Trostworte ein Tansendthalcrschein wäre, Schwcdcr, so wäre mir auch noch lange nicht geholfen." �„Mein guter Rath wird dir vielleicht besser munden, als mein Trost, und mehr iverth sein, als ein Vermögen,— wenn du ihn nämlich hören willst." Herr Scnkbeil lächelte in schmerzlichem Unglauben:„Bitte, recht gern!" Schtvedcr richtete seine kräftige Figur im Stuhle hoch auf und betrachtete den Freund ruhig und überlegen. Tann sagte er: „Die Seele des Unternehmens— soweit der Geldsack die Seele sein kann— ist Alster,— nicht wahr?" „Unzweifelhaft— Alster!" „Eli bien! Verkaufe ihm deine Fabrik und laß dich von der Gesellschaft Alfter, Wichtel und Kompagnie als erster technischer Direktor mit zehntausend Thalern Gehalt anstellen!" Herr Senkbeil wollte reden, aber der Mund blieb ihm vor Erstaunen weit offenstehen. Sprachlos starrte er seinen Freund eine Weile an. Endlich sagte er:„Ich glaube, du treibst doch mit mir Possen, Schweder. Alfter und Wichtel werden sich hüten, meine Fabrik zu kaufen, deren Konkurrenz ihnen gleichgiltig sein kann, sobald sie die Lieferungen für ihre Bahn in der Tasche haben. Und mich als technischen Direktor anstellen, wäre eine noch größere Narrheit, denn daß ich kein Techniker bin, weiß alle Welt und habe ich zu meinem Schaden selber oft genug gemerkt." �„Es geschehen viele Narrheiten in der Welt," meinte Herr Schweder, � ruhig wie zuvor.„Wenn Alfter nun partout darauf versessen ist, deine Fabrik zukaufen, wer will ihn daran hindern? Und der erste Direktor eines großen Industrie-Etablissements braucht sich um die Kleinigkeiten des technischen Betriebes nicht zu kümmern, wenn er nur die Organisation des Ganzen zu bc- herrschen versteht, die Konjunkturen des Rohstoff- und Waarcn- markteS berechnen kann und sein Geschäft stets auf der Höhe seines Fabrikationszwcigcs erhält. Für das Uebrige haben Sub- altcriic zu sorgen." „Sehr gut gesagt," seufzte Herr Scnkbeil wieder.„Ich würde natürlich sofort mff solch' eine Propvsition eingehen, aber es denkt natürlich kein Mensch daran, sie mir zu machen." Herr Schwcdcr legte seinem in Bcdrängniß und Sorge be findlichen Freunde wohlwollend die Hand auf die Schulter.„Was gibst du, lieber Scnkbeil, wenn ich die Geschichte arrangirc? Tu weißt, ich habe schon manches fertig gebracht, worüber sich der Philistcrverstand nicht genug verwundern konnte, und ich bin bereit, dir zu Helsen, wenn du mir dafür erkenntlich sein willst." „Im Ernst gesprochen?" fragte Senkbeil. „Ebenso ernst als deutlich, lieber Freund." Herr Senkbcil mußte seinem Freunde wirklich viel Zutrauen schenken, denn als er jetzt wieder laut aufseufzte, klang es wie ein Seufzer der Erleichterung.„Ich nehme deinen Beistand mit Vergnügen an und sichere dir für den Fall, daß der Plan, dessen glückliche Ausführung mir sehr schwierig scheint, gelingt, ein Spesenpauschale von— nun, von dreitausend Thalcrn zu!" Schwcdcr nickte befriedigt.„Du bist ein nobler Kerl, Scnkbeil. Prosit! Stoßen wir an auf fröhliches Gelingen; ich brauche trotz meiner leidlichen Rente immer und ewig Geld, und will schon dafür sorgen, daß ich's mir hierbei redlich verdiene." „Aber du kannst mir jedenfalls andeuten, wie?" Schweder wollte eben abwehrend antworten, da ging die Thür auf und es trat ein Herr ein, der nach dem Tische, an dem die beiden Freunde saßen,' höflich hinübergrüßtc. „Sieh da, der Baumeister Waldstein!" sagte Schwcdcr. Ter Neueingetretenc gehörte zu den Stammgästen am Winkel- tisch schräg gegenüber; dort wurde er lustig und geräuschvll begrüßt. „Ah, Baumeister, gut, daß sie kommen!" rief der eine der schon seit längerer Zeit anwesenden Herren.„Sie werden näheres wiffcn über die Neuigkeit des Tages, über die projektirte alster- wichtclsche Fabrikgründung,— nicht wahr?" „Alster-wichtelsche Fabrikgründung? Sticht eine Silbe, Herr Gerichtsrath, nicht eine Silbe. Was für eine Fabrik wollen denn die Herren gründen?" „Eine Fabrik für Eiscnbahnbcdarf in großem Stile, um, wie es in der Ankündigung heißt, die Konkurrenz des Auslandes todt zu machen!" „Magna volnisse sat est,— es ist schon sehr anerkcnncns Werth, daß Leute, die so klein angefangen haben, wie der Herr Alster, schließlich so hoch hinauswollen," bemerkte satirisch ein ältlicher Herr mit Glatze und großer, goldner Brille. „Anerkcnnenswerth oder nicht, Herr Professor," entgegnete der Baumeister;„mir kann's lieb sein, wenu es kein Scherz von den Herren ist; Alster und Wichtel werden meinen Rath als Sachverständige für technische Anlagen gebrauchen können, werden Fabrikgebäude zu bauen oder umzubauen haben u. s. w.,— da blüht also mein Weizen." „Geben Sie eine Bowle, Baumeister, wenn wir Ihnen be- weisen, daß die Sache richtig ist?" rief ein junger Herr mit langem, blonden Schnauzbart, der sich mitunter vergebliche Mühe gab, ein sogenanntes Monocle, ein nur für ein einziges Auge bestimmtes Brillenfragment, zwischen Augenbrauen und Nasen- wand festeingeklemmt zu erhalten. „Ah, sidh da, der Herr Lieutenant! Hätte Sic beinahe gar- nicht erkannt. Sehen in Civil so— so sonderbar aus." „So wie jemand, der als Botschafter für einen Baumwollen- krösus in die Welt hinausgeht, um jedcrmänniglich zu verkünden, daß bei Epstein selig Söhne die beste und billigste Waare unter der Sonne zu finden ist," spottete der Professor. „Pfui Teufel, Papa!" entgegnete indignirt der Herr Lieutenant, der ursprünglich dazu bestimmt gewesen war, in die Fnßstapfcn seines gelehrten Vaters zu treten, nachdem er aber als Reserve- lieutenant den Krieg mitgemacht, vorgezogen hatte, durch den Uebertritt zur Linie eine weniger geistesanstrcngende Lausbahn einzuschlagen.„Pfui Teufel, Papa, das ist ja ein abominablcr Vergleich,— müßte dich fordern, wenn du nicht das Glück hättest, mein Erzeuger zu sein,— auf Ehre, mciife Herren!" Die Herren lachten.„Ilm Gotteswillen, reizen wir den Löwen nicht. Sie sehen ans wie der Kriegsgott selber, wie Mars im Frack," beruhigten sie den entrüsteten Krieger. Dieser lachte auch.„Aber ohne Bowle," sagte er,„kommt der Baumeister nicht davon. Ter hat einen Verdienst von etlichen tausend Thälerchcn so gut wie in der Tasche, da die Herr. n Alfter und Wichtel eine große Fabrik bauen,— davon muß er uns heute auf Abschlag etwas mitzugenicßen geben." „Sinn, da ich meiner Sache sicher bin," erwiderte der Baumeister, der sich vom Kellner das Zeitungsblatt hatte geben lassen, „auch insofern, als ich weiß, daß mir, als dem Freund des wichtelschen Hauses, der Auftrag, das Etablissement einzurichten, nicht entgehen kann, so soll es mir ein Vergnüge» machen, wenn die Herren mit mir ein Glas auf gutes Baumeisterglück trinken wollen.— Franz," wandte er sich an de» Kellner,„die große Bowle, halb roth, halb weiß,— aber bleiben Sic uns vom Leibe mit jedem sonstigen Gcmengsel!"-- Die Herren Senkbeil und Schwcdcr hatten jedes Wort von der Unterhaltung am andern �Ende des Restaurationslokals vcr- stehen können. „Nicht übel," seufzte jetzt Herr Scnkbeil, der heut aus dem Seuszcu garnicht herauskam, obgleich er nichts weniger als senti- mental angelegt war;„der gibt schon eine Bowle darauf, daß er die Fabrik baut." „Ter gute Baumeister macht aber die Rechnung ohne den Wirth," meinte Herr Schweder in gewohnter Kaltblütigkeit. 52- zuschnappen. Mit dein Wich telchen habe ich ohnehin noch eine Rechnung glatt zu machen." „Ach, von damals, wo er dir die reizende Balletteuse— Herr Schnieder hatte sich gegen seine Gewohnheit in einige Hitze hineingeredet, aber seinem Freunde schien sein Eifer wohlzuthun. Er stieß wieder mit ihm an: „Wenn du es ernstlich willst, wirst du mit dem jungen Herrn schon fertig. Ich kenne keinen Menschen, in dessen Verstand und Energie ich ein solches Vertrauen setzte, als in dich."— Inzwischen hatte sich das Restaurant Meinhold zu füllen begönne». Das Theater war zwar noch nicht aus, aber schon waren Leute, die sich hier mit Theaterbesuchern aus die Zeit des Schauspielschlusses ein Rendezvous gegeben, und andere, die im Theater gewesen und bis zum Ende nicht aus- gehalten hatten, erschienen, neben sonstigen Abendgästen des Restaurants, die sich heut oder überhaupt um das Thea- tcr nicht kümmerten. Zu den letzteren gehörte ein alter Herr mit langem, schlicht herabhängenden, grauen Haar, der an einem kleinen Tisch „Schwerlich, lieber Freund, schwerlich! Er ist besonders intim allein Platz genommen und ein Glas pilsener Bier vor sich stehen mit dem jungen Wichtel, und der hat den maßgebendsten Einfluß hatte, von dem er alle Viertelstunden einmal nippte. Mit Ameisen- auf Alster." emsigkeit schleppte sich der Alte eine Zeitung und ein Wochenblatt Herrn „Mag sein. Umsomehr Vergnügen soll es mir machen, dem nach dem andern aus seinen Tisch, las unausgesetzt und machte rn Baumeister Wandstein den fetten Bissen vom Munde weg- sich Notizen in seine Brieftasche.(Fortsetzung folgt.) Die Äartenschlägerin.(Seite 60.) 