Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften n 30 Pfennig Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von HUdotph von 23. (Fortsetzung.) Ans dem ticfgefurchten Antlitz des alten Herrn zeigte sich wieder jener bittere, schmerzliche Zug, den Fritz schon oft bemerkt hatte. „Seit der Zeit, lieber junger Freund, habe ich ein Leben geführt, das mich fast nie zur Besinnung auf mich selbst, zum Verkehr niit meinen Mitmenschen, zur Beschäftigung mit den Wcltereig- nisten kommen ließ. Korrigiren und abschreiben— es wird Ihnen gleichfalls nicht unbekannt geblieben sein, daß mir mehrere der Professoren unserer Universität ihre über die Maßen nnleser- lichen Mannskripte zum Abschreiben, zuweilen auch zum Druckreifmachen, zu übergeben pflegen!— abschreiben und korrigiren von früh um 5 Uhr mit ganz kurzen Unterbrechungen bis abends gegen 11 Uhr, und manchmal noch länger— das füllte meine Zeit, das stumpfte meinen Geist ab beinahe bis zur Denkunfähig- keit. Jetzt ist es grade ein halbes Jahr her, daß ich anfing, in eine Lage zu kommen, in der ich mich ein wenig besser fühlen konnte, als das Arbeitsthier in der Tretmühle. Der junge Gandersberg erhöhte von freien Stücken meinen Gehalt, sodaß ich bei meinen durch die vieljährige bittere Roth tief herab- gedrückten Bedürfnissen im stände war, auf die geisttödtcndste unter meinen gcisttödtenden Arbeiten, auf das Abschreiben, zu verzichten. Seitdem besuche ich auch regclniäßig zweimal in der Woche dieses Lokal hier, wo in ganz P. die meisten Zeitungen zu finden sind, und suche wieder einige Fühlung zu gewinnen mit der Welt und den Ereignissen des öffentlichen Lebens. Heute nun bin ich auf's neue einen mächtigen Schritt vorwärts gekommen auf der Bahn zu einem wenigstens einigermaßen sorgenlosen Lebensabends Die Hoffnung, schließlich doch irgendwo an einer Privatlehranstalt eine Anstellung zu erhalten, hatte mich die ganze trostlose Zeit über nicht verlassen. Freilich Hütte ich in den letzten Jahren eine solche, so lang ersehnte Anstellung nicht einmal an- nehmen dürfen, denn ich war ja lange ans jeder für mich nutz- bringenden Berührung mit der Wissenschaft herausgekommen, hatte, weit davon entfernt, mit der Wissenschaft fortzuschreiten, schmerz- erfüllt, aber machtlos gegen mein Mißgeschick, wahrnehmen müssen, wie die mit den Jahren zunehmende Vergeßlichkeit die Lücken meines Wissens beständig erweiterte. Seit ich aber nun die meisten Tage in der Woche lvenigstens von 7 oder 8 Uhr abends, frei habe, ist es mir vergönnt, mich auch wieder hinter meine lieben alten Bücher zu setzen, und auch ihrem jungen prächtigen Nachwuchs die gebührende Ausnierksamkcit zu schenken; sodaß es mir gelang, zunächst ans dem mir liebsten Wissensgebiete, dem «nsrer herrlichen deutschen Literatur, die gefährlichsten Breschen zu füllen. Deswegen konnte ich es denn mit meinem Gewissen vereinbaren, den ehrenvollen Antrag dankbar anzunehmen, welcher mir heute durch die Vermittlung unsres braven jungen Gandersberg gemacht worden ist. Eine Anzahl ivohlhabcndcr Familien will nämlich ihren Töchtern Vorträge über literarhistorische Gegen stände halten lassen, und sie haben mich ersucht, diese Vorträge zn übernehmen. Ich soll wöchentlich dreimal— Sonntags zwei Stunden, Dinstags und Freitags je eine Stunde— vortragen, und dasür ein Honorar von monatlich 40 Thalern empfangen. Die Zahl der ZuHörerinnen ist dabei auf zehn beschränkt und die Dauer des Engagements auf ein Jahr garantirt. Ich habe so für dieses nächste Jahr ein sicheres Einkommen von monatlich 75 bis 85 Thalern, kann ganz ausgezeichnet leben und stndiren, und gedenke mir sogar sehr bequem ein paar hundert Thälerchen � als Nothpfennig zurücklegen zu können. Und nun begreifen Sic, | lieber Lauter, warum ich heute fröhlich war und so redselig, als wenn Sic Ihre Zeit gestohlen hätten, Sie guter, geduldiger junger Mann. Sic werden froh sein, wenn Sie heute den alten Schwätzer los sein werden,— gestehen Sic's nur ganz ruhig ein!" Fritz versicherte der Wahrheit gemäß, daß ihn die Erzählung des alten Herrn auf das lebhafteste interessirt haben würde, wenn sie auch noch einmal so lang gewesen wäre. „Ich hätte es garnicht für möglich gehalten," sagte er,„daß so etwas einem Menschen passiren könnte. Es packt einen ja ein Grausen, wenn man bedenkt, daß vor solch' einem Schicksal am Ende kein Mensch sicher ist." Herr Klose zuckte die Achseln und seufzte.„Wenn die Zeiten auch besser und die Menschen menschlicher geworden sein mögen im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts, so scheinen mir doch die Parteileidenschaften auch heute noch, wie zuvor, viel zu erregbar, das Humanitätsgcfühl noch viel zn sehr eingedämmt und abgeschwächt vom Nationalitäten- und Klassenhaß, von Meinnngs- fcindseligkeit und Unduldsamkeit, als daß ich ein derartiges Nieder- getretcnwcrden eines harmlosen Einzelnen von dem Gange der politischen Geschehniste für gänzlich unmöglich halten könnte. Aber so leicht ist es doch nicht mehr möglich; in weit größeren Kreisen des Volkes als früher macht sich jetzt politisches Bewußtsein geltend, ein reges und nicht mehr ganz an der Oberfläche des Wissens hasten bleibendes Bildungsbcdürfniß hat sich der Leute, der Höher- gestellten sowohl als der Niederen bemächtigt,— das deutet mit Sicherheit auf ein rasches Fortschreiten des Zeitgeistes und damit v- 15. Novkmber 1879. auf einen beträchtlichen Zuwachs an Humanität. Welcher reiche Bürger hätte vor zwanzig, dreißig Jahren daran gedacht, seinen erwachsenen Töchtern ein ganzes Jahr lang Literaturvorträge halten zu lassen? TaS ist auch ein Zeichen der Zeit, lieber Lauter, glauben Sie mir." „Ja, es ist merkwürdig," erwiderte Fritz Lanier,„ich hatte gemeint, die reichen Leute, und besonders die Damen, kümmerten sich nur sehr wenig um die Wissenschaft. Wäre es nicht unbescheiden, wenn ich Sie bäte, Herr Klose, mir zu sagen, wer die Herrschasten sind?" „Nicht im geringsten, nicht im geringsten, lieber Lauter. Tie eine der in Rede stehenden Familien ist die des Eisenbahndirektors Oberbaurath Schneemann, eine andre die des Justizrath Wichtel, ferner die des reichen Privatier Herrn Alster—" „Alster!" rief Fritz, der schon bei dem Namen Wichtel erstaunt aufgehorcht hatte, sehr überrascht aus.„Wanda Alster wird Ihre Schülerin, Herr Klose?" Herr Klose war seinerseits über das lebhafte Interesse, welches Fritz Lauter an dem zuletzt genannten Namen an den Tag legte, auch ein wenig verwundert.„Sie kennen die Familie Alster oder wenigstens Fräulein Alster, deren Bornamen i ch nicht einmal weiß?" Fritz überwand rasch den Anflug von Verlegenheit, welcher ihn ob seines sicherlich recht auffälligen Herausplatzens mit seiner Theilnahme für Wanda überkommen hatte, und theilte Herrn Klose in wenigen Worten mit, daß Herr Alster ein Bekannter seines Vaters gewesen sei, und daß er, Fritz, ein Jugendgespiele Wanda's und vor kurzem der Familie wieder begegnet sei. „Es scheinen sehr liebe Leute zu sein, die Alster," meinte Herr Klose;„Herr Alster grade soll es gewesen sein, welcher mir das einträgliche und ehrenvolle Engagement verschafft hat. Sie können Sich denken, daß es mehr als einen jungen Privat- dozenten gibt und manchen Gymnasiallehrer, der mich darum beneidet. Ich habe mich selbst am meisten gewundert, daß man ans mich,_ den unbeachtet, fast vergessen dahinlebenden, ehemaligen Schulmeister verfallen ist, einen Menschen ohne jede Spur wissen- schaftlichen Rufes—" Herr Klose unterbrach sich.„Es muß aber wirklich schon sehr spät sein; die Herren an dem kleinen Stammtisch da drüben, der flotte Herr Schweder und sein Freund, der Fabrikant— wie heißt er doch?— erheben sich zum Auf- brnch!" Fritz schaute hinüber. Herr Schlveder half grade einer hoch- gewachsenen Dame von elegantester Toilette die Sammetmantille um die schönen Schultern legen. Fritz Lauter mußte wohl etwas länger hingeschaut haben, als grade nöthig gewesen wäre, denn Herr Klose sagte lächelnd und nicht ohne tiefere Beziehung: „Schauen Sie nicht zuviel nach den schönen Frauen der vor- nehmen Stände, lieber Lauter; solch' ein prachtvoll gefiederter Paradiesvogel hat schon manchem Jüngling aus dem Volke das ehrliche Herz geraubt und die Freude an den anspruchsloseren Töchtern seines Standes verdorben." Fritz Lauter schüttelte sehr energisch den Kopf.„Nein, ver- ehrter Herr Klose," betheuerte er,„so rasch folgt mein Herz meinen Augen nicht, und so thöricht bin ich auch nicht, daß ich eine vornehme Dame mit anderen Gefühlen, als mit denen eines Interesses, wie man es für ein schönes Bild oder so etwas empfindet, anschauen könnte." „Nun, nun, Sie sind noch sehr jung, und Ihr Herz—" Herr Klose brach wieder ganz plötzlich ab. Jetzt starrte er mit weitgeöffneten Augen nach der Dame hin, die sich eben zum Gehen gewendet hatte und direkt ans den Tisch zukam, an dem Herr Klose und Fritz Lauter saßen. „Daß die Thür nach der Straße so früh geschlossen wird, ist abscheulich," sagte die Dame zu Herrn Schweder, der dicht an ihrer linken Seite schritt.„Man muß bei allen möglichen Leuten Revue passiren." „Warum nicht, meine Gnädigste?" entgegnete Herr Schweder. „Die Sonne strahlt ja auch aller Welt, ohne sich zu beklagen!" „Wenn ich die Sonne wäre, lieber Freund, so würde ich jetzt die schwärzeste Gewitterwolke rufen, um mein Haupt zu verhüllen, aus Aerger, daß mir so geistreiche Lippen eine so verbrauchte Schmeichelei sagen." „Ich kann mit dem besten Gelvissen von der Welt versichern, meine schönste, gnädige Frau, daß der Vergleich, den ich wagte, tiefere Beziehungen und viel größere Berechtigung für mich hatte, als Sie vermuthen können. Sie waren mir heut Abend die Sonne, lvelche mir einen dunklen Pfad tageshell beleuchtet und meinen Kopf mit einem gradezu genialen, sieghaften Gedanken befruchtet hat." Die schöne Frau Senkbeil schaute Herrn Schweder prüfend in's Auge.„Das müssen Sie mir gelegentlich erklären." Sie war an der Thür angekommen und nahm den Arm ihres Gatten, der mit einem älteren Herrn, einem Verwandten, welcher seine Gattin heute in's Theater und dann hierher in's Restaurant Weinhold begleitet hatte, hinter den beiden hergeschritten war. Herr Klose schaute der Gesellschaft nach mit so gespannter Aufmerksamkeit, mit so offenbarem Entsetzen, als hätte er ein Gespenst gesehen. „Die Dame ist wirklich sehr schön," sagte Fritz, der nicht recht wußte, wie er das Benehmen des alten Herrn deuten sollte. „Dieses langgelockte, röthlich goldene Haar und diese großen, dunklen Augen,— ich glaube so ein schönes, eigenthümliches Frauengesicht noch nie gesehen zu haben, ich meine, man könnte sich fürchten vor diesen Augen." „Sie haben recht,— in Ihnen stecken die trefflichsten Anlagen zu einem ausgezeichneten Menschenkenner, liebster, bester Lauter," erwiderte Herr Klose, sichtlich tief erregt.„Fürchten könnte mau! sich vor diesen Augen und vor den goldig schillernden Schlangen- locken. Ich habe zwar nicht, wie Sie, niemals eine so eigen- thümliche Schönheit gesehen, aber doch nur einmal, und ich hoffte, sie nie wiederzusehen." „Sie kennen also die Dame, Herr Klose?" „Ich— Sie kennen— diese Dame? O nein, gewiß nicht. Die Dame ist doch sicher noch sehr jung, nicht wahr, lieber Lauter? Sie muß jung sein, ganz ohne Zweifel!" „Ich würde diese Dame auf höchstens fünfundzwanzig Jahre schätzen," entgegnete Fritz Lauter, indem er Herrn Klose ver- wundert betrachtete. „Natürlich, höchstens fünfundzwanzig Jahre!" wiederholte der- alte Herr, wie erleichtert.