Ki Ii Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig Zu beziehen dnrch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudotph von jS...... (Fortsetzung.) Um die übrigen Gäste hatte sich der alte Herr tvcnig gc- kümmert. Nur hin und wieder, wenn irgendivo ein besonders lautes Wort fiel, warf er wohl unter seinen buschigen Augen- brauen hervor einen prüfenden Blick auf den Sprecher. Tann aber vertiefte er sich sofort iviedcr in die Lektüre seiner Zeitungen, bis ihn auf einmal eine wohlbekannte Stimme mit„Guten Abend, Herr Klose!" anredete. „Sie hier, lieber Lauter? Ah, Sie bringen mir heute die Korrekturen?" Es war in der That Fritz Lauter, welcher dem Lehrling, der an gewissen Tagen in der Woche dem alten Korrektor Klose einen Theil seiner Korrekturen in das Restaurant zu bringen hatte, diesmal den Gang abgenommen. Ter Lehrling, ein wilder Junge von 15 Jahren, hatte sich beim Treppcnhinunterspringen den Fufi verstaucht und mußte nachhause geschafft werde». Bon den übrigen Lehrlingen und Markthelfern des Geschäfts war, da die Arbeitszeit längst verstrichen war, als jener Unfall passirte, keiner mehr in der Druckerei gewesen, während Fritz Lauter mit einem oder zwei anderen Setzern, einer besonders dringlichen Arbeit halber, eine Stunde länger als gewöhnlich gearbeitet hatte. Fritzens Absicht, das Restaurant Weinhold nach Ablieferung der Korrekturen sofort wieder zu verlassen,— es war ihm viel zu elegant und, wie er vermuthete, viel zu theuer für ihn,— scheiterte an der freundlichen Einladung oes alten Herrn Klose, einen Augenblick an seiner Seite Platz zu nehmen und mit ihm ein Glas Bier zu trinken. „Mich hat heute einmal wieder ein Lichtblick des Glückes, möchte ich sagen, gestreift," sagte Herr Klose.„Es ist mir das seit sehr langem nicht geschehen, und da sehne ich mich denn mehr als gewöhnlich nach Gesellschaft, nach einer theitnehmenden Menschcnseele. Opfern Sie einem alten, vereinsamten Menschen darum eine halbe Stunde, lieber Lauter, und schauen Sie nicht gar so finster drein, wie es seit einiger Zeit Ihre Gewohnheit zu sein scheint. Die Jugend zum mindesten sollte noch froh und hoffnungsvoll in die. Zukunft blicken." Fritz setzte sich und wollte antworten, ohne sich jedoch rasch genug klar zu werden, wie er seine Verstimmtheit motivircn sollte. Herr Klose mochte seine Verlegenheit bemerken, denn er nahm selbst wieder das Gespräch auf. „Ich glaube gern und weiß es aus vielfacher Erfahrung, baß auch einem jungen Mann der Himmel nicht immer voller �"igen hängt. Aber wenn solch' einem Pechvogel, wie ich bin, auf seine alten Tage noch etwas pasfirt, was ihn so recht von Herzen ftcut, so kann das jeder, dem es nicht nach Wunsch geht, als eine Mahnung betrachten, den Glauben an eine Wendung der Tinge zu seinen Gunsten nicht aufzugeben." „Von Herzen nehme ich theil an Ihrem Glücke, Herr Klose, gewiß," sagte Fritz Lauter, der wirklich für den grauhaarigen, gutmüthigcn und unermüdlich arbeitsamen Mann von Anfang an lebhafte Sympathie empfunden hatte. „Das glaube ich," nickte Herr Klose,„glaube ich gern. Sic haben ein Gesicht, das nichts zeigt von den herben Linien jener Selbstsucht, die sich nur um das Wohl und Wehe der eignen Person kümmert. Darum will ich Ihnen auch erzählen von dem freilich an sich gar unbedeutenden Glücksznfall, der mich heute in so gute Laune versetzt hat. Und ich will ein wenig weit aus- holen,— Sie werden wohl nicht viel des Näheren wissen von meinem schlimmen Geschick, das anfangs mit mir hoch hinaus zu wollen schien, aber es nur gethan hat, um mich desto tiefer stürzen zu können. Sehen Sie, mir lachte vom ersten Tage meines Lebens an das Glück,— Sie sehen mich ungläubig an, aber es ist doch so. Ich ward als Kind wohlhabender und sehr verständiger Eltern geboren, erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung, konnte das Gymnasium und die Universität in möglichst kurzer Zeit und mit den besten Zeugnissen absolvircn, und ward sofort, nachdem ich meine Examina gemacht hatte, mit einem für die damalige Zeit ausgezeichneten Gehalt als ordentlicher Gymnasial- lehrer— es war Mangel an qualifizirten Leuten— bei einem Staatsgymnasium angestellt. Ich war ein gemachter Mann, ich hatte Aussicht auf eine glänzende Karriere, träumte schon von einer Stellung als Gym'nasialdircktor oder Univcrsitätsprofessor, als Schulrath oder als vorwagender Rath im Ministerium, ich schaute mich um unter den Töchtern des Landes nach einer Lebens- gesährtin und verlobte mich auch mit der schönen Tochter eines Regierungsbeamten, bei dem der Umstand, daß er sechs Töchter unter die Haube zu bringen hatte, wohl zu Gunsten des ihm an Rang noch lange nicht ebenbürtigen Gymnasiallehrers gesprochen haben mochte,— kurz, ich war so glücklich als möglich, bis— es anders wurde." Der alte Herr hielt inne; sein Auge hatte geleuchtet, als er von dem so prächtig hoffnungsvollen Beginn seiner Lebenslauf- bahn gesprochen hatte,— jetzt umschleierte es sich wieder und seine Stimme wurde leiser, als er forffuhr: „Wir schrieben die verhängnißvollen Jahre 48 und 49; der �• 8. November 1879. 62 Windhauch der Revolution fegte durch dar- dürre Reisig der maunichfach vermorschten Staat?- und Gesellschaftsiustitutionen, die Leute hofften auf einen Völkerfrühling—" Er hielt wieder innc und strich mit der Hand langsam über die hohe Stirn. Fritz Lauters Interesse war ans das lebhafteste angeregt: „Sic nahmen auch theil an der Revolution?" fragte er. Herr Llosc schüttelte trübe lächelnd das graue Haupt.„Nicht im geringsten. Ich war grade sieben Jahre Lehrer, als die re- volutionärc Gährung hie und da offen zutage trat. Ich war viel zu fleißig und viel zu sehr Philologe gewesen, um mich um das gegenwärtige Schicksal des Volkes, dem ich angehörte, im geringsten zu bekümmern. Was die alten Griechen und Römer erlebt, gekämpft und erlitten, wie sie politisch und sozial geworden, sich entwickelt, und wie ihre Staats- und Gemeinwesen dahin gewelkt und endlich elend zugrunde gegangen, das wußte ich bis in alle Details so genau als nur möglich, aber von der neuesten Geschichte des deutschen Volks wußte ich so gut wie nichts,.— mit den Befreiungskriegen von 1813 und 15 schloß das ab, was mir von den Schicksalen unserer Nation ans der Schule gelehrt worden war. Auf der Universität hatte ich von manchen meiner Kommilitonen verwegene Redensarten über politische Tinge genug zu hören bekommen. Aber ich stand gar fest unter dem mächtigen Einflüsse meines weltknndigen Vaters, der mich sehr entschieden darauf hinwies, man müsse Welt und Leben, Staat und Gesell schaff erst aus eigner langjähriger Erfahrung kennen gelernt haben, um reif zu sein zu einem Urtheile über die vielvcrworrencn Zu stände und Institutionen der Gegenwart. Als ich nun sah, wie sich beachtenswerthe Bolkselemente zusammenschaarten zur Vcr- nichtung oder Umgestaltung des Bestehenden, da erschien mir die Sache meines Volkes zum erstenmal ernsten Studiums Werth. So begann ich denn eifrig Zeitungen zu lesen, über die ich vor- her in eingebildeter Erhabenheit hinweggeschaut hatte, ich vcr- folgte die Broschürenliteratur des Tages, studirte staatswissen- schaftlichc Werke und historische Essays, welche die Geschichte des deutschen Volkes nach der Franzosenvertreibung behandelten, und wurde so zwar kein Revolutionär, kein Mensch, der Neigung gc- habt hätte, sich mit der Flinte in der Hand hinter der Barrikade Ividcr die herrschende Gewalt zur Wehr zu setzen— behüte, aber ich'wurde verdächtig. Ter Direktor des Gymnasiums, an dem ich lehrte, fragte mich eines Tages ganz aufgeregt:, Sagen Sie mir»m Gotteswillen, Kollege Klose, wie sind Sic denn zu Ihren unglücklichen revolutionären Anschauungen gekommc»?� Ich lachte. Bester Herr Direktor, erwiderte ich, darf derjenige schon ein Re- volutionär genannt werden, der sich durch gewissenhaftes Studium der staatlichen Zustände und politischen Erscheinungen Gewißheit verschaffen will, daß die Revolution wirklich eine verdammens- werthc Gewaltthat ist?— Aber der gntmüthige und überaus ängstliche Direktor war nicht so leicht zu beruhigen..Liebster, Bester/ rief er und ergriff mich bei der Hand,.daran zu zweifeln ist ja schon eii� Verbrechen. Stecken Sic so rasch als möglich Ihre ganze Umsturzlektüre in» Ofcnfeuer, halten Sic Sich jede andere Zeitung, als die Regiernngsorgane, fürderhin sorgsamst drei Schritte vom Leibe, gehen Sie jedem Heckerhnte ängstlich ans dem Wege,— denn ich sage Ihnen, und ich verstehe mich darauf, vom Rcvolntionsschwindcl wird das arme, thörichtc Volk eines Tages mit Pulver und Blei kurirt, und an jenem Tage des Zorns wird manches Glied des Volkskörpcrs beseitigt werden, das sich noch sehr lebensfähig fühlte, ja, vielleicht auch manches, das nie krank gewesen ist. Denn wie die Sonne der staatlichen Ordnung allen scheint, sowohl denen, die sich ihrer freuen, als denen, die ihrer entbehren zu können glauben, so ergießt sich der Regen- schauer der Strafe wie über Ungerechte so auch über diejenigen Unvorsichtigen unter den Gerechten, welche sich in's Freie wagten, als ein Ungewittcr am Himmel stand/ Ich nahm die schöne Rede meines mir aufrichtig wohlgesinnten Vorgesetzten auf die leichte Achsel. Es war mir ja doch garnicht denkbar, wie jemanden dafür eine Strafe treffen könne, daß er sich überzeugen wollte, in welchem Grade andere, die er selber für strafwürdig zu halten nicht abgeneigt war, auch strafbar seien. Ich las also weiter oppositionelle Zeitungen und Broschüren, besuchte sogar einige- male einen demokratischen Klub und Volksversammlungen, immer freilich als ganz passiver Zuhörer, und fand die Leute, welche sich da hervorthaten, viel harmloser und ungefährlicher, als ich sie mir vorgestellt hatte, ebenso wie mir manche der von ihnen geltend gemachten Forderungen, wie Preßfreiheit, Bersammlungs- und Vereinignngsfreiheit, freie Lehre der Wisienschast und der- gleichen garnicht so iibel und unparteiischer Berücksichtigung nicht unwerth erschienen. Wenn ich diese meine Meinung offen, aber in objektiver Ruhe aussprach, hatte man anfangs, mit einziger Ausnahme meines Direktors, der von vornherein die Rolle des ängstlichen Warners beibehalten� hatte, entweder still vor sich hinlächelnd genickt, mir wohl sogar verstohlen die Hand ge drückt oder mir auch ganz offen recht gegeben und von der Un- vcrmcidlichkeit tiefgreifender politischer Neuerungen gesprochen. Als sich aber der Unmuth des Volkes hier und da in gewalt- thätigen Ausbrüchen Luft gemacht und Gewalt die Gewalt nieder geschlagen hatte, da war wie im Handumdrehen jede Sympathie mit den Volksbestrebungcn in den besseren Kreisen der Gesellschaft verschwunden. In unserm Lande hatte sich zwar keine Spur einer blutigen Revolution bemerklich gemacht, aber die Polizei entdeckte auf einmal, daß sie es allein gewesen sei, welche einen grauenvollen Straßenkampf durch ihre unermüdliche Wachsamkeit verhindert hätte. Vorbereitungen umfassendster Art zu Mord und Brand hätten auf die Gelegenheit zur Ausführung gelauert,— die Attentäter seien natürlich die Klub- und Volksversammlnngs rcdner, lind tausende von Menschen gäbe es im Lande, welche der geheimen Thcilnahmc der verruchten Verschwörung ans das allerdringendste verdächtig seien. Man schritt zu Verhaftungen, und mancher Familienvater, den die Seinen als Ernährer nicht entbehren konnten, wurde ohne Schonung ans ihrem Kreise gerissen und einem traurigen Schicksal in die Arme geworfen. Ich glaubte nur eine Mcnschcnpslicht zu erfüllen, als ich mich nun an Geld sammlnngen für die darbenden Familien der von dem Zorne der Regierung Betroffenen bethciligtc. Erst glaubte man ziemlich allgemein, auch da,>vo man regierungstreu war bis zum Aus geben jeder eigenen Meinung, daß die Regierung selbst die Theil nähme für die unschuldigen Frauen und Kinder der politisch Gravirten gern sähe. Bald aber sah man, daß man sich getäuscht: es fielen in Regicrungskreisen harte