Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudokpk von V. (Fortsetzung.) „Lieber Papa," entgegnete Wichtel junior rasch und mit vielem Nachdrucke;„ich finde die Art, ivie du mir heut Abend entgegen- Mretcn beliebst, wirklich höchst sonderbar. Sind wir doch beide Männer und beide mit dem sehr energischen Willen ausgestattet, die jämmerliche Nichtigkeit und Langweiligkeit des Lebens durch das, was jeder von uns seiner Anschauungsweise und— seinen Jahren nach als Genuß empfindet, zu vergolden oder, wenn du willst, genießbar zu machen. Bei Leuten, welche das Geld ganz allein darum schätzen, weil damit Genüsse zu erkaufen sind, spielt die Kostspieligkeit des Genießens natürlich keine Rolle— darüber waren wir bisher ja immer einig, und ich stehe heute noch so vollständig und bewußt auf meinem Epikuräerstandpunkte, daß ich jede Bemerkung über die relative Geringfügigkeit meiner Aus- gaben vis- ä- vis jenen Summen, welche du am grünen Tische zu verausgaben ein Vergnügen findest, unterlasse." Tie dünnen, blutleeren Lippen des Justizraths umspielte wieder das verächtliche Lächeln, von dessen gewohnheitsmäßiger Wieder- kehr die stereotyp nach dem linken Nasenflügel hin verzogene Ober- lippe Kunde gab. „Um was ich dich auch ersucht haben möchte— in deinem eigenen Interesse, mein Werthgeschätzter," sagte er.„Es handelt sich im Augenblick in der That auch nur um eine Feststellung, wer von uns beiden sich des weitesten und sckärfsten Ucberblicks über unsere finanzielle und geschäftliche Situanon erfreut— du, der du dich beständig und ausschließlich mit den einschlägigen Angelegenheiten befaßt hast, oder ich, der ich eine Zeitlang dir plein pouvoir*) ließ. Ich fahre also fort: Unsere Güter und Häuser repräsentiren insgesammt einen Nominalwerth von rund 800000 Thalcr und einen Realwerth von etwa der Hälfte— stimmt's, mein Lieber?" Ter Referendar nickte. „Tavon gehört uns der Besitztitel besagter Liegenschaften, sonst aber kein rother Heller." Wichtel junior wollte sprechen. Ter Bater wehrte ihm durch eine Handbewegung und fuhr fort: „Ich weiß, was du sagen willst. Tu glaubst, ich fasse die Sachlage noch viel zu günstig auf: wir wären reiche Leute, wenn uns blos kein Heller von dem Kapitalwcrth unsres Grund und Bodenbesitze« gehörte. Uns gehören die 100000 Thalcr Differenz zwischen dem wirklichen Werth und den 500000 Thalern Hypo *) Unbeschränktes Handeln. theken. Dieser negative Besitz verursacht uns, wenn alles gut geht, ein jährliches Defizit von 5 bis 6000 Thalern, das mir nur decken können bei größter Einschränkung unseres Haushaltes und unserer Privatausgaben. Wir dürfen uns aber auch gar- nicht einschränken, selbst wenn wir wollen, denn da würden unsere lieben Freunde und getreuen Nachbarn und init ihnen bald die gesammte Geschäftswelt sich in die Ohren raunen, daß es mit uns gewaltig bergab gegangen ist, und wir würden den Kredit ver- lieren, der uns jetzt noch aufrecht erhält. Es würde uns ein sehr beträchtlicher Theil der Hypothekenkapitalien auf den Gütern und Häusern gekündigt werden, unseren Wechseln würden Schwierig keiten begegnen und wir wären in allerkürzester Frist offenkundig und unausweichlich vor dem Abgrund des Bankerotts—— nicht wahr, mein Guter— so steht's?" Das Gesicht des Referendars hatte sich merklich verfinstert. „So steht's allerdings," sagte er.„Und ich sehe eben absolut nicht, wie wir aus der Kalamität herauskommen können, wohl aber, wie wir immer tiefer hineingerathen müssen, wenn es mit unsrer Gründung nicht vorwärts geht und wenn wir Waldstein seine Bundesgenossenschast nicht mit der Uebertragung der Fabrik- einrichtung und einem tüchtigen Profit bezahlen. Er ist unser Hauptgläubiger— mit ihm weicht uns der Boden unter den Füßen——" „Sehr richtig— ein etwas lästiger Bundesgenosse, dieser Waldstein," sagte der Justizrath nachdenklich, aber sehr ruhig. „Indessen— que faire*)?„Wir müssen vorwärts und Alster muß gezwungen werden——" „Er muß— aber wie?" „Hm,— der Mann fürchtet, wie alle Spießbürgernaturen, nichts so sehr als den Eclat, den Skandal. Wir müssen also ihn ins Unrecht setzen— wir müssen auf der Realisirung des Vertrags bestehen, eventuell Lärm schlagen über Vertragsbruch die bloße Drohung, sobald sie mit der Energie des bitteren Ernstes aufttitt, wird genügen!" „Das bezweifle ich— ich bin bis hart an die Grenze eines Abbruchs der geschäftlichen Beziehungen in meinen Erklärungen gegen Alfter gegangen, ohne den erwarteten Erfolg zu erzielen." „Nun, so werde ich denn persönlich die Sache in die Hand nehmen," sagte der Justizrath, indem er sich erhob.„Ich suche Alster auf— ein plausibler Vorwand, die Sache recht dringlich *) Was thun? Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfenni Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. erscheinen zu lassen, findet sich immer. Weigert er sich, so halte ich ihm vor, daß es freundschaftliche Rücksichten waren, welche uns bewogen haben, mit ihm einen Kontrakt zu schließen, der zu seiner Voraussetzung das vollste gegenseitige Vertrauen hatte— daß er also einen Vertrauensbruch begeht, wenn er die Aus- führung unseres Planes in dem ihm im vorhinein zu Grunde gelegten Sinne verhindert. Ich erkläre ihm, daß eine Bewerbung um Senkbeils Bundesgenossenschaft in der Geschäftswelt sofort den Zweifel an unsrer Fähigkeit, die Sache allein zu machen, er- regen, und uns vor der Welt und vor Senkbeil kompromittiren und für den wahrscheinlichen Fall, daß Senkbeil ablehnt, unfern Kredit, unser Prestige gewissermaßen, empfindlich erschüttern müßte. Wir würden— so leid es uns thäte— falls er bei seiner Weigerung beharrt, gezwungen sein, vor der Oeffentlichkeit die Schuld an dem Nichtzustandekommen der mit solcher Erfolgsicherheit an- gekündigten Gründung auf diejenigen Schultern legen zu müssen, auf die sie gehört. Wie er und sein so wohlverdientes öffent- liches Ansehen dabei wegkommen könnten, wenn er die Sache gewaltsam in den Eclat hineintriebe, das sei dann seine Sache und fiele nicht mehr in den Bereich unserer Verantwortung; und so weiter. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich der Schwätzer schließlich, sobald er merkt, daß der Spaß definitiv zu Ende ist, nicht um den Finger wickeln ließe. Und dann noch eins, mein Lieber," wandte sich der Justizrath, der schon den Schlafrock abgeworfen und eben den Finger an den Knopf einer Tafelglocke gelegt hatte, um den Diener herbeizurufen, von neuem zu seinem Sohne;„wir müssen unvcrweilt wieder nach mehr als einer Richtung hin finanzielle Fortschritte machen. Das Pro- jekt der Zweigbahn nach Bergstadt ist ganz eingeschlummert— es muß schleunigst ivieoer zum Leben gebracht, es muß nicht minder schleunig realisirt werden. Die verdammten Rittergüter, an denen wir heute in Wahrheit schon zu armen Rittern ge- worden, muß uns die Eisenbahn endlich abnehmen. Damit werden wir dann auch deinen guten Freund Waldstein los, der uns wie ein Blutegel im Nacken sitzt." Der Sohn zuckte die Achseln und wollte antworten. Der Vater hatte aber bereits auf den Schellenknopf gedrückt und be- merkt, daß er die Glocke, an deren Mechanismus irgendettvas in Unordnung gerathen war, zu keinen andern als äußerst gedämpften Tönen zu bewegen vermochte. Er war daher dem Triebe, ent- schloffen und rasch zu handeln, nachgebend, ungewöhnlich schnell auf die Thür zugeschritten, um nach dem Diener zu rufen, als ihm von außen jemand zuvorkam und der Diener selbst auf der Schwelle erschien. „Herr Justizrath befehlen?" fragte derselbe, ein langer, hagerer Mensch von einigen vierzig Jahren mit glattrasirtem, unangenehmen Schleichergcsicht. Die Wichtel warfen gleichzeitig einen raschen Blick auf den Diener und schauten dann einer dem andern bedeutungsvoll ins Auge. „Man ist ja ungewöhnlich geschwind heute, Friedrich," sagte der alte Herr.„Man kommt sogar, ehe man gerufen ist." „Verzeihen Herr Justizrath," erividerte Friedrich mit einem Gesichtsausdruck, als könnte er nicht bis drei zählen;„ich ging grade vorüber nach dem Schlafzimmer des Herrn Doktor, um die Fenster zu schließen, weil der Wind zu arg geworden ist; und da hörte ich, wie der Herr Justizrath klingelten— zwar nur leise, aber wenn man nicht weit von der Thür ist, hört man's doch, und da ich wußte, daß die Klingel heute ausgehakt ist, als die Luise sie beim Aufräumen'runter geworfen, da Hab' ich--" Dem Justizrath schien eine weitere Auseinandersetzung überflüssig. „Schon gut," sagte er.„Ich fahre heut noch aus,— sofort anspannen und meine Röcke." Friedrich machte eine höchst eckige und steife Verbeugung und ging eiligst von bannen. „Hältst du für möglich, daß der Kerl gehorcht und daß er gehört hat was wir sprachen?" fragte der Justizrath, als sich die Thür hinter Friedrich geschlosien hatte. „Daß er gehorcht hat— gewiß. Daß er gehört und ver- standen hat, was wir sprachen, bezweifle ich dagegen sehr, die Portiörcn und das starke Eichenholz der Thüren lassen nicht viel von den Tönen pasfiren." „Man horcht aber nicht, um nicht mehr als unarttkulirte Laute zu hören. Wir müssen uns überzeugen. Es wäre vertrackt, wenn der alte Spitzbube auch nur zwei Sätze verstanden hätte...." I- „Ueberzeugen wir uns," sagte der Referendar, indem er das Zimmer verließ. Der Justizrath sprach ein paar Worte in ge- wöhnlichem Gesprächstone, dann wiederholte er sie dreimal, jedes- mal lauter als zuvor. Wichtel junior hatte nur das letztcmal verstanden, was sein Vater gesagt. Beide fühlten sich beruhigt; so laut war die Unterhaltung, selbst in den Momenten der Er- regung, nicht geführt worden. Zudem war der Friedrich nach seiner' eigenen Behauptung schon seit Jahren schwerhörig; er mochte also doch wohl beim Vorbeigehen an der Thür, aus jener allgemein verbreiteten Dieneruntugend der Neugier, nur den erfolg losen Versuch zu horchen gemacht haben. Im übrigen würde ja einer Bedientenklatscherei nicht allzuschwer die gefährliche Spitze abzubrechen sein, meinte der Referendar. Friedrich benahm sich auch ganz unverfänglich, als er wieder- kam. Sein Gesicht war genau so nichtssagend, seine Stimme so krächzend, seine Bewegungen so täppisch, wie gewöhnlich. Ehe der Justizrath ging, hatte er noch etwas zu fragen. Er hatte gehört, daß der elegante Bärenhäuter Schweder, wie er ihn zu nennen pflegte, in neuester Zeit im alster'schen Hause verkehre. Und Schweder sei wohl so cttvas wie der Hausfreund der schönen Frau Senkbeil— auf Bemühungen des Schweder sei also viel leicht die alster'sche Neigung zu einer Assoziation mit Senkbeil zurückzuführen. Wichtel junior bezweifelte das. Ichweder sei ein sehr ge- scheiter, aber allen Geschästsangelegenheiten, wie überhaupt allen ernsteren Dingen gegenüber unglaublich indifferenter Mensch. Das sei der Epikuräer eomme il kaut oder, in der That, der Bärenhäuter in Glacös. Selbst zum Schachspiel sei er selten mehr als einmal in der Woche zu bringen. Dagegen könne er stundenlang, eine seiner unübertrefflichen Havannahs nach der andern schmauchend, im Cafä oder sonstwo dem Oolee kar vieute*) fröhnen und dabei über alles und alle in der Welt seine spötti- schen, meist fabelhaft malitiösen Glossen machen. Senkbeil komme, wenn gelegentlich von ihm die Rede sei, fast am schlechtesten