„Sie werden Sich wundern, daß ich mich so lebhaft für die junge Dame interessire; es rührt das daher, daß ich einst jemanden gekannt habe, vor langer, langer Zeit gekannt und zum letztenmal gesehen habe, der dieser jungen Dame sehr auffallend ähnlich sah, wie mir wenigstens im Augen- blick schien,— vielleicht täusche ich mich, mein Gedächtniß ist so wenig zuverlässig." Herr Klose sagte das in einem Tone, der es Fritz räthlich erscheinen ließ, von der Sache nicht weiter zu sprechen. Eine angenehme Erinnerung konnte es jedenfalls nicht sein, die in dem mit freundlichen Erinnerungen überhaupt nicht gesegneten Manne aufgestiegen war. „Wir werden bald die letzten Gäste sein," bemerkte Fritz daher zum endlichen Aufbruch mahnend. „Sie haben recht, gehen wir. Und wenn Sie morgen, oder wohl eigentlich heute, früh um 7 Uhr Sich noch am Setzkasten den Schlaf aus den Augen reiben müssen, so denken Sie, lieber Lauter, daß Ihre Müdigkeit einem Freundschaftsdienst geschuldet ist, den Sie einem srende- und sreundesarmen alten Menschen geleistet haben." * Am nächsten Morgen gegen 1l Uhr sehen wir einen Mieth- wagen vor dem großen Portale des alsterschen Hauses halt machen. Einer unsrer Bekannten von gestern Abend, Herr Schweder, springt heraus und winkt dem Kutscher, zu warten. Mit tiefem Komplimente wird der elegante Herr von dem gemüthlichen August empfange». „Herr Alster zu sprechen?" „Bedaure sehr— gnädiger Herr für niemanden sichtbar." „Für niemanden sichtbar?" Herr Schweder kannte das. Ergriff in die Westentasche, worin sich ein kleines Vorrathsmagazin bestechlicher Gründe für die Nothweudigkeit, den gnädigen Herrn sofort zu sprechen, befanden.„Ich muß Herrn Alster sogleich sprechen." Der pfiffige August war nicht gewöhnt, sich für derartige Liebenswürdigkeiten unzugänglich zu erweisen. Aber er that ein wenig verlegen.„Bitte um Verzeihung! Habe mich wohl nicht deutlich ausgedrückt," sagt er und ließ das Geldstück, welches ihm der freigebige Herr Schweder in die Hand gedrückt, nachdem> er sich durch das Gefühl überzeugt hatte, daß es ein ganzer harter Thaler war, höchst befriedigt in der Westentasche verschwinden. „Herr Alster sind vor einer Stunde verreist, kommen aber," fügte er tröstend hinzu, als er sah, daß sich des Besuchers Gesicht iil unwillig verfinsterte,„noch in dieser stacht zurück und werden morgen früh sicher zu sprechen sein." „Wenn ich der erste sein könnte, den Herr Alster nach seiner Rückkehr vorläßt, so"— Herr Schweder hielt inne und machte wieder eine, diesnial nur andeutende Bewegung nach seiner Westen- tasche—„so würde es mir lieb sein." August verbeugte sich mit vcrstäudnißinuigem Lächeln.„Es sind noch niemand vorgemerkt', gnädiger Herr sind der erste. Wenn der Herr um Punkt 10 Uhr hier sein ivollen, so— ganz gewiß— der gnädige Herr können sich darauf verlassen." „Gut, werde mich davon überzeugen." Herr Schwcder betonte das letzte Wort bedeutungsvoll und wandte sich zum Gehen. Da schien ihm noch ein Gedanke zu kommen: er kehrte sich wieder zu August und schaute ihm noch einmal in das gc- müthliche, pfiffige Gesicht. Was Herr Schweder sah, mußte ihm nicht übel gefallen, denn er lächelte fein und nickte August in ivohllvollendcr Herablassung zu:„Adieu, mein lieber— Jean, nicht wahr?" „Ohschüßt— wenn der gnädige Herr erlauben, Ohschüßt!" „Aha! Also Adien, Ohschüßt!" August verbeugte sich viel tiefer, als es sonst seine Art war. „'ilt netter, sehr netter Herr," brummte er vor sich hin, als Herr Schwcder fort war.„Weiß vernünftige Leute vernünftig zu bc- handeln. Richt so, wie dieser Doktor Juri, dieser Wichtcl; alle Jubeljahre zehn Groschen"— August machte eine unsäglich vcr ächtliche Gcberde—,„lumpig nenne ich so was, pfui Teufel!" Herr Schweder war indeß wieder in seinen Wagen gestiegen. „Räch der großen Allee, und diese in mäßigem Tempo entlang!" Tann lehnte er sich in den Fonds des Wagens bequem zurück und schien sich ganz in Nachdenken zu vertiefen. In der großen Allee begann die Außenwelt wieder Interesse für Herrn Schnieder zu gewinnen. Er sah sich aufmerksam nach beiden Seiten hin um. Es war, als ob er etivas oder jemanden suche. Dabei schien er jedoch nicht vom Zufall begünstigt— der Wagen hatte die ganze, wohl eine Biertelmcile lange, große Allee passirt, ohne daß Herr Schwedcr gefunden, wonach er aus- geschaut. Der Kutscher wandte sich fragend nach dem Fahrgast. „Umkehren— die Allee wieder zurück!" Dem Kutscher schien die Sache merkwürdig. Zum Spazirc» fahren war ihm das Wetter nicht einladend genug, er schüttelte den Kopf, aber er gehorchte mit Vergnügen,— leichter konnte er sich sein Geld nicht verdienen. Aber seine Freude sollte bald ein Ende nehmen. Wenige Minuten, nachdem er den Rückweg in die Allee eingeschlagen, rief Herr Schivedcn „Halt— ich will spaziren gehen!" Er reichte dem Kutscher das taxmäßige Fahrgeld, nebst einem Trinkgeld, und stieg ans. Jener lenkte kopsschüttelnd sein Gefährt der inneren Stadt zu, während Herr Schweder den Weg in die Vorstadt hinaus, den der Wagen soeben verfolgt hatte, weiterschritt. Er ging ziem lich langsam: dennoch holte er bald einen Dienstmann ein, der noch langsameren Schrittes nach derselben Richtung mehr bin» mclte als ging. Der Dienstmann mochte einige dreißig Jahre alt sein, hatte ein intelligentes Gesicht und war sauber und mit einer gewissen Sorgfalt gekleidet. „Guten Tag, Willisch,— ivic geht's?" Der Dienstinann Willisch nahm sehr höflich die Mütze vom Kopfe und antwortete:„Danke, gnädiger Herr; nicht eben besonders." „Wenig zu thun?" „Viel zu thun, gnädiger Herr, viel. Aber nichts für unser- eincn; alles Kommissionen, die der größte Esel auch besorgen kann. Wenn das nicht bald besser wird, ziehe ich mich vom Geschäft zurück. Dazu bin ich zu gut." Herr Schwcder lachte.„Recht so! Stolz lieb ich den Spaniers aber ich begreife nicht recht, Willisch, � unsere Offiziere und Studenten werden doch noch heimlich Mädchen anszuspioncren, Liebesbriefe zu befördern, kleine Pumpangelegenheiten zu regeln und dergleichen noble Kommissionen nichr zu besorgen haben,— ist das nicht Arbeit, des Schweißes eines Edlen Werth?" Ter Dienstmann schüttelte niißmuthig den Kopf.„Unsere jungen Herren, gnädiger Herr, sind keinen Schuß Pulver Werth. Die einen haben keine Spur von Poesie— möcht' ich sagen— im Leibe und die anderen keinen Heller Geld im Beutel; jeder ist sich selber Packträger genug. Wenn» hoch kommt, schickt mal der Lieutenant seiner Frau Hauptmann'ue heimliche Torte oder der Bruder Studio seine Uhr auf's Pfandhaus,— in beiden Fällen ist keine Ehre einzulegen und setzt's selten mehr als fünf Groschen. Da verliert ein gescheiter Kerl schließlich alle Freude an seinem Berns— das können Sie mir glauben, gnädiger Herr!" Herr Schwcder betrachtete sich den mißvergnügten Dicnstmann mit sichtlichem Behagen.„Ich hätte eine Kommission, die einem sehr gescheiten Kerl Freude machen könnte, aber eben einen sehr gescheiten erheischt." „Ah," machte Willisch mit Befriedigung,„und da haben Sic, gnädiger Herr, an mich gedacht, blos an mich, will ich hoffen?" „Allerdings; erwarten Sic mich in einer Viertelstunde im Stadtpark am Schillerdenkmal. Ich habe für die Neugier der Leute hier schon zu lange mit Ihnen konfcrirt. Dort sollen Sic Instruktionen empfangen." Herr Schlvcdcr entließ den Dicnstmann mit einer Hand- bewegnng und ging in mäßigem Tempo, wie er gekommen war, weiter. Der Dicnstmann zog tvicdcr die Mütze und schritt darauf eilig, als hätte er sofort einen dringlichen Auftrag auszuführen, in der entgegengesetzten Richtung von bannen. Eine Viertelstunde darauf bummelte der letztere wieder— anscheinend so harmlos als möglich— in den Laubgängen am Schillerdenkmal umher. Sein Beruf mußte ihm jetzt auf's neue Freude machen, denn er pfiff mit großer Virtuosität eine flotte Opcrnmelodie vor sich hin und sah heiter in die Welt hinein. �(Fortsetzung folgt.) Johann Wolfgang Goethe. Von Ilr. Mar'Vogler. (Fortsetzung.) „Nie vielleicht"-- sagt Lewes über den nunmehr zwanzig- jährigen Goethe—„war ein schönerer Jüngling in Straßburgs Mauern eingezogen. Lange, bevor er berühmt war, fand man ihn ciucin Apollo ähnlich; wenn er in ein Speisehans trat, legten die Leute Gabel und Messer nieder und staunten ihn an. Bilder und Büsten geben nur eine schwache Andeutung von dem, was in seiner Erscheinung am meisten ergriff; nur den Schnitt der Züge geben sie, nicht deren Spiel, und selbst in den bloßen Formen sind sie nicht genau. Seine Züge waren groß und frei geschnitten, ähnlich ivic die schönen, leichten Linien der griechischen Kunst. Die Stirn hochgewölbt und mächtig; unter ihr hervor schienen große, glänzende braune Augen von ivunderbarer Schön hcit, mit Pupillen von fast beispiellosem Umfang; die ein wenig gebogene Rase groß und fein geschnitten; der volle Mund mit der kurzen, ausgeworfenen Oberlippe höchst ausdrucksvoll; Kinn und Kinnbacken von kühnem Bau, und der Nacken, der diesen Kopf trug, schön und kräftig,— aber all' diese Einzelheiten sind doch nur ein Inventar, sozusagen, seines Aeußcrn und geben von dem Ganzen kein klares Bild. Von Gestalt ivar er über Mittel größe, aber obgleich eigentlich nicht groß, sah er doch so aus und wird gewöhnlich auch so beschrieben, so imposant war seine Erscheinung." Leider werden mir die für diese Arbeit festgestellten Raum- grenzen nicht gestatten, den für Goethe's weitere Entwicklung so außerordentlich wichtigen straßburger Aufenthalt des Dichters in wünschensiverther Ausführlichkeit zu behandeln, sodaß ich nur das All er wesentlichste aus dieser Zeit hervorzuheben vermag. Dem juristischen Fachstudium lag er zu Straßburg anfangs ebenso wenig wie ans der leipziger Universität ob. Das groß artige Bauwerk des Münsters, dem, kaum daß er den Postwagen verlassen, sein erster Weg in der altehrwürdigcn, von einer eigen thümlichen Poesie umwobcnen Stadt galt, war ihm vielmehr so- gleich eine unwiderstehliche Röthigung, sich in Gedanken„über deutsche Baukunst" zu vertiefen und wieder andere kunstgcschichtliche und ästhetische Studien �n treiben. Ter Charakter seiner Tischgesellschaft, welche zu einem guten Thcil aus Medizinern be- stand, brachte es in Verbindung mit den vcm Fräulein von Plettenberg in Frankfurt genähr- ten Neigungen mit sich, das; er medi- zinische und natur- wissenschaftliche Vorlesungen hörte, so u. a. Kollegien über Anatomie, Chemie.'c., ja, selbst über Geburtshülfe und au den Uebun gen in der Klinik theiluahm. Daneben beschäftigte er sich, durch den Theologen Franz Lcrse und durch Jung Stilliug aufs neue dazu angeregt, wieder mit theolo- gischen Fragen und Betrachtungen. Die Bekanntschaft mit dem Aktuar Salz- mann wurde ihm insofern nützlich, als dieser ihn wenigstens zu einigem Fleiß in seinem rechtswissenschaft- lichcn Studium au- regte und in letzterem unterstützte, ihn auch bcwog, einen Repetenten anzunehmen, mit dessen Hülfe er sich auf das Examen vorbereitete, ohne sich eingehenden Stu dieii des Faches hinzugeben. Den bedeutendsten Ein- slnß auf Goethe aber übte Herder ans, welcher seine Kenntnisse in der Bolkspocsie und Bölkcrgeschichte we sentlich forderte und besonders auch sein Interesse an den Werken Shake- speare's zu einem noch regeren gc- staltete. Goethe hatte den letzten: bereits in Leipzig durch die meist in Zusammenstoß m Prosa gegebenen Uebersetzungcn Wiclands kennen gelernt, durch dessen in: Jahre 1768 erschienene Dichtung„Musarion" er da- mals ebenfalls mächtig angezogen worden war.