Dci» Schicksal abgerungen. Novelle von Hiudotph von A...... (Fortsetzung.) Am 15. Juni des Jahres 187. hielten die Redakteure des „Tageskorrespondenten" ihre erste Konferenz. Zunächst nahmen die beiden Mitredakteure die Auseinandersetzungen ihres Chefs über die gemeinsame Aufgabe und die speziellen Leistungen, welche von jedem einzelnen erwartet würden, entgegen. Herrn Schweders Darlegungen waren ungefähr folgende: Der„Tageskorrespondent" hat— natürlich— die Aufgabe, einem dringenden Bedürfnisse des— Publikums abzuhelfen. Parteizeitungen gibt es genug; des Parteigezänks ist das Puhli- kum herzlich satt, besonders die„bessere" Gesellschaft, welche vor allem jene„Ruhe" liebt, die die erste Bürgerpflicht ist. Darum soll der„Tageskorrespondent" über den Parteien stehen. Er soll—„von Fall zu Fall"— die politischen Ereignisse prüfen und zu ihnen Stellung nehmen— ausschließlich vom Stand- punkte des Gemeinwohls. Ebenso parteilos wird der„Tages- korrespondent" den wirthschaftlichen Zuständen und Geschehnissen entgegentreten; nirgend soll er dem Privatinteresse dienen— unverivandt wird er das der Gesammtheit im Auge haben. Bor- züglich wird er für die gedeihliche Entwicklung der vaterländischen Industrie und des Handels dem Auslande gegenüber in die Schranken treten. Auf die Pflege der schönen Wissenschaften wird er gleichfalls sein achtsames Augenmerk zu richten haben. Die Künste, allen voran die dramatische Kunst, als das am lautesten zu Herzen sprechende Erziehungsmittel des Volkes, soll er auf das wohlwollendste protegiren und fördern. Dem Neuigkeits- dränge wird er mit den frischesten Botschaften des internationalen Telegraphcnverkehrs, dem Bedürfniß nach Unterhaltung wird er mit den besten Erzeugnissen der modernsten Romanliteratur und Novellistik entgegenzukommeu haben; für Haus und Hof, Küche und Keller wird er mit gemeinnützigen Mittheilungen sorgen. Pikante Notizen aller Art werden dem reichhaltigen Ensemble jene scharfe Würze zu verleihen haben, welche der verwöhnte Gaumen des modernen Publikums bedarf. So sprach der neugebackene Cheftedakteur. Dem ausgewan- derten Schulmeister stand� trotz seiner„tüchtigen Kenntniß des amerikanischen Zeitungswesens" der große Mund vor Verwnn- derung weit offen. Und zu dieser Verwunderung gesellte sich ein gelindes Enssetzen, als der Chef so leichthin, als wäre es ein Pappenstiel, was er verlangte, die Herren Kollegen freundlichst ersuchte, im engsten Anschluß an diesen seinen kleinen Vortrag den Prospekt des Unternehmens für die am 25. d. M. zur Ausgabe gelangende Probenummer zu entwerfen womöglich noch heute. Dann erfolgte die Vertheilung der Geschäfte für die Probe- nummer. Den politischen Leitartikel behielt sich Herr Schweder vor. Mit der Abfassung eines wirthschaftlichen beauftragte er den„Journalisten von Profession", Herrn Prell, der ja Jura et Caraeralia studirt hatte, zweien oder dreien Professoren durch die nationalökouomischen Kollegien gelaufen und dereinst als Referent ein ständiger Gast bei den populären Vorträgen des berühmtesten deutschen Volkswirthschaftsmessias gewesen war. Die politische Uebersicht für Deutschland übernahm der Chefredakteur ebenfalls und einen Roman für das Feuilleton, einen gewöhnlichen Roman- band stark, hatte er auch bereits von einem eben in der Mode befindlichen Romancier für den bescheidenen Preis von zweitausend Thalern angekauft. Die Politik von England und Amerika wurde Herrn Hampel, dem Schulmeister, als Monopol zngetheilt; die der noch übrigen europäischen Länder sollte Herr Prell besorgen, und in den Rest möchten sich die Herren nur einfach theilen, meinte der Chef fteundlich. Und so geschah es denn auch. Dem Chef schien alles spielend leicht zu fallen. Bei den beiden andern gab es einige Schwierig- keitcn. Schwcders Arbeiten waren so sachverständig und geistvoll, daß der Respekt, welchen den Kollegen, auch dem selbst ein be- deutendes Theil von Selbstgenügsamkeit zur Schau tragenden Residenzler, sein sicheres und entschiedenes Austreten und seine Redcfertigkeit eingeflößt hatte, noch um ein beträchtliches wuchs. Herrn Prell, den studirten Volkswirthschafter, brachte sein ökonomischer Leitartikel auch nicht in Verlegenheit. Er hatte blos zwei Stunden suchen müssen. Herr Prell besaß nämlich zwei Koffer. In dem einen kleinen steckten ein grauer Sommeranzug, drei neue Oberhemden mit gestickten Chemisettes, ein frisch- gewaschenes Nachthemd und etliche Paar Strümpfe— beiläufig gesagt, die ganze Garderobe des Herrn Prell, mit Ausnahme dessen, was er auf seinem schlanken Leibe trug; der andre große Koffer, der ziemlich schwer war und vor dem seine Wohnungs- wirthin wegen seines vermeintlich höchst werthvollen Inhalts eine ungeheure Achtung an den Tag legte, steckte gedrückt voll von alten Zcitungsblattcrn. Während jener kleine Koffer das um- schloß, was den irdischen und materiellen Besitz des Herrn Prell ausmachte, enthielt dieser seine geistigen Schätze; Abhandlungen nämlich und Notizen über alles mögliche Wissenswerthe— über die Zukunftspolitik des deutschen Reichs, wie über Stiefelwichs- fabrikation, über Wissenschaft und Kunst, als die Krone des Menschendaseins, wie über Vertilgung von Schaben und Feld- 3l- Januar I8b0. Jlluftrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis, vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. mausen. Herr Prell gehörte zur Spezies der journalistischen Hamster; gleichviel, Ivo diese nützliche Menschensorte geistige Nah- rung entdeckt und gleichviel von welcher Qualität diese Nahrung ist, alles wird sorgfältig zu Haus' geschleppt, und in diesen Haufen wird im Bedürfnißfalle auf gut Glück hineingegriffen und das daraus Hervorgezogene in ein wenig pikanter Sauce, mit einem kleinen Köpfchen und einem kleinen Schwänzchen von des Hamsters eigener Mache daran, als Originalwerk des vom guten dummen Publikum ob seiner Kenntnißfülle und Vielseitigkeit hoch bewun- derten Federfuchser von frischem auf irgendeinem Zeitungsbüffet aufgetragen. Herrn Prells geistige Schatzkammer barg nun mehrere Dutzend von Artikeln und Vorträgen des erwähnten Volkswirthschafts- messias. Die schleppte er jetzt, da er sich entschlossen hatte, etwas ganz Außerordentliches zu leisten, aus allen Ecken des Riesen- koffers zusammen, schnitt aus ihnen die ihm besonders impo- nirenden Stellen heraus und ordnete schließlich diese Ausschnitte so, daß er mit nicht allzu großer Anstrengung seines eigenen Ingenium nur einen Phrasenkleister zu verfertigen hatte, um die Schnitzel mit einander zu einem scheinbaren Ganzen zu ver- einigen. Zum Schlüsse seiner gemeinnützigen Thätigkeit drechselte er dann das bewußte Köpfchen und Schwänzchen, nannte dabei möglichst oft den„Tageskorrcspondenten" und— ein wirklich glänzender volkswirthschaftlicher Originalleitartikel war fertig. Bei der Zusammenstellung seiner polttischen Tagesartikel plünderte Herr Prell nicht die alten, sondern die neuen Zeitungen, sowie zwei autographirte politische Korrespondenzen, von denen er sich aus der Residenz die neuesten Exemplare hatte nachschicken lassen." So kam denn Herr Prell, allerdings nach so fleißiger Arbeit, wie er sie lange nicht geleistet hatte, auch noch rechtzeitig und zur Befriedigung des Chefredakteurs mit seiner Thätigkeit für die Probenummer zum Ende. Dafür ging es dem Herrn Hampel um so schlechter. Auf das Ausscheeren aus anderen Zeitungen richtete er sich zwar, nach dem guten Rathe seines hülfsbereiten Kollegen Prell, bald ein, aber dann sollte er, wie Herrn Schmeder zu gutcrletzt noch ein- gefallen war, eine pikante Plauderei über das amerikanische Leben vom Stapel lassen, und dazu mißriethen alle im Schweiße seines Angesichts gemachten Versuche, obgleich er mit dem schönen Dichter- Worte:„Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah'" begann; und die Probenummer mußte sich schließlich ohne amerikanische Plauderei behelfen, brachte dafür aber einen so- genannt pädagogischen Artikel von Herrn Hampel, worin er sich alle erdenkliche Mühe gab, die Nützlichkeit des Volksschulunterrichts nachzuweisen, eine Leistung, für die sich der Chefredakteur Schweder durchaus nicht begeistern zu können erklärte, zumal, wie dieser meinte, kein Mensch mehr an der Thatsache, mit deren Beweis sich Herrn Hanipels Abhandlung abquälte, zweifle. Im ganzen befriedigte die Probenummer die Redaktion und das Publikum und verfehlte ihren Zweck nicht, viel besprochen und begehrt zu werden. Da nun auch die ausgedehnteste und unverschämteste Reklame für das hoffnungsvolle Unternehmen gemacht wurde, ächt amerikanische Reklame, wie der„Amerikaner" Hampel versicherte, so trat der„Tageskorrespondent" mit einem garnicht unbeträchtlichen Gefolge von Abonnenten in das erste Quartal seines Bestehens. Diese erfteuliche Mittheilung hatte Herr Schweder eben seinen Kollegen gemacht, als er am zweiten Juli in sein Redaktions- zimmer trat. Es war der Tag, au welchem der leitende Redakteur des „Tageskorrespondenten" seine von jetzt an täglich sich erneuernde Arbeit aufnehmen und regeln wollte. Mit Herrn Schweder, dem sorglos und nur dem Genuß nach- gehenden Lebemann, war in den zwei letzten Jahren eine mäch- tige Veränderung vorgegangen, zur größten Verwunderung aller seiner Bekannten. Nicht nur, daß er den lebhaftesten Antheil an dem Zustande- kommen der mit großen Mitteln und noch größerem Eclat in die Aktion getretenen Kompagnie Alster, Wichtel und Senkbeil genom- men; er hatte sich seit jener Zeit auch um das Geschäfts- und Jndustrietreiben überhaupt und sogar um Politik gekümmert, an der er ftüher immer mit besonders verächtlichem Achselzucken vorübergegangen war. So hatte er sich selbst und die Welt auf die Rolle einiger- maßen vorbereitet, welche er jetzt übernommen. Sein ungemessenes Selbstgefühl und die ihm eigenthümliche Nichtachtung fremder Leistungsfähigkeit ließen den Gedanken in ihm nicht auskommen, daß er sich an eine Aufgabe gewagt hätte, welcher er nicht ge- wachsen wäre. Dementsprechend nahm er denn an dem erwähnten zweiten Juli in dem Hochgefühle seiner Ueberlegenheit ebenso würdevoll als kaltblütig an seinem Redaktionspulte Platz und vertiefte sich in die Lektüre einiger großen Zeitungen, von denen er aus Ersah- rung wußte, daß sie für eine Provinzialzeitnng— mochte die- selbe auch mit dem Ansprüche politischer Selbständigkeit auftreten, gleich der seinen, oder nicht— allezeit zuverlässige Leitsterne für die Pilgerfahrt durch das kupirte Terrain politischer Wirksamkeit Iva rem Herr Schweder hatte soeben einen ausgezeichneten Leit- artikel eines bekannten Weltblattes mit einem Blaustissstrich zu redaktioneller Beachtung ausgezeichnet, weil derselbe in höchst geistvoller und zum Gefühle sprechender Weise alle liberalen Parteien des so überaus glücklich geeinten deutschen Vaterlandes an ihre Pflicht mahnte, auch und vorzüglich gegen die Reichs- rcgierung und ihre immerdar nur den heiligsten Interessen der Gesammtheit dienenden Forderungen sich liberal zu erweisen, als leicht an die Thür gepocht wurde, und auf das kurze„Herein" des Cheftedakteurs sein erster Kollege, Herr Prell, eintrat. „Was bringen Sie, mein