Die Zene Well № 16. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.- Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudolph von B...... ( Fortsetzung.) So geschickt auch der Justizrath für gewöhnlich zu verbergen pflegte, wohin eigentlich seine Blicke fielen, seinem Nebenmann Schweder blieb nicht verborgen, was augenblicklich der Gegen stand der Aufmerksamkeit des alten Herrn war; er errieth sogar die Gedanken des schlauen Juristen, und er lächelte triumphirend, als er sah, wie viel weniger er selbst dem Justiz rath der Beobachtung werth erschien, als Alster und Frau Senkbeil. Diese unterhielten sich angelegentlich mit einander. Zwar war Herr Alster im Grunde allein der aktive Theil bei dieser Unterhaltung; er ließ seiner Zungenfertigkeit die Zügel schießen, sprach vom Theater, von Konzerten und Bällen und allem Möglichen sonst, was man gemeinhin für eine Dame der sogenannt guten Gesellschaft interessant hält; aber er hatte die Genugthuung, eine sehr aufmerksame Zuhörerin zu besißen, die allem, was er sagte, liebenswürdig lächelnd oder freundlich nickend zustimmte. Zuweilen traf ihn sogar ein eigenthümlich warmer Blick aus den strahlenden Augensternen der schönen Frau, ein Blick, der ganz dazu angethan war, den Verdacht zu erregen, als ob die augenscheinlichen Bemühungen des Herrn Alster um die Gunst der Dame auf recht fruchtbaren Boden fielen. Indessen war es nicht im geringsten das Unterhaltungstalent oder gar das einnehmende Wesen des Herrn Alster, welches ihm so im Sturm die Aufmerksamkeit seiner Tafelnachbarin erobert hatte, sondern es war vielmehr das Bestreben der Dame, sich für das vermeintliche Komplott zu rächen, welchem sie die Ehre dieser Bekanntschaft zu danken hatte. " Schweder hatte ihr einmal in seiner spöttischen Manier von der gloriosen Eroberung" gesprochen, welche sie gemacht hätte an dem ,, Dütenkrämer a. D."- an dem verehrungswürdigen Herrn Alster" nämlich, mit welch letzterer Bezeichnung er besagtem Herrn heut Abend zu schmeicheln beliebt hatte. Er hatte hinzugefügt, daß dieser Hans im Glücke" natürlich der geist reichen Ueberzeugung sei, das Herz einer schönen Frau erobere man genau so wie das eines Börsenagenten man brauche nur ein feines Haus" zu repräsentiren und die„ Spesen" nicht knapp zu bemessen. Frau Senkbeil kannte Schweder gut genug, um ihm zuzutrauen, daß er sie absichtlich einmal in die Gesellschaft des von ihm verspotteten Mannes bringen möchte, um sich darüber zu amüsiren, wie dieser ihr den Hof machen und sie ihn abtrumpfen Freilich konnte Schweder auch sicher sein, daß sie solchem Spaße nichts weniger als abgeneigt war. Sie liebte es, die würde. 1880. Ueberlegenheit der ihrer Schönheit und der Beweglichkeit ihres Verstandes bewußten Frau zur Geltung zu bringen, aber daß Schweder heut, einer seiner unberechenbaren Launen folgend, sie ohne alle Vorbereitung und unter nichtigem Vorwande hierherführte-in der schnöden Absicht, sich auf ihre Kosten zu amüsiren statt sie selbst ins Komplott zu ziehen das fand sie schon so ziemlich unverzeihlich. Aber noch viel unverzeihlicher erschien ihr, daß ihr Gatte um die schwederſche Ungezogenheit wie sie es im stillen nannte offenbar wußte. Wie wäre er sonst so bereitwillig auf Schweders Vorschlag eingegangen, eine vor kürzester Frist bei Weinhold eingetroffene, sehr seltene Weinsorte zu probiren, und warum hätte er mit so vielsagendem Lächeln Schweder angesehen, als sie vorhin hier eingetreten waren! Es war wirklich unerhört aber Frau Senkbeil hatte sich in demselben Augenblicke, als sie ihrer Sache gewiß zu sein glaubte, vorgenommen, den beiden einen tüchtigen Strich durch die Rechnung zu machen. Warum sollte sie den Dütenkrämer a. D." mit der ihr allerdings zu Gebote stehenden feinen Malice empfinden lassen, daß seine Huldigung an dem Panzer ihres Stolzes und ihres verwöhnten Geschmacks eindruckslos abpralle, wie der Bolzen aus der Armbrust des Knaben von steinerner Mauer? Nein, nun gewiß nicht die Männer sind alle eifersüchtig, bis zum Unverstande eifersüchtig, Frau Senkbeil verstand sich auf Männerschwächen, darum wollte sie, beiden, ihrem Gatten und Schweder, zur Strafe das begeisterte Entgegenkommen des alten Don Juan Alster nicht zurückweisen, nein, sie wollte ihn ermuthigen, in ihm die Einbildung seiner Unwiderstehlichkeit noch bestärken, zwischen ihm und ihr das erste Kapitel eines Romans sich abspielen lassen; eine kleine Komödie das, wie die schöne Frau sie schon zu Dugenden, und nicht immer beim ersten Kapitel stehen bleibend, begonnen und siegreich zu Ende geführt hatte. Aber so leicht schien es nicht zu sein, den gewünschten Eindruck auf die Herren Senkbeil und Schweder hervorzubringen. Der erstere schien den absonderlichen Charakter der Unterhaltung des Herrn Alster mit seiner Frau garnicht zu bemerken, er war von einem Gespräch mit dem Justizrath lebhaft in Anspruch genommen, während Schweder mit so harmlos vergnügtem Antlig in die Welt hineinschaute und aufs eifrigste dem Römer zusprach, aus dem der herrliche Rheinwein seine lockenden und verführerischen Düfte emporsandte. V. 17. Januar 1880. Schweder war keiner von jenen egoistischen Menschen, die still vor sich hintrinken, ohne sich dabei um ihre Mitmenschen zu küm mern; im Gegentheil, ihm lag fast noch mehr am Herzen, daß die andern dem Becher zusprächen, als daß dieser ihm selber das köstliche Naß spende. Keinen Schluck trank er, ohne auf irgend eines Tafelgenossen Wohl zu trinken und diesen zu nöthigen, ihm Bescheid zu thun. Am eifrigsten beschäftigte er sich in dieser Weise mit dem Oberbaurath, dem er dabei allerlei pikante Histörchen erzählte, wie sie der übermäßig behäbige Herr so ungemein gern hörte; ziemlich häufig wandte er sich aber auch an den Justizrath und an seinen Freund Senkbeil, die anfangs beide sich darauf beschränkt hatten, den mächtigen Zügen, welche Schweder ihnen zutrank, mit vorsichtigem Nippen nachzukommen. Das paßte aber dem Herrn Schweder sehr wenig in sein Spiel. Der Justizrath ſollte und mußte die siegende Gewalt des Weines empfinden, und Senkbeil mußte ihm mit gutem Beispiel vorangehen. Ein geschickt angebrachter Wink genügte. Sentbeil war zwar etwas erstaunt, als er bemerkte, daß Schweder von ihm verlange, er solle dem Weine tüchtig zusprechen, aber er war gewohnt, sich der höheren Intelligenz seines Freundes gehorsam unterzuordnen, zumal er, besonders in lezter Zeit, mannichfaltige Proben der Gewandtheit Schweders, den Zufall zu dirigiren und die Verhältnisse zu beherrschen, wahrzunehmen Gelegenheit gehabt hatte. Als sich der Justizrath, dank seinem ausgezeichneten Gehör, auf das er sich viel zugute that, überzeugt hatte, daß die Unter haltung zwischen der Gattin seines Nachbars und seinem Freunde Alster nicht mit einer Silbe auf geschäftliches Gebiet abschweifte; als er fernerhin sah, wie Senkbeil sich ebensowenig geneigt zeigte, dem heutigen Zusammentreffen einen andern Zweck, als den unschuldiger Befriedigung des Gaumens und Magens, unterzuschieben; als Sentbeil sogar den rastlos sich wiederholenden Anregungen seines Freundes Schweder folgte und immer weinseliger becherte, da gewann der feurige Johannisberger auch Oberhand über das den Freuden der Tafel immerdar ergebene Herz des alten Herrn, und ein voller Römer jagte den andern über seine weinkundige Zunge hinab, bis die grauen Augen anfingen, in gläsernem Glanze über die Brille hinauszuschielen, und bis sich bei ihm ebenso wie bei den andern jene ungeheure Gemüthlich keit Bahn gebrochen hatte, die nach opulenten Gastereien schließlich alle Bande der gewohnten gesellschaftlichen Zurückhaltung und nicht selten auch die Schranken der feinen Sitte sowohl, als die der viel berechtigteren guten zu lösen pflegt. Als es soweit gekommen war, hielt Schweder noch einmal scharfe Umschau. Er hatte den Johannisberger zwar nicht mehr geschont, als jeder andere der Anwesenden; aber seine ungewöhnlich fräftige Natur und sein eiserner Wille hatten ihn nüchtern erhalten, so nüchtern, wie nur noch Frau Senkbeil war, die übrigens den Wein auch nicht gänzlich verschmäht hatte. 182 Alster war dagegen ganz erstaunlich aufgeheitert und dabei so kühn geworden, daß er seiner Dame, der Anwesenheit ihres Gatten zum Trotz, unter den fadesten, unaufhörlich in gewalt samster Weise vom Zaune gebrochenen Schmeicheleien einmal übers andre die Hand küßte und betheuerte, daß er sich fühle, wie im Himmel, weil er das unaussprechliche, langersehnte Glück genieße, an der Seite einer Göttin zu ſizen, seiner Göttin, die ihm Venus, Juno und, und der Name der dritten der nach der griechischen Sage vor dem Hirten Paris um den Preis der Schönheit streitenden Göttinnen wollte ihm leider durchaus nicht einfallen, er brummte also etwas nicht recht verständliches, was ungefähr wie Melpomene klang- zugleich sei. So beharrlich als tapfer, viel tapferer noch als Alster, hatte der Oberbaurath dem Johannisberger zugesezt, und dieser revanchirte sich nun reichlich dafür. Das Sprechen hatte der gewaltige Becher vor dem Herrn beinahe vollständig aufgegeben; dafür lachte er umsomehr und so laut, daß die Wände erdröhnten. Ob Schweders Erzählungen und Bemerkungen dazu besondere Veranlassung gaben oder nicht, hatte er allgemach gänzlich zu unterscheiden verlernt, dafür polterte seine riesige Heiterkeit jedes mal los, wenn Schweder, was ziemlich oft geschah, eine Kunst pause in seiner Unterhaltung eintreten ließ, und lachte gewissen haft, bis dieser wieder zu reden anfing. Jezt schien die Gesellschaft dem Geschäftsdiplomaten Schweder völlig in der richtigen Stimmung zu sein, um das Netz seiner Pläne über ihrem Haupte zusammenzuziehen. Er war gerade im Begriffe sich zu erheben und eine kleine wohldurchdachte und den Umständen mit großer Schlauheit angepaßte Rede vom Stapel zu lassen, als sich der Justizrath und mit ihm Senkbeil erhob, um in der frischen Luft, wie sie sagten, ein wenig von der durch die Gasflammen des Kronleuchters, natürlich nur durch die Gasflammen, erzeugten Hiße zu erholen. Die beiden Herren gingen hinaus; sie schwankten sogar ein wenig, als sie über die Klippe der Thürschwelle hinweg mußten. Die Gelegenheit war günstig... Schweder ließ sich durch die Entfernung der beiden nicht stören, er erhob sich dennoch, schlug mit dem Messer an sein Glas und bat um die Erlaubniß, mit ein paar furzen Worten den Gefühlen Ausdruck geben zu dürfen, welche der heutige, so außerordentlich angenehm verbrachte Abend bei ihm angeregt habe. Der Oberbaurath hielt Schweders Worte für einen ausgezeichneten Wig und lachte pflichtschuldigst, daß er beinahe rücklings mit seinem Stuhle zur Erde gestürzt wäre. Alster lächelte nur, aber selbstzufrieden was konnte Schweder anders wollen, als ihm, dem liebenswürdigen Gastgeber, ein geistreich motivirtes Hoch auszubringen. Frau Senkbeil sah mit gespannter Aufmerksamkeit nach Schweder hin; daß er irgend einen Plan hatte, war ihr im Laufe des Abends immer klarer geworden, einen Plan, der doch wohl viel weiter ging, als bis zur Absicht, sich über die in ihrer Anmaßung und Zudringlichkeit schon garnicht mehr komischen Annäherungsversuche Alsters ihr gegenüber zu amüsiren. Die Worte Schweders sollten die Vermuthung der Dame in einer für sie außerordentlich überraschenden Weise bestätigen. „ Meine hochverehrten Herrschaften," hatte er mit einer ihm sonst wildfremden und mit der Weinlaune der Gesellschaft in schärfstem Kontrast stehender Feierlichkeit im Ton, begonnen; es gibt Augenblicke, in denen sich auch der Aufgeklärteste des Gedankens nicht erwehren kann, daß nicht der Zufall, sondern eine höhere, freundliche Fügung die Menschengeschicke regiert. Einer dieser Augenblicke war es für mich, als ich heut hier mit meinem Freunde Senkbeil und seiner liebenswürdigen Lebensgefährtin in dieses Zimmer trat und Sie, meine Herren, insbesondere Sie, mein hochverehrter Herr Alster selbst ohne eine Ahnung davon, daß wir kommen würden unserer doch gewissermaßen harrend fand. Ich gestehe, daß mich dies beinahe möcht' ich sagen lebhaft ergriff, daß ich es mit Genugthuung begrüßte, und als ich sah, wie diese erste persönliche Begegnung meines Freundes und seiner Gemahlin mit Ihnen, meine Herren, sich im Fluge zu einer Befreundung gestaltete, einem beiderseitigen Entgegenkommen, wie es so rasch und so warm nur aus dem Boden gegenseitiger höchster Werthschätzung zu entsprießen vermag, das erhöhte jenes Gefühl der Genugthuung noch um ein bedeutendeshatte ich doch, mein verehrter Herr Alster, einem vor kurzem von ihnen angedeuteten Wunsche folgend, heute erst meinem Freunde Senkbeil den Gedanken ans Herz gelegt, er möge sich und sein industrielles Etablissement Ihnen zur Verfügung stellen, damit aus der Vereinigung Ihres Gründungsprojekts mit dem bereits in voller Blüthe stehenden Unternehmen ein Musterinstitut deutscher Industriethätigkeit hervorgehen könne, leistungsfähig und erfolg= versprechend genug, um den großartigen Vorsatz unseres zu einem Herrscher im Reiche der deutschen Industrie berufenen Herrn Alster zu verwirklichen den Vorsatz, den deutschen Maschinenbau nicht nur konkurrenzfähig zu machen mit dem des bisher den Vorrang behauptenden Auslands, sondern diesem den Rang abzulaufen und die vaterländische Industrie einzusetzen in ihre unveräußerlichen Rechte. Ich hatte lange gezögert, meinem Freunde Senkbeil diesen kühnen Gedanken zu unterbreiten, ihn aufzufordern, sich an der Verwirklichung desselben zu betheiligen denn ich kenne meinen Freund als einen überaus vorsichtigen Geschäftsmann, der auf dem Wege kluger Kalkulation nur schrittweise fortzugehen gewöhnt ist, von einem verhältnißmäßig bescheidenen Erfolg zum andern, aber als ich heut nun doch die Verhand lungen begann, fand ich, daß das mächtige Vertrauen, welches Sie, Herr Alster, überall in unserer Geschäftswelt genießen, auch bei meinem Freunde alle Schwierigkeiten zu überwinden geeignet war Senkbeil schlug ein, und da ich Ihres Einverständnisses nach den vertrauensvollen Mittheilungen und Andeutungen, mit denen Sie mich beehrt haben, mein verehrtester Herr Alster, gewiß bin, so kann ich denn die Firma Alster und Senkbeil mit einem dreimaligen Lebehoch in eine glückverheißende Zukunft einführen. Sie lebe hoch, hoch und zum drittenmale hoch!" Es war ein Glück, daß Schweder zu Ende war. Der Oberbaurath hätte beim besten Willen seine Begeisterung nicht länger bändigen können. Er begriff zwar nicht im entferntesten, was Schweder eigentlich wollte, aber er hatte schließlich doch gemerkt, nachdem er anfangs vergeblich auf die Gelegenheit gewartet, in sein donnerndes Gelächter auszubrechen, daß es ausnahmsweise feine Wige sein sollten, was Schweder vortrug, und so verfehlte denn des Redners feierlicher Ernst auf ihn seine Wirkung umsoweniger, als seine Heiterkeit auf jenem Kulminationspunkte angelangt war, von dem sie mit größter Leichtigkeit in das Thränenmeer der Rührung hinabgleiten konnte. Man sah ihm daher an, daß seinem gefühlvollen Herzen die Sache ungemein naheging, als er kräftig in das Hoch einstimmte und sich mit größter Mühe erhob, um mit Schweder anzustoßen. Die Gefühle, welche Schweders schöne Rede in des Gefeierten Busen entfesselt hatte, waren weniger ungemischt. Er fühlte sich zwar sehr geschmeichelt, zumal derjenige, welcher den Toast in so gewählten Worten und so wohlthuend ernster Weise ausgebracht hatte, der allseitig als geistreich anerkannte Herr Schweder war; vor wenigen Stunden wäre ihm die im Toaste enthaltene Mittheilung Schweders auch noch aufs höchste angenehm gewesen jezt aber, nachdem er sich, wenn auch stillschweigend, von neuem mit Wichtel engagirt hatte, jetzt war durch Schweders natürlich vollkommen unschuldiges und wohlgemeintes Hineinplaten die Angelegenheit in einer wirklich heillosen Weise komplizirt worden. Das fühlte er, obgleich der Wein auch seinen Verstand umnebelt hatte, sodaß er zu ruhigem Nachdenken vollkommen unfähig war. 183 natür " 1 1 Das eine leuchtete ihm ein: wenn jemand ihm aus der Verlegenheit zu helfen im stande war, so war es Schweder, vor dessen allen Verhältnissen gewachsenem Verstande und dessen wohlmeinender Gesinnung er täglich größere Hochachtung empfand. Zu liebenswürdig, auf Ehre, zu liebenswürdig, mein hochgeschätzter Freund," sagte er, als Schweder, sich kavaliermäßig verneigend, mit ihm anstieß. Die Firma Alster und Sentbeil oder Sentbeil und Alster gewiß, ganz gewiß nicht wahr, tiefverehrte gnädige Frau? Sie schenken uns die Ehre, auch auf den geistvollen Toast unseres gemeinschaftlichen Freundes Ihre schönen Lippen zu negen- so, ah, Ihr Wohl heut und allezeit! Ja, mein verehrter Herr Schweder ich bin hoch erfreut, ich möchte fast sagen gerührt, und ich hoffe, daß unser lieber Justizrath von denselben Gefühlen beseelt sein wird- obgleich es ihm sehr, außerordentlich, ich möchte fast sagen fabelhaft überraschend kommen wird die Kunde, die sie uns heute gebracht haben." Zu weiteren Auseinandersetzungen hatte Herr Alster keine Zeit, denn eben öffnete sich die Thür und der Justizrath trat mit Senkbeil wieder ein. Einer hatte am andern eine Stüße gesucht und gefunden, Arm in Arm erschienen sie wieder, als wären sie die intimsten Freunde von der Welt. Herr Schweder war, wenn es darauf ankam, so entschieden wie nur einer auf der Welt, ein Mann der That. Er ließ sich daher die Gunst des Moments nicht entgehen.( Fortsetzung folgt.) III. Das neue Recht im neuen Reich. Gerichtsverfassung. Von V. D. Dem Liebhaber deutscher Vergangenheit geschieht in unseren Tagen manches tiefeinschneidende Weh. Die Mutter Germania liebt entschieden die Einfachheit der Linien und Formen und ist eine abgesagte Feindin der in tausendfachen Schnörckeleien sich verlierenden Gothik geworden; ein Geschmack, an dem zur Zeit nur auszusetzen ist, daß er allzusehr das Einerlei des Kasernenstils erzeugt. Gothisch war auch die Gerichtsorganisation der Vergangenheit. In dem Bau derselben offenbarte sich eine wahrhaft staunenswerthe Mannichfaltigkeit der Formen, welche sich in sich selbst verloren und kaum eine einheitliche Linie verriethen. Eine Karte, welche in bunten Farben die Verschiedenheiten deutscher Gerichtsverfassungen veranschaulichen wollte, würde das reichste Mosaik darstellen, welchem aber auch jede Spur einer Regelmäßigkeit fehlen würde. Gewiß lag gerade hierin eines der größten Hemmnisse des rechtlichen Verkehrs im deutschen Lande und nirgends war das Bedürfniß nach Einheit größer, als gerade auf diesem Gebiete. Diese nothwendige Einheit hat uns das Gerichtsverfassungsgesetz mit dem 1. Oftober 1879 geschenkt. Nirgends war aber auch der Sieg der Einheit schwerer, als auf diesem Gebiete. Denn hier stieß die Hoheit des Reiches und der Einzelstaaten auf das schärfste aufeinander. Das Reich hat denn auch nicht mehr errungen, als unbedingt nothwendig war, um für die gleichmäßige Anwendung der Prozeßordnungen die gemeinsamen Grundlagen zu schaffen. Das Gerichtsverfassungsgesez regelt nur die Verfassung der Gerichte für bürgerliche Rechtssachen und Strafsachen und dieſe nur insoweit, als die ordentliche streitige Gerichtsbarkeit in Frage steht. Die Justizhoheit der Einzelstaaten wurde aufrecht erhalten in Sachen der freiwilligen Gerichtsbarkeit, des Hypothekenwesens, des. Depofitenwesens, des Vormundschaftswesens, der Justizverwaltung. Landesgesetzlich blieben die Bestimmungen in allen Streitfällen, wo besondere Gerichte, z. B. die Rheinschifffahrtsund Elbzollgerichte, die Ablösungs- und Gemeinheitstheilungsgerichte, thätig werden. Auch die Schlichtung der sogenannten Kompetenzkonflikte ist reichsgeseßlich nicht erfolgt. So ist es gekommen, daß nur ein Gericht, das Reichsgericht, im Namen des Reiches, alle anderen aber im Namen ihres Landesherrn Recht sprechen. Die Richter sind Beamte ihres Bartikularstaates, nur die Richter des Reichsgerichtes Reichs beamte. Nur der Zentralist kann sich ärgern, daß die Justiz hoheit auf diese Weise zwischen dem Reich und den Einzelstaaten getheilt worden ist, er wird aber dennoch zugestehen müssen, daß der Löwenantheil dem Reich zugefallen ist. An der Spitze des Gerichtsverfassungsgesetzes stehen die grundgesetzlichen Bestimmungen über das Richteramt. Es heißt da in§ 1: Die richterliche Gewalt wird durch unabhängige, nur dem Geseze unterworfene Gerichte ausgeübt. Die Fähigkeit zum Richteramte wird durch die Ablegung zweier Prüfungen erlangt. Der ersten Prüfung muß ein dreijähriges Studium der Rechtswissenschaft auf einer Universität vorausgehen. Von dem dreijährigen Zeitraum sind mindestens drei halbe Jahre dem Studium auf einer deutschen Universität zu widmen. Zwischen der ersten und zweiten Prüfung muß mindestens ein Zeitraum von drei Jahren liegen, welcher im Dienst bei den Gerichten und bei den Rechtsanwälten zu verwenden ist, auch zum Theil bei der Staatsanwaltschaft verwendet werden kann. Landesgesetzlich kann die Dauer dieses Vorbereitungsdienstes verlängert werden. Die Freizügigkeit der Juristen wird durch die Bestimmung des § 3 in etwas garantirt, wo es heißt, daß, wer in einem Bundesstaate die erste Prüfung bestanden hat, in jedem anderen Bundesstaate zur Vorbereitung für den Justizdienst und zur zweiten Prüfung zugelassen, sowie daß die in einem Bundesstaate auf die Vorbereitung verwendete Zeit in jedem anderen Bundesstaate angerechnet werden kann. Hiezu tritt§ 5, welcher bestimmt, daß, wer in einem Bundesstaate die Fähigkeit zum Richteramt erlangt hat, zu jedem Richteramte innerhalb des deutschen Reiches befähigt ist. Zum Richteramt fähig ist endlich außerdem jeder ordent liche öffentliche Lehrer des Rechts an einer deutschen Universität. Die Ernennung des Richters erfolgt auf Lebenszeit. Die Richter beziehen ein festes Gehalt, Gebühren sind ausgeschlossen. Sie können wider ihren Willen nur kraft richterlicher Entscheidung und nur aus den Gründen und unter den Formen, welche die Geseze bestimmen, dauernd oder zeitweise ihres Amtes enthoben oder an eine andere Stelle oder in Ruhestand versezt werden. Durch diese Bestimmungen ist allerdings so manche Garantie für die richterliche Unabhängigkeit gegeben. Freilich werden damit die„ Streber" noch nicht aus der Welt geschafft. Die Ungerechtig feit hat doch noch hundert und aberhundert Schleichwege und Geheimgänge, auf welchen sie sich Eingang in die Gerichtshöfe verschaffen kann. Ist doch eine gänzlich unabhängige Rechtsprechung kaum möglich unter den staatlichen Zuständen, wie sie historisch sich gestaltet haben. Solange eben das Privatinteresse dem Gemeininteresse häufig vorangeht, wird es nicht anders werden