M» Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postänitcr. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Pudolpl) von ZZ. (Fortsetzung.) Herr Prell verbeugte sich sehr höflich gegen den Justizrath, auf helfen Gesicht der Scharfblick des Menschenkenners eine eigen- thuinlichc Mischung von Wohlgefallen und Mißbehagen wahr- genommen haben wurde, und legte mit den Worten:„Die be- wußte volkswirthschaftliche Abhandlung— zur gefälligen Einsicht," feinen nach dem Wunsche des Chefredakteurs zugestutzten Eisen- bahnartikel aus dessen Tisch nieder. Schweder nickte freundlich und sagte, nachdem der sich sofort wieder entfernende Kollege die Thür hinter sich zugezogen hatte: �„Vielleicht interessirt es Sie, hiervon Äenntniß zu nehmen; nn Artikel über die Eisenbahnftage. Ich habe ihn ganz in dem »mne der Ausführungen halten lassen, welche ich neulich von -Fhnen zu hören das Vergnügen hatte, bester Herr Justizrath." -><"®e�r liebenswürdig, verehrter Freund. Will ihn in der That'mal flüchtig durchsehen, wenn Sie erlauben." Er nahm den Papierbandwurm und las hier und da ein paar �orte.„Das scheint ja eine ganz vorzügliche Arbeit. Folgende stelle trifft den Nagel auf den Kopf:.Demgemäß können gar- nicht Eisenbahnen genug gebaut werden. Es ist gradezu Thor- heit zu behaupten, das Bedürfniß nach einer Eisenbahnverbindung w dem Landcsthcile, welchen die Eisenbahn bestreicht, oder wenigstens an den Ausgangspunkten derselben, müsse sich gezeigt c�e �efe'bc gebaut werden dürfe. Diese Behauptung beweist •cht mehr und nicht weniger, als den krassesten Mangel an .,°.�wrthschastlichen Kenntnissen. Eher nämlich ist das Gegen- >,*. f�be» richtig. Je weniger ein Landstrich das Bedürfniß u�ch einer Eisenbahn fühlt, desto rascher sollte er mit einer solchen jc�ßnet werden— ja gesegnet, denn dem Genius der modernen -�anipfbesörderung folgt die Allernährerin Industrie mit ihrem norf. ta•®ef0'9e von Handel und Wandel auf dem Fuße em' �'ne �•wnbahn bauen da, wo gar kein Bedürfniß danach >»p,unden wird, heißt also nichts weniger, als aus einer armen 'Segend eine reiche machen.' Wirklich famos, ganz famos," unterbrach sich der Justizrath höchlich entzückt in seinem Bor- 'len,„wenn auch etwas stark. Aus einer armen Gegend eine reiche machen— wenn der Schreiber des Artikels diesen Gedanken selbst geboren hätte, so hätte er verdient——" »Eisenbahnkönig zu werden," ergänzte Schweder den Justiz- •WH, der sich sofort wieder in die Lektüre der interessanten Arbeit "wiest haste. „Wenigstens von einem Eisenbahnkönige königlich belohnt zu werden__« „Und von den armen Bewohnern der so im Handumdrehen reich gemachten Gegenden, sowie von den rcspektiven EiscnbaHn- aktionären nicht?" fragte der Chefredakteur Schwedcr, während es wieder wie ein Spottlächeln über sein Gesicht zuckte. Der Justizrath schaute unangenehm berührt auf. „Die Bewohner der Gegenden und— die— Aktionäre," sagte er langsam und sein Gegenüber prüfenden Blickes an- schauend.„Nun, natürlich, bester Freund, die erst recht. Ich denke, wir verstehen uns?" „Sicherlich, sicherlich, mein bester Herr Justizrath. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß man— wenn man Zeitungs- redaktcur ist, wie ich gegenwärtig,— immer zuerst und eigentlich ausschließlich an den Nutzen des Publikums denkt, des biederen Publikums, das ja die edle Dreistigkeit besitzt, zu verlangen, daß jedermanns Dichten und Trachten sich ausschließlich auf sein Wohl richte." Der Justizrath lachte.„In der That, wir verstehen uns ganz. Sie fassen ihre Ausgabe mit allem Geiste und Humore, den man von einem sterblichen Menschen nur verlangen kann. Das ist mir sympathisch, ungeheuer sympathisch. Ich will Ihnen gleich einen kleinen Beweis geben. Wollen Sie auf eine bequeme Weise Rittergutsbesitzer werden, bester Freund Schweder? Ich glaube, Sie sprachen gelegentlich einmal davon, Sie wollten Sich, wenn es sich gut schicke, ankaufen?" „Ich entsinne mich zwar nicht, davon gesprochen zu haben," erwiderte Schweder.„Aber vielleicht wäre ich nicht abgeneigt—" „Freut mich, freut mich. Ich besitze, wie Sie wissen, schon seit längerer Zeit einige Rittergüter. Es war ftüher förmlich. Passion von mir, mein bischen Vermögen in Güterkäufen an- zulegen. Indessen, ich fange schließlich doch an, alt zu werden, und die Geschichte ist inir über den Kopf gewachsen. Darum habe ich in den letzten Jahren nichts hinzugekauft, vielmehr zu verkaufen angefangen." „Ich entsinne mich," nickte Schweder.„Kurz ehe vor un- gefähr anderthalb Jahren der Bahnbau nach Oberbergstadt ans- genommen wurde, veräußerten Sie ein oder zwei Güter, deren Terrain nun die Bahnlinie durchschneidet." „Ganz richtig. Ich verkaufte damals beinahe mit Verlust, wenigstens ohne allen nenncnswerthcn Profit, und beeilte mich mit dem Verkaufe so sehr als möglich, weil ich es nicht sein wollte, mit dem die Direktion unserer Bahn in Unterhandlung wegen des zum Bahnbau nöthigcn Gnind und Bodens hätte treten müssen." 3»druar 18(10. „War nicht der Käufer ein Verwandter des Baumeisters Waldstein?" warf Schweder fragend hin. Der Justizrath mußte ihm wieder scharf ins Gesicht schauen. „Ich sehe, Sie haben Sich damals schon sehr für derlei An- gelegenheiten interessirt, bester Freund Schwcder. Und wie alles an Ihnen ausgezeichnet ist, so ist es auch das Gedächtniß." Schweder neigte freundlich lächelnd das Haupt. „Nun also, um es kurz zu niachen," fuhr der Justizrath fort; „es wäre mir angenehm, wenn ich Ihnen grade durch den Ver- kauf eines brillanten kleinen Rittergutes einen Freundschaftsdienst erweisen könnte. Das Gut liegt im Gebirge, drei Meilen hinter Oberbergstadt, und ich würde mit einer Anzahlung von zehn- tausend Thaler zufrieden sein. Ich bin offen, wie es meine Art ist. Schlagen Sie ein, Freund Schweder?" Schweder schlug zivar ein in die dargereichte Hand,' aher das brillante kleine Rittergut nahm er doch nicht so ohne iveiteres an. „Ich erlaube mir zunächst, für Ihr so überaus liebcns- würdiges und ächt frenndschaftliches Anerbieten meinen wärmsten Dank auszusprechen. Und ich würde ganz ohne weiteres dasselbe acccptiren, wenn ich nicht ein Bedenken hätte, bezüglich dessen ich Sie, verehrtester Herr, erst um Ihren Rath bitten muß." „Mit Vergnügen ertheile ich Ihnen denselben, mit Vergnügen." „Ich weiß nicht recht, ob es nicht einen Schatten auf den Respekt werfen könnte, welchen die Welt vor unserer Noblesse hat, vor der meinen und auch vor Ihrer, ja in viel weiteren Kreisen bekannten und anerkannten Noblesse, bester Herr Justiz- rath, wenn für den Fall, daß das Projekt des Weiterbaues der Bahn von hier über Obcrbergstadt zur Verwirklichung gelangt, ich der Besitzer von Grund- und Bodenstreckcn w&e, welche die Bahn möglicherweise brauchen wird und welche Sie, dessen für mich so ungemein schätzenswerthe Freundschaft nichts weniger als ein Geheimniß ist, vor mir besessen hätten." Den schlauen Juristen überschlich beinahe ein Gefühl der Verlegenheit und das ärgerte ihn. „Sie sind in der That außerordentlich gewissenhaft und— vorsichtig. Und das weiß ich zu ehren. Wenn Sie den Handel also für inopportun halten, eti dien, so reden wir nicht weiter davon!" „Wenn ich nun aber," fuhr Schweder unbeirrt fort, ,;zum Beweise, daß ich die Motive Ihres Vorschlags auf das beste zu würdigen weiß, und gewissermaßen zum Danke für dieselben Ihnen nicht mich, sondern einen anderen als Käufer präsentire?" Auf des Justizraths grau in grau gefaßtem Antlitz weiter- leuchtete der wiederkehrende Humor. „So würde ich den von meinem Freunde Schweder präsen- tirten Käufer fast ebenso gern acccptiren, als ihn selber." Das schöne Einverständniß zwischen den beiden Herren war wieder hergestellt. Sie schüttelten sich die Hand und der Justiz- rath erhob sich zum Gehen. Er versprach nur noch im Laufe des Tages einen politischen Artikel über die Stellung und Pflichten der deutschen Kleinstaaten zu den durch die.Reichseinigung noth- wendig gewordenen Reformen zu senden und verabschiedete sich dann. Endlich hatte der Chefredakteur wieder Zeit, sich mit den Zeitungen und Korrespondenzen zu befassen. Er strich noch einige bemerkenswerthc Aufsätze an, bezeichnete einen großen Artikel einer aus der Reichshauptstadt in alle Ecken und Winkel des deutschen Reiches den Honig ihrer Weisheit hinaustragenden autographirten Korrespondenz als Leitartikel für die nächste Nummer und berief dann die Kollegen Prell und Hampel zu einer kurzen Besprechung und zu endgültiger Vertheilung der Arbeiten. Darauf begab er sich, mit den Leistungen und Ereignissen des ersten Tages seiner ordnungsmäßigen Redaktionsthätigkcit so ziemlich zustieden, auf den Weg nach dem Restaurant Wein- hold, um das wohlverdiente solenne Frühstück zu sich zu nehmen. Er fühlte einen ungewöhnlichen Appetit und hatte es darum eiliger als gewöhnlich. Darum wählte er den nächsten Weg, der ihn durch ein paar enge Gassen führte, die er sonst nicht zu de- treten pflegte. Mitten in einer derselben fesselte ein Ladenschild plötzlich seine Aufmerksamkeit. „Tabak- und Cigarrenhandlung von R. E. Willisch," las er.—„Ah, also hier. Nun, da will ich doch einmal sehen, wie es ihm geht. Brauchbarer und zuverlässiger Mensch— das muß man ihm lassen." Er trat ein. Hinter einem Pulte dicht an dem kleinen Schaufenster des gleichfalls winzig kleinen Ladens stand der ehemalige Dienstmann Willisch und gleichzeitige Psendo-Cigarrenrcisende Schneider. Er sah recht anständig aus, der Dienstmann außer Diensten. Den dichten Vollbart hatte er nicht wieder wachsen lassen, dafür war der Schnurrbart sorgfältig gepflegt und reichte in zwei langen Enden beinahe bis auf die Schultern. Dabei war sein Anzug sorglich gewählt, besonders die Wäsche von großer Sauberkeit, und seine Nase zierte ein Klemmer, der seinem gescheiten Gesicht einen aus Gelehrsamkeit, Noblesse und Arroganz gemischten, dem Spießbürger- Publikum zumeist höchlichst imponirendeu Anstrich gab. „Teufel auch, Willisch," rief Schweder, als er seinen Lieb- lingsdienstmann gravitätisch mit der Feder hinter dem Ohr über ein Geschäftsbuch gebückt dastehen sah.„Sie haben Sich famos gemausert, das muß Ihnen der Neid lassen. Ihr Laden ist nur zu klein für Ihre Eleganz." „Ah, willkommen, gnädiger Herr." „Lassen Sie das," sagte Schweder in herablassender Gemüth lichkeit.„Die Reminiscenzen aus Ihrer Dienstmannsvergangen heit dürfen Sie in Ihrem neuen Berufe nicht wach rufen." „Nun, es kann mir das nur sehr wenig schaden," entgegnete Willisch, dessen äußerst mißvergnügtes Gesicht Schweder erst jetzt auffiel.„Es wird nicht lange danern, da werde ich ohnehin den neuen Beruf wieder an den Nagel hängen und die Bluse an- ziehen müssen." „Holla— das wäre ein kurzer Traum gewesen vom Jndie höhekommen, mein Lieber. Aber warum rückwärts?" „Weil das Geschäft nicht geht— ganz einfach, leider ganz einfach das! Ich habe zwölf Mark Tagesspesen und verdiene im Durchschnitt nicht mehr als fünf, kann also demnächst die Bude schließen." „Hm," machte Schweder.