Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Pudotph von A. (Fortsetzung.) Ter Setzer Christlich, der, seit die drei eingetreten waren, mit merkwürdigem Fleiße drauflos gearbeitet hatte, als ob ihn die Sache auch nicht das Mindeste anginge, hielt zum erstenmal in seiner emsigen Thätigkeit inne und schaute sich erleichterten Herzens um. Packcrt schnurrte wie ein Kater, deni man das Fell streichelt, und Därmig schnitt, sich hinter seinem Manuskript verkriechend, die entsetzlichsten Grimassen, um anzudeuten, wie schwer es ihm sei, in diesem interesianten Falle sein Sach- verständigenurtheil zurückzuhalten. Während so sich in der Druckerei die drohende Katastrophe in allgemeines Behagen auflöste, das durch eine beträchtliche Dosis Schadenfreude über das Mißgeschick der Redaktion zwar nicht ver- edelt, aber doch erhöht wurde, sollte das Gewitter über dem Haupte des Meistschuldigen zu um so heftigerer Entladung kommen. Schweder war, grimmer Erbitterung voll, aus der Druckerei sofort nach der Redaktion gegangen, um dort den an dem Druck- fchlerübermaß der neuesten Tageskorrespondenten-Nummer Schul- digen zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Zunächst hatte er sich Herrn Prell kommen lassen. Dieser Journalist von Pro- fession gerirte sich so unschuldig wie ein neugeborenes Kind an dem auch ihm ganz entsetzlich erscheinenden Unheil. Er war am Tage vorher mit tagesschriftstellcrischen Arbeiten: Artikelschreiben, ftorrigiren und Zurechtstutzen eingegangener Korrespondenzen und Mittheilungen, Zusammenstellung der politischen Rundschau u. s. f., derart überhäuft geivesen, daß er nur einige wenige Korrektur- sahnen flüchtig überlesen. Die verhängnißvolle Romanfortsetzung insbesondere hatte er garnicht zu Gesicht bekommen. Dagegen hatte Herr Hampel, nach seines Kollegen Prell Versicherung, Zeit in Hülle und Fülle gehabt. Das bischen Zusammenscheeren von politischen Notizen, Amerika und England betreffend, ins- gesammt kaum zweidrittel Spalten lang, dann der einzige Artikel über amerikanische Politik, den Hampel selber geschrieben, kaum eine halbe Spalte füllend, und zwei kleine Füllnotizen ins Fenille- ton, von denen er die eine, zehn Zeilen lange, aus der englischen Zeitung„Standard" übersetzt und die andre aus einem Kalender von 1844 wörtlich abgeschrieben hatte— das sei— von dem Korrekturlesen abgesehen— Herrn Hampels ganze Tagesarbcit gewesen. Nach diesem kollegial- freundschaftlichen Bericht des Herrn Prell kam Herr Hampel persönlich an die Reihe. „Sie haben die Korrektur der heutigen Nummer gelesen?" fragte der Chefredakteur mit einem Gesicht, wie es der Vorsitzende l eines Jnguisitionstribnnals gemacht haben würde im Momente der Verurtheilung eines der ewigen Vcrdammniß werthen Sünders zum Feucrtodc. Dem Amerikaner Hampel wurde es denn auch äußerst un- heimlich zu Muthe und er antwortete stotternd: „A— allerdings— ich hatte allerdings— das Vergnügen." „So— das Vergnügen," wiederholte der Chef.„Sie hätten gut gethan, wenn Sie das Korrekturlesen nicht als ein Ver- gnügen. sondern als eine ernste Arbeit betrachtet hätten. Wollen Sie gefälligst das von mir mit Blaustift Angestrichene einmal laut vorlesen, mein werther Herr-- Hampel." Dieser nahm das Blatt und las. Bei dem Hammel wurde er roth, wie ein Mädchen, das den ersten Kuß, oder ein Jüng- ling, der die letzte Ohrfeige empfängt, und bei der Nachtigall mit Hut und Stock begann ihm kalter Schweiß von der durch das bescheidene Rückmärtskonzentriren des Haarschmuckcs ans das Hinterhaupt zu einer spiegelglatten Rutschbahn veredelten Idioten- stirn herabzusickern. Reden konnte er nicht mehr, der Herr Hampel. Die Blamage war wirklich zu groß. Schwedcr nahm ihm das Blatt wieder aus der Hand. „Haben Sie etwas zur— Erklärung dieser Ungeheuerlich- keiten zu sagen, Herr?" herrschte er den Sprachlosen an. Hampel schnappte nach Luft.„Ich begreife— nicht, Wie so etwas passircn kann," preßte er endlich heraus.„Was mich anbetrifft, so war ich gestern den ganzen Tag so— so in An- sprach genommen von dem Gedanken an meinen Artikel,— ich hatte mir soviel Mühe gegeben——" Herrn Hampel war im Augenblicke ums Herz— nicht wie einem Schulmeister, sondern �vie einem Schulkinde, in dem eine trotz aller Mühe mißglückte Schularbeit das vernichtende Gefühl der eigenen geistigen Schwäche erweckt hat. „Den ganzen Tag lassen Sie Sich von den Gedanken an einen einzigen Artikel in Anspruch nehmen?— Nun, ich will hoffen, daß dieser Artikel wenigstens ein kleines Meisterwerk ge- worden ist. Wollen doch einmal zusehen!" Schweder überflog den Artikel. Auf einmal erweiterten sich seine Augen, als ob sie den „Tageskorrespondenten" verschlingen wollten. „Was ist das für eine Geschichte?" fragte er.„Sie wollten doch einen politischen Artikel über Amerika schreiben, mein Herr Hampel, wie?" . Februar J880. „A— allerdings," bestätigte Herr Hampel.„Da— das habe ich ja auch gethan." Schweder sprang von seinem Sessel auf, ballte das Exemplar des„Tageskorrespondenten", in dem er gelesen, in der Hand zusammen, als ob er eine Kugel daraus kneten wollte, und warf es in hohem Bogen in den entferntesten Winkel seines Redaktions- zimmers. Herr Hampel sprang, zu Tode erschrocken, zurück, bis dicht an die" Thür, bereit, sofort die Flucht zu ergreifen, wenn die Wuth dieses entsetzlichen Chefredakteurs sich etwa zu der Absicht thätlicher Mißhandlungen steigern sollte. Aber Herr Schweder machte viel kürzeren Prozeß, und er hatte auch auf der Stelle wieder die Herrschaft über sich gewonnen. „Herr Hampel, Sie sind entlassen," sagte er mit eisig kaltem Tone, der um so schneidiger wirkte, als er mit der voran- gegangenen Aufregung auf das allerschärfste kontrastirte.„Lassen Sie Sich gefälligst von dem Kassirer einen Vierteljahrsgehalt ausbezahlen und— suchen Sie Sich anderswo eine Beschäftigung als in einer Zeitungsredaktion. Leben Sie wohl, Herr Hampel!" Hampel verschwand schleunigst— ohne eine Silbe der Wider- rede. Sein Chef goß sich aus krystallgläserner Wasserflasche ein großes Bierglas drciviertelvoll und füllte es dann niit purpur- funkelndem Burgunder bis zum Rande, um das Gemisch als Beruhigungsmittel in einem einzigen gewaltigen Zuge bis zur Neige auszutrinken. Er war grade im Begriff, von neuem Herrn Prell zu sich zu rufen, um sich mit diesem über die durch die sofortige Entlassung Hampels nöthig werdenden Redaktionsmaßnahmen zu verstän- digen, als ihm der Besuch seines Freundes Senkbeil gemeldet wurde. Die beiden waren sich noch nicht begegnet, seit der„Tages- korrespondent" zu erscheinen angefangen hatte. Sie tauschten daher zuerst die auf den Inhalt und den ersten Erfolg des Blattes bezüglichen Fragen und Antworten aus. „So, dir gefällt der, Tageskorrespondent'? Nun ja! Die heutige Nummer hast du doch auch schon gelesen, wie? Gefällt dir die auch?" „Ich habe sie in der Tasche; zum Lesen bin ich aber noch nicht gekommen." „Lies gefälligst einmal diesen Artikel." Senkbeil nahm etwas verwundert das Blatt und las. „?lmerikanische Eisenbahnschwindelcien?" fragte er.„Ja, was gehen die mich an?" „Willst du gefälligst vom zweiten Abschnitt an laut lesen?" „Ich verstehe wirklich nicht recht, indeß, wenn es dir Ver- gnügen macht, so halte ich dir auch aus deinem eigenen Blatte eine Vorlesung. Also: ,Die unverschämten Schwindeleien dieser Gesellschaft bestanden gewöhnlich darin, daß sich die Geschäftsleitung der Bahn zunächst in den Privatbesitz von irgendwelchen Ländereien setzte, welche von der Bahn nicht allzuweit entfernt waren. Meist wurden Kreaturen der Gcschäftsleitcr als Scheinkäufer vorgeschoben, zu- weilen aber ging die Dreistigkeit soweit, dies auch als überflüssig beiseite zu setzen. Hatte man die Ländereien hunderte von Meilen (englischen) in der Tasche, so drückte man mit allen Mitteln den Beschluß durch, eine Bahnlinie durch das angekaufte Territorium hindurchzulegen, und die sauberen Oberbeamten der Bahn traten mit sich selbst oder ihren Helfershelfern in Unterhandlung behufs Ueberlassung der kurz vorher aufgekauften Landstrecken. Natürlich profitirten sie Millionen, um die sie ihre mgene Gesellschaft prellte». Damit aber nicht genug, standen sie und stehen jeden- falls heute noch mit allen Lieferanten der Bahn in geheimer Verbindung und bezogen von diesen für jede Bahnschiene, die geliefert wurde, und für jeden Waggon, kurz für alles, was die Eisenbahn brauchte, ihre kolossalen Prozente, um die natürlich wiederum �ilicmand anders als die Gesellschaft zu kurz kam.'" Herr Senkbeil hielt nachdenklich inne. „Nun, wie gefällt dir diese journalistische Leistung?" fragte der Freund. „Wicht besonders. Ich begreife vor allen Dingen nicht, wie der Verfasser so ganz ohne tede sichtbare Veranlassung in den Tagesereignissen auf die Erzählung so— man kann es nicht leugnen!— fauler Verhältnisse kommt." „Der Verfasser ist ein ganz unverantwortlicher Esel," ent- gegnete Herr Schweder, der doch noch nicht ohne heftige Erbitte- rung von der fatalen Geschichte zu sprechen vermochte.„Ein ganz kolossaler Esel, der absolut nicht weiß, was er schreiben soll und daher über das erste beste, wovon er in Amerika einmal hat läuten hören, sein albernes Geschwätz ergießt. Von Zusammen- hang mit den Tagesereignissen ist natürlich nicht die Rede—" „Ich kann jedoch immer noch nicht ersehen, warum du, den ich sonst fast noch nie habe die Ruhe verlieren sehen, dich darüber so aufregen kannst, wie es der Fall zu sein scheint. Die amerika- nische Räubergeschichte geht dich, geht uns doch garnichts an." „So, meinst du nicht, daß es z. B. unter den Aktionären unsrer Bahn Leute genug geben wird, welche, wenn ihnen die Thatsachen auch gar keinen Anhalt, ja selbst, wenn sie ihnen auch keinen Grund geben, doch auf den Gedanken kommen, bei uns, und vielleicht in nächster Nähe, möchte es ebenso, oder ähnlich wenigstens, hergehen?" Herrn Senkbeils rundes Gesicht verlängerte sich zusehends. „Ja, aber ich bitte dich— es kann doch kein Mensch auf den Gedanken kommen—" Schweder lachte spöttisch.