Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften n 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postänitcr. 1880. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudolph von R. (Fortsetzung.) Ter Cigarrenreisendc Schneider— unsere Leser wissen, daß der Dienstmann Willisch in den Stunden seiner extraordinären Thätigkeit als geheimer Geschäftsträger des Herrn Schweder sich also nannte— beschleunigte an der nächsten Ecke seinen Schritt ganz auffallend, zu gehen schien ihm zu langsam, er lief beinahe. An einem kleinen Hause in einer kleinen Querstraße— dem Rittergäßchcn— angelangt, hielt er einen Augenblick an, schaute sich um und. schlupfte dann rasch hinein. Im ersten Stockivcrk— es war auch das letzte, denn das Haus Ivar einstöckig— klopfte er an eine Thür, an welcher das vor kurzem erst durch die Abend' Wolken hindnrchgedrnngene Mondlicht den mit großen, schwarzen Frakturbuchstaben ans weißer Glanzpappe gedruckten Namen Packert matt, aber doch bis zu leidlicher Lesbarkeit beleuchtete. Ein tiefer Baß grunzte mehr als er rief:„Herein!" Willisch trat hastig ein. „Gnt'n Abend, Vetter!" sagte Willisch.„Ich will mir blas meine Bluse übcr'n Rock ziehen, ich Hab' noch'ne Dienstmanns- kommission." Damit stellte er seinen Cylindcrhut auf ein Wandbrett neben einen Berg von Tellern und Tassen, nahm, als ob er hier ganz zu Hause wäre, hinter einem eine Nische verhüllenden grünen Vor- hange eine blaue Bluse und eine Dienstmannsmütze hervor und zog sich die Bluse über seinen„noblen" Ueberzieher. Der Mann, welcher auf einem kleinen Sopha, der Thür gegenüber, halb liegend saß und aus einer langen Weichselrohr- pfeife riesige blaugraue, unangenehm riechende Rauchwolken hervor- sog, iim das kleine, niedere Zimmer damit bis zum Ersticken zu füllen, erwiderte den Gruß garnicht erst und blieb liegen, wie er lag. Dafür regalirte er seinen Vetter Willisch mit ein paar grunzenden Bemerkungen: „So? Ist man also, seit man als Lohndiener bei der so- genannten feinen Sippschaft krumme Buckel und lange Finger macht, noch nicht selber zu sein geworden, um noch spät abends den Dienstmann zu spielen? Na,'s wird jedenfalls'neu schönen Groschen zu verdienen geben— verdienen nennt man's und erlungern sollt' man's nennen; so'n patentirter Tagedieb von Dienstinann weiß immer, wo er bleibt, das weiß die Schock- schwerenoth— die Kerle kommen alle zu was!" Willisch war über derartige Grobheiten himnielhoch erhaben, er lachte blos: „Du bist viel eher'n patentirter Grobian, Vetter Packert, als ich'n dito Tagedieb; ich muß mich noch stundenlang schinden, wenn du schon lange ans dem Sepha herumlungerst, um zu reden, wie du selber redst, Vetter Packert. Adieu, Vetter, grüß mir die Mathilde!" Der Abschiedsgruß blieb ebenso einseitig, als der der An- kunft. Packert, der das Bcdürfniß fühlte, sich mit irgendwem gründlich herumzuzanken, und sich in der Hoffnung, der Vetter iverdc ihm dazu wenigstens ein halbes Stündchen still halten, zu seinem großen Aerger getäuscht sah, grunzte dagegen:„Hol' den Kerl der Teufel. Hält das ohnehin hundemäßig kalte Loch von'ner Wohnung für'neu Taubenschlag, in dem jeder Spatz so mir nichts dir nichts aus- und einfliegt. Die Mathilde hat den Kerl verwöhnt; muß'n gelegentlich'mal die Treppe runter- bngsiren, damit ich die auf einmal wieder so dick gewordene Freundschaft wieder ans'nc Weile los werde.", Willisch war, als der Vetter Packert mit dieser liebenswürdigen Begrunzung seines in der That seit kurzem auffällig häufig ge- wordenen Besuches fertig geworden, längst über alle Berge. Er hatte wieder einen Dauerlauf begonnen, der ihn mit großer Ge- schwindigkeit kreuz und quer durch eine Reihe von Straßen und Gassen, durch Durchgänge und Höfe hindurchführte. An einem großen, alten, aber noch sehr vornehm aussehenden Hause in der innern Stadt machte Willisch auf seiner anstrengenden Tour von neuem Station. Es war das uralte Patrizierhaus, dessen Par- terre und erstes Stockwerk der Justizrath Äichtel bewohnte. Willisch zog nicht an der Glocke, die ihm das große Hauptportal geöffnet hätte, sondern öffnete und schloß hinter sich eine kleine, in den Hof führende Nebcnpforte. Diesmal hielt er sich länger auf, als bei dem Vetter Packert. Erst»ach einer Viertelstunde ungefähr erschien er wieder in der kleinen Pforte; aber jetzt schien er es womöglich noch eiliger zu haben, als zuvor. Er steckte die rechte Hand in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen; dann lief er, so rasch er konnte, in der Richtung auf den nächsten Droschkenstandplatz zu. Das Pfeifen hatte seinen Zweck erreicht. Auf dem halben Wege kain dem geschäftseifrigen Dienstmann in raschem Trabe eine Droschke entgegcngefahren. Er stieg zu einiger Verwun- derung des Kutschers selber in den Wagen, nachdem er ihm zu- gerufen hatte: „Recht rasch nach der kleinen Promenade Nummer sieben!" Der Droschkenkutscher schien wenig erbaut.„Deswegen hätt'st du auch nicht so'n Lärm zu machen brauchen, Bruder Dienst- mann," bemerkte er. „Du wirst heute durch mich Ivahrscheinlich noch viel mehr verdienen; tröst' dich und fahr' so geschwind, als dein Gaul es überhaupt noch kann," erwiderte Willisch. Tie Aussicht auf einen tüchtigen Verdienst, vielleicht auch die Entrüstung über die Geringschätzung seines getreuen Rofses, welche aus des Tienstmannes Worten herausgeklungen hatte, mochten den Droschkenkutscher zu einer außergewöhnlichen Leistung anstacheln. Er knallte einigemale mit der Peitsche, ließ sie sogar auch einmal, freilich nicht gar unsanft, auf den Rücken seines Pferdes niederschmitzen und fuhr wirkich davon, als ob' er, wie man zu sagen pflegt, den Willisch gestohlen hätte. Kleine Promenade Stummer 7, in der Beletage, bewohnte Herr Schweder eine ans drei äußerst elegant und behaglich ein- gerichteten Zimmern bestehende Garyonivohnnng. Dieser war grade auszugehen gewillt gewesen und bereits mit Ueberzieher und Hut angethan, an's Fenster getreten, um sich zu vergewissern, ob es nicht trotz des hin und wieder zum Vorschein kommenden Mondes gerathen sei, den Regenschirm statt des Spazirstockes mitzunehmen. Da sah er die im scharfen Trabe um die Ecke schräg gegenüber biegende Droschke, und aus derselben, noch ehe der Kutscher sein in ungewöhnliche Aufregung gerathenes Pferd zum Stehen brachte, seinen vielgetreuen Willisch herausspringen. Ter mußte eine wichtige Botschaft haben. Herr Schwedcr ging selbst in den kleinen Vorsaal und öffnete ihm. „Interessante Neuigkeiten, gnädiger Herr!" rief Willisch, nach- dem er die Mütze ehrerbietigst abgenommen hatte und eingetreten war.„Sehr interessante Neuigkeiten. Ter alte Justizrath ist wieder zurück." Herr Schweder zuckte die Achseln:„Weiß ich längst." „Aber noch viel mehr, gnädiger Herr, Hab' ich zu berichten. Der Justizrath ist nach einer langen und sehr heftigen Unter- Haltung mit seinem Sohne, dem Doktor, schnurstracks zum Herrn Alster gefahren, und als der nicht zuhause war, hat er gesagt, er müßte ihn heute unter allen Umständen noch sprechen, und ist ihm zu Weinhold nachgefahren, wo der Herr Alfter heut wieder 'mal so'ii heimliches Vergnügen veranstaltet— Sie wissen ja schon, gnädiger Herr." „Freilich, lind was war der Inhalt jener heftigen Unter- Haltung der Herren Wichtcl— das wissen wir hoffentlich auch, mein Lieber?" fragte Schweder. „Das weiß ich leider nicht so ganz genau, wie's der gnädige Herr wohl wünschen wird. Ter Friedrich von Wichtels sagt, er hätte zwar wenigstens eine Stunde lang krummbucklig an der Thür gestanden und sich beinahe sein Trommelfell entzwei ge horcht, aber er hätte wegen der verdammten Thürlappen— Portiören heißen sie ja wohl— immer nur einzelne, abgerissene Worte hören können. Er, der Friedrich, hat sich freilich sofort daraus seinen Vers gemacht, aber der alte Kerl, so trocken er sonst ist, hat Ihnen'ue Phantasie, gnädiger Herr, wenn's ans Lästern seiner Herrschaft geht, grade als hätt' er seinen Beruf verfehlt und Hütt' eigentlich großer Dichter werden sollen." „Also der Kerl lügt?" fragte Herr Schweder, über die humo- ristische Redeweise des Dienstmanns ein wenig lächelnd, aber so- fort wieder ernst werdend.„Für Lügen bezahle ich nichts, und wenn ich dahinterkomme— was unfehlbar geschieht, mein Lieber! — daß mir für Lügen Geld abgenommen worden ist, so ist's aus zwischen mir und dem Betreffenden— das haben Sie doch nie vergessen, Willisch?" „Aber gnädiger Herr!" sagte Willisch vorwurfsvoll.„Wär' ich nicht kolossal peinlich in so was, würd' ich doch Ihnen ein- fach die ganze Geschichte, die sich der Friedrich zusammenbuchstabirt, als pure Wahrheit verkaufen. Da müssen Sie mich doch kennen, gnädiger Herr! Aber ich will nun rasch noch Bericht erstatten, denn vielleicht ist, wie man sagt, Gefahr im Verzuge." „Also rasch!" „Ganz rasch, gnädiger Herr. Der Friedrich hat also gehört, ganz. zuverlässig gehört, und das glaub' ich ihm, gnädiger Herr, daß sich sein alter Herr mit seinem jungen Herrn gezankt hat, kolossal gezankt. Und zwar wegen den, Herrn Alster sind sie einander in die Haare geratheu. Da muß der Doktor dem Alten irgendwas nicht recht gemacht haben,— jetzt wollt' er's selber in die Hand nehmen, hat der Alte gesagt, und der Alfter müßte— er müßte gezwungen werden, weil sie, die Wichtels, sonst scheitern oder Schiffbruch leiden, oder so etwas, würden,— mit dem Gclde steckten sie jetzt jedenfalls kolossal drin, sagt der Friedrich, und da soll der Alster für die Ehre, daß der Doktor später'mal sein Schwiegersohn wird, im voraus ordentlich blechen." --- .■ „Scheitern— Schiffbruch leiden," wiederholte Herr Ichlveder. „Tie Worte stammen nicht aus dem Lexikon des abgefeimten Schleichers, des Friedrich. Hm! Das ist in der That garnicht uninteressant. Also sofort ist der alte Wichtcl zu Alster und dann zu Weinhold gefahren?" „Sofort!" „Und mit wem soupirt Alster bei Weinhold?" „Von den Herren weiß ich nur den Namen des Lberbauraths von der Eisenbahn," erwiderte Willisch:„des Herrn Schneemann. Ob überhaupt nicht noch Herren dabei sind, das weiß ich nicht. Tie Damen— das sind natürlich Damen vom Theater. Da ist das Fräulein von Wurzbach, die junge Frau Bergmann-Stein, und wenn ich nicht sehr irre, auch noch eine dritte--". Herr Schweder horchte auf.„Die Frau Bergmann-Stein?" fragte er.„Wissen Sie das gewiß, Willisch?" „Ganz gewiß, gnädger Herr. Der Lohnkutscher, welchen der Herr Alster beauftragt hat, die Damen vom Theater abzuholen, ist direkt an die Frau Bergmann-Stein gewiesen. Ich habe mich auch gewundert, daß Herr Stein das leidet; sie sind dazu noch so jung vcrheirathet." Schweder lachte auf.„Dem Herrn Stein werden solche kleine Extravaganzen seiner liebenswürdigen Ehehälfte gar nicht unau- genehm sein und er wird sich Herrn Alster gegenüber durch die bescheidene Aufmerksamkeit revanchiren, daß er ihm zum Neujahr die Kleiderrechnungen der Schönen zur gefälligen Begleichung zusendet." Willisch lachte auch.„Da geht die Geschichte allerdings, guäd- ger Herr. Dem Herrn Stein werden die Kleider seiner Frau jedenfalls theurer sein, als die Frau selbst, das kann ich mir denken." Herr Schweder schien nachzudenken. Er sah nach der Uhr. „Wann ist das Theater heute aus?" fragte er. „Nach neun Uhr steht auf dem Zettel," antwortete Willisch. „Gut. Sie werden sofort, Willisch, Herni Senkbeil ein Billet überbringen, die Adresse wissen Sie ja."