„Es wäre schade, wenn Sie bei Ihren gar nicht üblen Anlagen es nicht weiter bringen sollten, als zum Dienstmann." Schweder klopfte sich nachdenklich mit dem vergoldeten Knopf seines Fischbeinstockes an die Stirn. Plötzlich hellten sich seine Züge auf; ein lustiges Lächeln zuckte ihm um die Mundwinkel. „Haben Sie Lust, Rittergutsbesitzer zu werden, Willisch?" „Sie scherzen, gnädiger Herr." „Lassen Sie den gnädigen Herrn beiseite, sage ich Ihnen noch einmal, Willisch. Sie werden doch nicht wieder Dienst mann, dafür soll gesorgt werden. Antworten Sie mir! Ich frage in allem Ernste: Wollen Sie Rittergutsbesitzer werden?" Willisch schaute dem Frager so verwundert ins Gesicht, als ob er an dessen Zurechnungsfähigkeit zweifle. Dann, als er das noch immer um Schweders Lippen spielende Lächeln bemerkte, lachte er laut auf und sagte: „Na ob ich Lust habe! Ich bin auch ganz der Mann dazu. Wenigstens wenns mit einem Anlagekapital von zehn Thalern gethan ist!" „Das nicht, aber zehntausend Thaler werden Sie anzahlen," erwiderte Schweder kaltblütig. „Wenn sie mir mein Gönner, der reiche Herr Schweder, schenkt die zehntausend Thaler— warum nicht?" „Schütteln Sie den Dienstmann ab, Willisch. Ein Mensch, der im Begriff steht, sich ein Rittergut zu kaufen, läßt sich nichts schenken. Aber leihen- kann er sich, soviel er geliehen erhält. Ich leihe Ihnen also die zehntausend Thaler. Dieselben werden als Hypothek auf das Gut eingetragen und die Sache ist gemacht." Willisch faßte sich an den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht,— es kann ja doch nur Scherz sein--" _„Zum Scherzen habe ich weder Lust noch Zeit. Nehmen Sie einen Briefbogen Willisch und schreiben Sie, was ich Ihnen diktire." Willisch nahm mit höchst verdutztem Gesicht die Feder hinter dem Ohre vor und legte sich mit der linken Hand einen großen Briefbogen zurecht. „Ich bin bereit— zu allem. Zu verlieren habe ich jedenfalls nichts." „Desto mehr zu gewinnen. Daß ich» nicht schlecht mit Ihnen meine, wissen Sie. Willisch. Also los: -»Sehr geehrter Herr. Bon Herrn Schweder benachrichtigt, daß Sie für ein in der Nähe von Oberbergstadt gelegenes kleineres Rittergut eine» Käufer suchen, erlaube ich mir, Ihnen mitzutheilen, daß ich eventuell geneigt wäre, einen derartigen Kauf abzuschließen. - 219- Herr Schweder wird die Freundlichkeit haben, in ineillem Namen„Gleich, nachdem die reizende Laura nach dem Hammel ge- die nöthigen Verhandlungen zu führen. seufzt, auf der dritten Spalte der zweiten Seite, auf der letzten Hochachtungsvoll ergebenst, Zeile geht's weiter: ,Die Nachtigall ließ ihre melodische Liebes- Willisch, Kaufmann. klage ertönen und'-- nun hört, hört," unterbrach sich Därmig, Adresse: Sr. Hochwohlgeboren Herrn Justizrath Wichtcl, hier, um die Neugierde derjenigen, welche den„Tagcskorrespondenten" Ritter hoher Orden/ So, und nun iverfen Sie den Brief in noch nicht selbst gelesen hatten, auf das höchste anzuspannen, den nächsten Briefkasten und holen Sich in drei oder vier Tagen.„hört, hört— die Nachtigall ließ also ihre Licbesklage ertönen auf meiner Redaktion, wo ich täglich von 9 bis 11 Uhr vor- und—, griff nach Hut und Stock, um auf der Stelle den schweren mittags zu sprechen bin, die Besitzurkuude und weitere Mit- Gang zu dem Arzte zu unternehmen/" thcilungen. Uebrigens brauchen Sie nicht zu glauben, daß ich Das Gelächter, welches diesem letzten Theil der därmig'schen in uneigennützigem Wohlthun mich für Sie aufopfere. Sie sollen Vorlesung folgte, übertraf an erschütternder Gewalt fast noch das dabei Ihre Rechnung finden, ich will es aber auch. Wie das von vorher. geschehen wird, sollen Sie hören. Ich würde allerdings auch„Das ist ja kostbar, unbezahlbar. Die Nachtigall mit Hut andere Leute zu diesem Geschäft gefunden haben, als Sie, aber und Stock zum Arzt gehend. Na, da hat der Christlieb sich selbst ich weiß, daß man sich auf Ihren Verstand und, was für mich übertroficn, so ein brillanter Unsinn ist wohl noch keinem von in diesem Falle besonders werthvoll ist, auch auf Ihre Vcr- uns gelungen." schiviegeuheit verlassen kann. Vorläufig zu keinem Menschen ein Dem Setzer Christlieb mochte die Sache selbst bedenklich vor- Wort. Ihr Cigarrengeschäft verkaufe» oder liquidiren Sie, aber gekommen sein. Denn er war sofort zu Därmig hingesprungen sofort und in einer Ihren Ruf nicht schädigenden Weise. Wenn und hatte in's Blatt hineingeschaut, um sich zu'überzeugen, ob Sie dazu einiges Geld brauche», so kommen Sie zu mir. Und wirklich darin stände, was Därmig gelesen. nun Adieu. Ich habe einen tollen Appetit auf Sherry und„Falsch umbrochen, weiter nichts, geht mich garnichts an. Kaviar." Auf die dritte Spalte der zweiten Seite folgt die zweite, nein— Willisch stand noch immer wie angedonnert hinter seinem die dritte Spalte der dritten Seite. Na, das ist freilich gescheit; Pulte, als Schwedcr schon längst fort war. Dann überlas er Herr Metteur Packert, was sagen Sie denn dazu?" Christlieb sich ein-, zwei-, dreimal den noch offen vor ihm liegenden Brief ging befriedigt auf seinen Platz. und schüttelte immer wieder von neuem den Kopf. Packert, der dem ganzen Spektakel ohne ein Wort drein- „Ein räthselhafter Mensch, dieser Herr Schweder," sprach er zureden zugehört, hatte endlich auch nach dem Ercmplar der dann vor sich hin.„Nun, mir kann's recht fein. Ich bin bisher neuesten Nummer des„TageSkorrcspondenten" gegriffen, welche immer gut gefahren, wenn ich gethan habe, was er gewollt hat. er auf dem Fensterbrett, an dem er stand, unter einein großen Warum sollte ich auch nicht Rittergutsbesitzer werden können— Bierglase deponirt hatte. daß ich Dienstmann werden sollte, wurde mir auch nicht an der„Himiuelkreuzdonnerwettcr," fluchte er jetzt los.„Das kommt Wiege gesungen." von der niederträchtigen Hetzerei init so einem Tageblatt, da *** möchte der Teufel Metteur sein. Und die Korrektur, die so'n neugebackener Redakteur, so'u davongelaufener Schulmeister liest, Am Nachmittage des folgenden Tages herrschte im Setzer- das ist'n wahrer Skandal, ene Schande für die Menschheit, so saale von Gandersberg und Kompagnie große Heiterkeit. Die am einer merkt natürlich garnichts, und wenn mau ihm auch en Morgen erschienene dritte Nummer des„Tageskorrespoudenten" Kirchenlied au die Stelle des Leitartikels setzte...." war von mehreren Setzern in der Mittagsstunde gelesen und so Die Heiterkeit in der Druckerei war auf den denkbar höchsten interessant gefunden worden, daß Därmig jetzt, die zeitweilige Gipfel gestiegen, und es war wirklich Zeit, daß der Faktor Weber Abwesenheit des Faktors benutzend, eine ganze Reihe von Stellen aus den, Contor, wohin er gerufen worden war, zurückkehrte. daraus mit großem Pathos vortrug. Nicht der Respekt vor dem Faktor, Iveit mehr die Neugierde, „Hier, ah, das ist das Beste— welcher geistreiche Jüngling was er diesmal hinter den Falten seines allezeit bedenklichen hat den Roman gesetzt? Unser gemeinschaftlicher Freund Christlicb Antlitzes zu verbergen hätte, brachte einige Ruhe in den tobenden dacht' ich niir's doch— der ist mir immer so vorgekommen, Sturm des allgemeinen Vergnügens. wie ein großer deusschcr Humorist. Aber das hätte ich ihm doch„Na, das ist eine schöne Geschichte," begann der Faktor, nicht zugetraut, dieses tiefe Gefühl—" dessen Mund allezeit sofort von dem überlief, wess' sein Herz „Lesen, lesen!" rief es von allen Seiten. voll war.„Das ist ja im ganzen Leben noch nicht dagewesen. Nach einigem Sperren begann Därmig: So'ne Blamage für die Druckerei— die ganze dritte Nummer „Die blondlockige Laura saß am Fenster und blickte hinaus des, Tageskorrespondenten' wimmelt von Druckfehlern und noch die Stacht. Ein Seufzer hob ihren Busen; sie dachte an dazu von den fürchterlichsten, die ich je in meinem ganzen Buch- Rodcrich. Hammel, seufzte sie, wie bist du so grausam--" druckcrleben gesehen habe." Eni donnerndes Gelächter unterbrach' ihn.„Blamage für die Druckerei— oho!— das wäre," riefen „Famos, ausgezeichnet... Hammel, seufzte sie. Christlieb, die Setzer.„Wozu ist denn die Korrektur da. Der Korrektor das ist der beste Witz, der im Leben gemacht worden ist," jubelten ist verantivortlich für das und höchstens noch für Fehler im Um- die Setzer.- brechen der Metteur." „Es ist aber doch eigentlich frivol," meinte Tärniig im Pastor- Packert wurde kirschroth vor Wuth und donnerte eine Fluth wn.„Aus dem Himmel einen Hammel machen." � von ungeheuerlichen Fluchkompositionen in den Setzersaal hinein. Christlieb, der den Setzwitz auf dem Gewissen hatte, schien Gelächter, Zurufe erheuchelten Mitgefühls oder unvcrhnlltcn Spottes durchaus darüber nicht betrübt zu sein. antworteten ihm. Es blieb den, Faktor Weber nichts übrig, als .»Ich denke, der hochnäsige Herr Chefredakteur wird allmählich seiner Gewohnheit zuwider energisch auf Ruhe zu dringen. ansehen lernen, daß das Korrekturenlesen doch nicht von dem„Jeden Äugenblick kann der Chef hier sein," versicherte er. ersten besten nur so nebenbei gemacht werden kann. Ich war„Er will sich persönlich erkundigen,>ver die meiste Schuld an �orgestcnl nämlich grade im Contor, als der Herr Schweder dem Skandal und der verpfuschten Nummer trägt. Er war erklärte, die Redaktion werde fortan die Korrektur ganz allein fürchterlich aufgebracht, und der Chefredakteur, der Herr Schwedcr, lesen. Herr Hampel habe vollkommen Zeit dazu und werde eine war bei ihm und der zuckte immerfort verächtlich die Achseln und derartige untergeordnete Arbeit natürlich sehr gut leisten können." fixirte mich durch seliien Zwicker, wie einen Schuljungen oder „Aha. und dahat unser Freund Christlieb ein wenig strafende Rekruten, und sagte, er müsse darauf bestehen, daß alle, deren Vorsehung gespielt und aus dem Himmel einen Hammel gemacht, Böswilligkeit oder Leichtstnn die Druckfehler dieser Schandnummer um die Herren von der Redaktion für ihre beleidigende Gering- veranlaßt habe, ohne alles Weitere entlassen würden, und er schätzung der Korrektorthätigkeit zu bestrafen," rief Därmig. würde un.Tageskorrespondenten' von dieser nicht niehr ivie �„Na. ich dächte, besagter Hammel wäre nicht der einzige billigen Itrasinaßregel ohne Verzug dem Publikum Mittheilung Gehfehler in dieser Nummer," entgegnete Christlieb.