Worte über die weichherzige Sentimentalität, welche das Verbrechen nur crmuthigen könne; fast alle, die sich eifrig an dem Samariterlverk bcthciligt hatten, zogen sich scheu zurück, und ein Fest, welche» zum besten von mittellosen, ihres Ernährers beraubten Familien stattfinden sollte, wäre, wenn ich mich der Sache nicht angenommen und zum Zeichen meiner vollkommnen Loyalität die Spitzen der Behörden dazu eingeladen hätte, total in» Wasser gefallen. So fand dann das Fest statt, aber unter schwacher Betheiligung; dafür war jedoch der Herr Polizeidircktor mit einem ganzen Gcneralstab von Beamten erschienen, um mit ihnen die Ehrenplätze an der Tafel einzunehmen. Nachdem ich in einer ungeheuer zahmen Rede den Zweck des Festes hervorgehoben und betont hatte, daß es sich nur darum handle, solche Menschen vor der Bitterkeit der materiellen Roth bewahren zu helfen, deren persönliche Unschuld in politischer Beziehung außer allem Zweifel stehe; daß ich der Meinung wäre, da, wo die Strenge des Gesetzes die Schuldigen träfe, die Barmherzigkeit der Nächstenliebe dafür zu sorge» hätte, daß nicht Unschuldige von den Schuldigen in Mitleidenschaft gc rissen würden,— da erhob sich der Herr Polizeidircktor zu einer donnernden Entgegnung. Er wolle zn Gunsten der Festarrangeure hoffen, das; ich wirklich ganz und voll ihre Absichten enthüllt hätte, obwohl eS ihm schwer falle, das zu glauben: jedenfalls aber stände fest, daß es eine Vermessenheit sei, den Rathschlüssen der Vorsehung und den Maßnahmen der von Gott gesetzten Obrigkeit in der Weise, ivie wir es gethan, vorzugreifen. Das sei besonders deswegen der Fall, weil es sich hier nicht um die harmlose Unterstützung gänzlich unverschuldet in's Unglück ge rathener Menschen handele. Das demokratische Gift ivirkc ansteckend, die Frauen von Umstürzlern zeigten und pflegten fast immer dieselbe verbrecherische Neigung. Diese angeblich unschuldigen Demokratenkinder seien die Drachensaat zukünftiger Revolutions- schcnßlichkeiten. Faye sie das-Schicksal mit harter Hand an, so habe die Vorsehung den Zweck, sie durch Nachtlzum Licht, durch Nolh und Kummer zur Gnade, zur richtigen Erkcnntniß und zur �cmuth ju führen. Die Organe der Regierung seien gewih von höchster Humanität erfüllt, aber kurzsichtige und schwächliche Weich' Herzigkeit sel ihre>sache nicht und dürfe bei ihnen weder aus Entgegenkommen, noch aus Toleranz rechnen. Deswegen verbiete er, der Polizeldlrckivr, hierinit die beabsichtigten Geldsammlungen, und hoffe, von Znsammenkünsten, wie die heutige, nichts mehr zu boren: denn ihr Erfolg sei und bleibe, trop aller Beschönigung'. daß das Feuer der Rcvolutton unter der Asche der staatlichen Gegeilmaßregeln geschürt werde. Er setze voraus, daß wir das alle einjehen und mit ihm in den Ruf einstimmen würden: Nieder mit allem, was mit den demokratischen Staatsfeindcn in Verbindung 63 steht, nieder mit ihnen, keine Gnade, keine Unterstützung, gleich- viel, ob Männer oder Frauen, Greise oder Binder in Betracht kommen!— Die Garde, welche sich der Polizeidirektor mitgebracht hatte, schrie: Ziiedcr mit ihnen, nieder! Zweidrittel der Fest- theilnehmer hatten sich, während der gestrenge Herr seine Flammen- Worte heraussprudelte, still davongemacht, der Rest drängte sich zu dem gefürchteten Redner und versicherte ihn, daß alle ganz und gar seiner Ansicht wären. Rur ich war stumm und starr sitzen geblieben ich war wie versteinert über das, was ich soeben erlebt; dann aber, als ich mitansehen mußte, wie sich alle die, welche noch kurz vorher ganz meiner Ansicht gewesen, welche, meist in viel weniger abhängiger Lebensstellung als ich, mir tausendmal betheuert hatten, sie würden sich von dem reaktionären Wind, der von oben her wehte, nie und nimmer beeinflussen lassen; wie diese Leute jetzt aus einmal in kriechender Demuth erstarrten, wie sie ihre Ueberzeugung schnöde verleugneten vor dem Manne der Macht, wie sie das Recht zu verleugnen und die Unschuld zu vcrrathcn bereit waren,— da kam ein ungeheurer Zorn über mich. Ich sprang auf, ergriff mein gefülltes Wein- glas, schleuderte es in weitem Bogen an die Wand, daß es in unzählige Splitter zerschellte und der rothe Wein wie Blut ans offener Wunde an der hellen Tapete hinauf- und hcrniederschoß, und donnerte mit grimmerfüllter Stimme in den Saal hinein, nach dem Polizcidircktor hinüber: Nein und ewiglich nein! Leben solle» sie, die Hülfsbcdürftigcn, die Unschuldigen, die um fremder, noch dazu zweifelhafter, unbewiesener Schuld willen Berlasscncn und Bersolgten, und ein Barbar der, der sie der Roth hülsloS zu übcraulwortcn vermag, ein Feigling jeder, der sich von ihnen wendet, der herrschenden Gewalt, der obsiegenden Partei zuliebe! Diesen Worten folgte eine Szene unbeschreiblicher Verwirrung; die meisten der Festtheilnehmer starrten stumm, bleich und cnt setzt, als ob ich ein todeswürdiges Verbrechen begangen hätte, nach mir hin, die Polizisten aber drangen auf mich ein, ein paar rissen sogar ihre Degen aus der Scheide und hätten mich vielleicht gespießt, wenn nicht die mächtige Gestalt des Polizei direktors zwischen sie»nd mich gesprungen und meinen Leib vor den scharfen Klingen geschützt hätte. ,Halt!' rief er..Zurück von dem Manne, der strengsten Strafe wird er nicht entgehen. Sie sind arretirt, verhaftet als Aufwiegler, wegen Anfreiznng gegen die Staatsgewalt,— Sie sind ein Hochverräther und sollen es biißen!' Ich wurde abgeführt."——— Herr Klose holte tief Athem und schwieg. Fritz schaute so erregt, �als ob er die ungemein lebendig, mit heftiger, beinahe lauter Stimme geschilderte Szene eben selber mit erlebt, ans ihn hin; er wagte kaum zu athmen, viel weniger ein Wort zu sprechen. Räch einer Weile Hub der Erzähler leise und traurig wieder an: „Mein Glück war treulos wie meine Freunde. Jeder Tag im Gesängniß bewies mir immer von neuem so recht herzbrechend erbarmungslos, daß ich nun allein war— ganz allein in der Welt. Von meinem Pater, dessen Wesen sich stets streng und kalt gezeigt hatte, der nichts für ein größeres Verbrechen hielt, als wenn man auch nur einen Augenblick dem Gefühl die Oberhand gewährte über den Verstand, dem er vor allem die Aufgabe zu- wies, bei allem, was man sagen und thnn ivolle, vorher klüglich Zeit und Umstände in Erwögung zu ziehen,— von meinem Vater erhielt ich ciueu Brief, voll der bittersten Vorwürfe ob der Schande, die ich auf sein unbescholtenes Haupt gehäuft hätte. Er wünsche zu sterben, recht bald zu sterben, damit er den Sohn, der im Gefängnisse gcivcsen, der sich wider die Obrigkeit erhoben, welcher er eine ehrenvolle Existenz zu danken hätte, nimmer wieder- zusehen brauche. Der Vater meiner Braut sandte mir, ohne eine Silbe hinzuzufügen, den Verlobungsring zurück, mit welchem ich in der glücklichsten Stunde meines Lebens die Hand seiner Tochter hatte schmücken dürfen. Diese, an deren Seite ich mir ein ganzes, langes Leben voller Seligkeit erträumt hatte, schrieb mir ein paar Tage darauf, ohne Anrede und Unterschrift und das Du vcr leugnend, das mir dereinst als die süßeste Bürgschaft dauernden Glückes erschienen: ,Gott verzeihe Ihnen die Sünde, die Sie an mir und meinen Eltern begangen haben, er bcivahrc mich in Gnaden davor, Ihnen je wieder zu begegnen auf meinem, durch Sie trostlos verödeten Lebenspfade, und führe Sic auf die Bahn der Reue und Buße. Ich>vcrdc beten, daß Ihre umnachtete Seele nicht auch für die Ewigkeit verloren gehen niöge!�" Jetzt konnte Fritz Lauter feine Theilnahme. sei» Entsetzen über das, was ihm der alte Herr erzählte, nicht länger zurückhalten. „Aber ist denn das möglich, Herr Klose?" rief er so laut. daß die Zunächstsitzenden, denen die beiden schon längst aufgefallen, neugierig nach ihnen hinschauten.„Ist denn so viel Hartherzig- keit und Treulosigkeit wirklich denkbar in der Welt?" „Nicht nur denkbar, lieber junger Freund, sondern auch wirk lich, so recht handfest wirklich, das kann ich Sic versichern," nickte der alte Herr.„Ja, es ist noch viel mehr an mir wirklich geworden,— hören Sie nur weiter. Man hielt mich dreizehn Monate in Untersuchungshaft,— ich sollte mit aller Gewalt an einer Verschwörung zum Zweck der Vertreibung oder gar der Ermordung unseres Fürsten theilgcnommen haben. Es fanden sich Leute, die mich nächtlicherweile im Stadtpark und verdächtig zischelnd mit den verrufensten Demokraten gesehen haben wollten; ich sollte Rechenschaft geben von jeder Stunde meines Lebens, von jedem Briese, den ich empfangen und abgesendet, über jedes Wort, das ich gesprochen, gleichviel, ob auf dem Katheder oder beim Glase Wein im vertrautesten Freundeskreise. Endlich tvurde die Untersuchung aus Theilnahme an der Vorbcreitting zum Hoch verrath wegen Mangels an Beweisen eingestellt und ich nur wegen ösicntlichcr Aufreizung zum Haß ividcr die Staatsregierung und wegen grober persönlicher Beleidigung eines in Ausübung seiner Amtsbcsugnisse begriffenen hohen Beamten vor Gericht gestellt und unter Annahme mildernder Umstände"— die Stimme des Herrn Klose zitterte ein wenig, als er nach kurzem Athem holen fortfuhr,—„unter Annahme mildernder Umstände zu nur zwei Jahren Gefängnis; vcrnrthcilt." „Zwei Jahre Gefängnis;," mußte Fritz ivicdcr dazwischen rufen,„das war ja furchtbar hart. Und über ein Jahr in Unter- suchung— drei Jahre im Gesängniß— wie konnte das ein Mann, dem es vorher so gut gegangen war, nur ertragen?" „Danach fragte die Gerechtigkeit freilich nicht; ich sollte ja auch bestraft werden für meine verbrecherischen Handlungen und Gesinnungen. Und wenn ich berücksichtige, daß man mich wirklich als einen der vcrdammcnswcrthcsten Verbrecher betrachtete, so muß ich gcstcheu, das; man in der That noch milde genug mit mir verfuhr; nachdem ich ein halbes Jahr meiner Strafe im Landesgcfängniß verbüßt, Züchtlingsklcidung getragen hatte und Haar und Bart geschoren, mit Du angeredet worden war und im Rühen von Leinwandsäcken eine erstannliche Fertigkeit erlangt hatte, wurde mir auf Verwendung jenes Unglückspropheten, meines alten, ängstlichen, braven Direktors, die Verbüßung des übrigen Theils meiner Strafe auf der Festung gestattet. Dort durfte ich wieder meine eigne Kleidung anlegen und das Haar wachsen lassen, durfte täglich zwei Stunden auf den Festungswällen spaziren gehen und mich nach Belieben geistig beschäftigen. Das kam über mich, den ganz Verzweifelten, wie eine Erlösung, umsomehr, als es mir gelang, das Wohlwollen des Fcstungskommandanten, des alten Obersten von B. zu erobern. Freilich wurde mir dieses Wohlwollen mitunter peinlich genug, z. B. wenn mir der schnauz- bärtige und natürlich nicht den leisetten Widerspruch duldende Ällte in längerer, ungeheuer derber Rebe auseinandersetzte, daß ich eigentlich gar kein so gefährlicher demokratischer Schuft tväre, als man nach meiner Handlnngstveise mit Recht hätte schließen müssen, sondern daß ich nur ein gutmüthiger, gottverdammter Esel gewesen, der überall seine Rase dabei haben, alles besser wissen und der größten Hallunkcnbrut aus übergeschnappter Gut müthigkeit beistehen wollte, und daß ich dem Herrgott danken könnte für seine Langmuth, die einzig und allein an der gnädigen Strafe für meine gottsträflichc Rasciveisheit schuld sei. Roch viel schlimmer war mir zu Muthe, als er mich zu den beiden Bällen, die er im Winter den Offizieren seiner Garnison gab, als Klavier- spiclcr zu befehlen die besondere Gnade hatte. Er präsentirte mich seinen Gästen mit demselben Zartgefühl, wie ein Kunstreiter sein Schnlpfcrd vorführt..Hier, meine Herren, das ist der Klose; im Grunde ein guter Kerl, aber weil er nicht Soldat gewesen ist und Ordre Pariren und's Maulhalten gelernt hat, zum Sträfling herabgesunken. Jetzt fängt er wieder an, sich zu einem vcr- nünftigen Untcrthanen auszubilden und aufzurappeln. Hat er mir zu danken,— nicht wahr, Klose?'