Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften;i 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. — Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Aiudokph von ZZ. (Fortsetzung.) A»i Morgen des 24. Dezember war Herr Prell wieder in die Nedaktion zurückgekehrt. Seine Thätigkeit im Gebirge sei eine allzu anstrengende gewesen, thcilte er, freilich etwas klein- lauter als gewöhnlich, dem über seine unerwartete Rückkehr er- staunten Fritz Lauter mit, darum habe ihn der Chefredakteur selbst für ein paar Tage abgelöst und ihn zu erholendem Genüsse der Weihnachtsfeiertage nach P. zurückgeschickt. Er hatte auch nicht ganz unrecht— der Herr Prell: seine Thätigkeit konnte wirklich, wenn auch nicht grade als eine allzu anstrengende, so doch als eine sehr angreifende und aufreibende bezeichnet werden. Sie griff zunächst den Geldbeutel des Herrn Berichterstatters derart an, das; er seinen Chefredakteur, als dieser ihm die Nothwendigkeit seines sofortigen Abzugs ans Oberberg- stadt und Umgegend klar gemacht hatte, um einen, wie er sagte, kleinen, in Wahrheit aber für seine Verhältnisse ziemlich bedeu- tendcn Vorschuß ersuchen mußte, um nur aus dem Gasthof, in ivelchem er inzwischen ganz heimisch geworden war, auch niit Ehren abziehen zu können. Und dann>var sie vollauf dazu geeignet gewesen, seine nicht mehr übermäßig feste Gesundheit innerhalb nicht gar langer Zeit aufzureiben— das bewies sein ganzes Aussehen; die Gesichtshaut zeigte eine noch fahlere Farbe als sonst, die Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren von bläulichen Ringen umzogen und aus seinen mageren Wangen glänzte eine ungewöhnliche Röthe in scharf abgegrenzten, nnregel- mäßig gestalteten Flecken, eine Rothe, wie er sie selbst nicht auf den Lippen, höchstens noch auf der Nasenspitze aufzuweisen hatte. Und jener seiner angreifenden Beschäftigung mit Leib und Seele hingegeben, hatte ihn Herr Schweder überrascht. Auf der Eisen- bahnstation kurz vor Oberbcrgstadt hatte er gesessen, m dem winzig kleinen Zimmerchen, welches den pomphaften Namen„Wartesalon erster und zweiter Klasse" führte und an solchen Wintertagen, wie der gestrige>var, den Bahnhofsinspektor mit einem wohl- habenden Kohlenhändler, einem noch wohlhabenderen Banerguts- bcsitzer in der Nachbarschaft und noch einigen Leuten, welche im Winter nichts Besseres thun zu können glaubten, als mit Karten- spielen die Zeit zu tödten, zu einem gemüthlichcn„Jeuchen" zu vereinigen pflegte. Her- Prell war auf das bereitwilligste in diesen trauten Kreis eingetreten und anfgenommen worden. Er gebot über ein ansehnliches Repertoir von Schnurren, Witzen und Kalauern, welche zu allergrößtcni Thcile den mit der großen Welt in seltene Beruhrungen kommenden Provinzlern noch funkel- nagelneu ivarcn, und außerdem hatte er Geld wie Heu und Galgenhumor für ein ganzes Dutzend Feinde der Langeweile. Dem Herrn Prell seinerseits war das Kartenspiel die liebste Beschäftigung, und er konnte es auch besser, ajs sonst was in der Welt. Er rühmte sich, alle Kartenspiele zu kennen und meisterlich zu spielen, die es in den civilisirten Ländern über- Haupt gebe. Dieses nach Umfang und Tiefe erstaunliche Wissen bethätigte er auf der Haltestation Steinseifen in hohem Maße. Mit dem Baucrgntsbcsitzer spielte er Pignet, mit der gesammten i Tafelrunde Solo oder Schafkopf, mit dem Bahnhofinspektor und I dem Kohlenhändler, ivclch' letzterer früher ein Anwesen im Groß- herzogthum besessen hatte, Preference, und gemeinsam mit dem ersteren, der als junger Eisenbahneleve die Ehre und das Ber- gnügcn genossen hatte, Kneipschwanz bei einer studentischen Lands Mannschaft zu sein, seufzte er darüber, daß hier, wo sich die Füchse Gute Nacht sagten, nicht einmal der dritte Mann zu dem Spiele aller spiele, dem herrlichen, allein eines akademisch gebildeten Mannes würdigen Skat aufzutreiben sei. Aber diese vielseitige Bewährung seiner ungewöhnlichen Leistungsfähigkeit hatte dem Journalisten eomme U faut noch nicht genügt. Er hatte seine Spielgenossen solange angeeisert, von dem philiströsen Solo und Preference abzulassen, bis sie schließlich beständig mit ihm irgendeins jener blutigen Hazard- spiele spielten, bei lvelchen schon mancher Haus und Hof, Ehre und Leben eingebüßt hat. Was Herr Prell von alledem noch zu verlieren hatte, war keinen Schuß Pulver iverth, das gestand er sich in den Stunden der Einkehr bei sich selbst häufig genug zu; aber er hatte hohe Reisediäten zu verspielen, und das that er denn auch mit der größten Gewissenhaftigkeit. Allerdings spielte er auch die Hazardspiele bei weitem pfiffiger, als seine Mitspieler; aber diese entwickelten das Glück der Anfänger, jenes verhängnißvolle Glück, welches von einem tückischen Geschick dem unerfahrenen Spieler so oft als ein Köder hingeworfen wird, an dem fast jeder hängen bleibt, um die Spielleidenschaft nimmer wieder loszuwerden. Herr Prell dagegen vertraute viel zu sehr auf seine lleberlegenheit, ging tollkühn dranf und suchte nach dem anfänglichen Verlust das Glück in sein Gefolge zu zwingen. Da mußte zu all' seinem enormen Pech dicht vor den Weihnachts feiertagen, während der mehr ivie je vorher Muße gewesen wäre für den Bahnhofinspektor und die andern zum Spielen von früh bis in die Nacht, den Chefredakteur Schweder der Teufel her- führen und dieser dem endlichen Schicksalsivecbsel einen mächtigen Riegel vorschieben! Man kann sich die salale Azmü'.hsstimmung denken, in welcher sich der vortreffliche Journalist befand, und die ihn hinderte, an den am Wsihnachlsiage ebenso umfangreichen Redaktionsarbeiten, w'e an jedem andern Wochenlage, erivähnenswerthen Antheil zu nehmen. Der„Tageskorrespondent" sollte am 24. Dezember zweimal erscheinen. So hatte der Chefredakteur angeordnet, in der Ab- ficht, den Abonnenten für das Nichterscheinen des Blattes während der Feiertage einen Ersatz zu bieten und es der andern in P. erscheinenden Tageszeitung/ derselben, die vor einigen Jahren auch bei Gandersberg gedruckt wurde, zuvorzuthun. Die Herstellung dieser Abendausgabe war nun Fritz Lauter ganz allein aufgehalst. Er hatte daher alle Hände voll zu thun. Es war ungefähr um elf Uhr morgens. Eben hatte der Post- böte die zweite Post gebracht— Zeitungen, autographirte Kor- respondenzen. Briese. Fritz überflog die Adressen. Er kannte die Handschriften der meisten Schreiben,— es waren die gewöhn- lichen Korrespondenten der Zeitung; da, zu unterst, lag ein Brief, der an ihn persönlich adressirt war und Schriftzüge zeigte, die ihm viel, viel bekannter noch waren, als alle die andern, und unvergleichlich lieber, als diese insgesammt. Das Schreiben�ivar von seiner Niutter. Die alte Frau be- fand sich bei dem Schullehrer und Kantor Fels in Oberbarten- stein zum Besuch. Oberbartenstein lag zwei bis drei Stunden hinter Oberbergstadt im Gebirge drin, der Kantor des Dorfes war der Bruder von Fritzens Mutter,— ein Mann, der sich sein Leben lang mit einer kümmerlichen Existenz redlich herum- geschlagen�und es allgemach durch jene verzweifelte Sparsamkeit, die dem Sparenden und den Seinen das Brot vom Munde abdarbt, zu einem kleinen Vermögen und leidlichem, wenn auch sehr bescheidenen Auskommen gebracht hatte. Dem Kantor Fels hatte jetzt die Roth im Gebirge selbst die von früher ihm wohl- bekannten Gäste— Kummer und Sorge— ins Haus geführt. Für seine und seiner Familie Nothdurft war freilich gesorgt, aber Frost und Hunger, welche die andern im Dorfe quälten, stürmten auf sein und seines Weibes gutes Herz, fast nicht minder Schmerz und Angst erregend, ein. Er half, wo er konnte. Er konnte leider nur nicht viel helfen, wenn er auch den letzten Bissen Brot mit den Hungernden und das letzte Scheit Holz mit den Frierenden thcilte. Das ging dem Kantor arg zu Herzen und Weib und Tochter noch mehr. Die Frau Fels hatte sich schließlich um der anderen Elend krank gehärmt. Da war deni Kantor nichts andres übrig geblieben, als wegen der Pflege seiner Frau und zur Unterstützung seiner schwindsüchtigen Tochter an seine Schivester zu appelliren. Die Schwester war ohne Verweilen gekommen, hatte Wochen- lang treu und sorglich am Krankenlager ausgehalten und sollte jetzt, nachdem, dank ihrer Pflege, die Kranke genesen war, auch die Freuden des Weihnachtssestes mit der Kantorsfamilie theilcn. Aber nicht sie allein, auch Fritz ward geladen und so dringend und herzlich, als nur möglich, gebeten, zu erscheinen. Die Mutter schrieb, pc und die Verwandten rechneten mit Bestimmtheit auf sein Komnien, und sie ließ iii den Schlußzeilcn noch durchblicken, daß der Onkel und die Tante meinen würden, wenn er da nicht käme, daß er sich jetzt, seit er Redakteur geworden, zu vornehm für eine so arme und geringe Dorfschnlmeisterfamilie dünke. Aber das könne ja garnicht sein, und Fritz werde bestimmt— auch der Mutter zuliebe, der ein Weihnachtsabend ohne den Sohn doch kein Fest der Freude sein würde— kommen. Er möge nur mit dem Mittagzuge nach Oberbergstadt abfahren, dann käme er um zwei Uhr dort an, von da habe er, wie er wisse, nur noch eine Stunde mit der Post zu fahren bis Nieder- bartenstcin, und von Niederbartenstcin sei es auf einem dem Fritz von manchem kurzen Somnicraufenthalte her wohlbekannten Wald- pfade bergauf nur eine halbe Stunde bis Oberbartenstei». Um 3 Uhr spätestens also erwarte ihn die ganze Familie im Kantor- Hause. Also auf Wiedersehen morgen, mein lieber, liebster Sohn, schloß der Brief der Mutter. Fntz kam die Einladung überraschend und garnicht so gelegen, als die Mutter geglaubt haben mochte, wenn er sich auch von jedem stolz auf seinen Posten als Redaktionsgehülfe vollkommen frei wußte. Er hatte immer gehofft, die Mutter würde nach P. zurückkehren, um mit ihm das Weisnachtsfest hier zu verleben. Natürlich hatte er zur Reise nicht die geringsten Vorbereitungen getroffen, und war auch unter keiner Bedingung im stände, vor drei Uhr nachiiiittags die Redaktion zu verlassen. Die Abend- ausgäbe mlißte fertig werden, sie war den Abonnenten gestern erst angekündigt worden, und sie wurde nicht fertig, insbesondere wurde die Korrektur bei weitem nicht so besorgt, als es bei einer l größeren Zeitung unerläßlich»öthig ist, wenn er nicht da war. Aber die Verwandten und— die Mutter, die Mutter! Es wäre nicht nur kein Fest der Freude für sie, dieses Weihnachts- fest, wenn er nicht mit ihr es feierte, sondern es wären Stunden, ia eine ganze Nacht voll des tiefsten Wehs— so verlassen würde sie sich fühlen, so lebhaft würde sie sich an all' das erinnern, was sie in dem letzten Jahrzehnt alles verloren an lieben Menschen, und wie sie in demselben Maße geistig und leiblich hülfsbedürftiger geworden fei, indem sie mehr und mehr vereinsamt war. Nein, nein— er mußte zu ihr, mochte es kosten, was es wolle. Er konnte ja mit einem später abgehenden Zuge abreisen;— er schaute auf den Eisenbahnfahrplan, um 3 Uhr 15 Minuten ging einer und um 7 Uhr abends. Er athmete beruhigt auf. Um 7 Uhr war er bestimmt seiner Arbeiten ledig; mußte doch um 3 Uhr die Abendausgabe des„Tageskorrespondenten" schon in die Presse. Aber wenn er um 7 Uhr abfuhr, kam er um 9 Uhr nach Oberbergstadt und— es fiel ihm wieder wie ein Stein auss Herz!