lieber Prell?" fragte Schweder, indem er sich in seinem Armsessel zurücklehnte und das Cigarren- etui hervorholte, um dem Kollegen eine Havannah anzubieten. Herr Prell steckte schmunzelnd das duftige Kraut in Brand und begann: „Ich weiß nicht, ob Sie bereits bemerkt haben, Verehrtester Herr Kollege— die politischen Nachrichten aus dem Auslande fließen augenblicklich ungemein spärlich—" „Allerdings," nickte Herr Schweder. „Nun ja, da dachte ich, es wäre vielleicht nicht übel, wenn wir es einmal mit einer kleinen Ente versuchten--" Herr Schnieder drückte sich sein Pincenez auf die Nase und schaute leise lächelnd in. das schon recht verlebte Gesicht des noch garnicht alten Mannes. „Zum Beispiel, mein lieber Prell...." Dieser mochte das Lächeln für eine Ermuthigung angesehen haben, denn er lächelte gleichfalls, und zwar ziemlich selbst- zuftieden, und sagte: „Ich denke, wir sind bisher so enthalssam, so ganz gegen allen Comment objektiv und wahrheitsliebend gewesen..." „In den bis jetzt erschienenen zwei Nummern," schaltete Schweder ein. „Zwei Nummern, das ist viel," nieinte Prell,„zumal wenn eine Probettumnier darunter ist..." „In der wir zur Probe unsrer Leistungsfähigkeit auch wenig- stens eine derbe Lüge eigener Fabrikation hätten auftischen müssen' — so meinen Sie doch, lieber Kollege?" Da Schweder diesmal seinem lieben Kollegen nicht ins Gesicht schaute, erlaubte dieser sich, seinem Lächeln die Schattirung des Mitleids zu geben. „Erlauben Sie, verehrter Herr Kollege. Mit Lüge ist der sehr bezeichnende termiuus teclrnicus wohl nicht zutreffend über- setzt. Die Ente ist ein geflügelter Neuigkeitsbotc, den Phantasie- volle Publizisten nach der Richtung des politisch Wahrscheinlichen ausfliegen lassen." „Und diesen geflügelten Boten nennt man Ente und nicht etwa Brieftaube oder so etwas, weil er seiner Natur nach nicht weit zu fliegen vermag— die Enten haben kurze Flügel, sagt das Sprüchwort, nicht wahr?— und bei der nächsten besten Pfütze am Wege fallen sie gemeinhin ins Wasser, so ist's doch, lieber Kollege?" Herr Prell, der aus seinem Chef nicht recht klug zu werden vermochte, neigte blos etwas verlegen zustimmend sein struppiges Haupt. „Und was für ein Entchen wäre es, das Sie aufflattern lassen möchten?" fuhr Schweder fort. „Nun, natürlich eine, die für das blöde Publikum einer reellen Brieftaube zum Sprechen ähnlich sieht und nicht so leicht in ihrer ganzen Entenhaftigkeit entlarvt werden kann, z. B. eine'Nachricht über gährende Unzufriedenheit unter den Eingeborenen Indiens, drohende, aber von den Engländern in ihren Symptomen krampf- Haft verheimlichte Rebellion, oder eine recht pikante russische Palaftgeschichte,— ich meine, so ettvas muß von Zeit zu Zeit auch die vorsichtigste Zeitung riskiren, um die Sensationssucht des lieben Publikums zu beftiedigen." „Nicht übel, lieber Kollege," nickte Schweder, auf den der gewitzte Prell und dessen Pertrautheit mit den journalistischen Pfiffen und Kniffen einen lustigen Eindruck machte.„Ettvas dergleichen ist in der That gelegentlich zu versuchen, aber vor- läufig wollen wir uns auf die Produktion politischer Thatsachen noch nicht einlaffen. Was bringen Sie mir sonst?" „Den Artikel über das Eisenbahnwesen." „Zeigen Sie gefälligst." Schweder überflog den Artikel, der auf einem durch An- einanderkleben mehrerer Blätter zur Meterlänge ausgedehnten Papierstreifen geschrieben war. „Sie haben im allgemeinen meine Intentionen getroffen," sagte er nach ein paar Minuten.„Man muß Handel und Wandel erniuthigen. Das Land muß vor allen Dingen Produziren und wieder produziren. Das ist die Hauptsache. Und nichts regt so trefflich und nachhaltig die Produktion an, bringt die Industrie in Flor, als der Eisenbahnbau. Wir brauchen also Eisen- bahnen-- aber halt, da haben Sie geschrieben, lieber Prell: Natürlich dürfen die Eisenbahnlinien nur diejenigen Gegenden bestreichen, diejenigen Bezirke mit einander verbinden, in denen bereits eine lebenskräftige Industrie Wurzel geschlagen hat, eine Industrie, der eine möglichst bequeme Verbindung niit dem Welt- markte noth thut u. s. w. Aber ich bitte Sie, lieber Kollege, was sind das für antiquirte Anschauungen?" „Wollen Sie nur gefälligst weiterlesen, verehrter Herr Kollege. Ich habe ausdrücklich hinzugefügt, daß nian da, wo es sich um den internationalen Verkehr handelt, um die Verbindung aus- ländischer Produktions- oder Handelscentren mit einheimischen oder mit dem Meere, oder um Vermittlung eines lebhaften Güter- Verkehrs zwischen Ausland und Ausland— daß in allen diesen Fällen es natürlich vollkommen wirthschaftlich gerechtfertigt wäre, wenn man die betreffenden Eisenbahnlinien auf dem nächsten Wege, eventuell auch quer durch ein völlig industricarmes Land hindurchführte." Herr Schweder zuckte mißbilligend und ungeduldig die Achseln. „Das ist ja alles ganz schön, in der Hauptsache aber doch total verfehlt. Ich bitte Sie, lieber Herr, wie kann man sich auf einen so niedrigen, kurzsichtigen Nützlichkeitsstandpunkt stellen. Ueberallhin muß das Eisenbahnnetz ausgedehnt werden, und in industriearme Gegenden erst recht. Die Industrie folgt dem Eisenbahnbau auf dem Fuße, dieser erzeugt sie, dadurch werden der nationalen Produktion ganze neue Reiche erobert. Also mau baut nicht blos Eisenbahnen, um der bereits lebenden und lebens- sähigen Industrie zu nutzen, sondern nian hat sie zu bauen, um Industrie und Handel neu zu erzeugen. Verstehen Sie mich, lieber Kollege?" Herr Prell verstand seinen Chef vollkommen, und er nahm es dem Bolkswirthschaftsgelehrten, welchem er seinen Artikel auf das gelvisseuhafteste sinngetreu nachgeschrieben hatte, gewaltig übel, daß dieser nicht auch auf die sublimen Gedanken seines, wie es ihm schien., wirklich in allen möglichen Wissensfächern außerordentlich gut beschlagenen Chefredakteur gekommen>var. Er schlug sich an die Stirn: „Wahrhaftig, verehrtestcr Herr Kollege, das ist auch voll- kommen mein Standpunkt. Nur ein lupsus pennae, ein Durchbrennen der Feder mit dem Gedanken, war es, Ivelches mich jenen Satz hat niederschreiben lassen. Das läßt sich aber sehr leicht ändern, kinderleicht „Gewiß, Sie brauchen nur den fraglichen Satz in sein direktes Gegentheil zu verwandeln," sagte Schwcder trocken. „Natürlich, mit dem größten Vergnügen, ist in fünf Minuten geschehen.", Herr Prell ging mit dem verbesserungsbedürftigen Artikel ab. An der Thür stieß er auf einen ältlichen Herrn, der gleichfalls den Chefredakteur sprechen ivolltc. Als Schweder die Stimme des Neuangekommenen hörte, stand er auf und ging demselben entgegen. „Willkommen, mein bester Herr Justizrath!" rief er in äugen- scheinlichem Entzücken über den Besuch.„Sie kommen wirklich wie gerufen, verehrter Herr. Ich bin Ihres bewährten Rothes dringend bedürftig." Der Justizrath Wichtel— dieser war es natürlich— schüttelte seinem lieben Freunde Schweder aus das herzlichste die Hand. „Ergebenster Diener, liebster Freund. Muß doch sehen, wie Sie Sich eingerichtet haben. Bin selbstverständlich herzlich gern bereit, Ihnen in Ihrem neuen, schwierigen und verantwortungs- vollen Beruf nach Kräften beizustehen. Ihr gemeinnütziges Unternehmen ist von garnicht hoch genug zu schätzender Wichtigkeit. Habe darum auch, wie Sie wissen, gethan, ivas ich nur irgend konnte, um deni„Tagcskorrespondenteu" eine solide materielle Basis zu schaffen. Leicht war's nicht grade. Alster wollte die Nothwendigkeit lange nicht einsehen." „Herr Alster ist in neuester Zeit ein wenig ängstlich geworden," meinte Schweder. „Immer ist er's gewesen. Unaufhörlich habe ich ihn vorwärts- treiben müssen, sonst steckte er heut noch in seiner unbedeutenden Stadtverordnetenexistenz drin, wäre ein kleiner Hausbesitzer und weiter nichts, trotzdem der Mensch ein gradezu unvernünftiges Glück hat, ein Glück, von dem ich blos die Hälfte brauchte, um ganz andre Sprünge zu machen, als er— das können Sie mir glauben, mein lieber Schweder." „Ich bin davon überzeug�, mein verehrter Herr Justizrath," versicherte Schweder.„Von dem Momente an, der mir das Glück Ihrer näheren Bekanntschast brachte, habe ich Ihren scharfen, sreischauenden Blick und Ihr rasches Handeln in allen, auch den schwierigsten Geschästsangelegenheitcn bewundert. Es war damals geradezu genial, daß Sie plötzlich, Ihre Geschäfte selbst wieder aufnehmend, in der Verbindung mit Senkbeil die beste Garantie für das Gedeihen Ihres in Gemeinschaft mit Herrn Alfter ge- planten industriellen Unternehmens sahen." Herrn Schweders Stimme hatte bei diesen Worten beinahe treuherzig geklungen, und dennoch flog über des Justizraths tief- geschnittene Gesichtszüge ein Schimmer des Mißtrauens und er schaute dem Sprecher über seine Brille hinweg scharf ins Auge. Darin war aber keine Spur von Falsch zu entdecken', Herr Schwedcr präsentirte vielmehr seinem Besuche in liebenswürdigster Harmlosigkeit eine Cigarrc und schaute etwas erstaunt darein, als der Justizrath nach einigem Zögern erwiderte: „In dieser Beziehung, bester Freund, thnn Sie mir doch ein wenig zu viel Ehre an. Die Verbindung mit Seukbeil, die mir gleich an jenem merkwürdigen Abend bei Weinhold,— Sic erinnern Sich doch noch?—" „Oh gewiß," nickte Schweder.„Es war ein außerordentlich glückliches Spiel des Zufalls, welches uns damals zusammen- führte. Jener Abend ist mir vorzüglich darum im Gedächtniß geblieben, weil er es eben ist, von dem ich die Ehre Ihrer Bekanntschaft datirc, mein verehrtestcr Herr." „Die Ehre und das Vergnügen auf meiner Seite," erlviderte, das graue Haupt leicht neigend, der Justizrath; dann fuhr er fort:„Also die Verbindung mit Seukbeil, die auf mich von vorn- herein einen sehr günstigen Eindruck gemacht hat, ist doch nicht' so ganz mein Werk; es war mir manchmal sogar so vorgekommen, als ob wir, Alster und ich, besonders aber ich, die Genugthuung dieser Assoziation Ihnen zu verdanken hätten, liebster Freund Schwedcr." Wenn der alte Herr meinte, dadurch die lange vergebens gc- suchte Aufklärung zu erlangen, daß er, allerdings nicht zum erstenmale, bei Schweder bezüglich der Ursachen und des Zu- standekoinmens-jener in so seltsamer Hast vollzogenen Verbindung — sozusagen— auf den Busch klopfte, so hatte er sich gründ- lich getäuscht. Schwedcr verzog keine Miene, als er entgegnete: „Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich jenes bisher schon, und in der Zukunft noch vielmehr, allen Bctheiligten zum Segen gereichende Ereigniß auf das Konto meiner guten Thaten schreiben könnte. Aber ich habe leider nichts weiter dabei gethan, als zuerst eine bereits vollendete Thatsache konstatirt. Ich weiß allerdings nicht mehr genau, habe es wohl auch nie genau gewußt, ob Sie, bester Herr Justizrath, oder Ihr Freund Alfter das entscheidende Wort gesprochen habe»'" „Nun denn, reden wir lieber von unseren Geschäften," sagte der Justizrath plötzlich, von dem bisherigen Gange des Gesprächs abspringend.