Novelle von Mudokph von ZZ. (Fortsetzung.) Fritz Lauter wäre trostlos gewesen über das Resultat seines Nachdenkens, welches ihm den Grund und Boden der einzigen in sich geschlossenen Bildnngsmethode, die er kannte, unter den Füßen hinwegzog, wenn ihn nicht die neuliche, für ihn so fruchtbringende Unterhaltung mit dem Herrn Klose einen neuen Weg des Studi- rens und Strebcns gewiesen hätte, der ihn nach seinem Urtheile mit größerer Sicherheit und weniger Beschwerden dem fernen Ziele einer tüchtigen, lebensbrauchbaren Geistesbilduifg entgegen führen mußte. Herr Klose sollte den jungen reichen Damen Vorträge halten über Gegenstände der deutschen Literatur. Was ist diese Literatur anders, als die Schatzkammer, welche alle die guten und großen Gedanken in sich schließt, die jemals gedacht worden sind! Welche doch offenbar das beste Spiegelbild geben muß von dem ganzen Leben und Weben des Volkes, von dem Dichten und Trachten der besten geistesmächtigstcn Köpfe, von dem Streben und Ringen der Massen! Das war jedenfalls der Baum, von dem man die Früchte der Erkenntniß nur zu pflücken brauchte. Was hatte Fritz Lauter bis jetzt von dieser deutschen Literatur, deren Gedankenreichthum und Formenschönheit er so oft hatte rühmen hören, zu seinem gc stigen Eigenthume machen können? Literatur- die deutsche Literatur— wollte Fritz also stu- diren, und er glaubte mit aller Sicherheit darauf rechnen zu können, daß Herr Klose bereit sein würde, ihm dabei mit Rath und That an die Hand zu gehen. Und darin hatte er sich auch nicht verrechnet; der alte Herr war sogar lebhaft erfreut, als Fritz ihm sehr bescheiden die Frage vorlegte, wie er, Fritz, wohl recht viel von der deutschen Literatur lernen könne. Vorerst hatte Herr Klose mit der Gegenfrage geantwortet, was er denn wohl stndiren wolle, welches Gebiet der Literatur ihn am meisten anziehe. Das war nun wieder eine Frage gewesen, auf die Fritz nicht vorbereitet war. Welches Gebiet— welches? �„Ich muß gestehen," sagte er ziemlich kleinlaut,„daß ich auf Ihre Frage, Herr Klose, nicht recht zu antworten weip. Denn wenn ich erwiderte, daß ich wohl Lust hätte, alle Gebiete der Literatur kennen zu lernen, und womöglich auch von Grund au� kennen zu lernen, so würden Sie mich gewiß auslachen und für einen Dummkopf halten, der noch nicht einmal eine Ahnung davon hat. wie ungeheuer umfangreich unsre Literatur ist. Giuen besonder,, Theil' unsrer Literaturwerke vermag ich aber nicht zu bezeichnen, weil ich wirklich nicht weiß, was fnr einen so unwissenden Menschen, wie ich bin, wohl das Beste und Nützlichste und zugleich das am ehesten Verständliche ist." Herr Klose hatte seinem jungen Freunde aufmerksam zugehört und ihm dann die Hand hingestreckt.„Reichen Sie mir Ihre Hand, lieber Lauter," hatte er dann sehr freundlich und warm gesagt.„Sie sind nicht nur ein sehr strebsamer Mensch, sondern Sie sind auch einsichtig und bescheiden. Wenn man den Atenschen gegenüber nicht allzu bescheiden ist, im gerechten Stolze daraus, vaß man nach aufrichtiger Ueberzeugung seine Pflicht thut und der Menschheit nach Kräften nützt, so hat man gewiß recht, aber der Wissenschaft gegenüber, das heißt der Gesammtheit dessen, was von Natur- und Menschenleben als richtig erkannt und in systematische Ordnung eingereiht, gelten muß, diesem höchsten Schatze und unveräußerlichen Gemeingut aller Menschen gegen- � über kann der einzelne nicht bescheiden genug sein. Und zwar liegt das, wie alles Gute und Richtige in der Welt im Interesse � dessen selbst, der diese Bescheidenheit übt. Nur wer die Wissen- schaft über alles hochachtet, wer sich ihr gegenüber so recht klein und nichtig fühlt, wird mit dem nöthigen Eifer, der nöthigen Andacht, möcht' ich sagen, an ihr Studium gehen." Herr Klose hatte fortfahren wollen, aber er unterbrach sich, denn es schien ihm, als drängte es Fritz Lauter, eine Bemerkung dazwischen zu werfen.„Sie verstehen wohl nicht, was ich meine, lieber Lauter, ich habe mich wohl nicht deutlich ausgedrückt?" fragte er daher. „Ich weiß nicht, ob ich Sie ganz verstanden habe," entgegnete Fritz;„ich wollte mir darum die Frage erlauben, ob Sie sagen wollten, daß man alles, was einem die Wissenschaft bietet, im Gefühle seiner eigenen Nichtigkeit auf Treu' und Glauben an- nehmen müsse?" Herr Klose lächelte.„Und dazu haben Sie wohl garnicht recht Lust, Sic jugendlicher Kritikus?" „Es scheint mir wenigstens, als wenn der Menschheit daraus gar sehr viel Unheil erwachsen wäre, daß die meisten Menschen sich vor dem, was ihnen als Wissenschaft entgegentrat, immer viel zu unbedeutend vorgekommen sind, um ein eignes Urtheil zu wagen. Ich möchte daher auch von der Wissenschaft nur das als giltig anerkennen, was ich selber zu begreifen vermag." Fritz stockte einen Augenblick.„Ich weiß freilich, daß ich im Leben, und wenn ich auch noch soviel studiren könnte, nicht alles begreifen lernen kann, was die Wissenschaft lehrt, aber—"— er stockte wieder; er suchte offenbar nach dem passendsten Ausdruck für seine Gedanken. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. i � 6. IfJfllHifr 1»79. 110 „Abcr Sie meinen, daß doch nur das so rechr das geistige Eigenthum des Menschen ist, was er selbst voll und ganz erfaßt. und was sich an dem Prüfstein seines eignen Verstandes als recht und gut bewährt hat?" „Ja, das wollte ich ungefähr sagen. Und dann, daß doch auch alles, was Wissenschast genannt wird, darum noch nicht un- bedingt richtig zu sein braucht. Wird doch so vieles, was die Leute jahrhundertelang für di« höchste Weisheit gehalten haben, und was als Wissenschaft auf all' den hohen Schulen lind Uni- versitäten gelehrt worden ist, heut als unrichtig, oft als grober Jrrthum erkannt, und kann nun kaum wieder aus den Köpfen der Menschen herausgetrieben werden, weil es sich dort gar so festgesetzt hat." „Ganz recht, ganz vortrefflich gedacht und auch garnicht übel ausgedrückt!" rief der alte Herr- in ftendigem Erstaunen.„Ta sehe man einmal an, was sich in so einem jungen Arbeiterkopfe für Gedanken finden. Also, zunächst zagegeben, mein junger Frennd: Sie haben recht, aber— ich habe, meiner Meinung uachj, trotzdem auch recht. Hören Sie mir nur noch einen Augen- blick aufmerksam zu. Der Wissenschaft gegenüber, sagte ich, kann man sich nicht klein und unbedeutend genug fühlen, aber um zu erkennen, was denn eigentlich Wissenschaft ist, muß jeder, der sich mit ihr befaßt, seinen eigenen Verstand brauchen, so gut er es nur irgend vermag. Die Wissenschaft ist unfehlbar, mein Freund, die Gelehrten aber, die Männer der Wissenschaft, sind alle sehlbare, dem Jrrthum ausgesetzte Menschen, wie Sie; was heute als höchste Weisheit gepriesen und morgen als Thorheit verlacht wird, das kann zehnfach den Mantel der Wissenschaftlich- keit um die Glieder gehüllt haben, es war doch eben nur Trug oder Jrrthum, in jedem Falle nicht Wissenschast. Wenn Sie Sich nun dennoch heut in ein Schriftwerk der Wissenschaft, und sei es das beste und großartigste, was geschaffen worden ist, vertiefen, so sollen und dürfen Sie nicht eine Zeile als nnumstößlich wahr und keines weiteren Beweises mehr bedürftig hinnehmen. Im Gegentheil, Sie sollen nnd müssen, wenn Sie selbst den Ruhm wissenschaftlichen Handelns und Denkens sich erringen möchten, alles, was Ihrem Verstände nicht sofort als selbstverständlich einleuchtet, als vorläufig dahingestellt betrachten und, wenn Ihnen darum zu thun ist, zu erkennen, ob es als ein Satz, ein Stück der Wissenschast zu gelten ein Recht hat, müssen Sie selbst es eingehender, jeden Ihnen auftauchenden Zweifel beseitigender Untersuchung unterziehen." Fritz war der Ansforderuiig'udes alten Herrn gefolgt; er hatte seinen Worten mit gespanntester Aufmerksamkeit gelauscht; jetzt, als Herr Klose innehielt, ergriff er selbst wieder das Wort: „Ja, verehrter Herr Klose, das war's so ziemlich, was ich mir schon öfter gedacht hatte. Rur nicht ganz so klar hatte ich selber mir's machen können, wie es mir jetzt ist. Ich habe aber immer noch etivas aus dem Herzen,— noch ein paar Fragen. Nämlich zuerst dünkt es mir, wenn z. B. ich, der noch so wenig weiß, so zu studiren anfangen wollte, ich bei keinem einzigen gelehrten Buch über die erste Seite hinauskommen würde. Was stoßen mir nicht alles für Fragen und Zweifel auf, wenn ich nur einmal einen von den sogenannten populärwissenschaftlichen Auf- sätzen im Feuilleton der Zeitungen oder in Zeitschriften lese! Und wie kann unsereins denn eine beliebige Behauptung in einem gelehrten Buche prüfen? Das ist doch wohl in den meisten Fällen garnicht möglich!" „Aber liebster, bester junger Freund, ich habe mich auch sehr wohl gehütet, Ihnen anzuempfehlen, Sie möchten mit dem Sezir- messer kritischer Untersuchung an das erste beste Buch herantreten, welches ein Wissenschaftsfeld berührt, von dem Sie nichts wissen, und schließlich ja auch nicht viel wissen können. Hätte ich das von Ihnen verlangt, so würde ich noch thörichter gethan haben, als wenn ich Ihnen gerathen hätte, alles auf guten Glauben als wahr hinzunehmen, was Sie lesen. Beileibe nein! Weder das eine noch das andere. Nehmen Sie Sich ein gutes, Volks- verstündlich geschriebenes wissenschaftliches Buch; lesen Sie es- nicht ein- oder zweimal, sondern mindestens drei- oder viermal; machen Sie Sich Notizen und Auszüge von dem Inhalte, und zwar ,o, dag Sre, wenn Sie am Ende sind, Sich, ohne das Buch aufzuschlagen, von dem Inhalt jedes seiner Kapitel Rechen schast geben können. Wenn Sie Sich jedoch so das eingeprägt haben, was das betreffende Buch enthält, so wähnen Sie nicht, denjenigen Theil der Wissenschaft, von dem das Werk, wenn auch noch so ausführlich, handelt, zn ihrem geistigen Eigenthum ge- macht zu haben, sondern begnügen Sie Sich mit dem freilich wohl minder stolzen, aber dafür doch gerechtfertigten Bewußtsein, dessen Herr zu sein, was ein bedeutender Mann der Wissenschaft über den fraglichen Gegenstand gedacht und geschrieben�hat." „Was aber hätte ich dabei gewonnen?' wagte Fritz ein- zuwenden.. � „Viel, sehr viel, mein Freund! Nicht weniger, als daß sie in dem bezüglichen Wissensgebiete von Ihrer jetzigen Wissens- stufe emporgeklommen wären zu der doch zweifellos sehr viel höheren, auf der jener Mann stand, als er das Buch, welches Sie ftudirt haben, schrieb. Nicht wahr, lieber Lauter?" „Nun ja, Herr Klose. Aber wäre ich das nicht ebenso, oder erst recht, wenn ich dem Buche alles buchstäblich geglaubt hätte, was es mich gelehrt?" � „Allerdings! Nur mit dem einen Unterschiede, daß Sie Sich alsdann den Weg zu noch höheren Stufen aus der Himmelsleiter der Erkenntuiß vermauert hätten. Und bedenken Sie nur, was sich der selbst für Schwierigkeiten macht, ivelcher sich nicht stets bewußt bleibt, daß alles Lernen und Studiren nur ein langsames Fortschreiten auf dem Wege zur Erkenntniß ist und niemals die Erkenntuiß selbst in ihrem ganzen Umfange und in ihrer vollen Schärfe dem Studirenden in den Schoß werfen kann. Wieviel erbitterter nnd verbitternder Meinungsstreit ist der Thorheit ge- schuldet, welche von dem einmal für wahr gehaltenen Erlernten unter keinen Umständen lassen will! Wieviel körperlichen und geistigen Schaden haben sich die Menschen schon zugefügt, weil sie aus gelehrte Anschauungen, blindlings von andern übernoin inene Vorurtheile und dergleichen nicht nur nicht verzichten, svn dern sie auch keiner Diskussion, keiner Untersuchung unterziehen lassen wollen." „Das sehe ich ein, Herr Klose," erwiderte Fritz.