Jllustrirtes Unterhaltungsblatt snr das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften h 30 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dem Schicksal akgerungen. Novelle von ANtdolph von A...... (Fortsetzung.) Herr Schweder dachte darüber nach, ob es nicht irgendwie von Bortheil sein könnte, wenn er den Rittergutsbesitzer Willisch eininnl in seinem neuen Heim überraschte. Eine Frucht hatte indes; das Gespräch vom Grog gehabt; der Doktor Wichtcl er- innerte sich plötzlixfi, daß er noch eine Flasche von jenem weit- berühmten Benediktinerliquenr in seinem Reisekoffer hatte. Der Koffer wurde unter dem Rücksitz hervorgezogen, die Flasche heraus- genommen und der Feucrtrank machte in dem silbernen Reise- bechcr des sybaritischen Juristen unter den„Herren" die Runde. Schweder nippte nur,— das süßliche Zeug sei ihm zuwider; er hatte sich mit anderm Stoffe versehen, den holte er jetzt gleich- falls hervor. Es war uralter Portwein, von dem er noch zwei volle Flaschen in seiner Reisetasche hatte. Auch eine Flasche von dem besten Nordhäuser, den er in dem Wirthshaus gekauft, wo sie zu übernachten gezwungen waren, nahm er ans der weit- bauchigen Tasche und reichte sie dem Kutscher, damit er mit August sich in der heute empfindlicher noch als gestern sich be- merklich machenden Kälte gleichfalls zn beleben suche. Keiner ließ sich lange nöthigen. Sowohl die Herren, als der Kutscher und August sprachen den Getränken eifrig zn. Am thätigsten war der Doktor Wichtel, der Benediktiner und Portlvein kunter- bunt untereinander trank und die spöttische Frage Schweders, ob sein Magen und sein Kopf an den tollen Tanz gewöhnt seien, die zwei so verschiedene Geister, wie der des französischen Mönchs- gcbräns mit dem der portugiesischen Rebe aufführen möchten, mit der renommistischen Versicherung beantwortete, daß selbst ein Mensch, der nicht halb soviel vertrüge, als er, in dieser eisig- kalten und reinen Luft ohne Gefahr trinken könnte, was er wollte. . Darauf verstehe ich mich, bester Schweder," fügte er selbstgewiß hinzu. Da der Fuhrherr trotz der Flasche Nordhänser, welche Schweder seinem Durste geopfert hatte, mit größter Gewissenhaftigkeit vor jedem Wirthshause am Wege gehalten hatte, damit die Pferde von der„verfluchten Strapaze" ans dem Glatteise verschnaufen könnten, langte die Gesellschaft erst kurz vor Mittag in Walters- dorf an. Waltersdorf ist ein langgcdchntcs, weitläufig gebautes Dorf mit über tausend Einwohnern, die fast ausnahmslos arm sind und zum weitaus größeren Theile von der bitteren Wintersnoth jenes Jahres hart getroffen worden waren. Es galt in der Gegend ringsum für ein besonders kindergesegnetes, und da überall in den kleinen Gebirgsnestern Armnth an Kindern nicht zn spüren war, so wollte das etwas heißen. Der hat Kinder wie'n Waltersdorfcr, sagte man sprüchwörtlich fünf Meilen in der Runde. Grade deshalb hatte sich Wanda Alster das Dorf für die erste ihrer Wcihnachtsbeschecrnngcn ausgesucht. Sie hatte vom Gebirge ans einen Aufruf an ihre Freundinnen erlassen und sie um Weihnachtsspenden aller Art für die armen hungernden und frierenden Kleinen in den Bergen gebeten. Die Freundinnen hatten den Aufruf unter allen Töchtern der wohlhabenden Familien cirkuliren und die meisten hatten sogar die gemessene Weisung ergehen lassen an die jungen Herren, welche sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus machten, den Triumphwagen der Schönen zn ziehen, alle, alle sollten für die hochromantischen Wcihnachts- bescheerungen Wanda Alsters beisteuern und sammeln. Natürlich kamen Geld