„Und im wachen/', Ronian, den ich gesetzt Hab', sind noch lange nicht die meisten." Packert und Christlieb tchien es gar nicht mehr so wohl zu „Aber die genialsten. Hört nur weiter." Därmig hatte weiter Muthe zu sein, als kurz zuvor. �Packert grunzte nur noch er- Gelesen und mußte wieder auf einen sehr iuteressanten Bock ge- bittert, aber doch recht kleinlaut, vor sich hin. Christlieb wollte kommen sein denn er ivieherte förmlich vor Lachen. flugs hinunter ins Kontor-- da that sich die Thür auf und „Na, drauf vorlesen'" riefen die Kollegen. es traten der Chefredakteur Schweder in Begleitung des eigent- lichen Chefs der Firma Gandersberg und Kompagnie, des jungen Gandersberg, und Fritz Lauters herein. Der Buchdruckereibesitzer fragte nach dem Metteur. Packert unterdrückte mit Mühe einen Kernfluch und trat, mit einem Ge- ficht, wie ein gereizter Bullenbeißer, ein paar Schritte vor. Der Faktor Weber schob sich eiligst da- zwischen. Es war ihm zwar nicht entgangen, daß Packcrts Löwcnstim- mung keineswegs ungetrübt geblieben war, aber er kannte den Mann zu ge- nau, um nicht zu wissen, daß er in der Wuth,— eigentlich sein gewöhnlicher Gemüthszustand,— zu allem fähig war. Und er wußte ferner, daß er im Grunde ein ehrlicher Kerl war, den er nur sehr ungern dem fatalen Schicksale der Entlassung hätte anheimfallen sehen. Grade Packert fand schwerer anderweitige Arbeit, als jeder andere, weil er durch seine Grobheit in allen Druckereien der Stadt berüchtigt war, und noch zum Wanderstabe zu greifen, dazu war er zu alt, und Familie hatte er auch, die ihn wohl oder übel an die Scholle fesselte. Er trat also mit der Schildmütze in der Hand auf seinen Prinzipal zu und sagte in fast bittendem Tone zu diesem: „Ich kann nur wiederholen, Herr Gandersberg, was ich schon im Contor gesagt habe, und was Sie ja als praktischer Buchdruckerprinzipal wenig- stens ebenso gut wissen, als ich, die Verantwortung für die Druckfehler in einer Zeitung, deren Herstellung ja die Druckerei immer in der größten Eile zu besorgen hat, fällt auf den Kor- rektor und niemanden anders. Der Metteur Packert war gestern so mit Arbeit überladen, die Korrekturen kamen so spät nach der Druckerei zurück, ge- nug, alle Arbeit drängte jich so ans eine ganz kurze Zeit zusammen, daß es wirklich kein Wunder ist, wenn die größten Fehler geschehen sind." Herr Gandersberg nickte seinem Faktor freundlich zu. Der Aerger, den dieser bei ihm bemerkt hatte, war offen- bar zum größten Theile verflogen. „Ich kann nur die Behauptungen meines Faktors unterstützen und muß die Veranttvortlichkeit ini Namen der Druckerei ablehnen. Wer ist für die Druckfehler, welche in den übrigen Drucksachen vorkommen, die aus nici- ner Offizin hervorgehen, verantwort- lich, Herr Lauter?" Frih Lauter, der bisher bescheiden im Hintergrunde stehend zugehört hatte, antwortete ruhig und mit einer sehr entschieden, und dabei eigenthümlich wohlklingenden Stimme:„Der Korrek- lor, niemand anders— also ich." Herr Gandersberg nickte. Ter Chefredakteur Schweder zuckte, wie s» oft sonst, die Achseln. „Und Sie glauben auch nicht, daß auf irgend einer Seite Böswilligkeit im Spiele ist? Es ist doch kaum glaublich, daß ein volles Dutzend der lächerlichsten Druckfehler— wenn cS nicht mehr sind!— alle infolge pure» Zufalls in einer einzigen Nummer sich ein Rendezvous geben." „Tie Herstellung einer größerem . täglich erscheinenden Zeitung muß � .yals über Kopf erfolgen, daß nichts Derartiges unmöglich w- Zumal wenn sich Redaktion und Druckerei noch nicht völlig mit einander eingearbeitet haben und wenn, ich bin ganz offen, die Korrektur mangelhaft ist." (Fortsetzung folgt.) 222 Der GeheimmMelschwindel. Von Kman»tek W. (Fortsetzung.) Die Zahl der Mundspülwasser und Zahnseifen ist Legion, über den Werth solcher Mittel haben wir uns schon oben aus- gesprochen, und wollen wir hier nur die größten Marktschreier herausgreifen. Da ist vor allem das Anatherin-Mnndwasscr von I. M. Popp in Wien, welches aus einer Abkochung von Sandelholz, Gnajakholz, Myrrhe, Nelken, Zimmet, sowie ans Nelkenöl, Zimmtöl, Alkohol und Rosenwasser zusammengesetzt ist. Das nach dem Erlöschen des Privilegiums veröffentlichte Origi- nalrezept lautet aber etwas anders als obige von Hager angc- gebenc'Analyse: 1 Loth Myrrhe, 4 Loth Gnajakholz, 1 Loth Salpeter werden mit 2 Maß Kornbranntwein und 3 Maß Löfielkrautspiritus eine Nacht hindurch maverirt, dann aus einer Blase 4 Maß davon abdestillirt, m diesen 1 Loth Gartenraute, 1 Loth Löffelkraut, 1 Loth Roscnblätter, 1 Loth schwarzer Senf, 1 Loth Meerrettig, 1 Loth Bertramwurzel, 1 Loth Chinarinde, l Loth Bärlappkraut, 1 Loth Salbei, 1 Loth Betiverwurzel, 1 Loth Alkaunawurzel 14 Tage lang digerirt, nach dem Filtri- ren jedem Pfunde'/« Loth Salpcterätherweingeist zugesetzt. Witt- stein gibt an, daß ein 6 Loth enthaltendes Glas 3 Mk. kostet, aber kaum den sechsten Theil davon Werth ist. In dieser Ab- kochung so mannichfacher Pflanzensäftc steckt ein gutes Stück mittelalterlicher Medizin. Ebenso komplizirt zusammengesetzt ist das Mundwasser von I. Pohlmann in Wien; das von H. Thiel in Berlin enthält Krausemünze, Salbei und Sandel- holz, das von Fr. Bier in Wien besteht ans Pfeffermünzöl und Melissenblättcrabkochung. Die Mund und Zahn-Essenz von A. Ott in Augsburg ist weiter nichts als eine Auflösung von Krauseminzöl in Spiritus. Von Zahnseifen sei erwähnt die Pasta von A. H. A. Bergmann in Waldheim, welche etwas Pseffermünzöl enthält, die von Pfeffermann in Wien, welche aus Schlemmkreide, Austerschaleiy Florentiner Lack und Pfeffer- münzöl, sowie Tragantschleim zusammengemischt ist, nnd die Aromatische Zahn-Pasta von Dr. Suinde de Boutemard in Rhein sberg, die Oelseife, Stärkemehl, Kngellack, kohlen- sauren Kalk, schwefelsauren Kalk, Bimstein und Pfeffermünzöl enthält. Von Zahnpulvern sind die sogen. Chinesischen sehr verbreitet, dieselben sind nichts als sehr fcingeriebener Bim stein, der wegen seiner Härte nnd Rauheit den Zähnen bei wie derholtem Gebrauche höchst schädlich wird. Das Myrrhine von I. B- George in Paris enthält Glycerin, Myrrhe, Ar- rowroot(Stärke aus der amerikanischen Pfeifwnrzel), Kreide und Zimmtöl, kostet 4 Mk. und ist 20—30 Pf. Werth. Daß die Ge- Heimmittelfabrikanten weniger ans die Gesundheit ihrer Mitmen- schen als aus deren Geldbeutel Rücksicht nehmen, wird aus den angeführten Proben ersichtlich sein. Mitunter sind dieselben so- gar so gewissenlos, schädliche nnd giftige Substanzen unter verlockenden Anpreisungen ansznbieten. Wir warnen vor dem Zahn- amalgam zum Ausfüllen hohler Zähnch welcher ans Queck- silber und Kupfer besteht. An Häufigkeit der Verbreitung den Zahnmitteln entsprechend sind die Mixturen zum Färben der Haare nnd zur Stärkung des Haarwuchses. Auch hier begegnen wir in der Presse tagtäglich der gar manchem sehr angenehmen Anzeige: Keine grauen Haare mehr. Bei starkem Gebrauch wird auch sicherlich die versprochene Wirkung nicht ausbleiben: der Versertiger dieses Heilmittels wird dann so viel verdienen, daß er sich keine grauen Haare mehr wachsen zu lassen braucht. Im übrigen werden wir den Haar- leidenden und Kahlköpfigen auch hier manche Hoffnung zu Nichte machen müssen: in den meisten Fällen läßt sich die verschwundene Zierde des Hauptes nicht mehr in alter Pracht und Herrlichkeit hervorzaubern. Das Ergrauen der Haare wie das Ausfallen derselben wird durch Erkrankung des Gesammtorganismus oder der Kopfhaut allein bedingt. Besonders häufig tritt Haarschivund' nach Typhus und Pocken, auch nach dem Wochenbettfieber auf. Die Störungen, welche die Ernährung der Haarwurzeln bcein- trächtigen, können oft durch Kräftigung der Kopfhaut beseitigt werden nnd sind laue Waschungen, Frottiren der Kopfhaut mit iveichem Flanell von gutem Erfolge. Mitunter aber wird die Haarkrankheit durch einen Pilz, Trlcboplüton tonsurans, veranlaßt, der mit seinen Fäden entweder in den Haarbalg eindringt, diesen zerstört nnd das Haar zum Ausfallen bringt/ es zeigen sich alsdann zivifchen sonst behaarten Stellen kahle Flecke; oder der Pilz dringt in den Haarschaft ein und bewirkt, daß dieser über der Kopfhaut abbricht, so daß dieselbe wie soeben kurz geschoren aussieht. In diesem Falle muß vor allen Dingen der gefährliche Schmarotzer beseitigt werden. Mittel zur Erzeugung verschwundenen Haarwuchses können also, wenn die Kopfhaut noch gesund ist, auch Erfolge haben, nicht als ob sie im Stande wären, die verschwundenen Lebensfunktionen derselben chicder ber- vorzubringen, sondern nur indem sie die unterdrückten wieder kräftigen. Eine schwach reizende Pommade, die vielleicht etivas chininhaltig ist, wird ein Arzt wohl anrathen; ein solcher ist aber stets um Rath zu fragen, denn, wie wir gleich sehen werden, gibt es der angepriesenen Mittel eine ganze Menge, dieselben sind aber thcils nichtsnutzig, theils schädlich. Die H a a r- K o n s e r v i r u n g s- P o m in a d e von Dr. I. Brown in Wien ist mit Pt)rogallussänrc und Kalilauge schwarzgefärbte Pommade. 50 gr. kosten 4 Mk., Materialwerth 50 Pf. Das Haarerzengungsmittel von Morny ist nach Hager und Jakobsen eine mit Essig versetzte, aufgekochte und mit Eau de Cologne parfümirte Bierwürze. Tie 95 gr. enthaltende Flasche kostet 3 Mk., Materialwerth 10 Pf., medizinischer Werth gleich Null. Die Haarerzeugungstinktur von Kneifet in Dresden ist ein Gemisch von Chinatinktur, hoffmannschem Lcbensbalsam(einer Auflösung ätherischer Oele in Spiritus) und Zwiebelsaft. Das 32 gr. enthaltende Glas kostet 1 Mk., Material- werth 30 Pf. Der Haarbalsam von Wakerson in London enthält Koloquinthen nnd Spanischen-Fliegenextrakt. Die 3 Loth enthaltende Weißblcchschachtel kostet 3 Mk., ist aber um den vierten Theil dieses Preises ans jeder Apotheke zu beziehen. Außerdem ist der Balsam schädlich, da die Spanischen Fliegen reizend wirken und die etwa noch vorhandenen Haarivurzeln zerstören. Eine ähnliche Zusammensetzung hat das Glyko- blastol von Kletzinsky in Wien. Noch nichtswürdiger ist das Haarwasser des Dr. Sachs, bereitet von Gilbert in Berlin.(Auch unter dem Lau ckn docteur Sachs). Dasselbe soll die behaarte Haut vor allen schädlichen Einflüssen schützen, die Haare in kürzester Zeit wieder hervorrufen, ihr Weißwerden verhindern und die Haut stets rein nnd gesund erhalten. Hager fand, daß es eine Lösung von Pikrotoxin und Ricinusöl in Alkohol ist. Dieses Mittel hatte, wie Wittstein angibt, nach drei- tägiger Anwendung bei einem Herrn einen bedeutenden Hantans- schlag auf der Kopfhaut nnd eine starke Angenentzündung her- vorgerufen.(Pikrotoxin ist ein heftiges Gift, welches ans den Kokkelskörnern bereitet wird.) Ohne Werth ist das Mittel zur Beförderung des Haarwuchses von Edm. Bühligen in Leipzig, daß nach Schädlcr aus Arnikablüthentinktur, Glycerin, Spiritus und Waffer besteht, KMk. kostet, aber nur 20 Pf. Material- werth besitzt. Die Haarwnchssalbe von Apotheker O. Selle in Zach au ist nicht ganz werthlos, sie besteht, wie Hager und Jakobsen angeben aus Wachssalbe mit Chinarindenextrakt nebst etwas Katechutinktur und Perubalsam, ihr Verkaussprcis, 3'/, Mk., ist aber dreimal zu hoch. Und nun gar die Barterzeugungsmittel.