„Musarion"— bekannte er später—„wirkte am meisten ans mich, und ich kann mich noch des Ortes und der Stelle erinnern, wo ich den ersten Aushängebogen zu Gesicht bekam, welchen mir Oeser mittheilte." Dem gewaltigen Genius Shakespeare's wurde besonders in der bereits in: Anfang der sechziger Jahre von Salzmann gestifteten „Gelehrten Uebnngsgcsellschaft", der u. a. auch die Juristen Mayland und Engelbach, sowie L. Wagner und I. M. R. Lenz angehörten, ein begeisterter Kultus gewidmet. Goethe schloß sich dieser auch von Herder fleißig besuchten Vereinigung auf das engste an, und in einer Rede, die er am 14. Oktober 17711, erst kurze Zeit nach der Bekanntschaft mit Herder, in einer Versa»»::- '■■-■■ 7�~ bberge.(Seite 83.) Wunderhaiid das Gesicht in einem Augenblick schenkt. Ich erkannte, ich suhlte meine Existenz um eine Un- endlichkeit erweitert, — alles war mir neu, unbekannt und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen.' Nach und nach lernte ich sehen, und— Dank sei meinem er- kenntlichen Genius — ich fühle noch immer lebhaft, ivas ich gewonnen habe." „... Shakespearc's Theater ist ein schv- nerRaritätenkastcn, indem die Geschichte der Welt vor unse- reu Augen an den unsichtbaren Fäden der Zeit vorbei- wallt. Seine Plane sind— nach dem gemeinen Styl zu reden— keine Plane: aber alle seine Stücke drehen sich um den geh ei men Punkt, den noch kein Philosoph gesehen und bc- stimmt hat, in dem das Eigenthümliche unseres Ichs, die prätendirte Freiheit unseres Wollens mit dem nothwcn- digen Gange des Ganzen zusammen- stößt." Durch diese Shakcspcarestndicn zu dramatischem Schaffen angeregt, begannen jetzt die die Entwürfe von „Faust" und„Götz" in den Pordcrgrund seiner Gedanken und Erwägungen zu treten, neben denen er sich, wie sein straß- burger Tagebuch beweist, auch mit dem Plane trug, cm Drama„In- lung derselben hielt, spricht er sich beispielsweise iiber den Ein- � druck, welchen der große Brite auf ihn hervorbrachte, folgender- nmßen ans i„Zur Zeit Hab' ich wenig über Shakespeare gedacht; — geahnt empfunden, wenn's hoch kam, ist das Höchste, wohin ich es habe bringen können. Die erste Zeile, die ich in ihm las, machte mich ans'zeitlebens ihm eigen, nnd wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stand ich wie ein Blindgeborner, dem cinc lins Eäsar" zu schreiben. Der „Götz von Berti- chingen" war, wie bekannt, das erste Stück, welches zur Ausführung gelangte.„Durch die fortdauernde Theilnahme an Shakespearc's Werkm"— heißt es in„Wahrheit und Dichtung"—„hatte ich mir den Geist so ausgeweitet, daß mir der enge Bühnenraum und die kurze, einer Borstellniig zugemessene Zeit keineswegs hinlänglich schienen, um etwas Bcdentendcs vorzutragen. Das Leben des biederen Götz von Berlichingen, von ihm selbst geschrieben, trieb mich in die historische Behandlungsart, nnd meine Einbildungskraft dehnte sich dergestalt aus, daß auch meine dramatische Form alle Thcater- grenzen überschritt und sich den lcbeudigeu Ereignissen mehr zu näher« suchte—" Neben allen diesen mannichfaltigen Studien, Entwürfen und Arbeiten verschmähte der junge Dichter auch in Straßburg den heiteren Lebensgenuß nicht. Besonders nahm er gern an öffent- lichcn Belustigungen theil und machte mit seinen Freunden während der schönen Jahreszeit Ausflüge in die freundliche Umgebung der Stadt, und wir müssen hierbei wieder zweier Herzensgeschichten Goethe's gedenken. Die eine, die merkwürdige Episode seiner Beziehungen zu den beiden Töchtern des Tanzlehrers, bei dem er „walzen" lernte, den lebhaften Französinnen Emilie und Lncinde, soll uns hier nicht weiter aufhalten; man mag die von dem Dichter in„Wahrheit und Dichtung" selbst gegebene Schilderung darüber lesen. Einer eingehenden Erwähnung aber scheint mir sein Berhältniß zu Friederike von Sesenheim werth,— jenes von unvergleichlichem Zauber umflossene Bild der Liebe eines Dichters. Friederike Brion von Sesenheim,— schon aus diesem Namen weht dem Kundigen jetzt ein wundersamer, pocsievoller Hauch entgegen, und ein eigcnthümlicher Reiz, eine fast ergreifende Macht süßer und wehmüthiger Rückerinnerung scheint in den schlichten Worten zu wohnen! Er sah sie zuerst bei einem Besuche, den er auf Veranlassung und in Gemeinschaft seines Freundes und Tischgenosseu Weyland, des vorher erwähnten jungen Juristen, eines Oktobcrtags in dem Hause des evangelischen Pfarrers Johann Jakob Brion zu Sesen- heim, wenige Stunden von Straßburg, machte. Sie trug,„für- wahr ein allerliebster Stern an diesem ländlichen Himmel, ein kurzes, weißes rundes Röckchen mit einer Falbel, sticht länger, als daß die nettesten Füßchcu bis au die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes, weißes Mieder und eine schwarze Taffctschürze,— so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin. Schlank und leicht, als wenn sie nichts zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpf- näschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorgen geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm," und so empfand Goethe„das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmuth und Lieblichkeit zu sehen und zu erkennen". Und sie sehen und sich in sie verlieben, war bei unserem Goethe eins. Und vollends, als sie dann draußen im Freien mit Heller Stimme ihre lustigen elsasser und schweizer Liedchen sang, und als es in die klare Luft hineintönte: „Vom Wald bi» ich kommen, wo's stockfinster ist, Und ich lieb' dich von Herzen, das glaub' mir gewiß, Und da lacht er, da lacht er, der schelmische Dieb, Als ob er wohl wüßte, wie sehr ich ihn lieb'. Ei ja, ei ja, ei, ei, ei, ei, ei ja, ja,>«!"— da hatte die kleine Pfarrerstochter sein großes Herz ganz in Bann geschlagen. Wir wissen, was nun geschah,— welch' selige Tage und Wochen den beiden verflossen,— wir wissen, welches das Ende war,— daß Goethe ihr nach kurzem Rausch entsagte,— wir wisseil aber auch, daß der Dichter selbst gestand,„das schönste Herz in seinem Tiefsten verwundet zu haben," und wir wissen aus dem Munde seines Sekretärs Kräuter, daß, als der Dichter ihm seine Erinnerungen au Sesenheim und Friederike vierzig Jahre später diktirte, daß da der Greis, im Zimmer auf und ab gehend, oft stehen blieb und iin Diktiren innehielt, in langes Schweigen versank und seufzte und nur in leisem Tone weiter erzählte. Und wir verdanken seiner Liebescmpfindung zu Friederike von Sesenheim eine Reihe der trefflichsten Lieder und das Märchen von der„Neuen Melusine". Wir haben ferner das Selbst- bekenntniß:„Tie beiden Marien in Götz von Berlichingen und Elavigo und die beiden schlechten Figuren, die ihre Liebhaber spielen, möchten ivohl Resultate solcher reuigen Betrachtungen Ovlc sie der-dichter nach seiner Trennung von Friederike an- stellte) sein." Goethe hatte inzwischen ernstlich daran gedacht, sich dem von seinem Vater gewünschten Exanicii, durch welches er sich den Doktorhut ertverbcn sollte, zu unterziehen. Tie lateinisch qe schnebene Dissertation, so sehr sie dem Vater gefiel, fand jedöch nicht den genügenden Beifall der juristischen Fakultät, um zum Druck zu gelangen. Er durfte daher nur über eine Reihe auf das Staatsrecht bezüglicher Thesen disputireu und wurde daraufhin im August 1771 zum Doktor der Rechte promovirt. Gegen Ende desselben Monats kehrte er nach Frankfurt zurück, unter- ivegs in Mannheim noch neue schöne Eindrücke in sich ausnehmend, indem er hier zum erstenmal die herrlichsten antiken Bildwerke in Gypsabgüssen sah.„eine Sammlung trefflicher Abgüsse der durch Winkelmanns Schriften auf's neue in das geistige Leben der Gegenwart gerufenen Götter- und Hcrocmvclt Griechenlands." Sobald der junge Doktor wieder im Elternhause angekommen war, ließ er sich auf den Wunsch des Vaters als Advokat vereiden, ohne in der Folge sich indeß mit besonderem Eifer der juristischen Thätigkcit zu widinen. Den größten Theil seiner Zeit nahmen erneute Beschäftigungen mit der griechischen Literatur, der gothischen Baukunst, der Bibel und vor allem die Arbeiten am„Götz" in Anspruch. Unter denen, welchen er seine Pläne mitzuthcilen und das Geschriebene vorzulesen pflegte, befand sich jetzt auch I. G. Schlosser wieder, sowie dessen älterer Bruder Hicro ilyinus, durch welche er mit dem Kriegszahlmeister I. H. Merck in Darmstadt bekannt gemacht wurde. Dieser Manu ist bekanntlich von der größten Bedeutung für Goethe gewesen, dessen un übertrcffliches Talent und geistigen Reichthum er schon damals mit richtigem Blick erkannte. Merck stand mit den bedeutendsten Geistern jener Zeit, u. a. mit Herder, in intimen Beziehungen; ein feiner Kenner, namentlich der englischen Literatur und ein vielseitig Gelehrter überhaupt, wurde er wegen seines sicheren, treffenden Urtheils geschätzt, welches er vorzugsweise in seinen Beiträgen zu den„Frankfurter gelehrten Anzeigen", zu Nicolai» „Allgemeiner Bibliothek" und zu Wielauds„Merkur" nieder- zulegen pflegte. Durch diese neue Bekanntschaft wurde Goethe vor allem veranlaßt, ebenfalls zu den„Frankfurter gelehrten Anzeigen" durch Beiträge ans seiner Feder in Beziehung zu treten, was wiederum zur Folge hatte, daß er mit einer Anzahl anderer gediegener Männer in Verbindung kam. Die erste Bearbeitung des„Götz von Berlichingen" entstand zu ihrem größten Theilc im November 1771, zu welcher Zeit der Dichter au Salzmaun schrieb:„Mein ganzer Genius liegt auf Unternehmen, worüber Homer und Shakespeare und alles vcr gessen werden! Ich dramatisire die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen wahren Zeitvertreib, den ich hier so nöthig habe." Indessen beschäftigte ihn die Dichtung, welche er bekanntlich noch zweimal bearbeitete, auch während seines nächstfolgenden Aufenthalts in Frankfurt noch, und die Veröffcut lichung des Dramas fand erst im Frühjahr 1773 statt. Wie schon bemerkt, liegt die Bedeutung der straßburger Zeit für Goethe vor allem darin, daß sie seinem Geiste die Richtung auf eine ächt deutsche Bildung gab. Er stellte sich, sowohl durch Lessings rücksichtslose Kritik des damals allgemein herrschenden französischen Dramas wie durch das Studium Shakespeare's, direkt dazu au geregt, in dieser Schöpfung in einen prinzipiellen Gegensatz zu dem unnatürlichen, deklamatorischen Charakter des französischen Theaters, indem er die Personen des Stücks dem wirklichen Leben entsprechend austreten, denken, reden und handeln ließ. Es spricht sich darin durchaus der Sturm und Drang in seiner damaligen Gemüths- und Gedankenwelt aus, und wenn es hier nicht unsre Aufgabe sein kann, näher auf die Komposition des Stückes, die Anlage und Durchführung der Charaktere desselben einzugehen, so glauben wir die Eigenart des Dramas— eine Bezeichnung für den„Götz", die übrigens nicht zutreffend und deren Richtig' keit daher auch in Zweifel gezogen worden ist— und die Stellung desselben in der Reihe der goethe'schen Werke am besten durch folgende Worte des berühmten Biographen unseres Dichters zu verdeutlichen:„Besonders anziehend für einen Dichter dieser Zeit"— sagt Lewes—„war im ,Götz� die Weihe individueller Größe. Sticht durch seinen Rang, sondern durch seine Natur war er groß; seine Ueberlegenhcit war nicht ein Erbtheil seines Hauses, nicht durch Hofgunst erlangt, sie ruhte allein auf seinem starken Arm und seinem unbezwiuglichcn Geist. Und war nicht auch der Kampf des ganzen achtzehnten Jahrhunderts ein Kampf für die Anerkennung des Individuums, ein Kampf von Recht gegen Vor- recht, von Freiheit gegen Herkommen? Ter Kamps des sechzehnten Jahrhunderts galt denselben Zielen; die Reformation war auf religiösem Gebiete, ivas die Revolution auf politischem: ein Widerstand gegen die Tyrannei des Herkommens, ein Kampf für die Rechte individueller Gedankenfreiheit gegen die starren Gesetze der herrschenden Klassen." Und, fügen wir hinzu:„Himmlische Luft— Freiheit! Freiheit!" sind die letzten Worte des sterbenden Götz, dieses Ritters mit der eisernen Hand und dem eisernen Willen.... 