— Schweder nahm eine seiner Karten aus einem elegant gestickten Visitcnkartenetui, warf mit flüchtiger Hand ein paar Zeilen darauf, kouvertirte das Billet und reichte es dem Dienstmanu hin; dann fuhr er fort: „Ihre Droschke, die Sie vernünftigerweise nicht fortgeschickt haben, nehme ich mir und nun rasch— adieu!" Willisch verschwand, ohne ein Wort zu erwidern, auf der Stelle. Schweder schritt hinter ihm drein und stieg mit der Weisung:„Nach dem Theater" in die Droschke. Nach einer Viertelstunde stand er an der Theaterkasse, wo ihn der Billeteur mit einer alte Bekanntschaft verrathcnden ver- traulichen Höflichkeit begrüßte. Schwedcr bemerkte kurz, nachdem er sich durch einen schnellen Umblick überzeugt hatte, daß ihn sonst niemand höre, er müsse, womöglich noch vor Schluß des Theaters, Frau Bergmann-Stein sprechen. Der Billeteur lächelte etwas verlegen und meinte, er wisse nicht, ob Frau Bergmann- Stein heut noch zu sprechen sei; sie werde wohl für den Abend versagt sein.—„Eine Geburtstagsfeier einer ihrer Freundinnen oder so etwas Aehnliches——" Schwedcr fuchtelte ungeduldig mit seinem Fischbeinspazierstock in der Luft herum. „Ich bitte Sic, Verehrtester, mir zu glauben, daß ich nur einige wenige Worte mit Frau Bergmann-Stein zu sprechen, aber unter vier Augen zu sprechen habe. Die Zeit der Dame werde ich für meine Person heute noch nicht eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Lassen Sie ihr das gefälligst mittheilen, sprechen aber muß und werde ich sie und wenn ich sie in dem Wagen erwarten sollte, der Frau Stein heut Abend zu der Ge- burtstagsfeier oder so etwas Aehnlichem, wie Sie zu sagen be- lieben, abholen soll." Der Billeteur kannte Herrn Schwedcr zu gut, um länger zu widersprechen. _„Bitte versichert zu sein, daß ich jederzeit bereit bin, für Sie, verehrter Herr Schlvcder, zu thun, was in meinen Kräften steht; aber mau hat zuweilen seine Instruktion--" „Die in diesem Falle nicht auf mich berechnet war, lieber Herr. Also wenn ich bitten darf--" „Mit Vergnügen." Der Billeteur rief einen Theaterdiener herbei und flüsterte ihm muige Worte ins Ohr. Dieser warf einen raschen Blick auf Schweder, vor dem er gleichzeitig einen tiefen Bückling machte, lächelte pfifstg und ging kopfnickcnd von dannen. In wenigen Minuten war er wieder da. Er wandte sich 147 mit seiner Botschaft direkt an Schweder, pflanzte sich in steif respektvoller Halwng, die Tressenmütze in der Hand, vor ihm ans und meldete: „Frau Bergmann-Stein haben sich nach dem Ankleidesaal begeben, um sich umzuziehen, da sie in den letzten Szenen nichts mehr zu thun habe». Sic werden sich ein Vergnügen machen, Herrn Ichweder in zehn Btinutcn im Foyer zu treffen, welches jetzt natürlich ganz leer ist. Frau Bergmann-Stein bedauern nur, das; sie heut ungemein Pressirt sind." lieber Schweders Gesicht zuckte, blitzschnell wieder verschwin- dcnd, ein Lächeln, das mehr die scharfen Linien des Höhnischen als die iveichercn des Spottes darüber hingeworfen hatte. „Na, na, mein Lieber. Wenn die zehn Minuten, während deren sich die schöne Frau umgekleidet haben will, nur nicht zu lange dauern; auch ich bin Pressirt." Schweders Besorgniß zeigte sich grundlos. Die zehn Minuten waren noch nicht verstrichen, als die Thür, welche die Bühnen- räume mit dem Foyer verband, sich öffnete und eine üppige Frauengestalt von mittlerer Größe, einen dunklen Lockenkops auf runden, tiesentblößten Schultern wiegend und eine lange und schwere Seidenschleppe mit geübtem Fuße wunderbar geschickt über die Schwelle dirigirend, hereintrat und eiligen Schrittes auf Schwedcr, der sich auf einem mit grünem Plüsch überzogenen Divan nachlässig hingestreckt hatte— zufällig oder absichtlich mit dem Rücken gegen die Thür, durch welche Frau Stein eintreten mußte— zuging. Schwedcr schien es dagegen doch nicht so sehr eilig zu haben. Gr wandte, als er die Thür gehen und die Schleppe rauschen hörte, langsam den Kopf, und langsam erhob er sich. „Was verschafft mir das jetzt so seltene Vergnügen?" fragte die Dame mit einem Tone, ans dem es ivic eine seltsame Mischung von freundlicher Verbindlichkeit und mühsam zurückgehaltener Feindseligkeit hcrvorklang. „Ich wollte mir erlauben, an Sie eine Bitte zu richten, meine gnädige Schöne," sagte Herr Schweder, indem er sich nngenirt und unbekümmert darum, daß Frau Stein keine Miene gemacht hatte, sich niederzulassen, wieder setzte. Die Schauspielerin folgte seinem Beispiel; aber über ihr pikantes Gesicht legte sich der Schatten aufkeinlenden Unwillens. „Merkwürdig, mein Herr," sagte sie spitz.„Die Bitte wäre?" „Sie möchten heut Abend den Geburtstag, welchen Sie nach der Mittheilnng des Billeteurs zu feiern gedenken, nicht im Restaurant Weinhold und bestimmt nicht mit Herrn Alster und seinen Freunden begehen." Herr Schwedcr hatte sehr ruhig und höflich gesprochen. Seine Worte mußten aber Frau Stein doch auf das tiefste verletzt und empört haben. Sie war glühend roth geworden und durchbohrte ihr kühl lächelndes Vis-a-vis mit ihren glühenden, dunklen Augen, als sie antwortete: „Sie haben kein Recht, niein Herr, eine derartige, in der That unglaubliche— unglaubliche— gradezu unqualifizirbare Bitte an mich zu richten. Ueber das, was ich thue und lasse, bin ich niemanden und Ihnen, Herr Schwedcr, am allerwenigsten Rechenschaft schuldig."_ Sie wollte sich erheben, um davon zu eilen. Schwedcr legte seine Hand auf ihren runden, sammetweichen Arm und hielt sie zurück. „Bitte, noch einen Augenblick. Ich bedaurc, daß �ich eine Macht geltend machen muß der Art, wie ich sie über Fräulein Bergmann zu besitzen das zweifelhafte Vergnügen habe." Die Schauspielerin sprang nun dennoch in die Höhe. „Eine Macht?" rief sie so laut, daß sie sich selbst sofort nach allen Seiten umschaute, ob sie nicht ein unberufener Lauscher ge- hört hätte.„Eine Macht, wie sie nur ein Bube geltend machen könnte, um ein Weib zur Marionette lächerlicher Willkür zu machen-- solch' eine Macht glauben Sie über mich zu besitzen, mein Herr Schivcdcr, aber Sie irren Sich. Ucbrigcns," fügte sie ruhiger iverdend hinzu,„kann ich unmöglich glauben, daß ein vernünfliger Mensch eine solche Bitte im Ernst ans- zusprechen vermag' Eifersüchtig sind Sie doch nicht auf meine Gunst, mein Herr, nicht mehr, oder sind es vielmehr nie gewesen— ach, ich wäre vielleicht glücklicher, als ich bin, wenn Sie dereinst so hätten eifersüchtig werden können. Zudem kann ich auf mein Wort versichern, daß ich dem Herrn Alster und.seinen Freunden gegenüber selbst meinem Manne keinen Grund zur Eifersucht gegeben habe——" „Noch nicht?" warf Schwedcr ein. „Noch nicht und auch in Zukunft nie!" gab die Schauspielerin zurück. (Fortsetzung folgt.) Johann Wolsgang Goethe. Von Dr. Mar'Dogker. (Schluß.) Die Beschäftigung mit dem fernen Orient hatte auch noch eine äußere Ursache darin, daß Goethe, der bereits an ihm be- obachtcten Gewohnheit gemäß, seine Gedanken von den politischen Wirren der Gegenwart, und diesmal seiner nächsten Umgebung, möglichst iveit abzulenken strebte, und wir müssen hier unser Urtheil über das geringe Interesse am deutschen„Befreiungs- kriege", das man ihm zum Vorivurf gemacht hat, wenn auch so kurz ivic möglich, abgeben. Die Anschuldigung, daß Goethe keinen Patriotismus besessen, ist von vornherein durch seine eige- neu, in dieser Hinsicht zu dem Historiker Luden gesprochenen Worte zurückzuweisen.„Glauben Sie ja nicht,"— sagte er zu diesem u. a.—„daß ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen— Freiheit, Volk, Vaterland;»ein, diese Ideen sind in uns, pe sind ein Theil unseres Wesens, niemand vermag sie von sich zu werfen. Auch liegt mir Deutschland warm am Herzen. Ich habe oft einen bittcrn Schmerz empfunden, bei dem Gedan- ken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen, so niise- rabel im ganzen ist." Aber er glaubte nicht, daß sich das deutsche Volk durch jene schlachten wirklich die„Freiheit" erkämpfte, und außerdem lag es in der Natur der Verhältnisse, daß er sich nicht direkt an der„Erhebung", die er lieber floh, für eine durch die Macht der Thatsachen erzwungene„Bewegung" ansehen möchte, bethciligte. Ja, wenn er der gewesen wäre wie Theodor Körner, dann hätte er nicht der Letzte auf dem Plan sein wollen;— sagte er selbst— aber„Kriegsliedcr schreiben und im Zimmer sitzen! das wäre so meine Art gewesen!" Wir selbst wollen diesen Worten nicht einmal viel Gewicht beilegen, da wir in der That- >achc seines schon weit vorgerückten Alters nicht allein den Hin- dernngsgrnnd, thätig in das Werk jener Tage hineinzugreifen, erblicken mögen. Denn wenn er den innerlichen Drang dazu be- sesscn hätte, er würde, gleichviel wie hoch sich die Zahl der durch- lebten Dezennien belief, schmetternde Kriegsliedcr unter die Kämpfenden hinausgesandt haben; es gab noch ältere Männer als er, die in solchen Fällen auf die eine oder andere Weise för- dernd mithalsen, und Goethe hat ganz gut gewußt, daß er viel, sehr viel hätte wirken können— wenn er eben der dazu crfor- derlichcn Aufwallung des Gemüths fähig gewesen wäre. Die Sache wird sich also im wesentlichen so verhalten, daß Goethe, obwohl er des Patriotismus nicht entbehrte, erstens an keinen bedeutenden Erfolg jener Anstrengungen glaubte, zweitens aber gerade damals bei dem universalen Charakter seiner Studien an dem gegenseitigen„Niedermachen" der Völker(in Wort und That), deren Kultnrentwicklnng sie vielmehr auf ein friedliches Zusammenwirken hinwies, keinen sonderlichen Gefallen fand und sich andererseits des über die Bewegungen des Augenblicks hin- ausgehenden Ziels seines Schaffens, des mit heiligem Ernst verfolgten besonderen Zwecks seines Lebens zu sehr bewußt war, um den ruhigen Gang seiner immer höher steigenden Entwicklung nicht durch ein Einmischen in die Aufgeregtheit und Wildheit der Gegenwart zu unterbrechen � und zu gefährden. Diese konsequent beobachtere Zurückhaltung mag wohl erregbarere Naturen ver- letzen, sie mag als herzlose Kälte erscheinen, die man dem„alten" Goethe so gern andichtet, und es ist wahr, er zeigt durch diese reservirte Haltung seinen Mangel an Sinn für geschichtliche Er- eignisse wieder in evidenter Weise; aber doch gerade diese un- beirrbare Ruhe, in welcher er, jupiterglcich und sich seiner be- sondern Ziele vollbewußt, ans die wild und hoch gehenden Wogen der damaligen Welt herabsieht, sie hat etwas Großes und Be wundermigswerthes. Mit diesen kurzen Dar- legungcn ist die Er- klärung für Goethe's damaliges Verhalten in der einzig möglichen, und Ivic ich meine, viel- leicht befriedigenden Weise gegeben. Im übrigen ivollen mir noch anfügen, daß Goethe zur Feier der Heimkehr der sieggekronten prcu- ßischen Krieger das Festspiel„Des Epime- indes Erivachen" schrieb, welches zu Berlin am 30. März 1815, zu Weimar am 30. Januar des folgenden Jahres aufgeführt wurde. Die glückliche Be- endigung des Krieges hatte für Goethe selbst die angenehme Folge, daß nach der Reorganisation des Staats- ministeriums(das Land war durch die Beschlüsse des wiener Kongresses zu einem Großherzog- thum erhoben worden) sein Gehalt als Mini- ster auf 3000 Thaler nebst Extrageldern für Pferde und Wagen er- höht wurde. Von den alten Freunden Goethe's wa- ren im Laufe der Zeit viele dahingegangen— so Herder und Wieland, ivie seine Mutter, die schon am 13. September 1808 in ihrem achtund- siebenzigsten Jahre gc- storbcn war—; der rüstige Greis aber schuf unablässig fort und ließ durch seine Beschäfti- gung, vor allem nun auch ivieder mit der italienischen, englischen