„Nur, wer die Sehn- sucht kennt, weiß was er leidet", der arme Jüngling, an dessen spiegelglatten Wangen und Kinn auch nicht das' kleinste Härchen Hoffnung verheißend hervorsprießcn will. Wie sollte er nicht 1 Mark wagen für das„unstreitig sicherste Mittel, binnen kürzester Zeit bei selbst noch jungen Leuten einen starken nnd kräftigen Bartwuchs hervorzurufen. Für den sicheren Erfolg qarantirt der Erfinder Bergmann in Rochlitz." Diese„Barterzeugungs- Tinktur" ist nach Wittstein der spirituöse Auszug irgend einer beliebigeil Bauinrinde, versetzt mit ein wenig Rosmarin- und Thymianöl; wem nach Anwendung derselben der Bart wächst, hat das günstige Resultat lediglich seinen Haarivurzeln zuzu- schreiben, die ohne Tinktur auch nicht gezögert hätten, ihre Pflicht zu thun. Tie vielangepriesene Royersche Barterzeugungs- Pommade, ebenfalls mit garantirter Wirkung, ist, wie Hager angibt,' ein Gemisch von 15 Theilen schlechter Pommade mit 1 Theil Chinarindenpulver. Die Dose kostet 2 Mk. 20 Pf-, wäre aber um 20 Pf. herzustellen. Der große Absatz dieser Artikel findet seine Erklärung nicht 223 nur in der Leichtgläubigkeit, sondern hauptsächlich in der Scheu des Bartbedürstigen, sein Verlangen einem Arzte zu klagen. Letz- tere Ursache fordert auch ihre Opfer unter jungen und alten Damen, welche an dem entgegengesetzten Nebel leiden, nämlich jenen kleinen, unverschämten� schwarzen Härchen unter der Nase, die zwar dem Gesicht einen sehr energischen Ausdruck verleihen, wahrscheinlich aber gerade deswegen als abschreckend für ehe- lustige junge Leute vom weiblichen Geschlecht tief gehaßt und weggezwickt werden. Von Edm. Bühligen in Leipzig wird hiergegen ein Enthaarungsmittel, Busina oder Rusma, empfohlen, vor dessen Gebrauch wir dringend warnen müssen; es besteht nach Hager und Jakobsen ans 3 Theilen Auripigment (Zchwefelarsen) und 13 Theilen Aetzkalk und entfernt zwar die Haare, kann aber eine Hautentzündung hervorrufen. Uebrigens wurde und wird dasselbe im Orient vielfach angewandt. Ratio- neller wirkt eine aus Leinewand gestrichene Harzmischung, welche mit den Härchen fest verklebt und beim Abnehmen die Wurzeln auszieht. Das Ergrauen der Haare, welches eine Fluth von Heilwässern bekämpfen will, kann durch zweierlei Ursachen hervorgerufen werden; entweder bildet sich in den Haarzelle» kein Farbstoff wehr, oder in dem noch sarbstoffhaltigen Haar treten zahlreiche kleine Luftbläschen auf. Letzteres ist gewöhnlich beim plötzlichen Ergrauen durch heftige Nervenerschütterung der Fall. Eine Heilung kann die Medizin nicht versprechen; der Gcheinimittel- schwindet weiß dagegen um so mehr von glücklichen Kuren zu erzählen und preist seine Erzeugnisse in der übertriebensten Weise an. Zum Färben ist als unschädlich die Anwendung von frisch gepreßtem Wallnußschalensast, auch humussaures Ammoniak und Pyrogallsäure zu empfehlen. Vor Bleiwässern ist entschieden zu warnen, da sie auf die Kopfhaut schädlich wirke», auch der Ge- brauch von Höllensteinlösungen(salpetersaurem Silber) ist mit Borsichp aufzunehmen. Vorzügliche Dienste leistet das über- mangansaure Kali, wenn dasselbe auf das, behufs Entfettung fwrhcr mit einer sehr schwachen Salmiakgeistlösung(1 Theil käust. isalmiakgcist auf 50 Theile Wasser) gewafchcne Haar mit einer weichen, kurzhaarigen Bürste in dünner Lösung mehreremal gleich- mäßig aufgettagen wird. Ter Nußölextrakt von H. Müller Inl parfümirtes Mandelöl, das über getrockneten grünen Wallnußjchalen eine zeitlang gestanden hat, sowie der Nuß- schalen-Extrakt von A. Hube in Stettin haben, wie Witt- stein angibt, keine haarfärbenden Eigeiischaften. Der Wallnuß- Ichalen-Auszug von I. F. Schwarzlose Söhne in Berlin enthält keine Spur von Wallnüssen, sondern besteht aus chrom- murem Kupfer und salpetersaurem Silber. Silberhaltige Färbemittel sind; Der Hiawatha-Haar- valsam von Höht, Melanogene von Diquemare in mouen, Eau de Mont Liane, Eau d'Äfrique, Eau Lajeune aus Paris. .. Die weitaus meisten sind bleihaltig, also auf jeden Fall lchadlich. Wittstein führt als solche an: Eau caplllaine von n aV �rimmayer in Echternach(Luxemburg), das an- geblich unschädliche Eau de Capille von Kamprath und «chwartze in Leipzig, Eau de Cxtliöre, Eau de fee von �attke in Kiel, Eau des köes von Sarah Felix in Paris, au de Floride von Gaislein und Comp, in Paris, Eau e Bahama, Ostindischer Haarbalsam von Dr. Atzer, die �rbstoffpommade von Filliol und Andaque in Paris, yne jede Spur von Gerbstoff, der vegetabilische Haar- al;am von A. Marquardt in Leipzig, ohne jede Spur vn Vegetabilien, der mexikanische Haar- Erneurer von H. C. Callup in London, Haarfärbe-Kraftpommade von E. Hikisch und C. Ruß in Wien, Haarfärbewasser von M. Richter in Berlin, Haar-Naturalisir-Präparat von Lattke in Kiel, Aqua araarella, Teinture de Venus von Dr. L. Bonnot, Haar-Regenerator von Rosetter, Haar- Restorer von Apotheker Fr. Brabender in Cleve, Ostindisches Haarwasser von Emil London, 8ele- »ite perfectionnö aus Paris und eine große Reihe englischer Färbemittel, Hair-BeAulator von Debet in Manchester, Hair- Renewer von Hall in Nashua, Hair-Restorative von Simonds, ferner dasselbe von Singer in New-Aork, von Wood und O. Brie» in New-Aork, Hair-TWique von K nittel in New-Aork unb Hair-Vigor von Atz er in Lowel. Fürwahr, eine nette Blumenlese betrügerischer Spekulanten.— Kiki von Pelser-Berensberg, auch Haaröl der Kleo- patra genannt, von Witte in Berlin verfertigt, besteht aus 72 Theilen parfümirtem Ricinusöl und 24 Theilen starkem Spi ritus, der mit Anilin blau gefärbt ist. Das 2l/a Loth enthaltende Glas kostet VI2 Mk., kann aber in jeder Apotheke für Sll Pf. hergestellt werden. Der Name Kiki ist von der griechisäien Benennung der Ricinusstaude hergenommen; das Ricinusöl ist ein empfehlenswerthes Mittel zur Reinigung der Kopfhaut, wenn es auch nicht, wie der Verfertiger obigen Haaröles angibt, die Haarwurzeln kräftigt. Auf jeden Fall ist die Preisforderung Witte's eine zu hohe. Iluil de Floride von Gaislein und Comp, ist nichts als parfümirtes Baumöl, der vegetabilische Haarbalsam von Hutter und Comp, in Berlin, auch unter dem Namen Esprit des ekeveux ist verdünnter hoffmann- fcher Balsam; der Mailänder Haarbalsam von Kreller in Nürnberg enthält etwas Chinin, ist darum aber nicht Werth- voller als seine Vorgänger. Das Antipsilothron von Hege- wald in Berlin besteht aus Galläpfelextrakt mit Spiritus; I. F. Schwarzlose Söhne in Berlin wenden Kanthariden an, ebenso Wakerson in London. Das Haarfärbemittel von Berger in Paris nimmt zur Abwechslung statt Blei Kupfer und Nickel, wahrscheinlich einen in Schwefelsäure und Sal- petersäure gelösten Reichsfnnfpfenuig. Physiktrom von Dr. I. Lamatsch in Wien besteht aus einer VorbereitungSstüssig- keit, welche Aetznatron enthält, das Haar also angreift, und sal- petcrsaurem Wismuth mit Glycerin. Das Glycerin-Haar- wasser mit Chininextrakt von A. Heinrich in Leipzig enthält nicht eine Spur von Chinin, sondern besteht aus Peru- balsam, Ricinusöl, Rum und Wasser, kostet 2 Mk. und ist 50 Pf. werth. Ebenso läßt sich in der Aricin-Pommade von Jul. Bittncr in Gloggnitz keine Spur von Aricin(ein Be- standtheil der Cusco- Chinarinde) nachweisen. Das vegetabi- lische Haarfärbemittel von Dr. L. Beringnier ist Eisenchlorid und Brenzgallussäure, kostet 10 Mk., wäre aber mit 80 Pf. reichlich bezahlt. Der Bartfteund Rotzer in Berlin kann auch Haare färben und gibt Eichenrindenabkochung mit etwas Soda, wenigstens ein ungefährlicher Scherz. Der Haarspiri- tus von Apotheker R. Woesch in Nürnberg enthält Kupfer- Vitriol, aber keinen Spiritus. Und so ließe sich bogenlang das Sündenregister der gewissen- losen Spekulanten fortführen. Manche der angeführten Mittel sind, nachdem sie eine zeitlang durch große Reklame starken Absatz gefunden hatten, wieder verschwunden, um an einem anderen Orte unter neuem Namen wieder aufzutauchen. Für den In- seratentheil der diesen Leuten willfährigen Presse paßte recht gut als Motto das bekannte Wort: von olet— Geld riecht nicht, denn„in Geldsachen hört die Gemüthlichkeit auf." (Fortsetzimg folgt.) Die Siickhetr und ihre limle„Seltckgährimg". Von Dr. K. Hidtman», Arzt in Linnich. (Fortsetzung und Schluß.) . Tie Gefahr für die Hefe beginnt also mit ihrem Ruhezustand, Mit dem Aufhören ihrer Gährarbeit. Die Hefe verdirbt am ehesten Sst lange anhaltender Unthätigkeit. In dem Maße, wie die �proßzellen ihre Thätigkeit einstellen, bekommen entweder die Schimmelpilze oder dk Spaltpilze das Nebergewicht und leben °°n den todten Iproßhefezellen. Prof. v. Nägel, hat diese sehr interessa nten zymotischen Vorgänge in der Hefe eingehend studirt. Er schreibt hierüber auf Seite 77: „Bei den zahlreichen Versuchen mit Aussaat von verschiedenen Hcfepilzen in das nämliche GlaS bekam ich in der Regel Resultate, die den Erwartungen nicht entsprachen. Anfänglich zwar ver- mehren sich die verschiedenen Keime, jeder nach Maßgabe seiner Eigenthiimlichkeit und der ihm mehr vdcr weniger zusagenden äußeren Umstände. Dies geschieht solange, als die Pilze noch ivenig zahlreich und daher in der Flüssigkeit derartig vertheilt sind, daß sie einander nicht beeinträchtigen können. Sowie sie aber so zahlreich geworden, daß sie durch Konkurrenz aufeinander wirken, so beobachtet man gewöhnlich, daß einer derselben sich stark vermehrt und daß das Wachsthum der übrigen gänzlich stille steht. Diese Konkurrenz tritt um so sicherer ein, je gleichartiger die Nährflüssigkeit in allen ihren Theilen beschaffen ist. Sind lokale Ungleichheiten vorhanden, z. B. durch Beimengung von festen Stoffen und gehemmte Cirkulation, oder durch ungehinderten Luftzutritt zu der Oberfläche, während die tieferen Flüssigkeits- schichten wenig oder keinen Sauerstoff erhalten,— so können zwei verschiedene Pilzvegetationen, jede an ihrem Orte, die Ober- Hand gewinnen und alle anderen Pilze verdrängen." Ein in die Augen fallendes Beispiel dieses Verhaltens der Hefe ist ein mit Schimmelpilz überzogener trockener Brot-Sauerteig aus Roggenniehl. Hier haben wir in der Kruste Schimmelpilze aller Farben und Formen, während der Kern reich an Sproß- pilzen ist und nur eine beschränkte Zahl von Spaltpilzen birgt. Sauerteig dagegen, welchen man in nassem Zustande hat altern lassen, hat ebenfalls außen einen Wald von Schimmelflora, während er innen SpaltsFaul-)pilze nährt, und die wirksame Sproßhefe von Stunde zu Stunde mehr verzehrt wird. Die Hefe, solange sie in der Brauerei ist. „Die Hefe der Bierbrauer ist fast rein von Spaltpilzen; sie kann bei jahrelangem Betrieb, während welchem eine große Menge von neuen Zellengenerationen gebildet werden, diese Reinheit behalten. Dies ist eine sehr merkwürdige Erfahrung, da doch hier die Vermehrung der Hefe in einer neutralen Nährlösung (welche doch sonst der Entwicklung und Vermehrung von Spalt- pilzen ungemein günstig ist), erfolgt. Wenn man nämlich in eine neutrale, zuckerhaltige Lösung(auch in Bienoürze) eine Spur von Bierhefe aussät und die Spaltpilze, welche in dem zugesetzten Wasser oder schon in der Hefe enthalten sind oder aus der Luft hereinfallen, nicht vollständig ausschließt, so erhält man zuletzt meistens eine(über die Hefepilze) überwuchernde Spaltpilz- Vegetation." Das ist nun aber in den Brauereien nicht der Fall, und Professor v. Nägeli stellt sich die Frage, woher es komme, daß die Hefe in dem Brauereibetriebe— im Gegensatz zu ihrem raschen Erkranken und Faulwerden in der Hand der Händler und der Bäcker— sich von Generation zu Generation solange rein erhalte. Er sagt: „Die chemische Beschaffenheit der Bierwürze kann nicht die Ursache sein, warum iu der Hefe die(gefährlichen) Spaltpilze beim Brauercibetrieb sich nicht vermehren." Denn:„Wurden Sproß- und Spaltpilze, beide in Spuren, zugleich in neutrale zuckerhaltige Flüssigkeiten(auch in Bier- würze) ausgesät, so gewannen die Spaltpilze nach einiger Zeit vollständig die Oberhand(und die SproßjHesechilze gingen unter), mochten die Umstände so oder anders beschaffen sein." Die Hefe büßte dabei ihre Gährtüchtigkeit ein, wurde matt und zum Backen ungeeignet; die Hausfrauen sagen: die Hefe ist schal. „Da sich aber bei anderweitigen Versuchen gezeigt hatte, daß, wenn einmal die geistige Gährung ordentlich in Gang gekommen ist; dieselbe dann auch andauert und die sie bewirkende Sproß- hese allein sich vermehrt(die Spaltpilze also neben dieser nicht aufkommen können), so wurden Versuche in der Art angestellt, daß zur Aussaat eine größere Menge von Bierhefe und nur Spuren von Spaltpilzen dienten. Der Erfolg war ganz über- raschend. Mag die zuckerhaltige Nährflüssigkeit und die Temperatur wie immer beschaffen sein, so kann man durch Aussaat einer hinreichenden Quantität von Sproßhese den gewünschten Zweck erreichen, daß nur diese sich verinehrt und die in geringer Menge vorhandenen Spaltpilze garnicht wachsen. „Bei der Konkurrenz der Hefepilze(mit den Spaltpilzen) ist also die verhältnißmäßige Zahl der Konkurrenten von Be- deutung." Ein mit Wasser verdünnter Tropfen Hefe oder Sauerteigmasse gibt uns unter dem Mikroskop über dieses Zahlenverhältniß der vorhandenen Pilzsorten eine schöne Anschauung. Wir lernen dadurch eine gesunde, gährtüchtige von einer faulgährenden, zymo- tische Krankheiten erzeugenden Spaltpilzhefe und von Schimmel- Hefe unterscheiden, je nachdem im Gesichtsfelde der eine oder der andere dieser Pilze, die kolossalen Zellen des Sprvßpilzcs, oder der fadenförmige Schimmelpilz oder der winzige Spaltpilz vor- waltet.