und Geschenke in Menge zusammen. Das Geld war nun unter allen Umständen zu gebrauchen, aber die Geschenke machten der Sammlerin und ihren Beiständen viel Kopfzerbrechen. Es zeigte sich nämlich, daß die jungen Damen und Herren in der Stadt meist gar keine Ahnung davon hatten, was die armen Dorfkinder am besten gebrauchen konnten. Wenn sie ihnen Winter- Handschuhe, wollene Gamaschen. Leibbinden, Taschentücher schickten, so mochte das noch angehen; Notizbücher gingen auch noch, aber Portemonnaies rangirten bereits zu den Luxnsgcgenständen, welche die liebe Dorfjugend, zumal in einem Hungerwinter, gewiß nicht nöthig hatte. Aber das war noch lange nicht das Schlimmste, außerdem gab es noch Papeterien mit bunten Briefbogen und Couverts mit geschmackvollen Gratulationskarten zu Neujahr und anderen Festen, mit Oblaten in Gestalt von Rosen und Veilchen:c.; ein Gänschen von fünfzehn Jahren chatte die Gutmüthigkcit und den Unverstand soweit getrieben, daß sie ein Parfümkästchen nebst Inhalt schickte, das sie im vorigen Jahre selbst zu Weihnachten bekommen und wegen Ueberflnß an dergleichen überflüssigem Zeuge nicht benutzt hatte; eine andere hatte ein paar Dutzend höchst zierlicher Kleiderschürzer gespendet, und eine dritte hatte sämmt- liche alten Sonnenschirme, die sie in der Rumpelkammer ihrer Familie entdecken konnte, dem guten Werke aufgeopfert. Wanda war wirklich in die größte Verlegenheit gekommen. Sic hatte getreulich über die Verwendung der Geschenke Rechen- schaft geben und mit Hülse des alten Herrn Klose den Namen jedes der beschenkten Kinder aufzeichnen und dazu bemerken wollen, wer jedes einzelne Geschenk erhalten habe. Da hätte denn natürlich, um keine der freundlichen Geberinncn zu kränken, kein � v. l». März iBbu. - 21 Geschenk seiner Bestimmung entfremdet werden dürfen, aber z. B> ein Parfümeriekästchen mit Inhalt einem armen Banermädchcn zn schenken— nein, das ging doch beini besten Willen nicht. Daher mußten die atterunpassendsten Sachen ausrangirt und die minderpassendcn so vertheilt werden, daß jedes Kind in der Haupt- fache nützliche und ihni liebe Dinge auf dem Weihnachtstische fände. Da gab es nun in der Woche vor Weihnachten für Wanda Alster ganz außerordentlich viel zu thun. Sie hatte sich für ihre Christbescheerungen in der That nicht weniger als sechs Dörfer ausgesucht, von denen zwei an sich groß und einwohnerreich waren, während die andern so ziemlich den Mittelpunkt von verhältnißmäßig stark bevölkerten Webcrdistrikten bildeten. Die nothleidende Bevölkerung in ihrer Gesammtheit konnte sie selbst- verständlich, aber zu ihrer aufrichtigen und lebhaften Bekümmerniß, nicht bei der Bcschcerung bedenken, dafür hatte sie sich aber den ärmsten Thcil ausgesucht und hatte mit Hülfe der Frau Doktor Winter und des Herrn Klose noch ein paar andre Damen und Herren, welche von dem P.-er Hülfskomitö zur Gabenverthcilung hergesandt worden waren, zu bereden gewußt, in anderen Bezirken ähnliche Wcihnachtsfeicrlichkeiten zu veranstalten. In Waltersdorf war das merkwürdig zusammengesetzte Klee- blatt grade vierundzwanzig Stunden, als Herr Alster und seine Begleiter eintraten. Aber trotz der angestrengtesten Arbeit, deren Spuren gar deutlich zn erkennen ivaren in der heißen Röthe auf Wandos jngendfrischem Antlitze, gleichwie in den hellen Schweiß- tropfen, welche von der hohen Stirn des alten Herrn Klose sich hcrabstahlen, waren sie mit den nothwendigen Vorbereitungen zu der auf vier Uhr nachmittags angekündigten Bescheerung noch lange nicht fertig. Die gute, korpulente Frau Doktor Winter war