— um 9 Uhr gab es keine Postverbindung zwischen Oberbergstadt und Niederbartenstein. Außerdem wäre ja der Biutter der Abend ohnehin schon verdorben, konnte er doch bestenfalls erst zwischen 11 und 12 Uhr nachts im Kantorhause an- langen. Er mußte also um 3 Uhr 15 Minuten fahren, da gab es Postanschluß und da traf er gegen 6 Uhr in Niederbartenstein ein. So war es recht, gleichviel, ob die Nacht bereits herein- graute oder nicht, wenn er den Waldweg von Niederbartenstein nach Oberbartenstein einschlagen würde. Nun handelte es sich darum, mit Dampfgeschwindigkeit zu arbeiten und vor allem den Metteur Packert zu veranlassen, init dem Umbrechen der letzten Zeitungskolumne nicht erst um drei Uhr zu beginnen, wie er es beabsichtigt hatte. Packert war glücklicherweise außergewöhnlich guter Laune. Er fluchte zwar trotz dem gröbsten Sackträger über die ver- dämmte Unordnung, die in dieser—„sogenannten"— Redaktion herrsche, aber da die Setzer alle für Fritz Lauter Partei ergriffen und Därmig dem Packert erklärte, wenn ihn das rasche Arbeiten vielleicht zu sehr angreise, wolle er heute den Metteur für ihn spielen, und Packert könne inzwischen, seine schwache Konstitution zu stärken, spazieren gehen, so ließ sich der Brummbär herbei, Lauters Wunsch zu erfüllen, um dem Hansnarren Därmig zu zeigen, daß der alte Packert das Arbeiten besser verstünde, als zehn solcher jammervollen Klapperbeine, wie er sei. So ging denn auch alles gut. Fritz flog die Arbeit unter den Händen, sodaß er[um halb drei Uhr die letzte Zeitungs- kolumne in die Druckerei bringen und in seine Wohnung eilen konnte, wo er in Windeseile seinen kleinen Koffer mit seinem besten Anzüge, ein wenig Wäsche und den lange schon angekauften Geschenken für seine Mutter füllte, um sofort den Dauerlaus nach deni Bahnhof fortzusetzen. Unterwegs stürmte er dann noch in zwei Kaufläden, raffte ein paar Geschenke für die Verwandten zusammen und kam endlich, wenige Minuten vor Abgang des Zuges, mit Packcten und dem Koffer schwer beladen, fliegenden Athems und hochgeröthcten Antlitzes auf die Bahn. Kaum hatte er in einem Coupee Platz genommen, als sich der Zug auch schon in Bewegung setzte. Er war glückselig wie ein Kind, daß er noch zurechtgekommen und den Wunsch seiner Mutter zu er- füllen vermochte. Als ein paar Tage vorher Herr Schweder mit Herrn Prell, den er auf der Eisenbahnstation Steinseifen so rücksichtslos in seineni Hazardvergnügen gestört hatte, in Oberbergstadt ankam, erwartete ihn eine Ueberraschung. Auf dem Perron befanden sich, auch eben angekommen, Herr Alster und Herr Wichtel jun. Das war um so merkwürdiger, als die beiden Familien, wie Schweder am besten wußte, seit längerer Zeit keineswegs mehr besonders harmonirt hatten und Herr Alster sich den beiden Wichtels gegenüber so reservirt als möglich � gehalten halte. Diese Spannung war Schweder angenehm gewesen, weil sie ihm Gelegenheit geboten hatte, sich zum Vertrauten beider Parteien und, wenn es das gemeinsame Interesse heischte, zum Vermittler zwischen ihnen zu machen. Waren nun die beiden heute gemein- sam gereist, so hatten die Wichtels hinter Schweders Rücken ein Einverständniß zustande gebracht, sie hatten wahrscheinlich sich und Alster in einer oder der andern Angelegenheit, vielleicht gar für die Dauer, von seiner Mitwirkung zu emanzipiren gesucht. Dieser Verdacht brachte Schtveder sofort zu dem Entschlüsse, sich den beiden anzuschließen, bis er die etwaigen Pläne der Wichtels - 267- durchschaut liabeu würde. Er hatte daher Prell entlassen mit Schweder wußte genau, wa? er van den Wichtcls �u halten der gemessenen Weisung, sein Bündel unveriveilt zu schnüren, und zu erwarten hatte. Daher wäre ihm das Mißvergnügen und war mit gewinnendster Freundlichkeit aus die beiden Herren des Doktor juris über seine Theilnahnic an der„winterlichen �»geeilt� hatte ihnen warni die Hände geschüttelt und seiner leb- Bergfahrt" nicht entgangen, wenn dieser es auch sorgfältiger zu haften Freude, sie hier treffen, Ausdruck gegeben. verbergen gesucht hätte. Selbstverständlich bestärkte es ihn in Herr Alster erwiderte die Begrüßung nicht minder freundlich, seinem Vorhaben. Herr Wichtel junior dagegen schien weniger entzückt. Er quetschte So verbrachten die Drei gemeinschaftlich den Abend des sich den Klemmer aus die respektable Nase und schnarrte sein Tages, an dem sie sich getroffen hatten, in Obcrbergstadt, um geistreiches„Ei, sieh da, Timotheus!" in dem Tone, in welchem sich Tags darauf in die Gegend zu begeben, wo sich augenblick etwa ein abgerichteter Pavagei die Leute zu begrüßen pflegt, lich Alsters Tochter mit ihren Begleitern, dein alten Herrn Klose welche er nicht leiden mag. und der Frau Doktor Winter, aufhielt. Schweder erkundigte sich in liebenswürdiger Höflichkeit, was Es war eine beschwerliche Fahrt, die sie höher in das Gc� die Herren so unerivartet in dieses Stück deutsches Sibirien geführt birge hinaufführte. Bor einigen Tagen war plötzlich Thau habe. Wichtel hätte ihn gern mit kurzer Autwort abgefertigt: wetter hereingebrochen, welches rasch den Schnee in den Thälern „Wir wollen einmal sehen, inwieweit der Nothstand als ge- geschmolzen hatte, aber nur um, wieder ohne allen Ucbergang hoben gellen kann. Wir werden Ihnen Bericht erstatten, bester in starren Frost umschlagend, mit gefährlichem Glatteis die Wege Schweder. Wenn Sie wolle», können Sie heut gleich einen kleinen und Stege zu überziehen. Pferde und Menschen vermochten auf Einleitungsartikel von mir mitnehmen." dem stellenweise spiegelglatten, glitzernden Bode», gleichviel ob Schweder lächelte freundlich.„Ich nehme Sie beim Wort, es bergauf oder bergab ging, nur schrittwcis vorwärtszuschreiten lieber Wichtel. Sie geben mir heut noch den Artikel." und konnten sich oft auch durch die größte Vorsicht gegen plötz- „Sie wollen wirklich heut schon wieder zurück?" fragte Alster licheu harten Sturz nicht schützen. mit einer Betonung, die deutlich erkennen ließ, daß der Fragende Die ersten zwei Stunden, nachdem die drei Herren und der eine verneinende Antwort wünschte. August des Herrn Alster, den er sich zur Bedienung mitgenom Schweder that ihm den Gefallen:„Das nicht. Ich habe einige men hatte, von Oberbergstadt in bequemem, mit zwei stattliche» Tage Zeit und bin auch mit der Absicht hierher gekommen, die Pferden bespannten Schlitten abgefahren waren, ging es mäßig Lage der Dinge hier oben einmal mit eigenen Augen zu betrachten, bergauf, so daß die Reisenden über nichts weiter zu klagen fan- Ich schließe mich daher den Herren an— wenn Sie gestatten!?" den, als über das verzweifelt langsame Vorwärtskommen. Selbst Mit dieser Höflichkeitsfrage ivandte er sich blos an Alster. Herr Alster, der kein Freund von Fußpartieu war, am wenigsten Der junge Wichtel biß sich ärgerlich auf die Lippen. Schweder im Gebirge und in ziemlich kalten Wintertageu, versicherte, er kam ihm heut über die Maßen ungelegen, aber er war nicht los- wolle zehnmal lieber zu Fuße gehen, als sich so in einem Schlit- zuwerde», denn schon hatte Alster mit offen zutage tretendem ten mit Schneckettlangsamkeit von Chausseebaum zu Chausseebaum Behagen Schtveders Anerbieten begrüßt und acceptirt. schleppen zu lassen. „Sehen Sie," sagte Alster,„das trifft sich vorzüglich. Ich Der Kutscher, der das gehört hatte und sich, weil er der hatte mir, wie mir der Herr Doktor bezeugen wird, auf der Her- größte Fuhrwerksbesitzcr von Oberbcrgstadt in eigner Person war, fahrt schon Vorwürfe gemacht, daß ich Sic von unserer Winter- schon ein Wort mit dreinzureden erlaubte, meinte, zum Lausen lichen Bergfahrt nicht benachrichtigt. Aber sie kam mir selbst könne schon Rath werden, denn wenn sie blos noch eine An- ganz urplötzlich über den Hals. Ein Einfall meiner Tochter— höhe hinauf wären, ginge es eine halbe Stunde bergab und Sie glauben nicht, bester Freund, was ein junges Mädchen für da würd' die Geschichte wohl nicht so glatt abgehen. Und die Launen hat!— ein mich selbst aufs höchste und keineswegs auss Geschichte ging nicht so glatt ab. Kaum war die Anhöhe er- angenehniste überraschender Einfall meiner Tochter also war es, reicht, so mußten die Herren den Schlitten verlasse», sie mochten der mich hierher gesprengt hat. Denken Sic Sich um alles in Lust dazu haben oder nicht. Ja, es kam noch schlimmer; ans der Welt, das Mädchen will das Weihnachtsfest hier aus, weiß dem hin und wieder ziemlich steil abfallenden Fahrwege drängte der Himmel ivelchem, Dorfe feiern. Sie gedenkt, die Jugend eines der Schlitten so stark auf die vorsichtig Fuß vor Fuß setzenden ganze» Dorfes um sich zu versammeln und mit dieser den Weih- Pferde ein, daß schließlich der Fuhrwerksbesitzer den Herren nachtsabcnd z» begehen. Ja, ich glaube sogar, wenn ich ihr trocken erklärte, sie müßten mit angreifen und den Schlitten hal- Schreiben recht verstanden,— das mich»i eine heillose Aufregung ten Helsen, daß die Pferde nicht scheu würden, sonst mache er versetzt hat, da es alle meinc Lorbereitungen und Pläne ckreuztc, keinen Schritt mehr von der Stelle. — sie will in einem halben Dutzend von Dörfern Weihnachten Das war ein saures Stück Arbeit und eine verzweifelte Berg- feiern; am Weihnachtsabend in zweien, und an den beiden Feier- Partie, die da begann. Zu der einen halben Stunde Wegs bergab, tagen auch noch in einer ganzen Reihe. Daß ich ihr das erlaube, die freilich, wie der Volkswitz sagt, der Fuchs gemessen haben hat sie sich als ihr einziges Weihnachtsgeschenk erbeten,— was mochte, brauchten die Reisenden zwei Stunden, und trotz der Kälte wollte ich da machen, ich konnte nicht nein sagen und mußte, standen den Herren Alster und Wichtel jUiiior die hellen Schweiß- wenn ich nicht zum erstenmal seit siebzehn Jahren am Weihnachts- tropfen auf der Stirn, als sie endlich auf der Thalsohle angelangt abend von dem Mädchen, das mir ans Herz gewachsen ist, wie waren. Nun konnten sie freilich wieder in den Schlitten ein- sonst nichts in der Welt, getrennt sein ivollte, wohl oder übel steigen, aber rascher kaiucn sie deswegen auch nicht vorwärts, und mich auch zu der Probe entschließen, wie sich in den Dorsschenken als sie endlich im nächsten Dorfe ivaren, das von dem, wohin und mit ganzen Heerde» von Bauernkindern das schönste Fest im sie gewollt, noch gute zwei Meilen beschwerlichsten Weges entfernt Jahre seiern laßt." war, begnügte sich der Kutscher nicht damit, vor dem sehr dürftig Der junge Wichtel konnte seinen Unmuth kaum verhehlen, aussehenden Dorfwirthshause zu halten, sondern er versicherte Es war zum Verzweifeln, daß dieser Schweder überall dabei auch, an die Weiterfahrt sei am heutigen Tag« garnicht zudenken. sein, überall seine Hand»» Spiele haben mußte. Ter junge Die Pferde seien durch das beständige Ausgleiten so strapazirt, i Wichtel hatte ihn nur darum wieder einigermaßen leiden können, daß sie mehrere Stunden Ruhe haben müßten, und im Abend- weil er ihn eine zeitlang für gänzlich harmlos und indifferent dunkel bei dem Glaueisc zu fahren, sei unmöglich zu riskiren. allen öffentlichen Fragen gegenüber hielt; seit er es aber mit Tie Herren würden in dem Wirthshansc gut zu essen und zn einem Schlage, wie man es nachgerade bei ihm gewohnt gewor- trinken finden und auch ein vernünftiges Nachtquartier. Morgen den war, zu öffentlicher Bedeutung gebracht und einen Einfluß srüh, wenn er seinen Pferden habe von frischem die Hufeisen � erlangt hatte, gegen den der des hoffnungsvollen Wichtel>un. schärfen lassen, könne es dann weiter gehen. nicht im entserntesten auskommen konnte, seit er auch eine maß- Dagegen halfen weder