„Wie geht es mit dem.Tageskorrespondentcill?" „Es läßt sich leidlich an. Anstrengungen wird es genug noch kosten. Und die, welche dazu gehört, das Redaktionspersonal einzurichten, ist nicht die kleinste. Jede Zeile möchte man selbst lesen, ehe man sie zum Drucke kommen läßt--" Die Unterhaltung wurde unterbrochen. Es klopfte. „Sie verzeihen, verehrtestcr Herr Justizrath. Es wird irgendeine Belästigung in Redaktionsangclegenheiten sein——" „Bitte sehr, gehen selbstverständlich vor." Nachdem Herr Schweder in ziemlich herrischem Tone sei» Herein! gerufen, trat der Mitrcdakteur Nummer zwei, Herr Hampel, ein. Auf dem durch einen amerikanischen Knebelbart verunstalteten Ichulmeistergesicht lag breites Behagen. 308 »Ich habe mir erlaubt, einen größeren Artikel zn schreiben über amerikanische Politik..." „Heber amerikanische Politik— so?" sagte Schweder, ohne jene Befriedigung zu verrathen, auf die Herr Hampel eigentlich Ein Riescninsekt aus Neuguinea.(Seite 216.) gerechnet hatte, dem, wie er freilich niemanden noch gestanden, soeben der erste größere Zeitungsartikel in seinem Leben gelungen war.„Wollen Sie Sich gefälligst mit Jhreni Kollegen Prell über die Opportunität Ihres Artikels ins Klare setzen. Ich habe im Augenblick nur für sehr wichtige Dinge Zeit." Schweder ließ das Pincenez fallen, durch das er Herrn Hampel sixirt hatte, und kehrte sich wieder zu dem Justizrath. Herr Hampel ging gekränkt von dannen.— „Der Mann sah nicht aus, als wenn er an Hypertrophie des Geistes leide," meinte der Justiz- rath. Schweder zuckte die Achseln: „Der Jugendfreund oder Verwandte unsres gemeinschaftlichen Freun- des Alster——" „Aha!"— „Mit dem andern wird sich eher etwas machen lassen. Er ist journalistisch gewandt, und was ihm an Ver- ständnißnoch fehlt, scheint ihm nicht schwer beizu- bringen zu sein. Zudem scheint er von dem an einem Publizisten zweiten und tieferen Ranges nur störenden Ballast söge- nanntcr Grundsätze völlig frei zn sein; er beweist und preist alles, was er beweisen und preisen soll. Mit solchen Untergebe- nen ist angenehm zu arbeiten." „Ganz vorzüglich, in der That," nickte der Jnstizrath, höchlichst er- baut.„Ich mache Ihnen mein aufrichtiges Kom- pliment! Hätte garnicht für möglich gehalten, daß irgendein Mensch sich so leicht in neue und sogar ziemlich komplizirte Ver- Hältnisse hineinfinden könnte, als Sie, liebster Freund, in Ihre jetzige Stellung im öffentlichen Leben. Wie Sie die Dinge alle von den allein richtigen praktischen Ge- sichtspunkten aus auf- fassen! Und wie Sie die Menschen zu beur- theilen und zu benutzen verstehen! Ihre Probe- nummer war, besonders im politischen und Volks- wirthschaftlichen Theile, ein wahres Meister- stück!" Schlveder verneigte sich verbindlich. „Sie wäre es nicht geworden, Herr Justiz- rath, wenn Ihre poli- tische Erfahrung und Ihr ausgezeichneter ju- ristischer Verstand uns nicht zur Seite gestanden hätte. Ohne Ihre No- tizen und Fingerzeige würde mir mein Leitartikel nicht so leicht und inhaltvoll aus der Feder geflossen sein." Wieder klopfte es, und Herr Prell trat ein. (Fortsetzung folgt.) 210 Der GeheimmMelschwindel. Von Smanncl ZS. „jiaini mache», daß die Blinden geh», Und daß die Lahmen wieder lehn." Aus dem Marktplatz zu sk war großes Gedränge. Ein bunt ausstasfirter Reiter lockte durch schmetternde Trompetenklänge eine neugierige Menge um sich und verkündete mit lauter Stimme, daß unter hoher, obrigkeitlicher Erlaubniß der berühmte Doktor Anreolus Theophrastus Bombastus allhier erscheinen werde, um durch seine außerordentlichen Elixire und Pflaster alle Leidenden von ihren Schmerzen zu erlösen. Die wunderbarsten und ge- heimsten Naturkräfte habe er zu einem Arkanum vereinigt, vor dem der Tod fliehen muß.— Bald darauf wird ein Gerüst auf- geschlagen; vor der Bude belustigt ein Possenreißer die gedrängt Herumstehenden und erzählt von den wunderbaren Kuren seines Herrn. Endlich erscheint er selbst, mit großer Allongcperrücke und wichtiger Miene, und breitet vor sich eine große Anzahl Flaschen und Schachteln aus. Alles drängte sich zu ihm. Dieser hat ein schlimmes Bein, jener eine kranke Hand. Ein altes Weib will von ihren Runzeln befreit sein, ein junger Fant bc- klagt sich über zu spärlichen Barttvuchs. Allen kann er helfen, allen wird er helfen durch Pillen, Tränke und Mixturen. Nach einigen Stunden ist der unerschöpflich scheinende Vorrath ver- kauft., Seine Gclahrtheit zieht weiter. „Den Böse» sind wir los, die Bösen sind geblieben!" Unser Zeitalter der Presse bedarf nicht mehr der wirklichen Markt schreier; derselbe Erfolg wird weit begnemer erreicht durch die gedruckte Reklame. In welchem Maße und mit welcher cynischen Offenheit dieselbe ausgeübt wird, zeigt ein Blick auf den Inseraten- theil der meisten Zeitungen. Die Gchcimmittelkrämerei ist ein Auswuchs der Heilwissen- schaft. Unsere Zeit ist aufgeklärt genug, um an übernatür- liche Kräfte nur mit wenigen Ausnahmen zu glauben. Woher kommt es nun, daß die Menge, und zwar rekrutirt sie sich aus allen Ständen, sich den Schwindlern anvertraut? Daß die Dummen nicht alle werden, gibt allein keine ausreichende Er- klärung. Die Ursache der Erscheinung liegt wohl mehr darin, daß das medizinische Wissen und Können den zahllosen Leiden gegenüber inimer noch ein sehr cngbegrenztes ist. Der Kranke aber will geheilt sein und glaubt dies nur durch Arzneien er- reichen zu können; jene Industrie wird daher so lange gedeihen, bis inehr Berstäudniß und Wissen über das eigne Ich, über das physische Leben in das Bewußtsein der Menge eingedrungen sein wird. Auch gegen diese Dunkelinänner hilft nur„mehr Licht"; nur die Aufklärung kann einen erfolgreichen Kampf liefern. Pflicht der Presse wäre es, nicht nur jene schwindelhaften Annoncen zurückzuweisen, sondern durch Besprechung der Geheimmittel ihre Nutzlosigkeit und ihre Schädlichkeit darzulegen. Professor Bock wirkte vor einigen Jahren in diesem Sinne; Prof. Wittstein gab ein umfangreiches„Taschenbuch der Geheimmittellchre" heraus, in welchem er die Zusammensetzung der meisten kursirendcn Arkana mittheilte. Chemische Untersuchungen lieferten auch Dr. Hager und Jacobsen in Berlin, welche sie in den von ihnen herausgegebenen „Jndustrieblättern" veröffentlichten. Diese verdienstvollen Arbeiten verlieren völlig ihren Werth, wenn sie nicht in die weitesten Kreise dringen. Mit der Veröffentlichung der Analyse allein ist jedoch noch nicht geholfen; der Werth oder Unwerth der angepriesenen Mittel kann deni Laien erst klar werden, wenn er über die Natur des zu bekämpfenden Leidens und die ärztlichen diesbezüglichen Vorschriften einigen Aufschluß gewinnt. Nicht alle Geheimmittel sind durchaus veriverslich; gar manche unterscheiden sich von einer ärztlich verschriebenen Medizin nur dadurch, daß sie im Vergleich mit der offiziellen Arznei axe unverschämt theuer sind. Ändere wiederum beruhen auf direktem Betrug, wie z. B. das„Mittel gegen Lungensenche der Rinder von einer Psarrersfrau im Badenschen". Nach der Untersuchung von Hager und Jacobsen ist dasselbe weiter nichts, als Brunnenwasser. Ein Ielterswasser- krug voll kostet vier Mark; sein wirklicher Werth ist natürlich gleich Null. Die meisten Geheimmittel schädigen aber nicht nur den Beutel der Gläubigen, sondern hauptsächlich die Gesundheit, und zwar sowohl, dadurch, daß der Kranke durch Anwendung der günstigsten Falls indifferenten Mittel den richtigen Zeitpunkt des ärztlichen Einschreitens verpaßt und dadurch das Uebel sich einnisten läßt, als auch dadurch, daß leider sehr viele der angepriesenen Arz- neien direkt schädlich und giftig sind. In Bezug auf letztere ist dringend zu verlangen, daß die Gesundheitspolizei mit allen Mitteln ausgerüstet wird, um diesem gefährlichen Unsuge zu steuern. Eine positive Hülfe kann aber nur dadurch kommen, daß, wie wir schon obeif hervorhobeil, mehr Licht geschafft wird und, wie es Prof. Bock und Prof. Klenke in ihren zahlreichen populären Schriften erstrebten, die Kcnntniß der Lebensgesetze immer mehr und mehr in die Familie und in die Schule dringt. Eine recht befremdliche Erscheinung ist es, daß grade für diejenigen Uebel, deren Heilung die Wissenschaft nur mittels spezieller Kuren zu vollbringen vermag, eine Reihe von Geheim- mittel» existiren, welche universell zu heilen versprechen. Zahnschmerzen— welch' schreckliche Gedanken erweckt die Er innerung an dieses Leiden, welch' kummervolle Tage haben sie schon der Menschheit bereitet, vom nervösen schwachen Prickeln bis zum durchreißenden Zucken, das schon manchen Verzweifelnden den kranken Zahn an ein Tischbein binden liefi, um mit kühnem Ruck sich von dem Unruhstifter zu befreien.„Wer nie mit hohlen Zähnen aß," wem nie das Schreckensbild eines zahnausziehenden Barbiers im Traum erschienen ist, wer nie, stumpfsinnig vor Schmerz die Tage verbrachte, der versteht nicht, welche Gefühle einen Kranken durchströmen müssen, wenn er nach schlaflos ver- brachtcr Nacht mit verbundenem Gesicht des Morgens in seinem Zeitnngsblatt mit großen Lettern die Annonce prangen sieht: „Keine Zahnschmerzen mehr. 500 Mark demjenigen, der nach Gebrauch meines Mundwassers noch weiter an Zahnschmerzen leidet." Die Wissenschaft trennt in der Behandlung dieses Uebels rheumatischen und durch Zahnfäule(carie») hervorgebrachten hervorgebrachten Schmerz: Universalmittel gegen Zahnleiden kann es also nicht geben, ansgenomnien eins, dafür zu sorgen, daß gesunde Zähne nicht krank werden. Besonders die sehr verbreitete Zahnfäule entsteht nur durch nachlässige Behandlung und Un- sanberkeit der Zähne. Häufiges Mundausspülen und Bürsten mit Wasser, oder noch besser mit fäulnißverhindernden Mitteln, sind dringend anzurathen. Auch ist dafür Sorge zu tragen, daß der schleimige Ueberzug der Zähne, Weinstein, richtiger Zahnstein, genannt, beseitigt wird. Ein gutes Zahnpntzpulver stellt man sich dar ans Schlemm kreide 30 Gramm, gereinigte Kalmuswurzel 15 Gr., Nelkenöl 5 Tropfen; gepulverte Holzkohle ist nicht zu empfehle», da sie den Zahnschmelz angreift, ebenso das Putzen mit Zahnseisen und Cigarrcnasche. Für das Mundspülwasser löse man 1 Theil über- mangansaures Kali, das man sehr billig bei Apothekern und Droguistcn erhält, in 15 Thcilen Wasser, die Lösung werde in einer Flasche mit Glasstöpsel aufbewahrt(Kork wird angegriffen); zum Gebrauche nehme man 5— 10 Tropfen in ein halb mit lauwarmem Wasser gefülltes Trinkglas. Nach dem Ausspülen hinterbleibt eine schwach braune Färbung des Gaumens und der Zunge, die aber nicht schädlich ist, keinen üblen Geschmack verursacht und beim Putzen der Zähne bald verschwindet. Gegen das Bluten des Zahnfleisches empfiehlt es sich, dem Mundspül wasser einige Tropfen� Myrrhcntinktur zuzusetze». In neuester Zeit werden vielfach Salicylsäurepräparatc zum Mundausspülen und Zähneputzen empfohlen. Die Salicylsäure ist ein sehr wirk- sames Äntiseptiknm, das anstatt der lästig riechenden und zu energischen Karbolsäure große Aufnahme gefunden hat. Ihre Wirkung bei Zahnsäule ist nicht zu bezweifeln, jedoch wird gegen ihre Anwendung der Einwurf erhoben, daß sie den Zahnschmelz angreife. Ein mäßiger, nicht täglicher Gebrauch derselben kann keinen Schaden verursachen, und ist besonders sür solche empfehlens- wcrth, welche hohle Zähne haben, da diese stets der Sitz fäulniß erregender Fermente sind. Man löse 1 Gr. chemisch reine Salieyl säure in'/io Liter Spiritus(wer