und französischen Lite- ratur, selbst mit der serbischen und litthaui- scheu Volkspoesie sein reges Streben für die Anbahnung der„Welt- literatnr" erkennen: „Laßt alle Völker unter gleichem Himmel Sich gleicher Habe wohl- geinulh erfreun." Er veranstaltete in- zwischen wieder eine ! neue vermehrte Ausgabe seiner Werke in zwanzig i Bänden(bei Cotta, -I 1815 bis 1819) und führte daneben die bereits bezeichneten Werke weiter, unter denen ihn jetzt vor allem„Faust" wieder, und zwar der zweite Theil desselben, beschäftigte. Er schrieb Weihnachten auf (Seite 156.) nn letzterem u. a. in len Jaliren 1826 bis 1829; das qanze Werk qelan�te aber erst am 2l). Juli vvn 1831 zum vollständigen Abschluß. Wenn wir in dieser Skizzirung des goethe- scheu Lebens und Wir- kcns schon den ersten Theil des„Faust" nur eben in seiner Eni- stehung verfolgen konn- ten, ohne tiefer ans den Inhalt einzugehen, so kann es hier ebenso-! wenig unsere Aufgabe sein, jetzt, nachdem wir auf den Abschluß des Werkes hingewiesen, ein Gesammtbild und ein umfassendes Urtheil über diese großartige poetische Widerspiegelung dcs'Meiischcnsciiis im eminenten Sinne zu geben. Es wird dies vielmehr eine für den Leserkreis der„Neuen Welt" besonders zu behandelnde Aufgabe sein, und wir wollen uns hier damit begnügen, zu konstatiren, daß der zweite Theil des„Faust" von den einen für eine ebenso bewunderungs- würdige, alles, was Goethe sonst geschaffen, übertreffende Arbeit wie von den anderen für ein an Werth weit hinter dem ersten Theil zurückstehendes Werk ge- halten wird. Und gern wollen>vir noch die Worte hierhersetzen, in welchen Lewes die Lösung, die das Problem durch Goethe gefunden habe, so charakterisirt: „Die ringende Seele, die sich in persönlicher Anstrengllng und per- sönlichcr Befriedigung nach verschiedenen Rich- tungen versucht und keine Ruhe gefunden hat, ge- langt endlich zur Er- kenntniß der großen Wahrheit, daß der Mensch für den � Menschen da ist und daß nur, wenn er für die Menschheit wirkt, sein Streben ihm dauerndes Glück schaffen kann"... Die Liebesleiden schaff, die den 7-1 Jahre alten Goethe noch ein mal und zwar im Jahre 1823, zu der jungen schönen Ulrike von Lcvezow, die er in Marienbad kennen ge- lernt hatte, und die 150- t bereit war seine Gattin zu werden, erfaßte, wußte er glücklicher- weise zu überwinden, obgleich diese späte Neigung so heftig war, daß Goethe in der That daran dachte, Fräulein von Lcvezow zu Heirathen. Tie Marienbader„Elegie" ist aus diesem Anlaß entstanden, während die beiden andern der jetzt in Goethe's Werken unter dein Gesaniinttitel„Trilogic der Leidenschaft" ein- gereihten Gedichte der Madame Szymanowska, einer ausgezeichneten Klavierspielerin, galten, mit der er ebenfalls in Marienbad zusammengekommen mar und die sich, wie Zelter sagt,„rasend" in Goethe verliebte(der Tod von Goethe's Gattin war, wie schon früher bemerkt, bereits am 6. Juni 1816 erfolgt). Seit dein Jahre 1824 unternahm Goethe keinerlei Badereisen und weitere Ausflüge mehr, sondern ging zu seiner Erholung nur nach Jena und nach den Weimar näher gelegenen Partiecn des Thüringer Waldes. Er zog sich überhaupt sehr von dem gesellschaftlichen Leben zurück und verbrachte seine Tage in immer emsigerer Thätigkeit. Je seltener er bei Hofe erschien, desto öfter kamen die Angehörigen der großherzoglichen Familie zu ihm, und aus nah und fern wurde er von bedeutenden Persönlichkeiten besucht. Die zahlreichsten Zeichen der Hochachtung und Verehrung, die er allgemein genoß, empfing er bei der Feier seines goldenen Dienstjubiläuins, das am 7. November 1825 äußerst glanzvoll begangen wurde, und an welchem Tage ihm der Herzog, der am 7. September des gleichen Jahres selbst sein goldenes Regie- rungsjubilämjt gefeiert hatte, u. a. folgendes schrieb:„Die fünf- igste Wiederkehr dieses Jahres erkenne ich sonach mit dein leb- )äftcsten Vergnügen als das Dienstjubelfest meines ersten Staats- dieners, des Jugendfreundes, der mit unveränderter Treue, Neigung und Beständigkeit mich bis hierher in allen Wechsel- fällen des Lebens begleitet hat, dessen umsichtigem Rath, dessen lebendiger Theilnahme und stets wohlgefälliger Tienstleistnng ich den glücklichen Erfolg der ivichtigsten Unternehmungen verdanke und den für immer gewonnen zu haben, ich als eine der höchsten Zierden meiner Regierung achte":e. Bald darauf sollte ihm, nachdem bereits am 6. Januar 1827 bereits Frau von Stein, 85 Jahre alt, gestorben ivar, sein fürstlicher Freund durch den Tod entrissen werden(11. Juni 1828), und tief erschüttert zog sich der Dichter vom Juli bis September auf das einsame Schloß Dornburg zurück, wo er in Liedern voll überaus zarter und in- niger Töne seinen herben Schmerz ausweinte. Am 11. Februar 1830 starb auch die Großherzogin Louise, und am 28. Oktober desselben Jahres erlitt er den Verlust seines einzigen Sohnes. Die Gattin desselben, Ottilie, geb. von Pogwisch, wurde dem Dichtcrgreis, der in den Jahren 1827— 1830 bei Cotta noch die letzte Ausgabe seiner Werke in vierzig Bänden erscheinen ließ(es folgten dieser„Ausgabe letzter Hand" von 1832 an noch zwanzig Bände„Nachgelassener Werke"), eine heitere, liebevolle Hanshäl- terin und treue Pflegerin, und in seinen beiden Enkeln, Walther und Wolfgang fand er treue Hausgenossen. So verstoß denn das letzte Jahr seines Lebens noch heiter und ungetrübt. Friedrich Förster, der Verfasser einer vortrefflichen Biographie des Dichters(derselbe, ein Kampsgenosse des Sängers von „Lcyer und Schwert", beschrieb auch das Leben Theod. Körners), fand ihn bei einem Besuche im August 1831„in früherer Rüsttg keit des Körpers nnd Heiterkeit des Geistes".„Die Tischgesell- schaft"— erzählt Förster—„bestand heute nur aus Goethe, seiner Schiviegertochter, mir und meiner Frau. Ter alte Herr ivar von bestem Humor, neckte Ottilie wegen ihrer Vorliebe für die Engländer, von denen es ihr gelungen sei, heut ein Muster- exemplar bei ihr einzuschmuggeln. Bei Tisch legte er vor nnd empfahl besonders die tigergefleckten Forellen,'denen man gar nicht ansähe, daß sie zu dein Geschlecht der Raubthicre gehörten. Bei der Strophe des ihm gcividnietcn Festgedichtes(am fol- genden Tage war sein Geburtstag) rollten ihm die Thränen über die Wangen, doch ließ er keine Wehmuth anfkommen. „Bon den Rhein dem Aeltesten!" rief er; Ottilie verstand, was er meinte. Frankfurter Verehrer hatten ihm zu seinem dreiund- achtzigsten Geburtstage eine Kiste mit drcinndachtziger Rüdes- heimer übersandt, nnd von diesem edlen Gewächs wurde eine Flasche geleert. Ter Engländer William Thackeray, der damals als ein neunzehnjähriger Jüngling in Weimar weilte, erzählt von der damaligen Persönlichkeit Göthe's u. a. folgendes:„Diese denkwürdige Audienz(die der Genannte bei dem Dichter hatte) fand in einem kleinen Vorzimmer seiner Privatgeniächer statt, welches rings mit Abgüssen von Antiken und Basreliefs bedeckt war. Goethe ivar in einen langen grauen oder bräunlichen Oberrock gekleidet, hatte ein weißes Halstuch um und trug im Knopfloch ein rothes Bändchen. Tie Hände hielt er auf dem Rücken, genau so, wie auf Rauchs Statuette. Seine Gesichtsfarbe ivar sehr frisch, klar und ruhig; die Augen außerordentlich dunkel, durchdringend nnd glänzend. Ich war förmlich bange vor ihnen und erinnere mich noch, daß ich sie mit den Augen eines Romanhclden aus meiner Jugendzeit verglich, der mit einem gewissen Jemand im Bunde stand und bis zu seinem Lebensende diese Augen in ihrem vollen schrecklichen Glänze bc bielt. Goethe machte mir den Eindruck, er müsse in seinem Alter noch schöner sein, als er in den Tagen seiner Jugend ge- wesen. Seine Stimme klang sehr voll und angenehm. Er fragte mich mancherlei über mich selbst, ich antwortete ihm, so gut ich konnte. Ich erinnere mich, daß ich zuerst erstaunte und dann mich ettvas erleichtert fühlte, als ich merkte, daß er französisch mit keinem guten Akzent spreche."—„Ich muß gestehen, daß ich mir etivas klarer, majestätischer und gesunder'Aussehendes, als der große alte Goethe war, nicht denken kann":e. Selbst verständlich blieben aber die Spuren des Alters, verschlechtertes Gebirn, Gedächtnißschwäche:e., bei Goethe ebensowenig wie bei jedem andern aus. Ende August bis Anfang September 1831 besuchte Goethe noch einmal Ilmenau und das„einsame Bretterhans" auf dem „höchsten Gipfel der Tannenwälder", wo er am 7. Septbr. 1783 das unvergleichliche Lied:„lieber allen Gipfeln ist Ruh", in's Holz gegraben hatte. Das„Warte nur. balde ruhest du auch!" sollte sich in»atier Zukunft erfüllen; ein Jahr später war er nicht mehr.'Nach einer Krankheit von wenigen Tagen schloß er. selbst nicht ahnend, daß sein Ende so nahe sei, um die Mittagsstunde des 22. Marz von 1832 die Augen für immer. Bis zum letzte» schimmer seines Bewußtseins beschäftigte er sich, wie seine Rede bewies, mit schönen Gedanken. Seine letzten Worte waren, wie allbekannt, der allein seiner würdige Ruf:„Mehr Licht!"... Was sterblich an ihm, ist in der Fürstengrnst zu Weimar begraben: das Beste aber.>vaS er besessen, lebt nnd gehört uns, gehört der Welt und wird dauern bis in die Eivigkeit! Krbn* Fremdwörter im Deutschen. Von Zil. ZSittich. (Fortsetzung.) Neben Campe ist vor allen Tingen als Gleichstrebender der Turnvater Jahn zu nennen. In einem Aussatz über ihn vom Jahre 1820 finden wir folgende merkwürdige Stelle:„Diese volksthümlichen Naturen haben einen offenen Sinn für alles, ivas(ich im Volke bewegt, für alles was volksthümlich ist oder, wie Buchholz es nennt, gesellschaftlich(sozial sagt man neuer- dmgs dafür.). Zuerst offenbart sich dieses in der Sprache, welche ein Werk der Gesellschaft ist und die durch Propheten. Weltweise und Dichter gebildet nnd bereichert wird. Wie sich in Luther der Reichthum der Biuttcrsprache bewegte, so bewegt sich dieser Reichthum in Jahn, nnd so wie jener, so vermag dieser neue Worte und Wortstellungen einzuführen, die dem Volke genehm sind. Denn die Weltweisen, Propheten und Dichter vertreten in dieser Eigenschaft das Volk, woher es dann den Philistern immer unmöglich gewesen ist. irgend ein neues Wort oder eine neue Wochtellung einzuführen grade weil die Philister niemanden ver V-, b0ch kuid sie immer geneigt, sich mit �z � h'i�ingen abzugeben, obgleich solches durchaus»ickü 'L Amtes„t(sehr wahr!) Jahns Sprache ist noch nickst noch unvollendet;- aber es liegen große Zuch' . u'C man. stinenl Tentschen Volksthum' sieht und u« der Borrede zu seinem.Turnbuche-." sTOn™,« duuen�wohl auch einige Kraftworte dieses merkwürdigen "der«prachineiigerei anführen. In den„Merke(gleich Bemerfiingen) zum deutschen Volksthum" heißt es: unschuldige Stoffe, die aber in der Mischling fürchter Uch aufbrausen. Aerger noch ist es mit Worten und einem fremden Sprachthum. Die sind in unserer Sprache ein Laab, was die süße Muttermilch gerinnen niacht." „Vor Zeiten soll es Lente gegeben haben, die wollten sich verjüngen, ließen sich die Adern offnen, zapften sich ihr Herz- blut ab, um sich fremdes wieder hineinzuquirlen. So sind die Sprachmenger. Tie hat der tolle Hund der Eitelkeit und des Machdiinkels gebissen, und nun rennen sie in der Welschmuth über Wortleichen zu Tode. „Wie wenn ein Äranker zum Arzeneibereiter(Apotheker!) käme, aus jeder Büchse etwas, von jeder Waare eine Gift ver- langte, dies in eincni Allsud mischte— sollte er davon wohl genesen? Wenn ein Lecker seinen Geschmack so verfeinert hätte, daß ihm keine Speise mehr