54 Aeber Fremdwörter im Deutschen. Von M. Mittich. II. Jedes nicnschlichc Einzelwesen trägt die Spuren der Schicksale seiner Ahnen, die Begegnisse mit eingeschlossen, welche eben diese ihm zufällig zu Ahnen machte, vereinigt an sich. Nichts gleicht an Umfang, Dauer und tiefer Wirksamkeit den Umgestaltungen, welche lebendige Mechanismen durch Zusammentreffen mit nn- zähligen und verschiedenen Wesen von oft unglaublich schwacher eigener Wirkungskraft auf der niedrigsten wie auf der höchsten Stufe ihrer Entwicklung erleiden. Wie sollte es bei der Sprache, bei unserer deutschen Muttersprache, die eben auch so ein leben- digcr Mechanismus ist und als Organismus den Gesetzen der Vererbung und Akkomodation unterliegt, dazu ihre bunte Geschichte hat, anders sein? lladent sna lata llbelli, die Bücher haben ihre Schicksale, singt der römische Dichter: die Sprache und die einzelnen Worte haben sie auch! Es gibt Fälle, in denen Wörter und Begriffe, die bei uns oder in nächster Nähe von uns er- wachsen waren, ans denen eine ganze Menschheitsgeschichte zu uns spricht, von Volk zu Volk verschlagen wurden und nach langen Irrfahrten wieder zu uns zurückkehrten. So haben wir den Franzosen das Wort Boulevard wieder entnommen, die es erst von uns empfingen, wir haben es nun neben dem alt- einheimischen Bollwerk und erkennen es nur nicht gleich als unser Eigenthum wieder, da es sich jenseits des Rheins ein fremdartiges Gewand zugelegt hat. Von den organischen Umwandlungen, welchen eine Sprache, von innen heraus sich entwickelnd, unterliegt, wollen wir natürlich hier garnicht sprechen, sondern nur einen kurzen Blick werfen auf die gewöhnlichen Geschicke ganzer Sprachkörper. Bei dem fortwährenden feindlichen Zusammenstoßen oder freundlichen Verkehr der Völker war ein ewiges und unveränder- liches Beharren der Sprache auf und bei dem spezifisch Ratio- nalcn, ein hermetisches Abschließen schlechthin unmöglich. Wenn man der geistigen Kultur der Völker bildlich eine lnft- und gas- ähnliche Natur zugeschrieben hat, sodaß mau von der geistigen Atmosphäre eines Volkes in einem'gewissen Zeitalter spricht, so dürfen die Sprachen und ihre Elemente als in einem ähnlichen atmosphärilischcn Aggrcgatzustand befindlich bezeichnet werden. Sie achten, wie die zollfreien Gedanken, keinen Schlagbaum und keine Mauth! Ein wichtiges Moment im Leben der Sprachen sind die Wanderungen der Völker. Am klarsten und deutlichsten ist uns durch langes und treues Studium, daß und wie in uralten Zeiten ein Dritttheil der ganzen Menschheit, und darunter fast alle Völker Europas, am Himalajagcbirge als einziger Volks- stamm wohnte, welcher mit einer noch heute nicht ganz erloschenen Tricbesrichtnng sonnengleich von Osten nach Westen binnen vielen Jahrtausenden um die Erde zog,— und diese Völkerwanderung der Jndogermanen oder Arier ist uns klar geworden durch die Vergleichuug verwandter Sprachen, welche, ursprünglich eine, die jener Arier, als Schößlinge, Senker und Ableger sich vom Mutterkörper loswanden und ein eignes, selbständiges Leben bc- gannen. Nun stoßen aber auch verschiedene Sprachkörper ans- einander. Ein auswandernder Stamm kommt in andere Länder- striche und besetzt sie, ohne allemal ihre ursprünglichen Bewohner mit Stumpf und Stiel auszurotten, vielmehr macht er sich diese lieber nutzbar, indem er sie für sich arbeiten und den Boden be- bauen läßt, um mühelos Lebensunterhalt zu gewinnen. Mag nun auch jeder der beiden Bestandtheile des neuen Volksganzen noch so eifersüchtig darauf halten, daß seine Muttersprache rein und unversehrt bleibe: das Bedürfniß wird vielleicht noch inner- halb derselben Generation, jedenfalls in einer folgenden einen Mischdialckt schaffen, brauchbar für die, die je mit einander leben und verkehren müssen. Die späteren Nachkommen haben nur noch ein dunkles Bewußtsein von den zwei verschiedenen Bestandtheilen der von ihnen als eine gefühlten und gesprochenen neuen Sprache. Gewöhnlich wird bei solchem Zusammenfließen von Sprachen die Zunge des Volkes die Oberhand behalten, welches die höhere Kultur mitbringt. Diese wird über die andere siegen, doch viel- leicht nicht ohne vereinzelte Spuren der dem Untergang geweihten Nebenbuhlerin anzunehmen und beizubehalten, sei es auch nur in umgemodelter, organgerecht gemachter Form. Die sprachlich siegende Nation braucht hier nicht durchaus diejenige zu sein, die ans dem physischen Kampfe als die mächtigere hervorging, da ja auch hohe Kultur nicht vor Unterjochung unter größere physische Gewalt schützt. Aber auch bei friedlichem engen Zusammenleben von Völkern macht sich das Uebergewicht des höhcrkultivirtcn durch Abgabe von Wörtern an das jenseitige Volk geltend. Das Vordrängen einheimischer Wörter und Wortwnrzeln erstreckt sich sogar auf Begriffe, die man eigentlich für unverwüstlich zu halten geneigt sein möchte, z. B. ans die Zahlwörter. Begriffe, wie sechs, sieben, acht, für entlehnt zu halten, dazu wird man sich wohl nicht so leicht verstehen wollen. Wenn wir aber in's Auge fassen, wie auch wir die einfachen Zahlbcgriffe von tausend aufwärts nur durch Fremdwörter, wie Million, billion:c., wiederzugeben vcr- mögen, wie wir Myriaden und Milliarden sagen, um bequemer oder schönklingender, das wissen wir nicht, zehntausend und tausend Millionen auszudrücken, ja, wie wir selbst Dutzend cnt- lehnt haben;— wie diese Entlehnung auf den Südseeinseln schon bei hundert und tausend beginnt, ja, wenn wir bemerken, wie ans der Tupisprache in Brasilien nachdem 16. Jahrhunderl alle einheimischen Zahlen über drei verschwunden und durch portugiesische ersetzt worden sind: so wird uns auch das nicht mehr unmöglich und unbegreiflich erscheinen dürfen. Und ans diese Weise ist auch das gänzliche Verschwinden einer Sprache denkbar, und gewiß öfter vorgekommen, ohne daß der Stamm, der sie sprach, ausstarb oder gänzlich mit der Schärfe des Schwertes � von den Eroberern seiner Wohnsitze vernichtet wurde. So sehen wir noch heute Sprachen allmählich zugrunde gehen und ab- sterben, z. B. das Altpreußische; so verschiedene Dialekte auch unsrcr deutschen Sprache, welche dem Neuhochdeutschen der Schrift und Literatur, welches ja der Hauptsache nach selbst eine Art bevorzugter Dialekt genannt werden darf, unterliegen dem so- genannten initteldcutschen, welches entdeckt zu haben das Verdienst Franz Pfeiffers ist, wenn derselbe auch nicht die scharfen Fol- gerungen ans seiner Entdeckung gezogen hat. Ohne unsrer natio- nalen Würde und Selbstachtung etivas zu vergeben, können wir ganz getrost nun kurz aufzählen, welche Menge von fremden Kultureinflüssen ans unser geistiges Leben eingewirkt haben, wem alles wir zu Danke verpflichtet sind. Jemands Schüler zu sein ist doch nie Schande, Schande wäre es nur, nichts gelernt zu haben, und das kann man füglich vom deutschen Volke nicht sagen, wenn ihm auch, namentlich im Praktisch-Politischen, noch viel zu lernen übrig bleibt. Die Urväter haben ihren Kulturbesitz aus der großen indogermanischen Erbschaft, Sprache und religiöse Vor- stellung begleitete unsere Borfahren vom Himalaja bis in unsre heutigen Wohnsitze, und neuerdings vollenden sie mit den Aus- z Wanderern, die nach der„neuen Welt" ziehen, ihre Reise um � die Welt. Was für Begegnungen in der ältesten Zeit auf dieser langen, weiten Wanderung stattgefunden haben: die Geschichte schweigt darüber. Wo zuerst unsere Ahnen historisch austreten, finden wir sie in freundlichem und feindlichen Verkehr mit Kelten, Römern, einstigen Brüdern, die vor ihnen die Urheimath vcr- lassen hatten, mit Slaven, ebenfalls von Urvätern her Ver- wandten, die ihnen später folgten. Auch mit allerhand nicht der indogermanischen Familie angehörigen Stämmen stießen sie zu- sammen, erhielten allerlei neue Eindrücke, vielleicht auch Wörter! aus jenen, heute längst verklungenen und verschollenen Sprachen. Eine neuere große Völkcrbewegung, die schlechthin sogenannte; Völkerwanderung, erregt neue drängende und treibende, fluthendc 1 Ergüsse vieler, auch germanischer Stämme über das Erdreich. Das Christcnthum wird gepredigt: hebräisch-orientalische, römische und byzantinisch-griechische, durch die irischen und englischen Missionare auch keltische und nordgcrmanische Elemente an Begriffen und Worten werden neu eingeschleppt oder aus ihrem Schlummer in der germanischen Seele wicdererweckt. So finden wir schon in der gothischen Bibelübersetzung des Ulfilas die Neigung, Fremdwörter aufzunehmen, wie Wackernagel in seiner Literaturgeschichte bemerkt. Weiter! Im Westen drängt übergewaltig der Islam sich heran, und mühsam gelingt es Kaiser Karl, die spanische Mark zu halten. Im Norden züngelt gierig der entfremdete nor- männische und der dänische Bruderstamm in unsere Gauen herein und lechzt nach deutschem Gut und Blut. Im Osten drängen Hunnen ober Ungarn heran und lassen ihrerseits� wie alle ge- nannten, Spuren ihrer Anwesenheit auch in der Sprache zurück. Tie lateinischen Einflüsse durch die christliche Kirche nehmen immer mehr zu an Umfang, die Klosterschulen wirken mit: es �entsteht neben der früheren einheitlichen Volksknltur eine höhere Sonder- bildnng ans christlisch-lateinischer Basis. Tas zerrissene Römer- reich entwickelt eine doppelte Kirche, eine römisch-katholische und eine griechisch-katholische. Von Rom und von Byzanz spinnen sich Fäden religiöser und politischer Beziehungen an, die eminent Geist und Sprache der deutschen Nation modifizircn. Der Hof der Ottonen mag dafür als Beleg gelten. Die Kreuzzüge führen tausende von Deutscheu in das heilige Land. Dorther holen sie unter vieleni andern den orientalischen Frauenkultus, den sie auf die„Mutter Gottes" und auf das deutsche Weib übertragen. Das bis zu einem gewissen Grade internationale Ritterthum wirkt mit. Bon Frankreich erhalten wir die Minnepoesie, die„gcimpfet wird ein fremdes Reis auf deutschem Stamme". Im 12. und 13. Jahrhundert macht sich ein bedeutendes Einströmen von französischen Fremdwörtern geltend; französische Sprache, Sitte, Mode, Erziehung, Kriegführung, besonders be- fördert durch die französischen Herrscher aus den erkämpften Thronen zu Paris, London, Neapel,' ja in Konstantinopel, Athen und Jerusalem, galten allüberall. In Jagd und Krieg, in Spiel und Tanz, in Musik und Dichtung schritten die Franzosen wirk- lich auch au der Spitze der Civilisation. Alle deutschen Dich- tnngen dieses Zeitabschnittes ivimmeln von Fremdwörtern, welche Begriffe des höfischen Lebens bezeichnen, der Parcival so gut wie der Tristan, das Nibelungenlied wie Walthcrs Lieder. Schöpften die deutschen Dichter doch selbst die meisten ihrer Stoffe aus romanischen Quellen! üas neue Recht Bon I. Der erste Oktober 1879 wird für alle Zeiten ein denkwürdiger Tag bleiben. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gruppiren sich, in ihren lebendigsten Interessen angegriffen, um diesen Tag. Der einseitige Liebhaber deutscher Vergangenheit und deutscher Rechtsgeschichte wird gar oft bedauernd und klagend der Stunde gedenken, mit deren Ausschlag zahlreiche und mannichfaltige, ur- alte und ihre Wurzeln in späte Jahrhundertc zurücktreibende Rechtsinstitute zusammenstürzten und ihr Grab fanden. Wenn man in den Fehler verfallen will, die Bedeutung des ersten Oktober 1879 von dem beschränkten Standpunkt der herrschenden Tagesparteien aus zu crmessen, so ist es unzweifelhaft, daß der konservative Partikularismus es ist, welcher die Zeche dieses Tages bezahlt hat. Gar manche Schmcrzensschrcie sind aus dieser Rich tung in den letzten Tagen gehört worden, und wie empfindlich und tief die Axt des guten Gärtners in das Mark des zurzeit noch zähesten, lebenskräftigsten, ich meine, des preußischen Parti- kularismus getroffen hat, hat die zornerfüllte, schmerzbcwcgtc Rede des Vizepräsidenten des preußischen Obertribunals, Dr. Grimm, gehalten bei der Verabschiedung dieses höchsten Gerichtshofes Preußens, bewiesen. Unnütz ist es, der Opposition derjenigen liegen die neuen Prozcßgesetz'c zu gedenken, welche zufolge ihres Berufes mit den alten Institutionen verwachsen, eine leideuschaft- liche Voreingenommenheit für alles dasjenige hegen, lvaS ihnen durch lange Hebung bekannt und geläufig mar, und sich der menschlichen Natur gemäß jetzt sträuben, sich dem Neuen und Ungewohnten anzupassen. Sind solcher dem Juristenstande an- gehöriger Gegner der neuen Gesetzgebung auch viele, so soll sich die Gegenwart doch nicht durch die Schmarzseherei derselben schrecken lassen und wissen, daß jede Neuerung von jeher die heftigsten Angriffe von Seiten derjenigen zu erdulden hatte, welche jie in ihren Berufs- und Lcbensinteresscu störend traf. Freilich, wer auf das Gewissen gefragt wird, wo denn die Garantie für die segensreiche Wirkung der neuen Gesetze liege, der kann ehrlicher- weise vorab nur sagen: Abwarten! und mit dem Spruche Goethe» antworten: „Wem zu glauben ist, redlicher Freund?— Das kann ich dir sagen: Glaube dem Leben; es lehrt besser als Redner und Buch." Wenn jedes Gesetz die Probe seiner Güte nur allein in der Das römische Recht wird von den deutschen Kaisern an- genommen und in seiner Sprache gelehrt und gehandhabt; Deutsche holen ihre Bildung in Bologna und Paris. Das Ritterthum hat sich ausgelebt und verfällt. Die Städte nnd der Handel erwachen und entfalten ein neues, bewegtes Leben. Die Reformation kommt in Begleitung der in Italien schon erwachten Renaissauce, die altklassischeu Kulturen werden uns wieder lebendig, zunächst an der Hand der lateinischen Sprache, dann folgt das Griechische. Der Gelehrtenstand bildet sich leider in Absonderung vom Volk und vernachlässigt in stummer Bewunderung der klassi- schen alten Herrlichkeit selbst die eigne Sprache. Trennung zwischen Gebildeten und Volk; Verachtung gegen das Einheimische bei den ersteren. Politische Wirrsale und Landskuechtswesen und blutige Kriege ans deutschem Boden, in denen fast alle europäischen Nationen reislaufende Theilnehmer stellen, arbeiten weiter an der Sprachmengung. Romanische, besonders italienische und fran- zösische Weltgewandtheit und Eleganz in den Lebensformen be- stechen und bestricken durch ihre Gefälligkeit und ihren Glanz und reizen zur Nachahmung, zur Entlehnung. Und so geht cS fort bis auf die neueste Zeit, bis auf den heutigen Tag! Die Habe der Völker, auch die geistige und sprachliche, bewegt sich immer leichter herüber und hinüber, fast scheint es, wie ja wirk- lich viele meinen, als dränge die Jntcniationalität der Ideen und geistigen oder materiellen Interessen dahin, ihnen auch ein internationales Gewand und Werkzeug, eine Weltsprache zu schaffen. Doch noch ist hierfür die Stunde nicht gekommen. Ganz selbwachsen, ganz original und rein national aber ist freilich unsre Sprache nicht geblieben und konnte es nicht bleiben. (Fortsetzung folgt.) im neuen Reich. ?. praktischen Anwendung des Lebens bestehen kann, so gilt dieser Grundsatz doppelt und dreifach für Gesetze, ivelche, indem sie das Rechtsvcrfahren regeln, in die engste Beziehung nnd regste Wcchselwirknug mit dem Volks- und Verkehrslcben treten. Wenn nun auch die Zukunft das entscheidende Wort in dem Für und Wider die deutscheu Prozeßgesetzc als einzige kompetente Richtcrin sprechen muß und wird, so stellt sich diese Gesetzgebung keineswegs so ganz als ein„Sprung in's Ungewisse" dar. Jeden- falls war es ein unabweisbares Bedürfniß des deutschen Volks- und Vcrkehrslebens, daß eine Reform des in den deutschen Landen geltenden Prozeßrechts eintrat. Die mit dem ersten Oktober 1879 gewonnene Einheitlichkeit des Rechtsverfahrens ist keineswegs, wie die Nationalliberalcn, um die Krone des Verdienstes sich aufzusetzen, glauben machen wollen, eine nothwendige Folge der politischen Einigung Deutschlands. Beide Ereignisse stehen mehr in einem äußeren, zeitlichen Zusammenhange. Die neue Prozeß- gcsetzgebung ist vielmehr eine Nothlvendigkeit und unmittelbare Folge des modernen Volks- und Verkchrslebens. Sie wurzelt nicht in zufälligen äußeren politischen Gestaltungeu, sondern in den primären Bedürfnissen des modernen Wirthschaftslebens, welches auf allen Gebieten nach Konzentration der Kräfte und zum einheitlichen Zusammenfassen aller Lebensrichtungeii hindrängt. So wäre diese Reform in der Sache, wenn auch nicht in der Forin gekommen ohne die politische Einigung Deutsch- lands. Das beweisen unwiderleglich die Gesetzgcbungsarbeiten der einzelnen Staaten, ivelche in den letzten Jahrzehnten vor der Gründung des deutschen Reichs grade auf dem Gebiete des Prozeßrechts theilweise in Angriff genommen, theillvcise vollendet ivordeu sind. Die Geschichte der Gesetzgebung der einzelnen Staaten in den sechziger und noch früheren Jahren weist genau dieselbe Gesetzgebungsthätigkeit auf, welche in den deutschen Prozeßgesetzcn zur Erscheinung gekommen ist. Ja, die letzteren fußen zu einem nicht geringen Theil auf diesen aus den zwingen- den Bedürfnissen der Einzelstaaten hervorgegangenen Partikular- gesetzen und Gesetzentwürfen. Für manche Staaten, z. B. für Sachsen, ist die Schöpfung des deutschen Reichs gradezu das Hinderniß der Reform seiner Landesgesetzgebung gewesen. Schon 1866 war ein Entwurf der sächsischen Civilprozeßordnung fix und fertig ausgearbeitet und sollte vor den Landtag gebracht werden, als die Neugestaltung der politischen Verhältnisse die Sachsen belehrte, daß sie auch in dieser Beziehung xour le roi 60 Prusss*) gearbeitet hatten. Diese scheinbar etwas Partikularistische Abschweisung möge der Leser verzeihen. Sie war allein gerichtet gegen die Oberflächlich- keit nationalliberaler Geschichtsauffassung, welche alle und jede neue Gesetzesschöpfung einzig und allein der immerhin Problems- tischen Existenz des deutschen Reichs danken und, wenn möglich, auf das»onto ihrer Partei setzen möchte. Eine tiefere und viel- seitigcre Geschichtsausfassung sucht nach den inneren Gründen der Erscheinungen, und das sind auch für die neuen deutschen Prozeß- gesetzt, wie schon gesagt, die eigensten Bedürfnisse und eigenthüm- lichen Gestaltungen des modernen Wirthschafts- und Volkslebens. Hierin findet auch die Thatsachc der Reform an sich ihre Recht- fertigung. Dafür aber, daß die deutschen Justizgesetze so, wie sie sind, den Nagel auf den Kopf getroffen haben, ermangeln wir auch im übrigen nicht aller Bürgschaften. Ist doch dieses jüngste Kind deutscher Gesetzgebung, sozusagen, von der Wissenschaft selbst aus der Taufe gehoben worden. Hohe Kapazitäten der Juris- prudenz haben die Entlvürfe zu diesen Gesetzen ausgearbeitet. Diese Entwürfe selbst wurden, ehe sie in den Reichstag kamen, der Oeffentlichkeit übergeben und mußten, wie selten ein Werk der Gesetzgebung, das Feuer der Kritik, welche mit beiden Breit- feiten gegen sie Feuer gab, bestehen. Allein die Literatur über die Entwürfe dieser Gesetze würde Bibliotheken ausfüllen, sodaß man nicht znviel behauptet, wenn man sagt, noch nie hat der Gesetzgeber einen innigeren Kontakt mit den Vertretern und Trägern der Rechtswissenschaft gehabt, als grade bei Schöpfung dieser Gesetze. Die Motive zu diesen Gesetzen tragen selbst in sich einen hohen wissenschaftlichen Werth. Angesichts einer so intimen Verknüpfung der praktischen Gesetzgebung mit der prin- zipiellen Wiffenschaft wird der Wunsch laut, daß Theorie und Praxis sich