können. Die ordentliche streitige Gerichtsbarkeit wird im Reiche seit dem 1. Oktober 1879 ausgeübt durch Amts- und Landgerichte, durch Oberlandesgerichte und durch das Reichsgericht. So lautet§ 12 des Gerichtsver- fassungsgesetzes. In diesen we- nigen Worten findet die jetzige deutsche Gerichtsverfassung wenig- stens ihrem hauptsächlichsten In- halte nach ihren vollen Ausdruck. Diese Gerichte sind Staats- geriete. Jegliche Privat- und Patrimonialgerichtsbarkeit, so- wie jede geistliche Gerichtsbarkeit in weltlichen Angelegenheiten ist nunmehr definitiv in deutschen Landen aufgehoben und unzu- lässig(§ 15). Einer Bestimmung aus den Grundgesetzen begegnet man in§ 16. Da lautet es: Ausnahmegerichte sind unstatthaft. Niemand darf sei- nem gesetzlichen Richter entzogen werden. Freilich kommt auch gleich darauf das Merkmal des moder- nen Uebels, des Militarismus, zum Vorschein, wenn es heißt: Die gesetzlichen Bestimmungen über Kriegsgerichte und Stand- rechte werden hiervon nicht be- rührt. Nun folgt§ 17, dieses Sedan der Nationalliberalen. Da heißt es im Eingang: Die Gerichte entscheiden über die Zu- lässigkeit des Rechtsweges. Ge- wiß bedeutet dieser Satz einen Sieg des Liberalismus über die Reaktion. Aber ich rathe keinem Liberalen, welcher sich dieses Sieges zu freuen gedächte, in diesem Paragraphen weiter zu lesen. Ter tapfere Liberalismus wird ihm entgegenstarrend:„eine Leiche". Wahrhaftig! Einen der zierlichsten Stocksprünge führte die nationalliberale Partei bei diesem Paragraphen in der drit- ten Lesung der Justizgesetze aus. Zuerst schlägt der Nationallibera- lismus, ein zweiter David, den Goliath der Reaktion in der Gestalt der Kompetenzkonflikte nie- der, dann aber hilft er ihm mit allen Künsten wieder aus die Beine und läßt sich von ihm einen Fußtritt von hinten appli- ziren. Man lese selbst nach und erinnere sich, daß sich Laskcr hierbei das Toktordiplom erwor- ben hat. Doch kehren wir zur Sache zurück. Stach zwei Richtungen werden die Gerichte in allen Instanzen thätig: in Zivilstreitigkeiten und Strafsachen. Wir müssen in unserer Tarstellung nach diesen Richtungen scheiden, soll ein klarer Üeberblick über die Tbä- ligkeit der Gerichte, über ihre Neben- und Ueverordnung ge- Wonnen werden. Betrachten wir in den cinzel- nen Instanzen zunächst die Zivil- gerichte, dann die Strafgerichte. Tie Amtsgerichte, die Landesgerichte, die Handelsgerichte oder wie letztere im Gesetze heißen, Kammern für Handelssachen. In erster Instanz sind in Zivilstreitigkeiten nebeneinander, je Die Amtsgerichte sind Einzelgerichte, d. h. sie sind nur mit nach dem Streitobjekt, thätig: � einem Richter besetzt und entscheiden in allen bürgerlichen Rechts- streitigkeiten über vermögensrechtliche Ansprüche, deren Gegenstand an Geld oder Geldeswerth die Summe von 300 Mt. nicht über steigt. Außerdem sind ihnen, ohne Rücksicht auf den Werth des Streitgegenstandes, gewisse Streitigkeiten zugewiesen, welche eine möglichst schnelle und prompte Erledigung fordern, deren Natur daher ein möglichst einfaches Verfahren erfordert. Es sind das 3. B. Streitigkeiten zwischen Vermiethern und Miethern von Wohnungs- und anderen Räumen wegen Ueberlassung, Benutzung und Räumung derselben, Streitigkeiten zwischen Reisenden und Wirthen, Dienstherrschaft und Gesinde, Streitigkeiten wegen Vieh mangel, Wildschäden und Ansprüchen aus dem außerehelichen Beischlaf. Paragraph 23 des Gerichtsverfassungsgesetzes zählt die vor das Amtsgericht gehörigen Zivilsachen vollständig auf und mag des halb hier darauf der Kürze wegen verwiesen werden. Die Landgerichte sind mit einem Präsidenten und der erfor derlichen Anzahl von Direktoren und Mitgliedern besetzt. Bei ihnen sind Zivil- und Straffammern gebildet. Die Zivilkammern entscheiden in einer Besetzung von drei Mitgliedern mit Einschluß des Vorsitzenden. Sie sind in Zivilsachen zuständig für alle Streitigkeiten, welche nicht den Amtsgerichten zugewiesen sind, also in der Hauptsache für alle Streifigkeiten, deren Gegenstand das Geld und den Geldeswerth von 300 Mt. übersteigt oder überhaupt nnschätzbar ist. Zugleich sind aber die Zivilkammern auch die Berufungs- und Beschwerdegerichte in den von den Amtsgerichten verhandelten bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten. Alle Erkenntnisse, Beschlüsse und Verfügungen des Amtsrichters können, soweit sie überhaupt anfechtbar, mittels Berufung oder Beschwerde angefochten werden und kommen dann in zweiter Instanz vor den Zivilkammern der Landesgerichte zur nochmaligen Prüfung und Entscheidung. Bor die Kammern für Handelssachen endlich gehören alle den Landgerichten in erster Instanz zugewiesenen Zivilstreitigkeiten handelsrechtlicher Natur. Sie entscheiden in der Besetzung mit einem Mitglied des Landgerichts als Vorsitzenden und zwei Handelsrichtern. Ersterer ist ein juristisch gebildeter Richter, leztere sind Laien, dem Handelsstande entnommen. In Zivilsachen haben wir sonach drei verschiedene Gerichte, welche in erster Instanz je nach der Verschiedenheit des Objekts entscheiden, kennen gelernt. Die Strafsachen werden in erster Instanz gleichfalls je nach der Natur der Vergehen vor drei verschiedenen Gerichten verhandelt. In erster Instanz sind als Strafgerichte thätig die Schöffengerichte, die Straffammern der Landgerichte, die Schwurgerichte. Die Kompetenz dieser Gerichte scheidet sich im allgemeinen nach der Schwere des Vergehens. Vor das Schöffengericht gehören alle Uebertretungen und die geringeren Vergehen, vor die Strafkammer der Landgerichte die schwereren Vergehen und die geringeren Verbrechen, vor die Schwurgerichte die schwereren Verbrechen. Näher bestimmt fallen unter die Zuständigkeit der Schöffengerichte alle Uebertretungen, sowie diejenigen Vergehen, welche nur mit Gefängniß von höchstens 3 Monaten oder Geldstrafe von höchstens 600 Mt. allein oder neben Haft oder in Verbin dung mit einander bedroht sind, ferner alle Beleidigungen und Körperverlegungen, soweit die Verfolgung im Wege der Privatflage erfolgt und endlich die Eigenthumsvergehen, sofern der Werth des Objekts die Summe von 25 Mark nicht übersteigt. Die Zuständigkeit des Schöffengerichts kann auch dadurch begründet werden, daß das Landesgericht eine Sache, welche an sich zur landesgerichtlichen Zuständigkeit gehört, zur Aburtheilung an das Schöffengericht verweist. Diese Ueberweisung ist natürlich nur innerhalb bestimmter gesetzlicher Schranken zulässig. Die Kompetenz der Strafkammern des Landesgerichts erstreckt sich zunächst auf alle Vergehen, welche nicht vor die Schöffengerichte gehören, sodann auf die Verbrechen, welche mit Zucht haus von höchstens 5 Jahren allein oder in Verbindung mit anderen Strafen bedroht sind, ferner auf die Verbrechen der zur 186 Zeit der That noch nicht 18 Jahre alten Personen, auf die Verbrechen der Unzucht mit Kindern unter 14 Jahren, auf die Verbrechen des schweren Diebstahls und des Diebstahls im wiederholten Rückfall, der gewerbsmäßigen Hehlerei, der Hehlerei im wiederholten Rückfall und endlich im Rückbetrug. Die Kompetenz der Schwurgerichte umfaßt alle den Landgerichten nicht zugewiesenen Verbrechen, mit Ausnahme der in erster und letzter Instanz dem Reichsgericht zugewiesenen Verbrechen. Innerhalb dieser ihrer Kompetenz werden die Schöffengerichte nun thätig in einer Besetzung von drei Richtern, dem Amtsrichter als Vorsitzenden und zwei Richtern. Die Straffammern sind besetzt mit nur juristisch gebildeten und beamteten Richtern und bestehen aus fünf Richtern mit Einschluß des Vorsitzenden. Die Schwurgerichte bestehen aus drei richterlichen Mitgliedern mit Einschluß des Vorsitzenden und aus zwölf zur Entscheidung der Schuldfrage berufenen Geschworenen. Auch in Strafsachen erschöpft sich die Thätigkeit der landgerichtlichen Strafkammern nicht als Gericht erster Instanz. Sie werden auch als Gericht zweiter Instanz geltend; sie entscheiden als Beschwerdeinstanz über Beschwerden gegen Verfügungen des Untersuchungsrichters, des Amtsrichters, sowie als Berufungsinstanz über Berufungen gegen Entscheidungen des Schöffengerichts. Der Vollständigkeit wegen sei endlich noch bemerkt, daß als Gericht erster Instanz auch das Reichsgericht thätig wird es, freilich zugleich auch als legte Instanz, zuständig ist für die Untersuchung und Entscheidung in Fällen des Hochverraths und Landesverraths, insofern diese Verbrechen gegen den Kaiser und das Reich gerichtet sind. Als höhere Gerichte und nur als solche kommen aber im übrigen in Betracht das Oberlandesgericht und das Reichsgericht. Die Oberlandesgerichte sind mit einem Präsidenten und der erforderlichen Anzahl von Senatspräsidenten und Räthen besetzt. Auch bei ihnen sind Zivil- und Strafsenate gebildet. Diese entscheiden in der Besetzung von fünf Mitgliedern mit Einschluß des Vorsitzenden. Sie sind zuständig für die Verhandlung und Entscheidung über die Rechtsmittel 1) der Berufung gegen die Endurtheile der Landgerichte in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten; 2) der Revision gegen Urtheile der Strafkammern in der Berufungsinstanz für schöffengerichtliche Sachen; 3) der Revision gegen Urtheile der Straffammern in erster Instanz, sofern die Revision ausschließlich auf die Verlegung einer in den Landesgesezen enthaltenen Rechtsnorm gestützt wird; 4) der Beschwerde gegen Entscheidungen der Landgerichte in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten; 5) der Beschwerde gegen strafrichterliche Entscheidungen erster Instanz, soweit nicht die Zuständigkeit der Straffammer begründet und gegen Entscheidungen der Straffammern in der Beschwerdeund Berufungsinstanz. Das Reichsgericht ist mit einem Präsidenten und der erforderlichen Anzahl von Senatspräsidenten und Räthen besetzt. Auch bei ihm bestehen Zivil- und Straffenate, welche in der Besetzung von sieben Mitgliedern mit Einschluß des Vorsitzenden entscheiden. Es ist zuständig in Zivilsachen für die Rechtsmittel der Revision gegen die Endurtheile der Oberlandesgerichte und der Beschwerde gegen Entscheidungen dieser Gerichte. In Strafsachen ist es zuständig für die Verhandlung und Entscheidung über die Rechtsmittel der Revision gegen Urtheile der Strafkammern in erster Instanz, insoweit nicht die Oberlandesgerichte zuständig sind, und gegen Urtheile der Schwurgerichte, d. h. wenn die Verlegung eines Reichsgesezes vorliegt. Diesem Bilde deutscher Gerichtsverfassung ist nur noch hinzuzufügen, daß Bayern ein oberstes Landesgericht besitzt, welches über diejenigen bayrischen Revisionen und Beschwerden in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten entscheidet, welche an sich dem Reichsgericht zugewiesen sind. Es ist dies eine mehr oder weniger nicht berechtigte Eigenthümlichkeit, welche sich Bayern dem Reich gegenüber zu bewahren gewußt hat. 187 Die Eroberung des Himmels. II. ( Die neue Sprache. Spektralanalyse und Astronomie.