mundete, und er nun in seiner Miß- lings(?) Nüchternheit zum Quickkoch rennte, dort von aller und jeder Speise eine Gift forderte, diese einzelnen Gifte zu- sammen rührte, um ein Prahlessen zu bekommen, so würde vor diesem Allerlei einer freßgicrigen Sau sogar Schauder anwan deln und nur ein Hai solches verschlingen. „Rechnet man zur Vollkommenheit einer Sprache, wenn sie viel Fremdes hat und imnierfort wälschen kann, so muß die Rede des schäbigen Betteljuden über Luther und 5tlopstock, über Schiller und Goethe stehen, und wir müssen alle noch in die Pohlnische Judenschule, um Plapperdeutsch zu lernen!" Wir haben diese längere Stelle ausgehoben, um zugleich eine Probe von Jahns Sprechweise zu geben, freilich ist diese noch nicht so voll Originalitäten wie viele andere. In manchen Punkten muß man Jahn recht geben. Wenn z� B. auch nicht, wie er will,„alle Wortmengerei aus Unkuude, Sprachfaulheit und Vornehmthuerei entspringt," so sind das doch mit Hauplursachen. Unsere Äenntniß von der eigenen Sprache im Volke ist nicht sonderlich groß, auch die Schule gibt noch zu wenig, unser Sprachgefühl und unser Sprachdenken sind ab gestnmpft und ungeübt, das meint Jahn wohl mit dem Vorwurf der Sprachfaulheit; endlich mit dem Prahlen mit Fremdwörtern hat es auch seine Richtigkeit. Wenn Jahn behauptet, keiner könne sich einer zweiten Muttersprache sprachvergessen„einkinden", wenn er die erste Sprachmutter verloren, so hat er nicht recht, und wir können ihm den deutschen Klassiker Chamisso, der ei» ge- borner Franzose war, und den größten ucneren spanischen Romanschreiber Caballero, welcher eine deutsche Frau, eine ge- dorne von Faber ist, entgegenhalten. Ueberhaupt vereinigen sich in Jahn die gesteigertste Vaterlandsliebe mit einem gradezu lächerlichen Haß gegen das Ausländische, namentlich das Frau- zösifche. Er hat speziell den Begriff des„Erbfeindes", als welchen wir die Franzosen zu betrachten hätten, geschaffen, und wollte gradezu Deutschland mit Hammen oder urwaldähnlichen Ver- hauen von den Nachbarn getrennt sehen. Unsinnig ist seine Wuth gegen das schulmäßige Lehren ftemder Sprachen, die er„Sprach üpge", das soll heißen Ueppigkeit, benamset hat.„Die Viel- spracherei ist der Sündeupfuhl, woraus aller Büchernebcl dunstet." „Bücher in ftemder Sprache darf keine Bücherleihe(Leihbiblio- thek) führen. Wer die lesen will, mag zusehen, Ivo er sie be- kommt."„Ja, wenn es eine Seelenwanderung gäbe, so könnte der deutsche Geist nur zur Strafe und Buße in einen Franzosen fahren." solche und ähnliche Uebertreibunqen kann man bei Jahn unzählige ftnden. In seinen eigenen Schriften ist er, wie gesagt, strenger Sprach- remiger. �.ie Mathematik heißt bei ihm Größenlehre, das möchte gehen, wie noch manches andre, ganz Treffende, aber daß der Liberale und Patriot als Leuthold, die Praxis als Brauch kunst, die Reaktionäre als Rückwärtse. die Religion als Gottesthum übersetzt werden, das streift hart an Zesens Thor heit. Freilich meinte Jahn, wenn die gebräuchliche Sprache kein Wort gäbe zuin Ersatz für ein fremdes, solle man ein entsprechen des aus den deutschen Volksmnndarten aufnehmen oder eines aus der älteren deutschen Sprache wiederbeleben und„schrist säßig" machen, wie er es nennt. Das ließe sich ja hören, aber Jahn selbst sucht etwas in seiner Eigenthiimlichkeit und geht in ihr bis zur Schrullenhaftigkeit. Er ändert z. B. das ganz gang und gäbe Wort„Redensart" in das unverständliche„Redniß", ohne alle Roth und ohne vernünftigen Grund. Ebenso sonderbar muß man es finden, wenn er die französischen Ortsiiamen Vau couleurs und Belle-Alliancc verdeutscht und verlangt, man dürfe sie nur Farbenthal und Schönebund nennen. Die Schweifen und die Sassen sind Jahns Ausdrücke für Nomade» und seßhafte Völker, und derartige Seltsamkeiten könnten wir massenhaft beibringen. Freilich thut es dem Kenner der älteren deutschen Sprache weh, zu sehen, daß eine ganze Menge guter, treffender deutscher Wörter in einen unverdienten Ruhestand versetzt worden sind, und jetzt nur noch im Dialekt oder in den gelehrten Wörter- büchern ein kümmerliches Dasein fristen. Dieses todt und nn- fruchtbar daliegende eigene Kapital ist thätsächlich durch unnöthige Anleihen„ausländischer Wörter" außer Thätigkeit gesetzt worden, und alles Borgen niacht Sorgen: auch das Wörterborgen*)! Trotzdem aber hat Jahn mit fteilich verhältnißmäßig wenigen Wortsormen durchzudringen vermocht: Volksthum, was er für „Nation" prägte, ist bräuchlich geworden, aber„Nation" ist da- neben noch ebenso kräftig im Schwang, ja die Wörter„Volks- thum" und volksthümlich haben sich im Gebrauche bereits in Bezug auf ihre Bedeutung von den entsprechenden Fremdwörtern entfernt und einen etivas anders gefärbten Begriff erhalten. Einige haben sich in Form und Bedeutung lebensfähig erwiesen, so Havelung(Archipelagus), so„Gefließe" für Stromsystem, das selbst die Erdkunde angenommen hat, und manches andere. Sa- sind die Turngeräthe und die Turnübungen fast alle deutsch: Reck, Barren, Ger, Ristgriff, Kammgriff,'Welle, Wippe, Wende, Kehre u. s. w. Mit Interesse lasen wir neulich in den Zeitungen, wie die Russen in Dünaburg sich über die deutschen Kommando- rufe der dortigen freiwilligen Feuerwehr aufhielten; diese Tochter- schöpfung der Turnerei hat von ihrer Mutter auch einen deutschen Zug überkommen. Leider begegnen wir bei denjenigen Männern, welche deutsche Gesinnung zu pflegen, deutsches Volksgefühl zu heben suchen, so oft, ja meist, zugleich dem Natiönaldünkel und der Sucht, beson- ders unseren gallischen Nachbarn in Bezug auf Moral etwas am Zeuge zu flicken. So bei Hölty: „Du lächelst Muse(Teutouiens) der gaukelnden Afterschivester, Die in den goldenen Sälen Luletiens*) Ihr Liedchen klimpert? Schande dem Sohne Teuts. Der» durstig trinket, weil e» Wollust Durch die entloderten Adern strömet! Kein deutscher Jüngling wähle das Mädchen sich, Das deutsche Lieder haßct, und Buhlersang Des Gallier» in ihrer Laute Tändelnde Silberaecordc tönet. Bewußt frei sich haltend vom Frcmdwörterballast dichtet der ächte Volksdichtcr Gottftied August Bürger, der nicht von „wenigen Edeln" verstanden und gelesen sein wollte, sondern vom ganze» Volke. Interessant ist auch folgende Stelle aus dem Schauspick„Die Jäger" von Jssland, wo der kerndeutsche, biedere Oberförster und der französisch gefirnißte Amtmann schon durch ihre Sprache gekennzeichnet werden: „Oberförster. Hand in Hand! alte deutsche Treue! Amtmann. Und reciprokes Verhältniß! amikable Be- Handlung! Oberförster. Alles, was ich Ehrliches vermag, ohne aus- ländische Worte vorauf! Amtmann. O, ich ästimire Sie so. Sehen Sie, Luxus- bedürsnisse aller Art sind gestiegen,— ich muß doch Figur machen" u. s. w. Selbst der inhaltlich und seinen Anschauungen nach sehr im üblen Sinne französische Kotzebue(17K1—1819) läßt eine Gräfin sagen, der ihr Buchhändler sich nicht getraut, deutsche Bücher zu schicken: „Die Zeiten sind vorbei, wo der deutsche Adel sich seiner Muttersprache schämte." Sie waren aber damals nicht vorbei und in den höchsten Kreisen sind sie heute noch nicht vorbei, wie sehr Jahn auch da- gegen wüthete, daß ein Fürst eine fremde Hofsprache Pftegen sollte iind nicht ausschließlich die Sprache seines Volkes. Selbstverständlich finden wir es, daß die Gelehrten, welche sich mit deutscher �Sprache beschäftigen, für sie eintreten, wie Hoffmann von Fallersleben, der auch Dichter war. „Treu bewahr' in deiner Mitte Vor dem wälschen Uebermuth Deine Sprach' und deine Sitte, Deiner Väter Gut und Blut." *) Das wird sich im nächsten Abschnitt zeigen.—**) Paris. 152 Von den neuesten ist auch Benedix zu erwähnen, der in seinem Lustspiel„Doktor Wespe" seinem Hönau, einein deutsch- gesinnten Manu folgende Worte in den Mund legt: „Es ist eine ungeheure Anmaßung von uns, daß wir uns noch unterstehen, deutsch zu sprechen! Doch seien Sie außer Sorge, wir geben uns neuerdings wieder soviel Mühe, unsere Sprache mit fremden Wörtern zu vermengen, daß das Restchen Deutsch bald zum Teufel sein wird." Dem Aehnliches hat übrigens ein Gelehrter, wie wir meinen, mit Unrecht, befürchtet, welcher allen Ernstes die Aufstellung niachte, daß unsere Sprache ganz zu einer romanischen werden möchte! Hiermit wollen wir unsere geschichtliche Betrachtung schließen. Ans Vollständigkeit kann und will sie keinen Anspruch machen: wir wollten nur die hauptsächlichsten Meilenzeiger auf der Straße der geschichtlichen Entwicklung der Fremdmörterfrage hervor- heben. (Fortsetzung folgt.) Betrachtungen über die Gesundheitspflege des VntKes. Von Dr. Sduart» Hleich. Einleitung. 1. Gesundheitspflege des Volkes! Eine absolute Unmöglichkeit ohne intellektuelle und moralische Bildung des Volkes, ohne ein gewisses Maß von Wohlstand! Bei den darbenden, überarbeiteten Personen ist Gesundheitspflege ein Wort ohne Inhalt; dieser Theil des Volkes ist leider von dem, was mau Schicksal nennt, was aber zumeist der Eigennutz und das Vorurthcil der gesammten Gesellschaft ist, dazu verurtheilt, nach den Normen der Gesund- heitspflege oder Hygieine nicht leben zu können. Der Mensch ist von dem Augenblicke seiner Geburt an bis zur Auflösung von zahllosen Schädlichkeiten bedroht; dieselben abzuwenden wird nicht immer leicht, weil viele noch nicht einmal bekannt sind und manche all' unsenn Scharfsinn spotten. Gesundheitspflege besteht wesentlich darin, die Schädlichkeiten ab- zuwenden und den Organismus normal zu erhalten. Der normale Zustand, die Gesundheit, bezieht sich nicht blos auf die rein körperliche Seite des Menschen, sondern auch auf die moralischen Kräfte und das gesellschaftliche Zusammenleben. Phpsische, moralische und soziale, mit einem Worte: die ganze Gesundheit hängt von unserem leiblichen, sittlichen und gesellschaft- lichen Benehmen ab, von unserer Arbeit, unserem Genuß, unserem Thun und Lassen, unserer gesammten Lebensführung. Ohne körperliches Wohlsein kein sittliches, kein gesellschaftliches, ohne sittliches und gesellschaftliches kein körperliches; das eine wird durch das andere bedingt, und weil dem so ist, muß eine wahre Gesundheitspflege umfassend sein, auf alle Theile des Volkslebens, auf alle Theile des persönlichen Daseins sich beziehen. Indem die Hygieine sich bcthätigt, werden Krankheiten ver- hütet. Je mehr Leiden verhütet, desto iveniger brauchen geheilt zu werden, desto größer ist die Freiheit des Volkes von der Tyrannei der Quacksalber, desto erfolgreicher das Wirken der guten Aerzte, der Hygieiniker, den noch vorhandenen und erschei- nenden Krankheiten ebenso, wie den Kranken gegenüber. 