auch auf andern Gebieten der Gesetzgebung in gleich eifriger Weise in die Hände arbeiten möchten. Für jedes Werk würde dann eine sichere Bürgschaft des Gelingens gegeben sein. Weiterhin hat aber der Gesetzgeber diese Gesetze keineswegs, wie der Herrgott in sechs Werktagen die Welt, aus nichts geschaffen. Nicht aus den absttakten Ideen und aus hohlen Formeln eines Systems heraus ist dies Werk aufgeführt, eine reiche, dem Rechts- leben fast aller modernen Völker entnommene lebendige Ersah- rung hat ihm die Bausteine zur Aufführung des neuen Gebäudes geliefert. Wie schon angedeutet, haben sich die meisten der deurschen Einzelstaatcn in den letzten Jahrzehnten gezwungen gesehen, eine Reform der Prozeßgesetzgebung vorzunehmen. Dadurch stand dem Gesetzgeber des Reichs ein überreiches Material von Vor- arbeiten zu Gebote, und genoß er den bei prinzipiellen Neu- schöpfungen seltenen Vortheil, die Fundamente seines Werkes durch den Hinweis auf die Gesetzgebung derjenigen Länder zu vertheidigen, in welchen zum Heile des Rechtslebens des Volkes ein auf gleiche Grundsätze aufgebautes Rechtsverfahren seit Jahren schon galt und geübt wurde. Um die rechtsgeschichtliche Bedeu- tung der neuen Prozeßgesetze abwägen zu können, macht es sich »othwcndig, die bis zum 1. Oktober 1879 in Geltung gewesenen Prozeßgesetze wenigstens in ihren hauptsächlichsten Erscheinungen zu charaktcrisiren. Rur auf diesem Wege kann man zu einer Einsicht in das Wesen der neuen Gesetze und zur Erkcnntniß des, wie ich allerdings glaube, in ihnen gegebenen Fortschritts gelangen. Die Vergangenheit der deutschen Prozeßgeschichte, hierbei die letzten Jahrzehnte, wo, wie erwähnt, einzelne Staaten ihr Prozeß- verfahren umgestalteten, außer acht gelassen, beherrschte der all- gemeine deutsche Prozeß. Derselbe ist nicht deutschen Ursprungs. Er ist hcrübergenommen aus dem römisch-kanonischen Recht. Wie auf dem Gebiete des materiellen Rechts, unterlag auch auf dem Ge- biete des Prozeßverfahrens der im Recht zur Erscheinung kommende Geist des deutschen Volkes dem Eindringen des kanonisch-römischen Rechts. Dieser gemeine, mit Unrecht deutsch genannte Prozeß fand niemals eine Kodifikation von Rcichswegeii! nur ivenige Reichs- gesetze regelten ausdrücklich Thcile seines Verfahrens, und nur einzelne Länder, z. B. Sachsen, stellten die Grundsätze desselben in gesetzlichen Ordnungen zusammen. Seine Einführung, seine Aus- und Fortbildung dankte er zumeist der Praxis und der Wissen- schaft. Das ihn beherrschende, sein Verfahren eigenartig gestaltende *) Ein aus dem vorigen Jahrhundert stammendes Sprüchwort; wörtlich übersetzt: für den König von Preußen arbeiten, d. s. h. um- sonst arbeiten. Prinzip war das der Schriftlichkeit.(�uoä non in actis, 11011 est in mundo*), sagte der alte, nach dem gemeinen deutschen Prozeß verfahrende Jurist. In anderen Worten: Das streitige Sachverhältniß, welches der Richter entscheiden sollte, wurde durch schriftliche Auslassungen, entweder zu richterlichem Protokoll oder durch Ucbeniehmung von dasselbe darstellenden und klarlegenden Schriftsätzen festgestellt, nud nur insoweit dies geschehen, der Streitpunkt schriftlich zu den Akten konstatirt war, durfte und konnte im gemeinen deutschen Prozeß der Richter das Borbringen der Parteien berücksichtigen; was er außerhalb der Akten durch mündliche Mittheilung und in mündlicher Verhandlung in Bezug auf das streitige Sachverhältniß in Erfahrung gebracht hatte, mußte er, und ivar es auch sonst noch so erheblich für die Ent- scheiduug, als nicht vorhanden ansehe». Aus diesem Grundsatz der Schriftlichkeit des Verfahrens im gemeinen deutschen Prozeß folgten dann von selbst andere, gleich cigenthümlichc und wichtige Regeln des Verfahrens. Der schrift- liche Prozeß ist seiner Natur nach ein einseitiger und ungleich- zeitiger. Er bewegt sich in festen, zeitlich getrennten Stadien. Er beginnt mit der Klage, auf diese folgt die Vernehmlassung, dieser antwortet die Replik, auf die Replik folgt die Duplik und so fort. Dem rechtlichen Verfahren steht das Bcwcisvcrsahren gegenüber. Erstcres, vorausgehend, trägt das gesammte Streit- inaterial, Klaggründe, Einreden, Repliken, Tupliken, sowie alle nur möglichen Angriffs- und Verthcidigungsmittcl zusammen und steht unter dem scharfen Präjudize, daß derjenige Rechtsbehelf, welcher in ihm von der Partei schriftlich nicht vorgetragen worden ist, für den Prozeß für immer verloren geht. Dieses Präjudiz machte das Wesen der sogenannten Eventualmaxime, des zweit- obersten Grundsatzes des gemeinen deutschen Prozesses, a-us. Dieses Prinzip erzivang die Konzentrirung des gcsammten Streit- Materials auf das erste, sogenannte rechtliche Verfahren. War dieses abgesetzt, so entschied nun der Richter auf Grund des Akteninhalts vorerst über die rechtliche Erheblichkeit der vor- gebrachten Thatsachcn und Rcchtsbehclfe, zunächst abgesehen von der Wahrheit oder Unwahrheit der Behauptungen der Parteien, mittels eines Urthcils, welches durch das Rechtsmittel der Be- rufung soviel mal, als Instanzen gegeben waren, angearisfen werden konnte. War dieses Erkenntniß einem Rechtsmittel nicht mehr ausgesetzt, dann erst wurde daran gegangen, den Beweis der behaupteten Thatsachen aufzunehmen. War dies geschehen, so wurde nun erst endgilttg mittels Endurtheils in der Sache erkannt, und der Prozeß hatte mit ihm nach Erschöpfung der auch für dieses Urtheil gegebenen Instanzen sein Ende erreicht. So hatte sich der von dem Grundsatz der Schriftlichkeit und der Eventtialmaxime beherrschte gemeine deutsche Prozeß gestaltet. Für viele der Leser braucht es leider keiner Darlegung der Uebelstände dieses Verfahrens. Haben doch bis in die jüngsten Tage noch taufende und abertansende deutscher Untcrthanen an sich selbst erfahren müssen, wie langsam und langwierig, wie schwerfällig und sormenstarr dieser Prozeß sich bewegte, wie weit entfernt er von dem Ideal einer guten Prozeßordnung war, deren Grundbedingungen sind, daß sie den Rechtsstreit auf dem einfachsten, kürzesten, sichersten Wege seiner Entscheidung entgegen- führt. Man kann ruhig behaupten, daß der gemeine deutsche Prozeß grade das Gegentheil dieser Grundbedingungen in sich trug, zumal wenn man noch bedenkt, daß die Oeffentlichkeit aus- geschlossen und damit unlauterer Rechtsvcrfolgung und. Rechts- vertheidigung Thor und Thür geöffnet war. Die neueren Gesetzgebungen haben nun alle, in Erkenntniß der prinzipiellen Fehler des gemeinen deutschen Prozesses, die einen weniger, die andern mehr, die Bahnen desselben verlassen. Die preußische Prozeßgesetzgebung, die zuerst, schon im vorigen Jahr- hundert, reformatorisch auftrat, setzte ihre Hebel falsch ein. Die preußische Gerichtsordnung suchte dem gemeinrechtlichen Forma- lismns dadurch zu entgehen, daß sie an Stelle der Eventual- und Berhandlungsmaxime ein Jnstruktionsvcrfahrcn setzte, welches den Prozeßrichter ermächtigte und verpflichtete, durch jedes zu- lässige Mittel das materielle, zwischen den Parteien bestehende Recht zu erforschen. Sie erreichte aber damit nur eine Per- letzung der Parteirechte und führte ein Verfahren ein, welches in striktem Widerspruch mit der Natur der im Civilprozeß zu ver- handelnden Rechte steht. Das Jnstruktionsvcrfahren ist wohl im Strafprozeß am Platze, wo die Interessen des Staates und der Gcsammtheit in Frage stehen; im Civilprozeß aber, wo es sich *) Was nicht in den Akten steht, existirt überhaupt nicht. 57 um Rechte handelt, welche der Dispositionsbefugniß der einzelne» unterworfen sind, führt das Jnstrnktionsverfahren zu einer Verneinung der Dispositionsfreiheit des Individuums. Die Gerichtsordnung von 1793 war demzufolge sehr bald reformbedürftig. Im Jahre 1333 und 18-13 suchte die preußische Gesetzgebung eine Besserung des Prozeßverfahrens dadurch herbei- zuführen, daß sie einerseits zur Bcrhandlungs- und Eventual- maxime zurückkehrte, andrerseits dem Prinzip der Mündlichkeit gegenüber dem der Schristlichkeit mehr Geltung zu verschaffen suchte. In letzterer Beziehung blieb sie aber in Halbheiten stecken, und so hat denn der preußische Prozeß bis zu seinem Untergang ini Grunde imnier den Charakter des schriftlichen Prozesses an sich getragen. Andere Wege sind die Gesetzgebungen Badens, Bayerns, Hannovers und Oldenburgs gegangen. Alle diese Gesetzgebungen haben, die einen mehr, die andern weniger, sich in grundsätzlichen Gegensatz zu dem gemeinen deutschen Prozeß gesetzt. Sic haben die Schristlichkeit aufgegeben und ihr Prozeß- verfahren aus dem Grundsatz der Mündlichkeit aufgebaut. Die Eventualmaxime beherrscht lange nicht mehr mit der alten drako- Nischen Strenge das Verfahren dieser Staaten, und endlich haben sie den Richter und Anwalt aus dem Halbdunkel ihrer Schreib- stuben herausgewiesen und den Grundsatz ausgesprochen, daß der Richter öffentlich Recht spreche und die Parteien zu Gehör des ganzen Volkes ihr Recht suchen. Ermangelt das Prozeßverfahren dieser Staaten auch nicht aller Fehler, so ist unter dem Publikum sowohl, als unter dem Richter- und Anwaltsstaud eine Stimme darüber, daß gegenüber dem alten Prozeßrechtszustand mit den neuen Prozeßordnungen ein ungemessener Fortschritt im Rechts- und Verkehrsleben des Volkes gewonnen worden ist. Die neuen, am ersten Oktober 1379 in Kraft getretenen Rcichsgesetze sind auf denselben Grundsätzen aufgebaut und genießen noch überdies den