JK® 15. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudotph von U. (Fortsetzung.) Dem Jnstizrath kam die Unterbrechung auch nicht gelegen. Aber je weniger die Stimmung des Oberbanraths der ruhigen und raschen Auseinandersetzung über Geschäftsangelegenheiten förderlich schien, desto mehr mußte sich Wichtel mit der Lösung seiner ohnehin wahrscheinlich garnicht so leichten Aufgabe beeilen; denn je mehr Rheinwein der Oberbaurath ans dein Altare seines Durstes opferte, desto geringer mußte die Aussicht werden, in seiner Gegenwart ernsthafte Verhandlungen zu führen. Ohne sich daher sonderlich um das offenbare Mißverständniß seitens Schneemanns zu kümmern, fuhr der Justizrath fort, graden Weges auf sein Ziel loszusteuern. „O mein liebster Obcrbaurath," begann er, süßlich lächelnd, „ich habe selststrcdend einen viel zu hohen Begriff von Ihren übrigens allgemein anerkannten Fähigkeiten und Kenntnissen, daß ich Sic nicht in verschiedenen, auch materiell sehr verschiedenen Fächern als Sachverständigen schätzen sollte. Diesmal dachte ich indeß speziell an Ihre Bedeutung als Fachmann, als Eisenbahn- und Bautechniker, in der Sie mir als die erste Autorität gelten, die ich überhaupt kenne--" Ter Oberbaurath grunzte geschmeichelt und stieß mit dem Justizrath an. Alster hatte sofort gemerkt, wo der Justizrath hinauswollte. Er hatte aber nicht die mindeste Lust, die Differenzen zwischen ihm und Wichtel hier zur Sprache zu bringen. Daher nahm er gelchwind das Wort:° � �« s'' "®'c haben vollkommen recht, bester Freund, unser lieber Overbaurath ist der erste in seinem Fache, und deswegen haben wir ihn auch mit Gold aufgewogen, als es galt, ihn für die technpchc o ireltton unferet Eisenbahn zu gewinnen——" „Uebcrtreiben sie nicht, Alsterchen," brummte der Oberbau- rath, der stch bei solcher Lobhudelei ungemein behaglich fühlte, dazwischen;„ich wiege zwei Centner fünfzig Pfund, und der vcr- ehrliche Verwaltungsrath hat sich sehr gehütet, bei der Nor- mirung des Abstandsgeldes für meinen Austritt aus dem Staats- dienst mein bescheidenes Körpergewicht in Rücksicht zu ziehen. Wär' aber in der That nicht übel gewesen!" Dieser Gedanke mußte den Oberbaurath wirklich sehr an- muthen, denn er stärkte sich schleunigst wieder zufrieden strahlenden Angesichts mit einem mächtigen Schluck. Alster wollte fortfahren, aber der Justizrath hytte es noch eiliger als er: „Um die Herren mit den wichtigen Geschäften, die ich heut zu meinem Bedauern noch erledigen muß, möglichst kurze Zeit zu belästigen," platzte er los,„will ick, mir sofort die Frage erlauben, ob Sie, mein verehrter Freund Alfter, vielleicht schon das Gutachten unseres vortrefflichen Oberbauraths bezüglich der endlichen, definitiven Inangriffnahme unserer Fabrikgründung ein- geholt haben?" Daß diese Art, das Gespräch auf das ihm am Herzen liegende Thenia zu bringen, geschickt gewählt war, zeigte sich sofort. Ter Oberbaurath horchte hoch auf. Das Gründungsprojekt war ihm seinerzeit gradeso überraschend gekommen, wie aller Welt. Bei günstiger Gelegenheit hatte er sich bei jedem der ihm so nahe befteundeten Betheiligten erkundigt und war von beiden mit der Versicherung abgespeist worden, die vorläufige Ankündigung sei nur ein Fühler gewesen, und ehe man Schritte zur Ausführung des Projekts thue, würde man natürlich seinen Rath einholen. Dabei war man längst einig gewesen, den Oberbaurath thunlichst wenig zu inkommodiren,— er war einer von jenen Leuten, die nicht eine Zeile zu schreiben, ja sogar geschäftlich nicht eine Silbe zu sprechen gewöhnt sind, ohne dafür ein haarsträubend hohes Honorar zu liquidiren. Ganz durften die Herren Wichtel und Alfter ihren gemeinsamen vorzüglichen Freund allerdings nicht umgehen bei einer solchen Angelegenheit, weil sie keine Aussichten hatten, ohne seine Zustimmung die für das Emporblühcii ihrer Fabrik unbedingt nothwendigen Bestellungen ihrer Eisenbahn zu erhalten. Um ihn zu gewinnen, genügte es aber vollständig, wenn sie nach Erledigung aller Vorarbeiten, nach fix und fertig gestellter Einrichtung' ihn als der Sachverständigen Obersten zur letzten, natürlich„allein maßgebenden" Begutachtung einluden und den bedächtigen Rundgang in der Fabrik, zu dem er sich dann voraussichtlich herbeiließ und mit dem er trotz aller Bedächtigkeit in wenigen Stunden bestimmt fertig war, mit dem mäßigen Entgelt von tausend Thalern honorirten. Während der Oberbaurath bei der unerwarteten Erwähnung der beinahe ans seinem Gedächwiß entschwundenen Gründung in der frohen Aussicht auf einen tüchtigen und spielend zu er- werbenden Profit flugs ganz Ohr wurde und sogar das eben von neuem erhobene Weinglas wieder sinken ließ, ohne es zum Munde zu bringen, wurde das Gesicht Alsters dunkelroth vor Aerger. Es ivar klar, warum Wichtel den Oberbaurath in dieser Weise ins Spiel brachte; er wollte ihn nicht allein für die ge schäftliche Unterhaltung, sondern für die baldige Ausführung des Projekts interessiren»nd zu seinen, des Justizraths, Gunsten einnehmen, was ihm heute offenbar besonders leicht wurde. Was �• lu- 3aiiuar I8bu, . 170 sollte er thun? Er konnte nicht schnell genug zu einem erfolg- versprechenden Entschlüsse kommen. Das Einfachste war und blieb, koste es was es wolle, die Verhandlungen, ohne auf den Kernpunkt zu kommen, hinzuziehen, bis die Damen erschienen. Es konnte garnicht mehr lange dauern. Alster nahm also eine möglichst freundliche Miene an.„Freut mich, freut mich außerordentlich, bester Justizrath, daß Sie unser Gespräch aus diesen Gegenstand gebracht haben. Grade den heutigen Abend hatte ich mir dazu erwählt, mit unserm verehrten Freunde das von uns selbst schon sorglich erwogene Gründlings- Projekt durchzusprechen, und nur die der Geschäftsplackerei so ab- holde Stimmung, welche unser ja den ganzen langen Tag mit solchen Sachen heimgesuchter Oberbaurath heut mitgebracht hat, hielt mich ab, diesen meinen Borsatz auszuführen." „Ja,'s ist'n riesig liebenswürdiger, rücksichtsvoller Kerl, unser Alster— na, Sie nehmen mir den Kerl nicht übel, Alster chen," meinte der Oberbaurath;„wissen ja, wie ich's meine. Aber, hol' mich der Teufel, so furchtbar zart brauchen Sie bei �mir nicht sein. Wenn ich die Geschäftsschinderei den ganzen Tag ausgehalten habe, so kommt's mir des Abends aus eine weitere Stunde nicht an. Also schießen Sie nur los, Justizrath: Sie waren ja im besten Zuge." Der Justizrath ließ sich das nicht zweimal sagen: „Also es handelt sich darum, ohne allen Verzug zu handeln. Eine Fabrik für Eisenbahnbedarf wollen wir gründen, das wissen Sie ja. Sie wissen auch, daß wir damit einem allseitig empfun denen Bedürfniß entgegenkommen. Nun haben wir aber, mit Ausnahme einer ziemlich rohen Kostenberechnung, noch rein nichts gethan. Wir brauchen mithin ein Grundstück und Häuser, die sich zu Fabrikeinrichtungen eignen, denn zum Bauen, wie wir anfänglich wollten, ist inzwischen die Zeit verstrichen." Alster biß sich auf die Lippen— das war ein zweiter, wie- derum sehr geschickter Coup des Justizraths. Ob die Fabrik gebaut oder bereits fertige Fabrikgebäude zu kaufen gesucht werden sollten, das war im Grunde der Hauptinhalt ihres Zwistes ge- wesen. Daß der alte Wichtel jetzt den Gedanken des Fabrik- baues ohne Diskussion fahren ließ, bewies, daß er ihm, seinem guten Freunde Alster, den Boden jedes Vorwandes unter den Füßen fortziehen wollte. Aber sollte sich der schlaue Jurist da nicht doch eine Blöße gegeben haben? Alster fragte rasch: „Meinen Sie wirklich, geehrter Freund, wir könnten nicht doch noch im nächsten Frühjahr mit dem Bau beginnen? Wenn wir denselben recht forciren, und Sie meinten ja, daß das unter der Leitung Ihres Freundes Waldstein sehr wohl möglich sein würde, können wir ja im Herbst vollständig fertig sein, und im Winter bereits zu fabriziren beginnen." „Ich meinte das allerdings früher," bemerkte der Justizrath ohne das geringste Zeichen des Mißbehagens.„Ich mar, wie Sie Sich entsinnen werden, lieber Alfter, dabei noch der An- ficht, daß eine derartige Beschleunigung um so eher sich durch- führen lassen würde, als zu der Erfahrung Waldsteins noch die unseres Oberbauraths, gewissermaßen als des ersten Baukontro- lenrs, hinzukommen würde. Sie waren uns doch sicher, ver- ehrtester Freund," wandte er sich wieder an den Obcrbaurath, der beifällig nickend seine Zustimmung gab.„Und wenn Sic nicht Ihre Stellung bei der Eisenbahn hätten, welche nicht nur Ihre Zeit in so hohem Maße in Anspruch nimmt, sondern Ihnen auch die Uebernahme von Privatbauten unmöglich macht, so hätte ich natürlich befürwortet, daß wir Sie gebeten hätten, uns die Fabrik einzurichten, so recht eine Musteranlage zu schassen, wie Sie das z. B. bei den Reparaturwerkstätten der Eisenbahn in ausgezeichneter Weise zustande gebracht haben." Der alster'sche Hieb war parirt, aber Alster war zufrieden. Er war immer noch zu keiner bestimmten Entscheidung gedrängt worden, und— er hatte die Uhr gezogen— es war 9'/z Uhr— die Damen mußten auf der Stelle erscheinen. Und es kam wie gerufen,— soeben hörte man einen Wagen vorfahren und am Hotelportal halten. Alster sprang entzückt auf:„Die Damen! Mein lieber Justizrath, verzeihen Sic— ich muß ihnen wenigstens ein paar Schritte entgegengehen. Wenn Sie morgen die Güte haben, bei mir vorzusprechen, können wir über unsere Geschäfte ja einig werden." Der Justizrath machte ein ärgerliches Gesicht. Ter Ober baurath dagegen schmunzelte wieder ungeheuer vergnügt vor sich hin und versicherte, der Jnstizrath würde seinem Freunde Alster für die Ueberraschung. die dieser ihm jetzt zu bereiten im Begriff sei, ewig dankbar bleiben. Er, der Baurath, sei zwar das Opfer lamm— ihn koste die Geschichte zwei Dutzend Bouteillen Johannis- j berger Käbinet, aber, der Teufel solle den Wein holen, für solch' i einen Genuß— einen Kunstgenuß nämlich, setzte er verschmitzt lächelnd hinzu— gäbe er gern noch einmal soviel. Ueberdies denke er sich nach seinen schwachen Kräften schadlos zu halten, darum habe er gleich von vornherein fo tapfer den Kampf mit den Geistern der Rebe ausgenommen— wer die Kriegskosten zahle, müßte wenigstens sehen, daß er ordentlich Beute heim bringe—— So schwatzte der in seinem heutigen Kampfe mit den Geistern der Rebe augenscheinlich schon ein wenig verwundete Herr Schneemann in seinen nachdenklich dreinschauenden vorzüglichen Freund Wichtel hinein. Er hätte jedenfalls noch lange nicht aufgehört, wenn sich die Thür nicht langsam, sehr langsam geöffnet hätte und Herr Alfter mit außergewöhnlich verdutztem Ausdrucke auf seinem allezeit rosigen Antlitze wieder erschienen wäre. Als sich der Thürgriff zu bewegen begann, hatte der Ober baurath bereits höchst umständliche Anstalten gemacht, sich zu erheben; er war damit aber noch lange nicht zustande gekommen, als er Alster allein eintreten sah. Mit beiden Riesenfäusten auf den Tisch aufgestemmt, den Oberkörper etwa einen Zoll hoch vom Sessel erhoben, hielt er in seinen Beniühnngen inne und fragte: „Alle Wetter, Alsterchen, wo bleiben denn unsere Göttinnen?" „Ja, weiß der Hinimel, meine Herren," erwiderte Alster ziem- lich kläglichen Tones,„vorläufig weiß ich blos, daß mir der Kutscher, welcher die Damen hierherbringen sollte, statt ihrer dieses Bittet übergeben hat." „Ich glaube gar. Ich werde doch nicht etwa meine Wette noch gewinnen— das wäre ja eine schöne Geschichte! Himmel- kreuzdonnerwetter!" fluchte der Oberbaurath. Alster hatte das Bittet erbrochen, sich möglichst nahe an den Gaskronleuchter gestellt und gelesen. „Nein, das ist aber ein haarsträubendes Pech!" rief er, nachdem er die wenigen Zeilen, welche das Bittet enthielt, überflogen hatte.