ruhige Vorstellungen noch Bitte» oder! gebende Stellung gewonnen zu den industriellen Unternehmungen Entrüstung. Selbst Schweders Versuch, für jeden beliebigen j und finanziellen Spekulationen der Bundesgenossenschaft Wichtel-.Preis andere Pferde aufzutreiben, mißglückte. Die Leute, denen Alstcr, hatte der Doktor Wichtel wieder jede Spur von Sympa- bei dieser schlechten Zeit für Geld alles feil war, hatten keine thie siir ilm verloren. Am liebsten wäre ihm längst ein offener Pferde zu vergeben, und der einzige große Bauergntsbcsitzer im! Bruch und Krieg mit Schweder gewesen, und er hatte es gar Dorfe, der ein halbes Dutzend Gäule hätte hergeben können,[ nicht gebilligt, daß sein Vater ein Scheinbündniß mit den, ge- war viel zu dickköpfig und auch viel zn sehr ans das Wohl seines sährlichen Menschen einging, um ihn, wie schon so nanchen an- StallviehS bedacht, als daß er sich hätte bewegen lassen, zu Helsen. der», für die Privatinteressen des Hauses Wichtel i/ich Kräften Nach dem Geschmacke des Kutschers war das Wirthshaus auszunützen. vorzüglich, nach dem der verwöhnten, geldübermüthigen Städter 2G8 unter der Kritik. Tie dmikten ihrem Schicksale, als der Morgen„Den Besitzer?" fragte der Fuhrherr mit auffälliger Betonung. graute, der ihnen die Weiterreise möglich machte. Die Fort- sctzuug der Fahrt ging zwar nicht erheblich rascher von statten, aber . die Herren zeig tcn sich besserer Laune, alsTags zuvor. Beson- ders aufgeräumt war Herr Alfter, anscheinend bei gnterLauneanch der Herr Doktor Wichtel, und nur Schlveder vcr harrte in jenem Wlcichiimthc.der rhu auch gestern nicht verlassen hatte. Aber er war doch gleichfalls gesprächi ger geworden, sodaß er sich sogar mehrere male dazu her- abliest, mit dem kutschirenden Fuhrherrn einige Worte ans- zutauschen. „Liegt Klein- Feldannichthier in der Nähe?" fragte- er unter anderm. ,Ma ob." erwiderte� der Fuhrherr.„Von Wattersdorf, wohin wir sah- reu, bis Klein- Felda« sind's dreiviertel StundenWegs." „Sic habe» ivohl Bekannte in dem Nest? Vielleicht eine Dorfschöne, an der der unwider- stehliche Schwc- der seine Stn- dien über die Entwicklung »i't'm niiiamli*) bei den verschiedenen Rassen und Ständen des menschlichen Geschlechts vcr vollständigt hat?" witzelte Wichtel. Schlveder hielt nicht der Mühe Werth, auf diese Be- merkung etwas anderes zu er- widern, als: „Ten Besitzer von Klein-Feldan kenne ich von srühcrher sehr gut." Ter Kunst zu lieben. Hm— heiht der nicht Willisch? 0" „So etwas Aehnliches, ja." Schlveder warf einen Prüfenden 1 Blick nach dem Mann auf dem Kutschersitze. „Na, das ist mal'n gemüthlicher Rittergutsbesitzer," fuhr dieser 269 O CM G fort._„Der läßt dcn ariiien Leuten wenigstens>vas zukonimen, keinen Menschen so saufen sehen— Grog besonders, von der und stolz ist er garnicht— so geinein macht er sich mit unser- allerstärksten Sorte, womit man sich die Lippen verbrennt, wenn man blos dran riecht— kolossal, sage ich Ihnen, meine Herren." HerrSchwe- der machte ein i verächtliches Gesichtundmur- melte etivas in den Bart, was keine Schmeiche- lci sein mochte snr dcn Ritter- gutsbesitzcrWil- lisch. Der Fuhr- Herr aber achtete nicht daraus, er setzte die Unter- Haltung fort mit seinem Neben- manne, Herrn Alsters August, den der letzte Theil derselben sehr- interessirt zu haben schien. 'S wär' merkwürdig, zischelte August, der in unmittel- barer Gegen- wart seines Herrn und der andern beiden „Vornehmen" sich nicht laut am Gespräch be- theiligen durste, ganz merkwür- dig wär', was manche Men- scheu von so Ichivercn Ge- tränken, wie der Grog wär', ver- tragen kömlten. Da hätte er inat 'nen Uoilsiii gc habt— der Himmel wisse, wo der hinge- kommen,— ein saiiioscr Kerl der, Cigarren- reisender wär' er gewesen, Schnei der Hütt' er geheißen, der hätte Grog trinken können gewiß noch mehr, wie der Rittergutsbesitzer— denn so unmenschlich viel hätt' er noch niemanden trin- kcn sehen, und aufs Grogtrin- kcn verstünde er sich. Die Herren im Innern des einem; und mit Leuten, die noch viel iveniger in die Suppe zu Schlittens hatten nicht beachtet, was August schwätzte. Nur daß brocken haben, auch. Und das versteht er,"— er machte lachend es sich um Grog handelte, hatten sie gehört. So ordinäres die Bewegung des Trinkens,—„ich Hab' in meinem Leben noch Getränk aber interessirte sie iveiter nicht.(Fortsetzung folgt. N 270 Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Votkes. Von Dn Kduard Aeich. III. Diät. Im engeren Zinne dieses Morles bedeutet Ticit den Gebrauch der Nahrungs- und Genußinmel zur Erhaltung von Leben und Gesundheit Je mehr der Natur gemäß ein Mensch Gebrauch macht von den Mitteln der Diät, desto mehr wird er. unter übri gens guten anderweitigen Verhältnissen, die Erhaltung seiner Gesundheit sichern und sein Leben verlängern. Es ist hier nicht allein die Rede von der Gesundheit des Körpers, sondern in dem nämlichen Maße von jener des Geistes und der Sitten j denn diese hängt mit der leiblichen innig und unzertrennbar zu- sammen. Das erste Ersorderniß alles wahren diätetischen Lebens ist der Besitz gesunder Jnstiiiktc. Jeder Mensch, der solcher sich er- sreut, bedarf der eingehenden, nach Egoismus riechenden Studien nicht, deren Ganzes darauf hinauslauft, alles nur Mögliche zu ersinnen und zu ergründen, was die Verdauung erleichtert, die Absonderungen der Drüsen regelt. Blähungen treibt u. s. w. Jeder- maiin, dessen Sinnen und Trachten aus das allerwertheste Selbst gerichtet ist, und zwar in einer mehr intensiven Art, der alle Vorgange des Leibes in jedem Augenblick beeinslussen niöchte, um nur>a keinen Fehler zu veranlassen, der die zu genießenden Speisen achwägt und zu der bestimmte» Sekunde aufnimmt, ist ungenial, kleinlich, und wird immer mehr und mehr Egoist, Htzpochondrist, geht durch solches Treiben seiner gesunden In- stinkle allmählich verlustig. Bevölkerungen mit normalen Instinkten haben gesundes Blut und kräslige Nerven, richten ihre Nahrungsweise ganz nach Klima und Beschäftigungsart ein, leben iin großen und ganzen durchaus regelmäßig, ohne die Bissen abzuwägen und z» zählen. Hier begegnet uns wenig kleinliche Selbstsucht, nur ausnahms- weise Hypochondrie; aber wir finden eine ganz leidliche Welt- anschauiing, ziemlich beträchtliche Heiterkeit des Gcmüthes, klaren Kops und ansehnliche Energie. Das Gegentheil von alledem sind jene Bevölkerungen, deren Instinkte durch unpassende Lebensweise und die Schattenseiten einer krankhaften Civilisalio» verdorben werden. Diese Zwei- händer bemühen sich unablässig, das in der Außenwelt zu suchen, was jeder normale Mensch in sich selbst findet, und die Mittel für die beste Ernährung der Nerven- und der Muskelmassc zu entdecken, Biere sur erschlaffte Eingeweide zu brauen und Geister für gequälte Geister und gemarterte Nerven zu destilliren! Man»ntc-e scheidet die Nahrungsmittel in flüssige und feste. In der Reihe der Getränke nehmen Wasser und Milch die obersten Plätze ein; sodann kommen Kaffee, Thee und Chokolade, und zuletzt jene Flüssigkeiten, welche Alkohol enthalten. I» der Reihe der festen Nahrungsmittel nehmen Obst, Mehl, Hülsen- und Feldsrüchte die obersten Plätze ein; sodann kommen Eier und Käse, und zuletzt jene Stoffe, welche durch Tödtung von Thieren gewonnen werden. Außer den eigentlichen Nahrungsmitteln bedient sich der Mensch noch mancherlei Rauch. Kau- und Schnupfmittel, um sich, wie angegeben wird, entsprechend anzuregen, in Wahrheit aber: sich zu schadigen. Alle feste und flüssige Nahrung ist dazu bestimmt, dein Orga nismus Ersatz zu leisten für die durch die Lebensvorgänge verbrauchten Materien und Wärmemengen, gleichwie den zun. Auf bau der Gebilde nöthigen Stoff zu liefern; außerdem diciicn ge- wisse Genuß- und Nahrungsmittel theilweise dazu, das Nerven- und Gefäßsystem anzuregen, vadurch die Verdauung und Assi- milirung der ausgenommenen Stoffe zu befördern und die Ausscheidungen zu begünstigen. Aus diesen Thatsacheu ergibt sich die ganze Diätetik von selbst. Man nehme die entsprechenden Mengen wohl beschaffener Nahrungs- und Genußmittel auf und thue dies zu richnger Zeit. Wer aber belehrt uns über die richtige Quantität und Qualität, über die naturgemäße Essenszeit? Ein gesunder Instinkt, geregelt durch die Erfahrung. Jeder natürliche Mensch weiß ganz genau, daß iveder zuviel noch zuwenig, noch auch Unorduung im Essen und Trinke» der Gesundheit zuträglich sei; er weiß auch, daß bezüglich der Ge- nußmittel es sehr darauf ankomme, Vorsicht und Bescheidenheit walten zu lassen. Allzuviel und allzuwcnia von Speise wirken nachtbeilig aus die Verdauungsorgane und auf das Nervensystem. Wer Üeber- ladung des Magens sich zur Regel macht, dehnt den Magen aus. wird zum Vielfraß und legt den Grund cinestheils zu Krankheiten des Nahrungsschlauches, andcrntheils zu allerlei Afsek tionen, die aus Fülle von Blut und Saften entspringen, lenkt die tziervenkrast in übergroße», Maße dem organischen Haushalte zu und entzieht dieselbe dem höheren Seelenleben. Daher kommt es denn, daß die Mehrzahl der Gefräßigen dumm ist. Menschen, welche Jahr aus Jahr ein zu wenig essen, werden nervös, auch wenn sie nicht»bermäßig geistig arbeilen, denn die Menge von Nahrungskrast. die bei normaler Ernährung innerhalb der Verdauungsorgane sich entladt, beziehungsweise verbraucht wird, kommt anderswo zur Entladung und hilft den verhäugnißvollen Zustand der Nervosität begründen. Dieser letz- tere entsteht auch durch jenen Mangel an Blut oder an richtig beschaffenem Blul, welcher die Folge des Zuwenig- und Zu- schlechtessens ist und dem Wiederersatz der durch den Stoffwechsel verloren gegangenen Materie» so große Schwierigkeiten bereitet. In Oertlichkeite», woselbst regelmäßig zu gut lind zu viel gegessen und getrunken wird lsehen wir von den gebrannten Wassern hier ab und denken wir nur an Wein und schweres Bier), begegnet uns der blutige Schlagfluß gleichwie die Gicht sehr häufig. Dort, woselbst zu wenig oder zu schlecht gespeist wird, begegnet uns das Heer der Krankheiten sehr häufig, die aus Blutmangel und Nervosität ciitspringcn. Gute Nahrung ist die, welche den Organismus entsprechend für seine Verluste entschädigt und ihm die nöthigc Menge von Material liefert zum Ausbau seiner Gebilde. Dem gewöhnlichen Vorurtheil gemäß müßte Fleisch das beste Nahrungsmittel sein. Nun versuche es jemand, ausschließlich von Fleisch zu leben, und er wird— eines elenden Todes sterben. Eher kann man ausschließlich von dem Obste selbst der nördlichen Gegenden sein Dasein erhalten. Wie hängt dies zusammen? Im Fleische sind wohl viele Eiweißkörpcr und Salze, aber nur ganz unbeträchtliche Mengen von zucker- und stärkemehl- ähnlichen Stoffen enthalten. Dieser letzteren bedarf der Orga- nismus ganz ebenso nöthig, wie der ersteren. Obst enthält, wie alle pflanzlichen Nahrungsmittel, elweißartigc Stoffe. Von größeren Obstmengcn kann also der Mensch bestehen, von Fleisch für sich allein nicht. Erbsen, Bohnen und Linse» enthalten die sämmtlichen Nähr stoffe in einer sehr glücklichen Kombinalioni ciweißartige Körper, Fett, zucker- und starkemehlähnlichc Materien und Salze; sie er uähre» demnach richtiger und vollkommener, als Fleisch. Ver- bunden mit Obst oder Wurzeln machen sie Nahrungsmittel aus, die auch das beste Fleisch lies in Schatten stellen. Läuft man bei Fleischgenuß Gesahr, von Trichinen, Band Würmern, Finnen ic. befallen z» werden, so ist von solcher Gesahr bei Vegelabilien nicht die Rede, und einigermaßen entsprechende Reinheit und Sorgsall der Zubereitung vermag den letzten Rest gefährlicher oder doch bedenklicher Beimengungen zu entfernen, in der Voraussetzung, daß die betreffenden Pflanzenlheile nicht ganz verdorben oder giftig sind. Die Getreidelsrteil gehören zu den den Bedürfnissen des Menschen am mcisteü entsprechenden stiahrungsstoffen; sie liefern das tägliche Brot, um ivelches Millionen von Wesen in jedem Augenblicke zum Himmel flehen Der Erfahrung gemäß ist das Brot aus Roggen ebenso nahrhaft, wie das aus Weizen; das mit der Kleie verbackene Brot ist im allgemeinen besser, als das aus gesiebtem Mehl bereitete, weil die Kleie vortheilhastc Wirkung aus das Tarinrohr ausübt, ganz abgesehen davon, daß sie auch noch nährende Stoffe enthält. Für einen Menschen hat der Genuß frisch gebackcnen Brotes keine Gefahr, für den andern wird selbiger zur krankmachenden Potenz. Das süße Brot ver- dient meistenstheils den Vorzug vor dem saueren. Großen Einfluß auf den Organismus haben die Salze, die in den verschiedenen Nahrungsmitteln enthalten sind. In den Getreidearten kommen überwiegend phosphorsaure Verbindungen vor, demnach Mineralstoffe, welche die im Stoffwechsel verbrauchten und durch den Harn ausgeschiedenen anorganischen Materien treff- lich wieder ersetzen. 