2. Zur Ausübung der Gesundheitspflege sind nicht blos Aerzte und die eigentlichen Hygieiniker berufen, sondern alle, das ganze Volk. Jeder einzelne soll nach den Grundsätzen moralischer und physischer Hygieine leben, und die Medizinalpcrsoncn sollen theils Anleitung hierzu geben und gute Lebensführung nach aller und jeder Richtung fördern, theils in Verbindung mit der bürgcr- lichen Obrigkeit durch gute Gesetze und deren gewissenhafte Aus- führung die dem einzelnen nicht zugänglichen Schädlichkeiten entfernen und den allgemeinen Gesundheitszustand erhalten. Damit aber ein jeder aus dem Volke befähigt sei, das Gute von dem Gefahrbringenden und Nachtheiligcn zu unterscheiden, dem Erkranken möglichst sicher zu entgehen, den eigenen Orga- nismus rein und normal zu erhalten und das Leben der Nach- kommen auf die beste und sicherste Grundlage zu stellen, ist es nöthig, ist es unbedingt erforderlich, schon in der Schule mit dem Unterricht in der Hygieine zu beginnen. Es darf jedoch diese Belehrung keine schulmeisterhafte, keine pedantische, sondern muß eine geniale und zugleich nach jeder Richtung hin praktische sein: die Gesundheitslehre für die Schule gehört in das Lesebuch. Alles, was für das ganze Leben dienen und dem Geiste des Kindes unverwischbar sich einprägen soll, muß in guter, in genialer, in liebenswürdiger, in schöner Form beigebracht iverden und in erhabener Form. Dergleichen haftet so fest, daß es keines Examens bedarf, um dessen Zncigenmachung sicherzustellen. Der Mensch ist eine Form und will in richtiger Form be- handelt sein. Ich glaube, die so bedeutende Erfolglosigkeit päda- gogischen Mühens auf Fehler der Form, welche die Pädagogen sich zu schulden kommen lassen, zurückführen zu sollen, und bin überzeugt, daß durch einen schulmeisterhaft ausgeführten Unter- richt in der Hygieine deren Erfolg weit weniger gesichert zu werden vermöchte, als durch die oben bezeichnete Art desselben. 3. Der Belehrung in der Schule soll jederzeit das ganze Leben in der Familie entsprechen. Was nützt aller hygieinische Unterricht, wenn innerhalb des Kreises der Familie täglich gegen die Hygieine gesündigt wird? Ohne ein ans gesunder Basis stehendes Familienleben demnach kein wahrer Erfolg der hygieinische« Lehre. Der Vater und die Mutter, sie sollen ihren Kindern mit dem guten Beispiele eines in jeder Beziehung normalen Lebens voranleuchten und so das in der Schule Gelehrte in jedem Augenblick verwirklichen; sie sollen Zucht in Sitten halten und Ordnung im Essen und Trinken, mäßig sein und liebenswürdig, leibliche und seelische Reinheit unablässig pflegen, und das Haus ebenso zu einer festen Burg machen, wie zu einem Tempel. Ist der Mensch dazu verurtheilt, in einer Höhle des Schmutzes zu wohnen, zu hungern, zu ftieren, böses Beispiel zu sehen und un Ozean der Roth von einer Welle zur andern geworfen zu werden, so kann keine Rede sein von Familienleben, und der in der Schule ertheilte Unterricht in der Hygieine wird entweder garnicht verstanden oder gibt zur Erbitterung des Armen und Nothleidenden gegen die Bessergestellten Anlaß. Je geordneter, besser, harmonischer das Familienleben und je nichr Verständniß der Eltern und Erzieher für die ganze Hygieine, desto größer natürlich der Erfolg der gesundheitlichen Belehrung in der Schule. Ergänzen Schule und Familie, Unter- richt und Erziehung sich in allen Stücken überhaupt, so ergänzen sie in Bezug auf Aneignung und Ausübung der Gesundheits- lehre sich insbesondere, und ein gutes Familienleben kommt mir vor wie der Fruchtboden, in welchem die durch die Schule ge- ; pflanzten Samen aufgehen und zu edlen Bäumen heranwachsen. 4. Die kommenden Geschlechter erblühen unter der Sorge, Liebe und Obhut der Frauen. Aus dieser Thatsache fließt, daß es ganz besonders darauf ankonimc, das weibliche Geschlecht für die Lehre und Praxis der Gesundheitspflege zu gewinnen. Es ist dies noch aus einem anderen Grunde äußerst uothwendig, sagen wir richtiger: unerläßlich. Ten gebildeten Theil der Gesellschaft in das Äuge gefaßt, kann man sagen, die Frauen seien die natürlichen und nächsten Pflegerinnen der Aesthetik. Nichts scheint mir vortrefflicher zu sein, als Hygieine und Aesthetik in ihrer praktischen Ausübung der Mutter zu überantworten; denn nur diese ist im Stande, das Schöne mit dem Gesunden, mit dem Wahren und Guten in Harmonie zu setzen und niittels der Hy- gieine die Aesthetik und mittels der Aesthetik die Hygieine zu fördern. Wie alles in der Welt, kann auch die Gesundheitspflege zu etwas Mechanischem, Schablonenhaftem, Geistlosem, ja ganz Verrücktem ausarten, wenn die wahre Lebeusphilosophie, der Mutterwitz, die Genialität, die Erziehung fehlt. Ohne diese großen Hütfs- und Besserungsmittel fördert die Sucht, den Leib zu pflegen und nach der Uhr zu leben, den Egoisinus, und dieser letztere macht daS größte Gift alles gesundlichen und sitt- lichen Bestehens, alles nornialen gesellschaftlichen Zusammen- lcbens aus. Darum bleibt aller hygieinische Schulunterricht ettvas wenig Fruchtbares ohne gute Erziehung und solche unmöglich olme edle Frauen und Biütter. Doch, ein derartiges Geschlecht von Weibern erblüht keineswegs in den Peusionaten, sondern ausschließlich nur innerhalb eines harmonischen Familienlebens unter Einfluß von Schulen, die naturgemäß bilden, ohne jemals zu übcrbilden, verfeinern, anstatt zu überfeinern, empfindsam machen, ohne jene krankhafte Empfindlichkeit zu nähren, welche das Grab alles Ur- sprünglicheu, aller Sittlichkeit und aller wahren Gesundheits- pflege ist. 5 Ein wohl erzogenes und hygieinisch belehrtes Volk ist die Boraussetzung jeder erfolgreichen Wirksamkeit der die Ausübung der Gesundheitspflege besorgenden Medizinalpersonen. Diese letzteren müssen, wenn sie überhaupt etwas Ordentliches leisten sollen, durchaus frei sein von Sorgen der Nahrung, müssen öffent liche Beamte und verpflichtet sein, jedem Menschen unentgeltlich mit Rath und Hülse beizustehen. In solchem Falle liegt es nicht mehr in deni Lebensinteresse der Aerzte, daß Menschen krank seien, sondern daß diese letzteren möglichst gesund seien, und der Gesundheitsbcamte wirkt mit aller Kraft dahin, daß Krankheiten verhütet, Krankheitskcimc zerstört, Wohlsein und Lebensfrische erhalten werden. Die größte Mehrzahl der Leiden entspringt aus Fehlern in dem leiblichen und sittlichen Verhalten der Persönlichkeit. Diese nngeeignete Lebensführung erschwert den Erfolg jeder Maßnahme der Gesundheitsbehörde, ja vernichtet oft genug von vorne herein alles Gute. Diese nngeeignete Lebensführung des Publikums fördert unter den jetzigen Verhältnissen sehr wesentlich den Schlendrian der Rezeptmacherci und das medizinische Handwer- kerthum. Gibt auch das Amt der Gesundheit Anregung und Befehl zn Entfernung der allgemeinen Schädlichkeiten, welche Gesundheit und Leben der Staatsbürger bedrohen, und der ärztliche Hygieini- ker oder der hygieinische Arzt Anleitung und Vorschrift'zu pas scnder Pflege der Gesundheit, so liegt es doch an dem Einzelnen, Verständniß für derartige Anordnungen zu besitzen und inil dem aus solchem entsprungenen Triebe, die letzteren getreu zn befolgen, erfüllt zu sein. In der Gesnndheltspslcge kann keiner von dem andern sich vertreten lassen, sondern es muß jeder selbst thätig sein und den Maßnahmen des Amtes der Hygicine ent gegenkommend sich fügen; mit anderen Worten: es muß jeder vernünftig leben und mit allen Klüften dahin arbeiten, daß auch der Mitbruder im Stande seft naturgemäß zu leben; denn ein Hungernder und Frierender, ein Unmäßiger und Lasterhafter ge fährdet, bedroht hundert wohl Lebende, Mäßige, Tugendhafte in ihrer leiblichen, sittlichen und gesellschaftlichen' Gesundheit. 6. Epldemieen und Seuchen, welche den Aerzten und Gesund heitsbehörden so harte Nüsse aufzuknacken geben, nehmen ihren Ursprung aus freiwilligem oder nicht freiwilligem unpassenden Verhalten der Bevölkerung. Allerdings haben diese Krankheiten auch ihren Grund in mannichfachen Verhältnissen des Erdbodens und der Gewässer, der Winde und des Wetters; allein bei voll- kommen gemndhcitsgcmäßem Verhalten der Menschen könnte keine Epidemie große Ausbreitung gewinnen. Mit Zunahme der Un- Wtssenhelt und Leidenschaftlichkeit, des Aberglaubens und der Gezstesroheit, des Elends und der Kraftlosigkeit erhöht sich die Starke und Ausbreitung der Epidenüeen, die Erfolglosigkeit der geinndheitspolizeilichen Maßnahmen, die Sterblichkeit der Menschen. Aus alle dem ergibt sich, daß es bei Verhütung und Ans- Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusainnlenstellung von Ilr. Mar Lraukl. (Forilezuiig.) Bevor wir zur Schilderung des Niger! an des schreiten, dessen Erforschung unstreitig die meisten Opfer gekostet hat, wolle» wir uns f den von Mohainedaueru bewohnten Norde» Afrika's, das millellaii- msfhe Küstenland, ansrhrn. Diese einst hochkultivirten Länder waren tilgung der seuchenartigen Krankheiten hauptsächlich auf die Ver- fassung, Befähigung und Lebensführung des Einzelnen ankommt, auf deren Verständniß für die Maßnahmen der Gesundheitsbe- Hörde und ebenso vernünftige wie energische Ausführung dieser Anordnungen. Je mehr der Mensch dem Elend verfallen ist, dem Jammer und Siechthmu, desto kleiner ist seine Thatkraft, sein Widerstands vernlögcn, seine Einsicht, desto weniger ist er im Staude, zu Vernichtung der Krankheitsursachen die Hand zu bieten. Der Kampf gegen die Seuchen beginnt also naturgemäß mit der Aus tilgung des Elends und der Verbesserung der körperlichen Eon stitution der Bevölkerung, insbesondere der armen und nothleiden- den Klassen. Hierzu gehört sehr viel und sehr wenig; zunächst aber Wen schenliebe und Einsicht. Diese beiden tilgen alle Barbarei aus Gesetz und Sitte, somit die größten Hemmnisse jeder normalen Entwicklung und die Momente, welche allen Seuchen und jeder Krankheit überhaupt in enormem Maße Vorschub leisten. 7. Tie Gesundheitsbehörde muß ihr Augenmerk auf alles richten, was mittelbar oder unmittelbar die leibliche und geistige Gesund- heit zu beeinträchtigen vermögend ist. Und wie ungemein viel gehört nicht in diese Kategorie! Daher ist es nöthig, daß der Rath der Gesundheit aus zahlreichen Organen bestehe, die allen Zweigen menschlicher Thätcgkeit angehören und durch das Band der allgemeinen und hygieiuischen Bildung mit einander verbun- den sind. Gesundheitspfleger von Fach, Aerzte, Lehrer, Staats- männer, Sicherheits- und Wohlfahrtsbcamtc, diese alle gehören in den Organismus der Gesundheitsbehörde. Oben lernten wir eine unerläßliche Loraussetzung jeder er- folgreichcn Wirksamkeit des Gesundheitsamtes kennen: ein gebil- dctes, von leiblichem und sittlichem Elend freies, normal lebendes Volk. Die andere, ebenso unerläßliche Voraussetzung ist, daß dem Amte der Gesundbeit nicht nur die anordnende, sondern auch die vollziehende Gewalt eigen sei. Ministerien der Gesundheit sind in gebildeten Ländern ganz ebenso nöthig, wie Ministerien der Landwirthschaft, der Marine und des Handels. Finden die lokalen Gesundheitsbehörden ihren Mittelpunkt in einem Ministerium,>vie ihren Obmcister in einem „Minister mit Brieftasche", so geht ihre Arbeit energisch und mit größerer Wahrscheinlichkeit guten Erfolges von statten. 8. Je nach der Stellung, welche der Mensch den äußeren Ein- flüssen gegenüber behauptet, je nach seinen ganzen persönlichen Verhältnissen, wie Alter, Geschlecht, Leibesverfassung, Tempera- mcnt, Komplexion, Lebensart und Beschästigungswcise, gesellschaftlicher Stellung, Religion, Besitz und ererbten Verhältnissen, — ist seine Art zu erkranken und damit auch die Art der Ge- sundheitspflege verschieden. Ein und dasselbe hygieinische Ver- halten, welches den Mann auf der Höhe des Lebens blühend macht, bringt den Greis unter die Erde; eine Nahrungsmeise, welche dem Tagelöhner ivohl thut, macht den Gelehrten krank,:c. Hier erwächst der Gesundheitspflege die Aufgabe, jeder Per- sönlichkeit, jeder Gruppe in der menschlichen Gesellschaft das Richtige und Ersprießliche zu rathen, damit alle normal erhalten werden und keiner verloren gehe; damit alle ihre natürliche Be- stimmung erreichen, jeder seine Aufgabe erfülle, und kräftige Ge- nerationen erzeugt werden, lvelche in dem Kampfe um das Bc stehen ausdaucrn und erstarken. Diesen Kampf immer mehr zu mäßigen, ist die Hunianität bemüht; aber, auch ungeachtet der besten Erfolge der letzteren, wird das Ringen um die Existenz niemals aufhören: nur werden dereinst die Menschen nicht mehr einander, sondern die Gewalten der Natur bekämpfen. (Forlsetzung folgt.) den Alten bis zu dem Atlasgcbirge bekannt. Römische Schriftsteller melden, daß neunzehn Jahre vor Christi Geburt der Heerführer Cor- nelius B albus von Gades aus tief in die Sahara drang und die Hauptstädte der Garamanten, Cidanus und Garama(heute Ghadames und Tjerma) eroberte. An der Nordgrenze von Fesan, im Wadi Gherdi, endcckte Oudney ein römisches, von Barth wieder aufgesundenes Grab- mal(27. Grad nördlicher Lrcile), das sudlichste Denkmal römischer Weltherrschaft. Was der Fanatismus des Islams in de» Atlasläu- «v. 13. 