weg— er sei ein nichtsnutziger Knauser, ein gänzlich versimpelter Filz, behaupte Schweder, der sich den Champagner abgewöhnt habe, damit seine ungezogenen Rangen dereinst drin baden könnten. Mit Senkbeils Frau stehe Schwcder aber allerdings in intimem Verhältnisse, obgleich er, oder vielmehr grade weil er, selbst in übermüthigster Weinlaune, dies hartnäckig und sehr entschieden ableugne. Bei Alfter habe er sich bestimmt auch nur eingeführt, um sich entweder über den emporgekommenen Krämer weidlich lustig zu machen oder, was allerdings noch mehr Wahrscheinlich- keit für sich habe, um Wanda in die Netze eines unsoliden Liebes- Verhältnisses zu verstricken. Daß ihm letzteres nicht gelinge, dafür habe er, Wichtel junior, indessen sofort gesorgt. Er habe Alster über den Rouä Schweder reinen Wein eingeschenkt und auch Wanda Andeutungen bezüglich der Dutzende von Liebesverhältnissen gemacht, derenttvegen Schweder stadtberüchtigt sei. Die sittliche Entrüstung, welche er selbst dabei weniger gezeigt als verrathen habe, müsse auf das beinahe noch kindische Gemüth seiner Zukünftigen zweifellos einen höchst günstigen Eindruck gemacht haben. Ter Justizrath schien inzwischen wieder zu gutem Humor ge- kommen zu sein. Er klopfte dem Sohne zum Abschied gemüthlich auf die Achsel und sprach die Hoffnung aus, daß die sittliche Entrüstung, die zu„verrathen" seinem liebenswürdigen Sprößling sicherlich nicht schwer gefallen sei, der wahren ehemännlichen Tugendhaftigkeit den Weg in das Herz desselben bereiten werde. Nachdem Wichtel junior lachend betheuert, daß diese Hoffnung um so leichter erfüllt werden möchte, als ihm allezeit das gute Beispiel seines Erzeugers auf dem Pfade der Tugend voran leuchte, ging der Justizrath, vergnüglich schmunzelnd' und seinem Sohne„viel Vergnügen" wünschend, von dannen. ** * . Eine Viertelstunde später hielt sein Wagen vor der Villa Alster. August hatte im Gespräch mit einem Manne, in dem ivir den Cigarrenreisenden Ichneider wiedererkennen, vor der Thür gestanden.� Die beiden waren intime Freunde geworden. Schneider hatte sogar in einer den biederen August bis zu völliger Gewißheit überzeugenden Weise nachzuweisen vermocht, daß August sein Cousin, wenn auch ungefähr im zehnten oder zwölften Gliedc sei. Augusts Großtante, die rechte Cousine seiner Stiefgroßmutter, war nämlich auch eine geborne Schneider gewesen und hatte einen *) Süßem Nichtsthun. 135 Bruder gehabt, der sein Heil in Amerika gesucht und dabei heil- los heruntergekommen und schließlich verschollen war. Diesen würdigen Sticfgroßonkel hatte der immerdar findige Cigarren- reisende in seiner eigenen Berwandtschast wiederentdeckt— er war auch sein Großonkel oder so etwas Aehnliches gewesen, folglich war August sein Cousin. Als der Wagen des Justizraths vorgefahrcu war, hatte August seinen neuen Cousin stellen lassen und dienstfertig den Wagen- schlag ausgerissen. Zu seinem tiefgefühlten Bedauern hatte er zu melden, daß sich der gnädige Herr Justizrath den Weg umsonst gemacht llätten, weil der gnädige Herr Alster nicht zuhause sei. Ter Jnstizrath erklärte, er müsse Herrn Alfter aber unter allen Umständen, so rasch als nur möglich, sprechen. Wo er auch sei, werde er ihm daher nachfahren oder, wenn es nicht anders ginge, auch nachreisen. August machte auch diesmal das bekannte Bedientenmanöver, indem er durch verlegenthucndes und dumm- schlaues Mienenspiel zu verstehen gab, daß er zwar wisse, wohin oder mit Ivem sein Herr ausgegangen sei, aber sich nicht recht getraue, es zu sagen. Ter Justizrath kannte so gut wie Schwcder den Schlüssel, der den Mund eines derartigen getreuen Knechtes jederzeit öffnet, und er wandte ihn, wenn auch lange nicht so frei- gcbig als der jüngere Lebemann, unverzüglich an. August gestand nun, daß sein Herr nach dem Restaurant Weinhold gefahren sei, wo in einer geschlossenen Gesellschaft eine Feier— was für eine, wisse er nicht— abgehalten würde. _ Ter Justtzrath rief seinem Kutscher zu:„Zu Weinhold— rasch!" und zog den Wagenschlag dem guten August so dicht vor der Nase wieder zu, daß er selbigen stattlichen Körpertheil bei- nahe zwischen der Thür und ihrem Rahmen eingequetscht hätte. August, der höchlichst erschrocken zurückgesprungen war, vergewisserte sich, daß das unersetzliche Organ»och unbeschädigt in seinem Gesicht sitze und trat entrüstet grunzend zu seinem Cousin Schneider. „Dieser alte Kerl," räsonnirte er,„hält unsereins auch nicht für einen Menschen, wie er einer ist. Nicht'en Pfifferling hätt' er darnach gefragt, wenn er mir den Schädel mit seiner Wagen- thür blutig geschlagen hätte. Und Trinkgelder geben diese Wich- tels nie mehr, als allcrhöchstens'en halben Thaler. Der junge ist übrigens noch schäbiger als der alte. S'ist en Skandal. Sta bei Gelegenheit bind' ich dem alten Geizkragen einen Bären auf, der sich geivaschen hat." Cousin Schneider bestärkte den Entrüsteten in seiner löblichen Absicht und hörte sehr aufmerksam auf alles, ivas sein Freund und Vetter über die Familie Wichtel räsonnirend zum Besten gab. „Der hält's womöglich für eine Ehre, die er dir anthut, wenn er dir die Nase blutig schlägt. Tie Sorte kenn' ich, August, ver- laß dich darauf. Dein Herr ist übrigens auch nicht viel besser. Tic Cigarren, die ich ihm neulich zur Probe habe bringen müssen, find ihm noch zu theuer für euch. Für meine Dienerschaft höchstens kann ich Cigarren brauchen; ich selbst beziehe meinen Bedarf ohne Zwischenhändler, sagte er. Also jedenfalls eine Weinachtsfrcnde für dich und den Kutscher. Na, ich gratnlire im voraus. Die nämlich, die ich ihm gebracht hatte, kosteten 10 Thlr. im tausendt Tie wären viel zu leicht für euch, sagte er, und viel zu schlech. meinte er. Nun soll ich ihm welche für 8 Thalcr bringen; das sind natürlich die reinen Sttnkadores— für'ne gebildete Nase, ivie du sie hast, August, geradezu zum Davonlaufen." „Da ist meine einzige Rettung," meinte August pfiffig wie immer,„ich verkaufe die ganze Bescheerung meinem verehrten Kollegen, dem Rhinozeros von Kutscher. Der Kerl raucht den ganzen geschlagenen Tag den fürchterlichsten Kneller, daß die Pferde im Stalle den Husten kriegen. Wenn ich dann sage, die Cigarren wären mir zu stark und ich wollte sie ihn? auf Ab- schlagszahlungen von wöchentlich zehn Groschen verkaufen, so fällt er unter allen Umständen darauf rein." „Recht so," lachte der Cousin.„Aber sag' mal, August, was mochte denn der Justizrath so eilig mit deinem Herrn zu thun haben? Tie kommen doch� alle Tage zusammen. Wahrscheinlich sucht der gestrenge Herr blos irgend jemanden, der mit ihm den Abend vcrkneipt." August schüttelte den Kopf.„Wichtig mag die Geschichte schon sein, und zusammenkommen thun die auch nicht alle Tage. Ter Justizrath ist ja in der letzten Zeit wieder immerfort auf Reisen gewesen. Sein Friedrich sagte mir'mal ganz im Vertrauen, der 'Alte führe bis nach Italien, oder gar bis nach Monakien oder ivie das heißt, um dort riesig zu spielen,— du weißt— so , Meine— deine' oder, Lustige Sieben' oder so was wird's wohl sein. Nun wird er wahrscheinlich erst heute oder gestern zurück- gekommen sein, und gestern ist auch der Doktor Juri hier ge- wcsen und hat'neu furchtbaren Spektakel mit meinem Alten gehabt; der ist hernach roth gewesen, wie ein Kapaun, und der andre war auch fürchterlich erhitzt, und beinahe sah's aus, als ob sie sich gründlich verfeindet hätten mit einander. Da wird der alte Wichtel wahrscheinlich wieder Frieden stiften wollen, denn unser Fräulein und ihre Goldfüchse lassen die beiden nicht aus dem Garn, weißt du, wenn sie auch noch so dick thun mit ihrem Gclde-- der Friedrich meint ohnehin, bei seiner Herrschaft steckte lange nicht soviel dahinter, als sie immer thun, und der Friedrich ist lange nicht so dumm, als er aussieht." Dem Cigarrenreiscnden Schneider schienen diese Mittheilungen, so wichtig August auch dabei that, doch nachgrabe langlvcilig geworden zu sein. Er erwiderte mit äußerst glcichgiltigcr Miene: „Ja, ja, es ist nicht alles Gold, was glänzt;" und fügte, nach dem er sich eine frische Cigarre angezündet hatte, hinzu:„Die vornehmen Leute können sich halt furchtbar verstellen; man weiß nie, wie man eigentlich mit so einem dran ist." Tarauf sah er nach der Uhr:„Donnerwetter, ist das schon spät! Na, gute lfiacht, August; morgen oder übermorgen trinken wir wieder ein Glas Grog zusammen." Dann ging er ziemlich raschen Schrittes von dannen. August schien sich einigermaßen über das plötzliche Von- dannengehen seines Cousins zu wundern. Er ging mißvergnügt in das Haus. (Fortsetzung folgt.) Konrad Deubler— der Dauern-PhNosoph. Eine Skizze nach dem Leben, von I)r. A. (Schluß.) Es war am Samstag Abend, 2. August 1879, als ich— von München kommend— die Route Salzburg Wien bei Att- »ang verließ und bei einer Temperatur von 83 Grad Celsius zwei Stunden lang auf jenen Zug wartete, der mich auf der Kronprinz-Rudolf-Bahn von Attnang aus am Traunscc vorbei, durch Ischl nach der Station Goisern bringen sollte. Ich hatte an jenem Tage den Kulminationspunkt der Sommerhitze reichlich verspürt, draußen auf dem Flachland lag eine lähmende Schwüle und erst als wir an dem malerischen Traunsec vorbeifuhren und die Sonne hinter die uns nahe gerückten Berge trat, konnte man wieder aufathmen. Am ganzen Himmel keine Wolke, auf keinem der prächtigen Berge des Salzkammcrgutes die geringste Spur von Nebel— die Nacht brach herein und eben stieg der Mond am östlichen zackigen Horizonte empor, als der Ruf:„Goisern" meine Tagesleidcu zum Abschluß brachte. Wenige Augenblicke hernach begrüßte mich der Philosoph vom Primcsbcrg in jener herzlichen Weise, die sich nicht in Worten zeichnen läßt. Mein Gepäck ging in die Hände seiner barfüßigen Magd, die mir der obcröstcrreichischc Bauer nach Landessitte als„Biehmensch" vor- stellte. Ter geneigte Leser wolle bei diesem Ausdruck weder lachen noch ungläubig den Kopf schütteln; denn was man weit- herum in Teutschland ein„Mädchen für alles", in der Schweiz auf dem Laude kurzweg„Magd" oder auch„Viehmagd" nennt, das heißt im Salzkammergut schlechtiveg„Biehmensch", worunter auch die vielbesungenen„reizenden" Aelplcrinnc», die Sennerinnen, die naturwüchsigen Grazien der Berge verstanden werde». Teubler, dem der geistige Umgang mit„Gelehrten" zum täglichen Bedürfnis! geworden, dem er auch durch tägliche Lektüre gerecht wird, schwelgt förmlich in Genuß, wenn ihm einmal so ein„gelehrtes" Individuum ins Gehege kommt. Dabei leidet er keines- Wegs an dem Fehler der meisten Laien, die da wähnen, in jedem „Studirten", der sich irgendwie einen Namen gemacht hat, gleich 137 eine Art übermenschlicher Erscheinung sehen zu müssen. Er be das üppige Mauerwerk bis hinauf unter das Tach mit dnnkelin urtheilt alle Menschen nach dem Werth ihrer Leistungen und Grün bekleiden. Durch ein Vorzimmer, an dessen Wänden bücher- der Aufrichtigkeit ihres Wollens und Handelns. Doch hievon beladene Gestelle und Tableaux aller Art plazirt sind, gelangen später- wir sind ja erst im Begriff, dem Mann mit kurzen wir in das eigentliche Wohnzimmer ebener Erde Topfpflanzen Hosen, Lodenrock und„Tprolerhnt" ans seinem Gang durchs füllen den Fensterranm gegen den Garten, das Gemach selbst