„Und es vermindert das, was ich soeben von Ihnen gehört habe, meine Lust zu lernen durchaus nicht. Es spornt mich im Gegentheil nur au, über jeden wissenschaftlichen Gegenstand mehr als ein Buch zu lesen. Und das will ich thun, und wenn ich täglich die halbe Nacht über den Büchern sitzen sollte, bis ich etwas Rechtes gelernt habe!" „Nun, nun, mein lieber junger Freund, nur nicht das Kind mit dem Bade ausschütten wollen, das heißt hier, sich nicht etwa körperlich opfern, um dem Geiste reichere Nahrung zuzuführen. Der eine hat sein Recht so gut wie der andere, und der Wissenschaft soll man leben und nicht ihr sterben; sie ist nicht so an spruchsvoll wie manches Weib, daß sie von ihren Liebhabern verlangen könnte, sie sollten sich in Liebe zu ihr verzehren.— Aber um nun wieder auf den Ausgangspunkt unsres Gesprächs zurück- zukommen, möchte ich wissen, zu welchem Zweck Sie Sich denn wohl eine höhere Bildung anzueignen gedenken. Wollen Sie mir das sagen?" „Gewiß, Herr Klose, sehr gern. Einmal ist es für mich immer ein drückendes Gefühl, wenn ich stets auf's neue empfinden muß, daß mir die Welt und alles, was in ihr vorgeht, so gar fremd, so wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint� Ich mag hinsehen, wohin ich will, überall geht es mir so. Da sind z. B. die großen politischen Ereignisse— zu meiner Beschämung muß ich gestehen, daß ich noch bis heute nicht einmal begriffen habe, warum so blutige Kriege geführt werden müssen— nolh wendig waren sie doch gewiß, sonst wären sie nicht geführt worden,— wie wir sie in den letzten zehn Jahren erst wieder erlebt haben. Tann lese ich in den Zeitungen und sehe auch in einem oder dem andern Falle mit eigenen Auge», wie Leute, die ihr Leben lang arm gewesen sind, plötzlich zu ungeheurem Reich thum gelangen, nnd umgekehrt, wie andere, denen es einst ganz gut ging, unverschuldet in Armuth gerathen. ohne daß ich ver stehe, wie so etwas möglich ist. Für solche Tinge, wie sie jedem Menschen täglich vor die Augen treten, möchte ich mir nun Ver ständniß erwerben. Dann aber habe ich auch einen zweiten Grund: ich möchte, wenn's anders möglich wäre, doch nicht zeit lebeus ein Buchdruckergehülfe bleiben. Sehen Sie, Herr Klose, als mein Vater noch lebte, da war ich zum Studiren bestimmt gewesen, meine gute Mutter aber war viel zu arm, um mich solange erhalten zu können— ich mußte ein Handwerk erlernen, unL s, üandig zu werden. Wenn ich das wenigstens zum Theil nachholen konnte, was ich versäumt, denn, Herr Klose, ich möchte so gern auch meine Mutter besser unterstützen, als ich es so , IK 7". Fritz hielt innc. Seine Stimme hatte bei den letzten horten ein wenig gezittert. Der alte Herr Klose bettachtete ihn mit der lebhaftesten Theil- nahme. Er seufzte tief auf.„Vielleicht lohnt das Schicksal Ihren guten Willen, mein lieber, lieber Lauter," sagte er dann selbst mit gepreßter Stimme.„Vielleicht führt es Sie auf aus- steigender Bahn �n der Höhe einer ehrenvollen und Sic selbst befriedigenden Existenz, wie es mich aus jäh abfallendem Pfade in Schmach und Roth hcrabgestoßen hat. Arbeiten Sic dem Schicksal nur wacker vor, suchen Sie Sich nur selbst Ihr Los zurecht zu schmieden. Zwar ist kein Mensch seines Glückes Meisters; aber die allezeit Ringenden und tapfer Zugreifenden sind oft die Lieblinge des Glücks--- Nach diesem Gespräche, das ans dem Wege von der Druckerei nach der Obervorstadt, wo auch Herr Älose wohnte, geführt wurde, hatte Fritz denn ein geregeltes Studium begonnen. Ter alte Herr hatte ihm gerathen, was er zuerst treiben solle und ihm auch gleich die für den Anfang nöthigen Bücher ge- liehen. Seitdem ging Fritz allabendlich um Punkt 7 Uhr aus der Druckerei fort, um spätestens gegen 8 Uhr mit seinem Studium beginnen zu können. Dann las und schrieb er täglich drei Stunden, an dem einen Tag nahm er ein leichtfaßlich gcschriebc- nes Buch über die neueste politische Geschichte vor, am zweiten einen Leitfaden der deutschen Literaturgeschichte, an dessen Hand er zunächst in das Bcrständniß der Haupttvcrke von Schiller und Goethe einzudringen suchte, am dritten Tag endlich gab er sich Mühe, mit Hülse eines, die wichtigsten Ergebnisse der neueren Forschungen kurz zusammenfassenden Abrisses der Naturwissen- schaften auch über dieses zu allerhöchster Bedeutung gelangte Wisscnschastsgcbict einen oberflächlichen Ucberblick zu erlangen. Am vierten Tage begann er dann wieder mit der Gesckuchte und am Vormittag eines jeden Sonntags vergewisserte er sich durch Wiederholung der Quintessenz des Gelernten, daß er wirklich in der vergangenen Woche Fortschritte gemacht hatte, mit welchen er selbst einigermaßen zufrieden sein konnte. Nur den Sonntag Nachmittag verwendete er zur Erholung von seiner dreizehnstün- digen Alltagsarbeit. Gewöhnlich ging er mit Herrn Klose spa- zieren. Derselbe erzählte ihm dann, worüber er den jungen, reichen Damen während der letzten Woche Vortrag gehalten hatte, unterhielt sich mit ihm über, das, was er inzwischen gelernt, und beantwortete Fragen, welche ihm bei seiner Lektüre auf- gestoßen waren. So ging denn Fritzens Sinnen und Trachten ganz und gar in seiner geistigen Thätigkcit aus; sie bereitete ihm hohen Genuß und ließ ihm alles andere, und seine Bcrussbeschäftigung zumeist, als für ihn unwesentlich und nichtig, als einen eben nur nicht abzuschüttelnden Ballast seines Lcbcnsschiffes erscheinen. Zuweilen nur tauchte ihm, besonders auf seinen Spazier- gängcn mit Herrn Klose, ein freundlicher Gedanke an Wando, vielleicht sogar etwas wie Sehnsucht nach ihr, auf, die, wie der alte Herr erzählte, fast allein von allen seinen ZuHörerinnen ein tieferes Interesse, vereint mit Verständniß und wirklichem Arbeits- dränge, für die Litcraturvorträge zeigte. Sic wußte, daß der alte Herr Fritz liebgewonnen hatte und mit ihm öfter zusammenkam, und sie ließ ihn jedesmal harmlos und herzlich grüßen. Daß er keine Lust haben würde, das Haus ihres Vaters öfter zu besuchen, das könne sie sich sehr gut denken -- hatte sie Herrn Klose verrathcn, der bald ihr volles Ber- trauen erworben,— es gefiele ihr selbst gar nicht mehr da, zumal jetzt, wo der Papa sich von seinen Geschäften noch vielmehr in Anspruch nehmen lasse, als vorher, und der junge Herr Wichtcl gar tagtäglich ein und ausgehe. Das müsse aber einmal doch wieder anders werden, sonst würde es ihr ganz unerträglich werden, das fühle sie und nur ihre Beschäftigung mit der Lite- ratur vermöchte die trostlose Langeweile und geistige Oede zu bannen, welche sie in ihrem Vaterhause mehr und mehr empfinde. Tann hoffe sie auch ihren lieben Jugendfreund Fritz wiedcrzu- sehen, und nicht nur ein- oder das anderemal, sondern öfter, und ivollc mit ihm, der, wie ihr Herr Klose zu ihrer lebhasten Freude mitgctheilt hatte, gerade so große Lust am Studium empfinde wie sie, verkehren, wie es sich für alte Jugendfteunde geziemt, u. s. w. Herr Klose hatte dies nicht alles und uicht ganz so, als er es von Wanda gehört, Fritz wiedergesagt. Es schien ihm manch- Wal. als wenn aus Wanda's Worten ein regeres Interesse spräche, als er für beide gut halten konnte. Wie gern hätte er freilich gesehen, daß diese ihm fast gleichmäßig lieben. trefflich gearteten und hoffnungsvollen jungen Menschen cliiandcr naher treten, ani liebsten zu schöner Lebensgemeinschaft sich verbinden möchten. Aber daran mar doch— leider trotz aller schöner Zukunstshoff- nungcn Fritz Lauters— nun und nimmer zu denken. Selbst wenn er durch einen vorläufig nicht im geringsten absehbaren Glückszusall sich zu einer Lebensstellung emporschwingen sollte, die ihm ein Anrecht auf die Hand eines Mädchens gäbe, wie es Wanda war, so konnte das doch sicherlich im besten Falle erst geschehen, lange nachdem Wanda die Gattin eines anderen, vom Glücke mehr begünstigten Mannes geworden. Denn daß Herr Alster alles thun würde, uin seine einzige Tochter nach seinen Begriffen glücklich zu vcrhcirathen, das war ja ganz selbstverständlich. Uebrigens war— wie Herr Klose meinte— glücklicherweise keine große Gefahr vorhanden, daß die Zuneigung. der beiden jugendlichen Herzen zueinander dereinst zur hellen Liebesstamme angesacht würde. Bei Fritz zumal am ivcnigstcn— der steckte ja so tief in seinen Büchern drinnen, daß ihm die ganze übrige Welt keinen Pfifferling mehr Werth schien— der wurde gewiß so ein Bücherwurm, wie Herr Klose es selbst in jenen Jahren gewesen>var, nur mit der ausgesprochenen Hinneigung zu wem- gcr lebensfremden Wissenszweigen, als Klose sie damals seiner Gymnasialerziehung gemäß kultivirt hatte. Zudem würden die beiden ja so gut tvic gar nicht niehr zusammenkommen— es hatte also wirklich gar keine Gefahr! Es waren ein paar Monate ins Land gegangen— der Spätherbst mit seinen Stürmen und Regenschauern hielt soeben seinen ungemüthlichen Einzug. „Ein Wetter zum Davonlaufen," brummte der alte Herr, der an dem einen Fenster seines höchst komfortabel eingerichteten so genannten Studirzimmcrs stand und in das Abenddunkcl hin- ausstarrte. „Wenn nichts weiter zum Tavonlauscu iväre als das Wetter, Papa," antwortete die etwas schnarrende Stimme eines jungen Mannes, der auf einem hübsch gepolsterten Drehsessel an einem Schrcibpult in der Nähe des luxuriös ausgestatteten Marmor- kamins saß und in dicken Aktenbündeln hcrunisuchtc, ,ffo könnten wir beide zufrieden sein. Deine Kaltblütigkeit, mit der du meine doch gewiß wichtigen Mittheilungen entgegennimmst, ist für mich viel eher zum Davonlaufen." Ter alte Herr lächelte in spöttischer llebcrlegcnhcit.