$>14. w I ▼« ww*w wy rw-*r-r w~-w-w|"- Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1880. Dem Schicksal aligerungen. Novelle von Mudotph von ZZ. (Fortsetzung.) Schweder schien einen Moment unschlüssig zu sein, was er thun sollte. Sie hatte recht, es war in der That unedel, nicht nobel, sie zu zwingen,— die Wehrlosigkeit eines Weibes ihm gegenüber schonungslos auszubeuten. Aber sein Plan verlangte, daß sie Alster heute im Stiche ließ, und wenn er sich, blitzschnell, wie es seine Art war, einen Plan entworfen, so war er gewohnt, ihn mit rücksichtsloser Energie von A bis Z durchzuführen. Sie mußte also—; aber—, das war jedenfalls zu versuchen: die wahnsinnige Leidenschaft, welche in ihr dereinst für Schwcder gelodert, diese Leidenschaft war die Ursache gewesen, daß sie ihm in weltvergessender Hingebung ein Geheimniß anvertraut, einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit enthüllt, den er nur zu berühren brauchte, um sie fühlen zu lassen, daß er ihr Herr war, solange es ihm beliebte; diese Leidenschaft aber war auch nicht so leicht zu vernichten gewesen, auch nicht durch die beleidigende Kälte, in die sich seine Neigung zu ihr nur allzuschnell vcr- wandelt hatte, jene eisgepanzerte Freundlichkeit, hinter die sich ein Männerhcrz verkriecht, wenn es sich nach errungenem Siege aus der in glühender Begehrlichkeit erstürmten Position zurück- zieht in die Winterquartiere der Glcichgiltigkcit. Sie liebte ihn sicherlich auch heute noch, wenn sie auch, oder grade weil sie wähnte, sie hasse ihn. Bebte ihre Stimme doch, als sie sich der vergangenen Liebe erinnerte; konnte sie doch nicht zwei Worte ohne Erregung, ohne leidenschaftliche, nur mühsam zurückgehaltene Gefühlsaufwallung mit ihm sprechen. Wenige Sekunden hatten für Schweder genügt, diese Gedanken- reihe an seinem beweglichen Geiste vorüberziehen zu lassen. Jetzt richtete er sich hoch auf und seine gewölbte Brust hob sich, wie m einem tiefen Seufzer. Seine Stimme hatte all' ihre harte Entschiedenheit verloren, sie klang merkwürdig mild und warm, als er leise anhob: „Nein, Christiuc, ich werde dich nicht zwingen,— geh, wenn du willst, zu jenem— jenem, nun, ich mag den Namen des alten, jämmerlichen Thoren nicht mehr hier vor dir über die Lippen bringen. Warum solltest du auch mit dem Manne nicht soupiren— harmlos soupiren." über sein Gesicht legte sich der Schatten unsäglich bitteren Hohnes;„jede andere würde es an deiner Stelle auch thun, an Liebe hat dich die Welt nicht glauben gelehrt, nur an den Genuß--- gute Nacht, Christine'--" Es war, als wollte er ihr die Hand reichen. Doch er zog die schon halb vorgestreckte rasch wieder zurück, griff nach seinem Hute und wandte sich, wie zum Gehen. Das vorher heißgcröthete Antlitz der Schanspiclcrin ivar bleicher und bleicher geworden, als Schwedcr sprach. Dieser Ton der sonoren, wunderbar modulationsfähigen Stimme— sie kannte ihn, o, sie kannte ihn nur allzu gut. Er hatte nicht oft so zu ihr gesprochen, und als sie ihn das erstemal so hatte reden hören, da war die Ivarme Neigung, welche sie zu dem schönen und geistig bedeutenden Manne hingezogen, zu wilder Liebcsglut emporgewachsen, ihr ganzes Sein und Fühlen war mit einem Schlage sein Eigen geworden,— sein Eigen für ewig, wie sie damals jauchzend und weinend zugleich sich und ihm geschworen hatte. Und in diesem Augenblicke fühlte sie, daß sie damals nicht falsch geschworen, wenn sie auch tausendmal seitdem sich selber zugeflüstert hatte, daß ihre von ihm mit Füßen getretene Liebe endlich, endlich gestorben und spurlos verschwunden sei. Nein, sie liebte ihn— wie einst,— und er? Konute er so zu ihr sprechen— diese Worte mit diesem Tone, wenn sie ihm wirklich so gleichgiltig war, wie sie gewähnt, wie er vorgegeben und jedenfalls auch selbst geglaubt hatte? Was konnte er sonst für ein Interesse daran haben, sie mit einem beliebigen anderen Manne nicht zusammentreffen zu wissen, wenn er nicht doch— dennoch eifersüchtig, ja eifersüchtig war. Was sie vor einem Augenblicke noch als helle Thorheit zurückgewiesen hätte, das erschien ihr jetzt mit einemmale als ganz unzweifelhaft,— er war eifersüchtig, er liebte sie noch— sie konnte hoffen, sich ihn wiederzuerobern— wie konnte sie ihm da versagen, was er von ihr gewollt! Auch sie wandte sich zum Gehen— vielleicht that sie es nur, um die Thränen zu verbergen, die ihr ins Auge traten, und das Zittern ihrer Hände, das Wogen ihres Busens. „Gute Nacht, Edmund," sagte sie, ohne noch einen Blick auf Schweder zu werfen, der sie unausgesetzt beobachtete.„Ich thue, wie du willst. Gute Nacht." Sie ging, sie eilte zur Thür und verschwand in derselben, ohne auch nur einen Moment zu zögern, wie es Schweder er- wartet hatte. Als die Thür sich geschlossen, ging auch er. Fast schien es, als wenn ihn wirklich ein Theil seiner überlegenen Ruhe ver- lassen hätte; auf seiner hohen Stirn lagen tiefe Falten und um seine Mundwinkel zuckte Unzufriedenheit und Mißvergnügen, er mochte sich nicht Rechenschaft geben, weshalb. Aber er vermochte sich meisterlich zu beherrschen. Als er 3. CUiiuat J881I. an der Thür des Foyers dem Theaterdiener begegnete, den wohl die Neugierde hergeführt, war seine Stirn wieder geglättet, und er dankte mit herablassendem Lächeln dem Manne für den tiefen Bückling, mit dem er respektvoll zur Seite trat. Unten ans der Straße sah er sich nach seiner Droschke um. Der Droschkenkutscher, der ein wenig zur Seite gefahren Ivar, bemerkte ihn sofort und wollte vorfahren. Schweder winkte ab- wehrend— die Droschke stand eben recht. Zehn Schritte davon, an einer von außen nicht beleuchteten Seitenpfortc des Theaters, hielt eine Equipage— eine Lohnequipage offenbar. Schweder lächelte. Er schritt auf die Droschke zu und stieg ein.„Einige Zeit warten," befahl er gedämpften Tones dem Kutscher, der ihn mit abgezogenem Hute am geöffneten Wagen- schlage erwartet hatte.„Ich werde vielleicht Gesellschaft be- kommen." Der Droschkenkutscher glaubte zu wissen, um was es sich handle. Er lächelte verschmitzt und schloß mit den Worten:„Wie Sie befehlen, gnädiger Herr," den Schlag. Indessen, um Gesellschaft war es seinem Fahrgast diesmal nicht zu thun; sie wäre ihm sogar sehr störend gewesen, wenn sie sich ihm jetzt aufgedrängt hätte; er wollte sich nur überzeugen, ob Christine Bergmann sich die Sache nicht schließlich doch noch rasch anders überlegt— wer, dachte er, garantirt für Weiber- lanncn! Und dann konnte er sich auch in anderer Beziehung noch gründlich verrechnet haben. Wenn nämlich Christine für ihre Person auch auf das Souper bei Weiuhold verzichtete, dafür aber eine Stellvertreterin, die sie unter ihren Kolleginnen sofort gefunden haben würde, zu entsenden den Einfall bekam! Und wenn sie das auch nicht that, es genügte völlig, ihm seinen ganzen Plan zu Wasser zu machen, wenn sie die, welche Willisch als ihre Begleiterin zu dem alster'schen Souper bezeichnet hatte, das Fräulein von Würzbach, allein sich zu Weinhold begeben ließ. Doch nein, das stand wohl kaum zu befürchten! Schweder kannte die Weiber— und vor allen andern die vom Theater. Wurde der einen solch' eine Partie verdorben, so war zehn gegen eins zu wetten, daß sie ihre Genossin oder ihre Genossinnen zu be- wegen wußte, gleichfalls darauf zu verzichten. Und auch darin hatte er sich nicht geirrt. Wenige Minuten, nachdem er in seine Droschke gestiegen, öffnete sich die erwähnte Seitenpforte des Theaters und, sich vorsichtig umschauend, trat eine Logenschließerin heraus mit einein Äillet in der Hand, das sie dem Kutscher der Lohnequipage hinreichte. Der schien erst gar keine Lust zu haben, es in Empfang zu nehmen. Dann betrachtete er sich kopfschüttelnd die Adresse des Billets, redete, augenscheinlich ärgerlich geworden, in die Logenschließerin hinein und kletterte dann langsam und räsonnirend auf seinen Kutsch- bock. Es war, als ob er nicht recht wüßte, ob er abfahren oder nicht lieber noch warten sollte. Bald aber entschloß er sich für's erste. Gewartet hatte er grade genug schon. In langsamem Trabe fuhr er von dannen. Schweder war nun über den Erfolg seines Diplomaten- kunststückes durchaus beruhigt. Er gab dem Kutscher die Weisung, nach der Villa Senkbeil zu fahren, und begann in aller Muße, sich zu überlegen, wie er seinen diplomatischen Feldzug fort- zusetzen habe. *« * Im Separatzimmer Nummer drei, in der ersten Etage des Hotel Weinhold gelegen, war Herr Alster heute zu allerletzt ein- getroffen. Er liebte es, sich nach vollbrachteni Tagewerke in irgendein recht beschauliches Winkelchen zurückzuziehen, wohin das neugierige Auge der Welt nicht so leicht zu dringen vermochte, und dort sich den, wie er meinte, außerordentlich bescheidenen und einem vornehmen Manne wohlanständigen Genüssen hin- zugeben, welche ihm Bedürfniß geworden, seit er es— aus eigener Kraft!— zum vornehmen Manne gebracht hatte. Er war im stände, ganz mntterseeleuallein seine zwei bis drei Flaschen wirklich ächten Portweins zu schlürfen, zu denen er mit vier oder fünf Dutzend Austern, ein wenig Hummermajonnaise, einem Stücklein saftigen Rehrückens oder dergleichen ein solides Funda- ment gelegt hatte. Dann rauchte er zwei seiner Regalias dazu, die er direkt aus der Havanna bezog und das Mille mit zwei- hundert Dollars bezahlte, dachte möglichst wenig dabei, weil er ja den Tag über so schrecklich viel zu denken hatte und der geistigen Erholung zum Wohle der Stadt, des Staates und der gesammten Menschheit dringend bedürftig war, und fühlte sich so recht von Herzen glücklich— auch wenn ihn, was leider oft genug geschah, derjenige undankbare Theil besagter Menschheit, der ihn im täg- lichen Verkehr umgab, recht gründlich geärgert hatte. Aber er war auch kein Feind einer guten,„anständigen" Gesellschaft. Nur groß durfte diese Gesellschaft in solchen Weihe- stunden seines privaten Lebens nicht sein. Er ließ sich zwar zu- weilen auch unter vielen Seufzern— ein Opfer, zu welchem ihn seine öffentliche Meinung zwänge,— zu sogenannten Zweckessen und öffentlichen Gastereien aller Art schleppen. Er pflegte bei solchen Gelegenheiten sogar ungeheuer jovial zu werden, war der fleißigste Toastreduer, ließ sich insbesondere nie ein, durch längere humoristische, meist poetisch angehauchte Motivirung gc- würztes Hoch auf die Damenwelt entgehen,— kurz er war auch hier in seinem Fs oder, wie der Direktor der städtischen Feuer- wehr ihn einmal in einer begeisterungs- und weintrunkenen Hul- dignugsrede genannt hatte, der rechte Mann an der rechten Spitze. Aber so recht von innersten Behagen beseelt war er bei dergleichen öffentlichen Festlichkeiten nicht; er war, wie er selbst sagte, über die Zeit hinaus, wo ihm diese lärmende Lust und spektakelnde Anerkennung seines und anderer Verdienste die größte Freude war. Im stillen Kämmerlein dagegen konnte er noch harmlos froh sein, fühlte er sich wie der Knabe an der Quelle; nur mußte es der Fenerquell des Weines sein, der ihm sprudelte, und das Ewigweibliche mußte ihn, in ein oder mehreren mög- lichst wohl gelungenen, zcitlich-irdischen Exemplaren, hinanziehen in die höheren Regionen des Schönen und der allgemeinen, welt- umspannenden Menschenliebe. Auch heute hatte Herr Alster, wie wir schon wissen, nicht die Absicht allein zn bleiben. Indessen erwartete er zunächst nur den ihm nahebefreundeten Eisenbahndirektor, Oberbaurath