1880. der» nicht zerstört hat, haben die Afrikacrforscher Tchaw, Jackson, Greenville, Kennedy, Peyssonet, Dessontaines, Renou, Duveyricr, Wagner, Zill und Freiherr von Malzan geschildert. Wie schon im ersten Artikel erwähnt, nahmen viele Forscher ihren Aus- gang von Tripolis. Äon England und Preußen ausgerüstet, traten auch Barth und Overweg unter Richardsons Leitung 1849 ihre berühmte Reise hier an und erreichten über Fesan, Rhat und das bis dahin unbekannte Gebirgsland Asben glücklich den Sudln(Nigerland). Richardson, dann Overweg starben in der Nähe von Kuka, am Tschadsee (12. Grad nördlicher Breite), nur Barth kehrte nach S>/, Jahren glück- lich nach Tripolis und von da in die Heimath zurück. Er hat weite Länderstrecken Jnnerafrika's, neue Reiche und Völker der Welt er- schlössen. Die Strapazen, welche Rohlfs und Dr. Strecker in dieser Gegend(September 1879) durchmachten, übersteigen die kühnsten Phan- tasieen eines Romanschriftstellers. Die Entfernung von Batifal nach Taiserbo beträgt 220 englische Meilen. Batifal ist der südlichste Brunnen Cyrenaikas und Taiserbo die nördlichste Oase Kufrahs. Aus dieser ganzen Strecke ist nirgends Wasser. Rohlss und Dr. Strecker brauchten, um sie zu durchmesse», nur 198 Stunden, also kontinuirlich vier Tage und vier Nächte und 12 Stunden. An Schlafen konnte da- bei garnicht gedacht werden, und wenn Rohlfs auch ein Pferd zur Verfügung hatte, so konnte dasselbe doch nicht gewechselt werden. Menschen und Thiere waren Tag und Nacht in Bewegung und mußten es, weil sonst die Karawane an Wassermangel zu Grunde gegangen wäre. Hier heißt es ankommen oder verschmachten. Ihr in Schläuchen mitgenommenes Wasser hatte schon am zweiten Tage einen fauligen Geruch und bei der fortwährenden Verfolgung durch die Berber war ans Abkochen auch nicht zu denken. In welchem Zustande die Reisen- den in Tripolis ankamen, kann man sich denken, aber sie kamen an. Weniger glücklich sollte Vogel aus Leipzig sein, der Barths Forschungen weiter fortsetzte. Er wurde zu Wara in Wadai am 8. Februar 1856 ermordet. Selbst sein Märtyrertod sollte der Wissen- schaft nützen. Die Aufgabe, seinen lange bezweifelten Tod festzustellen, veranlaßte außer der Heuglin'schen Expedition auch die Unternehmungen Beurmanns und Gerhard Rohlss. Moritz von Beurmann landete 1862 in Bengasi; aber weder von Audschila noch von Mursuk und Wan aus gelang es ihm, die direkte Route nach Wadai sich zu öffnen, um Vogels Tod festzustellen. Er ging dann noch über Bilma nach Kuka, besuchte Jakoba und wurde bei seinem Eintritt in das Reich Wadai in Mao nordöstlich vom Tschadsee im Februar 1863 er- schlagen. An Kühnheit und Ausdauer ihm gleich, doch an Ersahrung überlegen, ist Gerhard Rohlss, dessen Ausplünderung wir im ersten Artikel schilderten. Als französischer Soldat in Algerien mit arabischer Sprache und den Sitten des Islam bekannt geworden, durchstreifte er von Tanger aus ganz Marokko, kam 1861 bis zu der südlichsten Oase Tafilct und versuchte zwei Jahre später erfolglos von Algerien nach Tschimbuktu vorzudringen. Dagegen drang er, der erste Europäer in arabischer Kleidung, über die Schncegebirgc des Hohen Atlas über Tafilet bis Tuat. Ein im Nigcrgebiet ausgebrochencr Krieg veranlaßte ihn, statt nach Tschimbuktu über Gadames nach Tripolis und von da »ach Deutschland zu reisen. Einige Monate später war er schon wie- der in Gadames und da ihm über Mursuk der Eintritt in das Land Wadai nicht gestattet wurde, wendete er sich westlich nach Kuka, über- schritt den Niger und drang bei Lagos bis zur Küste des Atlantische» Oceans. Rohlfs hatte somit den afrikanischen Kontinent seiner Bre-te nach durchmessen, was außer ihm, in anderen Regionen Afrika's, unter den Neueren nur noch Livingstone, Speke und Stanley gelungen ist. Die Alterthumskunde verdankt ihm außerdem treffliche Detailkarten der Lybischen Wüste, der Äyrenaika und der Jupiter-Amnions-Oase. Mit Geschenken des Königs von Preußen an den Sultan Omar von Bornu betraut(1869), eine Mission, die sich Iv Jahre später nach Wadai wiederholte und für ihn so verhängnißvoll wurde, übergab er dieselben dem Forscher Nachtigal, der mit der schon erwähnten muthigen Hol- ländcrin Alcxandrine Tinne nach Süden aufbrach. Der zur Schau getragene Reich thum der Dame weckte die Raublust der Tuarck, welcher sie unweit Mursuk im Juni 1869 erlag. Nachtigal entkam in das den Europäern bisher unbekannte Land und übergab, halb verschmachtet, in Kuka dem Sultan seine Geschenke. Zwei Jahre lang schlug er sich unter Entbehrungen aller Art mit dem schwarzen Gesindel um den Tschadsee herum. Dieser gefährlichen Irrfahrt verdanken wir die Kenntniß der um den Tschadsee gelegenen Landschaften Borku, Bodelc und Bagirmi und des nordöstlichen Abflusses des Tschadsees, des Bahr el Ghasal. Kehren wir nach der erläuternden Einleitung zu dem zweiten Distrikt, dem Nigergcbiet, zurück. Das Flußgebiet des Niger, von dem man bis vor kurzem weder den Ursprung noch die Mündung kannte, ist ein wahrer Kirchhof für die Afrikareisenden. Tie Afrika- irische Geiellschafl in London hat die Erforschung Sudüns von allen Richtungen her in Angriff genommen. Im Austrage der Gesellschaft drangen Lucas von Tripolis, Ledyard von Nubien und Houghton vom Gambia ins Innere des Landes, wobei alle Drei umkamen. Ter Schotte Mungo Park war aiisänglich glücklicher, ohne jedoch dem Schicksal seiner Vorgänger zu entrinnen. Unter namenlosen Beschwer- den und Gefahren erreichte er vom Gambia aus 1795 den Niger in Bambarra und rettete sich, krank und wie ein Bettler abgerissen, zu den Mandingo zurück, von wo ihn ein Sklavenhändler 1797 zinn ;4— Gambia geleitete. Noch einmal drang er von da, aufs neue ausge- rüstet, durch unwegsames Gebirgsland zum Niger vor, aber von 43 Begleitern brachte er nur acht krank und entkräftet an den Strom. Auf einem Boote, welches er selbst gebaut, trat er die verhängnißvolle Stromfahrt am 19. August 1805 an. Nach vergeblichen Versuchen, sich mit den Anwohnern friedlich zu verständigen, begannen die An- griffe der Tuarek von Kabara unterhalb Tschimbuktu. Zuletzt allein im heldenmüthigcn Widerstände, fuhr Mungo Park den Strom hinab, um nahe am Ziele bei Bussa ein ruhmvolles Ende zu finden. Die nächsten Opfer, welche die Erforschung des Niger erforderte, waren die drei deutschen Reisenden Hornemann, Seetzen und Röntgen. Das Schicksal scheint die Franzosen zu den zukünftigen Herren des nordwestlichen Afrika's bestimmt zu haben, weil es einestheils ihre Kolonien am Senegal und in Algerien gedeihlich unterstützt, andern- theils aber ihren Forschern die Wege zu wichtigen Entdeckungen ebnet. Ten Kreuz- und Querzügen in Senegambien(1818) des Franzosen Mollicn verdanken wir die Kenntniß der Quellen des Senegal, Gam- bia und Rio Grande. Während die Engländer Ritchie, Oudney, Clapperton, Denham und Laing auf der Reise nach Tjchimbukl» dem mörderischen Klima erlagen, war es einem Franzosen, Namens Rene Cailliö, beschieden, das heißerschnte Ziel als schutzloser Aben- teurer im Bettlergewande zu erreichen. Die zünftigen Gelehrten Eng- lands haben ihn zwar als Aufschneider und Lügner verschrieen, aber die Folgezeit hat seine Glaubwürdigkeit unwidersprechlich erwiesen. Einem anderen Abenteurer, Namens Richard Lander, einem Diener des Naturforschers Clapperton, gelang es. ohne jegliche Ausrüstung das von Mungo Park vergeblich erstrebte Ziel zu erreichen. In Begleitung seines Bruders John drang derselbe von Badlagri an der Sklavenküste aus zum Niger nach Bussa vor und verfolgte glücklich den Strom bis zu seiner Mündung. Durch Lösung dieses Problems, mit dem sich schon die Araber und Portugiesen beschäftigt haben, wur den die Userländcr des Niger mit einem Schlage ausgeschlossen, weil dadurch die Einfahrt der Schiffe vom Meerbusen von Guinea in den Niger ermöglicht wurde. Der unerschrockene Richard Lander war auch der erste, der im Jahre 1832 im Dampsboot mit dem Kapitän Laird den Niger stromaufwärts fuhr. Oldsield und Allens setzten zu Wasser und zu Lande die Erforschung des Nigerstromgebietes fort und letzterer wollte sogar, um die Schrecken des Sklavenhandels zu mildern, am unteren Niger eine Ansiedelung freier Neger gründen, aber Sumps fieber, denen Weiße wie Neger erlagen, wurden Ursache, daß dos menschenfreundliche Unternehmen mißlang. Der Würgengel des asri- kanischen Sumpfes machte auch dem vielbcwcgien Leben des Richard Lander ein Ende. Auf der Insel Fernando Po bat man ihn nebe» den deutschen Naturforscher Vogel gebettet. Der Rest der Expedition drang im Jahre 1854 unter Baikie's Leitung auf einem Nebenfluß des Niger, Benue genannt, in das Land Tschadda und erreichte hier die Stadt Jola, den südlichen Endpunkt der Barth'schcn Reise in Adam aua. Hier sind sie verschollen. Da nun bereits ein Viertcljahrhundert ohne jegliche Nachricht von ihnen verstrichen ist, darf man sie wohl kaum mehr unter den Lebenden suchen. Am ober» Niger und in de» westlich und nördlich davon liegende» Ländern waren die Franzosen, wie ichvn oben bemerkt, glücklicher in oll ihten Unternehmungen. Rohls's Untcrsuchuugen in Marokko und Cailliö's Ausschlüsse im Berber-« lande Assauat vervollständigten der Franzose Leopold Panet(1852) und der Marokkaner Sibu Moghaad(1861). Die im Jahre 1697 von Ambrosius Brun am Senegal gegründeten Kolonien suchte Frank- reich nicht zu vergrößern, wohl aber zu konsolidire». Von Senegal»- bien aus, wo sich von Jahr zu Jahr Frankreichs Handelsverbindungen erweiterten, haben der Marinelieutenant Lambert(1860) das Land Futah Dschallon und die Schiffsärzte Möge und Quintin(1863— 1866) das Nigcrgebiet von Sansanding bis Segu erforscht, ohne indessen Tschimbuktu erreichen zu können. Der Niger, dessen meilenbreites Delta(die Schlammbarre an der Mündung) durch kartographische Aufnahmen französischer Marineoffiziere vollständig bekannt geworden ist, erschließt sich dem Handel mehr und inehr, wogegen der klimatischen Verhältnisse wegen an eine Festsetzung der europäischen Kultur in diesen Sumpfgegenden vorderhand nicht zu denken ist. Günstiger gestaltet sich die Sache am oberen Niger, wie uns Winwood Readc berichtet, der 1869 bis Farabana, ein Dorf knapp vor den Nigerquellen, drang. Somit waren die Nigerquellen noch nicht entdeckt. Während wir dieses schreiben, kommt eine hochbedeutsame Nachricht. Wie eine am 12. Novem- der in Marseille eingetroffene Depesche aus Sierra Leone anzeigt, haben die Herren Zweifel und Moasticr, Repräsentanten des Mar- seiller Handlungshauses Vcrmink, im Lause des September die Quel->> len des Niger erreicht, jenes Hauptstromes des westlichen Sudan, dessen Wiege bisher in den nördlichen Abhängen des Conggebirges ver- borgen geblieben und von vielen Reisenden, so namentlich von dem � Franzosen Caillie und den Engländern Laing und Winwood Reade vergebens gesucht worden war. Auf Veranlassung ihres Prinzipals Vermink zogen die Herren Zweifel und Moustier von Sierra Leone (eine französische Faktorei am Atlantischen Ozean unter dem 9. Grad nördlicher Breite) den Nokcllafluß entlang zum Fuße des Conggebirges, erwirkten von der kriegerischen Bevölkerung dieser Gegend, welche bis- her stets die Weißen von ihren Bergen zurückgewiesen hatten, die Er- laubniß, die Gebirgskette zu überschreiten und besuchten ohne weitere Anfechtung die drei Quellen, aus welchen die Bäche entspringen, die sich später zu dem Niger vereinigen. Der erste Brief, der von Zweifel und Mousticr eintraf, war vom 27. Juli 1870 aus Bumba, der Hauptstadt von Limbah, datirt. Bemerkenswerth ist, daß, während vor zehn Jahren Winwood Reade die Länder Lekka und Limbah noch von dich- tem Urwalde bedeckt fand, jetzt dieselben nur wenig Wald und nur hier und da noch einige stattliche Bäume zeigen, im ganzen aber in Step- Pen verwandelt sind, weil die Eingebornen die Bäume niederhauen, um Palmöl zu gewinnen.