„Wich- tigc Mittheilungcn? Hm! hältst du diese Mittheilungen wirklich für so wichtig?" Der junge Herr warf den Aktenstoß, den er in der Hand gc- halten hatte, unmuthig auf den Schreibtisch und sprang auf. „Ich glaube wahrhaftig, du hast mich einen Vortrag von einer halben Stunde halten lassen, ohne auch nur eine Minute lang zuzuhören," erividcrte er, mit beiden Händen über seine schwarzen, in ein künstliches Lockentoupcc verschnörkelten und zusammengekleisterten Haare fahrend. „Du hast nicht so ganz Unrecht, mein Lieber," entgegnete auf diesen Vorivurf seelenruhig der alte Herr, in dem wir den Herrn Wichtel senior, den als Juristen und besonders als Ber- theidigcr zweifelhafter Rechte in von vornherein mehr als halb- verlorenen Prozessen, kennen zu lernen das Vergnügen haben. „Nach den ersten zwei Minuten deines Vortrags wußte ich in der Hauptsache, was du in den übrigen achtiindzwanzig sagen würdest. Ich habe darum etwas besseres gcthan, als dir zii zuhören; ich habe nachgedacht, wie wir die Schwierigkeiten, die dich so sehr in Harnisch bringen, beseitigen können." „Du scheinst mich immer noch als einen Anfänger, einen Stümper in Geschäftsangclegcnhcitcn zu betrachten, Papa?" pol tcrte der Refcrendarius Wichtcl jetzt noch ärgerlicher als zuvor. „Ich begreife nicht, ivic du glauben kannst, ich würde meine kost- dare Zeit damit todtschlagen, dir eine halbe Stunde lang Dinge zu erzählen, die du in zwei Minuten bereits vollständig über- schaut haben könntest. Ich sage dir, es sind diesmal nicht ge- wöhnliche Schwierigkeiten, auf die wir gestoßen sind, sondern ebenso bedenkliche als in ihrem Entstchungsgrunde räthselhaftc Schwierigkeiten. Ich sage Dir serner, daß wir in der bcwuß- ten Angelegenheit, welche auf den Klippen dieser Schwierigkeiten festsitzt, nicht scheitern dürfen, wenn»vir—--" Wichtel junior hielt inne; er war an das zweite Fenster des mittelgroßen Zimmers getreten und schaute, ohne den begoimenen j Satz zu vollenden, in die Nacht hinaus.— (Fortsetzimg folgt.) (Fortsetzung.) Ncbcn„Egmont" beschäftigten Goethe in Rom vor allem noch I das Schauspiel„Torquato Tasso" und das Fragment„Faust",| welche indessen beide erst nach der Heimkehr vollendet wurden.! Das einzige vollständige Drama, welches er für die„Gesammelten � Schriften", deren Redaktion ihn auf der Reise fortwährend in Anspruch nahm, in Italien neu gedichtet hat, ist das an„Kunst- lcrs Erdenwallen" anschließende kleine Drama„Künstlers Apo- theose". Schließlich wollen wir neben den ebenfalls in Italien betriebenen, schon erwähnten botanischen Studien(vgl. seine zuerst 1790 zu Gotha erschie- nene Schrift„Metamorphose der Pflanze") noch seiner in ihren Anfängen bereits in diese Zeit fallenden Beschäftigung mit der Farbenlehre gedenken, um dem Leser anzudeuten, wie er seine Bildung immer mehr einer gradezu erstaunlichen Viel seitigkeit nahe brachte. Eine der hauptsächlichsten Wirkungen, seines Aufenthalts in Italien müssen wir noch darin erblicken,� daß sich Goethe, obgleich er sklr in Rom mit vielem Geschick der Ausübung des Zeichnens. hingab und mit mehreren be' deutenden Malern, u. a. auch mit der edlen, anmuthigen Angelika Kaufmann, intimen Umgang pflog, hier endlich klär wurde, daß ihn seine Be- gabung nicht ans das Feld der bildenden Künste, soviel er von diesen auch gelernt hatte und Zeit seines Lebens lernte, son- der» mit aller Deutlickkcit auf das der Dichtkunst hinwies, und in diesem Sinne schrieb er im Februar von 1788 aus Rom:„Täglich wird mir's deutlicher, daß ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin..... Von meinem längeren Aufent- halt in Rom werde ich den Vortheil haben, daß ich auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht thue. Angelika (Kaufmann) macht mir das Kompliment, daß sie wenige in Rom kenne, die besser in der Kunst sähen, als ich.... Genug: ich habe schon jetzt meinen Wunsch erreicht: in einer Sache, zu der ich mich leiden- schastlich getragen fühle, nicht Hermann von'S mehr blind zu tappen." Die Rückkehr Gocthe's nach Weimar erfolgte am 18. Juni 1788. Hatte der Herzog ihm ans seine von Rom aus an diesen gerichtete Bitte hin auch völlig freien Willen hinsichtlich der Wahl seiner amtlichen Geschäfte gc- lassen,— Goethe behielt das Bergwcrksfach für sich und über- nahm die Oberleitung der wissenschaftlichen und Kunstanstalten, während er nur, wenn es ihm beliebte, noch ferner den Vorsitz in der Kammer führte,— so fühlte sich Goethe doch in der ersten Zeit nach seiner Zurückkunst nicht zufrieden, da er bei den alten Freunden, von denen sich zudem bald darauf einige auf Reisen begaben, nicht das volle Verständniß fiir seine jetzigen Neigungen fand, und sich namentlich der Herzog mehr, als dem Dichter lieb war, mit dem Militärwesen beschäftigte. In diesen Momenten innerer Verstimmung und Vereinsamung begegnete er an einem Herbsttage(1788) auf einem Zpazirgangc durch den Weimarer Park einem jungen Mädchen, welches ihm eine Bittschrift ihres, als Vcr- fasser des Räubcrromans„Ri- naldo Rinaldini" bereits be- kannten Bruders übergab. Dieses Mädchen, damals 24 Jahre alt, war Christiane Vulpius, mit der er bald ein intimes Verhältniß einging, und welche er, nachdem sie ihm Weih- nachten des folgenden Jahres einen Sohn geboren hatte, mit ihrer Tante und Schwester in sein Haus aufnahm. Wenn Christiane Vulpius Goethe gci- stig auch nicht genügen konnte, so erzog er sich doch an der Geliebten eine seinen natur- wissenschaftlichen Arbeiten mit großer Theilnahme folgende Schülerin, und besaß an ihr eine umsichtige und gewissen hafte Leiterin seiner häuslichen und wirthschaftlichcn Angelegen- hcitcn. Der Dichter ließ sich erst am 19. Oktober 1806 mit ihr vermählen, erfreute sich aber nicht ganz zehn Jahre glücklichen Familienlebens mit ihr; denn am 6. Juni 1816 bereits wurde sie ihni durch den Tod entrissen. Infolge seines Verhältnisses zu Chri stiane Vulpius lockerten sich, da die sogenannte feinere Welt es an offenen Kundgebungen ihrer Entrüstung nicht fehlen ließ, manche gesellschaftliche Vcr bindnngen, darunter— soweit sich sehen läßt, durch beider- scitige Schuld— das Verhält- niß zur Frau von Stein. Es ist hier selbstverständlich nicht der Ort, ausführlich über die Persönlichkeit Christiane Lul pins' und Goethe s vielfach und sehr veychiedcn bcurthcilte Vcr- bindung mit ihr zu berichten, und wir wollen nur noch er- wähnen, daß seinen für sie ge- hegten Empfindungen(und den in Italien geweckten Stimmun- gen) die sinnlich gluthvollen, �, hinsichtlich ihrer formellen Voll- alza.(«elte iin, endung in der ganzen Welt literatur ihresgleichen suchenden ....„Römischen Elegien" entflossen »•-— /M6 e�te Zeit nach der Rückkehr von der italienischen Repe wurde durch den Abschluß der letzten Bände seiner„Schriften" und die Bearbeitung einzelner Partien der„Jtalicnischcii Reise" iur den ,, deutschen Merkur", vor allem aber durch umfassende naturwchenfchastlichc-Studien ausgefüllt. Diese Studien waren botanischer und anatomischer Art und erstreckten sich dann weiter vornehmlich auf die Optik und Farbenlehre; ihre Richtung wird am bejten durch den Hinweis darauf charakterisirt, daß Ernst Hacket neben Kant und Lamarck vor allem, und mit Recht, Goethe als den Mitbegründer der nachmals unter dem Namen Dartvimche - I -— 113 Deszendenztheorie begriffenen Lehre von der uci- türlichen Entwicklung der Arten bezeichnet. Im März von 1790 reiste der Dichter der aus Jta- lien heimkehrenden Her- zogin Amalia bis Venedig entgegen und brachte den in der Lagunenstadt gc- schriebcnen gröfeten Thcil der„Venetianischen Epi- gramme" mit zurück. Im Juli desselben Jahres rief ihn der Herzog, der als General in preußischem Dienste stand, in das Feldlager nach Schlesien, wo ihn indeß die ver- gleichende Anatomie, Berg- und Hüttenkunde mehr als das Soldaten- leben beschäftigte; auf dem Hin- und Herwege sprach er in Dresden bei Schillers Freunde Chr. M>. MWWWMWAMM~ Gottfr. Körner, dem Vater MM-MK- S des Dichters von„Leyer<, �® und Schwert", vor, wo- durch jedenfalls der An- Näherung der beiden, sich jetzt noch eher meidenden- ü' M alo aufsuchenden großen W Dichterfürsten ein bedeutender Vorschub geleistet wurde. Im folgenden Jahre wurde Goethe vom Herzog als oberster Leiter des neu begründeten und � am 17. Mai mit Jfflands" � N .Lägern« eröffneten Hof-. � theaters ausersehen, von dessen bedeutenderen Mit- gliedern hier Malkolmi,.................................. WWWDW......... I mm™™™- und vor allen Christiane j-- k; HH. MWY| Neumann genannt sein L mögen. Goethe hatte bei dieser neuen Stel--iN. lung, die er bis zum Jahre 1S17 versah, nicht jjUm* DESl �" sowohl in der vorerst'WW- 1.«7�1®-®' uothwcndigcn knnstgerech WML. u'MM�W: m jl-e'WV-J''WWW! ten Schulung des Theater- Personals, sondern auch vor allein durch die gleicherweise von ihm erst zu fördernde Bildung eines guten Geschmacks bei dem immer noch mit besonderer Vorliebe seich- teren Singspielen, Ope- retten und Lustspielen zu- geneigten Publikum, eine äußerst schwierige Auf- gäbe zu erftillen. Im Anfang freilich machte Goethe dem verderbten Geschmack der Zuhörer- ichaft noch Konzessionen, und die in dieser Zeit entstandenen und auf die- 'erBühne zur Ausführung gelangten, höchst mittelmäßigen Stucke:„Der Großkophta. Bürgerqeneral" und das nicht vollendete„politilche-vrama.„�.>e Aufgeregten" dienten wohl direkt dem Bestreben den Darsteller» Gelegenheit zu geben, bereits bekannte Typen und Charaktere in kunstgerechter Weise zur Gelttmg zu bringen; daneben gelangten meist kotzebue'sche Lustspiele auf die Bretter, und Darstellungen, wie des Dichters„Iphigenie", des„König Johann" von Shakespeare, Mozarts„Don Juan" und Schillers„Don Karlos"(1792), sowie 114 einige andere klassische Dramen gehörten vorerst noch zu den Seltenheiten. Die zuletzt zusammen erwähnten drei goethe scheu Stücke geben uns noch zu einigen Bemerkungen Anlaß. Der Dichter schrieb dieselben— wie die in dieser und einer etwas späteren Zeit entstandenen„Unterhaltungen deutscher Ausgewan- dcrter"— unter den Eindrücken der beginnenden französischen Revolution, deren Bedeutung er im Anfang ebenso naiv unter- schätzte, wie er den gewaltigen Eruptionen des durch die Jahr- zehnte vorher in Wissenschaft und Kunst zum Ausdruck gelangten und auf das Volk übergegangenen Freiheitsdranges im Verlaufe dieser großen Staatsumwälzung mit Glcichgiktigkeit folgte. Es wäre sehr gefehlt, diese Theilnahmlosigkeit Goethe's an den großen Zeitereignissen aus seiner Stellung zum Herzog August, der auf Seite der Royalisten trat und mit andern, wie wir gleich sehen werden, dem König Ludwig XVl. zu Hülfe zog, zu erklären. Goethe war nicht der Mann, sich durch ein äußeres Abhängigkeits- verhältniß in seinen Meinungen beeinflussen oder an dem Aus- druck derselben behindern zu lassen, und er verwarf das Treiben und die politischen Pläne der königlichen Partei in gleicher Weise, wie die Aktionen und Tendenzen der Revolutionäre. Er hat der ersteren, der er die Worte: „Sage, thun wir nicht recht? Wir müssen den Pöbel betrügen, Sieh nur, wie ungeschickt, sieh nur, wie wild er sich zeigt!" in den Mund legt, zugerufen: „Ungeschickt und wild sind alle rohen Betrüger: Seid nur redlich, und so führt ihr zur Menschlichkeit an!"