Schnee- mann, mit dem er dann die beiden mehrerwähnten Damen, die Frau Bergmann-Stein und das Fräulein von Würzbach zu einem gemüthlichen Souperchen unter acht Augen zu empfangen gedachte. Das Souper war die Folge einer Wette. Der Ober- baurath hatte gelegentlich geäußert, die Frau Bergmann-Stein sei doch ein wahrhaftiger weißer Sperling unter ihren Mitschau- spielerinnen; man habe ihr bis dato anch nicht ein einziges jener kleinen zarten Verhältnisse nachweisen können, denen man hin- sichtlich fast jeder ihrer Kolleginneu wenigstens ein kleines Dutzend aufzuzählen vermochte. Herr Alster hatte seinen Freund ausge- lacht und als Schneemann in seinem guten, oder, in des Herrn Alster Augen, eigentlich schlechten, Zutrauen zu der Frau Bergmann-Stein sogar soweit ging, zu behaupten, dieselbe würde jedenfalls eine Einladung zu einem Souper, wenn die- selbe nicht auch an ihren Mann gerichtet werde, ausschlagen, gleichviel wer eine solche an sie ergehen ließe, da hatte er eine Wette— zehn gegen eins— proponirt, daß Frau Bergmann einer von ihm ausgehenden Einladung gegenüber die Begleitung ihres Gatten für gänzlich überflüssig halten und gerade so liebens- würdig sein würde, wie jede ihrer Kolleginnen. Und wirklich— für den ersten Anlauf ging es dem unter- nehmenden Herrn wie Cäsar: er kam, sah oder vielmehr wurde gesehen, und siegte. Er ließ an einem Theaterabende, als die Frau Bergmann-Stein gleichzeitig mit einer Rivalin, einer gasti- renden Schauspielerin von Ruf, auftreten sollte, ihr heimlich zu wissen thun, er, der kunstliebende und reiche Alster habe be- schloffen, ihr nach ihrem Verdienst, das leider, solange ihre Neben- buhlerin anwesend sei, nicht gebührend gewürdigt werde, einen Triumph zu verschaffen; und er führte diesen Entschluß aus. An dem fraglicheil Abende saß Alster in der Prosceniumsloge, in nächster Nähe der Bühne, seine durch ein riesiges Opernglas unterstützte Aufmerksainkeit in recht ostensibler Weise der Frau Bergmann-Stein schenkend und sich von der Bühne abwendend, wenn sie dieselbe, ihrer Rolle folgend, verlassen mußte. Als die beiden ersten Akte des vieraktigen Schauspiels beinahe zu Ende nud Frau Bergmann-Stein nach einer längeren, höchst rührenden Auseinandersetzung über das Unglück des Ungeliebtdurchsleben- wandeln im Begriff war, abzugehen, gab Alster dem im Parquet des Theaters plazirten Chef einer wohlorganisirten Claque durch Hinabwerfen eines kleinen, aber aus den seltensten und theuersten Blumen gewundenen Bouquets nach der Richtung hin, wo Frau Bergmann-Stein eben verschwinden wollte, das Zeichen zum Los- lassen des sorgfältig vorbereiteten Beifallssturmes. Der Chef der Claque, ein vierschrötiger Mensch, seines Zeichens gleichfalls Schauspieler, aber außer Diensten, wegen chronischer Heiserkeit infolge riesiger Zecherleistuugen, schnaubte sich mit einem enorm großen, grell rothseidenen Taschentuche die stattliche Nase und entfesselte mit diesem, seinen auf allen Plätzen und in allen Re- 159 gtoncn des Theaters strategisch vertheiltcn Getreuen wohlbekannten Signale einen ungeheuren Beifallsjubel und eine wahre Siut- fluth von Kränzen nud Bouquets, die von allen Seiten her ans die offene Szene herniederhagelten. Die sonst hochgefeierte Neben- buhlerin der Frau Bergmann-Stein hatte zwar nicht übel Lust, diese stürmische Ovation auf ihr eigenes Konto zu nehmen, wurde aber, zu ihrem wochenlang nicht zu verwindenden Acrger, von dieser sofort eines Besseren belehrü Frau Stein hatte das von Alfter vor ihre kleinen Füße geschleuderte Bouquet schleunigst emporgehoben und— man konnte nicht unterscheiden, ob an ihre Lippen oder an ihre Nase— geführt und sich nach der Richtung, woher es ihr zugeflogen, tief und, wie es Alfter schien, crröthend und auf das süßeste lächelnd verneigt. Tann trat sie bis dicht an die Lampen und zollte den übrigen Blumenspendern mit drei meisterhaften Vcrbeugungsknixen ihren tiefgesühlten Dank, der umso aufrichtiger war, als sich den Claqneuren das, auch in der harmloseren, handgreiflichsten Bedeutung des Wortes, allezeit klatschlustige Theaterpublikum begeistert— es wußte zwar selbst nicht recht, warum— Brava und Dacapo rufend, klatschend, brüllend und stampfend angeschlossen hatte. Nach dieser von so vorzüglichem Erfolge gekrönten Beschießung der in dem Herzen von Frau Bergmann-Stein bestehenden Festung glaubte Alster unverzüglich zu einem kühnen Handstreiche übergehen zu können. Sofort am nächsten Tage ließ er sich der schönen Schau- spiclerin im Foyer des Theaters vom Direktor selbst vorstellen und überrumpelte sie persönlich mit der Einladung zum Souper. Er legte der Angelegenheit das harmloseste Mäntclchcn um, lud die intimste Freundin der Frau Stein, eben das Fräulein v. Würzbach, mit ein und bediente sich außerdem noch der kleinen Nothlüge, zu versichern, daß sein würdiger Freund, der Obcrbaurath Schneemann mit seiner natürlich ebenso würdigen Gattin an dem kleinen „Künstlersonpcr" theiluehmen würde. Frau Bergmann-Stein war denn auch so diskret gewesen, ihren von Herrn Alfter gänzlich ignorirten Ehemann ebenfalls mit keiner Silbe zu erwähnen und die Einladung auf das entgegenkommendste anzunehmen. So war denn alles in der schönsten Ordnung. Wenn nur der Teufel bei der kleinen, so verheißungsvoll vorbereiteten Fest- lichkeit nicht seine Hand im Spiel gehabt hätte. Zunächst ging noch alles programinmäßig. Der Astrachan- Kaviar, welchen Herr Alfter zu zwei Gläschen wundervollen Sherrys auf eigne Faust als Appctitsanrcgung genoß, war ex- quisit- eine Thatsache, die in unserer verfälschungsfrechen Zeit einen Gastrosophen, d. i. einen Gelehrten der Bauchpflcgc, vom Schlage des Herrn Alfter auf das höchste erbauen kann. Kaum war das letzte Körnchen Kaviar seiner schönen Bestini muiig geopfert worden, als der Obcrbaurath,— ein Mann mit einer Figur wie ein Manimuth, so groß, so breit und so ungeschlacht,— sich mühsam durch die Thür zwängte. Derselbe bc- grüßte seinen„vorzüglichen Freund" mit einem Händedruck, daß dieser beinahe die Gnadcnaric angestimmt hätte, versicherte, daß er einen unverschämten Durst mitgebracht habe und leitete seiner seits die Festlichkeit damit ein, daß er sich aus einer bereits auf seinen Durst harrenden, auf Eis gestellten Rheinweinflasche ein großes Wasserglas vollschenkte und es auf einen Zug bis zur Neige leerte. Dann stopfte er sich eine kleine, silberbcschlagene Meerschaum pfeife mit vorzüglich duftendem türkischen Tabak, und begann die Unterhaltuiig mit der Frage, ob denn nun wirklich die schöne Bergmann Stein erscheinen werde, um zu den irdischen Genüssen, � �"che»nd Keller zu bieten vermögen, die himmlischen des Anblicks und der Unterhaltung— der Oberbaurath schmunzelte hoffnungssüß— der Unterhaltung niit einem schönen Weibe hin- zuzufuge». Herr Alster schmunzelte auch, während er, dem Beispiel seines Freundes folgend zum Johannisberger Kabinct überging. Er schmunzelte ungeheuer siegesgewiß und selbstzufrieden. „Natürlich kommt sie, Berehrtestcr. Warum sollte, wie könnte sie nicht', sie bringt die Würzbach mit und wir werden einen köstlichen Abend geiiießen. Aber sagen Sie, bester Freund." fuhr er fort, indem er zu dem Obcrbaurach schlau hinblinzcltc,„warum ist denn Ihre hochverehrte Gemahlin noch nicht erschienen?" „Meine Frau?" Der Oberbaurath schaute seinen Freund mit einer Miene an, als wenn er sich vergewissern wolle, ob es wohl in seinem Oberstübchen auch ganz richtig sei.„Kein übler Witz. meiner Treu! Wer Teufel nimmt seine Frau mit, wenn er sich amüsiren will?" „Ich habe aber mit größter Bestimmtheit auf das Erscheinen der Frau Obcrbaurath gerechnet," bcharrtc Alfter, behaglich weiter- schmunzelnd und blinzelnd. „Mit größter Bestimmtheit auf das Erscheinen meiner Frau gerechnet? Himmeldonnerwetter— hättcn's blos zu sagen brauchen, lieber Freund. Meine Frau ließe ich Ihnen im Nothfall ganz ab und gäb' Ihnen, hol' mich der Teufel, noch ein Bierteldutzcnd Kinder als Dreingabc. Aber ans mich müßten Sic dann ver- zichten, Bester; statistische Feststellungen, wieviel Glas ich trinke, und ellenlange Abhandlungen über das schöne Geld, was uns Männern die Kehle hinabrinnt und in seidenen Kleidern, Sämmet- pelzen, Federhüten w. viel besser angelegt würde, das Pflege ich mir wenigstens des Abends zu ersparen. Und nun sagen Sic mir, was der dunklen Rede Sinn ist?" Alster beichtete, daß er Frau Bergmann- Itcin gegenüber der Sicherheit halber die heutige Zusammenkunst zu einer Art von Familiensonpcr gestempelt habe; der Obcrbaurath müsse nun eine plausible Entschuldigung vorbringen, warum die theure Ehehälfte an dem schönen Feste nicht theilnehmen könne, und dürfe— anfangs wenigstens— ans keinen Fall allzusehr über die Schnur gewisser gesellschaftlicher Rücksichten schlagen. „Gesellschaftliche Rücksichten— ich glaube gar!" grunzte cnt- rüstet der Oberbanrath.„Habe den Tag über grade genug gesellschaftliche Rücksichten zu nehmet. Beim Schoppen Wein will ich mich so recht nach meinem Gout ausleben. Und lvenn Sie meinen, ich werde mir von den Fraucnziminerchen eine zimperliche Komödie vorspielen lassen und selber eine Miene machen und die Worte wählen, wie ein gelbschnabcliger Student in der Tanzstunde, dann hat Ihre Rechpuug ein Loch, vorzüg licher Freund." Der vorzügliche Freund wollte fortfahren, Mäßigung zu prc- digcn, denn er fürchtete, daß die oft gradezu vorsintfluthliche Derbheit und Ungenirtheit des Oberbanraths die Gemüthlichkeit des von ihm so fein vorbereiteten Soupcrcheus erschüttern könne, als der mit anscheinend funkelnagelneuem Frack und blendend- weißer Weste und Halsbinde angethane Oberkellner ans der Schwelle von Nummer drei erschien und— den Herrn Justizrath Wichtcl anmeldete, welcher sich sogleich das Vergnügen machen würde, zu erscheinen. „Bravo," brummte der Obcrbaurath vergnügt.„Famoser alter Kerl das. Ten kann man zu so was brauchen. Warum macht er denn aber solche Umstände; Sic müssen ihn doch eingeladen haben?" Das war nun zwar nicht der Fall; Alster hatte auch nicht gewußt, daß Wichtel bereits an diesem Tage von seiner jüngsten Reise zurück sein würde, und wenn er es gewußt, hätte er die Einladung doch zu umgehen gesucht. Aber da dieser— gleich- falls vorzügliche— Freund nun einmal sich, unbegrciflichcrivcise zwar, rechtzeitig eingefunden halte, so konnte man nur gute Miene zum bösen Spiel machen. Der Justizrath war übrigens dem Oberkellner auf dem Fuße gefolgt. Die Begrüßung der drei Herren wurde eine ungemein herzliche. „Die Herren glauben garnicht, wie ich mich nach Ihrer mir so lieben Gesellschaft gesehnt habe," versicherte, jedem auf das herzlichste die Hand schüttelnd, der Jnstizrath.