— Professor v. Nägeli weist aber nach, daß die Ueberzahl des Hefepilzes vor dem Spaltpilze es allein nicht sein kann, was in den Brauereien die ungewöhnliche Gesunderhaltung der Hefe be- wirkt. Er fährt endlich auf S. 80 fort: „Suchen wir nach einer Erklärung für den regelwidrigen Verlauf der Konkurrenz bei den Hesepilzen(in den Brauereien), so bietet sich zunächst die Annahme dar, daß die Ausscheidungs- und Gährungs Produkte der einen Pilze dem Leben-der andern hinderlich seien. „Aber die Produkte der geistigen Gährung an sich verhindern die Spaltpilze nicht, zu wachsen. Wenn man die Sproßhefe einer gährenden Flüssigkeit in irgendeinem Stadium durch Erhitzen tödtet und dann Spuren von Sproß- und Spaltpilzen darin aussäet, so sind die letzteren inimer die stärkeren," und die Hefe wird untüchtig und faul. „Der Grund, warum die Aussaat einer größeren Menge von Sproßhese für sie selber von Nutzen ist bei der Konkurrenz mit den Spaltpilzen, liegt also nicht in einer substanziellen Ler- änderung der Nährflüssigkeit. Er besteht nur in deni Vorhanden- sein einer bestimmten Gährungsbewegung. Wird in eine zucker- freie, neutrale Nährlösung eine große Menge Bierhefezellen und nur eine Spur von Spaltpilzen gegeben, so vermehren sich die ersteren, welche(in einer znckerfreien Flüssigkeit) keine Gährung erregen können, langsam, die letzteren dagegen sehr rasch, sodaß sie die ersteren bald überwuchern. Das Nämliche ist serner der Fall, wenn in einer zuckerhaltigen, neutralen Nährlösung sich zahlreiche Sproßhefezellen, die aber ihrer Natur nach nicht Gäh- rung zu bewirken vermögen, mit sehr wenig Spaltpilzenjöefinden. Bringt man endlich zahlreiche Bierhefezellen mit einer Spur von Spaltpilzen in eine neutrale Flüssigkeit, welche mehr oder weniger Zucker enthält, so vermehren sich die ersteren allein, solange die Gährung dauert; sowie dieselbe aber infolge von Zuckermangel träge wird und aufhört, fangen die Spaltpilze an, sich stark zu vermehren, indeß das Wachsthum der Sproßpilze stille steht;" die Hefe wird krank und stirbt ab. „Die größere Zahl ist also für die gährtüchtigcn Sproßpilze bei ihrer Konkurrenz mit den Spaltpilzen nicht an und für sich vortheilhaft, sondern nur, wenn zugleich ein dieser Zahl ent- sprechender Grad von Gährungsintensität eintritt. Deswegen kommt es, wenn in einer zuckerhaltigen, neutralen Nährlösung die Sproßpilze allein sich vermehren sollen, nicht auf das numerische Verhältnis der die Bierhefe verunreinigenden Spaltpilze an, sondern auf die Quantität der im Verhältniß zur Flüssigkeits- menge zugesetzten Bierhefe. Um den angegeben Zweck zu er reichen, muß die Gährflüssigkeit mit soviel Hefe angesetzt werden, daß sie möglichst bald in ordentliche Gährung geräth. „Daraus leitet sich eine praktische Regel ab, um aus einer mit Spaltpilzen verunreinigten Bierhefe eine reine Hefe zu er- ziehen: Man bringt in eine gekochte, zuckerhaltige Nährlösung grade soviel Bierhefe, daß die Gährung sofort beginnt. Ehe diese beendigt ist, wird ein Theil der erzogenen Hefe in neue Nähr- lösung gebracht und unter Beobachtung der gleichen Vorsichts- maßregeln, und das Verfahren, je nach dem Erfolg, noch ein- oder mehreremale wiederholt. Da die Sproßpilze allein sich ver- mehren, so nimmt die verhältnißmäßige Zahl der Spaltpilze mit jeder Kultur ab, und man erhält zuletzt eine beinahe ganz reine Sproßhefe. Es ist sicherer und förderlicher, wenn man die Nähr- lösungen etwas sauer macht. „Von dem Maße, in welchem auf diese Weise die Reinheit der Sproßhefe zunimmt, kann man sich aus dem Umstände eine Vorstellung bilden, daß das Verfahren eine fünf- bis achtfache Vermehrung in jeder Nährlösung gestattet. Bei gelungener Kultur nimmt die Prozentzahl der Spaltpilze nahezu in dem nämlichc» Verhältniß ab," wie die der Sproßpilze zunimmt. Nehmen wir einen Augenblick an, meine Beobachtungen ar» Krankenbette hätten mich nicht auf die Hefe, als das zunächst- liegende Faulpilzgift hingewiesen, und wir wüßten über die Hest und ihre großen Gesundheitsgefahren nur das, was wir ober aus v. Nägeli s Untersuchungen erfahren haben. Selbst danr müßte das hier Gelesene ausreichen, die Backhefe als dasjenigt Wahrungs- und Genußmittel erscheinen zu laffen, welches in seiuet Darstellung wie in seinen krankhaften Umwandlungen währcuft ihres langen Lagcrns und Vcrschickens zum gefährlichsten Faul gifte für Haushaltungen und Bäckereien werden muß. v. Nägeli'»' 225 Untersuchungen belehren uns außerdem, daß eine Backhefe schon faul, mit Spaltpilzen durchsetzt sein kann, ohne daß man die Fäulniß durch den Geruch wahrzunehmen vermag. Ich habe mir für meine Anklage gegen die Backhefe die Autorität von Nägeli's zu Hülfe gerufen, damit die Leserwelt sehe, daß nicht ich allein es bin, ich auch nicht der erste bin, welcher die Backhefe als Anstifter von Fäulnißkrankheiten denun- zirte. Ich frage nur: wie konnte es kommen, daß die Hefe, dieser zymotischc Backstoff, sich so lange den Blicken und Nasen der Aerzte, den Reagentien der Physiologen hat entziehen können? Tie Antwort ist bald gegeben; ich lese sie in einem Schristchen: „Offener Brief an Herrn L. O. Smith von Prof. F. B. Ekman. Diskussion über die Rektifikation des Spiritus, Berlin 1878." In diesem Schriftchen heißt es auf S. 3K: „Die Kluft, welche in unserem Lande zwischen Gelehrten (Aerzten) und Gewerbetreibenden existirt, und zu deren Ausfüllung !— verzeihen Sie diese Bemerkung— keine besondere Neigung von Seiten der ersteren sich verspüren läßt, macht es uns ver- ständlich, daß Sie in Bezug auf(gesundheitsgefährliche Gewerbe) auf fremdem Gebiete sich bewegen. Diese große Kluft wird uns nicht hindern, diese Brochüren herauszugeben und sie(statt an Aerzte) an Fachgelehrte(der zymotischen Gewerbe) zu versenden, in der Voraussicht, daß wir dem Volke den Beweis liefern kön- nen, daß es noch 1880(in Deutschland ärztliche) Gelehrte gibt, welche aus unbekannten Gründen sich zu Vertheidigern von Ansichten(über Krankhcitsentstehung) hergeben, über deren Unrich- tigkeit die Männer der Gewerbewissenschast(namentlich der Zymo� technik) nur Eine Meinung haben." Irrfahrten. Von Ludwig Mosenverg. (Fortsetzung.) Mein Freund! Meine Neuigkeiten sind nicht gut. Ich bin krank oder besitze wenigstens die Anlage zu einer gefährlichen Krankheit. Ter Arzt, den ich konsultirte, empfahl mir eine Bade- kur. Badekur?— Ich hätte dem guten Manne beinahe ins Gesicht gelacht.—„Dann Urlaub!" verbesserteer sich.—„Aber Urlaub unter allen Umständen! Sie müssen in freie Luft; Belegung, Sorgsalt u. s. w." Was soll ich thun?— Kaum ein Jahr im Dienst und drei Monate Urlaub?— Der Inspektor wird seinen Tenor stimmen und mich mit einigen militärischen Licblingsredensarten regaliren!—— Und habe ich Urlaub, wohin?— Zu den Eltern?— Ich ginge am liebsten ins Ge- birge, oder an den Rhein, oder auch zu Dir. Mit meinem Gehalt in der Tasche fresse ich mich leidlich durch. Ich würde Dich nicht weiter belästigen; ich schlage mein Asyl in Deiner Nähe auf, wir kommen nach Zeit und Laune zusammen und hätten den bequemsten geistigen Verkehr ohne das.yinderniß einer trennenden Entfernung. Ein paar Zeilen laß mir zukommen; dann handle ich und Du hast bald Deinen Dir stets treuen aber kranken Freund in Deinen Armen!-- A»? dem Tagebuch. Louise Bürger gab ich heute zwei Theaterbillets, die ich vom Kollegen, dem Heldentenor, empfangen hatte. Sie nahm sie nach langem Drängen an, aber unter der Bedingung, daß sie das nne Billet jemand schenken dürfe, da ihre Mutter nicht mitgehen könne. Sie erröthete dabei. Ich rieth, daß dieser Jemand eine thr liebe Person sei, that aber, als ob ich davon nichts ahnte,— »Ein Auge aus die blasse Blonde?"- Mit einer Grimasse, die ftv freundliches Lächeln vorstellen sollte, begleitete der korpulente Bäcker Weinberg diese vertrauliche und wohlwollende Frage an wich, als ich, zur Treppe hinabgehend, seiner ansichtig ward. «Ein nettes stilles Kind;" fuhr er fort, mein anfängliches schweigen als eine Zustimmung nehmend,„aber kein Blut, kein fleisch, ein Kirchhofslämpchen, das man ausblasen kann, wie ktn Nachtlicht, keine Energie; kann nie eine derbe Hausfrau und gesunde Mutter geben." Ich ließ diesen gefühllosen Menschen Nicht zn Ende kommen und sagte bitter:„Es ist ein liebes armes Kind; arm, Herr Weinberg, während andere Leute— sich von dem Ertrage schimpflichen Gewerbes mästen und so das Muster kvr unsere zukünftige Generation abgeben. Wenn da kein Blut und kein Fleisch ist, so liegt die Verpflichtung nah, zu yelfen und sich so eines Anblickes zu überheben, den jeder Glücklichere einen stummen Vorwurf fühlen sollte."— So ungefähr Urach ich. Was der gefühllose Fleischklumpen geantwortet?— •och weiß es nicht mehr, aber ich weiß, daß er sich meine Worte werken und daß er nicht mehr mit der tölpelhaften Vertraulichkeit Zu mir reden wird, wie er sich einem jungen Menschen gegenüber berechtigt glaubte. Und dieser Mann, welcher einst ebenfalls arm, Wlslos nach Berlin gekommen war, der einst ebenfalls die Roth Daseins auf seinen Schultern getragen, zeigte solche Gleich- giltigkeit gegen das Elend seiner Mitmenschen, trotz äußerlicher Gutmüthigkeit- Dieser Weinberg steht nicht vereinzelt da in seiner Eigenschaft als Mischung von Liebenswürdigkeit und nied- "ger Gesinnung, er ist überall, er begegnet uns, wohin wir uns wenden; oft feiner und behutsamer, tritt er auf uns zu, aber stets ätzende Lauge heimlich um sich gießend, gleichgültig, ob er jemanden verwundet oder nicht.