— und zu Eckcrmann sagte er mit voller Deutlichkeit,„eine große Revolution sei nie die Schuld des Volkes, sondern der Regierung". Allein in der Ueberzeugung, daß die Menschheit nur durch fort- während wachsende innere Bildung jedes einzelnen zu dem erwünschten Ziele, zu einem glücklichen Gedeihen des materiellen und geistigen Lebens gelangen könne, ließen ihn alle politischen Strebungen und Partciungcn deshalb gleichgültig, weil sie nach seiner Ansicht in ihren Folgen den ruhigen Kulturfortschritt der Menschheit hemmten, wie er denn von der großen Revolution und der deutschen Reformationsbewcgung sagte:„Franzthum drängt in diesen vcrlvorrencn Tagen, wie ehemals Lutherthum es gethan, ruhige Bildung zurück". Der Begriff der politischen Freiheit war ihm nicht völlig klar, oder er faßte ihn doch wenig- stens in zu beschränktem Sinne auf, was allerdings darin seinen Grund haben mag, daß der geniale Mann, sich innerlich völlig frei fühlend und auch in seinem äußeren Leben durch keine Fessel gedrückt, die ersten Bedingungen geistiger und materieller Freiheit allzu sehr unterschätzt und übersehen hat. Man mag mit Goethe ganz in der Meinung,„daß alles Heil nur aus innerer Bildung komme" übereinstimmen— und jeder Einsichtige stimmt darin mit ihm überein aber man darf sich doch der Erkenntniß nicht verschließen, daß zur allseitigen Vermittelung dieser inneren Bil- dung gewisse Voraussetzungen nöthig sind und daß eben dann, wenn man diese Voraussetzungen nicht antrifft, Strcbungen an die Oberfläche treten müssen, die diese Voraussetzungen schaffen, die bestehenden Hindernisse wegräumen, je nach den Uniständen auf friedlichem oder gewaltsamem Wege, und daß daher allgemein menschliche, künstlerische und wissenschaftliche Strebungen mit einer ganz bestimmten politischen Partcirichtung sich sehr wohl ver- tragen, ja, völlig und mit Recht in eine solche aufgehen können. Daß Goethe das nicht begriff, ist ein Beweis für seinen Mangel an geschichtlichem Sinn; er sah nur das Ereigniß nach seiner Schönheit und Unschönheit, nach seinem Werth oder Unwerth, wie es sich ihm in der Gegenwart darstellte, an, die großen Perspektiven, der weitsichtige, feine historische Blick, der in dem Kleinen das Große, in dem Vergangenen und Gegenwärtigen das Zukünftige erkennt, sind ihm verschlossen und fremd gewesen. Und in diesem Sinne kann allerdings den, dem dieser Blick fehlt, manches in der Gegenwart als Wahnsinn erscheinen, was sich nachher, oft schon in kurzer Zeit, als geschichtlich berechtigt er- weist. Wir Ivollen aber Goethe ob seines Mangels an gcschicht- lichcm Sinn in keiner Weise verdammen; hat doch gerade er für die Kulturentwicklung der Menschheit gearbeitet, ist er doch ein edler Vorkämpfer und starker Bahnbrecher des echten Fortschritts gewesen, wie selten einer!... Im August und September von 1792 befand sich Goethe mit dem Herzog, der mit dem König von Preußen und dem Herzog von Braunschwcig an der Spitze eines großen Heeres in Frankreich eingedrungen war, auf dem Feldzng in der Champagne und nahm im Sommer des folgenden Jahres an der Belagerung von Mainz Thcil, von welcher er froh war, nach Hause zurück- zukehren.„Die politische Stimmung aller Menschen"— schrieb er an Jacobi—„treibt mich nach Hause, wo ich einen Kreis um mich ziehen kann, in welchem außer Liebe und Freundschaft, Kunst und Wissenschaft nichts herein kann." Er beschäftigte sich weiter mit wissenschaftlichen Untersuchungen und schrieb die lieber- tragung des niederdeutschen„Rcineke Fuchs."(Fortsetzung folgt.) Konrad Deubler— der Dauern-PhiUilnph. Eine Skizze nach dem Leben, von Dr. A. (Fortsetzung.) Nach dreizehnjährigem Wirken und Sparen auf der Hallstätter- Mühle verkaufte Teubler die letztere und erwarb sich mitten im Torf Goisern ein großes Bauernhaus, aus dem er die von ge- lehrten Touristen vielbesuchte Wirthschast und Bäckerei zur„Wart- bürg" schuf. Bisher war keiner der Goisercr Wirthe ernstlich bc- müht, für seine Gäste auch geistige Unterhaltung in Gestalt v«t Zeitungen, Unterhaltnngsschriftcn und Büchern zu beschaffen. Deublcr ergriff die Initiative und in kurzer Zeit fand der Gast zur„Wartburg", auch wenn er als Tonrist für lange Tage in dem stillen Baucrndorf eingeregnet blieb, der Lektüre genug. Ja. Deublcr schaffte sogar in das obere Gesellschaftszimmer der „Wartburg" ein Billard, gewiß das erste, welches seit dem Be- stand von Goisern in dem schlichten Bergdorf zu sehen war. Mittlerweile wuchs auch fein Bücherschatz heran und Hand in Hand damit auch die Geistesbildung des urwüchsigen Gebirgs- sohnes. Jm� dreiundzwanzigsten Jahre seines Lebens kamen ihm Zschokkc's„Stunden der Andacht" in die Hände, die ihn derart begeisterten, daß er im Jahre 1844— damals noch in Hallstatt lvohnend— eigenhändig an Zschokkc zu schreiben unternahm, obschon er sich seiner mangelhaften und hiezu kaum zureichenden Schulbildung nur zu sehr bewußt war. Der Brief, den wir hier im Wortlaut, und mit buchstäblicher Beibehaltung der ortho- graphischen Fehler mittheilen, bedarf keines Kommentars; er lautet: Edler Menschenfreund! Schüchtern, obgleich voll Vertrauen auf Ihre edle Denkungs art, ergreiffe ich die Feder zn gegenwärtigen Schreiben. Ich bin ein ehrlicher Bergmann, der seine freien Stunden immer einer guten Herz und Geist bildeten Lektüre gewidmet hat, und noch widmet. Liebe zu den Wissenschaften hate der Schöpfer in meine Seele gehaucht, aber meine Acltcrn waren Arm, und ich muste ftoh sein, daß ich bei dem k. k. Salzberg werke als Arbeiter aufgenommen wurde. Doch, die Vorsehung waltete über mich; gute Menschen gaben mir(fteilich erst spät, in meinem dreiundzwanzigstcn Jahr) die Stunden der Andacht zu lesen. Unser Pastor, ein Verehrer von Stillings Schriften, sähe gar nicht gerne, und ivarnte mich sor diesen frcigeisterischcn Büchern(wie er es nannte) allein ich ließ mich nicht abreden. Später kaufte ich niir Ihre Ausgewählten Novellen und Dich- tungen, wo die Geschichte von Alamontade, einen Freund von inir die verlorene Ruhe und den Glauben an Gott ivieder gab, den größten Segen aber brachte in meine Gegend, das Buch. die Branttvcinpest! mehrere hundert Exemplar wurden gekauft. Meine Verehrung und meinen Dank Edler Menschenfreund! Ihr Streben die Menschheit, Glücklicher und Besser zu machen, war nicht erfolgloß gewessen. Meine Achtung gegen Sie. Ivurde bcy der Durchlesung Ihrer Selbsffchan immer mehr gesteigert, so das ich beschloß Ihnen meinen aufrichtigen Dank mit meinen schlechten Schreiben zu bezeugen, mit der Bitte, mir auf diesen Brief zu Antworten. Damit in Ihrem Brief ein Angedenken hätc, ein�Andenken von einen Manne den ich so sehr Achte und Liebe. Scheint Ihnen meine Bitte ettvas auffalend— zudring- lich?— O, so Verzeihen Sie gütigst einem armen Bergmann der Sie über alles Liebte, und Ihnen vielleicht noch jenseits des Grabes für Ihre Güte danken wird. Ja. Ehrwürdiger! um die Beruhigung so vieler tausend Menschen hochverdienter Mann! gewähren Sie mir gütigst meine Bitte, und seyen Sie versichert, daß Sie es keinem Unwürdigen thun. „Wer nicht fürchtet, nicht Host, nur der ist Glücklich" sagt Klopstock. Darum will auch ich ruhig Erwarten, was Sie gütigst beschlicssen werden. Auf jeden Fall bin und bleibe ich mit ungehenchelter Hochachtung und Dankbarkeit Ihr ergebenster Konrad Denbler Den 27. July 1844. Bergmann in Oberöstreich Markt Hallstadt, nächst Ischl. Mit diesem Brief beginnt die in ihrer Art wohl einzige Kor- respondenz, die ihre Fäden von der Hütte des robusten Berg- sohnes ausstrahlend bis zu den einsamen Geisteswerkstätten der Gelehrten und Schriftsteller der letzten Jahrzehnte ausspannte. Zschokke zögerte nicht, auf den naiven Brief in höchst menschen- freundlicher Weise zu anttvorten. Wir entnehmen seiner Erwide- rnng folgende Schlnßstelle:„Aber, wahrlich wegen des Guten, welches ich Ihnen und Ihrem Freunde geleistet haben soll, ver- diene ich keinen Tank.--- Mir gehört nur der gute Wille, Ihnen das gute Bollbringen, durch welches Sie das höchste Gut aus Erden, Seelenruhe, Gleichmuth im Wechsel der Zustände und Bewußtsein, nach Kräften nützlich geworden zu sein für Freund und Feind, erringen werden. Mögen Sie dieses wahren Glückes lange und ununterbrochen genießen, denn es ist das einzige, welches wir mit vollem Recht unser selbsterworbenes, bleibendes Eigenthum nennen können.— Leben Sie wohl und glauben Sie, daß ich Sie aus Ihrem Brief hochschätzen gelernt habe und recht auftichtig bin Ihr ergebener Heinrich Zschokke." Die vierziger Jahre brachten bekanntlich mancherlei geistige und politische Stürme. Denbler, der durch die Lektüre vcrschie- denstcr Werke immer mehr und mehr zu den spezifisch-religiösen und philosophischen Hauptfragen hinübergedrängt wurde, hatte ein wachsames Auge ans all die Vorkommnisse, ivclche geeignet sein würden, auch ihm, dem unersättlich Forschenden ans diese > und jene der letzten großen Fragen Antwort zu geben. So ver- nahm er den» auch Mitte der vierziger Jahre von dem heftigen Kampf, der draußen im protestantischen Deutschland zwischen einem David Friedr. Strauß und seinen Gegnern immer noch fortwüthetc.. Denbler hörte davon, daß der Tübinger Repetent schon im Jahre 1885 ein„Leben Jesu" geschrieben habe, das deni Verfasser den Verlust der Repetentcnstclle eintrug, aber auch Anlaß geworden, daß David Strauß 1839 von der Züricher Re- gierung zum Professor der Dvgmatik und Kirchengeschichte an der dortigen Universität ernannt wurde. Denbler hörte des fcr nereu, daß Strauß wegen seines„Leben Jesu" niemals den Lehrstuhl an der Hochschule Zürich betreten konnte, daß die schwarze Reaktion unter der Anführung einiger orthodoxen Pfaffen und Mucker nicht nur die Pensionirung des eben ernannten neuen Theologic-Professors, sondern auch— über der Blutlache gc slossenen Bürgerblutes hinweg— die freisinnige Regierung von Zürich, diese Verehrerin des„ketzerischen" Strauß, zur Abdan kung nöthigtc. Das Buch von Strauß erschien nichts destoweniger im Jahre' 1840 in vierter Auflage, und immer weiter hinaus kräuselten die Wellen des angefachten Geisteskampfcs, so zwar, daß Denbler sich nicht mehr zu halten vermochte, sondern� selbst in die Geheimnisse eindringen wollte, die die geistlichen Herren so gerne hinter den Kulissen, abseits vom Blicke des gemeinen Volkes, geordnet haben würden. Denbler niollte die gelehrte Kritik der historischen Grundlagen des Evangeliums selber kennen lernen. Das Stranßsche Buch, das ja vom Verfasser nur für gelehrte Theologen geschrieben wurde, wurde vom Bauer gekauft und m das einsame Bergthal des Salzkammcrgutes gelragen. „Unverdrossen und gewohnt, vor keiner Arbeit zurückzuschrecken, hatte er sich in den späten Abendstunden nach schwerer Tages- arbeit daran gemacht, in das„Leben Jesu" in seiner ersten Gestalt einzudringen. Bald aber war er inne geworden, daß der Zu gang zuni Verständniß hier für ihn durch Felsstückc verrammelt war. die auch das redlichste Bemühen nicht zu beseitigen ver- Mochte, und dieser Umstand wurde die Veranlassung eines brief- lichen. an den Verfasser des„Lebens Jesu" gerichteten Anftage, ..warum er denn bei seiner Arbeit sowenig das Volk bcrücksich- tigt habe." Es ist bekannt, daß David Strauß alles andere eher, alö eine demokratische Ader in sich verspürte. Freilich waren auch seine Lcbcnsschicksale derart, daß ein Groll gegenüber dem ihm so übel mitspielenden Volk bei ihm sich dauernd niederlassen mußte. Strauß war von Natur aus aristokratischer Gesinnung und er blieb es bis an sein Ende, wie ja die„Politik" im „alten und neuen Glauben" es mehr als genügend zeigt. Wie kam es nun aber, trotz dieser ivenig volksfreundrichen Gesinnung, daß David Strauß sich herbeiließ, ein..Llben Jesu für das deutsche Volk" zu bearbeiten' nnlr'scyießlich— am Ende seiner schriftstellerischen Laufbahn, die Quintessenz seines geistigen Schaf- fens, das Werk vom„alten und neuen Glauben", auch wieder dem ganzen Volk vor die Füße zu legen? Die Erklärung dieses scheinbaren Widerspruches zwischen Gesinnung und Hand- lung liegt sehr nahe. Strauß hatte durch sein„Leben Jesu" erster Ausgabe, das ja nur für Theologen bestimmt war.