- Der Spürhund der Wissenschaft. Theorie des Lichtes. Der Weltäther. Töne und Farben. Licht und Strahlenbrechung. Das Kupfer im Prisma.) Sind daher durch vorhergegangene Untersuchungen die Farbenbilder der einzelnen Stoffe ein für allemale bestimmt, wie z. B. für das Natrium die gelbe Linie, für den Wasserstoff eine orangegelbe und zwei blaue 2c. 2c., sind dieselben ausgezeichnet und firirt, so kann man in jedem fünftigen Falle aus der Gestalt des Spektrums die einzelnen Stoffe erkennen, aus denen derselbe zusammengesett ist. Die Spekralanalyse analysirt also die Stoffe in ihre Bestand theile, nicht wie der Chemiker mit Kolben und Retorten, sondern durch das Lichtbild, welches die Körper im Zustande hoher Lichtausstrahlung in dem dreikantig geschliffenen Glase zeigen. Man kann sie daher mit Recht die Sprache des Lichtes nennen, und in der That, seitdem wir diese Sprache gelernt, schwinden für uns die Geheimnisse des Lichtes, dies wie jenseits. Die Farben sind die Worte dieser Sprache und die Farbenbilder die Sätze derselben. Diese uns neue Sprache ist so hell und laut, daß wir sie noch verstehen können, auch wenn sie aus den Fernen des Firsternhimmels zu uns herabspricht. Und das Licht ist ja der einzige Bote, der uns das Dasein dieses Fixstern himmels verkündet; aber dieser, das ganze Weltall, wäre uns stets ein Geheimniß geblieben, wenn wir das Licht im Prisma nicht zum Plaudern gebracht und von ihm nicht erfahren hätten, wie es dort oben aussehe und was für Stoffe es dort gebe. Wir zerlegen heute das Licht der Sonne, der Planeten, der Firsterne, der Kometen und Nebelhaufen mittels des Prismas in seine Bestandtheile und erhalten von diesem Lichte auf solche Weise Farbenbilder. Indem wir dann die Sternfarbenbilder mit den Farbenbildern unserer irdischen Stoffe vergleichen, gelangen wir mit einer mathematisch zu nennenden Sicherheit zu dem Resultate, daß diese Stoffe in beiden Körpern enthalten sind oder nicht. Aber nicht nur in die weitesten Räume dringt die Spektralanalyse vor, auch ihre Schärfe, ihre Empfindlichkeit sind ohne gleichen. Man könnte sie den Spürhund, den Detektive der Wissenschaft nennen, dem nichts entgeht und alles, auch das Geringste, beachtenswerth erscheint; dort wo Waage und Mikrostop dem Naturforscher den Dienst versagen, tritt die Spektralanalyse ein und macht sich an die Arbeit. Wenn man ein Pfund Rochfalz in 500,000 Theile theilt, so erhält man noch ein Milligramm; dieses Körnchen kann zwar von dem Chemiker gewogen und bestimmt werden; aber damit steht er auch an der Schwelle seines Könnens. Nicht so die Spektralanalyse. Theilt man nämlich ein solches Milligramm wieder in 3,000,000 Theile, so tommt man zu einem so kleinen Stäubchen, daß jede Anschauung dafür fehlt; aber dasselbe genügt, um in dem Glasprisma beim Erglühen dieses Stäubchens eine gelbe( Doppel-) Linie hervorzubringen, welche, wie wir wissen, das Spektrum des Natriums, des Hauptbestandtheiles des Salzes, ist. Um später die Erscheinungen der Spektralanalyse im Dienste der Himmelsfunde besser verstehen zu können, müssen wir vorerst die Frage erörtern: Was ist das Licht? Wie erklären sich die Erscheinungen desselben? Nach der gegenwärtig allgemein verbreiteten Annahme ist das ganze Weltall ein unermeßliches Meer einer äußerst feinen, für unsere Sinne nicht wahrnehmbaren Materie, in welcher sich die Himmelskörper fast ohne Widerstand fort bewegen. Dieses Fluidum, welches man den Weltäther nennt, erfüllt sowohl die Zwischenräume zwischen den Himmelskörpern, als auch zwischen den Körperatomen, die sogenannten Poren. Die kleinsten Theile dieser subtilen Materie sind in beständiger schwingender Bewegung; pflanzt sich diese Aetherbewegung bis zu der Netzhaut unseres Auges fort, so ruft sie unter Umständen, wenn der auf die Augen ausgeübte Reiz stark genug ist, den Eindruck dessen hervor, was wir ,, Licht" nennen. Hiernach ist jeder Körper, der den Welt- oder Lichtäther in Bewegung setzt, leuchtend; die starken Schwingungen des Aethers werden als intensives Licht, die schwachen als geringes wahrgenommen; alle aber pflanzen sich von dem leuchtenden Stoffe an mit der un geheuren Geschwindigkeit von 42,000 Meilen in einer Sekunde fort; wobei sie in dem Maße, wie sie sich ausbreiten, an Stärke abnehmen. Das Licht ist also nicht ein Stoff, sondern nur die schwin gende Bewegung eines Stoffes, der unter gewissen Formen der Bewegung Licht, unter anderen Wärme, und wieder unter anderen Elektrizität erzeugt. Der Leser wird sich mit dieser Vorstellung von der Natur des Lichtes leichter befreunden können, wenn wir das Licht mit dem Schall, das Auge mit dem Ohr vergleichen. Eine schwingende Saite erregt in der umgebenden Luft Verdichtungen und Verdünnungen derselben. Diese in regelmäßigen Perioden. sich wiederholende Bewegung der Luft pflanzt sich in einer Geschwindigkeit von etwa 342 Meter in der Sekunde bis zu unserem Ohre fort, stößt dort auf das Trommelfell und bewirkt durch weitere Fortpflanzung auf Gehörnerven und Gehirn die Empfindung dessen, was wir Schall nennen. Die bewegte Luft in ihrer Einwirkung auf das Gehörorgan ist also die Ursache des Schalles; der bewegte Aether in seiner Einwirkung auf das Gesicht ist also die Ursache des Lichtes. Wie der tönende Körper keinen besondern Gehörstoff aussendet, sondern nur die Bewegung der Luft verursacht, so sendet auch der leuchtende Körper keinen Leuchtstoff aus, sondern er erschüttert nur den Aether und setzt ihn in vibrirende Bewegung. Die Höhe des Tones hängt ab von der Anzahl der Luftstöße in einer bestimmten Zeit; hohe Töne sind Luftschwingungen von großer Zahl, tiefe von geringer. Wenn die Zahl der einfachen Luftstöße, die in einer Sekunde das Ohr treffen, weniger als sechzehn und mehr als vierzigtausend beträgt, so werden sie dem Gehörorgane unempfänglich. Was nun für das Ohr die Töne, sind für das Auge die Farben. Es ist eine gewisse Anzahl von Aetherimpulsen in der Sekunde gegen die Nezhaut des Auges nöthig, um den Eindruck des Lichtes hervorzubringen. Die erste Empfindung der Aethererschütterung seitens des Auges beginnt bei etwa 450 Billionen Schwingungen in einer Sekunde und hört auf, wenn diese Zahl beinahe das doppelte erreicht hat, also ungefähr 800 Billionen. Im ersten Falle nimmt das Auge die rothe Farbe wahr, im zweiten die violete. Man kann daher sagen, daß die verschie denen Farben nur durch die Geschwindigkeit der Aetherschwin gungen entstehen, wie die verschiedenen Töne durch die Geschwindigkeit der Luftschwingungen bedingt sind. Dunkelroth, Orange, Strohgelb, reines Grün, bläuliches Grün, reines tiefes Indigoblau, Purpurton, zartes Violet bezeichnen also nur die größere oder geringere Zahl der Aetherschwingungen in einem Augenblick. Die langsamsten Schwingungen geben Roth, die schnelleren erzeugen den Eindruck des Gelb u. s. f. u. s. f. Das Licht kommt aus den weitesten Räumen des Himmels zu uns herab und zwar pflanzt es sich in einer geraden Linie fort. Diese gerade Linie verläßt es nur, wenn es von einem Medium durch ein anderes von verschiedener Dichte, wie z. B. von der Luft durch das Wasser, hindurchgeht, in welchem Falle das Licht gebrochen, d. h. von seiner Richtung abgelenkt wird( falls es nicht in senkrechter Linie das Medium erreichen kann). Halten wir z. B. einen Stock schräg halb in der Luft und halb im Wasser, so scheint uns der im Wasser befindliche Theil des Stockes nicht die gerade Fortsetzung von dem obern Theile zu sein; der Stab erscheint an der Oberfläche des Wassers geknickt". Bei seinem Durchgange durch ein dichteres Medium wird also der Lichtstrahl gebrochen; ist nun dieser kein einfacher, z. B. nur ein blauer, sondern ein zusammengesetzter, so wird der denkende Leser von selbst errathen, was geschehen muß. Wie wir wissen, hat jede Farbe ihre verschiedene Wellenlänge, das Roth z. B. größere, da es 450 Billionen Schwingungen in der Sekunde macht, das Violet kleinere, da es sich in der Se kunde mit 800 Billionen Schwingungen fortbewegt, und daher ihre eigene Brechung. Das Roth, das die größten Schritte macht, wird am wenigsten, das Violet, das die kleinsten macht, am meisten gebrochen, d. h. von seiner Richtung abgelenkt werden. Es muß daher ein vielfarbiger Strahl, bei seinem Durch gange durch ein dichteres Medium, wie z. B. durch das Prisma des Glases sich in seine einzelnen Farben auflösen und zerlegen und jede Farbe von dem ersten Eintritt ins Prisma und ebenso beim Austritt aus demselben ihren besondern Weg verfolgen; das Licht wird zerlegt, das Spektrum, das Regenbogenbild entsteht. Das Farbenspiel der Diamanten, der Regenbogen, das Abend und das Morgenroth haben alle dieselbe Ursache. Das Sonnenlicht wird in ihnen zerlegt, jede einzelne Farbe desselben hat ihre besondere Brechung. Wir wissen also, wie ein Spektrum entsteht, und um einen Stoff spektralanalytisch zu untersuchen, müssen wir zuerst sein Spektrum erzeugen. Da nur glühende Stoffe Licht aussenden, so müssen alle Körper, welche die Spektralanalyse untersuchen will, in einen glühenden Zustand versezt, in mehr oder minder dichte Gase umgewandelt werden. Zu diesem Zwecke genügen nur selten eine Gas- oder eine Weingeistflamme; meistens muß man die große Wärmeausstrahlung des Kalk- oder des elektrischen Lichtes in Anspruch nehmen. Zwischen dieses Licht, welches entweder selbst ein Spektrum liefern oder andere Stoffe zum Glühen bringen soll, bringt man nun ein Glasprisma, durch welches die Lichtstrahlen schräg fallen, daher sich brechen und auf einem weißen Schirme ein Farbenbild liefern müssen. Das erste Resultat, zu dem diese Untersuchungen führten, war, daß zwischen dem Farbenbilde eines glühenden festen oder tropfbar- flüssigen Körpers und dem eines gas- oder dampfartigen ein entschiedener Unterschied sich zeigt, der sofort erkennen läßt, ob das Licht von einem festen, flüssigen oder gas- und dampfförmigen Stoff stamme. So zeigt das Licht des Kalkzylinders wie jedes anderen festen oder flüssigen Körpers ein vollständiges( kontinuir liches), alle Regenbogenfarben von Roth bis Violet in sich schließendes Spektrum in einem langen prächtigen Streifen. 188 Ganz andere Spektra zeigen jedoch Gase und Dämpfe. Statt der kontinuirlichen Aufeinanderfolge von Farbenstreifen erhalten wir die Spektra von einer Reihe einzelner heller, glänzender Linien, welche durch weite dunkle Zwischenräume von einander getrennt sind. Bringt man z. B. in die Höhlung des unteren Kohlenzylinders eines elektrischen Lichtes ein erbsengroßes Stück 3int und läßt es verdampfen, so erscheint auf dem Schirme das Spektrum der glühenden Zinkdämpfe. Dieselben zeigen kein Regenbogenbild mehr, sondern nur eine rothe und drei sehr schöne blaue Linien. Bringt man hingegen ein Stückchen Kupfer zum Verdampfen, so wird das Spektrum des Kupferdampfes drei glänzende grüne Linien aufweisen. Was geschieht nun, wenn wir ein Stückchen Messing, das ja aus Zink und Kupfer besteht, in den Kohlenzylinder legen? Ein prächtiges Spektrum wird sich zeigen; eine rothe, drei blaue und drei grüne Linien, d. h. die Spektra des Zinks und des Kupfers. So zeigt jeder irdische Stoff in Gas- oder Dampfform ein verschiedenes Spektrum, und sobald dieses sich zeigt, kann und muß man mit Sicherheit auf das Vorhandensein dieses Stoffes in dem leuchtenden Körper schließen. Anzahl, Lage und Helligteit dieser Linien sind bei jedem Stoffe so bestimmt, daß Verwechslungen nicht vorkommen können. ( Schluß folgt.) Postkarte. Irrfahrten. ( Fortsetzung.) Theurer Freund. 