271 In gutem Bier, welches aus wirklichem Malz bereitet wurde, kommen phoophorsaure Salze in aufchnlichen Mengen vor. Die anderen Bestandthcile solcher Bierarten haben sowohl nährende als belebende Wirkung, und daher kommt es, daß mäßiger Ge- brauch ächten, reinen, malzreichen Bieres nicht selten den besten Ersolg hat für Schwächliche, Genesende und Schwcrarbeitende. Man nannte richtiges Bier auch flüssiges Brot; eine Bezeichnung, die, figürlich genommen, sehr zutreffend ist. Durch das Einreißen der allgemeinen Ueberstürzung und Gewissenlosigkeit sind die Dtahrnngs- und Gennßmittel immer mehr und mehr verfälscht und erkünstelt ivordcn. Daß man jetzt Bier trinkt, welches niemals auch nur eine Spur von Malz und Hopfen sah, Cichorie aufnimmt anstatt Kaffee, Milch genießt, die niemals der Brust eines Säugethicres entquoll, von Wein Ge- brauch macht, der ohne alle und jede Beziehung zur Weintraube ist, pflanzliche und thierische Zubereitungen aufzehrt, die mit den schädlichsten Körpern versetzt wurden,— hat ungewöhnlich großen Einfluß auf den Bolksgcist, indem es Denselben krankhaft ab- ändert durch Erzeugung körperlicher Leiden, pathologischer Geistes- lind Gemüthsverfassungen bei den einzelnen, die Gesellschaft und all' deren Interessen schädigt. Zu deu ans dem Genüsse verfälschter Nahrungsmittel ent- sprungenen Uebclständen kommt noch die Zunahme des Wirthshaus- lebens und des Tabakrauchens, besonders des Cigarrcnrauchcns in geschlossenen Räumen. Ein ganzes Heer von Krankheiten führt auf diese Quelle sich zurück. Man weiß, daß in England, auf dem Kontinente Europas ebenso wie in Nordamerika die Leiden des Gehirns und Nervensystems seit einigen Jahrzehnten in sehr bedeutendem Maße zunehmen. Dies hängt nicht nur mit Ueber- anstrengung aller leiblichen und seelischen Kräfte durch den immer heftiger werdenden Kampf um den Bissen Brot und um den Groschen zusammen, sondern auch mit dem Genüsse verfälschter Speisen und Getränke und mit dem Fluche des Wirthshauslebens in seiner neumodischen, Leib und Seele vergiftenden Form. Aufblühen, Wiederaufblühen des Familienlebens ist das beste Mittel zu einem guten diätetischen Regiment, zu Wiederherstellung der ganzen Gesundheit des Volkes. Daß der Familienvater ini Wirthshause sitzt, Bier oder Wein trinkt, Tabak raucht und poli- tisirt, lästert oder gar spielt und sonst der Moral entgegenhandelt, hat folgende diätetische Nachthcilc für ihn selbst und für seine Familie. Er selbst erkrankt und verkürzt sein Leben, schädigt seine Wirthschaft, seinen Geist, sein Gemüth, seine Sitte. Seiner Familie werden zahlreiche Mittel zu anständigem Lebensunterhalt, richtiger Ernährung entzogen. Das Oberhaupt der Familie schwebt in der Gefahr des Schlagflusscs, die Glieder der Familie balgen mit Blutmangel sich umher und, bei frühzeitigem Tode oder Siechthum des Ernährers, mit Blutmangel und mehr oder minder entsetzlichem wirthschaftlichen und sittlichen Elend. Meidet der Familienvater das Wirthshaus und sucht er sein! ganzes Glück im Hause, bei seinen Nächsten und Liebsten, so bieten der normalen Ernährung aller unendlich weniger Hemm- nisse sich dar, als in dem entgegengesetzten Falle: alle erhalten ihr Dasein länger, alle bleiben gesunder, lebenskräftiger, sitten- reiner, und haben, wie die Welt noch ist, mehr Aussicht zu Er- langung von Wohlstand. Dadurch wird der Fortschritt des Proletarierthums auf der einen und der großen gesellschaftlichen Erkrankungen auf der andern Seite gehemmt, damit auch die Hitze des Kampfes um das Bestehen gemäßigt, viel Anlaß zu Ueberstürzung und Gewissenlosigkeit ans der Welt geschafft und der betritgerischen Fälschung von Nahrungsmitteln eine Zahl von Wegen versperrt. Erquickung und Belebung, Anregung bedarf unser Organismus neben der Ernährung; auch müssen wir demselben Mittel zuführen, welche als Sparmittel der Leibesmasse sich verhalten und so uns befähigen, ohne Uebersüllung des Magens gut und kräftig uns zu ernähren und Nervcnkrast übrig zu behalten für die höheren Interessen des Seelendaseins. Die kaffecartigen Getränke, die gegohrencn und geistigen Flüssigkeiten, die Würzen und Gewürze, endlich die Rauch-, Schnupf- und Kaumittel kommen hier in Betrachtung. Mit dem Wunsche, daß Rauch-, Schnupf- und Käumittel ebenso, wie destil- lirtc Geister der Teufel hole, und daß die, welche einer Anregung, Belebung, Erquickung bedürfen, an Würzen und Gewürze, Kaffee, Thee, Chokolade, allenfalls an reines Bier und ächten Wein sich halten mögen, hebe ich hervor, wie folgt. Keine ans nahr- haften Materien pflanzlicher oder thierischer Art bereitete Suppe oder andere Speise erquickt, belebt, regt an, wen» sie nicht mit Würzen, namentlich frischen, dustenden Kräutern und Wurzeln, mit Zucker, Salz, Essig u. dgl. m. versetzt wiirde. Man kann ohne Würzen leben; aber man erschlafft. Nicht blos der Mensch, auch alle anderen Thiere haben den Drang, derartige Aromatika aufzunehmen. Diese letzteren rege» nicht nur das Nerven- und Gefäßsystem, sondern auch die Verdauung selbst an, und dürfen aus diesem Grunde in keiner Nahrung fehlen. Bezüglich der eigentlichen, der scharfen Gewürze sei aus- gesprochen, daß es unrecht wäre, dieselben ohne weiteres zu ver dämmen; denn es gibt Fälle, in denen Pfeffer oder irgendein anderes Gewürz der heißen Erdstriche mit größtem Vortheil ge- braucht wird. Aber im allgemeinen dürfte es sich doch empfehlen, diese Pflanzcntheilc möglichst sparsam zu verwenden, weil deren Einfluß auf den Organismus ein ziemlich energischer ist und manche Apparate heftig dadurch gereizt werden. Am besten ist es, nicht au Gewürze sich zu gewöhnen, sondern derselben nur ausnahmsweise sich zu bedienen, unter gewissen Umständen, wo es darauf ankommt, die Verdauung, das Nervensystem und die prgane des Blntumlauss vor Erschlaffung zu bewahren, ent- sprechend anzuregen und so der Entstehung gewisser Krankheiten vorzubeugen.(Schluß folgt.) Die Argeschichte der Menschheit. Von Dr. A. �rowe. (Schluß.) Wir sprachen jedoch oben nur von Jndogermanen. Sie sind blos ein Bruchtheil der„Mittelländer", zu denen auch Iberer und Kaukasier, Semiten und Hamiten gerechnet werden. Wie unvorstellbar dem Sprachforscher die Verwandtschaft der Sprachen dieser s. g. mittelländischen Völkcrfamilie ist, kann ein Laie sich gar nicht denken. Muß aber dennoch selbst der scharfsinnigste Sprachforscher schließlich doch, ob noch so widerstrebend, sich der offenbar unwidersprcchlichen Annahme beugen, daß alle diese Völker Eine Familie sind, so bleibt ihm nur der Ausweg übrig: Schön! dann sind jedoch diese Völker vor Jahrhunderttausenden von einander sprachlich getrennt worden.—- Hier widersetzt sich meist wieder, ob noch so versteckt, im tiefsten Grunde nur der menschliche Hochmuth, der die unendliche Kleinheit seiner pcrsön- lichen Lebensdauer sich nicht noch ärger will zum Bewußtsein bringen lassen. Denn ivas ist der einzelne Mensch mit siebzig- bis achtzig- jähriger Lebenszeit, wenn sein Volk schon viele Jahrtausende gelebt hat? Wie unbedeutend, wie nichtig erscheint unsre ganze fünftausendjährige Weltgeschichte, ivenn vorher Jahrmillioneu die Spezies Mensch bereits ein ungeschichtliches Dasein gelebt hat? Gleichwohl kommt es in der Wissenschaft auf unsere Empkin- düngen nicht an, wenn wir Wahrheit suchen. Sie gleicht dem Speer des Achill und heilt dieselben Wunden, die sie schlug.— Umgekehrt könnten die Jünger der Wissenschaft sich bitter beklagen, daß ihnen die Forschung immerdar verleidet und erschwert wird durch früh eingeimpfte und täglich wieder anmaßungsvoll ge predigte Lehren, die— uubasirt, wie sie sind— bei jedem Fort- schritt des Gedankens ihr immer aufs neue in den Weg geschleu- dert werden. Freie Bahn, nichts weiter, fordert die Forschung. Aber berechtigte Einwendungen muß und wird sie stets freudig begrüßen.— Wir führen einige an. Die Frage nach dem Urzustände der Menschheit läßt sich ver- nünstigemnaßen am besten beantworten, wenn man die rohesten Zustände der Gegenwart zu Rathc zieht. Nun aber gibt es auf dem ganzen Erdboden kein Geschlecht, das ohne Feuer und Sprache, kletternd, blos von Früchten auf Bäumen lebte. Darum nennt Oskar Peschel alle jetzt lebenden Völker schon civilisirt. Ein einziger Stamni könnte noch gefunden werden. Stanley hat ihn am Mittelcongo entdeckt. In Urwäldern lebt er dort, und Folgendes ist's, was der große Entdecker darüber schreibt: Ter eigcnthümliche Charakterzug an Kampunzus Torfe waren zwei Reihen Ichädel, die 10 Fuß von einander die ganze Länge des Torfes durchliefen, etwa 2 Zoll in die Erde gedrückt, die Cerebralheinisphären nach oben, ausgebleicht und weiß vom Wetter glänzend. Der Schädel waren 180 an der Zahl in diesem einen Dorfe. Mir schienen sie menschlich, obwohl manche eine außerordentliche Erweiterung der Hinterhauptstheile, andere der Seilen- wandknochen hatten und die Stirnbeine ungewöhnlich niedrig und zurücktretend ivaren; aber die Räthe und der allgemeine Anblick der größten Zahl von ihnen ivar so ähnlich dem, was ich eben für menschlich hielt, daß ich nieine Hauptleute und die Araber fragte, tvas diese Schädel wären. Sie erwiderten:„Solos"— (vielleicht Chimpansis? jrngt Stanley selbst in Parenthese und fährt dann fort:)—„Solos vom Urwald?"—„Sicherlich!" antworteten sie alle.—„Äringt mir sogleich den Häuptling von Kampunzu!" sagte ich, nun aufs höchste interessirt zufolge der Wundcrberichte, die Livingstone mir ebenso wie die Eingebornen von Manjema darüber gegeben hatten. Der Häuptling von Kampunzu, ein langer, starkgebauter Atann von etwa-15 Jahren, erschien, und ich fragte ihn:„Mein Freund, was ist das da, womit Ihr die Straßen Eures Dorfes geschmückt habt?"— Er antwortete:„Njauia"(Fleisch).—„Njama! Njama wovon?"—„Njama vom Walde."—„Walde! Was für Zeug ist denn dies Njama vom Walde?"—„Es ist ungefähr von der Gestalt dieses Jungen."(Dabei zeigte er auf meinen Flinten- träger Mabruki, der 4' 10" hoch ivar.)