„den Kanzeln gepredigt und sie leer gefunden; seine Rede und Beweis- führung, die die Fachgenossen überzeugen und auf andere Wege leiten sollten, hatte er in den allermeisten Fällen an taube Ohren und widcrwillige Herzen verschwendet! Das empfand er bitter; während ihn seine Freunde, denen er das Herzblut seiner Gedanken darbrachte, verließen und schnöde verstießen, nahm ihn— den Verstoßenen und Einsamen— das Volk mit offenen Armen auf. Deublers Brief an Strauß war die Stimme ans Volks- munde und Strauß hat diese Stimme verstanden und ist ihr gefolgt. Wir geben seine Antwort auf Deublers Brief: Wcrthcr Herr! Da ich diesen Sommer längere Zeit auf Reisen war, so kam mir Ihr freundliches Schreiben erst jetzt zu, und ich bcanttvorte es um so schneller, je mehr mir daran liegt, Sie nicht länger in dem Glauben zu lassen, als fehlte es mir am guten Willen, eine so wohlgemeinte Zuschrift, wie die Ihrige, zu beantworten. Eine befreundete Stimme aus ihren Bergen zu vernehmen, hat mir große Freude gemacht: Ihr Stand und Ihr Bildungsgang, die Mühe, die es Sie gekostet haben muß, sich soweit durchznar- beitcn, gibt Ihren errungenen Ucbcrzcugungcn doppelten Werth und Ihr Brief ist mir ein ersrenlichcres Zeichen der Zeit und der Früchte meines Wirkens, als es die zustim- inende Acnßerung eines Theologen sein könnte. Freilich, gerade eine solche Aeußerung, ivie die Ihrige, zu verdienen, muß ich mir gestehen, sehr wenig gcthan zu haben, und Ihr Vorwurf, daß wir Männer des Fortschritts unter den Gelehrten das Volk zu wenig berücksichtigen, ist wenigstens gegen mich ganz gerecht. Nur müssen wir bedenken, daß es damals, als ich mein Leben Jesu schrieb, noch ganz anders bei uns aus- sah. Hätte ich es populär geschrieben, so wäre es gewiß ver- boten worden, nur unter dem Schutze seiner gelehrten Form konnte es sich ungestört verbreiten. Und auch ich selbst hätte mir damals ein Gewissen daraus gemacht, ein solches Buch unter das Volk zu werfen; unter dem Volke ivaren damals noch keine Zeichen eines Bedürfnisses nach solcher Aufklärung zu bcnicrken, am wenigsten bei uns in Württemberg, wo freilich»och jetzt jenes Bedürfniß nicht erwacht ist; ich, als Theologe, hatte es empfunden und befriedigt; meine theologischen Freunde, das wußte ich, empfanden es auch, so war mein Plan, durch Aufklärung der Theologen allmälich auch das Volk zu reine- ren Religionsbegriffen zu führen. Allein ich hatte falsch ge- rechnet, und es sollte gerade umgekehrt gehen. Die Theolo- gen in Masse verschmähte», was ich und andere Gleichgesinnte ihnen boten, weil sie für die Existenz als Geistliche fürchteten, dagegen wandte sich das Volk— im Deutschkatholizismus, in den Vereinen der protestantischen Lichtfteuudc:c.— der neuen Richtung zu, und wenn ja das Unternehmen einer K ichenreinigung in Deutschland ge- lingen wird, so wird dies nur trotz der, nicht durch die Theologen geschehen. Diese stehen jetzt zu dem, was uns geistig noth thut, gerade so Ivie die Juden zur Zeit des Apostels Paulus: ihnen bot er das neue Heil zuerst, aber weil sie es verschmähten, wendete er sich zu den Heiden: so muß, wer jetzt Licht bringen will, die Theologen stehen lassen. und sich an das Volk wenden, das ebenso empfänglich ist, wie jene verstockt sind. So würde auch ich es halten, wenn ich heute zu schreiben hätte; allein ich hatte es vor zehn und sechs Jahren zu schreiben, und jetzt sind andere da, die fürs Volk besser zu schreiben wissen, als ich, und so kann ichs denen überlassen. Sie wünschen fernere Schriften von mir kennen zu lernen, die einzige, die es vielleicht der Mühe Iverth ist, noch zu lesen, ist ein kleines Heft, betitelt: Friedliche Blätter, das ich Ihnen beilegen will, wenn— wonach ich mich erst erkundigen muß � dergleichen per Post dort Yassiren kann. Mit dem herzlichsten Wunsch, daß diese Zeilen Iie wohl und gesund antreffen mögen, bin ich Ihr ergebenster Ludwig sburg, 8. Septbr. 1846. D. F. Strauß. Auch dieser Brief bedarf keines weitläufigen Kommentars. Strauß selbst gestand zu,, daß er sich in jenen verrechnet hatte, an die seine erste Bearbeitung dt*„Leben Jesu" adrcssirt war; er gestand, daß er erst in zweiter Linie an das Bolk dachte. Und dennoch hatte ihn dieses Bolk eher gefunden, als er es suchte. Auch hier fiel das geistige Erbtheil nicht denen zu, die dem Erblafier am nächsten standen, sondern den ferneren und diese fernerstehenden— das Bolk, in dessen Namen Deublcr. der schlichte Bauer, zum gelehrten Theologen sprach— das Volk hat, wie Duboc-ganz richtig bemerkt, die Eroherung eben dieses Theologen gemacht.— Allerdings ist David Strauß erst meh- rere Jahre nachher zur Ausführung des Dcublerschen Gedankens geschritten; erst als Renan's seichtere Arbeit über das gleiche Thema die Gemüther zu erregen begann, erst dann ließ Strauß sein„Leben Jesu, für das deutsche Volk bearbeitet" erscheinen. Mittlerweile brachen über Deubler die härtesten Prüfungen herein. Er hatte sich im Dorf Goisern durch seine rationelle Oekono- mie als Wirth zur„Wartburg", durch seine biedere Gradheit und sein aufrichtiges Handeln nicht allein zum angesehenen Manne, sondern auch zum hablichcn Bürger emporgearbeitet. Eigene Kinder waren ihm nicht beschieden, was erworben wurde, das war somit die Frucht seiner Arbeit und das Produkt des Sparfleißes seiner treuen und klugen Lebensgefährtin. Deubler vergaß nie an seinem geistigen Fortschritt zu arbeiten. Auf seinen kleineren und größeren Wanderungen, die ihn bald über die Berge der Steyermark nach Trieft, an die blaue Adria und nach der Dogen-Stadt der venetianischen Lagunen, bald hinaus in deutsche und deutschösterreichische Städte und Länder führten, stöberte er zuweilen in den antiquarischen Buchhandlungen nach diesem und jenem Kleinod, das er sich früher als„Wünschens- Werth" notirt hatte und doch aus nächster Nähe sich nicht zu kaufen getraute. Man erinnere sich nur daran, daß zu Ende der vierziger und noch in den fünfziger Jahren keineswegs jenes Maß von Glaubens-, Gewissens- und Preßffeiheit in Oesterreich zu Hanse war, wie dies heutzutage der Fall ist. Damals gab es im deutschen Buchhandel zahlreiche„Novitäten", die kurz nach ihrem Erscheinen in österreichischen Landen sofort verboten wurden und gar manches, was nicht verboten ward, brachte den Besitzer gelegentlich in den Verdacht der Ketzerei, oder in den Geruch der Vaterlandslosigkeit. Wer jedoch Deublcr persönlich kannte oder kennt, der fand in ihm jederzeit einen treuen Sohn seiner ber- gigen Heimath, der sein Vaterland über alles liebt, nicht minder aber eine unbegrenzte Liebe zur Wissenschaft und Wahrheit in sich trägt. Darum kam er bei dem Geistlichen seines Hcimaths- dorfcs alsbald in den Geruch eines gefährlichen Freidenkers; denn sie wußten, daß er jeder Pfafferei als abgesagter Feind gegenüberstand; sie wußten, daß der schlichte Bauer in seinem unersättlichem Wissensdrang nach und nach zu größerem und werthvollerem Wissen und Erkennen gelangt war, als solches ihnen, den„geistlichen Herren" selbst, zur Verfügung stand. Auch mochten sie gelegentlich wahrnehmen, daß mancher Bergmann und Bauer, der mit dem klugen Wirth zur„Wartburg" in Fühlung stand, allmälich seltener in der Kirche zu sehen war, und wie sollte man ein braver Mann sein können,„wenn man die Predigt schwänzt und die Meß, nichts thut, als in den Wein- Häusern liegen?" Es sei hier bemerkt, daß Goisern allerdings zum größten Theil von Protestanten bewohnt ist, daß aber trotz- dem auch eine katholische Kirchgemeinde dortfelbst ihre Kirche und ihren Pfarrer unterhält. Die Katholiken jener Gegend be- wohnen hauptsächlich die Schattenseite des Traunthales, während die Protestanten an den sonnigen Abhängen auf dem rechten Traunufer angesiedelt sind und dort besser gedeihen, als jene ersteren. Deublcr— als Protestant— war' daher nicht blos der katholischen Pfarrgeistlichkeit, sondern— weil Freidenker— auch dem protestantischen Seelsoger ein Dorn im Auge. Dazu kam noch, daß anfangs der fünfziger Jahre die sehr fromme und gottesfürchtige Erzherzogin Sophie, die Mutter des jetzigen Kaisers von Oesterreich, häufig nach Ischl kam und dort— in der Nachbarschaft Deublers— sich stets nach dem geistigen Bc- finden der katholischen Bewohner des Salzkaminergutes erkundigte. Die Berichte der katholischen Geistlichkeit müffen mehr und mehr ungünstig gelautet Habens ja es sprechen mancherlei �Judicien dafür, daß die fromme Frau sogar von protestantischer Seite sich gewisse Auffchlüsse erbat, um über den gefährlichen Bürger und Gottesleugner zur„Wartburg" in Goisern ins reine zu kommen. Der gute Deubler ahnte nicht, daß sich über seinem Haupte ein Ungewitter zusammenzog, als er an einem schönen Frühlingstag des Jahres 1853 von Haufe fortging, während kurz hernach die greise Erzherzogin Sophie selbst mit einem Kriminalbeamten zur„Wartburg" in Goisern einkehrte. Der Herr des Hauses war abwesend, man erkundigte sich bei Frau Deubler nach den Büchern, die ihr Ehegemahl besitzen solle; man wünschte diese Bücher zu sehen und fand sie in einem geschlossenen Glasschranke, so zwar, daß bei manchen der Rückentitel von außen nicht zu sehen war, weil der Inhaber der Bibliothek allzu indiskreten Blicken einen Riegel vorgeschoben hatte, indem er die Bücher mit der Rückenseite gegen die Wand stellte. Das war nun allerdings für die erlauchte Bcsucherin und den Herrn Untersuchungsbcamten zu sehr herausfordernd. Frau Deubler mußte den Bücherkasten öffnen; man durchstöberte den Inhalt der ziemlich profanen Bibliothek und notirte die„gefährlichsten" Sachen; denn es fanden sich etliche, die tveit heruni in österreichischen Landen zu lesen verboten waren. Kurz nach dem Abschied der hohen Dame ward der zurück- gekehrte Deubler verhaftet, für einige Tage in's Bezirksgefängniß nach Ischl gebracht und später nach Graz in Untersuchungshaft abgeführt, wo er mit elf andern„politischen Verbrechern"(darunter eine Frau Steinbrecher, Mutter des nachmaligen Bürgermeisters! von Goisern) den Prozeß erwartete. Deublers