15 Groschen schon verdient. Sogleich verlasse ich das Bureau, es ist Feierabend. Der erste Tag war ganz amüsant. Ich habe mich umsehen müssen, habe da und Sort herumgefragt, hier und da geholfen und denke die Arbeiten baldigst begriffen zu haben. Meine Kollegen haben mich als einen Retter in der Noth bezeichnet, d. h. als eifrigen Mitarbeiter. Einen jungen Menschen in meinem Alter fragte ich unter der Hand aus. Er machte eine bedenkliche und wichtige Miene und versetzte: Geduld, Herr Kollege! Das Personal macht auf mich einen guten Eindruck, sind auch selbst stupide Gesichter darunter, ' s ist eine neue Welt, die sich vor mir aufthut, aber kein Ely sium. Schiller und Goethe und wie die Großen sonst heißen, werden zeitweilig kalt gestellt werden müssen. Aus dem Tagebuch. Ich habe fürchterlich geträumt. Wie ein Wahnsinniger habe ich Zahlen addirt, auf und ab, unübersehbare Kolonnen. Als ich aufwachte stand die Frau Wirthin vor mir. Sie hatte mich wecken müssen. Ich sagte ihr von meiner Träumerei und sie meinte, die Nerven wären bei mir etwas schwach und aufgeregt. Ich sollte abends lieber kein Bier trinken. Die gute Frau! Und meine schwachen Nerven! Mitten in der Arbeit. Bin schon so eingearbeitet, als wäre ich ein paar Jahre hier. Da man sieht, daß ich flink und brauchbar bin, überschüttet man mich völlig mit Geschäften. Zuerst machte mir diese Aufmerksamkeit einigen Spaß, denn sie fizelte meinen Ehrgeiz, aber allmälich sehe ich das Thörichte dieser Leidenschaft ein. Die Thätigkeit bei Tage absorbirt alle meine Kräfte, so daß ich unfähig bin, abends länger als eine halbe Stunde ein Buch in die Hand zu nehmen. Der Inspektor sagte mir heute, daß mein Gehalt erhöht würde. Eine kleine Anerkennung! Es gibt viele Kreaturen in der Expedition, die sich mit meisterhafter Geschicklichkeit der Arbeit entziehen und trotzdem bei den Vorgesetzten den Vetter spielen. Wenn man mich wieder mit Arbeiten überhäuft, werde ich diese Schmaroßer vor das Forum schleppen. Theurer Freund! Es erübrigt mir nur noch, als Ergänzung zu meinem letzten Briefe einige Bemerkungen über unser Bureau zu machen. Wir sitzen gegen zwanzig Mann eingepfercht in ein paar enge Stuben. Mein Nachbar ist ein alter Herr, der schon zwölf Jahre im Dienste der Eisenbahn steht. Er ist schwach und daher langsamer Arbeiter. Der Inspektor tadelt ihn des Tages über wohl ein duzendmal. Diese Art, einen alten Mann zu tyrannisiren, hat meinen ganzen Widerwillen hervorgerufen. „ Ist das der Dank?" frug ich meinen Nachbar. Ach Gott, lieber Herr, Sie sind noch jung, wenn Sie es bei uns aus halten, werden auch Sie noch manches Liedchen mit mir singen können." Es lag eine große Dosis Wehmuth in dem Tone, mit welchem er diese Worte sprach. Wir sind jetzt beide recht befreundet und tauschen dann und wann unsere Meinungen aus. ,, Unsere Expedition", sagte er mir vor kurzem, ist wie eine Menagerie. Dort der fein frisirte und geleckte Monsieur ist ein banquerotter Kaufmann, der da mit dem blonden Haar und dem schönen Schnurrbart ein ehemaliger Heldentenor. Im Feldzuge 1866 verlor er seine Stimme. Der Herr neben ihm war ein mal Gutsbesitzer, der aus unbekannten Gründen seiner Heimath Valet sagte; der Herr mit den verbissenen Mundwinkeln ist seines Zeichens Hausknecht; seine Frau war Köchin beim Herrn Inspektor, da mußte letzterer dann wohl oder übel ihrem Mann gefällig sein. Und der Herr mit dem militärischen Schnauzbart war Unteroffizier, ein Simpel im allgemeinen, aber ein schlauer Kumpan, der den Inspektor im Sad hat. Sein Nachbar, der einfilbige Mensch, war Plantagenbesizer. Bei der Ueberfahrt nach Europa ging das Schiff unter, er verlor alles und zählt nun bei uns das Gewicht der versandten Waaren. Von den anderen spreche ich nicht gerne. Sie rangiren zu dem Federvieh." Diese Mittheilung eröffnete in mir einen neuen Blick in die menschliche Natur. Mein Lebensernst hat zugenommen. Ich tomme mir seit furzem älter vor, als ich bin. Wenn ich mein Tagebuch seit vierzehn Tagen überblicke, muß ich gestehen, daß ich erschrecklich gewöhnlich geworden bin. Nichts ist notirt, das auf die Dauer Interesse hervorrufen könnte. Kein gehaltreicher Gedanke, keine geistreiche Bemerkung! Wie eine prosaische Be schäftigung auf unseren Geist doch seinen Stempel drückt!- So wie ein Soldat im Kriege verwildert und an Gesittung Einbuße erleidet, so geht es mir. Ich fühle täglich mehr, daß ich geistig veröde, daß der Baum der Poesie in mir abstirbt. Das dar für die Dauer aber nicht Regel werden. Erst will ich noch manche Eigenthümlichkeiten des großen Berlin kennen lernen, dann aber ziehe ich mich vor den leeren Zerstreuungen des mo dernen Babels zurück und widme mich ganz d. h. in den Abendstunden- wieder meinen alten Freunden, meinen Büchern. Aus dem Tagebuche. Ich war mit dem ehemaligen Heldentenor und dem pommer schen Gutsbesizer, die mir ehrliche Führer geworden sind, im Laufe der beiden letzten Wochen in verschiedenen prächtigen Etablissements, die erst zur Nachtzeit ihre Besucher finden. Namen will ich nicht nennen. Wozu auch? Man muß seine Erfahrungen machen, um zu einem Urtheil befähigt zu werden. Die Ver worfenheit des weiblichen Geschlechts geht doch weit. Ich hatte bald einen Ekel an diesem Flitter, an diesem Glanz, an diesem Freudenthum. Die Haut schaudert mir bei dem Gedanken an die Tiefe, die sich gähnend vor mir aufthat. Auf meinem Wege zum Bureau komme ich dann und wann an der Universität vorüber. Die Studenten ergehen sich paar und truppweise in dem Vorgarten. Wie beneide ich diese glück lichen Menschen, die ganz ihrem Studium leben dürfen! Und ich? D, ich werde mit jedem Tage bitterer gegen ein Geschick, das mich zum Handlanger bestimmt zu haben scheint. Ich bin nun zwar definitiv angestellter Beamter, und mein Gehalt ist auch ein höheres geworden, aber ich habe keine rechte innerliche Freude daran. Mein erstes Salair steckte ich mit einer Gleich gültigkeit zu mir, als ob ich schon jahrelang Geld verdient hätte. Das Geld hat für mich geringen Werth, so wenig ich davon besize. Bedauerlich die, welche in der Jagd nach dem Thaler ihren einzigen Lebenszweck sehen. Wie öde und verlassen muß deren Inneres trotz Gold, Puz und Bequemlichkeit sein! Seit einigen Tage quäle ich mich vergebens mit einem Gedichte ab. Mein Kopf ist wie vernagelt! Die Reime finden sich nicht und das Fertige hat ganz das steife, unbeholfene Wesen einer Verfügung aus dem Bureau. Ich sluche im stillen wie ein Kutscher und je unwilliger ich mit mir selber werde, je frucht loser ist jegliche Anstrengung. Dann greife ich nach einem Buch, um noch empfindlicher meine völlige Ohnmacht zu erkennen. Gestern war ich eben im Begriffe, einen Band der Klassiker in einen Winkel meines Zimmers zu schleudern, als es an meiner Thür pochte. Eine junge Frau trat ein und stellte sich mir als die Frau Trosten vor. Es war die Milchhändlerin von unten. Die Person schaute mich sonderbar an, daß ich roth wurde, und als sie meine Verlegenheit merkte, machte sie mich gleich mit dem Zweck ihres Besuches bekannt. Sie habe von Zimmers fo heißt meine Wirthingehört, daß ich auch Unterricht gebe und da wollte sie fragen, ob ich mich ihrer Tochter annehmen wollte. Das Mädchen sei der Nachhilfe um so mehr bedürftig, weil sich niemand recht um das Kind kümmern fönnte; sie sei erbötig, meine Unterstützung anständig zu lohnen, sagte sie und legte fünf Thaler auf den Tisch, die ich eine Weile mehr überrascht als fremdartig betrachtete. Nehmen Sie nur das Geld, bei uns geht es nicht armselig her, und wenn Sie sich mit dem Kinde bekannt machen wollen, so lade ich Sie auf morgen zu einem kleinen Abendessen ein, daß ich zu Ehren meines Geburtstages gebe. Ich erwiderte etwas, aber sie schnitt meine Interpellation direkt ab, indem sie fortfuhr: Sie machen ein ehrliches Gesicht, da muß man Ihnen schon glauben, aber Ihre Bescheidenheit ist unprak tisch; und ein paar Augenblicke werden Sie schon abends für meine Tochter finden. Ich mußte willenlos das Geld nehmen und den Unterricht versprechen. Beim Fortgehen kam sie noch mals auf den Geldpunkt zurück, merkte aber doch, daß mich dieses Thema unangenehm berührt hatte. So bin ich zu einem Nebenverdienst gekommen! Bei Tage im Bureau, abends Unterricht und dann mein Studium! Armes Studium! 3 Tage später. Unser Inspektor ist ein aufgeblasener Geck, ein Trinker. Und das Schlimmste ist, er soll seine Frau mißhandeln. Und vor einem solchen Menschen soll man Achtung empfinden! Er hat 189 mich wegen eines Schreibfehlers angefahren, als wäre ich ein Rekrut auf dem Kasernenhofe. Bei der Menge Arbeit kann das schon einmal unterlaufen, sagte ich mich entschuldigend. Sie sind ein Raisonneur, Sie politisiren, was nicht Ihres Amtes iſt. Sie vertuschen die Fehler der Verladebeamten und machen sich mit ihnen familiär. In meiner Aufregung wagte ich die Frage, ob diese Leute denn Menschen, die nicht eines Grußes oder der Achtung würdig wären, ob meine Unterhaltung mit diesem oder jenem denn für das Bureau einen Nachtheil brächte, worauf er mit unzweideutiger Geberde auf die Thür wies und sich ein für allemal auflehnendes Benehmen seitens der Expeditionsbeamten verbat. Mit der Drohung, mich zu denunziren, war ich entlassen, kehrte an meinen Platz zurück und studirte bei dieser Gelegenheit aus den schadenfrohen Gesichtern meiner Kollegen deren wahren Charakter. Sie tragen Masken, die Herren, und es findet sich selten Gelegenheit, sie unverhüllt zu belauschen. Mein Glaube an das Mitgefühl der Menschen will einfrieren. Der Heldentenor und der Gutsbesizer suchten meinen Aerger mit Späßen vergessen zu machen, ich aber ging ernst und verstimmt heim. Noch niemals dachte ich so sehnsuchtsvoll nach meinem elterlichen Hause, wie heute. Das Leben ist verteufelt ernst. Ich begreife jezt, woher die große Zahl verkommener mißgünstiger Menschen kommt. Wer nicht energisch und selbstlos genug ist, die Fußtritte Niederträchtiger mit gleicher Münze heimzuzahlen, wird Kriecher und Heuchler; was aber schlimmer ist, er läßt die erlittenen Ungerechtigkeiten andere, die von ihm abhängig werden, wieder fühlen. So bekommt diese traurige Schule immer neue Zöglinge. Ich habe nicht Lust zu Trosten hinunter zu gehen. Aber eben, wo ich diesen Gedanken niederschreibe, ladet man mich wiederholt dazu ein. Mitternacht. Bei Trosten gewesen. Der Mensch unterhielt sich mit mir von seiner Milch und setzte dieses nahrhafte Thema- ich bin wißig solange fort, bis ich mich verabschiedete. Dabei habe ich mich aufmerksam umgeschaut. Die Bäckersfrau überreichte dem Geburtstagskind ein prachtvolles Theeservice und begleitete die Uebergabe mit einer geheimen Augensprache, die mir diese Aufmerksamkeit sehr verdächtig erscheinen ließ. Die beiden Frauen scheinen mir locker in ihren Sitten zu sein. Werde mich informiren. Meinen Unterricht fange ich morgen an. " " 1 Ich frug meine Wirthin am Kaffeetisch, was sie von der Bädersfrau und von der Frau Trosten hielte. Nichts!" antwor tete sie. Das ist wenig, oder weniger als nichts," gab ich zurück und erzählte die Geschichte mit dem Service.- Sehr einfach," rief lachend die Wirthin. Frau Trosten hat das Geld dafür ihrem Manne gestohlen, Frau Weinberg hat ihr das Service gekauft, das sie sich schon längst gewünscht, aber von ihrem Filz von Ehegemahl nicht erhalten konnte und so bleibt der Friede im Hause." Ich fuhr erschreckt und zornig vom Stuhle auf und rief: Beweise!" Die habe ich nicht, aber ich denke, daß die Sache sich so verhält."