— Zu Befehl, Herr Oberst! mußte ich maschinenmäßig antworten, und dabei gruben sich die Nägel meiner Finger krampsig in die Ballen der Hand..Na/ fuhr der Alte jovial fort,.brauchen sich nicht zu schämen, zur Besserung ist's nie zu spät. Ja, sehen Sie/ wandte er sich zum Schluß solcher Vorstellung an seine Gäste, ,so ein verfluchtes Kerlchen muß man zu behandeln versteh», ich hätte sein Direktor sein sollen— ich,— ivar nämlich Schulmeister—, hätte ihm sein Maul mit dem Lineal vernagelt, wenn er auch nur eine ein- zigc aufrührerische Silbe vorgebracht. Gcmüthlich, aber stramm, das ist meine Parole. Das ist gut so.— nicht wahr, meine - 64- Herren? Na, gel, Er, Klose, mache Er seiiien musikalischen Spek- war, und Tie, lieber Lauter, werde ich sicherlich auch nicht heiterer takcl brav, wie sich's gehört, dann setzt's ein Glas Wein." gestimmt haben: lassen Sie mich daher abbrechen. Ich erzähle „Und das mußte» Sie Sich gefallen lassen, Herr Klose, ob� Ihnen, falls Sie das trostlose Schicksal eines vor der Zeit alt- gleich Sie doch rein garnichts Böses gethan?" geivordenen Menschen wirklich zu interessiren vermag, ein ander- Herr Klose lächelte schmerzlich.„Ter Begriff von gnt und mal mehr von meinen Schicksalen. Für heute nur noch das, böse steht leider nicht so fest, daß der Sturm machtgekrönter wozu ich Ihnen eigentlich durch den Hinweis auf das Unglück Willkür nicht sein übermüthigcs Spiel damit treiben könnte. Ich meiner Vergangenheit nur die Einleitung geben wollte." Ter alte Herr fuhr I JXv i mit der Hand über Stirn i l| und Augen, als wenn er ' iQfeSii'i � 11!i BM jl Ii die trüben Bilder, die / aus seinem Gedächtnis I Bft" emporgetaucht waren, so /■'i'l 1-. rasch als nur möglich \ verscheuchen wollte. _ llMl 1-'T#„Sic wissen, lieber Lauter," fuhr er fort, „das Brot eines Kor- rektors ist kein leicht und angenehm zu verdienendes. Besonders günstige _ Ausnahmefälle abgerech- �' B| 1§1 1' net, gehört dazu eine, je länger man sie treibt, desto trostlosere Arbeit, welche ganz allgemein sehr e- I 1 1 1 kärglich bezahlt wird. Ich wäre auch nicht Korrektor geblieben, wenn ich sonst meinen Lebensunterhalt gefunden hätte. Ich habe natürlich alles mögliche „ andere versucht, alles aber T j ki, a ohne dauernden Erfolg, ich ertheilte Privatunter- richt, zunächst in denjenigen Fächern, welche mei- nein Berufe am nächsten gelegen den ft) M 1 MNWMj IFTT""" l!-■ F-- alten Sprachen, in Litera- �-----i i.i-a, tnr und Geschichte; später in allem Möglichen. Ich ertheilte ihn, d.h. eigent- lich, ich ivollte ihn er- theilen, denn, wo ich auch & ü ilT"W l"! anklopfte, fand ich ver » �WN iM l--■■ filllms� wPnf�' il i II schlosseue Thüre». Wer --,, i imi m bmi,,: i nj hätte dem entlassenen » fil i. 1 1 1, 1 J, lailMrl Sträfling die Erziehung seiner Kinder anvertrauen mögen? Es war ja die AD? MHIL,|;1 y Zeit der ärgsten politischen �!>> Reaktion- wer hätte da eine freiere, eine huma- nere Gesinnung öffentlich bethätigcn mögen oder dürfen? Ich versuchte zu schriftstellcrn— im wesent- lichcn mit dem gleichen «tißersolg. Für größere Arbeiten fand ich keinen Verleger, bei Zeitungen wagte man mich nicht an- zustellen, und als Reporter konnte ich mich todt laufen und Tag und Wacht herumspioniren, um für die paar Zeilen, die von meinen Berichten dem Re- daktionsrothstift nicht zum hatte auch dereinst aufAjcncs vermeintliche Wahrwort:, Recht muß Opfer fielen, je 3 Pfennige als Honorar einzuheimsen. Da fing doch Recht bleiben� das stolze Gebäude meiner Zuknnstshoffnungen ich an, Druckwerke zu korrigircn, und nachdem ich das etliche gegründet, und erst als es rettungslos zertrümmert zu meinen Jahre getrieben und Gandersberg mir einen recht herzlich geringen, Füßen lag, sah ich ein, daß es Flugsand war, auf dem ich gc- aber immerhin doch festen Gehalt als Korrektor angeboten hattc, baut. Indessen—— ich habe mich weithinaus in die Wüste gab es für mich nichts Gescheiteres zu thun, als aus den Vor- »leiner Erinnerungen verirrt und habe mir selbst dabei glücklich schlag einzugchen." das bischen gute Laune geraubt, die heute über mich gekommen,(Fortsetzung folgt.) 66 IWift Fremdwörter im Deutschen. Von M. Zvittich. (Fortsetzung.) In den folgenden Zeilen wollen wir einmal eine kleine Musterkarte von Frcmdivörtern entwerfen, die sprechendes Zeugniß ab- legen mag von der Behauptung, daß fast jede Nation, mit der wir in Berührung gekommen sind, in die Schatzkammer unsrer Muttersprache Zins und Schoß abgegeben und gesteuert hat. Zugleich wählen mir auch solche, denen nicht der Stempel des Fremden erkennbar aus die Stirn geprägt ist, um bei dieser Gc- legcnheit gleich fanatisirten Sprachreinigern die Lust zu benehmen, ihre Radikalkuren, die in diesem Falle wahre Pferdekuren wären, anzuwenden. Was werden die nicht grade philologisch geschulten Leser sagen, wenn sie hören, daß unser deutsches Wort Falter oder seine Nebenform Zwicfalter auf Umbildung des lateinischen Wortes für Ichmetterling: papilio, beruht?! Zeugniß legen dafür ab die mundartlichen Formen Pfeifalten und Pfeifholter. Auf das griechische miltos, gleich die rothe Farbe, führt die Wissenschast zurück das deutsche Mehlthau, was uns doch so freundlich und heimatlich anschaut und so vertraut an das Ohr klingt. Dem Griechischen sind ferner entnommen oder nachgebildet' auch die Worte Kiste, Tisch, Platz, Börse. Fremdwörter sind ferner: Kops, Keller, Speicher, Schemel, Schüssel, Brief, Kelch, Oel, Wein, Pech, Kreide, Koch, Mönch, Rose, Bogt und andere mehr; die Eigenschaftswörter kurz und falsch sind den lateinischen eurtus und t'-dsus, zart dem lateinischen Caritas nachgebildet. Ebenso ist Münze lateinisch und zwar ist es ab- geleitet von Moncta, dem Beinamen der römischen Göttin Juno, bei deren Tempel in Rom sich die Staatsmünzanstalt befand. Abenteuer und Felleisen, fein und rund sind französischen Ursprungs; die deutschen Wörter Fahne, Bube, Frucht, Rad, Witwe sind gebildet aus den lateinischen paniius(gleich Tuch), pupus, fVuctua, rota, vidua. Faß kommt nach Wackernagcl nicht von dem deutschen Zeitwort fassen, sondern von vas, lat., gleich Gefäß, Flasche von dem zugehörigen Verkleinerungswort vasculura. Ein allgemein verbreitetes deutsches Sprüchwort sagt: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz", nicht so bekannt dürste aber sein, daß unser Eigenschaftswort' stolz aus deni latei- nischen stultus gebildet ist, welches dumm bedeutet! Kahl und gelb sind gleich lateinisch calvua und gilvus. Die deutschen Zeitwörter pflücken, rollen, trachten, dichten, laben, tilgen, kochen, mischen, kosten, verdammen, murmeln, prüfen, danern, umzingeln sind entsprechend den lateinischen piüucare, gleich Haare ausraufen, rotularc, tractare, dictare, lavare, delere, coquere, miscere, constare, darnnare, rniirrnu- rare, probare, durare, cingere; ebenso sind dem Lateinischen entnommen: ordnen, kaufen, impfen, pfropfen, plagen, preisen und tünchen. Ter deutsche Teufel ist der griechische diabolos, der Verleumder, der übrigens auch in der Form Jblis Eingang gefunden hat in die muhamedanischen Religionsbüchcr. Murmelthier ist eine Umbildung von mus montanus, was lateinisch ist und Bergmaus bedeutet; das Bturmelthier murmelt bekanntermaßen garnicht, sondern pfeift! Meerkatze hat mit Meer und Katze nichts gemein, sondern ist eine Umdeutschung von dem Sanskritwort markata, welches Affe bedeutet. Bön- Hase, ein Wort, welches, ebenso wie Pfuscher, dazu gebraucht ivird, einen zu bezeichnen, der ein Handwerk nicht„nach den Regeln der Kunst", nicht zunftgemäß betreibt, will man ans das griechische banausos zurückführen, welches ein verächtlicher Aus druck für„niederer Arbeiter" ivar bei den Griechen, die ja alle Arbeit für des freien Mannes univürdia erklärten. Sicher aber ist griechisch unser Estrich, von ostrakokonla, d. i. aus zer- schlagencn Scherben bereiteter Boden, vonostrakon, ivas Scherbe bedeutet; in den sogenannten homerischen Hymnen(Götterlob gesängen) kommt dieses letztere Wort zum erstenmal nachiveislich vor und bedeutet die Schäle von Krebsen oder Schilkrötcn, und eine andere Ableitung desselben Wortstammes, ostreou, ist uns deshalb interessant, weil daraus das deutsche Wort Auster cnt- stand.— Da wir einmal bei dem Griechischen sind: wer sieht dem guten Eichhorn seine griechische Abstammung au? Hüpft es doch allem Anschein nach so sicher ans der auch jetzt noch oft als deutscher Baum verschrieenen Eiche herum, daß man nicht gern dieses Wort als Fremdwort erklärt sehen möchte! Und nichtsdestoweniger ist es das griechische skim-os, welches ein Grabe oder Ragethier bezeichnet. Wir fügen der Deutlichkeit halber und beispielsweise die zu vergleichenden Wortformen aus verwandten Sprachen bei, die es auch dem Griechischen nachbildeten. Im Lateinischen haben wir die Formen scinrus und sciurulus, ro manisch esqairol, escurol, neufranzösisch ecureuil, englisch squirel, angelsächsisch acveni, schwedisch ickom, welch' letztere Form dem deutschen Eichhorn lautlich ani nächsten steht. Nicht weniger über raschend dürfte den Lesern die Entwicklung des Fremdwortes Pferd sein. Dieses ist eine Verstümmelung des barbarisch lateinischen Wortes paraveredrus, dessen erster Bestandtheil die griechische Präposition(Verhältnißwort) para(gleich neben) ist; veredrus ist selbst wieder zusammengesetzt aus dem Wortstamm, welcher im lat. vebo(fahren) liegt, und rbedra, was Wagen, Fahrzeug bedeutet. Das Wort liegt in den verschiedensten Formen vor und machte in der Hauptsache folgende Wandlungen durch. Paraveredrus, paraveredus, paravredus neben parafredus, pare- drus, pa'.edrus, parafridus, palafridus(französisch palelroit), palafreaus(italienisch palafreno). Nach diesen ganz lateinischen Formen kamen die schon mehr deutschen parafrid, parfrit oder farfrit, phärfrit noch im 13., und pferft noch im 14. Jahr hundert, neben denen aber schon im 12. Jahrhundert pberit und pfert aufkamen, woraus denn endlich Pferd wurde! Ursprüng- lich bedeutet dieses Wort in der Sprache des römischen Kaiser rechts ein kaiserliches Postpferd, welches aus Nebenstraßen(para! siehe oben) seinen Dienst versieht, dann bezeichnet es jedes Pserd im Gegensatz zum Strcitroß, und endlich wird das Wort Pferd ohne jede Einschränkung der Bedeutung gebraucht. Lärm ist der italienische Ruf all' arme, alle arme, gleich zu den Waffen, ans dem zunächst All arm ivard, das l ward nicht mehr als Artikel lGeschlechtswort) empfunden und blieb in der folgenden Gestalt Lärm mit dem Hauptwort verbunden, als wenn es zum Wortstamm gehörte. Italienisch ist ferner Spende, von speudere, und das dem entsprechende italienische Hauptwort spesa haben wir später auch noch in den kaufmännischen Spesen übernommen. Unschlitt ist gleich unguento, Salbe, Kartoffel und Trüffel sind zwei verschiedene Formen des italienischen tartufolo, von tartufo, ivas aus beut lateinischen terrae tuber, gleich Erdknollc, entstanden ist. Auch slavische Sprachelemente finden sich in genügender Menge im Deutschen. Petschaft ist dem Böhmischen entnommen wie Liste, gleich das Berzeichniß, was im Böhmischen Blatt(sowohl des Baumes als des Buches) bedeutet; der Strahl ist slavisch strela, russisch strjela, Arbeit kommt vom slavischen rabota. Laune ist finnischen Ursprungs, Kafillcr(nicht Caviller!) kommt itttch Wackernagel von dem samojedischen kafariema, gleich ab reißen(doch vergleiche Grimms Wörterbuch unter Gefille). Degen kommt aus derselben Sprache, und zwar heißt tagai soviel wie Messer.. Als merkwürdig heben wir noch hervor, daß Sack hebräisch ist, Laute arabisch; Hängematte hat nichts mit Matte und hängen zu thuu, sondern ist das umgebildete holländische liangmac, was spanisch hawaca und französisch hamac lautet. Zinn ist nach Humboldt(Kosmos) malaiisch, in seiner Heimath lautet das Wort timab; und Tombak ist das malaiische tambaga, was Kupfer bedeutet. 