„Hören Sie nur, meine Herren: , Sehr verehrter Herr Alster! ,Zu meinem lebhaftesten Bedauern verhindern mich Brustbeklemmungen, welche heut am Schluß der Vorstellung, wahr- scheinlich infolge von Aufregung, mich befallen haben und jeden- salls Nachwehen eines, wie ich glaubte, glücklich überstandenen, Herzleidens sind, Ihrer so ungemein liebenswürdigen und mich auszeichnenden Einladung nachzukommen. , Deshalb haben Sie die Güte, mich und meine liebe Helene von Würzbach, die es sich nicht nehmen läßt, mir in meinem Unwohlsein Gesellschafterin und Pflegerin zu sein, in gewohnter Liebenswürdigkeit zu entschuldigen. ,Jn vorzüglicher Hochachtung zeichnet Frau Christine Bergmann-Stein?" „Na, das ist nicht übel— Brustbeklemmungen, altes Herz- leiden— Himmelheiland— da sitzen wir nun da wie die Waisen- knaben,— was meinen Sie dazu, Justizrath?" Der Justizrath war weniger schmerzlich berührt; die Reihe des Bergnügtschmünzelns war jetzt an ihm. „Aber, meine lieben Freunde, was machen Sie da für Streiche!" sagte er und drohte schelmisch mit dem Finger.„Zwei doch nicht mehr ganz junge Knaben, wie Sie, laden sich die hübschesten Schauspielerinnen in P. zu einem heimlichen Souperchen vn guatre. Wenn das mein würdiger Herr Sohn gewußt hätte— ich glaube, er hätte Sie gefordert, sozusagen aus purem Brotneid." „Jetzt aber würde sich der Brotneid in Hohnlächeln verwan- deln," grunzte der Oberbaurath.„Na, Alsterchen, wenigstens müssen Sie jetzt die Wette bezahlen— das ist noch mein einziger l Trost in dem vermaledeiten Pech!" Herr Alster hatte diesen Trost nicht. Seine Freude auf den j köstlichen Abend war umsonst gewesen, dazu zahlte er die Zeche und hatte auch noch den Justizrath auf dem Halse, dem aus- zuweichen er eine vierzehntägige Reise gemacht haben würde, wenn er von seiner Ankunft grade zu diesem sehr ungelegenen Zeitpunkte etwas gewußt hätte. Es war wirklich zum Davonlaufen; schade nur, daß das auch nicht viel nützen möchte, denn der Justizrath wäre jedenfalls nachgelaufen. Der war nicht abzu- schütteln, wenn er nicht selbst wollte— das wußte Alster aus langjähriger Erfahrung zur genüge. „So können wir denn unsre Geschäftsangelegenheiten, bester Freund Alfter, jetzt gleich kurz und bündig zu einem gedeihlichen Abschlüsse bringen/' erneuerte denn auch der Justizrath sofort den Angriff. „Hören Sie gefälligst meinen Vorschlag: Wir suchen so rasch als irgend thunlich die zu unseren Fabrikanlagen nöthigen und geeigneten Grundstücke und Räumlichkeiten zu finden. Die, gleich- viel ob von Ihnen, verehrter Freund, oder von mir in Vor- schlag gebrachten Grundstücke werden, gleichfalls ohne Verzug, von unsrem lieben Oberbaurath einer sachverständigen Prüfung unterzogen und, falls sie für zweckentsprechend befunden werden, sofort angekauft. Dann übernimmt Waldstein, immer unter der Obcrleftung des Obcrbauraths, die Einrichtung, mit der kontrakt- lichcn Verpflichtung, bis zum Frühjahr fertig zu sein; der Ober- baurath rekommandirt uns brauchbare Techniker und nimmt zur bestimmten Zeit die Bauten ab, und spätestens zum Mai nimmt die Arbeit ihren Anfang. So halten Sie's doch auch fürs beste, bester Obevbaurath?" „Natürlich, so ist's recht, so muß man's machen," grunzte dieser, von den Ausführungen des Justizraths höchlichst erbaut, indem er sich vornahm, seinen sachverständigen Beirath sich so theuer als möglich bezahlen zu lassen.„In der industriellen Welt kommt alles ans energische Initiative an. Haben eigentlich schon viel zu lange gewartet; bin das von der Thatkraft meines guten Alsterchens garnicht gewöhnt. Heute den Plan gefaßt, morgen die Schultern in die Radspeichen und vorwärts mit der Karrete— das ist das einzig richtige, verlassen Sie Sich darauf, vorzüglicher Freund." Alster gab sich die größte Mühe, irgendeinen Vorwand heraus- zuklügeln, mit dessen Hülfe er die von Woche zu Woche un- angenehmer gewordene Sache noch weiter hinzuschleppen im stände gewesen wäre; aber entweder war er heute so vernagelt— diese Voraussetzung aber schien ihm bei dem großen Respekt, den er vor seinen eigenen geistigen Fähigkeiten hatte, rein unmöglich—, daß er deshalb keine plausible Einrede entdeckte, oder es gab für ihn wirklich keinen mittheilbaren vernünftigen Grund zur Verzögerung des einmal begonnenen Werkes— kurz, er wußte absolut nicht, was er sagen sollte— eine Verlegenheit, deren er sich bei seiner sonstigen vermeintlich unübertrefflichen Rcdefcrtig- keit im Herzen weidlich schämte. Der Justizrath ließ die Leine, an der er seinen Freund fest- hielt, nicht locker. „Es freut mich," sagte er, ohne sich im mindesten daruni zu kümmern, daß Alfter noch nicht die Spur seines Einverständnisses hatte merken lassen;„es freut mich aufrichtig, Verehrtester Freund, daß Sic gegen meine Vorschläge nicht das mindeste einzuwenden haben. Die Sache ist also abgemacht— unser lieber Ober- baurath kann uns diese erfreuliche Thatsache bezeugen--" „Das kann er," grunzte der Oberbaurath.„Und nun lassen wir die leidigen Geschäfte— Geschäfte sein und stoßen wir an, die Kompagnie Alster und Wichtel soll leben! Hoch! Nun aber, Freunde, die Gläser aus bis zur Neige— unser lieber Alster ist heute der vom Schicksal dcsignirte Festgeber. Wir woll'n ihm keine Schande machen— was, Justizrath?— und woll'n uns— hol' mich der Teufel!— auch durch den nothgedrungenen Ver- zicht auf das schöne Geschlecht nicht verstimmen lassen, können uns ja an die Vcuve Cliquot*) halten; zwar'n altes Frauen zimmerchen, aber mir doch immer noch die liebste." Die Gläser klangen zusammen, Wichtel drückte„seinem lieben, guten Alster" auf das wärmste die Hand, der Oberbaurath ver sicherte in ungewöhnlich poetischer Begeisterung, daß es eine wahre cllr,-.r'»> Himniel sei, wenn ein paar so vorzüg- liche Menschen ein Herz und eine Seele seien im Denken und ini Handeln, und alle drei schickten sich an, in trauter Gemeinsamkeit dem Gottc des Weins� ihre Opfer darzubringen. Alster zog an der Glockenschnur, welche die Verbindung mit der Dienerschaft des Hotels und Restaurants Weinhold herzustellen hatte. Das Souper hatte lange genug gewartet.-- „Der Oberkellner ist wirklich außerordentlich aus dem Flecke," meinte Alster.„Hören Sie— in demselben Augenblicke, in dem man läutet, kommt er auch schon." In der That hörte man Schritte auf den, Korridore. „Na, wenn das der Oberkellner ist," sagte der Obcrbaurath, „so muß der Kerl wenigstens vier Beine haben." *) Witwe Cliquot, die Besitzerin der ältestrenommirten Champagner- Häuser. Ter Obcrbaurath hatte recht; draußen gingen mehrere Menschen den Korridor entlang, und jetzt öffnete'sich auch die Thür des Zimmers, in dem die Herren zu löblichem Thun beisammen waren, und auf der Schwelle stand die hohe, schlanke und dabei in all' ihren Formen schwellend gerundete Gestalt einer schönen Frau, die, lebhaft erstaunt, in dem Separatzimmer bereits Gäste vor- zusinden, mit einem lauten:„Oh, das Zimmer ist bereits besetzt, Sie haben uns doch irregeführt, bester Schweder!" ins Zimmer trat. Herr Schwcder, der noch den Thürgriff in der Hand hielt, trat einen Schritt vor und grüßte, wie es den Anschein hatte, nicht minder überrascht als die Dame, die sich mit dem zweiten der Herren, die sie begleiteten, nach höflicher Neigung ihres schönen Hauptes zurückzuziehen begann. „Bitte tausendmal um Vergebung, meine Herren," sagte Herr Schweder;„aber jetzt erkenne ich ja erst— mein verehrter Herr Alster und der liebenswürdige Herr Oberbaurath— nun, da darf ich ans freundliche Entschuldigung hoffen: ich muß mich in der Zimmernummer geirrt haben." Alster hatte sich erhoben und war auf Schwedcr zugekommen. Auch der Oberbaurath machte Anstrengungen, aufzustehen,— nur der Justizrath blieb nach kurzer Erwiderung des Grußes kaltblütig sitzen. Die Augen des Herrn Alster leuchteten cigenthümlich, als er Schwedcr warm die Hand schüttelte und ihn fragte: „War die Dame nicht Frau SenkbAl, mein bester Herr Schweder?" „Gewiß, Herr und Frau Senkbeil, sonst niemand. Wir drei wollten soupircn und ein gemüthliches Glas Wein trinken!" „Ei, das trifft sich ja ganz vorzüglich. Haben Sie die Güte, mich der Dame vorzustellen, und erlanben Sie mir, daß ich die- selbe mit ihrem mir gleichfalls sehr werthen Gatten und mit Ihnen einlade, an unscrm Soupcrchen theilzunehmen." Schwedcr bat, der verehrungswürdige Herr Alster möge sich und seine Freunde doch ja nicht inkommodiren, aber Alfter hörte garnicht mehr auf das, was er sagte, sondern zog ihn am Arme auf den Korridor, wo sich Herr Senkbcil nach dem Oberkellner umsah, um zu erfahren, welches Zimmer denn eigentlich für sie rcservirt worden wäre. Die Vorstellung ivar schnell bciverkstelligt, und die Einladung Alfters wurde um so bereitwilliger angenommen, als der herbei- geeilte Oberkellner versicherte, daß der Bote unbegreiflicherweise nicht eingetroffen sei, durch den sich Herr Scksivedcr heute das Separatzimmer Nummer drei,— als das abgelegenste und von dem Lärm auf der Straße am wenigsten behelligte,— hatte re- scrvircn lassen wollen. Alfter bemühte sich eifrigst, Schweders Entrüstung über die „fabelhafte Unzuvcrlässigkeit des dienenden Volkes" durch die Versicherung zu beschwichtigen, daß ihm heute nichts in der Welt lieber gewesen wäre, als dieser Zufall, und dabei warf der alle- zeit unternehmungslustige Herr der schönen Frau Scnkbeil einen Huldigungsblick zu, der, wie er sich überzeugt hielt, durchaus geeignet war, auf ein fühlendes Frauenherz einen tiefen Eindruck zu machen. Zu seinem Leidlvcsen übersah die schöne Frau diesen Blick gänzlich, sie schaute eben sehr angelegentlich nach einer andern Richtung. Es war ein langer, forschender Blick, den sie an ihrem Gatten vorbei zu Schlvcder hinüberstreifen ließ. Zu ihrer Verwunderung schaute auch ihr Maiin seinem Freunde Schwcder fragend ins Geficht; aber es wollte sie bcdünken, als wenn um die breiten Lippen ihres Eheherrn dabei ganz heimlich ein psissigcs Lächeln der Befriedigung spielte. Und wenn sie schon nicht recht verstanden hatte, wie es möglich war, daß Schweder sich heute eines so unzuverlässigen Boten bedient hatte— er, der sonst seine Leute trefflich zu wählen verstand, und wenn es ihr sehr aufgefallen war, daß Schweder, einen Seiteneingang zu dem Restaurant Wcinhold benutzend und, ohne jemanden von den, Hotel- personal zum Führer zu nehmen, sie und ihren Mann zu dem an- gcblich für sie rescrvirten Zinimcr geleitet hatte, so konnte sie sich dieses zufriedene Lächeln ihres Mannes erst recht nicht erklären. Lange Zeit, darüber nachzudenken, hatte sie nicht. Herr Alster war gar zu liebenswürdig. Er führte sie unter einer Fluth von Komplimenten nach Nummer drei zurück, stellte die dort zurück- gebliebenen Herren der Dame und ihren Begleitern vor und gab seiner Freude über diese angenehme Fügung eines gütigen Ge- schicks, wie er den vermeintlichen Zufall nannte, immer erneuten Ausdruck. - 172- Der Oberbaurath schien auch entzückt zu sein. Er hatte Herrn! sich offenbar eingefädelt hatte, bei der Frau Zenkbeil Hahn im Schweder in sein Herz geschloffen, weil dieser ihm durch den Korbe zu»Verden suchen.