Bibliothek wurde konfiszirt und am 6. Juni 1854, also nach 14'/? monatlicher Unter- suchungshaft, vernahm Deublcr vor dem Landesgericht in Graz die gegen ihn gerichtete Anklage. Ten betreffenden Gerichtsaktcn entnehmen wir manches Interessante über die angeklagte Per- sönlichkcit und jene, die als Zeugen angerufen und gegen Deublcr vernommen wurden. Die lehrreichsten diesbezüglichen Stellen der Anklageschrift lauten wörtlich: ,,Ad Kvnrad Deubler, aus Goisern im Bezirk Hallstadt ge- I bürtig, 39 Jahre alt, evangelischer Konfession, verheirathet, seit 1 1849 Wirth in Goisern, früher Müller in Hallstadt. Ungeachtet 1 er für die in Goisern um 3000 Gulden erkaufte Realität noch I fl. 2000 schuldet, so machte er doch einen bedeutenden Aufwand; j er rcisete im Jahr 1839 nach Trieft und Verona und über Salz i bürg zurück; im Jahre 1842 nach Dresden, um angeblich den I Maler Kummer zu besuchen, im Monat Oktober 1848 nach Wien; 1 im Jahr 1852 hatte er vor, nach Dresden und Hamburg zu jj reisen. Er behauptet, zuhause sparsam gelebt und die Reisekosten■! als Führer der das Salzkammcrgut besuchenden Fremden und � durch den Verkauf von Herbarien und Steinsammlungen an die!! selben verdient zu haben. Da er von dem Professor Simoni in> der Botanik den Unterricht erhalten hatte, und da er als Fremden j, führet beliebt war. so sei er dadurch mit David Strauß, dem Dichter Leopold Schäffer, dem preußischen Justizrath Benwitz, Zschokke, Heine, Saphir, Palaczky. Prediger Steinackcr bekannt l geworden und in Korrespondenz gewesen. Er habe von den ge-> nannten Reisenden manche Bücher, viele Zeitschriften, Plakate' und Porträts zum Geschenk erhalten, viele Bücher aber auch selbst auS_ Gmundcn, Linz und Krems bezogen; mit Pastor i sattler, sattingcr, Jakob Walkner und dem Auswanderer Kain> Bücher vertauscht und einen Theil der Bücher vom Vater geerbt.- � T>c Bucher religiösen und polittschen Inhalts habe er theils aus Neugierde gekauft, theils von den Fremden und Auswanderern; �uin Geschenk erhalten, und sie auch an andere ium Lesen gegeben. Nack) dcn Au-.'sagen des Buchberger. Wallmann, Forstl, Locker, Sattler,.vmtcrer, sattinger und Simoni(Prof. in Wien) habe. j Konrad Deubler schon vor dem Jahr 1848 in religiöser Bc j ziehung als Naturalist und in politischer Beziehung als Rc| pnblikaner ffch geäußert, und sein Tagebuch ist ein getreuer Spiegel t icincr atheiftitchen und revolutionären Gesinnungen, sowie sei»! (n: m, �Gleichgesinnten. Nach deni Leumundszeugnisse des! Pfarramtes und Postamtes von Goisern ist Konrad Deubler> frivol und ultraradikal gesinnt und sein Haus der Bersammlungs- j ort von Unzufriedenen."| Unter den erschwerenden Indizien aus dem Zeugenverhör gegen deubler werden namentlich folgende Punkte stark betont:] 117 1) Äeußertc sich Deubler über die amerikanischen Zustände, als über diejenigen eines republikanischen Staates, günstig. 2) Trug er eine kurze, lederne Hose, hohe Bundschuhe, grüne Strümpse und einen runden„Demokratcnhut",—„obwohl seine Verhältnisse ihm gestatteten, sich angemessener zn kleiden". 3) War er„eingestandenermaßen" Abonnent des„Urchristen- thums". 4)(„besonders verdächtiger Umstand") Brannte„erwiesener- maßen" oft die ganze Nacht hindurch in seinem Zimmer Licht. Die Anklage gegen Deubler lautete a) auf Hochvcrrath und b) auf„Verbrechen der Religionsstörung". Ihr Wortlaut ist folgender: a)„Daß er von republikanischen Gesinnnngen und Plänen durchdrungen, die Zwecke der Demokratie und Revolution im Salzkaminergut dadurch zu fördern sich bestrebte, daß er es sich zum Geschäfte machte, Bücher destruktiven In Halts zu verbreiten, die Leser zum Hasse und zur Verach tung gegen die bestehende staatliche Ordnung aufzuwiegeln, den Verkehr unter den verführten Gesinnungsgenossen zu • vermitteln, Landleute um sich zu versammeln und seinen Anhang mittels öffentlich und vor mehreren vorgebrachten Reden, durch gehässige Schilderung der österreichischen Zu- stände zur Verbreitung der Unzufriedenheit und zur Wer- bung von Anhängern der republikanischen Verfassung zu benutzen und so die Empörung ini Innern des Staates, zum Behufe der Einführung der Republik in Oesterreich, vorsätzlich vorzubereiten, und daß er dadurch nach ß 58 St. G. B Ilt. b und c das nach§ 59 b St. G. strafbare Verbrechen des Hochverrathes begangen habe. b)„Daß er durch öffentlich und vor mehreren vorgebrachte Reden: Christus sei kein Gott, sondern nur ein gewöhn- licher Mensch gewesen, und sei nicht vom Tode auferstanden, Gott gelästert; daß er auf dieselbe Weise durch Parodirung der Frohnleichnamsprozessivn, durch verächtliche Darstellung des Priesterstandes und der Religionsgebräuche der Religion öffentlich Verachtung bezeigt, daß er auf dieselbe Weise und durch Verbreitung von Büchern und Zeitschriften deutsch- katholischen und irreligiösen Inhalts der christlichen Religion widerstrebende Irrlehren auszustreuen und Unglauben zu verbreiten sich bemüht habe, und daß er dadurch nach§ 122, lit. a, c, d St. G. B. das Verbrechen der Religions- störung begangen habe, womit öffentliches Aergerniß ge- geben wurde, Verführung erfolgr und gemeine Gefahr mit großer Bosheit des Thäters verbunden gewesen ist, strafbar nach A 123." Wie wenig all' diese Anklagen begründet waren, erhellt am besten aus dem Wahrspruch des Landesgerichts zu Graz, welche» den Wirth zur„Wartburg" sammt seinen elf Genossen frei- sprach. Der damalige Staatsauwalt Ritter von Waser legte jedoch beim Kassationshof Nichtigkeitsbeschwerde ein, und hierauf erfolgte die Verurtheiluug der verschiedenen Angeklagten. Einer derselben starb schon während der Untersuchungshaft, andere wurden zu niehrjährigem, ja bis zu zehn Jahren Kerker ver- urtheilt. Conrad Deubler erhielt„zwei Jahre schweren Kerkers und nachherige Jnternirung auf unbestimmte Zeit". (Fortsetzung folgt.) Reformen in Japan. Seit wenigen Jahren klingt aus dein fernsten Osten, aus dem den Europäern am spälesten bekannt gewordenen ostasiatischen Jnselreiche Japan8- Jahrhunderl in Rußland, so ging im 19. Jahrhundert in Japan die Reform von oben aus. Der vom Mikado, dem Regenten von Japan, ausgestreute Kulturjame fand aber in Japans Volksschichten willigeren Bode», wie einst in Rußland, denn aus die 33 309 675 Ein wohner kommen 53769 Elementarschulen. Nach Durchführung des 1872 beschlossenen und in Vollzug gesetzte» Schulplans wird das 7315 Quadrat- Meilen umfassende Jnselreich i» acht große Schulbezirke getheilt, von welchen zeder eine Art Hochschule und 32 Mittelschulen erhalten soll. Taneben werden 219 höhere Fachschulen eingerichtet. Die Großen des Reichs schicken ihre Kinder nach Europa und Nordamerika, um sie zu Lehrern ausbilden zu lassen(AchnlicheS kommt bei uns nicht vor), damit sie die ausländiichen Lehrer der ftochschulen ersetzen. Alle Schnlen werden � zu gleichen Theilen von Knaben und Mädchen besucht. Das Zeitungs- lesen ist dem Japanesen zum Bedürfniß geworden; 1874 erschienen 34 Zeitungen in japancsischer Sprache, die kaiserliche Post beförderte davon 2 564 999 Stück. Trotz der obenangesührten außerordentlichen Ausdehnung Japans ist der Personen- und Lastenverkehr ein sehr leb hafter, und es leuchtet ein, daß unsere Dampfbeförderungsmittcl in dieser Hinsicht dem Beherrscher des Landes, dessen vernünftige Ansichten den Bruch mit dem traditionellen Schlendrian so energisch durchzusetzen wußten, vor allem begehrcnswerth erscheinen mußten. Aber auch damit ist der erste Schritt gethan. Zwischen Schinagawa(Hasenort von Ieddo) und Vokohama(der Hauptstadl der Insel Ripon) wurde am 12. Juni 1872 die erste Eisenbahn zuni höchsten Erstaunen des Volkes der Oeffent lichkeit übergeben. Wie einst bei uns den Mitfahrenden aus dem ersten Zuge angesichts der ungewohnten Schnelligkeit ängstlich zu Muthe ge- worden ist, so mag es auch dort der Fall gewesen sein, denn der Zug war nur mäßig besetzt. In vier Minuten war Kanagawa erreicht, dann durcheilte man die Paddyselder, stationirte in Thnruma und Kawasaki, passirte die Logobrücke und kam nach 34 Minuten der ganzen Tourzeit in Schinagawa an. Der Premierminister Sanjol mar von dieser Einweihungsseierlichkeit sonderbarerweise ausgeschlossen— aber durch eigne Schuld; er war zu spät gekommen, aber doch höflich genug, auf den nächsten Zug zu warten. Das Innere der Wagen ist wie in den amerikanischen und euro- j päischen Omnibus eingerichtet; die Sitze laufen längs de» Seite», die Wage» erster Klasse sind in drei Coupes eingetheilt. Jedensalls dürsten die Japanesen bald ausschließlich die neue Reiseart mir ihrer älteren in den unbequemen Dschiuriki-Schas vertauschen. Mit der Eisenbahn zugleich wird sich auch den Fremden endlich das ganze Land erschließen, welches bisher nur in gewissen Theilen und nach besonderer Erlaubniß besucht werden durste. So geht Japan mit einer Reform nach der andern vor, und merkwürdigerweise sind die Priester ihre cisrigsten Bahnbrecher, iveil sie der schlaue Mikado dafür zu interessiren wußte. Ei» RegierungS- dekret vom Jahre 1873 entlastet die Geistlichen aller japanischen Tempel von dem Gelübde der Ehelosigkeit, Armuth und Nüchternheit, und hebt die Ordensregel in Betreff der Klosterkletdung aus. Diese Maßregel hat 72999 Finsterlinge zu ebenso vielen Ansklärungsaposteln gemacht. Der Hauptgewinn der Neuerungen ist aber die Gleichberechtigung der Frauen, welche bisher weniger Werth wie das Vieh hatten. Wir dürfen aber bei den vielseitigen Reformen nicht übersehen, daß der Fortschritt größer scheint, als er in Wirklichkeit ist; das Ver ständniß sür die neuen Lebensgrundsätze, welches sich das Volk auf Befehl der Regierung aneignen soll, ist»och nicht allseitig und kann in . der kurzen Zeit unmöglich alle Schichten ergriffe» haben. Im Innern des Landes kennt das Volt die Fremden nicht, denen es sür Wohl lhaten und neue Eindrücke danken soll; es fühlt dagegen, seil diese dort handeln dürfen, de» Steuerdruck stärker. Die unentbehrlicheit Lebensmittel werden lhcurer, seit ein großer Theil ausgeführt wird; die zahlreiche, sozial noch immer hochgestellte Klasse des Militär- und Hofdienstadels, der Samurai, verlor ihr gesichertes Einkuminen, sieht sich zurückgedrängt durch die eingewanderten Fremden, sieht sich zurück «r. l» lvvo. t gewiesen von den gewohnten Wegen zu Wohlstand und lKuhm, und länipst unter Entbehrungen und großen Anstrengungen um die Be- dingnngen ihrer Existenz. Der Staatshaushalt ist mit hohen Ab- findungssummen belastet, deren Gewicht erst in späteren Zeiten geringer wird, wenn die schwierigen Krisen des Uebergangs aus miltelalterlichcr Kleinstaaterei zu einem großen geeinigten Staatswesen glücklich über- wunden sind, d. h. wenn nicht bis dahin Japan, wie so manche andren asiatischen Länder, ein Theilungsobjekt der großen seefahrenden Nationen wird. l)r.?N. D. Tie schwarze Margreth. Kennst d» die Trümmer der schwarzen Burg?