'Nur um nicht einförmig und langweilig zu werden, schließen wir diese Ucbersicht von deutschen Fremdwörtern, die wir noch bedeutend vermehren könnten. Wird nun, fragen wir, angesichts dieser wissenschaftlich festgestellten Thatsachcn jemand im Ernste wagen, grundsätzlich alles Fremde aus der dcutfdieii Sprache hinauszuwerfen? Wird er nicht Gefahr laufen, nur einen arm und beinlosen, verstümmelten Rumpf übrig zu lassen, der weder gehen noch stehen, weder leben noch sterben kann? Eine Radikal- kur ist offenbar ganz unmöglich, das dürste sich aus dem Vor geführten wohl ganz unzweifelhaft ergeben. Wem das aber schmerzlich sein sollte, den verweisen wir darauf, daß es anderen Völkern mit ihren Sprachen ganz ebenso geht. Zu allen Zeiten und in den Sprachen aller Völker, die wir zu stndircn Gelegenheit haben, bemerken wir Sprachmischung, lieber sctzung, Entlehnung. Seit Alexander dem Großen gingen in das Syrische und Chaldäische mit der Verbreitung der griechischen Sprache durch Vorderasien in immer größerer Menge griechische Wörter über! lateinische, trotz der römischen Weltherrschaft, soweit man das bis jetzt beobachtet hat, nur wenn sie vorher bereits in das Griechische gedrungen waren. Einige von diesen gelangten sodann mit syrischen Fremdwörtern zu den Arabern, und wenn Muhamed betet:„Fuhre uns die rechte Straße, die Straße derer, denen du gnädig bist!" so bedient er sich im Worte sirata desselben aus dem lateinischen strata stammenden Wortes, wie wir Deutschen in deni Worte Straße, das eigentlich den mit Steinen belegten und gebahnten Weg bezeichnet. Dnrch die Er- solge des Islam wurden Sprachen verschiedensten Ursprungs in Asien und Afrika, weniger in Europa, mit arabischen Wörtern überfluthet. Nachdem das Persische dieselben massenhaft in sich aufgenommen hatte, drang es selber mit so großer Gewalt in das Türkische, daß dessen Wortschatz nun förmlich aus drei verschie- denen Klassen besteht. Griechische Wörter und arabische Kunst- ausdrucke sind im Sanskrit, der alten Sprache der Jndier, in beträchtlicher Anzahl nachgewiesen worden; für ersteres nennen wir die viel angeführten Beispiele: das griechische alopex, der Fuchs, welches indisch umgebildet lopaka, und kentron, der Mittelpunkt, welches kenckra lautet. Wörter aus dem Sanskrit und seinen Dialekten Prakrit und Pali finden sich im Tibetanischen, Chinesischen, Birmanischen, ja, in den Sprachen der Südsee- Insulaner. Das Chinesische sehen wir in Japan die einheimische Sprache überwuchern, in Tibet in geringerem Grade. Der Kaiser Kien-lung ließ im Jahre 1771 ein Wörterbuch der Mandschu- spräche ausgeben mit ölXXI Wörtern, welche eingedrungene chinc- fische ersetzen sollten; dazu ward ein Gesetz erlassen des Inhalts, daß jeder, der im Geschäftsverkehr ein solches verpöntes Wort schrieb, namentlich wenn es Gegenstände des täglichen Gebrauchs bezeichnete, sogar körperlicher Züchtigung als Strafe gewärtig zu sein hätte. Was dem gut national gesinnten Kaiser dieser Utas genützt hat, wissen wir nicht, wir glauben, nicht viel. III. Im zweiten Abschnitt hatten wir die Geschicke nnsrer deutschen Sprache in kurzen Zügen gezeichnet und bis zur Neuzeit herauf- geführt. Wir hatten hingewiesen auf den besonders in neuester Zeit stark auftretenden Zug der Jnternatioualität im Geistes- leben, andrerseits auf das früh auftretende, verächtliche Herab- blicken auf das Einheimische des deutscheu Vornehmen und Ge- lehrten. Die Klage über die angebliche Uufügsamkeit der deutschen Sprache klingt uns auch in der Literatur entgegen von Otftied bis Goethe, und es würde uns leicht sein, hierfür Zeugnisse zu häufen. Jetzt wollen wir eine Epoche iiüs Auge fassen, die wir im abgedachten zweiten Abschnitt eben auch nur andeuten konnten, die aber für unsern Gegenstand äußerst wichtig ist: nämlich das Zeitalter des dreißigjährigen Krieges und die derzeitige Literatur, die weniger poetisch Wcrthvolles, als sprachgeschichtlich Wichtiges bietet, was namentlich unsern Gegenstand berührt. In jener trüben Zeit, da eine zügellose Soldateska, welche sich aus dem Abhub fast aller Nationen rekrutirte, mit Mord, Brand und Plünderung im Lande umzog, wo der zum Räuber entartete Landsknecht seine Orgien auf deutschem Boden feierte, in jener Zeit der tiefsten Erniedrigung und Schmach, in welche der Deutsche, namentlich der Volksfreund, nur mit größtem Kummer und unsäglichem Weh zurückzublicken vermag,— in jener Zeit geschah auch der deutschen Sprache die ärgste Gewalt. Diefts allgemeine Stelldichein der Völker, bei dem auf deutschem Grund und Boden Italiener, Spanier, Franzose», Engländer, Schott- länder, Schweden, �Norweger und auch wohl slavische Elemente ihr unheilvolles Wesen trieben, wo die deutscheu Gauen wider- hallten von einem Gewirr verschiedener Sprachen, welches viel- leicht nur mit jenem ersten Pstngstfest der schon stark mit sagen- haften Zügen ausgeschmückten Geschichte der christlichen Kirche verglichen werden kann, bei dem Parther, Meder, Elamitcr, die Bewohner von Judäa, Mesopotamien, Kappadozien, Poutus und Asien, von Phrygien, Aegypten, von den Enden der Lydien bei Cyrcne, Kreter und Araber zusammenkamen,- in dieser Zeit bewährte die deutsche Sprache ihre unverwüstliche Lebenskraft: wenn sie auch viel erleiden mußte und unzählige ftemde Körper in ihren Leib eingesprengt wurden, veränderte sie drum doch den innechen Kern ihres Wesens nicht: sie überdauerte die gewaltige «turmfluth! Die Gelehrten sprachen und schrieben in ihren Verhandlungen, in ihren Veröffentlichungen und Briefen, die ja leider nur für die Standes- und Berufsgenossen berechnet waren, lateinisch! selbst die deutsche Muse trat in dem lateinischen Gewand aus, welches in Schnitt und Fassung gestaltet war nach dem Muster der lateinischen Autoren der verfallenden Literatur des in Despotie ausartenden römischen Kaiserreiches, welches immer mehr einem Scherbenberg und Kehrrichthaufen ähnelte. Die Sprache des Rechts und der Gesetzgebung war die lateinische, lateinisch waren in der Mehrzahl die Gebete und Predigten, welche in den Kirchen und auf den Straßen widerhallten, nachdem die blutige kaiserlich- katholische Restauration und Gegenreformation die demokratischen Errungenschaften des Protestantismus zunichte gemacht hatte, der seine praktisch politischen, fortschrittlichen Strebungen verleugnete und die Ernst machenden Theile des Volkes nicht nur im Stiche ließ, sondern sie selbst grimmig anfeindete. Im I. 1558 hatte ein venetianischer Gesandter die Katholiken Deutschlands ans den zehnten Theil des Gesammtvolkes veranschlagt, zur Zeit des West- phälischen Friedens hatte der seiner Aufgabe untreu gewordene Protestantismus über die Hälfte seines Machtkreises und seiner räumlichen Ausdehnung verloren. Die Sprache der Diplomatie war neben der Sprache Italiens, welches durch seine ränkevollen Geschäftsträger diese Kunst der Lüge erfunden und in ein System gebracht hatte, das Französische, das mit Geschick das Gewebe da sorffetzte, wo es die Italiener hatten stehen lassen. Die Kriegskunst, in der italienische Coudottieri eine große Rolle spielten, brachte eine Unmasse fremder, meist romanischer Worte und Wendungen mit sich. Ein neues Element, ivelches mithilft, die deutsche Zunge zu verderben, tritt jetzt in's Leben. Die fliegenden Blätter und „neweu Zittungen" verwandeln sich allgeniach in regelmäßig wiederkehrende Zeitungen. Berichte über die einzelnen Szenen des tollen Hexensabbaths, der sich blutig auf deutscher Erde ab- spielte, füllten diese Blätter, und jene Fremdworte der Diplomatie und der romanischen Kriegskunst wurden durch sie gefestigt und in aller Leute Mund gebracht: sie wurden allgemein umlaufende Münze. In einem Werke jener Tage wird ein Buch besprochen, betitelt„Der Sprachverderber", und von ihm gesagt, daß es „nicht ohne Vrsach auch vber die Zeitungs- Schreiber entrüstet sei, daß sie so vugezwungen vnd vngetrungen die teuffche Sprach muthwilliger weiß verderben. Dann, lieber, wem schreiben sie die Zeitungen zu lesen? Nicht den Frantzosen, dann sie das Teutsche, so darinnen, in ihrer Sprach nit leiden, Massen ihnen alle Zeitungen ganz frantzösisch seyn müssen; nicht den Jtaliäuern, nicht den Spaniern: sondern es geschieht dem ehrlichen Teutschen zu lieb. Aber was ist das, da so viel Frantzösisch, Jtaliänisch, Spanisch darinnen, daß solches kein Deutscher verstehen kau, vnd ist gewiß, welcher nicht auch in Frantzösischem oder Jtaliänischem weis, daß derselbe kein Zeitung Verstehen kan." Die Hauptsturmfluth der Fremdwörterüberschwemmung kam von Frankreich her. Dessen lauge aufrecht erhaltene politische Uebermacht, das hohe Ansehen seines großen Ludwig und des glänzenden versailler Hofes waren die Hauptgründe; dazu kamen aber noch die überlegene Literatur des französischen„goldenen Zeitalters" und die bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen großer Gelehrter, welche als Leute von gutem Geschmack mit reichem Wissen das Talent verbanden, in populärer und anmuthiger Darstellung die Ergebnisse ihrer Arbeiten vorzutragen, sodaß sie allgemein wirkten, während in Deutschland die krasseste Geschmacklosigkeit herrschte,- das alles zusammen bedingte jenen ungeheuren Einfluß der ftanzösischen Kultur im allgemeinen, der französischen Sprache im besonderen. Da, wo die Bedrängniß am größten ist, macht sich natürlich auch der stärkste Gegendruck geltend. Bor allen Dingen sind hier zu nennen die deutschen Sprachgesellsch asten, wie der Palmen ordcn, die sich in Deuffchland nach dem Muster der florentiner Acadcmia della crusca bildeten, und wie diese die Reinhaltung und Pflege der nationalen Sprache sich zur Aufgabe machten. Die Mitglieder des Palmenordens sollten nach ihren Satzungen „vor allen die hochgeehrte Muttersprache in ihrem gründlichen Wesen und rechten Verstände, ohne Einmischung ftemder, aus ländischer Flickwörter, sowohl im Reden wie im Schreiben und Geschichten, auf's allerzier- und deutlichste erhalten und ausüben; auch soviel möglich, insonderheit bei den Mitgesellschaftern per- hüten, daß diesem in keinem nicht möge zuwider gehandelt, viel- mehr aber gehorsamlich nachgelebt werden." 68- Ter bei weitem angesehenste, aber ungeheuer überschätzte Poet des Zeitalters, Martin Opitz, trat ausdrücklich für„Reinlich kcit der deutschen Sprache, Verse und Reime" cim Er räumte so ziemlich griindlich ans in der Rumpelkammer der deutschen Poesie, etwas später merkte man freilich, das; er nur die leere Bude und kahle, nackte Wände zurückgelassen hatte: er war ja kein Dichter! Ein buntscheckiges Bild der sprachlichen Zustände gibt, zugleich mit der Absicht, dieselben zu geißeln, Andreas Gryphins in seinem Drama„Horribilicribrifax oder der schwermende Liebhaber", in dem der austretende Schulmeister von Latein und Griechisch trieft, der Hauptmann Horribilicribrifax von Donnerkeil ans Wust- hausen bringt masscuhast italienische Worte und Floskeln an, der Kapitän Diridaradatnmdaridcs Windbrecher von Tauscndmord französische, und endlich ein Jude mengt unter sein mauschelndes Judendeutsch holländisch. Den Hörern dieses Theaterstückes muß dabei angst und bange geworden sein und sie werden bei diesem Sprachallcrlei sehr viel auch nicht verstanden haben. Die romanischen Kulturen waren eben der deutschen so gewaltig überlegen, daß man blindlings alles Lon den Welschen zu über- nehmen nicht abgeneigt gewesen wäre. Aber wie in Rom Cicero und Valerius Maximus sich scharf und schneidig gegen das Ein mengen griechischer Worte kehrten, als die griechische Kultur zu Rom dieselbe Stellung einnahm, wie später die französische zur deutschen, wie ein römischer Grammatiker dem Kaiser TiberiuS, der ein Wort seiner Prägung»> die lateinische Sprache eingeführt wissen wollte, vorhielt:„Man kann wohl Ausländern das Bürgerrecht ertheilen, aber nicht Worten!"