79 So sehr sich Rath Goethe über den.vorläufigen, durch die Promotion seines Sohnes gekrönten Erfolg der juristischen Stu- dien desselben freute, so schien ihm doch auch jetzt das Wesen des Doktors noch zu exzentrisch, sein Gebahreu zu krastgeuialisch, und daß er sich neben seiner literarischen Thätigkeit auch noch den Uebungen im Reiten, Fechten, Schlittschuhlauf mit erneutem Eifer hingab, gefiel ihm nun vollends garnicht. Er sandte ihn deshalb im Frühjahr 1772 nach Wetzlar, damit er sich beim dortigen Reichskammergericht mit dem deutschen Civil- und Staatsrecht vertrauter mache. Die Gesellschaft mehrerer junger, ausgelassener Gesandtschafts- sekretäre, in der er sich zuerst in Wetzlar vergnügte, befriedigte ihn bald nicht mehr, und er schloß sich an den feingebildetcn Gotter, welcher 1770 in Gemeinschaft mit Boie den„Göttinger Musenalmanach" gegründet hatte, an. Gotter veranlaßte in der Folge Goethe zu Beiträgen für Boie's Almanach und brachte ihn auch in Berührung mit den göttinger Dichtern(Klopstock, die Gebrüder Itolberg, Fr. Jacobi, Jung-Stilling), deren ungestümer Freiheitsdrang in Goethe mächtig nachwirkte und ans verschie- denen Stellen des„Götz" kraftvoll herausklingt. Durch denselben Mann wurde er auch mit dem damals 24 Jahre alten Hannöver- scheu Lcgationssekretär Kestner bekannt, dem Bräutigam von Charlotte Buff. Letztere war die Tochter des Amtmanns Buff, der in Wetzlar ein Besitzthum des damals schon arg herunter- gekommenen„Deutschen Ordens" verwaltete und daselbst das so- genannte„deutsche Haus" bewohnte. Welchen Eindruck Goethe auf Kestner machte, geht aus einem Briefe des letzteren hervor, dem wir folgende Stellen entnehmen:„Im Frühjahr 1772 kam hier ein gewisser Goethe aus Frankfurt, seiner Handthierung nach llr..juris, 23 Jahre alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, »m sich hier— dies war seines Vaters Absicht— in praxi umzusehen, der seinigen nach aber den Homer, Pindar u. f. w. zu studiren, und was sein Genie, seine Deukungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden."...„Er hat sehr viel Talent, ist ein wahres Genie und ein Mensch von Charakter, besitzt eine außerordentlich lebhaste Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt."... „Er ist in allen seinen Affekten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Dcnknngsart ist edel; von Vorurtheilen soviel frei, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu be- kümmern, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt."..... Er ist nicht, was man orthodox nennt, jedoch nicht aus Stolz oder Caprice oder um etwas vor- stellen zu wollen."...„Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten; denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner."...„Vor der christlichen Religion hat"er Hochachtung, nicht aber in der Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen."...„Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weit- läufig werden, denn es läßt sich gar viel von ihm sagen. Er ist mit einem Worte ein sehr merkwürdiger Mensch.— Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte." Gvethc's Verhältniß zu Charlotte Buff ist bekannt. Sie war, damals erst IL Jahre alt, bereits zwei Jahre mit Kestner vcr sprochen, und flößte Goethe, kaum daß er sie kennen gelernt, durch ihr einfaches, natürliches, munteres Wesen eine schwärmerische Neigung ein, welche dann im„ Weither", gemäß seiner schon hervorgehobenen inneren Nöthigung, das Selbsterlcbte poetisch dar- zustellen, ihren charakteristischen Ausdruck fand.„Der Werther"— sagte der Dichter noch im Jahre 1824 zu Eckermann—„ist auch so ein Geschöpf, das ich, gleich dem Pelikan, mit dem Blute meines eigenen Herzens gefüttert habe. Es ist darin soviel Innerliches aus meiner eigenen Brust, soviel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher Bändchen auszustatten." Hinzugestigt mag noch sein, was Kestner über die Persönlichkeit seiner Braut Lotte sagt:„Sie hat, wenn sie gleich keine ganz regelmäßige Schönheit ist, eine sehr vortheil- hafte, einnehmende Gesichtsbildung; ihr Blick ist wie ein heiterer Frühlingsmorgen.... Er iGoethe) bemerke bei ihr Gefühl für das Schöne der Natur und einen ungezwungenen Witz, mehr Laune als Witz." Mit Karl Wilhelm Jerusalem, dessen tragisches Schicksal der andere, wenn auch nicht direkte, Antrieb zur Schöpfung des ..Werther" gewesen ist, und den wir hier schließlich noch kurz zu erwähnen haben, pflegte Goethe keineswegs Umgang, da der stille, schwärmerische junge Manu die Zurückgezogenhcit liebte. Er war der Sohn eines protestantischen Pfarrers zu Riddaghausen und hatte Goethe bereits als Student in Leipzig kennen gelernt. Als Sekretär bei der braunschweigischen Gesandtschaft in Wetzlar weilend, verfiel er, von heißer Leidenschaft zu der Gattin eines Freundes, des pfälzischen Sekretärs Herdt, erfaßt, immer mehr in Trübsinn und machte seinem Leben am 30. Oktober 1772 durch eine Kugel freiwillig ein Ende. Jerusalem war nament- lich ein feiner Kenner der englischen Literatur, und grade die düster- schwermüthigen Dichtungen, die uns unter dem Namen „Ossi au" überliefert sind, haben ihn wohl in die Jrrgänge einer schwärmerischen, erschlaffenden Melancholie hineiugelockt. Seine„Philosophischen Abhandlungen" hat Lessing, mit dem er zu Wolfenbüttel befreundet ward, im Jahre 1770 heraus- gegeben. Am 11. September 1772 reiste Goethe, ohne vorher von Kestner und Lotte Abschied zu nehmen, von Wetzlar weg, um sich so einer Umgebung zu entziehen, die für sein Herz immer gefährlicher zu werden drohte. Nach einer herrlichen, an mamiich- fachen Anregungen reichen Lahnreise kam er in Koblenz an, wo er im Hause des Geheimraths von La Roche mit Merck zusammentraf und in Gesellschaft vor allem der Frau von La Roche, der Jugendgclicbten Wielands, und ihrer ältesten Tochter Maximiliane, der künftigen Mutter Bettina», deren schwarze Augen mit feuriger Lebendigkeit in die trübe, nebelschwangere Atmo- sphäre seines Gemüths hineinleuchteten, schöne Tage verlebte. Dann ging es in Gesellschaft Mercks und feiner Familie den Rhein hinauf, wieder Frankfurt zu. Nach der alten Mainstadt zurückgekehrt, widmete er sich so- wohl, von seinem Bater darin unterstützt, der Nechtspraxis mit größerem Fleiß als vorher, wie er andrerseits, neben vorüber gehenden Studien in der Malerei, seine literarischen Beschäfti- gnngen, unter denen die Umarbeitung des„Götz" die erste Stelle einnahm, fortsetzte. Die Wirkung dieses Schauspiels war sowohl beim Publikum wie bei der Kritik eine große, eine fast enthusiastische.„Der kühne Ausdruck des Geistes der Freiheit, die Opposition gegen das französische Wesen, und die Originalität nicht weniger als die Kraft der Sprache bereiteten ihm einen Triumph durch ganz Deutschland." Die Nachahmungen folgten sich in so großer Zahl und in so rascher Folge, wie die Pilzo ans der Erde hervorwachsen, sodaß das Stück auf die Entwick lang des deutschen Dramas, selbstverständlich, ohne daß Goethe eine Schuld daran zur Last gelegt werden kann, leider zunächst einen keineswegs heilsamen Einfluß ausgeübt hat. Wenn wir im„Götz" den einen Merkstein der goethe'schen Sturm- und Drangperiodc und das bedeutendste Werk dieser überhaupt erblicken müssen, so sind die„Leiden des jungen Werthers" der andere. Denn, wie mit Recht hervorgehoben worden ist, war diese Zeit nicht blos eine Periode titanenhaften, kraftgenialischcn Ringens, sondern auch eine solche ungesunder Sentimentalitär. Während der nächsten Jahre unterhielt der Dichter einen lebhasten Briefwechsel mit Kestner und Charlotte, hatte aber seine Leidenschaft zu dieser wohl schon überwunden, als er im Sommer 1773 den im Februar des folgenden Jahres vollendeten Roman begann, wenn auch die Worte, mit denen er das im September von 1774 an Lotte geschickte Exemplar be- gleitete, noch bewegt genug klingen.„Lotte," schrieb er,„wie lieb mir das Büchelchen ist, magst Du im Lesen fühlen, und auch dieses Exemplar ist mir so Werth, als wär's das einzige in der Welt. Du sollst's haben, Lotte, ich Hab es hundertmal geküßt, hab's weggeschlossen, daß es niemand berühre. O Lotte!— Und ich bitte Dich, laß es außer Meyers niemand iezzo sehen, es kommt erst die Leipziger Messe in's Publikum. Ich wünschte, jedes läf es allein vor sich, Du allein, Kestner allein, und jedes schriebe mir ein Wörtgen. Lotte Adieu Lotte!..." Wie bekannt, erregte das Buch das größte Aufsehen, nicht blos in Deutschland, sondern selbst in fernen Ländern, eben, weil es so ganz aus der Stimmung seiner Zeit heraus geschrieben war.„Diese(durch die englische Literatur, durch Noungs Nachtgedaukeu, Shakespeare» Hamlet und Ossian genährte» Gesinnung"— erzählt Goethe selbst in„Wahrheit und Dichtung" über die Ursache dieses außerordentlichen Erfolgs—„war so allgemein, daß eben Werther deswegen die große Wirkung that, ivcil er überall anschlug und das Innere eines kranken jugendlichen Wahns öffentlich und faßlich darstellte.... Ich fühle mich, wie nach einer General beichte, wieder froh und frei. Das alte Hausmittel war mir diesmal vortrefflich zu Statten gekommen. Wie ich mich aber dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in � Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten sich meine Freunde - 80 daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen.... Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf. Denn wie es nur eines geringen Zündkrauts bedarf, um eine gewaltige Mine zu entschleudern, so war auch die Ex- plosion, welche sich hierauf im Publikum ereignete, deshalb so mächtig, weil die junge Welt sich schon selbst untergraben hatte, und die Erschütterung deswegen so groß, weil ein jeder mit seinen übertriebenen Forderungen, unbefriedigten Leidenschaften und eingebildeten Leiden zum Ausbruch kam." (Fortsetzung folgt.) Keber Fremdwörter im Deutschen. Von ZL. Wittich. (Fortsetzung.) Kehren ivir nun zu unsrer Epoche des dreißigjährigen Krieges zurück. In Georg Neumarks„Palmenbaum" finden wir fol- gendes„Alamodisches Lied", welches einem gewissen Confusius Ollapotrida zugeschrieben wird: Ueverirts Dame, Phönix meiner äme(Seele), Gebt mir �uclieutr. Ewrer Gunst meriteu(Verdienste) Machen zu Falliten(bringen zu Falle, machen zu schänden) Meine Patientz(Geduld). Ach, ich allmirire(bewundere) Und considerire(überlege betrachtend) Ewre violentz(Grausamkeit); Wie die Liebesflamme Mich brennt sonder blame(ohne Tadel) Gleich der pestilentz. Ihr seid sehr«apalde(fähig, begabt), Ich bin pen valable(wenig mächtig) In der elognentz(Beredtsamkeit). Aber mein serviren(dienen) Pflegt zu dependiren(abzuhängen) Von der inilnentz. Tann couliien(rotten) des Dichters Lavrnes(Thräncn) über seine.joue»(Wangen), sodaß Xeptu» rhurne(Schnupfen) bekommt;„Meertriaden" und„Flußnajaden" und Tritonen, die Coqnilles tragen(Flußgottheiten, die auf Muscheln blasen), würden nur rejouiret(erheitert) werden, wenn die Angesungene sich der abstinontz vom Hassen befleißigen würde. Dann würde das Meer süß werden und ihr„reverentz machen". Dabei hatte mau wenigstens die Ehrlichkeit oder Gewissen- haftigkeit, die fremden Worte in lateinischen Buchstaben zu schreiben und zu drucken; aber vielleicht soll das auch nur zeigen, wie gut der betreffende Schriftsletter mit Fremdwörtern vertraut ist, und es wäre also noch ein weiteres Stück Prahlerei und Eitelkeit! Solcher Schwulst, wie in obigem, vielleicht satirischen Gedicht findet sich aber auch in den ernstgemeinten Gedichten jener Zeit, sodaß mit Recht Neumark ingrimmig fragen durfte:„Wenn auch alle anderen Sprachen ihre Uebersetzmygen finden: wer teutschet mir das Deutsche?" Wir befinden uns eben ganz in jener wälschen, d. i. italienisch französischen, patschouliduftenden Atmosphäre, die in der ganzen, damals auf Bildung Anspruch erhebenden, Spaniol schnupfenden Gesellschaft herrschte. Und doch bekam man den feinen Schmelz und die glatte Eleganz der linksrheinischen Nachbarn bei uns nicht heraus: aller jener Firlefanz stand dem beiveglichen, von Natur mit feinerem Sinn für elegante Form ausgestatteten Frau- zosen ganz anders zu Leibe als dem guten Deutschen, der im Lerhältniß zu dem versailler oder pariser Kavalier doch immerhin so ein bischen wie ein ungeleckter Bär dastand. Auf diesem Hintergrund scheint uns auch das Bild eines Philipp von Zesen, dieses Donquixote der deutschen Literatur, weniger widerivärtig und lächerlich. Er ist aber doch einer der tastenden Vorläufer und Pfadfinder der heute als stolze Wissenschaft dastehenden Sprachvergleichung, und seine Zeit ward ihm nicht gerecht, wie er überhaupt immer zn schlecht wegkommt in der Literaturgeschichte. Aber lächerliche Seiten hat er eben auch, und— das Lächerliche tödtet, sagt der Franzose. Seinem Roman „Die adriatische Rosamunde" fügte er einen Anhang von Ber- deutschungen seiner Mache zu, in der wohlmeinendsten Absicht. Zuerst mußten die griechisch-römischen Götter ihre Namen ver- deutschen lassen; die Jagdgöttin Diana, wird zur Waidinne, Minerva, die Göttin der Weisheit, zur Kluginne, Venus, die Liebesgöttin, zur Lustinne oder Freie, Pomona zur Obstinne, Flora zur Bluminne, Juno zur Himmelinne, Vulkan zum Gluth- fang. Das Pistol nennt Zesen Reitpuffert, den Schornstein Dach nase, den Hut Kopfdeckel, die Person Selbstand, die Natur Zeugemutter, die Maske Mummgesicht, das Fenster Tageleuchter, das Theater Schauburg, den Vers Tichtling, die Flinte Schießprügel, welch' letzteres sich als derbkomischer Ausdruck nebst einigen wenigen anderen erhalten hat. Wie angelegen ihm die Würde der deutschen Sprache war, zeigt seine 1642 erschienene„Rettung der deutschen Hauptsprache".— In einem Gedichte Georg Greflingers,„Seladons beständige Liebe", spricht der Lieb- haber folgende merkwürdige Worte zu seiner angebeteten Flora: „Zwar, die Wahrheit zu bekenne», Ich Hab etwas schlecht studirt, So weiß ich auch nicht zu nennen, Was bei uns so giildig wird: Hier geb ich mich kläglich an, Daß ich nicht Frantzösisch kann." Die strafende Ironie gegen das Wälschen ist unverkennbar. Die königsberger Dichter, voran Simon Dach, der Verfasser des sogar volksthümlich plattdeutsch geschriebenen und zum Volks- lied gewordenen„Anke von Tharau", stehen sonst als Dichter nicht grade sehr hoch, sind aber verhältnißmäßig frei von stau- zösischem Einflüsse. Der wackere schlesische Edelmann Friedrich von Logau, der erst von Lessing von seinem literarischen Scheintod erweckt Iverden mußte, weil er verschmähte, lobhudelnde Gedichte an solche Leute zu richten, die sich bereits auf dem deutschen Parnaß angekauft hatten, und dafür Reklame durch Antwortgedichte zn bekommen, zeichnet sich ebenfalls durch festes Eintreten für die deutsche Sprache aus. In seinen Epigrammen, d. h.„Aufschriften, Sinngedichten, Stachelreden", oder wie man es sonst wohl noch übersetzt hat, sagt er von seiner Zeit: „Wer nicht Frantzösisch kann, Ist kein gerühmter Mann. Drum müssen wir verdammen, Bon denen wir entstammen, Bei denen Hertz und Mund, Alleine deutsch gekunnt." Und an einer andern Stelle heißt es: „Das deutsche Land ist arm, die Sprache kann es sagen, Die jetzt so mager ist, daß man ihr zu muß tragen Aus Frankreich, was sie darf(bedarf) und her vom Tiberstroin, Wo vor(vordem) Latein starb auch mit dir,»»römisch Rom; Zum Theil schickt's Iber(Ebro), das andre wird genommen So gut es wird gezeugt und ans die Welt ist kommen, Durch einen Gerne-Klug, der, wenn der Geist jhn rührt, Jetzt dieses Prale-Wort, jetzt jenes rauß gebiert. Die Musen wirkten zwar durch kluge Tichtersinnen, Daß Deutschland sollte deutsch und artlich reden können, Mars aber schafft es ab und hat es so geschickt, Daß Deutschland ist blutarm, drum geht es so geflickt." Des römischen Kaiserreichs Fall leitet er also von dem Verfall der lateinischen Sprache her und warnt seine Landsleute vor diesen Gefahren. Für die Leistungsfähigkeit der Muttersprache tritt er in folgenden Epigrammen ein: „Ist die deutsche Sprache rauh? Wie deß so kein Volk sonst nicht Von dem liebsten Thun der Welt, von der Lieb' so lieblich spricht!" * „Kan die deutsche Sprache schnauben, schnarchen, poltern, donnern, krachen, Kan sie doch auch spielen, scherzen, liebeln, gütteln*), kürmelu"), _ lachen." *) freundlich thun.—**) kosen. I- 81 Schottel, der eine gelehrte Grammatik der deutschen„Haudt und Heldensprache" schrieb, klagte, daß„Ausländer dürfen sagen, es wehren(wären) ohngefähr zweihundert teutsche Grundwörter, das übrige wehre ein grobes Geflick und muste(müßte) bald von hier, bald von dort abgeleitet werden." Einer der bedeutendsten Prosaiker der Zeit, Moscherosch (1601—1669) zieht in den„Gesichten Philanders von Sittewald" derb gegen die verwahrlosten Sitten der' Zeit zu Felde.„Gesichte", d. h. Visionen, Traumbilder waren eine seit Tante beliebte dich- terische EinkleidnngSform, und diese deutsche Arbeit ist einer spanischen nachgeahmt. Im ersten„Gesicht" des zweiten Theils kommt Philander auf das Schloß Gcroldseck bei Zabcrn im Elsaß, wo die„altteutschcn Helden Ariovist, Arminius, Witchindus, der hürnen Siegfried" n. a. zu gewisser Zeit alljährlich zusammen zukommen pflegten und eben wieder versammelt waren. Von diesen wird nun unser Philander weidlich verspottet, wegen der undeutschcn Fremdländcrei in Tracht und Sitten, Namen und Sprache. Erst als er mit schriftlicher Handfeste versprochen hat, daß er scrnerhin deutsch leben, sich kleiden und vor allen Dingen aber„die Muttersprach rein und unverfälscht reden, mit keinen fremden Wörtern beschmitzcn noch verunehrcn wolle", wird er nach manch' ausgestandenem Hohne von den alten Herren in Gnaden entlassen. Unter den eingestreuten Gedichten finden sich folgende, recht derbe, uns hier angehende Verse: „Ihr böse Teutschcn, Man soll! euch pentschen, Daß jhr die Muttersprach So wenig acht. Jhr lieben Herren, Das heißt nicht mehren, Die Sprach verkehren Und zerstören. Jhr thut all's mischen Mit saulen Fischen, Und macht ein Mischgemäsch, Ein wüste Wasch," u. s. w. Hans Lauremberg(1596— 1659), Professor an der Uni- vcrsität Soröc, war so wenig voni Gelehrtendünkel erfüllt, daß� er als Dichter gegen Ende seines Lebens mit seinen„Vecr Scherzgedichten", in plattdeutscher Volksmnndart abgefaßt, auftrat, und in einem derselben, dein dritten, heftig und derb, aber voll köst lichcn Humors gegen das„Vormengen der spraken und Titnl" ankämpft. Er spottet,„davonlaufen heiße heutzutage retirircn, ein Schlingel sei ein Cnjon, was man sonst, stehlen' genannt, heiße jetzt ,es künstlich anpacken-'! Jetzt wolle jedermann Monsieur heißen, Fuhrleute, Stallknechte und Scheerenschleifer; der Hofe meister sei ein Präceptor, der Schreiber ein Sccretarins und der Quacksalber werde ein Doctor genannt. Köstlich ist folgender Schwank, den er, gegen „Tat frantzösisch Dütsch, dat vär gar wenig jarcn Erst upgekommen Ys nnd glyk als nie gebaren" sich wendend, erzählt. Ein junger Landcdelmann, der achtzehn Wochen in Paris ivar nnd nun ganz für alles„Parisische" eingenommen ist, gibt seinem Koch den Auftrag: twisinier(Koch), von meinen Kameraden Hab ich zwei oder drei zum(lejeuuor geladen, Mach mir ein gut potage(Suppe) mit all appartsnancs(Zubehör), Wie man es ä la cour ilrcssircn pflegt eu l-'raiice(an dem Hos zu Frankreich vorzurichten). Dann schildert er diese nouvellv moäe, d. i. die neue Mode, und schließt: „Mak mir die Suppe nur, wie yk Hab geredt," und der Koch antwortet: So wie er gesprochen habe, wolle er die Suppe ans guten Glanben machen. Nun kocht er in einem großen Kessel Grütze, Kohl, Erbsen und Warmbier zusammen, thut eine Handvoll Pfeffer daran unb lVs Loth Zucker.-Das Gericht schmeckt natürlich greulich, die Gäste müssen sich erbrechen. Als jedoch der Hausherr den Koch strafen will, entgegnet dieser ganz kühl und mit Gcmüthsruhe: Ich habe die Suppe gemacht, wie Jhr g c s p r o ch c n. Was Ihr spracht, war zusammengeschraubt aus Deutsch, Französisch, Griechisch, und so ist die Suppe auch „von veelen Stücken". Eine Mittelstellung nimmt, gegen die Sprachmenger, aber auch gegen die unsinnigen Reiniger Krieg führend, der Satiren- dichter Rachel(1618—1669) ein. In- der uns angehenden Satire„Der Poet" mahnt Rachel folgendermaßen: „Auch sieh dich eben für, daß deine Arbeit nicht Sei allzusehr genau und sorglich eingericht Nach Hirsen-Psriemcrs Art, wann er also darf setzen: .Der Erzgott Jupiter, der hatte sich zu letzen, Ein Gastmahl angestellt: die Weidinn*) gab das Wild, Der Gluhfang*) den Thoback, der Sahl ward angefüllt, Die Obstinn*) trug zu Tisch in einer vollen Schüssel, Die Freye**) saß und spielt' mit einem Liebes-Schlüssel, Der kleine Liebreitz***) sang ein Tichtling*) auf den Schmanß, Der trunkne Hcldreichb) schlug die Tageleuchter aus'" u. s. w. Diese Sonderbarkeiten sucht er zu erklären, indem er schildert, wie diese babylonische Sprachverwirrung in deutschen Landen zu- stände gekommen sei: „.... Dies Elend ist entsprungen Bom guten Vorsatz her, weil inan mit fremden Zungen Die edle Muttersprach zu schänden auffgehört Und unsre Deutschen hat das reine Teutsch gelehrt, Und war ein neu Gespräch gemählich aufgekommen, Und hatte mit der Zeit ganz überhand genommen, Ddß eine Zunge nur, ein teutscher Mann allein Auß nüchtern Munde sprach Frantzösisch, Welsch, Latein." Daraus wäre ein förmliches„Menzel-Much" entstanden, von dem Rachel eine schreckenerregende Probe gibt, die leider zu lang und zu schwer zu kürzen ist, als daß wir sie ganz oder nur zum Theil wiedergeben könnten. Dann fährt er fort: „Das war die güldne Kunst, zu reden und zu schreiben, Nun denk ihm einer nach, wann dieses noch sollt bleiben Als wie der Ansang war bei jederinann gemein, Welch eine Sprache sollt in Teutschland endlich sein! So hat die Barbarei das gut Latein zerstückst, Und Gotisch, Wendisch, Teutsch mit Macht hineingeflicket. Dadurch kam allererst der Mlschmasch ans die Welt, Und eben dieses wehr(wäre) den Teutschcn auch geschehen, Wenn nicht mit allem Ernst da wehre zugesehen, Der Lapperei gewehrt, das reine Teutsch erzwungen, Das nichts erbetteln darf(zu erbetteln bedarf, nöthig hat zu betteln) von sremder Sprach und Zungen. Es kompt mir eben vor, als wenn man ein Gesicht, Dem keiner Schönheit Zier noch Liebligkcit gebrich', Nach eitler Weiber Art noch will mit Pflaster schmücken, Die künstlich sein geschnitzt als Käffer oder Mücken: Kähm irgend auff die Welt ein Kind mit solchen Flecken, Wie sorglich sollte man die Mißgeburt verdecken! Wann öffentlich Hans Wurst will ausgelachet sein, So steckt er das Gesicht, wie euch nun ist gemein. Nun, solch ein Narr ist auch und würdig seiner Kappen, Der unser schönes Deutsch mit der Frantzosen Lappen Noch besser machen will...." Die Frcmdwörtcrsenche wüthete ober immer fort und es werden auch im 18. Jahrhundert Klagen darüber laut. Wie übermächtig die Mode wirkte, das ersieht man übrigens ans dem Zueignnngs- gedicht, welches der zittauer Schnldirektor Weiße(1642—1798) seinen Poesien voranstellt: „Und weil die Deutschen viel aus andern Sprachen borgen, So muß ich ebenfalls mich auch dazu verstehn; Ein ander, den's verdrcust, mag sich zu Tode sorgen. Genug, daß die Verse gut, die Lieder lieblich zehn." Ganz anders nnd mit grimmiger Strenge eifert Burkhard Menke gegen die französischen Flickworte im Munde der vornehm- thuenden Damenwelt: „Doch bei dem allen läßt sich noch ein Wunder spüren: Daß, die es nicht gelernt, dennoch französch parliren; Da heißt das ander Wort gloire, rsuomme, Massacre, belesprit, fier, capricieux, l,a l'recieuse hat das Deutsche gar verschworen, Es klingelt zu paysan in ihren zarten Ohren, Und kömmt nach ihrem Goust zu canailleux heraus; Ein Wort französisch ziert den ganzen Menschen aus." -(Fortsetzung folgt.) ♦) Siehe oben bei Zesen.