„Es geht herum wie ein Mensch und geht au einem Stocks damit schlägt's au die Bäume im Walde und macht abscheulichen Lärm. Diese Njama essen unsere Bananen und wir jagen sie, schlagen sie todt und essen sie."—„Sind sie gutes Essen?" fragte ich.— Er lachte und erwiderte, sie iväreu sehr gutes!—„Würdest du jetzt einen essen, wenn du einen hättest?"—„Gewiß mürd' ich's. Soll ein Mensch Fleisch zurückweisen?"—„Gut, sieh her! Ich Hab' hier hundert Cauris(afrikanische Zahlmuscheln). Nimm deine Leute und fang' einen und bring' ihn mir lebendig oder todt. Ich brauche nur seinen Schädel und sein Fell. Das Fleisch kannst du behalten!" Kapunzu's Häuptling brachte mir, ehe er mit seinen Leuten auszog, ein Stuck vom Fell eines Solo, welches wahrscheinlich den Rücken bedeckt hatte. Der Pelz ivar dunkelgrau, mit zoll langem Bließ, die Haarspitzen weißlich; eine Linie von dunklerem Haar bezeichnete das Rückgrat. Dies, versicherte er mir, war ein Stück„Sokohaut". Er zeigte mir auch eine Kappe daraus, die ich kaufte. Abends kam der Häuptling vom Jagdzug erfolglos zurück. Er ivünschte, wir möchten zwei oder drei Tage bleiben, damit er Fallen für Svkos lege, da sie unstreitig nachts die Bananen be- suchen würden. Da ich soviel Tage zu warten nicht Zeit hatte, crivarb ich mir für einige Cauris den Schädel von einem Männchen und von einem Weibchen. Diese zwei Schädel wurden später glücklich und heil nach England gebracht und Prof. Hnxley gezeigt, der sie folgender- maßen benrtheilte: „---- Der eine gehörte einem etwa 30jährigen Manne, der andere einein über öOjiihngen Weibe. Der Mannsschädel zeigt alle charakteristischen Eigenthümlichkeitcn des Negertypus, einschließlich eines starkausgeprägten, doch nicht ungewöhnlichen Grades von Prognathicismns. Am Weibesschädel ist die einzige Merkwürdigkeit eine ziemlich ungewöhnliche Breite der vorderen Nasenöffnung im Berhältniß zur Höhe, wonach die Nasenlöcher wohl etwas weiter seitwärts gestanden haben mögen und die Nascnspitze selbst ein wenig flacher als sonst gewesen sein mag. Der Index beider Schädel ist 75. Nichts an diesen Schädeln rechtfertigt die Annahme, daß ihre ursprunglichen Eigenthümer in irgend bemerkenswerthem Grade sich vom gemeinen afrikanischen Neger unterschieden." So hat durch obiges Gutachten mich Prof. Hnxley niit dem Beweis überrascht, daß die Kanipnuzuleute Kannibalen Ivaren; deiiizjvenigstens die Hälfte der von mir gesehenen Schädel trug die Spur einer Hacke, die in den Kopf getrieben war, als die Opfer noch lebten. Soweit Stanley's Bericht über die tiefststehende Menschen- forte, die bis letzt irgendwo gefniidcn worden ist. Bedauern wir zunächst, daß Stanley nicht Zeit hatte, zwei oder drei Tage zur Lösung des größten anthropologischen Pro- blems der Gegenwart zu verwenden, woraus ihm übrigens kein Vorwurf zu machen ist, da er im ersten Moment wohl nicht die Wichtigkeit der Entdeckung zu ahnen vermochte— und überhaupt nur, wer selbst schon in solchen Reisenöthen, wie er, gesteckt hat, über seine Ungeduld, weiterzukommen, eine richtige Vorstellung hegen kann: so muß doch sogar bei den geringen vorliegenden Einzelheiten für nnsern gegenivärtigen Zweck anerkannt werden, daß der Bericht des bewunderungswürdigen Reisenden manchen Zweifel über die Zustände des Urmenschen lichtet. Haarig war nach Stanleys Geivährsleuten das Fell des Soko selbst auf dem Rücken; aufrecht ging er an einem Stock, wie man gern die Urangutang malt. Beides hebt die Möglichkeit auf, auch die letzte, den Urmenschen des großen Denkers Lazarus Geiger noch aus unserm Planeten zu finden. Solange aber kein bäumednrchklctterndes, ganz und gar werkzeugloses Menschthier ohne Sprache gefunden ist, bleibt es selbst nur Hypothese. Gäbe es unter den Reichen und Fürsten Anthropologen, begeistert genug, um einige hunderttausend Reichsmark an die völlige Lösung dieses Problems zu wenden, so könnten wir in drei Jahren mehr wissen. Vorläufig bleibt dem Grübeln und Träumen Spielraum— und mehr als träumerisch ergrnbelte Annahme ist der Urmensch Geigers nicht. Nur auf eins in betreff unserer wiederholten Ausstellung un- geivohnt großer Zahlen für die Existenzdauer des Menschen muß man hier hindeuten: Wenn die Soko sich unter den viele Jahrtausende alten Negerrassen noch bis heute unvermischt als Halbthiere, wie eine Art Jagdwild erhalten haben, so muß die Entwicklung auch nur von ihrem Urzustand bis zu den Lebensverhältnissen der kannibalischen Neger an eine jahrze hn tau sc n delange Dauer Heraureichen, wonicht noch eine größere Zeit umfassen. Trotz alledem bleibt jedem der Zweifel unbenommen, ob die heutige Anthropologie nicht doch auf Irrwegen wandle. Die sogleich zu erörternde Annahme eines versunkenen Erd- theils als Urheimath des Menschthiers oder„Maiinthicrs"(wie Rollenhagen uns im„Froschmäusler" tauft), bleibt eben An- nähme. Die Stufenfolge der Lebensweisen vom Baumfruchtesser und Holzwaffenträger znni Jäger und Fischer(den einzigen heut vorhandenen Urzuständen) bleibt immer nur hypothetisch, bis die Njaina Soko in Europas Menagerien gezüchtet und beobachtet iverden. Von der Beobachtung solcher Urthiermenschen erst ließe sich Aufschluß über die Ahnen des jetzigen Menschen erwarten. Bis dahin, daß Genaueres aus Assika uns bekannt ivird, genügen ivohl dem ruhigen Skeptiker rein hypothetische Folgerungen aus Analogieen; aber um keinen Preis soll ein historischer Birchom kommen und sagen: ivir lehrten hier als Ergebniß, was nur Annahme ist und sein darf! Die Hypothese von einem unbekleideten, sprach- und feuer- losen Banmklettermenschthier zwingt zur Annahme eines Heiniath- klimas von unerschöpflicher Fruchtbarkeit. Diese Urheimath der Spezies llomn sapiens glaubt man nun im Indischen Ozean gefunden zu haben, wörtlich i m Ozean. Nämlich� verschiedene Gründe lassen darauf schließen, daß die Stille See und das Indische Weltmeer über einem untergesunkenen Kontinent slnthen, dessen Reste noch Celebes und Madagaskar wären. Man nimmt nun an, hier auf diesem versunkenen Ursestland habe das menschen- ähnliche Affengeschlecht seine Heimath gehabt, welches man die Lemuren nennt.'Nach ihnen heißt also ein hypothetischer Erd- thcil der Urzeit„Lemnrien". Er war der Sitz des Urmenschen.— Als min„nach Jahrmillionen"(wie mir kurzweg ein Straßen- arbeiter in Rom einmal die Zeil von Eäsar bis heute vorrech- nete!) Menschen sich Hordenwels zufammengcschaart hatten, da erfand der Urmensch— jwie die italienijche Ameise-�!�-j das Mälzen und Gährenlassen oder— mit einem Wort— den„Un- sterblichkeitstrank". Denn unsterblich erschien sich der berauschte Wilde mit seiner geheimnißvoll gesteigerten Lebenslust und See- lenthätigkeit im Rausche. Das Bereiten dieses Anirita(indisch) oder Ambrosia(griechisch) genannten Wundertranks geschah mit Hülse eines bohrenden Stabes.'Nun aber hatten schon längst außer Holzstücken und Fruchtschalen auch Steine zn Werkzeugen gedient. Das Zubereiten der weicheren Steine vermittels des harten Feuersteins führte bald auf die geheimnißvolle Natur des letzteren, die ihm seinen Namen gab: das Funkensprühen. ° Man dichtet nun, die lahmen und kranken Mitglieder von Urwelthorden seien zn Hanse geblieben, während der übrige Stamm auf Beute ausging, um ihrerseits für die kräftigeren Heroen der Horde Waffen aus Stein und Holz zu bereiten. Da hätten die armen Verachteten, diese oft(wie noch heute bei Pescherüh und Alfuru) mißhandelten Lahmen das Feuer- bereiten gelernt und als lahme„Vulkane und Wielande" auch Erz und Kupfer zu schmieden begonnen. Alle Poesie und Religion der Urzeit(beides war in der Ur- zeit eins: Poet war selbstverständlich Prophet und Gottesherold) also— alle Poesie und Religion der Urzeit bewegte sich um Feuer und— Feuertrank. Davon wimmeln die Mythen und mythischen Lieder. Hierauf beziehen die modernen Mythologen alle Urreligion. Abbild nur des irdischen Feuerbereitens, Feuer- trankbrauens, Berauschens und Polterabendgelärmes war das Gewitter am Himmel; die oberen Götter waren nur höher- gehobene Menschen, anfangs vielleicht kaum erhabener als die Erdsöhne. Dann erst, allmählich, erlangte das Kind die Vor- stellung: jene dort hoch existirenden Wesen sind nicht nur höher, sondern auch besser, jedenfalls stärker, als wir. Da trat das Bild der Sterne, des Mondes, der Sonne hinzu, um den Glau- den zu wecken, daß droben himmlisch verklärt die eigenen Ahnen des Erdmenschen aus der irdischen Gruft aufstiegen zum glän- zenden Himmel. Doch nicht roh genug denken darf man sich die Urreligion. Der Schamanismus in Nordasien ist noch Gold gegen den rohen Fetisch- glauben der rohestcn Erdbewohner der Gegenwart. Wie roh mag erst vor Jahrhundcrttausenden diese Uranfangsreligon des Gestirn- und Feuerdienstes gewesen sein. Auch Baum und Stein blieb bis in die neueren Zeiten heilig, sowie es gewisse Thierarten noch sind. Storch z. B. und Schwalbe genießen bis heut unsere unwill- knrliche, halb abergläubische Achtung und Schonung. Der Specht ist auch ein solcher �geheiligter Blitzvogel, der die Wünschelruthe findet und verschlossene Räume durch sie aufspringen macht; in Italien ward er abgöttisch verehrt. Bei unseren Bauern im protestantisch aufgeklärten Nord- deutschland gibt es noch zahlreiche Anklänge an die heidnische Urreligion der Jndogermanen; danach nrtheile man, was sich in anderen Gegenden erst recht von solcherlei Aberglauben alles mag erhalten haben. Sagen und Märchen sind Ueberbleibsel der alten Urreligion und in den Erzählungen der Bibel z. B. von Simson, Esther u. a. will eine weitverbreitete Schule von Mythologen geheime Reste derselben entdecken. Wir lassen uns hierdurch nicht im geringsten mehr beeinflussen als durch andere Hypothesen. Die Geschichtsforscher sehen z. B. in den 7 Königen Roms alte Mythen, worüber dann unser Philosoph Hegel seinerseits wieder sehr ungehalten ist. Die Wissenschaft schwingt eben ivie ein Pendel hin imd her, damit das Zifferblatt der allgemeinen Bildung den Zeiger Aufklärung nach langen Zeiträumen um eine Sekunde vorrücken sehe. Was aber jetzt auf Erden sich zeigt, kann unmittelbar den Fingerzeig abgeben für die Vergangenheit. Wir schließen daher unsere An- deutungen mit einem Hinblick auf die Gegenwart. Gegenwärtig unterscheidet man die Menschen am sichersten — oder, besser gesagt— am wenigsten unsicher nach dem Schädel und seiner Behaarung. Die wollhaarigen Rassen sind langschäd- lig und haben vorspringende Kiefern, heißen also dolichocephale Prognathen. Die Schlichthaarigen, welche das Gegentheil(des Orthognathismus) auszeichnet, zerfallen ihrerseits in Straffhaa- rige, deren stets dunkles Haar ungefähr wie Pserdemähnen glatt herabfällt, und in Lockenhaarige, die bald auch schtvarz, wie jene, bald aber blond sind. Da nun im äquatorialen Afrika und Australien die erstere Gattung überwiegt, d. h. in jenen Erd- gcgenden, wo die Lebensweise der paradiesisch arbeitlosen am nächsten kommt und wegen der überreichen Natursülle am nächsten kommen darf: so kann man sich schwer der Hypothese ver- schließen, daß in diesen Wollköpfcn mit vorstehendem affenhaften Gebiß, also ebensowohl in den Büschelhaarigen(Hottentotten, Papua zc.) als in den Vließhaarigen(Kaffern und Negern), sich die älteren Sorten der Menschthiere erhalten haben— während hiergegen die eigentlichen Australier und die Fcuerländer, sowie auch die Eskimos oder Jnnnit, Aino und Kamtschadalen sammt den anderen Umwohnern des nördlichen Eismeers bereits einen körperlichen Fortschritt anzeigen, der