— so wendeten sich auch schon im 16. Jahrhundert wohlmeinende und gelehrte Männer gegcii die Sprachmengerei, welche thatsächlich die Kluft zwischen Gebildeten und dem„ungebildeten Pöfel" immer mehr erweitern half. Der Gebrauch von Fremdwörtern sollte ja eines der Unterschcidiingsinerkmale sein, durch welche sich die Vornehmen über das Volk zu erheben trachteten. Luther, der für Sprache und Literatur von ungeheurer Be dcutung ist, hat sich in seinen ans ein theologisch gelehrtes Publi kum berechneten Schristcn nicht freigehalten von Fremwörtern; ganz anders verhält es sich aber in seiner für das ganze Volk bestimmten Bibelübersetzung, in der er die Ausdruckssähigkcit der deutschen Sprache auf das glänzendste bewährte, und darin steht er weit über Vorgänger» und Gleichzeitigen. Aber schon Aegidius Tschudi, ein Zeitgenosse Luthers und Verfasser der bekannten Schtveizerchromk, sagt in seinem Werke, an einer Stelle sich gegen Fremdwörter wendend, von seinen gelehrten Zeitgenossen:„sie können nit ein linien onc latinische Wort schreyben", und knüpft daran Proben von Verdeutschungen.(Fortsetzung folgt.) Johann Wolf gang Goethe. Von Dr. Mar Vogker. (Fortsetzung.) Am 19. Oktober des gcnannten Jahres wurde der Dichter bei der juristischen Fakultät inskribirt. Er war an den Hofrath Böhmer, Professor an der Universität, empfohlen und bemühte sich anfangs, den ihni von diesem ertheilten Rath, seine eigensten Neigungen, die, wie gesagt, ans das Studium der schönen Wissen- schasten, der Kunst und Geschichte gingen, zwar nicht völlig zurück- zndrängen, sich aber vor allem, dem Willen des Baters gemäß, ans die Jurisprudenz als Hauptsach zu werfen, zu befolgen und ernstlich zu stndircn; aber iveder die Vorlesungen ans dem einen, noch auf dem andern Gebiete vermochten ihn zu befriedigen, selbst das Kolleg über Literaturgeschichte bei Gellert nicht, und er zog es bald vor, die akademische Freiheit in vollen Zügen zu genießen, ivozu er umsomehr in der Lage war, als man zuhause nicht vcr- säumt hatte, ihm die Taschen mit vollen Beuteln zu füllen. Für seine Stimmung während der ersten Tage seines'Aufenthalts in der Universitätsstadt sind folgende Stellen ans den an einen Freund gerichteten Briefen charakteristisch. „Leipzig, den 29. Oktober 1765, morgens um 6: Riese, guten Tag! Den 21. abends um 5: Riese, guten Abend! Ich lebe hier wie— wie— ich weiß selbst nicht recht, wie. Doch ungefähr So wie ei» Bogel, der auf einem Ast Im schönsten Wald sich Freiheit athmend wiegt, Der ungestört die sanfte Luft genießt, Mit seinen Fittigen von Baum zu Baum, Bon Busch zu Busch sich singend hinzuschwingcn. Genug, stellt Euch ein Vöglcin ans einem grünen Acstlein in allen seinen Freuden für, so leb' ich."—„Ich habe heute zwei Kollegien gehört: die Staatengeschichtc bei Professor Böhmer und bei Ernesti über Cicerons Gespräch voni Redner.'Nicht lvahr, das ging an? Die andre Woche geht Collk 300 Rt., was sage ich, mit 200 Rt. auszukommen. NB. Das nicht mitgerechnet, was schon zum Henker ist." Bedeutenden Einfluß übte die geistreiche Frau des Hofraths Böhmer auf ihn aus. Sie bemühte sich nicht blos, ihn Anstand und feine Lebensart zu lehren, sondern auch seinen ästhetischen Geschmack z« läutern, indem sie ihm u. a. unumwunden sagte, daß seine bisherigen Arbeiten zu nichts taugten, als das Kamin feuer damit anzumachen; und in der That hatte dieses bittre Urtheil den Erfolg, daß er sich bei nochmaligem Nachlesen von der Wahrheit desselben überzeugte und eines Abends„Poesie und Prosa, Pläne, Skizzen und Entwürfe sämmtllch zugleich ans dem Küchenherde" verbrannte. Auch dllrch eine Anzahl literarisch feiner gebildeter Tischgenosscn im Hause des Wcinhändlers Schönkopf, in welches ihn sein um zehn Jahre älterer Landsmann und nach- heriger Schwager, der damals auf der Durchreife einige Zeit in Leipzig anwesende Johann Georg Schlosser einführte, fand er mannichfachc Anregungen, und verliebte sich nebenbei in Schönkopfs schöne Tochter Anna Katharina oder Käthchen, die er in„Wahr- heit und Dichtung" unter dem Namen Aennchen und Annette erwähnt. Er erwarb sich auch die Gegenneigung Käthchens, verscherzte sie aber durch wiederholte tyrannische Grillen und eiser süchtige Launen, was er hinterher bereute und in wilden Zer streuungen bei Pokal und Karten die bitteren Vorwürfe, die ihm das eigne Herz machte, zu betäuben suchte. Aber diese Blittel wollten nicht fruchten, und als er nnr immer größerer Verzweiflung und Vereinsamung anheimfiel, suchte er den Trost da, Ivo ihn eben jeder ächte Dichter sucht und zu finden weiß: in der eigenen Brnst, indem er seine Gefühle dichterisch aussprach und in dieser Weise sanft die ans ihm ruhende Last löste. So schuf er nicht blos eine Anzahl lyrischer Gedichte, in denen er seine Empfindungen ausströmte, sondern es entstand auch das Schäferspiel:„Die Laune des Verliebten", welches die deutlichsten Beziehungen zu seinem Verhältniß mit Käthchen Schönkops verräth, und in welchem er u. a. in offenbarem Hinblick auf sich selbst die Worte aussprechen läßt: „Da er kein Elend hat, will er sich Elend machen____" Es begann also damit„diejenige Richtung, von der er sein ganzes Leben nicht abweichen konnte, nämlich das, was ihn er- freute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit sich selbst abzuschließen, um sowohl seine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als sich im Innern deshalb zu beruhigen." Ein zweites Lustspiel, welches, wenigstens in seiner ersten Ge- stalt, während dieser Zeit entstand, sind„Die Mitschuldigen", das erste einer Reihe von Stücken, die er nach moliäre'schem 69 Muster zu schaffen sich vornahm, von der aber eben nur dies eine wirklich fertig wurde. Dieses Lustspiel sollte einen Einblick in die Schäden der damaligen bürgerlichen Gesellschaft gewähren, in deren tiefere Schichten er inzwischen durch seinen Umgang mit dem wunderlichen, aber auf den jungen Dichter höchst einflnß- reichen Hofmeister Lahrisch gerathen war. Von den weitereu Kreisen, mit denen Goethe in Leipzig Um- gang pflog, seien hier vor allem noch die Familien Breitkopf und Oeser genannt. Im Hause der ersteren fand namentlich seine Liebe zur Musik reiche Befriedigung, während er bei dein an zweite» Stelle genannten Manne, dem Direktor der Zeichen- akademie, Gelegenheit hatte, sich in der schon vordem von ihm geübten Zcichenkunst mehr zu vervollkommnen und sich überhaupt eine größere Kenntniß der bildenden Künste und einen sichercrn Geschmack zu erwerben. Er nahm sogar bei dem Kupferstecher Stock Unterweisung in der Kunst des Aetzens und des Holz- schnitts. In seiner ästhetischen Bildung wurde er ferner auf das bedeutendste gefördert durch Lessings im Jahre 17«iK erschienenen „Laokoon" und das im folgenden Jahre veröffentlichte Lustspiel „Minna von Barnhelm". Oeser hatte ihn bereits mit den Schriften Winkelmanns bekannt gemacht und sein hohes Jnter- esse an diesem genialen, bald darauf zu Trieft ermordeten Manne zu wecken getvußt.� lieber Lessings„Laokoon" gcrieth er nun vollends in Enthusiasmus.„Man muß"— schrieb der Dichter später—„Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung Lessings Laokoon auf uns ausübte, indem dieses Werk uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriß. Das solange mißverstandene: ,ut pictura poesis'(baß die Malerei zur Dichtkunst werde) war auf einmal beseitigt, der Unterschied der bildenden und Redekünste klar, die Gipfel beider erschienen nun getrennt, wie nah ihr Unterbau auch zusammenstoßen mochte." Durch den„Laokoon" wurde er auch bewogen, eine Reise nach Dresden zu unter- nehmen,„um der ihm gewordenen blitzartigen Erleuchtung durch eine umfassende, großartige Anschauung zu Hülfe zu kommen," wie ihm eine solche in der Gemäldegalerie sowohl wie in der Sammlung des Direktors von Hagedorn geboten war. Die eine Zeitlang geführte lockere Lebensweise, das„schwere merseburger Bier" und eine schlechte Diät hatten allmählich die Kräfte des jungen Stürmers und Drängers, denn als solcher stellt sich uns Goethe in der ersten Periode seines Lebens durch- aus dar, merklich aufgerieben, und ein Blutsturz, der ihn in einer Sommernacht von 1768 befiel, drohte dieselben in der aller- gefährlichsten Weise zn schwächen. Zwar entging er der Gefahr, aber eine am Halse entstehende Geschwulst verursachte ihm fernere Leiden, während deren ihn die allenthalben bewiesene Liebe und Zuneigung vorzüglicher Menschen und die Beschäftigung mit den griechischen Klassikern aufrichteten und eine Ruhe und Sammlung seines Geistes herbeiführten, wie er sie vorher seit langem nicht gekannt. Nichtsdestoweniger befand er sich bald darauf wieder in einem Zustande religiöser' Zweifel, welcher sich ihm durch neuerliche Beschäftigung mit der Bibel mitgetheilt hatte,—„des Glaubens leer, aber vor dem Skeptizismus bange". In dieser Gemüthsverfassung und noch immer körperlich leidend, kehrte er im September 1768, nach dreijährigem Aufenthalte in Leipzig, nach Frankfurt zurück. Hier fand er von Seiten der Mutter und Schwester die liebe vollste Pflege, während der Vater, wenigstens„so gut er konnte, den Verdruß verhehlte, anstatt eines rüstigen, thätigeu Sohnes, der nun promoviren und die vorgeschriebene Lebensbahn durch laufen sollte, einen Kränkling zu finden, der noch mehr an der Seele als am Körper zn leiden schien". In seiner damaligen Stimmung war er den Einflüssen des um 26 Jahre älteren Fräuleins von Klettenberg, einer Freundin seiner Mutter, mit der er schon früher in Berührung gekommen war, und die ihn in die Jrrgänge eines schwärmerischen Mystizismus hineinzuziehen suchte, zugänglich. Er ließ aus ihren Unterhaltungen und Briefen später die das sechste Buch von„Wilhelm Meisters Lehrjahren" bildenden„Bekenntnisse einer schönen Seele" entstehen, und hatte von dem Berkehr mit ihr wenigstens den Vortheil, jene kabba listischen und alchemistischcn Geheimnisse und Künste kenneu zu lernen, deren auf ihn geübte Anziehungskraft in ihm den Gedanken der schon früh geplanten Schöpfung seines„Faust" in bedeutendem Grade stärkte. Ueberhaupt wurde ihm dadurch die Anregung zu naturwissenschaftlichen Beschäftigungen gegeben und ihm eine genauere Bekanntschaft mit der Kirchen- und Ketzer- geschichte vermittelt. Seine Gesundheit befestigte sich allmählich wieder, und nach- dem die eine Zeitlang gehegten Pläne, wieder nach Leipzig oder »ach Paris zu gehen, fallen gelassen worden waren, bezog er auf den Rath des Vaters im Frühjahr von 1770 die Universität Straßburg.