ist Banerndors und jenseits desselben auf schmalem Pfad durch saftige schlicht möblirt und wird bei Stacht mit der modernen Petroleum- Wiesen zu folgen und ihn ans den nahen Primesberg zu sei nein idyllischen Heim zu be- gleiten. Der Mond beleuchtet luisern Pfad, rechts und links zirpen die Grillen und im nahen Haselgebüsch stimmt der Laubfrosch seine sommernächt- liche Hymne an, indeff drüben die Wasser der klaren Traun rauschend thalwärts wandern. Bald haben wir die Teubler sche Terrasse am Abhang des Primesberg erreicht. Ueppige Ahorne senken schweigend ihre laubschweren Aeste über den rasenbewachsenen Fußpfad; wir müssen sie umgehen, ehe wir zum Teublerschen Garten und Wohnhaus selbst gelangen. Ein wohlgepflegter Lattenzaun um- gibt das Ganze: unser Führer vssnet die Gartenthür und nun schreiten wir in den Blumen- und Gemüsegarten des Philo- sophen vom Primesberg, der sich hier„Male®. Partus" gebaut und von da aus dem nähern und ferner» Treiben der Welt zuschaut. Am Ende des GartenS stoßen wir auf die„Malepartus" selbst, wie Denkler seine Villa zu nennen pflegt. Ter Leser fin- det in dem auf Zeile ic>1 ab- jji gedruckten Holzschnitt eine treue-Dp. Skizze von dem. was im eigent- lichffen Sinne des Wortes ein „Musentempel" genannt wer- dieser Art auf dem weiten'' v- 07 Erdenrund nicht anzutreffen ist. In der Mitte das etwas niedrige, eigentliche Wohnhaus, älteren Datums, aber nach außen und im inner» schmuck und sauber; daran angebaut »nd mit den Gemächern des Wohnhauses in Kommunika- tion ein etwas höherer Trakt mit den Gastzimmern(in nn- serer Abbildung rechts), von denen dem Beschauer wohl das eine mit dem Balkon auffallen wird: es sei hier bemerkt, daß dies das Zimmer Feuerbachs ist, in dem der nürnberger Philosoph einige Wochen zu- gebracht und glücklich für ein paar iveitere Jahr, die letzten seines Lebens, genesen ist. Auf der anderen Seite des Wohn- Hanfes(in uuserm Bilde links) stellt ein zweiter Anbau das so genannte„Atelier" dar, von Denkler kurz nach Feuerbachs Tode lampe beleuchtet. An den Wänden treffen wir Kupferstiche nach zu dem Zwecke erbaut, hier der Wissenschaft und Kunst eine kanlbachschen Gemälden, sauber eingerahmt; und eine Bronze Freistatt zu gewähren. Kein Sterblicher, der diesen Fleck Erde � statuette, auf der Ecke eines ivandständigen Kastens aufgestellt, .zum erstenmal betritt, würde ahnen, daß in jenem schlichten bringt uns in eine interessante Konservation mit dem Herrn dieser Anbau die Geistesheroen unserer Zeit sich in ihren besten Werken Räume, der in der bronzenen Figur uns seinen alten, längstver zusanlinengefunden habe». Doch halt! unser Gastgeber wandert storbenen Uhlich vorstellt. Das Mondlicht zittert durch das der Hausthüre zu, dort im mittleren Gebäude, wo üppige Reben Laubwerk der Reben und Fruchtbäume, indeß wir drin, in diesem 138 schlichten Räume, bei der Lampe— er mit der Pfeife im Munde, ich meine österreichische Virginia rauchend— bis gegen Mitternacht die wissenschaftlichen Tagesfragen Revue passiren lassen. Da war einer der ersten Punkte, der zur Sprache kam, die da- mals noch bevorstehende 52. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, da Gustav Jäger die menschliche„Seele"—„an Händen und Füßen gebunden" vorzuführen und zu demonstriren versprach.— Deubler schüttelte zu dieser Seelenentdeckung ganz bedenklich sein Haupt— bedächtigen Schrittes ging er zum Kasten und holte gleich einen interessanten Zeitungsausschnitt hervor, der streng über die jägersche Seele zn Gericht saß und nach Denkler den Nagel auf den Kopf zu treffen scheint. Dergleichen Konversattonsstunden nach des Tages Mühen und Lasten wiederholten sich in der Folge jeden Abend; denn an an- regendem„Stoff" ist bei Dcnblcr kein Mangel. Die Werke der hervorra geilsten Naturforscher, Philosophen, Historiker und Schrift- steller unserer Tagespresse sind ihm geläufig, er kennt die inter- essantesten Stellen in David Strauß,(!arl Vogt, Louis Büchner, Moleschott, Hellwald, Buckle, Feuerbach, I. C. Fischer, Höckel und Darwin so sicher, daß er uns gleich das Buch aufzuschlagen weiß, um schwarz auf weiß zu beweisen, daß er sie recht ver- standen. Er ist nicht Naturforscher und dennoch kennt er sie alle, die deutschen Gelehrten und Schriftsteller, welche das Volk zu ehren verstanden, indem sie gemeinverständliche Werke schrieben. Und wir staunen über den Reichthum von Sentenzen, die ihm in Sachen der natürlichen Weltanschauung so geläufig sind, wie dem Schüler das Einmaleins. Er erzählte von Roßmäßler, dessen Mikroskop Deubler wie eine Reliquie hochhält; er kannte den wackern Mann persönlich. Deubler steht seit Jahrzehnten mit hervorragenden deutschen Künstlern, Malern und Bildhauern in persönlichem, frcnndschaftlichem Verkehr; insbesondere ist es der alte Professor Kummer in Dresden und dessen ganze Fa milie, die dem schlichten Philosophen des Salzkammergutes mit Leib und Seele zugethan sind; das„Atelier" Dcublers gibt ficht- bare Zeugnisse für diese innigen Beziehungen; daß die Familie Meyerbeer unfern Deubler ebenfalls lieb gewann, ist bereits oben schon gesagt worden. Und wie herzlich standen die Be- ziehungen Denklers zn dem berühmten bayrischen Alpcnschrift- steller Heinrich Noö! Mit einer großen Zahl bedeutender Männer stand Deubler bis an ihr Ende in Korrespondenz und ein Dutzend Lebender in aller Herren Länder sind seine regelmäßigen Gäste geworden. Carl Grün verfaßte das Werk„Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nachlaß" droben auf dem Primesberg unter dem gastlichen Dache dessen, der sich mit Stolz zu den treuesten Freunden des Verfassers vom„Wesen des Christenthums" zählen darf. Ernst Höckel schrieb an gleicher Stelle das Vortvort zu einer neuen Auflage feiner Anthropogenie. I. C. Fischer, der philosophische Buchhändler und Verfasser des„Bewußtsein"(— keineswegs ein Philosoph des„Unbewußten"—), Julius Duboc, Friedrich Schlögl, der berühmte Wiener Feuilletonist(Verfasser von„Wiener Luft" und„Wiener Blut"), Nordmann, der Prä- sident des Wiener Schriftstellervereins„Eoncordia", Ernst Keil und so viele andere, die mit dem schwarzen Blut der Feder die geistige Welt unserer Zeit zu tränken verstanden, gehören zu Deubler» Bekannten und Freunden. Zahlreiche Briefe und die Photograhien, sowie die mit eigenhändigen Widmungen gezierten Werke dieser Männer bilden den Schatz, auf den der Philosoph vom Primesberg stolzer ist, als Feldmarschall Radetzki auf seine Orden und Diplome. Denklers Bibliothek ist ebensowohl ein Unikum, als er es selber ist. Um sie kennen zn lernen, machen wir den„Atelier" einen Besuch; ein paar Schritte vor der Hansthür steht iin Garten eine kleine Statue, die eine Glaskugel trägt(siehe Abbildung). Dicht hinter derselben befindet sich der Eingang zum mehrerwähnten Atelier, auf dessen südlicher Altane(ini Bild ganz links) der Beschauer einen wundervollen Ausblick auf das Traun- thal und hinüber zn den Ramsauer Bergen gewinnt. Betreten wir das Innere! Das Ganze ist ein einziger hoher Raum, der nnrklich einem Künstleratelier oder auch einer Kapelle gleicht. Links vom Eingang ist längs der ganzen Südwand die tausend- bändige Bibliothek aufgestellt:„Die Natur" von Karl Müller, die„Iris", der„Kosmos", viele Bände der„Gartenlaube", Schiller und Goethe, und eine Anzahl älterer und neuerer Dichter nebst Werken über Geschichte, Religion, Philosophie, Anthropo- logie und Paläontologie, Geologie, Botanik, Physik und Chemie:c. Wir haben schon mehrfach erwähnt, daß sich hier Dedikationscxemplare von verschiedenen Geistesgrößen znfammen- gefunden haben: in der That eine wunderliche Gesellschaft, in der sich aber unser Deubler vortrefflich zurecht findet. Wenden wir uns nun nordwärts— welche Art von Ueberraschung! Sind wir wirklich in einem Atelier oder in einem Gotteshause?— Mitten ans der nördlichen Wand steht auf architektonischem Posta- ment die Bronzebüste eines— Heiligen; ja eines Heiligen ganz eigenster Art: Ludwig Feuerbach. Und ain Postament glänzt die bedeutungsvolle Inschrift:„Homo hornini Deus est".— lieber der Büste ist ein Medaillon desselben Philosophen in Basrelief angebracht. Rechts und links davon begegnen uns alte Bekannte — die Porträts von Darwin und Humboldt, Strauß. Höckel und anderer Geistesverwandter. Ringsum auf Tischen und Ge- stellen finden wir Maler- und Zeichenwerkzcuge, vollendete und unvollendete Oelgemälde zieren Wände und Staffeleien und— damit die Kunst nicht gar so stiefmütterlich ausgehe, hat sich hier auch ein tadelloser Gypsabguß der herrlichen Mediceerin und haben sich auch die bekannten„Drei Grazien" eingestellt. Und was ich vor wenigen Jahren getrännit habe'— siehe da: es ist alles zur Wahrheit, zur greifbaren Wahrheit gewor den. Pallas Atyene ist niedergcstiegen zur Erde und Gast gc worden beim einfachen Mann und hat Wohnung genommen bei denen, die den Tag der Naturcrkenntniß mehr lieben, denn die Nacht des Aberglaubens. Und die Meerschaumgeborne— die ewig lächelnde Mediceerin hat Besitz genommen vom Altar, da ehedem die Gestalten des Jammers und des Elendes ihre Welt- Verachtung so blutig-unästhetisch offenbarten. Ja, es ist Tag, lichter Tag geworden, in der Hütte des friedlichen Mannes, der im Schweiße seines Angesichts sich das Brod crlvirbt, um am Abend oder in glücklicher Feierstunde sich an der Lichtschönhcit geistiger Wahrheit zu letzen. Kunst und Wissenschaft— Schönheit und Wahrheit— welch herrlicher Dualismus in der einheitlichen Welt eines modernen Philosophen! Ich bin in meinem Leben lveit herumgekommen, habe ein gut Theil Menschenglück, aber auch eine Fülle von Elend gc- sehen, habe an mancherlei Tischen gesessen— die Gastmäler der Reichen, die Tafeln der Geldfürstcn sind mir keine unbekannten Dinge und die Hütte des armen Mannes, der mit hölzernem Löffel ans hölzerner Schüssel seine magere Suppe ißt, ist mir kein leerer Begriff; die Frömmsten und Gottcsfürchtigsten waren meine Freunde und die in unfern Tagen als„gottlos" Ber- schrieenen sind meine Brüder; ich habe alle Gefellschaftsklassen und Gesellschastsschichtcn in persönlichem Umgang kennen gelernt: aber nirgends, bei keinem der Sterblichen, die ich bis jetzt ge- sehen, fand ich dieses Maß innern Glückes und geistiger Ruhe, fröhlichen Behagens und harmonischen Wohlseins wie in der „Malepartus" auf Primesberg. Der Leser findet an der Spitze dieses fragmentarischen Lebens- bildes das Porträt Dcublers nach einer meiner jüngsten Feder zeichnungen photographisch in Druck gesetzt. Ich hoffe, alle, die den Bauernphilosophen je gesehen, werden ihn in diesem Bild- chen wiedererkennen. Mit wenigen, aber durchaus treuen Feder strichen hat dagegen der Wiener Kulturkritiker Friedrich Schlögl den Charakter Denklers skizzirt: die Skizze ist der beste Kom mentar zum Porträt:„Ein. Bild von ungebeugter Urkrast, ein Mann mit stählernen Sehnen, von eiserner Willensstärke, von Muth und Entschlossenheit, von edlem Trotz gegen die Tücken und Rücken des widerlichsten Geschickes, von ehrbarster Gcsin- nung, die aus jedem seiner Worte fpricht, voll milder Duldung gegen Unverstand, voll Rechtlichkeit und Treue, voll kluger ileberlegung in seinem Handeln, von zäher Ausdauer in seinen Entwürfen, voll Wärme der Empfindung, die aus seinen funkelnden Augen sprüht und blitzt, voll aufopfernder Verehrung und Hingebung für jene Gcistcsherocn, die er zu seinen Göttern erwählt, aber auch erfüllt von berechtigtem Bewußtsein seines eigenen inneren Werthes." Und das ist ein schlichter Bauer, der am frühen Morgen drüben am Wiesenrain Heu mäht, in brennender Sonnenhitze Grummet(Emd) zum Schober schleppt und am Mittag seine „Stoßsuppe" allen andern Speisen vorzieht; ein schlichter Bauer, der uns nach Tisch über Kant, Herbart, Schelling, Fichte, Heyd, Feuerbach, über Adam Smith und Bastiat, und Sismondi be lehrt.