den unangenehmen Geschmack des letzteren vermeiden will, nehme Rum; Kornbranntwein löst nicht, weil er zu schwach ist). Zum Gebrauche nehme man ein halbes Liqucurglas voll mit einem halben Glase Wasser. Es entspricht dies einem Gehalte von 0,02—0,03 pCt. Salicylsäure. Die unzähligen Geheimmittel, welche gegen Zahnschmerzen exi- stiren, beabsichtigen meistens durch Betäubung des Nerven äugen- blickliche Beruhigung zu schaffen, dergleichen Mittel bieten aber keine Sicherung gegen Wiederkehr des Schmerzes. Im Gegen- theil, wenn nicht durch einen Zahnarzt, nicht"etwa durch einen Barbier, die Ursache der Krankheit radikal beseitigt wird, so ist sicher anzunehmen, daß im Laufe der Zeit die noch gesunden Zähne dnrch Ansteckung ebenfalls krank werden. Das Ausreißen der Zähne wird von Aerzten nur noch selten benutzt, bei allen durch Zahnfäule verursachten Krankheiten ist der Arzt dnrch Anwendung säulnißwidriger Mittel und dnrch Plombircn der hohlen Zähne vollständig in der Lage, den Schmerz zu beseitigen. Rheumatische Leiden sind allerdings nur schwierig zu vertreiben; durch Geheimmittel aber gewiß nicht, trotzdem dieselben mit Vor- liebe dies zu behaupten pflegen. Sie bestehen gewöhnlich aus empfindungslos machenden Substanzen. So enthält der„Zahn- balsam von Hoffmann in München"„zur sofortigen Stil- lung der heftigsten Zahnschmerzen" 5 gr. Katechnttnktur(aus t Thl. Katechu und 3 Thln. Alkohol bereitet) und 20 Tropfen Nelkenöl. Sein Verkaufspreis, 1 Mk., beträgt um das zwölf- fache mehr, als der wirkliche Werth. Das„Zahnmittel von L. Höcker in Ronneburg" besteht aus 3 Thln. Nelkenöl, l Thl. Kajeputöl, 2 Thle. Alkohol. Das.Lahnmundwasser von E. Hückstädt in Berlin"(zum Stillen der Schmerzen damit getränkte Baumwolle in die Ohren zu stecken, oder auch an den Zahn zu legen) ist aus 10 Thln. Aether, 3 Thln. Nel- kcnöl, 1 Thl. Kajeputöl zusammengesetzt. Preis 50 Pf., Real- Werth 10 Pf. Die„Zahnpillen von Schreyer& Co. in München" gegen heftige Schmerzen kariöser(fauliger) Zähne enthalten 2 Thle. Kochsalz, 2 Thle. Pfeffer,'/- Thl. Zinimt, Va Thl. Nelken, 2 Thle. Gummi arabicuni, kosten 50 Pf. und sind 3 Ps. Werth. Das Zahnschmerzmittel von Gustav Traberth in Eisenach besteht aus rother Baumwolle, welche mit Schtveselkohlenstoff und Senföl getränkt ist. Preis 1,5, Werth Va Mk. Die Zahnschmerztropfcn aus Döbberan sind aus Kajeputöl, Opiumtinktur und Aether zusammengesetzt. Die Zahn- tiuktur von Nik. Bahä in Stuttgart ist eine mit schlechtem Branntwein bereitete Wcrmuthtinktur, von welcher der Leidende so viel nehmen muß, bis er berauscht ist— dann hört der Zahn- Ichmerz auf. Aehnlicher Humbug ist die Zahn tiuktur von Jvvanovitik, die Mailänder Zahntinktur von Rau, die Zahntinktur von Dr. Reichel in Petersburg, die von jpogler, I. I. Walker in Eßlingen, von Weber, L. Wun- dram in Braunschweig; die Zahntropfen von Dr. David- Ion, fabrizirt von Eggers in Breslau, sind Nelkenöl und Kajeputöl, die schwedischen Zahntropfcn von Dr. G.Graf- ström sind roth gefärbtes Pfeffermünzöl, die amerikanischen Zahntropfen von Majewsky sind mit Cochenille röthlich ge- wrbter kochsalziaer Franzbranntwein, die Zahntropfen von Lberläuter bestehen aus einer spirituöse» Lösung von Birken- oder Fichtcntheer, die Zahntropfen von H. Traberth in Die Backhefe und ihre Von Dr. K. Sidtm Herr Professor v. Nägeli in München hat in seineu Arbeiten über die niederen Pilze und deren Beziehungen zu den Jnfekttons- 'rankheiten den Aerzten eine Fundgrube für die Entdeckung der natürlichen Ursachen der zymotischen Krankheiten, der Krankheiten muligen Charakters, geöffnet. Aber die unpraktischen„praktischen" "«zte stehen vor den hier enttvickelten Thatsachen und Theorieen und wissen nicht, was sie aus denselben machen, wie sie dieselben m der Krankheitslehre und der Heilwissenschaft vertverthen sollen. Aus von Nägeli's neuestem Buche, welches den Titel führt: --Die Theorie der Gähning", sei mir's verstattet, denjenigen Gegenstand, welcher meines Erachtens bei der Suche nach den Ursachen der zymotischen Krankheiten die höchste Aufmerksamkeit berdient, nämlich v. Nägeli's Studien über die Backhefe und Ujre Nachgährung, herauszugreifen und die„Nach- oder �elbstgährung" der Hefe vom hygienischen und sanitätspolizcilichcn Gesichtspunkte zu besprechen. Jetzt eben, während ich von Nägeli's mykologische Beobach- �ugcn über die Hefefäule den Aerzten zugänglich zu machen im s�griff stehe, habe ich— als Ergänzung zu meinen epidemio- �Attschen Ersahrungen über Halsdiphtherie und über die Hefe m ihre muthmaßliche Ursache— in meiner Praxis einen sehr Eisenach sind wie das obige Zahnschmerzmittel von Gustav Traberth zusammen gesetzt, Odontine ist wieder eine Mischung von Nelkenöl und Aether. Man sieht, der Erfindungsgeist der Geheimmittelkrämer erweist sich nur fruchtbar in Erfindung neuer Namen; arzneilichcn Werth besitzen die angeführten Medikamente nur in geringem Maße. Giftig und gefährlich anzuwenden ist die Jodpaste aus Paris, welche zum Tödten der Zahnnerven empfohlen wird. Sie ist ein mit Berlinerblau gefärbtes und mit Glyceriu in Teigform gebrachtes Gemenge von 1 Theil arseniger Säure und 3 Theileu salzsaurem Morphin, enthält mithin gar kein Jod. Ihr Preis, 5'/2 Frcs., übersteigt den wirklichen Werth um das zwanzigfache. Direkt betrügerisch ist die Zahnwolle von Bergmann. Dieselbe soll jeden Zahn- schmerz stillen und zwar in der Art, daß man das Objekt an einem Ende anzündet, dann gleich wieder ausbläst und den von der fortglimmenden Wolle entweichenden Dampf einathmet. Tie Angabe, daß es mit einem unschädlichen Blumen Extrakt parfü- mirt sei, ist, wie Wittstein angibt, erlogen; dagegen besitzt es einen deutlichen Geruch nach Kreosot. Das Strähnchen kostet 25 Ps., ist aber nicht über 1 Pf. werth. Schädlicher Humbug sind auch die Zahnperlen für Kinder von Gehrig und Grunzig in Berlin, sowie von Ramyois in Paris. Erstere bestehen aus vulkauisirter Guttapercha und kosten fünfmal mehr als sie Werth sind, letztere sind beinerne Küchelchen, welche 3 Alk. kosten, aber nur 20 Pf. wirklichen Werth haben. Wittstein bemerkt zu letzteren, daß der Versertiger, ein Dr. Rameois in Paris gar nicht existirt, sondern der ganze Spuk von dem Kaufmann August Leonhardi in Freiburg ausgegangen ist. Lächerlicher Schwindel sind die Zahn-Cigaretten von I. v. Török in Pesth.„K. K. ausschließlich privilegirtcs neuestes und bestes Mittel gegen Zahn- schmerz." Es sind dies Cylinder aus grauweißem, dickem, grobem Löschpapier, welches mit Styraxtinkttir getränkt ist. 8 Stück kosten 1 Mk. 71 Pf., Werth 9 Pf. Auf die Dummheit der Käufer spekuliren die elektromotorischen Zahnhalsbändcr von Gehrig in Berlin, Julius Schräder in Munder- kingen a.D. und W. Zehle in Berlin. Ueber ersteres theilt O. Helm Folgendes mit: Das Halsband hat dem Aeußeren nach das Ansehen eines gewöhnlichen doppelten Sanimetbandes, an dessen Enden Schnürchen zum Zuknöpfen befestigt sind. Im In- nern befinden sich der Länge nach zwei übereinander liegende Leinwandstreifen, welche mit Schwefel imprägnirt sind; beim Tragen des Bandes entsteht eine Reibung der beiden Streifen unter sich und an der Rückseite des Sammets, so daß mit der Zeit ein Theil des Schwefels sich ablöst und in den Poren des Sammets festsetzt. Das Schrader'sche Zahnhalsband enthält statt zwei, drei aus eine Fläche mit Schwefel überzogene Leinwand- streifen. (Fortsetzung folgt.) faule„Sellchgahrunq". NN, Arzt in Linnich. bezeichnenden Einzelfall von Halsdiphtherie in Behandlung. In der Familie eines Kleinbäckers leiden nach einem vier- bis fünf- tägigen Vorbotenstadinm von Bauch- und Kopfbeschwerdcn alle drei Kinder an Halsdiphtherie. Zwei derselben, und �war diejenigen, welche einige Tage an stinkendem Durchfall gelitten, sind leicht erkrankt, das größere dritte, welches hartleibig geblieben war, hat auf beiden Mandeln groschengroße Faulbeläge mit bc- denklichen Allgemeincrscheinungen hochgradiger Blutvergiftung. Auf mein Beftagen gesteht mir der Vater, daß er am Freitag vor der Kirchweih, also vor zehn Tagen, zu seiner Verwunderung den Backteig der gewöhnlichen Kundschaftsbrötchen, trotzdem er denselben, wie gewöhnlich, abends vorder mit der Hefe eingeknetet hatte, nicht habe brauchen können, da dieser Teig nicht habe „gehen" wollen. Der Teig sei so schlecht gewesen, daß er die bereits daraus geformten Brötchen wieder zusammengeknetet und es vorgezogen habe, aus diesem schlecht gegohrenen Teige nur die Kirchweihbrote für seinen eigenen Familienbedarf zu backen, während er für seine Kunden neuen Teig mit neu gekaufter frischer Hefe ansetzte. Von jenem Kirchweihgebäck aus der„trägen" Hefe hatten aber die Kinder in der Kirmeswoche tagtäglich sich gesättigt. Genug, ich hatte für meinen wiederholt ausgesprochenen Verdacht auf Hefefäule als die Ursache der Halsfäule einen Anhaltspunkt gefunden. Ich frug den Bäcker weiter aus, wie es denn komme, daß in den letzten Jahren die Hefe so häufig„träg" werde. Er erzählte mir, daß einige Preßhefefabrikanten gute Branntweinhefe mit der viel billigeren, aber auch viel iveicheren, zur Fäulniß neigenden süßen Braunbierhefe vermischten und so eine wohlfeile und schlechte Hefenwaare in den Handel brächten. Das geschehe besonders im Herbst und den Winter hindurch. Die Einzelheiten der Schilderungen dieses Technikers mir vorbehaltend, stelle ich als Arzt mir die Frage: Was ist„träge", „faule", schlechtgährende Hefe im Gegensatz zu reiner Hefe? Sind in der trägen Hefe neben dem Hefe- oder Alkoholpilze wesentlich noch andere, und welche Pilze thätig, und in welchem Zahlen- vcrhältniß treten sie auf? Träge Hefe— diejenige Hefe, von welcher der Bäcker und die Hausfrau, um die Gährwirkung gleichsam zu ertrotzen, un- seligerweise ungemein große Mengen dem Backteige zuzusetzen pflegen— ist eine solche Hefe, welche in„Selbstgährung" iibergegaugen ist. Die Selbstgährung der Hefe ist aber ein ungemein böses Ding. Hören wir, was von Nägeli in seiner „Theorie der Gährung" über diesen, oft sogar geruch- und geschmacklos sich entwickelnden Pilzverfanlungsprozeß der Back- Hefe schreibt*). Professor Nägeli gibt nicht zu, daß Gährung und Fäulniß als zwei ihrem Wesen nach verschiedene Vorgänge zu betrachten seien; er erklärt mit Pasteur das Faulwerden unreiner oder alt gewordener Hefe für eine neue, fremdartige Gährung, die auf Kosten der Hefezellen vor sich gehe, für eine„Selbstgährung" der Hefe. Pasteur entdeckte die Selbstgährung der Bierhefe. In Hefe, welche rein ausgewaschen(also ihrer Nährstoffe beraubt) ist, tritt bei 30 bis 35 Grad C. eine wahre, beinahe stürmische Gährung(eine Art falscher Nachgährung) ein. Daraus wird der Schluß gezogen, daß in den Hefezellen selbst ein in Zersetzung befindlicher Körper enthalten sei. Nägeli widerspricht dieser Annahme und weist nach, daß die Selbstvergährung der Hefe das Zerstörungswerk eines gesund- heitsgefährlichen Schmarvtzcrpilzes der Hefe aus der Gruppe der berüchtigten Spaltpilze sei.