— immensen Vor- rath von Anek- dotcn ui»d Histörchen aller Art, die er stets bereit hatte und gern in meisterhafter Er- Zählung zum besten gab, im- ponirt hatte und ihm auch bekannt »var als ein„Kerl, vor dessen kolos- salcn Leistungen im Zechen mau die größte Hoch- achtung cmpfin- den müsse". Der Justiz- rath dagegen mußte sich einige Blühe geben, sein Mißvergnügen zu verbergen. Mußte der Satan auch grade heute noch diesen Schivedcr und,»vas ihm noch viel schlim iner schien, diesen Senkbeil sammt seinem Weibe hierherführen— freilich ein ver- dainmt hübsches Weib, das konnte der längst er graute Kenner der Frauenschön- heit nicht leug- nen!— Jetzt ging übrigens dem Justizrath ein Licht auf. DieserAlster hatte sich ganz ziveifel- los in das famose Weib gründlich vergafft und da- rum— natürlich darum»väre er für sein Leben gern der Kompagnon des Senk- beil gelvorden. Dieser alte Sün- der!— Solche Motive konnten es auch nur sein, die den Alfter so bockbeinig ge- macht hatten!— Es wäre»virklich zum Todtlachen ge>vesen,»venu es nicht ärgerlich »väre, daß man sich mit solcher Narrheit herum- quälen mußte. Na, nun»var glücklicherweise die Sache soweit im reinen, Alster konnte nicht mehr zurück— j Die Gesellschaft hatte sich um die kleine Tasel sin scheinbar der Oberbaurath»var als Bundesgenosse geivonnen, und Alster zufälliger Reihenfolge gruppirt. N»lr das eine war� bestimmt »nußte,»venn er partout wollte, aus eine andere Art, als er es nicht zufällig, vielmehr geboten vom guten Ton, soiveit ihn Herr -- 173- Alster in mühsamen Studien sich zu eigen gemacht, daß die minder war es Zufall, daß, als unter der Aufsicht des Ober- schöne Frau Senkbcil an der oberen Knrzseitc des Tisches gelvisser- kellncrs zwei andere Kellner mit lautloser Schnelligkeit die Tafel deckten, der eine große Tafelaussatz so zu stehen kam, daß es Herrn Senkbcil schwer wurde, sei- »es Gegenüber, des Herrn Alster, Gesicht zu sehen, und umgekehrt. Aeben Alster saß der Oberbaurath, der sich nur im Momente der er- ncuten feierlichen Begrüßung der als liebe Gäste zu- rückkehrenden Eindringlinge mühselig erhoben, sich aber so rasch als thunlich wie- der auf den in ? seinen Fugen � krachenden Lehn- •f sessel niedergelas- ® sc u hatte. Ihm gegenüber hatte 'S der Justizrath *5 gleichfalls seinen =; Platz behauptet, tfD und zwischen bei- b den, an der zwei- L tcn Kurzseite der � Tafel, saß, zwar g am Ende dersel- bcn— kavalier- ~ mäßig höflich, wie j; er nun einmal » war, hatte er es w durchaus nicht 'S anders gethan—, •§ aber in günstigster e: Position, um alle Z zu beobachten und £■ insbesondere um •S- sich keinen Blick £ der schönen Frau zs Senkbeil und ihres galanten Nachbars zur Linken entgehen zu lassen— Herr Schweder. Auch der In- stizrath schien die löbliche Absicht zu haben, sich ein wenig in stiller Beobachtung zu ergötzen. Er saß aiis seinem Sessel mit einer Bier- telswcndung nach rechts, und wäh- renderseingraucs Haupt leicht vornübergebeugt hatte und anscheinend so unverwandt auf eine Compot- schüssel starrte, maßen präsidirte. Ihr zur Rechten saß ihr Gatte; zu ihrer Linken � wie ein Selbstmörder in den letzten Augenblicken auf den Teich, hatte— und das war natürlich garnichts weiter, als ein glück- der ihn zum ewigen Schlummer aufnehmen soll, schielte er über liches Spiel des Zufalls— Herr Alfter Platz genommen. Nicht � die Brille hinweg nach Alfter hinüber.(Fortsepung folg«.) 174 Ueber Fremdminier im Deutschen. Bon ZS. Wittich. (Schluß.) Friß Reuter sagt bei einer Gelegenheit einmal, wenn die Mecklenburger, auch die Gebildeten, warm würden, sprächen sie die Mundart. Aehnlich können wir gewisse Fremdwörter nicht brauchen in gehobener Rede und in besonderen Stimmungen. Es denke sich jemand einen erwachsenen Sohn, dessen Vater starb und der nun voll Schmerz ausruft:„Wir haben den Papa verloren!" Hier ist unbedingt das fremde Wort gradezu störend. Unverkenn bar ist auch die deutliche Absicht, unangenehme, ans Unsittliche grenzende Dinge durch ein nicht allen verständliches Fremd- ivort zu verhüllen. Hierher paßt auch das schiller'schc Wort: „Es(das Genie) ist schamhaft, weil die Natur dieses immer ist, aber es ist nicht decent, weil nur die Berderbniß decent ist." Schamhaft ist eine positive Eigenschaft, decent ist dem Gebrauche nach ein sehr abgebrauchtes Synonymum, es heißt fast nur so- viel wie: nicht ganz schamlos, aber doch etwas. An solche Worte mag der wackere Grimmelshausen gedacht haben, wenn er, etwas übertreibend, sagt:„Nene fremde Wörter bringen selten guts, sondern bedeuten je und allwcg etwas böses." Man denke dabei als lichtgebend an die Sprachkünste, welche bei Abfassung von politischen Noten, Borträgen u. s. w. ihr unheimliches Wesen treiben,>vie da so geschraubte, nicht selten ganz neue Worte und Redensarten angewendet werden, um jenes dem Sprichwort nach zum Fischen geeignete Trübe zu erzeugen. Das ist nicht nur etwas Gesagtes, sondern traurige Wahrheit, und Aussprüche von Leuten„vom Fache" würden sich verschiedene anführen lassen, die alle beweisen, wie in der Diplomatie die Sprache thatsächlich den Zweck hat, die Gedanken zu verbergen! Aber was ist nun in unsrer Frage zu thnn? Das grimmische Wörterbuch sagt in seinem Bonvort zum ersten Bande über diesen Gegenstand: „Es ist Pflicht der Sprachforschung und zumal eines deutschen Wörterbuches, dem maßlosen und unberechtigten Vordrang des Fremden Wisterstand zu leisten und einen Unterschied festzuhalten zwischen zwei ganz von einander abstehenden Gattungen aus- ländischer Wörter, wenn auch ihre Grenze hin und wieder sich verläuft. Unmöglich wäre die Ausschließung aller solcher, die im Boden unserer Sprache Wurzel gefaßt und aus ihr neue Sprossen getrieben haben; sie sind durch vielfache Ableitung und Zusammensetzung mit der deutschen Rede so verwachse», daß wir ihrer nicht entbehren können..... Dagegen enthält das deutsche Wörterbuch sich einer Menge anderer, aus der griechischen, latei nischen, französischen Sprache oder sonsthcr entlehnten Wörter, deren Gebrauch unter uns überhandgenommen hat oder gestattet wurde, ohne daß sie für eingetretene in unsere Sprache gelten können. Ihr Aufenthalt scheint in vielen Fällen gleichsam ein vorül ergehender, und man wird, sobald einmal das natürliche Wort den gebührenden Raum gewonnen hat, sie garnicht vermissen. Wie der Stolz' auf unsere eigne Sprache, der oft noch schlummert, einmal hell envacht und die Bekanntschaft mit allen Mitteln wächst, welche sie uns darreicht, um noch bezeichnendere und uns angemessenere Ausdrücke zu gewinnen, wird auch die Anwendung der fremden weichen und beschränkt iverden." Und weiter:. � „Zur schmählichsten Fessel gereicht es der deutschen Sprache, wenn sie ihre eigensten und beste» Wörter hintansetzt, und nicht wieder abzustreifen sucht, was ihr pedantische Barbarei aufbürdete; man klagt über die fremden Ausdrücke, deren Einmengen unsere Sprache schändet; dann werden sie wie Flocken zerstieben, wenn Deutschland sich selbst erkennend, stolz alles großen Heiles bewußt sein wird, das ihm ans seiner Sprache hervorgeht. Wie es sich mit dieser Sprache im Guten und im Schlimmen bisher angelassen habe, ihr wohnt noch Frische und frohe Aussicht bei, daß ihre letzte» Geschicke noch lange nicht erfüllt sind und unter den übrigen Mitbewerbern wir auch eine Braut davontragen sollen. Tann iverden neue Wellen über alten Schaden strömen." Besserung kann allemal nur von höherer, lichterer Erkcnntniß kommen, und diese für unsere Sprache angebahnt zu haben, ist das ausgezeichnete Verdienst vor allen der Gebrüder Grimm und ihrer Arbeitsgenossen und Nachfolger. Einer mäßigen, besonnenen Ausmerzung wirklich überflüssiger Fremdwörter, wie sie Grimm in der angezogenen Stelle andcntet, sind wir durchaus nicht ab geneigt. Ganz kräftig verwahren wir uns aber, wie in dem ganzen Vorhergesagten, gegen jene thörichte Deutschthümelei, die am wenigsten in unseren Tagen am Platze wäre. Daß die Wissen- schaft, welche ja eine Menge auswärtigen Stoff heranzieht, zu einer vernünftigen Lösung dieser Frage sehr viel beitragen könnte und müßte, ist klar. Man gebe seitens der Gelehrten ein gutes Beispiel und sage das deutsch, was man deutsch sagen kann. Die Wissenschaft wird dann allgemein zngängig, wenn ihre Leistungen in lichtvoller, deutlicher Sprache vor die Oeffentlich keit gebracht werden, und eben das kann ihr selbst nur von Vor- theil sein. Je mehr Arbeiter auf ihren weiten Feldern, desto sicherere Hoffnung auf eine reiche Ernte guter Früchte! Das Beste und Meiste kann und sollte hier die Schule thnn. In den Volksschulen, namentlich in Sachsen, finden sich schon eine große Anzahl gut deutsch geschulter Lehrer, eine große An- zahl macht an der Landcsnniversität germanistische Studie», sicher nicht zum Nachtheil ihrer Berufsausübung. An den höheren Schulen heißt es aber noch sehr:„die Gelehrten, die Verkehrten". Der„Studirte" im allgemeinen hat noch eine unüberwindliche Neigung, durch Fremdwörter seine höhere Bildung zu eriveiscn, wo er doch mit gemeinverständlichen deutschen dasselbe und mehr erreichen könnte. In den mittelgebildcten und in den von unseren modernen Schulen am spärlichsten bedachten Schichten kommt es nicht selten vor, daß man mit einem Fremdwort ein gutes deutsches übersetzen muß, um verstanden zu werden. Wie die „Fliegenden Blätter" einmal scherzten, versteht ein Bauer das Wort„Regenschirm" nicht, und als ihm einer gezeigt wird, ruft er aus:„Ach, ein Parapluie meinen Sie! Da reden Sie doch gleich deutsch!" Diese Anekdote sieht so aus, als wenn sie erlebt wäre; ähnliches ist wohl jedem einmal selbst begegnet, wo er, um verstanden zu werden, seine deutsche Rede mit Fremd- Wörtern deutlich machen mußte. Aber was soll die Schule hier thun? Mn, sie soll, wo die Fremdwörter sich nicht umgehen lassen, ohne daß Einbuße an Inhalt des Gesprochenen oder Geschriebenen zu befürchten steht, dieselben jedenfalls sprachlich genau ansehen und betrachten, ihre Grundbedeutung geben und dadurch wenigstens den barbarischen Bildungen entgegenarbeiten. Unsinn muß unter allen Bedingungen eben ausgerottet werden, aber nicht mit Feuer und Schwert und polterndem, deutschthümelnden Geschnaube, sondern mit der Leuchte wiffcnschaftlicher Erkcnntniß. Die Wildlinge von willkürlich ge- bildeten, nirgends heimathberechtigten Fremdivörtern müssen sich eine granimatische Zucht gefallen laffen oder landesverwiesen werden. Bei allen könnte und sollte nach dem Heimathsschein gefragt werden, und haben sie sich ausgewiesen etwa gar als Lehnwörter, wie man die Fremdwörter genannt hat, die sammt einer neuen Sache als Gahe des Auslandes zu uns kamen, so wird bei den Schülern leicht ein Gefühl der Dankbarkeit gegen jenen einstigen Geber platzgrcifen und so mehr für internationale Gesinnung Heitragen, als willkürlich gemachte Fremdwörter. Da kann gesagt iverden, daß wir die angenehmen Früchte: Birnen, Pflaumen, Kirschen, den Römern verdanken, nicht so den heimi- schen Apfel; daß wir von ebendemselben Volke eine bessere Bau weise, das Bauen von Mauern(vom lateinischen murus) gelernt haben, daß dorther uns Fenster, Pfosten, Pfeiler, Pforte, Ziegel bekannt worden und ihre Namen heut nach deutschen Lautgesetzen umgewandelt unser ehrlich Eigen geworden sind. Richtige leidenschaftslose Erkenntniß ist die einzige Lösung und diese kann schon frühe in der Jugend gepflegt und vorbereitet werden, und diese Thätigkeit kann nicht ohne Früchte bleiben, nach verschiedenen Seiten wird sie segensreich wirken. Und nun ein paar praktische Regeln siir den einzelnen, der außer Schule steht. Man spricht nicht, oder doch nur höchst selten, blos für sich, sondern für andere, deshalb wähle man die Worte, welche auf möglichst allgemeines Vcrständniß rechnen dürfen. Das werden in den meisten Fällen die guten deutschen Ausdrücke sein! Man scheue aus demselben Grunde ein deutliches, allgemein gebräuchliches, den Nagel auf den Kopf treffendes Fremdwort nicht allzu sehr und werde durch wässerige Umschreibungen etwa unklar und unverständlich! 