(Fortsetzung folgt.) Henry Charles Carey�). Sonntag den 12. Oktober dieses Jahres starb zu Philadelphia in den Vereinigten Staaten, im Alter von fast 86 Jahren, Henry Charles Carey, einer der bekanntesten und einflußreichsten Nationalökonomen der Neuzeit. Er gehörte nicht zur Gelehrtenzunst. In England und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist die Wissenschaft mehr mit dem praktischen Leben verquickt als in Deutsch- land, wo sie sich nur zu sehr von dem Leben abschließt und darum leicht zur Zunft- und Zopfgelehrsamkeit wird. In Deutschland kann man sich einen Mann der Wissenschaft nicht gut ohne Gelehrtentitel denken: er muß zum mindesten„Doktor" sein, womöglich aber auch „Professor". Anders in den beiden genannten Ländern— von Frank- reich gilt es weniger—, wo die bedeutendsten, bahnbrechendsten Ge- lehrten häusig gewöhnliche, bürgerliche Stellungen bekleiden und im Staats- oder Geschäftsteben praktisch thätig sind. Nehmen wir grade die Wissenschaft, als deren Vertreter sich Carey einen Namen, wir könnten vielleicht sagen Ruhm erworben hat: die Nationalökonomie. Der größte englische Oekonom, Ricardo, war Bankier, und der größte ainerikanische Oekonom, Ricardo's Widerpart: Carey, war Buch- Händler. Der Lebenslauf Carey's ist rasch erzählt. Am 13. Dezember 1793 wurde er zu Philadelphia gebore» als der Sohn eines irischen Flucht- lings, Matthew Carey, der kurz vorher aus Dublin eingewandert war und in der Hauptstadt von Pennsylvanien eine Buchhandlung gegründet hatte. Der alte Carey war in gute» Verhältnissen und ließ seinem Sohn eine sorgfältige Erziehung angedeihen. Schon im Jahre 1814, also erst 21 Jahr alt, trat dieser als Theilhabcr in das Geschäft des Balers ein, und entfaltete in demselben eine außerordentliche praktische Tüchtigkeit. Im I. 1821, nach dem Tode des alten Matthew, übernahm er die alleinige Leitung des Geschäfts, welches durch ihn zu solcher Blüthe gebracht ward, daß er sich nach vierzehn Jahren, 1835, mit einem beträchtlichen Vermögen, welches er in industriellen Unternehmungen anlegte, aus dem eigentlichen Geschäftsleben zurückziehen konnte. Er hatte nun die solange ersehnte und erstrebte-Muße. Schon früher hatte *) Sprich henilri sHeinrich) tschahrls Gary fährt. er sich viel mit wirthschaftlichcn Fragen beschäftigt und verschiedene Aufsätze für Zeitungen geschrieben: jetzt widmete er sich ganz der wissenschaftlichen und schriststellerischen Thätigkeit. Sein Leben verlief sehr ruhig. Der Politik blieb er fern, nur an den Kämpfen aus wirth- schaftlichem Gebiet betheiligte er sich. Seine Geburtsstadt hat er— wenn wir einige Reisen abrechnen— niemals verlassen; in ihr ist er auch gestorben. Die erste größere Schrift Carey's, sein„Lssa� on the Rate of Wages"(Abhandlung über die Lohnhöhe) erschien im Jahre 1837; sie polemisirt gegen die Vorlesungen des englischen Vulgär- Oekonomen Senior, eines seichten Predigers und Mißverstehers der Adam Smith schen Lehre, und greift den Satz an, daß hohe Unternehmergewinne niedere Arbeitslöhne bedingten. Schon in dieser Schrift wandte sich Carey scharf gegen Ricardo. Das nächste Werk, welches er veröffentlichte, seine„Urmeiples of Folitical Economy"(Grundsätze der Nationalökonomie) enthält be rcits niehr oder weniger vollkommen ausgebildet das, was man unter dem„Carey'schen System" zu verstehen pflegt. Im Gegensatz zu der englischen Schule, will er den„Werth" nicht aus der Arbeit her leiten, sondern dcfinirt ihn als„das Maaß der Macht der Natnr über den Menschen", während er die„Nützlichkeit" als„das Maß der Macht des Menschen über die Natur" definirt, was unzweifelhaft etwas seltsam, vielleicht sogar tiessinnig klingt, aber sicherlich keine Wider- legung der großen englischen Oekonomen ist. Auch die samose Lehre von der„Harmonie der Interessen" und von einer„gerechten Bertheilung der Güter" durch„Schutz der nationalen Arbeit" findet sich in dieser Schrift schon in ihren Umrissen. In seinem 1848 erschienenen:„TKe Fast, the Fresent aud the Future"(Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) unterwirsl Carey die Ricardo'sche Grundrententheorie einer eingehenden Kritik, und glaubt deren Unrichtigkeit dadurch zu beweisen, daß er sie in Widerspruch mit den amerikanischen Erfahrungen bringt. Nach Ricardo's Theorie besteht die Grundrente bekanntlich in der Differenz des Ertrags einer bestimmten Bodenqnalität mit dem Ertrag der niedersten Bodenqualität, die überhaupt eine wirthschaftliche Bebauung zuläßt. Die niederste Bodenqualität liefert also keine Grundrente, und die höheren Bodenqnalitäten ninsomehr, je größer die Differenz. Nehmen wir z. B. an, der Ertrag des Acres niederster Qualität be- trüge 18 Bushel(der Bushel gleich SS'/a Liter), so würde die Grund- rente von einem Acre, der 20 Bushel liefert, den Preis von zwei Bushels— von einem Acre, der 25 Bushel liefert, den Preis von sieben Bushels betragen u. s. w. Natürlich ist hierbei der Ertrag bei gleicher aufgewandter Arbeit gerechnet. Ganz nebenbei macht nun Ricardo die Bemerkung, daß das beste Land zuerst okkupirt worden sei, daß, erst wenn das beste Land erschöpft, das Land zweiter Qualität in Bebauung genommen werde u. s. w., bis die wirthschastliche Grenze erreicht ist. An diese, wie gesagt, ganz nebensächliche Bemerkung, welche das Fun- dament der Theorie absolut nicht berührt, klammert Carey sich an, zeigt, daß die Ansiedler in Amerika nicht den besten und settesten Boden, der zu dicht bewachsen oder mit Sümpfen bedeckt ist, sondern den geringeren, leichter rodbaren Boden zuerst besiedeln, und daß erst später die schwerer zu bebauenden besseren und fetteren Bodensorlen folgen. Das ist unzweifelhaft richtig, beweist aber durchaus nichts gegen die Ricardo'sche Theorie, ja, widerlegt, genau betrachtet, nicht einmal die erwähnte Behauptung Ricardo's, denn das„beste" Land, welches zuerst okkupirt wird, soll nur dasjenige Land bedeuten, welches sich im Moment der Okkupation am besten zur Kultur eignet. Sumpf- laud, welches, nach erfolgter Drainirung und Urbarmachung, Boden erster Qualität enthält, ist thatsächlich werthlos solange die Draini- rung und Urbarmachung noch nicht erfolgt ist. Es hat Ricardo natürlich nicht in den Sinn kommen können, zu behaupten, das Land, welches bei der ersten Okkupation das beste war, sei auch das beste geblieben und müsse für ewige Zeiten das beste bleiben. Abgesehen davon, daß die Okkupation überhaupt nicht wörtlich zu nehmen, sondern blos beispielshalber in diöser Form aufgestellt ist, macht es, ivie ein Aufsatz der„Frankfurter Zeitung" mit Recht hervorhebt, gar keinen Unterschied, ob die Ertragsdifferenz, welche die Grundrente ergibt, bei intensiver Bodenwirthschaft aus der größeren natürlichen Fruchtbarkeit, oder bei extensiver Wirthschaft aus den geringeren Kulturkosteu entspringt. Direkter in die Tagessragen greift Carey mit seiner nächsten, 1852 veröffentlichten Schrift ein:„Tbe harmony of interests, agricultural, manufacturing aud commercial"(die Harmonie der Interessen in Ackerbau, Industrie und Handel). Hier wird die Lehre von der„Har- monie der Interessen" näher entwickelt, lladeut sua tata libkili. Nicht blos Bücher, auch Lehren und Theorie» haben ihre Geschichte. Wem in Deutschland ist die„Harmonie der Interessen" nicht ein ge- läusiges Schlagwort, sei es im Ernst oder im Spott? Und wer in Deuischland glaubt nicht, daß sie heimisches Gewächs oder höchstens, daß sie aus dem benachbarten erbfeindlichen Frankreich importirt worden? Sonderbare Schwärmerei. Die schöne poetische Lehre ist auf dem nüchternen Boden Englands geboren, von da nach den Bereinigten Staaten emigrirt, und dort von Carey in Pflege genommen und mit dem Gewände der Wissenschast versehen worden. Und so zugerichtet, machte die Lehre le tour du mondo— die Reise um die Welt, wobei sie dann allmählich auch nach Deutschland kam, aber auf dem üblichen Umweg über Frankreich. Es scheint manchmal, es gäbe in Deutschland niemand, der englisch versteht— wenigstens nicht genug, um eine Schrift über Nationalökonomie zu lesen. Erst muß sie in's Französische übersetzt und französisch verwässert und verzuckert werden, ehe sie für den deutschen Gaumen genießbar wird. So ging es so ziemlich mit der ganzen englischen Nationalökonomie, und so ist es auch mit der Carey'schen„Harmonielehre" gegangen: sie mußte erst von Bastiat französisch geleckt, verflacht und süßlich seuilletonisirt werden, um in Deutschland Eingang zu finden, nachdem sie seitens des deutschen Be- arbeiters aus dem Französischen ungefähr dieselbe Verballhornung er- fahren, wie seitens des französischen Bearbeiters aus dem englischen Urtext. Der Hauptzweck dieses Werkes war aber die„wissenschaftliche Begründung" des Schutzzolls— ein Thema, mit welchem wir uns hier nicht befassen können. Genug, unter den wissenschaftlichen Ver- theidigern des„Schutzzollprinzips" nimmt Carey ohne Widerrede den ersten Rang ein. Ist es ihm auch nicht gelungen, und konnte es ihm nicht gelingen, eine einfache Frage der Praxis zu einem Postulate der Wissenschast zu erheben, so hat er die Frage doch mit unverkennbarem Geschick behandelt und alle», die jetzt in Deutschland das Evangelium des rettenden Schutzzolls predigen, ihre„geistigen Waffen" geliefert. „Der Schutz der nationale» Arbeit", die physiokratischen Angriffe auf de» Handel, die pseudosozialistischen Forderungen der„Rechte der Arbeit" und einer„gerechten Gütervertheilung", die Tiraden gegen das„laissez faire laissez aller"— nichts fehlt in dem Carey'schen Buch, aus welchem die deutschen Schutzzöllner noch viel lernen und plagiiren können. In seinem letzten und umfangreichsten Werk:„Lrinciples of Social Science"(Grundsätze der Gesellschaftswissenschaft, 1857—62 in 3 Bdn.) saßt Carey seine ganze Lehre in ein„System" zusammen. Eigentlich ist es nur eine Wiederholung seiner sämmtlichen früheren Schriften, die, mit einigen Abänderungen, Umarbeitungen und Lückenaussüllungen in eins verschmolzen sind. Es ist deshalb auch nichts Besonderes darüber zu sagen. Blos der vermeintlichen Widerlegung der Malthus- scheu Bevölkerungs lehre sei erwähnt. Diese lautet: Die Güter der Erde vermehren sich in arithmetischer, die Bevölkerung der Erde in geometrischer Progression, also viel rascher, sodaß, wenn der natürlichen Zunahme der Bevölkerung nicht gesteuert wird, Uebervölkerung ein- i ireten muß. Das leugnet Carey, der stets die amerikanischen Verhältnisseim Auge hat, und behauptet„die unbegrenzte Ausdehnungs- und Entwick- lungssähigkeit der Menschen und ihrer materiellen Kultur"— was man in Amerika, das mit Leichtigkeit eine zehnfache Bevölkerung zu ernähren ver- mag, allerdings ohne große Gefahr sagen kann. Im Zusammenhang mit dieser„Widerlegung" des Malthus stellt Carey eine„neue Theorie der Gütervertheilung" auf, nach welcher der Antheil der Arbeit sowohl als des Kapitals an dem Nationaleinkommen beständig wachse, und zwar der Antheil der Arbeit in stärkerem Maße, als der des Kapitals. Ein schöner Traum, dem von der harten Wirklichkeit und der unsentimen- talen Wissenschaft der Nationalökonomie leider das Bürgerrecht auf dieser realen, bürgerlichen Welt nicht ertheilt wird. Sind wir nach dem von uns Ausgeführten auch nicht in der Lage, in die Lobreden der Bewunderer einzustimmen und Carey für den größten Nationalökonomen der Neuzeit, wo nicht aller Zeiten, zu er- klären, so müssen wir ihn doch als einen der Auserwählten anerkennen, die dem Jahrhundert seinen geistigen Stempel haben ausdrücken helfen. -cdt. Die erste Lokomotive der Eisenbahn von Stockton nach Darlington.(Bild Seite 64.) Nachdem wir in Nr. 5 die Entstehung der Eisenbahn entworfen, wollen wir auch die Geschichte ihrer Bestand- theile in Umrissen schildern. Wenn sich die Eisenbahn, d. h. das paarige Schienengeleis auch nicht eines vorsintfluthlichen Alters rühmen kann, so können doch bereits in dem klassischen Alterthum der Griechen ihre Uranfänge in jenen Steingeleisen nachgewiesen werden, aufweichen schwere Marmorblöcke nach den Baustätten der Tempel und ganze Schiffe von der Nord- nach der Südseite des korinthischen Isthmus (Griechenland) bewegt wurden. Daß auch dem praktischen Sinn der Römer sehr bald die Zweckmäßigkeit derartiger Spurbahnen für den Transport großer Lasten in die Augen sprang, lassen uns die in dem ausgegrabenen Pompeji bloßgelegten Spurbahnen(mit vertieften Geleisen) erkennen. In ihrer primitiven Form begegnet uns diese Spur- bahn in den Bergwerken des Harzes wieder. Auf zwei langen Balken, welche beiderseitig mit Randleisten versehen waren, rollten hier die Räder des Landfuhrwerkes hin. Ein Pferd konnte auf solchen Bahnen 46—56 Centner fortbewegen. Durch deutsche Bergleute, welche die Königin Elisabeth nach England rief, fand auch dort dieser Fortschritt im Transportwesen Eingang. Um die immerhin noch bedeutende Reibung zu verhindern, nagelte man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eiserne Schienen aus die Längsbalken, die ihrerseits wieder auf Querriegeln ruhten. Die von dem Engländer Outram seit 1793 eingeführte Spurbahn(in der Folge sOus-Tram Way genannt) hatte statt der Balken eine Unterlage von Steinblöcken; aber diese Einrichtung erwies sich als unpraktisch, so daß auch ferner die hölzerne Unterlage für Spurbahnen beibehalten wurde. Zwar hatte schon im Jahre 1865 der Engländer Nixon die spröden gußeisernen Schienen durch schmiedeeiserne zu ersetzen versucht; aber ein bedeutsamer, solge- reicher Schritt, der zur Vervollkommnung des heutigen Eisenbahn- wesens führen konnte, wurde erst 1826 durch John Berkinshaw gethan, indem derselbe das Walzen der Schienen erfand. Die durch die Eisenbahnen hervorgerufene segensreiche Umwälzung des ganzen