„Warum nicht, mein Lieber? Es hat längst böses Blut gemacht, daß die Kompagnie Senkbeil, Alster, Wichtel, durch Hülfe der Eisenbahn-Verwaltnngsräthe Wichtel und Alster und ihres guten Freundes, des Oberbauraths Schneemann, den Löwenantheil der Waggon- und Maschinen- liesernngen k. für die Bahn erhalten hat. Und wenn nun gar die Gesammtheit der Lieferungen— wie ja wohl geplant wird— euch übergeben wird, mein Bester,>vas meinst du, was die Leute dort, diesen Artikel ftisch im Gedächtniß, denken und munkeln, wenn nicht ganz laut auf der Straße ausschreien werden?" Herrn Senkbeil schien es sehr warm geworden zu sein. Eine dunkle Röthe hatte sich über sein Antlitz verbreitet, und von der Stirn wischte er sich mit dem seidenen Taschentuche den Schweiß. „Ich versichere dich jedoch, wir müssen die gesammten Lie- fernngen für die Bahn haben, sonst gehen wir trotz alledem und alledeni zugrunde--" „Eben deshalb. Wie gefällt dir nun von dem Gesichtspunkte aus, den ich dir soeben zu eröffnen das mehr als zweifelhafte Vergnügen hatte, dieses Juwel von Zeitungsartikel?" „Ja, lieber Schweder, sage du mir nur um Himmelswillen, warum hast du denn diesen Unglücksartikel zur Veröffentlichung kommen lassen?" „Das wirst du gleich hören." Schweder klingelte. „Ich bitte Herrn Prell, auf einen Augenblick zu erscheinen," herrschte er dem zum Redaktionsdiener avancirten Bnchhandlungs- laufburschen zu, dessen Amt es war, der Befehle des Cheftedakteurs gewärtig zu sein. Herr Prell, der um diese Zeit in seiner nahegelegenen Woh- nung Mittagsruhe hielt, mährend der Kollege Hampel bis um 5 Uhr nachmittags die einlaufenden dringenderen Arbeiten allein zu besorgen hatte, war in kürzester Frist da. Es mußte wohl, meinte er, eine wichtige Angelegenheit sein, die den Chef ver- anlaßte, ihn rufen zu lassen. Schweder begrüßte den Kollegen mit dem allerdings ziemlich mild gehaltenen Vorwurfe, er hätte die Aufnahme des„im höchsten Grade ungeschickten, gänzlich zwecklosen, von vollständiger Unkenntniß der bezüglichen Verhältnisse zeugenden Artikel" ver- hindern sollen. Prell war zwar mit seinem„verehrten Kollegen" über den Werth des Artikels einverstanden, fühlte sich aber, wie immer, durchaus unschuldig, zumal ihm die Berechtigung, eine Arbeit seines Kollegen Hampel zurückzustellen, nicht zuerkannt war. In der weiteren Verhandlung wurden die Herren durch einen neuen Besuch gestört. Schweder wollte zuerst den Besucher kurz- weg abweisen; als er aber auf die Karte geschaut, welche ihm der Redaktionsdiener übergeben, rief er:„Nein, halt, sagen Sie dem Herrn, es wäre mir sehr angenehm." Noch ehe Schweder mitgetheilt hatte, wer der Ebenangekommene sei, trat dieser über die Schwelle. Der alte Herr Klose, kein anderer war es, kam auf Betreiben Alsters, um sich der Redaktion des„Tageskorrespondenten" zur Abfassung von Bücherrezensionen, sowie von literar- und kultur- historischen Notizen und Aufsätzen zur Verfügung zu stellen. Herrn Schweder erschien er wie gerufen. Jener wußte genug von ihm, um ihn zum großen Erstaunen und nicht grade zum Behagen Prells in höflichster und schmeichelhaftester Weise zu ersuchen, in die Redaktion, zun, mindesten versuchsweise, ein- zureten. Dabei erzählte Schweder kurz, daß der bisherige dritte Kollege plötzlich seinen Abschied genommen, weil er eingesehen hätte, daß er sich in die redaktionellen Obliegenheiten, unter anderm auch in das Korrekturlesen, nicht so rasch als nöthig einarbeiten könne. Dem alten Klose trat bei dieser Auseinandersetzung ein Ge- danke vor die Seele, der bei ihm schon seit längerer Zeit sich eingenistet hatte und den Inhalt eines Lieblingswunsches bildete, des einzigen im Grunde, der sein anspruchsloses Gemüth beseelte. Demselben nachgebend, lehnte er in dankbarer Herzlichkeit für die unerwartete Anerkennung seiner schwachen Kräfte, wie er sich ausdrückte, für sich den ehrenvollen Antrag ab, aber an seiner Stelle empfahl er einen andern. „Ich kenne einen jungen Mann," sagte er.„der ganz die Eigenschaften besitzt, welche erforderlich sind, einen Posten aus- zufüllen, wie mir der zu sein scheint, welchen Sie, geehrter Herr, augenblicklich zu vergeben haben. Zwar ist er kein Publizist von Beruf, aber deren gibt es ja doch bei uns in Deutschland über- Haupt nur sehr wenige." Herr Prell warf sich, als er das hörte, in die Brust, als ob er sagen wollte: der Mann hat recht, aber die wenigen, die es gibt, die sind dann auch um so besser; hier steht z. B. ein Pracht- exemplar. Leider achtete niemand auf Herrn Prells imposante Attitüde, und Herr Klose fuhr unbekümmert fort: „Dafür hat sich der junge Mann eine garnicht zu verachtende geschichtliche und literarische Bildung erworben, und zwar durch ein mit staunenswerthem Fleiße und Ausdauer betriebenes Selbst- studium. Er ist intelligent, schreibt ein korrektes und fließendes Deutsch und findet sich in kleinere journaltstische Arbeiten sofort und leicht hinein. Natürlich dürfen Sie Ihre Envartungen und Anforderungen nicht gleich von vornherein zu hoch spannen. Daß Sie aber zuftieden sein werden, wenn Sie anfänglich ein wenig Nachsicht üben wollen, geehrter Herr Chefredakteur, deß bin ich ganz gewiß." Herr Schwedcr schaute ein wenig zweifelhaft drein, als er sagte:„Der Betreffende müßte vor allen Dingen vorzüglich zu korrigiren verstehen. Denn die höhere— d. h. den schwierigern Thcil der andern Arbeit,"— Schweder verbesserte sich rasch, weil er Klose, der ja so viele Jahre nichts weiter als Korrektor ge- Wesen war, nicht verletzen wollte,„werden wohl wir, mein Kollege Herr Prell und ich— auf uns nehnien, falls es uns nicht sofort gelänge, eine Kraft, wie Sie, mein bester Klose, für unsre Re- daktion zu gewinnen; nicht wahr, Herr Prell?" Dieser konnte nur durch eine leichte Verbeugung antworten, denn Herr Klose erwiderte sehr eifrig: „Das trifft sich prächtig! Grade das Korrekturlesen ist die stärkste Seite meines Schützlings,— so darf ich in gewisser Be- ziehung den fraglichen jungen Mann wohl nennen. Sogar die in Bezug auf die Korrektur ihrer wissenschaftlichen Werke aller- peinlichsten unter nnsern Universitätsprofessorcn versichern, daß sie nie ihre Bücher von Druckfehlern freier gefunden hätten, als jetzt, seit Fritz Lauter Korrektor ist bei Gandersberg und Kom- pagnie. Ssist das," setzte der alte Herr gutmüthig lächelnd hinzu, „zwar für mich keine besondere Schmeichelei, aber— es ist kein übertriebenes Selbstlob, wenn ich sage: ich war auch der ungeschickteste noch lange nicht als Korrektor." „Ah, Fritz Lauter meinen Sie!" Herr Schweder war einiger- niaßen überrascht.„Von dem jungen Menschen scheint alle Welt — soweit die Welt ihn kennt!— merkwürdig hohe Begriffe zu haben. Daß er ein. guter Korrektor, sagte mir heute erst wieder Gandersberg— ich weiß nicht mehr zum wievieltcnmale. Nun, wenn Sie meinen, daß dieser Lauter anstellig und ausbildungs- fähig ist, so könnten wirs mit ihm versuchen. Einverstanden, Herr Kollege?" Kollege Prell wußte zu gut, daß er bei derartigen Anstellun- gen eigentlich gar nicht mitzusprechen habe, um nicht bereitwilligst seine Zustimmung zu versichern. Und so war denn im Hand- umdrehen Fritz Lauters Einsetzung als Hülfsredakteur beim „Tagcskorrespondenten" beschlossene Sache. Schweders Bedenken, Gandersberg werde seinen Korrektor wahrscheinlich überhaupt, jedenfalls aber nicht so Knall und Fall verlieren wollen, ward von deni alten Herrn Klose beschwichtigt, der ganz entzückt war, seineni Fritz Lauter zu rascheni Emporkommen, wie er hoffte und glaubte, behülflich fein zu können. Herr Gandersberg sei ein viel zu edler Mann, um einem jungen Menschen, den er seiner trefflichen Eigenschaften wegen schätze, gewissermaßen die Karriere zu verderben. Und bis sich ein tüchtiger Ersatz für Lauter fände oder bis er, was er allerdings gar nicht besorge, aus der Re- daktion wieder in die Druckerei zurückkehre, ivolle er. Klose, herzlich gerne wieder einmal zur Fahne der Korrektur schwören. Schweder erklärte, damit sei allerdings alles in Ordnung, und »suchte Herrn Klose, den jungen Mann, den nach seiner Einwilligung zu fragen, der Herr Chefredakteur nicht im geringsten nöthig fand, von seiner Anstellung als Hülfsredakteur zu benach- richtigen. „Sonderbarer Kauz, dieser Alte," brummte Herr Prell vor sich hin.„Wird auf feine alten Tage noch einmal Korrektor, trotzdem er Schriftsteller von Profession ist, um einen Korrektor von Profession zum Schriftsteller, wenigstens zu einer Art davon," fügte der fachkundige Herr im stillen dazu,„zu inachen." Uebri- gens war er nicht nur äußerlich einverstanden. So ein junges, unerfahrenes, arbeitsames Kerlchen kann ein routinirter Jour- nalist und an Dreistigkeit nichts zu wünschen übrig lassender Resi- denzler, der im Ausnützen fremder Arbeitskraft eine staunens- werthe Fertigkeit hat, stets auf das beste gebrauchen. Herr Senkbeil hatte an der ganzen Szene wenig oder gar keinen Antheil genommen. Nur foviel leuchtete ihm ein, daß den sehr zu unrecht kommenden Artikel und ivohl auch noch an- dere Ungeschicklichkeiten, wenn nicht etwa Bosheiten, das bis- herige Redaktionsmitglied verschuldet habe, für das sich Schwcder jetzt um Ersatz bemühte. Schweders Energie imponirte ihm dabei wie immer. Die ganze Angelegenheit tvürdc ihm bei den mannichfachen Sorgen, ivelche ihn drückten, übrigens in der That außerordentlich fatal geworden sein, wenn er sich nicht auf Schweders, wie er meinte, unübertreffliche Gewandtheit, alle Schwierigkeiten und Verlegen- heiten schließlich doch zu besiegen und zu seinem und seiner Freunde Besten zu kehren, felsenfest verlassen hätte. Aber er bedurfte noch in tausend anderen Dingen den Rath und die Hülfe seines Freundes. Daher war er froh, als die Redaktionsfrage ihre Erledigung gefunden hatte und sich kurz nachher auch die Herren Prell und Klose entfernten und Schweder ihm gestattete, sein Herz auszuschütten, nachdem er ihm noch mitgetheilt, er werde in der nächsten Nummer mit der Namens- Unterschrift des Hampel das Publikum wegen der lächerlichen Druckfehler— von denen Herr Senkbeil jetzt zum erstenmalc etwas hörte— um Entschuldigung bitten und erklären lassen, daß in diesem einen Falle, dessen Wiederkehr durch geeignete Maßnahmen unmöglich gemacht sei, momentane Arbeitsüber- Häusling eine sorgfältige Korrektur unmöglich gemacht habe. „Und nun, lieber Senkbeil, heraus mit dem, was du mir zu sagen hast. Es sieht mir nicht aus, als ob es viel Ergötzliches fei. Was du mir vorhin über euer Geschäft inittheiltest, wußte ich allerdings lange. Wie kann geholfen werden und was gibt's noch— das ist die Frage!" Die Auseinandersetzung des Herrn Senkbeil dehnte sich zu einem stundenlangen Vortrage aus, dessen wesentlichster Inhalt darin bestand, daß das im Besitz der Gesellschaft Alster, Wichtel, Senkbeil befindliche Fabriketablissement nicht nur sich immer noch nicht rentire, trotz der paarmal hunderttaufend Thaler, welche in den letzten zwei Jahren noch hineingesteckt nnd zur Anknüpfung von Geschäftsverbindungen in aller Herren Länder benutzt worden seien, sondern daß die Möglichkeit, es rentabel zu machen, infolge der kolossalen Kapitalanlagen, die es verschlungen hätte, heute ferner gerückt erscheine, als je. Dazu känie, daß Alster, der all- gemach weitaus das meiste Geld dem gemeinsamen Gcfchäst an- vertraut habe, seine anfangs unerschütterliche Zuversicht bezüglich der baldigen Prosperität des Etablissements schon ziemlich ver- loren habe. Selbst seine Zuneigung zu Schweder scheine im Wanken oder vielleicht gar im Schwiiiden zu sein. Er müsse einen geheimen Groll gegen Schweder hegen; und das sei sehr zu bedauern, weil Schweder derjenige gewesen, welcher die in ihren Interessen und Neigungen doch nur äußerlich Verbiiiidenen zu gemeinschaftlichem Handeln zusamnicugehalten habe. Würde Schwedcrs Einfluß sich eines Tages als machtlos erweisen, so wisse er, Senkbcil, nicht, wie das Bündniß weiterbestehen könne; dann würde die alte, tiefinncrliche Abneigung zwischen Alster und den Wichtels einen gewaltsamen Bruch nicht nur möglich, fondern sogar wahrscheinlich und unvermeidlich machen, und damit falle das Geschäft, damit falle nicht nur er, sondern wahr- scheinlich auch die Wichtels, und Alster wäre vielleicht, aber auch nur vielleicht, der einzige, welcher mit furchtbarem Verlust über den gänzlichen Ruin glücklich hinwegzukommen wermöchte. Was ihn selbst beträfe, so bleibe ihm absolut nichts andres übrig, als eine Kugel vor den Kopf; alle seine Hülfsquellcn seien erschöpft bis auf den letzten Tropfen, viel schlimmer noch als vor zwei Jahren. Der garnicht innehaltende Niedergang aller Geschäfte habe sich wie e.in Alp gelegt auch auf seine und seiner Geschäfts- genossen riesenhafte Anstrengungen, in die Höhe zu kommen, und sich auf der Höhe p erhalten. Es gälte also, die Büchse ins Korn werfen oder einen letzten Verzweiflungskamps.... Als Herr Senkbeil soweit gekommen, legte ihm sein Freund Schwe- der, dessen große dunkle Augen seltsam glänzten, die Hand ans die Schul- ter:„Ruhe, Kaltblütig- keit," sagte er mit ge- dämpfter, aber wie immer energievoll klingender Stimme.