„Aus der Reise und in den großen Hauptstädten findet man zwar auch hin und wieder gute Gesellschaft, aber nur zuhause weiß man, daß man unter Freunden ist." Der Oberbaurath war sichtlich gerührt. Er mußte sein eben erst gefülltes Glas wieder aus eine» Zug bis zur Nagelprobe austrinken und that es auf das Wohl seines lieben alten Justiz- raths, der nur zwei Worte zu reden brauche, um jedem Kerl von Gefühl an die Nieren zu greifen,— was in dem Kerndeutsch des Oberbauraths ungcsähr soviel heißen sollte, als die Gemüths- saitc eines Menschen anschlagen. Trotzdem Alster dem Justizrath gegenüber kein ganz reines Gewissen hatte, wußte er in der That seinen Acrger über das unvermuthcte Dazwischenhageln desselben ziemlich geschickt zu ver bergen. Der Justizrath aber fühlte doch, daß er im Borthcil sein würde, wenn er die Geschästsaugclegenheit, welche ihn hierher- geführt hatte, sofort zur Verhandlung brächte, zumal er mit Recht annahm, daß der Obcrbaurath, der beim Weine immer ungeheuer leicht zu beeinflussen war, ihm, wenn's noththun sollte, kräftig sekundircn würde. Die Zusammenkunft seiner lieben Freunde im Separatziinmcr Nummer drei war sicherlich nicht ohne bedeutungsvollen G«ind,— - 160- das wußte er, der alte Praktikus in der Kunst zu leben, natür- �„Ich freue mich ungemein, daß ich meinen lieben Freund lich genau. Sie hatte einen Grund, der von seinem augenbkick- � Alster grade in Ihrer Gesellschaft, mein bester Oberbaurath, hier antreffe, denn Sie sind ja im eminenten Verstände des Wor- tesSachverstän- diger— Er wurde zu seinem Er- staunen durch ein wände- erschüt- terndes Lachen des Oberbau- raths, der eben wieder ein gro- ßesGlasRhein- wein hinter seine breite Halsbinde gegossen hatte, unterbrochen: „Famos!— ,Jm eminente- sten Verstände desWortsSach- verständiger'— ha, ha, famos! Hören Sie's, Alsterchen? Sie brauchen mir also gar keinen guten Rath zu geben von wegen der gesellschaft- lichen Rücksich- ten— verstehe ................................. ich bester als S Sie. Werde auch heut Abend das Konzert dirigi- ren in meiner kicjhih Weise— als eminenter Sachverständiger, _____ und der Ton, K fHliliro kW den ich anschla ge, wird der richtige sein, ver- lassen Sie Sich darauf! Sind doch auch der Meinung, Ju- stizrath— der Teufel soll die gesellschaftlichen Rücksichten ho- len, wenn Leute ohne Vorurtheil sich amüsiren wollen!" Alster be- gann auf seinem Sessel unbehag- lich hin und her zu rücken. Tie behaglichen Aussichten in die allernächste Zukunft begannen sich zu trü- ben. Ter Ober- baurath war grade in der Stimmung, die lichen Ziele fernab lag; aber er hielt es für das Klügste, um alles verderben konnte. Und die Anwesenheit des Justizraths alle Weiterungen zu vermeiden, heute einmal die Maske besonderer war ganz dazu angethan, ihn noch gefährlicher zu machen, als Zartheit vor sein Advokatenantlitz zu nehmen. Also begann er:| er für sich allein schon war.(Fortsetzung folgt.) 162 Aeber Fremdwörter im Deutschen. Von W. Mittich. V. Nach dem, was wir im dritten Abschnitte ausführten, könnte nun einer oder der andere besorgt fragen: bleibt denn nun in der Sprache etwas zurück, was mit Sicherheit für ursprünglich, für unser wirkliches Eigenthum zu erklären ist? Ter Kern der Stammsprachen liegt durch die Sprachvergleichung zu wohlgesichert vor, und ein Wort, das sich innerhalb einer Sprache auf seine Wurzel zurückführen läßt, kann nicht entlehnt sein. Für die Sonderdauer der deutschen Sprache aber gibt uns die Ersah- ruug und die wissenschaftliche Erkenntniß genug beruhigende Bürgschaften. Ein ganzer großer, unverlierbarer Fond ist unser Besitz, welcher einestheils in den Musterschöpfungen der deutschen Literatur niedergelegt ist und andrerseits auch außer durch Schule und Schriftwcsen im Volke selbst zähe festgehalten wird und treulich von Geschlecht zu Geschlecht schon Jahrhunderte hindurch vererbt worden ist und in gleicher Weise fort vererbt werden wird. Diese letztere Stütze ist umsoweniger gering anzuschlagen, als das Volk mit praktischem, natürlichen unbefangenen Sinne allem Fremden selbständiger gegenübersteht und sich auch den Fremdwörtern gegenüber ablehnend verhält, wenn es einheimische, bezeichnende Wörter hat. Freilich fehlt dagegen auch nicht das Streben, sich mit Fremdwörtern prahlerisch zu spreizen und etwaige sonstige Bildungsmängel damit zu bedecken, ein Fehler, den„die Besten der Nation", die„Gebildeten", dem Volke jahrhunderte- lang vorgemacht haben. Auch die Stellung der Deutschen in der Weltliteratur, die jahrtausendelange Geistesarbeit und die durch das Werkzeug der deutschen Sprache geleisteten Beiträge zur Lösung der großen Menschhcitsfragen, welche die Deutschen geliefert haben, gewähr- leisten sicher einen dauerhaften Bestand der deutschen Sprache. Mau darf diese Stellung der deutschen Literatur im allgenieincn Völkerkonzert wohl eine centrale nennen, aber nicht so, daß wir etwa meinten, die Erzeugnisse deutscher Dichter, Denker und Forscher würden vorzugsweise in fremde Sprachen übersetzt, wie- wohl auch nach dieser Richtung ein Zunehmen der Wirkung der deutschen Literatur unzweifelhaft zu bemerken ist. Aber da wir die besten sowie die geringeren Werke aller Zeiten und fast aller Völker von einem Ende der Welt bis� zum andern, von dem einfach kunstlosen Gesang der Wilden bis zu den tiefften, dunkelsten und kunstreichsten Schöpfungen der am meisten vorgeschrittenen Kulturvölker im engsten Anschluß an die ursprüngliche Form nachgebildet haben, so finden alle fremden Völker in der Erler- nung der deutschen Sprache den Schlüssel zum Verständniß der gesammten Literatur der Welt, von den ältesten Vedcn, den Religionsliedcrn der alten Jndicr, bis zu den neuesten Tages- erscheinungcn. Diesen Vortheil des vereinfachten Studiums der Weltliteratur, deren Begriff und Bezeichnung übrigens Goethe sich bildete, lernen die Völker allmählich mehr und mehr begreifen und ausnutzen. Goethe und die übrigen Dichter vorzugsweise haben die Mittel erworben, die unsere Sprache auf die Höhe der bildsamen Kraft gehoben, die ihr das Anschmiegen an jede noch so leise Wallung des Gefühls, an jede Feinheit des Gedankens, den Ausdruck der höchsten Stärke und Gewalt der ganzen Stufen- leiter aller Leidenschaften ermöglichen. Und eine solche Sprache kann und tvird nicht untergehen! Und wäre die Zahl der Wucher- pflanzen Legion: ein so gewaltiger Stamm wird sie mit seinem Safte ernähren, ohne selbst dabei zugrunde zu gehen! Wir brauchen nur auf das im vorigen Abschnitt eingehender be sprochene Zeitalter des dreißigjährigen Krieges zu verweisen, um ein glänzendes Zeugniß für die urwüchsige Lebenskraft der deutschen Sprache zu geben! Am wenigsten brauchen wir heute das Untergehen unserer Muttersprache zu besorgen. In aller Herren Länder wird sie auf ganzen großen Raumflächen und von zahlreichen größeren und kleineren Gruppen gesprochen, und es gilt noch heute das Wort des Philipp Bervaldus(Anfang des l«. Jahrhunderts): „Deutsche Kaufleut, deutsche Studenten und deutsche Künstler finden sich durch die ganze Welt." Und dann sagt er weiter: „Die Kenntmß der deutschen Sprache ist für Nichtdeutsche unentbehrlich; denn sie ist neben deo lateinischen unter allen Sprachen die verbreitetste und daher für Kaufleutc und Reisende die nützlichste zu lernen." Freilich war das im 16. Jahrhundert, wo die Entdeutschung der Sprache noch nicht so stark vorgeschritten war und Ivo im Handel noch die Hansa nachwirkte. Wenn wir uns aber umsehen, wie es in der Gegenwart mit den Fremdwörtern aussieht, so müssen ivir gestehen: fast ebenso schlimm, wie ini 17. Jahrhundert. Wollten wir, wie es in den Drucken jener Zeit geschah, die Fremdwörter mit lateinischen Lettern drucken, so würde ein fast ebenso großer Raumtheil von lateinischen als von deutschen Buchstaben bedeckt sein! Heyse sagt im Vorwort zu dem Frcmdwörterbuche, das zuerst sein Vater herausgab, daß dieses seit dreißig Jahren einen Zuwachs von KXXX) neuen Fremdwörtern erfahren habe! Man denke, was für einen un- geheuren Stoff ein Mensch da bewältigen und sich womöglich zu eigen machen muß, um auf der Höhe der Zeit'zu stehen! Aber ist diese Unmasse von Fremdwörtern vortheilhaft? Sehen wir zu! Wir haben Leute gekannt, die da glaubten, durch viele Fremdwörter würde unsre Sprache fähig, die sprachliche Jnter- nationalität zu fördern; dagegen beachte man folgendes. Diese Behauptung bedarf einer Beschränkung. Bekannt ist die ursprüng- liche Vieldeutigkeit der Worte; allmählich hat sich der Gebrauch eines Wortes für einen bestimniten Gegenstand besonders fest- gesetzt, der dann allgenicin, wenn man das Wort hört, vorgestellt, an den allein gedacht wird. Ost wird nun von den verschiedenen Völkern nicht ein und derselbe Repräsentant einer Gattung der Bezeichnung eines Begriffs zugrunde gelegt! Ferner wird oft derselbe Begriff von verschiedenen Völkern nach verschiedenen seiner Merkmale benannt, und umgekehrt haben dieselben Merkmals- namen verschiedene Begriffsbedeutungen. Ferner noch ein Punkt. Wir haben Frenidwörter übernommen, ohne in ihnen die Bedeutung, die sie in ihrer eigenen Sprache haben, zu respektiren:„sich blamiren" heißt bei uns sich blosstellen, im Französischen geschrieben würde das ein Ger- manismus sein, denn blümer heißt tadeln; ebenso soll„des- infiziren" vielleicht, da es nicht lateinisch ist, frauzösisch sein, dort heißt das Wort aber ckesiuteeter; imgleichen ist Couvert (Briefumschlag) ein Germanismus für das richtige französische Enveloppe u. dergl. m. Das Wort Attentat heißt Mordversuch, das ist aber dem Bewußtsein verloren gegangen, sodaß mau auch gelungene Anschläge Attentate nannte. Nun war folgerichtig die Bildung Attentatsversuch, die denn auch geleistet wurde! Ebendahin gehört auch Guerillakrieg; xuerilla heißt spanisch der kleine Krieg, und in der ebengedachteu halb spanischen halb deutschen Form ist zweimal daffelbe gesagt. Auch offenbare Widersprüche enthalten solche Bastardbildnngen. Die Zeitungen berichten zu- weilen von Morgenserenaden, d. h. Abendstäudchen, welche am Morgen gebracht worden, und zuweilen wird für einen schönen Vormittag eine musikalische Soiree angezeigt. Was ist es ferner als Unwissenheit und sprachlicher Fehler, wenn man einer Sängerin zuruft: Bravo! Das italienische Wort heißt:„O, der Treffliche", und die Italiener loben eine Sängerin mit rich tigem Ausdruck des Geschlechts mit dem Zuruf: Brava! Das Fremdwort wird eben unbesehen und ungeprüft herübergcnommen und gedankenlos nachgesprochen, wo es durchaus falsch und un- sinnig ist. Der Ausruf Bravo ist seiner Bedeutung und seines Inhalts vollständig verlustig gegangen und ist ein hohler, un- verstandener Sprachschrci, ein bloßer werthloscr Zahlpfennig und kein vollwichtiges, baares Geld! Was glaubt man wohl, was die Fremden zu soschcn Mißhandlungen ihrer Sprache sagen? Sie werden lachen) uns aus- lachen; vom Spanier sagt nian, daß ihn ein Kauderwelsch in seiner Muttersprache zum Zorne reizt, der sich nicht selten sehr deutlich äußern soll. Ein Zeugniß dafür, daß die Fremden unsere riesigen Wörteranleihen auch bemerken und übel vermerken, ist folgende Aeußerung im„Evenement" vom November 1872, wo über die vielen französischen Wörter in einer berliner Konzert- anzeige gesprochen und aus der Erbitterung von damals heraus auch etwas verletzend gesprochen wird:„Kommt es daher, daß in Preußen die Uhren jetzt französisch schlagen lder Mann meint, die Preußen hätten französische Uhren geraubt!), oder weil sie uns den Geschmack an unserer Sprache verleiden möchten, daß die preußischen Blätter in jeder Zeile mit französischen Ausdrücken gespickt sind, die sich doch auch wohl in der Sprache dieser modern -- I- 1(53 gekleideten Wilden geben ließen?" Und in der„Revue critiquc" liest uns ein Franzose den Text:„L'Ausländerei est encore im defaiit des Allemands", d. i. die Ausländerei ist noch ein Fehler der Deutschen! Das Hilst aber alles nichts. Es werden nicht nur uunöthige Fremdwörter iu Masse aufgenommen, sondern auch welche gc macht, die in keiner Sprache heimisch sind, in keiner heimisch werden können, sondern immer und allzeit wie erratische Blöcke in ihrer Umgebung dastehen. Aber noch ein Pröbchen davon, wie es den aufgenommenen Fremdlingen, die die Völker sprachlich verbrüdern sollen, bei uns ergeht! Ach, was ist unserer Fremdwörterbildung nicht alles möglich! Wenn der gemeine Mann von„reitender Kavallerie" spricht, so lachen wir; aber in ganz angesehenen Zeitungen, wie in der „Augsburger allgemeinen Zeitung", ja, in wissenschaftlichen Zeit' schriften finden sich Verbindungen, wie folgende:„die mögliche Eventualität",„die Unantastbarkeit der Integrität der Türkei",„die numerisch geringere Anzahl",„die größere Majorität",„die dekorative Ausschmückung",„die Serben werden sich defensiv vertheidigen müssen",„der Reichsanzeiger pnblizirt die Veröffentlichung des Civilchegesetzes",„der unglückliche junge Mann, der sich erschoß, hatte sich den Examen- Prüfungen unterzogen"; das„treibende Agens" ist auch so, und vollständig unsinnig ist das neue„Metermaß", auch zweimal dasselbe sagend. Sollte nun jemand im Ernste meinen, daß durch solche Btittel die sprachliche Jnternationalität gefördert werden könnte? Wenn ein Fremdwort Bürgerrecht erhält, bezeugen dies besonders die davon abgeleiteten Wörterbildungen und diese würden sofort für den Nichtdeutschen das halbe Verständniß des Wortes wieder wegraffen.