— Dieser Denkler, der seinen Fuß niemals über die Schwelle eines akademischen Hörsaales gesetzt!— Und da behauptet man immer noch, daß die moderne Welt- anschauung nur für die„oberen" Gesellschastsklassen, für die' „Gelehrten" und„Studirten", nicht aber für den Mann aus dem Volke was nützen könne, daß sie vielmehr den„gemeinen Mann" s 139-- unglücklich machen müßte.— Deubler ist ein glänzender Beleg für das Gegentheil; er ist ein Prototyp für eine größere Zahl von Denkern im Bauernkittel; denn in verschiedenen Himmelsstrichen hat die Philosophie gerade in jenen Schichten, wo mans am wenigsten vermuthet, ihre begeisterten Freunde gewonnen. Das hat Feuerbach erlebt, als er den Brief von Konrad Haag aus Hüttweilen im T hurgau erhielt, wo ein denkender Bauer dem einsamen Philosoph in Mrnberg seine Bekenntnisse und Huldi- gungen zn Füßen legt. Das haben andere erfahren, die es un- ternommen haben, einen zündenden Gedanken hinauszuwerfen vor das Forum des allgemeinen gesunden Menschenverstandes, es dem Geschick überlassend, ob er„unten" oder„oben", bei dem „Laien" oder„Gelehrten" auf eine keimtreibende Stelle gerathe. Ich wüßte der Beispiele mehrere zu nennen.— An dieser Stelle sei der Name Messikomer, Antiquar in Sccgräben am Pfäffikouer See, noch hinzugefügt, jenes„Bauerngelehrten", der bei allen Forschern der Pfahlbauten in so großem Ansehen steht. Wird man uns zu den Optimisten zählen, wenn wir behaup- tcn, daß die moderne natürliche Weltanschauung dazu berufen sei, im vollsten Umfange Gemeingut des ganzen Volkes zu werden? lkid wird man uns Träumer nennen, wenn wir der Meinung Ausdruck geben, daß keine wissenschaftlich ermittelte Wahrheit gefährlich sein kann, weil eben in aller Wahrheit und nur in der Wahrheit Heil liegt? Unsere Gegner werden einwenden, daß es nicht möglich sei, die wissenschaftlichen Wahrheiten dem gemeinen Mann aus dem Volke zum Verständniß zu bringen, daß wir bei unseren Ver- suchen nur der Konfusion, dem Mißverständniß rufen und— obwohl wir das Gute wollen, das Böse vollbringen.— Denkler, der Mann, welcher als Müllcrknecht noch im 20. Jahre seines Lebens erst das Schreiben erlernen mußte, diese urwüchsige Bauerngestalt wird auch den ärgsten Zweifler beruhigen. Wir haben gesehen, daß er als Knabe und Jüngling über den Ver- tust seiner Großmutter den Unsterblichkeitsgedanken festhält und in später« Tagen mehr und mehr zu befestigen sucht. Wir haben aber erfahren, daß er über dem Suchen das gerade verloren hat, was er zu finden und zn festigen hoffte. Und Ivie äußert er sich dann, als in seinem l>l. Lebensjahre der Tod zum zweiten- mal ihm sein Liebstes, sein braves Weib, das 42 Jahre ihm „ein treuer Kamerad gewesen", ins Schattenreich hinwegführt? --„Es ist mir unmöglich, irgendwie luxuriöse Wünsche zn hegen, solche Wünsche nämlich, die über das wahre Wesen und Bedeuten der nienschlichcn Natur hinausgehen. Es ist mir nie in den Sinn gekommen(am Sterbebette meines Weibes), diejenigen beneiden zu wollen, welche ein Wiedersehen nach dem Tode glauben können; man acceptirt den Tod als eine Natnrnothwen- digkeit."— Und an einem stürmischen Winterabend, da er ein- geschneit ans dem Primesberg sitzt und in philosophischen Schriften sich erbaut, greift er zur Feder und wirft sein Sclbstbekenntniß in knorrigen Schriftzügcn auf ein leeres Blatt:„In erster Linie habe ich als Freidenker und Mensch die Pflicht der Selbsterkennt- »iß; denn Selbstcrkenntniß führt zum Glück, zur Zufriedenheit. Ich frage mich oft: ,Was bin ich? was ist der Zweck meines Daseins? was wird aus mir dereinst werden?'— Die Antwort ist: Ich bin ein Theil des Weltalls, der Allgemeinheit, dazu be- stimmt, zum Beste» des Allgemeinen beizutragen, zuerst zu meinem eigenen, dann zum allgemeinen Glück zu wirken,— und ich fördere diesen Zweck. An, Ende dieses Lebens löst sich mein Körper, diese Kombination von Naturkräften, in die einzelnen Bestandtheile auf, woraus er zusammengesetzt ist, und vereiniget sich so wieder mit dem Ganze», dem er entstammt, um dadurch diesem nach dem Tode nützlich zu werden. Das ist der Ziveck des Menschen von seiner Geburt, bis nach seinem Tode. Ist dieser nicht ein schöner ein erhebender Zweck?" Das ist die Weltanschauung des Materialisten, dem die Ideale keineswegs verloren gingen, als er die David Strauß, Ludwig Feuerbach, Karl Vogt, Jakob Moleschott, Buckle, Hellwald, Dar- win, Höckel und so manche andere Philosophen und Naturforscher mit seinem schlichten Menschenverstand erfaßte und in die Tiefe seines Gemüthes aufnahm. Die schönen Tage des August sind längst entflohen, nicht aber all die Feierstunden, die ich an der Seite des„famosen Kampel" durchgenossen habe, als wir zusammen den Hallstättersec nmwandcrtcn, den tosenden Waldbachsall besuchten, die Ramsau durchstreiften und hinten am Gosausee all die Größe und Er- habenheit des gewitterbedrohten Dachsteins in nächster Unmittel- barkeit empfanden. Damals haben die Chclamen noch allerorten geblüht, da wir hinaufstiegen zur Rosmoosalpe und der Dach- stein war noch der einzige der vielen Bergriesen, der Schnee und Gletscher trug. Wie schade, daß es nicht immer so bleiben konnte. Wir beide haben uns fügen müssen: wir trennten uns ungern, aber im Bewußtsein der Naturnotbwendigkeit. Gerade im Wechsel der Erscheinungen liegt der Werth des Daseins. Und wenn ich manchmal wähne, die Töne der Aeolsharfe, die Deubler an der Wetterseite seines Sanktuariums anbringen ließ und die so häufig in unsere Konversation einstimmte, zu vernehmen, so überläuft mich jener hohe Schauder geistigen Zusammenklingens mit Einem, den wir zu den Glücklichsten zählen. Ich kann mir heute das herrliche Salzkammergut mit seinen reizenden Seen und seinen schönen Bergen, mit dem biedern Menschenschlag und den einfachen Sitten nicht mehr anders denken als mit Denkler. Er ist der geistige Mittelpunkt dieser österreichischen Provinz und ich-meine, daß letztere auf ihn stolz sein darf. Nicht um zu vergöttern, nicht um zu danken, noch um An- dersdenkende zn beleidigen, habe ich diese Skizze niedergeschrieben, sondern aus eigenem Bedürfniß. Es geschieht so selten in un- serem Leben, daß wir einen vollkommen Glücklichen antreffen; wenn wir ihn aber geftinden haben, was sollte uns daran hin- dern, uns selbst und andern zn zeigen, wie man glücklich sein kann? Ich habe während neun Semester akademischer Studien reichlich Gelegenheit gehabt, Philosophie zu hören— die beste aber von allen, die hat mich nicht ein Professor, sondern der Bauernphilosoph in seinem Lodenrock und grünen Kniestrümpfen gelehrt. Man sieht: es kommt nicht immer ans die Eleganz der Erscheinung an; der Angelpunkt, um den sich das menschen- würdige Wirken bewegt, ist ganz anderswo zu suchen und wir haben unter den Proletariern mehr als Einen Geisteskönig an- getroffen, dem weitherum die„Spitzen der Gesellschaft" nicht das Waffer reichten. Aeber Fremdwörter im Deutschen. Von W. Witiich. IV. In dem in den vorherigen Abschnitten geschilderten Zeitraum war die Fremdwörternoth am größten und der Kampf gegen die- selben wurde da am heftigsten geführt. Deshalb glaubten wir diesem Abschnitt auch eine größere Ausführlichkeit angedeihen lassen zu müssen. Nicht als ob später die Einfuhr fremder Waare eingestellt worden wäre und nicht immer wieder von neuem nach einer Grenzsperre in sprachlichen Dingen Rufe laut geworden wären. Seit den Sprachgesellschaften haben unaufhörlich Dichter- vereine oder Gelehrtenkreise Grenzwächterdicnste geleistet. Wir stehen jetzt im 18. Jahrhundert. Hier ist nun zunächst Gottsched als ein nicht verdienstloser Mann zu nennen. Bewußt geht er den Fremdwörtern aus dem Wege, ja er nennt sich sogar nicht, wie es ja Sitte der Zeit war,„Professor der Philosophie und Poesie", sondern vielmehr„der Weltweisheit und Dichtkunst öffentlichen Lehrer".„Hochschule" als gutes deutsches Wort für Universität oder Akademie ist ja bekannt genug, und die holländi- schen Universitütsprofessorcn nennen sich noch heutigen Tages liovAlekranr, d. i. Hochlehrer! Wenn wir die Dichter der Zeit(Gottsched darf kaum für einen gelten, wie oben schon Opitz) in's Auge fassen, so schreibt Haller ein ziemlich reines Deutsch. Ebenso ist rühmlich hervorzuheben Gleim, der besonders auffordert: „Laßt uns Deutsche sein und bleiben; Deutscher Ausdruck steht uns wohl; Was wir denken, reden, schreiben, Sei des deuffchen Geistes voll." Nicht allgemein bekannt ist die Stellung Lessings den Fran- zosen gegenüber. Worte hat er weniger aus dem Französischen entlehnt, aber viele Wendungen und Wortfügungen, besonders in 140 den Dramen, am meisten im„Nathan", weniger in den Oden und Fabeln, gar keine in den Liedern und Sinngedichten. Trotz einiger scharfen Aussprüche gegen die Franzosen ist er ungemein von ihnen beeinflußt, von ihren Dichtern sowohl, wie von ihren Forschern und Denkern. Bedeutend war in dieser Zeit ferner Geliert, der in Bezug auf rcindentsche Sprache ein Muster genannt werden darf, wenn seine Poesie auch manchmal recht mager und trocken ist. Leibnitz, der selbst meist französisch, weniger lateinisch, fast nicht deutsch schrieb, rieth den Deutschen,„ihren Verstand und ihre Sprache besser zu üben." Nicht genug zu schaben ist auch Klopstocks Wirken chr rem- deutsche und deutliche S'prachbehandlung. Auf Voß, die Brüder Stolberg, Hölty'u. a. sei nur hingedeutet. Daniel Schubart, der Gefangene des Hohenasperg, gibt den Deutschen durch den Mund Friedrichs des Großen folgende Mahnung: „Liebt euer Vaterland! Sprecht eure Heldensprache stark und rein, Macht durch's Geäffe weicher Auslandssitte Erzne Knochen nicht zu Marzipan!" Und Seume(1763—1810), der Spazirgünger nach Syrakus, klagt: „Unsre Frucht verzehren fremde Trosse, Unsre Gauen mähen fremde Rosse, Eine fremde Sprache zügelt uns." Mehr und mehr wird nun der Dichterbegriff erhöht und ver- tieft. Er soll zur ganzen Nation reden, und hier war vor allen Dingen Gellerts Wirken unverkennbar segensreich, der in seinen Vorlesungen über den deutschen Stil auf Deutlichkeit der Rede und des Ausdrucks drang. Aller verdienstlichen Männer Namen zu nennen, ist uns hier nicht möglich, wir können und wollen nur von einigen der bedeutendsten Schriftsteller die Stellung zur Fremdwvrterfrage anführen. Herder tritt den Puristen entgegen und macht Einwendungen aller Art:„Was ist ein Barbarismus? Wie, wenn ich ihn und einen Solöcismus unentbehrlich brauche?... Wenn ein neues, ein fremdes Wort mir aus mancher Verlegenheit hülfe? Und zumal das Bunte im Ausdruck,— wie, wenn es unvermeidlich wäre?