*) Wind und Wetter heulen hindurch. Stand einst so hoch mit ragender Zinn', Als Mestwins Tochter hauste darin, Die schwarze Margreth. Nie zog eines Mannes unbändige Kraft Zur Jagd in so rasender Leidenschast, Mit so grimmiger Gier und wildem Sinn, Wie die pommerellische Jägeri», Die schwarze Margreth. Hörst du die Hörner, das Hundegeheul? Es gilt dem Hirsch; in rasender Eil' Fliegt hinter ihm her der wendische Troß, Und es stürmt voran aus dem Lieblingsroß Die schwarze Margreth, Und preßt in die Weichen den treibenden Sporn, Und durch Wiesen geht's und des Bauers Korn lieber Gräben hinweg, in die Büsche hinein; Es holten die andern sie nimmer ein, Die schwarze Margreth. Lang hängt die Zunge und blutig roth Dem Hirsch in verzweifelter Todesnot!); Ihm zittern die Knie, wie er vorwärts schoß, Und näher und näher schäumt das Roß Der schwarzen Margreth. Fernab von der Burg, im Waldesgrund Am Bach hat sie ihn erreicht jetzund. Laut stöhnt der Hirsch durch den dllstern Tann, Und als flehet er sie um Erbarmen an, Die schwarze Margreth— So zuckte vor Weh das große Aug' Des gehetzten Thiers, unter keuchendem Hauch Sank das Geweih und es brachen die Knie;— Noch ergötzte so grausiger Anblick nie Die schwarze Margreth. Von fernher tönet der Höner Klang,* Und der Hirsch, er röchelte wild und bang, Wie er höret der gierigen Meute Nohn; Nicht will er den Gnadenstoß empsah» Der schwarzen Margreth, Und vom Boden noch einmal im Todeskramps, Schnellt er empor zum Rachekamps, Und es kehrt sich das wilde, entsetzliche Spiel: Hoch schlug das Roß, und die Reiterin siel, Die schwarze Margreth. Wohl heulten die Hunde im düsteren Wald, Wohl bebte der Grund von des Falles Gewalt, Es rauschten die Tannen drüber hin, Todt lag das Wild und die Jägerin, Die schwarze Margreth. Alljährlich nachts in dem Tannenschlag, Wo zur Leba rieselt der Simmelbach, Hörst du es krachen, dumpf tönt ein Geheul; Tort jagt sich zu Tode nächtlicher Weil' Die schwarze Margreth. Leopold Zacob«. *) Bklgard in Pommern. Hermann Salza, Hochmeister des Dentschen Ritterordens. (Bild S. 112). Unser Bild stellt einen Krieger und Staatsmann in der Mönchskutte, den berühmtesten lHochmeister des dentschen Ritter ordens, Hermann von Salza, vor. Wie dieser„Pionier des Ostens", der die Civilisativn, oder das, was man im 12. Jahrhundert Civili sation nannte, mit Feuer und Schwert unter den heidnischen Preußen verbreitete, dazukommt, in Sandstein gehauen, auf der neuen Weichsel- brücke bei Thorn zu stehen, soll nachstehender Aufsatz des weitere» erkläre». Die Krenzzllge, welche der Menschheit viel Elend bereitet haben, sind auch die Stiftungsnrsache der drei geistlichen Ritterorden, der Templer, Maltheser und Deutschherrn. Die letzleren, die jüngsten, wurden während des dritten Kreuzzuges bei der Belagerung von Akkon von Lübeckern und Bremensern als Krankenpfleger gegründet und im Jahre 1191 durch eine päpstliche Bulle als Ritterorden bestätigt. In ihnen erstand den Päpsten die Blüthe der Eeclesia militans, der streitenden Kirche. Durch das Cölibat, die Ehelosigkeit, hat man sie der Familie und dem Staat entfremdet und durch die Ordensregel der Templer, d. i. Verpflichtung zum Heidenkampf, sie zu Nimmersatten Er- oberern gestempelt. Das Einzige, was sie sehr vortheilhaft vor an der» Orden auszeichnete, ist die freie Verfassung und Verwaltung der Ordensangelegenheiten. Der„unbedingte Gehorsam" blieb in ihren Statuten ein lodter Buchstabe. Der Hochmeister regierte mit einem Ge- neralkapitel, bestehend aus Landmeistern und Komthuren, nebst einem fünfköpfigen Beirath. Dieser Beirath setzte sich aus dem Großgebietiger (Schatzmeister), dem Marschall(Waffenmeister), dem Spittler(Kranken- aufseher), dem Trappicr(Kleidungsverweser) und dem Treßler oder Säckelwart zusammen. Die Mitglieder des Ordens bestanden aus Ritterbrüdern und Priesterbrüdern. Beide Abtheilungen trugen eine» weißen Mantel mit einem schwarzen Kreuz über der Rüstung oder der Kutte, während die dienenden Brüder graue Mäntel hatten. In den Hospitälern und auf den Meierhöfen wurden auch Schwestern, ja sogar Verheirathete zugelassen, wenn sie ihr Vermögen dem Orden testamentarisch vermachten. Durch diese Maßregel und die ProtGtion der Päpste und Landesfürsten wuchs der Länderbesitz und das Baar- vermögen des Ordens ins Ungeheuerliche. Ein deutschgeschriebenes Ordensbuch, eine große Seltenheit in der zweiten Hälfte des 13. Jahr- Hunderts, erzählt uns die erste That des Hochmeisters Hermann von Salza, eine Belehnungsurkunde von Kaiser Friedrich dem Zweiten, unterzeichnet IS. Februar 1211. Das Geburtsjahr dieses Mittelalter- lichen Diplomaten, der es zeitlebens mit dem Kaiser hielt, ohne sich mit Rom zu verfeinden, ist unbekannt. Aus dem obengenannten Lr densbuche erfahren wir, daß er am 19. März 1239 zu Barletta in Apulien(Italien) starb. Während der zwei Menschenalter, die er an der Spitze des Ordens stand, dehnten sich die Besitzungen des Ordens am meisten aus: wir hören von Landkomthuren von Livland, Preußen, Deutschland, Oesterreich, Apulien, Sizilien, Spanien, Romanien(grie- chisches Kaiserreich), Armenien und Palästina. Hermann von Salza war es auch, der nach einer mißglückten Kolonisirung des Burzenlan des in Siebenbürgen, dem Landmeister Hermann Balk den Auftrag gab, mit einem Häuslein Ordensbrüder die Stadt Thorn an der Weichsel zu gründen und von hier aus die heidnischen Urbewohner Preußens zu bekämpfen und die Gränzen des Christenthums und der deutschen Civilisation nach dem Nordosten hinauszurttcken. Bald er- streckte sich das Ordensgebiet bis zum Strande der Ostsee und nach dem der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen seine Residenz im Jahre 1309 nach Marienbnrg verlegt hatte, wurde die Bekehrung, da mals gleichbedeutend mit Eroberuirg, von Lithauen und Livland ins Werk gesetzt. Je mehr das Ansehen des Ordens in Palästina und Griechenland sank, desto mehr erstarkte es im Nordosten Deutschlands. Nach dem Aussterben der pommerschen Herzogssamilie(1308) wurde Pommern käuflich erworben. Die Glanzperiode des Ordens fällt in das 14. Jahrhundert. Seit der Taufe des lithauischen Großfürsten Jagiello(1336) und seiner Verheirathung mit der polnischen Erbtochter Hedwig erwuchs dem Orden der polnische Erbfeind. Mit Rom ver- bändet untergrub er stetig das deutschritterliche Bollwerk, bis es die Resormation vollends über den Hansen warf. Aus Martin Luthers Anrathen nahm der Hochmeister Markgraf Albrecht von Brandenburg Ansbach(gewählt am 13. Februar 1511) die neue evangelische Lehre an und wurde von Polen am 19. April 152S mit dem Ordensland Preußen belehnt. Der livländische Landmcister Gotthard von Kettlcr folgte dem gegebenem Beispiel im Jahre 1561, indem er Livland an die Krone Polen abtrat, um dafür Kurland und Semgallen als pol nisches Lehen zu erhalten. Die Abtrünnigen wurden vom Kaiser in die Reichsacht erklärt und der hochmeisterlichen Würde entkleidet. Da aber niemand da war, der die Ausführung solcher Verordnungen über- nommen hätte, so blieben sie damals und in der Folge erfolglos. Ter Besitzstand des Ordens sank von da ab allmälich bis auf 40 Quadrat- meilen, seine politische Bedeutung war unwiederbringlich verloren. Die fast im ganzen Reich zerstreuten Güter des Ordens, dessen Hauptsitz nach Mergentheim verlegt wurde, wurden in 12 Balleien, deren jede unter einem Landkomthur stand, verthcilt: Thüringen, Oesterreich, Hessen, Franken, Koblenz, Elsaß, Bozen, Utrecht, Alten-Binsen, Lothringen, Sachsen, Westfalen. Aber auch über diesen geschmälerten Besitzstand fuhr der Schwamm der französischen Revolution hin. Im Frieden von Lüneville(9. Februar 1801) fielen alle linksrheinischen Besitzungen des Ordens an Frankreich. Die Landesherren von Bayern, Würtemberg und Baden annektirten zur selben Zeit das in ihren Län- dern gelegene Ordensgut. Die Hoch- und Deutschmeisterwürde, zu einem Titel ohne Mittel herabgesunken, blieb laut dem Preßburger Frieden ein Erbbesitzthum der österreichischen Erzherzoge. Nachdem Kaiser Napoleon am 23. April 1809 den deutschen Orden in Regens bürg in allen Staaten des Rheinbundes für ausgelöst erklärt hatte, blieb derselbe nur in Oesterreich und in den Niederlanden(Ballei Utrecht) bestehen. Kaiser Ferdinand verlieh ihm am 28. Juni 1840 neue Sta- tuten, doch erst im Jahre 1875 gab der Orden durch seine 40 Feld sanitätskolonnen ein Lebenszeichen. Die 10 Komthuren der Utrechter 119 Ballei haben ein durchaus protestantisches Gepräge. Vom Kaiser Napoleon im Jahre 1811 ausgehoben, wurde das morsche Institut in allerneuester Zeit wieder hergestellt. Die aristokratischen Statuten (zur Aufnahme gehören vier Ahnen von zweihundertiährigem Adel) sind wohl der Todcskeim des Instituts und werden sicherlich diese lächer- liche Mumie am 700jährigen Jubiläum(1891) verhindern. Was nicht in den Organismus des Lölkes eingreift, wird als entbehrlich von diesem Organismus abgestoßen. I)r. M. T. Karawauserai im Palmenljain bei Tripolis.(Bild S. 113.) Wenn man in den Werken der römischen Geschichtsschreiber die Nord- käste Afrikas, das heutige Marokko, Algier, Tunis, Tripolis und Aegypten als die Kornkammern Roms preisen hört, um deren Besitz die furchtbaren punischen Kriege geführt wurden, so fragt man sich ver- wundert, was wohl die Verarmung dieser einst gesegneten Länder her- beigesührt habe. Die Antwort ist einfach: der Islam, die Religion °er Faulheit. Die Wucht dieser Ländermasse, welcher vor allen Dingen lhätige Menschen zur Entwicklung ihrer großen Hülssquellen fehlen, wirkt erdrückend auf den Europäer, schrieb vor Jahren der deutsche Asrikareisendc Vogel. Wir haben es zur Erklärung unseres Bildes diesmal nur mit Tripolis zu thun. Es ist im verwegensten Sinne des Wortes ein geographischer Begriff, der nur im Norden vom mittel- ländischen Meer begränzt ist. Die westliche Kränze gegen Tunis, die ludliche zur Wüste Sahara und die östliche gegen Aegypten sestzustellen, fällt den türkischen Behörden, die seit 1835 durch die Vermittelung Englands das Kommando im Lande führen, nicht im Traum ein. Im Alterthum Cyrenaika genannt, hatte die Provinz blühende Städte, darunter Cyrene und Ptolemais, deren Einwohner nach Hundert- lausenden zählten. Die prachtvollen Bildwerke, welche die englischen Reisenden Porcher und Smith unter ihren Trümmern sanden, können mit denen von Palmyra und Memphis verglichen werden. Die jetzige Hauptstadt des Landes, Tripolis, unter dem 33. Grad nördlicher Breite und dem 31. Grad östlicher Länge am mittelländischen Meer g�segen, ist etn Gewirr halbverfallener Häuser mit 18,000 Einwohnern; davon find etwa 3000 Christen und 4000 Juden, die übrigen bekennen sich zum �slam.'Die Zahl der Einwohner des ganzen Landes, welches den doppelten Umfang von Deuffchland hat, anzugeben, ist unmöglich, weil pe Nomaden sind. Die zweite nennenswerthe Stadt des Landes heißt Bengasi und ist trotz der