Vortheil, die Erfahrungen benutzt haben zu können, welche jene, mit der Prozeß- reform vorausgegangenen Staaten gemacht haben. Daß dies in Wirklichkeit auch geschehen, dafür spricht nicht nur eine optimistische Hoffnung, dies bezeugt einem jeden die Begründung, welche mit hoher Wissenschaftlichkeit und praktischem Sinn'die Gesetze in den ihren Entwürfen beigefügten Motiven gefunden haben. So aber liegen Gründe genug vor, welche die Hoffnung als begründet erscheinen lassen, daß das rechtsuchende Publikum in den neuen Prozeßgesetzen eine Gewähr seines guten Rechts finden wird. Die nächste Aufgabe dieser Aufsätze wird es sein, die Hauptgrundsätze des neuen Prozeßverfahrens in ihrem Wesen und' ihrer Wirkung ausführlicher, als es bisher geschehen konnte, dar- und klar- zulegen. Den Schluß des heutigen Aufsatzes mag eine Bemerkung über eine Eigenthümlichkeit der deutschen Rcchtscntwicklung bilden. Diese Eigenthümlichkeit besteht eigentlich darin, daß wir grade eine wahrhaft eigenthümlich deutsche, aus dem ureignen Wesen deutschen Volksgeistes und Lebens hervorgehende Rechtsentwicklung auf dem Gebiete des Prozeßrechts weder bisher genommen, noch mit den neuen Reichsgesetzen gewonnen haben. War der gemeine deutsche Prozeß dem römisch-kanonischen Rechte entnommen, so muß mau von dem neuen Reichsprozcßverfahren sagen, daß es dem französischen Prozeß seine fundamentalsten Prinzipien entnommen hat, sodaß es nicht als wesentlich unrichtig erscheinen kann, wenn man, wie von einer Rezeption des römischen Rechts, von einer Rezeption des französischen Rechts, wenigstens soweit das Gebiet des Prozeßrechts in Frage steht, in Zukunft sprechen wird. Es zeugt dies von einer eigenthümlichen Schwäche des deutschen Volksgeistes, welche sich unschwer auch auf anderen Rechtsgebieten nachweisen ließe. Es sei nur das Verfassungs- recht des die Züge des französischen Empire unverkennbar an der Stirn tragenden deutschen Reiches erwähnt. Es soll damit dem deutschen Volk und seiner Gesetzgebung nicht jede Originalität abgesprochen werden, mir scheint dieselbe aber mehr in der Verwerthung und Verarbeitung der aus der Fremde entnommenen Rechtssätze, als in deren Schöpfung sich darzuthun. Diese Erkenntniß mag manchem, von nationalem Dünkel erfüllten, von der allseitigen Vollkommenheit des deutschen Reichs überzeugten Rationalitätsprinzipreiter reichsdeutscher Abkunft unangenehm sein. Dein höherstehenden Menschenfreund aber, welcher in jeder Nationalität nur ein organisches Glied der Menschheit sieht, wird dabei nur die Wahrheit in das Bewußt- sein treten, daß das menschliche Ideal, der einzelnen sowohl als der Nationen, nur in dem Ganzen und in der Einheit der Mensch- heit zu erreichen ist und die eigenthümlichen Kräfte der einzelnen Nationen Gemeingut aller Völker sind, welche eine jede Nation nutzen darf, ebenso, wie das einzelne Individuum das gemein- same geistige Eigenthum seines Volkes für sich zu nutzen bc- rechtigt ist. Johann Wolfgang Goelhe. Von Dr. Wa� Vogler. (Fortsetzung;) Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung des goethc- scheu Charakters ist auch die bürgerliche Stellung seiner Eltern gewesen, durch welche er von Ueberfluß und Mangel gleich weit entfernt blieb. Unser größter Dichter hat dadurch das alte Märchen, daß nur die Roth der Hebel bedeutendster Hervor- bringungen sein könne, auf das schlagendste widerlegt, wenn damit auch nicht geleugnet werden soll, daß die Noth in anderen Fällen der Antrieb zu hervorragenden Geistesthatcn gewesen ist. Das ging, da sah ich, wie die Zornader an seiner Stirn schwoll, und wie er die Thräncn verbiß. Bianchmal griff er ein und sagte, noch ehe ich meine Wendung genommen hatte: Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heirathet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen todtschlägt? Wenn ich nun halt machte und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, daß er bis dahin alles zurechtgerückt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht mehr zu- WMWI........... 3_______ i.................. wiuuuuuug.«wTT,-- r--•••-?•""77L" steht jedenfalls fest, daß"ein Mensch, der das äußere Leben nicht reichte, häufig durch die seine ersetzt. Wenn ich dann am nachiten als bitteren Zwang zu empfinden braucht, den Sorge und Kummer Abende die �schicksalsfädcn nach seiner Angabe we c � i........ um das materielle Sein nicht beengt und bedrückt, sich weit har- monischer, als der mit allen Ruthen der gemeinen Alltagsnoth Gepeitschte, zu entwickeln vermag, und eben dafür ist Goethe und sein Leben ein vollgewichtiger Beweis. Man hat mit Recht diesem Umstände seine olympische Ruhe und Heiterkeit in späteren Jahren, die nur vorübergehend durch den Sturm der Leidenschaften gestört werden konnte, zugeschrieben. Wenn man von frühreifen Kindern spricht, so ist Goethe eines der ersten darunter gewesen. Die Eigenheit seines Charakters trat sehr zeitig hervor, er war„mehr zum Zürnen als zum Weinen" nkkeiisuii-tp nun ftniifo n.tS äeneigt, offenbarte von Hause aus einen hohen Schön- heits- und Gerechtigkeitssinn und ein wunderbares Verständniß für seelische Vorgänge.„Da saß ich", so erzählt die Mutter, die ihre Lust zu fabuliren" den beiden ältesten Kindern, Wolf- gang und der nur um ein Jahr jüngeren Kornclia. gegenüber in----'1— i'-t- sagte: Du hast's gerathen, so ist's gekommen!— da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Großmutter, deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, ivie es mit der Erzählung wohl noch werde, n iv von dieser erfuhr ich, wie ich seinen Wünschen gemäß weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes, diplomatisches Treiben zivischen uns, das keiner an den andern Oerrieth; so hatte ich die Satisfaktion, zum Genüsse und Erstaunen der Zuhörenden meine Märchen vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwürdigen Ereignisse zu erkennen, sah mit glühenden Augen der Erfüllung seiner kühn angelegten Pläne entgegen und begrüßte das Aus- malen derselben mit enthusiastischem Beifall." Den ersten Unterricht im strengeren Sinne erhielt der Knabe vom Vater, der als kaiserlicher Rath durch keine Amtsgeschäfte '" ausgiebigster Weise walten ließ,—„und da verschlang er � in Anspruch genommen war und daher Muße genug hatte, sich mich bald mit seinen' großen, schwarzen Äugen; und wenn'das Schicksal irgendeines Lieblings nicht ganz nach seinem Sinne der Ausbildung des Sohnes in vollstem Maße zu widmen. Das geschah schon in den allerfrühesten Kindheitsjahren, noch bevor Wolfgang einer von einigen Knaben befteundeter Familien mit- besuchten Privatschule übergeben wurde, zu welcher Zeit es dann der Vater als seine Aufgabe ansah, das ihm in den Gebieten der alten und neuen Sprachen, der Literatur- und Weltgeschichte, der Geographie und Mathematik zugewiesene Pensum regelmäßig zu repetiren. Außerdem wirkte eine sehr fleißige Lektüre bedeut- sam auf ihn ein; er las u. a. die Bibel, Ovids Metamorphosen, Homers Jlias, den Virgil, theils in Uebersetzungen, theils in der Ursprache, den Robinson Crusoe, den Telemach Fenelons, Lord Ansons Reise um die Welt, ferner die ans einer frank- furter Winkeldruckerei hervorgegangenen Volksbücher, welche auf dem schrecklichsten Löschpapier die wunderlichsten Märchen ent- hielten, und endlich die in des Vaters Bibliothek befindlichen Werke der berühmtesten Dichter jener Zeit, wie Canitz', Hagedorns, Drollingers, Gellerts, Creutz', Hallers:c. In direktester Weise regte ihn der Vater, in dessen Privatzimmern alle Wände mit Architekturbildern und Ansichten aus Rom behängen waren, durch seine begeisterten und begeisternden Schilderungen der Herrlich- keiten Italiens, die er, wie bemerkt, selbst kennen gelernt hatte, au, wodurch er seinem Schönheitssinn inimer neue und, wie sich in Zukunft zeigte, sehr nachhaltige Nahrung lieh. Neue Eindrücke erhielt der Knabe dann, als während des siebenjährigen Krieges, am Neujahrstage von 1759, Frankfurt durch die Franzosen besetzt und der kunstliebende Königslieutenant Graf Thorane grade in dem damals neu umgebauten Vaterhause Goethes eiuquartirt wurde. Dieser Mann versammelte unter anderen Künstlern und bedeutenden Männern auch eine große Anzahl frankfurter Maler, welche er sänimtlich für sich beschäftigte, um sich und fand, zum Aerger des alten Rath, in dem jungen Wolfgang bald einen leidenschaftlichen Verehrer. Den Besuch des damals eröffneten ftanzösischen Theaters, zu welchem er ein Freibillet erhielt, ermöglichte er sich nur durch die Vermittlung der Mutter und wurde durch den Umgang mit einigen Schau- spielerkindern noch intimer mit' französischer Sprache und Art bekannt und vertraut. Das hatte zur Folge, daß er jetzt den Werken des Tragödiendichters Racine, die er in der Bibliothek seines Vaters entdeckte, eifriges Studium zuwandte. Durch alles dies angeregt, machte er schon jetzt den Versuch, ein französisches Stück zu schreiben, wie er denn bereits als dreizehnjähriger Knabe auf den Gedanken kam, seine damaligen Kenntnisse und Ansichten in der Form eines Romans zum Ausdruck zu bringen. In- zwischen hatte er auch die ersten zehn Gesänge von Klopstocks „Messias" kennen gelernt und drang durch den Unterricht, den er bei dein� Gymnasialrektor Dr. Albrecht erhielt, tiefer in das Verständniß des alten Testaments ein. Durch die hebräischen Studien wurde er zu einem biblischen Epos in