(Schluß folgt.) Eigntthümliche Freund schaNsbeziehungen in der Thierwell. Raturgeschichlliche Skizzenbilder von Dr. L. Jacob». n, (Die Freundschaft des Einsiedlerkrebses und der Seerose.) Wir gelangen in diesem Abschnitt zu dem letzten Fall dieser Art von Freundschaftsbeziehungen, der nicht minder räthselhafte Mo- mente darbietet und gleichzeitig durch die intelligente Komik des einen und durch die Schönheit des anderen Thieres für den Beobachter von besonders anziehender Wirkung ist. Auch hier sind die be- treffenden Thiere in ihrer Organisation weit bis zu den Ur- stämmen von einander getrennt; es ist ein Krebs und ein Blu- menthier, ein Blumenpolyp, die innige Freundschaft und ein im eigentlichen Sinne des Worets häusliches Bündniß mit einander geschlossen haben. Unter den zehnfüßigen Krebsen, die nach der Länge des Krebsschwanzes in Unterordnungen gethcilt werden, steht zwischen den Krabben und unserem Hummer und Flußkrebs in der Mitte eine Abthcilnng(Auowura genannt), von welcher eine Familie durch die Eremiten oder Einsiedlerkrebse(Usxnri) gebildet wird. Sie haben ein gestrecktes Kopfbruststück, lang gestielte Augen und kräftige doch meist ungleich entwickelte vordere Scheerenfüße, während die zwei letzten Beinpaarc bis auf kurze, stummelförmige Klanen� reduzirt find. Ihr Hinterleib, der ganz und gar eines festen Schalenpanzers entbehrt, ist so weichhäutig, daß die Thiere gezwungen find, sich nach irgend einem künstlichen Schutzmittel für denselben umzusehen. Sie finden ein solches dadurch, daß sie sich Schneckengchäuse aufsuchen, in denen sie bequem ihren Hinterleib bergen können, wobei sie sich mit den genannten «tummelfüßen an dem inneren Gewinde des Schneckenhauses anklammern. Mit solcher Wohnung zieht dann der Krebs wie ein Diogenes in seiner Tonne am Strande oder Meeresboden umher. Entweder war das Schneckengehäuse leer und dann konnte es sofort bezogen werden, oder sein Bewohner, die «chnecke, war noch darin, und in diesem Falle kostet es stets einen heftigen Kampf, bis der rechtmäßige Besitzer vertrieben und sein Haus annektirt ist. Der Einsiedlerkrebs wohnt also recht eigentlich in einem fremden Hause umsonst zur Micthe; da aber dieses, wenn er selbst größer wird, nicht mit ihm zugleich wachsen kann, so ist er genöthigt, von Zeit zu Zeit Hinzuziehen, wobei er nicht selten um ein und dieselbe passende Wohnung mit Kon- kurrenten seines eigenen Geschlechts in erbitterte Fehde geräth. Der Englander Lewes, der Verfasser von Goethe's Leben, hat uns IN seinen interessanten sstatnrstndien am Seestrande von solchem Kampf eine höchst ergötzliche Schilderung gegeben. Er nahm zwei Einsiedlerkrebse und steckte sie nackt, wie ihre Mutter sie geboren, in ein Glasgcfäß mit Seewasser. Sie schienen sich nicht behaglich zu fühlen und vermieden einander sorgfältig Dann legte er ein leeres Schneckengehäuse, dem er zuvor die Spitze abgebrochen, zwischen sie, und sofort ging der Streit los. Einer ging munter auf das Schneckenhaus zu, steckte erst prüfend seine Schecre hinein, und nachdeni er sich vorsichtig überzeugt hatte, daß alles in Ordnung sei, schlüpfte er mit seinem Schwanz "> lächerlicher Hast hinein, klammerte sich mit den Haken an und suchte lustig das Weite. Er sollte nicht lange im ungestörteii Besitz bleiben. Sein Nebenbuhler nahte sich ihm mit entschieden unredlichen Absichten und beide wanderten nun in dem Gefäß herum und warfen sich gegenseitig Blicke der ausgemachtesten Bosheit zu.„Keine Worte," so fährt der Beobachter fort,„können unser lautes Gelächter schildern über diesen lächerlichen Kampf, — der eine Kämpfer besorgt um seinen ungedeckten Rücken, und der andere höchst ungeschickt in seiner geborgten Rüstung. Der größere und stärkere von beiden war im Nachtheil, weil« kein Gehäuse hatte, und scheute sich offenbar, Brust an Brust zu kämpfen; endlich nach vielen Bedenken, Anläufen und Rückzügen fiel er dem Gegner in den Rücken, packte die Muschel mit einem mächtigen Griff, riß mit seiner starken Schecre den anderen her- ans, warf ihn elend bei Seite und steckte seinen Schwanz in das Gehäuse. Der andere sah kläglich drein, aber bald stürzte er wieder kampfesimithig auf den Feind, und nun begann das Krebsduell. Der stärkere saß zu fest, er konnte nicht vertrieben werden; ich stieß ihn an seinen empfindlichen Schwanz, der durch die abgebrochene Spitze des Gehäuses hinten exponirt war; da endlich räumte er den Platz und ließ den kleineren wieder im Besitz. Aber nicht für lange. Wieder packte der große den kleinen in derselben Art wie vorher und warf ihn hinaus. Nun legte ich ein kleineres, aber ganz unverletztes Schneckengehäuse in das Gefäß; sofort verließ der große sein Haus mit dem zerfallenen Dach und siedelte in die bescheidenere Hütte über, so daß der kleinere sich nun endlich ungestört in der größeren Behausung einnisten konnte."— Wer sollte wohl diesem also geschilderten, griesgrämig komischen und kampfbereiteil Burschen, der von seinem ungeselligen, im Schneckenhans zurückgezogenen Leben der Einsiedler genannt wird, zarten Schönheitssinn und Freundschaftsgefühle zutrauen; und doch ist dies sichtbarlich der Fall. Es gibt einen Stanim der niederen Thiere, bei denen die bloße innere Leibeswand Magen und Darm darstellt nnd die wegen dieser überaus einfachen Nahrnngs- und Verdauungs- organisation Darmlose(Coclentei-ata) genannt werden. In dem großen Kreis dieser Thiere, zu denen die Quallen, �Polypen nnd Schwämme gehören, nehmen die Blumenpolypen, Seeanemonen, Seerosen eine durch Form nnd Farbcnschönheit ausgezeichnete Stellung ein. Man kann fast täglich im berliner Aquarium Besucher, insbesondere Damen, die zum erstenmale ein mit solchen Blnmenthieren gefülltes Bassin� erblicken, in laute Ausrufe des Entzückens ausbrechen sehen. Sie ivollen es nicht glauben, daß diese Farbenpracht und abenteuerlich anmuthige Leibesgestalt natürlichen und lebendigen Geschöpfen angehören. Noch reichere und lieblichere Formen als sie die ilkordsee bietet, habe ich an den Gestaden des Adriatischen Meeres, wo sie der Fischer„frntti e fiori di mar",„Meeresfrüchte, Meerblumen", nennt, kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Die Secanemonen, Seerosen oder Aktinien sind zylindrische, lederartig weiche Körper, unten in einer scheibenförmigen Fußfläche endend, mit welcher sie sich am Boden festhalten und langsam fortschieben können. An dem obe- ren Rande des Zylinders quillt ein Kranz von zahlreichen, langen, röhrenförmig hohlen Tentakeln oder Fühlern heraus, die wie ein Medusenhaupt von Schlangen durcheinanderwirbeln und vcrmit- telst welcher die Thiere ihre Nahrung ergreifen und der Magen- 164 innenwand zuführen. Das Thier ist sowohl in seinem Körper, wie in seinen Fühlern der größten Zusammenziehung und Gc- staltvcränderung fähig. Bei jeder ungewöhnlichen Berührung schließt die Seeanemone ihr Fühlerhaupt mit einem plötzlichen Ruck,— der schon manchem Zuschauer, welcher das Thier bis dahin für gar nicht beweglich hielt, einen Schreck einjagte,— in sich genau wie eine Knospe zusammen, und nichts anziehenderes kann es geben, als dann diese Knospe allmälich zur prachtvollsten Blume sich entfalten zu sehen. Die Zeichnung der Seeanemone geht durch die ganze Farbenskala hindurch und ist meist von intensivster Reinheit. Zuweilen ist der Körper gelb oder blau- grau und alle Fühler purpurroth; bei der grünen Seerose ist jede der mehr als hundert Tentakeln olivengrün mit violetten und rosa Spitzen; nicht selten sind die Fühler gestreift und gc- fleckt, so daß das ganzejjchier aussieht wie mit Juwclenschmuck behangen. Eine solche Seerose nun hat unser Bcrnardincrkrebs sich als Freundin erwählt. Die englischen Forscher Fordes und Gosse haben zuerst ausführliche Berichte über dieses Bündniß veröffentlicht. Em in den tieferen Meeresschichten des Atlantischen Ozeans und des Mittclmeeres weitverbreiteter Einsiedlerkrebs, der nach seineni Entdecker Priedaux den Namen Paguras Priedauxii erhalten hat, wohnt in einem Schneckenhaus, auf welchem sich stets aus- nahmslos eine liebliche Seerose, die Mantelaktinie(.Aotmia oder Adamsia palliata) angesiedelt findet. Ihr Zylinderkörper ist in seinem unteren Thcile röthlich braun, während nach oben die Farbe in ein glänzendes Weiß übergeht, das Ganze aber ist mit rosig purpurnen Flecken gesprenkelt, oben umgeben von einem blaß-scharlachenen Randsaum; alle Fühler jedoch sowie unten die Fußschcibe sind schneeweiß. Ihre Gestalt hat die Eigenthümlich- keit, daß der Zylinder nicht, wie bei den übrigen Seerosen, kreis- förmig, sondern ovalrund ist, indem die Fußscheibe in zwei seit- lichc Lappen sich ausbreitet. Gosse erzählt:„Ich habe oft mit Interesse darüber nachgedacht, aus welche Weise wohl das gehörige Größcnverhältniß zwischen der Mantcl-Seerosc und dem Schneckengehäuse des Krebses, bei dem allmälichen Wachsthum der Seerose im Gleichgewicht bleibe. Offenbar besteht nämlich ein solches richtiges Bcrhältniß zwischen beiden, indem die jungen Mantelanemone auf kleinen, die aus- gewachsenen auf großen Schncckengehäusen sitzen. Der Krebs kann, wie wir wissen, von einem kleineren Schneckenhaus in ein größeres übersiedeln. Was aber wird dann mit der Mantel- Seerose? Wenn die Krebse ihre Quartiere wechseln und die oben darauf sitzende Adamsia verlassen, so wird ja die Vcrbin- dung aufgelöst und wir sollten also regelmäßig die einen ohne die anderen finden. Das geschieht aber niemals. „Auf der anderen Seite, wenn auch die Seerose ihre Wohnung verändern kann, ans welche Weise sucht sie ein neues Schnecken- gehäuse? Wenn sie die alte Behausung zugleich mit dem Krebs verläßt und zugleich mit eine neue in Besitz nimmt, wie kommt Einheit in den Willen beider uyd in ihr Thun? Wie theilen sie sich einander ihre Gedanken mit? Da die Seerose nicht an dem Krebse festhängt, sondern an dem Gehäuse, da sie also in ihren gegenseitigen Bewegungen unabhängig von einander sind,- wer ergreift die