175 Man brauche überhaupt kein Wort, bei dem man sich nichts denkt und kein Fremdwort, dessen genaue Bedeutung man nicht kennt! Man suche sich bei jedem Wort, welches man spricht sowohl, wie bei jedem, welches man Hört, eine deutliche Borstellung, ein möglichst anschauliches, klares Bild zu machen. Dieses Bild in Worten ausfuhren, heißt sprechen: braucht man ein starkglänzendes Licht im ganzen Bild, welches man sich nur sprachlich durch ein Fremdwort schaffen kann, so brauche man es!(S. oben bei Herder!) Das sind nun alles sehr einfache Dinge, sie werden aber trotz ihrer Einfachheit gar häufig außer acht gelassen. Will man aber einmal den Versuch machen, seine tägliche Ausgabe und Einnahme an gesprochenen und gehörten Worten etwas genauer zu kontro- liren, so werden bei diesen Sprachdenkübungen unbedingt bei jedem eine Menge anziehender kleiner Erfahrungen sich ansam- mein, die nicht ohne Nutzen für die innere geistige Ausbildung bleiben können. Und hiermit nehmen mir Abschied von dem Leser, mit Dank, daß er uns auch einmal auf einem etwas von Schulluft durch- zogenen Gang begleitet hat, wir hoffen aber, er ist von ihm nicht ganz ohne manchen kleinen Genuß, oder ohne daß diese oder jene kleine Aufklärung sich ergeben hätte, zurückgelegt worden. Die Sache, das können wir zum Schluß noch versichern, liegt uns sehr am Herzen, wie sie denn auch thatsächlich recht wichtig ist. Nirgends ist die Verlockung zur Phrase, zur hohlen Wort- macherei stärker und die Gefahr der Unklarheit und Unwahrheit größer, als bei massenhaftem Fremdwörtergebrauch, und dieser Gegenstand war wohl werth, einmal eingehender behandelt zu werden, damit ihn der Leser für sich weiter beobachte. Die Eroberung des Himmels. i. (Himmelskunde und Kultur.— Praktische Bedeutung der Astronomie. — Galilei.— Kepler.— Wissen und Glauben.— Mondstädte und Benusseste.— Der Mond ohne Wasser.— Ein Mitleid ohne Grund. � Leicht wie Blei.— Astronomie und Intelligenz.— Ter Fixstern- Himmel.— Von Millionen und Billionen.— Die Spektralanalyse. Zwei deutsche Eroberer.— Wesen der Spektralanalyse.— Das Spektrum.— Vom Natrium.) Ueine Kultur hat es gegeben, deren Bestrebungen nicht dar- auf gerichtet waren, die Geheimnisse des Himmels zu erforschen; - kein Philosoph hat sich damit begnügt, das Sein ans der Erde zu ergründen, ohne zugleich einen forschenden Blick auf jene rollenden Himmelskörper über unseren Häuptern zu werfen, in denen man Welten vermuthete, ohne die wissenschaftlichen Mittel zu besitzen, um diese Bermuthung zur Gewißheit zu er- heben;— aber ebensogut hat es keine Täuschung, kein Blend- werk, keinen Aberglauben gegeben, die sich nicht aus den mibe- kannten Sphären des Himmels ihre Waffen und Mittel geholt hätten. Nicht die Astrologen allein, welche vorgaben, in den Sternen das Schicksal der Menschen lesen zu können, und Jahr- tausende ihren Betrug fortführten, nein, alle andern Vertreter jener Träumereien und mystischen Ideen, die die Völker beirrten, spe- kukirten aus die Unwissenheit der letzteren in Sachen einer Wissen- schast, die vor allen befähigt erscheint, zersetzend aus die menschlichen Wahngebildc zu wirken. Mit anderen Worten, die Astro- nomie ist, wie jede andere wahre Wissenschaft, eine Wissen- schäft zur Entwicklung der Intelligenz und als solche von eminent praktischer Bedeutung. Wohl kann es ausgesprochen werden, daß das Schicksal der Menschen wirklich von den Sternen beeinflußt wurde, wenn wir bedenken, von welcher materiellen Wirkung die astronomische An- lchauungsweise war. So war das System des ägyptischen Astronomen Ptolemäus, demzufolge die Erde stille stand und von der Sonne umkreist wurde, nicht nur der Stützpunkt der kirchlichen, sondern auch der staatlich-bürgerlichen Machtansprüchc, und mit diesem Weltsystem, welches von dem Triumvirate Kepler- Köper- nikus-Galilei in Stücke geschlagen wurde, fielen auch die Säulen der alten kirchlichen und gesellschaftlichen Zustände. Nicht um- Ivnst spannte man in Rom den 74jährigen Galilei auf die Folter und verkündete bis 1828 alljährlich, daß die Sonne und alle andern«lerne die Erde umkreisen, nicht umsonst ließ man Kepler, nachdem er sein Leben dadurch hatte fristen müssen, daß er „Kalender machte" und den Leuten aus deren Sternen— wahr- sagte, am kayerlichen Hoflager zu Regcnsburg den Hungertod sterben; wie Kästner sagt:" o a"V a „So hoch war noch lein Sterblicher gestiegen, Als Kepler stieg— und starb in Hnngersnoth; Er wußte nur die Geister zu vergnügen, Drum steßen ihn die Körper ohne Brot" Nein, diese Männer waren keine„unpraktischen Gelehrten", ste waren Revolutionäre, und die„unpraktische" Astronomie war es, die mithalf bei der Vernichtung der alten Zustände. Und 1° ist es bis heute geblieben.— Bis auf unsere Tage herab, war jede Entdeckung, jede Eroberung oben in den Himmels- räumen die Vorläufcrin oder Begleiterin eines Fortschrittes der Menschen und interessant und leicht wäre es, die kulturelle Bedeutung der Astronomie geschichtlich zu beweisen. Wenn oennvch im allgemeinen eine arge Gleichgiltigkeit dieser Wissen- schast gegenüber sich zeigt, so hat sie ihren Grund in einem ge- wissen Argwohn des Menschen, der allerdings bei der Astronomie entschuldbarer ist als anderswo. Denn nicht nur das Feld der Astronomie, auch alle Mittel und Fähigkeiten, welche dieselbe fordert, liegen weit mehr ab von der Heerstraße des allgemeinen Wissens, als die anderer Disziplinen. Der Astronom hat dem Publikum gegenüber viel freiere Hand als der Naturforscher; er hat viel iveniger eine Kontrolle als dieser zu fürchten, dafür begegnen ihm aber ungleich größere Ziveifelsucht und Vorsicht. Inwieweit sind diese Zweifelsncht und Vorsicht gerechtfertigt? Es ist eine bezeichnende Thatsache, daß die ernstesten Denker, sobald sie das Sterncngebiet betreten, von der Lust zu fabuliren, mehr oder minder befallen werden; so wird Kant, der ernste Philosoph, in seiner„Naturgeschichte und Theorie des Himmels" zu einem zweiten Tante und beschreibt und dekorirt Dinge, die ihm kein Teleskop hat jemals zeigen und keine Zahlenkolonne beweisen können. Man muß eben in solchen Fällen zwischen Wissen und Verniuthen eine scharfe Linie ziehen und die Ver muthung für das nehmen, was sie eben ist.— Gruithuisen, einer der besseren Astronomen unseres Jahrhunderts, will in dem Monde eine Stadt von fünf Stunden Länge und einem Fort auf einer Anhöhe(also Soldaten auch auf dein Monde!) bemerkt haben und derselbe Gelehrte spricht anderswo die Meinung aus, daß der auf der unbeleuchteten Seite der Venus sich oft zeigende Feuerschein seinen Grund in der Abhaltung religiöser Feuerfeste seitens der p. t. Venusbewohner haben könne.— Dies ist doch wahrlich nicht mehr astronomische Wissenschaft, sondern astronomisches Kinderspiel, das man einem Gelehrten von Verdienst als Zeitvertreib zwar verzeihen, jedoch sich hüten muß, ernst zu nehmen. Ist aber einerseits einige Vorsicht der Astronomie gegenüber nicht zu tadeln, so muß doch bemerkt werden, daß vieles dem ungclehrten Auge eine Träumerei zu sein scheint, was in Wirk- lichkeit nur eine aus Beobachtungen folgende Nothwendigkeit ist. Nehmen wir ein Beispiel. Lange bevor die Spektralanalyse es festgestellt hatte, daß es ans dem Monde keine Atmosphäre gebe, waren schon die Astronomen derselben Meinung und schloffen dar- aus auf die Unmöglichkeit des vegetativen Lebens auf dem Erdtrabanten. Der Laie ist nun versucht, diese Meinung für eine Träumerei zu halten und über die Beschreibung der Mondland- schast mit ihrem schwarzen Himmel und ihren grellbeleuchteten Gebirgen zu lächeln; allein der Beweis für den Mangel einer Atmosphäre auf dem Mond ist folgender: Es kommen Fälle vor, wo Sterne in ihrem Laufe vom Monde bedeckt und unsichtbar werden. Gäbe es nun auf den, Monde eine Atmosphäre, so müßte sich nach dem Gesetze der Lichtbrechung, bevor noch der Stern hinter den Mond rückte und nachdem er hinter demselben verschwände, die Atmosphäre des letzteren sich erleuchten und dasselbe der Fall sein, beim Wiedersichtbarwerden des Sternes auf der andern Seite des Mondes, wie ja auch unsere Atmosphäre schon vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang sich erhellt. Diese Erscheinung fehlt aber auf dem Monde, also auch die Atmosphäre.— So gibt uns ferner das newtonfche Gesetz der Schwere das Mittel in die Hand, nicht allein den Lauf der Gestirne, sondern auch deren Umfang und Dichte zu berechnen. Dasselbe Gesetz muß aber überall dieselben Erscheinungen zeigen, und es lassen sich somit alle Erscheinungen der Schwere, ivie sie auf unserer Erde sich kundgeben, den veränderten Verhältnissen auf Sonne und Pla- neten genau anpassen. Besonders die populäre Astronomie be- _ _ schaftigt sich mit Vorliebe mit solchen Vergleichc», ohne das; man gegen sie deswegen den Vorwurf der Träumerei erheben könnte. So hat man sich, ehe die Spektralanalyse den Beweis für den glühenden Zustand des Sonnenkörpers erbracht und die An- schwärzung widerlegt hat, die Sonne wäre ein dunkler von einer feurigen Gashülle umgebener Körper, sehr viel den Kopf für die p. t. Sonncnbewohner zerbrochen und nachgegrübelt, ivie dieselben gebaut sein müßten, um ihr Leben— erträglich zu j finden. Die Sonne ist nämlich, wie bekannt, fast anderthalb millionenmal größer als die Erde, und es muß somit auch ihre Anziehungskraft auf die Gegenstände ihrer Oberfläche eine viel bedeutendere sein als die der Erde:— und man nimmt an, daß ein Erdcnzentner ans der Sonne sechsunddreißig Zentner wiegen müsse, d. h. mit der Gewalt von 3ü Zentner ans seine Unterlage drücken würde. Berechnet man nun das Gewicht eines Erden- menschen im Durchschnitt init einem Zentner, so würde dieser Mensch auf der Sonne 36 Zentner wiegen und das Leben ihm so wirklich zur unerträglichen Last und er. von seinem eigenen Gewichte erdrückt werden. Aber glücklicherweise gibt es auf der Sonne keine Bewohner— die Sonne brennt und sie kann daher auf ihrer Oberfläche kein vegetatives Leben besitzen. Wenn auf dem ungeheuren Sonnenball die Anziehungskraft so groß ist, daß eine Flaumfeder niit dem Gewichte des Bleies auf den Sonncnbodcn fiele, so muß man umgekehrt ans der geringen Masse des Planetoiden Pallas(37 geographische Meilen Durchmesser) schließen, daß ans diesem Planeten Blei so leicht wie eine Flaumfeder wiegt.... Ist solcher astronomisch-physikalischer Zeitvertreib ohne allen Nutzen? Gewiß nicht: � es gehört mit zu den Vortheilen der Eroberungen, die der Menschengeist oben im Himinclsraume gemacht, daß dieser