Prosa angeregt, in welchem er die Geschichte Josephs behandelte. Dieses Gedicht diktirte er einem alten, halb blödsinnigen Menschen, der in dem Hause seines Vaters als Mündel wohnte, und aus dieser Zeit schon stammt die Gewohnheit des Dichters, seine Werke zu diktircn. Was er, sagt er selbst, Gutes finde in Ueberlegung, Gedanken, ja, sogar im Ausdruck, das komme ihm meist im Gehen, sitzend sei er zu nichts aufgelegt. Außerdem schrieb er eine Reihe geist- licher Oden, die er dann, mit dem erwähnten Epos vereinigt, seinem Vater zu dessen großer Freude in einem stattlichen Quart- bände überreichte. Schließlich verdienen noch die Uebungcn im Zeichnen und Malen, denen sich der junge Goethe mit besonderer Vorliebe widmete, der mit geringerem Erfolge getriebene Musik- Unterricht und die Ausbildung in den gymnastischen Künsten, vor allem in denen des Fechtens und des Tanzens, sowie in der Reitkunst, erwähnt zu werden. So geistig und körperlich bereits in bedeutendem Grade aus- gebildet, wurde unser Wolfgang allmählich von einem Drang nach Thaten und Abenteuern erfaßt, zu deren Ausführung ihni die im Laufe der Jahre vom Vater gestattete größere Freiheit hinreichcudc Gelegenheit gab. Dieser Drang, mehr aus sich herauszutreten und Zerstreuung zu finden, führte ihn auch mit mehreren jungen und etwas leichtsinnigen Menschen geringeren Standes zusammen, in deren Gesellschaft der Ertrag von Hoch- zeits- und Leichcugedichten, die der künftige Dichtcrkönig schrieb, bei ftöhlichen Gelagen verschwclgt und verjubelt wurde. In dieser Gesellschaft lernte er, wie jedermann, der nur einigermaßen mit der Lebensgeschichte des Dichters bekannt ist, weiß, jenes Mädchen kennen, welches ihm die erste, über alles selige und für seine weitere Entwicklung so bedeutsame Liebesneigung in's Herz pflanzte. Es ist nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln gewesen, wer Gretchen — denn das war dieses Mädchen, dem er nachher in seinem „Faust" ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt— eigentlich war, ob sie damals als Kellnerin oder als Putzmacherin gelebt, ob sie aus Worms, Offenbach oder aus Frankfurt selbst stammte, und es ist auch hier nicht der Ort, bei dieser Liebesepisodc länger zu verweilen; aber die Worte, mit denen Goethe in„Wahrheit und Dichtung" dieser Neigung des Vierzehnjährigen gedenkt, sind so unbeschreiblich rührend, daß sie immer wieder zur Mittheilung reizen und daß wenigstens der Bericht über die erste Begegnung zwischen den beiden hier einen Platz finden soll. Als Wolfgang eines Abends mit den Freunden beisammensaß und der Flasche tüchtig zugesprochen wurde, war der Wein auf die Neige ge- gangen, und es rief deshalb einer der ausgelassenen Zecher nach der Magd.„Allein statt derselben"— erzählt Goethe—„trat ein Mädchen ein von ungemeiner und, wenn man sie in ihrer Umgebung sah, von unglaublicher Schönheit." Sie wurde ge- beten, noch ein paar Flaschen auf das Zimmer zu bringen. „Thu' das, Gretchen," sagte einer,„es ist ja nur ein Katzen sprung."„Warum nicht?" versetzte sie, nahm ein paar leere Flaschen vom Tisch und eilte fort. Ihre Gestalt war von der Rückseite fast noch zierlicher. Das Häubchen saß so nett auf dem kleinen Kopfe, den ein schlanker Hals gar anmuthig mit Nacken und Schultern verband. Alles an ihr schien auserlesen, und man konnte der ganzen Gestalt um so ruhiger folgen, als die Aufmerksamkeit nicht mehr durch die stillen, treuen Augen und den lieblichen Mund allein angezogen und gefesselt wurde. Ich machte den Gesellen Vorwürfe, daß sie das Kind allein in der Nacht ausschicken wollten; sie lachten mich aus, und ich Ivar bald getröstet, als sie wiederkam. Sie trank ein Glas auf unsere Gesundheit, entfernte sich aber bald, indem sie uns rieth, nicht gar lange beisammen zu bleiben.— Die Gestalt dieses Mädchens verfolgte mich von dem Augenblicke an auf allen Wegen und Stegen; es war der erste bleibende Eindruck, den ein tvcibliches Wesen auf mich gemacht hatte; und da ich einen Vorivand, sie im Hause zu sehen, weder finden konnte, noch suchen mochte, ging ich ihr zuliebe in die Kirche und hatte bald ausgespürt, wo sie saß; und so konnte ich mich während des Gottesdienstes wohl satt an ihr sehen. Beim Heraustreten getraute ich niich nicht sie anzureden, noch weniger, sie zu begleiten, und war schon selig wenn sie mich bemerkt und gegen meinen Gruß genickt zu haben schien....." Bekanntlich fand das Verhältniß seine Lösung da durch, daß einige von den damaligen Genossen Goethc's sich schlimnie Handlungen, wie Fälschungen von Handschriften k. zu schulden hatten kommen lassen, infolge deren, wenn auch schuldlos, nicht sowohl Gretchen und ihr Bruder in die Anklage verwickelt, sondern auch Goethe selbst in eine strenge Untersuchung gezogen wurde. Wenn sich nun auch die Schuldlosigkeit der näheren Bekannten Goethc's erwies, so wurde dieser doch durch die von Gretchen in ihrer Aussage gethane Aeußeruug, daß sie ihn zwar oft und gern gesehen, aber immer als ein Kind be trachtet habe, und daß ihre Neigung zu ihm eine rein schwester liehe gewesen sei, so sehr in seinem Stolze gekränkt und erzürnt daß er, freilich erst nach hartem Kampf und längerem Krankenlager, sich von ihr losriß und in erneutem ernstlichen Studium diese erste und nächst der sesenheimer Idylle poesicvollste seiner vielen Liebesneigniigen zu ersticken wußte. Ein Hauslehrer, den man ihni gab und der sein Stuben nachbar wurde, suchte ihn in die Philosophie einzuführen, und Goethe machte wenigstens mit der Geschichte der griechischen Philosophie einigermaßen genauere Bekanntschaft. Auch trieb er, da er sich nach dem Wunsche des Vaters bald zur Universität behufs des Studiums der Jurisprudenz begeben sollte, bereits rechts- wiffenschaftliche Studien, neben denen wieder solche in den alten Sprachen und Literaturen herliefen; denn gegenüber dem Vorhaben des Vaters lag es in seinem Willen, sich dem Studium der Sprachen und der Geschichte zu widmen. Zu Michaelis von 1765 fuhr er mit dem zur Messe reisenden Buchhändler Fleischer und dessen Gattin nach Leipzig, um die dortige Universität zu beziehen. Zur Wahl grade dieser Stadt wurde Goethe'S Vater nicht allein durch die Berühmtheit der Professoren der Universität, sondern vor allem auch durch die Erwägung bestimmt, daß der in der letzten Zeit etwas wild und ausgelassen gewordene Wolfgang in Leipzig, welches allerdings schon damals in dem Rufe stand,„ein klein Paris zu sein und seine Leute zu bilden," hübsch gehobelt und blank polirt werden sollte. (Fortsetzung folgt.) Das Jubiläum der Lokomotive. Fünfzig Jahre sind dahin� gegangen, seit ein armer Bergmann, George Slephenson, der erst in seinem 18. Jahre zu buchstabiren anfing und im 19. seinen Namen schreiben lernte, die Menschheit mit einer Erfindung beschenkte, die durch ihren großartigen Einfluß auf Industrie, Welthandel und Kultur be� rufen war, die Schöpferin einer neuen Zeit zu werden. Ter Gedanke, daß für den Aufschwung des Kohlenbergbaues eine rasche Beförderung der Kohlen nach dem Marktplatze unumgänglich nothwendig sei, gebar die kühne Idee, die Dampskrasl als bewegende Kraft für die Wagen zu benutzen, ja die Dampfmaschine selbst zu einer sich vom Orte be- wegenden Maschine, zur Lokomotive, zu machen. Wie so oft vor dem Hervortreten wichtiger Erfindungen und Entdeckungen der Gedanke derselben»lehrere Köpfe zugleich ersüllt, aber doch erst nach langer Zeit einer das erlösende Wort:„Es werde!" spricht, so hatte auch der Vater der Dampfmaschine, James Watt, bereits 1784 ein Patent auf eine Dampfniaschine mit Lokomotivkrast genommen, und gleichzeitig führten Oliver Evans in Philadelphia den Amerikanern(1804) und im selben Jahre Trevothik und Bivian ihren britischen Landsleuten eine Loko- Motive vor, welche einen Wagenzug bewegte. Der große, aber trotz der Erfolge seiner Unternehmungen äußerst bescheidene Erfinder Stephenson antwortete deshalb auch gewöhnlich auf die Frage, wer der eigentliche Erfinder der Eisenbahnlokomotive sei:„Die Lokomotive ist nicht die Erfindung eines Mannes, sondern einer Nation von Maschinen- ingenieuren." Stephensons erste Lokomotive vom Jahre 1814 erfüllte keineswegs die bescheidenen Erwartungen, die ihr Erbauer an sie ge- stellt hatte; denn sie war noch so wenig leistungssähig, daß der Kohlen- transport nicht wohlfeiler, als durch Pferde sich herausstellte. Aber keine getäuschte Hoffnung konnte den rastlssen Stephenson entmuthigcn; sein sprüchwörtlich gewordener Mahnruf„Lerseveraneo!"