-- Der„Heldentenor" beschäftigt sich auch mit Poesie. Von ungefähr hätte ich mein Gedicht, von dem ich einige Seiten früher gesprochen, aus der Rocktasche gezogen, um an einer Stelle noch eine kleine Aenderung, die mir beigefallen war, vor- zunehmen. Er sah es und so war ich gezwungen, zu beichten. „Recht schön," sagte er,„wenn es nur nicht gar so traurig wäre. Mensch, Sie müssen aus dieser Luft. Schon lauge beobachtete ich Sie, und ich will aufrichtig sein und Ihnen meine Meinung nicht vorenthalten. Sie sind jung, ftisch, muthig und arbeitsam. Bedeutende Fehler in unserer Zeit. Man nutzt Sie aus. Sie merken es nicht. Man ladet auf Ihre jungen Schultern eine Last, die Sie frühzeitig zu Boden drückt. Man schmeichelt Ihnen geflissentlich ob Ihrer Regsamkeit, öffnet Ihren Blicken eine schöne Zukunft, aber, was man Ihnen vorspiegelt, sind Luftgebilde, >vas man Ihnen verspricht, ist Mittel zur Beruhigung Ihrer Zweifel an der Fürsorge Ihrer Vorgesetzten.— Sie müssen werden, wie ich; taub, träge, geistlos, wollen Sie fort vegetiren. Eine Maske den Herren, stets eine Maske!— Das muß Parole sein!— Und nun wünsche ich Ihnen noch viel Glück zu Ihrem Urlaubsgesuch.— Man gibt Ihnen acht Wochen Zeit, sich zu restituiren. Sie nehmen stillschweigend an, was man Ihnen geben muß, und wenn die Zeit herum: neues Urlaubsgesuch.— O, man muß wissen, den Herren zu begegnen. Und wenn sie Ihnen den Abschied geben: dann aufgeathmet!—"— Was der Heldentenor sagte, Hab ich mir hinters Ohr geschrieben. Er ist ein Mann, der oft und schwer des Lebens Sturm erfahren. Seine Geschichte ist eine Leidensgeschichte, ist eine Kette von Entbeh- rungen und Kämpfen, ein fortwährendes Fehlschlagen von Hoff- nungen und Plänen gewesen, bis er endlich in das Eisenbahn- bureau einlief, vielleicht den letzten Hafen, wie er selbst lächelnd sagt.—— Seine Einladung, ihn zu besuchen, habe ich gern befolgt. Nicht ohne Nutzen. Seine Frau kam mir herzlich ent- gegen, seine Kinderchen sagten, sie kennten mich schon und er selbst holte zu gutcrletzt einen großen Haufen Manuskripte herbei: Poesie, Selbsterlebtes, Aufsätze, die Beweise emsigen Fleißes, treuen, rechten Sinnes, beharrlichen Strebens— aber ohne äußeren Erfolg geblieben.—„So wie der Staub sich auf diesen Papieren lagert und sie selbst vermodern, so fallen oft die Schollen aus die Särge von strebsamen Menschen, ohne das ihr Name je genannt wird." Er sprach recht. Ich dachte an mich selbst und meine Zukunft und ging nachdenklich heimwärts. Der Buchbinder brachte mir mein Buch. Er sah noch leiden- der aus, als neulich; war auch einsilbiger und trauriger. Ich zahlte ihm den kleinen Betrag und frug nach der Ursache seines Kummer?.— Exmittirt mein Herr, auf die Straße gesetzt. Hier das Papier! Und er zog aus dem fadenscheinigen Rock eine zerknitterte Gcrichtsaufforderung.— Frau Ratemsky hat keine Geduld, kein Erbarmen gehabt, Frau Ratemsky braucht zu uöthig die paar Pfennige, um ihrem Sohne ein Extrapläsir zu bereiten. Er lachte bitter. Und ich ging, aufs äußerste erregt, im Zimmer auf und ab. Keine Hülfe! Ich sagte es ihm. Er drückte mir die Hand und entgegnete, daß das nichts mache. Er sagte mir ein Lebewohl und ging still wieder fort. Vor Auf- regung über meine eigene Ohnmacht fing ich großer Mensch an zu weinen. Ich weinte wie ein Kind. Ist das unmännlich?— — Meine Wirthin brachte mir mein Essen. Mit den Worten: „Bringen Sie es sogleich zum Buchbinder" rannte ich davon, Straße auf, Straße ab, bis ich endlich argen Hunger empfand. Für einige Pfennige kaufte ich mir Semmeln, die ich eben im Begriff bin, zu verzehren.—— Mein Urlaubsgesuch muß jeden Tag seine Erledigung finden. Ich harre sehnlich auf den Bescheid. Es zieht mich aus Berlin unwiderstehlich fort!-- Die kleine Bertha ist auch nicht wohl. Sie hat sich erkältet. Das Dienstmädchen scheert sich wenig um die Kleine. Die Mutter geht mit Frau Weinberg spazieren. Schöne Gesellschaft!— Dem Sohn der Frau Ratemsky, der Hausbesitzerin, bin ich absichtlich in den Weg getreten. Wir kamen ins Gespräch. Ich frug, warum der Buchbinder die Wohnung verlasse?—„Weil Mama keinen Strolch liebt," gab der Bursche zurück.—„Wissen Sie, daß er ein Strolch war?" —„Gewiß; er arbeitet nicht und zahlt nicht."—„Sie scheinen Forschungsfahrten im nördlichen Polargebict. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Lrausit. (Forgetzung.) Die Lösung des Sphinxräthsels„Bis hierher und nicht weiter" war einem Professor vorbehalten, dem Finnländer Erik Norden- skjöld. Seit etwa zehn Jahren ist er die Seele aller schwedischen Unternehmungen, die die Auffchließung des hohen Nordens bezwecken. Seine erste größere Expedition unternahm er im Jahre 1875. Die- selbe hatte den Auftrag, in das karische Meer bis zu der Mündung des Jenisei und, wenn die Zeit es gestattete, weiter nach Nordosten vorzudringen und jene Gegenden geographisch zu bestimmen. Außer- dem wollten die Mitglieder der Expedition im Interesse und zur För derung der Naturwissenschaften die Geologie, Zoologie und Botanik dieser hohen Breitengrade, insbesondere von Nowaja-Semlja, erforschen. Endlich beabsichtigten die Forscher, sich an einem noch nicht bestimmten Punkte zu trennen, und während die Einen nach Schweden seewärts zurückkehrten und nebenbei die Erforschung der Lstküste fortsetzten, sollten die Andern einen der großen asiatischen Flüsse hinauffahren und durch Sibirien, Rußland und Finnland heimkehren. Den Plan zu dieser Expedition hatte Professor Nordenskjöld entworfen. Er hatte das Glück gehabt, in Oskar Dickson, dem Chef eines großen Hand- lungshauses in Gothenburg, einen Gönner zu finden, der allein die gesammten Kosten des Unternehmens auf sich nahm. Zu der Expedi- tion sollte ein kleines Segelschiff, die„Pröven", benutzt werden, welches Nordenskjöld ganz nach seinem Ermessen ausrüsten durfte. Dem Pro- feffor schloffen sich zwei Botaniker, die Herren Kjellmann und Lund- ström, und zwei Zoologen, die Herren Stukberg und Theel und vier andere junge Gelehrte der Universität von Upsala an. Am 8. Juli verließ die Expedition Tromsöe, am 3. Oktober lief die „Pröven" wiederum dort ein, nachdem sie mehr als 10,000 Kilometer in weniger als vier Monaten durchfahren hatte. Am 19. August hatte sich derjenige Theil der Expedition, die landwärts zurückkehren sollte, an der Mündung des Jenisei abgetrennt und gelangte am 30. November nach Stockholm zurück. Diese Reise ließ keinen Zweifel über die Mög- lichkeit, die Produkte des nördlichen Sibiriens durch das tarische Meer nach Europa zu bringen. Man konnte jedoch einwenden, daß die Ex- pedition unter ausnahmsweise günstigen Witterungsverhältnissen von statten gegangen sei und daß ein einziger glücklicher Versuch nicht als vollgültiger Beweis angesehen werden dürfe. Aus diesen Gründen unternahm Nordenskjöld eine zweite Expedi- tion im Jahre 1876. Auch diesmal hatte die Munifizenz zweier reicher Privatleute, abermals des obenerwähnten Schweden Dickson und des reichen Russen Sibiriakoff, die Mittel gewährt. Nunmehr war es ein Dampser, der den Forscher in die nördlichen Breiten trug. Auch d/cse Reise verlief glücklich und ergab den erwünschten Erfolg. Nach einer Abwesenheit von drei Monaten ankerte der Dampfer wiederum in Tromsöe. Damit war die Möglichkeit, zwischen Europa und Asien durch das karifche Meer zu verkehren, erwiesen und die Errichtung einer regelmäßigen Verbindung zwischen den beiden Welttheilen aus diesem Wege bietet nach der Ansicht Nordenstjöld's keine größeren Schwierigkeiten und Gefahren, als viele andere Routen, die heute von tausenden von Schiffen befahren werden. Der Handel suchte sich alsbald die neue Entdeckung zu Nutze zu mache», �em Jahre 187? wurden aus dem von Professor Nordenskjöld befahrenen Wege zwei Dampfer abgeschickt und ein in Jcnisseisk erbautes russisches Segelschiff fuhr nach Norwegen. Ter„Frager", ein Dampfer von 158 Tonnen, verließ für Rechnung des obenerwähnten russischen Kaufmanns Sibiriakoff mit einer Ladung Tabak, Zucker und Maschinen Bremerhaven am 24. Juli, kam am 21. August an den Jeniseimün- sonderbare Begriffe von den Menschen zu besitzen, denen die Roth zu Häupten sitzt, junger Mann," rief ich mit unterdrücktem Unwillen.„Der Buchbinder ist kein Strolch," setzte ich hinzu, „und wer einen ehrlichen Menschen dafür hält, ist wohl selbst nicht viel Werth."— Das Bürschchen war ob dieses Sermons zunächst verduzt, aber gleich darauf lachte er höhnisch und suchte davon zu kommen. Das ging nun nicht sogleich. Ich nestelte mich wie ein Kettenhund an den Naseweisen und gab ihm bis zu seiner Thür eine gründliche Instruktion über Moral, in der Voraussetzung, daß, wer den Alten etlvas derb sagen will, das beste Sprachrohr in den Jungen findet.— So habe ich doch meinen Gerechtigkeitsgefühlen in etwas Befriedigung verschafft. -- Nun weiß ich auch, wer mit Louise Bürger im Theater war:— Ein hübscher junger Mann.— Unter Erröthen gestand sie mir, es sei ihr Bräutigam. Diese Mittheilung machte mich froh und guter Laune, und mit Eifer Hab ich ihr soviel Wünsche hergeplappert, daß ich schließlich selbst habe darüber lachen müssen. Ihre Mutter kam dazu und so mußte dem Gespräch eine ernstere Wendung gegeben werden. (Fortsetzung folgt.) düngen an und fuhr vom 14. bis 2t. September wieder nach Hammer- fest. Diese Erfojge ermuthigten den berühmten Reisenden, durch die seit 1553 angestrebte nordöstliche Durchfahrt nach Asien vorzudringen, die Bcringsstraße zu passiren und durch den stillen und indischen Ozean via Suez nach der Heimath zurückzukehren; ein Unternehmen, dessen glänzender Erfolg in diesem Augenblicke die Welt beschäftigt. Am 25. Juli 1878 verließ Nordenskjöld mit zwei zur Ueberwinte- rung im Polareis eingerichteten Dampfern,„Bega" und„Lena", und von zwei Handelsschiffen begleitet, die Küsten Norwegens, ging um das Nordkap ins weiße und karische Meer und ankerte bereits am 6. August in Dicksonshafen an der Jeniseimündung. Die ihn begleitenden Hau- delsschiffe gingen den Jenisei bis zur Stadt Taruchansk hinauf und Nordenshöld setzte vier Tage später die Umseglung der Nordküsten der alten Welt in östlicher Richtung fort. Zehn Tage später salutirte die Signalkanone der„Bega" die nördlichste Landspitze Asiens, Kap Tschel- juskin. Am 28. August ankerten die beiden Schiffe zum letztenmal neben einander in der Lenamündung. Der Dampser„Lena" ging den gleichnamigen Fluß hinauf und erreichte am 21. September die Stadt Jakutsk. Von hier erhielt Europa die ersten Nachrichten über den bis herigen Verlauf der Expedition. Nordenskjöld verließ die Lenamündung auf dem Dampser„Bega" am 27. August, erreichte in drei Tagen die Ljakowsinsel am, 6. September den Shelatskoi Roß, am 7. Kap Jakan, am 18. Kap North, am 27. Kuljuschin und am 28. die Ueberwinte- rungsstelle beim Kap Kamenoi Serdze. Es ist derselbe Punkt, den im Jahre 1723 Veit Bering von Osten erreicht hat. Durch Nordenskjölds Wagstück ist die nördliche Verbindung zwischen dem atlantischen und stillen Ozean durch das nördliche Eismeer über allen Zweifel erhaben, aber dem Seeweg für Handelsflotten werden die klimalischen Verhält- nisse dieser Regionen immer Schwierigkeiten bereiten. Auch Norden skjöld inußte seinen östlichen Kurs 500 bis 700 Meilen lang durch starkes Treibeis forciren. Er hatte, wie alle Polarfahrer, mit dem Ungemach des arktischen Winters zu kämpfen, war aber insofern besser wie seine Vorgänger daran, daß er von der zivilisirten Welt nicht ab geschnitten war. Um das Vorgebirge Kamenoi