Menschengeist in die Lage kommt, sich von der Erdcnschollc loszumachen, und indem er die Gesetze seines Pla- nctcn ans das Weltall ausdehnt, aus Erdenbürgern Welt- bürger zu bilden. Wer den verderblichen Einfluß jenes Nützlich- keitsprinzipes ans die Menschheit, demzufolge die Sonne scheinen muß, damit das Getreide gelb und der Apfel roth werde, kennt, wird den unendlichen Nutzen erfassen, den geläuterte astronomische Kenntnisse auf ein Volk ausüben müssen. Ist einmal zu einem Gemeingut aller die Keuntniß geworden, daß die entferntesten Sterne dieselben Stoffe aufweisen, welche unsre Erde besitzt, und daß das gleiche Gesetz, welches den Apfel vom Baume fallen läßt, oben im Welträume thätig ist, dann wird so mancher Wahn fallen müssen und die Menschheit ihre letzte Aufgabe viel leichter begreifen als früher. Hochinteressant wäre es, zu beobachten, wie— Schritt für Schritt— der Mensch sich den Himmel eroberte und dessen Räthsel zu lösen versuchte. Welch ungeheurer Fortschritt von den An sichten jener Philosophen, die die Erde noch für eine Säule und die Sonne für einen Körper von drei Fuß Durchmesser hielten, bis zu den Zeiten eines Kopernikus, Newton und William Herschel und dem Standpunkte der heutigen Astronomie, deren Fernrohre über 566,600,6(16,000 Meilen in dem Himmelsraume vordringen. So große Vervollkommnung jedoch das Teleskop auch erfahren, so sehr es auch zur Entdeckung zahlreicher neuer Sterne geführt, so gebührt ihm doch nicht die Palme in diesem Kampfe des Menschen um den Himmel. Das Teleskop schlägt nur die Brücke von Stern zu Stern, aber nur die Spektralanalyse ist im Stande, die Fixsternwelt selbst zu betreten und der Wissenschaft zu erobern. Hätte die Astronomie sich nur um unser Sonnen- mstem zu bekümmern, d. h. uni die Sonne, die 107 Haupt- und Nebenplanetcn, die Kometen und Meteorsteine, so hätte uns. noch eher das Fernrohr genügen können, obschon die Jahrhunderte lang behauptete Ansicht, die Sonne sei ein an sich dunkler Körper, beweist, daß selbst auf diesem bescheidenen Gebiete das Fernrohr unbeschränkte Dienste leistet. Vollends bewies aber dasselbe seine Unfähigkeit dem Fixsternhimmel gegenüber. Während nämlich unter den Gläsern des Teleskops die Planeten als Scheiben Irrs'a Theuerster! Ich glaubte, Dir gleich nach meiner Ankunft mit einem langen Expose dienen zu können. Ich täuschte mich. Ich bin jetzt noch unfähig dazu. Es will jede Speise erst vcr- daut sein, um dem Organismus des Leibes zu Nutzen zu sein.. sich darstellen, welche uns ein ziemlich deutliches Bild von der Oberfläche jener Körper liesern(so daß wir z. B. ausgezeichnete Mondkarten besitzen), bleiben die Fixsterne auch unter der stärk- sten Vergrößerung funkelnde Punkte, ans denen sich nichts unterscheiden läßt, so daß uns der Fixsternhimmel ewig ein Ge- heimniß geblieben wäre— ohne die Spektralanalyse. Jeder Denkende wird vor dieser Entdeckung Achtung empfin-- den müssen, wenn er bedenkt, ivelche Entfernung der Fixstern- Himmel mit seiner Milchstraße, seinen Sternen- und Nebelhausen, von unserer Erde hat. Eine deutliche Vorstellung von dieser Entfernung kann man sich gar nicht machen. Die geringste vcr-> hält sich zu einer Meile wie 190,006 Jahre zu einer Sekunde. und ist noch eine Entfernung, welche eine Kanonenkugel erst in 6 Millonen Jahren, der Schall in 3'/- Millionen und das Licht in drei Jahren zurücklegen können. Ter uns nächste Fixstern ist noch immer vier Billionen Meilen von uns entfernt, während der Sirius(Hundsstern) 18.5 Billionen, die Capella 92 Billionen undHerschels entferntester Stern 4500Billionen Meilen von uns ent- ferut ist,— eine Zahl, die zu erfassen uns garnicht möglich ist. Und wenn wir nun von Körpern von solcher Entfernung die chemische Constitution und die Physische Beschaffenheit kennen, so haben wir dies der Spektralanalyse zu verdanken. Seit zwanzig I Jahren ist nun diese Wissenschaft im Dienste der Himmelsknnde 1 und hat Erstaunliches geleistet. Bunsen und Kirch ho ff haben sie in die Astronomie eingeführt und sind dadurch zu zwei deutschen Eroberern— auch ohne Ehrensäbel— geworden, deren Namen im Munde eines jeden leben sollten; denn sie haben der Wissen- 1 schaff, ohne einen Flintenschuß, nur durch ein kleines Glasprisma, J Gebiete erobert, von mehr Millionen Meilen Ausdehnung, als es 1 Pfennige im neuen deutschen Reiche gicbt.— Um dem Leser ein klares Bild von der Rolle zu geben, welche der Spektralanalyse bei der Erforschung des Himmels zugewiesen ist, müssen wir vorerst den Begriff dieses wissenschaftlichen Unter- J snchnngsmittels selbst klar machen, was wohl jeden interessiren\ muß, der nicht sich allein, sondern der Menschheit und deren Fort- j schritt lebt.— Ter Name Spektralanalyse klingt ctivas zu„gelehrt" und � wir wollen daher ihn zuerst verdeutschen.— Was aualysircu! heißt, weiß jedermann; man analysirt ein Wort, eine Rede, einen Stoff, d. h. man zergliedert das Wort, die Rede, den Stoff, in> ihre Theilc. Die Spektralanalyse zergliedert also; aber was?—| Im Lateinischen bedeutet das Wort speotrum, Geist, Erscheinung:c.; allein in der Naturlehrc, die an keine Geister glaubt,; versteht man unter Spektrum nicht etwa eine Gespenstcrerschcinung,|| sondern jenes anmuthig liebliche in allen Rcgenbogenfarben glän- zendc Bild, welches man erhält, wenn man das Licht der Sonne oder eines anderen leuchtenden Körpers durch ein dreikantig gc- 1 schliffenes Glas— ein sogenanntes Prisma— hindurchgehen I läßt; das unbewaffnete Auge sieht in den verschiedenen Lichtern, I wie z. B. dem der Sonne, der Gas-, Oel- oder Kalkflamme,, außer einer Nüancirung in der Farbe und Lichtstärke, keine| wesentlichen Unterschiede: anders aber verhält sich die Sache, j wenn man ein solches Licht durch ein Glasprisma hindurch und: das Rcgeubogcnbild des darin gebrochenen Lichtes in die Netz- 1 haut des Auges fallen läßt. Dieses Regenbogenlicht, welches I man dann erblickt, heißt man eben das Spektrum, dessen Aus- sehen und Beschaffenheit von der Natur des Stoffes abhängt, j welcher das Licht aussendet. Die Verschiedenheit dieses Farben- 1 lichtes ist derart charakteristisch, daß jedem in Gasform glühen den, festen oder flüssigen Körper und leuchtenden Stoff ein be■ sondcrcs, eben nur diesem Stoffe eigenthümliches Spektrum entspricht. Läßt man z. B. das Licht einer Natriumflamme durch j ein Glasprisma fallen, so wird auf einem an passender Stelle; angebrachten weißen Papierschirm das Spektrum des Natriums i sofort sich zeigen, nämlich eine dicke orangegelbe Linie, so daß; man aus dieser Linie schon schließen kann, daß das Licht vom � Natrium ausgcsandt wird.(Fortsetzung folgt.) hrten. tzung.) Also später! Bei Oberinspektor Retter bin ich heut Vorniittag! gewesen. Er ist ein freundlicher alter Herr, der die Empfehlung s Deines Vaters wohlwollend entgegennahm und mich einer langen! Auseinandersetzung mit der Frage überhob, mit was er mir bc| — a hülflich sein könnte. Ich sagte ihm alles und klärte ihn über meine Kenntnisse auf. Daraus war er der Meinung, daß die Eisenbahnkarriöre für mich zweifellos fruchtbringend sein dürfte, daß ich ein Gesuch um eine Anstellung in der Güterexpedition aufsetzen solle, und wenn ich sonst fleißig und brauchbar sei, würde ich mit det'Zeit schon emporkommen.— Den guten Rath befolgte ich sogleich, und ich sehe nun der Entscheidung mit Sehnsucht entgegen.— Meine Wirthin ist eine recht artige Person. Ihr Mann ist auch Eisenbahnbeamter, aber selten zuhause, da er die Züge begleitet. Sie hat zwei hübsche, ganz junge Töchter. Mit der ältesten bin ich schon bekannt, denn ich half ihr bei den Schularbeiten. Denke ich auch mit Sehnsucht nachhause zurück, so erfüllt mich das muntere Treiben dieser beiden Wesen doch mit Behagen, und ich hoffe, in kurzer Zeit hier ganz heimisch zu werden. Meine Bücher schauen mir fragend von dem Gestell aus entgegen. Noch habe ich aber keine Zeit zum Studium ge- funden. tltachmittag schaue ich mir gemächlich, nach der Art eines reichen Flaneurs das Innere der Stadt an, von dem man mir das Angenehmste mit Stolz erzählt, werde dann mir den Weg zur Eisenbahn zurechtlegen, und wenn ich dann von all' dem Sehen und Hören satt bin, wird mir die Ruhe das Liebste sein. Von meinen Eltern empfing ich soeben den ersten Brief. Sie wünschen mir viel Glück und ermahnen mich zur Ehrlichkeit und zu einem soliden Lebenswandel. Beides, so schreiben ste, wäre die Grundlage zum Lebensglück. Von Berlin denken sie eher alles andere, als Gutes. Ich finde diese Furcht kleinstädterisch; aber so ganz unrichtig ist sie nicht, denn es sind ihnen viele junge Leute bekannt, die aus den Großstädten mit mehr Lastern als Vorzügen heimkehrten. Ich werde mir es angelegen sein lassen, die Gründe und die Quellen zu diesen bösen Eigenschaften kennen zu lernen. Soviel weiß ich aber, daß ich bei aller Leb- haftigkeit und Empfänglichkeit meines Gcmüths nicht das Zeug zum Versumpfen in mir habe. Ich danke in erster Linie für dieses Talent meinem Vater und meiner Mutter, die es mit richtigem Erziehungetakt verstanden haben, mein ganzes Interesse auf den Kern der Dinge zu lenken, anstatt sich mit der Ober- flächlichkeit zu begnügen. Ein Mensch, denke ich, kann ebenso gut zu einem Scheusal als zu einem edlen Wesen erzogen werden. Weder die sittlichen Ideen noch die unsittlichen sind angeboren und vererbbar. Wie stellst Du Dich zu dieser Frage? � Soeben ruft es zum Essen. Lebewohl! Lieber Vater! So habe ich doch endlich eine Stelle. Was für eine? wirst Du fragen.— Durch Dekret einer hohen Eisen- bahndirektion bin ich als Diätar mit 15 Groschen angestellt. Es ist grad soviel, um nicht zu verhungern. Morgen früh trete ich meine Stellung an. Man muß einen schlechten Begriff von meinen Fähigkeiten haben, daß man mir so wenig bewilligt. Aber etwas Vortheilhastcres ist nicht zu finden und das Sichere dem Unsicheren ja stets vorzuziehen. Mein Wirth meinte, das märe nun einmal so der Lauf der Welt, die Herren zögen den Dienern, wenn sie könnten, noch die Haut ab, um sie zu ver- silbern. Obwohl ich die Richtigkeit dieser Bemerkung nicht prüfen konnte, so legte ich mir doch diese bissige Notiz dainn aus, daß a«f meiner Eisenbahn die Fleischtöpfe nicht gar zu niedrig hängen. Denn 15 Groschen für einen Menschen von meiner Schulbildung 'st doch in der That recht wenig. Nun, ich will nicht vorher murren. Die Herren sollen sehen, daß ich arbeiten kann.— iiur Deine Mittheilnngen über Dich, Mutter und Geschwister meinen besten Tank. So ist doch wenigstens die Hoffnung, daß Die Fortschritte der Technik. Sßon H. W. Fabian, Ingenieur in Frankfurt am Main. I. Die verwerlhung d«r Wasserkräfle. L.(krfordcrliche Maschine,, und«pparaic. 1. Hydro in otore. «o.Wasserräder und Turbinen sind hauptsächlich bekannt als geeignete -b-asserkraftmaschinen, doch kommen bisweilen auch noch Wassersäube Maschinen und hydraulische Widder zur Anwendung, lchtere hauptsäch- ach, wenn es sich um Hebung von Wasserquantitätcn aus höher gelegene tzunkte handelt. So wie man ober und unterschlächtige Wasserräder, >e nach der Art des Gefälles unterscheidet, so kommen in derselben �eise Hoch- und Niederdruckturbinen zur Unterscheidung. Bei ca. 1 Meter es nicht zu sehr bergab mit Euch geht.— Ach, meine Wissen- schasten, theurer Vater, werden nun ivohl ganz Feiertag haben. Von morgens bis abends im Dienst, sollte man die Nacht zum Weiterstudium heranziehen müssen?