—**) Venus, die Göttin der Liebe und Beschützerin der Freier.—***) Amor, der Liebesgott.— f) Der Kriegsgott Mars. Nr. 7. 1880. Russen und Engländer in Asien. Die Besetzung der Hauptstadt Afghanistans, Kabul, durch die Eng- länder lenkt die Blicke Europas nach Asien und zwar nach jener von nomadisirenden Kirgisen bewohnten Hochebene zwischen dem Gebirge Hindu-Kusch und dem Kaspischen Meer, welche seit unvordenklichen Zeiten der Schauplatz blutiger Schlachten war. Kelten, Germanen und Slaven, sowie später die Hunnen, Avaren, Magyaren und Tartaren haben hier blutige Spuren ihres Durchzugs znrückgelassen. Der russische Historiker Marlinsky erzählt uns von gewaltigen Städte-Ruinen an den Flüssen Amu-Darja und Sir-Darja, welche auf eine hochentwickelte Gesittung spurlos verschwundener Kultur- Staaten zwischen dem Aral-See, dem Kaspischen Meer und dem Hindu-Kusch schließen lassen. Der Völker- schutt, den der Russe mit Blut benetzt, um neue Formen daraus zu kneten, hat leider mit seinen Vorfahren, die vielleicht mit den den Griechen bekannten Scythen identisch sind, nichts gemein als die eidechsen- artigen Augen und die Ausdauer zu Pserd. Sehen wir uns am Lcit- saden der Geschichte um, wie Rußland und England dazukommt, ihre „Kulturmission" in Asien zu erfüllen, d. h. möglichst viel Land zu ver- schlucken, bis beide zur Beförderung der Verdauung sich in die Haare fahren. Lange wird der Kampf um die asiatische Hegemonie nicht auf sich warten lassen, weil die geschworenen Feinde nur noch 35(1 Kilo- meter auseinanderstehen: soweit ist es beiläufig von Kabul, dem englischen Hauptquartier in Afghanistan, nach Merw in Tekcturkmanien, dem vorgeschobensten Posten der Russen. Man kann in gewissem Sinne behaupten, daß ungefähr um dieselbe Zeit als ini Westen Amerika ent- deckt wurde, im Osten Rußland als etwas ganz Neues und bis dahin so gut wie völlig Unbekanntes dem Wahrnehmungskreise der Westeuropäer erschlossen wurde. Als ein„Entdecker Rußlands" ist der Gesandte des deutschen Kaisers Maximilian des Ersten, Herberstein, bezeichnet worden, dessen Werk über Rußland lange Zeit hindurch die einzige Quelle über dieses Land abgab, dessen mündlichen Erzählungen über Rußland ver- muthlich der Bruder Carls des Fünften, Ferdinand, Ulrich von Hutten und andere Gelehrte ued Politiker der Reformationszeit mit der größten Spannung lauschten. Die Entdeckung des Seewegs nach Rußland im Jahre 1553 ließ in England eine ganze Literatur über Rußland ent- stehen, so daß Milton, als er etwa ein Jahrhundert später sein Werk über Rußland schrieb, eine ganz stattliche Reihe von Quellenschriste» auszuzählen vermochte. In der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahr- Hunderts wußte man von Rußland genug, um in Betreff des Anwachsens der Macht dieses mehr und mehr in den Gesichtskreis Europas tretenden Staates die lebhafteste Besorgniß zu empfinden. Kein Gc- ringerer als Herzog Alba machte auf die Gefahr aufmerksam, welche den europäischen Staaten einst von Rußland drohen werde. Im 17. Jahrhundert steigerte sich das Interesse für Rußland noch mehr, solgle doch der universalste Kopf jener Zeit, der deutsche Philosoph Leibnitz, den Fortschritten Rußlands mit stets wachsender Spannung, und saßte den Entschluß, seine Kraft dem ausstrebeuden Reiche zur Verfügung zu stellen. Der ehrliche Lcibnitz meinte damit der gesammten Welt einen wesentlichen Dienst zu leisten, ein Beweis, daß jeder Mensch, der gescheiteste nicht ausgenommen, ein Kind seiner Zeit ist. Mit dem Czar Peter, den die Geschichte den„Großen" nennt, trat Rußland die Epoche der Wandlung an. Dieser gewaltsame Reformator konnte es nicht erwarten, sein Volk von Grund aus veredeln zu sehen, er psropste deutsche und holländische, seine Nachfolgerin Katharina sranzösische Reiser aus die Krone. Diese trägt nun ihre südlichen Früchte, der derbe Stamm und seine weit ausgebreiteten Zweige treiben die alten Holzäpfel fort. Die plötzlich und gewaltsam eingeführte Civilisation ist nirgends in die unteren Schichten der Gesellschast eingedrungen, d. h. Rußland ist, ohne seine asiatische Barbarei abzustreifen, eine europäisch? Großmacht ge worden. Die europäischen Mächte haben sich dadurch selbst eine Zucht ruthe gebunden, daß sie die Scheidewand, die sie vom Baltischen bis zum Schwarzen Meere vor den Barbaren schützte, das unglückliche Polen, vernichtet haben. Ob die russische Politik nach Peter's Tcsta- ment verjährt oder nicht, die Thatsache steht fest, daß sie die Türken zum Schaden Europas von den Ztordküsten des Schwarzen Meeres verdrängt hat und gierig die Hand nach Konstantinopel ausstreckt. Nach der blutigen Niederwerfung des Kaukasus ist der Schahinschah (König der Könige) von Persien nur ein geduldeter Satrap von Ruß- land, und stehen einmal die Kosaken in Schiras und Jspahan, so stoßen sie mit den Engländern in Heral und Kabul zusammen. Wir wollen näher untersuchen, wie der„Koloß mit den thönernen Füßen" ein Ländergebiet im nördlichen Asien erworben hat, das doppelt so groß ist, als das gesammte Europa. Im IS. Jahrhundert besaß die russische Familie Stroganvw zu beiden«eiten des Uralgebirges, der geographische» Grenze zwischen Europa und Asien, ein weites, vom rnssischen Czar Feodor l. ihr als Lehen zugewiesenes Gebiet, dessen reiche Schätze an Eisen, Kupfer, Blei und Zinn auszubeuten fie das Vorrecht bekommen hatte. Oestlich von diesem Gebiete, zwischen den Flüssen Tobol, Jschim und Jrtisch, hatte Khutschum Khan ein kirgisisches Khanat, Namens Sibir, gegründet, und da von diesem Gefahr drohte, so wendeten sich die Stroganow 1579 an einen Führer donischer Kosacken, Namens Jermak Timofejeff, der bisher die Rolle eines Freibeuters gespielt, mit der Aufforderung, sich zu ihrem Schutze in ihren Dienst zu begeben. Jermak willigte ein, und die nunmehr beginnenden Kämpse endigten damit, daß acht Jahre später das Khanat Sibir russisches Besitzthum ward. Der Räuber Hauptmann war aber ein tüchtiger Kolonist und Organisator, denn er» gründete die Städte Tobolsk, Tjumen, Pclym und Beresow, zu deren Entwicklung er europäische Ansiedler herbeizog. Seine Helfershelfer konnten sich in die geordneten Verhältnisse nicht finden und drangen nach echter Kosakenart weiter nach Osten, um der Jagd und der Fischerei obzuliegen. Der Ertrag ihrer Beute veranlaßte den heute noch blühenden Pelzhandel, zog Handels- und Gewerbsleute nach und vermehrte die Ansiedlunge». Im Jahr 1694 entstand auf diese Weise die Stadt Tomsk. Durch Genossen aus der Kosakenheimat, der Ukraine, verstärkt, drangen die wilden Gesellen immer weiter in die nomadisi- rende Bevölkerung vor und gründeten Kuznetzk, Jeniseisk, Jrkutsk, Selenginsk und Nertschinsk. Die gut bewachte chinesische Grenze setzte ihrem Vordringen nach Süden ein Ziel, aber eine Abtheilung der Wag Hälse brach nach dem Amur uud nach Kamtschatka auf. Innerhalb 53 Jahren waren alle sibirischen Völker, mit Ausnahme der Bewohner der Tundra, der Küste des Eismeeres, Tschuktschen genannt, unterworfen. Da sich die friedfertigen Ureinwohner Sibiriens, Samojeden, Tungusen und Mandschus, willig mit den Eroberern vermischten, blühten auch bald die Hantierunge» des Friedens. Im kolywanischen und nertschins- tischen Gebiete wurden Bergwerke mit ergiebiger Ausbeute angelegt, und zogen immer mehr Ansiedler an. Leider gingen alle diese nutz bringenden Anstalten in kurzer Zeit in die Hände der russischen Re- gierung über, welche die sreien Arbeiter durch„müssige Leute" d. h. Verbrecher verdrängte. Nicht aus MenschlichkeitSrücksichten, sondern um Sibirien zn bevölkern, wurde in Rußland im Jahre 1799 die Todes strafe abgeschafft und die Verbannung nach Sibirien als allgemeiner Grundsatz aufgestellt. Mörder, Diebe und Falschmünzer bekamen das Vorrecht der freien Jagd auf den unabsehbaren Schneegefilden, poli tische Verbrecher begrub man in der sternenlosen'Nacht der Bergwerke. Ini Anfange des 19. Jahrhunderts schickte man jährlich 3— 4<1()() solcher Individuen als Kulturdiinger nach Sibirien, wobei sich aber bald der Mangel an Frauen herausstellte. Um die Bevölkerungsjkala nicht sinken zu lassen, gewährt die russische Regierung den Angehörigen der De- portirten freie Reise nach Sibirien. Ausschließlich mit Verbrechern be völkerle Ortschaften gibt es in Sibirien trotz der starken Zufuhr nicht, sondern sie haben die schon vorhandenen und auf anderen Grundsätzen gegründeten Kolonien vermehrt. Bis zum Jahr 1848 zählte man in allem etwa I35, solcher Verbannten in Sibirien, sicherlich eine ver- schwindend kleine Zahl Bewohner für einen Flächeninhalt von 94(1,(NX) Quadratmeilen, aber die letzten stürmischen 39 Jahre haben ein dop- peltes Kontingent geliefert. Was die Zukunft dieser in der Weltgeschichte 1 einzig dastehenden Verbrecher-Kolonie ist— wer kann es wissen! Die anderen Errungenschaften Rußlands in Asien, die turkmenischen Khanate Chiwa, Khokand und Bokhara, gehören alle der neuesten Zeit an. Daß Rußland nach der Eroberung von Merw, dem letzten Boll« werk der renitenten Turkmanen, am Fuße des Hindukusch nicht Gewehr im Arm stehen bleiben wird, ist eine Naturnothwendigkeit. Was hin- dert den Romanow'schen Alexander, seinem Vorgänger, dem makedoni scheu Alexander, nachzuahmen und in die Niederungen des Ganges und Indus hernieder zn steigen? Der Rubel reitet vor dem Kosaken und bei den Maharadschas von Indien ist alles käuflich. Sind die Russen Kolonisten und Kulturträger für Asien? Sie sind es unbedingt, wenn sie den Augiasstall im eigenen Lande reinigen. Es entsteht die wich- tige Frage, ob man auf dem von Peter dem„Großen" betretenen Wege fortschreite», die Civilisation sremder Nationen und anderer Äli maten immer weiter herab verbreiten, oder ob man versuchen will, dieses gelehrige Volk aus sich selbst zu kultiviren. Die Reaktion gegen die seit hundert Jahren eingeschlagene Richtung ist von Anfang dage- wesen und hat sich in Moskau konzentrirt. Sie