(Also auch hier schon Waldverwüstung mit ihren fvätere Generationen bedrohenden Folgen). Dagegen fanden die französischen Reisenden ans ihrem Pfade taufende von jungen Palmen, die noch keine Aeste tragen; es bestand dort ein Gesetz, daß jeder, der einen jungen Palmbaum abschneidet, zum Sklaven gemacht wird. Am 16. August trafen die Reisenden in Falabah, der Hauptstadt des Königs Sikoa, ein und wurden gastlich ausgenommen. Am Tage daraus hörten Zweifel und Moustier, daß das große Wasser Djoliba(Niger) zwischen dem Lomah und einem andern Berge durchbreche und daß seine drei Quellen zwei Tagemärsche von letzterem Berge lägen, sich in einem Teiche vereinigten und dem Djoliba zuströmten. Die Reisende» wur den vom König Sikoa mit einem Führer versehen und zu den Koran kos des Lomah begleitet. Ihr letztes Schreiben ist vom 3. Oktober und meldet nur kurz die harten Strapazen, die sie durchzumachen hatten. Wir führen folgende Stelle wörtlich aus dem Berichte an, den der Geograph Reclus in der„Republique sran<.'aise" veröffentlicht:„Aus dem Südabhange des Berges Lomah und der denselben begleitende» Höhen konnten sie indeß die Lage der Quellen des Karamanka und des Roquelle, die sich ins Atlantische Mee» ergießen und von denen letzterer an seiner Mündung Freetown aus Sierra Leone netzt, sehen. Sodann die Kette überschreitend, folgten sie dem nördlichen Abhänge von West nach Ost, kamen aber in mehrere Zuflüsse des oberen Niger und wären in einem derselben, dem Faliko, säst ertrunken. Endlich, zu Ansang Oktober, gelangten sie an ihr Ziel." Es folgt nun die Angabe von der Lage der Quellen bei dem Dorfe Kulako. Die Rei- senden hatten von Platzregen und den üblichen Raubansällen und Er- Pressungen der Eingebornen schwer zu leiden, und sie wurden durch einen Kriegszug der Somgaras gezwungen, den Plan weiteren Bordringens auszugeben und erreichten nur deshalb Sierra Leone unge- sährdet, weil sie ohne Gepäck reisten. Wieder ein Beweis, daß das schlichte Auftreten in Afrika die Erforschung mehr wie alles andere fördert. Der geniale Erbauer des Suezkanals, jener Wasserader, die hie Landenge zwischen Asien und Afrika durchschneidet und tausende von Seemeilen zwischen Europa und Ostindien erspart, der alte uner- müdliche Leffeps, hat Vermessungen in der Wüste Sahara vorgenom- men und dadurch in Erfahrung gebracht, daß das Gebiet zwischen der Oase Tafilet und der Stadt Ghadames unter dem Meeresspiegel liegt. Ilm nun diese Sandwüsten der Berberei, welche die französisch-afrika- nische Provinz Algerien von den französischen Kolonien am Senegal trennen, urbar zu machen, will man eine» Kanal durch die Schluchten des kleinen Atlas graben und die unter dem Niveau des Meeres lie- g enden Landestheile unter Wasser setzen. Das verdampfende Wasser, glaubt man, würde als feuchter Niederschlag den Pflanzenwuchs der Wüste befördern. Man strebt aber noch aus andere Weise die Bereinigung der Senegal- und Algier-Kolonie», und zwar durch eine Eisen bahn, an. Der französische Minister der öffentlichen Bauten, Freycinet, hat der Deputirtenkammer in Paris ein Gesetz um Botirung von 6 OOOOOO Francs zum Behuse von Borarbeiten für eine Eisenbahn von Blidah-Medeah in Algier durch die Sahara nach St. Louis am At- lantischen Meer vorgelegt. Tie der Türkei nur locker angegliederten Barbareskenstaaten Marokko, Tunis, Tripolis und Aegypten werden nach dem Zusammenbruch des osmanischen Thrones in Konstantinopel herrenloses Gut, das demjenigen zufällt, der sich darum bemüht. Nach dem brutalen Gesetz der logischen Nothwendigkeit muß England, das sich bereits Gibraltars, Maltas und Cyperns beniächtigt hat, die Hand nach Aegypten ausstrecken. Da nun Spaniens und Italiens Wünsche nach dem Rest nicht berücksichtigt werden und Deutschland in Afrika keinen Besitz anstrebt', so ist aller Wahrscheinlichkeit nach Frankreich der lachende Erbe des kranken Mannes von Stambul. An die Bildung von unabhängigen Staaten ohne europäische Bormundschaft ist bei den verrotteten Zuständen Nordasrika's nicht zu denken. Somit haben unsere Nachkommen die Entstehung eines afrikanischen Indien, aber auch den Lneg der Bildung über die rohe Gewalt zu gewärtigen. (Fortsetzung folgt.) '.Tics unter der Erd'." ...®'e'ro ftöingteich Sachsen in einem fruchtbaren, von sanften an*ll um!cÖ'c"�ne" s(, sogenannten Schwanfelde, an der Mulde gelegene Stadt �Zwickau erreichte zufolge ihrer vortheilhasten Lage an der grvyen, Sud- und Norddeutschland verbindenden Handels- straße von Nürnberg nach Leipzig bereits im frühen Mittelalter als Handels, und Gewerbstadt eine hohe Blüthe. Noch früher unter den nächsten Nachfolgern Kaiser Heinrichs des Städteerbauers', besaß sie sogar eine Zeitlang den Rang und die Vorrechte einer freien Reichs- stadt. Seit dem sechzehnten Jahrhundert aber verminderte sich ihr Dohlstand und ihre Bedeutung und sie sank zu einer Kleinstadt von 60vl) Einwohnern herab, bis vor einem halben Jahrhundert etwa der Kvhlenbau in den»niliegende« Bezirken einen ungeahnten Ausschwung nahm, durch die Wohlseilheit dieses Feuerungsmaterials industrielle llnternehmungen herbeigelockt wurden und die Einivohnerzahl eine so rapide Steigerung erfuhr, daß die Stadt gegenwärtig ca. 26 0011 Bewohner zählt. Die vielen Dampfessen des zwickauer Bassins machen den Fremden schon von weitem auf die rege und ausgebreitete Thätigkeit aufmerksam, die hier unter der Erde herrscht. Der zwickauer Steinkohlenbau ist wahrscheinlich einer der ältesten in ganz Deutschland; es bedurfte jedoch Jahrhunderte, bevor er sich in so großartiger Weise entwickelte, wie er letzt betrieben wird. Vornehmlich wurde er früher durch die im Jahre 1520 erlassenen, dann mehrfach erneuerten, abgeänderten und ergänzten Kohlenordnungen gehemmt, welche die ungemein lästige Reiheladung zur Vorschrift machten. Zufolge dieser Vorschrift nämlich durste eine Grube eine von ihr geförderte bestimmte Menge Kohlen nicht eher ver- kaufen, als bis die Reihe an sie kam und der Vorrath der vorher- gehenden Gruben abgesetzt war. Die Aufhebung dieser Beschränkung im Jahre 1823 hatte eine außerordentliche Beschleunigung des Stein- kohlenbaubetriebs und eine bedeutend vermehrte Förderung des Heizmaterials zur Folge. Im Jahre 1826 nahm die Anwendung der Dampfmaschinen ihren Ansang, 1837 dehnte sich der Kohlenbau bis in das Weichbild der Stadt selbst aus, und es bildete sich eine Anzahl Aktiengesellschaften, darunter als die bedeutendsten der im genannten Jahre ins Leben getretene„Zwickauer Steinkohlenbauverein" und die Bürgergewerkschaft, welche die Kohlen erbohrten, und während im Jahre 1820 im zwickauer Steinkohlenreviere nur erst 65 000 Scheffel gewonnen worden waren, belies sich 1863 die Zahl der zutage geförderten Scheffel auf 14 Millionen. Und dabei ist wohl zu beachten, daß der zwickauer Kohlenbezirk, welcher die Feldmarken von Zwickau und den Dörfern Planitz, Bockwa, Oberhohndorf, Reinsdorf, Schedewitz, Neudörfel und Marienthal umfaßt, nur etwa der 200ste Theil des ge- sammten deutschen Steinkohlengebiets ist; ja, er ist nicht einmal so groß, wie der würschnitzer, denn er hat nur etwa 2300 Acker oder gegen>/« Quadratmeile, übertrifft diesen aber bei weitem au Bede» tung, weil einestheils das zwickauer Terrain viel vollständiger aus- geschloffen und deshalb hier nur wirklich ergiebiges, bauwürdiges Kohlenfeld bezirkt ist und weil andrerseits seine Flötze viel mächtiger, d. h. reicher an Kohlen sind, als die des würschnitzer Bassins. Die größte Mächtigkeit besitzt der brllckenberger Schacht, dessen sieben Flötze über 50 Fuß mächtig sind und dadurch die größten Kohlenschätze be- sitze», die man überhaupt bis jetzt auf einem einzelnen Werk in Sachsen vorgefunden hat. Die Zahl der um Zwickau gelegenen Schachte beläuft sich auf 128; ihre Tiefe nimmt zu, je mehr sie sich der Tiefe des Bassins nähern, sodaß bei Planitz und Bockwa die Kohlenflötze der Oberfläche am nächsten liegen, während sie am brückenberger Werk in eine Tiefe von 2000—2500 Fuß hinabgehen. Die Leistungsfähigkeit der einzelneu Schächte hängt natürlich davon ab, ob man sich beim Betrieb der Menschenhände oder der Dampfmaschinen bedient. So fördert zum Beispiel ein nicht zu tiefer, sogenannter Haspelschacht täglich nur mij Mühe 180 Eentner, während die größeren Maschinenschächte aus 1000 Fuß Tiefe täglich deren 4000 und mehr herausschaffen. Tie Handförderung weicht denn in der That auch immer mehr dem Be- triebe durch Maschinen. Im Jahre 1866 schon arbeiteten im zwickauer Kohlenbezirke 37 Dampfmaschinen von zusammen 3320 Pserdekcästen, gegen 5400 Arbeiter und 270 Beamte. Die stärksten Maschinen werden indeß nicht zur Kohlensördernng, sondern vielmehr zur Bewältigung der Grubenwasser gebraucht, zu welchem Zwecke an zmeidrittel der ganzen Maschinenkrast erfordert werden. In den bockwa-oberhohndorfer Gruben mußte infolge der im Jahre 1858 stattgefundenen lieber- schwemmung eine Dampfmaschine von 225 Pferdekräften nahezu ein Jahr arbeiten, damit das eingedrungene Wasser beseitigt wurde, ob- gleich dieselbe in jeder Minute 160 Kubikfuß Wasser aus einer Tiefe von 500 Fuß hob; im brückenberger Werke ist eine Maschine von 2'-0 Pserdekrästen thätig, um den Zudrang des Wassers zu verhindern. Ter Kohlenbau verzehrt demnach selbst wieder einen nicht unbeträchtlichen Theil der gewonnenen Kohlen. Erwähnung verdienen schließlich die in der Zwickauer Gegend vor- handenen unterirdischen Steinkohlenbrände. Der eine derselbe», welcher im Bockwaer Kommunwalde begonnen hat und nachdem er viele Millionen Centner Kohlen verzehrt hatte, im Laufe des sechszehnten Jahr- Hunderts, weil das Ende des von ihm ergriffenen Flötzes unter Wasser ging, wieder erlosch, soll nach M. Petri Albini meißnischer Berg Chronik schon im Jahre 1505 dadurch entstanden sein, daß ein Bürger aus Zwickau in dem genannten Walde Füchse aus ihrem Baue habe ausbrennen wollen, wodurch der Wald in Brand gerathen sei und dieser das Kohlenflötz ergriffen habe. Der andere, noch gegenwärtig andauernde Erdbrand bei Planitz wurde wahrscheinlich im dreißigjährigen Kriege durch den Muthwilleu kaiserlicher Soldaten veranlaßt. Alle, zum Theil sehr kostspieligen Versuche, das Feuer zu löschen, sind bis jetzt ohne Erfolg geblieben; jetzt