Initiative? Wer macht sich auf, die neue Woh-- nung zu suchen und zu Ivelchem Zeitpunkte der Uebersicdelungz begibt sich auch das Andere daran? lieber alle diese Fragen' hatte ich eifrig nachgedacht, bis ich endlich einen Ausschluß bekam.». „Am 16. Januar 1859 fing ich mit dem Schleppnetze einl ungefähr halb ausgewachsenes Exemplar der Seerose Adamsia palliata auf einem etwas kleinen Schneckengehäuse der Xatioa monilifera, bewohnt von einem Pagurus Priedauxii, der für« sein Logis schon etwas dick zu sein schien. Ich setzte sie in ein« wohlcingcrichtetcs weites Aquarium, dessen Inhalt sich in vor- trefflichem Zustande befand, und hatte das Glück, beide, den! 5lrebs und seine Adamsia im Aquarium einzubürgern. Beide erfreuten sich in ihrer häuslichen Gemeinschaft einer vortrefflichen: Gesundheit und fühlten sich ganz wie zuhause. Jedoch bemerkte, ich nach drei Monaten, daß die Adamsia nicht mehr so wohl aus-; sah. Dazu gab auch der Krebs Anzeichen, daß er unbehagliche eingeengt sei, indem er seine vorderen Körpertheile weit heraus-' streckte. Ich konnte mich jedoch noch nicht entschließen, dem Krebse ein weiteres Schneckengehäuse anzubieten, indem ich fürchtete, er möchte, von der neuen Wohnung Besitz nehmend, seine See- rose»-Freundin verlassen, diese würde dann sterben und ich sie verlieren. „Endlich siegte das Verlangen, eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen, über das Gefühl. Eine Thatsache ist besser als ein Exemplar. Und so nahm ich aus meiner Sammlung ein aus- gewachsenes Natika- Schneckengehäuse und legte es in die Nähe. des in Disharmonie gerathenen Trio's. Ter Einsiedler fand so- gleich das neue Haus und begann unmittelbar es zu unsersuchen. Er wendete es mit der Mündung nach aufwärts, faßte sowohl die Außen- als Jnnenlippe mit einer Klaue und begann nun es über den Boden des Gefäßes hinzuziehen. Gelegentlich ließ er mit einer Klaue los, betastete das Innere und setzte dann seinen Marsch fort. Ein Geschäft rief mich ab und als ich nach ungefähr einer Stunde zurückkehrte, fand ich den Einsiedler be- quem in seiner neuen Wohnung eingerichtet; die alte aber lag verlassen in einiger Entfernung. Schnell kehrte ich sie um, jzn sehen, was aus der Adamsia geworden. O weh! keine Adamya war da. Als aber nun gerade der Einsiedler an die Wand des Aquariums herankam, sah ich zu meiner großen Genugthuung, daß das alte Freundschaftsbündniß ungebrochen fortdauerte. Die Adamsia hing bereits mit dem einen Fußlappen auf dem neuen Gehäuse, offenbar auch mit dem anderen. Aber bei der Stellung der Gruppe konnte ich keine volle Gewißheit darüber erlangen. Indem ich mir nun den Zusammenhang der Dinge mit einer Lupe genauer betrachtete, sah ich, daß die Adamsia mit einer kleinen Fläche des mittleren Theiles ihrer Fußscheibe an der Unterseite des Kopfbruststückes des Krebses selbst anhaftete. „Nun ist dieses Anhasten an dem Krebs ein Umstand, welcher unter gewöhnlichen Verhältnissen, soweit mir bekannt, nicht Platz greift. Deshalb mußte ich ihn für ein außerordentliches und zeitweises Auskunftsmittel halten, die Seerose von dem alten auf das neue Gehäuse zu schaffen und um sie in die richtige Stellung auf demselben zu bringen. Müssen wir daraus nicht mit Nothwendigkeit schließen, daß, sobald der Einsiedlerkrebs das neue Gehäuse passend gefunden hatte, auch die Seerose davon in Kenntniß gesetzt wurde? Daß sodann in den zwei darauf folgenden Stunden letztere ihre AnHaftung an das alte Gehäuse lockerte, und daß sie', an die Brust ihres Beschützers sich an- legend, von ihm zu dem neuen Hause getragen wurde, wo sie unmittelbar darauf begann, sich einen festen Halt zu sichern, gleich dem, den sie eben verlassen hatte? „Elf Tage nach diesen Beobachtungen bekam ich einen ande- ren interessanten Aufschluß über diesen merkwürdigen Freund- schaftsbund. Die Adamsia hatte seit dem Wohnungswechsel kein gutes Aussehen. Sie haftete zwar zum Theil sehr gut, den einen Tag in größerer, den anderen in geringerer Ausdehnung an dem Schneckenhaus, aber meist hing ein beträchtlicher Theil der Fuß- platte an dem Gehäuse herab. Der Einsiedlerkrebs dagegen fühlte sich offenbar behaglich und zeigte durchaus keine Neigung, in sein altes Logis zurückzuziehen. Am 2. Mai fand ich die Adamsia ganz losgelöst und Hülflos auf dem Boden des Gefäßes unter dem Krebse liegend, der, wenn man ihn störte, mit seinem Schneckenhaus davonlief und seine Gemahlin im Stiche ließ. Ich glaubte nun, es sei aus mit meinem schönen Schützlinge. Gleichwohl, wie groß war mein Erstaunen, als ich nach wenigen Stunden die Adamsia wieder prächtig auf ihrer alten Stelle sah, breit angeheftet auf dem Gehäuse uud von frischerenl Aussehen als viele Tage vorher. Aber sonderbar, sie haftete fast in der umgekehrten Lage wie sonst an dem Gehäuse. Hier lag offenbar eine Probe irgend eines Verstandes vor, die zu entdecken ich mir vornahm. „Indem ich also das Gehäuse mit der Aquariumzange sorg- j fältig bis zum Wasserspiegel hob, löste ich die Adamsia behutsam los und ließ sie auf den Boden fallen. Dann legte ich das Gehäuse niit seinem Insassen nahe zu der nun freien Seerose. Kaum berührte der Einsiedlerkrebs die Seerose, als er sie mit seinen Scheeren anfaßte, erst mit der einen, dann mit beiden, und ich sah augenblicklich, was er beginnen wollte. Höchst ge- schickt und erfahren machte er sich daran, seine schöne Freundin wieder auf sein Gehäuse zu bringen. Er fand sie, wie sie mit der Fußschcibe nach oben lag; sein erstes Geschäft war, sie um- zudrehen. Abwechselnd mit den beiden Scheeren zugreifend, und dabei die Adamsia ziemlich scharf ins Fleisch kneipend, wie es schien, hob er sie in die Höhe, bis er ihre beiden Fußplatten gegen einen bestimmten Theil des Gehäuses, wo sie früher ge- haftet hatte, drücken konnte. Dann hielt er, sie fest andrückend, ungefähr zehn Minuten ganz sttll. Dann zog er behutsam erst die eine Scheere, darauf die andere weg. Indem er sich, froh über das gelungene Werk, in Bewegung setzte, hatte ich die Freude, zu sehen, wie die Seerose viel schöner haftete und nun ganz am richtigen Platze. So wurde mir endlich diese Aeußerung der Freundschaftsbethätigung beider Geschöpfe hinreichend klar. Der Krebs ist der aktivere Theil der Genossenschaft; hinreichend deutlich ist es, daß er die Gesellschaft seiner schonen, so sehr ver- schieden gearteten Freundin vollauf zu würdigen weiß. Unsere letzten Beobachtungen nöthigen zu dem Schlüsse, daß immer die Scheeren des Krebses angewendet werden, um bei dem Aufsuchen einer neuen Wohnung die Mantel-Seerose von Gehäuse zu Gehäuse zu versetzen." Es geht aus dieser Schilderung mit unzweideutiger Klarheit hervor, daß an diesem Freundschastsverhältniß der Zufall keinen Antheil hat, daß vielmehr der freie Wille des Krebses es ist, der sich eine so schone Freundin als Hausgenossin erwählt. Er scheint auch für ihren Unterhalt mit besorgt zu sein, denn indem Irrt'li I. Berlin. April 18.. Theuerster Freund! In aller Eile ein paar inhaltsreiche Zeilen. Mein Vater ist in seinem Geschäfte infolge der schlechten Zeiten und durch Un- redlichkeit von Menschen, denen er sein Vertrauen schenkte, zurück- gckonime». Soeben theilte er seufzend und niedergedrückt uns die unaugenchme Botschaft mit. Meine Hoffnung, die Universität besuchen zu können, ist zunichte!— Theuerster Freund; ich bin auf einmal schrecklich ernst geworden. Die übermüthige, kindliche Freude, die ich selbst bei jedem geringfügigen schönen Gegenstande äußerte und die Du stets an mir als ein gutes Erbtheil der Mutter lobtest, kommt mir nun beinahe läppisch vor.„Mein Sohn," sagte der Vater zu mir,„ich war schon vorher kein reicher Mann, aber ich glaubte die Mittel zu erlangen, dich empor- zubringen, dir eine Existenz gründen zu helfen, die dir nicht die Sorge und die Roth des täglichen Lebens so dringlich vor Augen führte. Jetzt bin ich ein Bettler, und du mußt zufrieden sein mit dem, was du erlernt hast."— Ich ließ den guten, lieben Vater nicht ausreden, und indem ich seine Hand ergriff, ent- gegnete ich muthig, daß ich es für selbstverständlich erachte, unter den eingetretenen Umständen das Vaterhaus zu verlassen.— Ich will dich mit allem Näheren verschonen. Ich gehe morgen nach Berlin. Was ich da thun will, weiß ich noch nicht. Wäre es selbst bei einem Notar die Stelle eines Kopisten. Jede Arbeit ist ja ehrlich, wenn der Mensch nur ehrlich ist.— Ich schreibe Dir von Berlin aus meine Adresse. Solltest Du mir in etwas rathen können, dann gib Deinem jungen Freund einen neuen Beweis Deiner alten Freundschaft. Für heute Lebewohl! Au» dem Lageduche. April 18.. Arm! Ganz arm! Da stolzirt ein Kamerad an unserem Hause vorüber, dumm zum Auslachen, impertinent, aufgeblasen, aber sein Vater ist ein Mann von Titeln und Aiitteln. Unser Lehrer der Literatur sagte heute mit verächtlicher Miene, der Franz in Schillers Räubern sei eine freche Kanaille mit gottlosen Zdee», ein Kerl, dessen Athem dem Pfuhl der Hölle entstiegen wäre!— Ich las zuhause die Rolle des Franz nochmals.— Was man �in der Schule doch alles glauben muß!— Es ist wahr, ein Scheusal in Menschengestalt ist dieser Franz, der Raub- mördcr erscheint noch honnett neben ihm, aber seine Philosophie ist doch auch nicht so ganz ohne Vernunft und Wahrheit! Wodurch habe ich meine arme Geburt verschuldet, womit hat jener dünkelhafte Strohkopf seinen Reichthum verdient?— Ist es gerecht, daß mir, der jede» Willen besitzt, etwas in der Welt zu werden und der Welt zu nützen, alle Pforten des Empor- kommens verschlossen sind?— Mein Verstand ist noch nicht ge- bildet und geschult genug, um hier klar zu werden, ich fühle nur, daß nicht alles gerecht auf Erden zugeht.— Vor Schlafengehen will ich doch noch einige Worte aufzeichnen. Ich war selten so wehmüthig, wie heute. Alles was ich seit einer Reihe von Jahren erlebt, Gutes und Böses, alles, was ich muthivillig verübt habe, zieht Bild auf Bild au meiner Seele vorüber. Die Stätte froher vjUgendspiele werde ich vielleicht schon morgen verlassen. Unser stilles Häuschen, in dessen Bezirk ich jedes Winkelchen kenne und selbst in dunkelster Nacht finde, verliert seinen trcnesten Ge- er, um Nahrung zu suchen, mit seinen Hülfskiefern den Sand aufwühlt, sodaß stets ein Wasserstrom an seiner Mundöffnung vorübergeht, wird droben die Seerose durch die mit diesem Wasser- Wirbel herausgeführten organischen Stoffe förmlich gefüttert, und sie entfaltet um so reicher ihren Fühlerkranz, je eifriger ihr Gast- freund den Sand aufrührt. So können wir begreifen, daß das Blumenthier sich bei seinem Krebsfreunde wohlbefindet, welches Motiv aber für diesen zu dem Bündniß maßgebend ist, das ist uns bis heute noch gänzlich verborgen, und es bleibt uns, bis das Räthsel gelöst ist, unverwehrt, dem muthigen Einsiedler ritterlich-romantische Neigungen zuzuschreiben und ihn als den einzigen seines Stammes und Kreises anzusehen, der, gleich den berühmten Laubenvögeln Australiens, Sinn für Schönheit und Ausschmückung seiner Wohnung offenbart. h r t e n. liebten.— Meine Lehrer drückten mir warm die Hände und wünschten mir viel Glück auf den Weg. Ich konnte ihnen alle Beweggründe meines Weggangs nicht sagen, Dr. Merkel schüttelte den Kopf und murmelte in seiner bekannten Art ein paarmal die stereotypen Worte: Riesige Dummheit! Riesige Dummheit! Er ahnte nicht, wie recht er hatte, daß es in der That recht dumm sei, wenn ein strebsamer Mensch wegen ein paar lumpiger Pfennige mitten in seinem Lebensmarsche aufgehalten und willen- los nach einer unbekannten Gegend befördert werde. Und betteln?