(Beharrlich- keit), womit er jung und alt anzufeuern pflegte, führte ihn daher auch sicher zum ruhmvollen Ziele. Welch' Hochgefühl mag Stephensons Herz geschwellt haben, als am 27. September 1825 auf der neun englische Meilen(3,9 Stunde) langen, zuerst für Kohlen, später auch für Personen- transport benutzten Bahn von Stockton nach Darlmgton eine seiner verbesserten Lokomotiven eine Wagenlast von 90 Tonnen in 65 Minuten führte! War damit ohne Zweifel schon ein bedeutsamer Wendepunkt in der Benutzung der Lokomotiven für das Eisenbahnwesen gekommen, indem dadurch die Herrschaft des Dampswagens im Reiche des Ber- kehrs inaugurirt wurde, so hielt doch bis zum Jahre 1828 außer Stephenson niemand die Lokomotive einer so großen Steigerung ihrer Fahrgeschwindigkeit sähig, daß sie mit Vortheil auch für den Personen- verkehr angewandt werden könne. Mit unvergleichlicher Ausdauer hielt Stephenson während des Baues der Manchester-liverpooler Eisenbahn- strecke(1826)'einer Reihe widerwärtigster Kämpfe stand. Seine An- sichten in Betreff der Leistungsfähigkeit der Lokomotive drangen endlich insofern siegreich durch, als die Direktoren sich bereit erklärten, einen Lokomotivcnwettkampf, als dessen Sicgespreis 500 Psund Sterling bestimmt wurden, zu veranstalten. Und wie einst„Zum Kamps der Wagen und Gesänge,— Der aus Korinthos Landesenge— Der Griechen Stämme froh vereint,"— so zogen am 6. Oktober 1829 ungezählte Schaaren nach dem zwei Stunden von Liverpool gelegenen Rainhill, um dem Gefecht der Lokomotiven beizuwohnen. Stephensons Lokomotive„Rakete" siegte über die drei andern Preisbewerberinnen; denn sie überbot nicht nur das Geforderte(bei höchstens 6 Tons Eigen- gewicht 400 Centner 10 englische Meilen oder 16 Kilometer pro Zeit- stnnde) bei weitem, sondern vermochte auch ohne angehängte Wagen 35 englische Meilen gleich 56 Kilometer in einer Stunde zurückzulegen. So wurde sie zu einer Rakete, welche, hellausleuchtend, Stephensons Namen in unvergänglichem Ruhme erglänzen ließ. Das Resultat der rainhiller Konkurrenz war für den Eisenbahnbetrieb von so außer- ordentlicher Wichtigkeit, daß wir den 6. Oktober 1829 als den Geburts- tag unserer modernen Eisenbahn oder als den Vcrmählungstag von Lokomotive und Schienenweg betrachten müssen, obwohl erst am 15. Sep- tcmber 1830 die eigentliche Eröffnung der manchester-liverpooler Eisen- bahn stattsand. Und was hat die Menschheit seit diesem denkwürdigen Tage geleistet! In runden Ziffern besitzen heute Großbritannien 25000, Deutschland 22000, Frankreich 18000, Rußland 15000, Oesterreich 13000, Italic» 7000, Spanien und Portugal 6500, Belgien 3100, Schweden und Norwegen 2500, Holland 1700, die Schweiz 1500, Türkei und Griechenland 1200, Dänemark 900 Kilometer Eisenbahnen. In Groß- britannien kommen aus die Million Einwohner 800, in Belgien 625, in Deutschland 530, in Frankreich 490, in Oesterreich 350, in Ruß- land 205, in der Türkei 60 Kilometer. Daß die Eiseubahnvcrhältnisse der Bereinigten Staaten von Nordamerika gradezu riesige Dimensionen angenommen haben, setzen wir als bekannt voraus. Aus dem euro- päijchen Kontinent entstand die erste Lokomotivbahn in Bayern zur Verbindung der Städte Nürnberg und Fürth. Die Nürnberg-fürther Ludwigsbahn, welche übrigens noch keine Meile lang ist, wurde am 7. Dezember 1832 eröffnet, also nachdem drei Jahre seit dem Lokomotiven- Wettkampf in Rainhill verflossen waren. Nach fünf Dezennien streckt die stephensonsche Erfindung ihre eisernen Arme über alle fünf Welttheile aus. Im Norden von Europa und Amerika reichen die Schienenstränge bis nahe an die Polargrenze. Der Atlantische Ozean ist mit dem großen Weltmeer dnrch ein eisernes Band verknüpft. Natürliche Hinder- "isse werden beiseite geschoben, die breitesten Ströme, selbst Meeres- arme, werden übecbrückt, über die schneeigen Höhen der Alpen, durch bas Innere der Bergriesen hat das Dampfroß sich einen Weg gebahnt. Greifen wir aus der Thätigkeit des den Erdball umspannenden Verkehrs- Mechanismus nur einige Daten heraus. Jni Jahre 1873 vertrauten sich allein im deutschen Reiche 179 507 632 Personen dcni Danipsroß au, 2 399 962 958 Centner wurde» in diesem einzigen Jahre aus den Bahnen des deutschen Reiches hin und her bewegt, eine Last, zu deren Beförderung durch Straßenfuhrwerk etwa 96 Millionen Pferde nöthig gewesen wären. Am großartigsten hat sich das Eisenbahnwesen im Geburtslande der Lokomotive entwickelt, in Großbritannien. Jede größere Stadt ist hier zu einem Knotenpunkte in dem sich immer mehr verengenden Eisenbahnnetze geworden. In der Riesenstadt London kommen und gehen allein tagtäglich gegen 350 Züge von und nach entfernten Stationen, während die Zahl der täglich innerhalb der Stadl und ihrer Umgebung unter- und oberirdisch verkehrenden Lokalzüge gegen 3600 beträgt. Alle Eisenbahnen der Erde zu einer Linie ver- einigt, würden eine Strecke von 40000 Meilen ergeben, also nur um 10000 Meilen kürzer, als eine Bahn nach dem Monde. 62000 Lokomotiven bewegen 112000 Personenwagen und 1 470000 Lastwagen über die Festlandsmassen der Erde dahin. Der Personenverkehr sllr ein Jahr läßt sich mit der riesigen Summe von 1550 Millionen Menschen, für einen Tag mit 4 Millionen beziffern, während die Frachten für einen Tag mehr als 40 Millionen Centner betragen. Welch' eine Summe von Arbeit hat demnach der Mensch von seinen Schultern und von dem Rücken seiner Lastthiere genommen. Was sagen die Feinde der Eisenbahn zu den 15 Milliarden Thalcrn des im Eisenbahnbau angelegten Kapitals? Sollte man es glauben, daß noch nach zehn- jährigem, gedeihlichen Wirken der Lokomotivkrast sonst ganz vernünf- tige Leute den Kopf bedenklich schüttelten, wenn die Rede auf die Eisen- bahn kam. Im englischen Parlament war man zweifelhaft, ob die Vorthcile der Eisenbahn für die Möglichkeit entschädigen könnten, daß die heranbransende Lokomotive einer Kuh den Garaus macht. In Preußen erließ im Jahre 1837 der damalige Handelsminister eine spezielle, im ganzen Lande verbreitete Warnung gegen die fatale Neuerung, und konfiszirte gleichzeitig den Prospekt der Oberschlesischen Eisenbahn, gegenwärtig das wichtigste Glied des südöstlichen Eisenbahnnetzes. Die Eisenbahnfeindlichkeit jener Zeit wirst einen Schatten aus manchen klangvollen Namen. Die damaligen Potentaten, mit Ausnahme des Belgierkönigs Leopold L, welcher den genialen Erfinder der Loko- motive, Stephenson, nach Brüssel berief, verschlossen sich besangen einer Neuerung, deren wcltumgestaltende Bedeutung sie nicht zu erfassen vermochten. Als Rothschild in Wien die Konzession für die Nordbahn von Kaiser Ferdinand begehrte, entschied derselbe bejahend mit dem Hinzufügen:„Lang kann sich so was a nit halten!" Es hat sich doch gehalten, und keine der zahlreichen Erfindungen, dnrch welche sich in unsrer Zeit der menschliche Scharssinn bekundet und durch welche uns derselbe mit Staunen und Bewunderung erfüllt, hat eine so tiesgreiscnde Wirkung auf den Weltverkehr, auf Sitte und Gewohnheit, Arbeit und Vergnügen der Menschen gehabt, keine so wirksam zur endgiltigen Eni schleierung unbekannter Erdeuräume und zur Verschmelzung der ver- schiedenartigen Bcstandtheile einzelner Völker wie ganzer Völkergruppen beigetragen, als die Eisenbahn. Ihre Riesenarbeit, welche zunächst dem Fleiße des Friedens zugute kommt, verdient eine größere Bewunderung, als jener für den Menschenfreund schmerzliche Ruhm, welcher an die Erfinder von Riesenkanonen und neuen Kriegsapparatcn verschwendet wird, deren Ziel und Zweck doch nichts anderes ist, als die Zer- störung ungezählter Menschenblüthen. Dr. M. T. Der nordische Vielfraß.(Bild Seite 52.) Sowie die Boden- Verhältnisse der Umgebung des Nord- und Südpols, so ist auch die Flora und Fauna, die Pflanzen- und Thierwelt der beide»„Endpunkte" unsres Planeten verschieden. Die großen Kontinente Europas, Asiens und Amerikas lassen nur einen verhältnißmäßig schmalen Meergürtel um den Nordpol frei, während der Südpol, vielleicht selbst festes Land, durch den antarktischen Ozean weit und breit von den spitzen Ausläufern des festen Landes getrennt ist. Dies ist wohl der Grund, warum verschiedene Thicrformen, die die nördliche Pvlarzone beivohne», auf der südlichen nicht angetroffen werden. Darunter gehört auch der Re- Präsentant unserer Illustration, der nordische Vielfraß(tZulo borealis). Er bewohnt den äußersten Norden Europas, Asiens und Amerikas, scheint aber, gleich dem Auerochs und Steinbock, die ausgerottet worden sind, früher auch die gemäßigte Zone bewohnt zu haben, denn die Gelehrten des Mittelalters kannten ihn und haben ihn verleumdet durch die Benennung Vielfraß. Er ist zwar kein Kostverächter von Ratten, Mäusen, Rennthierkälbern, Schneehasen und Moorhühnern, aber durch- aus kein Virtuose des Fressens, dafür aber ein verschlagener Dieb, der durch selbstgegrabene, unterirdische Röhren bei Nacht in die Zicgcnställc der norwegischen Sennhütten eindringt. Dieses Gelüste nach Ziegen- fleisch hat ihm den skandinavischen Namen Jers, d. h. unverschämter Kerl eingetragen. Das ausgewachsene Männchen hat die Länge eines mittleren Metzgcrhundcs, steht aber weit niedriger aus den Läufen und bekundet seine Raubthiernatur dnrch die rastlose Beweglichkeit des kräs- tigen, gedrungenen Körpers. Es hat ungefähr 18 Zoll Schultcrhöhc bei 3>/2 F»ß Länge von der Nase bis zum Ende des Schwanzes. Wie alle Bewohner der kaltgemäßigten Zone zeichnet er sich nicht durch schillernde Farbenpracht aus. Die allgemeine Färbung ist ein fahles Braun, welche ans der Stirn, namentlich über den Augen, in Helles 60 Grau, an der Schnauze, den Läufen und dem Hintertheil des buschigen Schwanzes in Kohlschwarz übergeht. Den ganzen Rücken, von den Schulterblättern bis zur Croupe*!, deckt ein tiefschwarzbrauner, ringsum scharf abgegrenzter Sattelslcck. Ein schmales, weißes Band zieht sich quer über die Brust, vor den Schultergelenken sich verlierend. Das Gesicht und die kurzen, mnschelartig abgerundeten Ohren sind kurz be- haart, an den Vorder- und Hinterfüßen ist das straffe, glattanliegendc, glänzende Haar nach außen gescheitelt, den übrigen Körper deckt ein dichter, weicher Pelz, welcher nach hinten allmählich zunimmt. Der dicke, stunipsabgcrundete, buschige Schwanz mit langen, im Laufe fliegen- de» Haarzotten wird schrägabwärts getragen. An jeder der breiten, kohlschlvarzen Vorder- und Hintertatzen ragt eine Reihe von fünf derben, hcllhornweißen Klauen frei hervor, von denen die der mächtigen Border- Pranken stark halbmondförntig gekrümmt sind. Tie Krallen, sowie die blendend weißen, kräftigen Fangzähne sind gesürchtete Waffen des inuthigcn Thieres, das sich, mit Ausnahme des Menschen, jedem Feinde stellt. Zn kurzem, raschen Hundetrab folgt der Vielfraß tagelang den Rennthierherdcn und lauert ans den günstigen Augenblick, bis sich eines der Kälber von der Heerde entfernt. Wie sein zierlicher Better, der Fuchs, vermeidet er den Kampf mit dem Mensche», weil er gegen die Schußivaffen stets den kürzeren zieht und immer die Zeche niit seinem Pelz bezahlen muß. Die Zähmung des unermüdlichen Bergjägers, der bis zu den Winterverstecken des ewigen Eises pürscht, ist noch niemals gelungen. Di-. M. T. *) Satteleinsenlung des Rückens. Die Karteiischliigerin.