— Aus keine von diesen Fragen wollen unsere Redekünstlcr antworten, und lassen uns also bei ihren güldenen Vorschriften in der Dürre.... Von wie vielen Völkern haben wir unsere Wissenschaften her! Und von ebenso vielen borgen wir auch Sprache.... Wir haben die meisten unserer Wissenschaften von den Griechen: von ihnen also in der Literatur auch ein großes Lexikon von Wörtern und Knnstausdrücken, die theils in unsrer Sprache völlig da, theils nach der Analogie geformt sind. Beide sind Bürger und die letzteren versteckte Bürger, naturalisirte Fremde, von denen unsre Sprache der Wissenschaften voll ist.... Wissenschaftliche und Kunstausdrücke, freilich lassen sie sich um- schreiben, aber das eine, der Hauptbegriff des Sinnes verliert sich oft in dies umschreibende Gefolge: ich schiele und wollte den Begriff gerade sehen: in dem Körper, den ihm der Erfinder, er sei Grieche oder Lateiner, oder Brite oder Franzose, anschuf, in dem ich ihn unter diesen Völkern zu sehen gewohnt war, indem Körper, in dem Kleide würde ich ihn gleich erkennen; nun aber in dem nach meiner Nation verzerrten Gesicht, in einer ver- stümmeltcn Gestalt, in einer weiten Hülle von Kleide,— da soll ich den griechischen oder lateinischen Begriff erst auffuchen? Man zeige ihn mir lieber, wer er ist!... „Wenn die italienischen Künstler in dem Unterrichte ihrer Künste Begriffe in Wörter bilden und uns diesen Unterricht über- liefern: wird sich der Deutsche nicht zur Nachbildung ihrer Worte bequemen müssen? Und wenn der französische, der britische schöne Geist uns eben den Hauptzug seines Genies, seiner Launen, seiner Witzlinge in einem treffenden Ausdruck charakterisirt: wer wird sich da in einer wässerigen Umschreibung baden wollen, die da zerfließt, wenn ich darnach greife?" Da uns Herder aus der Seele spricht und über die Sprache, auch über die nothwendige Volksthümlichkeit, viel und gründlich nachgedacht hat, haben wir ihm gern solange das Wort'gegeben. Herder wollte serner mehr Gewicht auf Französisch als auf Latein in den Schulen gelegt wissen. Als die Schriftsteller der„Hälleschen Bibliothek" einem Buche den Vorwurf machten, daß es zuviel Fremdwörter enthalte, ver- wies sie Herder ans ihre eigne Thür, vor der noch viel zu kehren war.„Wenigstens sollte.... die Hällesche Bibliothek die letzte sein, uns ein Buch zu verrufen, das in der Sprachmischung von keinem als ihr selbst übcrtroffen wird. Alle Seiten wimmeln von alamodisch denken, pretieuser Schreibart, Animositäten, Collectaneen, Nonsensen, Adversarien, allzu galantem, kleinmeisterischen Wesen, trivialer Aesthetik— wehe mir, ich bin kaum einige Seiten durch. Wehe unserer Sprache, wenn dies ein Muster des Geschmacks würde!" Also gegen die Fremd- Wörter, d. h. mit Verstand und Verständniß, will auch er ein- geschritten wissen! Von dem bedeutenden Lehrer Herder gehen wir über auf seinen ihn überragenden Schüler, der ihm doch auch viel ver- dankt, was jetzt erst recht erkannt werden wird, wo wir eine gute kritische Ausgabe der herder'schcn Werke erhalten*). Wir meinen Goethe. Bei Goethe läßt sich, besonders in den Arbeiten des neuen Jahrhunderts, die Neigung bemerken, leise und geschickt den Fremdwörtern, wo ohne Zwang thunlich, aus dem Wege zu gehen. In der„Novelle" umschreibt er Perspektiv, Fernrohr, mit„heranziehende Gläser", und ausdrücklich erwähnt er die ftemdwörterfeindliche Zeitströmung(1814) in folgendem Gedanken- vers: � „Die deutsche Sprache wird nun rem, Pensee darf künstig nicht mehr gelten; Doch wenn man sagt: Gedenke mein! So hoff' ich, soll uns niemand schelten." Auch sieht man hier, wie er mit klarem, feinen Sinn nicht leiden- schaftlichen Fremdwörtcrhaß schnaubt, sondern grade diesem mit feinem Spott entgegentritt. Was das in die höheren Schichten, und wörterweise auch in die tieferen, eindringende Französisch anlangt, so bemerkt Goethe darüber in den venetianischen Epigrammen(1790): „Lange haben die Großen der Franzen Sprache gesprochen, Halb nur geachtet den Mann, dem sie vom Munde nicht floß. Nun lallt alles Volk entzückt die Sprache der Franzen, Zürnet, Mächtige, nicht,— was ihr verlangtet, geschieht." Und an andrer Stelle sagt der große Sprachdenker:„Die Mutter- spräche zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich oft geistlos." Als Muster guter deutscher Sprache weist Goethe wieder- j holentlich auf Luther hin; so in einem Briefe an Schmeißer: „Lies fleißig in Luthers Bibel. Daraus lernst du deutlich denken. Es thut sehr noth, daß man wieder deutsch schreiben lernt." Basedow, einer der Jugendfreunde Goethe's, suchte seinerzeit das ganze Erziehungswesen auf einer neuen, gesünderen und natürlicheren Grundlage aufzubauen. Der lockere, sittlich nicht gefestigte Mensch war dazu fteilich nicht der Mann. Nachhaltiger aber wirfte nach dieser Richtung der würdige Campe, der ein lvarm für Menschenwohl und Menschenglück schlagendes Herz besaß**). Tief erschüttert von dem menschlichen Elend, welches er als preußischer Feldprediger in nächster Nähe hatte kennen lernen, beschäftigte ihn der Gedanke einer gründlichen Besserung der gesell- schaftlichen Verhältnisse fortwährend. Da fand er nun kein andres Mittel für anwendbar und erfolgversprechend, als die Reform des Erziehungswescns. Nach Basedows nöthig gewordener Entfer- ! nung vom Philanthropin zu Dessau ward Campe der Leiter dieser Anstalt und wirkte äußerst segensreich. Uns kümmert hier besonders sein Werk:„lieber die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache, womit er, freilich nicht ohne Sonderbarkeiten, doch im- gemein viel Gutes gewirkt und sich ein bleibendes Verdienst um die deutsche Sprache erworben hat. Vor allem ist ferner das deutsche Wörterbuch zu nennen, welches unter seiner leitenden .lusstcht und Mitarbeit von Theodor Bernd geschrieben und von Achter eriveitert ward. Wiewohl in beiden genannten Werken viel Verfehltes sich findet, wie es bei der mangelhaften geschicht- lichen Kenntmß von unserer Sprache, die er besaß, nicht anders sein konnte, hat er doch manchmal das Rechte getroffen und ist auch durchgedrungen. Für das umständliche„geeigenschaftet", qualifizirt, wie der Studirte trotz des schlechten Klanges lieber *) Bon Suphan. **> Merkwürdig sind von ihm die heute zum größten Theil wohl genen Briefe aus Paris, welche begeistert der sranzösischen Revo- ._____ i/>>»v von lym oie yeule zum größten Dyeit vergessenen Briese aus Paris, welche begeistert der sranzösischen Revo 1 vnd zuerst im„Braunschweiger Journal" erschienen. vesand sich Campe in Paris und war Augenzeuge der großen fcreigmfle, die er sreimüthig und kühn, mit Beredtsamkeit, Wärme und anschaullcher Malerei beschrieb, und die bei einem sonst so ruhigen Lenker ein merkwürdiges, aber um so gewichtigeres Zeugniß sind 141 sagt, führte er das alte„geeignet zu etwas" ein, was Ursprung- lich nur soviel hieß, wie: mit Eigenthum versehen. Adelung sagt zu dem Zeitwort sich eignen,„es wird jetzt sehr gebräuchlich Tür; sich qualifiziren, und verdient diese Ausnahme vollkommen". Dieses hatte, ebenso wie„geeignet", Campe in Vorschlag gebracht. „Jetzt ist dieser Ausdruck(geeignet) in aller Munde und man findet ihn schon in tausend Schriften," berichtet er 1813. Auch das hübsche Wort Zartgefühl für Delikatesse ist von campe'scher Prägung, wie manches andere. Grimm lehnt freilich Campe und Genossen ab, da sie ohne Verständniß vom Wesen und von der Geschichte der deutschen Sprache bessern wollen, also schlimmbessern:„Deutschland pflegt einen Schwärm von Puristen zu erzeugen, die sich gleich Fliegen an den Rand unserer Sprache setzen und mit dünnen Fühlhörnern betasten. Ginge es ihnen nach, die nichts von der Sprache gelernt haben und am wenigsten die Kraft und Keuschheit ihrer alten Ableitungen kennen, so würde unsere Rede bald von schauder- haften Zusammensetzungen für einfache und natürliche fremde Wörter wimmeln." So der Altmeister deutscher Sprachforschung. (Fortsetzung folgt.) Johann Wolsgang Goethe. Von Dr. Mar �ogter. (Fortsetzung.) In der Zeit seiner Verbindung mit Schiller hatte Goethe seinen Ausenthalt oft in dem freundlichen Jena, dieser gemüth- lichsten und anziehendsten aller deutschen Universitätsstädte, ge- nommen, theils um Schiller so nahe als möglich zu sein, theils seiner vielfachen Beziehungen zu den Professoren der Hochschule und des ruhigeren Lebens wegen. Nach dem Tode des Freundes pflegte er die Sommermonate meist in Karlsbad und in Teplitz, einigemal auch auf kleineren Reisen zu verbringen. Von den neuen Bekannsschaften, die der Dichterheros bei diesen Gelegen- heiten und sonst anknüpfte— auch mit Ludwig Tieck, einem der Häupter der sogenannten romantischen Schule, die mit Goethe einen begeisterten, wenn auch nicht immer lauteren Kultus trieb, war er, und zwar schon im Jahre 1799, in Verbindung ge- kommen—, ist besonders diejenige mit dem geistreichen Philologen Wolf, der ihn bald nach Schillers Heimgang in Weimar besuchte, zu erwähnen. Die Kriegswirren bereiteten nach der Schlacht bei Jena, infolge deren die Franzosen in Weimar plünderten, auch Goethe manche Widerwärtigkeiten, lvenn er auch von Schlimmerem verschont blieb. Wie stets, so nahm Goethe auch in dieser Zeit nur sehr geringen Antheil an den politischen Ereignissen. Er hielt das innerlich zerrüttete Deutschland zu einem erfolgreichen Widerstand gegen die Macht des energievollen Titanen Napoleon nicht für fähig, und konnte nur die Wiedererweckung des Patrio- tismus empfehlen, während ihn sein dichterischer Sinn zur Be- wunderung für die imponirende Erscheinung des französischen Eroberers, der übrigens Goethe's Genie vollauf zu würdigen wußte und drei Unterredungen mit ihm gehabt hat, hinriß. Eine schwärmerische Verehrung fand Goethe von seitcn der damals zweiundzwanzig Jahre alten Tochter seiner Jugendfreundin Maximiliane La Roche, Bettina Brentano, die damals nach Weimar kam und aus ihrer Beziehung zu dem Dichterfürsten, der schließlich vor ihrer Zudringlichkeit Schutz suchen mußte, durch ihr romanhaftes Buch:„Goethe's Bricftvechsel mit einem Kinde" Kapital schlug. Ungleich tiefer, als die Empfindungen, in denen er anfangs mit Bettina tändelte, waren die Eindrücke, die die anmuthige Pflegetochter des Buchhändlers Frommann, Minna Herzlicb, der er eine Reihe schöner Sonette widmete, ans sein Herz hervorbrachte. Dieses Herz, das soviel geliebt hat, erduldete übrigens in dieser Zeit die bittersten Qualen infolge der Un- erquicklichkeit der häuslichen Verhältnisse des Dichters, die durch das einer„Frau Geheimräthin von Goethe" nicht wohlanstehende Leben und die üblen Gewohnheiten seiner immer vergnügungs- süchtiger gewordenen Gattin Christiane verschuldet wurden. Nichts- destowemger liebte Goethe diese auch jetzt noch zu sehr, um es über sich zu gewinnen, sein Verhältniß zu ihr zu lösen, und nichtsdestoweniger auch verdient hervorgehoben zu werden, daß ihni Christiane in treuer Verehrung anhing und sich in ihrer Bescheidenheit der Auszeichnung, die sie durch ihn erfahren, immer bewußt blieb. Ihre Fehler waren in ihrem Temperament, ihrer nicht eben sorgfältigen Erziehung und endlich auch zu einem bc- deutenden Grade in der Natur der Umstände, unter denen sie als Goethe's Gattin an dessen Seite lebte, begründet, und ich mag mich dabei des George Sand'schen Wortes erinnern:„Alles ver stehen, heißt alles verzeihen."