halbtodt, oder, wenn die Herren, denen sie flugs die beispiellose Leidensgeschichte der letzten Wochen erzählte, es hätten glauben wollen, ganz todt, mausetodt. Sie hatte sich für die leidende Menschheit, oder eigent- lich nur für einen, noch dazu garnicht nothlcidenden Menschen, diese kleine, schlimme Wanda dort, geopfert. Tagtäglich war sie dem Tode durch Erfticren nahe gewesen, mehreremale auch dem Hnngertode. Es wäre nämlich nuglaublich, aber doch wahr, berichtete sie,— offenbar hatte die Dame einen großen Vor- thcil ans der großen Zahl ihrer Wintcrabcnteuer davongetragen, sie hatte ein gut Thcil ihres Phlcgnias eingebüßt und erzählte mit einer Lebendigkeit, deren sie vorher niemand für sähig ge- halten hätte,— unglaublich, aber doch wahr wäre es also, daß Wanda und der Herr Doktor Klose— ohne einen Titel kam kein Mensch bei der Frau Doktor Winter davon— fast immer die ungeheuren Quantitäten von Lebensmitteln, die sie selbst mit- > gcbrachl hätten, an die armen Leute verthcilt und dann erst daran gedacht hätten, daß sie selbst doch auch nicht ohne Nahrung zn leben vermöchten. Dann wären bestenfalls noch einige wenige Eier, Butter, Käse und eine meistens wahrhaft horrible Sorte Wurst in den Dorfwirthshäusern aufzutreiben gewesen, während man guten Käse, gute Wurst, vorzügliches geräuchertes Fleisch und alles mögliche sonst noch massenhaft vertheilt hatte. Ber- schicdcne male wäre aber auch in den Wirthshänsern nichts als ein entsetzliches Brot zu haben gewesen, und da wäre dann der Herr Doktor Klose hingegangen und hätte den Leuten, die am meisten zngetheilt erhalten, für schweres Geld eine Kleinigkeit von dcni wieder abgekauft, was sie von ihnen vorher erst geschenkt bekonimen. Das wäre nun doch gewiß eine entsetzliche Blamage gewesen, aber das Schlinimstc war's lange noch nicht. Fünf- oder sechsmal schon seien sie eingeschneit und meistens in den iniserabclften Dörfern, die es nur auf Gottes Erdboden geben könne. Da hätten sie denn wohl oder übel in diesen— Gott verzeih' mir meine Sünde, setzte die arme Frau, zur Entschuldi- guiig ihrer kräftigen Ausdrucksweise hinzu,— wirklich Höllen- artigen Gasthäusern übernachten müssen, und nicht etwa immer nur eine Nacht, nein, aus dem einen Dorfe hätten sie drei volle Tage nicht herausgekonnt und wären in einem Haare mit allen Dorflenten zusammen im himmelhohen Schnee umgekommen, weil man kaum noch für einen Tag Proviant gehabt habe in der unglücklichen, schneebelagcrten Ortschaft. Aber das Allerärgste sei gewesen, und das könne sie zeitlebens nicht vergessen und wenn sie tausend Jahre alt würde, wie sie eines Tages ans offener Bergstraße von einem entsetzlichen Schneesturme über- rascht worden seien. Weder Pferde noch Menschen hätten die Hand vor den Augen sehen können, solch' ein Schneegestöber wäre da gewesen, und da seien sie von der Landstraße abgekommen, 8- und am Ende vom Liede sei der Schlitten mitsammt den Pferden in einen tiefen Graben gefahren und,— die Haut schaudre ihr jetzt nach vierzehn Tagen noch, wenn sie daran denke.— unigewvrfcn worden. Die alte Dame war bei ihrer Erzählung mit den Herren, welche ihr anfänglich sehr andächtig zugehört hatten, im großen Saale des Gasthauses zum Helm, wo die Bescheerung vorbereitet wurde, auf und nieder getrippelt, während sich Wunda und Herr Klose nach der ersten Begrüßung sofort wieder an ihre Arbeit gemacht hatten, die augenblicklich im Putzen eines riescn- haften Christbaums bestand. Herr Klose kletterte ans einer mäch- tigen Leiter am Baume auf und nieder und befestigte Pfeffer- kuchen, vergoldete Nüsse und