-- Aus dem Tagebuch. Daß sich in Berlin der Nächste nicht um den Nächsten kümmert, ist enffchieden nicht ganz richtig, wenigstens habe ich an- gefangen, davon eine Ausnahme zu macheu. Meine Hausbewohner muß ich doch kennen! Da ist zuerst ein Bäcker, ein behaglicher Mann, dick und gemüthlich, aber dumm, sehr dumm; zweitens ein Milchhändler, ein Mensch, der so grob und unzugänglich ist, daß man ihm, wie einem Kettenhund, zehn Schritt ausweicht; drittens ein Dachdecker, der jeden Abend betrunken nachhause kommen soll, um in diesem Zustande mit seiner Familie Zank- konzerte aufzuführen; sodann habe ich schon ein paarmal einen Mann beobachtet, der in einer so schäbigen Kleidung steckt, daß man ihn eher für einen Bettler, als einen Buchbinder hält, wie das Schild an seiner Thür besagt.— Das wären vorderhand die Ergebnisse meiner Studien, und wie man immer das Beste für den Nachtisch aufbewahrt, so nehme ich von dem hübschen, blonden Stickmädchen im zweiten Stock hier zuletzt Notiz. Das blasse Kind scheint mir eine bedauerliche Existenz zu führen. Von früh bis abends soll sie arbeiten, was nicht viel ihresgleichen zu thun pflegen. Meine Wirthin sagte mir über sie vieles aus freien Stücken, was ich nicht zu fragen wagte, denn sie hält mich für ziemlich blind für das{jeuus femininum. Nach ihrer Rede ist Luise Bürger allerdings ein Muster von einer Jungfrau, und ich werde die erste beste Gelegenheit benutzen, ihr nahezutreten. Frau Wittwe Bürger ist Wäscherin; ein anstrengendes Geschäft das für eine bejahrte Frau, den ganzen Tag am Waschfaß stehen und den heißen Dampf einathmen. Aber was thut der Mensch nicht, um zu leben und ehrlich zu Grunde zu gehen?— Der kleinen Lina habe ich heut den ersten Unterricht im Französischen gegeben. Ich habe so mein Vergnügen daran, französisch zu lernen, sagte sie, die Augen weit aufmachend, Kummers Emma spricht schon ganz schön. Dann fangen wir gleich an, entgegnete ich, und es ging ganz gut.— Alles will heutzutage französisch lernen und Klavier spielen, ohne diese meist nur mechanisch be- triebenen Fertigkeiten gilt man ja für ungebildet. Mittel und Zweck wird fortwährend verwechselt, das ist so ein Fehler, den ich auch schon öfters bemerkt habe. Ich habe meine Meinung meiner Frau Wirthin nicht vorenthalten. Sie mußte mir Recht geben, aber sie war trotzdem um ein Bedeutendes aufgelegter, als ich mich erbot, dennoch der Lina dann und wann Unter- richt zu geben.— So sind die Frauen! Soeben komme ich von einem Theater in der Vorstadt. Ich habe darüber nichts weiter aufzuzeichnen, als mein völliges Atißbehagen. Der erste Lieb- Haber ersetzt jugendliches Feuer durch Kraslaustvand seiner Lunge, er brüllt wie ein Stier imfc hantirt mit seinen langen Glied- maßen, wie ein junger Hund mit seinen Beinen schlendert. Seine Partnerin seufzte mehr als sie sprach und dem Menschen, der die Väterrolle inne hat, möchte man bei dem ernstesten Dia- löge ins Gesicht lachen, so sehr komisch wirkt das Gezwungene in seiner Sprache.— Der Teufel soll mich wieder in diese Bude treiben!— Ich habe heute soviel von Theaterspiel gelernt, daß ich die Menschen bedaure, die sich von unbedeutenden einfältigen Tröpfen die Kunst repräscntiren lassen.— Ich werde vor Schlafengehen noch im Lessing lesen, um den widerlichen Eindruck doch in etwas aus meiner Seele zu wischen.(Fortsetzung folgt.) Wassergesälle vermag man schon Turbinen in einer Stärke von etwa 150 Pfcrdekräfte zu bauen. Bei allen Anlagen von Wassermotoren versucht man natürlich das Gefälle, falls es von Natur aus kein konstantes ist, zu einem solchen künstlich zu machen; hierzu dienen dann besonders die Stau- und Wehr- anlagen, die gleichzeitig bei Fluren mit geringem Gefälle durch die Ausstauung des Wassers hier zu Akkumulatoren werden, außerdem werden die Wehre noch meistens mit Schleußenbauten versehen um even- tuell den Hochwassern den besseren Durchlaß zu gestatten. Wenn schon bei kleinen Bächen und Flüssen, lediglich mit Rücksicht auf die Ausnutzung ihrer lebendigen Arbeitskräste, derartige Stauungen und Wehre sich rentabel erweisen, wie vielmehr wird dieses dann der Fall sein, wenn die Wehre der größeren Flüsse diesem Zwecke dienst bar gemacht werden, die hier doch, insbesondere in neuester Zeit, be Hufs Regulirung und Verbesserung der Flußschifffahrt, durch Herstellung �>t> 1HH0. eines tieferen Fahrwassers, an und für sich schon nothwendig sind.— Dieses System der Schiffbarinachung der Flüsse, welches hauptsäch lich in den Niederlanden in Anwendung steht und nun auch auf die deutschen Flüsse übertragen werden soll, beruht bekanntlich im Prinzip darauf, daß in gewissen Abständen von einander, dem natürlichen Wassergefälle entsprechend, Nadelwehre in den Fluß gestellt werden, die das Wasser hier oft bis zu 3 Meter Höhe stauen; besondere Hebe- Vorrichtungen befördern alsdann die Schiffe von einer Stauabthcilung aus die andere. Diese Stauungen erscheinen vorzüglich geeignet zur Ausnutzung der Wasserkraft, und können dieselben insbesondere bei städtischen Hafen- anlagen eine zentralistische Ausarbeitung erfahren. Turbinen und Wasserräder können hier zur direkten Verwendung gelangen, in gleicher Weise wie bei Gebirgsbächen oder Flüssen mit größerem Gefälle. Bei allen diesen Apparate» ist die Art der Bewegungsüberlragung auf die Avbeitsmaschinen k. meistens eine indirekte, sei es durch das Mittel mechanischer Transmissionen, also Wollen, Zahnräder und Riemenscheiben zc. oder sei es durch das Mittel der komprimirten Luft. Letztere wird natürlich vorwiegend als Transmissionsmittel benutzt, wo es sich um Kraftübertragung aus größere Strecken handelt, so z. B. bei dem pneumatischen Postbesördernngssystemc, wie es u. a. bereits in Berlin besteht, wie auch bei den Bahnarbeitcn der großen Eisen bahntunnel, wie des Mont-Cenis und des St. Gotthards, deren jäh abfallende Gewässer, eine große mechanische Arbeit zu leisten ver- mögen. Für diese Zwecke konstruirt man jedoch gewöhnlich besondere Luft- kompressoren und dient beispielsweise bei Bohrungen, die aus der Bohrmaschine ausfließende Luft gleichzeitig noch als Bentilationsmotor, für die Erneuerung der Tunncllust, so daß hier zwei Zwecke einer Konstruktion zur Erfüllung gelangen. Auch für pneumatische Kanalisation(System Liernur) und Pneu- matische Lastenbeförderungen(Wagen und Lokomotiven) ließen sich ähn liche durch Wasserkräfte betriebene Lustkompressoren dienstbar machen. Mechanische Transmissionen auf größere Entfernungen kommen Haupt sächlich nur bei Gebirgsbahnen in Anwendung und zwar in der Weise, daß zwei Züge, ein auf der schiefen Ebene herabgleitender und ein aus einem zweiten Geleise heransteigender Zug durch starke Drahtseile in der Weise mit einander verbunden sind, daß das Seil auf der Oberstatio» über eine große und feste Rolle läuft, und nun der herabgleitende Zug infolge größerer Belastung, meistens durch Aufnahme von Wasserquan titäten, den leichtern Zug die Höhe hinaufzieht. Aus der untern Station angelangt, wird nun der hcrabrollende Zug entleert, der obere aber wiederum mit Wasser belastet und die Prozedur kann von neuem be- ginnen. In neuester Zeit kommen jedoch auch hydraulische Wehrzüge, so z. B. in der Metallbearbeitung(System Tweddell) bei Nietmaschiuen, wie auch bei Tunnelbohrungen als hydraulische Bohrer direkt zur Ver Wendung. Hier wird die Kraft des lebendigen Wasserstrahles direkt auf den Werkzeugmechanismus durch besondere Leitungsrohre über- tragen, in ähnlicher Weise kommen dann ja auch vielfach schon die Kleinmotoren der Hydraulik bei der motorischen Ausnutzung städtischer Wasserleitungon zur Anwendung. Bei allen diesen verschiedenen Anlagen handelt es sich immer um die Nutzbarmachung von mehr oder minder starke» Wassergefällen, sei es direkt oder indirekt. Wir kommen nun noch zu einem ganz neuen Systeme von M. Pleßner in London(deutsches Rcichspalent Nr. 4469. 1878). Gegenstand der Erfindung ist, die Kraft bewegter Waffermassen, welche an der Oberfläche des Ozeans oder der Binnennieere und See» vorhanden ist, nutzbar zu machen. Die Maschinen, welche in der Folge beschrieben werden sollen, werden an geeigneten Stelleu längs der Küste eines Landes oder am Ufer vom Seen aufgestellt, woselbst sie als Motoren zur Benutzung kommen. Die Anordnungen, die zur praktischen Ausführung dieser Erfindung erforderlich sind, lassen sich am besten in die folgenden sechs Un- terabtheilungen einreihen: 1. Anordnungen zum Anstauen, sowie zum Lenken von Wellen in einer gegebenen Richtung. 2. Ter oscillirende Körper und die Methode seiner Immersion. 3. Verwandlungen der Bewegungen des oscillirende Körpers in nie chanische Arbeit. 4. Die Akkumulatoren. 5. Verwandlung der Bewegung des oscillirende» Körpers in gleich- mäßige Rotation einer Axe oder Schwungrades. ö. Anordnungen zum automatischen Regulircn der die Maschinen bewegenden Wasserkräfte. ack 1. Wird im allgemeinen durch die topographische Gestaltung der Küste entsprechende Dammbauten erreicht. Die beste Konstruktion ist die Kombination von divergirenden Seedämmen, in Verbindung mit einem aus drei Seiten geschlossenen Dock, innerhalb dessen die Be wegungen der eingeschlossenen Wassermassen in nutzbare Arbeit ver wandelt werden. »ck 2. Es wird innerhalb des Dockes ein pontonartiger Schwimmer oder ein um eine Axe schwingendes Thor angebracht, und zwar so, daß sie in ihren Bewegungen weder mir den Wänden noch mit dem Boden des Dockes in Berührung kommen. nck 3. Die Verwandlung der Bewegungen des oscillirenden Körpers 'n nutzbare Arbeit kann aus mannigfaltige Weise bewerkstelligt werden und genügt es für diesen Zweck, gewisse Punkte dieses Körpers ver- mittelst Schubstangen, Gleitstöcken und Lagern mit den Kolben von Pumpen in Verbindung zu bringen. Die Pendelbewegungen des Schwimmers setzen dann den Kolben in eine geradlinig hin und her gehende Bewegung, wodurch die letzteren Wasser über ihr Niveau heben oder Lust komprimiren können., ml 4. Während für bloße Pumpzwecke die genaunten Anlagen genügen, wird zur Uebertragung einer gleichmäßigen Bewegung aus eine rotirende Axe von Arbeitsmaschinen, wie z. B. solche zur Auf- speicherung mechanischer Kraft, die Anlage von Akkumulatoren erfor derlich. Ein Wasserthurm oder ein auf einem erhöhten Punkte an gelegtes Wasserreservoir könnte hierzu dienen; durch den Hydromotor würde das Wasser in diesen Behälter gepumpt, woselbst dasselbe mit konstantem Niveau zu erhalten wäre, was etwa durch Anbringung e>nes Ueberlaufrohres geschehen könnte. Ferner wäre die Anlage noch so zu bemessen, daß der Zufluß des Wassers mindestens gleichkonimt dem Volumen, welches entnommen wird, um eine Axe in gleichsönuige Rotation zu versetzen. Zu Akkumulatoren könnten außerdem noch Be hälter, gefüllt mit komprimirtcr Luft und einem Regulirungsventil versehen, oder den Gasometern analog gebaut, in Anwendung kommen. ack 5. Zur Venoandlung der in den Akkumulatoren aufgespeicherten Arbeitskraft in aktuelle Arbeit sind keine besonders neuen Konstruktionen erforderlich, das vorhandene Material an Wasserrädern, Turbine», Luftkompressoren k. genügt vollständig, um beliebige Bewegungen zu erzielen. nck 6. Die Regulirung der Wasserkräfte ist auch auf einfache Weise und zwar durch das Oeffnen oder