„Bei dieser Selbstgährung oder Stach- gährung der Backhefe", sagt von Nägeli,„können die Spaltpilze (Faulpilze) nicht ausgeschlossen werden, man erhält(also in solcher Hefe) das Produkt der Thätigkeit zweier verschiedener Hefenarten**)." Der Vorgang bei der Selbstvergährung ist folgender:„Die in der Hefcflüssigkeit befindlichen Spaltpilze verwandeln den Pitzschleim der Sproßhesezellen in Traubenzucker, eine Fähigkeit, die der reinen Sproßhefe gänzlich mangelt; die Spaltpilze ver- mögen aber sogar die noch unveränderte Membran der Sproß- zellen anzugreifen," und so die Hefezcllen zu vernichten. v. Nägelrs Versuche über Selbstgährung der Backhefe. „Zwei Proben(L. und L) mit Bierhefenbrei, ohne und mit Citronensäure, im Brütkasten bei mittlerer Temperatur von 40 Grad C. angestellt. „A. Kleine Flasche mit 150 eem Hcfenbrei. Nach fünfzig Stunden waren zahlreiche Spaltpilze zwischen den Hefe- zellen sichtbar."— Spaltpilze, diese vielverrufene Pilzsorte, welche von allen Diphtheriesorschern in den Diphtheriehäuten nachgewiesen worden ist.—„Sechs Tage nach deni Beginn des Versuches war der Inhalt des Kolbens in starker Fäulniß begriffen; die Flüssigkeit reagirte schwach sauer von Milch- und Bnttersäure, welche durch die Spaltpilze aus dem Pilzschleim der Bierhefe gebildet worden."— v. Nägeli hat hier für wissenschaftliche *) Theorie der Gährung, von C. v Nägeli. München 1879. **)„Ich verstehe unter Hefe überhaupt die sogenannten geformten Ferniente und unlerscheide die verschiedeneizLesenarten oder Hefenpilze als Sproßhefe(Wein- und Bierhefe) uniPals S palthese(Fäulniß- hese, Milchsäurehese u. s. w.). Ich habe die der Selbstgährung nberlassene Bierhefe einigemale mikroskopisch untersucht. Liebig glaubte meine Bemerkung, daß reich- liche Fäulnißpilze unter den Bierhefezellen sich befänden, als uner- heblich weglassen zu könne». Auch bei anderen Hefeversuchen, die Liebig in den Jahren 1868 und 1869 anstellte, konstatirte ich eine sehr reichliche Berunreinigung der Hefe mit Spaltpilzen und empfahl z»r Verhütung derselben, wie- wohl umsonst, eine starke Ansäuerung der Bersuchsflüssigkeit." 2_ Zwecke das Nämliche gethan, was unbeachtet und unbewußt viele i Hefehändler thun, indem sie die Hefe alt werden lassen und so-! nach Spaltpilzhefe statt reiner Sproßpilzhefe verkaufen. „B. Gleicher Versuch wie in A, aber die 150 eem Hefenbrei i waren mit 0,75 Gramm Citronensäure(also mit 5 pCt.) versetzt. Nach fünfzig Stunden waren nur wenige Spaltpilze zu finden. Sechs Tage nach dem Beginn des Versuches war die Oberfläche mit fruktifizirender Schimnieldccke überzogen, und in der Flüssig-; keit, in welcher ein Theil der Citronensäure durch den Schimmel* verzehrt war, befanden sich schon ziemlich zahlreiche und große: Spaltpilze."— Also durch Zusatz eines größeren Quantums Citronensäure wird die Euttvicklung der Spaltpilze in der Hefe! gehemmt und dafür die Züchtung der weniger schädlichen Schimmel- Pilze befördert; man erhält statt Faulhefe Schimnielhese. Durch Berschimmelung verliert die Backhefe zwar auch ihre Gährtüchtig-! keit, also ihre Brauchbarkeit, aber sie wird dadurch nicht grade zymotisch giftig, indem der Schimmel im Darm verdaut, dann aber auch durch die Backhitze zerstört wird, wogegen in der Faul- i Hefe die lebensfähigeren Spaltpilze durch die Erhitzung nur noch j lebenskräftiger gemacht werden. „Der gleiche Versuch wurde in etwas größerem Maßstabe (3. A. ß. C. D.) wiederholt. „3. A. B. Zwei Flaschen, je mit 450 vom Hefenbrei ohne weiteren Zusatz, 25'/- Stunden nach dem Beginn(24 Stunden I nach dem Warmwerden). Zwischen den abgestorbenen Hefezellen I befanden sich sehr zahlreiche stäbchenförmige Spaltpibze. Die Flüssigkeit reagirte auch nach dem Kochen sauer(Milchsäure)." „3. 0. D. Zwei gleiche Versuche wie 3. A. B, aber zu den 450 eem Hefenbrei wurden 2,5 Gramm Citronensäure(also I 0,55 pCt.) gegeben. Spaltpilze mangelten gänzlich." „B. F. Zwei Flaschen mit 0,5 pCt. Citronensäure. Sie I blieben während 7'/, Tagen im Brütkasten und hatten nun beide Decken von Spaltpilzen." „Bei unseren Versuchen konnte niemals Alkohol abdeflillirt werden. Es geht daraus das eine nnzwcifelhast hervor, daß die Hefezellen infolge der krankhaften Veränderung beim Absterben nur sehr wenig Alkohol erzeugen. Tritt derselbe in größeren Mengen l auf, so muß er auf einem andern Wege entstehen, wobei das Zusammenwirken der Spaltpilze und der Sproßpilze erforderlich ist, der elfteren, um aus Cellulose Zucker, der letzteren, um aus Zucker Alkohol zu bilden*)." � J „Diese exzeptionelle geistige Gährung(in faulender Hefe) setzt das Wohlbefinden zweier Pilzformen voraus, die ungleiche Existenzbedürfniffe haben und durch Konkurrenz einander leicht verdrängen. Es läßt sich daher schon zum voraus vermuthen, daß(neben der Faulgähning in einer alten Hefemasse) die geistige Gährung nur unter ganz besonderen Umständen, wo die beiden Gegner(Sproßpilze und Spaltpilze) in ihrer Existenzfähigkeit sich die'Wage halten, also nur selten eintreten wird. In der That mangelte sie in den angeführten Versuchen entweder gänzlich oder beinahe gänzlich, indem die Spaltpilzbildung meist ausblieb, zuweilen aber auch allzusehr überhand nahm."— Jeder Bäcker j wird diese Wahrnehmung von Nägeli's bestätigen, daß in der i Regel in dem Maße, wie die Selbstvergährung in der Hefe um ♦)„Wie ich bereits angeführt habe, wurden bei den liebigschen Versuchen, bei welchen ich eine mikroskopische Untersuchung anstellte, reichliche Spaltpilze gefunden. Ihr Vorhandensein ergibt sich übrigens auch aus dem Umstände, daß die Flüssigkeit infolge der Bierhefe nach Liebigs Beobachtung ziem- lich viel Leucin(dieses gewöhnliche Produkt fauler Gährung) enthielt. Diese Verbindung wurde nicht von den Sproßpilzcn ausgeschieden, son- der» von den Spaltpilzen durch Zersetzung der von den Sproßpilzen ausgeschiedenen Peptone gebildet; Liebigs Angabe, daß, man bei dieser (faulen) Gährung(der Hefe) nicht den geringsten Fäulnißgeruch beobachtete, hat keine Beweiskraft gegen das Vorhandensein von Fäulnißprozesseu, denn bei Anwesenheit von Zucker oder zuckerbilden- den Substanzen schreitet die Fäulniß ziemlich weit fort, ohne daß man sie mit dem Geruchsorgan wahrnimmt, weil die(riechbaren) Ammo- uiakkörpcr von der durch die Spaltpilze gebildeten Milchsäure neutra- lisirt worden. Sowie man dagegen durch vorsichtiges Zusetzen von Alkalien die Säure bildet(und die riechenden Ammoniakkörper wieder frei macht), tritt der Fäulnißgeruch gleich sehr intensiv hervor. Diese Erklärung wird durch die Angabe Liebigs bestätigt, haß die Flüssigkeit bei der Selbstgährung der Bierhefe stets sauer geworden sei, so daß sie zu fernerem Gebrauche neutralisirt werden mußte. Die Säure konnte unter den vorliegenden Umständen nur Milchsäure sei», allenfalls gemengt mit Buttersäure, und die Säure konnte nur durch die Spaltpilze vermittelst Gährnng aus dem Zucker entstehen." 213 sich greift, die gesunde, geistige Gährung, die Thätigkeit der krank gewordenen Hefezellen nachläßt und erlischt. Je kranker die Hefe ist, desto größere Massen setzt der Bäcker zu. „Ta zwischen Gährung und Fäulniß kein prinzipieller Unter- schied besteht, da beide nur solange thätig sind, als sie von den lebenden Hefenzellen unterhalten werden, so müßte die Zersetzungs theorie, um dieser Erfahrung gerecht zu werden, annehmen, daß in allen Stadien der Gährung und der Fäulniß die Hefe den Zersetzungszustand, in dem sie sich selbst befindet, dem Gähr- Material mittheile;"— daß also eine gesunde Sproßhefe dem ganzen Backteige die gewünschte alkoholische Gährung, dagegen aber auch eine kranke Spaltpilzhefe dem ganzen Teige ihre spezi' fische, kranke Faulgährung mittheile, den Teig also krankhaft, mit Faulgift gleichsam infizire. „Die(mit Unrecht so sehr gefürchteten) Schinnnelpilze ver- mögen nicht, irgendwelche Gährung(im Backteige) zu erregen" oder weiter zu verbreiten. Wir sehen in der That manchmal schimmeligen Sauerteig verbacken, ohne daß der Genuß des Brotes zymotische Krankheiten verursacht. Der Schimmelpilz ist als siegreicher Konkurrent des Spaltpilzes gleichsam dessen natür- licher Desinfektionspilz.„Ob es unter den Spaltpilzen ebenfalls (wie unter den Sproßpilzen) Formen gibt(besondere Spezies), welche nicht gährtüchtig sind und(in der Hefe) ohne freien Sauerstoff, also bei Luftabschluß, nicht leben können, ist wahrscheinlich." „Man könnte vielleicht die Meinung hegen, daß die Gährung auch stofflich zum Wohlbefinden(zum Gesundbleiben) der Hefe- zellen beitrage." „Es gibt noch eine Beziehung, welche in das Verhältniß des Sproßpilzes zu anderen Hefepilzen eingreift, welche also für ihn(und sein Gesundbleiben) im Kampfe ums Dasein Beden- tung hat." „Die Gährthätigkeit eines Pilzes benachtheiligt die Ernährung und das Wachsthum der.übrigen Pilze, lvelche nicht für diese, sondern für andere Gährungen organisirt sind.— Es ist gewiß die merkwürdigste unter den Beziehungen zwischen Gährung und physiologischer Funktion, daß die Thätigkeit einer Zelle nicht blos förderlich für sie selber und ihresgleichen, sondern hemmend für anderweitige Zellen sich erweist, und daß dieser schädliche Einfluß nicht etwa durch Entziehung von Nährstoffen oder durch Aus- scheidung von schädlichen Verbindungen, sondern lediglich durch das Biychandeiisein der besonderen Gährthätigkeit bewirkt wird." (Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Wosenverg. (Fortsetzung.) Ich mußte einen neuen Anzug haben. Man rieth mir, einen solchen aus einem Magazin zu entnehmen. Mein pommerischer Gutsbesitzer erbot sich, mir bei der Auswahl behülflich zu sein, mdem er hinzufügte, daß ein Kauf von Kleidungsstücken seine interessante und belustigende Seite habe.— Man forderte für ein vollständiges Kleid 20 Thaler; der Gutsbesitzer gab mir einen Wink ruhig zu sein, bot die Hälfte dafür und wir erhielten das Gewünschte nach einer längeren Auseinandersetzung über vortheilhafte Waareneinkäufe, gute Stoffe, Geschäftsvortheile und dergleichen mehr. Zwanzig Thaler Forderung und zehn Thaler Berkaufspreis!— War es Entrüstung über die betrügerische Ab- ficht dieses Menschen, war es etwas anderes, ich ging heim mit dem Gefühl, daß einem solchen Geschäftsbrauche eigentlich eine polizeiliche Strafe nichts schaden könne. Eine Enffchuldigung, die Uuerfahrenheit des Publikums zur sonst ganz unberechtigten Bereicherung zu benutzen, vermag ich auch jetzt noch nicht zu finden!-- Mit der schüchternen Frage, ob man hier weiße Herrenwäsche gewaschen bekäme, trat ich über die Schwelle Louise Bürgers. �os junge Mädchen ward roth, als sie mir entgegenging. Ich suchte ihre Verlegenheit durch ein Lächeln, das jedenfalls sehr gekünstelt gewesen ist, hintvegzuscheuchen, und als ich nicht sogleich Antwort� erhielt, wiederholte ich meine Eintrittsrede. Mit melo- bischer Stimme ertönte ein leises Ja! Aber das Mädchen besann Uch schnell und sagte: Ich weiß nicht, ob Mutter dazu Zeit hat. �'e kommt erst am Abend wieder!