sich ini gemäßigten Klima Amcrika's und Asiens bei Malayen, Mongolen und Mexikanern, Peruanern und sonstigen Indianern auch zu geistigem Fortschritt entwickelt hat. Aber solche Annahmen bleiben ,ehr gewagt. Im rcichgeseg- neten Centralafrika fanden unsere Reisenden, wie Heinrich Barth u. a., schöngebildete Neger und blühende Negerstaaten, wie sie darzustellen den Indianern nie gelang. Es kann daher kein un- trüglicher Schluß aus den Rassenähnlichkeiten und Rassenunter- schieden gezogen werden, um die historische Entwicklung der Menschheit daraus herzuleiten. Nicht minder unzuverlässig für die Urgeschichte sind die Be- weise, die man aus der Sprachverwandtschaft gern entlehnen möchte. Das einsilbige Chinesisch enthält eine fo reiche Literatur, daß Jakob Grimm es getrost mit der fast auch wieder einsilbig gewordenen, fast flexionslosen englischen Kultursprache zusammen- zustellen wagte. So stehen sich beide Sprachen als Anfang und Ausgang der menschlichen Sprachentwicklung gegenüber. Wo ist da fester Boden zur Betveisführung über Uralterthumsbeginn? Indessen gibts hier doch Fingerzeige. Die einzigen wahrhaft flectirenden Sprachen sind die semitischen und die arischen. Nun kann man sagen: die ganze Weltgeschichte beginnt mit der Be- siegung der semito-hamitischen Kulturvölker in Vorderasien und Ostafrika durch die arischen Perser und Griechen; sie dreht sich dann lange Zeit um den Weltkampf zwischen dem semitischen Carthago und dem arischen Rom und dieser Weltstreit erneuert sich in den Kreuzzügen, die den letzten Versuch der Semiten, als arabische Moslemine sich zur Weltherrschaft zu erheben, vereitelten. Neben diesen zwei Hauptarten der lockenhaarigen Mittelmeerrasse spielten die straffhaarigen Mongolen und finnisch-tatarischen Step- pcnvölker nur immer die Rolle der räuberischen Kulturstörer. So ahnt man gewissermaßen, daß jede Menschenart sich in einer höchsten Kulturform auszuleben verstand, wie etwa Insekten in der Gattung Ameise, Dickhäuter im Elephanten. Ist es nun auch erklärlich, daß die höherstehende Art vor der Niedern einen gewissen natürlichen Abscheu empfindet, daß der menschliche Neben- buhlcr im Kampf ums„Mehrsein" gradeso tödtlich bekämpft wird, wie im Thierreich der Wettbewerber ums„Dasein", so muß doch der wahrhaft hochgebildete Mensch diese instinktive Reflexbewegung in sich selbst überwinden und alle Seinesgleichen mit gleicher allgemeiner„Menschenliebe" umfassen. Dann allein erhebt er sich wahrhaft ans den rohen Urzeitzuständen, in denen jeder„Gast" gehaßt ward, jeder bosxes für hostis galt, d. h. jeder Fremde für einen Feind! Ob wir aus dieser Urzeit schon ganz herausgetreten sind, kann zweifelhaft scheinen, und manche Geschichtbetrachter finden keinen innern wesentlichen, sondern höchstens einen Gradunterschied zwischen jener und der Gegenwart. Noch immer herrscht Mytho- logie mit fanatischer Ausschließung jeder anderen in den Köpfen der Millionen, noch immer bekämpfen sich stammverwandte Völker mit„patriotischer Schwachheit" des Urtheilsvermögens. Aber noch schlimmer als dieser unverändert gebliebene Charakter der Religions- und Staatsgeschichte seit SOOl) Jahren scheint uns der Rasienhochmuth, gegen den im englischen Indien wie im portugiesischen Afrika und im angelsächsischen Amerika vergebens der Eifer christlicher Missionäre und wissenschaftlicher Forscher ankämpft. Ein wesentlicher Fortschritt wäre erst dann erreicht, wenn alle Europäer wenigstens brüderlich einträchtig ihr gemeinsames Wohl gemeinsam arbeitend fördern wollten, und wenn sie wenigstens jedem Rasienhochmuth entsagen, alle Mit- bewohner der Erde als Verwandte, ob auch immerhin zum Theil recht arme Verwandte, ansehen wollten! Kann die Betrachtungsweise der gegenwärtigen„Wissenschaft vom Urzustände der Menschheit" zu solchen Ergebnissen führen, kann als letzte Schlußfolgerung ihr die Nothwendigkeit allgemeiner Verwandtenliebe wie ein unwidersprechliches Axiom entspringen, da nämlich alle Menschen doch ursprünglich einer Art sind, und nur durch gegenseitige Förderung zu besseren Zuständen kommen konnten und kommen können, so müßten die Gegner unserer Wissenschaft, die auf dem Boden engbegrenzter, hebräisirend- scholastischer Anschauungen stehen, sich wenigstens mit unserem Endgedanken einverstanden erklären. Denn dieser stimmt, nur anders ausgedrückt, mit dem ihren überein.-Gemeinschaftlicher Feind beider Parteien ist einzig der Pessimismus, der jeden Fort- schritt der Menschheit leugnet. Aber eine dem blasirt-frivolen „Es ist alles eitel sich entgegenstemmende Gedankenreihe führt allemal zu dem Gesetze fortschreitender Geistesentwicklung, wie es Leibnitz, Kant, Lessing, Herder, Goethe, Schiller aufgestellt und die Heroen unserer Wissenschaft des 19. Jahrhunderts— von Geiger und Max Müller bis zu Noirö u. s. w.— fest un- verrücklich aufrecht erhalten haben. Berührt sich das opferwillig edle Streben der oft nur in Nebensachen mehr oder minder befangenen, religiös Gläubigen, 274 die durch alle Erdtheile hin bis in die tiefste» Einöden und Wild� nisse ihre Glaubensstatioucn pflanzen, nicht aufs allerschönste mit unserem eigenen freudigen Mühen und Trachten, welches die „ Erziehung der ganzen Menschheit" zu gleicher Gesittung und Geiftesfreiheit hoffend fördern will. So kommen wir von sehr verschiedenen Ausgangspunkten schließlich zu demselben Endziel. Möchte der kurze Beitrag, den wir im obigen zur Verbrei- tung der Kenntniß vom jetzigen Standpunkt der menschlichen Uralterthumskunde gaben, auch dazu beitragen, daß Goethe's Wort im tiefsten Sinne dieses großen Dichters der All-Menschen liebe*) erfaßt und beherzigt würde: „Laßt alle Volker unter gleichem Himmel Sich gleicher Habe wohlgemuth erfreu'»!" *) Goethe,„Hypochonder": „.... Kaum seh' ich ein Menschengesicht, So Hab' ich's wieder lieb. � Irrfahrten. Zon Ludwig Wosenverg. (Fortsetzung.) Das waren ein paar wunderbare Augen!— Sie wollen nicht ans meinen Gedanken. Sie verfolgen mich. Schließe ich meine Augen, so sind die beiden blauen Sterne erst recht da, sie haben sich in mir festgehakt.— Welch' magischer Reiz!— Ich weiß nicht, wie mir geschah!— Ich fühlte nur, wie es mir in meinem Körper zuckte, wie mein Gesicht sich verfärbte, wie das Herz bis an den Hals schlug. Und dann! Ist es Narrheit?— Ich lief davon, als wäre ich von Mördern gehetzt.— Erst in meiner Stube finde ich Ruhe!— Nein, diese Äugen!— Sie waren größer, als die Luisens! Sie waren noch seelenvoller, als Luisens Beilchenangen, und vor allem— sie haben mich begehrenswerther angeschaut!— Welch' ein Wesen!— So habe ich mir immer die Fee des Märchens ausgemalt! Blondes, lichtes Haar, eine reine Stirn, ein cngclgleiches Oval des Antlitzes und solche, solche sprechende Augen!— Ich bin ein Narr, daß ich mich so aufrege, denn— wo finde ich sie wieder— die liebe Gestalt!? Und doch, ich habe das Gefühl, daß ich sie wiedersehe, daß ich sie öfters sehen, daß ich mich sattschauen müsse an ihr und an ihren überirdischen Augensternen!— Mein Verstand sagt zwar: Wozu? Aber mein Herz widerstreitet. Das heillose Geld!— Es ist rund; es rollt so gern, so flott!— Ich verachte es und muß darum doch buhlen! So bescheiden und so einfach ich auch lebe, so harmonirt meine Aus- gäbe dennoch nicht mit meiner Einnahme.— Ich las eine Annonce, durch die man einen Lehrer zu einem Knaben sucht. Wenn das Glück mir lacht, so bleibt mein Angebot nicht ohne Bescheid. Bei meiner Befähigung und meiner Liebe zu Kindern bin ich des Erfolges meines Unterrichts sicher.' Bisher habe ich von meinem Wirthe Sander in diesen Blät- tern noch nicht geredet.— Der Abend war schön. Ich hatte just noch einen Spaziergang zu machen.„Wenn es Ihnen lieb ist, begleite ich Sie," sagte Sander.— Sein gerader, offener Sinn, seine Bescheidenheit und seine Einfachheit im Wesen und Aeußeren hatten mich seit unserer Bekanntschaft angenehm berührt. Das Gespräch wendete sich auf Reisen, aus Länder, fremde Sit- ten, fremde Gewohnheiten. Sander hatte sein Baterland mannich- fach bereist; er war bekannt an der Donau, am Rhein und Main, an der Elbe und Weser, und seine Schilderungen von Menschen und Land riefen manche liebe Erinnerungen in mir mach, da ich vor mehreren Jahren selbst mit meinem Bater Deutschland die Kreuz und Quer bereist hatte. Er sprach mit Begeisterung vom stolzen Rhein, vom lieblichen Taunus, von der romantisch bezaubernden Bergstraße, so daß ich ihm wohl glaube, wenn er behauptet, trotz des vorgerückten Alters eine glühende Liebe für alle Naturschönheiten zu besitzen. Sander sah dabei träumerisch zum Himmel hinauf, an dem hier und da einige Sterne auf- tauchten. „So, unter freiem Himmel, an solch' schönem Tage, wie der heutige, ist meine ganze Seele friedlich und religiös erhoben," sagte er,„ich bin bei mir, und mit meinem Gott, allein, im reg- sten Berkehr, ohne Störung lästiger Wesen mit heuchlerischen Masken und falschen Herzen!"——— Ich erwiderte nichts, denn ich war damit beschäftigt, über diesen mir sonderbaren Menschen nachzusinnen. Hier paarte sich Männlichkeit mit ficht- licher Weichheit; Berstand mit einer großen Dosis poetischer Phantasie!—---„Ja," fuhr er fort,„ich bin nun schon lange nicht mehr in meiner Kirche gewesen; ich habe schon lange allen Kultus abgeschworen und mir allein meinen Glanben zu- sanimcngereimt. Wo ist heutzutage die Liebe zum Nächsten, die Furcht vor Gott, Ivo die Opferfreudigkeit für einen guten Zweck? - Man soll sich nicht täuschen lassen, wenn von christlicher ! Nächstenliebe in öffentlichen Blättern gesprochen wird. Das ist Eitelkeit, Egoismus! Meine Kollegen sind meist beständige fleißige Kirchengänger; sie prahlen damit und freuen sich arg, wenn der Seelenhirte ihnen durch einen Gniß dafür dankt, daß sie seiner Eitelkeit Zuträger seien— aber die Frömmigkeit durch Bescheidenheit des Wesens, durch Lauterkeit des Sinnes, durch mehr Opferfrcudigkeit des Herzens zu erweisen,— dazu fehlt ihnen allen Energie und Selbstlosigkeit. Sie sind alle keine Christen!"— Sander hatte sich in eine Art fromme Begeisterung hineingeredet; ich war für ihn nicht mehr anwesend; er sprach laut und eindringlich, wie vor tausend Zuhörern, vor sich hin, es ivar unzweifelhaft, daß seine Worte aus lauterem Herzen kamen.— Wir standen endlich an einem Kreuzwege. Die Frage, ob wir heimkehren sollten, brachte ihn mir zurück.— Ich sprach meinen Beifall ans über seine offene und ehrliche Meinung!— „Gewiß rede ich Wahrheit!" rief er.—„Da sehen Sie den Seelsorger B.... Ein Mann, der Ruf hat, ein frommer und wahrhaftiger Christ zu sein, muß sich nachreden lassen, daß er in seinem eignen Hause das Laster beherberge. Man vertuscht das Glimpfliche, aber es kommt doch endlich an die Ohren der Welt. Seine Tochter ist eine Dirne. Unter der Maske frommer Demuth, Keuschheit und Reinheit wandelte sie dahin, das ge- flissentlich hervorgehobene Muster echter Weiblichkeit; aber im Herzen sah es schlimm aus; da trieben Dämone ihr Spiel.— Soviel Menschen es gibt— fügte ich hinzu— soviel Götter gibt es auch!— Ein Gott, der alle Menschen in gleichem Maße be- friedigen, ein dogmatisches Glaubensbekcnntniß, daß aller Wünsche gerecht werden könnte, gibt es nicht. Jeder hat seinen Gott für sich und seinen Altar für sich. Für einen Zweiten findet sich kein Platz darauf.