Aepfel, nebst einer Unmasse von Wachslichtern daran nach der Anweisung Wanda's, welche unten am Baume ringsherum dasselbe that und ein wachsames Auge darauf hatte, daß die Vcrtheilung ihren Zwecken und Schönheits- ansprüchen gemäß geschehe. Bei der Schilderung von dem Un- und Umfall im Schnee- gestöber war die Frau Doktor mit den drei Herren in der Nähe des Christbaums angelangt, Wanda hatte schelmisch lächelnd aus den cntsetzensvollen Bericht gehört und rief nun dazwischen: „Aber unsere gute Frau Doktor ist in ihrem ganzen Leben noch nicht so weich und gut gefallen, als damals; das kannst du glauben, Papa. Der Schlitten fiel eigentlich gar nicht, �son- dern er legte sich so sanft auf die Seite, wie etwa die Frau Doktor selbst, wenn sie sich zu ihrem Nachmittagsschläfchen aufs Sopha legt. Und dann das herrliche Schncepolster, auf das wir fielen, das war wunderschön, sehr romantisch— nicht wahr, Herr Klose?" Der alte Herr nickte von seiner Leiter herab seinem Liebling freudig zu. „Ja, es war wirklich gar nicht schlimm. Die Frau Doktor hat kaum eine Minute im Schnee gelegen. Und ist nicht einmal in den tiefen Schnee im Graben gefallen, wie ich, der ich in einer Schneewehe mit Fnßsack und Petz verschwand. Schlimm war's aber auch nicht, mit einem Fuß kam ich aus dem vertrak- tcn Fußsack leicht heraus und da krabbelte ich mich denn schleu- nigst wieder aus meinem Schneegrab in die frische Luft." "„Nicht schlimm, du guter Gott," seufzte die Frau Doktor. „So reden die beiden immer. Nichts finden fle schlimm. Nicht einmal, daß der Schlitten ans dem Graben nicht mehr heraus- zubekommen war und daß die Pferde ausgeschirrt werden mußten und wir gezwungen waren, zu Fuß ini mannshohen Schnee nach dem meilenweit entfernten Dorfe zu suchen, denken Sie, zu suchen, meine Herren, unter solchen grauenhaften Umständen." Wanda lachte lustig hell auf und der alte Herr von Klose lachte auch.„Aber ich bitte Sie, liebste, beste Frau Doktor— mannshoher Schnee! Da putzten wir freilich heute keine Christ- bäume mehr. Nein, Papa, laß dir leine Angst machen, der Schnee lag nur in den Schneewehen höher als einen Fuß über dem Erdboden." „Ein saures Stück Arbeit war's aber doch, bis ins nächste Dorf zu kommen," meinte der Herr Klose,„sie läuteten dort glück- licherwcise mit den Glocken, damit die etwa Verirrten wenigstens in den gewaltigen Tönen von dem Kirchthurmc her einen Weg- weiser hätten." „Nun, ein gefährliches Abenteuer war's immerhin." sagte Herr Alster kopfschüttelnd;„und wenn ich gewußt hätte, Wanda, daß Ihr Euch hier so in Gefahr begebt, dann wäre ich lange gekommen und häiie dich geholt." „O Papa, wärst du nur gekommen. Ich hätte dich dann auch nicht mehr fortgelassen. Du hättest hier so vielen, so sehr vielen Leuten Gutes thun können, und das würde dir gewiß besser gefallen haben, als in der Stadt immer zu schreiben und zu rechnen und Konferenzen zu halten mit allen möglichen Men- scheu, die"- sie warf einen Seitenblick nach dem jungen Herrn � Wichtel hinüber und sagte das letztere mehr zu sich, als zu den andern, sprach aber doch laut genug, um von Herrn Schweder, der sich ihr am nächsten befand, wohl verstanden zu werden,—„die manchmal gar nicht so liebenswürdig sind, daß ich z. B. immer mit ihnen konferiren möchte." Herr Schweder war zwar öfter mit Wanda Alster in Berüh- rung gekommen, aber keines hatte dem andern sonderliche Bcach- i tung geschenkt. Wanda war für Schweder zu unbedeutend. Backfischfleisch, noch dazu Tochter des Herrn Alster, ans einer Krämerfamilie— bah— was kann aus Nazareth Gutes kom- men! Schweder