herrlichen Umgebung ebenso verwahr- lost als Tripolis. Beide Städte wären längst das Ziel europäischer Touristen, wenn sie eine Dampscrverbindung mit der nahen unter eng- "scher Botmäßigkeit stehenden Insel Malta hätten. Das Land hat zwar ein heißes, aber durchaus gesundes Klima; die Durchschnittstem- Peratur beträgt 21 Grad Wärme nach der Skala des Celsius. Alle Fruchtbäume der Mittelmeerzone, sowie Wein, Reis und Mais gedeihen im Schatten der Palmen. Daß bei dieser Ergiebigkeit des Bodens, der ohne Mühe doppelte Ernten gestattet, und bei der durch Seebrisen gemilderten Temperatur die saulen Einwohner für die innere Einrich- tung ihrer Wohnstätten so viel wie gar nichts thun, ersieht man aus dem Bilde des Karawanserais im Palmenhain bei Tripolis, der den nach Mekka pilgernden Frommen als Nachtlager dient. Bon dem grauenvollen Schmutz dieses„Gasthofes" entwirst der Afrikareisende Gerhard Rohlss eine drastische Schilderung, mit deren Einzelheiten wir die GcruchSnerven unserer Leser verschonen wollen. Als Verkehrspunkte des Mittelmeeres haben die Städte Tripolis und Bengasi eine nur geringe Bedeutung, desto wichtiger sind sie als Ausgangspunkte von Entdeckungs- und Forschungsreisen. Tenham, Clapperton, Oudney, Lyon, Benchey, Barth, Richardson, Bogel, Overweg, Mircher, Rohlss, Alexandrine Tinnv und Nachtigal, alle gingen von Tripolis aus, von Beurmann nahm Bengasi als Ausgangspunkt. Abgesehen von den wissenschaftlichen Instrumenten und den Luxusartikeln, findet hier der Reisende alles, was er zur Expedition nach Jnnerafrika nöthig hat. Die Kameele sind hier billiger, als im übrigen Nordasrika, eingeborene Diener leicht zu beschaffen, Nahrungsmittel und Tauschwaaren in ge- nügender Menge vorhanden. Als ein Zeichen der Zeit führen wir schließlich noch an, daß seit 1864 in Tripolis wöchentlich eine arabische Zeitung erscheint und seit 1370 der Telegraphendraht über Alexandria das öde Tripolis mit der Außenwelt verbindet. Im Vergleiche zu ihren vielgeplagten europäischen Berufsgenossen, führen die tripolita- nischen Telegraphenbeamten ein stilles, beschauliches Leben, weil es, wie uns Rohlss erzählt, oft wochenlang nichts zu telegraphiren gibt. Dr. M. T. Deutschlands Bücher. Schon ost wurde als Gradmesser der Kultur eines Volks der Umfang seiner Journalliteratur angenommen, zutreffeuder aber dürfte man auf die Kulturhöhc einer Nation schließen, wenn man die von ihr jährlich produzirte Anzahl Bücher in Betracht zieht. Denn wenn auch keineswegs die Gesammtsumine allein ent- scheidet, vielmehr schwereres Gewicht auf Qualität als Quantität gelegt werden sollte, so steht es doch fest, daß die Nation, welche verhältniß- wäßig am meisten Bücher produzirt, durch diese hohe Summe auch zugleich das größte Bedürsniß nach Lektüre dokumentirt, was unzweifel- hast als Vorbedingung aller kulturellen Bildung betrachtet werden kann. K'bt man die Richtigkeit dieser Anschannng zu, so stelle» sich die Ver Hältnisse für Deutschsand äußerst günstig; und wenn wir auch keinen besondern Grund haben, die enorme Summe der produzirte» Bücher ihrer Qualität wegen ohne Mißtrauen zu betrachten, so begrüßen wir dennoch die Thatsache, daß Deutschland vcrhältnißmäßig am meisten Bücher produzirt, mit anfrichtiger Freude, da wir darin ein gesteigertes Bedürsniß nach Lesestoff erblicken, welches im Laufe der Zeiten wohl auch eine richtigere Wahl als bisher zur Folge haben dürste. Von de» jährlich in Europa erscheinenden dreißigtausend Büchern werden in deutscher Sprache allein circa vierzehntausend herausgegeben, wäh- rend in England und Frankreich nur je sünftausend alljährlich erscheinen. Allerdings bleiben diese vierzehntausend Bücher nicht in Deutschland allein, sondern finden ihre Wege zu den dem Mutterlande zum Theil entfremdeten Deutschen in Ungarn, den russischen Ostseeprovinzen, Ame- rika zc. k. Immerhin ist die Gesammtzahl der in deutscher Sprache herausgegebenen Bücher so groß, daß sie die Behauptung rechtfertigt, daß das Lesebedürsniß hier ungleich größer als in andern Ländern ist, besonders wenn berücksichtigt wird, daß der deutsche Bücherverkauf bei weitem nicht so forcirt wird als dies in andern Ländern der Fall ist. Von dem Fortschritte der deutschen Bücherproduktion kann man sich am besten einen Begriff machen, wenn man erwägt, daß z. B. im Jahre 1564: 256 Bücher erschienen, im Jahre 1601: 1137, im Jahre 1765: 1517 und im Jahre 1878: 13,912. Aus einer Zusammenstellung in der Vossischen Zeitung, welcher der I. C. Hinrichs'sche Katalog in Leipzig zu Grunde gelegt ist, ergiebt sich folgende Vergleichung der LI,--.«,».ig.: M| b([ im Jahre 1860 1872 1878 Theologie............. 1454 1234 1246 Recht und Politik.......... 884 1015 1319 Medizin............. 428 485 789 Naturwissenschaft.......... 556 587 793 Philosophie............ 95 180 164 Pädagogik............. 791 1266 1775 Jugendschristen...........' 269 296 443 Sprachwissenschast.......... 612 784 948 Geschichte, Geographie......... 857 1002 1010 Mathematik und Astronomie...... 93 160 151 Kriegswisscnschaft.......... 175 318 315 Handel, Gewerbe, Industrie...... 518 747 959 Land- und Forstwirthschafl....... 360 353 504 Schöne Literatur und Kunst...... 1367 1418 1752 Volksschristen............ 224 209 715 Vermischte Schriften......... 466 873 701 Karten.............. 2 200 293 Jnsgesammt 9496 11127 13912 Diese Zusammenstellungen dürften für die Leser der„Neuen Welt" nicht ohne Interesse sein, denn es werden hierdurch Beiträge zur Kultur- geschichte der Gegenwart geliefert, deren Licht- und Schattenseiten sie getreulich wiederspiegeln. Während im Jahre 1872 nur 21 natur- wissenschaftliche Bücher mehr erschienen, als ini Jahre 1860, umfaßte dieser Literaturtheil im Jahre 1873 793 Bücher, also 206 natur- wissenschaftliche Bücher mehr als im Jahre 1872 und 227 mehr als im Jahre 1860. Die pädagogische Rubrik erscheint gleichfalls mit einer erheblichen Steigerung und zwar um 509 Bücher mehr als im Jahre 1360.— Nicht minder erfreulich ist die Thatsache, daß die theologische Literatur innerhalb zwölf Jahren nur um 12 Bücher zugenommen hat, und heute nur den zwanzigsten Theil der gesummten deutschen Literatur umsaßt, während sie vor circa 20 Jahren den vierten Theil der deutschen Bücherprodustion für sich in Anspruch nahm. Während sich also aus der obigen Zusammenstellung eine Zunahme der Bücherpro- duktion in den populären, naturwissenschaftlichen, industriellen, päda- gogischen Gebieten ergiebt, ist die„leidige Theologie" in verhält- nißmäßig progressiver Abnahme begriffen, ein Umstand, der den Lesern der„Neuen Welt" gewiß nicht unangenehm sein wird. Aber auch die Schattenseiten der Gegenwart spiegeln sich in obiger Zusammen- stellung wider und zu dieser Schattenseite gehört die umsangreiche kriegswissenschaftliche Literatur, welche im Jahre 1872 hundert- unddreiuudvierzig Bücher mehr umfaßte als im Jahre 1860 und heute noch den dreißigsten Theil der gesammten Produktion repräscntirt. Die fortgesetzten Kriege einzelner europäischer Großmächte, die„Ersin düngen und Verbesserungen" der Waffen zc., die vollendetere Methode der Kriegführung mußte durch den Druck unseren Nachkommen natürlich mitgetheilt werden. Daß solche Bücher aber nicht blos geschrieben, sondern auch in andern, als Fachkreisen gelesen werden und, wenn- man ein richtiges Kulturbild unserer Zeit bekommen will, gelesen werden müssen, ist zwar wenig erbaulich, indessen ist die angeführte Thatsache, daß das deutsche Volk ein verhältnißmäßig lebhaftes Lese- bedürsniß empfindet, eine Bürgschaft dafür, daß es auch im Laufe der Zeit die richtige Wahl bei seiner Lektüre treffen lernen und damit die ihm nicht förderlichen oder gar schädlichen Literaturzweige gründlich beschneiden wird.— k. Das Wachsthum des Menschen. Wissenschaftlichen Nachweisen zufolge beträgt die Länge eines nengebornen Knaben im Durchschnitt 496, die des Mädchens 483 Millimeter. Im ersten Jahre»innnt die 120 selbe etwa um 198, im zweiten um 90, im dritten um 73, im vierten um 04, im sünslen um 03 uud in den folgende» zeli» Jahren je um ca, 00 Millimeter zu. Das durchschnittliche Gewicht der Neugebornen beträgt 32S0 Gramm. Unmittelbar nach der Geburt nimmt das Kind bis zum dritte» oder vierten Tage etwas ab, dann beginnt die Zu- naliine, die pro Tag 10 bis 50 Gramm beträgt. Bon der Mutter selbst gesäugte Kinder gewinnen meistens bis zum zehnten Tage ihr ursprüngliches Gewicht, künstlich genährte jedoch häufig noch nicht. Dr. M. B. Läßt der Durchschnittsvcrbrauch des Papiers, ähnlich wie der Dnrchschuittsverbrauch von Seise, ans die größere oder geringere Civi- lisatio» der Böller schließen, so steht England obenan, die Türkei aber aus der niedrigsten Kulturstufe. Der Papierverbrauch im Jahr uud pro.Vopf der Bevölkerung beträgt nämlich in Literarische Umschau. scheine, Quittungen, Cessionen, Testamente, Schenkungen, Lehrbriefe, Zeugnisse, Rechnungen; geschäftliche uud Familien-Anzeigen.— Die Buchhaltung.— Fremdwörterbuch.— Ter Gelegenheitsdichter, eine reichhaltige Sammlung von Gedichten bei verschiedenen Festlichkeiten und Todesfällen.— Die für Gewerbtreibcnde wissensnöthigsteu Reichsgesetze: A. Die Gewerbeordnung. B. Das Heimathsrecht. C. Das Paßwesen. D. Die Freizügigkeit. E. Verpflichtung zum Kriegsdienst. E. Strafgesetz.— Brief-, Packet- und Depeschen-Portotaris. Verzeichniß gleichnamiger oder ähnlich lautender Ortschaften.— Statistische Uebersicht der hauptsächlichsten Länder der Erde.— Ortsbeschreibung der vorzüg- lichsten Städte.— Reiserouten durch Deutschland.— Ter Schnellrechner. Notizen über Gold-, Silber- und Papiergeld. Das Maß- und Ge- Wichtssystem.— Das Buch gibt sich Mühe, zu halten, was der Titel verspricht. Eine neue, recht sorgfältige, sich über alle Theile des In- Halts erstreckende Bearbeitung thäte ihm freilich gut; dafür sprechen veraltete Wendungen im Stil, sowohl in dem Abschnitte, der die Sprach- lehre enthält, als in den Musterbriefen, eine ganze Zahl außer Ge- brauch gekommener Fremdwörter in der 4. Abtheilung, eine Reihe von Gedichten in der Sammlung von Gelegenheitsgedichten, welche einer geistesbcschränkten Anschauungsweise unpoetischen Ausdruck geben, man- chcrlei Angaben in der statistischen Uebersicht, welche hinter der rasch vorwärtsschreitenden Zeit um ganze Bolkszählungsperioden und mehr hinterdreinhinke» u. s. w. Alle diese Mängel im einzelnen hindern jedoch nicht, das Buch im ganzen als ein nützliches und empsehlens- werthes anzuerkennen. Der kleine Geschäftsmann, jeder Handwerker und Arbeiter wird darin sür viele der an ihn herantretenden Fragen seines Geschäfts- und Familienlebens, deren Beantwortung ihm die Mangelhaftigkeit seiner Schulbildung nicht gestattet, Rath und Hülse sindcn. Die Russen behaupten, daß ihre Sprache die reine slavische sei; sie erzählen, daß, einer alten Sage»ach, im grauen Alterthum ein Mann namens Zlowiu