Landverkehrs wäre aber noch lange Zeit ausgehalten worden, wenn nicht auch neben den Schienenwegen das Eisenbahnfuhrwerk fort- währende Verbesserungen erfahren hätte, bis endlich auch die Lokomo tive(der sich von der Stelle bewegende Wagen, welcher einen Dampf- kessel und eine Dampfmaschine trägt, die mittels Umdrehung der einen Radachse das Ganze in fortschreitende Bewegung setzt), als Hauptmotor in den Eisenbahnbetrieb eintrat. Sehen wir uns an der Hand der Kulturgeschichte die Wandlungen an, welche die Lokomotive durchmachen mußte, bis sie ihre heutige Gestaltung bekam. Kaum war die Dampfmaschine in den Kreis des Kulturlebens ein- getreten, als man auch schon bemüht war, ihr eine möglichst vielseitige Anwendung zu geben. Dahin gehörte auch das Bestreben, sie zur Be wegung der gewöhnlichen Straßensuhrwerke zu benutzen, die anima- lische Zugkrast durch die Bewegung mittels unorganischer Kraft zu er setzen. Ein Mann, Namens Man de Caus, der im Narrenhause von Bicetre gestorben ist, ist der Schöpser dieser Idee. Savery machte 166 Jahre später den Vorschlag, die Dampfmaschine als Beweger der Straßenfuhrwerke zu benutzen. Allein weder bei ihm, noch bei Robison (1759), dem Jugendfreunde Watts, und seinem Mitarbeiter an der Vervollkommnung der Dampfmaschine, ist von einer Ausführung dieser Idee etwas bekannt geworden. Der erste, dem es wirklich gelang, einen Straßendampswagen zu konstruiren, war der französische Inge- nienr Cugnot, der 1796 Probefahrten auf dem pariser Straßenpflaster unternahm. Doch fielen die Versuche ziemlich ungünstig aus; Cugnots Wagen wurde dem Conservatoire des Arts et des Metiers in Paris einverleibt, wo er noch heutigen Tags zu sehen ist. Nach vielen Mühen und Drangsalen glückte es endlich Oliver Evans im Winter von 1863 aus 1364 die erste Straßenlokomotive in Gang zu bringen. Es wird von ihr berichtet, daß sie„in Angesicht von wenigstens 26,666 Zu- schauern durch die Straßen von Philadelphia bis an den Schuytkill- fluß" ihren Lauf nehmen konnte. In England bemächtigte sich fast gleichzeitig dieses Gegenstandes ein Ingenieur der Zinnbergwerke von Cornwall, Richard Trevithik mil Namen. Er nahm mit Andrew Vivian 1862 ein Patent auf seine„dampfgetriebene» Wagen" und f schon zwei Jahre darauf sehen wir die erste durch Taiupf getriebene, . auf Rädern bewegliche Maschine einen Kohlenzug auf den Steigungen der Merthqr-Tidvil-Bahn in Süd-WaleS emporschleppen. Diese Loko- motive besaß bereits viele wesentliche Bestandtheile unserer jetzigen Maschinen, namentlich auch das Dampsblasrohr, durch welches der aus dem Dampszylinder entweichende Dampf in den etwa 12 Fuß hohen Dampsschornstein geblasen wurde. Der Hauptfehler dieser Uebergangs-Lokomotive bestand darin, daß ihr Gewicht zu gering war, um zwischen den glatte» Rädern und den Bahnschienen genügende Adhäsion zur Fortbewegung des Zugs hervor- bringen zu können. Diesem Fehler hat erst George Stephenson im Jahre 1814 abgeholfen. Unsere Abbildung zeigt jene verbesserte Loko- motive, wie sie zuerst auf der Killingworth und Stockton-Darlington- Bahn im Gebrauch war und mit unwesentlichen Aenderungen bis zum Jahre 1829 in Anwendung blieb. Wir sehen daran den zylindrischen Dampfkessel, der aus vier glatten Rädern ruht; aus dem Obertheil desselben befinden sich zwei senkrecht stehende Dampfzylinder, in denen die dampsdichten Kolben hin und hergeschoben werden. Die Bewegung der Kolbenstangen ist mit Hilfe zweier Schwebearme(Balanciers) auf die Achsen der Räder übertragen, wodurch die Drehung der letztern bewirkt wird. Die beiden Radachsen sind durch äußere Küppelstangen mit einander verbunden, und schon ist ein Mechanismus vorhanden, durch welchen man je nach Ersordcrniß das Vorwärts- oder Rückwärts- fahren der Maschine veranlassen kann. Die Speisung des Dampfi kessels verrichtete eine von der Maschine getriebene Druckpumpe, die ihr Wasser von dem hinter der Lokomotive befindlichen Tender zog, der überdies auch noch die nöthigen Steinkohlen trug. Die größte Leistung einer solchen Maschine, die mit dem Tender ungefähr zehn Tonnen wog, bestand in der Fortschaffung von etwa vierzig Tonnen Last mit einer Geschwindigkeit von sechs englischen Meilen in der Stunde. Daß diese vielgegliederte Lokomotive verglichen mit unserer heutigen, viel einfacher konstruirten, in Bezug aus Bewegungsgeschwindigkeit mit der Schildkröte verglichen worden ist, brauchen wir wohl nicht anzuführen. Schon George Stephensons Sohn, Richard, hat die Erfindung des Vaters bedeutend vervollkommnet, aber die meisten Umgestaltungen erfuhr die Lokomotive in den letzten zwanzig Jahren. Sehen wir einmal einer Schnellzugslokomotive neuester Konstruktion ins Innere. Der große zylindrische Dampfkessel ist ein Röhrenkessel geworden. Der gebildete Dampf sammelt sich vorzugsweise in der Kuppel, in welcher sich die mitgerissenen Wassertheilchcn absetzen, und wird von dort durch ein weites Rohr in die Schieberkästen und aus diesen, wie bei jeder Dampfmaschine, abwechselnd zu den beiden Seiten der Dampfkolben gesührt. Das aus dem Kessel ausgehende Rohr ist durch einen Schieber ver- schließbar, welchen der Führer mittels eines Hebels vor und rückwärts schieben kann, wodurch dann überhaupt der Dampf zur Maschine zu- gelassen und wieder abgesperrt wird. Dieser Dampfrohrschluß trägt hier den Namen Regulator, und der Hebel heißt Regulatorhebel, weil der Führer mit diesem den Gang der Maschine rcguliren oder ganz abstellen kann. Durch den vorderen Boden des Zylinders geht eine Kolbenstange, die mit der Bläuelstange und einer Kurbel verbunden ist. Die Achse der letzteren ist zugleich die Achse der Treibräder, welche durch das Spiel des Kolbens in Umdrehung versetzt werden und dadurch die Bewegung der Lokomotive bewirken. Die Führung des Berthei- lungsschiebers geschieht durch eine excentrische Scheibe; doch sind deren zwei vorhanden, die dicht hinter einander liegen und in ihrem Gang um circa 189 Grad verschieden sind, so daß sie gleichzeitig in den ent- gegengesetzten Stellungen ankommen. Diese beiden Exccnter, deren eins den Vorwärts-, das andere den Rückwärtsgang der Maschine be- wirken, greifen nun an den beiden Enden eines schmiedeeisernen Bogens, der Kulisse, an, welche einen Gleitbacken umfaßt, mit dem die Schieber- stanze vorn endet. Hebt man die Kulisse, so wird die Wirkung des oben angreifenden Excenters auf den Schieber übertragen, und die Maschine läuft so, wie es der Steuerung durch dieses Excenter zu- kommt, d. h. die Kurbel dreht sich in der dem steuernden Excenter zugewendeten Richtung. Senkt man jedoch die Kulisse und bringt den Angriff des zweiten Excenters zur Wirkung aus den Schieber, so folgt wieder die Drehrichtung der Stellung dieses Excenters, d. h. der Gang wird verkehrt, nachdem die beiden Excenter prinzipiell um 189 Grad von einander abstehen. Diese vor- oder rückwärts steuernde Stellung der Kulisse geschieht durch die Hand des Lokomotivsührers und zwar durch einen Hebel, den sogenannten Reversirhebel, von dem eine Stange zu jenem Winkelhebel führt, an dem die Kulisse hängt. Der von der Maschine abströmende Dampf entweicht durch ein Rohr in die Rauchkammer unter den Schornstein, wo er mit solcher Gewalt ausströmt, daß er einen Theil der Luft aus der Rauchkammer mitreißt und so einen luftverdünnten Raum erzeugt, der sich durch die Siederöhren bis in den Feuerraum fortpflanzt und jenes heftige Nach- strömen frischer atmosphärischer Lust durch die Rostspalten zur Folge hat, welches die lebhafte Verbrennung des Brennmaterials trotz des Mangels einer sonstigen Esse bewirkt. Die arbeitende Mündung des Dampsausströmrohrs beißt Blasrohr, und ihr Querschnitt kann vom Führerstande aus lippenförmig vergrößert oder verkleinert werden, in welch letzterem Fall der theilweise gestaute Dampf, mit größerer Ge- schwindigkeit ausströmend, eine stärkere Ansachung des Feuers zur Folge hat. Die schmalen und sehr zahlreichen Stäbe des Rostes liegen sehr nahe aneinander; die am tiefsten gelegene Abtheilung des Rostes ist- zum Kippen eingerichtet; die Feuerthür besteht aus zwei Flügeln, von denen ein jeder durch einen mit eisernen Beschlägen versehenen Ziegel- stein gebildet wird, welcher Löcher enthält, die den direkten Zutritt der Luft zu dem Brennmaterial gestatten. Das Brennmaterial wird nur in einer Schicht von fünf Centimeter Höhe über die Rostfläche vertheilt; die Roststäbe gestatten nur ein Reinigen des Rostes von oben, die Feuerthür ist daher sehr breit, und die Oberfläche vom nn- tern Theil ihres Rahmens liegt in gleicher Höhe mit der Rostfläche. Die Schlacken werden entweder durch das Umkippen des unteren Rostes abgeworfen, oder durch die Feuerthür herausgezogen, und durch ein Fallthürchen in der Stehplatte des Maschinisten entfernt. Die Treibzylinder liegen bei der Lokoniotive unseres Bildes inner- halb der Räder, also unterhalb des Kessels, und die Lenkstangen hängen mit Kurbeln zusammen, welche in dem Körper der Radachse selbst ausgeschmiedet sind. Bei den neueren Maschinen liegen die Treibzylinder außerhalb der Räder, die Treibachse ist dann gerade, und die Kurbelwarze, der Anhängepunkt der Lenkstange, ist oft gleich an einer Speiche des Treibrades angesetzt. Die gewöhnlichen Räder eines Wagens drehen sich bekanntlich nur deshalb, weil der Wagen über ihnen weggezogen wird; dagegen stemmen sich die Treibräder gleichsam wie die Beine des Zugpferdes gegen den Boden und bewirken so, da sie durch ihre Umdrehung zugleich die An- griffspunkte immer weiter vorwärts verlegen, das Fortgehen des Zuges. Von der Größe der Treibräder hängt zum Theil auch die Schnelligkeit der Bewegung ab, weil die Maschine so eingerichtet ist, daß ans ein vollständiges Kolbenspiel derselben allemal ein Umlauf der Räder kommt. Hiermit glauben wir den Bau des Dampfrosses genügend geschildert zu haben, und es bleibt uns nur noch übrig, die Bezugsquellen an- zuführen. Die Lokomotiven für die ersten deuschen Eisenbahnen wurden aus England bezogen und von Engländern geführt. Borsig in Berlin begründete die deutsche Lokomotivindustrie, welche jetzt in zwanzig deutschen Anstalten betrieben wird(drei in Berlin, je eine in Königs- berg, Elbing, Stettin, Breslau, Hannover, Kassel, Düsseldorf, Chem- nitz, Darmstadt, drei in München, je eine in Eßlingen, Karlsruhe, Mühlhausen-Grasenstaden bei Straßburg, Rübeland und Heilbronn) und jährlich 1859—1999 Maschinen liefert, von denen etwa 999 von Deutschland in Anspruch genommen werden. Die deutsche Lokomotiv- industrie ist der englischen ebenbürtig und der französischen wahrschein- lich überlege». Oesterreich besitzt süns Lokomotivbauanstalten mit einer Leistungsfähigkeit von circa 499, die Schweiz zwei Etablissements, welche etwa 49 Lokomotiven bauen. In den übrigen europäischen Staaten ist der Lokomotivenbau unbedeutend und deckt jedensalls den Bedarf bei weitem nicht; desto großartiger hat sich diese Maschinen- Herstellung in den Bereinigten Staaten entwickelt, deren ziffcrmäßige Zusammenstellung uns leider nicht zu Gebote steht. Man erzählt, daß am Tage der Bahneröffnung mit dem ersten direkten Personenzuge halb England in Liverpool und Manchester und allen Ortschaften der Linie entlang zusammengeströmt war. Trotz der Anwesenheit des Marschall Wellington und des Minister Pitt blieb der Bergmann Georg Stephenson ohne Rival der Held des Tages. Seine fanatischsten Gcg- ncr wurden seine begeistertsten Lobredner, und seine Feinde von der Bahnverwaltung unterstützten jetzt seine Bestrebungen aus das wärmste. Und diese Richtung durchdrang alle Schichten der Bevölkerung. Im sortdauernden Gefühl der Verehrung hat England zu Darlington und zu London die ersten Lokomotiven, welche Stephenson erdachte, aus Postamenten zu ewigem Andenken aufgestellt, als Trophäen aus dem Rüstzeug eines Ritters vom Geiste. Die dankbare Erinnerung der ge- sammten Menschheit wird selbst diese ehernen Denkmäler überdauern. Hr. M. T. Springfluth an der deutschen Nordsceküste.