Serdze liegen drei von Tschuklschen' bewohnte Dörfer. Am 18. Oktober 1878 übernahm der Aelteste des Dorfes die Spedition eines Brieses, der in acht Mo- naten über Anadirsk, Kolyma, Jakutsk, Jeniseisk und Tobolsk nach Perm, in den Bereich der Eisenbahnen, und dann aus Dampfesflügeln an den Adressaten, den schwedischen Marineminister Otter gelangte und zwar am 21. Juni 1879. Im Laufe des Winters meldeten Tschuktschen- fiiger, welche aus ihren Schneeschuhen ungeheuere Strecken in verhält- nißmäßig kurzer Zeil zurücklegen, holländischen Walfischfängern in der Beringsstraße, daß Nordenskjöld mit seiner Mannschaft auf dem Dampser„Vega" in der Nähe des Vorgebirges Kamenoi Serdze überwintere. Vom Kotzebuesund trugen amerikanische Pelzjäger die Nach richt nach Alaschka und von hier blitzte sie der Telegraph nach allen Richtungen der Windrose. Das war in den ersten Tagen des Mai 1879. Infolge dieser Nachricht sendete Gordon Bennet, der durch Veranstaltung von Stanley's astikanischen Entdeckungsreisen rühmlich bekannte Besitzer der Zeitung„New-Aork Herald", seine in San Fran zisko ankernde Jacht„Jeanette" den Eingefrorenen zu Hilfe. Auch der stets opferwillige Russe Sibiriakoff ließ seinen Dampfer„Nordenskjöld", an dessen Bord sich der Vorstand des leipziger meteorologischen Bureaus, Freiherr von Danckelmann, befand, am 12. Mai 1879 von Malmö in Schweden in See stechen, um via Suez der„Vega" mit Nahrungs- Mitteln und Kleidungsstücken zu Hilfe zu eilen. Beide Schiffe sollten den kühnen Forscher nicht treffen. Der Dampfer„Nordenskjöld" er- reichte am 2. August Japan, um der Expedition durch die Berings- straße entgegenzugehen; doch hatte er das Unglück, schon am 5. August an der Ostküste von Iesso im dichten Nebel auf Strand zu gerathen. Gordon Bennets„Jeanette" verfehlte den rückkehrenden Polarsahrer und unternahm eine selbständige Polarexpedition. Während der uner» müdliche Sibiriakoff zur Hilfeleistung der monatelang verschollenen Mannschaft der„Bega" in Nischni Kolymsk und an der Anadir- Mündung Landexpeditionen organisirte, bekam die Gattin Nordenskjölds am 16. Mai die telegraphische Nachricht, daß Briefe des Professors in Jakutsk(Sibirien) angekommen wären. Wären nicht vor Thores- schluß, hieß es darin, besonders ungünstige Verhältnisse eingetreten, so würde es der„Bega" gelungen sein, die ganze Reise ohne Unter- brechung zu vollenden und vor dem Winter in Japan anzukommen. An der Stelle, an welcher das Schiff Ende September einfror, ver- kehren amerikanische Walfischfahrer oft bis zur Milte Oktober. „Wenn ,Vegm eine Stunde mit voller ßraft hätte vorwärts kommen können," so berichtet Nordenskjöld,„dann hätten wir vermuthlich den Weg zurückgelegt und einen Tag früher würde das Treibeis an dieser Stelle kein ernstliches Hinderniß für.Bega's' Fahrt gebildet haben." Diese Einschließung, so nahe vor dem Ziele, bezeichnet der Pro- sessor als dasjenige Mißgeschick, mit welchem er sich während seiner Eismeerreisen am schwersten habe versöhnen können. Eine Zeit lang rechnete er auch darauf, wieder frei zu werden. Beständiger Nordwind aber verstärkte die Eismassen an der Küste mehr und mehr; die Dem- peratur fiel langsam, doch stetig, und am 25. November schrieb er ins Tagebuch:.Hoffnung, vor nächstem Sommer loszukommen, ist nicht mehr vorhanden." Trotz dieses am Schlüsse der Fahrt eingetretenen Unfalls ist deren Zweck doch vollständig erfüllt.(Siehe Karte Seite 220.) Denn die Möglichkeit, die Reise auf einem Dampfer in einer Hochsommersaison zu vollenden, darf nicht mehr bezweifelt werden. Ein Schiff, das so- weit kommt, als die„Bega" gekommen ist, wird unter normalen Um- standen voraussichtlich nicht einfrieren. Nur eine schwedische Meile weiter, wäre sie in der offenen See gewesen. Diese kurze Strecke kostete einen ganzen langen Winter. Neun Monate zwanzig Tage lag die„Bega" fest. Am 18. Juli 1879 gab das Eis sie endlich frei. Am 20. Juli passirte sie das Ostkap, besuchte die beiden Küsten des Be- nngsmeeres, die Lorenzinsel und die Beringsinseln, wo sie durch einen Agenten der Alaschkagesellschast(früher russische, jetzt nordameri- kanische Handelskompagnie) die ersten Nachrichten aus der kultivirten Well erhielt, und setzte von da am 19. August die Reise fort. Am 31. August überstand sie einen Sturm und ein Gewitter, bei welchem em Blitz den Hauptmast spaltete. Dann erreichte sie am 2. September w t l�r Abends glücklich den japanesischen Hasen Dokohania. Japans Beherrscher, der Mikado(Gottmensch), ein lernbegieriger Reformator seines Landes, ließ sich von Professor Nordenskjöld die interessante Eahrt erzählen und verkehrte mit ihm, zum Schrecken aller Finster- s">ge, wie mit seines Gleichen. Während wir dieses schreiben(zweite Tezeniberhälfte), meldet der Telegraph die Ankunft der„Bega" in Point de Galle, einem Hafenort auf der Insel Ceylon. Wie wir oben bemerkten, ist das von Sibiriakoff der„Bega" zu hüfe eilende Dampfschiff„Nordenskjöld" am 5. August an der Ostküste n,0" Jesso(Japan) an den Strand gerathen. Eine soeben aus Japan eingetroffene, allerdings nicht sehr ins Einzelne gehende Nachricht giebt ledoch Hoffnung aus Rettung des sehr stark gebauten Schiffes. Der russische Konsul in Uokohama meldet nämlich, daß der Dampser(wahr- lcheinlich bei einer hohen Fluth) von dem sandigen Strande abgekom- nie» ist und daß derselbe durch die Strömung nach einer 30 Seemeilen von dem llnglücksplatze enlsernten Stelle getrieben worden ist, wo er augenblicklich vor den zur Winterszeit sehr starken Schneestürme» und vor dem Wogengange geschützt liegt. Die schon ihrem Rücktransport nach Europa entgegensehende Mannschaft ist von Yokohama aus wieder nach Jesso zurückgekehrt, um in der Nähe des Schiffes eine weitere gunstige Entwickelung der Verhältnisse abzuwarten. Herr A. Sibiriakoff '» soeben im Begriffe, einen neuen Kapitän für das Schiff noch Japan iu senden, der versuchen soll, das Schiff vollständig zu retten, und wenn möglich, nach Uokohama zur Reparatur und Neuausrüstung zu vvingen. Wenn dies gelingen sollte, so wird der Dampser im nächsten Pommer seine Reise durch die Beringsstraße nach dem sibirischen Eis- weere fortsetzen und vielleicht um Kap Tscheljuskin nach Skandinavien Muckkehren. Der neue Führer des Schisses ist der bekannte, sehr er- t�vene norwegische Fangschiffer Johannssen, der alljährlich die nor- Alchen Gewässer besucht. Er ist es unter Anderem,. der im Sommer ,?'9 in dem karischen Meere östlich von Nowaja Semlja kühn mit leinein kleinen, für den Walroß- und Robbenschlag bestimmten Fahr- »enge vordringend, die von ihm so genannte„Eiserne Insel" im Süden vv» Franz-Joseph-Lands entdeckte. Als erster Steuermann wird ihn Inn von Jakutsk kommender, eben so bekannter Bruder nach Japan vegleiten, der als Kapitän des Dampfers„Lena" die„Bega" bei ihrer ilnsiegelung Nordasiens bis zur Lenamündung begleitete, und der dann Ast seinem Schiffe diesen Fluß bis Jakutsk hinausdampfend, die letzten Briefe von Professor Nordenskjöld mit der Nachricht von der ersten glücklichen Umschiffung der Nordspitze Asiens, des Kaps Tscheljuskin, nach Europa vermittelte, welche bekanntlich im vorigen Herbst hier an- wngten. Gelingt es also, das gestrandete Schiff wieder flott zu machen "nd zu repariren, so steht in dem nächsten Sommer, wenn nicht ganz ungewöhnlich ungünstige Eisverhältnisse eintreten sollten, eine zweite "nischjffung Asiens, diesmal in der Richtung von Ost nach West, in Aussicht.(Fortsetzung folgt.) Der Einsturz der Taybrncke in Schottland.(Bild Seite 221.) Einer der schrecklichsten Eisenbahnunsälle, die sich je ereignet, führt uns an die Ostküste von Schottland. Der Firth os Tay, ein Küstenfluß, der aus dem Grainpiangebirge kommt, ergießt sich in einer sehr breiten Mündung bei Dundee in die Nordsee, und die dort über den Fluß führende Eisenbahnbrücke der Strecke Dundee- Edinburgh, war bis zum 28. Dezember vorigen Jahres, dem Tage der Katastrophe, die ängste der Welt. Sie war 10 320 englische Fuß oder 3459 Uards, also ungefähr zwei englische Meilen lang und wurde als ein Wunderwerk der Jngenieurkunst gepriesen. Der Bau hatte sechs Jahre gedauert und 350 000 Pfund Sterling gekostet. Die Brücke, dem Ansehen nach ein leichter, zierlicher Bau, nach Norden gegen Dundee zu in gekrümmter Linie dem Ufer zustrebend, wurde Ende Februar 1878 amtlich geprüft, und im Mai desselben Jahres dem Verkehr übergeben. Sie ist ein- gleisig und besteht aus 85 Oeffnungen von verschiedener Spannweite, von denen die elf weitesten je 245 Fuß haben. Die Brückenbahn lag in der Mitte 130 Fuß höher als die Fluthmarke. Ein Theil der Pfeiler ist auf Felsen sundirt. Beim Bau zeigte sich jedoch, daß der Felsen in der Mitte des Flusses so plötzlich abfällt, daß er dort un- erreichbar war und man sich mit einem mit Kies vermischten Thonboden begnügen mußte, aus dem mit Beton gegründet wurde, lieber der Fluthmarke standen Gruppen von eisernen Säulen, aus denen die Gitterträger ruhten. Die beiden Träger, welche die mittleren Oeff- nungen der Brücke überspannten, waren 27 Fuß hoch und wogen zu- sammen 190 Tonnen. So sehr man nach der Vollendung der Brücke die Kühnheit des Entwurfs, die Leichtigkeit und Schönheit des Baues bewunderte, so fehlte es doch anderseits damals nicht an bedenklichen Aeußerungen Sachkundiger, welche die Brücke sowohl im Oberbau wie im Fundament im Verhältnis} zur Höhe für zu schmal erklärten, um einem ungewöhnlich starken seitlichen Druck widerstehen zu können. Auch wurde die Verschiedenheit in de. Wahl des Materials sowie in der Art der Konstruklion sür fehlerhaft gehalten. Doch kehren wir nach der Schilderung des Schauplatzes zu dem grauenvollen Ereignis} des 28. Dezember zurück. Es war ein stürmischer Sonntagsabend. Das ist ein matter Aus- druck, denn es war, als wären alle Teufel losgelassen, um heulend, kreischend, winselnd und zischend mit den Fittigen des Sturms über Schottlanv zu fliegen. Indessen keuchte ein Eisenbahnzug, aus Loko- Motive, Tender und sechs Wagen bestehend, seine kalte, blinkende Bahn von Edinburgh entlang auf die berühmte Taybrücke zu, nach der Hasenstadt Dundee. Die Leute in den Waggons waren guter Dinge. Sie hatten trotz des wüthenden Sturmes keine Angst. Die Brücke ist ja so fest gebaut. Als sie die Billete lösten, hatten sie scherzend gefragt, ob die Brücke den Sturm aushalten könnte? Würden sonst Väter von sechs und sieben Kindern mitgefahren sein? Der eine steckte fröhlich eine Cigarre an, jener that einen Zug aus der Weinflasche und ein dritter dachte an die Mutter seiner Kinder, die jetzt daheim um den Theetisch saßen und fragten, wann Papa kommen würde. Oh, ihr armen Würmer, Euer„duriing papa" ist am Sterben, nur weiß er es nicht. Jetzt betritt der Zug die eine halbe deutsche Meile lange vielbewunderte Brücke. Thomas Barklay, der alte Bahnwächter kommt aus dem Signalhause hervor, um seine Pflicht zu ersüllen. Er macht, mit dem Sturme kämpfend, seine Zeichen und der Zug beginnt auf der Brücke zu rollen. Kaum kann der Alte ins Häuschen zurück,— der Sturm will ihn in die Lüste entführen. Aus dem Häuschen blickt er dem Zuge nach. Er sieht die rothen Lichter des letzten Waggons. Aha, sagt Tom, jetzt sind sie auf der Höhe der Brücke; 130 Fuß über der Brandung, das ist hoch für eine solche Nacht! Plötzlich sieht Tom Barklay keine Lichter mehr. Der Zug ist aus der Kurve, denkt er. Da kommt ihm ein anderer Gedanke. Er schau dert bei dem Gedanken und- geht rasch auf seinen Signalkasten zu, in den acht Drähte einlaufen. Die Drähte gehen alle über die Brücke. Er probirt einen nach dem anderen. Keine Antwort. Die Brücke ist entzwei, der Zug ist im Fluß. Unter den Leuten zu Dundee gab es manche Aengstliche, die sich fragten, ob bei dem Sturme die Brücke passirt werden könne? Ein Vater— er schreibt es der„Times"— sah mit seineni kleinen Mäd- chen beim Fenster hinaus, als der Zug die Brücke betrat. Plötzlich rief das Kind:„O Papa, das ist wie ein Blitz!" Es war, als ob ein Meteor zerspränge, es regnete Funken»nd gab einen flammenden Schein, dann war alles dunkel. Es hörte niemand etwas, als das Heulen des Sturmes. Jemand, der dieses Phänomen gesehen, meldet es dem Bahn- beamten. Die Nachricht verbreitet sich in der gewerbfleißigen Stadt, die Leute erschrecken darüber,-wie die Trojaner über den Inhalt des hölzernen Pferdes. Man rennt auf die Station. Was Freunde oder Verwandte mit dem Zuge erwartet, steht bleich, händeringend in Grup- Pen zusammen. Noch kann mans nicht glauben. Was? Daß ein ganzer Zug ertrinken konnte, Maschine»nd Waggons, Männer, Weiber und Kinder. Hatte doch niemand den Sturz gehört! Die Bahnbeamten wissen ebensowenig wie alle anderen. Zwei von ihnen machen sich aus, die Brücke zu begehen. Es kann, es muß ihnen das Leben kosten, doch ist es ihre Pflicht. Die Brücke ist am hellen Tage unübersehbar und führt in gekrümmter Linie dort über den Fluß, wo er mehr ein Meerbusen als ein Fluß ist. Es ist die Zeit der Fluth, der Sturm peischt die heranrollenden Wogen zu Gischt, er 228 will die beiden Braven in den tosenden Abgrund werfe», aber sie halten sich mit den blutenden Händen und Knien an den Schienen fest und kriechen die Brücke entlang Plötzlich tritt der Mond aus einer sturmgeriffenen Wolkenspalie und zeigt ihnen die gähnende Kluft in der Brücke. Ihre Länge können sie nicht messen. Morgen früh werden sie wissen, daß der höchste Theil der Konstruktion, 3. Eins war gewiß, die acht Wagen waren von einer Höhe von über 199 Fuß in die Wellen herabgestürzt und der Telegraph blitzte nach allen Richtungen der Windrose:„Kein Mensch ist mit dem Leben davongekommen." Das war zwischen 1 und 8 Uhr abends. Um 19 Uhr versuchte es der brave Kapitän des „Dundee" an den Ort des Unglücks zu dampfen und denen Hülse, die sich etwa gerettet haben mochten, zu bringen. Die armen Leute nahmen Brandy mit, die Erschöpften zu laben. Als der Dampfer bei der Brücke ankam, da sah man im Mondlicht dreizehn von den Wassern umtoste Pseiler, aber der mittelste Theil der Brücke fehlte. Jetzt er- innerten sich die Leute auf dem Dampfer an den Ausspruch eines ver- storbenen Herrn Matthew:„Ein starker Sturm kann die Brücke in den Tay blasen." Fünf Tapfere verlassen den Dampfer in einem Boot und fahren um die dreizehn Pfeiler herum. Sie denken, auf dem einen oder andern könnte ein menschliches Wesen aus Rettung harren. Hier und da ragte etwas von einem Pseiler empor, in der Nähe sah man aber, daß es kein Mensch, sondern ein Stück abgebrochenes Eisen sei, ein Restchen der kolossalen Eisenbalken, welche die Schienen getragen hatten. Am andern Morgen schwamm eine Flotille von kleinen Dampscrn, wie es unser Bild darstellt, zu dem Schauplatz des grauenvollen Be- gebnisses. Nach zwei Tagen fanden Taucher die Stelle, wo das Eisen- werk der Brücke und der Eisenbahnzug im Wasser liegen. Die Wagen liegen zwischen den eisernen Trägern, die ostwärts von der Brücke herabgestürzt sind, in der Ordnung, wie sie in den Zug eingestellt waren. Die Waggons waren auf die Träger der östlichen Seite der Brücke gefallen und sind bedeckt von dem Gitterwerk der an der west- lichen Seite befindlichen Träger. Da die Wagen durch den Sturz in kleine Stücke zerschmettert wurden, konnten die Leichen nicht durch die Trümmer sestgehalten werden und wurden von der Fluth stromabwärts gerissen. Bisher wurden 29 Leichen mit Netzen aufgefischt. Wie ist das Unglück geschehen? Der Kondukteur des letzten Zuges, der vor dem Unglück die Brücke passirte, gab an, daß die Räder einiger Waggons seines Zuges Funken gesprüht hätten, ohne daß gebremst worden wäre, ein Beweis, daß die Brücke und mit ihr die Schienen aus der korrekte» Lage gewichen waren. Aus dieser Thatsache fußend, behaupten die Fachleute: Die beiden letzten Waggons entgleisten, vom Sturme umgeblasen, oder sind aus den gewichenen Schienen gesprungen. Der Zug schleppte die um» geworfenen Wagen weiter, und so schlugen diese gegen das Geleise und das seitliche Gitlcrwcrk, welches an jener Stelle die Brücke wie die Wölbung eines Tunnels umschloß. Der außen tobende Orkan faßte die so rn ihren Grundsesten erschütterte Brücke und warf sie in den Strom und den menschengefüllten Zug mit. Die Wellen des Tay brausen über dem ertrunkenen Zuge, und der Tobten wird im rasenden Getriebe des modernen Daseins gedacht— bis zum nächsten Unglück. Die Unfallstatistik der letzten vier Jahre liefert den traurigen Beweis, daß das nächste große Unglück nicht lange aus sich warten lassen wird. Das nachsolgendc Verzeichniß enthält nur die„groß- artigen" Eisenbahnunfälle und beginnt mit dem 8. Januar 1879. An diesem Tage stürzte bei Odessa'ein Bahnzug mit 429 Rekruten eine 49 Fuß hohe Böschung hinab. Die Wagen, 27 an der Zahl, geriethcn in Flammen; 99 Menschen kamen um und doppelt soviel wurde» verletzt. Am 13. März ist die über die angeschwollene Toller führende Brücke zwischen Dornach und Lutterbach im Elsaß eingestürzt. Das Fahrpersonal hatte einige Todte auszuweisen, die Passagiere kamen mit einigen Beinbrüchen davon. Am 23. Juni entgleiste kurz vor der pfälzischen Station Frankenstein ein Schnellzug in einem durch einen Äolkenbruch überfluthetcn Tunnel; Lokomotive, Pack- und Lastwagen zertrümmert; das Fahrpersonal erheblich verletzt. Einen Tag später entgleiste in Spanien zwischen Saragossa und Barcelona ein Postzug: 17 Personen todt, 58 verwundet. Am 24. Juni stürzte bei Bukarest ein Eisenbahnzug von einem durch Ucberschwemmug unterwaschenen Damm; Wagen zertrümmert, Fahrpersonal todt, 12 Passagiere ver- wundet. Am 2. Juli stießen zwischen Bern und Lausanne und aus der unterirdischen Eisenbahn in London die Züge zusammen; 6 Todte und 49 Verwundete. Ein ähnlicher Zusammenstoß ereignete sich am 7. August in Bayern bei Jmmenstadt, und in England bei Äath; Verlust an Menschenleben 39, verwundet 35. Am 22. November flog der fünfte Pfeiler der noch nicht vollendeten Eisenbahnbrücke über den Limfjord(Dänemark) mit drei Arbeitern in die Luit. Drei Tage später platzte eine Sprengmine aus der Eisenbahnlinie Sigmaringen-Ehingen zu früh; drei Arbeiter todt, sieben verwundet. Den Jahresschluß bildet der Einsturz der noch nicht vollendeten Eisenbahnbrücke über das Raab- thal(Fichtelgebirge), der Zusammenstoß zweier Züge zwischen Aix-les- 1 Bains und Chatillon(Frankreich), wobei 18 Menschen todt, 15 ver- J wundet wurden, und der Sturz eines Expreßzuges der Pacificbahn am! Eriesee in Nordamerika aus einer Höhe von 75 Fuß über die Joche einer Brücke hinweg in den Fluß hinunter. Bei der letzten Katastrophe| hat man 52 Verwundete ausgelesen, die Zahl der Tobten war nicht; festzustellen, weil sie die Fluth verschlungen hat.(Schluß folgt.) Aus allen Winkeln der Zeitliteratnr. Wie in Preußisch- Polen das unterjochte polnische Ele� ment von dem herrschenden deutschen allmählich zurück gedrängt wird, geht u. a. daraus hervor, daß die volnischen Grund- eigenthümer im Großherzogthum Posen, welche 1848 3 717837 Morgen Land besaßen, im Jahre 1878 nur noch 2 739879 Morgen behauptet hatten, während der Grundbesitz der Deutschen von 2 499935 im Jahre 48 auf 3 491125 im I. 78 gestiegen ist. Das Verhältniß des Grund- besitzes hat sich also im letzten Menschenalter zu Gunsten der Deutschen und zum Schaden der Polen direkt auf den Kopf gestellt. Eisenbahnverkehr von Wien, Berlin und London. Wüh- rend die Zahl der angekommenen und abgefahrenen Fremden in Wien im I. 1878 9 929893 betrug, beziffert sich der von Berlin auf 9 292899. Wie außerordentlich viel beträchtlicher der Eisenbahnverkehr in London ist, erhellt aus der Thatsache, daß dasselbe schon für das Jahr 75, und nur auf zwei seiner Eisenbahnstationen 99 599999 Reisende aufzuweisen hatte. Steuersrci! Das Grundeigenthum der new-yorker Kirchen hat einen Werth von 139 999999 Mark und ist natürlich— steuerfrei. Die Rinderpest raffte in Rußland im I. 137? in 38 Gouverne- ments 212798 Stück Rindvieh hin. In 49 Gouvernements grassirte die sibirische Pest; derselben fielen 23939 Pferde zum Opfer. Auch gegenüber der Gesammtzahl des Viehs in Rußland verlieren diese Verlustziffern wenig von ihrem Schrecken. In derjenigen großen Mehr- zahl der russischen Gouvernements, für die zuverlässige Angaben über ihre Viehbestände vorliegen, gab es 1877 97 979999 Stück Vieh, darunter 25 918999 Rinder, 45 123999 Schase, 15 388999 Pferde, 9 844999 Schweine, 1 195999 Ziegen. Schulen in Portugal und Spanien. Bei einer Bevölkerung von etwa 4 Millionen hat Portugal 4524 Schulen mit einer Schüler- zahl von 299999 auszuweisen, d. i. auf je 199 Seelen 5 Schüler. In den letzten fünf Jahren sind nicht weniger als 1599 Schulen gegründet worden. Spanien hat 29138 Elementarschulen mit 1 633288 Schülern, d. s. bei etwa 17 Millionen Einwohnern auf je 199 Seelen 9 Schüler. Bon den 19 spanischen Universitäten hat Madrid 6672, Barcelona 2459, Valencia 2118, Sevilla 1358, Granada 1225, Balladolid 839, Santiago 779, Saragossa 771, Salamanca 372, Oviedo 216 Studenten, alle zusammen hatten demnach(1373/79) 16859 Studenten. Hochzeiten in vergangenen Jahrhunderten. Meister Gund- linger, ein Bäckermeister in Augsburg, feierte 1493 eine Hochzeit, die acht Tage dauerte und ihn zur Speisung seiner Gäste. 29 Ochsen, 39 Hirsche, 49 Ziegen, 46 Kälber, 25 Pfauen(!), 95 Schweine, 196 Gänse, 515 Wildvögel und 15999 Fische und Krebse kostete. Die Gäste thaten dabei aber auch des Guten soviel, daß einige von ihnen am siebenten Tage„wie todt hinfielen". Noch ärger machte es, nach dem Berichte des schlesischen Ritters Hans von Schweinichcn, im 16. Jahrhundert der Edle von Rosenberg zu Krommenau in Böhmen, dessen Hochzeit über 199999 Reichsthaler kostete, und nicht weniger als 2999 Hasen, 12899 Hühner, 49999 Eier und 15999 Karpfen, sowie für 12999 Thaler Marzipan und Konfekt konsumirt hat. Auch diese würdige Feierlichkeit dauerte eine Woche. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Der Geheimmittelschwindel, von Emanuel W. (Fortsetzung).— Die Backhefe und ihre faule„Selbstgährung". Bon Dr. H. Oidtmann, Arzt in Linnich(Fortsetzung und Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Forschungsfahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil(mit einer Karte).— Der Einsturz der Taybrücke in Schottland(mit Illustration).— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.