(Bild Seite 53.) Die Leichtgläubigkeit des Mädchens aus unscrm Bilde wird wohl manchem unsrer Leser ein geringschätziges Lächeln entlocken, aber— Hand auf's Herz!— welcher ehrlichdcnkende Mensch hat sich selbst nicht schon in einer dunklen Stunde ertappt, in der die in ihm wohnende Sphinx allen Grundsätzen der Vernunft und des Verstandes Hohn spricht! So ist es mit dem Ein- zelncn, so ist es, ivie uns die Kulturgeschichte lehrt, mit dem ganzen Menschengeschlecht seit uralten Zeiten geivcscn. Die Sucht nach dem Abenteuerlichen, der Drang nach dem Ungewöhnlichen ist die Quelle des Aberglaubens. Dieser dämonische Zug, ans Furcht und Hoffnung zusammengesetzt, hat viel dazu beigetragen, dem Fortschritt ein starkes Henininiß entgegenzustellen, und war immer ein beliebter Hebel der Machthaber aller Art. Der Mensch fühlte sich der Natur mit ihren gewaltigen Erscheinungen gegenüber klein und suchte Schutz bei den „Vermittlern" des Himmels. Die Geschichte der ältesten Völker, wie der Chinesen, Inder, Aeghpter, Babhlonier, Perser, Chaldäcr und Juden liefert hierfür die sprechendsten Beweise. Erst die anfgeklürtcn Griechen betraten den wissenschaftlichen Weg. Ihre Weltweisen lehrten zuerst, daß alles, was bisher als Wunder galt, zu einem großen Weltsystem gehöre, welches nach bestimmten Regeln geordnet ist. Auch die gebil- deten Römer sahen, wip uns Cicero erzählt, mit Mißachtung auf das Gcbahren des Volkes herab, welches nach dem Glück oder Unglück ver- heißenden Fluge von Vögeln, nach der schtcksalkündenden Eingeweide- läge von Opserthieren sahen, und konnten sich doch selbst von dem Glauben nicht losmachen, daß Vorfälle der geringsten Art, das Be- gegnen eines unliebsamen Thieres beim ersten Austritt auf die Straße tc., von Bedeutung für das Glück des Tages seien. Mit dem Christenthuni wandelte der mächtige orientalische Fatalismus mit seinem Apparat von Wahrsagerei, Sterndeuterei, Teuselsspuck und Wunderschwindel in den Westen hinüber, um hier in dem Humus der heidnischen Religionen ein üppiges Wachsthum zu entsalten. Der jüngste Tag war das große Schreckbild, aus welchen alle außergewöhnlichen Natur- und Himmels- crschcinungcn hindeuteten. Es sind dunkle Pfade, auf welchen die Ketzer- und Hexcnrichter hinziehen. Hohe Geister folgten dieser mystischen Zeit- richtung, und selbst Männer wie Dante, Baco von Berulam u. a. sind nicht völlig davon frei. Erst die kirchliche und politische Reformation des 16., 17. und 18. Jahrhunderts befreite die Wissenschast von dem Wust scholastischer Thorheit. Tie weltumgestaltende» Erfindungen des Iii. Jahrhunderts machten die Naturerkenutniß auch dem Volle zu- gänglich. Ter Zusammenhang und die Wechselwirkung der Naturkräfte entschleiert sich immer mehr vor den Augen der Wissende», aber der in dem Gemüth des Unwissenden wohnende Sinn für das Uebernatür- liche wird von den Betrügern noch lange ausgebeutet werden, zumal das Kontingent der Gläubigen aus Frauen aller Stände besteht. Unser Bild stellt die beiden letzten Spuren der Erwerbsmittel des Aber- glanbcns dar: das Wahrsagen aus den Linien der Hand und aus de» Spielkarten. Die Wiege beider Schwindelsortcn stand in China. Tie Hantzmahrsagerci trugen die Zigeuner in aller Herren Länder, die Kartenwahrsagerei kam mit den Sarazenen»ach Europa. Das einzige Lobenswerthe an den Spielkarten ist ihre Bedeutung für die Entstehungs- gcschichte der Buchdruckerkunst. Bis zum 15. Jahrhundert wurden die Spielkarten mit Aufwand großer Kunstfertigkeit gemalt, von da ab stach man sie in Kupfer und benutzte den Holzschnitt zu ihrer Vervicl fälligung. Man unterscheidet zwei Hauptgattungen von Karten, die Tarok- und die Vierfarbenkarte. Die Sorte, welche die zahnlose Sibylle vor den junge» Mädchen aus unserm Bilde ausbreitet, gehört zur erstercn. Die schlaue Prophetin, welche gegen Honorar den Schleier der Zukunft lüftet, hat sich, um ihr Orakel wirksamer zu gestalten, mit dem ganzen Brimborium der Hexenküche umgeben. Ihr zu Häupten sitzt Minervas gluthäugige Begleiterin, die Eule, und unter dem Tische, weich im Korbe gebettet, das zierliche Kätzchen, welches seine Bedeutung im Hexeneinmaleins wohl nur seiner Vorliebe zu nächtlichen Ausflüge» verdankt. Den Gegensatz zu dem hinfälligen Alter und der kräftigen Jugend, sowie zu dem Vertrauen und der List, welch' letztere die Dumm- heit stets für irgendeinen Zweck der Habsucht zu gewinnen weiß, hat der Maler so trefflich geschildert, daß er uns jeder Erklärung durch Worte überhebt. Solauge der Mensch von natürlichen Ursachen über- natürliche Wirkungen erwartet, wird es den Malern ebensowenig an Wahrjagerszenen, wie den Wahrsagern an Kunden fehlen. Die Dirne auf unserm Bilde hat voraussichtlich eine lange Zukunft vor sich, wer will es ihr, bei ihrem engbegrenztcn Horizont, verargen, wenn sie gar zu gerne etwas von der ihr bevorstehenden Zukunft erfahren möchte? Die Alte, daraus können wir uns verlassen, versteht ihr Geschäft, und sie wird nichts verrathen, was der Jungen die Lust benehmen könnte, ein zweites mal wiederzukommen; denn gratis wird ja die Zukunft nicht enthüllt, umsonst ist nvr der Tod— und selbst dieser muß mit dem Leben bezahlt werden. Dr. M. T. Eine Göttercinguartirung. Im Jahre 1874 haben die Chinesen das mahomedanische Reich Vü-nan, das schon früher ihnen gehörte, wieder unterworfen und den Beherrscher dieses Landes, Sultan Soliman, vor dem Thore seiner Hauptstadt Tarifa(chinesisch Talifun) enthaupte» lassen. Seit damals suchen die Chinesen die Mahomedaner Uü-nans dem Islam abtrünnig zu machen und sie zum Heidenthum zurück- zuführen. Berichten zufolge, die dem indisch-arabischcn Blatte„Achbar" aus Tarifa selbst zugekommen sind, hat die chinesische Regierung auf ihre Kosten bei fünftausend Stück Götter der verschiedensten Art an- fertigen und sie in den Häusern dieser Stadt vertheilen lassen, wo sie jetzt in den Höfen oder vor dem Thore stehen. Täglich muß dann der Hanseigenthümer dem so bei ihm einquartirten Gott Weihrauch opfern und ihn auch von Zeit zu Zeit vom Kopf bis zum Fuß neu kleiden. Mit der Bewachung dieser Götter ist die Polizei der Stadt betraut, die dabei von mehrere» Bonzen(chinesische Priester) unterstützt wird. Schwört dagegen ein Mahomedaner wirklich seinen Glauben ab, so wird sein Haus für hundert Jahre steuerfrei und er erhält nebstbci auch eine Dekoration von der Regierung, z. B. eine Psauenseder, einen Knopf u. s. w.— eine Auszeichnung, die nicht lächerlicher ist, als manche andere in europäischen Ländern. Dr. M. T. Die Bedeutung der Oliven in Italien. Die Olive nimmt unter den Bodenerzeugniffen Italiens einen ersten Rang ein. Man schätzt das Ergebniß an Oel während eines Zeitraums von zehn Jahren durchschnittlich auf circa D/2 Millionen Hektoliter und das Erträgniß des Verkaufs auf circa tiOO Millionen Francs. Die Provinzen Neapel und Sizilien liesern allein nahezu zwei Drittel des gesammten Ertrags. _ Dr. M. V. Gegen die Eisenbahnen. Als sich im Ansang der vierziger Jahre der hessische Landtag in Kassel mit der Frage der Erbauung von Eisenbahnen beschäftigte, sprachen von den Abgeordneten besonders die Herren v. Ochs und Bär gegen die betreffenden Projekte. Hierauf war bei einem gewitzten Konditor eine Eisenbahn eu miuiaturo als Backwerk zu sehen. Ein großer Ochse stürzte sich gegen die Lokomotive und ein Bär griff hemmend in die Räder derselben. Spaßvögel wollten darauf das Berslein gelesen haben:„Der Eisenbahnen Lauf — Hält weder Bär noch Ochse auf." Dr. M. V. Briefe und Briefträger im alten Aegypten. Die schreibseligen Aegypter schrieben viele Briefe, von denen eine große Anzahl bis au uns gekommen ist, und besaßen sogar das Institut der Briefträger und ein eignes Wort in ihrer Sprache:„fai schal" für dieselben. Dr. M. B. Inhalt. Dein Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B...... �Fortsetzung).— lieber Fremdwörter im Deutschen von M. Wlttich(Fortsetzung).— Das neue Recht im neuen Reich, von P. D.(I.)— Johann Wolfgang Goethe, von Dr. M. Vogler(Fortsctzuna)— Das Jubiläum der Lokomotive.— Der nordische Vielfraß(mit Illustration).— Die Kartenschlägerin(mit Illustration).— Eine Götter- einquartirung.— Die Bedeutung der Oliven in Italien.— Gegen die Eisenbahnen.— Briefe und Briefträger im alten Aegypten. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Gcnoffenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.