-, Und auf bloße Gedanken hin äußern Sie diesen schändlichen Verdacht?" Meine Wirthin war von diesen Worten durchaus nicht beschämt, sondern lachte. Sie lachte! Ist das nicht der Beleg für die eigene Schlechtigkeit des Anklägers? ( Fortsetzung folgt.) " " 1 1 Afrifa und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. Mar Traufil. ( Fortsetzung.) Den Schlagenwindungen des Zambesi folgend, setzte Livingstone seine Reise zu Fuß fort und erreichte den 650 Meter hoch gelegenen See Schirwa. Ueber den Wasserfällen nahm er noch in demselben Jahre die Fahri auf dem Schire auf und erreichte auf die Weise den 15,000 QuadratKilometer großen Nyassa- See, dessen Ausfluß der Schire ist. Im Jahre 1860 fuhr der unermüdliche Livingstone mit Kiok von Tebe den Zambesi aufwärts bis in das Land der Makololo, wo er auf Ladislaus Magyar's Spuren traf und dessen Forschungen wesentlich berichtigte und erweiterte. Noch zweimal brang er vom Osten auf dem Flusse Rufuma gegen den See Nyassa vor, durchquerte denselben und erforschte die westlich von ihm liegenden Länder, bevor er eine zeitlang ( 1864) in England ausruhte. Zwei Jahre später suchte er schon wieder die Mündung des Rufuma auf, erreichte, von einem freundschaftlich gesinnten Regerhäuptling unterstüßt, auf dem kürzesten Wege zum vierten Male den Nyassa und setzte auf dessen westliches Ufer über. Hier war es, wo er treulos von seinen eingeborenen Begleitern verlassen wurde, die nach ihrer Rückkehr nach Kiloa( Hafenort am indischen Ozean unter dem 11. Grad südlicher Breite) das allgemein geglaubte Gerücht von Livingstone's Ermordung durch die räuberischen Masiku verbreiteten. In Folge der allgemeinen Theilnahme für den verschollenen Livingstone wurde von Seiten Englands unter Young's Leitung 1868 eine Expedition nach dem Nyassasee gesandt, welche an Ort und Stelle die Unwahrheit jener Aussage darthat. Der kühne Livingstone war ohne jegliche Begleitung und aller Mittel beraubt weiter nach Nord- Westen gewandert und befand sich bald auf völlig jungfräulichem Boden, der vor ihm noch von keinem Weißen betreten worden war. Erst nach wochenlanger Wanderung erreichte er die Stadt Lunda und somit die Spuren portugiesischer Elfenbeinhändler. Im Jahre 1798 besuchte der Portugiese Lacerda den Negerkönig Muata Cazembe in Lunda. Auch Livingstone fand bei seinen Nachkommen gastfreundliche Aufnahme und einen Stügpunkt für seine ferneren, die Jahre 1867-71 ausfüllenden Reisen, auf denen er zwischen dem 2. und 12. Grad südlicher Breite ein zusammenhängendes System von Seen und Flüssen entdeckte, welche mit dem Taganjita in keinem Zusammenhange stehen und von ihm, wohl fälschlich, für den oberen Lauf des Nil angesehen wurden. Diese Seen sind der Bangweolo, Moero, Krimlaondo und ein noch unbekannter -190 See; verbunden werden sie durch den Lualaba oder Luapula, den man für den bisher unbekannten Lauf des Congo ansieht. Das ganze von Livingstone neuentdeckte Gebiet zeigt in Bezug auf die Thier- und Pflanzenformation entschieden westafrikanischen Charakter und die zuerst von ihm dort besuchten Völker sind größtentheils Menschenfresser der ärgsten Art, namentlich die Manjuema. Da von Livingstone lange Zeit alle Nachrichten ausgeblieben waren, so wurde man um sein Wohlergehen besorgt, und Cameron erhielt 1872 von der londoner geographischen Gesellschaft den Auftrag, ihn aufzusuchen, schlimmsten Falls dessen Nachlaß von Tagebüchern, Aufzeichnungen und dergl. zu retten. Bevor Cameron mit seinen Vorbereitungen fertig war, hatte ein unternehmender Amerikaner, Henry Stanley, im Auftrage der Redaktion des ,, New- York- Herald" bereits das große Werk vollbracht. Reich mit Mitteln ausgestattet, brach Stanley am 21. März 1871 von Zansibar ( Hafenort am indischen Ozean unter dem 6. Grad südlicher Breite) nach dem Innern Afrikas auf und traf am 10. November in Udschidschi auf den gerade aus dem Manjuemalande zurückgekehrten Livingstone. Gemeinschaftlich mit diesem erforschte er das bis dahin nnbekannte Nordende des Taganjikasees und fand, daß der Rusisifluß in dasselbe einmünde, der Taganjika also mit dem Luta Nzigé, wie man früher vermuthete, nicht in Verbindung stehen kann. Während Livingstone, mit neuen Mitteln versehen, sein Werk fortsetzte es sollte sein letztes sein erreichte Stanley am 6. Mai 1872 Zansibar wieder und kehrte nach Amerika zurück. Im Dezember 1872 verließ Cameron in Begleitung des Arztes Dr. Dillon England und den 18. März 1873 Zansibar, wo sich ihm Lieutenant Murphy angeschlossen hatte. Am 4. August erreichte er Unyanyembe. Hier traf er die treuen Diener Livingstone's mit der Leiche ihres Herrn und einem Theil seines Nachlasses und erfuhr zugleich, daß ein Theil der Manuskripte in Udschidschi am TanganjikaSee noch aufbewahrt werde. Während nunmehr der Lieutenant Murphy beauftragt wurde, die Leiche Livingstone's und den bisher erlangten Nachlaß desselben nach England zu geleiten, ging Cameron nach Udſchidschi und war so glücklich, den übrigen Nachlaß seines großen Vorgängers zu retten. Somit war seine eigentliche ursprüngliche Aufgabe schon Ende Februar 1874 vollständig gelöst. Aber es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken. Obgleich Dr. Dillon den Beschwerden und dem verderblichen Klima schon im November 1873 erlegen und Cameron seitdem nur auf sich allein angewiesen war, faßte er doch den kühnen Entschluß, den Tanganjikasee zu vermessen und dann den afrikanischen Kontinent der Breite nach zu durchqueren. Somit begann seine ganz neue selbstständige Forscherarbeit von Bagamoyo westwärts bis Catumbella, wie einst Livingstones Riesentour vom Loanda ostwärts bis Kilimane. Mag es Cameron immerhin nicht gelungen sein, den Lualaba oder den Congo bis zum Meer zu verfolgen, mag auch das Gebiet, welches er durchwanderte, nicht in seiner ganzen Ausdehnung bisher unbekannt gewesen sein, und mag endlich auch der große weiße Fleck unserer geographischen Unkenntniß im äquatorialen Afrika nur in seinem südlichen Rand von ihm verkleinert und beschränkt worden sein seine Leistungen als einzelner hilfloser Reisender gehören unbestritten zu den außerordentlichsten und sind von höchstem Verdienst. Er hat fast 3000 englische oder 700 deutsche Meilen zum großen Theil unbefannten Gebiets in dem gefahrdrohendsten Theil des tückischen Kontinents zurückgelegt, natürlich unter all den Fatalitäten und Schwierigfeiten, welche dem Afrikareisenden so entsetzlich das Leben verbittern: Krankheit, Starrfinn der Eingeborenen, Unzuverlässigkeit und Habgier der Begleiter und in unabreißbarer Kette noch viele andere Zwischenfälle, die ohne Scheererei und Zeitverlust nicht abgehen. Er hat Steinfohle, Gold, Kupfer, Eisen und Silber gefunden. An Produkten, welche sich verwerthen lassen würden, führt er Muskatnüsse, Kaffee, Palmöl, Reis, Weizen, Baumwolle, Gummi, Kopal und Zuckerrohr auf. Nach seiner Ansicht würde ein Kanal von 20 bis 30 englischen Meilen durch ein flaches, ebenes Land den Congo mit dem Zambesi, die schon jetzt in Regenzeiten in Verbindung stehen, vereinen. Im Dezember 1875 von Catuubella am atlantischen Ozean glücklich heimgekehrt, wurde er von der geographischen Gesellschaft in London mit enthusiastischen Ehrenbezeigungen aufgenommen. Unser Bild( Seite 184), Hochzeitstanz in Ribayeli, führt uns in den Kern von Jnnerafrika, in das mächtige Reich Urua, welches eine centrale Position zwischen der Ost- und Westküste einnimmt und zwischen dem Lualaba und Lomami liegt; die Hauptstadt und Residenz des jetzigen Herrschers Kasongo, Kilemba in der Provinz Kibayeli, liegt genau auf der geraden Linie zwischen Zansibar und Loanda und ziemlich genau in der Mitte zwischen beiden Orten. Cameron hielt sich hier lange auf, vom Oktober 1874 bis Februar 1875. In diesem Centralland treffen die arabischen Händler von der Ostküste und die portugiesischen Händler von der Westküste zusammen. Die Straße, die Cameron von Nyangwe nach der Westküste einschlug, scheint eine der großen Handelsstraßen durch Südafrika zu sein, sie fällt auch zum Theil mit den Reiserouten von Magyar und Graça zusammen. Da es Cameron verstand, die Anwendung von Waffengewalt zu vermeiden, wurden ihm auch viel weniger Schwierigkeiten in den Weg gelegt, ein Beweis, daß selbst Menschenfresser jede ihnen angethane Gewalt zu rächen trachten, während sie freundliche Begegnung freundlich erwiedern. Man sieht es diesen musizirenden und tanzenden Hochzeitsgästen gar nicht an, daß sie ihren Nächsten auffressen, jedenfalls haben sie deshalb keine Gewissensbisse, da sie einer ,, berechtigten Eigenthümlichkeit" fröhnen. Die Schilderung der musikalischen Instrumente, sowie des Brautkostüms macht die anschauliche Deutlichkeit unseres Bildes überflüssig. Doch fehren wir von dem kannibalischen Hochzeitskonzert zu unseren Afrikaforschern zurück. Was Livingstone und Cameron mißgelungen war, zu erforschen, ob der Lualabastrom der obere Lauf des Congo sei, ist Stanley auf seiner zweiten Tour gelungen. Zur selben Zeit, als Cameron vom Lualaba seinen Weg nach Süden einschlug, im November 1874, brach Stanley, vortrefflich ausgerüstet, mit einem vorzüglichen englischen Boot ,,, Lady Alice", und einer Eskorte von 300 Eingeborenen, von Bagamoyo, dem Ausgangspunkt Camerons, gegenüber der Insel Zanfibar, auf. Er wandte sich zunächst nach dem zentralafrikanischen Seegebiet des Taganjika, Viktoria- Nyanza und Albert- Nyanza. Nach wichtigen Aufschlüssen über die Quellflüsse des Nil kehrte er zum Taganjika nach Udschidschi zurück und begann am 11. Juni 1875 auf der ,, Lady Alice" die erste vollständige Aufnahme des Sees, die er in 51 Tagen ausführte. Das Resultat dieser bedeutenden Leistung ist die Erforschung des westlichen Lukugaflusses, jenes nach Cameron alleinigen Abflusses des Taganjika. Bei seiner Rückkehr nach Udschidschi im August 1875 grassirten dort die Pocken; nach Verlust von 5 Mann beeilte Stanley seine Weiterreise. Zwei Ziele lockten ihn an: entweder 1) westwärts nach Nyangwe am Lualaba, um denselben weiter zu verfolgen, was Cameron nicht gelungen war, oder 2) nordwestlich wiederum in das schon erwähnte Seegebiet. Er entschied sich für das erste Ziel, für die Erforschung des Lualaba. Udschidschi wurde verlassen, der Taganjika gekreuzt, dann nach Nyangwe marschirt und der Lualabastrom abwärts verfolgt; dann folgten blutige Züchtigungen der Eingeborenen. kühne Reisende drang rücksichtslos vorwärts, doch seitdem war keine Kunde von ihm gekommen. Schon verbreiteten sich schwere Besorgnisse um ihn, als unerwartet ein Brief von ihm anlangte. Der Um dem Leser ein anschauliches Bild von den Widerwärtigkeiten einer Reise unter den Tropen zu liefern, zitiren wir die Briefe Stanleys wörtlich: ,, Emboma am Flusse Congo, Westküste Afrikas, 10. August 1877. Am 8. d. M. langte ich hier von Zansibar an mit 115 Mann in einem schrecklichen Zustande. Wir verließen Nyangwe in Manyma am 5. November 1876, indem wir zu Lande durch Urreyga marschirten. Da wir nicht im Stande waren, durch die dichten Waldungen vorwärts zu kommen, so überschritten wir den Lualaba und ſegten unsern Marsch an dessen linkem Ufer fort, und zwar durch das nordöstliche Ukuſu. Die Eingeborenen leisteten uns Widerstand, plagten uns Tag und Nacht und verwundeten meine Mannschaft mit