bemüht man sich, einer weiteren Ausbreitung des Brandes dadurch vorzubeugen, daß man so viel wie möglich reine Luft hinzutreten läßt und, um dem Brande die Nahrung zu entziehen, das Flötz hinter demselben abbaut. Durch alte Baue, Klüfte und Risse steigt nicht selten der Dampf aus der Erde, die sich an sol che» Stellen heiß erhält und auch im härtesten Winter keinen Schnee daraus liegen läßt. Das Gras grünt daher, während es im Sommer nur sehr schlecht und spärlicki auszukeimen vermag. daselbst im Winter sehr üppig, und die Vögel geben die Winterreise auf, weil sie hier stets Nahrung finden. Ter praktische Mensch hat auch diesen Umstand' benutzt, indem aus dem Rittergute Planitz die Wärme des Bodens zur L 156 Heizung vvn Treibhäujer» dient, in denen seltene, besonders tropische Pflanzen gezogen werden und südliche Früchte in vorzüglicher Güte zur Reise gelangen. Die größten Brände fanden in den Jahren 1663 bis 1675, 1703, 1751, 1758, 1766, 1767, 1800 bis 1812 und 1824 statt. Seit 1861 besitzt Zwickau eine Bergschule, welche zur Bildung guter Steiger dient, und für die Kranken und Invaliden besteht bei jedem Kohlenbauvereine eine Knappschastskasse. Leider sind diese Knapp- schastskassen zum theil jetzt nicht mehr im Stande, ihre statutengemäßen Bcrpflichtungen zu erfüllen, weil einestheils die Zahl der Invaliden in den letzten Jahren eine rapide Zunahme erfahren hat und andern- theils im Anfang der siebenziger Jahre die Pcnsionsbeträge gesteigert wurden, ohne daß diese Steigerung durch eine Erhöhung dre Beiträge der Arbeiter und der Werke wieder ausgeglichen worden wäre. Man ist schließlich gcnöthigt gewesen, zur großen Beunruhigung der Betheilig- len und zum Verdruß der betreffenden Gemeinden, denen die nunmehr nur noch ungenügend unterstützten Invaliden schließlich zur Last falle», bei der größten dieser Knappschastskassen, der Bockwa-Oberhohndorser, eine Herabsetzung der von ihr zu zahlenden Pensionsbeiträge aus die Hälfte eintreten zu lassen. Diese Thatsachen haben vor kurzem erst, am 27. November d. I., in der Zweiten Kammer des sächsischen Land- tags eine Interpellation und darauf folgende längere Debatte hervor- gerufen. Wenige Tage später trat die schreckliche Katastrophe ein, welche, wie die am 2. August 1869 in den Gruben Gottes Segen und Hoff- nung bei Potschappel im Plauen'schen Grunde stattgefundene, der 274 Menschenleben zum Opfer fielen, alle Gemüther aufs tiefste erschüttert, und deren traurige Kunde inzwischen der Telegraph verbreitet hat: am l. Dcbr. abends 10'/« Uhr wurde die Belegschaft des zweiten Brücken- bergschachlcS, welche um 6 Uhr abends angefahren war, von einer ge- waltigen Explosion schlagender Wetter getroffen und zu ihrem größten Theil getödtet.— Schlagende Wetter, um dem Unkundigen gleich diese Bezeichnung zu erklären, sind Explosionen des sogenannten Gru- bengascs, bestehend aus Kohlenstoff und Wasserstoff vermengt mit nimosphärischer Lust; nicht aber immer explodirt das Gas. Uebcrsteigt die Beimengung des Grubengases nämlich den achten Theil des Luft- guantums, so erlischt die Flamme, beträgt aber die Beimengung ein Trittel und weniger, so findet eine Explosion statt, sobald das Gas init einer Flamme in Berührung koninit. Am heftigsten sind die Wetter, wenn die Beimengung ziemlich genau ein Drittel beträgt. Sie hinterlassen eine stark mit Kohlensäure geschwängerte Luft, wovon ge- wöhnlich ein einziger Athemzug genügt, um den Tod herbeizusühren. Wer den Tod nicht sosort durch die Explosion selbst findet, erstickt in den nächsten Sekunden durch den Nachschwaden. Nur die an entfernteren mit den Schächten in Verbindung stehenden Oertern arbeitenden Bergleute können mit dem Leben davon kommen. Das beste Mittel gegen schlagende Wetter besteht in einer guten Wetterführung(Venti- lalio»), die aber nicht immer, und zwar besonders bei bedeutenden 'Tiefen nicht leicht zu bewerkstelligen sein wird.(Schluß folgt.) Weihnachten ans dem Hohen Twiel.(Bild Seite 148 und 149.) Das Jahr ist lang und zählt der Tage viel, in denen man sich sreuiidlichcs erweisen kann, aber der Deutschen Sinnesart will auch dafür einen Tag vorgeschrieben haben, darum ist bei ihnen vor an- derem Volk die Sitte der Bescheerung eingeführt. Das gute Herz hat sein besonderes Landreckt. Mit diesen Worten leitet Scheffel die an- muthige Schilderung der Weihnachtsfeier auf dem Hohen Twiel iu seinem geschichtlichen Roman„Ekkehard" ein, dessen kurzgefaßten In- halt wir den Lesern der„Neuen Welt" in Nr. 42 des Jahrganges 1879 mitgctheilt haben. Dieses köstliche Zeitbild jener barbarischen Epoche gibt uns eine verständlichere Anschauung der spärlichen Kultur- keime als manches dicke Handbuch gelehrter Forschungsresultate, weil es dem Dichter gelang, unsere Borfahren im 10. Jahrhundert uns nicht nur nienschlich, soickern gemüthlich nahe zu bringen. Ein eigen- Ihümlich trauliches Gefühl überschleicht uns besonders, wenn wir in ihren Gebräuchen das gleiche Wesen wie in unser» eigenen entdecken. Wir empfinden, daß wir Enkel jener Geschlechter, wenn wir die Be- wohner des Hohen Twiel, wie sie unser Bild darstellt, am Weihnachtsfeste in gleicher Weise von den Gefühlen der Liebe und Zusammengehörigkeit mit erfüllk sehen, wie sie uns Moderne an diesem Fest ergreisen. Znr Erklärung unseres Bildes wollen wir die betreffende Abtheilung aus Scheffels„Ekkehard" herausgreifen!„Da schreibt Ekle- hard nach St. Gallen an Bruder Folkart und dieser sendet ihm Per- gamcnt, Farben und Pinsel und köstliche Tinte. Und als Festgejchenk sür die Herzogin schreibt er nach vielen Versuchen, die von der Er- schaffung der Welt ihren Ausgang nehmen, ein schlichtgefälliges Gedicht nieder, worinneu er erzählt, daß Virgilius ihm in seiner Thurmein- samkeit erschienen sei, erfreut darüber, daß in deutschen Landen seine Gesänge sorllcbte», der hohen Frau dankend, die seiner pflege. Und dazu malt er iu der strengen Weise Folkarts ein Bild� die Herzogin mit Krone und Szepter, aus hohem Throne sitzend, Virgilius mit Ekkehard, ihr huldigend gegenüber. Sich selbst malt er kleiner als den großen Dichter der Römer, die Herzogin zwei Finger breit höher als diesen. Damit er den richtigen Faltenwurf in der Herzogin Gewand treffe, steht ihm die schelmische Griechin Praxedis Modell. Das alles geschieht, wie es sich bei Weihnachtsbeschcerungen gebührt, im Geheimen. Mittlerweile schaltet Frau Hadwig, die Schwabenherzogin, in der Küche unter den dienenden Mägden, Mehl und Honig anstheilend und die Backung der Lebkuchen anordnend. Im Frauensaal aber ist die Grammatik« und Virgils Beneide für einige Zeit beiseite gelegt, da wird genäht und gestickt, Knäuel von Goldfäden und schwarzer Seide liegen umher, und der nichts ahnende Ekkehard, als er einstmals unvermerkt eintritt, wird von Praxedis schleunigst wieder hinausbeför- dert. Eine prächtige goldgestickte Stola arbeitet man hier für den, den die Herzogin am liebsten in glänzender Waffenrüstung sähe. Endlich kommt der Höhepunkt der Bescheerungssonne, auf welche alle die ge- heimnißvollen Borbereitungen hinzielten. Im Bordergrunde unseres Bildes kniet die schelmische Griechin Praxedis und packt den geheimniß- vollen Korb aus, der aus St. Gallen gesandt ward. Drinnen fand sie den prächtigen Auerhahn, und das Brieslein, das bei dem stattlichen Federwild lag, wird zum Ergötzen aller, bis aus die errötheude Griechin, j von Ekkehard beim Scheine des Christbaums vorgelesen:„Dem ehr- ! würdigen Bruder Ekkehard auf dem Hohen Twiel durch Burghard, � den Klosterschüler, Romeias der Wächter am Thor. Wenn es zwei wären, so wäre Einer für Euch. Da es aber aus zwei nicht geglückt hat, so ist der Eine nicht für Euch und Eurer kommt nach. Gesendet wird er an Euch, wegen Unwissenheit des Namens. Sie war aber mit der Frau Herzogin im Kloster und trug ein Gewand von der Farbe eines Grünspechts, den Zopf um die Stirn geflochten. Derselben den Vogel. Wegen fortwährender Gedcnkung dessen, der ihn geschossen, an stattgefundene Begleitung zu den Klausnerinnen. Er muß aber stark eingebeizt und mürb gebraten werde», weil sonst zähe; bei Zuzug von Gästen soll sie das weiße Fleisch am Rückgrat selber verzehren, da dies das beste, und das braune von harfigem Geschmack. Dazu Glück und Segen, Euch, ehrwürdiger Bruder auch. Wenn auf Euerer Burg ein Wächter, Thurmwart oder Forstwart zu wenig. so empfehlet der Herzogin den Romeias, dem wegen Verspottung durch den Schaffner und Vcrklagung durch den Drachen Wiborad Veränderung des Dienstes wünschenswerth. Uebung im Thordienst, Einlaß uttd Hinauswersung fremden Besuchs betreffend, kann bezeugt werden. Ebenso was Jagd angeht. Und er schaut jetzt schon nach dem Hohe» Twiel, als zöge ihn ein Seil dorthin.— Langes Leben Euch und der Frau Herzogin. Lebet wohl." Während der Durchlesung dieses urwüchsigen Schriftstückes, stand Frau Hadwig, eine wundersame Mischung von Anmuth und Strenge, am Bescheerungstisch und hielt sinnend ihr Weihnachtsgeschenk, Ekke- hards Gedicht, an den stürmisch pochenden Busen gedrückt. Die arme Herzogin! Während ihre Reisigen sich mit Weib und Kind au den Geschenken ergötzen, muß sie der Minne enisagen, weil der Erkorene ihres Herzens ein Priester ist. Während die Insassen der Burg mit dem aus Wälschland überkommenen Christenthum und seinen Gebräuchen prunkten, streute der hörige Husner Getreide vor seine verschneite Schwelle, um den heidnischen Wintergott Ullcr zu versöhnen, der mit Frau Holle im Wirbeltanz der Schneeflocken einherfuhr. Der Gebrauch beim Brande des Julklotzes Getreide für die hungrigen Vögel vor die Schwelle zu streuen, findet sich in Pommern und Mecklenburg noch heute vor. Das ist ein Weihnachtsbild jener so oft gepriesenen guten, frommen alten Zeit, wo Priestcrherrschaft und Feudalismus blühten, aus welchem man die Federkraft des Mcnschcngcistes ersieht, das Alte in ewig wechselnde neue Formen und Gewänder umzukleiden. Nur die Licht- und Schattenseiten des menschlichen Gemüthslcbens bleiben im Strome der Zeit unverändert. Dr. M. T. Der Ursprung der militärischen Uniformen geht nicht über das siebzehnte Jahrhundert zurück, denn vor Ludwig XIV.(1643 bis 1715) kannte man weder den Gebrauch noch den Nutzen davon. Die verschiedenen Heerhausen folgten nur ihrer Fahne; die Soldaten er- kannten sich theils au der Form ihrer Rüstung, theils an den Farben und Zeichen, die sie trugen.— Der Ursprung der Wappen schreibt sich von den Kreuzzügen her: man nahm sie anfangs aus Roth an, um sich zu erkennen. Die Ritter ließen die ihrigen auf ihre Schilde malen. Dieser Lriegsgebrauch ging hernach noch ins bürgerliche Leben des Friedens über. Von der Regierung Ludwig des Frommen(814—840) bis zu Karl VII.(1422—1461) trugen die Kavaliere und Damen aus ihren Kleidern die Wappen, entweder gemalt oder gestickt. Dr. B.-R. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Johann Wolsgang Goethe, von Dr. Max Vogler(Schluß).— lieber Fremdwörter im Deutschen, von M. Wittich(Fortsetzung).— Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes, von Dr. Eduard Reich.— Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil(Fortsetzung).—„Tief unter der Erd'." Von Dr. M. Vogler.— Weihnachten aus dem Hohen Twiel(mit Illustration.)— Der Ursprung der militärischen Uniformen. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Siidstraßc 5).— Expedifion: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Geüossenschastsbilchdruckerei in Leipzig-