— Dazu fehlt dem Vater das Talent, dazu besitzt der Vater zu viel Stolz und ich?— Ich bin nicht aus der Art geschlagen.— Die armen kleinen Geschwister! Sie thun mir mehr leid, als der sehlgeschlagene Plan meines Lebens! Und am Ende ist dieser doch später möglicherweise wieder aufzunehmen. Aber die Kleinen werden bitterer die Sorgen und die Entbehrungen empfinden, weniger die Wohlthat einer guten und vielseitigen Bildung genießen. Früher kannte ich die Ver- antwortung nicht, die ein Vater für seine Kinder hat. Nun be- greife ich sie und ich sehe mich schon in Gedanken in der glück- lichen Lage, durch eifrige Arbeit den kleinen, theuren Seelen den Weg zu einer befriedigenden Existenz bahnen zu helfen.— Wie prosaisch!— Ich, der ich sonst für die Poesie lebte, mich abends in den stillen Gängen des Parks beim milden Mondlicht auf den Stufen des Parnaß träumte, muß nun einem ganz prosaischen Leben entgegen gehen!— Man fühlt es dem Inhalte dieser Zeilen nicht an, daß mir beim Schreiben dann und wann ein paar Thräncn auf die Backen rannen. Ich liebe nicht die Sentimentalität, darum sind die Worte im Gegensatz zu meinen Ge- fühlen so trocken, aber ich muß der Wahrheit zu Liebe, doch von der inneren Wehmüthigkeit Akt nehmen.— Schluß damit für heute!— Was der morgige Tag bringt?— In den Sternen steht es zwar nicht geschrieben, indeß will ich doch zu ihnen hin- aufblicken, um die Ruhe und die Festigkeit zu erhaschen, die dem Schiffer noth thut, der mit Tagesanbruch die ungewisse Fahrt in den Ozean beginnt. 1. Mai. Theuerster Freund! Deine Depesche erhielt ich, als ich dabei war, ineine Habseligkeiten einzupacken. Bon deiner Em- pfehlung an Oberinspektor Retter mache ich mit Freuden und Dankbarkeit Gebrauch.— Ich athme schon etivas erleichterter auf und das Geschäft der Revision der vielen kleinen Gegenstände geht um ein Bedeutendes schneller von statten.— Mein Vater freut sich, daß ich so entschlossen bin und meine Wehmuth mann- Haft unterdrücke. Meine kleinen Geschwister kommen zuweilen in meine Stube, um zu sehen, ob ich schon fertig bin. Sie sprechen dabei viel von dem großen und schönen Berlin, das ich nun sehen werde, wo es so viele schöne Sachen und so viel reiche Leute gebe, von dem Vortheil, den dieser Wechsel mir einbringen wird. Sie bedauern, daß sie mich nicht begleiten dürfen. Unschuldige Wesen!— Aber in Wahrheit, mich interessirt die Hauptstadt selbst und mit großer Neugierde sehe ich dem Augen- blick entgegen, der sie mich armen Schlucker zum erstenmal in ihren Mauern sieht.— Hoffentlich ist dieser Herr Retter ein netter Mensch! Dann hat es keine Gefahr!— Heute reise ich ab. Morgen schreibe ich Dir den ersten Brief aus Berlin und theile Dir mit, was ich beginnen werde, was ich denke und em- pfinde.— Von Berlin aus nehme ich dann unsere literarische 166 Korrespondenz(wenn die meinige diesen Namen verdient) wieder auf. Ich freue mich darauf, mit Dir ferner über mancherlei Fragen zu debattiren. Die Schule zwingt den Geist in zu starre Formen. Mag sie für beschränkte Köpfe die beste Förderung ihrer geistigen Entwicklung bilden, mein freierer Geist konnte sich nicht darin wohlfinden. Mein letzter Aufsatz ist mit: mittelmäßig cen- sirt worden. Warum?— Weil ich das Thema nach meiner eigenen Idee bearbeitet und die Gespräche— das Thema hieß: „Arminius und Flavius Unterredung im Teutoburger Wald"— recht altdeutsch: kernhaft und prnnklos gehalten hatte. Unser Professor fand das zum Todtlachen originell, aber trivial. Die ganze Klasse lachte mit, als er mein Opus zum besten gab. Die Flachköpfe!„Recht verhäkelte Perioden im Satz, recht viel Eigenschaftswörter, dazu die Klassiker tüchtig bestchlen und das Machwerk gefällt." Du hast Recht, wenn Du mich schon früh- zeitig auf diese Schnörkeleien aufinerksam machst. Ich wäre vielleicht sonst nicht auf das Lächerliche und Schabloncnmäßige derselben gekommen.— Aber jetzt zu dem Rest meiner Reise- zurüstung.— In der Stube sieht es bunt aus. Ich muß herz- lich lachen, aus Wehmuth theils, theils wegen des komischen Anblicks. Lebewohl. 2. Mai. Da bin ich nun in dem großen norddeutschen Babel. Ter Lärm der vielen Wagen, das Rufen, Schreien und der Anblick des Fremdartigen hat meine Sinne fast stumpf gemacht. Aus den Straßen unserer kleinen Heimathstadt begegnete ich immer nur wenigen Menschen und unter diesen meistens bekannten Ge- sichtern. Hier aber stößt und drängt sich alles mit einer ficbcr- haften Hast an einander vorüber, als ob von einem kleinen Zeit- versäumniß ein Menschenleben abhängig wäre; niemand kennt den Nächsten, niemand kümmert sich darum, ob der Nachbar mit eineni guten oder schlechten Rock bekleidet ist, ob er dies oder jenes, ehrenhaftes oder unehrenhaftes Handwerk betreibt. Es sagte mir jemand unterwegs, daß man in Berlin in einem Hause jahrelang wohnen könnte, ohne sonderlich von seinen Hausnach barn gekannt zu werden, ja oft höre man seinen Nächbar erst nennen, wenn er begraben würde. Das hat gewiß sein Angenehmes!— Man thut, was man mag und darf. Man schecrt sich nicht um die Meinung einer geschwätzigen alten Jungfer und das Urtheil von Lassen und Philistern. Hier wäre es ganz zwecklos, mit leerem Beutel den Großartigen zu spielen, denn kein Mensch läßt sich dadurch verblüffen. In einer kleine» Stadt ruinirt der sogenannte gute Ton, die Rücksicht auf gute Freunde und aufmerksame Nachbarn oft den wohlmeinendsten Menschen, indem er sich zu einem äußerlich vornehmen Auftreten verpflichtet glaubt und deese Verschwendung fortsetzt, bis eines Tages die Roth gebieterisch Einlaß fordert. Ich erinnere mich dabei des Kassenrendanten Weber, dessen Töchter immer sich zu denen der höchsten aristokratischen Kreise gesellten, stets mit kostbaren Klei- < C> /**•/****/> st uvtS flfntÄCo'fidv» mnvffiVir\ffi>v dem geputzt einhergingen und sich das Aussehen werthvoller Wi>rfnnrirfifp;t nnfn-n Eines Tages hieß es, Weber sei plötzlich Persönlichkeit gaben. gestorben; dann hieß es, Weber habe sich aufgehängt, und cnd lich hieß es, der arme Mann habe einen Griff in die Kasse ge- than, um das Defizit seines kostspieligen Haushaltes zu decken. — Was man auch über diesen Fall denken mag, hier in Berlin kommt man weniger in Versuchung, solche verzweiflungsvolle That zu vollbringen, wenn man sonst charakterfest ist. Und ich freue mich von Herzen, daß man mich in meiner jetzigen Behausung nicht beachtet.-- Ich wohne im vierten Stock in der Rosenthalerstraße. Mein Fenster eröffnet die Aussicht nach dem Himmel und auf hohe, graue, fensterlose Mauern. Ein trauriger, eintöniger Anblick, der meine Seele ganz berlinisch stimmt. Es ist naturgemäß, daß der Mensch Vergangenes stets mit der Gegenwart vergleicht und dabei zu unangenehmen Betrachtungen der letzteren gelangt. Gewiß mit Unrecht! Ich will Vergangenes ruhen lassen und mich mit frischem Muthe ins Gewühl des großen Marktes stürzen.„Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt."— Ich bin noch verdammt scheu und un beholfen, linkisch und wortarm. Meine Wirthin meinte vor wenig Augenblicken:„Sie werden schon in kurzer Zeit ein anderer Mensch werden. Die berliner Luft schält den inneren und äußeren Menschen," und damit setzte sie mich verblümt über mein proviu- zielles Benehmen ins Klare. Ich habe in meinem Vermögen zehn Thaler. Mein Vater hatte mir mehr geben wollen. Stolz wie ein Spanier verzichtete ich auf das Mchrangebotene, und in einem Anfinge von Heroismus meinte ich, mit zehn Thalern käme ich wohl schon ans Ende der Welt. (Fortsetzung folgt.) Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. Mar Trausil. (ForUe»ung.) Von der ganzen Küste Südafrikas vom 5. Grad nördlicher BreiC bis zum 5. Grad südlicher Breite ist nur der Saum von durchschnittlich 75 Kilometern Breite bekannt; alles, was hinter den Küstengebirgen liegt, ist terra iucoguita(unbekanntes Land). Hier im Congodistrikt bietet sich den Forschern ein besonders günstiges Feld und es auszubeuten sind gegenwärtig zwei Nationen bestrebt, die deutsche und die englische. Doch sehen wir zu, was andere Völker in früherer Zeit dazu gethan haben, um den hellen Fleck von der Karte Afrikas zu entfernen, aus dem die unbestimmte Aufschrift prangt:„Unabhängige Heidenvölker". Mit dem Erscheinen der Portugiesen(Ende des 15. Jahrhunderts) fällt das Erlöschen der Congodynastie und die Bildung der kleinen Loango staaten zusammen. Für die katholischen Eroberer waren die schwarzen Ureinwohner wilde Heiden, deren Sitten und Gebräuche zu schildern es nicht der Mühe verlohnte. Ter Afrikareisende Peschuöl-Lösche weiß nicht genug ihre Redefertigkeit und ihre hirschähnliche Anmuth, ihre Verträglichkeit und Reinlichkeit und ihre Kunstsertigkeit in Schnitzereien und Webereien zu rühmen. Er schildert die Bantu- Neger, deren Art sich quer über den ganzen Kontinent erstreckt, als dunkelbraune, nicht schwarze, und durchaus nicht häßliche Menschen. Freilich ist die Nase etwas eingedrückt, der Mund aber keineswegs stark wulstig, das ost wunderschöne braune Auge mandelförmig geschlitzt, das Haar sehr voll und dicht, die Figur schlank, ihre Bewegungen zierlich. Was den züchtigen Verkehr der beiden Geschlechter und die Sicherstellung der Frauen- rechte anbetrifft, meint Peschuel-Lösche, könnten wir Kulturmenschen so manches von den Wilden lernen. Die Vielweiberei ist bei den Bantus üblich, doch nicht allgemein, und nur von reichen oder besonders schönen Leuten ausgeführt. Von sehr großem Einfluß aus das ganze Leben ist das Neffenerbrecht, das in Loango herrscht. Dadurch, daß nur die Mutter die Verfügung über die Kinder hat, ihr vom Mann unabhängiges Eigenthilin besitzt, selbstständig Geschäfte abschließt u. s. w., ja Sohn oder Tochter, ohne ihren Mann zu fragen. verheirathct. ist die Stellung der Frau eine ganz andere als bei uns. Die Familie erlangt durch diese Verhältnisse einen so festen Zusammenhalt, daß sie sogar für alles auskommen muß, was ein Mitglied verbrochen. Die Liebe der Eltern zu den Kindern ist eine ganz außerordentlich große. Der Fremde thut daher gut, wenn er gut ausgenommen sein will, die Schönheit und Klugheit der Kinder zu loben. Denn so etwas verbreitet sich, wie alle Nachrichten, unglaublich schnell durch das ganze Land, hauptsächlich von der Quelle aus, wo sich die Mädchen aus allen Dörfern treffen. Dort waschen und baden sie sich auch, und es ist den Männern streng verboten, sich dann zu nähern. Wenn ein Mann mehrere Frauen hat, so wohnt jede meist in einem besonderen Gut für sich, hierdurch sind die Familien eines Mannes über das ganze Land zerstreut, und die jungen Leute besuchen Erbonkel und Erbtanten überall. Außer dem Ackerbau sind die Loango auch in Schnitzereien und Webereien recht erfahren. Merkwürdig ist ihre Rede- gewandtheit, die sich namentlich in den Palavers(Volksversammlungen) gellend macht, wo tage-, ja jahrelang in der logischsten Weise debatlirt wird, ohne daß eine Zeile zu Papier gebracht werden kann. Schon die Kinder werden im Reden geübt, sie spielen nicht. Die Mütter lehren sie schwere Verse aussprechen, geben ihnen Lehren, warnen sie vor Lügen, die alten Leute erzählen allegorische Geschichten oder lehr- � reiche Märchen. Die Kinder verlassen die Hütte in den ersten zwei bis vier Monaten nicht.