— Der Anknüpfungspunkt war nun gefunden. Was ich alles geschwatzt, dessen entsinne ich wich nicht mehr, ich iveiß nur, daß ich mit seltener Aufrichtigkeit oas bunteste Zeug geredet habe. Ich sagte dem Mädchen unter underm, daß mein Fenster den Blick nach ihrem Stübchen ge- 'wtw. und daß ich mir ihren regen Fleiß als Muster genommen. x\ch habe ihr eine Menge Schmeicheleien gesagt und ich habe «. unglückliche Wesen nun doppelt schätzen lernen. Soviel -peschcidenheit und Einfalt bei soviel Liebenswürdigkeit und weib- "cher Klugheit fand ich-hier zum erstenmale. Louise gestand •J"11". zuletzt, daß sie mich auch schon kenne; ich sei geschickt in j�llieiischasten, habe sie gehört, und eö kämen ihr Stunden, wo ü? es schmerzlich bedaure, nicht geistig sich entwickeln zu dürfen; we wenigen Bücher, welche sie besitze, könne sie nun schon fast auswendig und die Personen, welche darin gezeichnet wären, Iwen ihr liebe Freunde und treue Rathgeber im Leben. Ich "ahm ein Buch von der Kommode. Es war ein Band der |wetheschen Dramen. Das ist ein wahrer Schatz, rief ich, wenn Hw ihn verehren, ihn recht zn würdigen verstehen, verdienen ein hohes Lob. Meine wenigen Bücher stehen zu Ihrer �erfügung, fuhr ich fort; ich habe eine stille und innerliche »reude, Menschen zn begegnen, deren Sinn nicht im Lärm der Welt für die Ideale der Menschheit erstorben ist, und mein Herz schlägt rascher und sympathischer bei den Gedanken, ihre Welt mit meinen schwachen Mitteln um ein gut Stück erweitert zu haben.— Das gute Kind ging aber auf dieses Entgegenkommen nicht ein und dankte mir nur mit einem gütigen Blick aus ihren großen Augen für den guten Willen.— Es ist vielleicht jetzt zu spät, sagte sie melancholisch. Meine Arbeit läßt das allzuviele Sinnen, Grübeln und Träumen nicht zu.— Es war wohl eine Unwahrheit, aber was konnte ich darauf sagen?— Ging es mir nicht gerade so und vielleicht nicht noch schlimmer?— Ich verließ mehr traurig, als freudig die saubere Wohnung mit den Worten: ich wolle der Mutter meine Anfrage selbst vortragen. — Der heutige Tag ist jedoch der erste meines Aufenthaltes in Berlin, der ein gewisses Behagen in meine Brust senkt. Unwill- kürlich gestaltete sich in meinen Gedanken ein Lied; es war ein wehniüthig trauriges; Louise Bürger liegt im Sarge, geschmückt mit Lilien und Rosen, bleich und starr wie Alabaster; um ihre Lippen regt sich noch im Tode ein leichtes, friedliches, himm- lisches Lächeln und ihre Augensterne sehen auf mich mit einem Ausdruck, der mir soviel zu bedeuten scheint als: So endet alles Schöne hier auf dieser schönen Erde.— Ich habe Thränen ver- gössen, als ich das Lied aufschrieb, und ich bewahre es als ein liebes Angedenken an eine glückliche Stunde. Zum erstenmale habe ich heute begriffen, was es mit der Kunst auf sich hat. Man muß von einem Gegenstande ganz durchdrungen sein, man muß sich hineingelebt haben. Dann ist die Form ein leichtes uni�Form und Idee verschmelzen sich zu einem harmonischen Ganzen. Wer an einer Idee herumzappelt und sich abmüht, dem ist sie verloren und alles, was er unter solchen Bestrebungen her- vorbringt, trägt den Schein des Unnatürlichen, des Gekünstelten an sich.— Das hat indeß nur auf eine gewisse Kategorie von Kunstschöpfungen bezug, auf die nämlich, die zum Herzen gehen, die ganze Seele bis zur feinste» Faser ergreifen sollen!— Ich hätte diese Wahrnehmung aus keinem Buche so vollständig zu meinem Bewußtsein fuhren können, wie aus dem Leben, aus der Erfahrung. Sie ist die wahre Schöpferin der Kunst. Am Sonntag fahre ich nach Potsdam. Ich muß meine Seele durch den Anblick der Natur und der Kunst erfrischen, muß durch meine öde Brust wieder einmal einen gesunden Lusthauch streifen lassen!— Von meinen Eltern empfing ich erfreuliche Rachrichten. Mein Vater ist in einem großen Bureau angestellt worden. Du brauchst dich nun nicht mehr der ängstlichen Sorge über uns hinzugeben. Denke ganz nur an dich, schrieb er, deine Geschwister erhalten nach Kräften eine gute Erziehung und deine Mutter freut sich mit mir, daß du, auf eignen Füßen stehend, deinen Weg durch das Leben mit Muth und Ehrenhaftigkeit findest. Im Grunde ist jeder seines Glückes Schmied. So schön dieses Sprüche wort klingt, so scheint es mir, als ob man daran doch mäkeln könnte. Ich will darüber nachdenken, sobald mir der Kopf zu Spekulationen geeignet dünkt.-- Ein Jahr bin ich nun in Berlin!„Ein" Jahr im Leben wiegt oft so schwer wie zehn. Es kommt mir so vor, als ob ich das Recht hätte, diese Zeit doch mindestens mit fünf zu multi- pliziren. Was ich erfahren, kann unmöglich erzählt und be- schrieben werden. Der Mensch muß selbst wissen, ob er gealtert ist. Und ich bin es! Tief hat sich meine Bureauthätigkeit in meinen Körper eingegraben.— Ich schleiche dahin, ich bin krank; meine Brust ist angegriffen und Schmerzen stellen sich zuweilen ein, wenn ich von meinem angestrengten Nachtdienst heimkehre. Was habe ich während dieses Jahres erlangt?— Ich habe mich satt gegessen, vieles vergessen und das nur gelernt, daß mich diese Prosaische Beschäftigung Physisch und moralisch tödten wird. Theure Erfahrungen! Könnte ich sie nur zu Markte tragen und mit Vortheil an den Mann bringen!—— „Heute roth, morgen todt!" Das Menschenleben gleicht einer fliegenden Seifenblase. Sie glänzt und schillert in allen Regenbogenfarben, ein kleiner Windhauch zerstäubt sie und wir behalten nur einen unbedeutenden Rest Wassers zurück.— Milch- Händler Trösten ist plötzlich gestorben. Der Jammer ist groß. Eine ungeheuerliche Verwirrung hat die Gemüther der Familie ergriffen, die vergrößert wird durch den Umstand, daß niemand weiß, wie es um des Todten Geschäft steht.— Ich bemühe mich zu trösten, zu helfen. Solches Ereigniß macht auf Momente jegliche Abneigung vergessen.— Nun liegt Trösten schon in der Erde!— Neue Gestalten be- wegen sich im Laden. Die Wittwe ist hinauf in' den ersten Stock gezogen.„Denken Sie an das rastlose Streben ihres Gatten, poetische ÄeKrenlese. Nie Kchiffsahrl. Das waren mir selige Tage! Bewimpeltes Schiffchen, o trage Noch einmal mein Liebchen und mich, O wieg' uns noch einmal behende Von hinnen bis an der Welt Ende! Zur Wiege begehren wir dich. Wir fuhren und fuhren auf Wellen; Da sprangen im Wass.r die hellen, Tie silbernen Fische herauf. Wir fuhren und fuhren durch Auen: Da ließen die Bliimch.n sich schaue», Da liefen die Lämmer zu Haus. Wir spielten im treibenden Nachen, Wir gaben uns Manches zu lachen Und hatten des Spieles nicht Rast. Wir ließen die Hörner erklingen, Und alle begannen zu singen Und ich hielt mein Liebchen umfaßt. Das waren mir selige Tage! Mein blondes Mädchen, o sage: Sie waren so selig auch mir! Dann such' ich das Schiffchen mir wieder, Dann setz' ich mich neben dir nieder, Und schiffe durchs Leben i»it dir. Lucrbcck. Forschiingsfahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Traulil. Die Geschichte der geographischen Entdeckungsreisen zeigt uns den Menschen, je weiter er in Kenntnissen und Künsten der Zivilisation fortschreitet, desto mehr mit siegreicher Ärast' gegen alle Msahren und Schrecken einer feindseligen Naturumgebung ausgerüstet. Sein phhsi- sches wächst mit seinem geistigen Vermögen. Der Mensch unserer Tage richtet nicht allein positiv mehr aus, sondern er erträgt, übersteht auch mehr. Bei den Römern, dem weltbchcrrschendcu Volke— kein irgend zu- gänzlicher Winkel der alten Welt, sollte man nieine», hätte von ihnen der stets darauf bedacht war, Ihnen allen wohl zu thun, denken Sie au Ihre Kinder und seien Sie ihnen eine Ivahre Mutter." Frau Trösten nickte weinend mit dem Kopfe und versprach mir, das Andenken des Todten zu ehren. Wie lange?— Ich denke wirklich schlecht, im' Anblick des frischen Grabes.— Wenn das erste Grün aus der aufgeschaufelten Erde emporsproßt— wie dann?— Ich täusche mich selten. Ich denke schlecht.— Ich bin seit gestern unwohl, muß die Stube hüten und durch Ruhe mein aufgeregtes Nervensystem wieder brauchbar niachen. Ich bedanre nur meine armen Kollegen, die nun meine Arbeit für mich mit verrichten inüssen. Trostcns Bertha ist bei mir; sie macht ihre Schularbeiten und findet es hier so sehr gemüth- lich. Es hat mich sehr lieb das Kind. Die Swbenluft hat ihm ein krankhaftes Aussehen gegeben. Als ich mit der Kleinen vor- hin sprach— sie will immer Geschichten von mir hören~ äußerte sie ernsthaft: Mein Papa ist nun todt, er hatte mich so lieb, zuweilen; Mama kümmert sich nicht um mich; die hat die Frau Weinberg lieber als mich. Da möchte ich so gern todt sein, dann ist es mir wohl.— Ich belehrte sie zivar eifrig über das Thörichte ihrer Gedanken, aber die Kleine blieb dabei, der Tod wäre gar kein böser Mann. Meine Stimmung war dadurch eine verdammt kirchhofartige geworden.— Das Kind mochte sich wohl des Eindrucks ihrer Worte bewußt geworden sein, denn es kam leise zu mir und fragte mich, ob ich ihm böse sei. Diesem Kinde böse?— Ich küßte es und sagte bewegt: Du bleibst immer ein gutes Kind! Diese Liebesversichcrung that seine Wirkung. Und nun ist es um vieles fröhlicher. Ich will auch heute mich meines ver nachlässigtcn Freundes erinnern, eh' er mir einen Mahnzettel sendet. (Fortsetzung folgt.) unerforscht bleiben dürfen— galt es für ausgemacht, der Erdstrich jenseits des Wendekreises,»urcr de» senkrechten Strahlen der Sonne, sei für Menschen unbewohnbar. Nur wenige Gelehrte, Geographen, Polyhistoren wußten oder vermntheten es anders. Von den Ländern und Meeren über Britannien und Germanien hatte man so gut wie gar keine Kunde. An die toto divisos orbe Dritannos(die von der ganzen Welt abgeschlossenen Britannier) mochte man am Hofe des rö- mischen Kaisers Angustus, der zu Ansang der christlichen Zeitrechnung regierte, nur mit Schaudern und Frösteln denke». Da wähnte inan alles in Frost und Nacht begraben»nd die Meeresfluth vor Kälte zu einer zähen, trägen, halbflüssigen Masse geronnen und erstarrt; da fahre kein Ruder, da schneide kein Kiel hindurch und selbst der Sturm erhebe kaum eine Welle.