„Bis jetzt habe ich die Sache immer noch als Spiel betrieben, ob- gleich ich alle Vorberei- tungen zu ernsterem Ein- greifen getroffen habe. Ich werde dich also nicht verlassen, Senkbeil. Zu- nächst brauche ich vier- undzwanzig Stunden Zeit zur Ueberlegung,— wenn ich dann den Mo- ment gekommen erachte, den Verzweiflungskampf, wie du es nennst, ans- zunehmen, oder, wie ich die Sache auffasie, die letzten, den endgiltigen Sieg an unsere Fahnen fesselndenSchlägeznthun, — dann werde ich wieder das Kommando über- nehmen, und dann..." Schweder hielt inne; Senkbeil athmete ans. „Dann." ergänzte er sei- nes Freundes Worte, „werden wir siegen. Ja, Schweder, das hoffe ich, das glaube ich. Was du willst, das kannst du. Wenn ich den Glanben an dich nicht hätte, ich wäre längst toll geworden in all' dem unsäglichen ge- schäftlichen Wirrwarr, alle die tausend unerhör- ten Schwierigkeiten, die sich immer aufs neue der Erfüllung jener der- einst gehegten Hoffnung in den Weg gethürmt haben, der Hoffnung, mich bald in die glück- selig ruhigePosition eines wohlhabenden Rentiers hineinzuarbeiten." Um Schweders Mundwinkel zuckte wie- der das altbekannte ge- ringschätzigc Lächeln. Die glückselig ruhige Position eines wohl- habenden Rentners war sein Strcbensziel nicht. Jndeß reichte er dem ihm blindlings vertrau- enden Freunde die Hand. Sie konnten jeder den andern brauchen— das gab einen besseren Kitt als die Freundschaft. Während der nächsten Wochen entwickelte Herr Schweder eine fieberhafte Thätigkeit. Er bekümmerte sich um alle Angelegen- öffcntlichung, die er nicht vorher gelesen hatte; gewöhnlich las er nach der dritten Korrektur, kurz bevor die fertige Druckform 233 in die Maschine kam, das ganze Blatt noch einmal vom ersten bis zum letzten Buchstaben und merzte rücksichtslos alles aus, der alte Herr Klose hatte recht gehabt— Fritz Lauter>var ein vorzüglicher Korrektor; der Satz, den er zweimal gelesen hatte, war sicherlich von allen Fehlern gesäubert, und dabei las er so rasch, daß er zu den„höheren" Rcdaktionsarbeiten, wie Herr Schweder zu sagen pflegte, noch sehr viel Zeit übrig behielt. Zu Anfang bekani der„junge Mann"— so wurde Fritz Lauter von dem Chefredakteur und auch von dem ihm getreulich nachahmenden K ollegen Prell genannt— wichtigere Arbeiten, bei denen er einen bedeutende- reu Grad von Leistungs- fähigkeit hätte zeigen können, nicht in die Hand. Prell gab ihm Artikel aus anderen Zeitungen und aus den autographirten Kor respondcnzen, die seiner höheren journalistischen Einsicht des Abdrucks würdig schienen, zum Kürzen oder machte ihm Noten dazu, nach denen der junge Mann die bc- zeichneten Notizen zu er- gänzen oder umzuarbei- ten hatte. Natürlich hatte der routinirte Kol- lege an Fritz Laniers primitiven Publizisten leistungen mancherlei zu mäkeln; insbesondere fand er fast regelmäßig, daß es nicht„pikant" genug wäre, was Fritz geschrieben hatte; sodaß er sich genöthigt sah, hier und da„Lichter aufzusetzen", wie er das Einstreuen von Mau- crn und giftigen Bc- merkungen, die Fritz Lauter häufig ganz un- motivirt erschienen, zu nennen pflegte. Bald aber entdeckte Prell, daß der junge Kollege doch noch zu Besserem zu gebrauchen war. Ein, zwei Wochen lang hatte ersterer gar- nicht für nöthig gehal- ten, daß Lauter die fremden- Zeitungen zu anderm Zwecke, als zu jenen Kürzungsarbeiten unter die Hände bekäme. Trotzdem aber mußte er bemerken, daß dieser kein Schnitzel bedrucktes Pa- Pier, das er erlangen konnte, ungelesen ließ. Das veranlaßte ihn eines Tages, Fritz Lauter einen Stoß Zeitungen zu über- was ihm nicht recht oder seinen Zwecken entgegen zu sein schien, geben mit der Weisung, er möge das, was ihm beachtenswerth Druckfehler brauchte er übrigens nicht mehr zu befürchten, denn vorkäme, zur Benutzung anstreichen.(Fortsetzung folgt.) Das neue Recht Voll IV. Strafprozeßordnung. Bei Besprechung des Gerichtsverfassungsgesetzes haben mir kennen gelernt, welche Gerichte thätig werden und wie ihre Koni- petenz sich gegenseitig abgrenzt. Wir sahen, daß in erster Instanz neben einander, je nach der Schwere der abzuurtheilenden Ver- gehen, Schöffengerichte, Landgerichte und Schwurgerichte arbeiten. Wir hießen es willkommen, daß zwei dieser Gerichte, die Schöffen- geeichte und Schwurgerichte, das Laienelement zum Richteramt mit heranzogen und daß das Hanptverfahren dem Grundsatz der Oeffentlichkeit unterivorfen ist. Machen wir uns heute mit deni Berfahren selbst im einzelnen Fall bekannt: Zunächst begegnet uns dabei die Frage, von welchem Gericht muß ich Recht leiden? Es ist das die Frage nach dem Gerichts- stand. Die Strafprozeßordnung stellt zwei Gerichtsstände für jeden einzelnen Verbrecher kumulativ neben einander dergestalt auf, daß es dem Ankläger die Wahl zwischen denselben läßt. Das ist der Gerichtsstand der begangenen That und der Gerichts- stand des Wohnsitzes. Die früheren Strafprozeßordnungen kannten diese Gerichtsstände auch, doch stellten sie sie in ein anderes Ver- hältniß zu einander. Da war der Gerichtsstand der begangenen That der Primäre, der des Wohnsitzes nur in Fällen gegeben, wo ein Gerichtsstand der begangenen That nicht begründet war. Diesen eventuellen Charakter trägt nach der deutschen Straf- Prozeßordnung der dritte Gerichtsstand der Ergreifung. Für strafbare Handlungen auf einem deuff'chen Schiffe im Ausland oder in offener See ist dasjenige Gericht zuständig, in dessen Bezirk der Heimathshascn oder derjenige deutsche Hafen liegt, welchen das schiff nach der That zuerst erreicht. Deutsche, welche das Recht der Exterritorialität genießen, sowie die im Ausland angestellten Beamten des Reichs oder der Bundesstaaten haben ihren Gerichtsstand an dem Wohnsitz, ivelchen sie an Heimaths- statt haben, in Ermangelung eines solchen in der Hauptstadt ihres Heimathstaates. Endlich ist für zusammenhängende Straf- fachen, welche einzeln zur Zuständigkeit verschiedener Gerichte gehören, ein Gerichtsstand bei demjenigen Gericht begründet, welche für eine derselben zuständig ist. Der Einwand der ört- lichen Unzuständigkeit des Gerichts muß vom Augeklagten geltend gemacht werden, und zwar kann dies blos bis zum Schlüsse der Voruntersuchung oder, wenn eine solche nicht stattgefunden hat, bis zur Verlesung des Verweisungsbcschlusses in der Haupt- verhaudlung geschehen. Von der größten Bedeutung im Strafversahren ist selbst- verständlich das Institut der Jtaatsaittvaltschaft. Die deutsche Strafprozeßordnung hat, wie schon früher erwähnt, das sogenannte Offizialprinzip adoptirt, und verpflichtet deshalb den Staats- anwalt zum Einschreiten in jedem Falle, in welchem er von einer strafbaren�Handluiig Kenntniß erlangt. Der Staatsanwalt ist in allen Stadien der Untersuchung thätig. Die deutsche Straf- Prozeßordnung hat insofern eine Neuerung, wenigstens für Sachsen, getroffen, als sie auch bei den Amtsgerichte» öffentliche Ankläger, hier Amtsanwälte genannt, kennt. Nicht gegen alle Vergehen schreitet der Staatsanwalt als öffentlicher Ankläger ein. Die Strafprozeßordnung gestattet auch die Privatklage, und zwar für Verfolgung der Beleidigungen und Körperverletzungen, soweit diese Vergehen auf Antrag zu verfolgen sind. In diesen Fällen ist es Aufgabe der Verletzten, die Anklage zu erheben und zu verfolgen. Der Staatsanwalt wird nur thätig, ivenn das öffent- liche Interesse dabei engagirt ist, z. B. bei durch die Presse bc- gangenen Beleidigungen. Ueberdies kennt die deutsche Strafprozeßordnung im gewissen Sinne die subsidiäre Privatklage. Jeder, dessen berechtigte In- teressen durch eine Strafthat verletzt sind, hat zunächst, wenn er die Bestrafung des Thäters herbeiführen will, Anzeige von der Strafthat bei der Staatsanwaltschaft zu machen; lehnt diese die Verfolgung m allen Instanzen ab. so hat der Verletzte das Recht. auf gerichtliche Entscheidung anzutragen, lieber diesen Antrag entscheidet das Oberlandesgericht, beziehungsweise Reichsgericht. Erachtet dasselbe den Antrag für begründet, so hat der Staats- anwalt nunmehr unweigerlich die Anklage zu erheben; dafern die strafbare Handlung gegen sein Leben, seine Gesundheit, seine Freiheit, seinen Personenstand oder sein Vermögensrecht geht, im neuen Reich. ?. kann der Verletzte sich dem Strafverfahren als Nebenkläger an- schließen und zu seinem Theil zur Ueberführung der Angeklagten beitragen. Große praktische Bedeutung wird diese subsidiäre Privatklage schon um deswillen nicht gewinnen, weil dem Privat- klüger von vornherein die Bestellung einer Kaution angesonnen werden kann. Gegenüber der Anklage ist der Vcrtheidigung zu gedenken. Die Strafprozeßordnung unterscheidet zwischen dem bestellten und gewählten Vertheidiger. Gewählter Vertheidiger ist der vom Ängeklagten selbst berufene, bestellter der vom Gericht gesetzte Vertheidiger. Als Vertheidiger gewählt kann jeder bei einem deutschen Gerichte zugelassene Rechtsanwalt, sowie ein an einer deutschen Universität angestellter Rechtslehrer werden. Andere Personen können als Verlheidiger nur mit Genehmigung des Gerichts gewählt wcrdeu. Dagegen können bestellt werden als Vertheidiger nur die am Sitze des Gerichts wohnhaften Rechtsanwälte, ferner andere nicht als Richter angestellte Justiz- beamte, und die nach bestandener erster Prüfung im Justizdienst beschäftigten Referendare, gleichviel ob sie zwei Jahre schon im Vorbereitungsdienst waren oder nicht. Ein Vertheidiger kann in jeder Lage des Verfahrens gewählt, wie auch schon im Vor- verfahren bestellt werden. Die Strafprozeßordnung unterscheidet fec-'.er zwischen noth- wendiger und nicht nothwendiger Vertheidigung. Roth- wendig ist die Vertheidigung für die vor das Reichsgericht in erster Instanz gehörigen Sachen und für die schwurgerichtlicheu Sachen unbedingt, für die vor dem Landgericht in erster In- stanz zu behandelnden dann, wenn entweder der Angeschuldigte taub, stumm oder noch nicht sechzehn Jahre alt ist, oder aber, wenn ein Verbrechen den Gegenstand der Untersuchung bildet, und der Beschuldigte oder dessen gesetzter Vertreter die Bestellung eines Vertheidigers beantragt. Das Gericht kann überdies in andern Fällen, und zwar sowohl auf Antrag als auch von Amtswegen einen Venheidiger dann bestellen, wenn es im In- teresse der Untersuchung liegt. Die Nothwendigkeit der Vertheidigung beginnt mit der Er- öffnung des Hauptverfahrens und beschränkt sich zunächst auf die erste Instanz. Die Befugnisse des Vertheidigers vor der Hauptverhandlung bestehen vornehmlich in Einsichtnahme der Akten, schriftlicher Korrespondenz und mündlicher Unterredung. Solange jedoch das Hauptverfahren noch nicht eröffnet ist, kann der Richter schriftliche Mittheilungen zurückweisen, falls deren Einsicht ihm nicht gestattet wird, und bei Unterredungen zwischen dem Angeklagten und Vertheidiger verordnen, daß eine Gcrichtspcrson denselben bei- wohnt, falls der Angeklagte nicht lediglich wegen Fluchtverdachts in Haft ist; diesfalls ist ihm der Verkehr mit seinem Vertheidiger unbeschränkt gestattet. Die Befugniß der Aklcneinsicht steht dem Vertheidiger nach dem Schluß der Voruntersuchung oder, wenn eine solche nicht stattgefunden, nach Einreichung der Anklageschrift bei dem Gericht unbeschränkt, vor diesem Zeitpunkt nur insoweit zu, als dies ohne Gefährdung des Untersuchungsziveckes geschehen kann. Unter keinen Umständen darf ihm aber die Ein ficht der Protokolle über die Vernehmung des Beschuldigten, die Gutachten der Sachverständigen und die Protokolle über diejenigen gerichtlichen Handlungen, denen der Vertheidiger beizuwohnen befugt ist, z. B. Augenschein, verweigert werden. Diese Befugnisse stehen selbstverständlich sowohl dem bestellten als dem gewählten Vertheidiger zu. Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden liegt anderswo: auf dem ganz gemeinen Gebiete der Bezahlung derselben. Der bestellte Vertheidiger erhält seine Kosten aus der Staatskasse vergütet, der gewählte nicht; letzterer mag sehen, ob er vom Angeklagten seine Kosten erlangen kann. Das ist einer der wundesten Punkte der deutschen Strafprozeßordnung. Diese Bestimmung ist geeignet, das ganze und so überaus wichtige Institut der Vertheidigung illusorisch, zu einer Farce zu machen. Jedem, der den Konsequenzen dieser Bestimmung nachgeht, wird es nicht entgehen, daß dadurch die Vertheidiger in eine Abhängigkeit der Richter gcrathcn, der Richter, deren Uebergriffen und Ungesetzlichkeiten der Verlheidiger entgegentreten soll. Selbst- verständlich wird der Richter Vertheidiger, welche die Rechte des 235 Angeklagten auch dem Gericht gegenüber zu schützen wagen, ein- fach nicht bestellen, sondern sich willfährige Kreaturen, welche ihn frei schalten und walten lassen, aussuchen. Selbständige Ver- theidiger werden aber sehr oft die Wahl des Angeklagten ab- lehnen, weil der Angeklagte ein Habenichts ist und die Berthei- diger begreiflicherweise nicht umsonst oft tagelang in Haupt- Verhandlungen sitzen wollen, dies oft auch nicht können. Die Regelung der Kostcnfrage der Bertheidignng ist also offenbar ein Krebsschaden der Strafprozeßordnung und kann nicht tief genug beklagt werden. Der Strafprozeß kann in vier Stadien eingetheilt werden. So unterscheidet man das Ermittelungsversahrcn, auch das Stadium der gcrichtspolizeilichcn Borerörtcrungen, genannt die Boruntersuchung, das Hauptverfahrcn und die Strafvollstreckung. Die deutsche Strafprozeßordnung faßt das Stadium der gerichts- polizeilichen Vorerörterungen und die Voruntersuchungen unter dem Ausdruck Vorverfahren zusammen. Die gerichtspolizeilichen Vorerörterungen werden geleitet vom Staatsanwalt. Er bildet den Mittelpunkt derselben. Seine Hilfs- beamten sind die Polizei- und Sicherheitsbeamtcn. Er handelt selbständig, und nur gewisse Handlungen, z. B. eidliche Verneh- münzen, darf er nicht vornehmen, sondern muß dazu den Richter reguirircn. Ter zu requirircndc Richter ist in diesem Stadium stets der Amtsrichter. Dabei hat die Strafprozeßordnung den wichtigen Grundsatz aufgenommen, daß die von der Staatsan- waltschaft oder einer Polizeibehörde aufgenommenen Protokolle in der Hauptverhandlung keinerlei Beweiskraft haben und ins- besondere nie zur Verlesung gelangen dürfen. Eine Verhaftung des Beschuldigten kann im Ermittelungsverfahren der Staats- anwalt, bez. die Polizei- und Sicherheitsbeamten, ans eigner Machtvollkommenheit nicht verfügen; eine Verhaftung ist in der Regel nur zulässig auf Grund eines vom Aintsrichter auf Antrag der Staatsanwaltschaft erlassenen Hastbefehls. Eines solchen bedarf es jedoch nicht, wenn jemand auf frischer That betroffen wird und der Flucht verdächtig ist oder seine Persönlichkeit nicht festgestellt werden kann, endlich, wenn thatsächlich die Voraus- setznngen eines Haftbefehls gegeben sind und Gefahr im Verzuge ist. Doch ist der solchergestalt Festgenommene unverzüglich dem Amtsrichter des Bezirks, in welchem die Festnahnie stattfand, vorzuführen. Dieser hat den Festgenommenen spätestens am Tage nach der Vorführung zu vernehmen und zu prüfen, ob die Festnahme gesetzlich gerechtfertigt werden kann. Ist letzteres der Fall, so hat derselbe einen Hastbefehl zu erlassen, auf Grund dessen der Beschuldigte allein in Haft behalten werden kann. Dieser Hastbefehl ist wieder aufzuheben, ivenn der Staatsanwalt es beantragt oder wenn nicht binnen einer Woche nach Voll- streckung des Haftbefehls die öffentliche Klage erhoben und die Fortdauer der Haft von dem zuständigen Gericht angeordnet ist und letzteres zur Kenntniß des Amtsrichters gelangt ist. Eine Verlängerung dieser einwöchigen Frist um weitere acht Tage und, wo es sich um ein Verbrechen oder Vergehen handelt, eine nochmalige Verlängerung um vierzehn Tage ist zulässig.— Das Ziel dieser gerichtspolizeilichen Vorerörterungen ist, dem Staatsanwalt die Entstheidung darüber zu ermöglichen, ob ein begründeter Verdacht einer strafbaren That vorliegt oder nicht. Gewinnt die Staatsanwaltschaft diese Ueberzeugung nicht, so verfügt er aus eigner Machtvollkommenheit die Einstellung des Verfahrens. Davon, daß dies geschehen sei, muß er den Be- schuldigten in Kenntniß setzen, wenn dieser vom Richter als Be- schuldigter vernommen oder ein Haftbefehl gegen ihn erlassen war. Sollte gegebenen Falls der in seinen berechtigten Interessen durch die That Geschädigte sich durch diesen Einstellungsschluß beschwert fühlen, so steht ihm zunächst der Beschwerdeweg gegen den Staatsanwalt an den Vorgesetzten offen. Bleibt dieser ohne Erfolg, so kann er auf gerichtliche Entscheidung provociren(siehe oben das über die subsidiäre Privatklage Gesagte). Der Gehnmmittelschwmdd. Von Kmanuek ZS. (Fortsetzung.) Rheumatismus und Gicht sind Plagen der begüterten Mensch- heit, denen die Wissenschaft noch ziemlich machtlos gegenüber steht; sie liefern also einen günstigen Boden für unternehmende Geister. Die Natur beider Leiden ist noch in Dunkel gehüllt, bei Gicht ist nachgewiesen, daß ein Ausscheidungsprodukt unseres Organismus, die Harnsäure, sich in großer Menge in den kranken Gliedmaßen anhäuft. Eine Heilung ist nur durch eine ange- messene Diät, auch durch Brunnenkuren zu erzielen. Spezifische Heilmittel sind noch nicht bekannt; eine alkoholische Lösung aus den Samen und Knollen der Herbstzeitlose, Colehicum auturn- nale, bereitet, wurde lange Zeit für günstig wirkend gehalten, hat jetzt aber ihren Ruf verloren. Gegen den akuten Gelenk- cheumatismus wird in neuester Zeit der innere Gebrauch von �alicylsäure als ein fast untrügliches Mittel von den Aerzten �lelfach verordnet, gegen chronischen Muskelrheuniatismus sind �"steige, spanische Fliegenpflaster, Einreibung die Haut reizen- oer� Mittel, wie Kampferspiritus, flüchtiges Liniment(Salmiak- fleifl mit Provenceröl), auch Einreibungen mit Quecksilber- und Zodkaliumsalbe angewendet worden; bei Muskelrheumatismus lchcint die Anwendung von Elektricität günstige Erfolge zu er- Men. Im allgemeinen kann man jedoch sagen, daß diese Krank- heiten weniger durch äußere Mittel als hauptsächlich durch Be- leittgung der muthmaßlichen inneren Störungen des Körpers z>l heben sind und daß nur ein Arzt die hierzu erforderlichen Verhaltungsmaßregeln angeben kann. Der Geheimmittel- lchwindel, welcher von unwissenden Spekulanten getrieben �>rd, hat die erwähnten, auch in der medizinischen Praxis �ach Maßgabe des Falls angewendeten Mittel unter volltönenden Aamen in mannigfachen Variationen auf den Markt gebracht. In welcher Weise die von der Wissenschaft geförderten Resultate benutzt werden, charatterisirt sich am besten durch die weitver- breiteten Rheumatismusketten von I. T. Goldberger in (Zerlin. Diese aus Zink und Kupfer verfertigten Ketten, deren 'Schluß durch ein mit Zink- und Kupferspähnen gefülltes Glas- rohrchen gebildet wird, sollen um den Hals aus bloßem Leibe getragen werden, so daß das Glasröhrchen auf der Wirbelsäule oder der Herzgrube oder auch auf dem schmerzhaften Theile zu liegen kommt. Ihre- Heilkraft sollte angegebenermaßen durch elektrische Einwirkung auf den Körper verursacht werden; Heiden- reich hat nun gefunden, daß diese Ketten für sich gar keinen elektrischen Strom entwickeln, und glaubt demnach, daß ihre ganze Wirksamkeit nur auf einen Kitzel der Haut und auf Einbildung beruhe. Ihr Preis ist 1 Mk. 60 Pf. bis 4 Mk. 52 Pf. lieber Goldberger erzählt mau sich folgendes: Es stellte ihn jemand zur Rede, wie er solches Zeug verkaufen könne, das doch gar nichts helfe.„Was," antwortete er,„nichts Helsen? Mir haben sie geholfen," und klopfte sich schmunzelnd auf die Taschen. Von den kursirenden Geheimmitteln sind anzuführen: Universalmittel gegen Rheumatismus von Dir. D. Besser in Berlin, nach Schädler ein grobes Pulver aus Bern- stein, Weihrauch, Lavendelblumen, Chamillen und Wachholder- beeren. Universalmittel von L. Janke in Berlin besteht nach demselben aus Rllböl, Petroleum, Terpentinöl und Wach- holderöl. Die Flasche kostet 3 Mk., Materialwerth 30 Pf. Rhen- matismus-Extrakt von Jos. Böhlen in Bairenth enthält Chloroform. Terpentinöl, Petroleumäther, Kampfer, Senföl und ist mit Anilin roth gefärbt. Rheumatismus-Pommade von I. Brause in Berlin besteht aus Seife, Kampfer, Spiritus, Salmiakgeist, Thymianöl. Fast ebenso zusammengesetzt ist Ano- diu von Ernst Müller in Berlin. Die Rheumatismus- falbe von Hungerford in Berlin wird aus Kampfer, Kar- bolsäure und Wachssalbc bereitet. Die Antirheumatischen Tropfen von Roll in A niste rd am enthalten einen aus der sehr giftigen Pflanze Eisenhut(�.eouitnm Napellus) bereiteten spirituösen Extrakt, welcher ftüher bei akutem Gelenkrheumatis- mus verordnet wurde, ferner Qneckencxtrakt und Opium. Durch seine arge Reklame bekannt ist der Balsam Bilfinger, eine ' braunrothe Flüssigkeit, die nach Schädler aus schwarzer Seife, Kampferspiriws, Salmiakgeist und Paprikatinktur(spanischem Pfeffer) besteht. Ihr Preis ist 2 Mk. 25 Pf., Materialwerth 40 Pf. Poser'scher Balsam von Ed. Groß in Breslau besteht nach Hager und Jakobsen aus Kampfer, Ameisenspiritus, Safrantinktur, Rosmarinöl und Kantharidentinktur(spanische Fliegen). Ebenso werthlose Medikamente werden gegen Gicht angepriesen. Der Gichtbalsam von Dr. C. Lavillet enthält Seife und spanische Fliegentinktur, Gichtbalsam von Apotheker Radig ist mit Birkentheer geschütteltes Rübvl oder Kienol; G i ch tb a ls am von j Seewald in Hochholz ist mit Schwefelsäure destillirtes Ter- pentinöl, kostet 1 Mk. 14 Pf., wäre aber schon mit 17 Pf. be- zahlt. Gichtelixir von Joseph Gulielmo in Landau ent- hält Chininsulfat, Chloralhydrat und Spiritus mit Pomeranzenrin- densyrup versetzt, kostet 8 Mk., viermal soviel als er Materialwerth besitzt. Das Gichtelixir von A. Herlikofer in Gmünd, „allen Gichtkranken eindringlichst empfohlen," enthält den giftigen Auszug der Zwiebel von Herbstzeitlose. Preis 5 Btt. IS Pf., mit 34 Pf. wäre es reichlich bezahlt. Gichtöl von I. Egener und Frey in Mainz und Rotterdam besteht aus Petroleum und Terpentinöl mit Salmiakgeist. Das Gichtpflaster von Blau in Langenberg bei Gera verspricht Beseitigung aller gichtischen und rheumatischen Zahn-, Genick-, Rücken-, Kreuz-, Brust-, Hüften- und Gliederschmerzen, sowie des hartnäckigsten Magen- und llnterleibsleidens. Dieses wunderbare Heilmittel ist nach den Untersuchungen von Hager und Jakobsen weiter nichts als gewöhnliches Terpentinpflaster; für 8 Mk. bekommt man 8 handgroße Tafeln, auf der einen Seite grün, auf der andern Seite gelblich aussehend; der Terpentin ist nämlich auf Papier ausgebreitet, und mit den Terpentinflächen sind je zwei solcher Papiere an einander geklebt, von welchen das eine auf der Außenseite grün, das andere gelblich angesttichen und lackirt ist. Ob die verschieden gefärbten Seiten auch verschiedene Wirkung äußern sollen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Der Mate- rialwerth des Plunders beträgt kaum 20 Pf. Eben solcher Schwindel von demselben Fabrikanten ist Gichtspiritus, der aus Pfeffer, Kochsalz, Essig mit Rosmarin und Lavendel besteht. Tie Gicht-Pillen von Lartigue in Bordeaux enthalten gepulverten Herbstzeitlosesamen, sind äußerst giftig und unver- schämt theuer. 24 Stück kosten 8 Mk., ihr Werth beträgt 20 Pf. Das Gichtpulver von L. Wundram besteht aus Schwefel und Zucker. Die Gichtsalbe von L. Blüher in Plagwitz, ferner die von C. Püttmann in Köln, die Salbe gegen Gicht und Rheuma von G. Krätz in Zeitz, der Gicht- und Rheumatismus-Spiritus von Dr. Hoffmann ent- halten Terpentin oder Kienöl. Der Gicht und Krampf stil- lende Balsam von Lampert ist in Spiritus gelöste Seife, welche Thymian und andere riechende Oele enthält und mit Anilin rcth gefärbt ist. Die Gicht- und Rheumatismus- Tropfen von Dr. Hoffmann bestehen aus Wein, der mit Herbstzeitlose versetzt ist; der Gichtwein von Müller in Koburg enthält Brechweinstein und Mcerzwiebelaufguß. Der Gichtliqueur von Dr. Laville in Paris wird aus spani- schein Wein mit Kologuinthenextrakt und Chinin bereitet, die Gichtpillen von demselben bestehen aus Judenkirschenextrakt (der früher als harntteibendes Mittel angewendet wurde), mit Wasserglas und Pflanzenpulver. Erwähnt sei auch die Gicht- Watte von Pattison, welche aus schlechter Watte durch Be- streichen einer durch Perubalsam oder Benzo« parfiimirten wein- geistigen Tinktur des rothen Sandelholzes bereitet ist. Preis 50 Pf, Materialwerth 10 Pf. Die„aromatische Gicht- matte" ist mit einer schwachen Theerauflösung bestrichen und mit rothem Lack gefärbt. Am interessantesten ist das Mittel gegen Gicht und Rheumatismus von Kriete in Berlin, welches derselbe in mner gegen Einsendung von 3 Mk. überschickten 18 Seiten langen Broschüre mittheilt. Der ftische Harn des Kranken soll in einem rrdenen Topfe unter verschiedenen Manipulationen an einem Freitage 3«ttmden gekocht, hierauf die dabei gebrauchten Gegen- stände unter gewissen Förmlichkeiten in einem möglichst feuchten Keller stichchmeigend vergraben werden. Es erinnert dieser Schwindel an die sympathetischen Kuren, mit denen bei allen Leiden, bcionders aber bei Rheumatismus großer Unfug ge- trieben wird." � Gin weitverbreitetes Hebel, das Bandwurmleiden, eröffnet den Kurpfuschern ein ersprießliches Feld der Thätigkeit. Den Reklamen, in welchen sie ihre Heilmethode und Mittel anpreisen, schicken sie gewöhnlich eine Beschreibung der Symptome dieser Krankheit vorauf, und in dem großen Register fehlt kaum ein Nebel, von welchem nicht ein jedes nur etwas unterleibsleidende Menschenkind geplagt wird. Durch Uebertreibung der schlimmen Folgen dieser Krankheit suchen sie das Publikum ängstlich und für den Kauf ihrer Medikamente empfänglich zu machen. Nun ist es ja allerdings richtig, daß der Bandwurm resp. die Band- Würmer— denn wir können von drei verschiedenen Arten geplagt werden— eine ungeheure Verbreitung besitzen, es ist auch wün- schenswerth, sich von diesen Unholden zu befteien, da sie keines- Wegs vortheilhaft für ihren Herbergsvater und Wirth sind, aber die Marktschreier sind nicht im Besitz irgend eines Mittels, das nicht jeder Arzt gleichfalls kennt und wenn nöthig verordnet, nur mit dem Unterschiede, daß jene Herren die üblich hohen Preise fordern. Das Bandwurmleiden hat deswegen eine so große Ver- breitung, weil die Gefahr einer Ansteckung sehr nahe liegt. Der Genuß von rohem Schweine- und Rindfleisch kann stets den Krankheitskeim zuführen, indem aus den in diesen Thieren sich vorfindenden Finnen im menschlichen Körper sich der Bandwurm enttvickelt. Die Arzneiwissenschaft sucht durch abtreibende Mittel zu wirken; als gelungen kann man jedoch die Kur nur bettach- ten, wenn auch der sog. Kopf mit abgeht, da sonst dieser weiter- lebend neue Glieder erzeugt und so nach kurzer Zeit das Leiden seinen alten Zustand erreicht. Die nöthigen Medikamente wird jeder Arzt verschreiben und auch die für das Gelingen der Kur wichtigen Diättegeln angeben. Großen Ruf genießt der ätherische Extrakt der Farrnkrautwurzel(Wurmfarrn, �spiäium kelix was), � der bei uns in Deutschland heimisch ist, ein seit langer Zeit be- währtes Mittel, dessen Wirksamkeit jedoch sehr davon abhängt, daß der Auszug frisch aus nicht zu alten Wurzeln bereitet wurde, da sonst sein Werth sehr zweifelhast wird. Seit dem Alterthum als Wurmmittel bekannt ist die Granativurzelrinde von Dunioa granatum, einem in der wärmeren Zone heimischen Baume. Neuerdings wendet man mit Erfolg das Kusso an; es sind dies die ausgewachsenen weiblichen Blüthen des Kussobaumes, Brayera anthelmintica, welcher in Abessinien wächst und dort seit langer Zeit bei Menschen und Schafen gegen den Bandwurin angewendet wird. Es scheint dies das wirksamste Mittel zu sein und wird in der Regel gepulvert und mit Wasser angerührt ge- geben. Zwei Dosen von je 5 Gramm in'/? oder 1 Stunde gereicht, treiben gewöhnlich den Bandwurm mit Kopf ab. Die unentwickelten weiblichen und die männlichen Blüthen sind wenig wirksam; es bietet dies vielleicht eine Erklärung, warum auch dieses Medikament mitunter nicht anschlägt. Alle Geheimmittel bestehen aus diesen Droguen und die herumziehenden sogenannten! Bandwurmdoktoren geben auch nichts anderes. Jeder Apotheker liefert sie frisch und gut, während die Beutclschneider auch durch schlechte Waare zu prellen versuchen werden. Dr. Stoy in Wien annoncirt ein Bandwurmmittel; gegen Einsendung von 15 Mk.(eine etwas sehr hohe Taxe) empfichit er brieflich Kusso, und wenn dieses noch nicht hilft, Granatwurzelrinde. Bloch in Wien gibt einen starken Auszug aus Granativurzelrinde, E Jakoby in Berlin liefert für 0 Mk. 20 gr. Kussopulver, welche 80 Pf. Werth besitzen. Direktor Mix in Berlin gibt eine Flasche mit etwas Chininsnlfat und 12� Kussopulver für 4 Mk-, Werth 1 Mk. Richard Mohrmann in Frankenbcrg g'bt Farrnwurzelexttakt mit Himbeersaft und Ricinusöl(um die ab- treibende Wirkung nicht zum Vortheil des Leidenden rn verstärken).. Preis 12 Mk.. Werth 6 Mk. Mook in Berlin gibt Granat- wurzelrinde mit Wurmfarnextrakt versetzt für 6 Mk., Werth 1'/, Mk. Die Bandwurm-Pillen von Lasfon bestehen aus dem Extrakt verschiedener Farnkrautwurzeln und der Moschus- schafgarbe. sowie dem Pulver der Blüthen von.Unioa Doroui; cum.(Die Beimengungen sind für die Wirkungen unwesentlich und nur des Geschmacks halber zugesetzt). 120 Pillen koste« 9 Mk., wären aber schon mit 60 Pf. bezahlt. Tie Pillen vo« Peschler enthalten Farnwurzelextrakt und Pulver. Unter den vo« Wittstein angegebenen Geheimmitteln ist nur eins direkt scha� ttcher Betrug, nämlich das von E. Karig in Berlin, das vo« «chädler, Hager und Jakobsen untersucht ist und aus Milch zucker, Zimmetkasia und schwarzem Kupseroxyd besteht. 24 Pulve kosten 3 Mk., Materialwerth 1 Mk. 20 Pf.— (Schluß folgt.) = 237 Irrfahrten. Von Ludwig Hiosenöerg. (Fortsetzung.) Die kleine Bertha ist kränker geworden. Sie hatte mich zu sich gerusen. Sie fieberte. Ich hatte zn einem Arzte geschickt. Die Mutter vergnügt sich. Sic hält die Trauerwochen! Das Kind streckt mir die Händchen entgegen und lächelt. Der Doktor kam gegen 10 Uhr. Sein Urtheil ist ungünstig. Ter zarten Konstitution des Kindes traut er nichts zu. Er verschrieb etwas, gab seine Instruktionen und ging.-- Des Kindes Krankheit erregt im Hause lebhaftes Bedauern. Die Frauen sind geschäftig. Mau spricht der Mutter harte Worte nach.— Ich will an das Krankenbett.—— Ter Doktor war wieder da, als ich ins Zimmer trat. Frau Trösten, noch im Pronienadcnanzug, ging jammernd in ihrem Zimmer umher.—„Sie können weiter nichts, als durch Ihr sinnloses Geplärr die nöthige Ruhe stören," sagte der Arzt barsch. „Seien Sie auf alles gefaßt!"-- Ich sah traurig drein; das Kind that mir leid, sehr leid; ich beugte mich über sein Bett und lauschte auf seinen Athem. Es bewegte sich, sah mich son- derbar au, wandte sich auf die andere Seite und— war todt. � Leise trat ich beiseit, gab dem Arzt ein Zeichen und ging wehmüthig in meine Wohnung hinauf. Hier sitze ich nun und denke darüber nach, wie es wohl gut sein könnte, daß das Kind so früh gestorben, und daß ihm vielleicht eine Menge Trauer und Elend erspart und die Möglichkeit abgeschnitten ist, sittlich zu verkommen!— Der Mensch ist härter als ein Stein, heißt ein Sprüchwort, aber zerbrechlicher als ein Ei! Von unten her- auf hör' ich es jammern und höre die Thüren schlagen. Die Mutter rauft sich gewiß die Haare und lamentirt, sie sei die unglücklichste Frau unter der Sonne. Morgen wird ihr Schmerz wohl schon verraucht sein: Von neuem bewahrheitet sich die Er- fahrung, daß der Schmerz und die Liebe dort am größten sind, wo sie am wenigsten Gerede von sich machen!— Bin ich denn verurtheilt, nur Böses zu sehen und Unangenehnics zu erleiden? Wäre ich nur erst fort! Gleichviel an welchen Ort, nur nicht bleiben müssen!-- Louise Bürger war auch auf dem Kirchhofe. Wir haben das Kind tief trauernd zu Grabe gebracht. Viele dachten wohl wie ich, wenn auch in anderm Sinne, denn ich hörte hier und dort auf dem Heimweg sagen:„Wer weiß, wozu es gut war." Louise ivar ernst, und ehe wir vor unserem Hause waren, sagte sie halb scherzend:„Wer heute von uns zuerst stolpert, der folgt der kleinen Bertha zuerst nach"—„Thorhcit, mein liebes Fräu- lein," rief ich.„Das ist Aberglaube!" Indem ich dies sagte, lchritt sie die Haustreppe hinan, trat fehl und Ivärc beinahe gc- fallen, wenn ich ihr nicht schnell zu Hülfe gekommen sein würde. «ie dankte mir mit einigen hastigen Worten und mich groß an- fchend, als wollte sie sagen: Ich bin der erste! ging sie bleich die Treppen hinauf.—„An Ihrem Hochzeitstage werde ich Sie an Ihren Aberglauben erinnern, Fräulein Bürger," rief ich lachend und hinterdreingehend.— Da habe ich also wieder einen Grund (stl sagen: So sind die Frauen! Und geiviß wird nach tausend jähren derselbe Satz in seiner jetzigen Bedeutung Geltung haben!-- . Um mich zu zerstreuen und mein Gemüth zu erheitern, be- fuchte ich Krolls Garten. Es war viel Volk da. Aus allen Landern, in vielen Zungen redend, in verschiedenen Aufzügen, Ost drollig durch seinen Pomp, oft anekelnd durch Fratzcnhaftig- und Unnatürlichkeil im Aeußern noch mehr als im Benehmen. � Ich saß an einem Tisch, von wo aus ich die Promenirendcn gut Revue passiren lassen konnte. Nebenan saß eine junge jTame, ungefähr 17 Jahre alt, von bestrickender Schönheit. Das llKstcht werde ich nie vergessen. Ich mußte sie unwillkürlich an- 'Sailen. Nach einer Weile gesellte sich zu ihr eine beleibte Dame, ich schon von iveitem aus den Zügen das Gewerbe ansah. 'Lue sprach mit dem Mädchen vertraulich, lachte dabei und machte einige frivole Späße. Die Angeredete antwortete zwar nicht daraus, doch ließ sie um den Mund bisweilen ein feines graziö- sts Lächeln spielen, das ihr wunderbar schön stand und ocn verdacht Lügen zu strafen schien, sie sei auch eine von den ..Schiffbrüchigen des Lebens."— Ich täuschte mich.— Tie beiden saßen kaum einige Minuten, so umschwärnite sie ein halb Dutzend jener Gestalten, deren Gcdaukcn nur auf galante Aben- teuer gerichtet sind.— Mir ward es klar. Die beleibte Person war die Führerin jener Schiffbrüchigen!— Das junge Kind, so schön, so jung und doch verloren!— Mein Kopf mochte den Gedanken nicht fassen; ich ballte die Faust, klopfte heftig nach dem Kellner, um ihm das Getränk zu bezahlen, und indem sich alles infolge des Geräusches nach mir umwandte, erhob ich mich, warf einen bedeutsamen Blick nach der jungen Dame und sprach laut:„Wirklich traurig— traurig!" Im Vorbeigehen sah ich die Schöne erbleichen und nach inir bittend aufschauen. In meiner Aufregung beachtete ich dies jedoch nicht. Es fiel mir erst bei, als ich eine Strecke gelaufen. Als ich den Garten wieder betrat, fand ich sie nicht mehr. Sie war verschwunden.— Theure Seele! Wußte ich es doch, daß Du Dich beeilen würdest auszurufen: Komm an meine Brust, lieber Bruder! Sei mein Gast und finde bei mir die Stätte der Erholung!— Ich war davon überzeugt, sowie man davon überzeugt ist, daß der Regen auf die Erde fällt, und in diesem Augenblick, wo ich auf die mir so lieben Schriftzügc schaue, schlägt mein Herz dem Deinigen entgegen mit aller Macht treuer Freundschaft!— Ich war in Potsdam. Die reizende Umgebung, die tiefblauen Seen mit ihren Inseln und Schlössern, die Lustgänge, kurz alles Sehenswürdige hatte mich gefesselt und ruhiger gestimmt. Ueber meine Seele floß es an diesem Tage, wie ein leiser, voller, schöner Akkord über eine Harfe streicht. Ich konnte nicht sagen, daß mich der Anblick aller jener Schönheiten heiter und fröhlich gezaubert hätte. Nein, ich lebte mehr nach innen, ich ging mehr träumerisch umher; und als ich mich auf einem Kahn schaukelte, rings umher an den Ufern in der Ferne das saftige Grün niir entgegenlachte, als ich so ganz allein mitten in. einem idyllischeu Schauspiel stand, da tauchte vergangenes wieder auf, die Zukunft trat grüßend und ermunternd aus mich zu, die Hoffnung weckend, wie das Liebesglück aus Mädchens Auge, und die Gegenwart versank und entwandte sich meinen Gedanken.— Ich werde mich nach diesem Ort begeben. Dort bin ich niemand unbequem, dort stört niemand nieine Ruhe, dort tritt kein großes Bedürfniß au mich heran und alles, was ich an meiner geistigen Ausbildung während des letzten Jahres verabsäumt, kann ich so in friedlicher Beschaulichkeit nachholen. Eine Frau, mit der ich sprach, hat mir einen Aufenthalt zugewiesen: bei lieben Leuten, einfach und grad wie ich!— Sei nicht böse, wenn ich Dich so am Narren- seil geführt habe. Aber ich weiß, daß Du nicht zürnen wirst, wenn ich ein Plätzchen vorziehe, wo ich die Gewähr völliger Harmonie haben werde. Ich werde von dort aus Dich reichlich mit Mittheilungen bedenken, und war bisher mein Tagebuch nie außer Gebrauch, so werde ich dann meine ganze Muße auf unfern Briefwechsel verlegen. Sei gefaßt auf unzählige Fragen, unzählige Erörterungen. Wenn ich bisher so eifrig darob geschwiegen, so drängt es mich jetzt, sie auszusprechen.— Der Löwe wird er- ' wachen und der Löive wird brüllen!— O, ich armer Gesell!— Au» dem �»gcduch. Der Heldentenor hatte recht. Acht Wochen Urlaub! In vierzehn Tagen schüttle ich den Bureaustaub von meinen Schul- teru oder besser von meiner Lunge, denn bis dahin werde ich alle meine Beziehungen gelöst haben. Meine Wirthin war sehr betrübt, als ich ihr den bestimmten Bescheid mittheilte. Heute abend war ich in der Lage, ihr einen Ersatzmann für meine Wohnung zu bringen, der sich meinetwegen dem Wechsel unterziehen will. Da mar die gute Frau munterer, und nachdem sie erfahren, daß sie sogar an Miethbetrag etwas mehr bekommen werde, war ihre alle Laune wieder aus den Wolken des Un- niuths hervorgebrochen.— Die meisten Menschen lieben ihren Mitmenschen nur solange, als sie ihrem Egoismus dienen. Ist dieser bedroht, so wechseln sie die Gefühle und an Stelle frühe- rer Freundlichkeit tritt Apathie!— Diese Behauptung fand in vorliegendem Falle ihre volle Bestätigung.— Die kleine Bertha soll einen Grabstein bekommen. Ich habe ein Sprüchlein dafür verfaßt. So klein es auch ist, spricht es doch zum Herzen und Frau Trösten war sichtlich bewegt, da sie es las. Auch die frivolen Herzen kann man packen. Aber nur für Augenblicke!— Das ist bitter.(Fortsetzung folgt.) Forschungsfahrteil im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. traujiU (Forts-Kung.) Welchen Erfolg birgt die Erforschung des nordsibirischen Meeres siir praktische Handelszwecke? Der bedeutendste und nächste Erfolg der Nordenskjöld'schen Erfor- schling liegt in der Eröffnung deS Seeweges zwischen Europa und den großen sibirischen Stromgebieten. Ob, Jenisei und Lena umspannen mit ihren Quellen und Nebenflüssen ein ungeheures und zum Theil sehr fruchtbares Land von 146.000 Quadratmeile». Ist auch die Pro- duktionssähigkeit nocki eine geringe, so hat dies bisher wesentlich an dem Mangel an Absatz gelegen, und sie wird sich heben, wenn ein solcher sich findet. Nordenskjölds erster Ausflug nach dem Ob und Jenisei im Jahre 1875 hat schon eine sich alljährlich erneuernde Han- delsverbindung nach diesen Strömen hervorgerufen. Jetzt steht der Ausdehnung bis zur Lena und Kolyma nichts mehr im Wege. Weiter nach Osten hin wird der Pelzhandel einen ganz neuen Aufschwung ge- Winnen. Jetzt wandern Biber- und andere Felle aus dem fernsten Osten Sibiriens, sowie aus dem Norden Amerikas bei den wilden Ein- geborenen von einer Hand zur andern. Das erhöht ihren Preis, bis sie nach Jrbit aus russischen Boden gelangen, recht erheblich. Der Seeverkehr muß das Verhältniß vollständig umgestalten. Die Tschukt- scheu fristen ihr Dasein zum großen Theile noch mit Stein- und Knochengeräthschasten. Nordenskjöld führt eine lange Reihe von ganz billigen Tauschartikeln an, welche für sie großen Werth besitzen. Er hält die Reise für vollständig sicher, sobald man die nördlichen Meere nur erst besser kennt. Nach dem Ob waren im eben verflossenen Jahre vier englische, zwei deutsche, zwei schwedische Schiffe unterwegs. Frei- lich fanden sie alle drei Zugänge zum karischen Meere vom Eis ver- sperrt und kehrten um. bis aus den deutschen Dampfer„Luise", welcher. aus günstigere Eisverhältnisse wartend, blieb. Es gelang ihm in der Folge auch, die Reise fortzusetzen. da das karische Meer selbst eisfrei war. Sind erst einmal die projektirten circuinpolaren Beobachtungsstationen errichtet, so können solche ungünstige Perioden vermieden iverden, die in Strömungs- oder Windverhältnissen ihre Ursache haben. Auch die Wissenschaft. zumal die ethnographische Forschung. ivird reiche Ausbeute in den neueröffneten Gebieten finden. Vom höchsten Interesse sind die Mittheilungen über das merkwürdige, in seinen Eigen- arten an die Mongolen, an grönländische Eskimos und auch an die Indianer Nordamerikas erinnernde Volk der Tschuktschen. Nicht minder verdienen die Nachrichten über das von ihnen einstmals verjagte Volt der Onkilon, dessen alte Wohnplätze und Opserstätten, die Ausmerksam- keit der Forscher. Jenes Volk soll, nach den Ueberlieferungen der Ein- geborenen, vor seinen Drängern weiter nach Norden auf ferne Inseln im Eismeer gewichen sein. Onkilon ist gleichbedeutend mit Ongkadlon (Küstenbewohner). Dieser Name bezeichnet in der Tschuktschensprache insbesondere einen Eskimostamm an der Anadyrbucht. Die Verdräng- ten sind also wohl Eskimos gewesen, die heute möglicherweise noch das bisher nie von einem weißen Manne betretene Wrangelland bevölkern. Dann treten nach dieser Richtung hin die neusibirischen Inseln mit ihren reichen Lagern von Knochen, Thierüberresten aller Art und Mamniuthzähnen in den Vordergrund. Nordenskjöld mahnt zu schleu- nigein Beginn der Arbeit in jenen Gebieten.„Um die Landvertheiluug am Schlüsse der Tertiärzeit zu erforschen, um näher die Rückgratsthierc kennen zu lernen, welche gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der Menschen existrrten," sagt er,„um neue Beiträge zur Lösung der schwierigen Frage zu erhalten, wie es möglich sür die Stammväter der Elephanten Indiens gewesen ist, in den Eisregionen Sibiriens zu leben, um die Gewächse und Seethiere des vormaligen geologischen Zeitraums in diesen Gegenden kennen zu lernen, um bessere Kenntnisse von der Beschaffenheit des sibirischen Eismeeres zu erhalten— eine Frage, welche jetzt von wirklicher Bedeutung für die Schiffsahrt zu werden scheint � sollte eine genaue wissenschaftliche Untersuchung aller der- jenigen Inseln, welche nördlich des sibirischen Eismeeres liegen, sobald wie möglich vorgenommen werden." Resultatreicher, weiterer Forschung hat Nordenskjöld ein großes Feld eröffnet. Er selbst, der erst im 48. Lebensjahre steht, wird gewiß seine Ausgabe noch nicht als voll- endet betrachten, und die Welt noch Manches von neuen, kühnen und glücklichen Expeditionen erfahren, die er unternehmen wird. Dafür spricht sein von Serdze Kamenoi den 31. Mai 1879 datirtes und an Sibiriakoff gerichtetes Schreiben:„Nach meiner Rückkehr gedenke ich mich ein Jahr mit der Herausgabe einer Schilderung der Reise der „Bega" zu beschäftigen, alsdann aber wünsche ich die Untersuchungen des Eismeeres an der Küste von Sibirien mit dem Lenaflusse als Aus- gangspunkt und den neusibirischen Inseln als Operationsbasis fortsetzen zu können. Eine solche Untersuchung ist von außerordentlicher Bedeu- tung für das Ziel, welches ich mir gesteckt habe, nämlich den nördlichen Theil Asiens vollständig der Schiffsahrt zugänglich zu machen." Glück aus! Seitdem man die Erforschung unbekannter Himmelsstriche als hochwichtigen Faktor sür die Enlwickclung der Menschheit ansieht und die Kenntniß fremder Länder mindestens gleichwerthig neben die Kennt- niß blutiger Kriege und trügerischer Friedensschlüsse stellt, ist auch die Sphäre der gedankenlosen Routine pedantischer Gelehrten erweitert worden. Auf diesem neugewonnenen Gebiete der Wissenschaft hat der Forscher Nordenskjöld seinen Gönnern Oskar Dickson, Alexei Sibiriakoff und Gordon Bennet ein unvergängliches Denkmal errichtet. Möge ihre Opferwilligkeit dazu beitragen, daß die Erdkunde, bisher ein Vorrecht der Gelehrten, bald zum Gemeingut aller Gebildeten würde. Die innerhalb des Polarkreises gelegenen Festlandsmaffe» Amerikas und die von ihnen abgetrennten Inseln, deren Küstengebiet der arktische Ozean bespült, gehören zur westlichen Polarregion. Unter den Inseln nimmt Grönland den ersten Rang ein. Seine Westküste ist bis 82030', seine Ostküste bis 77030' erforscht worden: ob es sich noch weiter nach Norden erstreckt und als ununterbrochene Ländermaffe oder in Gestalt eines Archipels mit dem nördlich von Si- birien gelegenen Wrangelland zusammenhängt, muß durch künstige Forschungen festgestellt werden; doch sprechen viele Thatsachen zu Gun- sten dieser von Petermann besürworteten Hyvolhese. Sollte sie sich als wahr herausstellen, dann zerfiele der arktische Ozean in zwei getrennte Becken, ein östliches, welches die Nordküstcn von Europa und Asien, sowie die der Inseln Spitzbergen, Nowaja Semlja, Neusibirien und Wrangelland bespült und durch die breite Meeresöffnung zwischen Norwegen und Grönland mit dem atlantischen Ozean, und ein westliches Becken an der Nordküste Amerikas, welches durch die Berings- straße mit dem stillen Ozean, durch den Smithsund, Lancastersund und andere Meerengen mit der Baffinsbai in Verbindung steht. Unsere Abhandlung soll die Erforschung des westlichen Beckens schildern. Seine Beschiffung ist viel schwieriger, wie die des von dem warmen Golfstrom berührten östlichen Beckens, weil nur ein wenig mächtiger Strom war- men Wassers durch die Beringsstraße in dasselbe dringt. Auch sür die Abfuhr des während des Winters gebildeten Eises find die Verhältnisse i» dem abgeschlossenen westlichen Becken ungünstiger, wie in dem öst- lichen. Der Leser möge uns nach Island, einer Insel des atlantischen Ozeans, unter dem 65. Grad nördlicher Breite gelegen, geleiten. Die Bewohner dieses Urheiins germanischer Kultur sind von normännischer Abstammung und wurden im Jahr 795 zum Christenlhum bekehrt. Daß schon vor Columbus im elften und zwölften Jahrhundert nor- männische Seefahrer von Island aus Grönland und die Küsten von Nordamerika besucht hatten, das ist eine historisch ausgemachte Thal sache, durch das Zeugniß älterer und jüngerer Schriftsteller und durch authentische isländische Urkunden, die man in Kopenhagen gefunden, bestätigt. Im Frühling des Jahres 986 fuhr Erich Rauda, d. h. Erich der Rothe, von Island nach Grönland und gründete daselbst an einem Ort, der nach ihm Eriksfjord hieß, eine Niederlassung. Unter seinen Begleitern war Heriulf Bardson, der sich an einem Ort niederließ, welcher noch heute den Namen Heriulfsneß trägt. Sein Sohn Biarn, von einem Sturme verschlagen, sah die Küste von Nordamerika(viel leicht Labrador), doch ohne zu landen. Erichs Sohn Leif besiedelte mit 25 Männern, worunter ein Deutscher, Namens Tyrkcr, im Jahre 1000 Helluland(Labrador) und besuchte Markland(Neufundland) und Binland(vielleicht Massachussets oder Rhode Island). Adam von Bremen(1076) berichtet uns von den Fahrten eines Bruders von Leif, Thorfine, und seines Weibes Gudrid nach Bin- land. Nach einem aus der Insel Kingiktorsoak, nördlich von Upernivik, 1824 gefundenen Runenstein waren die Normänner Sighvatjon, Thortharson und Oddson schon 1135 bis zu 72055' nördlicher Breite vorgedrungen. Andere mögen ein Jahrhundert später noch drei Breitengrade weiter nach Norden, bis in die Nähe des Lancastersundes, gelangt sein. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts hört die Kunde von Grönland auf; die normannischen Kolonien geriethen in Versall und Vergessenheit, die Ansiedler erlagen Seuchen und den Angriffen der Eskimo. Im Lauf der Zeit, als die Völker Europas für große Ausgaben reif wur- den, hatte man das von den Normannen Entdeckte nochnials zu ent- decken. Der Fischreichthui» der Neufundlandbänke führte die Fischer aller seefahrenden Nationen dahin. Den Weg wies ihnen im Jahre 1462 der Portugiese Gaspar Cortoreale. Ob Christoph Columbus aus seiner stürmischen Fahrt von Bristol nach Island(1477) westwärts verschlagen wurde und die Küste von I Grönland oder Nordamerika zu Gesicht bekam, ist nicht bekannt. Jeden- falls hörte er im Hafen von Reikiavik(Island) von der neuen Welt im Westen, die er, wie alle seine Zeitgenossen, für einen Theil von Asien hielt. Deshalb auch der heute noch gebräuchliche Name West- lndien für die Inseln des karaibischen Meeres. Der Erfolg des Co- lumbus spornte die Thätigkeit der Seefahrer zur höchsten Krastanstren- gung und belebte die Hoffnung der Gelehrten, endlich die so sehnlich gewünschte nordwestliche Durchfahrt, als den kürzesten Weg nach Asien, zu finden. Der Venetianer John Cabot und sein Sohn Sebastian segelten im Jahre 1497 unter englischer Flagge von Bristol nach Westen und entdeckten die Küste von Labrador. 1500 segelte Gaspar Cortoreale zum zweitenmale nach Neu sundland und erreichte Grönlands südlichste Spitze, Kap Farewell. Ii» nächsten Jahr wiederholte er die Fahrt mit zwei Schiffen, verfolgte die amerikanische Küste nach Norden und raubte in Labrador 57 Eingebo- rene, welche ihm als Sklaven gutdünkten. Auf der Rückfahrt hatte die 239 Expedition einen Sturm zu bestehen; nur ein Schiff kehrte nach Liffa- bon zurück, das andere mit Cortoreale selbst blieb verschollen. Den Bruder zu suchen, segelte nun Miqucl Cortoreale 1502 von Lissabon ab, kehrte aber auch nicht zurück.(Fortsetzung folgt.) Elch im Kampf mit Wölfeu.(Bild Seite 232 und 233.) Unser Bild stellt einen Recken des Thierrcichs, das Elch, im Kampfe mit seinen Feinden, den Wölfen, vor. Jni Haushalt der Natur spielt es in Deutschland keine Rolle mehr, es ist eine Rarität, eine Aus- nähme geworden, die das Gnadenbrot sürstlicher Thierfreunde verzehrt. Mit dem Verschwinden des Urwaldes ist das Elch in Deutschland un- möglich geworden. Ein Naturgesetz verurtheilt die Riesenthiere zum Tod und Untergang, während das Jnfusorium(das kleinste im Wasser lebende Wesen) unsterblich, unausrottbar ist. Dieses Gesetz ist werth, beachtet zu werden, denn es gilt auch in gewissem Betracht für das Große der Menschenwelt. Tie drohenden Burgen und die mächtigen Klöster sind in Staub und Trümmer gesunken und aus den Hütten der mühbeladenen Leibeigenen sind unsere stolzen Städte empor- geblüht. Ter Vortheil, den das Kleine vor dem Großen voraus hat, ist die Zahl. Das Elch(�Ice8 palmatus) oder Elen(von dem slavi- schen Worte Jelen, der Hirsch, abgeleitet) ist ein gewaltiges Thier. Die Leibeslänge eines erwachsenen Elchhirschcs bettägt 2,6 bis 2,3 Meter, die Länge des Schwanzes ungefähr 10 Centimeter, die Höhe am Wider- rist 1,9 Meter, am Kreuze einige Centimeter weniger. Sehr alte Thiere können ein Gewicht von 500 Kilogramm erreichen; als Durchschnitts- gewicht müssen jedoch 3—400 Kilogramm betrachtet werden. Der Leib des Elch ist verhältnißmäßig kurz und dick, breit an der Brust, hoch, fast höckerig am Widerrist, gerade am Rücken, niedrig am Kreuze. Es ruht auf sehr hohen und starken Beinen von gleicher Länge, welche mit schmalen, geraden, tiesgespaltenen und durch eine ausdehnbare Bindehaut vereinigten Husen beschuht sind; die Afterklauen berühren leicht de» Boden. Aus dem kurzen, starken und kräftigen Halse sitzt der große, langgestreckte Kopf, welcher vor den Augen verschmälert ist und in eine lange, dicke, aufgetriebene, sehr breit nach vorn abgestutzte Schnauze endet. Diese ist durch die knorpelige Nase und die den Un- terkiefer weit überragende, dicke, sehr stark verlängerte, höchst bewegliche, gefurchte Oberlippe fast verunstaltet. Die kleinen und matten Augen liegen tief in den stark vortretenden Augenhöhlen; die Thränengruben sind unbedeutend. Große, lange, breite, aber zugespitzte Ohren stehen nach seitwärts gerichtet am Hinterkopse, neige» sich aber oft schlotternd gegen einander. Das Geweih des erwachsenen Männchens besteht aus einer großen, einfachen, sehr ausgebreiteten, dreieckigen, platten, schau- felsörmigen, gefurchten Krone, welche an ihrem äußeren Rande mit zahlreichen Zacken fingerförmig besetzt ist, und wird von kurzen, dicke», gerundeten mit wenigen Perlen besetzten Stangen getragen, welche auf kurzen Rosenstöcken sitzen und sich sogleich seitlich biegen. Im Herbste bemerkt man beim jungen Bocke da, wo das Geweih auf- sitzt, einen dichten Haarwulst, im nächsten Frühjahre erhält er die Rosenstöcke, im zweiten einen etwa dreißig Centimeter langen Spieß, welcher erst im folgenden Winter abgeworsen wird. Allmälich zertheilt sich das Geweih mannigfaltiger. Im fünften Jahre entsteht eine flache Schaufel, verbreitert sich fortan und theilt sich an den Rändern in immer mehr Zacken, deren Anzahl bis in die zwanzig steigen kann. Das Geweih erreicht ein Gewicht von etwa zwanzig Kilogramm. Die Behaarung des Elen ist lang, dicht und straff. Sie besteht aus gc- kerbten, dünnen und brüchige» Grannen, unter denen kurze, feine Wollhaare sitzen; über die Firste des Nackens zieht eine starke, sehr dichte, der Länge nach getheilte Mähne, welche sich gewissermaßen am Halse und an der Vorderbrust fortsetzt und bis 20 Centimeter lang wird. Sonderbarerweise sind die Bauchhaare von rückwärts nach vorn gerichtet. Die Färbung ist ein ziemlich gleichmäßiges Röthlichbraun, welches an der Mähne und den Kopfseiten in glänzendes Dunkelschwarz- braun, an der Stirne ins Röthlichbraune und am Schwanzende ins Graue zieht; die Beine sind weißlichaschgrau, die Augcnringe grau. Vom Oktober bis zum März ist die Färbung etwas Heller, mehr mit Grau gemischt. Alle hier ausgezählten Merkmale trägt das Männchen. Das weibliche Elch ist ein wenig kleiner, trägt kein Geweih und hat längere und schmälere Hufe, sowie kürzere und wenig nach auswärts gerichtete Asterklauen. Sein Kopf erinnert an den eines Esels oder Maulthiers. Im Winterkleide unterscheidet sich das weibliche Äenthier bom Hirsche durch einen senkrecht gestellten, schmalen Streifen unter bem Feigcnblatte. Das plumpe Geschöpf mit seinen Kälbern durch- Mißt Mvräste, welche weder Mensch noch andere Thiere gefahrlos betreten könnten, mit Leichtigkeit. Sümpfe und Moore sind zum Gedeihen und Wohlbefinden des Elchwildes nothwcndig, das sich Haupt- sächlich von den niedrigen Gebüschen der Weide und Zwergbirke äst, mir besonderer Leckerhastigkeit aber auch von den fleischigen Wurzeln einiger Wasserpflanzen, welche es tauchend gewinnen muß. Grasend sich zu äsen, wie andere Hirsche thun. vermag es mcht, weil eS d.e lange, schlotternde Oberlippe daran hindert; deshalb säbelten Julius Cäsar und Plinius, daß es rückwärts weiden müsse. PauianiaS weiß, baß blos das Männchen Hörner trägt, gesteht aber, nie erns gesehen zu haben. Erst Kaiser Aurelian ließ mehrere Exemplare nach Rom bringen, um mit den„hercynischen Hirschen" seinen Tnumphzug zu schmücken. Im Mittelalter wird das Thier oft erwähnt, namentlich auch im Nibelungenliede, wo es unter dem Namen„Ell" vorkommt. Wenn die Sage recht berichtet, wäre zu dieser Zeit das Elenthier durch ganz Deutschland bis zum äußersten Westen hin vorgekommen; denn grade bei der Beschreibung der Jagd Sigfrieds im Wasgau heißt es: „Darnach schlug er wieder einen Wisent und einen Elk, Starker Auer viere und einen grimmen Schelk." Die Zeiten sind vorüber: Auer und Schelch sind vollkommen aus- gestorben, Wisent und Elch sind nahe daran; der ersterc existirt in einigen hundert Exemplaren im bialowiczer Wald aus russischem Boden, der letztere in 76 Exemplaren im ibenhorster Forst bei Memel. Ab- gesehen von diesen unter strengster Aufsicht stehenden Gehegen findet man das Elch in den höheren Breiten aller waldreichen Länder Europas und Asiens. In unserm Erdtheil ist es aus die baltischen Niederungen, außer Ostpreußen also auf Litauen, Kur- und Livland, sowie aus Schweden und Norwegen und einige Strecken Großrußlands beschränkt. In Norwegen bewohnt es die östlichen Provinzen des Südens, in Schweden die daranstoßenden westlichen oder, mit anderen Worten, die ungeheuren Waldungen, lvelche das sogenannte Kjölengebirge bedecken, namentlich also Wermeland, Dalekarlien, Herjedalen, Oesterdalen, Hede- marken, Guldbrandsdalen und Baldersdalen. Weil häufiger als in Europa lebt das Elch in Asien. Es breitet sich hier über den ganzen Norden bis an den Amur aus und kommt überall vor, wo es große, ausgedehnte Wälder gibt, nach Norden hin, soweit der Baumwuchs reicht. Im Stromlhalc der Lena, am Beikalsee, am Amur, in der Mongolei und in Tungusien hält es sich noch immer in ziemlicher Anzahl. Hr. M. T. Zur Geschichte des Klaviers. Von allen Musikinstrumenten hat wol keines soviel für die Verbreitung niusikalischer Ausbildung in die weitesten Kreise beigetragen, als das Klavier; die Hauptursache dafür liegt wohl weniger in seiner Bedeutung als Konzertinstrumcnt als in seiner Selbständigkeit, welche es wie kein anderes außer der Orgel besitzt, und wodurch es sich mit unvcrhältnißmäßiger Schnelligkeit seinen Platz in der Familie eroberte. Einige kurze Mittheilungen über die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte desselben dürsten deshalb auch die Leser der Neuen Welt interesfire». Als Grundlage für alle Klavier-Saiteninstrumente betrachtet man das Monochord(Einsa'.r), welches bereits bei den Griechen zur Anwendung gekomme» sein soll. Es bestand aus einem zwei bis vier Fuß langen und etwa drei Zoll breiten Brettchen, aus welchem, auf einem beweglichen Stege ruhend, eine Saite gespannt war, die mit dem Finger angerissen, den Ton zum Gesang angab. Da man, um die verschiedensten Töne anzugeben, den Steg entsprechend verschieben mußte, was, wie leicht begreiflich, höchst mühselig war, so legte man bald mehrere im Ton verschiedene Saiten nebeneinander und brachte Holzleistchen(Tasten), also eine Art Klavia- tur, darunter an, ausSienen sich Messing- oder Eisenstiftchen befanden, welche beim Niederdruck der Tasten die Saiten erklingen machten. Eine dem heutige» Klavier äußere Aehnlichkeit erhielt es aber erst, als man — um das 12. oder 13. Jahrhundert— die Saiten und Tasten auf zwanzig vermehrte und das Ganze mit einem Kästen umgeben hatte. Aus diesem ernwickelte sich im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts das ziemlich vollkommene Klavichord. Gegenüber den, heule unter de» verschiedensten Namen das Klavier vertretenden Instrumenten war freilich dies noch höchst unvollkommen. Töne, welche zwischen denen lagen, für»velche die Saiten abgestimmt waren, konnten nur durch stärkeres Anschlagen der Stifte an die Saiten erzeugt werden, was einmal keine» reinen Klang und dann auch öfteres Zerspringen der Saiten zur Folge hatte. Diesem Uebelstande half man dadurch ab, daß man jeder Saite an einer andere Stelle noch eine zweite Taste unterlegte und auck die Töne bald überhaupt vermehrte. Eine bedeutende Verbesserung erhielt es aber im Jahre 1725 durch den Organisten Daniel Faber zu Crailshain im Ansbachischen, welcher für die halben Töne eigne Saiten und zur Verstärkung des Tones jeder Saite noch eine zweite hinzu- fügte. Das Klavichord ruhte auf Füßen und hatte Tafelform, der Kästen war ungefähr sechs Fuß lang, nicht yanz zwei Fuß breit und sieben bis acht Zoll hoch. Neben ihm hatte sich aber bereits ein Kon- kurrent entwickelt, der aufrecht stehende Flügel, Klavicitherium genannt. Man nimmt au, daß es zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden sei und zwar als Weiterentwicklung des Cymbal oder Hackebrett. Der Ton wurde bei diesem Instrument nicht durch Anschlagen, sondern durch Reißen der Saiten erzeugt, was dadurch geschah, daß man an Stelle der Messing- oder Eisenstiftchen Züngelchen, anfangs aus Kielen von Rabcnfedcrn, später aus Messing und zuletzt aus getrockneter Ochsen- haut oder Leder anbrachte. Verbessert wurde dieses Instrument na- mentlich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts; von den verschie- denen Arten der Veränderung wollen wir nur die Anbringung von Pauken und Trompeten nebst eines Flötenregisters erwähnen. Das wichtigste Entwicklungsmoment ist jedoch die Einrichtung eines Hammer Mechanismus, man streitet darüber, wem die Ehre dieser Erfindung gebühre; die einen behaupten, daß ein Paduaner Bartolomeo Cristo- solin, die andern, daß der Organist Christof Gottlieb Schröter zu Nordhausen der Erfinder dieser Einrichtung sei. Veranlassung dazu mag das um 1690 von dem kurfürstlich polnischen Kammermusikus Pantaleon Hebenstreit erfundene Pantaleon, ein in der vergrößerten Form des Cymbals erbautes Instrument, dessen Saiten mittels frei 240 mit bor Hand gesührter Hämmer angeschlagen wurden, gegeben habein Um 1716 soll auch bereits ein Franzose Namens Marius der Akademie der Wissenschaften zu Paris drei Modelle zu Hammerklaviercn vorgelegt haben. Sei dem, wie ihm wolle, Schröter legte 1721 zwei verschiedene Modelle seines bereits 1717 erfundenen Instruments dem dresdner Hofe vor. Da er selbst mittellos war und auch nicht die erwartete Unter- stütznng erhielt, so mußte er die Ausführung dem königlich polnischen und dem churfürstlich sächsischen Hof- und Landorgelbauer Silbermann überlassen, welcher bereits im Jahre 1726, nachdem er den jchrötcrschen Mechanismus vervollkommnet hatte, das erste Pianoforte verfertigte. Der alte Flügel behauptete jedoch trotzdem noch das Feld, bis ein Schüler Silbermanns, Joh. Andreas Stein zu Augsburg, im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts dem Instrument einen solchen Grad von Vollkommenheit verlieh, daß es sowohl das Klavichord als auch den Kielflügel für immer verdrängte. Verschiedene Verbcsserungen, wie z. B. die von Lenker in Rudolstadt ersundene Dämpfung, ferner d-e Anwendung von blau angelaufenen Stnhlsaitcn, welche dem Rost größeren Widerstand leiste»». dgl. waren schon vorhergegangen. _(Schluß folgt.) Der Einsturz der Tahbrsicke in Schottland.(Fortsetzung statt Schluß.) Der Würgengel des Jahres 1877 begann seine Arbeit bei Smyrna in Kleinasien. In der Ebene von Magnesia stürzte am Ncujahrstag die Sardesbrücke unter einem Eisenbahnzuge zusammen. Die Kala- strophe kostete 32 Menschen das Leben. Dann feierte er bis zum 17. Februar, an welchem Tage er in Rußland bei Rostow einen Bahn- zug über den Damm hinunterwarf. Zahl der Tobten und Verwun- beten unbekannt. Aus der Station Gagny der französischen Ostbahn, unweit Paris, stieß am 5. März der von Paris kommende Kourierzug mit einem Güterzug zusammen. Bier Tobte. Ter am IS. März über den östlichen Theil Europas fegende Sturm war Ursache eines Zusam- menstoßes aus der Eisenbahn Waldenburg-Breslau und eines Brücken- einsturzes zwischen Woronesch und Rostow(Rußland). Nach der bis- herigen Zusammenstellung von Leben und Güterverlust zu urtheilen, beansprucht Rußland die erste Rubrik der Unfallstabelle! am 5. April hat es schon wieder den Sturz eines Kurierzugs von einem Damm zwischen Dünaburg und Wilna, am 14. Mai eine Entgleisung bei Liman und Byt und am 18. Mai den Zusammenstoß eines Lastzuges mit einem Truppenzuge bei Pitesti zu verzeichnen. Nicht weit von Pitcsti stürzte die Eiscnbahnbrücke über die Aluta(Rumänien) am 21. Mai mit zwölf Waggons in den Fluß. Mitten im Vorspiel des orientalischen Krieges hatte man gar keine Zeit, die Anzahl der Tobten und Verwundeten festzustellen. Man sollte denken, Gevatter Tod, der „alle Hände voll" im Orient zu thun hatte, würde den Occident mit seiner Thätigkeit verschonen, aber nichts von alledem. Er fand noch immer sreie Augenblicke, um am 5. August einen Zug bei Großgerau (Darmstadt) und den andern am 10. zwischen Metzthal und Weißenhöhe (preußische Ostbahn) zur Entgleisung zu bringen und den üblichen Ge- winn an Lebensvcrlust einzuheimsen. Tags draus fand ein Zusammen- stoß an der Märkisch-Posener Bahn bei Görizyn und auf der Linie Paris-Boulogne statt. Auch das bei Eisenbahnunsällen selten genannte Oesterreich hat den Sturz eines Zuges vom Damm aus der Pilsen- Priesencr Bahn und eine Entgleisung bei Neu-Szöny zu verzeichnen. Am 24. September stieß bei Charkow in Rußland ein Verwundeten transport mit einem Güterzug zusammen. Anzahl der Tobten, wie gewöhnlich, unbekannt. Der Oktober dieses Jahres ist unheilschwanger. Am 2. entgleiste bei Langenberg vor Riesa der Leipzig-Dresdens Zug (süns Waggons und die Lokomotive stürzten in den Kanal), am 4. wurden infolge einer Dammrutschung ti Waggon der böhmischen Nord- westbahn zerlrümmert und am 7. stürzten zwischen dem so oft genann- ten Woronesch und Rostow sieben Waggons mit tscherkessischen Gefan- genen in den Don. Am 11. ist schon wieder ein Brückeneinsturz an der Berlin-Koblenzer Bahn bei Melsungen, am 18. eine Explosion beim Tunnelbau der Moselbahn und ain 25. eine Entgleisung bei Liegnitz zu melden. Ter letzte Tag dieses Schreckcnsmonalcs hat sogar zwei Zusammenstöße bei Valenciennes in Frankreich und ans der Nilbrücke zwischen Alexandrien und Kairo(Aegypten) auszuweisen. Auch im November streckte die Sense des grimmen Schnitters Mcnschengarben hin. Am 10. ereignete sich bei Arnsberg und bei Lssiach, am 15. bei Hamm ein Eisenbahnunglück mit den üblichen Tobten und Verwundeten. Am 21. stießen auf der Warschau-Wiener Bahn zwei Güterzüge mit solcher Vehemenz zusammen, daß 16 Wagen zertrümmert wurde»; am selben Tage stürzte zwischen Banger und Arnwich in Wales ein Postzug mit der zusammenbrechenden Brücke in de» Fluß Allen hinab. Der Dezember war gnädig, er begnügte sich mit dem Leben von nur drei Arbeitern, welche bei einer Dynamitexplosion im Gotthardtunnel ver- unglückten. Das Jahr 1878 debutirt mit einer brennenden Eisenbahnbrücke von Holz. Im nordamerikanijchen Staat Konnektikut stürzten am 15. Januar bei der Station Farmington River drei Passagierwagen in den Fluß. Was nicht elend verbrannte, fand seinen Tod in den Wellen. Konstatirt wurden 15 Tobte, das Fahrpersonal nicht mit- gerechnet. Am 20. entgleiste bei der Station Lyschötzky(auf der Bahn- linie Brest-Grajewo) der mit dem Marstall des Kaisers von Rußland beladeue Güterzug. Zwei Lokomotiven und 17 Waggons sammt den Bereitern und Pferden wurden zerschmettert. Nach den Gräueln des orientalischen Krieges schien selbst der Tod müde geworden, denn die nächste Entgleisung mit blutigem Ausgang datirt vom 2. März und hat sich auf der Mährisch-Schlesischen-Bahn zwischen Olmütz' und Troppau begeben. Am selben Tage explodirte an der Nordseite des Gotthardstunnel eine Mine, welche zwei Arbeiter tödtete und zwei verwundete. Auf der Eisenbahnlinie zwischen Tours und Le Mans wurde in der Nacht zum 31. März die Brücke von Verman von dem durch Regengüsse geschwollenen Bach fortgerissen. Eine Lokomotive mit 18 Waggons eines Güterzuges und das Fahrpersonal ist in der reißen- de» Fluth verschwunden. Nach einer längeren Pause entgleiste am 26. Mai ein Schnellzug der Westfälischen Eisenbahn zwischen Altcn- becken und Driburg. Drei Tode. Damit Rußland nicht aus der Uebung kommt, hat sich auf der Odessaer Eisenbahn in der Nacht zum 30. Mai ein schweres Unglück zugetragen. Ein Arbeitszug stieß mit einer ihm entgegenkommenden Lokomotive zusammen. Das Resultat war ein Trümmerhaufen von Waggons, unter welchem 16 Menschen begraben lagen. Am 28. Juni stürzte ein im Bau begriffener Tunnel bei Schwelm auf der Düsseldorf-Hörder Bahn ein und verschüttete sieben Arbeiter. Am 1. Juli entgleiste infolge eines Felssturzes ein Eisenbahnzug zwischen Lyon und Gens und fiel über die Böschung herab. Der von Wien am II. Juli abends abgelassene Kourierzug stieß gegen 1 Uhr morgens in der Station Wels infolge unrichtiger Weichenstevung auf einen mit Schlachtvieh beladenen Güterzug. Der Anprall war furchtbar. Die Maschine hat sich durch die Güterwagen hindurch in die Viehrampe festgerannt, die Wagen wurden zum größten Theil zertrümmert. Lokomotivführer und Heizer wurden durch den ausströmenden Dampf vollständig verbrüht. Bei einem am 13. Juli auf der Brester Bahn zwischen Vitro und Chateaubourg vorgekommenen Eisenbahnunglück wurden fünf Personen getödtet und zehn verwundet. Am 26. Juli stürzte bei Augsburg der erste Pfeiler der über den Lech führenden Eisenbahnbrücke ein. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. Destomehr Opfer forderte eine zu Fratesti in Rumänien am 7. August stattgesundene Dynamitexplosiou. Russische Soldaten befrachtete» dort einen Eisenbahnwagen mit Kisten voll Dynamit, als eine dieser Kisten zur Erde fiel und explodirte. Die Wirkung war schrecklich. 15 Sol- baten wurden getödtet, 31 verwundet, die Eisenbahnstation wurde in einen Trümmerhaufen verwandelt, und sechs Eisenbahnwagen sind in Atome zersplittert worden. Am selben Tage stieß der Pittsburg- St. Louisschnellzug(Amerika) mit einem Frachtzug zusammen. 15 Menschen todt, 50 verwundet. Am 31. ein ähnlicher Gsenbahnunsall zwischen Chatham und Dover. 5 Menschen todt, 50 verwundet. Mitte September wieder einmal eine Dynamitexplosion im Gotthardtunncl und zwar die elfte. Zwei Arbeiter todt, fünf verwundet. Die zweite Hälfte des Monats bietet eine ununterbrochene Reihenfolge von Bahn Unfällen. Am 24. entgleiste der Wien-Pariser Schnellzug, acht Wagen zertrümmert, zur selben Zeit stürzte die eiserne Brücke bei Niramont zusammen; Tags darauf eine furchtbare Explosion im Gotthardtunnel und zwei Entgleisungen, die eine bei Bebra, die andere bei Unterdrau- bürg. Im Oktober arbeitet der Tod immer im Großen. Gleich im Ansänge dieses Unglücksmondes, am 3., spielte sich aus der so oft ge- nannten Woronisch-Rostower Bahn eine entsetzliche Katastrophe ab. Militär- und Güterzug stießen zusammen, wobei 16 Waggons zer- trümmert wurden. Diesmal erfahren wir wenigstens, wieviel Offiziere und Aerzte das Leben eingebüßt haben, nämlich von jeder Sorte zwei. Die Amerikaner sind in der Aufnahme der Todtenlisten gewissenhafter. Sie melden uns, daß bei dem Zusammenstoß vom tz. zwischen Iilwcr lake und Boston 25 Menschen getödtet und 150 verwundet worden sind. Am 1l. entzündete sich der Petroleuminhalt eines Güterzuges bei der englische» Station Dunfermline. Der Zug verbrannte. Am 19. meldet man schon wieder 12 Tobte und 40 Verwundete infolge eines Zusam- menstoßes bei Pontypriord in Wales. Im Noveniber ist nur ein Unfall und zwar am 25. aus der ungarischen Staatsbahn zwischen Hatwan und Rakos zu vermelden, wobei zwölf aus Bosnien eben heimgekehrte Reservisten schwer verwundet wurden. Am 11. Dezember figurirt schon wieder die Rostower Bahn auf der Unsallstabelle. Infolge verfaulter Schwellen entgleiste ein Militärzug. Die Zahl der Verwun beten übersteigt 200. (Schluß folgt.) m-tn abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Das neue Recht im neuen Reich, von �- w/~, r Geheimmtttelschwlndel, von Emanucl W.(Fortsetzung).— Irrfahrten von L. Rosenberg'Fortsetzung).- Forschungsfahrten im nordlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von I>r. M. Traustl(Fortsetzung).- Elch im Kamps mit Wölfen(mit Illustration). — Der Einsturz der Taybrucke in Schottland(Fortsetzung).- Zur Geschichte des Klaviers. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. ll. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei in Leipzig.