(Die Negerkinder werden hellfarbig geboren und nehmen erst nach und nach die Landesfarbe an.) Dann wird das kleine Kind sorgfältig vor die Hütte getragen, im Beisein der Verwand ten besprengt oder untergetaucht, erhält einen Namen und damit das Bürgerrecht im Dorfe. Die Erziehung der Kinder leiten abwechselnd mehrere Verwandten zugleich. Dieser patriarchalische Zug macht uns die Loangoneger außerordentlich sympathisch und läßt in uns den Wunsch rege werden, das Schicksal möge sie noch recht lange vor den „Segnungen" der europäischen Kultur bewahren. Die christlichen Missio näre haben bei diesen schlauen Naturkindern so gut wie gar keine Re lultate aufzuweisen. Von den 199 Millionen Einwohnern Afrikas(die man natürlich nur hypothetisch annehmen kann) repräsentirt die Bölker- familie der Bantu oder Loangoneger beiläufig den achten Theil. Um die Reihenfolge der Entdeckungen ini Congogcbiet den Lesern llar darzulegen, müssen wir sie dort wieder ausnehmen, wo wir sie im zweiten Artikel unterbrochen haben, an der Nigermündung. Lestlich davon liegt der mächtige Gebirgsstock des Cameron, den uns der durch Erforschung des Taganjika-Sees bekannte Kapitän Burto» und der deutsche Botaniker Gustav Mann(1858—62) kennen lehrten. Weitere Forschungen im Camerongebiete stellten neun Jahre später Reichenow, Buchholz und Lühder an, von welchen letzterer dein Älima erlag, Wenn der Leser einen Blick aus die Karte von Afrika wirst, was un- bedingt beim Lesen der vorliegenden Forschungsgeschichte nothwendig ist, so wird er finden, daß die eingebildete Linie, die wir den Aeqnator nennen, ein Dreieck an der westlichen Küste durchschneidet, dessen Schenkel die Flüsse Gabun und Ogowai bilden. Hier war es, wo der Franzose Pierre Belloni du Chaillu den anthropoiden Affen Gorilla im Jahre 1856 entdeckte. Von den geographischen Gesellschaften lächerlich gemacht und ohne jegliche Unterstützung drang der brave du Chaillu 1�64 in das Land Aschango, wo er ein merkwürdiges Zwergvolk, die Sbongo fand. Seine Landsleute Aymes, Barbedor und deLangle drangen an den Wasserfällen des gewaltigen Stromes Ogowai in das gleichnamige Hochland. Den Spuren des Kapitäns Tuckey, der im Jahre 1816 bei der Erforschung des Flusses Congo mit seiner ganzen Expedition zu Grunde ging, folgten Robertson, Douville, Owen und Graca, welche durch den Congo in das Gebiet seines Nebenflusses Onango drangen. Wie Bflker als Pascha, Rohlfs als Derwisch, Heug- lin als Elsenbeinhändler und Livingstone als Missionär ihre Reise- Unternehmungen stützten, so suchte Ladislaus Magyar, ein gebore- ner Ungar, in das Innere Afrikas als Negerhäuptling zu dringen. Er war im Jahre 1847 nach Congo gekommen und heirathete die Tochter eines Negerhäuptlings von Bihe. Von den bewaffneten Sklaven seiner Frau begleitet, drang er in die Urwälder der Flußgebiete des Coanzo, Oafabi und des oberen Zambesi. Im Jahre 1857 besuchte ein einzelner, schutzloser Mann Adolf Bastian die Ruinen von San Salvador, der einst mächtigen Haupstadt Congos. Die 1873 in Berlin gegründete deutsch-afrikanische Gesellschaft hat unter Dr. Güßseld eine Expedition ausgerüstet, welche von Kabinda an der Loangoküste in das Innere vordringt und sich aus permanente Stationen an der Küste stützt. Etwas weiter südlich haben in demselben Jahre die Engländer unter Lieutenant Grandy dieses Gebiet in Angriff genommen, um längs dem Congo nach dem unbekannten Kern des äquatorialen Afrika zu gelangen.(Fortsetzung folgt.) „Tief uuter der Erd'." c Schluß.) Ter Hergang des Zwickauer Unglücks wird von dem Direktorium des Brückenberg-Steinkohlenbauvcreins so geschildert:„Die Baue des in Borrichtung befindlichen(4.) Flötzes waren sämmtlich mit Mann schast belegt, und wurde dieselbe, ca. 53 Mann, sofort getödtct. Die Arbeiter auf den oberen Flötzen flüchteten nach der Explosion und eilten nach dem Verbindungs- und Fluchtwege des 4. Schachtes, durch welchen auch eine große Anzahl in den vierten Schacht und von da nach außen entkamen. Ein großer Theil aber, und zwar 36 Perso- neu, wurden von den nachfolgenden Brandgasen überrascht und fanden den Erstickungstod, während ihre Arbeitsörter, die sie im Schreck ver- lassen hatten, frei von schädlichen Gasen blieben.— Die Explosion hat den Wetterscheider zwischen dem ersten und zweiten Füllort zerstört, und war daher die Befahrung der Baue des vierten Flötzes zur Zeit un möglich und an eine Rettung der darin befindlichen Mannschaften nicht zu denken." Erst nach Wiederherstellung des Wetterscheiders und der Einwechselung eines neuen Fördergerüstes— das im Schacht befind- liche war durch die Gewalt der Explosion verbogen worden—, welche Arbeiten bis 2 Uhr nachmittags dauerten, konnten die ersten Leichen zu Tage gefördert werden. Inzwischen gingen die Frauen von ein- gefahrenen Bergleuten weinend nach der Unglücksstätte, welche, um den großen Andrang von Menschen zu verhüten, durch die Schutzmannschast und Feuerwehr besetzt wurde. Die Verheerung im Schachte war eine grenzenlose. Man fand z. B. beladene Hunte, die ca. 66 Zentner wiegen, unter einander geworfen. Aus dem Umstand, daß die Ver- nnglückten, welche auf der Sohle des Schachtes in einer Tiefe von 660 Metern arbeiteten, in den Strecken meistentheils mit dem Kops »ach vorwärts liegend gesunden wurden, schließt man, daß dieselben aus der Flucht ereilt worden sind. Mehrere Leichen waren total ver- brannt und konnten nur schwer rekognoszirt werden; so hatte z. B. ■lne cmU" �®um Dezember abends trotz dreimaligen Suchens ihren Mann nicht herauszufinden vermocht. Der mit mehreren Ar- b eitern vom 4. Schacht, nachdem er die in diesem arbeitenden Leute in Sicherheit gebracht, zur Hülfe herbeigeeilte Steiger Weber ist mit seinen unerschrockenen, braven Begleitern ein Opfer seines Muthes und seiner Todesverachtung geworden. Obgleich die Rcttungsarbeiten unter Betheiligung der obersten Beamten, die selbst mit in die Grube fuhren, so energisch wie möglich betrieben wurden, gelang es doch erst nach und nach, die Leichen zu Tage zu fördern. Die Emporgebrachten wurden sosort den an der Unglücksstätte anwesenden Aerzten übergeben. Die Ueberlebenden schildern die Szenen, die sich bei der Katastrophe ereig netcn, als herzzerreißend. Im ganzen sind der letzteren 89 Männer zum Opfer gefallen, von welchen, soviel bis jetzt festgestellt werden konnte, 52 verheirathet waren, und die zusammen 113 Kinder hinter- lassen. In langen Reihen waren die Tobten im Werkszimmerschuppen und in einem Nebengebäude auf Stroh gebettet und mit Segeltuch überdeckt worden; so lagen sie zur Rekognoszirung für die Augehörigcn bereit. Es ereigneten sich Szenen, die auch ein Herz von Stein hätten erweichen müssen. Einzeln oder in kleineren Gruppen standen die Leid- tragenden umher, in lauten Wehklagen den Jammer ihres Herzens offenbarend oder stumm und bleiche» Antlitzes, die Spuren durchwein- ter Nächte, in den gerötheten Augen, auf die tobten Lieben hinblickend. Auch Unbetheiligte mußten sich mit Thränen in den Augen abwende», wie sie die verbrannten und zum Theil gräßlich entstellten Männer liegen sahen. Die Wohlthätigkeit regte sich zwar unmittelbar nach dem Unglückssall in hohem Grade; der Rath und der Bezirksausschuß kamc» zu außerordentlichen berathenden Sitzungen zusammen, ein Hülsskomite hat sich gebildet und von auswärts treffen zahlreiche Liebesgaben ein, — aber wie viele sind der Wunden, die werklhätige Menschenliebe nicht heilen kann? Die Särge wurden aus dmnps rollenden Wagen durch die Straßen gefahren, wie zur Zeit der Cholera-Epidemie, und schmerzgebeugte Gestalten mit kummererfülltem Ilngesicht schlichen daran vorüber. So- weit die Tobten nicht aus den uniliegenden Ottschaften waren und von den Angehörigen reklamirt wurden, brachte man sie mittels der Werk- bahn nach dem Bahnhofe und von da nach dem Gottesacker der Stadt. Der Zustand des Schachtes selbst ist übrigens derart, daß die Arbeit in demselben zum Theil schon wieder ausgenommen werden konnte. Am 6. Dezember 11 Uhr vormittags fand ftir die Verunglückte» in der Marienkirche ein Trauergottesdienst statt, zu welchem sich soviele Besucher eingefunden hatten, daß sie der Raum der letzteren nicht zu fassen vermochte. In langen schwarzen Reihen waren die Belegschaften des Brückenbergs, die trauernden Hinterlassenen und Theilnehmenden aus allen 5lreisen der Bevölkerung nach der Kirche gezogen, wo die Trauerrede des Geistlichen nicht selten durch herzzerreißendes Schluchzen und Wehklagen der Fräuen unterbrochen wurde. Am Nachmittag sind sie dem Schöße der Erde übergeben worden und dort werden sie in süßem Schlafe ruhen vom harten schweren Tagewerk, das sie bis zum letzten Athemzug treu und redlich vollbracht— die„Helden der Arbeit"..... Lunzenau, im sächsischen Muldenthale, 7. Dezember 1879. Dr. Max Vogler. Neujahrsempfana in einer Negcrfamilic.(Bild Seite 160.) Prosit Neujahr! ruft Sllt und Jung, Arm und Reich einander am 1. Januar zu. Warum denn? Weil die Erde, dieser winzige Körper im unermeßlichen Weltraum, auf welchem uns das Schicksal unsern Wohnort angewiesen, wieder einmal ihren Rundlaus um die Sonne vollendet hat. Wer kann sagen, zum wievieltenmale? Die Natur kennt keine Zahle». Der Mensch hat den Zahlenbegriff erfunden, damit er im Endlosen regelnd eingreife. Indem er die Einheit zur Potenz erhob, hat er mit sichtbaren Zeichen(Ziffern) die llneiidlichkeit der Zahl aufgebaut, mit der er die Hinimelsräume mißt. Diese Theorie, verbunden mit Naturbcobachtnng, lernte ihn den Kalender machen. Der Gebrauch, den Ablauf des eingebildeten Zeitraums, den wir Jahr nennen, zu feiern, ist uralt. Der Vater der Geschichte, Herodot, er- zählt uns, daß die Aegypter der Göttin Ncitha, der Urmutter der Sonne, die in Sais verehrt wurde, in der Neujahrsnacht in allen Häusern Lampen anzündeten; jedenfalls die Versinnbildlichung der Geburt des Lichtes aus dem Dunkel. Die Jude» feierten den Neu- jahrstag zugleich als Adams Erschaffungstag. Das mag wohl die christlichen Kalcndcrmacher, die Priester, bewogen haben, das Fest der Beschneidung Jesu auf den 1. Januar zu verlegen. Ihre türkischen und chinesischen Kollegen waren in Betreff des Neujahrs anderer Ansicht, und so entstand ein heilloses Durcheinander, um welches sich Mutter Erde auf ihrem Rundlauf nicht im geringsten kümmert. Um das Datum nur einigermaßen mit der immer richtig gehenden Stern- uhr des Himmels in Einklang zu bringen, haben die Römer die Monate Julius und Augustus eingeflickt, die Päpste schalteten zwölf Tage und wir schalten alle vier Jahre einen Tag ein. Den Persern war der Neu-Küz(Jahresanfang) ein Festtag, an welchem man sich mit Eiern beschenkte; den Römern war der Neujahrstag ein dies fau- stus(Glückstag), an welchem man sich Geschenke darbrachte, welche Strena hießen, woraus wahrscheinlich die heute noch in Frankreich und Belgien üblichen Etreunes entstanden sind. In Deutschland sucht man sich von der Sitte der mündliche» und schriftlichen Ncujahrsgrawlation immer mehr zu emanzipiren. Anders ist es in der Neuen Welt, wo dieselbe eifriger als je gepflegt wird. Dort gehört Neujahr zu den bc liebtestcn Festtagen und ist ebenso unterhaltend für den Gratulanlen, wie für die, welche die zahlreichen Neujahrbesucher