Schließen beweglicher Thore des Dockes erreichbar. Unsere Illustration verdeutlicht die Anlage eines Hydromotors nach dem System Pleßner»lit einem Akkumulator als Wasserthurm. Der Ponton schwingt zunächst um die Axe die die äußeren Enden einer Anzahl Balanziers Ii verbindet, deren hintere Enden an die hintere geschlossene Wand des Dockes mittelst Scharniere befestigt sind. Zwei dieser Hebel C sind»ach hinten durch die Wand des Dockes verlängert und tragen an diesen Enden Schubstangen I>, deren obere Enden vermittelst eines Kreuzstückes mit dem Kolben einer Pumpe ver- bunden sind? welche somit durch die vertikalen Oscillationen des Pontons in Bewegung gesetzt wird. Zwei an den Seiten des Pontons befind liche Zapfen O, gewöhnlich die Enden einer durch das Ponton gehen den Axe, sind vermittelst zweier anderen Schubstangen b' mit den un teren Enden von Winkelhebeln 6 in Verbindung, deren obere Enden die Kolben einer anderen Pumpenreihe in Bewegung setzen. Die Win kelhebel G sind mitunter auf einer gemeinschaftlichen Axe II befestigt und läßt sich somit vermittelst einfacher Kupplunge» eine beliebige Anzahl Pumpen, je nach dem Stande der See, in oder außer Be wcgung setzen. Es leuchtet ein, daß diese letztere Pumpenreihe, außer durch die vertikalen, hauptsächlich durch die horizontalen Oscillationen des Pontons in Aktion treten. Unsere Illustration zeigt ferner hiermit in Verbindung das Stcigerohr, durch welches das Wasser in das aus der Platthöhe gelegene Reservoir gelangt, von wo es wiederum durch das Fallrohr, hier auf eine Turbine mit horizontaler Welle fällt, welche durch ihre hierdurch verursachte Rotation wiederum mittelst Zahnräder die Transmissionsaxe in eine rotirende Bewegung versetzt, welche für sich wiederum geeignet ist, beliebige Arbeitsmaschinen in Thätigkeit zu bringen. Natürlich kann unsere figürliche Darstellung nur als eine schema tische, zum Zwecke der Verdeutlichung des Prinzipes gelten, von Reg» 179 lirvorrichtungen, sowie Schubvorkehrungen gegen das Einsrieren des Wassers in den Röhren ist hier Abstand genommen. Wir sehen, wie sich also selbst die ungleichmäßigsten Wasserkräste durch die Technik nutzbar machen lassen, nur können, wie gesagt, die seitherigen Arten der Transmission nicht als universale gelten� Nur der Dampf kann unseres Erachtens als ein solches universelles Trans- misssonsmittel betrachtet werden, es bleibt also zunächst zu zeigen, wie sich die moderne Technik zur Aufgabe der Umsetzung mechanischer Arbeit in Wärme stellt, Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von I>r. Max Kraufil. (Fortsetzung.) Wenden wir uns nach dem Kapland, dem Süden Afrikas, um von hier aus de» Kreuz- und Querzügen der Afrikaforscher an der Westküste zu folgen. Wie wir im ersten Artikel berichteten, haben die Holländer im Jahre lKbL dauernden Besitz vom Kapland genommen. Der Grund- satz ihrer Kolonialpolitik war überall und zu jeder Zeit, sich alle Arten von Abenteurern voin Halse zu halten. Nur diese streng konservativen Anschauungen machen es erklärlich, daß die Holländer 125 Jahre außer- halb ihres im wahren Sinne des Wortes grenzenlosen Kolonialgebietes keine Entdeckungen machten. Im Laufe der Zeit wird aber jedes System morsch und so bekam auch dasjenige der holländischen Kolonialpolitik ein Loch und zwar von einer Seite, wo man es am wenigsten erwartet hatte. Evangelische Missionäre waren im Jahre 1737 von Herrnhut nach Guinea und von da zum Kap der guten Hoffnung ausgesendet worden. Mit den Predigern der Mährischen Brüder verbanden sich bald die englischen Apostel, der Welsleyaner, das Christenthum unter der einheimischen Bevölkerung zu verbreiten. Die letzteren beschränkten ihre Thätigkeil nicht auf das Evangelium, sonder» machten auch ein wenig in Politik und zogen ihre Landsleute ins Land. Wie lange die Engländer im Besitze des Kaplandes trotz ihrer „Erfolge" im Zululande bleiben, kann niemand voraussagen. Laut dem Naturgesetz der Entwickelungsthcorie bröckeln sich früher oder später alle Kolonien vom Mutterlande ab. Wie das goldue Vließ zu Kolchis die Griechen zum Argonautenzug verlockte, so war es auch hier ein goldenes und mit glitzernden Diamanten besetztes Vließ, welches die Nimmersatte Britannia zur Okkupation des Kaplandes reizte. Im März des Jahres 1867 wurde im Hopetown am Oranje-River der erste Diamant gefunden. Es dauerte nach diesem glücklichen Ereigniß nicht lange, so entdeckte man zu beiden Seiten des Vaalflusses große Diamanten- selber und bald strömten tausende von abenteuerlustigen und habgierigen Gesellen nach dem Grigualande, das zur Oranje-Republik gehörte. An- fangs freuten sich die holländischen Bauern dieser Thatsache, bald jedoch wurde ihnen„um ihre Gottähnlichkeit" bange, denn das Glück erweckt Neider. Ich Jahre 1871 schon nahmen die Engländer trotz aller Pro- teste der eingesessenen Farmer von dem ganzen Gebiet Besitz. Die un- geheure Menschenansammlung mochte der englischen Regierung wohl auch bedrohlich erscheinen. Tie eingesessenen Farmer(Boers) hatten zudem nur geringe Vortheile von den Diamentenfeldern. Ihr patriar- chalisches einfaches und beschauliches Dasein bildete den ausfallendsten Gegensatz zu dem wilden Treiben einer buntzusammengesetzten Menschen- »lasse, welche früher Äonzertlokale, Trinkhäuser und Spielhöllen bei den neuen Fundstätten etablirle, bevor sie daran dachte, Ackerbau zu pflegen und Städte zu gründen. Ter Schwindel wird wohl auch hier, wie einst in Kalifornien und Australien, geordneten Verhältnissen Platz machen müssen, dann ist es aber auch mit der englischen Säbclherrschast vorbei. Das Kapland ist wegen seiner klimatischen Verhältnisse ein uusgezeichnetes Entlastungsgebict für die alternde Jungfer Europa, wenn es staatlich auf eigenen Füßen stehen wird, und das ist doch nur mie Frage der Zeit. Wir müssen hundert Jahre zurückgreifen, um die Leiden der Märtyrer der Wissenschaft in faßlicher Reihenfolge zu schildern. Mit der Besitznahme des Kaplandes durch die Engländer beginnt die Zeit der Entdeckungen für diesen Thcil Afrikas. Im Jahre 1777 entdeckte Äordon die Mündung des Oranjeflusses am antlantische» c««n.''stzb'uu Jahr später untersuchte Patterson den Laus dieses «rluyes. John Barnow drang zu bei. Kaffern und Lichtenstein zu den Betjchuanen»ach Norden vor. Di» armen Wilden, die sich seit unvordenklichen Zeiten ohne Christenthuin ganz gut beholjen hatten, wurden Gv blich mit einer Armee von Missionären beglückt. Zu den engl., chen Predigern Campbell, Mosfat, Philipp, Hamilton und Kay gesellten sich die deutschen Christenthumsverbreiter Haug, Hahn und Rath. Man mutz aber den Aposteln der Nächstenliebe nachsagen, daß sie über dem Himmlischen daS Irdische nicht vergaßen und durch ihre Aufzeichnungen den«chleier zu lüften redlich bemüht waren, der bis dahin Südafrika bedeckt hatte. Den Männern Gottes folgten dir gewaltigen Jäger„vor dem Herrn", der Engländer Cumming, der Antilopcn-Jäger der südafrikanischen Steppe, und der Schwede Wahl bürg, der unter den Füßen eines verwundeten Elephanten seinen Geist dnsgab. Durch die Auswanderung der mit der Besitznahme des Kap wildes durch die Engländer unzusriedenen holländischen Ansiedler(Boers) I)'" Söhre 1835 wurde die bis dahin schwer zugängliche Südostküste cksr>kaS(Natal und Transval) bekannt. Dadurch gelangte auch das Zululand zu sder traurigen Berühmtheit, deren es sich, blutigen An- denkens, heute noch erfreut. Die Engländer Burchell, Thompson, Smith und Steedman drangen unter Gefahren und Entbehrungen aller Art vom Oranjefluß nördlich in das Namagualand, Kapitän Alexander entdeckte den Wohnsitz der Tamaras und Anderson den der Owampos. lieber das atlantische Küstenland Benguala war die Verbindung mit dem von Ladislaus Magyar erforschteil Loandagebict hergestellt und die Kette an der Westküste Afrikas geschlossen. Der vierte oder südöstliche Distrikt Afrikas, das Flußgebiet des Zambesi, ist der Schauplatz der drei kühnsten und glücklichsten Forscher des„dunkeln" Kontinents, Livingstone, Stanley und Cameron. Eine Aera neuer Entdeckungen begann, als Livingstone, der sich seit 1811 in Südafrika niedergelassen, 1845 den Ngamisee, den ersten der großen Süßwasserseen, die seitdem im Innern Südafrikas aufgefunden wurden, erreichte. Was Alexander von Humboldt für Südamerika, ist Livingstone für Südafrika. Er war der erste Nichtportugicse, der nach mehrfachen verunglückten Versuchen endlich die ganze Breite des Kon tinents von Loanda an der Westküste bis nach Kilimane au der Mün- dung des Zambesi(26. Mai 1856) erreichte. Als er nach sechszehn- jährigen Reisen, nachdem er 36 Längengrade durchmessen, von dein mörderischen Klima, von reißenden Thieren und wilden Menschen be- droht, frisch und gesund in England anlangte, wurde er wie ein sieg- reicher Heerführer gefeiert. Von der londoner afrikanischen Gesellschaft mit reichlichen Mitteln ausgerüstet, trat er seine zweite Reise an, deren Resultat die Feststellung des großen Stronisystcins des Zambesi bis zu den Quellflüssen hinaus ist. Im Jahre 1853 trat er seine dritte Ent- decknngsfahrt an und zwar wieder von der Mündung des Zambesi ström aufwärts. Von der britischen Regierung mit konsularischen Vollmachten versehen, ließ er sich eine Zeit laug in der Negerstadt Tete(16 G. n. B.) nieder, um von hier aus Handelsverbindungen mit den Eingeborenen anzuknüpfen und für die Zwecke der Mission thätig zu sein. Doch litt es ihn nicht lange in der offiziellen Stellung. Nach Verlans von einem halben Jahre kehrte er stromabwärts nach Senna zurück und drang von hier aus mit einem Boot in den von Norden kommenden Nebenfluß des Zambesi, Schire genannt, bis Wasserfälle der Weiterfahrt ein Ziel setzten. Hören wir, wie der deutsche Afrikareisende Eduard Mohr die Wasserfälle des Zambesi, das größte Naturwunder Südafrikas, beschreibt t „Das rollende Brüllen der fallenden Wasser, worin ein gewisser Takt zu liegen schien, war in der Nacht meilenweit wahrnehmbar. In einer Breite von 2'/, Kilometern rollt der majestätische Strom von Nord- Nordwest und stürzt seine Fluthen 126 Meter tief hinunter, in eine quer durch sein Bett setzende Felsenschlucht, deren Breite zwischen 72 und 66 Meier schwankt. Oberhalb des Sturzes tauchen aus den Zambesi- fluthen viele Inseln auf, alle mit der reichsten Vegetation geschmückt. Die Ufer sind mit weitem, offenen Walde bestanden, hier kommen ganze Gruppen hochstämmiger Palmen vor, die der Landschaft den echten Stempel des Südens aufdrücken. Nahe dem Falle eilt das Waffer mit fliegender Schnelligkeit dahin, die langgezogene» Schaumbänder, die man überall sieht, verleihen dem Element das Aussehen, als ob es koche. Nahe dem westlichen Rande liegi eine kleine Insel, etwa 56 Meter vom User entfernt, der Zweig des Stromes hier scheint eine große Tiefe und das Bett eine starke Neigung zu haben, denn das Wasser stürzt sich heulend und in mächtigen Wirbeln brausend in einem Satze wie eine Meereswoge zur Tiefe hinunter. Nun kann man an dieser Stelle, ganz auf der westlichen Ecke, ans eine etwas hervorspringende Felskante heraustrete», was aber nur solchen Reisenden zu empfehlen ist, die ganz frei von Schwindel sind. Dann erblickt man links dicht neben und unter sich den eben beschriebenen Sturz, in Front die ganze Linie des großen Falles, die aber natürlich nur immer theilweise sichtbar ist, denn die mit dcr Fluth hinabgedrückte, zusammengepreßte und mit Wassertheilchen gefüllte Lust befreit sich langsam, steigt wirbelnd zur Höhe empor und ist die Ursache der Dampf- und Nebelwolkeu, die geisterhast hocb oben über diesem, Altar" der Wasser leuchten. Hat man von dieser Stelle aus eine zeitlang in das unten tobende, spritzende, schäumende Chaos hineingeschaut, umrauscht von dem sürchterlichen Lärm des rasend gewordenen Elements, ist man erschüttert durch das aus der Tiefe herausdröhnende, Mark und Bein durchdringende Geheul, so wun- dert man sich, daß selbst die Felsen, diese harten Rippen der Erde, einer solchen Macht gegenüber Widerstand leisten können.