— Was mein Gott ist, ist nicht der Gott meines Nächsten. Die Geliebte, die meinen ganzen Sinn erfüllt, hat nicht die gleiche Anziehungskraft für einen andern. Er findet Schwächen, die ich nicht sehe, und wundert sich gar, daß ich so viel Sympathie einem nichts weniger als gefälligen Wesen entgegenbringe. Ja selbst Mängel, die jenem an dem Mädchen mißfallen, können mir liebenswürdig erscheinen, und Vorzüge, die jener besonders rühmt, haben vielleicht keinen Verdienst an meiner Neigung zu der Geliebten. So ist es auch mit unserem Gott. Das Urthcil über alle Dinge ist individuell!— Deshalb erscheint mir auch die religiöse Anschauung der Alten weit an- ziehender, die ein Bedürfniß fühlten, für die verschiedenen Tu- genden und Leidenschaften des Menschen verschiedene Götter auf- zustellen."— Sander hatte mich ausreden lassen!—„Nein!" rief er,„der Gott ist da, er lebt, er lebt in der Gemeinschaft einer kleinen erleuchteten Menge; er hat seinen Geist über sie ausgegossen, das Licht der Erkenntnis; ist in ihnen aufgegangen und Christi Bild ist rein und fleckenlos wieder vor ihnen er schienen!"-- Verwundert über diese Entgegnung, schwieg ich. Er hatte meine Worte offenbar nicht verstanden.—„Auch ich," fuhr er fort,„tappte im Dunkeln; meine Seele suchte nach dem Licht, mein Herz sehnte sich nach dem Quell der Labung. End lich ist der Borhang von meinen verschleierten Blicken gefallen und ich habe die Gemeinde gefunden, die Christi reine Lehren aus reinen Opfergefäßen darreicht!— Kommen Sie mit und lassen Sie ihre irre Seele richtig leiten, damit auch Sie die Gottheit finden, die Gottheit schauen, die allen Erdenwesen in gleichem Maße wohl will und zum ewigen Leben führt." Er drückte mir die Hand und sagte mir darauf eine gute Nacht!— Sander ist ein räthselhafter Mensch. Ich begreife seine Worte nicht. Ich soll mitkommen. Wohin?——— sonderbar! ---- Der Mond steht klar am Himmel. Die Sterne schim nifrn so freundlich! Es ist mir so Wohl ums Herz und ich denke an die schönen Augen und die liebe, liebe Gestalt. Wann lverde ich sie wohl wiedersehen?—--- Ich habe doch etwas Glück. Der Vater des Knaben, für den ein Lehrer gesucht ward, bittet mich in einem Briefe um einen Besuch. Die Schreibart und das Briefpapier deuten auf eine vornehme Persönlichkeit.— Von Berlin auch einen langen Brief erhalten. Der Heldentenor und der pommerschc Gutsbesitzer haben mich nicht vergessen.— Es hat schwer gehalten, die Stunden ertheilen zu dürfen. Man hielt mich für einen Studenten, weil ich sagte, daß ich mich der Erholung wegen hier aufhalte. Ich entwickelte sodann in einigen Sätzen meine Methode und meinen Plan der Erziehung und fand bei Herrn Weise volle Zustim- mung. Wir sprachen dann noch über andere wissenschaftliche Dinge, und als ich beiläufig mein Bedauern aussprach, daß es mir versagt gewesen sei, die Universität zu besuchen, merkte ich, wie plötzlich die Sympathie Weise's für mich erblaßte.„Ja, was Sie sagen?! Sie haben nicht studirt?" rief er erstaunt. „Das ändert die Sache! Dann, glaube ich, wird es Ihnen doch schwer werden, meinen Sohn an das gewünschte Ziel zu bringen!" Als Weise ausgeredet, erwiderte ich, sichtlich mißgestimmt:„Ich glaube, in Ihnen einen' vornrtheilslosen Mann zu sehen, der nicht darnach fragt, Ivie jemand eine Fähigkeit erlangt hat, son- Forschnngsfahrten im nördlichen Polargebict. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. ltraulil. (Forlletzung.) Am 6. Mai 1859 fand Hobson mit seinen Leuten aus Point Victory einen Steinhaufen, unter welchem eine kleine Zinnbüchse lag. Er öffnete diese Büchse und fand in ihr ein von Crozier und Fitzjames, den beiden Offiziere» Franklins, herrührendes Schriftstück vom 25. April 1848, worin es hieß, der Steinhaufen sei von Franklins Leuten auf- gerichtet worden. Die beiden Schiffe Franklins hätten den ersten Winter bei Beechy-Jslaud zugebracht, nachdem sie bis zum 77. Grad nördlicher Breite vorgedrungen wären. Am Il.Juni 1847 sei Sir John Franklin gestorben. Ilm 22. April 1848 hätten die Schiffe, weil sie im Eise fest- gesteckt, verlassen werden müssen, und der Bestand der Mannschaft, 115 Mann, sei unter Crozier gelandet, um nach dem Great Fish River fortzugehen. Neun Offiziere und fünfzehn Mann der Expedition seien bis zum Datum des Schriftstückes gestorben. Von den Eskimos erfuhr man, daß eins der verlasseneu Schiffe vom Eise erdrückt, das andere auss Ufer geschoben und von den Eingeborenen als herrenloses Gut ausgebeutet worden sei. Rings um den Steinhaufen, den Hobson ver- geblich von seinen Leuten umwerfen ließ, lagen Kleidungsstücke, Schiffs- gcrüthe, Schaufeln und dergleichen. Die Nachforschungen aus einer über 800 Meilen weiten, unbekannten Landstrecke wurden fortgesetzt, und endlich fand Hobson unter K90 9' nördlicher Breite und 99» 17" westlicher Länge auf festem Boden ein großes Boot mit zwei menschlichen Gerippen, vielen Kleidern, fünf Taschenuhren, Messern, Gabeln, Pulver und Blei, Chokolade, Thee und Tabak, ein Doppelgewehr, einen Medizinkasten, Boge» und Pfeile. Die Knöpfe an den Kleidern waren die der englischen Kriegsmarine. Hierzu brachte M'Clintock einen bei den Eskimos gefundenen Kompaß und verschiedene andere europäische Utensilien. Alles dies befestigte in den Suchern die Ueberzcugung, daß sowohl Franklin als seine Gefährten nach und nach Opfer ihrer Forschungslust geworden seien, und da auch sie nicht weiter ins Polarmeer vorzudringen vermochten, so kehrten sie mit der traurigen, aber hinfort beruhigenden Botschaft nach England zurück. Kapitän M'Clintock hat in dem öffentlichen Vortrage der Gco- graphischen Gesellschast in London sich dahin ausgesprochen, das Ver- schwinden des größten Theils der Mannschaft Franklins erkläre sich durch das große Thauwetter des Jahres 1843, welches die arktische» Landregionen mit einer neuen Eisdecke versehen habe, worunter Franklin mit seinen Gefährten ruhe. Die Schrecken der Schlachtselder erscheinen gegen die Gefahren, welchen die Reisenden in den Polarländern ausgesetzt sind, fast wie Kinderspiele. Als die Versprengten der„großen Armee" 1812 bei ihrem Rückzüge aus Rußland, hungernd und zum Tode ermattet, in Schnee und Eis versanken, erhielten sie einen Vorgeschmack von den Schauern der Eisfelder, welche sich im Norden Asiens und Amerikas tausende von Meilen weit erstrecken. Muß der Tod durch eine Kugel oder einen Degenstoß aus dem Schlachtseldc nicht als eine Gunst des Schicksals gelten gegen den furchtbaren letzten Kampf mit Hunger, Kälte und Trostlosigkeit, welchen Franklin mit seinen treuen Gefährten erlag? Durch die Franklinsucher Jnglesield, Collinson, Kane, Anderson und Stewart ist die nordwestliche Durchfahrt gefunden, aber als durchaus unbrauchbar erkannt worden; alle späteren Expe- ditiouen erstrebten eine wissenschaftliche Erforschung der Polarregion und als Endziel die Erreichung des Nordpols. Schon früher haben die Verewigten Staaten Nordamerika's sich um die Erforschnng des hohen Nordens unvergeßliche Verdienste er- dem ob er überhaupt befähigt ist. Ich glaube nicht, daß Sic der Ansicht sein können, die Universität schaffe aus nichts besähigte Köpfe, und daß alle, welche von der Universität kommen, auch das Privilegium der Weisheit mitbringen. Schließlich denke ich, daß ein gerechter Mann erst prüfen solle, ehe er ein Verdikt der Unfähigkeit abgibt. Was mich anbetrifft, so habe ich Tage und Nächte geopfert, mein Wissen zu vervollkommnen, und ob ich gleich keine Universität besucht habe, so schätze ich mich doch nicht so gering, um es nicht in dem vorliegenden Fall mit manchem Studirtcn aufzunehmen, den Sie mir etwa vorziehen werden."— Meine ruhige Entgegnung wirkte, man versprach mir eine Probe- zeit.— Meine Stimmung ist infolge dieser Affaire, trotz des günstigen Verlaufes, arg niedergedrückt.— Die Weisheit geht also durch eine bestimmte Pforte, und ich hätte so nie Gelegen- heit, trotz Fleiß und Willen, eine Stellung, meinen Fähigkeiten angemessen, zu erringen!— O, das wäre ja arg, höchst ungerecht und für einen Philosophen zum Lachen. Soweit ist die Beschränkt- heit und Engherzigkeit noch nicht gekommen, mein lieber Herr Weise, wenn Sic mir auch glauben machen wollen, daß man heutzutage mit Recht auf staatliche Sanktionirung der Fähigkeiten halte, da sich die Mittelmäßigkeit zusehens breit mache und sich überall einzunisten suche, wohin sie nicht gehört. (Fortsetzung folgt.) warben; die Namen Henry Grinncll, Isaak Hayes und Elisa Kcnt Kane stehen unverlöschlich eingegraben auf den Gcschichtstafeln der arktischen Entdeckungsfahrten. Seit dem Jahre 1861 aber, nachdem inzwischen Schweden, Deutschland und England verschiedene Nordpol- Expeditionen in die Welt des ewigen Eises entsandt hatten, trat Amerika, mit schweren politischen und sozialen Fragen beschäftigt, erst nach mehr als einem Dezennium der Polarforschung wieder näher. Ein bewährter, an die Beschwerden und Gefahren, die Drangsale und Ent behrungen einer arktischen Kampagne gewöhnter, durch unerschütterliche Energie ausgezeichneter, leider jedoch wissenschaftlich nicht hinlänglich gebildeter Reisender, Seekapitän Franz C. Hall, war es, der endlich den Anstoß gab zu einer neuen amerikanischen Nordpolexpedition und den Kongreß von Washington für das Unternehmen zu gewinnen wußte. Natürlich ward er zum Führer der Expedition ernannt, die am 29. Juni 1872 mit de>n Auslaufen der„Polaris"" aus dem Hafen von Newyork ihren Ansang nahm. „Polaris", so hatte man treffend das Schiff getauft, ein kleines Fahrzeug von 387 Tonnen Tragfähigkeit, das aus der Werfte der Kriegsmarine zu Washington für seine neue Bestimmung durchaus um- gebaut worden war; mit der wissenschaftlichen Leitung der Expedition betraute man aber einen Deutschen, Dr. Emil Bessels, dessen Schilde- rung uns als Quelle bei Abfassung des vorliegenden Artikels gedient hat und der bereits im April des Vorjahres ans Bremen in Newyork eingetroffen war, um die wissenschaftliche Ausrüstung des Schiffes zu überwachen. Dr. Bessels fand das Schiffsinventar in mustergültiger Voll- ständigkeit und auch die auf eine dreijährige Reise bemessenen Mund- vorräthe zeigten quantitativ und qualitativ von ver Fürsorge, die von maßgebender Stelle dem Unternehmen zugewandt wurde. Freilich war es keinesfalls allen Theilnehmern der Expedition eine erwünschte Epe- zialität der„Polaris"", daß diese„unter dem wasserfarbigen Wimpel des Mäßigkeitsvereins segelte'", mithin etwas kräftigere Herz- und Ma- genstärkungen als Milch und Kräuterthee nur unter falscher Flagge und in kleinen Mengen eingeschmuggelt werden konnten. Als einer sehr wichtigen und nützlichen Vervollständigung der Polarisgcsellschast müssen wir aber eines Eskimo-Ehepaares gedenken. Dasselbe hatte Hall schon auf früheren Reisen, nach dem Hudsonsbaygebiete und auf einer Schlittenfahrt nach King-Williamslanv, begleitet und sollte nun auch bei seiner neuen Forschungstour nicht fehlen. Beide, Joseph und Hanne, waren für ihre Nationalität ziemlich zivilisirt, hatten sie an Bord eines Walfischjägers doch bereits eine Reise nach England unter- nommen, und auch sonst.ganz tüchtige und respektable Menschen. Der Mann leistete als Schütze und Jäger Vortreffliches, die Frau, die sich als nioderne Dame kleidete, war sogar der schweren Kunst des Schrei bens mächtig und von den anständigen Manieren einer geistig und ge- müthlich leidlich entwickelten Frau, ihren Gemahl an Wissen überragend, wie denn auch ihre Gesichtszüge nur leise an den Typus ihrer Rasse erinnerten. Beide, Joseph und Hanne, neben welcher der erstere in seiner hcimathlichen Eisregion übrigens, nach Volksbrauch, noch eine zweite Lebensgefährtin besaß, standen schon in reiferem Alter und hatten ein achtjähriges kleines Mädchen bei sich, Silvia getauft, von Hanne indeß Pannik genannt, das von dem Paar nach dem Tode ihres einzigen eigenen Kindes adoptirt worden war. Auch die Kleine hatte wenig von der Gesichtsbildung des Eskimo aufzuweisen. �_(Fortsetzung folgt.) Bergfahrt in Lappland.