jyö2i. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 30 Pfennig. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Audokph von 25. (Fortsetzung.) Herr Prell hatte kaum für möglich gehalten, daß der alle akademische Bildung entbehrende Lauter sich in dem Chaos der Politischen Tagesnachrichten, in dem Gedankenurwald von politischen Leitartikeln und Korrespondenzen zurechtfinden könnte. Erinnerte er sich doch sehr wohl, wie schwierig es ihm selbst gewesen war, sich in die Thätigkeit verständnißvollen Ausziehens und Zusammen- Üellens des zu bestimmten Zwecken Brauchbaren aus den Spalten der allen möglichen Parteischattirungen dienenden Ta�esblätter hineinzuarbeiten. Aber merkwürdig! Schon beim dritten oder vierten Versuche mußte sich Herr Prell gestchen, daß der junge Mann, den als Kollegen anzuerkennen er sich noch nicht über- �vden konnte, seine Sache recht gut, sehr gut sogar, mache. Alles Wichtigere war von Lauters Blaustift angestrichen, und kaum drei Stunden, freilich drei Stunden einer Arbeit ohne Auf- ichauen, brauchte er zur Durchsicht von 10 bis 15 größeren oder kleineren Zeitungen. . Das war für Prell äußerst bequem. Das eigentliche Zeitung- lesen gewöhnte er sich von dem Tage an gänzlich ab, an welchem er sich überzeugt hatte, daß bei Lauter„wirklich viel natürliches Verständniß für Politik", wie er sagte, vorhanden war. Zuerst schaute er alles das an, was Lauter angestrichen hatte; oald genug aber trieb er die Zeitersparuiß noch weiter, indem er sich die verschiedenen Artikel, je nach der Wichtigkeit, welche lern junger Arbeitsgenosse ihnen beimaß, mit ein, zwei oder drei strichen bezeichnen ließ, und in erster Linie nur die dreimal vugestrichencn, dann aber höchstens noch die doppelt ausgezeich- ueten seiner Berücksichtigung würdigte. Gelegentlich ging er dann auch in seinen Experimenten mit Leistungsfähigkeit Lauters noch einen Schritt weiter. Er �vergab diesem mehrere von ihm selbst der Beachtung werth erklärte Zeitungsartikel mit dem Auftrage, aus denselben auf eigne jruust einen ,.Original"artikel für den„Tageskorrespondenten" zu ichmieden. Die Bemerkung Lauters, er würde das wohl in ge- eigneter Weise nicht zu stände bringen, weil er in der betreffenden Sage aus Mangel an den entsprechenden Kenntnissen keine eigne Meinung besitze zwang den erfahrenen Kollegen zu einem über- wgenen Lächeln An der nöthigen Belehrung ließ derselbe es °uch nicht fehlen:....... � t.Ich bitte Sie. mein Lieber." sagte er in väterlichen, Tone. �greifen Sie denn nicht, daß Sie zu so etwas gar keine weiteren Kenntnisse brauchen, als Ihnen das Material, was ich Ihnen gebe,"... pjx pxxj Zeitungsartikel nämlich, welche Prell selbst garnicht gelesen hatte,—„dazu liefert? Und, eigne Meinung- wozu das? Sie sind doch zu verständig, um sich einzubilden, daß es unserm Publikum in irgendeiner Frage des öffentlichen Interesses darum zu thun wäre, die Privatansicht des Herrn Fritz Lauter zu hören. Nein, lieber junger Mann, das Publikum will und braucht nur zu erfahren, was man in den journalistischen Kreisen im allgemeinen und wie mau an maßgebender Stelle denkt. Die Anschauungen der Journalistenwelt werden dirigirt von den geistigen Leitern der großen Zeitungen und den Partei- chefs, deren journalistische Sprachorgane hauptsächlich die auto- graphirten Korrespondenzen sind. Von da wird die politische Parole ausgegeben, und ein Provinzialblatt z. B. kann wohl, wenn sein Herausgeber sonst in unabhängiger Situation ist, die ihm den Luxus einer eigenen politischen Meinung gestattet, die Partei wählen, zu welcher er hält, aber in jeder einzelnen Frage muß er der Partciparole folgen, wenn er das, im Vertrauen gesagt, entsetzlich beschränkte und leichtgläubige Publikum nicht ganz konfus und kopfscheu machen, und wenn er sich selbst nicht außerhalb jeder Partei stellen und das Piedestal seiner jour- nalistischen Existenz unter seinen Füßen zertrümmern will." Herr Prell schlug, im Gefühle, zur publizistischen Erziehung seines neugebackenen Kollegen soeben auf das dankenSivertheste beigetragen zu haben, die lange», dürren Beine übereinander und lehnte sich würdevoll in seinem Redaktionsstuhl zurück. Fritz Lauter, der der nachdrucksvoll vorgetragenen Auseinandersetzung aufmerksam zugehört hatte, schien weniger befriedigt. „So gäbe es also für die Redaktion einer großen Provinzial- zcitung, wie die unsre," fragte er dann ziemlich gedehnt,„keine andre'Aufgabe, als nachzubeten, was andere Leute gedacht und geschrieben haben?" „Das nun grade nicht," entgegnete der Kollege Prell, etwas erstaunt darüber, daß dem jungen Manne seine Ausführungen, die dem, der sie geleistet, ebenso geistvoll als sonnenklar erschienen, nicht vollauf genügten;„aber man muß wenigstens sehr vorsichtig sein, und auf keinen Fall wird es sich lohnen, in Kleinigkeiten sich auf eine eigne Meinung zu kaprizireu, während man sich in wichtigen Fragen an das gemeinsame Parteiprogramm zu halten hat--" Herr Prell, dem diese Erklärung nicht so fließend vom Munde gegangen war, als die schöne Rede vorher, glaubte mit dem Trumpfe des Parteiprogramms, von dem natürlich so ein un- erfahrener Redaktionszögling noch nichts wissen konnte, jede weitere Diskussion abgeschnitten zn haben. Aber er täuschte sich. Fritz Lauter sah zwar ganz außerordentlich verwundert drein, aber die Lust zu fragen, hatte er noch lange nicht verloren. „Das gemeinsame Parteiprogramm? Ja, aber entschuldigen Sie, Herr Prell, was ist denn das für ein Parteiprogramm, nach dem wir uns zu richten haben? In dem Hauptartikel der Probe- nummer, der doch wohl von Ihnen selbst verfaßt ist, wie Sie mir gesagt haben, wenn ich nicht irre--" Herr Prell fand, daß der Lauter ein verteufelt gutes Ge- dächtniß habe. An den Inhalt der Probenummer hatte er, Prell, im Drange seiner Geschäfte in der That schon lange nicht niehr gedacht. Und nun hatte sich der junge Mensch auch die von seinem redaktionellen Mentor gelegentlich hingeworfene Bemerkung, der erste Leitartikel des„Tagcskorrespondenten", der dessen Pro- gramm enthielt, sei aus seiner Gedankenfabrik, hinter die Ohren geschrieben. Fatal! Indessen Herr Prell wäre kein gewiegter Journalist gewesen, wenn er sich so leicht in der imposanten Sicherheit bei der Aeußerung seiner wirklichen oder angeblichen Meinungen hätte erschüttern lassen. Er unterbrach asto Fritz Lauter mit den Worten: „Und dieses unser Programm sagte?" „Nun, es sagte doch wohl, der ,Tageskorrespondent� werde sich von allem Parteitreiben fernhalten, er wolle gewissermaßen über den Parteien stehen und nur die Interessen des Publikums im Auge haben." Herr Prell lachte überlegen. „Sie sind wirklich noch ungeheuer naiv, mein lieber Lauter. Die Phrase vom Standpunkt über den Parteien ist doch nichts weiter, als ein Stück Speck, mit dem man Mäuse, d. h. Abon- nenten, fängt. Unsere Zugehörigkeit zur großen liberalen Partei ist ja über jeden Zweifel erhaben." „So?" sagte Lauter.„Speck war das! Und zur großen liberalen Partei gehören wir? Wo kann man sich denn nun darüber unterrichten, was diese Partei will? Was hat sie für ein Programm? Man muß es doch kennen, wenn man sich dar- nach richten soll." Herrn Prell wurde die Fragelust des jungen Mannes ernst- lich ungemüthlich. „Wenn Sie politische Erfahrung- gesammelt haben werden, werden Sie einsehen, daß das Programm einer großen politischen Partei nicht ein Wisch Papier ist, den nian etiva stets in der Brieftasche bei sich tragen kann, sondern daß es in ganz etwas anderm besteht. Ich glaube nicht, daß ich Ihnen, dem politisch Neugeborenen gewissermaßen, das werde recht klar machen können; ich will Ihnen nur soviel sagen: Das wahre Programm einer Partei wird nicht gemacht, sondern es entwickelt sich. Tie Geschichte einer Partei— das ist ihr Programm! Berstehen Sie mich?" Fritz Lauter verstand nur soviel, daß Herr Prell keine Lust hatte, das Gespräch fortzusetzen. Er ging daher, wenig erbaut und garnicht belehrt von dem, was er gehört hatte, an seine Arbeit. Seine ersten tagesschriftsteUerischcn Leistungen erwarben sich viel mehr den Beifall des Herrn Prell, als seine naiven Fragen. Nur einen Fehler fand derselbe zu tadeln, der darin bestand, daß Lauter überall getreulich die Quellen angegeben hatte, aus denen er geschöpft, was er geschrieben:„Die Kölnische Zeitung meint"—„die Neue freie Presse ist der Ansicht" u. f. w. Wozu das? fragte Prell. Warum nicht kurz und gut: Wir meine»— wir sind der Ansicht? Prell verbesserte das; dann wanderte der fragliche Artikel ganz so, wie ihn Lauter geschrieben, in die Druckerei. Je mehr sich Herr Prell des jungen Kollegen annahm, desto weniger that es anfangs der Chefredakteur. Er verkehrte fast nur mit Prell und ließ auch durch diesen seine Anweisungen an Fritz gelangen, wenn er solche für nöthig hielt. Trotzdem aber ver- folgte er mit Aufmerksamkeit die Leistungen des neuen Redaktions- gehülfen und entdeckte bald, daß dieselben auch auf anderen Gebieten, als dem des Korrekturlesens, denen seines Borgängers weit überlegen waren. „Dieser Auszug aus dem langen volkswirthschaftlichen Artikel der /Bossischen Zeitung� ist wirklich nicht übel," sagte er eines Tages zu Prell.„Hat den der Lauter allein gemacht?" „Bis auf die allerdings zahlreichen Verbesserungen, welche ich darin angebracht habe, allerdings!" antivortere der Kollege Prell ebenso bescheiden, als wahrheitsliebend. „Es würde mich interessiren, das Manuskript zu sehen. Ich möchte allgemach über die Leistungsfähigkeit des jungen Mannes ins reine kommen." Das hatte Herr Prell nicht erwartet. Er erbot sich, das Manuskript, welches aus der Druckerei mit dem Korrekturabzug in die Redaktion zurückgekehrt war, zu suchen. Als er es ge- funden, zerriß er es in kleine Stücke, die er zum Fenster hinaus- warf. Bermuthlich war er zu bescheiden, um mit den„zahlreichen Verbesserungen", die er in der lauterschen Arbeit angebracht, glänzen zu wollen. Daun meldete er dem Chefredakteur wahrheits- getreu, das Manuskript sei bereits vernichtet. Nachmittags darauf erschien Herr Schweder zum erstenmal seit den: Eintritt Lauters in die Redaktion in dem Zimmer, wo Prell und Lauter arbeiteten, und zwar während jener Stunden, welche der dritte Redakteur allein im Bureau zuzubringen pflegte. Er schien sehr gut aufgelegt; der sonst immer vornehme Zurück Haltung zur Schau tragende Chef gab sich heut ganz gemüthlich: „Guten Tag, lieber Lauter. Nun— wie gefällt Ihnen Ihre neue Thätigkeit?" Fritz hatte sich respektvoll erhoben und erwiderte den Gruß in achtungsvoller Höslichkeit, die aber von sich selbst herabsetzender Unterwürfigkeit weit entsernt war. „Ich gebe mir Mühe, meine Pflicht zu thun," sagte er.„Das Bewußtsein, daß ich das thue, und die Hoffnung, mich zu ver- vollkominnen, tröstet mich einigermaßen über die Mangelhaftigkeit meiner Leistungen." Schweder betrachtete das offenherzige Gesicht des jungen Mannes mit Wohlgefallen. „Daß Sie Sich Mühe geben, nach Kräften Tüchtiges zu leisten, habe ich bemerkt, und das freut mich. Ich bringe Ihnen daher heut auch eine Arbeit, derengleichen sonst Herr Prell zu machen pflegte. Sie ist nicht allzu schwierig und dabei sehr instruktiv. Die W.-Zeitung bringt einen guten Artikel über die Vortheile und Nachtheile des allgemeinen Wahlrechts. Davon möchte ich einen Auszug veröffentlicht sehen." Lauter nahm die Zeitung. Der Artikel war 2llt große Zeitungsspalten lang. „Wie lang darf wohl der Auszug werden?" „Nun, etiva eine halbe Spalte. Wann glauben Sie damit fertig sein zu können?" „Wenn ich sofort damit beginnen soll, hoffe ich in spätestens zwei Sttmden fertig zu sein. Die Arbeit würde mir wohl viel rascher von der Hand gehen, wenn ich mit politischen Dingen besser vertraut wäre." „Zwei Stunden sind nicht zuviel. Wenn Sie fertig sind, bringen Sie mir die Arbeit sammt dieser Nummer der W.- Zeitung in mein Zimmer." Herr Schweder ging kopfnickend von dannen und Lauter machte sich auf das eifrigste an die Arbeit. Der große Artikel der W.-Zeitung war klar und leicht verständlich geschrieben, und die darin entwickelten Ansichten intcressirten Lauter aus das leb- hasteste, obgleich er sich an verschiedenen Stellen des Zweifels an ihrer Richtigkeit nicht entschlagen konnte. Nicht in zwei Stunden, sondern schon in einer war er fertig. Er überlas,! was er geschrieben hatte, rasch noch einmal, brachte einige un-' bedeutende stilistische Aenderungen darin an und brachte seine Arbeit dann dem Chefredakteur. Dieser ließ selbst grade seine Feder in riesiger Eile über das Papier gleiten und sagte kurz, aber freundlich:'„Bitte, legen Sie hin," ohne seine Thätigkeit zu unterbrechen. Als sich jedoch hinter Fritz Lauter die Thür wieder geschlossen hatte, hielt Schweder iune und schaute nach der Uhr. „Kaum eine Stunde! Wenn die Arbeit ebenso gut geworden als rasch beendet ist, dann ist das wirklich ein ausnehmend in- telligentes Bürschchen!" Er nahm die drei Blätter, auf denen in flüchtigen, aber bestens lesbaren Schriftzügen aufgezeichnet stand, was Lauter geleistet hatte, und begann es zu prüfen. Er fand mit größter Treue die Gedanken der Abhandlung in der W.-Zeitung wiedergegeben, ohne daß auch nur ein Satz ganz oder�annähernd wörtlich abgeschrieben war. Alles hatte eine neue Form gewonnen, kein wesentlicher Punkt war übersehen und doch war der Raum einer halben Spalte nicht überschritten. „Vortrefflich, in der That vortrefflich," brummte der Chef- sj redakteur in den Bart.„Wenn dieser Lauter immer so arbeitet,: können dieses Renommisten, des Prell, zahlreiche Verbesserungen nur Verschlimmerungen gewesen sein." Er schrieb an die Spitze des ersten Blattes:„Zum wort getreuen Abdruck— ohne Verbesserungen!" und ließ den Artikel i durch den Redaktionsdieiier dem Kollegen Prell überreichen. 243 Bon dieser Zeit an ivurde Fritz Lauter mehr und mehr der erklärte Liebling und Protäge seines Chefredakteurs, was dem Kollegen Prell aus tausend Gründen äußerst fatal war. Besonders ärgerte es ihn, daß er wieder gezwungen war, die Zeitungen selbst zu lesen, da Lauter von Schwedcr mit anderen Arbeiten mehr als zur genüge beschäftigt und von der vorbereitenden Tnrchsicht aller Zeitungen ausdrücklich dispensirt war. Anfänglich war der so plötzlich zum Journalisten avancirte junge Mann mit seiner neuen Thätigkeit sehr zufrieden und ver- sprach sich davon eine bedeutende Erweiterung seiner Kenntnisse. Aber bald erkannte er, daß es ihm dabei nicht besser ging, als bei seiner früheren Hauptbeschäftigung— dem planlosen Durchwühlen ganzer mächtiger Zeitungsberge. Was er lernte, blieb nicht nur Stückwerk, ließ in seinem Geiste nicht nur täglich neue und täglich mehr Fragen auftauchen, für die er keine Antwort wußte, sondern es steckte auch voller Widersprüche und enthielt eine Fülle von Behauptungen und Beweisführungen, deren Un- gereimtheit ihm einleuchtete, ohne daß er sich darüber Aufklärung zu verschaffen vermochte, woher bessere Belehrung zu holen ge- Wesen wäre. Bei dem Kollegen Prell gab es für ihn in zweifelhaften Fällen keinen guten Rath. So leutselig und gesprächig der früher ge- Wesen, solange er Lauter als seinen eigenen Famulus hatte bc- trachten können, so zurückhaltend und zugeknöpft tvar er jetzt. Ließ er sich ja zu ein paar Worten der Erläuterung einer für den jüngeren Kollegen zweifelhaften Frage herbei, so war diese Erläuterung entweder dunkler noch, als das zu erläuternde selbst, oder es war, wie es Fritz Lauters helleni Kopfe bald klar wurde, gradezu, vielleicht sogar absichtlich, falsch. Und der Chefredakteur Schweder war einerseits immer viel zu sehr beschäftigt, um es gern zu sehen, wenn man ihn mit Bitten um Belehrung behelligte, und lieble es andrerseits aus- gesprochenerniaßen, daß man selbst in wichtigeren Angelegenheiten seine Gedanken und Wünsche aus kurzen Andeutungen errieth und ihm so die Unbequemlichkeit langathmiger Auseinander- sctzungen ersparte. Am meisten fühlte sich Fritz Lauter dadurch beunruhigt, daß es ihm unmöglich blieb, klar und deutlich die Richtung zu er- kennen, welche der„Tageskorrcspondcnt" auf politischem und volkswirthschaftlichem Gebiete verfolgte. Und ebenso wenig ver- mochte er aus dem Charakter seines- Kollegen Prell klug zu werden; nur soviel lernte er allmählich einsehen, daß dieser und er in Gesinnungen und Neigungen mit einander nicht zu har- monircn geschaffen seien. Prell lebte sehr flott und hielt vom Arbeiten wenig, vom Studiren garnichts. Tic Arbeit machte er sich so leicht als möglich; am emsigsten war er noch bei der Schecrenarbeit. Dabei kam es ihm nicht im mindesten darauf an, ob seine Artikel heute das direkte Gcgenthcil von dem zu beweisen sich bemühten, was er vor acht Tagen mit einem Dutzend Gründen als unhaltbar bewiesen oder auch gar lächerlich gemacht hatte. Machte ihn Lauter auf solche Widersprüche aufmerksam, so lachte er ihn wegen seiner kindlichen Unschuld einfach aus. So konnte es denn nicht anders kommen, als daß Fritz die Achtung vor dem Journalisten Prell rasch vollständig einbüßte, wobei natürlich die vor dem Menschen Prell niit in die Brüche ging. Bei alle- dem wäre Fritz Lauter seine neue Stellung bald auf das äußerste unbehaglich geworden, wenn er nicht gemeint hätte, den Kennt- nissen, wie dem Charakter seines Chefredakteurs die höchste Achtung schuldig zu sein. Sicherlich war er ein gesinnnngsvoller Mann, ebenso wie er ein ungewöhnlich begabter Mann war; an ihn sich geistig anzulehnen, soweit es seine Zurückhaltung nur erlaubte, nach ihm sich zu bilden, das wurde nun der Hauptinhalt von Fritz Lauters Streben. (Fortsetzung folgt.) Die deutschen Vor- und Tausnnmen. Bon W. Witlich. Nicht em einziger ist namenlos unter den Menschen, Edel oder gering, nachdem er einmal erzengt ward, Sondern genannt wird jeder, sobald ihn die Mutter geboren. Home r. Unter zwei Menschen genügt, wenn der eine dem andern etivas mittheilen, etwas abverlangen, ihn etivas heißen will, also zur Anrede, ein einfacher Anruf: Heda! oder sonstwie, oder die allge- meinen Rufeformen Du! oder wie es sonst bräuchlich. Nicht so bei mannichfaltig verschlungenen Gesellschaftsformen und wenn man in der dritten Person von einem redet. Schon in einer starken Familie macht sich bald das Bedürfniß besonderer Bc- Nennungen für die verschiedenen Glieder geltend; dieses Bedürfniß wächst, wenn wir von der Gesellschastszelle, wie man mit eineni naturwissenschaftlichen Bilde die Familie genannt hat, zu einem weiter und reicher gegliederten Gescllschaftsorganismus aussteigen. Immer weniger wird eine bloße Geste, ein Wink genügen, um die gemeinte Person zu bezeichnen, und immer nothwendiger werden Ionderbezeichnungen für die einzelnen Personen, mit einem Worte: Personennamen. Diese besondere Art der Sprachschöpfung nun ist es, welche uns im Folgenden beschäftigen soll. Der Eigenname, den einer sein Leben lang mit sich herum- �ägt,„als wär's ein Stück von ihm," der ihn von der Wiege ms zum Grabe begleitet, noch zuweilen Jahrtausende lang sein Andenken bewahrt, nachdeni sein Leib längst sich in seine Grund- kleinente ausgelöst hat, ist keineswegs unwichtig. Sowie wir uns vergegenwärtigen, daß er Inhalt, Sinn und Bedeutung hat, werden wir das zugeben müssen. Er soll zunächst die Kennmarke �er bestimmten Person sein, ja, wie in den Rechtsurkunden, förm- lich die Person selbst sein, wenigstens diese vertreten. Der Name Verleiht dem Manne Werth, der Name kann dem Manne un- bequem, störend sein; alle halten wir darauf, im bürgerlichen «inn einen guten Namen zu haben: daß diese moralische Gel- tung des Wortes Namen aber auf das innigste mit der sprach- lichen Bedeutsamkeit zusammenhängt, ja ursprünglich mit ihr zusammenfiel wie Stoff und Form, das ist zum guten Theil, namentlich durch die Erblichkeit der Familiennamen dem Bewußt- jein verloren gegangen. Der Name soll also den Menschen werthen. Deshalb ward und wird bei Völkern von einer gewissen Bildungsstufe, bei den Indianern z. B., dem Stammesangehörigen ein eigener Name erst dann beigelegt, wenn er in bedeutenden Lebenslagen seinen Gehalt offenbart, seine Eigenart gezeigt hat. Bis dahin heißt er einfach der Sohn des N. N., lvofür der Vatcriianic ein gesetzt zu denken ist. Mannichfaltig, ja unzählig können nun die Anlässe zur Namengebung, zahllos die Beobachtungen sein, welche der Stock sind, auf den die Namen geprägt werden. Besonders auffällige Eigenschaften des Körpers oder Geistes, besondere Gewohnheiten und Lebensgcpflogenheitcn, Liebhabereien und Lieblingslcidcnschaftcn, absonderliche Erlebnisse sind nur einige ivenige solcher Anlässe, die als ohne Wahl herausgegriffene Bei- spiele dienen sollen. Aber nicht nur die Wahrnehmung von Besonderheiten an dem zu Benennenden spielen ihre Rolle bei der Namengebung: es ist nothwendig, auch den Affekt, die Stimmung der Namcnverleiher mit in Betracht zuziehen, um dem Wesen der Namen auf den Grund zu schauen._ Tapferen und guten Thatcn gegenüber sind die Stammes- und Volksgenossen voll Bewunderung oder Anerkennung, wüste Frevelthatcn rufen ihren Unwillen, Mißbilligung, Tadel hervor; jungen Erdenbürgern wird von Eltern und Verwandten Liebe und lUeigung vom ersten Augenblick ihres Daseins entgegen- gebracht: und alle diese Gefühle und Empfindungen finden ihren Ausdruck in den Namen, welche der Person gegeben werden, auf welche sie gerichtet sind. Hinter den meisten Personennamen steckt nun dementsprechend eine lobende, schmeichelhafte, glückverheißende Bedeutung, manche andere Namen wiederum sind aus einer feind- seligen, abgeneigten Stimmung heraus geschaffen, die sich dann in tadelnder, ja verwünschender Benennung Luft macht. Aber nicht nur Eigenart und Werth der einzelnen spiegelt sich in den Namen wider, sondern die ganze geistige Atmosphäre einer Zeit wird klar und deutlich zu erkennen sein an den Namen, die sie schuf. Diese sind eine nicht zu unterschätzende Quelle für die Erkenntnis; des Kulturznstandes der verschiedenen Volker und Zeitalter. In derber, reckenhafter Heldcnzeit entstehen meist Äiamen, die auf Kampf und Krieg und dahin gehörige Gegen- stände und Verhältnisse Bezug haben, bei höherer Kultur und tieferer Durchbildung solche von mehr innerlicher, zarterer Be- deutung. Wie man an den Eigennamen allerlei Beobachtungen über Moden und Zeitgeschmack eines und desselben Volkes zu ver- schiedenen Zeiten anstellen kann, so ist dasselbe auch möglich in Bezug auf Verschiedenheit der unterschiedlichen Völker, ans ihre sogenannten Nationalcharaktere. Wenn zuni Beispiel der Römer seine Söhne einfach numerirt und sie Sekundus, Tertius, Quintus, Sextus, Septimius, Octavianus u. s. w. nennt, so scheint uns das dem nüchternen praktischen Charakter des Volkes ganz ent- sprechend, welches berufen war, das größte geschichtliche Welt- reich zu begründen und der Welt sein Recht zu geben und dieses in ein System zu bringen, das für sehr lange Zeit, ja bis in nnsre Zeit mustergiltig war. Für den ursprünglich ächt bäucr- lichen Charakter dieses Volkes von Weltbehcrrschcrn legen ferner beredtes Zeugniß ab Namen wie Agricola gleich der Landmann, Fabius gleich der Bohnenmann(von fabs, die Bohne), Lentulus gleich der Linsenmann, und unzählige andere. Wieviel schwungvoller und poetischer sind dagegen die Eigennamen der Griechen, bei denen Schönheit und Anmuth alle Lebensformen durchdrangen! Da finden wir Namen wie Diogenes gleich der Götterentstammte, Aristobulos gleich der beste Rathgeber, Musäus gleich Liebling der Musen; Apollodorus gleich Geschenk des Apollo, und andere, bei denen schöne, sinnige Bedeutung niit dem süßen Wohllaut der sprachlichen Form einen holden Wettstreit einzugehen scheinen. Wenn wir nnn im Folgenden eine kleine Heerschau über die deutschen Personennamen anstellen wollen, so machen wir von vornherein darauf aufmerksam, daß wir natrirgemäß auf die Vollständigkeit etwa eines Namenlexikons verzichten müssen, und daß wir nur gesonnen sind, bedeutsamste und interessanteste Namen- gebungen, ihre Anlässe und ihren Sinn zu berücksichtigen, nanient- lich aber dabei die allgemein kulturhistorischen Gesichtspunkte fest- halten werde». Viele unserer Leser werden etwa auch ihrem eigenen Namen begegnen, und es dürfte manchem eine kleine interessante Ueberraschung zutheil werden, wenn ihm der Begriffs- inhalt seines Namens vorgeführt wird. Dazu fügen wir denn gleich, daß in der Namengebung gute und böse Kobolde ihr Pritren. Wesen treiben, wir selbst aber von uns abweisen müssen die etwaige Annahme, daß wir uns mit den Trägern bestimniter Namen einen Scherz machen wollten. Neckische oder tadelnde Bedeutung des Namens kann heute wohl kaum, oder doch nur höchst selten einem wehe thun: er hat sich die Bezeichnung ja nicht durch eigene thörichte oder üble Thaten zugezogen, sondern von seinen Vorfahren ererbt, von deren Tadelswürdigkeit ja auch noch der Beweis anstünde. Ebenso werden wir ini Lebe» ja auch nicht ohne weiteres und ohne Beweis einen Menschen nach seinem guten oder schönen Namen schätzen, den er von be- rühmten und verdienten Vorsahren ererbt hat, wenn derselbe da- bei nicht des goethe'schen Wortes eingedenk ist: „Was du ererbt von deinen Bätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen." So wollen tvir versuchen,»ach gewissen Gesichtspunkten eine Reihe von Gruppen deutscher Personennamen vorzuführen, und es soll uns freuen, wenn ivir manchem unserer Leser, die ja alle auf einen guten Namen halten, seinen eignen Namen, den er bisher als eine Gabe des Zufalls oder einer willkürlichen, viel- leicht wunderlichen Laune betrachtete, plötzlich lebendig erscheinen (Seite 251.) lassen können, sodaß ihm nun dieses Erbstück, das ihm seine Ahnen überlieferten, Bedeutung und höheren Werth erhält*). Die ältesten deutschen Eigennamen finden sich bei den griechischen und römischen Schriftsteller», und sie sind zugleich auch die ältesten erhaltenen Proben deutscher Sprache überhaupt. Sodann kommen solche zu taufenden vor in den alten Urkunden und Geschichtsbüchern unseres Volkes in der althochdeutschen Zeit, die man etwa bis zum elften Jahrhundert rechnet. Ganz dem kriege- rischen, rauhen Geiste des ersten Zeitalters deutscher Geschichte gemäß, spricht aus den Namen dieser Zeit ein starker, wilder Schlagtodtgeist: Kriegslärm und Kampfgetöse, Krachen von Schil- de» und Zusammenklirren von Waffen, liebliche Musik den Ohren unserer Altvordern, tönt aus den Namen der Urväter heraus. Da nun viele Worte, welche Bestandtheile der alten Namen bilden, unserer Sprache verloren gegangen und außer Umlauf *) Aus Wunsch sind wir auch erbvtig, soweit unser Können un«. Wissen und die uns zugängigen Hülssinittel reichen, unseren Lesern ihre oder sie interessirende Namen zu deuten. Anfragen der Art bitten wir an die Redaktion der„N. W." zu richten. Auch Mittheilung be- sonders merkwürdiger Name» wäre dem Berf. willkommen. M.W. 246 gesetzt worden sind, wollen wir einige derselben anführen und beispielsweise erläutern. Ungemein zahlreich sind Personenbezeichnungen, in welchen uns die Wortstämme Gund, Hilo, Hadu, Badu oder Patu, Wig begegnen, welche sammt und sonders Kampf, Krieg und Schlacht bedeuten. Ebenso oft finden sich Bildungen mit dem Stamme von Hari— welches Heer, d. i. reisiges Kriegsvolk, bedeutet. Die Waffen, wie der Ger(d. i. die Lanze zu Stich und Wurf), das Schwert, der Schild, der Kampf und seine verschiedenen Erscheinungsphasen, der Sieg, der Ruhm, der daraus wächst für den tapferen Degen, alle die Eigenschaften, welche Sieg und Ruhm enverben helfen und bedingen, geben Anlaß zu solch' kriegerischen Namen. Daher die vielfache Verwendung von Eigen- schastswörtern, wie hart, strengen Muthes und von ausharrender Kraft; mar gleich berühmt, viel besprochen,„viel beschreit", wie das 16. Jahrhundert sagt; palt, polt oder bald, bold, soviel wie tapfer, kühn bedeutend, peraht, perht, brecht, bert gleich prächtig, glänzend, hold, älter oald, ald, Walt, von dem Zeitwort walten, rich gleich reich, mächtig u. a. Wie überniächtig der Hang zu»nd die Freude an Kampf und KAeg war, zeigt sich auch darin, daß selbst in Frauen- namen jene Elemente anklingen, wie in Brunhild, Kriemhild, Gerhild, Germuth, Gertrud, Walburg und in vielen anderen. Das darf uns keineswegs wunder nehmen, wenn wir hören, wie die Frauen unserer Altvordern mit in den Kampf zogen und während de� Schlacht in dem Lager oder der Wagenburg auf die Häute, ivelche wie Planen über die Wagen gespannt waren, schlugen und einen kriegerischen Lärm hervorbrachten, um die kämpfenden Männer anzufeuern. Von ihrem Todesmuth berichten römische Geschichtsschreiber, daß oft nach verlorenen Ichlachten Frauen sich selbst entleibte», zum Theil an den aufgerichteten Deichseln der Wagen sich erhängten. Ja, einmal, als die größte Verzweiflung nach verlorener Schlacht Gernianeuweiber ergriff, und sie sich und den Ihren Schande und Sklaverei ersparen wollten, ergriffen sie ihre Kinder bei den Füßen, stießen sie mit den Köpfen auf die Erde, brachen ihnen so das Genick, warfen die Leichen den Römern ins Angesicht und stürzten sich selbst mit nackten Brüsten in die Speere der Feinde! Wer denkt dabei nicht an die tapfere Brunhild der deutschen Sage, welche sich nur dem als Mann ergeben wollte, der sie in Waffenkampf und Kraftspiclen überwand, sowie an den häufig in der Sage wiederkehrenden Zug, daß viel umsreite edle Frauen nur dem sich als Gattin beugen wollen, der ihnen auch im harten Kampfspicl sich überlegen zeigte? Hinter diesen wie hinter der sagenberühmten Brunhild stecken aber die Walküren, jene gött- lichen Jungfrauen, die nach dem Glauben der Alten nach einer Schlacht über die Wahlstatt gingen und die Tapseren, deren Wunden auf der Brust waren, suchten und mit sich nahmen nach Walhalla, wo die Recken bei ewigwährender Jagd und Kampf- spielen, unterbrochen nur von Schmaus und Zechgclag in Odins Saal, ein herrliches Leben führten. Welch' wildes Naturleben blickt uns aus solchen Namen ent- gegen! sagt ein bedeutender Namenforscher, Otto Abel. Ja, ein wildes Naturleben, denn die innigste Vcrwoben- heit der Gemüther mit der umgebenden Natur, namentlich mit der Thicrwelt, muß vorausgesetzt werden, soll dem Kulturfvrscher anders eine Erscheinung wie die germanische Thicrsage klar werden. Und bei der Personenbezeichnung wurden denn auch Anleihen in der Thierwelt gemacht. Am häufigsten begegnen uns der götterbegleitende, siegverheißende Wolf, der in Mythologie und Leben eine große Rolle spielende Eber, der Rabe des Wotan, der Schwan, die Schlange(Lind) und viele andere. Auch hier war die Anwendung auf Frauen üblich, sodäß moderne Salon- dämchen wohl ihr Näschen rümpfen dürften, so etwa über Mädchen- namen>vic Wolfshild, oder Eberswind, oder Bertramna, welches letztere Glanzrabe bedeutete. Aber auch andere jagdbare Thiere, wie der Auerochse, der Elch und das verschollene Wisent begegnen uns in den ältesten Namen.(Schlug folgt.) Der GeheimmiUell'chwindel. Bon Emannet ZS. (Schluß.) Man wird es gerechtfertigt finden, wenn wir nach den angeführten Proben trügender Gewinnsucht das Urtheil fällen, daß alle Geheimmittel insgesammt nur Beutelschncidcrei sind und kein einziges den ausposaunten Erfolg besitzt. Wie sollten auch die nicht den Fachkreisen entstammenden„Erfinder" im stände sein, wirklich ein neues Heilmittel anzugeben! Ist doch die Wissenschaft selbst von der durch Jahrhunderte gepflegten Ansicht abgekonimen, daß durch Arzneien allein Krankheiten gehoben werden könnten. Die Wundersäfte der Pflanzenwelt, welchen das Mittelalter übergroße Wirksamkeit andichtete, die geheimen Arznei- kräfte gewisser Mineralien haben der lvissenschaftlichen Beobach- tung gegenüber sich nicht als stichhaltig erlviesen und werden von' einer neueren medizinischen Richtung eher vermieden, als angewendet. Es ist selbstverständlich, daß die Geheimmittel- fabrikantcn jene Umwälzung in den wissenschaftlichen Anschau- ungen nicht unbenutzt vorübergehen lassen und sofort in modernem Gcivande nach neuestem Zuschnitt auftreten. Dr. Airy's Naturheilmethode betitelt sich eine Schrift, welche bei F. A. Richter in Leipzig erscheint(laut Annonce in der 130. Auflage), und den Anschein erwecken will, als ob ihreni Heilve>ffahrcn jene neuen Methoden zugrunde lägen. Des Pudels Kern ist, daß vier untrügliche Mittel gegen allerlei Leiden empfohlen iverden, welche nur vom Verleger zu beziehen und natürlich sowohl unverschämt hoch im Preise, als werthlos, ja theilweise schädlich sind. Es werden versendet: Pain-Expeller, eine Tinktur von spanischem Pfeffer, für 1 M. 80 Pf., Material- Werth 30 Pf.; Sarsaparillian, ein etwas Jodkalium enthaltender Auszug aus Sarsaparilla und Chinawurzel, Preis 4 Mark 50 Pf., Materialiverth 60 Pf.; Pillen aus Eisenpulver, Palapensalz u.a., 60 Stück für 1 M., Materialwerth 25 Pf.; Calming-Pastilles. dicke, harte Täfelchen, aus Zucker»nd Anisöl bestehend, mit Lakritzensaft gefärbt; Preis pro Schachtel 1 M., Materialwerth 25 Pf. Auch ein E. Zerling in Braunschweig annoncirt eine Naturheilmethode, welche untrügliche Hülfe allen Leidenden gewähren fall. Die dazu dienen sollenden Mittel sind Pulver, Pillen und Thee, letzterer ist aus gegen 18 gewöhnlichen Heil theesorten, wie Stiefmütterchen, Senncsblättcrn u. s. w. zusammengesetzt; 9 Packete Thee und 10 Packete Pulver kosten 28 Mark, mären aber um 5 Mark herzustellen. Das Naturheilmittel von Siegm. Fränkel in Berlin, sicheres Mittel gegew Nieren- und Blasenleiden, besteht aus zerschnittenen Blättern der Bärentraube, Preis 9 Mark, Werth 50 Pf. Wir können den Leser nicht mit Aufzählung aller kursirenden Geheimmittel ermüden; Wittstein führt in seinem Buche über 800 an. Spekulanten sind eben auf jedem Gebiete zuhause; sie wissen alles besser und können alle Krankheiten heilen. Nur einige der größten Reklamehelden wollen wir herausgreifen. Da ist vor allem der Erfinder des Königs-(jetzt Kaiser-) tranks, der Hygienist, Gesundheitsrath, wie er sich selbst nennt, Jacobi in Berlin. Seine Universalmedizin heilt folgende schwere Krankheiten: Milzbrandvergiftung, Magenkrebs mit gänzlicher Magen- verschlicßung, tödtlichste Herzkrankheit niit täglich vielmaligen heftigen Herzkrämpfen, unheilbare Erblindung, wo auch Operation nicht möglich ist, mehr als zwanzig- und dreißigjährigen Rheuma- tismus mit theilweiser Lähmung(nach einer einzigen kleinen Flasche), heftigste Lungenentzündung, schwere Skrofeln und Drüsen- leiden, schwere Menstruationsleiden, eingewurzelte Gelbsucht, Gehirnentzündung(nach einigemal Trinken; einer der an Gehirn erweichung wochenlang auf den Tod gelegen, ist nach dem Ver- brauche einer kleinen Flasche am dritten Tage spazieren gegangen), hektische Schweiße, heißer Brand und heftigstes Wundfieber(nach einmaligem Trinken und Umschlägen selbst bei Milzbrandvergiftung), Wassersucht, Epilepsie, Blasen- und Nierenstein, Gicht, Kopfkolik, Kopfkrampf, Knochenftaß, Salzfluß, Krebs, Rückenmarksdarre im höchsten Stadium, alle Hautkrankheiten und Geschwüre, Hämor- rhoiden,„Mediziiivergiftung", Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit,— der kleinen Uebel garnicht zu gedenken.— Alle diese Wunder- knren werden durch hunderte von Attesten bescheinigt, die, um Aufsehen zu erregen, in einer ganz neuen, wahrscheinlich von Jacobi erfundenen Orthographie geschrieben sind. Die Medizin besteht aus sieben Nummern, von denen Hager und Jacobicn zwei untersuchten. Das Ergebniß ist, daß der Königstrank aus einer dünnen, mit Zucker versetzten Tamarindenabkochung besteht, welcher etwas Weinsäure, Spiritus und ein rother Farbstoff zu- gesetzt ist. Nr. 1 enthält eine Spur Faulbaumrindenaufguß und Pfefferminze; Nr. 7, gegen Epilepsie, Krämpfe und Veitstanz, enthält etwas weniger Zucker und Weinsäure, dafür aber einen sehr dünnen, wässerigen Auszug von Baldrian und Myrrhe. Der Preis einer Flasche ist l'/a M., Matcrialwerth 40 Pf. lieber den Malzextrakt von Joh. Hoff in Berlin äußert sich Wittstein folgendermaßen:„Derselbe ist ursprünglich ein ge- wöhnliches Braunbier, versetzt mit dem Auszuge eines bitteren Krautes(Bitterklee, Kardvbenedikt) und der Fanlbaumrinde, das aber im Laufe der Zeit und vorzugsweise wohl infolge der damit vorgenommenen und veröffentlichten chemischen Untersuchungen, manche Abänderungen erlitten hat und gegenwärtig als ein gutes, gehaltreiches Bier betrachtet werden kann. Was aber seine Heil- kräftigkcit betrifft, so kann es nichts mehr und nichts weniger wirken, als andere gute und cxtraktreichc Biere, und jede weitere Anpreisung in dieser Richtung ist eine Lüge. Der geforderte Preis beträgt wenigstens sechsmal mehr als sein Materialwerth." Daß die Schwindsucht für jene Herren heilbar ist, wird nie- manden wunder nehme». Als Kuriosum führen wir an, was ei» Dr.(?) Kriel in Berlin in einem Schriftchen gegen dieselbe empfiehlt: Ter Harn des Kranken soll mit einem noch warmen Hühnerei gekocht werden. Guten Appetit! Gegen Trunksucht offeriren H. Günther in Altona, P. H. Rungel in Wandsbcck, F- Bollwann in Guben und auch ein Fräulein Kretzschmer in Berlin werthlose Nichts- nutzigkeiten. Dringend zu warnen ist vor allen Augenmitteln, welche durchweg schädlich sind. Der Augenbalsam von C. Müller in Berlin, von M. Reichel in Würzburg und von W. Jen- sen Vandiest in Mccheln enthalten Quecksilbcroxyd, das Angenwasser von I. P. H. Hette in Regeusbnrg enthält Opium; von B. Kraft in Kalbe a.Z., Dr. Gräfe, Stroinski in Breslau enthalten Zinkvitriol. Bei der großen Empffnd- lichkeit des Auges kann ein jedes falsch angewendete Mittel die schlimmsten Folgen nach sich ziehen. Ebenso verhält es sich mit den Gehörölcn. Auch die Epilepsie ist durch Geheimmittel heilbar: nicht weniger als 18 solcher Mcnschheitsbeglückungen führt Wittstein an; die von Killisch in Berlin und von E. Karig in Berlin enthalten schädliche Bestandtheile. Zum Schlüsse wollen wir noch die Schönheitsmittel einer spezielleren Betrachtung unterwerfen, da gerade sie sich eines ungemeinen Absatzes erfreuen. Sie sind wie alle übrigen Ge- heiinmittel theils iverthlos und theuer, theils schädlich. Letztere wollen wir besonders hervorheben, zuvor aber unfern Leserinnen als Ersatz für die zerstörten Verheißungen jener Essenzen einige Rathschlä'ge geben. Die Schönheit des Körpers steht in engstem Zusammenhange mit seinem physischen Wohlbefinden, es wird daher die Kos- metik, welche jene zu erhalten lehrt, von der gesammten Lebensweise und dem Gesundheitszustand des Individuum bedingt. Alle kosmetischen Mittel können nur gegen äußere Einstüsse die Haut schützen, meistens ist jedoch eine ungesunde Hautfarbe das begleitende Merkmal innerer Krankheiten, besonders der Vcr- dauungsstörungen, und sind daher die Kosmetika, solange jene Ursachen nicht beseitigt werden, selbstredend erfolglos. Einem häßlichen Teint durch Schminken aufzuhelfen, ist nicht nur vom Standpunkte des wahrhast Schönen, sondern auch vom medizini- schen aus zu verwerfen. Die aufgetragenen Pulver verstopfen die Poren und verhindern die Athmung der Haut; sie bewirken, byß die natürliche Farbe immer mehr grangelb wird, wie man dies bei Schauspielern beobachten kann. Biel gesündigt wird auch dadurch, daß aus Metallpulvern(Blciweiß, Zinkweiß, Wismuthweiß) bereitete Schminken zur Anwendung kommen, Welche Anlaß zu Hautkrankheiten geben. Um sich eine schöne, d- 1. gesunde Teinffarbe zu erhalten ist vor allem größte Sauber- ke>t des gesammten Körpers, häufiges Baden und Waschen mit «eise, die unerläßliche Bedingung. Die Gesichtshant vertragt oft die Anwendung von Seife nicht, da besonders die jetzt im Handel existirenden Füllseifen zu viel freies Alkali enthalten, welche die Haut spröde und rissig macht. Gute Kernseifen sind schwierig zu erlangen, auch die Oelseifen, wie die sog. Marseiller, sind meist nicht milde genug und Glycerinscifen sind nur vor- theilhaft für den Fabrikanten. Für die zarte Haut ist das beste Waschmittel die in jeder Apotheke käufliche Mandelkleie; gegen Pustelbildung und entzündliche Röthung empfiehlt sich, jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen das Gesicht mit einer Lösung von 50 gr. Borax in 1 Liter Wasser zu befeuchten und bei Ver- meidung von Zug dieselben eintrocknen zu lassen; bei dem darauf vorzunehmenden Waschen ist Seife nicht anzuwenden. Auch gegen Röthung der Nase, sofern dieselbe nicht etwa durch übermäßigen Genuß spirituöser Getränke hervorgebracht wird, ist obige Lösung mit Erfolg benutzt worden. Das in neuester Zeit vielfach annoncirte Menyl des Che- miker Nieskc in Dresden ist nach der„Jllustrirten Zeitung" vom üK. April 1879, Nummer 1869, eine spirituösc Lösung von Benzoesäure, Salicylsäurc und Thymol, welche mit ätherischen Oelen parfümirt ist. Sein Menyl Pulver besteht aus Zinkweiß, Talkstein und einer Spur Phenol. Der Nutzen des ersteren Mittels ist zweifelhaft, letzteres kann nur schädlich wirken. Soll die Haut mit Glycerin geschmeidig gemacht �crden, so ist darauf zu sehen, daß dasselbe in bester Qualität als destil- lirtes zur Anwendung kommt und bis zu einem Viertel seines Ge- Wichtes mit Wasser verdünnt wird, da es sonst eher reizend als lindernd wirkt. Von den Damen nicht gern gesehene Hautunzicrden sind die Sommersprossen und Leberflecke. Beides sind Farbstoff- ablagerungcn in der Oberhaut, über deren Entstehung man mehr vcrinuthet als man weiß. Die gebräuchlichsten Heilmittel gegen dieselben beruhen darauf, die gefärbte Oberhaut durch beizende Stoffe zu entfernen. Der ärztliche Briefkasten der „Neuen Welt" von Nr. 29. Jahrg. III. 1877/78 bespricht beide Erscheinungen. Für diejenigen unserer Leser, welche nicht im Besitz dieser Nummer sind, bringen wir das an dieser Stelle von Dr. Resau gesagte zum Abdruck. Er empfiehlt gegen Sommersprossen Schutz des Gesichtes wider die direkte Einwirkung der Sonnenstrahlen, „Man wasche dasselbe im Frühjahr abends mit kaltem Wasser, welchem man auf ein Liter zwei Theelöffel voll konzentrirtcr Glaubersalzlösung zusetzt." Andrerseits wird oft das schärfer wirkende Quecksilbersublimat empfohlen, seiner Giftigkeit wegen darf es jedoch nur unter ärztlicher Kontrole angewendet werden. Auch die Entfernung der Leberflecke stößt auf große Schwierig keilen; das von Dr. Resau angegebene Mittel ist rationell.„Die Flecke sollen mit schwarzer Schmierseife bestrichen werden; nach 10 Minuten wäscht man die Seife ab und betupft die Flecke mit einer zweiprozentigen, spiritnösen Karbolsäurclösung. Nach zehn maliger Anwendung dieses Verfahrens in einem Zeitraum von 4—6 Wochen werden die Flecke beseitigt sein, wenn sie, wie dies sehr häufig der Fall ist, einem mikroskopischen Pilze(MKrospo- ron turkur) ihre Entstehung verdanken. Sind diese Flecken da- gegen durch Farbstoffablagerungen in der Oberhaut entstanden, wobei sie als flache Warzen erscheinen, so betupft man die Flecke vorsichtig mit einer schwachen Aetzkalilösung(1: 500), welche man sich in einer Apotheke anfertigen läßt." Von den käuflichen Schönheitsmitteln sind manche nicht un- brauchbar, obgleich sie nicht entfernt die in den Reklamen aus- posaunte allseitige Wirkung haben. Eines guten Rufes erfreut sich zur Erhaltung eines frischen Teints und als(wenn auch sehr schwach wirkendes) Mittel gegen Sommersprossen die Lilionese. Durch seinen hohen Verkaufspreis, 2'/z Mark, für ein nicht zu großes Fläschchen, dessen Realwerth 20 Pf. beträgt, wie auch durch seine übertriebenen Anpreisungen ist es unter die spekulativen Geheimmittel zu rechnen. Man kann sich dasselbe am einfachsten selbst bereiten, indem man 1 Theil kohlensaures Kali, 2 Theile Borax, 2 Theile Eau de Cologne, mit 30 Theilen Wasser vermischt. Der Birkenbalsam von Dr. Fr. Lengiel besteht aus Potasche, Wasserglas, Seife, Gummi arabicum, Glycerin und ätherischen Oelen, kostet 4 Mk., und hat 40 Pf. Materialwerth; bei seinem großen Gehalt an freiem Kali kann dasselbe nur schädlich wirken. Kosmctiknm von Simerling gegen Hautübel, Sommersprossen u. s. w. ist eine Mandelmilch mit Benzoötinktur und Citronensaft. Kosmos Pomade aus indischem Pflanzenfett von I. Pohlmann in Wien ist gewöhnliche Pomade mit Ricinnsöl und Resedaextrakt. Lau = r 248 d'Atiroma, feinste flassige Schönheitsseife, durch deren Gebrauch jegliche Hautfehler leicht und„schmerzlos" beseitigt werden sollen, ist ordinäre Natronseife, die mit Nelken, Zimmt und Pfeffer- minzöl versetzt ist; Preis 57 Pf., Materialmerth 14 Pf. lLnu de Höbe gegen Sommersprossen wird aus Citronen, Essigsäure und Lavendelspiritus bereitet. Hau de von Lohse.-das viel Reklame macht, besteht ans Zinkoxyd, Talksteinpulvcr, Glycerin und Rosenwasser, kostet 3 Mk., Materialwerth 75 Ps., Wirkungswerth gleich 0. Epidermaton von Lohr gegen Flechten, Sommersprossen, Schinnen ist Brunnenwasser mit etwas Bcnzoesinktnr versetzt, Preis 1 Mk., Materialwerth 40 Ps. Flechtensalbe von F. Schwarzlose in Berlin und I. G. Schwartz in Breslau eine gewöhnliche Salbe mit Perubalsam und Karbolsäure, ist vier- mal so theuer als sie Werth ist. Easta di Roma von Gruber in Wien soll, abends eingerieben, dem Teint ein frisches, blühen- des Aussehen verschaffen, ist gewöhnliche Salbe mit Bolus (weißem Thon), Glycerin, Seife und Benzoe; sie kostet 2 Mk. 40 Pf., ist fünfmal zu theuer. Minder unschädlich sind folgende Geheimmittel, vor deren Gebrauch wir dringend warnen müssen, da sie giftige Substanzen enthalten, deren Anwendung der Arzt mir in speziellen Fällen unW seiner Ueberwachung gestattet. Aus Quecksilbersalzen be- reitet sind: Albion aus Paris(auch noch bleihaltig), Cos- metik Wash von Goulland und Kalgdon in Nordame- rika, Esprit d'Amaranth von Apotheker Kleinitzki, Flech- tenwasser von vr. A. v. S., Salbe gegen Hautkrankheiten von Fontaine in Paris, Romade contre Pityriasis du cuir chevelu von Dr. Alain in Paris, welche Kopsgrind und Schuppen beseitigen soll. Mittel gegen Sommersprossen von Hoefeld, sowie das aus der Kronenapotheke in Mäh- risch-Ostrau. Salbe gegen Sommersprossen aus Wien, das Kalosin von Treu, Nuglisch& Co. in Wien, nach der Reklame„vegetabilische, vollkommen unschädliche Essenz, um die Haut von Sommersprossen zu befreien"; es enthält keine Spur Vegetabilien, dagegen Quecksilber und Zinksalze. Eait antöphe- lique von Eandes& Co. in Paris besteht aus Quecksilber- und Bleisalzen. Das Damenpnlver von I. Pohlmann in Wien, eine rothe Schminke, ist bleihaltig, ebenso ünov-vitbe Euarnel for whitening of the Complexion und Snow- white Orientale Cream von Phalon und Sohn, ferner auch das russische Schönheitswasser von Frau Ichmarl in München. Die Lehre, welche aus den hier angeführten Thatsachen spricht, wird sich der Leser selbst ziehen. Man lasse sich unter keinen Umständen verleiten, von Geheimmitteln Gebrauch zu machen, mögen sie auch unter den bestechendsten Namen und mit den vor- züglichsten Attesten versehen auftreten. Sie sind nichts als Schwindel, der auf den Aberglauben spekulirt, gegen jede Krank- heit müsse es doch eine wirksame Arznei geben. Noch eine an- dere Art Geheimmittel treibt ihr Unwesen, welche in weniger prächtigem Gewände anstritt, an Verbreitung und Nichtsnutzig- keit ihnen aber nicht nachsteht: es sind dies die sogenannten sym- pathetischen Kuren. Dergleichen Unsinn auszurotten ist nur die Aufklärung im Stande. Ueber die Vorgänge in unserem Körper machen sich die meisten Menschen gar keine oder, was noch schlimmer ist, falsche Vorstellungen. Möchte doch ein jeder be- denken, daß es weit schwerer ist, gesund zu werden, als sich gesund zu erhalten. Dieses aber muß gelernt werden; das nöthige Lehrmaterial ist in der populären medizinischen Literatur genügend vorhanden. Einen ehrenvollen Platz in derselben nimmt der Begründer dieses Strebens, der verstorbene Prof. Bock aus Leipzig, ein; sein„Buch vom gesunden und kranken Menschen" und noch mehr das kleinere und billigere Werk:„Volks-Gesund- heitslehre" verdienten in aller Hände zu sein. Auch für die Schule wäre Unterricht über die Vorgänge im Organismus wich- ttger, als mancher andere jetzt stark betriebene Gegenstand. Irrfahrten. Von Ludwig Mosenberg. (Fortsetzung.) Weinberg muß sehr böse sein. Er that heute, als ob er mich nicht sähe. Wenn das Strafe für meinen Freimuth sein soll, so muß ich lachen!— Ich verachte diese Kreatur, die mir als das Prototyp der ganzen menschlichen Schlechttgkeit erscheint; und jedesmal, wenn sie in meinen Gesichtskreis geräth, überfällt mich eine Art von Schander.— Eben im Begriffe das Haus zu verlassen, betrat Louise Bürger die Hansschwelle. Sie sprach nichts, war noch bleicher und trauriger als sonst und ging langsam, leicht grüßend hin- auf. Ihr Aussehen hatte mir nicht den Much gegeben, sie anzureden und dann war auch dieser Weinberg dort, der jedes Wort gehört hätte.— Mit liebevoller Theilnahme folgten ihr meine Augen und als sie sich abwandten, bemerkten sie den Bäcker, wie er höhnisch lächelte und eine für mich unverständ- liche Bemerkung zu einer Person hinter ihm machte. Willenlos sprang ich einige Schritte vor, sah aber das Thörichte meines Beginnens ein und ging fort, um meine Geschäfte zu erledigen. — Mein Haß gegen alle selbstsüchtigen Menschen war bei dieser Gelegenheit einmal wieder durchgebrochen.— Ich fluchte laut, wie ein gebildeter Fuhrmann! Und ich hatte Grund, ich hatte einen Grund!— Ich war bis zum Opernplatz gekommen, die Straße„Unter den Linden" heraufgegangen. Uelierall glänzen- des Leben und Treiben; Karossen jagten einher, hohe Offiziere machten auf stolzen Rossen Parade, die Posten am Thore p�sicht'rten, rings Sorglosigkeit, Lust und Freude, als wenn alle Welt glucklich zu sein die— triftigste Ursache hätte— als wenn-- Als ich heute mein Zimmer betrat, lag ein Brief für mich bereit, dessen Aufschrift mich den Absender nicht gleich erkennen ließ. Mit gewisser Neugierde öffnete ich ihn. Man bat mich. zu einer wichtigen Mittheilung an einen bezeichneten Ort zu kommen. Darunter stand Paul Gerstmann.— Ich ging hin. Ein junger Mann, nahe den dreißiger Jahren stellte sich mir vor. Nach einer langen Anrede kam er zu seinem Zweck.„Kennen Sie Fräulein Bürger?"„Gewiß," antwortete ich,„ich kenne das Fräulein!"—„In welcher Beziehung stehen Sie zu der Dame?"—„In welcher Beziehung?"— frug ich.„In gar keiner, d. h. in keiner näheren," ergänzte ich mich.—„Wir kennen uns. Ich schätze die junge Dame, ich achte sie. Warum diese Frage?"--„Ist das die Wahrheit?"— frug er son- dcrbar erregt.—„Ja," gab ich fest zurück,„ich lüge nie!" „Dann danke ich Ihnen, und als Zeichen meiner Anerkennung nehmen Sie die Mittheilung entgegen, daß die junge Dame eine Dirne ist.— Ich weiß genug.— Leben Sie wohl!"— Mit diesen Worten verschwand der Antwortende.— Der Mensch muß verrückt sein.— Morgen werde ich Fräulein Bürger um Aus- kunft bitten.-- Ich stand nach einer fast schlaflosen Nacht müde und mür- risch auf.— Nach dem Mittagessen werde ich Bürgers aussuchen. Aber am Mittag mar niemand zuhause. Ich klopfte ein dutzend- mal vergebens. Räthselhaft, dachte ich und suchte mein Bureau auf. Kaum war ich am Abend ins Haus getreten, so begegnete ich aufgeregten Gesichtern. Fräulein Bürger liegt im Sterben, hörte ich.— Ich eilte, nein, ich flog die Treppen hinauf. Die Nachricht hatte mich tief erschüttert. Ich drängte mich zu Bür- gers Zimmer. Auf ihrem Bette lag Louise; dann und wann schrie sie auf. Als sie mich erblickte, richtete sie sich etwas em- por. Sie fiel aber ohnmächtig wieder zurück. Man ivußte nicht, was mit ihr vorgegangen.— Ich lies zum Arzt. Nach einer stunde hatte ich einen gesunden. Wir liefen mehr als wir gingen.—„Vergiftet," sagte er, als er seine Untersuchung vor genommen.„Milch, schnell Milch!"— Die Kranke war indeß nicht zum Trinken zu vermögen. Man zwang sie.— Sie bracb pe wieder heraus.—„Es ist zu spät," sagte der Doktor;„ � muß dein Gericht meinen Platz räumen. In zwei Stunden spätestens ist die Kranke eine Leiche!"—— Auf einem Stuhl saß die Mutter; ohne Laut, farblos, vor sich hinstarrend. Ich trat an sie heran, um sie zu trösten. Alles umionst. Sie gab keine Antwort. Louise wälzte sich auf dein Lager, sie suchte zu sprechen. Sie gab mir einen Wink. � »Gift," sagte sie leise;„ich selbst."— Dann streckte sie sich und als ich mich über sie beugte, vernahm ich noch den Namen„Paul". -- Ich barg mein Haupt in den Händen. Thränen rollten über meine Wangen; ich schluchzte wie ein Kind. Ter Jammer, den ich seit den letzten Wochen gesehen, das Unglück, das sich in diesen letzten Tagen vor mir aufgethürmt, es war zuviel für meinen kranken Körper. Ich weiß nicht, wie ich in mein Zimmer gekommen; ob man mich hinaufgeführt, ob ich selbst hinauf- gegangen. Ich vermuthe das Letztere.— Meine Wirthin kam ! � heute früh besorgt ins Zimmer; als sie mich schreiben sah, lächelte sie und meinte:„Machen Sie nur nicht auch Geschichten!" — Ich werde Paul Gerstmann aufsuchen. Man sagte mir, es sei ihr Bräutigam gewesen.— Morgen verlasse ich Berlin!— O, Menschheit verhülle dein Antlitz und weine!— Nie hat das Licht auf traurigere Thaten geblickt! Die Unschuld wird von dem Unglück zermalmt, und kalt blickt die Selbstsucht auf ihre Beute!-- Nur Heldenmuth kann widerstehen; die Sanftmuth ist machtlos! O armes, liebes, sanstmüthiges Kind, arme Louise!— Ihre Mutter war zu mir gekommen.„Sie sind meinem Kinde immer ein guter Freund gewesen," sagte sie, «lesen Sie diesen Brief." Ich nahm das Blatt, Frau Bürger weinte; mir tanzten die Buchstaben vor den Augen. Ich dachte an Louisens Worte auf dem Heimgange von Bertha Trostens Bcgräbniß:„Ich bin die Erste, die ihr folgt."— Endlich kam mir die klare Vernunft, ich begriff, was ich las. Es waren zwei Briefe; der eine von Gerstmann an Louise, der andere von ■ oer Tobten an die Mutter. Der erstere lautete: „Mein Fräulein! M Bisher sah ich in Ihnen ein Mädchen; daß alle Eigenschaften besaß, die man von einem guten Weibe verlangen darf.— Ich war kindisch genug, dem Schein zu folgen und mich durch ein betrügerisches Benehmen bestechen zu lassen. Zufällig war ich w Weinbergs Laden, als einige Herren mit galanten Manieren das Haus betraten. Ich frng, sowie man eben leichthin fragt, wen diese Herren wohl besuchen könnten, worauf mir die Ant- wort� wurde: Jedenfalls das schöne Stickmädcheu oben, wen sonst?—— O, ich hätte eher geglaubt, daß die Sterne vom Himmel fallen würden, als daß Louise eine Dirne sein könnte, ste, mit den treuen Augen, deren süß angenehme Stimme mir stets so wohlthuend und beruhigend in die Seele drang.-- Träumend verließ ich den Laden, eine kräftige Hand riß mich vor den Pferden eines Wagens fort, die eben im Begriffe waren, über mich wegzusetzen.— Wäre ich zermalmt!— Ich bin um den letzten Rest meines Glaubens au die Menschheit betrogen. Und Sie, die ich gerettet und geborgen glaubte vor der allge- meinen Seuche, sind nun auch so schlecht und so tief gesunken. >>ch habe Sie zu sehr geliebt, um Sie sofort vergessen zu können. ?>e waren mein erster Gedanke, Sie waren mein letzter. Nun stnd auch sie angesteckt von dem Gifte! Tief erschüttert stehe ich hwr, einsam, nicht fluchend, nein! mit grenzenlosem Mitleid in meinem zcrriffcnen Herzen, denn Sic können nur ein bedauerus- Forschungsfahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Lraulit. (ForlleKung.) ..Tos Jahr 1513 eröffnet ein neues Kapitel im Buche der Erd- undc. In diesem Jahre gelangte Balboa in die Südsce. Kaum ver- jstftMe s,ch pjj Mnnde von BalboaS Entdeckung der Südsce, welche den 'Sher für Thcile Asiens gehaltenen Festlandsmasscn Amerikas die Be- 'utung eines neuen Kontinentes gab, so entsprang im Kopf Sebastian Jabots der Plan, den kürzesten Weg nach Asien im Norden des neuen JJrdlheils zu suchen. Er erhielt vier Schiffe unter dem Befehl von Thomas Pert und segelte 1517 von England ab. Es gelang ihm wcht, eine nordwestliche Durchfahrt zu finden. Uebrigens theilt er sein •dgefchick mit all seine» Nachfolgern. Auch Frankreich sandte 1524 umer Giovanni Berazzano vier Schiffe vergeblich zu diesem Zweck ?us. Mit nicht besserem Erfolg versuchten es die Spanier unter Este- da» Gomez Die Erfolglosigkeit aller bisherigen Versuche, eine nordwestliche durchfahrt»ach Indien zu finden, lenkte die Aufmerksamkeit des uner- Üblichen Cabot nach der entgegengesetzten Richtung. Er entwarf einen x'un für«ussuchung der nordöstlichen Durchfahrt. W.e dieser Plan Züsch Unterstützung reicher Kausleute im Jahre 1553 von Sir H.igh �Uloughby und Richard Chancelor ausgeführt wurde, haben wir uu ersten Artikel erzählt. werthes Opfer, eine Verführte sein. Nicht mit Ihnen habe ich zu rechten, mit dem schweren Geschick, aus dessen Giftschooß die gefährlichen Keime herausschießen!-- Wie es mich nun um mein einziges Gut, um meine Hoffnungen, um meine Pläne und um mein Lebensglück gebracht hat, so suche ich von jetzt ab mit ihm den Krieg. Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen. Leben Sie wohl!"-- Ich legte den Brief zitternd aus den Händen!— Der Brief- schreiber war ein guter Mensch, aber ein Thor— ein bis zum Verbrechen leichtgläubiger Thor.— Dieser Weinberg hatte sein Werk vollbracht! Ich entfaltete Louisens Brief. Er lautete: „Liebe Mutter! Ich kann nicht länger leben. Paul hält mich für ein schlechtes Frauenzimmer. Ich schwöre es Dir im Tode zu, daß ich es nicht gewesen.— Um seine Frau nicht zu verdächtigen, hat Weinberg mich geopfert. Mit einem armen, unbedeutenden Mädchen kann man ja sein Spiel treiben. Es ist niemand da, der sich als Beschützer austvirft.-- Ich suchte Paul in seiner Wohnung. Er war abgereist.— Theure Mutter! Seitdem der nicht inehr an meine Ehre glaubt, dein ich ganz vertraute, bin ich jetzt unnütz in der Welt, ich habe nichts mehr auf ihr zu hoffen. Zürne mir nicht, wenn ich mich selbst von der Last meines Lebens befteie. Ich liebe Dich unendlich und über den Tod hinaus währt meine Liebe. Ich verzeihe meinen Feinden. Mein Tod wird meine Sünden tilgen.— Wie Goethe's Klärchen greife ich zu Gift. Mein Egmont ist mir verloren— und ich bin nichts, gleich Klärchen, ohne ihn.—— Legt niich neben die kleine Bertha! Ich ahnte es, daß ich ihr zuerst folgen werde. Ich muß sterben! Ich muß!"—— Louisens Leichnam stand blumengeschmückt im Hausaange. Theilnahmsvolle Seelen drängten sich herbei, des lieben Kindes leblosen Körper noch einmal zu sehen. Sie lag friedlich lächelnd da, ihre weißen starren Finger hielten ein paar weiße Rosen. Es war mein letzter Gruß.-- Die schwarzen Männer mit den Armensündermicnen kamen, den Sarg zu schließen. Mit ihnen kamen noch mehrere Menschen hinzu. Ich sah Weinberg ,und seine Frau. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich wollte sprechen, das Wort erstarb aus den Lippen.„Schließt den Sarg!" sagte jemand hinter mir.—„Nein, schließt ihn noch nicht!" rief ich heiser,„schließt ihn noch nicht!" Und indem ich die Hände nach Weinberg streckte, sagte ich:„Da steht, der dich in den Tod getrieben!"— Man riß mich fort; ich hörte schnell den Deckel des Sarges fallen, die Menge sich entfernen— dann war es still um mich, ganz still!--- Ich tappte mit den Händen(denn meine Augen sahen fast nichts mehr) nach meinem Zimmer, packte in Fieberhast meine Sachen, schrieb meiner Wirthin einen Abschiedsgruß und verließ eilends das Haus. -- Eben ertönt das Zeichen der Abfahrt. Ich habe Berlin hinter mir. In diesem Augenblick wird wohl schon Louise in der Erde liegen!--(Fortsetzung folgt.) Dreiundzwanzig Jahre später segelte Forbisher von England mit drei Schiffen nach Nordwesten, fand aber nur die nach'h'" de- nannte Bai und neue Landstrecken im Norden der Hudsonstraße(Meta incognita). Gleich Cortoreale entführte auch Forbisher einen ESkimo sammt Kajak(Boot) nach England, brachte ihn aber ein Jahr spater in sein Baterland zurück. Auch seine dritte Expedition(157S) war 1583 segelten Davis und Brilon von England ab, sichteten Grönland, das sie Desolationland nannten, und ankerten an der West- küstc im Gilberlsund, dem heutigen Godthaab. Die Davisstraße kreu- zend, erreichten sie neues Land unter KK°40' nördlicher Breite, verfolg- ten eS südwärts, befuhren den Cumb'-rlandsund, mußten aber wegen Nebel und Sturm nach England zurückkehren. Während seiner zweiten und dritte» Expedition erreichte Davis 72« IL' nördlicher Breite. Auch die Dänen sandten(1605—1607) drei Expeditionen zur Aus- suchung der verschollenen Kolonien in Westgrönland aus, die zwar nicht sonderlich die räunilicheKenntniß von diesem Land zu erweitern vermochten, dafür aber zur Kenntniß der eingeborenen Küstenbewohner wesentlich bei- trugen. Es war das erstemal, daß die geographische und ethnogra- phische Wissenschaft an der Erforschung des nördlichen Polarkreises theilnahm. Von den Fabeln, wie sie der damalige Zeitgeschmack liebte, wollen wir absehen und nur das Natürliche, was später die Forscher Mackenzie, Scoresby, Roß und Parry bestätigten, schildern. Dänische Polarfahrer erzählen in ergötzlicherweise von dem großen Nationalfest der Grönländer, welches sie bei Wiederkehr der Sonne nach der langen Winternacht mit Tänzen und Freudenliedern feiern, nicht minder von der wunderlichen Sitte der öffentlichen Gesangduelle, die bestimmt sind. bei großen Beleidigungen dem Gekränkten womöglich die Gelegenheit zu glänzender Revanche zu verschaffen, sofern er es versteht, die Schwächen und Fehler des brüsken Beleidigers scharf zu beleuchten und lächerlich zu mache». Der Herausforderer beginnt vor einer eigens dazu eingeladenen Versammlung ein Spottlied auf den Gegner; ihm sekundiren seine Freunde, die, was er etwa noch vergessen, gewandt vorbringen und ausbeuten. Dem Herausgesordertcn ist Geistesgegen- wart und Kaltblütigkeit unentbehrlich, will er die lange vorbereiteten Angriffe seiner Feinde geschickt abwehren. Gelingt ihm dies nach dem llrthcil des Auditoriums nicht, so wird der Sieg dem Herausforderer zugesprochen und mit ihm das Recht, sich das Beste vom Eigenthum der Besiegten anzueignen. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an Fällen, in denen der Angriff matt und ohne Witz— dann müssen sowohl der Kläger als auch seine Genossen mit Schimpf und Schande abziehen. Wir haben diese nachahmungswürdige Sitte des Zungenturniers ange- führt, um die Friedfertigkeit der Eskimos darzuthun, die nur dann in das Gegentheil umschlägt, wenn sie von den rohen Matrosen gereizt werden. Eine ausgesprochen feindselige Haltung bewahren die Eskimos nur den Indianern gegenüber. Die Fehde zwischen den Rothhäuten und den gelben Eskimos ist uralt und hat zur Vertreibung der letz- teren aus der gemäßigten Zone Amerikas wesentlich beigetragen. Zugleich mit den Dänen(1607) versuchte im Auftrag der eng- tischen„Muskovy Kompany" Henry Hudson die nördliche Durchfahrt. Zwischen Grönland und Spitzbergen vordringend, wurde er vom Eis aufgehalten und sichtete in 80» nördlicher Breite fernes Land. Bon der holländisch-ostindischen Gesellschaft für die Nordostpaffage ausge- rüstet, segelte Hudson im Jahre 1609 gegen den Willen seiner Aus- traggeber nach Westen, lief in den nach ihm benannten Fluß ein und verkehrte mit den Indianern auf der Insel, welche das heutige New-?>ork trägt. Zum drittenmale fuhr er im Fahre 1610 im Dienst englischer Kanfleute, abermals im Widerspruch mit seiner Instruktion,»ach Westen, entdeckte die Hudsonsstraße und Hudsonsbay und überwinterte im süd- östlichen Theil derselben, in der Jamesbay. Von seiner Mannschaft mit acht andern in einem offenen Boote ausgesetzt, blieb er verschollen. Sein Schicksal aufzuklären, wurden 1612 von England Button und Ingram mit zwei Schiffen ausgesandt; dieselben umfuhren fast die ganze Hudsonsbay. 1615 rüsteten die Engländer Bylot aus, mit dem Bassin als Steuermann fuhr. Diese segelten in der Hudsonsstraße nach Nordwest, entdeckten die vielen dort befindlichen Inseln, folgten der Küste der Insel Southampton im Süden des Foxkanals bis zur Frozenstraße, wurden aber hier vom Eise zur Umkehr genöthigt. An der Westküste Grönlands in der Basfinsbay vordringend, erreichten Bylot und Basfin 1616 Cap Digges(76° 35' nördlicher Breite), den Wolstenholmsund und den Walsund(77» 30' nördlicher Breite), ent- deckten die Hackluytinsel und den durch Eis verstopften Smithsund. Diese höchste von ihnen erreichte Breite ist seit jener Zeil an dieser Stelle nur sechsmal von den bestausgerüsteten, theilweije mit Dampf- krast versehenen Expeditionen überschritten worden. Sich westlich hal- tend, entdeckten Bylot und Basfin die Careyinseln(76» 40' nördlicher Breite) und den Jones- und Lancastersund, konnten aber hier nicht ein- dringen. Die weiteren Unternehmungen zur See bis zu Ende des 18. Jahrhunderts haben in dieser Richtung nur geringe Erfolge aus- zuweisen. Die Hudsonsbay wurde genauer untersucht, aber fast alle dorthin gesandten Expeditionen fanden ein trauriges Ende. Der Wal- fischsang nahm in den ncuerschlossenen Gewässern einen großartigen Ausschwung und die vielen dabei beschäftigten Seeleute verbreiteten eine allgemeinere Kenntniß des Strandgebietes der Polarregion. Aber auch das Binnenland wurde durch ein neues Institut allmälich bekannt. In 1 den nördlich und westlich von Canada liegenden, an die Hudsonsbay gränzenden Ländern mit einem Umfange von 143 000 Quadratmeilen besteht seit dem Jahre 1670 eine durch den pfälzischen Prinzen Rupert „ins Leben gerufene" Hudsonsbaykompagnie, welche wie die weiland ostindische Kompagnie dort nicht nur ausschließliche Handelsprivilegien besitzt, sondern auch bis heute das Recht der politischen Oberherrschast daselbst ausübt. Im größten Theile dieser ungeheuren Länderstrecken ist jedoch das echte polare Klima, so daß den größten Theil des Jahres Schnee und Eis den Boden bedeckt und diesen zur unwirthlichen Oede macht. Selbst in dem tiesergelegenen, in Westkaledonien und dem eigentlichen Hudsonsbayterritorium oder Rupertsland, ist die aus eini- gen �ndianerstäinmen(den Irokesen und Tschippeways) bestehende Be- volkerung so schwach, daß man tagelang reisen muß, um ein Dorf anzutreffen. Acht Monate des Jahres herrscht ein strenger Winter, der Frühling ist kühl und der Sommer so kurz und heiß, daß an Bodenkultur nicht gedacht werden kann. Außer dem wilden Mais hat : die lndianlsche Bevölkerung nichts zur Nahrung, als das erlegte Wild, I"l™ die Jagd ist daher ihre ausschließliche Beschäftigung. Diese nor- 1 bischen Regionen strotzen von Bibern, Bären. Mardern, Füchsen und Dachien, Wölsen, Elenthieren, Ottern und Eichhörnchen, deren Felle i die Indianer an die Hudsonsbaykompagnie, in neuerer Zeit auch an die amerikanische Nordwestkompagnie und die dänische GrönlandSkom i pagme verkaufen. Wie belangreich dieser Handel ist, geht daraus her- vor, daß die erstgenannte Kompagnie in einem Jahre durchschnittlich die Felle von 98—100 000 Bibeni, 690 000 Bisamratten, 7000 Bären, 1000—1200 Dachsen, 500 Hermelinthieren, 10 000 Füchsen, 15 000 Luchsen, 64—66 000 Mardern, 50 000 Ottern(Outru phocula und Lutra canadensis), 9000 Wölfen kaust, und einzelne Pelzjäger in dem- selben Zeiträume circa 20 000 Biber erlegen. Die letzterwähnten Thiere sind wegen ihrer kostbaren Pelze ganz besonders den Nachstellungen der Jäger ausgesetzt. Während der Polarhase, welcher wie der Wolf bis in die unwirthbarsten Oeden der Eskimo vordringt, und wie im Fluge über Felskämme und Klippen des Urgebirges streifend, sich dem Schusse entzieht, zwingt die hochgradige Kälte den amerikanischen Hirsch (Cervus canadensis), das flüchtige aschgraue und gestreifte Eich- Hörnchen, den blutgierigen Cuguar(kelis concolor) und selbst den Waschbär das Ruperrsland zu verlassen, um in Kanada, Pennsylvanien und Kalifornien Obdach und Nahrung zu suchen. Nur der Biber ver- mag der Kälte und dem Hunger zu widerstehen und läuft dem Trapper in die Schlinge, der ihn bald auf den Aussterbeetat setzen wird. Die menschlichen Bewohner dieser Eis- und Schneegefilde, die schon oben erwähnten Indianer, vergraben sich in Erdhöhlen mit dicker Mauer- einfassung und unaufhörlich brennendem Feuer, dessen Rauchfang das einzige Fenster bildet. Bevor sie ihre Höhlen verlassen, untersuchne sie vorsichtig die Luft und beim leisesten Winde wagen sie keinen Schritt vor die Thüre. Nur wenn es windstille ist, gehen sie, in Pelze ge hüllt, auf die Jagd nach Schneehühnern, Bibern und Bären, oder kratze» das Moos von Steinen und Baumstämmen, um es als Gallerte gekocht zu verzehren. Fisch und Seehundsfleisch wird für sie erst dann zur rechten Delikatesse, wenn es monatelang durchfault ist. Ten aus wärmeren Zonen gekommenen Fremden kann weder das Bett noch das Feuer schütze». Und doch vermag der furchtbare Frost den Pulsschlag der Schöpfung nicht zu lähmen. In der kurzen Jahreszeit, welche hier nur uneigentlich Sommer genannt werden kann, befleißigt sich die Natur, das Versäumte einzubringen. Mit überraschender Schnelligkeit grünen die Birken und Weiden; Heidelbeeren und Brombeeren über- ranken den aufgethauten Boden, und das in der Arzneikunde gegen de» Skorbut so gerühmte Löffelkraut zaubert mit seinen Millionen Büscheln die grünen Wiesen hervor, welche den Namen„Grönland" veranlaßt haben. Flüchtige Berghasen, Kaninchen, weiße und schwarze Füchse, Wolfshunde und Rennthiere bevölkern das Land. Eider- und Rothgänsc, Schwäne und Habichte wandeln, Beute sud)end, an den Küsten; Sperber und Nußhähcr lassen im Walde ihr Geschrei ertönen. Diese Schilderungen verdanken wir zwei kühnen Männern, welche auf Landreisen diese unwirthbaren Strecken des amerikanischen Kontinents erschlossen hatten. 1770 erforschte Hearne, ein Mitglied der Hudsons- baykompagnie, das Gebiet des Artillery- und Aylmeersecs, erreichte den Kupserminenfluß und verfolgte ihn bis zu seiner Mündung. Ein Beamter der Nordwestkompagnie, Makenzie, erforschte, vom Atha- pasiasee ausgehend, 1789 weite Strecken des unbekannten Westens und entdeckte den nach ihm benannten Fluß, den er bis zum Meer besuhr, (69» nördlicher Breite). 1792—93 ging er direkt westwärts bis zum Stillen Ozean; er war der erste Europäer, welcher die Felsengebirge überschritt und den Kontinent im Norden kreuzte. Den Reisende» Lapeyrouse, Vancouwer und Krusenstern(1736—1803) ver- danken wir die karthographische Ausnahme der Nordwestküstc Amerikas und den Seefahrern Bering und Cook die Kenntniß des maritimen Verbindungsweges zwischen dem Großen Ozean und dem nördlichen Eismeer.(Fortsetzung folgt.) Der Einsturz der Taybrücke in Schottland.(Schluß.) Im Jahre 1879 wiederholte sich am 11. Januar bei Adrian opel die rostower Katastrophe. Die über die Ar da führende Brücke brach unter einem russischen Militärzuge zusammen. Ein General, mehrere Offiziere und 200 Mann ertranken. Zur selben Zeit stießen auf der Warschau-Petersburger Bahn bei der Station Glatschina zwei Züge. zusammen, wobei 15 Personen verletzt wurden. Am 19. ist schon wieder eine Entgleisung bei Brüssel und drei Todte zu vermelden. Am 4. Februar wiederholte sich derselbe Unfall bei Hannövcrsch-Minden mit demselben Menschenverlust. Am 19. Februar zerstörte bei Thorn die hoch angeschwollene Weichsel den Rangirbahnhof der Oberschlesischen; Bahn. Der Monat Februar schloß mit einer Entgleisung zwischen Bremen und Hannover, und der Monat März begann mit zwei Ent- gleisungen bei Zduny und Freicnwalde. In den ersten Tagen des April find zwei Entgleisungen, bei Mecheln und Pieschen, zu registriren. I «f1 ml der Moskau-Brest-Litewski-Zug den Bahndamm hinab; alle Wagen zertrümmert, die Anzahl der Todten, wie gewöhnlich, un- bekannt. Am 1. Mai explodirte in Toronto(Kanada) die Dynamit- ladung eines Ei,enbahnwagens und tödtete zwei Bremser. Am 10. ist em Elsenbahnunsall, der sechs Menschen das Leben kostete, aus Kadix (Spanien) zu melden. Ein ähnliches Unglück ereignete sich am 19. bei Zittau. Nach zweimonatlicher Pause ereignete sich am 4. August zwischen Nancy und Bezelise in Frankreich ein grauenvolles Eisenbahn- ungluck. Durch falsche Weichenstellung geriethen 22 Waggons aus ein abgezweigtes Schlenengleis, das nach einer Fabrik führte. An der lltampe dieses Etablissements rhürmten sich die Wagen übereinander, I bevor sie krachend zusammenstürzten. Unter ihren Trümmern lagen °"nb 33 Verwundete. Am 15. fand bei Hof und am 16. bei 0,- rat Departement der Orne ein Ziisamnienstoß von Eisenbahn- zugen mit blutigem Ausgang statt. Am 20. September verunglückte aus dem durch einen Äolkenbruch unterwaschenen Damm zwischen Gogol, n und Loschnitz der Güterzug der Oberschlesischen Bahn. Fuhr' 251 personal tobt ober schwer verwunbet. Der unheilvolle Oktober fignrirt aus ber Unfallstabelle am 2. mit einer Entgleisung bei Kottbus unb am 3. mit Zertrümmerung eines Viehzuges zwischen Drebber unb Diepholz, unb einem Brückcnzusammensturz zwischen Cruccoli unb Ciro (Italien). Am 5. explobirte auf ber Eisenbahn Puerto Cortes unb San Pebro in Spanisch-Honburas ein Eisenbahnwagen mit 5500 Kilo- gramm Schießpulver unb hat ben Zug sammt ben Passagieren in Atome zerrissen. Am 13. fanb bei Bruchsal unb am 18. bei Gleiwitz ein Wagenzusammenstoß mit bem üblichen Menschenverlust statt. Am 20. fuhren auf ber Kreuzung von Löwen unb Antwerpen zwei Züge ineinanber, 2 Tobte 18 Verwundete. Am 27. schon wieber ein Zu- sammenstoß infolge starken Nebels zwischen Königszelt unb Freiburg. Zugpersonal verwunbet. Am 8. November ist bei Bischofshcim der sranksurter Personenzug mit bem mainzer zusammengestoßen, unb ber berliner Exvreßzug nach Breslau bei bem Bahnhof Gassau entgleist. Am selben Tage stürzte ber im Bau begriffene Viadukt bei Felbbergen, an der Hanau-Friebberger Bahn zusammen; 9 Tobte, 20 Verwundete. Zwei Tage spater haben aus der Bahn von San Josö nach Santa Etuz in Kalifornien bei der Ausgrabung eines Tunnels drei schnell hintereinander folgende Explosionen statigesunden, wodurch 28 Chinesen geiöbtet, 17 Chinesen und 2 Weiße verletzt wurden. Die Explosionen stnb dadurch verursacht worden, daß eine von den Arbeitern bloßgelegte Petroleumader in Brand gerieth. Am 24. fuhr auf dem Bahnhof Güsten eine Lokomotive in den berlin-wetzlarer Zug, und am 28. ditto in Posen in den breslauer Zug. Am 4. Dezember Zusammenstoß von zwei Güterzügen zwischen Witten und Dortmund. Am 5. fuhr ein von Avricourt abgelassener Exvreßzug aus zwei im Schnee stecken ge- bliebene Güterzüge. Ein Schaffner wurde getöbtet, ein zweiter, sowie zwei Militärs und mehrere andere Personen trugen schwere Verletzungen davon. Am 8. Dezember sprang an der Lokomotive des Jpswich- �onbon-Zuges infolge des harten Frostes ein Rad ab. Lokomotive und zwei Wagen stürzten den Damm hinunter. Am 16. wiederholte Nch derselbe Unfall zwischen Zembowitz und Sausenberg, auf der Rechten Oderiijerbahi,. Am 28. ereignete sich jener entsetzliche Eisenbahnunsall bei Dundee, den wir eingangs geschildert haben. Trotz dieses, leider noch unvollständigen Unfallverzeichnisses, ist der Mensch unablässig bemüht, die Arsenale des Würgengels zu be- reichern, soweit die geschienten Wege in Frage kommen, verfehlen ?lle Kulturstaaten ihren Beruf nicht, welcher in der Schöpfung giganti- sthcr Werke zu bestehen scheint. Wir sind stolz darauf, im Zeitalter �er kühnen Unternehmungen zu leben. Greift aber das unerbittliche «chicksal mit seiner eisernen Faust in das Spinngewebe menschlicher •öerechnmig, bann fährt Entsetzen durch die Glieder ber Sterblichen,— oonn fühlen auch die Mächtigen, daß ihnen der hungrige Tod jeden Augenblick ans Leben kann; aber es dauert nicht lange. Auch die „-rimes", Englands öffentliche Meinung, konnte sich bei der Schilderung dss Einsturzes der Taybrücke bei Dundee eines gewissen Schauders mcht erwehren, um im nächsten Artikel eine„herrliche" Scebrücke ähn- ucher Art zu beschreiben, die ebensalls au der Ostküste Schottlands, Förth of Queensserry, erbaut werden soll. Diese erhält Pfeiler dvn der„imposanten" Höhe von 596 Fuß, also sechsmal so hoch, wie vle welche sich bei der Taybrücke so famos bewährt haben. Wie man ükht, ist da ein Unglück möglich, das noch viel romantischer werden miin, wie das von Dundee. in"'(�t mit einem Todtenlied abzuschließen, wollen wir einer Ivurnalistischen Großthat erwähnen, welche der Eijenbahnunsall hervor- Drusen. Unsere Leser erinnern sich wohl noch des Herausgebers des 'brt£ 0rker Herald", namens Francis Bennet, von dem wir erzählten, dr auf seine Kosten den Journalisten Stanley zur Auffindung 'dingstone's ins Innere von Afrika geschickt, und ein Schiff durch die n„a ll�straße an Sibiriens Nordküste zur Auffindung von Nordenskjöld u'Serüstet hat. Am 30. Dezember, am Morgen nach dem schauerlichen vgluck dus der Taybrücke, enthielt das Organ dieses unternehmenden a»nes, der„New-Uorker Herald", nicht nur eine ihm per Kabel .„ermittelte. 3009 Worte(a 4 Mark) lange Depesche über das Unglück, u» ri' eine Liste der vermuthlich an„Bord des Trains" ver- »arfi fc ii Passagiere und mehrere treffliche Holzschnitte von der Brücke bei u Vollendung und während des Baues, sowie Auszüge aus die.pi'ioti'e'n der bedeutendsten englischen Blätter über das Unglück, eL i der Zeitdifferenz von fünf Stunden zu Gunsten Amerikas dort ab»■ h erscheinen konnten, als in England selbst. Alles in allem Bjid diese Nummer des„New-Aorker-Hcrald" ein so vollständiges iv der Katastrophe und des Eindrucks, den sie gemacht, wie es in Rand selbst unmöglich bester hergestellt werden konnte. vr. M. T. do-®'e Albaoesen.(Bild S. 244.) Bis zum Berliner Kongreß, a�£" jüngsten orientalischen Krieg beenden sollte, wußte wohl der «ni» Theil des Publikums sehr wenig oder gar nichts von diesem ?° tsstamm der Balkanhalbinsel, welcher neuerdings das öffentliche �»-eresse j» Anspruch nimmt. Das Stück Land, welches er bewohnt, um. bis jetzt eine türkische Provinz, die ungefähr 750 Quadratmeile» ""iahend, im Westen voni jonischen und adriatijchen Meere, im Süden Königreich Griechenland, im Osten von Macedonien und Thessa � und in, Norden von Montenegro, Bosnien und«erb.en bgrenzt o. Das Terrain hat ausgesprochenen Hochgebirgscharakter und die Bewohner sind ein kriegerisches Volk, welches sich theils zum muha- medanischen Glauben bekennt, theils der griechischen und römisch-katho- tischen Kirche angehört. In ihrer Gesammtheit schätzt man die Alba- nesen, türkisch Arnauten, oder wie sie sich selbst nennen, Schkipetaren, auf 2,200,000 Seelen, wovon in der europäischen Türkei ungcsähr 1,200,000, in Montenegro und Serbien gegen 600 000, in Griechen- land etwa 200 000 und auf Sizilien 1—200 000 leben. Die im Jahre 1878 in Berlin tagende Versammlung europäischer Diplomaten hatte es nun im Interesse der„Lösung" der orientalischen Frage für gut befunden, den nördlichen Theil dieser Provinz Montenegro einzuver- leiben, für welche weise Fürsorge die Bewohner aber nicht das richtige Verftändniß zu haben scheinen, denn sie rebelliren dagegen. Haupt- träger des Widerstandes ist die albanesijche Liga, eine Verbindung fana- tischer Häuptlinge der Clans, jener patriarchalischen Stammesverbände, wie sie in der Geschichte Schottlands bekannt sind, deren Hauptsitz, Pris- ren, unsere Illustration veranschaulicht. Diese Stadt liegt am Drin und am Nordabhang des hohen Schar Dagh' und zählt neben 30 000 Muhamedanern 8000 griechisch-katholische und 2000 römisch-katholische Christen. Von den früheren 360 Kirchen und Klöstern blieb kaum ein Drittheil den Christen, die größte Zahl wurde entweder in Moscheen oder in Ruinen umgeivandelt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß sich hinter der Liga die Hand der Regierung zu Kon- stantinopel verbirgt. Zu Boden geschlagen und momentan unfähig, den russischen Todfeind abzuschütteln, sucht sie jedes Mittel zu ergreifen, um den durch überlegene Macht diktirten Vertrag nicht zur Ausführung kommen zu lassen. Wie Rußland seine Eroberungsgelüste unter der christlichen Maske verbarg, so benützt sie das so oft in eigennütziger Weise angewandte Schlagwort der Nationaliät, um den Zusainmensturz einer hundertjährigen Herrschaft auszuhalten. Und in diesem Falle würde sich dieser Vorwand mit mehr Berechtigung anwenden, lassen, als sonst, da die Albanesen einmal eine besondere Gruppe der indo- germanischen Völkerfamilie bilden und andererseits die Bewohner des abzutretenden Gebieistheiles Muhamedaner sind. Charakteristisch ist jedoch, daß die aufsässigen Clans auch nie große Vorliebe für die türkische Herrschast empfaiiden, und daß es der Pforte nie gelungen ist, sich die nordalbanesischen Stämme ganz zu unterwerfen. Die Clans haben für und gegen die Türkei gekämpft, ganz wie es ihr Interesse erheischte, und der geringe Tribut, welchen sie dem Sultan entrichteten, wanderte meist wieder zurück in ihre Taschen als Belohnung für ihr loyales Betragen. Sie hielten sich meist unabhängig und duldeten selten eine Einmiscbung der Pforte in Verwaltungs- und Gerichtsan- gelegenheiten. Sie repräsentiren den Feudalismus, der sich in seiner urwüchsigsten Form in jenen wilden Gebirgsgegenden mit Leichtigkeit erhalten konnte. Wenn sie sich aber jetzt gegen die Bestimmungen des Berliner Vertrags auslehncn, so geschieht dies wohl kaum aus beson- ders großer Vorliebe für die Regierung in Konstantinopel, sondern vielmehr, weil ihnen ihre alte gewohnte Herrschaft unter der türkischen Wirthschaft sicher ist, obgleich nicht angenommen werden darf, daß das russische Regiment nach dieser Richtung hin gefährlich zu werden die Absicht habe. urt. Künstlerstudien.(Bild Seite 245.) Wir führen heute unsere Leser nach Rom, jener Märchenstadt, wo der Lebensjubel vergangener Jahrhunderte versteinert schläft. Gewaltsam muß man hier das Auge ausgeschlossen halten, um nicht in den Bann des Träumerischeil zu ge rathen.„Der sinnliche Zauber der bildenden Kunst, die Spuren ver- schollener Generationew und die originelle Gegenwart zugleich, sie sind es, die den Maler und Dichter mit magischer Gewalt über die Alpen nach dem Lande der Sehnsucht ziehen." So»rtheilten noch Winkelmaun und Goethe. Mit der Originalität der Gegenwart ist es aber in un- seren Tagen auch in Rom vorbei. Wenn es noch ein paar Jahrzehnte mit dem Verwischen jedes eigenartigen Gepräges der Erscheinung der Städte und Menschen Italiens, ihrer Sitten, Trachten und Lebensarten so fortgeht, wie seit der Krönung des Werkes der italienischen Einheit durch die Besetzung von Rom, so dürsten die Maler von lenseits der Berge Motiven zu Bildern, wie das Original unieres Holzschnittes, vergebens in der Wirklichkeit zu begegnen hoffen. Die lchönen Römerinnen mit dem derben, flach ausliegenden Schleiertiich auf dem Haupt, mit dem gestickten Hemd von grober Leinwand, dem rothcn, glänzend verschnürten Mieder, der blauen Wollenschürze mit den buntdurchwirk- len weißen, breiten Querstreifen sind, wenigstens in Rom selbst und in den von der Eisenbahn berührten Umgebungen der ewigen Stadt, heute bereits zur Mythe geworden. Ihr Bild lebt fast nur»och in den Mo- bellen fort, welche in der via Sistina, nahe der spanischen Treppe, auf die Maler warten, von denen sie zum Sitzen cngagirt zu werden wünschen. Nach einem solchen Modell sieht aber das hübsche frische Kind nicht aus, bei welchem der blondbärtige nordische Künstler im schwor zen Sammetsaquette, sich in der verräucherten Osteria(Wirthshaus), einer echten Malerherbcrge, der Ragazza(Mädchen) gegenüber, nieder- gelassen hat. Ein Modellmädchen hielte das Glas, welches er ihr mit rothem Weine aus seiner Flasche zu füllen anbot, nicht mit so anmu- thiger Schalkhcit dem fremden Signore(Herrn) hin, wie die Land schönheit es thut. Ein Modell hätte aucb schwerlich einen so ivild blickenden, so rasch zur Eifersucht entflammten Begleiter nnd Schützer zur Seite, wie jenen braunen, schwarzäugigen hageren Gesellen, der, so ingrimmig zu dem Fremden hinübersehend, seiner kurzen Pfeife die 252 dickste» Qualmwolken entlockt. Beide scheinen aus irgend einem ver- steckten Felsennest der Sabiner- oder Bolskergebirge zur Stadt gekom- men und dort, um auszuruhen und einen kühlen Trunk zu thun, arg- los in eine der Schenken alten Schlages eingetreten zu sein, in welchen das Volk der deutschen und skandinavischen Künstler seine Lieblings- kneipe schätzt. Die drei Künstler im Hintergründe zur Rechten, deren Gestalten und Köpfe sich nur undeutlich aus der Dämmerung lösen, sind, nach ihrer Erscheinung zu urtheilen, die echten eingerömerten Stammgäste der Schenke. Sie sehen mehr auf guten Wein, wie aus reinliche Bedienung. Der junge, blonde„Jnglese"(Inbegriff aller Wohlanständigkeit in Italien) ist noch ein Grünhorn, ein Neuer, einer, der noch reine Wäsche, ein sorglich geknüpftes Halstuch, gutsitzende Kleider trägt und seine Hände wäscht. Um so leichter allerdings mag es ihm gelingen, schon durch sein Aussehen und seine Haltung Eindruck auf Auge und Herz des braunen Mädchens zu machen. Aber er hüte sich, in die großen dunkeln und doch so leuchtenden Sterne zu blicken. Schon so mancher Künstler hat aus solchen dort seine Seele nicht wie- der oder doch nur wund und krank zurück zu retten vermocht. Und folgt er der Schönen in die felsige Heimath, so kann er gewärtig sein, daß der Dolchstoß des heißblütigen Nebenbuhlers seiner Bewerbung ein blutiges Ende bereitet. Dr. M. T. Zur Geschichte des Klaviers.(Schluß.) Die ersten von Silber- mann gebauten Pianofortes hatten Flügelform, die mit Tafelform rühren von dem Jnstrumentenmacher Friedcrici in Gera her. Der Hosorganist Gerber zu Nordhausen baute 1742 das erste ausrechtstehende Instrument(Flügelform), dies ist somit als der Vorgänger des heuti- gen Pianino zu betrachten. Verfertiger des ersten wirklichen Pianinos ist hingegen der londoner Fabrikant Southwell(Ansang dieses Jahrhunderts), Pape führte es 1815 in Frankreich ein und 1821 wurde es von Grüneberg in Halle gebaut. In England und Frankreich stand, während in Deutschland das Klavichord seine Rolle spielte, dessen Schwcsterinstrument, das Harpsich.ird, in hohem Ansehen; später das verbesserte Kindermann'sche Klavier, bis dort von verschiedenen Seiten, namentlich von dem Schotten Broadwood und dem Teutschfranzosen Erard die deutsche Mechanik so große Verbesserungen erfuhr, daß sie unter dem Namen„englische" Mechanik dauernd den Borzug vor allem behielt. Welch' großartigen Anklang das so verbesserte Instrument fand, beweist der Umstand, daß allein die Fabrik von Broadwood and Sons in London von 178t) bis 1861 124,048 Stück anfertigte. Aber nicht minder groß ist der Ausschwung dieser Industrie auf dem Konti nent und Amerika; namentlich nimmt Deutschland an dieser Produktion hervorragenden Antheil und neben den großen und weltberühmten Fabriken von Wien, Leipzig, Dresden, Stuttgart, Berlin, Kassel, Braun- schweig partizipirt fast jede mittlere Stadt an der Erzeugung des so beliebten Familien-Musikinstruments. Ein nicht unbeträchtlicher Theil der in deutschen Etablissements gebauten Pianofortes wandert ins Aus- land, namentlich nach Amerika und Rußland, und manche Fabriken sind mit ihrem Absatz hauptsächlich aus den Export angewiesen. Gleich dem früheren Klavier fehlte es auch dem Pianoforte nicht an Aus- wüchsen und Spielereien und neben den angebrachten Pauken und Trompeten sei nur des von dem bereits erwähnten Pariser Pape er- bauten Instruments gedacht. Es hatte die Forni eines achteckigen Theetischcs, konnte vermittelst einer Feder auf der als Fuß dienenden Säule gedreht werden, so daß die Klaviatur, welche gleichfalls durch Fedcrdruck sichtbar gemacht werden konnte, beliebig einer der daran Platz genommenen acht Personen zugänglich wurde. Ein dritter Feder- druck ließ eine zweite Klaviatur sichtbar werden und ermöglichte somit die Verdoppelung des Konzerts. Daß die Verbesserungen desselben nach allen Richtungen auch neuerdings noch vielfach Gegenstand des Nachdenkens sind, liegt auf der Hand, und wir lesen von der Anbrin- gung doppelter Klaviaturen, welche die Ausführung schwieriger Musik- stücke erleichtern sollen u. dergl. Auch die so viel von sich reden machende Elektrizität hat sich bereits dieses Gebiets bemächtigt, und ein erfinde- rischer Kopf hat vor gar nicht langer Zeit erst dieselbe an Stelle der bisherigen Mechanik verwandt. Zieht man die mächtige Entwicklung, welche das Klavier bis heute aufzuweisen hat, in Betracht, so ist an- gesichts des allgemeinen rapiden Fortschritts der Jetztzeit noch gar nicht abzusehen, in welch ungeheurem Grade der menschliche Erfindungs- geist dieses Instrument zum Gegenstand seiner Spekulationen machen kann und wird. Mancher, der das zweifelhaste Vergnügen hat, musik- lustige Zimmernachbarn zu besitzen, welche, in totaler Verkennung des Endzweckes dieses Instruments, unbarmherzig die Saiten desselben malträtirend, ihn zur Verzweiflung bringen könnten, mag vorläufig darin Trost finden, daß ja fast alles Gute, bevor es allseitig erkannt wurde, von Ausschreitungen nicht verschont blieb. Und so wird auch das Pianosorte, je mehr es allen Kreisen zugänglich wird, dazu bei- tragen, daß jene Anlagen der Menschennatur zur Entwicklung gelangen, ohne welche unser Dasein denn doch ein allzu prosaisch-nüchternes sein würde._ ort. Ein Steuerzettel aus dem vorigen Jahrhundert. Daß die „sächsische Höflichkeit" nicht neueren Datums ist, sondern sich schon in alter Zeit selbst bei heiklen Gelegenheiten glänzend bewährte, beweist nachstehendes Schriftstück, welches vor mehr als 150 Jahren abgefaßt ist, und durch einen Zufall in unsere Hände gelangte. Eine Reichs- gräfin v. Flemming wird da in folgender Form zur Bezahlung ihrer rückständigen Steuern aufgefordert: Gnädige Frau, Ew. Hochreichsgräfl. Excell. werden sich annoch zuentsinnen ge- ruhen, welchermaßen beym Hochlöbl. Ober-Steuer-Collegio Sie zu Ab- sührung derer-wegen Dero Steuer-baren Grundstücken hinterstelligen Qvatember-Steuern an 307 Thlr. 15 gr. 6 pf. incl. dieserhalben auf- gelaufener Unkosten, umb leidliche Termine angcsuchet, und, inhalts er- theilter Deroselben bereits communicirter Signatur, verstrichene Wey- nachten 1721 und Ostern dieses Jahres darzu determinirt worden, Dieselben auch besage ausgestellten Jnterim-Scheins den ersten Termin an der Helffte obbemelter Post neulichst bezahlen laßen. Nun dann der andere Termin auch allbereit verflossen, und nöthig seyn will, daß die Gelder völlig zur Verrechnung gebracht werden; Als habe bey Ew. Hochreichsgräfl. Excell. dießfalls geziemende Anregung zuthun mich schuldig erachtet, anbey vor die Persohn unter bittende, Sie wollen die Erlegung der anderen Helffte an 153 Thlr. 19 gr. 9 ps. des nech- sten zubesorgcn, und die sonst unumgängl. Execution hinterziehen zu- helffen geruhen, worzu man denn umb soviel mehr necessitiret werden dürffte, nachdem die wegen Dero Ritter-Guths-Nerdeschütz zuvollziehende Rechnung auss Jahr 1721 bis dato nicht eingelanget, und dahero mit der zuschlüssenden Creyß-Rechnung einzig und allein darauf gewarttet werden muß. Ew. Hochreichsgräfl. Excell. wolle also auch dieserwegen nöthige Anstalt verfügen, damit man Deroselben mit der Execution nicht beschwerlich fallen dürffe, immaßen solche, vermöge eines allergn. Reocr. d. d. 4. Mart. 1716 en general auf die Ritter-Güther selbst retundiret, iedoch Dieselbe meines Orts damit allezeit lieber verschonet sehen möge, als Der ich mit besondern egard beharre Ew. Hochreichsgräfl. Excellenz Dreßden, pp. am 29. May 1722. M E. Den 3. Jun. 1722. Hat abstehendes Schreiben der Frau Gräfin von Flemming Excell. der Executor Leon- Hardt in Dero Hause allhier eingehändigt. Ob Jhro Hochreichsgräfl. Excellenz zu bezahlen geruht haben und ob der Executor allen Leuten gegenüber so höflich war, steht dahin. Kg. Literarische Umschau. Zur Naturgeschichte der„Kölnischen Zeitung". Creseld, Verlag der„Niederrheinischcn Volkszeitung". Der Verfasser dieser Schrift ist Ultramontaner und gibt eine Blumcnlese von Unwahrheilen, Widersprüchen, grundlosen Verdächtigungen und wie die sonstigen Kenn- | zeichen eines„gesinnungstüchtigen"„liberalen" Blattes alle heißen mögen. Zu bedauern ist nur, daß er, einmal an der Arbeit, sich nur aus das Verhältniß seiner Partei zur ,Lölnerin" beschränkte und nicht das Kapitel der Preßkorruption mehr im allgemeinen zum Gegenstand seiner Polemik genommen hat. Stoff würde ja das seitherige Betragen der liebenswürdigen Dame vom Rhein genugsam geliefert haben; die an sich empsehlenswerthe Schrist hätte dadurch auch mehr ein allge- meines Interesse erhalten als dies jetzt der Fall sein kann. urt. Sprechsaal für jedermann. Der Fabrikarbeiter Ernst Wilhelm Hauschild, aus Chemnitz gebürtig, hat sich vor drei Jahren aus die Wanderschaft begeben, ohne bis jetzt seiner Mutter und Geschwistern über seinen Verbleib Nachricht zu geben. Unterzeichneter bittet höflichst, falls jemand Kcnntniß von dem jetzigen Ausenthaltsorte Hauschilds haben sollte, ihm gefälligst Mittheilung hiervon machen zu wollen. Bemerkt wird, daß der Ge suchte einen lahmen Fuß(sogen. Krummsuß) hat. �-chloßchemnitz bei Chemnitz, Leipzigerstr.(Sachsen). Oskar Hauschild. m ao-tt-rf m S abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Die deutschen Bor- und Tausnamen, von M. Wittich.— Der Geheimmittelschwindel. von Emanuel W.(Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosen berg-Forlsetzunq)— ForschnnqssahrtcN r �kschichtliche Zuiammenstellung von vr. M. Trausil(Fortsetzung).— Ter Einstnr» der Tavbrücke in Zckottland (Schluß).- D.e Albanesen(mit der Ansicht von Prisren).- Künstlerstudien(mit Illustration)- HnfÖck� Ein Steuerzettel ans dem vorigen Jahrhundert.- Literarische Umschau.- Sprechsaal für jedermann �{ Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraßc 5).- Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genoffenschaftsbuchdnickerei zu Leipzig.