hat sich auch in dem eben erst beendeten Kriege kundgegeben und ist nicht glücklich gewesen. Die Russen werden noch lange nicht ohne die Hilfe der Fremden sertig werden, namentlich nicht ohne die Beständigkeit, das Geschick und die Pflichttreue der Deutschen, denn nur langjährige und eiserne Strenge wird redliche russische Beamte schaffen könne». Dieses Argument darf man bei Beurtheilung der russischen Regierungsweise nicht außer Acht lassen. Die Verhältnisse von Jnnerasien sind so entsetzlich, daß den Bewohnern desselben selbst die Russen als Befreier erscheinen. Nach- stehende Daten werden genügsam unsere Annahme bekräftigen. Die jetzt ziemlich verödete Oase Merw am Südostrande der Turkinenensteppe, welche in den Zeitungen eine so gewichtige Rolle spielt, war noch im vorigen Jahrhundert eine fruchtbare, verhältnißmäßig dicht bevölkerte Gegend, in deren Mitte der Ort gleichen Namens, die älteste Stadt Centralasiens, liegt. Bis zum Jahre 1795 war Merw ein blühender Ort; da aber ließ der Schah Murad von Persien den Damm zerstöre», der die Wasser des Muryhabflusses in einem großen See zur Bewässe rung der Stadt sammelte. Merw, bisjetzt im Besitz der Jnka-Turk- menen, wurde 1815 von dem nördlichen Nachbar, dem Khan von Chiwa, bezwungen und verblieb demselben zwanzig Jahre tributpflichtig. Später suchte Persien sich des Landes zu bemächtigen, erlitt aber im Feldzuge von 1889 eine vollständige Niederlage. Seitdem hat zwar der Schahi» schah wiederholt Versuche gemacht, diese Scharte durch Grausamkeiten auszuwetzen, was ihm jedoch nicht gelungen ist. Seit der Eroberung Chiwas durch die Russen haben die letzteren sortgesetzt ihr Augenmerk auf die Besetzung Merws gerichtet, um von dort aus das indobritische Reich zu bedrohen. Merw zählt gegenwärtig an 9999 seßhafte Bewohner (Usbeken). Tie ab- und zugehende turkmenische Wanderbevölkerung entzieht sich selbstverständlich jeder statistischen Kontrole. Obwohl diese Turkmenen Vieh-, namentlich Pferdezucht betreiben, und die letztere den edlen schönen Thieren von Merw einen gewissen Weltruf verschafft hat, so ist die eigentliche Berufsthätigkeit doch nur der Raub und die Plünderung, und in dieser Hinsicht bilden sie den Schrecken alles Landes zwischen Oxus und Atrek. In der Regel führen sie ihre Raubanfälle in de» Nachtstunden aus. Ihr Erscheinen hat etwas Blitzartiges und ebenso blitzartig verschwinden sie in der Steppe, die sie nach vollbrachter Arbeit oft tagereisenweit durchrasen, um der gefürchteten Verfolgung zu entgehen. Ueber die Tapferkeit der Turkmenen läßt sich streiten, denn gleich den Arabern und allen anderen asiatischen Steppenbewohnern greifen sie nur in der Uebermacht an und halten es durchaus nicht für entehrend, im geeigneten Augenblick Fersengeld zu geben. Im allge- meinen ist der Turkniene eine schöne, kriegerische Erscheinung mit edlem Gesichtstypus und funkelnden Augen und befleißigt sich einer würdevollen Haltung; nur selten aber vergißt er seine Habsucht, und es muß ein besonderer Anlaß sein, wenn er freigebig wird. Neben dem Raub steht auch der kleine Diebstahl in hoher Blülhe. In ihrem unabhängigen Raubstaat stiehlt alles. Aber auch in dem Lager ihrer Feinde, der Russen, gibt es Diebe, nämlich Tagediebe, genug, die, dank zärtlicher Protektion, angestellt sind, aber gar nichts zu thun haben, die in untadclhaster Ballsaalwäsche stolz von ihrem Kameel auf den armseligen Offizier der Front herab- sehen und sich dabei recht gut zu nähren verstehen. Wie es bei der berüchtigten russischen Verpflegung mit der Mannschaft aussieht, wird sich jedermann zusammenreimen können. Ist diese strategisch wichtige Position des innerasiatischen Schach- breites von den Russen genommen, so werden die in Kabul stehenden Engländer gezwungen, sich Herats zu bemächtigen, um den Gewinn des Gegners durch einen Gegenzug zu pariren, und der Zusammenstoß wird unvermeidlich.(Fortsetzung folgt.) Zusammenstoß mit einem Eisberge. (Nach dem Englischen.— Hierzu die Jllustraiian aus Seite 7L— 77.) Eines Abends gegen 10 Uhr verließ ich meine Kajüte an Bord eines Auswandererschisses, um einen Gang auf das Verdeck zu machen, das um diese Zeit von Passagieren, deren wir gegen dreihundert hatten, frei war. Das Schiff ging mit gerefften Segeln gegen den Wind, die Nacht war finster und selbst für diese Breite sehr kalt. Seitdem wir südlich von Melbourne segelten, beobachtete ich sorgfältig täglich mein Thermometer, hatte es auch jetzt am Mäste befestigt und bemerkte, nachdem ich einigemale hin- und hergegangen war, daß es 7 Grad Wärme zeigte. Bald schien es mir, als ob ein kälterer Wind wehe, und bald wurde die Kälte so auffallend, daß ich wieder nach dem Thermometer blickte. Das Quecksilber war in einer halben Stunde bis auf 3 Grad Kälte gefallen. Nach etwa zehn Minuten stand es wieder auf 7 Grad über dem Gefrierpunkt. Dieser rasche Temperatur- Wechsel überraschte mich zwar, ließ sich aber sehr leicht daraus erklären, daß ivir in der Dunkelheit an Treibeis vorübergekommen waren. Das war besorgnißerregend, umsomehr, als einige der Schiffs- ofsiziere unglücklicherweise unzuverlässig waren. Einer, der die Mittel- wache von 12 bis 4 Uhr hatte, war ein notorischer Trunkenbold, und der andere, der die Wache am Bug hatte, war schon öfters schlafend auf seinem Posten angetroffen worden. Wie der Herr, so das Geschirr, das bewahrheitete sich auch auf unserm Schiffe: die Mannschaft war dem Trünke ergeben und' war im Dienste schlaff. Es ist nicht zu verwundern, daß ich bei dieser Sachlage ängstlich wurde und keine Nsigung hatte, wie die übrigen Passagiere mein Lager aufzusuchen. Als ich dies endlich doch that, war es mir unmöglich, zu schlafen. Nicht zu bannende Gedanken an Schiffbruch quälten mich, ich konnte es nicht länger ertragen und ging wieder auf's Deck. Der jetzt bald anbrechende Morgen war bitter kalt, der Wind blies wie vorher uns grade entgegen, was meine Besorgniß erhöhte, doch war es einiger- maßen eine Beruhigung, als ich hie schattenhaften Umrisse der wacht- habenden Offiziere aus ihren Posten wahrnahm, denn man konnte etwaige herannahende Eisberge auch bei dunklem und nebligem Wetter auf weite Entfernung erblicken. Ich ging wieder in meine Kajüte und legte mich nieder. Wieder floh mich der Schlaf, wieder erhob ich mich, um wieder auf Deck zu gehen. Es war jetzt 3 Uhr vorüber, und auf dem Schiffe herrschte tiefe Stille. Fast war ich völlig angekleidet, als vom Bug her ein schriller Ruf ertönte. Die Worte konnte ich nicht verstehen, aber der Ton in seinem seltsamen Laute drang mir durch Mark und Bein, sodaß ich fürchtete, daß ein Unglück über' uns herein- breche. Ich eilte an die Treppe und vernahm nun deutlich die Worte: „Ein Eisberg dicht vor uns!" Von allen Passagieren hörten nur ich und meine Frau den Ruf, die durch meine Ruhelosigkeit erweckt worden war und sich sehr verständig und gesaßt zeigte. Sie kleidete sich schnell an, während ich ebenfalls meine Toilette beendigte. Wir erwarteten den Zusammenstoß mit dem Eiskoloß, der, meinen früheren Erfahrungen nach, demnächst erfolgen würde. In peinigender Langsamkeit verstrichen die nächsten Minuten, und nh gab mich schon der schwachen Hoffnung hin, daß es gelungen sei, den Kurs des Schiffes zu ändern und die drohende Gefahr zu vermeiden, als ein betäubendes Krachen mich belehrte, wie eitel mein Hoffen ge- Wesen sei. Es entstand eine kaum beschreibbare Verwirrung: ich und meine Frau stürzten zu Boden, hunderte von sorglos schlafenden Passa- gieren waren aus ihren Kojen geschleudert worden, alles eilte in blinder Hast auf das Verdeck. Viele Weiber fielen hier in Ohnmacht, andere säßen betäubt, ihrer Sinne nicht mächtig, da, die meisten weinten und schrieen wie toll. Noch mehr aber waren die Männer vom Schrecken überwältigt. Einige brüllten wie Tobsüchtige, andere rangen die Hände, rauften sich die Haare aus, rannten sinnlos hin und her, wie um einen Ausgang zur Flucht zu suchen, oder warfen sich jammernd und ver- zweifelnd nieder; mehrere hatten sich auf die Kniee geworsen und suchten sich durch Gebete aus das nahe Ende vorzubereiten. Der Höllenlärm wurde noch dadurch gesteigert und das Verbleiben auf dem Verdeck fast unmöglich gemacht, daß Spieren und Raaen und ein Hagel von Eis- stücken niederstürzten, die sich bei dem furchtbaren Zusammenstoß los- gelöst hatten. Das Jammergeschrei von Hunderten von Stimmen in allen Tonarten, das Krachen der herabfallendeu Stangen, das Knirsche» und Stöhnen des Schiffes, das fort und fort mit dem Eisberge zu- sammenstieß, alles bildete eine Szene, wie sie keine Sprache faßlich zn schildern vermag. Auch in der Brust des Kühnsten mußte jede Hoff nung auf Rettung versiegen bei dem Gedanken, daß wir uns inmitten des wüsten Ozeans, tausende von Meilen von jeder Rettung entfernt befanden, daß die vorhandenen Boote nicht den vierten Theil der Per- sonen an Bord aufnehmen konnten. Hoch über unjere Masten erhob sich die grauglänzende, zerklüftete Masse des Eisberges, der im Spiel der Wogen sich bald hob, bald senkte, oder in langsamer, majestätischer Bewegung hin und her schwankte. Weithin verdeckte er den Anblick des Himmels und zuweilen neigte er sich so bedrohlich über das Schiff, als wolle er auf uns niederstürzen und uns in die unermeßliche Tiefe schleudern. Die Unordnung auf dem Verdecke wurde immer größer. Ein wirrer Menschenknäuel drängte sich und kämpfte, um zu den Booten zu gelangen, die an den Seiten des Schiffes befestigt waren. Die meisten waren in dem Anzüge, in welchem sie von ihrem Lager aufgeschreckt worden. Vergeblich riefen Kapitän und Offiziere ihre Befehle durch die Sprachrohre, daß die Passagiere den Matrosen platzmachen sollten, welche durch Brassung der Raaen das Schiff vom Eise loszumachen suchten. Ein betäubender Schrecken hatte alle ergriffen, keiner achtete aus die gegebenen Befehle. Glücklicherweise waren die Boote derartig befestigt, daß die darin Unerfahrenen sie nicht lösen konnten, sonst wären viele durch deren Ueberfüllung ertrunken. Es wurde unmöglich, den Lauf des Schiffes zu ändern; so trieb dieses dahin, sich noch mehrere hundert Klaftern an der Eiswand reibend und bei jeder stampsenden Bewegung von neuem aufstoßend. Das dröhnende Krachen, Stöhnen, Knirschen, das immer wiederkehrende Herabfallen von Segelstangen steigerte den panischen Schrecken der sinnlosen Menge, deren wildes Ringen, Kämpfen, Drängen und Stoßen durch das schwache Licht einer am Hauptmast hängenden Laterne beleuchtet wurde. So verging eine bange Viertelstunde, während deren die un- beschreibliche Verwirrung auf dem Verdeck ihren Höhepunkt erreichte. Jeden Augenblick erwartete man das Bersten und Sinken des Schiffes. Da ich bei diesen Umständen zur Rettung nichts beitragen konnte, machte ich mich auf den Weg nach meiner Kajüte, denn ich fühlte, daß nieiu Platz in diesem verhängnißvollen Augenblick an der Seite meiner Frau sei, damit wir vereint den Tod finden möchten. Unter der kopslosen Menge der Passagiere hatten sich doch einige Männer befunden, welche die Geistesgegenwart nicht ganz verloren hatten. Sie waren an die Pumpen getreten und versuchten zu sondiren, ob das Schiff einen Leck gesprungen habe und wie hoch das Wasser im Kielraum stünde. Unter diesen Männern bemerkte ich meinen Kajütennachbar. Obwohl ich mir sagen mußte, daß während meines Verweilens auf Deck meine Frau, die sich allein in unserer Kajüte befand, Todesangst ausgestanden hatte, blieb ich doch»och einen Augenblick stehen, um das Ergebniß der So»- dirung abzuwarten. Leben und Tod hing davon ab: die nächste Minute mußte entscheiden, ob wir hier ein nasses Grab finden würden oder nicht. „Ah, Sie sind es?" sagte mein Kajütennachbar, als ich meine Hand auf seine Schulter legte.