(Daeitus.) Nun wohl, diese Britannier, die sich die Römer, wie wir die Eskimos und Kamtschadalen vorstellten, führen jetzt das Regiment über große Länderstrecke» und Insel» der heißen Zone, während zugleich ihre kühne» Seefahrer Parry, Roß, Back, Franklin mit Helden müthiger Ausdauer die Zugänge zu der Polarwelt belagerten, ihre Eispsoricn sprengten und in Regionen, wohin nur der Eisbär sich zu weilen bcutesnchend verirrt, überwinterten. Das thun der Menschen- gcist und die Wissenschaft. Die äußerste Hitze und die äußerste Kälte sind für den menschlichen Unternehmungssinn kein Hinderniß mehr. Was treibt die Menschen nach der Polarzone hin, mit deren Ge- fahren die Schrecken ver Schlachtfelder verglichen, fast wie Kinderspiele erscheinen? Es sind wissenschaftliche und praktische Zwecke. Den Handel treibenden und seefahrenden Mächten Europas war es nach der Ent- dcckung von Amerika von hohem Interesse, zur Vermeidung des langen und gesährlichen Seewegs über Asien nach dem neuen Welttheile zu gelangen und deshalb eine nordöstliche Durchfahrt aufzufinden. Daß später auch die geographische Wiffenschast Thcil an dieser Frage nahm, so daß sich die veranstalteten Entdeckungsreisen nach dem hohen Norden ausdehnten, setzen wir als bekannt voraus. Die nördliche Polarzvne umfaßt jenen Kreisabschnitt unserer Erd kugel, dessen Mittelpunkt der Nordpol und dessen südliche Grenze zwi- schen dem 66. und 67. Grad nördlicher Breite liegt. Um sich auf dem Schauplatz unserer Schilderung zurechtzufinden, möge uns der Leser zur Beringsstraße folge» und hier vom Ostkap Sibiriens die angenoni mcne Linie, welche die Geographen den nördlichen Polarkreis nennen, von Osten nach Westen quer durch Sibirien, Finnland, Norwegen und die Nordsee, durch Grönland, die Baffinsbay und Nordamerika bis zum Kotzebue Sund verfolgen, wo der Tod angesichts der bezaubernden Fata Morgana des Nordens, dem Nordlicht, zwischen silberglänzenden Brücken- bogen und majestätischen Eispalästen lauert. Es gicbt wenig Glückliche, die ihre Flaggen nach dem Polarmcer trugen und seinen Schrecken ent rönnen sind. Wir wolle» den Reigen mit denen anfangen, die, die nordöstliche Durchfahrt suchend, ihre Thätigkeit aus die Umschiffung der nördlichen Küsten von Europa und Asien erstreckten. Den ersten Versuch, dieses Wagstnck auszuführen und solchergestalt einen Seeweg nach dem großen Reiche Cathay(China) und Ostindien zu finden, in achte 1553 ein Engländer, Sir Hugh Willoughby, mit drei Fahrzeugen. Vom Eise eingeschlossen, mußte er mit zwei Schiffen in einer kleinen lappländischen Bucht überwintern und kam sammt sei- nen Leuten vor Frost und Mangel um. Richard Chancellor, der das dritte Schiff befehligte und sich von den beiden andern verirrt hatte, gelangte glücklich nach Archangel und knüpfte einträgliche Han- delsverbindungen mit den Russen an. Stephan Burrough, Chancellors Gefährte auf einer zweiten Reise, drang ostwärts bis zur Waigatzstraße vor und ist als der Ent- deckcr von Nowaja-Seinlja zu betrachten; er hat einen Theil der Süd- und Westküste dieser Insel gesehen, wenn auch nicht betreten. Man suchte damals die nordöstliche Durchfahrt mit nicht gcrin- gerein Eifer, als in jüngster Zeit die nordwestliche. Im Jahre l5% fror ein holländisches Schiff, worauf sich Jakob van Heeinskerken als Kapitän und Wilhelm Barenh als Steuer- mann befanden, unweit der Nordküste von Nowaja-Semlja im Eise fest. Die Mannschaft, aus sechzehn Personen bestehend, überwinterte in einer aus Treibholz gezimmerten Baracke, überstand eine fast drei Monate lange Polarnacht und wagte sich im Juni des solgendcn Jahres, als das Meer voin Eise frei ward, das eingefrorene Schiff aber nicht flott gemacht werden konnte, in ihren Böten aus das Meer hinaus. Unter tausend Gefahren erreichten sie die Küste von Lappland und fanden zu Kola ein holländisches Fahrzeug, welches sie an Bord nahm und nach Hause brachte. Wilhelm Barenp starb noch unterwegs insolge der Ent- behrungen und von seinen Leidensgenossen sahen nur zwölf die Heimath wieder. Die Holländer hörten auch im 17. Jahrhundert nicht auf, das Meer um russisch Lappland und Nowaja-Semlja, des Walfisch- und Robbensanges halber, fleißig zu besuchen; einzelne kühne Seefahrer wagten sich weiter ostwärts und sollen 100 Meilen über Nowaja-Semlja hinausgekommen sein. Gleichwohl blieb die Ostküste der Insel gänzlich unbekannt, und bis zum Jahre 1833 konnte sich niemand rühmen, der- selben mit eincin Fahrzeug nahe gekommen zu sein oder auch nur sie von fern erblickt zu haben. Nur dem Kapitän Rosmhslofs, einem Russe», war es um's Jahr 1762 geglückt, eine kleine Strecke über das südöstliche Ende der Matuschkinstraße hinaus vorzudringen. Diesen Namen führt nämlich der schmale Mecresarm, welcher Nowaja-Semlja in der Richtung von Nordwesten nach Südosten durchschneidet und in zwei ziemlich gleiche Hülsten theilt. In den Jahren 1819 bis 1824 hat die russische Regierung fünf wohlgerüstcte Expeditionen hinter einander nach Nowaja-Semlja aus- gesendet, davon vier unter der Leitung des kundigen und wackeren Ka- pitäns Lütke. Alle kehrten unverrichteter Sache nach Hause zurück; die Lstküste nur zu erreichen, geschweige denn sie planmäßig zu erforschen »nd aufzunehmen, schien eine absoluie llnmöglichkeit. Die Regierung war durch dieses wiederholte Mißlingen entmuthigt und sehr geneigt, das ganze Projekt abermals fallen zu lassen, als ein Privatmann da- Wischen trat. Ein reicher Kaufmann, Namens Brandt, um die Förderung der wissenschastlichen neben den Handels-Jnteressen einsichtsvoll bemüht, iaßte im Jahre 1832 den Gedanken, den im frühen Mittelalter viel- befahrenen See und Handelswcg zwischen dem weißen Meer und der Mündung des Ob wieder aufzusiudcn und in Ausnahme zu bringe». Aber just mitten aus diesem Wege liegt Nowaja-Semlja, und alle Schiffe, welche zwischen Archangel und Obskajaguba(so heißt der tief ins Land tretende Meerbusen, in welchen der Ob ausmündet) hin und zurück wollen, müssen entweder nördlich oder südlich um die Insel herumfahren und können leicht in den Fall kommen, au die Küsten derselben geworfen zu werden oder daselbst Zuflucht suchen zu inüssen. Ohne die »llergenaueste nautische und geographische Kenntniß dieser Küsten, mit all' ihren Buchten, Meerbusen, Landzunge», Vorgebirgen, vorliegenden �vscln und Klippen, ließ sich daher nichts ansangen und demgemäß stellte Brandt sich zu allererst die Aufgabe, Nowaia-Semlja in seinem ganzen Umfange, von Westen und Osten zugleich, auszukundschasten und die Erstrcckung und Beschaffenheit der Küsten zu ermitteln. Als Kauf- Mann speknlirte er nebenbei daraus, an der bisher fast gar nicht be lachten Ostküste neue und darum einträgliche Stationen für den Wal- voßsang ausfindig zu machen. Er trat an die Spipe einer Kompagnie, erwirkte für dieselbe von der kaiserlichen Regierung ein Privilegium zum ausschließlichen Betriebe der Rhederei und Fischerei im Osten von ' Mfwaja-Semlja und die Erlaubuiß, Offiziere der kaiserlichen Marine in dienst zu nehme». Drei Fahrzeuge wurden ausgerüstet. Mit dem Arsten sollte Lieutenant Krotoff längs der Westküste von Nowaja- sveinlja nordwärts bis zur Matuschkinstraße sahreu, diese Straße in a>rcr ganzen Länge untersuchen und von ihrem östlichen Ausgang seine Züchtung nach der Mündung des Ob nehmen. Dem zweiten Schiffe, welches der Steuermann Pacht» soff führte, ward die schwerste Auf- gäbe zu Theil, nämlich unmittelbar die Ostküste von Nowaja-Semlja fjafznsuchen, an derselben so weit nordwärts vorzudringen als möglich; dein dritte» die leichteste, sich an der Westküste zu halten, auf den Wal- kvllsang zu gehen und nebenbei fleißig Beobachtungen anzustellen und vaszuzeichnen. Dieses Fahrzeug kam denn auch zur rechten Zeit, wohl vkhalten, ohne einen Manu verloren zu haben und mit reichem Fang nach Archangcl zurück. Krotoff aber ist sammt seiner Mannschaft spur- los verschollen; Schiffstrümmer, die man auf einer Eistrift nicht weit vom Eingange der Matuschkinstraße aufgefunden und an sicheren Kenn- zeichen als Wrackstücke von Krotoffs Fahrzeug erkannt hat, lassen leider keinen Zweifel an seinem und seiner Gefährten traurigem Ende übrig. Pachtusoff war glücklicher. Am 1. August 1832 war er von Archangel ausgelaufen und verfolgte seinen Weg ostwärts längs der südlichen Küste von Nowaja-Semlja. Am 31. August trieb ihm der Ostwind plötzlich solche Eismassen entgegen, daß er kaum Zeit behielt, mit seinen! Fahrzeug in eine kleine Bucht(auf russisch: Kamenka tschara, die Felsen- bucht) zu flüchten. Hier sah er sich, so weit das Auge reichte,- von dicht zusammengeschobenen Eisbergen und Eisfeldern eingeschlossen und da überdies in den ersten Tagen des September das Eis sich stellte und starker Frost eintrat, so machte sich Pachtusoff darauf gesaßt, an dieser Stelle zu überwintern, und war noch sroh, daß ihm das Glück einen so bequemen und wohlgelegenen Schlupfwinkel gewiesen hatte. Er ließ das Schiff abtakeln und ans Land ziehen, aus Treibholz eine Hütte bauen, 12 Fuß lang, 10 Fuß breit, die Wand 5 und den Dach- giebel 7 Fuß hoch, und dicht daneben einen kleineren bedeckten Ber- schlag, zu welchem aus der Hütte eine Thür und ein niedriger mit Segeltuch bedeckter Gang führte. In diesem Verschlage sollte ein Kessel geheizt und ein Dampsbad auf russische Manier eingerichtet werden. Wer beschreibt aber Pachtusoffs Verdruß, als Wind und Wetter wieder umsprang, als er im September, im Ottober, ja bis in den November hinein tagelang das Meer gegen Osten vom Eise frei sah. Es war zu spät— das Schiff konnte nicht so schnell wieder segelsertig gemacht werden. Also blieb er ruhig liegen. Der Winter verging unter Be- schäftigungen und Abenteuern, wie sie in den Tagebüchern aller Polar- seefahrer verzeichnet sind: es wurde an der Küste nach Treibholz ge- sucht, den Schncefüchsen wurden Fallen gestellt, mit den grimmigen Eisbären setzte es manchen harten Strauß; man überstand gewaltige Schneestürme und manch anderes Ungemach. Endlich schlug die Stunde der Befreiung. Am 24. Juni sah Pachtusoff das Meer sowohl nach der europäischen als nach der sibirischen Seite gänzlich offen. Da sein Schiff noch eingefroren war, bestieg er mit einem Theil seiner Mann- schast die große Schaluppe und ließ ostwärts steuern. Nachdem er den 71. Grad nördlicher Breite erreicht und die Küste genau ausgenommen hatte, kehrte er um, befreite sein Schiff und die zurückgebliebene Manu- schast aus ihrer 297tägigcn Gefangenschaft und erreichte am 13. August das östliche Ende der Matuschkinstraße, bog in dieselbe ein und gelangte gegen Mitte September an ihren westlichen Ausgang. In dieser Straße und nicht minder um das Kap Menlschikoff und die Lütkcbay, welche er an der Ostküste in Augenschein genommen hatte, wimmelte es von Meerschweinen, Seekälbern und Robbcngethier aller Art. Kaum war Pachtusoff aus der Matuschkinstraße ausgelaufen, so packle ihn ein wüthendcr Sturm ans Nordwest und trieb ihn gegen die russische Küste; mit genauer Roth erreichte er die Mündung der Pelschora— Wind und Fluth trieben das Schiff am 30. September auf den Strand. Die Schiffbrüchigen zimmerten sich in einiger Entfernung vom User eine Hütte und waren des Obdachs sroh, als eine noch höhere Fluth hereinbrach und alles mit sich fortriß; kaum retteten sie, landeinwärts watend und flüchtend, das Leben vor dem unbändigen Element. So endete Pachtusoffs erste Reise. Am 24. Juli 1834 trat er von Archangel aus mit zwei Schiffen seine zweite, nicht minder gefahrvolle Reise an und drang diesmal bis zum 74. Grad nördlicher Breite, untersuchte die Küste von Nowaja- Semlja und kehrte im nächsten Jahre ain 8. September nach Archangcl zurück, wo er noch vor Ablauf des Oktober, ein Opfer seiner Anstren- gungen, starb. Im Jahre 1837 hat Baer im Auftrage der Petersburger Akadc- mie der Wissenschaften Nowaja-Semlja untersucht und Steinkohlenlager entdeckt, die unter diesen Breitengraden kostbarer wie Gold sind. lieber zwei Jahrhunderte früher hatten schon die Russen begonnen, aus Landreisen das nördliche Asien zu erschließen. 1630 erreichten mit dem Eintreiben von Tribut beauftragte Kosaken vom Jenisei die Lena; 1636 verfolgte Busa dieselbe bis zur Mündung und entdeckte zwei Jahre später die Jana, während zu derselben Zeit Jwanojo bis zur Jndigirka vordrang. 1644 gelaugte Stadutschiu bis zur Kolyma, und von dieser ausgehend fuhr Deschncw 1648 in Segelbooten an der Küste nach Osten bis zur Beringsstraße und landete in der Ana- dyrbay. 