-7 Weitere Unannehmlichkeiten und Aergernisse erwuchsen dem Dichter aus seiner Thätigkeit als Leiter der Hofbühnc und zwangen ihn endlich, das Amt nieder- zulegen. Die' Art und Weise, wie der Herzog ihn des letzteren enthob, ist sowohl für den Charakter Karl Augnst? wie für das Wesen des Freundschaftsbundcs der beiden so bezeichnend, daß ich den vom 13. April 1817 datirten Brief, in welchem das ge- schieht, hier wiedergebe. Der Herzog schreibt:„Verschiedene Aeuße- rungen deinerseits, welche mir zu Augen und Ohren gekommen sind, haben mich unterrichtet, daß du es gerne sehen würdest, von den Verdrießlichkeiten der Theaterintcndanz entbunden zu werden, daß du aber selbiger gern mit Rath und That an die Hand gehen würdest, wenn, wie dies oft der Fall sein wird, du von der Intendanz darum ersucht würdest. Ich komme gerne hierin deinem Wunsche entgegen, dankend für das viele Gute, was du bei diesen sehr verworrenen und ermüdenden Geschäften geleistet hast, bittend, Interesse an der Kunstseite derselben zu behalten und hoffend, daß der verminderte Verdruß deine Ge- sundheit und Lebensjahre vermehren werde." Neben der bereits 1805 in Druck gegebenen„Farbenlehre" und seinen Arbeiten für die„Jenaische allgemeine Literatur- zeitung" beschäftigte Goethe jetzt besonders die Veranstaltung einer neuen Ausgabe seiner Werke, welche von 1806—1810 bei Cotta in dreizehn Bänden erschien und in: achten Bande(1808) endlich auch den nun zum Abschluß gelangten ersten Thcil des „Faust" enthielt. Im Jahre 1809 vollendete er die„Wahlver- wandschaften", jenen sehr verschieden beurtheilten Roman, der durch die künstlerisch abgerundete, in stilistischer Hinsicht klassische Art, wie in ihm sittliche Probleme der Gesellschaft und die Schäden und Flecken derselben behandelt werden, ein Meisterwerk bleiben wird. In der Ottilie, wie sie in den„Wahlverwand- schaften" auftritt, hat Goethe übrigens das Bild der vorhin er- wähnten Minna Herzlieb wiedergeben wollen. Wir reihen hier gleich die Entstehungsgeschichte des andern Romans:„Wilhelm Meisters Wanderjahre" an. Der Plan zu demselben stammt aus dem Jahre 1807. Goethe wollte in diesem Werke viele in jenem Jahre angefangene kleinere„Geschichten"„durch einen romantischen Faden zusammcnschlingen", um daraus„ein wunderlich anziehen- des Ganze zu bilden". Einzelne Erzählungen davon entstanden bereits in dem genannten Jahre, andere nacheinander in den Jahren 1809, 1810 und 1816— 1819. Dann setzte der Dichter das Werk 1820 wieder fort, nachdem 1810 die vier ersten Kapitel erschienen waren, und gab den ersten Band im folgenden Jahre heraus. Jin Jahre 1826 unterstellte er das Ganze einer sehr schwierigen neuen Redaktion, in der er es, mit frühereu Erzeug- nissen verbunden, 1830 in seinen Werken(vollständige Ausgabe letzter Hand) erscheinen ließ. Es ist in Anbetracht dieser bruch- stückiveisen Entstehung des Werkes wohl nicht zu verwundern, wenn dasselbe eine wirkliche innerliche Einheitlichkeit vermissen läßt. Im Anschluß hieran erwähnen wir, kleinere Arbeiten über- gehend, den in das Jahr 1809 fallenden Beginn der Vorarbeiten zu seiner Lebensbeschreibung, deren erster Theil 1811 unter dein Titel:„Aus meinem Leben, Wahrheit und Dichtung" erschien, während der zweite Abschnitt im Jahre 1812, der dritte 1814, der vierte erst 1831 vollendet, im Jahre 1833, also erst ein Jahr nach Goethe's Tod an die Ocffentlichkeit gelangte. Wenn der in ihm vorwaltenden„halb poetischen, halb historischen Behandlung" (wie Goethe seine Lebensbeschreibung selber charakterisirt) gemäß, in diesem Werke auch nicht eine in allen Stücken der Wirklichkeit entsprechende Schilderung des Goethe'schen Lebens- und Bildungs- gangs erblickt werden darf, so ist doch darin die von dem Dichter selbst als solche bezeichnete Hauptaufgabe der Biographie in ge- radczu meisterlicher Weise gelöst: nämlich,„den Menschen in seinen Zeitverhältnisscn darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Nr. 19 IQOA Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abspie- gelt." Am wenigsten historisch treu ist, wie wir, um irrthüm- lichen Auffasiungen vorzubeugen, besonders hervorheben, in „Wahrheit und Dichtung" die Sturm- und Drangzeit des Autors geschildert. Endlich schuf der überaus thätige Mann in diesen Jahren noch eine Reihe seiner schönsten Balladen(z. B.„Jo- Hanna Sebus", 1809,„Die wandelnde Glocke",„Der getreue Eckart",„Der Todtentanz", 1813,„Die Ballade vom vertriebe- neu und zurückkehrenden Grafen", 1816), ferner mehrere ge- sellige, volksthümliche, scherzhafte Lieder und vor allem die in den Jahren 1814—1818 entstandenen Gedichte des„West-östlichen Divan", der im Jahre 1819 erschien und später noch um man- ches vermehrt wurde. Die Entstehung der zuletzt genannten Sammlung hängt mit der Erweitenmg der goethe'schen Kunstanschauung zusammen, die sich in ihm etwa vom Jahre 1814 an vollzog und ihn über seinen bisherigen, nur und ausschließlich dem klassischen Alterthum zugeneigten Standpunkt hinaus zu dem von jetzt an sein ganzes Schaffen beherrschenden und gewissermaßen die höchste Stuse seiner künstlerischen wie seiner ganzen geistigen Enttvicklung bil- denden Gedanken einer Weltliteratur hindrängte, in der sich alle Kulturvölker friedlich vereinigen werden und in welcher„uns Deutschen eine ehrenvolle Stelle" vorbehalten sein wird. Den Anstoß zu dieser inneren Gedankenrichtung in dem alternden Dichter gab vorzugsweise Sulpiz Boisseröe, der ihm bereits im Mai 1810 eine Reihe von Zeichnungen, die den kölner Dom betrafen, zugesandt hatte und als er ein Jahr später nach der herzoglichen Residenz kam, Goethe's Interesse für die deutsche Kunst des Mittelalters, die diesem in früheren Jahren eine so poetische Aehrentese�). Der Aubel auf Keifen. Der Rubel reist im deutschen Land, Der frommen Leute» frommt, Und jeder öffnet schnell die Hand, Sobald der Rubel kommt. Ihn speichert selbst der Pietist, Und giebl den Armen mehr: Seit außer Kurs die Tugend ist, Kursirt der Rubel sehr. Der Tugend wird blos Ruhm zu Theil, l!s ist ein hohler Schall; Doch wem die Welt um Rubel feil, Dem klingt ein rein Metall! Da wird die Nacht gescholten Tag, Ter Teufel wird so gut! Was nicht ein Heller Klang vermag, Was nicht ein Rubel thut! Des Nordens Sternbild wird bekränzt'v Vom Sängerchor des Teut: Es ist der Rubel, der so glänzt, Der so das Aug' erfreut! Wohl ist er ein an jedem Strand Süß angegrinster Gast: Verkaufe nur dein Vaterland, Wofern du eines hast! Der Rubel klirrt, der Rubel fällt, Was ist der Mensch? Ein Schuft! Und wenn die Welt dir nicht gefällt, So steig in deine Gruft! Erst gab's nur einen Kotzebu, Jetzt gibt's ein ganzes Schock: Und schüttelst du das Haupt dazu, So leg es aus den Block! Der Teufel siegt, der Gott verliert, Der blanke Rubel reist: So ward von je die Welt regiert, So lang die Sonne kreist. Graf». PlateX'HaUermündc. •) Unter dieser Ruhril gedenken wir fortan eine Reih- iilterer, in weiteren Kreisen weniger bekannter Gedichte zu sammeln. schwärmerische Bewunderung(s. seine Schilderung des straßburger Münsters) abgenöthigt hatte, aufs neue zu beleben wußte. Diesen neuen Bejchäftigungen mit der Kunst, welche ihn in dem Sommer von 1814 und 1815 Studien halber wieder an den Rhein und Main führten, verdankte die Zeitschrift„Kunst und Altcrthum" ihre Entstehung, die Goethe von 1816 bis zu seinem Tode redi- girte, und in welcher er, über den ursprünglichen Zweck derselben hinausgreifend, später alle seine kleineren Arbeiten, bevor sie in die Gesammtausgabe aufgenommen wurden, zuerst veröffentlichte. Nach einer anderen und hier vorzugsweise in Betracht kommenden Seite hin wurde Goethe durch das wieder aufgenommene Studium des Orients, das ihn einige Zeit lang sogar auf das Gebiet der chinesischen Geschichte trieb, angeregt. Wie wir wissen, hatte er sich schon früh mit der Bibel beschäftigt; inzwischen war er nun auch an den Koran, die Sakontala von Forster, die Moallakat (Gedichte der sieben großen arabischen Dichter) und andere Werke gegangen und hatte verschiedene auf den Orient bezügliche Reise- bücher studirt. Nun kamen ihm im Jahre 1814 auch die Gedichte von Hafts in der hammerschen Uebersetzung zu Gesicht, und er vertiefte sich immer mehr in den Charakter und den Ausdruck dieser nach seinen eigenen Worten„seinem Alter, seiner Denk- weise, seiner Erfahrung und Umsicht zusagenden Dichtart". Er verfehlte dabei nicht, sich insbesondere bei schwierigen Fragen von den damaligen bedeutendsten Orientalisten Raths zu erholen. So entstand, indem der Dichter einestheils deutsche eigene Motive in orientalischem Gewände behandelte, andcrntheils Nachbildungen orientalischer Proben hervorbrachte, der„West- östliche Divan", dessen sonderbarer Titel außer in der Art dieses Inhalts in der nach Goethe's Ansicht vorhandenen Wechselwirkung zwischen dem Osten und Westen seine Erkläning findet.(Schluß folgt.) Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. Mar Traußl. (Fortfetzung.) Nach diesem gewaltigen Ereigniß trat eine Pause in der Erfor« schung Aftikas ein. welche durch die Religionskriege, die Europa er- schütterten, herbeigeführt wurde. Erst nach Beseitigung dieses unseligen Bruderzwistes rafften sich die seefahrenden Nationen zu neuen Ent- deckungsrcisen auf. Engländer und Holländer, später auch Dänen, folgten den Spuren der Portugiesen bis zum Congo und Zambcsi, legten Kolonien an und gründeten Handelsplätze. Im Jahre 1683 legte Brandenburg Faktoreien an der Goldküste an, ließ sie aber bald wieder verfallen. 167? erscheinen die Franzosen zuerst in Afrika. Um diese Zeit gründete Ambrosius Brun die erste französische Kolonie an der asrikanischen Westküste und zwar unter dem 18. Grad nörd- licher Breite, an der Mündung des Flusses Senegal, die heute noch florirt. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts trat bei der Erforschung Afrikas das wissenschaftliche Interesse in den Bordergrund. Dieser neuen Triebfeder verdanken wir die genaue Untersuchung Marokko's durch Schaw, Senegambiens durch Adanson, und des Kaplandes durch Peter Kolbe, Sparmann und Thunberg. Dem 19. Jahr- hundert gehören die Reisenden Brochi, Hemprich und Ehrenberg in Aegypten, Rüppell in Nubien, Roth in Schoo, Russegger in Kordosan, Smith in Congo, Levaillant und Lichtenstein im Kapland. Die ausgezeichneten französischen Gelehrten Denon, De- lisle und Gcofsroy Saint Hilaire, welche den Säbelkaiser Na- poleon auf seinem Zuge nach Aegypten begleiteten, haben eine neue Wissenschast, die Aegyptologie, ins Leben gerufen. An der weiteren Erforschung des uralten Kulturstaates haben sich Archäologen aller europäischen Nationen betheiligt wie die Namen Pecocke, Lepsius, Norden, Sonini, Belzoni, Forskal, Champollion, Caillaud, Minutoli, Brugsch und Ebers beweisen. Den Löwenantheil an der Erforschung Jnnerasrika's nimmt die im Jahre 1788 in London gegründete Afrikanische Gesellschaft in Anspruch. Den Bemühungen der Sendlinge dieser Gesellschaft, einer Reihe kühner Männer deutscher und englischer Abkunft, die den Kampf mit den Mühseligkeiten des mörderischen Klima's ausnahmen, verdanken wir die großartigen Erfolge, die uns in den Stand setzen, die Natur- geschichte der Tropenwelt im großen und ganzen festzustellen. Hand in Hand damit ging die Thätigkeit der evangelischen Missionäre, die mit wechselndem Erfolg in Oberguinea begann, sich über das Kapland ausbreitete und sich dann nach Abessinien und die Zansibarkllste er- streckte. Auch die Küstenausnahmen durch englische Marineoffiziere trugen zur Kenntnis; Asrika's bei. Die Zahl der Afrikareisenden und die Ergebnisse ihrer Forschung werden im 19. Jahrhundert so maffenhast, daß wir zum Behuse bes- serer Uebersicht das nördliche Tiesland und das südliche Hochland Asrika's nach dem Stromgebiet ihrer vier Hauptslüsse in den Nil, HJiget, Kongo und Zambesidistrikt eintheilen müssen. Denkt sich der Leser den asrikamschcn Kontinent durch den Aequator der Breite nach und durch den Meridian, der beiläufig von Bengasi zur Kapstadt laust, der Länge nach durchschnitten, so kann er sich die vier ungleichen Theile veranschaulichen. Wir sangen mit dem nordöstlichen Distrikt, dem Stromgebiet des Nil an, welcher einen Theil von Tripolis, das alte Kulturland Aegypten, Nubien, Abessinien, das Hochland der schwar- zen Galla und Somalistämme, die Staaten Wadai, Darfur und das noch völlig unbekannte Centralafrika, wo sich der Aequator und der von uns zitirte Meridian schneiden, umfaßt. Die Quellen des Nil, die die Gottheit Isis nach der alten Sage mit ihrem Schleier verhüllte waren der Angelpunkt aller Expeditionen. Selbst der Krieg, der sonst die Wissenschast nicht begünstigt, hat zur Ausklärung der geographischen und ethnographischen Verhältnisse dieses Distriktes beigetragen. Zu- erst war es, wie oben schon bemerkt, Kaiser Napoleon mit seinem ver- unglückten Zuge nach Aegypten, dann Aegyptens Vizekönig Mohammed Ali mit seinen Beutezügen nach Nubien und schließlich die Engländer durch den Krieg mit König Theodor dem Zweiten von Abessinien, welche die Küstenländer des Rothen Meeres derart ausschlössen, daß der Herzog Ernst von Koburg- Gotha einen Jagdzug dorthin unternehmen konnte, ohne auf Gefahren zu stoßen. Desto mehr Menschenleben ver- schlang die Entdeckung der Nilquellen. Aus die kartographischen Aufzeichnungen, welche der Schotte Bruce (1768— 1773), und der Engländer Salt(1804—1805) in den Küsten- ländern des Rothen Meeres gesammelt hatten, gestützt, arbeiteten Gobat, Rüppell, Schimper, Becke, Johannes Roth, der Maler Ber- natz und die Missionäre Jsenberg, Krapf, Sapeto, Rocher von Höricourt weiter. Die Wüsten des mittleren Nil bereiste der von der Londoner Asrikanischen Gesellschaft ausgesandte, ebenso kühne, wie zähe Deutiche Burghardt(1316). Die von dem ägyptischen Vize- könig Mohammed Ali ausgerüsteten Expeditionen, geführt von Linant, dem Entdecker des Weißen Nils(1827), Russegger und Werne, drangen bis Fasogl, Kordofan und Bari vor. Im Beginn der fünf- ziger Jahre brachten drei Deutsche, zu Mombas an der Ostküste an- gesessene Missionäre, Krapf, ErHardt und Rebmann, die viel angezweifelte, später aber glänzend bestätigte Angabe, daß es unter dem Aequator hohe Schneeberge und westwärts davon große Seen gebe, die schon zu den Zeiten des Ptolemäos als Reservoire des Nils galten. Burton und Speke brachen 1857 von Zansibar(Hafenort am Indischen Ocean unter dem 6. Grad südlicher Breite) auf, drangen unter großen Mühseligkeiten in das Innere und fanden die beiden großen Seen Tanganjika und Ukerewe. Auf einer zweiten Reise ge- lang es Speke, in Gemeinschaft mit Kapitän Grant(Oktober 1860) die Länder am Ukerewe zu bereisen und von da nordwärts der Rich- tung des Nil folgend, am 30. März 1863 Chartum zu erreichen. Das große Problem war theilweise gelöst, der Ukerewe oder Viktoria Nyanza als Quelljee des Nil nachgewiesen. Samuel Baker, von der Geographischen Gesellschaft in London mit der Unterstützung der beiden vorigen beaustragt, verfolgte Speke's Entdeckungen weiter und gelangte am 13. April 1863 von Gondokoro (auch Jsmaila genannt, ein Dorf am oberen Nil unter dem 6. Grad nördlicher Breite) ausbrechend, durch das Negerkönigreich Unyoro an den Luta Nzige, von ihm Albert Nyanza genannt, das zweite große Sammelbassin der Nilgewässer, dessen nordöstliche Seite er befuhr. Auch er kehrte am 5. Mai 1865 glücklich nach Chartum zurück. Der britische Konsul in Chartum, Petherick, ging im Auftrage der Geo- graphischen Gesellschaft(1862) westlich vom Weißen Fluß aufwärts, Speke und Grant entgegen, kam aber fünf Tage später als diese in Gondokoro an und die von ihm entworfene Karte hat sich später als fehlerhast herausgestellt. Die mit bedeutenden Mitteln ausgerüstete, deutsche Expedition Theodor von Hcuglins, an welcher auch Steud- »er aus Schlesien, Theodor Kinzelbach aus Stuttgart, Ludwig Hansal aus Mähren und der Gärtner Her in. Schubert aus Sachsen theil nahmen und welcher sich in Kcron Werner Munzinger anschloß, *861 über Alexandria und Massaua bis an die Nordgrenze von Abessinien und das Hochland der Somali bis zum Bab el Mandeb bei Aden und kam erst im Juli 1862 nach Chartum zurück, von wo die auf geradem Wege vorausgegangenen Munzinger und Kinzelbach be- reit» vergebliche Versuche gemacht hatten, gegen Wadai vorzudringeu. Da ein dlrekles Vordringen gegen Westen unmöglich war, wendeten sich die erstgenannten nilaufwärts, um sich zum Zuge nach Wadai mit der Expedition zu vereinigen, welche die Holländerin Frau Tinnö mit ihrer Tochter ausgerüstet hatte. Nachdem das mörderische Klima Steudner, Schubert, Frau Tinne und mehrere ihrer Begleiterinnen hinweggerafft, kehrten die übrigen Ende 1863 nach Europa zurück. Noch zwei andere Opfer hat die Er- sorschung dieser Gegend gefordert, Adalbert von Barnim(Sohn des Prinzen Adalbert von Preußen), starb zu Rosöwcs am Bahr el Azrek.und der Hesse Wilhelm von Harn-er, der in Gondokoro auf der Büffeljagd ums Leben kam. Glücklicher wie die vorhergehen- den war der Wiener Ernst Marno. Bon 1869—1870 drang er am Blauen Nil auswärts. Von Fasogl aus wandte er sich auf vor ihm von keinem Weißen betretenen Psaden nach Süden, durchzog zuerst das Dar Beetat und kam bis Fadersi(9. Grad nördlicher Breite). Später erforschte er den Bahr el Zoras, einen der Nebenarme des Weißen Nil. Lbzwar es im letzten Jahrzehnt um den Viktoria und Albert- Nyanza, diese gewaltigen Sammclbassins der Nilgewässer, von Missionären, Stlavenjägern und Elfenbeinhändlern wimmelt, folglich die weißen Gesichter nicht mehr zu Seltenheiten gehören, ist es doch noch niemanden gelungen die Urquellen des Nils zu entdecken. Um dieses vieltausendjährige Problem zu lösen, haben die Engländer Samuel Baker und der Deutsche Georg Schweinfurth verschiedene Wege, leider beide ohne Erfolg, eingeschlagen. Ersterer, im Jahre 1869 vom Vicckönig von Aegypten zum Pascha erimnnt, zog mit Militärmacht und von Ingenieuren begleitet nach dem Albert-Nyanza aus und er- oberte für Aegypten die im Jahre 1860 von ihm besuchten Gegenden. Nach vierjährigen Strapatzen, denen seine halbe Armee erlegen ist, kehrte er zurück und brachte die überraschende, leider nur auf Aussagen der Eingeborenen beruhende Kunde mit, daß der Albert-Nyanza und der Tanganjikasee zusammen ein einziges ungeheures Wasserbecken bilden. Der französische Gelehrte Le Saint, der 1867 in Abakuka dem Fieber erlag, und ein italienischer Handwerker Carlo Piaggia, der bis zuni Aequator vorgedrungen ist, haben noch einen vierten Nilsee entdeckt. Der deutsche Botaniker Georg Schweinfurth, der sich die Erforschung der Nilflora zur Lebensaufgabe gestellt hat, brachte vier Jahre in den Küstenländern des Rothen Meeres zu, bevor er sich im Jahre 1868 einer Karawane von Elsenbeinhändlern anschloß. Mit derselben durchstreifte er die Landschaften der Djur, Dar und der menschensressenden Niam-Niam. Im Jahre 1871 drang er bis zum 3. Grad nördlicher Breite, fand in Uelle den westlich dem Tschadsee zufließenden Sari, entdeckte das Zwergvolk der Acka, sowie einen neuen menschenähnlichen Affen, aber die Urquellen des Nils ent- deckte er doch nicht. Diejenigen Afrikareisenden, welche auf den zweifelhaften Ruhm, die Quellen des Nils zu entdecken, nicht reflektiren, nehmen ihren Aus- gangspunkt von den Mittelmeerhäfen Tripolis und Bengasi, um durch die Wüste Sahara direkt ins Innere Afrikas zu gelangen. So ver- fuhren Denham, Clapperton, Oudney, Lyon, Beechey, Barth, Richardson,-Vogel, Overweg, Mircher, Alexandrine Tinnö, Nachtigal, Beurmann und Rohlfs. Mehr als die Hälfte der eben angeführten Reisenden fielen der schwarzen Begleitung zum Opfer. Rohlfs ist dem Tode, wie dem Frankfurter Hochstift im November 1879 gemeldet wurde, mit genauer Mühe und Roth entronnen. Er und sein Reisegefährte Hr. Stecker von Wien nebst ihrem europäischen Begleitern sind auf ihrem leider allzulange verzögerten Wege nach Wadai von den zu ihrem Schutze von Bengasi mitgenommenen eingeborenen Leuten verrätherisch überfallen und völlig beraubt und ausgeplündert worden. Die Schurken schenkten den Reisenden uud ihrer Begleitung nur unter der Bedingung das Leben, daß die von ihnen in Bengasi zurückgelassenen Geiseln, die der Pascha von Bengasi bchnfs Gelderpressung eingekerkert hatte, wieder freigegeben würden. Mit Mühe retteten sich Rohlfs und Stecker nach der Oase Kufrah; seitdem sind dieselben unter großen Gefahren und Strapatzen glücklich in Bengasi angelangt und befinden sich jetzt bereits auf einem Dampfer, welcher sie nach Malta bringt. Unter den ge- raubten Gegenständen befinden sich leider neben den sämmtlichen Be- obachtungsinstrumenten auch alle Tagebücher und Auszeichnungen der Reisenden— außerdem die kostbaren, freilich viel leichter zu verschmer- zenden Geschenke, welche Rohlfs im Auftrage des Kaisers von Deutsch- land an den Sultan in Wadai überbringen sollte. Diese sind den Reisenden verhängnißvoll geworden. Das noch nicht genügend erklärte Ausbleiben dieser Schätze, welche nach Tripolis gesandt waren und statt im Oktober 1878 erst im Juli 1879 ankamen, hielten den Fort- schritt der Unternehmung viel zu lange auf. Inzwischen wurde die Bedeutung der Reise und das Gerücht von den Kostbarkeiten, welche von den Deutschen mitgeführt wurden, im Lande viel zu bekannt, ver- muthlich noch übertrieben und weckte so die unbändige Raubsucht, Ivel- cher in Afrika nichts widersteht. Während wir dieses schreiben, bringt der Telegraph die Hiobspost von Tripolis, daß der dritte Begleiter Rohlfs', der deutsche Gelehrte Leopold von Schiller, der auf eigene Faust nach Bornu vordringen wollte, aus der Reise dahin ausgeplün- dert und erschlagen wurde. Es gibt nur ein Mittel, um dort un- gefährdet zu reisen, und dieses ist die Mittellosigkeit. Rohlfs hat dies bei seiner ersten, vollständig auf sich selbst gestellten kühnen Afrika- Wanderung am besten bewiesen. Jeder Besitz, selbst der von Jnstru- menten, ist nur ein Reiz für die Raubsucht. Alle Afrikareisenden, welche mit ausfallender Ausstattung auftraten, fielen der Raublust der Ein- geborenen zum Opfer, so die Holländerin Alexandrine Tinnä und der Sachse Vogel. Hoffentlich trägt das Scheitern des letzten Wagnisses zu der Erkenntniß bei, daß das osfizielle Brimborium den Afrikaner» nicht imponirt, wenn es sich nicht ans Bewaffnete stützen kann, und daß die Erforschung und Erschließung Afrikas mehr durch Begründung von Handelsniederlassungen als durch Geschenke an die oft macht- losen Duodezregenten gefördert wird.