„Ihre Frau bat niich eben, Sie zu ihr hinunterzuschicken, falls Sie aus dem Verdeck nichts helfen könnten. Es scheint nichts mehr zu helfen zu sein, ich sehe wenigstens keine Hoff- nung mehr für uns." „Wollen Sie hinunterkomme» und mir das Ergebniß der Son- dirung mittheilen, wie es auch aussallen möge?" fragte ich. „Ja," entgegnete er;„wenn es ungünstig ist. werde ich in meine Kajüte hinuntergehen. Sie hören mich dann an Ihrer Kajüte vorbei- gehen. Sehen werde ich Sie in diesem Falle nicht mehr. So leben Sie denn wohl." Damit drückte er mir herzlich die Hand. „Leben Sie ivohl!" sagte ich. „Wie froh bin ich, daß du endlich kommst!" rief meine Frau mir entgegen.„Es müßte entsetzlich sein, hier allein zu sterben. Ist denn keine Hoffnung mehr?" „Nur sehr wenig. Das Schiff ist alt und, wie alle amerikanischen Fahrzeuge, nicht besonders stark im Holz. Vielleicht geht es nicht gleich unter, aber es muß bei dem gewaltigen Zusammenstoß einen gefähr lichen Leck gesprungen haben. Wenn wir uns nur solange über Waffer halten könnten, bis wir vielleicht einem andern Schiff begegnen." In diesem Augenblick ließ sich ein neues, fürchterliches Krache» von oben her hören, welches das Vorspiel zu unserem augenblicklichen Unter- 84 flfltifle zu fein schien. Doch wußte ich, daß dieses donnernde Herunter- stürzen des Mastwerkes weniger gefährlich sei, als ein minder geräusch- voller Stoß im Kiel. Meine Frau glaubte, das Ende sei jetzt da. Ich war etwas erstaunt, als sie ruhig an den Reisekoffer trat, ein kleines Etui herausnahm, dieses öffnete und leidenschaftlich küßte. Dann ver- barg sie es im Busen, umschlang mich mit ihren Armen und fing auf's neue au zu beten. Das Etui enthielt das Bildniß unseres einzigen verstorbenen Kindes. Ich war gerührt von diesem Zuge mütterlicher Liebe, die sich selbst im Tode von dem lheuren Andenken nicht trennen mochte. Während dessen stieß das Schiff noch einmal mit dem Eisberge zusammen, und bald darauf verkündeten laute Rufe vom Deck, daß wir von unsrem gefährlichen Gegner losgekommen seien. Draußen ließ sich der Schritt unseres Kajütennachbars hören, der auf dem Wege zu seiner Kajüte an unserer Thüre vorüber kommen mußte. Wie schlug mein Herz, als er näher kam! Wird er bei uns vorbeigehen! ein Zeichen, daß keine Hoffnung vorhanden, daß der Kiel- räum voll Wasser und wir im Sinken begriffen sind, oder wird er bei uns eintreten: ein Zeichen, daß immer noch Aussicht auf Rettung vor- handen sei? Er trat in unsere Kajüte! „Ich will keine trügerischen Hoffnungen erwecken," sprach er.„Die Sache scheint mir selbst unglaublich, aber wir haben mehrmals sondirt und immer nur fünfzehn Zoll Wasser im Kielraum gefunden. Doch werden wir es gleich bestimmt wissen, denn eben werden die Pumpen in Gang gesetzt." Wir hörten das klappernde Geräusch, nach wenigen Minuten schon arbeiteten die Pumpen nicht mehr, weil das Wasser ausgepunipt war. Ein allgemeines Freudengeschrei ertönte, als diese Thatsache bekannt wurde. Bei wiederholtem erfolglosen Einsetzen der Pumpen gewann man die sichere Ueberzeugung, daß das Schiff durch die Zusammenstöße mit dem Eisriesen keinen ernstlichen Schaden genommen hatte. Wir waren gerettet! Später erklärte uns einer der Schiffsosfiziere, wie es kam, daß wir nicht gleich beim ersten Anprall gesunken waren. Er war grade auf das Verdeck gekommen, wo das Schiff an die Eiswand anstieß. „Wäre es grade daraus zugesegelt," sagte er,„oder wäre sein Bug in diesem kritischen Augenblicke von den Wellen emporgehoben worden, so wären wir ohne weiteres wie ein Bleigewicht untergesunken. Aber er tauchte unmittelbar vor dem Eisberge in die Wellen nieder, wobei das Bugspriet und ein Theil des Bugs verloren ging, und durch dieses Niedertauchen wurde die Kraft des Stoßes, welcher schief von unten nach oben ging, gebrochen." Noch ein anderer Umstand war zu unserem Glücke gewesen, wie sich am Tage zeigte. Nach allen Richtungen hin trieben Eisberge umher, von denen einzelne ungeheuer groß waren; sie hatten einen breiten imtern Rand, einen Fuß oder Besatz, welcher mehrere Fuß über den Wasserspiegel emporragte. Nur derjenige, mit welchem wir zusammen- gestoßen waren, hatte keinen solchen Fuß, sondern bildete eine glatte, steile Wand; bei einem Zusamineustoße mit einem der andern Eisberge hätte nichts uns zu retten vermocht, der Fuß an ihnen würde den Boden unseres Schiffes in Splitter zertrümmert haben. Ein dritter glücklicher Umstand war die in diesen Breiten so seltene verhältniß- mäßige Windstille, die auch den nächsten Tag anhielt und uns gestattete, unsere schwere Havarie auszubessern. Alles in allem war die Rettung der„Indischen Königin" mit ihren 280 Personen an Bord ein höchst wunderbares Ereigniß, wie es wohl nur selten in der Geschichte der Schifffahrt vorkommt. I)r. B.-R. Aus dem Reiche der Träume. Der Wunsch, das künftige Glück vorauszusehen, ist der Vater des Aberglaubens und sein Tummelplatz ist der Traum. Schwindler und Gelehrte haben ihren Witz angestrengt, um die Träume zu deuten. Zu welcher Sorte der biblische Joseph gehört, der sich durch Traum- deuterei zum ägyptischen Reichskanzler emporgeschwungen, wagen wir nicht zu entscheiden. Melanchthon, Reuchlin, Kepler und andere Ge- lehrte der Reformalionszeit, dieser goldenen Aera des wissenschaftlichen Aberglaubens, haben das Gebiet des Traumes in die sogenannte vierte Dimension des Raumes verlegt. Wir modernen Kulturmenschen sind, mit Ausnahme der Spiritisten und Lotterieschwestern, dahintergekommen, daß der Traum eine Welt für sich sei, eine Welt von Illusionen. Der Traum zaubert sich seinen Frühling, seinen Sommer, mag in Wirklichkeit das Unwetter toben, mögen Eis und Schnee sich in die Herrschast theilen. Es ist erstaunlich, wie gescheit die Menschen im Traume zu sein pflegen und welch ein Käpiral von Scharfsinn, Klugheit und Ver- stand der Menschheit nur dadurch entzogen wird, daß man sich immer noch nicht entschlossen hat, im Schlafe statt im Wachen mit einander zu verkehren. Die Träume lieben es, uns mit Fähigkeiten aller Art zu begaben; zu bedauern ist es, daß wir diese Weisheit nicht ins Wachen hinüber nehmen können. Träume entstehen durch die im Schlafe sortgesetzte Thätigkeit un- seres Seelenlebens, doch werden sie oft durch äußere Eindrücke beein- flußt und umgestaltet, und es ist höchst interessant, wie rasch und ge- j schickt die Traumphantasie eine für den Sinneseindruck passende Situation erfindet. Wir haben z. B. beim Einschlafen de» Arm um den Kopf geschlungen und derselbe sinkt plötzlich herab. Sosort träumen wir, daß wir kopfüber von einem Thurme hinunterstürzen und mit einer Gewalt unten ankommen, die uns hoch in unserm Bette emporfahren läßt. Auch Erinnerungen und Erlebnisse tragen zur Bildung der Träume bei. Wer hätte sich nicht schon in seine längstvergangene Schulzeit zu- rückgeträumt und sich neben fast vergessenen Kameraden auf der Schul- bank sitzend gesunden? Jedes Aller und jedes Geschlecht, jeder Stand und jedes Tempe- rament hat seine eigenen Träume. Schopenhauer weist den Träumen einen wichtigen Platz in seinem philosophischen System an, und Börne ist von ihrer sittlichen Kraft überzeugt, wenn er sagt:„Das Herz kommt jeden Morgen warm und mürbe aus dem Backofen des Bettes, und abends ist es kalt, hart und trocken wie eine harte Semmel. Wenn Traum und Schlaf nicht wäre, es wäre besser ein Krebs sein, als Mensch unter Menschen lebend." Jean Paul schwärmt wie für alles auch für die Träume und nennt sie„die unwillkürliche Dichtkunst des Menschen". Ter Philosoph Kant ist iveniger gut auf sie zu sprechen; � er meint, daß„bei weitem die meisten Träume Beschwerden, gefahrvolle Umstände und eine gute Portion Bosheit enthalten". Daß die Träume wunderliche Gesellen sind, die in tollen Sprüngen sich über Zeit und Raum hinwegsetzen, meldet uns Uhland:„Durch den verbotenen Garten darf ich gehen, durch Thüren wandt' ich, die mir sonst verriegelt, bis zu der Schönheit Heiligthume." Ja— bis— zum Heiligthume, hinein aber führt der Traum gewöhnlich nicht, sondern zeigt uns statt der lustverheißenden Kythere eine dräuende Eumenide, daß sich das Haar auf unserm Haupte sträubt, um dann erwachend zu finden, daß alles — Gott sei Lob und Tank— nur ein Traum war. Dr. M. T. „Verzehrende" Küsse. Wie die lebhaft kursirenden Münzen fortwährend durch die Reibung abgenutzt und die Elemente des Goldes und des Silbers in unsichtbaren Theilchen in die ganze Welt verbreitet werden, so werden auch eherne Heiligenbilder durch Küsse abgenutzt, ja, ganze Theile von ihnen fast„aufgezehrt". Wer nach Rom oder Loretto tonimt, kann solcher Heiligenbilder genug sehen, welche häufig von den Pilgern geküßt und durch diese leise Lippenberührung in verhälinißmäßig kurzer Zeit bis zur vollkommnen Unkenntlichkeit abgenutzt ivorden sind. Man hat bei dergleichen Statuen einen Fuß z. B., welcher üblicher weise geküßt wird, mehrmals erneuern müssen.— Die heilige Marmor- stiege in St. Salvatore, welche man auf den Knieeu rutschend ersteigt, existirte vielleicht garnicht mehr, wenn man ihr nicht zum Schutze eine hölzerne Bekleidung gegeben hätte. Dr. M. B. Die Goldmacherkunst zu erfinden und sich dieselbe zu Nutzen zu machen, ist bekanntlich von jeher der heiße Wunsch vieler, vor allem aber der stets geldbedürftigen Fürsten gewesen. Im l3. Jahrhundert wird schon Alphons X., König von Kastilien, als Alchymist genannt; Heinrich Vl. von England(1423) forderte in mehreren Dekreten zum Studium der Goldmacherei auf, damit man Mittel gewinne, die Staats schulden zu bezahlen. Eduard IV. von England ertheilte 147ö einer Kompagnie auf vier Jahre das Privilegium, Gold aus Quecksilber zu bereiten. Kaiser Rudolf, welcher 1Ü76 auf den Thron gelangle, war ein besonders eifriger Patron dieser Kunst, ferner der Kurfürst August von Sachsen um 1560, der ein eigenes Laboratorium in Dresden hatte, welches vom Volke„das GoldhauS" genannt wurde, ebenso seine Ge- mahlin, Anna von Dänemark, die Herzöge Ernst von Bayern(im 17. Jahrhundert), Heinrich Julius von Braunschweig, Kaiser Leopold I. (1658—1705) und mehrere andere. Dr. M. V. Zwei gelehrte Schneider. Heinrich Wild, der um das Jahr 1720 zu Oxford die orientalischen Sprachen lehrte, war ein Schneider und unter dem Namen des arabischen Schneiders bekannt.— Robert Will, ein Schneider in Buckingham. über welchen Spenee im Jahre 1759 eine Abhandlung schrieb, in der er ihn mit dem berühmten italienischen Philologen Magliabochi verglich, um die Ausmerksamklit des Publikums aus ihn zu lenken, hatte Lateinisch, Griechisch und Hebräisch ohne Lehrer gelernt. Dr. M. B. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Johann Wolsgang Goethe, von Dr. Max Vogler(Fortsetzung V— lieber Fremdwörter im Deutschen, von M. Wittich(Fortsetzung).— Russen und Engländer in Asien, von Dr. Max Trausil.— Zusammenstoß mit einem Eisberge. Nach dem Englischen, von Dr. B.-R.(Mit Illustration.)— Aus dem Reiche der Träume', von Dr. M. Trausil.—„Verzehrende" Küsse.— Die Goldmacherkunst.— Zwei gelehrte Schneider. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig.