Drm Schicksal abjrrungfti. Novelle von Rudolph von ZZ- (Fortsetzimg.) Tie umfangreiche redaktionelle Thätigkeit, welche der Chef- redakteur Schweder in den letzten Wochen entwickelt, hatte seine Arbeitskraft keineswegs ausschließlich in Anspruch genommen. vtin Gegentheil! Am intensivsten hatte er nach einer andern, tteilich weniger offen zutage tretenden Richtung hin gewirkt. Fast allabendlich war er mit dem Oberbaurath Schneemann zusammen- gekommen, für dessen unausrottbare Kneiplust er der beste Zech- 'umpan war. So sehr es aber dem Oberbaurath hauptsächlich um lustige Zechbrüderschaft zu thun ivar, so sehr handelte es sich i"r Herrn Schweder fast ausschließlich um wichtigere Dinge. Es galt, dem Oberbaurath eine bestimmte Meinung einzuttichtern, w langsam, so allmählich, daß er selbst nicht merkte, wie er dazu �aß sie mit seinem dicken Schädel felsenfest verwüchse. Und Schweder sollte seine Abend- und Nachtstunden nicht umsonst vem verehrungswürdigen Freunde geopfert haben. Schon am Uibc der ersten Woche vertraute Schneemann seinem Freunde j�ffter an, daß der Weiterbau der Bahnlinie von P. nach Ober- aergstadt bald in Angriff genommen werden müsse. Acht Tage oarauf war er der Ueberzeugung geworden, daß dieser Bau ganz unverzüglich, womöglich noch im Herbste desselben Jahres, zu Nkgmnen habe. Und nachdem wieder einige Tage verflossen und der �erwaltungsrath der Bahn seine regelmäßige Monatssitzung hielt, yatte der Borsitzende desselben, der Herr Justizrath Dr. Wichtel oos Bergnügen, ein Exposä des ersten technischen Direktors, der oen niemand anders war, als der Herr Oberbaurath Schneemann, �urzulegen, worin dieser den zwingenden Beweis, wie der Herr �uftizrath versicherte, der sich als Jurist auf zwingende Beweise erstand, lieferte, daß die Eisenbahngesellschaft durch eine ganze �rniee von Gründen sich gcnöthigt fühlen müsse, auf der Stelle oen von Sachverständigen schon lange geplanten Ausbau der �mie nach Oberbergstadt mit allen Kräften zu betreiben. Es hatte einen harten Kampf gekostet im Berwaltungsrathe, ehe derselbe in der statutarisch nothwendigen Zweidrittelmajorität Vf � �'e Annahme der schneemann'schen Vorschläge, welche der �ustizrath Wichtel eiligst zum Antrage erhoben hatte, zu erwärmen vermochte. Aber die Beredsamkeit des Antragstellers, der, um "ngenirter seine Meinung äußern zu köünen, für diese Sitzung v'v Leitung der Verhandlungen an den zweiten Vorsitzenden ab- �geben hatte, gestützt auf die ellenlangen Kostenzusammenstellungen und Wahrscheinlichkeitsbcrechnungen des Erfolgs, trug schließlich °en Sieg davon zumal Alster endlich auch sein gewichtiges Wort die Wagschale warf und in durchschlagender Rede entwickelte, daß es sich ja eigentlich nur darum handle, die Linie nach Ober- bergstadt durch Anschluß an die Bahnen des Nachbarlandes ertragsfähig zu machen und der Kohlen- und Getreideproduktion dieses Landes die bequemste Verbindung mit ergiebigen Absatz- gebieten zu eröffnen. Er selbst sei von vornherein ftir den Bau der Seitenlinie bis Oberbergstadt nicht gewesen, führte Alster aus, da er gewußt und auch daraus hingewiesen habe, daß sich an diesen Bau weitere Bahnanlagen nothwendig würden an- schließen müssen. Der betreffende Beschluß sei aber im Bewußt- sein der damals für den Eisenbahnbau ungewöhnlich günstigen Konjunkttiren gefaßt worden, und nun frage es sich nur, ob nian sich für lange Zeit mit dem gewaltigen Defizit, welches die Linie Oberbergstadt mache, zuftieden zu geben Lust habe, oder ob man, nachdem man einmal A gesagt, auch B zu sagen den Muth habe, und die unerläßlichen Bedingungen für die Rentabilität der Bahn schaffen wolle. Die Zweidrittelmajorität des Verwaltungsraths sagte denn auch, wie geivünscht, B und acceptirte, als das Eis der ängst- lichen Zurückhaltting einmal gebrochen war, leichten Herzens das ganze Alphabet der schneemann-wichtellschen Forderungen. Die Vorarbeiten, welche schon vor Jahr und Tag einmal auf- genommen waren, dann aber bei der ungünstigen Aenderung der Zeitvcrhälttiisse unvollendet liegen geblieben waren, sollten sofort von nencni ausgenommen werden. Es wurde eine Präliminar- kommission niedergesetzt, bestehend aus dem Justizrath Wichtel, als Vorsitzenden des VerwaltungsratheS, dem Oberbaurath Schnee- mann, als erstem technischen Direktor, und dem Oberamtmann Licht, der weder Mitglied der Direktion noch des Verwaltungs- rathes, sondern einfacher Aktionär war und als Sachverständiger für Güterkäufe galt. Diese Kommission sollte unverzüglich sich überzeugen, welche Ankäufe an Grund und Boden zur Aus- führnng des beschlossenen Baues nöthig sein würden, und die Unterhandlungen mit den gegenwärtigen Besitzern der zu er- werbenden Länderstreckcn einleiten. Sobald es die Witterung im nächsten Frühjahr nur irgend erlauben würde, sei dann, so wurde weiter beschlossen, der Bau selbst, und zwar an einer ganzen Reihe von Plätzen zugleich, aufzunehmen, damit zum Beginn des zweitfolaenden Sommers die Eröffnung der neuen Linie in deren ganzer Ausdehnung stattfinden könne. Als die„alten Freunde" Wichtel und Alster mit einander den Sitzungssaal verließen, strahlte der erstere förmlich vor Vergnügen und druckte beim Abschied vor der Thür des Direktionsgebäudes Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. dem andern warm die Hand. Dieser erwiderte den Druck fast unmerklich; er schien in viel weniger gehobener Stimmung als der Justizrath. Nachdenklich schaute er vor sich hin, und wer ihn heut gesehen hätte auf dem Wege nach seiner Villa, wohin er, wie in neuerer Zeit immer, in geschlossener Equipage und in die Ecke des Fonds zurückgelehnt, sich begab, als läge ihm daran, sich den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen, der hätte sich sicher- lich nicht genug wundern können über das tiefernste Gesicht und die schweren Seufzer, ivelche von Zeit zu Zeit über die Lippen des so reichen und angesehenen Mannes kamen. Der„Tageskorrespondent", welcher, ehe der bedeutsame Eni- schluß von dem Eisenbahn- Verwaltuugsrathe gefaßt worden, mehrere zum Eiseubahnbau im allgemeinen aufmunternde, oder beinahe anstachelnde Artikel gebracht hatte, veröffentlichte tags darauf an hervorragendem Platze und in gesperrter Schrift die Nachricht, daß die Eisenbahngesellschaft, in richtiger Crkenntniß des allgemeinen Bedürfnisses, die Vollendung ihrer Gebirgsbahn beschlossen habe, und knüpfte daran in fulminanter Sprache volks- wirthschaftliche Betrachtungen über die materiellen Verhältnisse der von der projektirten Bahnlinie zu berührenden Gegenden, denen dieselbe gewissermaßen erst die Möglichkeit dauernden Volkswohlstandes gewähren, sie der höheren Kultur erst öffnen würde. Die Präliminarkommission begann sofort ihre Thätigkeit. Tie Herren Wichtel, Schneemann und Licht begaben sich ins Gebirge und blieben daselbst vier Wochen— vier Wochen angestrengtester Thätigkeit, wie der Oberbaurath nachträglich versicherte, so oft man das nur anhören wollte, einer Thätigkeit, die außer im Konferiren und Kneipen mit Gutsbesitzern und höheren Beamten auch im Bergesteigen bestand, was dem Oberbanrath, der von seinen 21/s Centnern Körpergewicht noch nicht ein Quentchen ein- gebüßt hatte, erklärlicherweise ein Greuel war. Das Uebrige besorgten die mitgenommenen Techniker und Planzeichner, die, weil sie die„leichtere" Arbeit hatten— das führte seinen Unter- gebenen der dicke Eisenbahnchef oft genug zu Gemüthe— recht gern mit sechs bis zehn Mark Diäten nebst Erstattung der Reise- kosten vorlieb nahmen, während die Mitglieder der Präliminar- kommission es unter fünfzig Mark täglich beim besten Willen nicht thun konnten. Kaum war die Präliminarkommission zurückgekehrt, so wurde ein Theil der vcn ihr vorgeschlagenen Käufe abgeschlossen—- aber nur ein Theil. Es hatte sich nämlich in ihrer Abwesenheit die bei dem Beschlüsse über den Weiterbau unterlegene Minorität des Verwaltungsrathes sehr thätig gezeigt und vor allem nach- zuweisen sich bemüht, daß man vorläufig weiter nichts zu thun, als den Anschluß an die nächste große Bahn des Nachbarlandes herzustellen habe. Das machte zwar dem Justizrath und seinen Jnteressengenosscn einen Strich durch die Rechnnng, aber es war und blieb doch bei dem vielversprechenden Anfang, von dem aus mau dann den ganzen langen Winter über weitergehende Zu- geständnisse des GesammtverwaltungsratheS erschleichen und ertrotzen konnte. Der früh hereinbrechende Winter schob die Vorarbeiten auf ziemlich lange Zeit hinaus. Und er brachte grade über die Gebirgsgegenden, welche die Bahn durchschneiden sollte und zum Theil jetzt schon durchschnitt, bittere Roth. Es war ein armes Volk, das dort oben hauste— Kleinbauern, ländliche Tagelöhner, Weber bildeten weitaus den Hauptbestandtheil der Bevölkerung. Zwischen drin oder vielmehr'hoch über ihr thronten im über- schwänglichen Behagen ihrer Magnatenexistenz einige wenige hoch- adelige Familien auf ihren Majoratssitzen, die sie seit Jahr- Hunderten innehatten und um welche sich der Löwenantheil des Grundbesitzes zu kolossalen Güterkomplexen zusammengeschlossen hatte. Die Ernte des letzten Sommers war eine kauni mittelmäßige gewesen und hatte ausländisches Getreide massenhaft auf die inländischen Märkte gezogen. Der„ Tages korrespondent" hatte das Einrücken der tausende und abertausende von böhmischen, ungarischen und russischen Kornsäcken mit einer Jubelsanfare be- grüßt. Der Segen des Freihandels zeige sich wieder einmal in seiner vollen Glorie: wie hätten die Getreidepreise steigen müssen, wenn nicht die Fee gekommen wäre, die da heißt: fteie inter- nationale Konkurrenz, und ihre schwere Hand dem Uebermuth der inländischen Spekulanten und Getreideproduzenten aufs Haupt gelegt hätte. Aber die Spekulanten und die Getreideproduzenten kamen auch im schlimmsten Fall mit blauem Auge davon, den Klein- dauern jedoch stiegen die Wasser der Roth bis an die Lippen— die Kornwucherer nahinen ihnen ihr bischen Weizen und Gerste nur zu einem Spottpreise ab, sodaß viele nicht einmal die Hypotheken- zinsen bezahlen konnten, welche auf ihrem Hab und Gut lasteten, und dem sofortigen Ruin anheimfielen, während die andern ge- zwungen wurden, die Ausgaben des kommenden Winters auf das äußerste einzuschränken, uni bis zu dem neuen, lohnendere Arbeit verheißenden Frühjahr sich Hinüberzudarben. Von der Notb der Kleinbauern im Gebirge nahm der„Tages- korrespondent" keine Notiz und beinahe kein Mensch in den größeren Städten kümmerte sich darum. Der Bauer jammert auch nicht, daß man es weithin gewahr wird, wenn es ihm schlecht geht, sondern er beißt die Zähne zusammen und trägt sein Päckchen Sorge im stillen mit sich herum. Als aber der Schnee in die Thäler herniederwehte, daß tage- lang aller Verkehr von Dorf zu Dorf, an vielen Stellen sogar von Haus zu Haus unterbrochen war; als die Kälte bis zu zwanzig und mehr Grad stieg und die Weber, welche gar keine Arbeit mehr bekamen und dreimal soviel Heizmaterial hätten brauchen können, als in einem gewöhnlichen Winter, mit Latten, Dielenbrettern und jedem Stückchen Holz, das sie aus dem Schnee herausgraben konnten, in ihren Hütten die Wärme zu erhalten versuchten, welche sie brauchten, um nicht elendiglich zu erfrieren; als der Hunger mit seinem Gefolge von 5*rankheiten und Siechthum den Einzug hielt in das Oberland und ein tausendstimmiger Nothschrei wieder und immer wieder zum Himmel emporhallte, da nahm sich auch der„Tageskorrespondent" der Leute im Ge- birge an. Und er that es als die erste der größeren Zeitungen ringsumher, und in langen Auftufen zu werkthätiger Unterstützung und in wärmsten Worten trat er auf als Anwalt der Noth- leidenden jener Gegenden, deren Armuth zu heben er ja schon lange bestrebt gewesen war, indem er für den vielberufenen Eisen- bahnbau mit den gewichtigsten Gründen zu Felde gezogen war. Hätte man ein Jahr früher mit diesem Bau begonnen, so wäre Arbeit in Hülle und Fülle im Frühjahr, Sommer und Herbst vorhanden gewesen, keine Hand hätte gefeiert im Gebirge, wenigstens noch einmal soviel, als bei der Weberei und bei der länd- lichen Tagewerkerei zu verdienen war, hätte jeder sich erwerben können, der nur Lust und Liebe zur Arbeit gehabt hätte. Man hatte aber die Nothwendigkeit und Dringlichkeit des Eisenbahn- baues nicht eingesehen und deshalb hatte es denn so kommen müssen. So versicherte der„Tageskorrcspondent", und er fand. Gläubige genug, auch in den hartbedrängtcn Landestheilen selbst,— i Gläubige und Abonnenten. Daß der„Tageskorrespondent" aber so ftüh und so laut die Trommel des öffentlichen Mitleids rührte, daran war nicht allein das gute Herz der Redaktion schuld. Eines Tages war der alte Herr Klose erschienen und hatte einen Artikel über die Roth im Gebirge zur Veröffentlichung vorgelegt. Aber auch der alte Herr Klose hatte nicht ganz aus eignem Antriebe gehandelt, als er den Artikel schrieb. Er hatte eines Tages ein kleines, leise nach ftischen Veilchen duftendes Brieflein erhalten, das also lautete: „Lieber und verehrter Lehrer! Zwei Fragen habe ich heut auf dem Herzen, um deren bal- dige Beantwortung ich Sie recht herzlich bitte. Ist es denn wirklich wahr, daß oben im Gebirge die armen Leute jetzt wäh rend des harten Winters in so furchtbarer Roth sind, daß sie ftieren und hungern müssen? Oder daß manche sogar erfrieren und verhungem? Nicht wahr, das letztere ist gewiß übertrieben, es wäre zu schrecklich, wenn es wahr wäre! Und kann denn da garnicht geHolsen werden? O, wie glücklich wäre ich, wenn ich wenigstens die Roth eines einzigen Menschen lindern könnte. Und glauben Sie nicht auch, liebster Herr Klose, daß es viele gute Menschen gibt, die helfen können und gewiß, ganz gewiß auch wollen?'Nur wissen sie wahrscheinlich nicht, daß es Nienschen gibt, die so Noth leiden, wie ich es auch nicht gewußt habe, bis es mir Hildegard Schneemann schrieb, die in Oberbergstadt bei dem Herrn Betriebsinspektor Lesser zu Besuch ist bis Weihnachten. Aber wie macht man nun am besten aller Welt bekannt, wie es da oben im Gebirge aussieht? Wenn Sie zu mir kommen wollten � nur auf einen Augenblick, ich will Sie gewiß nicht lange aufhalten— da würde ich Ihnen den Brief von Hildegard zeige». Nicht wahr, Sie kommen? Ich habe Sie ohnehin schon wenig- stens acht Tage nicht gesehen, und ich würde denken, Sie seien krank, wenn mir Papa nicht gesagt hätte, daß er Sie gesehe» hat und daß Sie wieder gar so sehr viel arbeiten. Also auf baldiges, recht baldiges Wiedersehen und herzliche, herzliche Grüße von Ihrer Ihnen innig ergebenen Wanda Alfter. 255 Nachschrift. Wenn Sie Fritz Lauter sehen, so bitte, grüßen Sie ihn von mir auch recht freundlich. Eigentlich sollte ich auf ihn recht böse sein, denn er ist erst ein einziges mal bei uns gewesen, seit wenigstens zwei Jahren, und das war, Sie wissen es ja am besten, in der ersten Woche, nachdem er Redakteur ge- worden war. Ich habe ihn ausdrücklich eingeladen, er ist doch mein Jugendfreund und sollte sich immerhin um seine älteste Freundin etwas kümmern, und die gute Frau Doktor hat ihn auch eingeladen— sie hat jetzt großen Respekt vor ihm, seit er etwas Tüchtiges geworden ist, wie sie sagt. Verzeihen Sie die lange Nachschrift und lachen Sie mich deshalb nicht aus, bester Herr Älose, ich befinde mich wirklich in Auftegung wegen des Briefes von Hildegard Schneemann. Nun aber nochmals Adieu und auf Wiedersehen!" Der alte Herr Klose hatte den in zierlichen, aber trotz aller Flüchtigkeit festen Zügen geschriebenen Brief kaum gelesen, so hatte er sich auch schon auf den Weg nach der Villa Alster be- geben. Von der eben erst im Ausbruch begriffenen Hungersnoth im Gebirge hatte er schon gehört, aber nur dunkle, zweifelvolle Gerüchte waren nach P. gedrungen. Er sah den Nachrichten, welche der Brief der Tochter des Oberbauraths enthielt, daher mit Spannung entgegen. Und es war so, wie Wanda gefürchtet hatte; Hildegard Schneemanns Mittheilungen sahen garnicht aus wie Uebertreibungen— sie wiederholten nur mit möglichster Treue, was ein Freund des Betriebsinspektor Lcsser, welcher als höherer Stcuerbeamter viel mit dem Landvolke m Berührung kam, selber beobachtet und berichtet hatte. Da war allerdings jeder Mensch zur Hülfsleistung verpflichtet, soweit er nur immer zu helfen vermochte, und zu unverzüglicher Hülfsleistung, denn hier war offenbar äußerste Gefahr im Ver- zuge. Nun schmiedeten denn die beiden, der alte, welterfahrcne Mann und das siebzehnjährige, lebensunkundige Mädchen, in seltener Uebereinstimmung eine ganze Menge Pläne, von denen einer nach dem andern in raschester Aufeinanderfolge zur Aus- führung gelangte. Herr Klose schrieb seinen von edelster Menschenliebe diklirtcn Artikel; Herr Alster empfahl dem Chefredakteur Schweder auf Antrieb seiner Tochter nicht nur die sofortige Aufnahme desselben, sondern er veranlaßte Schweder auch, einen zweiten Aufruf zur Einsendung von Unterstützungen an Geld, Heizmaterialien und Wintcrkleidungsstücken zu erlassen und sich im Namen der Re- daktion zur Empfangnahme derselben bereit zu erklären; darauf- hin wurde ein Hülfscomits gegründet, zu dessen Vorsitzenden Alster envählt wurde; ferner wurden Wohlthätigkeitskonzerte ab- gehalten; der alte Herr Klose hielt auf Wanda's Bitten mit größter Bereitwilligkeit, ja mit einer Art heiligen Eifers, einen Cyklus von drei Vorträgen über interessante literarhistorische Themata zum Besten der Nothleidenden im Gebirge, und Wanda sorgte dafür, daß die Billets, deren Preis sie selbst, zum großen Entsetzen des Vortragenden selbst, auf drei Mark ansetzte, in ihrem großen Bekanntenkreise untergebracht wurden; ein Wohl thätigkeitsbazar wurde eröffnet— kurz, der ganze Apparat, mit dem die öffentliche Wohlthätigkeit in Szene zu gehen pflegt, wurde aufgeboten, und da er vom besten Willen geleitet wurde, so kamen denn auch in kurzer Zeit beinahe hunderttausend Mark baares Geld zusammen, und für nicht viel weniger wurden Kleidungsstücke, Kohlen, Holz und dergleichen beigesteuert. Selbstverständlich hatte auch Fritz Lauter sein gutes Thcil dazu beigetragen, daß die Flamme des allgemeinen Mitgefühls durch den„Tageskorrespondenten" unausgesetzt angefacht wurde. Fast alle Artikel über den Nothstand, mit Ausnahme des von Herrn Klose geschriebenen ersten und des von Schweder ver faßten Aufrufs, flössen aus seiner Feder; er stellte die Berichte der im Gebirge erscheinenden kleinen Lokalblätter zusammen, zog eigene Berichterstatter heran, indem er sich an die Ortsgeistlichen und die Schullehrer einer ganzen Reihe von Städten und Dörfern wandte und sie zur Einsendung von Schilderungen der Zustände in der von der Roth heimgesuchten Gegend aufforderte, und ließ, s° ost es nur immer ging, den Aufruf zur Unterstützung von neuem abdrucken Eines Tages brachte er unter anden, auch eine Nachricht die große Sensation hervorrief. Die Unter- stützungen. welche von P. ausgingen, waren einige Wochen regel- wäßjg per OrtSbehörde von Oberbergstadt, welches die größte Gstadt in jenem Landestheile war, zur Bertheilung überliefert worden. Auf einmal kamen von verschiedenen selten zugleich Nachrichten ivelche es außer Ziveifel setzten, daß die guten Ober- bergstädter nicht nur zunächst, sondern ausschließlich die Bewohner der Dörfer in der nächsten Umgebung ihrer Stadt bedachten und sich um die von der Roth viel härter bedrängten Weber und Bauern tiefer im Gebirge drin garnicht kümmerten. Diese Nach- richt übergab Fritz, dessen Zuverlässigkeit und Umsicht ihm in der Redaktion schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen hatte, sofort der Oeffentlichkeit mit dem Zusah, daß es am besten sein würde, wenn das Hülfscomite von P. selbst oder Vertrauens- würdige Abgeordnete desselben sich in die nothleidende Gegend begeben und die Bertheilung der Unterstützungen in die eigne Hand nehmen würde. Die Gemeindebehörde von Oberbergstadt versuchte sich zu ver- theidigcn, aber von dem Vorwurfe, die nöthige Umsicht und Un- Parteilichkeit außer Acht gelassen zu haben, vermochte sie sich nicht zu reinigen. Der Vorschlag des„Tageskorrespondenten" fand daher Beifall, und das Hülfscomits dcputirte drei Herren, denen sich ebensoviel ältere Damen anschlössen, ins Gebirge. Kaum zwei Tage war die Deputation fort, so liefen ihre ersten Berichte ein. Sie lauteten trostlos. Die Roth war noch viel größer, als man vermuthct hatte, und viel größere Bevölkerungs- theile waren davon ergriffen. Die bisher eingegangenen Unter- stützungen,— die vom Hülfscomitä in P. gesammelten betrugen mehr als die Hälfte alles dessen, was im ganzen Lande bei- gesteuert worden war,— hatten gewirkt>vie der Tropfen Wasser auf einem heißen Stein. Die Privatwohlthätigkeit niußte sich zu viel umfassenderen Leistungen aufraffen, als bisher, und die Deputation zur Bertheilung der Unterstützungen brauchte Succurs, vier, fünf— nein, wenigstens zehn, zwölf Personen noch mußten ihr helfen, wenn man in den nächsten Wochen alle von der Roth ereilten Dörfer im Gebirge besucht und den Nothleidenden einige Hülse gebracht haben wollte. Man mußte es dem Hülfsconiitc in P. lassen,— es that, was in seinen Kräften stand. Die Aufrufe in den Zeitungen, die Wohlthätigkeitskonzerte, Theatervorstellungen, Vorlesungen u. s.>v. jagten einander, und für guten Besuch und respektable Einnahme Überschüsse wurde immer gesorgt. Aber damit ließ mau sich noch nicht genügen; Herr Alster stellte bei der Stadtbehörde einen Antrag auf Gewährung einer größeren Unterstützungssuinmc aus städtischen Mitteln, und sorgte durch brillante Reden, wie sie P. lange nicht mehr gehört hatte, in der Stadtverordnetenversammlung für die Änuahme seines Antrags. Wanda Alster und Herr Klose waren auch auf einen neuen Gedanken gekommen, dessen Aus- führung viel Geld zusammenbrachte. Sie schlugen vor, regcl- mäßige Wochenbeiträge zu zahlen, und Wanda ging mit lcuch- tendem Beispiele voran, indem sie fünf Sechstel ihres reich bemessenen Nadelgeldes zu opfern sich freudig bereit erklärte. Alle jungen Damen von P., die auch Nadel- oder Taschengeld erhielten, auf das zu verzichten sich lohnte, folgten nach, und den jungen Damen schlössen sich junge und alte Herren und schließlich ältere Damen in großer Zahl und gleicher Opferwilligkeit an. Auch die Landesregierung sah endlich die Nothwendigkeit ein, die Hülfsquellen des Staates zur Hebung des Nothstandes zu öffnen, und so flössen denn Gelder und Unterstützungen aller Art in reichem Maße nach dem Gebirge, und die Deputation des Hülfscomitös von P., das sich in seiner Thätigkeit trefflich be währte, hatte mehr als je alle Hände voll zu thun und rief lauter als zuvor nach persönlicher Beihülfe. Und auch diese wurde ihn, zutheil; ein ganzes Dutzend von Damen und Herren, die sich eines gesunden Körpers und energischen Willens bewußt waren und von dringenden Geschäften nicht belästigt wurden, gingen als Freiwillige nach Oberbergstadt, und unter diesen Frei- willigen befanden sich auch der alte Herr Klose, die Frau Doktor Winter und Wanda Alster. Auch der„Tageskorrcspondent" that ein Uebriges. Er sendete einen Spezialberichlerstatter ins Gebirge und kündigte tägliche Bülletins über den Fortgang der Unterstützungsthätigkeit an. Dieser Spezialbcrichtcrstatter war der gewiegte Journalist Herr Prell, der schon in der ganzen Welt in gleicher Eigenschaft hcrüm gekommen zu sein behauptete und mit der stolzen Versicherung abreiste, er werde beweisen, daß er im höchsten Grade der Haupt tugcnd eines reisenden Zeitungskorrespondenten theilhast sei, jener fabelhasten Eigenschaft der Allgegenwart und Allwissenheit, wie sie nur die berühmtesten Äriegskorrespondenten der berühmtesten Weltblätter enttvickclt hätten. Er schien nicht zuviel behauptet zu haben— der Journalist oomme il kaut. Vom ersten Tage seines Aufenthalts im Gebirge an hagelte es sönnlich von Berichten auf die Redaktion des - 256- „Tageskorrespondenten" hernieder. Heute schrieb er aus dem> den Kopf über diese ungeheure Thätigkeit seines Kollegen, und einen Thalwinkel, von dein selbst landeskundige Einwohner von auch der Chefredakteur war erstaunt, aber nicht grade fteudig P. kaum jemals im Leben etwas gehört zu haben sich erinnerten,! erregt über Prelis quantitativ enorme Leistungen. Die Berichte zeigten nämlich eine merkwür- dige Familien- ähnlichkeit mit einander und litten an einer Ueberwucherung von Mitleids- und Elends- Phrasen, daß der allen Er- güssen zweckloser Schreiblust feindselige Roth- stift des Chef- redaktcurs reich- liche Arbeit fand. Gegen die that- sächlichen Mit- theilungen des Kollegen Prell hatte die Redak- tion weniger ein- zuwenden, dafür illteressirten stch für diesen Theil stiner Thätigkeit Ortsbehörden und Privatleute im Gebirge um- somehr und such- ten dieses ihr Interesse durch ganze große Kränze von Ent- gegnungeu und Berichtigungen zu beweisen. Endlich kam eine mit größter Sicherheit aus- tretende Nach- richt, welche die außerordentliche Bielgeschäftig- keit des Herrn Prell in einem eigenthümlichen Lichte erscheinen ließ. In einem anonymen Schreiben wurde der löblichen Redaktion des „Tageskorrespondenten" mit- getheilt, daß ihr Herr Spezial- berichterstattcr eine erstaunlich einfache Methode erfunden habe, um sich über die Berhältnisse und Borgänge im Gebirge zu in- sormiren: er reise nämlich uner- müdlich zwischen Oberbergstadt und der nächsten morgen aus einem andern, der von dem ersteren fünfzehn Meilen Eisenbahnstation vor Oberbergstadt hin und her und verbringe ans und mehr entfernt lag. In zehn Tagen hatte er aus zehn ver- dieser Station Tage und Nächte mit Kneipen und Hazardspielen, schiedencn Orten Berichte gesendet. Fritz Lauter schüttelte bedenklich ebenso wie er es in Oberbergstadt thue.(Fortsetzung folgt.) I Die Sternwarte des Benediktinerstifts Kremsmünster.(S. 264�) I 258 Die deutschen Vor- und Tausnamen. Von W. Mittich. (Schluß;) Beziehung auf das Volksganze, dem einer angehörte, wurde genommen durch Zusanimensetzungen mit dem Worte Volk oder Thinda, Theoda, Diet, was dasselbe bedeutet. Volkmar oder Dietmar ist gleich der im Volke Berühmte, Dietrich gleich der durch Reichthum unter dem Volke hervorleuchtet, oder dem viel Volks als Heerführer gehorsamt; Hrod, Rod, Rud in Zusammen- setzung bedeutet Lob und Ruhm, Mogin— Megin soviel wie Biacht und Ansehen. Rat gleich Rath, Wohlberathenheit, und Hogu gleich Sinn, Gedanke, weisen auf das Gebiet des Ver- standes, der natürlich auch seine anerkennende Werthschätzung fand. Eine reiche Fülle von Namen läßt sich schon aus diesen wenigen angeführten Elementen zusammensetzen oder ableiten und danu wieder auflösen und erklären. Da ziehen sie vor unserin geistigen Auge vorüber, die Recken der Vorzeit, die Siegfried, Gunther, Dietrich, Hugdietrich, Wolfdictrich, Rotherich, Rother, Walther, Gundomar, Thiodolf, Wigolf, Guntram, Hildebrand und Hadubrand, Volkmar, Diethelm und wie sie alle heißen, und geben uns ein Bild, eine Ahnung von dem,>vas unsere Altvorderen waren in altersgrauer Vorzeit. Das eigenste, was der Mensch besitzt, das ist sein Name. An dem Laut desselben erwacht sein Bewußtsein, und wenn schon längst Gras über seinem Hügel wächst, so lebt das Andenken noch fort in seinem Namen. Je weiter wir in das Alterthum hinaufsteigen, um so zahlreicher und um so sinnvoller werden die Nanien. Ihren Stolz wie ihre Sehnsucht, ihren Glauben und ihren Aberglauben, ihre ganze Lebensanschauung legen ursprüng liche Völker in ihren Namen. Und all' das spiegelt sich treulich wieder in den altgermanischen Personenbenennungen. Auch der Glaube spielt seine Rolle bei unserm Gegenstand. Wenn auch nicht die Götternamen selbst den Menschen beigelegt wurden, so doch Zusammensetzungen, welche Beziehungen zu den „Ewigseienden" aussprechen, wie Frowin, d. i. der Freund des Gottes Fro, Godwin ist der Gottesfreund im allgemeinen; Oswald deutet auf Asen, die Bezeichnung der Himmelsgötter, hin, und Alfred und Albcrich hängen mit den Alfen oder Elfen zusammen. In modernen Adreßbüchern kann man noch weitere Spur davon finden; so habe ich in verschiedenen den alten Sturmriesen Fasold angetroffen. Thusnelda, den Namen der Gattin Armins, der die Schlacht im Teutoburger Walde gewann, erklärt Grimm als Thursinhild, d. i. Riesenkampf, und die Riesen, die in den meisten Religionen eine große Rolle spielen, sind in der Regel nichts anderes als Sinnbilder der rohen Naturgewalten, älteste Götter, die schon in heidnischer Zeit von mehr innerlich aufgefaßten Göttergestalten ans ihren Himmeln gestürzt wurden.'Eine höhere Gesittung brachte edlere Götterpersönlichkeiten mit sich, und wenn die Römer später jede Tugend allegorisch zu einer persönlichen Gottheit er- hoben, so ging freilich nach der andern Seite den Göttern immer mehr ihre Persönlichkeit verloren. Bei Betrachtung dieser mit altheidnischer Religion zusammenhängenden Namen tragen wir nach, daß unsere Ueberschrift Tausnamen ihre Berechtigung wohl hat, indem die Taufe nichts spezifisch Christliches ist, sondern eine rechtlich-religiöse Ceremonie, bei der symbolisches Besprengen des zu Taufenden mit Wasser, eine Abwaschung, auch bei den alten Germanen stattfand. Auch waren den christlichen Pathen entsprechende Taufzeugen dabei anwesend, deren Namen häufig dem Kinde beigelegt wurden, meist die des Oheims von mütterlicher Seite oder des Groß- vaters, welche besonderen Einfluß auf den jungen Erdenbürger erhielten. Auch kam es vor, daß man von zwei Namen je einen Bestandtheil nahm und diese zu einem neuen zusammensetzte, wie denn fast alle ältesten Namen zusammengesetzte waren, obgleich auch einstämmige, wie z. B. Karl u. a. m., sich finden. Wie frühe aber schon die Namen in ihrer Bedeutung nicht mehr ver- standen ivurden, beweist der Umstand, daß oft zwei solche zu- sammengesetzte Theile sich einander aufheben, wie z. B. in dem Mädchennamen Fredegund, d. i. Friede-Krieg oder Krieg-Friede! Die letztbehandelte Gruppe von Namen bildet den passenden Uebergang zu der folgenden, welche aufkam, als ein neuer Glaube Mode wurde in Deutschlands Gauen. Als die alten Heiden- götter dem christlichen Platz machen mußten und im Volks- glauben zu Teufeln und Dämonen herabsanken, brachte man die neuen Namen, die den Täuflingen beigelegt wurden, in eine, dem Glauben nach, glück- und heilbringende Beziehung zu dem neuen Allvater oder irgendeiner Person seines Himmels, wobei das Buch der Bücher als Vorrathskammer von Namen benutzt wurde. Davon waren auch die Namen des alten Testamentes nicht ausgenommen, wozu ein deutscher Namenforscher bemerkt: „Es ist überhaupt ein tragikomischer Zug in unserer christ- lichcn Kultur, daß wir den Juden all' ihre bedenklichen Geschichten, Sinnsprüche, Weisheitsregeln, das Beste ihrer Religion, ihre Namen, ihre Heiligen und sogar unfern Erlöser abborgten und sie zum Danke dafür immer schunden, hingen und brieten. Die Geschichten Dietrichs von Bern, Karls des Großen, Otto des Großen, von Christoph Schmid für die Jugend bearbeitet, würden mehr moralische Eindrücke hinterlassen, als die unmoralischen Geschichten von König Saul, David und Salomo. Die deutschen Kinder werden immer so erzogen, als wenn sie recht tüchtige Juden werden sollten. Sie müssen alle hebräischen Mythen auswendig lernen, doch von der deutschen Vorzeit hören sie nichts!" Das bischen Teutonismus»vollen wir mit in den Kauf nehmen, das Wort hat ein� Korn Wahrheit. Kirchliche, biblische und reli- giöse Namen, d. h. hebräisch-griechisch-lateinische, wurden Massen- Haft eingeschleppt. Am frühesten der Drachentödtcr Georg, hinter dem der Deutsche so ein Stück Siegfried schmecken konnte, der ja auch Drachen getödtet hat; dann Johannes, wegen seiner privilcgirten Stellung unter den zwölf Aposteln, als„der, den der Herr lieb hatte". Am zahlreichsten hielten diese Fremdlinge ihren Einzug in der Zeit nach der Reformation, die Josef, Johann, Jakob, Matthias beginnen immer häufiger zu werden. Daneben- her gehen Neubildungen in ächter, deutscher Form, Traugott, Leberecht, Fürchtegott und ähnliche mehr. Bei größerer Bölkerbewcgung wanderten auch viele andere fremde Namen bei uns ein. Die Nameil verdienter und berühmter Männer wurden begreiflicherweise um ihres ehrenvollen Klanges willen zunächst aufgenommen, wie man umgekehrt ver- haßte Namen nicht Wohl gern seinem Kinde beilegen mochte: Nero hat es zivar zum Hundenamen gebracht, als Personen- name ist er wohl nicht häufig gebraucht worden, ebenso wenig Judas, wegen des Verrätherischen, geldgierigen Judas Jscharioth, der Christus verrieth. Hier waltete nur, wie in anderen Dingen auch, übermächtig die Göttin Mode, die schon in alter Zeit eine große Rolle spielte. Wilhelm ivab im 12. Jahrhundert ein in Frankreich sehr beliebter Name; als ein Herzog von der Normandic auf den Einfall kam, seine gleichnamigen Gäste allemal an einen Tisch zusammenzusetzen, saßen an dem Wilhelmstisch litt Personen, und da waren nur die Edlen, nicht aber ihre Leute mitplacirt. In der Zeit des Humanismus wurden große Äiamenanleihen bei den alten Griechen und Römern gemacht und es wimmelte in deutschen Gauen von Leuten, die Cäsar, Achilles, Scipio, von Mädchen, die Dorilis, Amaryllis und ähnlich hießen. In der Zeit der Verwelschung Deutschlands, vom dreißigjährigen Krieg und weiterhin bis zu Goethe's Zeit, waren die durch den fran- zösischcn Schmelztiegel gegangenen griechischen und lateinischen Namen besonders nobel. Da begegnen uns in Leben und Dichtung auf Schritt und Tritt die Horace, die Leander, ja auch ein Herr Alceste ist von da zu uns gewandert, den es sonst nie gegeben hat, da das Griechische, ivoher dieses Monstrum stammen soll, nur den Frauennamen Alkestis kennt! So gehen mit Ueberkultur allemal Sprachverderberei und Sprachbarbarei Hand in Hand. Hier war eben die deutsche Gründlichkeit in die Brüche gegangen, wie ich schon einmal bei den Fremdwörtern zu zeigen Gelegen- heit hatte. Im Gegensatz zu diesen vornehmen Herrschasten finden »vir als Bezeichnungen für den„gemeinen Mann" Namen wie Hinz und Kunz, die Abkürzungen von Heinrich und Konrad, und Scherzbildungen»vie Stax und Matz; diese an Schimpf- nainen grei»zenden Benennuicgen»varen für den Pöbel da, für den jene zu gut»varen! In manchen Dichtungen steigt denn auch nicht selten ein solcher seiner, patschulidufteuder Leander von seinen Höhen herab, um einem guten dummen Stax Hörner auf- zusetzen oder ein andres gebranntes Herzleid anzuthun, und— wunderbar zu sagen!— die Dichter und ihr Publikum finden das allerliebst, drollig! Noch wunderbarer aber ist, daß das Volk auch selbst gemeint hat, die Namen zerfielen in Klassen, von denen gewisse für es nnzugängig, wenigstens nicht schicklich seien. So sträubte sich ein dem Verfasser befreundeter Familienvater, seinen Neugeborenen Walther zu nennen, weil dieser Name„zu vornehm" sei! Der Junge heißt nun Karl, als ob dieser Name, den Kaiser und Könige getragen, weniger„vornehm" wäre! Bei jenem vor- geschlagenen Namen hat sich nun einmal das Volk eingebildet, weil er nicht so weit verbreitet ist, wie der andere, er müsse etwas Rareres, Edleres sein, und alle Einwendungen des Verfassers, daß derzeit die Sprache noch Gemeingut aller sei, wie die Luft und der Sonne Licht, fruchteten nicht das Geringste! Wir wollen nun zum Schluß gestehen, daß wir immer eine rechte Freude und Lust an alten deutschen Namen gehabt haben, aber wir achten auch die schönen, bedeutsamen Fremdnamen. Ein deutsches Äind und ein deutscher Name ist für uns ebenso wenig ein Widerspruch, wie ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts und ein altgermanischer Name. Wie einer heißt, ist gleichgiltig, wenn er seinem Namen nur Ehre macht, er braucht Die Urgeschichte Von Dr. Der Wissenstricb läßt die Menschen nimmer ruhen. Alles möchte der sterbliche Geist erkennen; zumal in der Jugend gleicht die Sehnsucht nach allumfassendem Wissen geradezu dem körperlichen Gefühl des Durstes und heißt daher auch wirklich Wissensdurst. Derselbe kann bis zur Krankhaftigkeit gesteigert werden und führt dann, wie jede Uebcrtrcibung, zum Uebcl. Denn er erstreckt sich nicht nur auf die gesammte Welt der Erscheinungen, sondern es sucht noch hinter den sichtbaren Dingen die rastlos schweifende Einbildung ein geheimes Leben und malt sich leichtgetäuscht eine eigene srcierfundcne Welt von Schemen aus.— Auch die unbekannte Zukunft möchte der Mensch durchdringen und aus diese widersinnige Wißbegier ist von jeher eine Reihe der selt- samsten Täuschungen gegründet worden, die sogar staatliche An- erkcnnung fanden und z. B. bei den Römern allen Ernstes zu religiös-politischen Institutionen Anlaß gaben. Nicht minder verlangend richtet sich in die ferne Vergangenheit der träumerisch forschende Blick. Da jedoch besonders muß man sich vor dem luftigen Spiel betrüglicher Hypothesen hüten und den ganzen strengen Ernst der Wissenschaft bewahren. Es ist so verlockend, schnellfertige Schlüsse zu bauen, die ermüdende Arbeit des angestrengten Suchens abzukürzen und als vollsicheren Besitz anzunehmen, was kaum erst halb verbürgt ist. Aber der nie rastende Verstand untersucht jede schwache Begründung von neuem und findet die mangelhaften Seiten eines scheinbar wohl- gesicherten stolzen Gebäudes bald heraus. Nur Schritt fiir Schritt darf man vorgehen. Zu klein ist der Vorrath zuverläs- siger Urkunden vor aller Schrift und sehr gering daher die Anzahl wissenschaftlicher Wahrheiten, welche sich auf die Urzeit unseres Geschlechts und seines irdischen Wohnballs beziehen. Wir wollen die hierüber augenblicklich geltenden Ansichten unseren Lesern in nachfolgender Zusammenstellung vorführen. Das allgemein bei den alten Völkern— nicht nur in der Bibel— uns aufgerollte Gemälde eines paradiesischen Zustandes im Anbeginn der Menschheit darf, verständig aufgefaßt, nicht für ganz unrichtig gelte». Eine Vergleichung mit den sogenannten Wilden lehrt nämlich, daß geregelte Arbeit, ermüdendes Denken, maßvolle Selbstbeherrschung nichts uns Angeborenes ist. Im Gegenthcil glaubt die Mehrzahl der heutigen Forscher annehmen zu müssen, daß der Urmensch»ach Art der baumdurchkletternden Vierhänder unbekleidet auf geflochtenen Zweigen, in leichtverwcb- ten Astnestern lebte, von Früchten genährt und in kleinen Fa- Milien sorglos zusammenhauscnd; wahrscheinlich noch sprachlos. Denn es gibt Gründe, welche uns anzunehmen zwingen, daß die Rassen, im Großen genommen, sich schon getheilt hatten, ehe die Sprache erfunden Ivar. Demnach könnte die Sprache kein ur- sprünglicher Artunterschied heißen, nicht das charakteristische Kenn- zeichen der Menschheit sein. Der aufrechte Gang erleichtert die- ihn nur zur Wahrheit zu machen, da die Namen fast alle eine gute, ehrende Bedeutung haben bei allen Völkern, wenn nicht grade, wie bei den Neuseeländern, die Sitte herrscht, dem Kinde den Namen eines Vogels, eines Flusses, eines Eilandes oder von sonst einem Naturgcgenstand beizulegen. Und nun noch zum Schluß eine Bemerkung über die Zahl der Namen, welche eine Person trägt. Das Natürlichste und Ursprünglichste ist, nur einen Namen für eine Person zu gebe». Von dem Familiennamen soll hier garnicht die Rede sein, das wäre ein ganzes Kapitel für sich. Nichtsdestoweniger legte man aber später einem Täufling oft mehrere Namen bei, besonders war dies bei gekrönten Häuptern der Fall, die dafür eigentliche Familiennamen nie führen. Ein spanischer Infant, der geboren ward, bekam nicht weniger als vierundfünfzig Tauf- »amen. Diese Sitte(oder Unsitte?) fand nun auch Eingang in bürgerliche Kreise und rief landesherrliche Verordnungen hervor, welche eine gewisse Grenze für die Zahl der Taufnamen fest- setzte; so erlaubte die Magdeburger Kirchenordnung vom Jahre 1685 nur zwei derselben. Wiewohl der Stoff hiermit noch keineswegs erschöpft ist, nehmen wir für heute Abschied vom freundlichen Leser, vielleicht auf Wiedersehen auf diesem Gebiet! der Menschheit. I. Ironie. jenigen Kehlkopfopcrationen, die das artikulirte Sprechen hervorbringen; darum sagt man, vermögen die gefiederten Zweifüßler allein unter den Thicren dem ungefiederten Zweibein nachzuspre- che», d. h. gegliederte Laute zu erzeugen. Der aufrechte Gang des Menschen, sagt man ferner, wäre nur etwas späterhin Erlerntes, nichts Angeborenes. Auch die Liebe zu Glanz und Putz theilt der Mensch mit den Vögeln; sie erscheint also dem unbefangenen Blick ebensowenig wie Gang und Sprache als das unterscheidende Merkmal des Menschengeschlechts. Der englische Reisende Wallace hat uns wunderbare Schilderungen von reizend geschmückten Lufllauben der Paradiesvögel entworfen. Die Künste des Nestcrfrnuens, Webens und Mörtelns, wird der vorurtheils- freie Beobachter sagen, sind im Vergleich mit den rohen Zu- ständen botokndischcr Laubhütten gerade so gut wie die Zellen der Bienen und die Wunderbauten der Termiten dem Kunstsinn der Urmenschen weit überlegen. Auch darf man sie nicht, nach einer etwas plumpen Auffassungsweise, für Aeußernngen eines dumpfen Instinkts erklären, die Vcrfertiger solcher Kunstwerke nur als aufgezogene Uhrwerke ansehen. Hiergegen spricht schon logisch der Begriff des Kunstvermögens; denn auch der menschliche Künstler hat einen dunklen Drang in seiner Seele, das vor- geahnte Werk, einem innerlich geschauten Zweck cutsprechend, ideal, d. h. allseits vollkommen zu gestalten. Diesen dunklen Zweck nun fühlt auch das künstelnde, schmückende, schaffende Thier in seiner Seele vorweg, sucht ihn in die sichtbare Wirklich- keit hinaus mit dem gegebenen Stoffe darstellend auszuführen, zu erfüllen. Auch ist noch kcineslvegs erwiesen, daß die kunst- begabten Thiergeschlechter sich seit Anbeginn der Schöpfung nie verbessert, ihre Thätigkcit nie vervollkommnet hätten. Im Gegen- theil fand man Entwicklungen der Ameisenarten, die geradezu an menschlichen Fortschritt erinnern. Hierher rechnen wir nicht nur die, wie Darwin nachgewiesen, allmählich erst entstandene Jnsti- tntion der Sklaverei bei gewissen Spezies, sondern auch die durch einen seiner stillbegeisterten Nachfolger in Italien entdeckte Kunst einiger dortigen Ameisengattungc», ihr geerntetes Getreide zu mälzen, d. h. die Angewöhnung derselben, ihre eingesammelten Körner zu entkeimen und durch Dörren zur Zuckergährung zu bringen; nicht minder— wenn auch umgekehrt aufzufassen— gehört hierher die dem veränderten Klima angemessene Abgewöh- nung des Honigsammelns bei den australischen Bienen u. dgl. m. Ueberhaupt muß man von vornherein Verdacht hegen, wenn sich Stimmen gegen die Gleichstellung des Thier- und Menschen- geistes erheben. Der Rassenhochmuth ist gemeinhin Ursache sol- cher Bekämpfung des einfach Gegebenen: nämlich der Annahme, daß die Geschlechter der nährenden Erde im Urkeim gleich sein müssen. Widersacher dieses uranfänglichen Grundgedankens haben auch oft noch andere, noch dunklere Gründe zum Verketzern eines 260 so einfachen Gemeinplatzes, den die Alten sorglos als selbstver- ständliches Denkgesetz hinnahmen. Man fürchtet für die„Grund- Wahrheiten der Religion", wenn die Btenschenseele für nichts Besseres als die thierische erklärt werden soll. Nun! darauf aut- ivortet schon der frömmste aller christlich germanischen Dichter, Klopstock, in seiner Frühlingsfeier. Dem Grade, nicht der Art nach, verschieden sind Men- schengeist und Thiergehirn. Durch die einzige, graduellgesteigcrte, Höherentwicklung des, in seiner Urbeschaffenheit gleichartigen, Denkens hat der Mensch sich über die anderen dumpfen Geschlech- ter der kinderreichen Erde zn erheben gewußt. Zeine Intelligenz sing aber sehr bescheiden an: Beweis die Njam-Njam! Fm Putzen des eigenen Körpers erst offenbart sich der zum Selbst- bewußtsein aussteigende Mensch zuvörderst unserm forschenden Blick als ein vom anderen Säuger- und Bogelgeschlecht verschie- denes warmblütiges Wirbelthier: als eine höhere Spezies der Gattung domo, zu der ein unbefangener Denker wie Linns auch die Affen bekanntlich rechnete;— zugleich mithin als denkende Abart der Gattung, als domo sapiens. Ja, die Sucht, den eigenen Körper mit fremdartigen Sachen zu putzen, ist, soweit wir bis jetzt wissen und sehen, dem Men- schen allein gegeben. Dies Thun nämlich setzt voraus eine Unterscheidungsfähigkeit des eigenen Ich, wie sie nur der Hände- begabte Zweibein allein sich erworben hat. Unendlich langsam war natürlich der Fortschritt bis zum wirklichen Selbstbewußtsein — von jenem ersten Anfange an, da der Mensch seinen Körper als Gegenstand für seine Seelenthätigkeit gleichsam objektivirte, d. h. wie etwas Fremdes förmlich von sich selbst ablöste. Ge- macht aber war der Ansang durch den ersten Schritt des Behän- gens mit anderen Dingen, des Tätowirens, des Durchbohrens der Lippen, Ohren, Nase. Dies Alles nun setzt wieder voraus die Uebung im Gebrauche von Werkzeugen, mit denen gleichsam spielend, sich zuerst der Mensch den eigenen Körper zu stechen und zu schaben gelernt haben mag. Der Gebrauch von Werkzeugen konnte bisher bei keinem der menschenähnlichen Affen, geschweige denn bei irgend einem ande- ren Thiere, nachgewiesen werden. Nun beruht aber alles künst- liche Wirken der greifenden Menschenhand zu allerletzt auf diesem allein endgültig das Menschengeschöpf von anderen Wesen unter- scheidenden Merkmal seiner Gattung, dem Gebrauch von Werkzeugen. Wo immer daher z. B. mit Steinen zerklopfte Mark- oder Röhr- knochen gefunden werden, vermuthcn wir die Existenz des Men- schen; wo Feuersteine in Messerform auftreteu, kann man gleich- falls schwer an ein Naturspiel glauben; wo aber gar gebrannte oder auch nur au der Sonne gehärtete Thonscherben liegen: ist die Anwesenheit von Menschen unbezweifelbar. So sind wir denn beim ersten Punkt unserer Betrachtungen angelangt. Gebrannte Scherben sind kein Naturgewächs, wie noch vor 400 Jahren allgemein von den ausgegrabenen Urnen geglaubt ward. Bersteinerte Knochen sind ebensowenig als die nach Bol- taire von Pilgern auf hohe Berge verschleppten Muscheln Zu- fälligkeiten. Selbst Leonardo da Vinci war schon klüger und gründete die Paläontologie oder Urzeitkunde durch seine verstän- dige Erklärung der Petrefakten. Wenn aber letzere nur die Geschichte der Erde und ihrer pflanzlichen wie thierischen Urbewohner enthüllen, da noch kein versteinerter Mensch in unbestreitbar sicherer Urschicht gesunden ist, so offenbart sich der eigentliche Urmensch uns in den steiner- neu oder versteinerten Resten seiner Existenzmittel. Bon diesen urgeschichtlichen Funden also wollen wir reden. Es sind: 1. die Topfscherben oder auch ganze Gefäße; 2. die Steinwerkzeuge; 3. die Mahlzeitspuren und-Reste. Tief unter dem Nilschlamm Aegyptens finden sich Scherben in einer Schicht desselben, die auf ein Alter des Menschengeschlechts von Jahrzehntausenden hinweist. Längst ist man diesen und ähnlichen Weisthümern gegenüber zu der festen Annahme gelangt, daß die Jahre der biblischen Urzeitrechnung nicht mit unserer jetzigen Zählweise zu vergleichen sind. Die Geschichte der Mensch- heit ist nach Graf Adolf Schacks poetischer Fassung„Jahr- hunderttausende" alt. Hierauf leiten auch ganz andere Betrachtungen hin. Dies Jahrhundert hat Wissenschaften geboren, von denen die früheren Jahrhunderte nichts geahnt: vor allem die Bergleichung der Sprachen und Mythen. Aus ihr aber hat sich endlich nun die jüngste Wissenschaft der Völkerpsychologie entwickelt, welche die gesammte Geisteswelt des Menschthums zu umschreiben sucht. Wie jung auch immer das ganze Gebiet dieser gelehrten Sammel- Wissenschaften sein mag, die geradezu unzählbare Masse Mitarbeiter hat ihnen zu einem ungeheuren Aufschwung verholfen. Die ruhigste Betrachtung aller bis jetzt gesammelten Ergebnisse zwingt dazu, von unserem Geschlecht eine Dauer vorauszusetzen, die weit alle bisherigen Schätzungen überragt und sich den Riesenzahlen alt- indischer Zeitrechnung nähert. Beispielsweise lehrt die Sprachgeschichte, daß Abänderungen, wie Jakob Grimm sie entdeckt und„Lautverschiebung" genannt hat, allein schon immer nach vielen Jahrhunderten erst sich vollziehen. Nimmt man nun an, daß die s. g. indogermanischen Sprachen ihre Veränderungen, die weit durchgreifender sind, in vcrhältniß- mäßiger Zeit vollbracht haben, so führt auch diese Annahme wie- der auf Jahrzehntausende, wie der Fund ägyptischer Thonscher- den und die steinwerkzeuge s. g. vorsintfluthigcr Schichten oder die dänischen Kjökkermöddings, d. h. Küchengemüll, zusammen- gebackene Reste von Mahlzeiten der Urmenschen mit Spuren von Thieren, die jetzt in Europa ausgestorben find. Beispielsweise findet man Austernschalen auf dem Festlande der Ostseeprovinzcn, obwohl die allzu salzarme Ostsee keine Austern mehr nährt. Dieselben entstammen demnach muthmaßlich einer Zeit, da die Ost- see noch mit dem Weißen Meer zusammenhing. Nun aber hebt sich die ganze finnisch-skandinavische Platte so langsam, daß auch diese Ausrechnung wieder aus ein Alter der menschlichen Ostsee- anwohner führt, welches weit in die Jahrtausende rückwärts reicht. (Schluß folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Hlofenverg. (Fortsetzung.) Wie ein Schiffer nach einer gefahrvollen Fahrt mitten im weiten Ozean ein kleines, grünes Eiland begrüßt, an dessen Gestaden er sein Fahrzeug ankern läßt, um sich endlich einmal einen Tag der Ruhe zu gönnen,— mit demselben frohen Gefühle schlug ich gestern hier meine Wohnung auf. Von meinem Fenster aus begrüße ich den ruhig dahinströmenden Fluß mit seinen waldigen Ufern. Ein liebliches Bild, das sich da vor meine Augen stellt, und ein Hauch der Freiheit zieht durch meine kranke Brust. Mir ist um vieles wohler, als in der letzten Woche.— Ich hoffe, nicht mehr so schrecklich zu träumen, wie in der vorigen Nacht.— Alles Fürchterliche, was sich eine Fieberphantasie nur zusammenreimen kann, hatte sich in diesen kurzen Traum hinein- gedrängt. Ich will die Erinnerung durch Beschäftigung endlich zu tödten suchen. Mein lieber Vater! Du ftagst mich, aus Besorgniß miß- trauend, ob es denn wirklich die Thätigkeit meines Berufs allein gewesen sei, die meinen sonst so gesunden Körper untergraben?— Ich habe darauf nur ein einfaches Ja. Nichts mehr, nichts weniger. Soll ich noch einmal die jüngste Vergangenheit schil- dern?- Laß mich schweigen, mein lieber Vater, laß mich ver- geyen und laß mich der Ruhe genießen!— Ich habe gelernt, viel gelernt; mein Auge ist geschärft, mein Urtheil ist tiefer ge- worden. Ob ich nach Berlin zu meinem Berufe zurückkehre?—-7 2öenn mich nicht die Roth zurückdrängt, dann: Nein!— 3$ höbe einen Plan, den ich aber noch nicht entdecken will. Man muß nicht zu früh aus der Schule plaudern; das ist Art der schwatzer, nicht der Männer.— Fürchte nicht für meine Zu- co I.! OD'ai,9c ich selbst das Steuer nicht verloren, ist keine Roth.— Bruder Gustav ist schon seit vier Wochen in der Lehre- Es fteut mich, zu hören, daß er mit Fleiß bei der Arbeit ist- L-m jeder Arbeiter, der seines Geschäftes Herr ist, verdient die Achtimg, die keinen Unterschied der Arbeit kennt und nur nach Gesinnung und Fleiß fragt. Gustav ist ein offener Kopf. Er wird bei einiger Aufmunterung schon zu einer achtungsiverthen Stellung emporschreiten.— Ach, bloße Wiffenschaft macht den Menschen nicht aus! Das sehe ich täglich mehr ein und beeifere mich auch, die Vollkommenheit des Herzens zu erlangen.-- Aus dem£agtbud). Mein neuer Stundenplan ist fertig. Früh morgens mit den Hühnern verlasse ich mein Lager, nehme in einem Nachbarhaus meine Milch ein, mache dann einen kleinen Spaziergang und kehre zurück, um mich mit meinen sehr vernachlässigten Wissen- schaften zu beschästigen. Mittags bin ich dann ziemlich erschöpft, eine längere Ruhe und eine weniger anstrengende Arbeit ist eine naturnothwendige Forderung. Während in Berlin um diese Stunde erst das richtige Leben beginnt, treibt es mich hier schon zum Schlaf. Ich fühle, daß diese veränderte Lebensweise auf mein Gemüth besonders wohlthuend einwirkt. Ich bin poetischer seit einigen Tagen, seitdem neue Empfindungen den traurigen Eindruck der letzten Erlebnisse verscheucht haben. Ost, ja mehr als zu oft, denke ich trotzdem noch nach Berlin zurück, und wenn ich glaube, recht fern zu sein, bin ich mit meinen Gedanken bei Luise Bürger oder bei dem ehemaligen Heldentenor. Dann werde ich wieder traurig und komme mir selbst recht elend vor. Die freie Zeit, die ich mir sparsam gönne, benutze ich meist zu Spaziergängen nach Sanssouci und anderen sehenswerthen Plätzen. Da Potsdam an Wochentagen eine gradezu todte Stadt ist, so stört mich niemand in meinen Betrachtungen. Auf einer einsam gelegenen Bank, von einem lauschigen Plätzchen aus, hänge ich meinen Träumereien nach, dichte zuweilen auch einige Verse und versuche, meinen Gedanken lauten Ausdruck zu geben. Ich habe mich nicht an die Etiquette einer lästigen Welt zu kehren, und lebte so recht angenehme Tage, wenn nicht zuweilen die Zukunft wie ein schwarzes Gespenst auf mich losschritte und meinen Frohsinn verjagte.— Dann ist es jedesmal aus mit meinem Stillleben, an die Stelle der beschaulichen Lyrik tritt die geharnischte Dramatik, und mehr gezerrt als selbststrebend, greife ich zu nicinen Büchern, die mir aus dem Dienst der Sklaverei zur Flucht verhelfen sollen. Ein freundlicher alter Herr, ein Doktor, der in unserm Hause wohnt, hat mir seine Bibliothek zur Verfügung gestellt, und darin ist soviel schwer Geschütz, daß es für meinen Geist ein rechtes Labsal ist, damit eine Zeitlang arbeiten und die Beschränktheit des lieben Hirnkastens bombar- diren zu dürfen. Mein Tisch ist mit Folianten belagert, und ich hätte nur einen Wunsch: ohne Unterbrechung, tagaus, tagein, mit diesen Zeugen menschlichen Strebens und Wissens thätig ver- kehren zu können. Leider aber bin ich nur ein Mensch, und obendrein ein recht armseliger, kranker Mensch, und mein Kopf und meine Brust mahnen mich oft mehr als eindringlich an diese Erkenntniß des Ich.„Du anmaßender Gesell," spricht eine Stimme in mir,„der du aus deinem winzigen Stück Unglück einen Berg zusammenbläst, denke an die Unglücklichen in den fassen, in den Dachstuben der Hauptstadt!— Sahst du nicht selbst die wahre Gestalt des Elends?— Und du?— Bist du nicht ein Glücklicher unter jenen allen? Geh, und prahle nicht mit eingebildetem Unglück!"— Theuerste Seele! Zu dem beifolgenden Bündel, das ver- lchiedene Auffätze von meiner Hand enthält, will ich nur noch ?mige Bemerkungen machen. Vermeide jede Rücksicht, die man lonst einem Freunde zuwendet, und sei ein recht strenger Kritikus. Rur so lerne ich, und lerne Dich noch höher schätzen. Wo Du mnen Schnitzer findest, da markire; wo Du mich aus falschen Wegen findest, da halte inne und bedeute mich des Jrrthums; ch einem Worte: Laß nichts durch Deine Finger gleiten, was "'cht Deinen Beifall hat.— Unter den Manuskripten befindet >>ch ein Auffatz über Religion und Glauben. Ich habe mit vieler *chst dieses Thema behandelt und glaube, damit eine Deiner flieblingsbetrachtungen getroffen zu haben, in der Du ganz be- sonders sattelfest bist. Bisher hielt ich, trotz Deines öfteren Dahnens und Hinweises, das Erörtern dieser Fragen für wenig �nchtbringend ja eine Art von Scheu empfand ich, wenn zu- mllig das Gespräch sich darauf richtete, aber jetzt habe ich ein- gesehen, daß man vor allem darauf bedacht sein muß. über die Grundfragen sich ins reine zu setzen, ehe man sich mit den Kon- eyuenzen aus denselben beschäftigt. Gründlichkeit und Klarheit sagte immer einer meiner Lehrer, wenn wir in der Mathematik Seiltänzersprünge machten, und Du bist ganz der Mann, hier aus voller Seele beizustimmen und zu rufen: Endlich also doch!— Ja endlich, mein Theuerster, bin ich auch in diesem Punkte auf Deiner Seite, und ich will Dir nicht verheimlichen, wie ich dazu gekommen bin. Meine Wirthin, Frau Sander, eine intelligente, recht belesene Person, fragte mich am vorigen Sonntag-Vormittag, ob ich zur Kirche ginge. Ich sagte ihr, daß es nun wohl zwei Jahre her sein möchten, seitdem ich eine Orgel gehört, daß ich im übrigen aber auch nicht den geringsten Trieb besäße, mir in der Kirche etwas erzählen zu lassen, was ich weit schöner und besser bei mir zuhause mit Muße und Andacht in mich aufnehmen könnte.— Frau Sander ließ sich durch diese Antwort nicht be- friedigen, sondern fügte hinzu: Sie sind doch kein Atheist?— Ein Zweifler bin ich, versetzte ich, kein Atheist. Mein Glaube geht durch die Pforte des Wissens und meine Seligkeit ist Aus- fluß meines Verstandes.— Sie nickte darauf, nahm ihr Gesang- buch und wünschte mir einen guten Morgen.— Am Montag früh, als ich inmitten meiner Bücher saß, suchte sie mich auf, und nach einigen unwichtigen Redensarten brachte sie das Gespräch auf den„Glauben". Sie erzählte mir, daß sie vor Jahren in Dresden bei einem Gelehrten gedient habe, der auch ein Gottes- leugncr gewesen und sich öfters, wenn die Gelegenheit sich geboten, bemüht habe, sie der Kirche abtrünnig zu machen. Das sei zwar nicht möglich gewesen, habe jedoch bewirkt, daß sie sich eifriger in der heiligen Schrift umgesehen und so ihren ererbten Glauben gekräftigt und gestärkt habe. Dafür wisse sie dem Gelehrten noch heute Dank.— Da ihre ganze Redeweise und die Art, wie sie über den Gelehrten sprach, meine Opposition herausforderte, so enthüllte ich ihr meine Ansichten mit sanftem Eifer, sodaß Frau Sander über meine Suada überrascht war und gestand, ich hätte eigentlich das Zeug zu einem guten Pfarrer, für den wäre ich nun steilich leider verloren, denn ich sei ein höchst ungläubiger Mensch. Fast kein Tag vergeht mehr, an dem nicht Frau Sander mit mir religiöse Betrachtungen pflegt. Sie ist eifrige Zuhörerin, wirft mir wohl eine oder die andre Bibelstelle ein, aber sie bleibt beim Alten, wie so ziemlich alle Frauen, indem sie kopffchüttelnd sagt:„Das ist alles recht schön und richtig. Sie sind ein recht kluger Mensch, aber— ich glaube es doch nicht. Ihre Ansichten sind vermessen!"— Während ich heute wieder auf meinem gewohnten Platze im Parke saß und in mein Notizbuch einige Gedankenspäne ein- zeichnete, bemerkte ich auf einmal in meiner Nähe einen kleinen Knaben. Seine Kleidung ließ mich vermuthen, daß es das Kind eines vornehmen Mannes sei. Er sah mich forschend an und näherte sich mir mit stolzer Miene.„Was machst du hier?" fragte er mich.„Ich schreibe," sagte ich lächelnd.—„Was schreibst du?" fragte er weiter.„Das verstehst du noch nicht, mein Lieber," entgegnete ich im vorigen Tone.—„Warum sagst du ,du' zu mir?"—„Weil du noch ein Kind bist!"—„Mein Lehrer und alle Menschen müssen aber Sie sagen, sie müssen es und ich will es so," setzte der Knabe sein Zwiegespräch mit mir fort, indem er eine befehlshaberische Geberde machte.—„Ich bin nicht dein Lehrer," versetzte ich unangenehm berührt,„und werde auch noch lange nicht Sie zu dir sagen, du kleiner Mensch!" —„Du mußt es, hörst du?— Du mußt es, und ich werde es Herrn von Orten sagen, daß er es dich lehrt!"—„Schön," rief ich,„geh' hin und laß dir von Herrn von Orten für deine Unart eine tüchtige Lektion geben."— Das Bürschchen ging. Der kleine Zwischenfall begann mir jetzt Vergnügen zu bereiten, denn ich war neugierig, den Hofmeister des kleinen, hochfahrenden Prinzen persönlich kennen zu lernen.— Nach einigen Augen- blicken sah ich eine Person die Allee heraufkommen und sich auf mich zu bewegen. Bei mir angelangt, begrüßte mich der sorg- fältig srisirte und geleckte Herr mit einer flüchtigen Handbewegung und begann, mich mit den ausgewähltesten Redensartrn über meine angebliche Ungezogenheit gegen den Prinzen X zur Rede zu stellen.— Ich lächelte zuerst und versetzte dann ziemlich kurz: „Der Schlingel verdient wegen seiner Ungezogenheit eine Züch- t'igung, ob er Prinz ist oder nicht. Daß man artigen Kindern nicht schlimm begegnet, ist selbstverständlich, und das sollten Sie als Gouverneur doch wohl am besten begreifen."—„Sie sind hier Gast im Parke!" rief das hochfahrende Individuum zornig. „Sie sind ungezogen und mit der Etiquette völlig im unklaren!" Er murmelte noch etwas von Achtung für hochgestellte Personen und dergleichen, und da ich kein Ende in dieser Angelegenheit voraussah, so brach ich mit den Worten ab:„Mit Menschen, die die Aufgabe der Jugenderziehung so verstehen, pflege ich keinen Umgang; ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen."— „Der Park wird Ihnen künstig verschlossen sein," hörte ich hinter mir herrufen, während ich langsam und gemessen von dannen schritt.— Unterwegs kreuzte ein alter Herr meinen Weg, den ich schon öfter auf meinen Spaziergängen getroffen und mit dem es sich gut und fteimüthig sprechen ließ. Ich erzählte ihm von der kleinen Komödie, worauf er mir sehr ernst erwiderte:„Ja, ja, das nennen sie Erziehung, wenn sie ein paar � gelehrten Kammerdienerseelen die jungen Menschen zur Unterweisung über- geben und dieselben nach der leidigen Tradition großsäugen lassen. Man katzbuckelt vor den kleinen Kerlen, spricht mit ihnen, als wären sie erwachsene Menschen, und flößt ihnen mit dem erwachen- den Bewußtsein die Ueberzeugung ein, daß sie von besserem Holze, als andere Menschen. Dazwischen konversirt man in verschiedenen> Die Fortschritte der Technik.(anÄ.r Von H. W. Fabian, Ingenieur in Frankfurt am Main. I. Die verwerthung der Wasserkräfte. JB. Erforderliche Maschinen und Apparate. 2. Apparate zur Umsetzung mechanischer Arbeit in Wärme. Wir haben gesehen, wie auf verhältnißmäßig einfache Weise sich mechanische Arbeit in Elektrizität, durch das Zwischenglied von elektro- dynamischen Maschinen, umsetzen läßt; es ist nun klar, daß für einzelne Fälle, beispielsweise für den Betrieb von landwirthschaftlichen und Feld- arbeiten, es zweckmäßiger sein kann, den elektrischen Strom wiederum direkt in mechanische Arbeit umzusetzen, anstatt sich noch des weiteren Zwischengliedes, der Wärme, resp. der Dampferzeugung, zu bedienen, auch für die Erzeugung des elektrischen Lichtes in isolirten Brennern wird man dieses Zwischengliedes besser entbehren. Nur da, wo es sich um die gemeinschaftliche Speisung der Bedürf- nisse der motorischen Kraft, der Wärme und des Lichtes zc. für große Kooperationsgebiete, d. i. für ganze Städte resp. Stadttheilc, centra- listisch organisirte Landwirthschaftsbetriebe u. s. w. handelt, wird das untversale Zwischenglied des Dampfes zur richtigen Anwendung und Ausnutzung gelangen. Die richtige Auswahl der einzelnen Arten der Nutzbarmachung der Wasserkräfte muß natürlich immer der Praxis überlassen bleiben, indem die Art der Wasserkräfte, ob centralistisch oder mehr differentiirt gestaltet, sowie die Art der erforderlichen Lei- stungen in gleicher Weise hier den Ausschlag geben. Jemehr indessen das Centralisationsprinzip, sowohl bezüglich der räumlichen Akkumulation, wie bezüglich der verschiedenen Arten von Dienstleistungen durchgeführt werden kann, desto größer werden die ökonomischen und auch die mit diesen nothwendig verbundenen hygie- irischen Vortheile, von mannichsachen anderen hier ganz abgesehen. Es ist demnach leicht begreiflich, daß wir in vernünftig centralistisch orga- nisirten Industrie- und Landwirthschaftsbetrieben, das sozial-ökonomische Ideal auf Grund physikalisch-mathematischer Einsicht erkennend, die- ser und nicht der auf dem Systeme der Differentiation beruhenden Produktion und Agrikultur unser Hauptaugenmerk zuwenden; demnach auch mehr dem universalen Umsetzungsmiltel, dem Dampfe, unsere Aufmerksamkeit schenken, als der nur für isolirte Bedürfnisse zweckmäßi- gen Umsetzung des hier durch die motorischen Wasserkräfte erzeugten elektrischen Stromes in mechanische Arbeit. Wie wir schon einmal Gelegenheit hatten zu bemerken, berühren uns die event. sozialen Konsequenzen hier nicht; wenn diese zur Zeit saktisch nicht als die erfreulichsten gelten können, so sind wir einsichtsvoll ge- nug, um das rein Aeußerliche und Zufällige von dem Innern und Nothwendigen zur Unterscheidung zu bringen und ausgehend von der Erkenntniß, daß die inneren und wesentlichen Entwicklungsgründe der Produktion im Großen und Ganzen, trotz aller event. momentanen Gegenströmungen, die leitenden sind und bleiben, und das bei der Zu- nähme solcher inneren Entwicklungsfermente auch Formen der Organi- sation und Nutznießung gesunden werden müssen, die sich denselben voll und ganz, mit Ausschluß des Widersinnes, anschließen. Wenn Centralisation und kooperative Arbeit an sich„Steige- rung der Produktivkraft der Arbeit" bedeuten, so muß nach den Gesetzen der Einheit aller Natur- und Weltprozesse, mit Einschluß der- jemgen der menschlichen Handlungen, dieser Satz logischer- und gerechter- maßen auch auf das Individuum in zutreffender Weise seine Wirkung äußern. Immerhin wird es auch von Werth sein, die direktere Lerwerthung der Wasserkräfte hier in einer Einschaltung kurz zu erläutern. Wir benutzen hierfür das Beispiel eines elektrischen Pfluges, wie derselbe u. a. in Frankreich zur Anwendung gelangte. Zur Rechten und Lin- ken eines Feldes werden zwei Gramme'sche Maschinen ausgestellt, die dadurch, daß sie auf vierräderige Wagen(Pflug-Haspel) gesetzt sind, bewegt werden können. Diese Haspel rollen aus einer Trommel ein Drahtseil auf und ziehen damit einen Pflug mit vier Scharen, wovon fremden Sprachen, übt sie in der peinlichen Befolgung der Umgangsformen und übertüncht die Leere des Verstandes durch Näscherei von einigen Wissenschaften, die vielfach nach der Tra- dition des Hauses zugeschnitten sein müssen. Von der wirklichen Welt sehen diese Kinder soviel fast wie nichts. Sie schauen alles aus der Vogelperspekttve. Noth und Drangsale der Welt, die Bedürfnisse des Volkes sind für sie unbekannte Inseln. Sie kennen vielleicht deren Namen, aber damir ist auch der Born des Wissens erschöpft. Die Weltgeschichte gibt uns die schlagendsten Beweise solcher Erziehungsverkehrtheiten."— Der alte Herr er- zählte mir noch lange, was er in dieser Beziehung auf dem Herzeu hatte, und ich schied von ihm mit dem Bewußtsein, daß, wo die Mittel sind, nicht imnier auch die rechte Einsicht Einkehr gehalten habe.-- (Fortsetzung folgt.) jedoch bloß zwei gleichzeitig funktioniren. Ist der Pflug bei der einen Haspel angekommen, so wird dieser festgestellt; man setzt dann den an deren Haspel in Bewegung und der Pflug zieht neue Furchen in ent- gegengesetzter Richtung. Jeder dieser Haspel wird durch zwei Gram- mesche Maschinen bewegt, welche den Strom von zwei anderen ähn- lichen Maschinen erhalten, die am Orte der Turbinenanlage-c. sich be- finden; sind keine Wasserkräfte vorhanden, so kann natürlich auch Dampf- kraft zur Anwendung kommen. Mittels eines Kommutators kann man nach Belieben den rechten oder linken Haspel in Drehung versetzen. Die vierräderigen Wagen lassen sich in analoger Weise bewegen; es genügt zwei Räder einzurücken und die Bewegung der Gramme'schen Maschinen setzt nicht mehr die Haspel, sondern die Räder des Wagens in Drehung. In gleicher Weise werden die Wagen nach jedem Gange des Pfluges verstellt und neue Furchen neben den vorhergehenden gezogen. Ebenso werden noch durch den gleichen Borgang die Wagen am Morgen auf das zu bearbeitende Feld und am Abend unter ein Schutzdach geführt. Derartige Versuche theilt u. a. Alfted Niaudet in der von Prof. Carl herausgegebenen Zeitschrift für angewandte Elektrizitätslehre mit, 1879 Bd. I. Nr. 9. Hier ist der linke Haspel in Thättgkeit und anstatt der Wasserkraft ist es hier die Dampfkraft mit diesbezüglicher Ausstellung im Fabrikgebäude, welche den elektrischen Strom erzeugt. Die elekttische Eisenbahn funktionirt in ähnlicher Weise wie der elektrische Pflughaspel; so lassen sich natürlich auch durch Kombinationen mit landwirthschast- lichen Maschinen mehr oder weniger alle Feldarbetten betteiben; man kann sich demnach inmitten eines großen Feldes einen gemeinschaftlichen Bettiebsmotor aufgestellt denken, der durch das Mittel des elektrischen Stromes seine Belegungen auf entsprechende Entfernungen zu nutzbaren Arbeitsvollrichtungen transmittirt. Mit Rücksicht auf die Verwerthung der Wasserkräfte wird man derartige Centralpunkte dorthin verlegen, wo sich diese befinden; selbst- verständlich kann es sich jedoch bei derartig centralisirten Landwirth- schastsbetrieben nur um eine Ergänzung der Dampf- durch Wasser- kraft handeln, da dieselben nicht überall und vertheilt existiren. Es kann hier nicht als Aufgabe betrachtet werden, das Landwirth- schastswesen der Zukunft nach dem Prinzipe einer vernünftigen Centra- lisation nach allen seinen Selten hin klar zu legen, wir werden dazu vielleicht später einmal kommen; doch so viel dürfte schon aus diesen Andeutungen hervorgehen, daß eine derartige Lösung nicht nur mög- lich, sondern auch mit ganz gewaltigen ökonomischen Vortheilen verknüpft sein muß; insbesondere werden dieseMen auch noch aus den centralistisch gestalteten landwirthschaftlichen Gebäuden und dem hierdurch bewirkten Umschwung der dortselbst stattfindenden Arbeiten hervorgehen. Außerdem werden die Gebäude und Anlagen, ver- glichen mit denjenigen des differentiirten Oekonomiesystems, ganz er- hebliche Verbesserungen in architektonischer und hygienischer Beziehung wahrnehmen lassen. Durch den vollendeten Maschinenbetrieb, der, wie schon früher erläutert, an sich das Prinzip der Centralisation ausspricht, werden die rohen mechanischen Arbeitsleistungen mehr und mehr von Mensch und Thier zur Ablösung kommen und diese werden, ihrer in- neren Natur entsprechend, immer mehr nach der ästhetischen und in- tellektucllen Seite hin zur Entwicklung geführt. Die gesammte Kultur wird einen neuen und lebendigen Ausschwung nehmen zu immer größe- rer Blüthe und Vollendung. Es ist keine Frage, daß nach den hier angedeuteten Gesichtspunkten die Dörfer und Gebäude der Landwirth- schaft, die zwar dann mehr großen und stattlichen Fabrikanlagen in ihrem Aeußeren gleichen werden, auch der Wohlthaten einer gemein- samen Centralheizung, Ent- und Bewässerung, Beleuchtung u. s. w- theuhastig zu werden vermögen; es wird dann auch das Paradoxon schwinden, daß der ländliche Aufenthalt trotz seiner ursprünglichen Vor- züge, dem großstädttschen gegenüber, wie es zur Zeit meistens der Fall ist, der ungesundere ist. Zwecks Umsetzung der Wasserkräfte in Wärme ließe es sich denken, daß man auf die Heizflächen großer Dampfkessel eine Reihe kolossaler elettrischer Brenner resp. Kerzen einwirken ließe, UnJ