— Hat der Zambesi seine Wasser durch jenen engen Paß hindurchgedrängt, so roll! er in drei bis vier mächtigen Schlangenwindungen weiter." (Fortsetzung folgt.) Unterfahrung eines Torrcnto im oberen Fellathal.(Bild Seite 172 und 173.) Eine neue Alpenstraße, eine Weltbahu, von dem Range der Mont-Cenis-, der Brenner- und der Semmeringbahn ist im Herbst 1379 dem Verkehr übergeben worden, die Pontebabahn. Wie einst Modane im Savoyardengebiet, das Oertchen am Eingang des Mont-Cenistunnels, Mürzzuschlag aus dem Semmering und Ster- zing aus dem Brenner, so wurde der italienisch-österreichische Grenzort Ponteba-Pontasel im Weltverkehr und im Reich der Techniker über Nacht berühmt. Der Toppelort hat noch manches Sehenswerthe und Interessante vor den andern italienische» und deutschen Ortschaften auf den älteren Linien voraus. Er liegt hart an der Wasserscheide eines 180 mächtigen Alpenstocks, an der Grenze zweier großen Staaten und be- zeichnet scharf die Abgrenzung des Nationalitätengebiets und selbst die Grenzen des alten Rassenhaders, der soviel Kriege Hervorries und soviel Blutvergießen, daß es wetteifern könnte mit den nimmermüden Berg- quellen, die gegen Osten und Süden zu Thal rieseln. Unser Bild stellt eine Tunnelkonstruktion dieser Alpenbahn vor, die ihres gleichen in den Eisenbahnbauten nicht haben dürfte. Die kleine Strecke, welche man in drei Stunden durchfährt(Varvis-Udine) ist ein Riesenwerk. dessen italienischer Antheil 36 Millionen Lire kostet, während die Oesterreicher mit der Summe von 2,906,000 Gulden davonkamen. Die italienische Strecke Ponteba-Udine ist bis zur Station Venzone eine wundervolle Hochgebirgsbahn, ein Meisterwerk der modernen Bahn- technik, und man muß beim Anblick dieser Kyklopenmauern und der schwindelnden Brücken vermuthen, daß die Italiener, welche ganz allein den Bau herstellten, eine Ehre darein setzten, etwas ganz besonderes zu leisten. Das wilde Fellathal setzte dem Bau die gewaltigsten Hin- dcrnisse entgegen, aber dieselben wurden von den Bauleuten spielend überwältigt. Hoch über der Sohle des Thals durch die Felsen ge- treten, drängt ein Tunnel den andern. Bei jedem Austritt aus einem Tunnel, bietet sich dem Auge ein neues, großartiges Panorama, ein neuer überraschender Einblick in die wildromantische Hochgcbirgswelt. Man steigt nicht jählings in die italienische Ebene hinab, wie aus dem Mont-Cenistunnel gegen Susa, sondern man wird stundenlaug und allmälich durch das rauhe Fellathal und durch das breitere Thal des Tagliamento gegen Udine in die venetiauische Ebene gebracht. Dreimal übersetzt die Bahn bis Venzone den gefährlichen Fellafluß, ein Wildwasser sondergleichen, welches dem Bau die größten Schwierigkeiten bereitete. Das Gewässer des Flüßchens, das nur eine geringe Tiefe hat, aber immer über Felsgeröll dahinschießt, ist milchweiß von dem Gischt, der sich im eiligen Absturz bildet. In den Fluß hinab senken sich vor den steilen Felsen hunderte von Torrenten(Feljengeröll), die bei Hochwasser, bei Ungewitter, in Bewegung kommen. Die Fluth reißt vom Hochgebirge, oft tief aus dem Bauche der Felsen, das Ge- schiebe und Gerölle mit und führt es mit Allgewalt in das Hauptfluß bett. Das letztere trägt daher den Charakter einer vollständigen Trüm- merwildniß. Bei den Anlagen von Brücken, von Pfeilern und Ueber- gängen mußte daher ebensosehr das Augenmerk aus die stürmische Flut wie auf die benachbarten Torrenten gerichtet werden. Die zwei groß- artigsten Szenerien dieser furchtbaren Werkstatt der nimmer müden Elemente sind Fontanone auf der italienischen und Malborghet aus der österreichischen Strecke. Bei dem Dörfchen Fontanone sind es maiestä- tische Felsen, welche die Bahnlinie überragen, und von denen die Wild- däche aus schwindelnder Höhe herniederkommen, um in der Hälfte der Höhe aus dem Felsen zu zerschellen und vom Wind als förmliche Staubwolken davongetragen zu werde». In zwei Stunden kann mau von Udine bis Ponteba diese herrlichen Alpeupartieen durcheilen, und von Ponteba-Pontafel, welche Orte nur durch eine schmale Brücke über die Pontebana getrennt sind, beginnt dann die kärnlnerische Landschast, die einen ganz anderen Charakter trägt. Wie ans der ilalienischen Seite alles düster und wildromantisch erscheint, so aus der kärntuer Seite alles anmuthig, hellgrün und lebensfroh. So verschieden die Natur, die Landschast auf beiden Seiten, so verschieden auch das Wesen, der Charakter des Menschen. Ponteba ist ein echt italienischer Ort, ein Dorf mit einem städtischen Anstrich, mit einem Anstrich von Noblesse; zwischen den grauen Steinhütten, die mit Papier verklebte Fenster und keine Heizvorrichtung besitzen, stehen alte Paläste herabgekommener Edel- leute; ein Hauptplatz mit einem monumentalen Brunnen, um welchen die Signori»ach Vätersitte herumstehen imd politisiren(sonst lhun sie nämlich gar nichts); ein Kaffeehaus mit schmutzigen Tapeten und erblindeten Spiegeln; dagegen besitzt Pontasel nur solide reinliche Bauern- Häuser. Aus der Strecke von Pontasel über Tarwis bis Billach, Ivo sich die Südbahn mit der Rudolphsbahn kreuzt, treten nur einmal noch die Schrecken des Hochgebirges und zwar, wie schon oben bemerkt, bei Malborghet, dem Vorwurfe unseres Bildes, a» die Eisenbahn her- an. Aus dem Gebirge heraus bricht an dieser Stelle einer der ge waltigsten Torrenten, welches das Thal, den Fluß, die Bahnlinie mit Geröll und Felsenmassen angefüllt hat, die sich hier hoch aufgestaut haben. Die Verlegung der Bahn an dieser Stelle war nicht möglich, und so beschlossen die österreichischen Ingenieure, die ganze Schuttmasse zu durchbohren. Im Laus der Zeit hatte sich dieselbe verdichtet bis zur Härte der Felsen selbst, und der Durchstich, nut gewöhnlichem Tonnengewölbe, gelang vollkommen. Den Torrcntozufluß, den man nicht stauen konnte, suchte man über den Tunnel hinweg in das Fluß bett zu leiten, seinen alten Weg möglichst zu erweitern und zu er- leichtern. Bei Gewitter und Hochwasser, namentlich im Herbst und Frühjahr setzt sich das Gewölbe in Bewegung, der Torrento arbeitet und wirst mit den Wassermassen Steine und Felsen über den Tunnel, durch welchen der Zug mit aller Sicherheit fährt. Nicht weil entfernt von dieser Stelle ragen die Mauern der Festung am Predil empor, und unten an der Straße und von der Eisenbahn aus sichtbar� liegt das tiroler Löwendenkmal zur Erinnerung an den blutigen Strauß des Hauptmann Herrmann mit einer Handvoll Soldaten und Land- stürmer gegen die vordringenden Franzosen im Jahre 1809. Die kleine, aber rührige Partei der Italia. irredeuta(des noch nicht geeinigten, folglich„zerstreuten" Italiens) wird schon für Wiederholung der blutigen Schauspiele in der herrlichen Alpennatur sorgen, wenn die länder- verbindenden Schienen nicht bald den Völkcrsrieden anbahnen. Der Ausbau der Bahn hat auch eine komische Seite. Man hat zwanzig Jahre hindurch über diesen Bau gestritten und parlamentirt, und — da er endlich nach so großen Fährlichkeiten fertig geworden, hin- derten neue Streitigkeiten die Uebergabe an den großen Berkehr. Es geht doch nichts über die Gemüthlichkeit der Nachbarn! Zum Glück ist das Genie der Menschheit nicht in die Köpfe der Diplomaten, sondern in die der Techniker gefahren, die jetzt Dinge vollbringen können, die in ihrer Weise alles, was die Vorzeit zu Wege brachte, weit über- treffen. Der Ausbau der Alpenbahnen, deren schwierigst- Theile, der Gotthardstunnel und der Uebergang über den Splügen, freilich noch nicht fertig sind, liefert den Beweis, daß wir die großen praktischen Gedanken ins Werk zu setzen vermögen, von denen die bedeutenden Menschen der Vorzeit nur träumen durften. vr. M. T. Literarische Umschau. „Das Buch der Ehe. Ein Blumenstrauß vom Felde der Lebens- Weisheit für den Altar des Hauses. Gesammelt und herausgegeben von Theodor Winkler." Bern, I. Hellbergers Verlag, 1879. Der Verfasser will einen„Katechismus der Ehe", insbesondere bestimmt als literarische Hochzeitsgabc für ein junges Paar, liesern, der„keine lang- wierigcn Untersuchungen, keine ermüdenden Moralpredigten enthält, sondern in kurzen Sätzen erprobte Grundwahrheiten und praktische Rathschläge über das Wesen der Ehe und ihre Wechselbeziehungen gibt", indem er all' das zusammenstellt, was ihm von bemerkenswerthen Aus- sprächen der„bedeutendsten Männer und Frauen" bekannt ist. Der Verfasser hat seinen Zweck erreicht— dank umfassender Literaturkennt- nisse, vereint mit jenem nicht gewöhnlichen Taktgefühl, welches nicht nur das Gute von dem Schlechten, das Gedankenreiche von dem Geistesleeren zu scheiden weiß, sondern auch aus der Fülle des Guten und Gehaltvollen das wahrhaft Edelempfundene und Her�erwärmende herauszuheben weiß. Nachfolgende Verse Scherenbergs(S. 14) mögen die Auffassung des Verfassers von dem Wesen der Liebe charakterisiren, wie sie die Grundlage der Ehe und der Kern eines jeden Menschen- lebens sein sollte: Wie bettelarm ein Herz doch bliebe, Das nur des andern Freude theilt! Das ist das schönste Recht der Liebe, Daß sie des Unglücks Wunden heilt! Kein Kuß— wie wonnevoll er wäre— Von Menschenlippcn süßer ist, Als wenn man heimlich eine Zähre Von einem theuren Auge küßt. „Hellas und Rom. Eine Kulturgeschichte des klassischen Aller- thums. Von Jakob von Falke. Mit Bildern der ersten deutschen Künstler." Verlag von W. Spcemann, Stuttgart. In ca. 30 Liese- rungen, ä M. 1,50. Speemanns„Hellas und Rom" ist ein Pracht- werk außen und innen. Die Ausstattung ist vorzüglich, an Schönheit und Gediegenheit kaum zu übertreffen. Vor allein sind die Jllustra tionen, deren jede Lieferung eine größere Anzahl als Bilder im Text und Separatblätter in Tondruck enthält, wahre Meisterwerke künstlerischer Auffassung und Ausführung. Dabei ist der Text so reichhaltig und gleichzeitig so knapp und isoersichtlich gehalten und von so gründ licher Kenntniß des klassischen.�llterthums diktirt, daß Rezensent nur eins bedauern kann,— daß oer in Anbetracht alles dessen, was das Werk bietet, vollauf gerechtfertigte Preis doch noch zu hoch ist, um eine Massenverbreitung möglich zu machen. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Ueber Fremdwörter im Deutschen, von M. Wittich(Schluß).— Die Eroberung des Himmels.(I-)— Irrfahrten(Fortsetzung).— Die Fortschritte der Technik, von H. W. Fabian. I. Die Verwerthung der Wasserkräfte. 11. Erforderliche Maschinen und Apparate(1. Hydromotore, mit Abbildung).— Afrika und seine Er- sorschung. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. Max Trausil(Fortsetzung).— Unterfahrung eines Torrento im oberen Fellathal(mit Illustration).— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.