vergifteten Pfeilen. Unser Kampf in diesen Gegenden der Kannibalen wurde nun fast hoffnungslos. Ueberdies weigerte sich meine Eskorte von 140 Mann, die ich in Nyangwe engagirt hatte, weiter zu marschiren, was meine Lage bedentend verschlimmerte. Zur selben Zeit machten die Eingeborenen einen blutigen Versuch, uns vollständig zu vernichten. Wir vertheidigten uns, allein es gab blos einen einzigen Weg, unserer gefährlichen Lage zu entrinnen, wenn wir nicht überhaupt zurückkehren und unser begonnenes Werk ganz aufgeben wollten, nämlich von unseren Canoes Gebrauch zu machen. ,, Obgleich wir auf dem Wasser entschieden den Vortheil über die Wilden besaßen, so wurde doch der Vormarsch an jedem Tage blos die Wiederholung des vorigen Tages. Wir mußten stets hartnäckig streiten, bis wir inmitten dieser fortwährenden Kämpfe durch eine Reihe von fünf, die nicht weit von einander liegen, nördgroßen Wasserfällen aufgehalten wurden. Um diese zu lich und südlich vom Aequator umgehen, mußten wir durch 13 englische Meilen dichten Wald marschiren, unsere 18 Fahrzeuge und das Boot Alice" über Land schleppen. Im 2. Grad nördlicher Breite wendet sich der Lualaba von seinem Lisherigen nördlichen Lauf nach Westen, schließlich südwestlich. Er ist ein 2 bis 10 englische Meilen breiter Fluß und voll von Inseln. Um dem erschöpfenden Kampf mit den vielen Stämmen verzweifelter Eingeborener auszuweichen, mußten wir uns zwischen den Inseln durchwinden, bis wir durch Hunger gezwungen wurden, nachdem wir drei Tage gänzlich ohne Nahrung gewesen waren, unserem Geschick entgegenzugehen. Wir ruderten nach dem linken Ufer. Zum Glück begegneten wir dort einem Stamm, der Handel trieb. Die Leute besaßen 4 Musteten von der Westküste und sie nannten den großen Fluß den Ikata tha Congo. Wir schlossen Blutsfreundschaft mit ihnen und kauften viele Lebensmittel, dann seßten wir unsern Weg auf dem linken Ufer fort. Drei Tage später kamen wir zu einem gewaltigen Volksstamm, dessen Angehörige mit Musketen bewaffnet waren und sogleich, als sie unser ansichtig wurden, 54 Canoes bemannten und uns angriffen. Nicht eher, als bis drei meiner Leute getödtet waren, hörte ich auf damit, ihnen zuzurufen, daß wir Freunde seien, um ihnen Waaren anzubieten; dann griffen wir selbst zu den Waffen. ,, Auf eine Entfernung von 12 Meilen setzte sich dieser schreckliche Kampf fort. Das war der vorlegte von 32 Kämpfen auf dem Lualaba. Dieser Fluß nimmt, nachdem er vielemale seinen Namen ändert, den Namen Kwango und Zaire an, jemehr wir uns dem atlantischen Ozean nähern. ,, Während der Strom zwischen der großen Ebene fließt, welche sich vom 26. bis zum 17. Grad östlicher Länge erstreckt, durchfließt er ohne alle Unterbrechung eine Ausdehnung von mehr als 1400 engl. Meilen und nimmt auf seinem Weg prächtige Nebenflüsse, besonders auf der südlichen Seite, auf. Sodann windet er sich durch die breite Gebirgsfette zwischen der großen Tiefebene und dem atlantischen Ozean und stürzt dann über 30 große Wasserfälle und immense Stromschnellen als der große Fluß hinab, welcher zwischen den Wasserfällen von Vellala und dem atlantischen Ozean dahinströmt. Unsere Verluste sind sehr groß und mein Schmerz ist noch frisch über den Verlust meines letzten weißen Freundes, des braven und treuen Francis Pocock, welcher über den Fall von Massassa am 3. Juni hinabgestürzt wurde. Am selben Tage wurde ich mit sieben Mann beinahe in die Tiefe der Maoafälle hineingeschleudert, und sechs Wochen später wurde ich und die ganze Mannschaft der ,, Lady Alice" über den schrecklichen Wasserfall von Mbelo herabgezogen, wobei wir nur durch ein Wunder entkamen. Mein treuer junger Diener Kalulu, ein auf der frühern Reise vom Sklavenhändler gekaufter und in England erzogener Bursche, ist auch unter den Todten. Henry M. Stanley." Ein Telegramm vom 22. August meldet die glückliche Ankunft der Expedition in San Paulo de Loanda, einer portugiesischen Faktorei am atlantischen Ozean unter dem 9. Grad südlicher Breite. Albuquerque, der Gouverneur dieses weltvergessenen Bostens, betrachtete die Vielgeprüften als Gäste der Regierung und bot Stanley ein Kanonenboot zur Reise nach Lissabon an. Groß war die Mühe und groß der Erfolg. Dem unerschrockenen, der 185 seiner Begleiter betrauert und dem Sorge und Anstrengung die Haare bleichten, ist es gelungen, die Ideale seiner Vorgänger Livingstone und Cameron zu verwirklichen. Er hat den ganzen Lualabafluß befahren und dessen Identität mit dem Congo festgestellt. Späte Geschlechter werden die Wagefahrt des modernen Ddysseus, gleich Jasons Argonautenfahrt und Alexanders Zug nach Indien, poetisch berherrlichen. Alles, was sonst noch zur Erforschung Afrikas unternommen wurde, verblaßt im Ruhmesglanz dieses Journalisten, wie sich Stanley mit großer Vorliebe nennt.( Siehe Karte Seite 185.) Um unser Thema gründlich durchzuführen, müssen wir auch die minderbedeutenden Forscher anführen. Gleich Cameron und Stanley traten sie alle in Livingstones Fußstapfen. Baines und Chapman durchzogen von der Walfischbai bis an den Zambesi das Land, um unsere Kenntniß Südafrikas weiter auszubauen; der deutsche Zoolog Fritsch durchwanderte von 1864 bis 1866 den Oranjefreistaat und das Bedschuanenland behuss naturwissenschaftlicher Beobachtungen; der Württemberger Karl Mauch schlug sich mit echtschwäbischer Bähigkeit wie ein Bettler in Südafrika durch, entdeckte Goldfelder am Tati und eine riesige Ruinenstadt Zimbabje, die man mit dem salomonischen Ophir in Verbindung zu sezen versuchte. Den Reisenden Eduard Mohr, Anton Hübner und Vinzent Erskine verdanken wir die Entdeckung des Flusses Limpopo, die Beschreibung des jetzt so oft ge= nannten Zululandes dem David Leslie, Wolf Drummond und Sir Theophilus Shepstone. Gleich Karthago und Rom sollte auch Cetewayos Militärstaat durch Gold zu Grunde gehen, denn wie am Oranjefluß die Diamanten, so brachte in Transvaal, dem Ländersaum, der das Zululand vom indischen Ozean trennt, das Gold eine neue Ordnung der Dinge herbor. Hier gelang es dem deutschen Afrika- Reisenden Karl Mauch, Goldfelder zu entdecken und zwar in den Tati- Niederlassungen. Die Ausbeute war zuerst eine ärmliche, bald jedoch forschte man weiter und fand im nördlichen Transvaal bei Maraba und Lydenburg neue Fundstätten, welche die glänzendste Ausbeute versprachen. Im ganzen Transvaal wohnten bis dahin kaum 30,000 Weiße und etwa 230,000 Matateesen, die zumeist zu den Bedschuanenstämmen gehören, seit der Entdeckung der Goldfelder strömen australische Goldgräber, Abenteurer von Natal und vom Kap in Massen herbei und die rein englische Bevölkerung wird an Zahl bald die holländische derart überflügelt haben, daß die Besizergreifung des Goldlandes durch das englische Gouvernement nur als die natürliche Folge der veränderten Zustände erscheint. Die Verluste an Menschenleben bei Rorkes Drift und anderwärts sieht Frau Britannia nur als heilsamen Aderlaß an, weil sie ihren Soldatenbestand nur aus mittellofen Edelleuten und geworbenem Plebs zusam menstellt. So sehr man auch mit den freiheitsliebenden und ihrer Unabhängigkeit beraubten Boers sympathisiren kann, so muß man den Eng ländern doch Verdienste zugestehen, welche sie über die holländischen Freistaaten weit erheben. Zuerst haben sie der entwürdigenden Stlaverei in den südafrikanischen Kolonien ein jähes Ende bereitet. Die Boers schrieen über die Sklavenemanzipation und nannten sie einen Raub ihres Eigenthums; die Portugiesen, trotzdem sie geseßlich den Sklavenhandel verbieten, versklaven die Eingeborenen in ihren Kolonien nördlich vom Limpopo und zu Angola, die Engländer jedoch Schüßten die Eingeborenen in ihren Menschenrechten und verschafften ihnen in Wahrheit die persönliche Freiheit. Ferner waren die Freistaaten fast Jahr für Jahr den Einfällen der Zulus preisgegeben und eine gedeihliche Entwicklung der Kolonisten konnte unter diesen Umständen kaum Platz greifen. Jezt, wo England die Zulustämme fast umschlossen hält und ihren Strategen Cetewayo in der Kapstadt hinter Schloß und Riegel faltgestellt hat, werden diese sich friedlich verhalten müssen, wenn sie nicht ausgerottet sein wollen. Endlich haben die Holländer, wie schon oben angedeutet, nichts für die Afrikaforschung gethan, während England den Expeditionen allen erdenklichen Vorschub eiftet, welche vom Oranjefluß und neuerdings vom Tugela- River aus 191 die Kalahariwüste kreuzten und ins Innere vordrangen. Von den Kapländern aus sind fast alle deutschen Forscher unter englischem Schuh ins Innere Afrikas vorgedrungen. Außer den obengenannten Mauch, Hübner und Mohr hat in jüngster Zeit Dr. Holub aus Prag diese Gegenden durchforscht. Von den Resultaten dieses Reisenden, der sich die Mittel zu seinen kühnen Unternehmungen in den Goldfeldern des Transvaal und den Diamantenfeldern von Oranje erworben hat, berichten wir weiter unten. Friedrich von Hogendorp, ein Bewohner Natals, schreibt folgendes über Cetewayos Unterthanen:„ Das Volk der Zulus ist allen andern Kaffernstämmen weit überlegen und es ist sich dieser Ueberlegenheit sehr wohl bewußt. Ohne die Hottentotten und Buschmänner mitzuzählen, welche der Zulu am gründlichsten verachtet, behandelt er auch die Basutos, Fingas und Blattnasen wie Hunde, und zwar so selbstverständlich, wie der Türke den Christen als Bestie traktirt. Diese Hegemonie der Zulus findet ihre natürliche Erklärung in der Schönheit und Stärke des Individuums. Ganz jung sieht er abscheulich aus, mit seinem runden Bäuchlein, das auf zwei magere Beine gestüßt ist, aber mit dem Wachsthum gewinnen die Formen an Schönheit. Mit 15 Jahren ist der Zulu ein kräftiger Bursche von athletischen Formen mit glänzend schwarzer Haut. Sein Gesicht ist wohlgebildet und seine kleidung besteht in der Regel nur aus einem Thierfell, das er malerisch um die Schultern schlingt. Die Engländer, welche sich auf schöne Menſchen verstehen, sagen vom Zulu: Jeder Zoll ein Gentleman. Er ist durchaus nicht heimtückisch, sondern handelt offen und ehrlich. Im Krieg ist der Zulu tapfer und übt eben so wenig Gnade, als er je um Schonung fleht, aber nach erfochtenem Sieg ehrt er den Gegner und Rausch an und der famose Natal- Rum wird diese kriegerische Rasse bald schändet die Leichen nicht. Leider trinkt er sich mit Vergnügen einen sicherer ausrotten, als die Gewehre der Engländer." Im äquatorialen Often, wo deutsche Missionäre durch die Entdeckung der Schneeberge vorgearbeitet hatten, wie wir schon im ersten Artikel angedeutet haben, wurde durch deutsche Forscher ein weites neues Gebiet der Wissenschaft erschlossen. Hier in dem großen vollständig unbekannten Dreieck, welches sich vom Aequator bis zum 10. Grad nördlicher Breite erstreckt und von den grausamen Negerstämmen der Galla und Somali bewohnt wird, hat der unermüdliche Baron von der Decken seinen Eifer mit dem Leben bezahlt. Schon seine erste Expedition wurde auf unerwünschte Weise gehindert, indem er mit dem Plane, sich mit dem Reisenden Albrecht Roscher aus Hamburg in Verbindung zu sezen, nach Afrika gegangen war und in Zansibar erfahren mußte, daß Roscher am 19. März 1860 in Hisonguny, unweit des Nyassasees, dem Pfeil eines Mörders erlegen sei. Erfolg reicher war seine zweite Expedition( 1861-62), bei welcher er nebst dem englischen Geologen