1728 segelte B c r i n g, ein in russischen Diensten stehender Däne, von Kamtschatka aus an der asiatischen Küste nordwärts bis zum Kap Serdze; die östliche Begrenzung der Beringsstraße, die ame- rikanischc Küste, entdeckte erst Gwosdciv 1730. Bering segelte 1741 abermals von Ochotsk aus nach Norde», wandte sich nach Passiren der Straße ostwärts und untersuchte die amerikanische Küste bis zum 69. Grad nördlicher Breite. Früher schon, 1735, war Prontschi- tschew von Jakntsk aus au die Lenamündung gefahren und gelangte, westwärts reisend, im nächsten Jahr bis nach Kap Thaddäus unter dem 77. Grad nördlicher Breite. Ihm folgte 1739 Laptcw, der ebenfalls bis zum Kap Thaddäus und über Land westwärts bis zum Kap Taimyr kam. Auf weiteren Expeditionen umwanderte sein Steuer- mann Tschcljuskin das nach ihm benannte Kap, die nördlichste Spitze des Festlandes von Asien. Boschkin segelte 1766 durch die Karastraße »ach der Ostküste von Nowaja-Semlja und vollendete die llmschiffintg der Insel nach zweimaliger Ueberwinternng. 216- Damit war die stückweise Umschiffiing der alten Welt vom Nordkap Skandinaviens bis zum Ostkap Sibiriens an der Beringsstraße voll- endet und die Küstenaufnahme des europäischen und asiatischen Polar- festlandes durchgesührt. Jetzt handelte es sich nur um die im nörd- liehen Polarmeer zerstreut liegenden Inseln, doch auch die Lage dieser wurde festgestellt. Im Gebiet zwischen den Flüssen Lena und Jndigirka handelnd, hörte der Kaufmann Liakow von Land im Norden, sah auch Renn- thiere von dort nach dem Festland wandern und entdeckte 1770, von Swiat Christos mit Schlitten ausgehend, die nach ihm benannte Insel, drei Jahre später auch Maloi und sah noch nördlicher anderes Land, Kotelnoi. Ihm folgte 1815 Sannikow und entdeckte Fadejnoskoj; 1806 fand Sirowatskoj die Insel Neusibirien. Lieutenant Anjon. bestimmte 1823 die Lage und Größe dieser neusibirischen Inseln ge- nauer, während Wrangell 1820— 23 mit Schlitten von verschiedenen .üiistenpunkten aus über das gefrorene Meer fuhr, um im Auftrag der russischen Regierung ein sagenhaftes Land im Norden zu suchen. Seine äußerste Polhöhe von 72 Grad erreichte er unter dem 166. Grad west- licher Länge(von Greenwich) und befand sich zu weit westlich von dem später entdeckten und nach ihm benannten Land, an dessen Existenz er nicht glaubte. Der berühmte Seefahrer Cook, der im Jahre 1778 durch die Beringsstraße segelte und bis zum?(>. Grad nördlicher Breite vor- drang, sowie Kotzebue, welchen der Dichter Chamisso begleitete (1816—17), hielten von der Beringsstraße aus eine Nordwestpassage (gleichbedeutend mit einer nordöstlichen Durchfahrt von Europa aus) wegen des Eises für unausführbar. Wie große weltbewegende Erfindungen in der Regel nicht der Initiative eines Forschers zu danken sind, sondern sich als das End- rcsnltat einer langen Reihe mühevoller Untersuchungen und Experimente vieler darstellen, so bildet jede Polarexpedition nur ein Glied in der langen Kette kühner Unternehmungen, deren Schauplatz sich immer weiter ausdehnt. Hunderte von kühnen Männern mußten an den Küsten von Nowaja-Semlja zu Grunde gehen, bis es der österreichisch- ungarischen Expedition unter Führung von Wieprecht und Payer gelang, nördlich von Nowaja-Semlja um das neucntdeckte Franz- Josephslaud unter dem 82. Grad nördlicher Breite ein offenes Polar- meer zu befahren und dadurch die von dem englischen Geographen Barrow aufgestellte Hypothese einer offenen See um den Nordpol herum zu bekräftigen. Im Jahre 1872 segelte die österreichisch-unga- rische Expedition, Weyprecht und Payer, im Dampfer Tegethoff nach Nowaja-Semlja, trieb von dort mit dem Eise nach Norden und erkannte Kaiser-Franz-Jvsephs-Land als eine vergletscherte Inselgruppe von großer Ausdehnung. Um unsern Lesern eine Probe von der Großartigkeit der nordi- schen Alpenwelt zu geben, greifen wir zur Erklärung unseres Bildes, „Das Tcufelsschloß im Franz-Joscphs-Fjord"(Seite 2(13), in die an der Ostküste von Grönland(1870) gefüllte Mappe des berühmten Alpenstcigers und Polarfahrers Payer. „Wir waren," erzählt er,„in einem Kessel angelangt, dessen Ufer Felsen bildeten, wie ich sie in herrlicheren Formen und Farben noch nie gesehen hatte. Die Eigenthümlichkeitcn der alpinen Welt: ungeheuere Wände, tiefe Erosionsspalten, wilde Hochspitzcn, gewaltige und zerrissene Gletscher, tobende Abflüsse und Wassersälle, welche bei uns in so ausgezeichneter Weise nur vereinzelt vorzukommen pflegen— alle diese Bilder wilder Pracht umfaßte hier ein einziger Blick. Es ist mir noch heute erinnerlich, daß der unmittelbare Eindruck dieses von den bizarrsten und großartigsten, 1500 bis 2500 Meter hoch auf- ragenden Felsburgen umgebenen Bassins märchenhaft war. Ein kubi- scher Felskoloß streckt sich hier aus schmaler Basis als Landzunge weit hinaus in den Fjord. Unmittelbar aus dem blauen Wasserspiegel er- hebt sich diese Masse gegen 1500 Meter hoch; regelmäßige rothgelbe, schwarze und lichtere Streifen zeigen die Schichtung seines Gesteins. Die Erkern und Thürmchen ähnlichen Vorsprünge an seinen Kanten verleihen ihm eine gewisse Aehnlichkeit mit einer zerfallenen Burg. Wir nannten ihn auch daher das Teufelsschloß. Einen Anblick von nur annähernder Großartigkeit erinnere ich mich nicht jemals in den Alpen gehabt zu haben. Ein kleines Matterhorn ragt hier aus den Fluthen empor; hier entströmten einen, Gletscherthor ungeheure Wasser- »lassen, um sich über die Riesenwand herab in den unbewegten klaren Spiegel tief unten zu stürzen." Die Verhältnisse des Felsenkolosses werden uns aber erst recht klar, wenn wir auf unserer Abbildung denselben mit dem Dampfer Oer- gleichen, dessen Maschincngctöse und Kielwasserrauschen die einzigen Töne in der feierliche» Stille dieser jungfräulichen Natur waren. Aber wehe, wenn die Reifriesen losgekettet sind, wie unsere Vorfahre» zu sagen pflegte»; dann überbrüllt der Sturm die krachende Wetterschlacht 1 und die lebendig gewordenen Eisberge drücken das Schiff wie eine Nußschale zusammen. Auch Payer und Weyprecht wissen von dieser Donnersymphonie zu erzählen. Die rasenden Elemente zwangen sie, den„Tegetthos" zu' verlassen(1874). Nach einem schmierigen Rückzug von russischen Fangschiffern gerettet, kehrten sie über Norwegen in die Heimath zurück. Die mit bewundcrungswerther Ausdauer ebenso vor- trefflich als vielseitig durchgeführten Beobachtungen haben die Wissen- schast im höchsten Maß bereichert, aber die Frage über die Möglichkeit einer nordöstlichen Durchfahrt nicht gelöst.(Fortsetzung folgt.) Ein Rieseninsckt nus Neuguinea.(Bild Seite 208.) Das absonderlich gestaltete Insekt, das einem geflügelten Fernrohr nicht un- ähnlich sieht, ist ein Bewohner des tropischen Urwaldes und zwar des blätterreichen Unterholzes desselben. Nur wenige Familien der Insekten, speziell der Geradflügler(Orthopteren), dürften an originellem Habitus dieser Gespensterheuschreckc gleichkommen. Eine auffällige Kürze des ersten Körperabschnittes(?rott>orax), im Gegensatz dazu eine enorme Verlängerung des zweiten Abschnittes(Nfesotllorax) und endlich ein übermäßig langer gegliederter Hinterleib bilden die wesentlichen Charak- tere dieser Familie, welche man Phasmiden nennt. Als nächtliche, von Pflanzen sich nährende Thiere verbringen sie den Tag in träger Ruhe, dem Auge ihrer Feinde fast unkenntlich durch die frappante Aehnlich keit, welche sie mit ihrer Umgebung erkennen lassen. Mittels der An- Passung der Körperform an die jeweilig zum ständigen Ausenthalt ge- wählten Pflanzen züchtete die Natur unter den Gespensterheuschrccken höchst bizarre, oft abenteuerliche Formen. Die einen gleichen wandeln- den Blättern, insofern nicht nur der Hinterleib, sondern auch die Schenkelglieder der Beine blattartig verbreitert sind und das Netzwerk der Hinterflügel täuschend das Geäder eines trockenen Blattes nachahmt; die andern dagegen sind kaum von einem dürren Ast zu unterscheiden wegen der stabförmigen, fast knorrigen Form des Hinterleibs und der laugen dürren Beine. Die hier abgebildete Art, Koraoernua Papuana, hat ihren Namen von zwei hornartigen Auswüchsen am Kopfe erhalten. Sie ist ein wahrer Riese unter den Insekten, denn sie erreicht eine Größe von mehr als zwanzig Centimeter», und hat zwei Paar Flügel, von denen das erste Paar außerordentlich verkümmert, das zweite dagegen um so mächtiger entwickelt ist. Die drei Fußpaare sind lang, schlank und gezähnelt; dasjenige des Mittelkörpers vermag sowohl nach vor- wärts wie nach rückwärts gerade ausgestreckt zu werden und erhöht durch diese Stellung die Absonderlichkeil der Körpersorm. Leider wissen wir über die Lebens- und Ernährungsweise der Gespcnsterheuschrecken von Neuguinea ebensowenig, wie über die von ihnen mit Vorliebe be- wohnten Pflanzen. Nicht nur die Vögel, sondern auch die Mensche» stellen eifrig der Gespensterheuschrecke»ach. Die Eingeborenen von Neuguinea zerreiben die Heuschrecken, um sie als wohlschmeckenden Brei zu verspeisen. Dr. M. T. Literarische Umschau. „Die Krankheiten des Mundes und der Zähne. Populär dargestellt von Ilr. I. Wilpert, prakt. Arzt und Zahnarzt in Riga. Mit 26 in den Text gedruckten Holzschnitten." Riga, Verlag von Alexander Stida, 1379.(Preis 2 M.) Nachdem der Verfasser in der Einleitung die Zlnatomie des Mundes behandelt, über die allgemeinen Symptome der Mund- und Zahnkrankheiten Rechenschaft gegeben, serner die zweckmäßigste allgemeine BeHandlungsweise und endlich die noth- wendige Zahnpflege dargelegt hat, geht er über aus die speziellen Krankheitserscheinungen der Mundhöhle: die Entzündung, die Geschwüre und den Brand der Mundschleimhaut, die Entzündung der Zunge, die angcborne Gaumenspalte, die Entzündung der Mandeln, den Rachen- croup oder die Diphtheritis; weiterhin behandelt er die Milchzähne, das schwere Zahnen, den Zahnwechsel, verbreitet sich über die Ab- Weichlingen in der Durchbruchszeit der Zähne und in ihrer Zahl, über Stcllungs-, Form- und Substanzabweichungcn der Zähne, dann über deren?lbn»tzung und Bruch, über den Zahnstein und die Zahnsäule, über die Zerreißung der Pulpa oder des Zahnnervs, über Bildung von Zahnbeinkörpercheu in der Pulpa, über die Entzündung derselben, über das Plombiren, über Zahnpolypen, Wurzelhautentzündung, Zahn fleischentzündung und Vereiterung, über Ader und Gesäßgeschwülste, über Zahnfisteln, Kieferknochenveränderungen, Affektionen der Empsindungs- und Bewegungsnerven, veranlaßt durch Zahnleiden, und beschließt seine Ausführungen mit„einigen Bemerkungen über künstliche Zähne". Das Ganze ist so gemeinverständlich als möglich gehalten, ohne im mindesten breit zu werden oder zu wieverhole»; daher erscheint das Schriftchen durchaus geeignet, größere Volkskreise über das wichtige Gebiet der Gesundheitspflege, das es berührt, zu belehre». Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Der Geheimmittelschwindel, von Emanuel W. — Die Backhefe und ihre faule„Selbstgährung". Von Dr. H. Oidtmann, Arzt in Linnich.— Irrfahrten, von L. Rosenbcrg(Fortsetzung).— Poetische Aehrenlese: Die Schifffahrt, von Overbeck.— Forschungsfahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil(mit Illustration).— Ein Rieseninsekt aus Neuguinea(mit Illustration).— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Gcnossenschaftsbuchdruckerei in Leipzig.