empfangen. Mit größter Sorgsalt wird Toilette gemacht und selbst in weniger bemittel- tcn Häusern läßt man an diesem Tage für den Putz der Damen und für die Bewirthung der Verschwendung einmal die Zügel schießen. Ein reich mit Leckerbissen und Weinen besetzter Tisch harrt der Gäste, sie zum leckeren Schmause ladend. Unser Bild führt uns in die farbige Gesellschaft der Vereinigten Staaten Nordamerikas. Das alte Mütter che» im Hinlergrunde, das noch die Peitsche des Pflanzers gekostet hat, kann sich in den gewählten Ton ihrer Enkel und Kinder nicht finden. Ihre stattliche Tochter, deren Gesicht mehr einer ungeschälten Kartoffel, wie der mediceischen Venus ähnlich sieht, preiset dem Schwärm der Gäste mit nimmermüder Zunge die Erzeugnisse ihrer Kochkunst und kommandirt die Verbeugungen ihrer Töchter. Diese interessanten schwarzen Schönheiten, die auf die dustigen Namen Rosa und Viola hören, haben sich in buntschillernde Kostüme von modernstein Schnitt geworfen und das krause Wollhaar niit geniachten Blumen be- .i 168 steckt. Lachend zeige» sie die weißen Zähne zwischen den wulstigen Lippen und sind im Innern entzückt über die Grazie, mit der sie die weißen„Ladies" nachahmen. Der schwarze Gentleman in seinem Feier- lagsstaat hält sich gewiß sür unwiderstehlich. Warum auch nicht? Für Miß Rosa ist er das Ideal männlicher Schönheil und das ist doch die Haupljache. Zierlich suchtelt er mit dem Bambusstöckchcn und drückt seinen Hut an den pochenden Busen, während er m>t einer Verbeugung die diplomatische Aeußerung macht:„O wie herzlich! O wie sastig!" Ter Schlauberger! Man weiß nicht genau, ob sein bewundernder Ausrus dem Fräulein Rosa oder dem Schinken gilt. Ter bestens her- ausgewichste Stutzer, der seine etwas zu groß ausgefallene Linke an die Kravalte statt zum Herzen führt, hat schon des Guten zu viel ge- ihan und stammelt ziemlich holperig,„des süßen Weines voll", seine Reujahrgralulation. Bei Mutter Chloe hat er sich unmöglich gemacht. Sie sendet ihm durch ihre Hornbrille einen flammenden Blick des Ab- scheues zu. Die zwei Gäste im Hintergrunde in abgetragener Kleidung und mit zweiselhasten Manieren stellen sich als Geschäftsfreunde des eben abwesenden Herrn des Hauses vor. Der Himmel, der sie mit gutem Appetit geicgnel hat, mag wissen, wie oft sie dieses Manöver beute schon wiederholt haben. Trotzdem sie sich mit wahrer Gier auf den Schinken, die Marmeladen und Pasteten stürzen und, wohl nur in der Zerstreuung, einige Pfannkuchen in den Rocklaschen verschwinden lassen, hat die Hausfrau auch für sie ein artiges Wort, ein verbindliches Lächeln, denn heute ist nev years day und der Zutritt auch denen gestaltet, die nicht zu den ständig Eingeladenen des Hauses gehören. Unser Bild, welches die komische Seite des amerikanischen Negerlebens ausbeutet, soll nicht etwa den Beweis führen, daß die farbige Gesellschaft der vereinigten Staaten aus lauter Karrikaturen besteht; es gibt auch unter den Schwarzen chrenwerthe Handwerker und Kaujleute, Richter und Lehrer, die uni so höher in unserer Achtung steigen, wenn wir bedenken, daß sie sich ihr gesammtes Wissen und Können in der kurzen Spanne Zeit eines Menschenalters angeeignet haben. Sie haben den unumstößlichen Beweis geliefert, daß sich alle menschlichen Rassen unter günstigen Verhältnissen fortentwickeln können. vr. M. T. Mammuthfang durch ureuropäische Höhlenmenschen.(Bild S. 161.) Unsere Abbildung führt uns in eine ungemein weit zurück- liegende Periode der Erdentwicklung, in die Terliärzeit, während wel- cher auf europäischem Boden ein Volk unter Verhältnissen wohnte, die den jetzigen in keiner Weise, insbesondere nicht in klimatischer Hinsicht, glichen. Deutschland muß damals, vor der Erhebung der Schneegebirge. ein warmes, subtropisches Klima gehabt haben. wie heute das südliche Griechenland, Sizilien und Aegypten. Wohl gibt uns keine Tradition, leine Volkssage davon Bericht, allein die Höhlen des Lesselhalcs in Belgien, diejenige» der Dordogne in Frankreich, die Kentshöhle, die Wookeyschlucht und die Höhlen von Somerselshire in England, der Hohleseis bei Blaubeuern, die Höhle bei Schclkingen unweit Ulm, der Schelmengraben bei Regensburg, die Höhlen in Wcstsalen und meh- rere Grotten in Mähren, welche die Ureinwohner Europas als ihre Wohnstätten wählten, sind unwiderlegliche Dokumente, daß der Mensch mit dem Mammuthelephanten, mit dem Nashorn, mit dem Höhlenbären, dem Höhlcnlöwen und anderen längst ausgestorbenen Thieren zusam- wen gelebt haben muß. In einer solchen Höhle aus der Schwäbischen Alp fand mau nach Wegräumuna der obersten Erd- und Tropsstein- schichten die Spuren des vorhistorischen Volks, die Reste seiner Mahl- zeiten, vor allem eine große Menge seiner Werkzeuge. Wenn ma» diese einfachen Gerälhe in die Hand nimmt, mit welchen sich der Ur- europäer versah, um sich seinen Lebensunterhalt zu verschaffen, wenn man die Waffen betrachtet, mit deren Hilft er das Mammuth, den Höhlenlöwe», den Höhlenbären bekämpfte, so staunt man über den un- gcheuern Abstand der Kulturstufen von heute und sonst. Da gibt es noch kein Metall, welches erst viel, viel später in der Geschichte der Menschheit seine Rolle spielt. Alles ist gefertigt aus Stein und Bein, vieles wohl auch aus Holz, welches letztere sich freilich nicht erhalten hat. Aus Stein geschlagen sind die Aexte, die zum Hauen des Holzes wie für den Kampf gegen Thiere und Menschen dienten; aus Stein die Speer- und Pfeilspitzen, ans Stein die kleinen Sägen, die Bohrer u. s. w. Der Flint- oder Feuerstein, der, zerschlagen, bekanntlich so leicht scharfe Kanten bildet, wurde zur Anfertigung solcher Waffen und Gcräthschaften am liebste» benutzt; doch griff man auch zu anderm Material, Granit u. s. w., und man schliff die zubehauenen Werkzeuge. solche polirte Steine�aus später Zeit finden sich zumal in den Pfahl- bauten der schweizer Seen, des Laibacher Torsmoores und in den auf der norddeutschen Ebene so zahlreich vorkommenden Hünengräbern. Aus dem Bein der Röhrenknochen der wilden Pferdes und verschiede- ner Wiederkäuer stellte nian Pfriemen, Nadeln, Harpunen her, während der Kinnbacken des Höhlenbären mit seinem scharfen Eckzahn sich zum Spitzhammer trefflich eignete, dessen man sich zum Zerschlagen der markhaltigen Röhrenknochen bei der Mahlzeit bediente. Den armseligen Schmuck der Ureuropäer bildeten Pserdezähne, die man durchbohrte, aneinanderreihte und wie Pcrlenschnüre als Halsketten trug, wie es heute noch die Bewohner des Feuerlandes(Südspitze Amerika's) zu thun pflegen. So zogen die rauhen Männer jenes Steinvolkcs, mit Bärenfellen umgürtet, aus ihren Höhlen zur Jagd in den Wald oder auf die Halde, um Rcnnthiere oder Höhlenbären zu erlegen. Diesen beiden Thieren gehört weitaus die größte Mehrzahl der in den Höhlen gefundenen vom Mahl übrig gebliebenen Knochen an. Inzwischen heimsten die Frauen und Kinder Waldsrüchte, Wurzeln, Pilze, Flechten, Vogeleier ein; auch richteten wohl die Weiber Fellkleider mit tnöcher- ner Nadel und Zwirn aus Gedärm zu, oder sie strickten aus Binsen Netze zum Fischsang. Da traf es sich wohl, daß eine Jagdgesellschaft beim Durchschweisen des Urwaldes mit einem Höhlenlöwen, der an Kraft und Größe den jetzigen Tiger übertraf, oder mit einer Hyäne harten S'rauß durchzufechten hatte. Doch lebten auch schon, wie uns Julius Cäsar und später das Nibelungenlied erzählt, in den deutschen Wäldern der Urstier, der Wisent, der Schelch und das Elen. Die Dickhäuter, welche sich durch den dichten Wald in das nahe gelegene Sumvs- thal einen Pfad getreten hatten, eine langbehaarte Nashornart und ein rothbehaarter Elephant, das Mammuth, blieben im allgemeinen wohl ziemlich unbelästigt von dem Höhlenmenschen, denn dieser verstand aus den prächtigen Stoßzähnen des Mammuths, dem Elfenbein, nicht viel zu machen; auch war das Fleisch dieses Thieres wohl ebenso ungenieß- bar, wie das des noch heule lebenden Elephanten; nur die Zunge und der Rüssel des Mammuths galten als Leckerbissen. Doch schon um dieser Stücke willen, so darf man annehmen, stellte das Jägervolk dem dickfelligen Riesenthier zuweilen nach. Mit den geringen Waffen frei- lich konnte man dem ungeheuer» Thier wenig anhaben; sicher jedoch stellte man ihm Fallgruben, wie auch jetzt der Neger dem Elephanten. Wenn es gelang, einen solchen Waldriesen in die Falle zu bringen, mag es ein Fest sür den Stamm gewesen sein, wie es unsere Abbildung dar- stellt. Dann strömte Alt und Jung, vom kleinen Kind bis zur alten Höhlenahne, die an Krücken heranhumpelt, zusammen, um mit wilder Lust zuzusehen, wie das arme, in Wuth und Angst brüllende Thier all- mählich durch zahlreiche Steinwürse und Verwundungen zu Tode ge- quält ward. vr. M. T. Literarische Umschau. „Deutscher Handwerker- und Arbeiter-Notizkalender für das Schaltjahr 1686." Nürnberg, Verlag von Wörlein& Comp. Dieser Notizkalender enthält in dauerhastem Einbände»eben dem Kalendarium die sür Arbeiter und Gewcrbrreibende wichtigsten Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung, das Hastpflichtgcsetz, das Lohnbeschlagnahme- gesetz, das Gesetz gegen die gemeingesährlichen Bestrebungen der Sozial- demokratie, die hauptsächlichsten Bestimmungen bezüglich des Post- Verkehrs innerhalb des deutschen Reichs und im Bereiche des Welt- postvercins, endlich den eigentlichen, jedem Tag im Jahr seinen Theil leeren Ranines für Aufzeichnungen gewährenden Notizkalender. Für den spottbilligen Preis von 50 Pfennigen hat die Verlagshandlung | geboten, was geboten werden tonnte. „Ausgewählte Reden und Schriften vou Robert Blum. Herausgegeben von Hermann Nebel." Leipzig, Druck und Verlag der Genossenichaftsbuchdruckerci. Ein gewiß zeitgemäßes und dankens- � werthes Unternehmen, Robert Blum, einen der allerbesten und aller- unglücklichsten unter den deutschen Volksmännern in seinen Rede» und Schriste» wieder ausstehen zu lassen, zu einer Zeit, da sein Denken und Trachten, sein Wollen und Wirken die lachenden Erben der Volks- bewegung in den letzten vierziger Jahren, oder richtiger, die ost nicht einmal heimlich hohnlachenden reaktionsliberalen Erbschleicher derselben, so sehr bemüht sind, vergessen zu machen oder in falschem Lichte erscheinen zu lassen. Die einzelnen Lieferungen sind so billig(10 Pfg.), daß jedermann die Anschaffung ermöglicht ist. Heft l enthält: die Rede über die deutschen Grundrechte, gehalten in einer Wählerversammlung im Schutzenhauje zu Leipzig am 16. August 1848; Heft 2: die Red- über den Waffenstillstand mit Dänemark, gehalten im deutschen Parlae mente am 16. Sept. 1848; Heft 3: der Tod des Pfarrers Ludwig Weidig; Heft 4: Aus Blums letzten Lebenslagen. ». ,3nl)4lt- Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Ueber Fremdwörter im DeutlRen von M. Wlttich(V.)— Eigenthümliche Freundschaftsbeziehungen in der Thierwelt. Naturgeschichtliche Skizzenbildcr von vr. L. Jacoby(ll! Die Freundschaft de- Elnstedlerkrebses und der Seerose).— Irrfahrten.— Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von vr. M. Traustl(Fortsetzung).-„Tres unter der Erd'." Bon vr. M. Vogler(Schluß).— Neujahrsempfang in einer Neaer amilie(mit Jllustratlon).— Mammuthfang durch ureuropäische Höhlenmenschen(mit Illustration).— Literarische Umschau Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färbcrstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei i» Leipzig.