Thornton bis an den Kilimantscharo( 3. Grad südlicher Breite) vordrang. Auf einer dritten Reise nach diesem Schneeberge gelang es von der Decken, begleitet von D. Kersten aus Altenburg, bis zur Höhe von 4300 Meter anzusteigen, nicht aber, das Land der feindseligen Massai zu durchreisen. Eine neue Expedition mit zwei eigens in Europa erbauten flachgehenden kleinen Dampfern im Juli 1865 führte Karl von der Decken auf dem Dschuba stromaufwärts bis über Bardera; aber das Schiff scheiterte am 26. September und von der Decken wurde ermordet. Der Rest der Expedition entkam unter Brenners Leitung. Letzterer ward von der Familie des Ermordeten beauftragt, Nachforschungen über die Leiche anzustellen; nach Auffindung derselben konstatirte er das traurige Ende des von der Decken und machte gleichzeitig interessante Reisen im Lande der südlichen Galla, während der mit gleichem Auftrage ausgesandte Württemberger Theodor Künzelbach zu Magdischu im Somalilande 1868 dem klimatischen Fieber erlag. Was das so wenig bekannte Somaliland betrifft, so hat 1854 schon Burton eine Expedition dorthin geleitet und dabei den uralten Staat Härär besucht. Auch Henglin drang 1853 bis zu dem Vorgebirge, wo sich die Gewässer des rothen Meeres mit dem indischen Dzean vermählen, wurde aber durch die Wildheit der Bewohner zum Rückzug gezwungen. So sind wir an jenem Glied der Forschungskette angelangt, mit dem wir diese geschichtliche Zusammenstellung begonnen haben und bleibt uns nur noch die Schilderung der zu Afrika gehörigen Inseln übrig. Madeira, die Inseln des grünen Vorgebirges und die canarischen Inseln haben Alexander von Humboldt, Leopold von Buch und der Botaniker Schacht geschildert. Auch Madagaskar, die Jusel des indischen Ozeans, die sich vom 11. bis zum 24. Grad südl. Breite erstreckt, und sich lange dem europäischen Einfluß zu entziehen wußte, ist uns, namentlich seit das herrschende Volk der Howas mit dem Christenthum beglückt wurde, mehr und mehr bekannt geworden. Neben den Franzosen Legével de Lacombe, Charnay, Barbié du Bocage hat die Deutsche Ida Pfeiffer zur Kenntniß dieser Perle des indischen Ozeans beigetragen. Die Erfahrungen der tausendjährigen Anstrengungen lehren uns, daß ohne Einrichtung fester Stationen die praktische Ausnußung der Forschungsreisen nicht möglich sei. Die Nothwendigkeit dieser Maßregel scheint auch dem Gründer der internationalen afrikanischen Gesellschaft zur Erforschung und Civilisirung Afrikas, dem König der Belgier, Leopold dem Zweiten, einzuleuchten. Sein zu diesem Zweck im September 1876 gegründetes Unternehmen hatte die glänzendste Unterstüßung an Geldbeiträgen. Schon im Juni 1877 waren 332000 Francs tapitali sirt, und die Association befand sich in der Lage, aus den Jahreszeichmungen 68000 Francs zur Verwendung zu gewähren. Hierzu kam noch ein Beitrag des österreichischen Ausschusses im Betrag von 5000 Francs. Die internationale Arbeit hatte sonach für 1877 schon 73000 Francs zur Disposition und sofort begann die Thätigkeit. Dazu waren zunächst feste Stationen in Aussicht genommen, die, soweit als möglich nach dem Innern Afrikas vorgeschoben, von den Europäern besetzt werden und die Aufgabe haben sollten, wissenschaftlichen Untersuchungen, Sammlungen und dergleichen als sichere Stüßpunkte und weiter vorzusendenden Forschungsreisenden als Operationsbasen zu dienen. Es war zugleich beschlossen, die erste derartige Station von Osten her zu begründen und etwa am Tanganjikasee, nach Udschidschi oder Nyangwe am Lualabaflusse oder nach sonst einem dafür geeigneten Ort zu legen. Zur Errichtung dieser Stationen sind im November 1877 der Hauptmann im belgischen Generalstab, Crespel, ein anderer Offizier, Namens Cambier, und der Naturforscher Dr. Maes nach Südafrita abgegangen. Der Entdeckungsreisende Marno, ein Wiener, der in früheren Jahren schon andere Gebiete des afrikanischen Continents durchforscht hat, sollte von den Stationen nach Westen oder Nordwesten auf noch nicht betretenen Pfaden Ausflüge machen. Wie alle glänzend auftretenden Expeditionen, hatte auch diese kein Glück. Bevor die Leiter ihre Thätigkeit erproben konnten, raffte sie das mörderische Klima hin. ( Schluß folgt.) " Voetische Aehrenlese. Die Rose im Meer. Es schwamm im Meer, im rauschenden Meer, Eine sturmgebrochne Rose her, Eine Rose, voll und licht; Sie schwamm auf schaukelnder Wogenbahn Hinab, hinan, Rings um sie rauschte der Ocean, Und er verschlang sie nicht. Wie ein rosig Weib, das traumbesiegt Auf grüner, schwellender Matte liegt, So lag sie auf grüner Fluth; Der blühende Schein, der Farbenduft In Meer und Luft Durchglomm die smaragdene Wassergrust Mit reiner Rosengluth. Die Wellen küßten sich gar nicht satt. Auf perlenstrahlender Lagerstatt Erwachte die Fei der See: Was leuchtet über den feuchten Schwall, Allüberall? Es flammt wie der glühende Sonnenball Und thut dem Auge nicht weh! Die Muscheln schminkten sich rosenroth, Die Korallen schämten sich fast zu Tod, Verwundert schaute das Meer: Wo kamst du her, wer magst du sein, Du schöner Schein? Fielst du vom Felsen in's Meer hinein, Fielst Du vom Himmel her? Der Welt erkältenden Wellenthau Durchschwimmst du allein, du schöne Frau, Und machst ihn farbig erglüh'n. Wir wissen es nicht, woher du schwammst, Woher du stammst, Ob du von der Erde, vom Himmel flammst, Genug, wir sehen dich blüh'n! Literarische Umschau. Strachwit. Illustrirtes Pflanzenleben. Gemeinverständliche Originalabhandlungen über die interessantesten und wichtigsten Fragen der Pflanzenkunde nach zuverlässigen Arbeiten der neuesten wissenschaftlichen 192 nicht mit Forschungen mit zahlreichen Originalillustrationen. Herausgegeben von Dr. Arnold Dodel- Port, Dozent der Botanik an der Universität und am eidgenössischen Polytechnikum zu Zürich, Herausgeber des Anatomisch- physiologischen Atlas der Botanik für Hoch- und Mittelschulen." Zürich, Verlag von Cäsar Schmidt. Prospekt und Vorwort, die uns vor kurzem zugegangen sind, geben über den Verfasser und dieses sein Werk folgenden Aufschluß:„ Der Verfasser seit ein paar Jahren mit der Umarbeitung des Anatomisch- physiologischen Atlas der Botanik für Hoch- und Mittelschulen'( Eßlingen, J. F. Schreiber) beschäftigt, eines illustrirten Werkes, das sofort bei seinem ersten Erscheinen nicht allein die freudigste Zustimmung aller Fachmänner, sondern, als das vorzüglichste Anschauungsmittel des botanischen Unterrichtes Eingang in alle Hochschulen und Akademien deutscher Zunge, sowie auch in die höchsten Lehranstalten von England und Frankreich, von Italien und Portugal, von Rußland und Amerika gefunden hat, ist bemüht, die wichtigsten und interessantesten Entdeckungen der botanischen Wissenschaften in gewissenhafter Bearbeitung durch Wort und Bild für den Unterricht an höhern Lehranstalten nutzbar zu machen. Eine Unzahl bon zuverlässigen, selbstgefertigten Originalzeichnungen seßt ihn in den Stand, die wichtigsten Fragen des Pflanzenlebens in gemeinverständlicher Form zu illustriren und hierdurch die weitesten Kreise blos Gelehrte, sondern der gebildeten Naturfreunde überhaupt in das lebhafte Interesse hineinzuziehen, das in unsern Tagen auf allen Punkten der stetig fortschreitenden Naturforschung sich geltend macht. Das Projekt unseres Illustrirten Pflanzenlebens ergab sich also ungesucht. Ein großer Theil von dem, was in dem, Anatomisch- physiologischen Atlas der Botanik' fast nur den akademischen Kreisen und den Lehrern der Naturwissenschaften an Mittelschulen zugänglich gemacht wurde, soll hier in dem reich illustrirten, Pflanzenleben weitern Kreisen geboten werden. Hierbei werden zwei Momente ganz besonders in den Vordergrund gedrängt werden. Einmal sollen die interessantesten Tagesfragen der wissenschaftlichen Botanik in anschaulicher, leicht verständlicher Sprache, in einer Weise, die dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft entspricht, und zwar erschöpfender behandelt werden, als es im Text zum, Atlas der Botanik' geschehen konnte. Die Sprache wird sich vom allzutrocknen Lehrton fernhalten, die Darstellung wird eine freiere, ungebundenere, doch jederzeit der Wahrheit entsprechende sein. Sodann werden zahlreiche, durchaus naturwahre Illustrationen nach Originalzeichnungen dem Verständniß der Leser zu Hülfe kommen. Das, Jllustrirte Pflanzenleben wird aber auch jedermann verständlich sein. Es darf niemanden langweilen, auch nicht ermüden; es soll allen Belehrung bringen, die in freien Stunden nach ihm greifen. Es verfolgt den Zweck, nicht allein das empirische Naturerkennen zu verallgemeinern, sondern auch einer Gemüthsleere entgegenzuarbeiten, einer Ebbe an idealem Denken und Empfinden zu begegnen, wie sie sich in unserem Zeitalter des Ueberganges von der einen in die andere Weltanschauung geltend zu machen sucht." Wir haben vorstehenden Theil des Prospektes wörtlich abgedruckt, weil wir der Ueberzeugung sind, daß der Verfasser des angekündigten Werkes, in dem unsere Leser den Dr. A. D.-P. zeichnenden, allbeliebten Mitarbeiter der N. W. erkannt haben werden, nicht nur gewillt, sondern auch befähigt ist, die Versprechungen des Prospektes auf das glänzendste zu erfüllen. Wir wünschen dem Unternehmen von ganzem Herzen einen ebenso glänzenden materiellen Erfolg. Mögen der ersten auf 16 Lieferungen zu je 1 Mark ( Fr. 1,25) berechneten Serie recht bald weitere Serien nachfolgen können. Uhlichs Sonntagsblatt. Gegründet von Uhlich in Magdeburg. Verantwortlicher Redakteur Prediger Reichenbach in Breslau. Das schon seit einem Menschenalter bestehende Uhlich'sche Sonntagsblatt, welches sich bislang ausschließlich mit der religiösen Frage, ausgehend von dem den meisten unserer Leser bekannten freigemeindlichen Standpunkt beschäftigt hat, soll im neuen Jahre, wie eine Ansprache der Verlagshandlung und Redaktion in den letzten Nummern des Jahres 1879 ankündigt, sich auch mit den außerreligiösen Reformbestrebungen der Gegenwart befassen und den Gedanken der persönlichen Freiheit auf dem gesammten Lebensgebiet vertreten. Das ist offenbar ein Fortschritt, welchen das für den sehr mäßigen Preis von vierteljährlich 75 Pf. allwöchentlich erscheinende Blatt macht, ein Fortschritt, den es dem regen sozialpolitischen Leben der Gegenwart unbedingt schuldig war. Die freien Gemeinden in Deutschland haben sich den Boden einer zukunftsvollen Existenz unter den Füßen fortgezogen, als sie ihre Thätigfeit in politischer Indifferenz und Aengstlichkeit auf das Gebiet der religiösen Frage beschränkten, ihre Preßorgane können nichts Besseres thun, als sich dieses verhängnißvollen Fehlers endlich ganz zu ent äußern und aus ihrer veilchenhaften Anspruchslosigkeit und Harmlosigkeit in das helle Tageslicht, freilich damit auch in den Sturm und Drang des politischen Treibens hinauszutreten. P. D.( III.) Die Eroberung des Himmels.( II.)- Irrfahrten( Fortsetzung). Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......( Fortsetzung). Das neue Recht im neuen Reich, von Afrika und seine Erforschung. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil( Fortseßung, mit Illustrationen). Poetische Aehrenlese: Die Rose im Meer, von Strachwiz. Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Expedition: Färberstraße 12. II. Drud und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.