(Bild Seite 268 und 69). Der be- rühmte Alpenjäger und Nordpolfahrer Julius Payer ist der Zeichner der vorliegenden Winterlandschaft, welche uns in den unwirthlichste» 276 Theil des skandinavischen Nordens, nach Lappland versetzt. Dieses nörd- lichste Landergebiet Europas grenzt gegen Norden an das Eismeer, gegen Süden an das schwedische Norrland und an Finnland, gegen Osten an das Weiße Meer, gegen Westen an Norwegen und zerfällt in das norwegische, russische und schwedische Lappland. Dieses 3810 Quadratmeilen umfassende Areal ernährt kaum 2(1 000 Menschen, �denn es ist eine polare Einöde. Der Winter ist lang und streng, der Som- mer kurz. Der längste Tag dauert in den südlichsten Gegenden 24 Stunden, in den nördlichsten aber drei Monate; ebenso lang ist dann die längste Nacht. Im Sommer ist infolge der sehr kurzen Nächte die Hitze sehr groß, und es plagen dann sehr große Mückenschwärme Menschen und Vieh. Der Boden eignet sich nur in den südlichsten Gegenden des schwedischen Lappland zum Anbau. Pferde, Rindvieh und Schafe finden sich nur bei den Kolonisten; der Lappe züchtet nur Renthiere. Von wilden Thieren gibt es Wölfe, Bären, Luchse, Füchse, Marder, Hermeline, Fischottern und Hasen; Zugvögel und wildes Ge- flügel, sowie Fische sind in Menge vorhanden. Die Lappen gehören zum finnisch-ugrischen Volksstamm(dessen Urheim ungarische Forscher im Altaigebirge Jnnerasicns gesunden haben wollen); doch sind sie hinsichtlich ihrer Körpergestalt von den stammverwandten Finnen, Magharen und Türken sehr verschieden. Sie sind beträchtlich kleiner als die übrigen Bewohner Skandinaviens und Europas überhaupt. Ihre Größe ist kaum 1,6 Meter. Ihr Gesicht ist breit mit spitzem Kinn, großem Mund, vorstehenden Backenknochen, breiter Nase und enggeschlitzten, doch horizontal gestellten Augen. Ihr Haar ist dunkel- braun und schlicht, ihre Gesichtsfarbe gelblich. Von Haus aus gut- müthigen und sanften Charakters sind sie infolge des aus ihnen lasten- den Drucks träge, seig und mißtrauisch geworden und zeigen sich von dieser Seite besonders der herrschenden Rasse der Skandinavier und Russen gegenüber. Ihre geistige Begabung ist nicht groß, desto größer ihre Handfertigkeit in der Erzeugung ihrer wirthschaftlichen Geräthe. Als Heiden hatten sie keine Priester, wohl aber Zauberer und Wahr- sager, die heute noch, trotzdem sich alle Lavpen formell zum Christen- thum bekennen, einen großen Einfluß ausüben, indem sie den Aber- glauben des armen Volkes ausbeuten. Sprachlich bilden die Lappen ein Mittelglied zwischen den baltischen Finnen und den Ostfinnen, welch letztere die Uferländer des Eismeers bis an den Ural bewohnen. Die Lappen gerben Häute, verfertigen Zwirn aus den Sehnen der Ren- thiere, weben Decken, stricken Handschuhe, verfertigen hölzerne Geräth- schasten, Kähne, Schlitten und die nöthigen Kleidungsstücke. Die Tracht der beiden Geschlechter ist wenig verschieden; sie besteht in einem Pelz, Beinkleidern, Schuhen und ist je nach der Jahreszeit von Renthierfell, Filz oder grobem Tuch. Nach ihrer Lebensweise theilt man die Lappen in Renthier- und Fischerlappen, welch letztere die größere Zahl aus- machen und im ganzen viel höher stehen als die ersteren. Die Berg- läppen führen ein Nomadenleben, indem sie mit ihren Renthierherdcn umherziehen. Mit Beginn der warmen Jahreszeit ziehen die letzteren nach den Hochplateaus, von wo sie im Herbst mit ihren beladenen Renthieren in das niedrigere waldreiche Land zurückkehren. An einem zum Winteraufenthalt geeigneten Ort wird die Hütte errichtet. Diese ist von festerer Bauart als das leichte Sommerzelt, außen mit Rasen bedeckt, innen mit Renthiersellcn bekleidet und wird oft ganz einge- schneit. Die Schilderung der aufregenden Szene unseres Bildes über- lassen wir unserem Gewährsmann Payer:„Südlich des Nordkaps(der nördlichsten Spitze Europas) liegt ein einförmiges Gebirgsplateau aus gneis-granitischen Gesteinen, mit Tannen- und Birkenwäldern dürftig bewachsen, im Winter durch große Kälte, im Sommer durch große Hitze und Mückcnschwärme heimgesucht. Lappen bewohnen das Binnen- land, dessen einzige Wasserader von Bedeutung der Tanaelf ist. Wer dieses Land bereisen will, fährt im Sommer in schmalen leichten Booten aus dem genannten Fluß oder reitet zu Pferd über das bergige, sum- pfige Land. Im Winter gibt es nur eine Art des Fortkommens, die mittels des Renthicrschlittens, welche zugleich die billigste und beste ist. Ein solcher Schlitten(Kjärris) gleicht einem Damenschuh mit kiel- artig gestalteter Sohle, welch letzterer Umstand zwar feine Wendungen und große Schnelligkeit ermöglicht, allein den Insassen auch nöthigt, unausgesetzt mittels der Hüften zu balanciren, uni nicht herauszufallen. Wer zum erstenmal in einem solchen Schlitten fährt, liegt in der That alle Augenblicke im Schnee, das Renthier ergreift mit dem Fahrzeug die Flucht, wird von den mitreisenden Lappen verfolgt, eingeholt, end- lich besänftigt, gestattet, daß der eine Strecke weit nachgeschleifte Rei- sende wieder im Kjärris Platz nimmt, ohne daß er damit jedoch seinem Schicksal entgeht, bis zum Abend völlig hüstenlahm zu werden. Der Gcbirgslappe, mit dieser Art des Reifens vertraut, entfaltet im Kjärris eine bewunderungswürdige Gewandtheit der Bewegung. Unter seiner Leitung bricht das Renthier gleich einem Hirsch durch mannshohes Dickicht von Weiden oder Eschen; der Kjärris mit seinem Insassen schwimmt gewissermaßen über das niedergedrückte Geäst hinweg. Eilt das Thier in horizontaler Linie über einen selbst ziemlich steilen Ab- hang, so genügt eine Körperneigung gegen die Berglehne, um dem bootartigen Fahrzeug dieselbe Richtung zu gebe»; weder Bäche noch Sümpfe, nur Felswände hemmen den Weg. Nicht leicht kann es eine wechselvollere und interessantere Art des Reifens geben als die geschil- derte; im Winter ist sie vom Nordkap bis zur Längenmitte Skandi- naviens, an gewissen Orten noch weiter nach Süden ausführbar. Daß sie, etwa in Verbindung mit Renthier-, Bären- oder Wolfsjagden, noch nicht zum Sport geworden, erklärt sich nur dadurch, daß das nördliche Skandinavien überhaupt noch wenig besucht wird." Schließlich bemerken wir noch, daß die in den Höhlen von Mittel- europa mit den fossilen Uebcrresten von Renthieren, Bären und Hirschen untermischten Menschenschädel eine ausfallende Aehnlichkeit mit denen der finnischen Rasse haben, welche Wahrnehmung zu der Schlußfolgerung be- rechtigt, daß die finnischen Ureinwohner von den eingewanderten Kelten, Germanen und Slaven aus ihren Wohnsitzen vertrieben und nach dem höchsten Norden Europas gedrängt worden sind. Dasselbe„Recht des Stärkeren" übten die Indianer gegen die finnischen Stammverwandten, die Eskimos, indem sie dieselben in das amerikanische Polargebiet drängten, um ihrerseits wieder von der kaukasischen Rasse besiegt und aus- gerottet zu werden. In der Schmiede des Schicksals kann man eben nur Hammer oder Amboß sein! LI. Zur Frohnc tanzen. Unter den mancherlei Frohndiensten, welche in Deutschland zum Theil noch unsere Großeltern verrichten mußten, ist der sonderbarste gewiß das zur Frohne Tanzen, das noch vor hundert Jahren in Langenberg bei Gera üblich war. Es kamen den vierten Tag nach Pfingsten die Bauern männlichen und weiblichen Geschlechts aus den benachbarten Ortschaften zusammen und hielten aus dem Markte unter einer alten schönen Linde den Frohndienst ab: der Stadt- oder Landknecht eröffnete mit seiner Auserwählten den Reigen und die zum Tanz bestimmten in einen Kreis eingeschlossenen Bauers- leute mußten dann solange tanzen, bis sie ein Faß Bier ausgetrunken hatten. Den Ursprung dieses Zwangstanzes, der abgehalten werden mußte, mochte das Wetter sein, wie es wollte, schreibt man aus den Zeiten des Kaisers Heinrich des Vogelstellers her. Als dieser einst durch Langenberg reiste und wegen des steilen Weges von den Ein- wohnern Vorspann nach Leipzig verlangte, weigerten sich die Bauern, Spanndienste zu verrichten, weil sie eben im Tanzen um einen Baum begriffen wären. Hierauf legte ihnen der Kaiser zur Strafe aus, jähr- lich an diesem Tage zur Frohne zu tanzen. So berichtet eine Zeitung aus dem vorigen Jahrhundert.-z- Literarische Umschau. „Gewerkschaften von Handwerkern und Fabrikarbeitern", von Dr. I. F. Voigt in Hamburg, Verlag von Gustav Fischer, Jena. Diese kleine, zum Theil früher im.Hamburger Correspondent" erschie- neue, zwei Bogen starke Schrift sucht den Nachweis zu führen, daß die Verbindung der Arbeiter in Gewerkschaften eine wirthschaftliche Roth- wendigkeit sei und fordert schließlich, daß der Reichstag Bestimmungen in die Gewerbeordnung ausnehme, welche derartige Verbindungen gesetzlich schützen. Der Verfasser geht sogar so weit, zu behaupten— nachdem er die Stärke, Zahl, Einrichtungen der von Angehörigen der Sozialdemokratte gegründeten und in Folge des Sozialistengesetzes unterdrückten Gewerkschaften erwähnt— daß„die Wiederbelebung dieser Gewerkschaften eine gewcrbepolitische Nothwendigkeit sei." Er will nicht, daß irgend eine politische Partei mit Hülfe dieser Organisationen ihren stark gelichteten Reihen neue Verstärkungen zuführe; er ist der lieber- zeugung, daß die Unzufriedenheit in den unteren Schichten sortdaure und in Folge der Arbeitslosigkeit noch gesteigert werde und meint: „Es handelt sich darum, die in einem Gewerbebetriebe(dieses Wort im weiteren Sinne genommen) Arbeitenden in ihrem Streben zu unter- stützen, um sich genossenschaftlich zur Hebung ihrer Interessen zu ver- einigen, um sich eine öffentlich anerkannte Vertretung zu verschaffe» und um Mittel behufs thunlichst regelmäßiger Beschäftigung und Er- zielung auskömmlichen Lohnes zu ergreifen." So könnten wir»och eine Anzahl Stellen anführen, die beweisen, daß der Verfasser das allgemeine Beste im Auge hat. Die Vorschläge zu einer diesbezüg- lichen Erweiterung der Gewerbeordnung sowohl als auch das Musterstatut für die zu gründenden Gewerkvcreine würden allerdings noch manche kleine Veränderung vertragen können, wie wir auch im Interesse einer günstigen Lösung der so wichtigen Frage wünschen möchten, daß die Schrist in mancher Beziehung noch etwas gründlicher wäre. Ihrer Aufgabe, diese Angelegenheit öffentlich anzuregen, hat sie jedoch bestens erfüllt und wir können sie daher allen Denen, welche Interesse am ge- werbepolitischen Leben haben— und wer hätte dies nicht?— bestens empfehlen. ort. Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes, von Dr. Eduard Reich(III. Diät).— Die Urgeschichte der Menschheit, von Dr. A. Prowe(Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosen berg(Fortsetzung).— Forschungssahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil(Fortsetzung).— Berg- fahrt in Lappland(mit Illustration).— Zur Frohne tanzen.— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II, Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei zu Leipzig.