(Bild Seite 95.) Das welkende Laub streut eine Fülle rothgelber Farbentöne in die Landschaft. Das leise Sterben und Entfärben mindert zwar der Natur üppiges Prangen, erhöht aber den Reiz der Szenerie. Der Herbst- stürm zieht klagend über die Stoppelfelder und die Vögel rüsten sich zum Aufbruch nach frischbegrünten Ländern. Verschwunden ist der snm- wende Gaukelreigen in den Lüsten und das rastlose Treiben in. Grase. Wohl winkt aus dürrem Laub die saftige Traube, doch um Blumen- leichen zieht die geschäftige Spinne ihren kunstreicheu Silbersaden. Was man verlieren soll, achtet man doppelt Werth. Ties wohl der Grund, weshalb uns des Herbstes Wehmuth beschleicht, und der Hoffnung auf die wechselnden Freuden der Jahreszeiten nur wenig Platz läßt. Wenn der Binnenländer die Ernte geborgen, kann er getrost den Stürmen des Herbstes entgegensehen. Anders gestaltet sich die Sache beini Küsten- bewohner. Er hat nicht nur die Jahreszeiten, sondern auch die Gezeiten, d. h. Ebbe und Fluth, zu beachten. Diese gewaltige Fluth- welle, bekanntlich durch den Einfluß des Mondes erzeugt, die am stärk- sten in der Nähe des Aequators ist und nach den Polen zu allmählich abnimmt, bewacht der Küstenbewohner jahraus jahrein mit scharfem Auge. Sie zwingt den unermüdlichen Streiter zu steter Kampsbereit- schaft. Sie regelt seine Thätigkeit, weil sie, von Ost und West fortschreitend, entsprechend der entgegengesetzten Umdrehung der Erde, regelmäbig zweimal in vierundzwanzig Stunden an jedem Äüstenort Erscheint. Unser Bild führt uns an die deutsche Nordseeküste, die sich von Holstein bis nach Holland erstreckt. Hier, von der Elbe bis zur Ems, giebt es kein Felsengestade, welches der Brandung der Meereswogen eine unverrückbare Grenze gezogen; soweit das Auge schweift, ist alles in jahrhundertelanger Arbeit dem gewaltigen Meer abgerungen und die Welle, die einstmals das fruchtbare Land überfluthete, ist längst durch den Deich gebannt. Wenn die tiefe Ebbe weit hinaus den Mee- resboden bloßlegt und endlose Schlamm- und Sandfelder zeigt, sucht sie der Mensch dem Meere abzugewinnen, indem er unermüdlich seine Schlengen und Stackwerke hinausbaut. Haben diese ihre Pflicht gethan, wenn die Hochfluthen gegen das Werk von Menschenhand donnern, d. h. haben sie den Schlamm gesangen und den unrastigen Boden gefestigt, so wird die Fläche eingedeicht, ans welcher bald üppiges Grün empor- schießt, und ein fruchtbares Stück Land ist gewonnen. So entsteht das „Vorland" oder das„Groden". Der Jahdebuscn, ein Meereseinschnitt westlich von der Wesermündung, der früher ein blühendes Land mit reichen Dörfern war und in einer einzigen schrecklichen Sturmnacht der Springstuth zum Opfer fiel, wird auf diese Weise Fuß um Fuß dem gierigen Element wieder abgerungen, das sich jedoch nicht willig aus seinem gewohnten Bett drängen läßt. Während des Voll- und Neu- mondes, wenn die Anziehung des Mondes gemeinsam mit der der Sonne wirkt, erreicht die Fluth ihren Kulminationspunkt und wird so wegen ihrer reißenden Anschwellung die Springstuth genannt. Haben nun, wie es im Frühjahr und Herbst zumeist der Fall ist, die stür- mischen Westwinde große Wassermasseu durch den Canal La Manche in die Nordsee getrieben, so findet die Springstuth bereits einen hohen Wasserstand vor und schickt sich dann nur zu leicht an, die menschlichen Eingrisse in ihr Reich zu rächen. Es ist ein erhabenes, geheimniß- volles, grauenerregendes Schauspiel, zu sehen, wie die Wellen heran- stürmen, begierig, jedes Hinderniß zu zerschmettern. Ungeahnt rasch schwillt das Wasser zu drohender Höhe, und wehe dem Vieh, das ans den fetten Weiden des Vorlandes grasend, nicht zeitig genug aus ein höheres Terrain oder in den Schuß dcS festen Deiches geflüchtet ist. Im Nu ist das schwache Hinderniß des Außendeiches übersprungen und mit furchtbarer Gewalt bricht das entfesselte Element herein über das grüne Weideland. Wo eben noch die grünen Halme im Winde schaukelte», da tummelt sich jetzt die graue schäumende Woge, springt gierig hinauf an die feste Böschung des Deiches und treibt ihr Spiel mit den Kadavern der ertrunkenen Rinder oder mit den Körpern der unglück- lichen Menschen, die weit vom Deich bei rüstiger Arbeit das gewaltige Schwellen der Springstuth nicht frühzeitig genug bemerkten und auf ihrer wilden Flucht dem unerbittlichen Element zum Opfer fielen. Die Platen oder Sande in Elbe, Weser und Jahdc, die Vorposten des Marschlandes, sind besonders der Springstuth ausgesetzt, und die Lokalblätter berichten häufig genug von den Verheerungen derselben. Der Marschbewohner aber läßt sich dadurch nicht zurückschrecken; mit zäher Ausdauer beginnt er immer auss neue de» uralten Kampf mit der Wuth der Elemente und bewahrt sich dadurch jene Kraft und jenen kaltblütigen hartnäckigen Muth, der den Friesen seit unvordenklichen Zeiten bis aus die Gegenwart auszeichnete. Dr. M. T. Hans Sachs(Schluß, es. Nr. 2). Im Jahre 1510, siebzehn Jahre alt, ging der Schustergesell Hans Sachs in die Welt hinaus, und kreuz und quer zog er in deutschen Landen umher, hinaus bis Lübeck und hinab bis in's Tirolische und nach Wien. Eine Zeitlang hielt ihn die Abenteuerlust als Waidmann in kaiserlichem Dienst, bald aber kehrte er zum friedlichen Handwerk zurück, und im Alter von neunzehn Jahren schlug ihn der Drang zu dichten so sehr in Fesseln, daß er sich vornahm, ihm zuliebe auf alle anderen Bergnügungeu zu verzichten. 1513 dichtete er in der Weise der Mcistersänger sein erstes Bar, d. i. Lied, das bei den Fach- und Kunstgenossen günstige?luf »ahme fand. 1516 kehrte er nach Nürnberg zurück, um sich zunächst in der Vorstadt Wöhrd als Meister niederzulassen. Drei Jahre darauf sührte er Kunigunde Kreuzerin aus Wendelstein als sein eheliches Weib heim; später siedelte er nach der inner» Stadt über, und nicht lange währte es, so hatte er es als Schuhmacher und Poet zu Wohlstand und Ansehen gebracht. Und er verdiente beides redlich, denn wie er als ehrsamer Handwerksmeister sein Geschäft verstand und eine auch über die Mauern seiner Vaterstadt hinaus ausgebreitete Kundschaft zu befriedigen wußte, so war er bald unter der an 256 Poeten starken Meistersängerschaft des ehrwürdigen Nürnbergs der bedeutendste»nd angkschenste. Der geistige Fonds, welchen er auf seinen Wanderungen gesammelt und in seiner Werkstatt unermüdlich vermehrt hatte, war ein erstaunlich großer. Höchst wahrscheinlich hat er alles studirt, ivas da- mals in deutscher Sprache gedruckt war, und außer diesem noch vieles, was nur handschriftlich vorlag. Er kannte die römischen und griechi scheu Schriftsteller aus Ucbersetzungen und Auszügen, war zuhause in der klassischen Mpthologie, in der deutschen Sagenwell und in der alten und neueren Geschichte, und vor allem war er bibelfest, wie irgend ein anderer. Auch die bedeutendsten neueren Schriststeller des Aus landes, Bocaccio, Petrarca und andere, kannte er und ihre Werke wußte er als Grundlage und fruchtbaren Boden für sein eigenes poetisches Produziren trefflich zu benützen. Sein Wissen bot ihm seine Stoffe; seine Phantasie erfand sie nicht, sein Verstand fand sie, aber immer wußte er ihnen den Stempel seines Geistes aufzuprägen, sie originell zu gestalten. Dabei war er keineswegs wählerisch— alles, was er wußte und erlebte, wurde ihm zum Gedicht. Freilich konnte es bei der daraus hervorgehenden Massen hastigkcit und Vielseitigkeit seiner Pro duktion nicht immer ächte Poesie sein, die er schuf, oft war es eitel Reimerei, in der er sich erging und seinen Zeitgenossen genuglhat; aber dennoch war er nicht nur der fruchtbarste, sondern auch in mehr als � einer Beziehung der hervorragendste deutsche Dichter der ersten Hülste des 16. Jahrhunderts. Der handwerksmüßige Regelzwang der Meister-' sängerei vermochte seine Begabung weder zu ersticken noch zu fesseln. Er blieb zwar zeitlebens der Singschule ergeben und erfand selbst mehr als ein Dutzend neuer Töne, d. h. Melodien, für seine nacki dem Gesetze der Schule, der Tabulatur, gedichteten Gesänge, deren 4275 in 275 verschiedeneu Meistertönen gezählt wurden, aber diese Gesäuge widmete er nicht einem größeren Publikum, sondern nur der Schule, deren Aufgabe, die Veredlung des Handwerkerlebens, in der Thal belangreich und wichtig genug war. In 34 Foliobände hat er selbst seine gesammten Dichtungen zusammengetragen. Tiesettieu gipfeln in nicht weniger als 268 Dramen und ungefähr 1766 Schwünken und Erzählungen. Unter den Dramen ragen seine Komödien, insbesondere die Fastnachtsspiele, durch die Vielseitigkeit und Geschicklichkeit der Er findung, durch die Lebendigkeit der dramatischen Gestaltung und die ihrem Gegenstande durchaus angemessene Sprache hervor. Es zeigen jedoch auch seine größeren Schauspiele, daß er auf dramatischen! Gebiete an der Spitze seiner Zeitgenossen einherschritt; denn er ließ sich nicht genügen, wie diese es zuincist thaten, an den Stoffen, welche die biblische Geschichte oder das gewöhnliche Alltagsleben bot, sondern er holte sich auch seinc�dramatischen Stoffe aus den verschiedensten Gebieten der Geschichte und Sage, aus den Novellen und Dramen der neueren Ausländer, wie aus denen der Alten. Am höchsten steht Hans Sachs als Schwankdichter, deren Stoffe, so lebendig gefühlt und packend dar gestellt, aus dem ihn umgebenden Leben genommen oder mit dessen Formen und Farben bekleidet sind, daß sie heute noch zu dem besten gezählt werden müssen, was in der deutschen Literatur überhaupt der art geschaffen worden ist. Bei dem ausrichtig religiösen Charakter, wie er dem größeren Theile des deutscheu Volkes damals eigen war, ist es natür- lich, daß Hans Sachs auch Kirchenlieder geschaffen hat, die sich den besten Leistungen dieser Gattung würdig anreihen. Auch hier tritt der enge Zusammenhang seines Dichtens mit seinem Leben zutage; wenn sein Herz besonders bewegt war, wenn ihn Kummer und Sorge übermannen wollte, wie zu jener Zeit, wo die grause Pestilenz über der alten Reichs- stadt ihre schwarzen Filtige zusammenschlug, da erhebt er in frommem Liede die Stimme zu seinem Herrgott um Trost und Hülfe. Im Jahre 1566 starb seine erste Frau, die ihm 7 Kinder geschenkt hatte. Schon im folgenden Jahre heirathete er wieder, und zwar die junge und schöne Barbara Harscherin, auf die er das Gedicht„Köstlich Frawenlob" gedichtet hat. Bis in sein hohes Alter bewahrte er seine Lebens und Dichtungslust, erst im 78. Lebensjahre begannen alle seine Kräste zu versiegen, sodaß er die letzten drei Jahre, bis zu seinem am 19. Januar 1576 erfolgten Tode, in zunehmender Theilnahmlosigkeit sür alles, was um ihn vorging, verbracht hat. In ihm starb eines der merkwürdigsten Beispiele von der hohen geistigen Entwicklungsfähigkeit, welche sich das sogenannt niedere Volk Deutschlands auch während der trübsten Zeiten bewahrt hat— eine Entwicklungssähigkeit, die zu Gunsten deutscher Kunst und Wissenschaft nicht gar selten herrliche Bluthen gezeitigt hat. B. G. Auf einem im Auftrage der berühmten Patrizierfamilie Welser, die 1528 bereits Venezuela in ihren Besitz gebracht hatte, im Jahre 1533 unternommenen Eroberungszuge in Südamerika hörte man auch von einem in diesem Lande existirenden Weiberstaate erzählen, dessen Mitglieder„mit den Männern gar kein gemeinschasl haben, dann ctlich Zeit im Jahr in aller maß und gestalt wie man von Amasone» schreibt." Daraufhin soll der bekannte große südamerikanische Strom den Namen„Amazonenstrom" erhalten habe». Dr. M. B. cm air®cm abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— lieber Fremdwörter im Deutschen, von Wiltich(Fortsetzung).— Johann Wolsgang Goethe, von Dr. M. Vogler(Fortsetzung).— Henry Charles Carey.— Die erste Lokomotive b�r Eisenbahn von Stockton nach Darlington(mit Illustration).— Springstuth an der deutschen Nordseeküste(mit Illustration).— Hans Sachs (c-chluß).— Die Welser und der Amazonenstrom. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.