(Fortsetzung folgt.) Gegenseitige Wcihnachtsüberraschung.(Bild Seite 136.) Die Weihnacht ist ein Fest der Freude, ein eigentliches Familienfest, wobei es gilt, allen, die uns lieb und theuer sind, unsere Liebe zu bethätigen. Die Griechen und Römer feierten alljährlich ein Fest, an dem die Herren für einige Tage von der Höhe ihres Stolzes herabstiegen und ihre Sklaven bedienten, um sich solcherart ein wenig in menschlicher Demuth zu üben. Aehnlich diesen ausgeklärten Heiden der alten Welt 144 steigen auch wir einmal im Jahre von den Regionen des Ernstes und der Ueberlcgcnhcil hinab in die Kinderstube und huldigen im Kreise theuerer Wesen dem Geist der Liebe und der Humanität. Gleichwie aber wir mit den Kindern nochmals, wenn auch nur in der Erinne- rung, die frohen Tage unserer Jugend durchleben, werden wir am Weihnachtsabend die Genossen der Kinderwelt, indem wir an der Naivetät ihres Herzcnsjubels ungezwungenen Antheil nehmen und uns zurückdenken in die fernen Tage, da auch uns noch die ungetrübte Freude blühte, die Freude am Schein und Tand. Jeder thut sein Möglichstes, um die Lieben zu überraschen. Auch in der Wohnung des Meister Hobelmann herrscht schon seit Wochen reges Leben. Die beiden stattlichen Töchter versagen sich den Spaziergang am Sonntag, um die Stickereien zu den Geldbörsen, Schlummerrollen und Pantoffeln zur rechten Zeit fertig zu bringen. Auch Mütterchen strengt ihre schwachen Augen an, um die Puppenkleider für ihr Enkelkind Selma möglichst bunt zu Stande zu bringen und Vater Hobelmann, dem dadurch schon manches Mittagsschläfchen verloren ging, hat die ge- messenstcn Befehle des weiblichen Theiles seiner Familie bisher pünkt- lich befolgt, niemals unverhofft nach Hause zu kommen. Aber der Mensch denkt und die Schnupftabaksdose lenkt. Kaum hat er den letzten Bissen seines Sonntagsschmauses verschluckt, wird er unbarmherzig aus dem Hause gedrängt, um Karten, Domino, Schach, Billard und der Himmel weiß was im Kaffeehause zu spielen. Griesgrämig ob des entzogenen Mittagsschläfchens, begiebt er sich zu dem freiwilligen Wirthshauszwang. Auf der letzten Treppenstufe greift er, wie alle Tage auf derselben Stelle, nach der Tabaksdose, um sich mit einer Prise zu stärken.„Tausendsaperlot, jetzt Hab' ich die Dose vergessen." Mit diesen Worten steigt er die Treppe empor, vor der Zimmerthüre steigt ihm der Schalk in den Nacken. Er klopft wie ein Fremder an seine eigene Thür, worauf ein dreistimmiges„Herein" erschallt. Sein Erscheinen in der Thür bringt einen heillosen Aufruhr zuwege. Mütter- cheu humpelt'ihm entgegen, um ihm den Weg zu vertreten, und die Töchter raffen ihre Siebensachen zusammen, um sie eiligst zu verstecken. „Jetzt dachte ich es recht gut gemacht zu haben, indem ich an- klopfte," sagt Hobelmann, und da haben wir die Besch eerung!" „Was willst du denn eigentlich?" brummt die Frau. „Meine Schnupftabaksdose habe ich vergessen." Und mit dem Tröster seines Riechorgans ging er von dannen. _ Dr. M. T. Jzgorigrad-Defilö bei Wraza.(Bild Seite 137.) Der alte englische Premierminister Palmersto», auch Lord Fcuerbrand ge- nannt, pflegte zu sagen:„Der Krieg ist ein nichtswürdiges Beginnen, das nur die eine gute Seite hat, daß es unsere geographischen Kennt- nisse vermehrt." Und es ist in der That so. Wenige unserer Leser würden die siebzehn Uebergänge des Balkan, worunter auch Jzgorigrad bei Wraza gehört, kennen, wenn ihnen nicht die Streifzüge der russi- schen Generäle Gurko und Skobeleff im letzten orientalischen Kriege eine traurige Berühmtheil verliehen hätten. Aber nicht nur wir kultur- beleckten Europäer, auch die Türken, denen doch der Balkan bis vor vor kurzem gehörte, wußten nicht viel davon. Als der Verfasser des vortrefflichen Werkes„Donaubulgarien und der Balkan", F. Canitz, nach Weg und Steg ins Jantrathal fragte, wußte in Rustschuk niemand Bescheid. Da galt es denn, wie im Innern von Afrika, entdecken, und einer solchen Entdeckung verdanken wir unser Bild vom Jzgorigrad- Defile, das, von der Leva durchflössen, aus merkwürdigen, zerrissenen Kalksteinfelsen besteht, die als Monolithe oder Riesenkegel in die Höhe starren. Diese hohe Balkankuppe mit ihren Felsstürzen, Schroffen und tausenden tiefer Runsen, sagt Canitz, in welchen der Sonne entzogene Schneeflecken übcrsommern, macht einen tiefernsten, beinahe unheimlichen Eindruck. Hier, wo die Natur ihr neue Formen schaffendes Walten in großartigster Weise offenbart, herrschte scheinbar Grabesstille; es war, als hätte die rastlos zeugende Urkraft zur Feierruhe sich hingelegt. Viel mochte zu solchem Gefühle wohl die kalte, tiefgraue Lasur bei- tragen, welche alles ringsum mit merkwürdig herabstimmendem Tone einhüllte und die zerstreuende Wirkung der Lokalsarben nirgends auf- kommen ließ. Vergebens suchte das Auge der in der Landschaft sou- verän herrschenden Melancholie zu entrinnen. Wo immer der Blick hastete, überall trat ihm das Bild des Todes entgegen. Keine lebende Kreatur war zu sehen, nur einige Adler zogen, dem Gesichtskreise bei- nahe entrückt, ihre Ringe in höchster Luftregion, und hart am Wege lagen die gebleichten Gerippe gestürzter Karawanenpferde. Neben einer kesselartigen Vertiefung, die ein leichentuch- ähnliches, schmutziggraues Schneefeld füllte, zeigten aber rohe Denksteine, daß der Mensch den „Kampf ums Dasein" auch in diese Höhe getragen. Es waren Gräber von Räuberhand Gemordeter oher verunglückter Wanderer, welche die aus Felsblöcken ausgethürmten Orientirungspfeiler verfehlt hatten und vom Schneesturm hier für immer im kalten, weißen Psühl gebettet worden waren. Der grimme Winter streckt seine Eisenfaust auch in die hochgelegenen Balkanthäler. Ihre kümmerliche Vegetation ist gegen die Donauländer Rumänien und Dobrudscha vier bis sechs Wochen zurück. Wenn der Balkandschi, ähnlich dem Frieslands- und Hollandsgänger Westdeutschlands, mit dem als Schnitter oder Drescher in der danubi- schen Tiefebene verdienten Lohne heimkehrt, ist es noch immer Zeit für ihn, an die Einbringung der eigenen schmalen Ernte zu denken. Die verschiedenen Steuern erwirbt der arme Balkandschi auswärts, das kleine Feld bestellt die Frau, das Vieh hüten die Kleinen, das Material für sein Haus und die Feuerung liefert der nahe Wald, oder richtiger, was man in diesen Ländern„Wald" nennt. So sieht es dies- und jenseits des Balkans in dem Lande aus, welches der Russe vom türki- schen Joch„befreit" hat. Der berliner Kongreß nahm dem Befteier die süße Last wieder ab und machte aus Ost-Rumelien und Bulgarien etwas, das nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Wer sich über die geo- graphischen und ethnographischen Verhältnisse der allerneuestcn Mon- archie näher unterrichten will, dem empfehlen wir das vorzügliche Werk:„Donaubulgarien und der Balkan. Historisch-cthno- graphisch-geographische Reisestudien aus den Jahren 1S60 bis 1876. Vou F. Canitz. 2 Bände. Mit 33 Illustrationen im Text und 16 Tafeln. Leipzig, Herm. Fries."_ Dr. M. T. Die Schnelligkeit des Pulses ist je nach den verschiedenen Alters- stufen eine sehr verschiedene. Neugeborene haben im Durchschnitt eine Pulszahl von 146—156 in der Minute. Im ersten Lebensjahre beträgt die letztere, immer vorausgesetzt, daß der menschliche Körper sich in normalem Zustande befindet, in der Regel 116— 126 pro Minute; vom 2. bis zuni 16. Lebensjahre sinkt die Pulszahl von 166 bis auf 66; vom 16. bis zum 26. Lebensjahre zeigt der Puls die Frequenz von 96 bis 86 Schlägen; vom 26. bis 56. Lebensjahre zwischen 86 bis 76 in der Minute; in höheren Jahren vermindert sich die Schnelligkeit der Pulsschläge wieder um ein beträchtliches. Dr. M. V. Literarische Umschau. „Der Planet Mars eine zweite Erde. Nach Schiaparelli ge- mcinverständlich dargestellt von Prof. Dr. I. Heinr. Schmick." Mit 1 Karte und 8 Holzstichen. Leipzig 1876. Alwin Georgi. Eine inter- essante und so gemeinverständlich geschriebene Abhandlung, als es die Wissenschastlichkeit des Gegenstandes und die strengsachliche Behandlung zulassen. Wie die sorgfältigen Beobachtungen des mit Recht im Reiche der modernen Wissenschaft hohen Ruf genießenden Mailänder Astrono- incn Schiaparelli und seine scharssinnigen Folgerungen zu der Erkennt- niß führen, daß der der Erde benachbarte Planet Mars gewissermaßen ein älterer Bruder der Erde ist, dessen jetziger Zustand dem der letzte- ren in vielen Beziehungen ähnlich ist und uns in deren freilich noch unmeßbar ferne Zukunft einen bedeutungsvollen Blick gestattet—— das nachzulesen wird denjenigen unserer Leser, welchen die Erforschung des Himmels und der Erde am Herzen liegt, ohne daß sie selber Astronomen sind, ein Vergnügen sein. „Herr Julian Schmidt, der Literarhistoriker, mit Setzerscholien herausgegeben von Ferdinand Lassalle." 3. Aufl. Leipzig 1378. Um die Erinnerung an diese Schrift Lassallc's im ganzen deutschen Volke, soweit es sich überhaupt um Literatur kümmert, aufzufrischen, dazu bedarf es nicht vieler Worte. Alle Welt weiß, daß Lassalle mit der- selben den Kampf gegen die liierarische Verderbtheit unserer Zeit auf- genommen und auch in diesem Strauße eine glänzende Klinge geschlagen hat. Gegen die schriftstellerische Seichtheit, welche sich begnügt, auf der Oberfläche wissenschaftlicher Fragen herumzutasten, und— Gedanken- tiefe heuchelnd— sich einhüllt in den undurchdringlichen Schleier tönender oder hohler Phrasen, gegen jene wissenschaftliche Unredlichkeit, welche Halb- oder Garnichtuntersuchtes, Schiesverstandcnes und Unerkanntes für Geistigdurchdrungenes, wissenschaftlich Feststehendes an- schwärzt, dagegen hatte sich Lassalle gewandt, als er es unternahm, dem„Literarhistoriker" Julian Schmidt energisch heimzuleuchten. Er trat in die Spuren Lessings,»nd wenn es ihm auch nicht gelang, diesen größten Meister der Polemik in der niederschmetternden Gewalt seines Angriffs zu erreichen, so ist er ihm doch näher gekommen, als jeder seiner Zeitgenossen. Einzelnen Stellen gegenüber mag nicht mit Unrecht behauptet werden können, daß er über das Ziel gerechter Be- urtheilung hinausgeschossen hat, im allgemeinen aber ist der julian- schmidt'schc Schriftstellerleichtsinn und seine gelehrtthucnde Dreistigkeit in der That so ungeheuerlich, daß selbst Mildedenkende an der lassalle- schen Unbarmherzigkeit keinen Anstoß nehmen, sosern sie nur die Gemein- gefährlichkeit des von Lassalle ans Licht gezogenen literarischen Unfugs zu würdigen verstehen. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Konrad Deubler— der Bauernphilosoph. Eine Skizze nach dem Leben, von Dr. A. D.-P.(Schluß.)— Ueber Fremdwörter im Deutschen, von M. Wittich(Fortsetzung).— Johann Wolfgang Goethe, von Dr. Max Vogler(Fortsetzung).— Der Rubel auf Reisen. Gedicht von Platen.— Afrika und seine Erforschung. Geschicht- liche Zusammenstellung von Dr. Max Trausil(Fortsetzung).— Gegenseitige Weihnachtsüberraschung(mit Illustration).— Jzgorigrad-Defile bei Wraza(mit Illustration).— Die Schnelligkeit des Pulses.— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckcrei in Leipzig.