dagegen war für Wanda's Begriffe ein älterer Herr, der zwar sehr stattlich war uno sehr klug sein mochte, wie der Papa immer behauptete, ihr aber doch in seinem Fühlen und Denken, in seinem Leben und Sichgeben zu fern stand, uin ihr Interesse zu erwecken. Das Einzige, was ihr für einen Augenblick einen Hauch von Sympathie zu dem Manne einge- flößt hatte, war der brillante Aufruf gewesen, welcher die große Wohlthätigkeitsbewegung in P. offiziell eröffnet hatte. Heute, als er, zuerst aus dem Schlitten herausspringend, ihr entgegen- trat, hatte sie sich daran erinnert, aber sein kühles, überlegtes, wenn nicht hochmüthiges Benehmen hatte zur Vermehrung jener schwachen sympathischen Regung nicht beigetragen. Sie hatte sich daher um ihn nicht weiter gekümmert, wenn er jetzt nicht zu ihr getreten wäre und sie gefragt hätte, ob sie und Herr Klose nicht vielleicht Hülfe gebrauchen könnten. Sie schwankte, ob sie nicht kurz ablehnend antivorten sollte, ein Zug in seinem Gesicht sprach von einem ihr noch unverständlichen, aber in dem ersten Eindruck doch bedenklichen Etwas in seinem Charakter und diese Sicherheit in seinem Auftreten, so kraftvoll und unerschütterlich, mochte zwar den meisten anderen Leuten ungeheuer imponiren, sie aber fühlte sich keineswegs angezogen. Aber sie hatte auch kein Recht, unhöflich gegen einen Begleiter ihres Vaters zu sein, der ihr ja nie im Leben etwas gethan hatte, sie wählte daher einen Mittelweg, indem sie auf die oberen Zweige des hohen Baumes wies, und sagte: „O ja, Hülfe können wir schon brauchen. Da oben haben noch sehr viele Platz und unser lieber Herr Klose wird, wenn er sich zu Tode arbeiten wollte und dürfte, denn das lasse ich na- türlich nicht zu, wohl gar nicht fertig werden können." Herr Klose protestirte. Wanda aber beharrtc auf ihrer Meinung.„Wenn wir noch eine Leiter hätten," fügte sie hinzu,„und sich jemand bereit fin- den ließ, an unserer ja so leichten und herzerfreuenden Sama- riterarbeit theilzunehmen, dann wäre wenigstens Aussicht vor- Händen, daß wir die armen Kleinen heut Nachmittag nicht stnnden- lang warten zu lassen brauchten." „Da wird wohl leicht geholfen werden können," erwiderte Schweder ruhig und schritt nach der Thür. „Wohin, Freund Schweder?" rief der Doktor Wichtel, der sich inzwischen eifrigst mit seiner Gönnerin, der Frau Doktor Winter, unterhalten, seinen Freund Schweder aber, seit er zu Wanda getreten war, nicht einen Moment aus dem Auge gelassen hatte. „Leiter holen," replizirte Schwedcr lakonisch. „Leiter holen, ha, ha, famoser Kerl, dieser Schweder. Fräulein Wanda erlauben, daß, während mein Freund Schwedcr die Leiter holt und dann darauf heruniktettert, ich ihr hier parterre meine Dienste widme?" Wanda sah, daß sie vom Regen in die Traufe gekommen. Aber sie machte gute Miene zum bösen Spiel. „Können Sie Nüsse vergolden, Herr Doktor?" Der Doktor Wichtel hatte von dieser Kunstfertigkeit keine Ahnung. Er erbot sich dagegen, die Zweige des Ehristbaums zuhalten, damit Wanda bequemer Nüsse, Acpfel, Pfefferkuchen w. daran binden könne. Wanda lachte ihn aus. „Die Zweige kann ich mir selbst halten, aber vergoldete Nüsse brauche ich noch, und wenn ich das auch noch selbst niachen soll, so werd' ich ganz bestimmt nicht fertig. Ich will Ihnen zeigen, wie's gemacht wird." Der Doktor Wichtel mochte wollen oder nicht, Wanda nahm Goldpapier, feuchtete es au, drehte und drückte es dann geschickt um eine Nuß und die Vergoldung lvar geschehen. „Es gibt nichts Einfacheres," sagte sie.„Auch der gelehrteste Jurist lernt so etwas auf der Stelle." Wichtel junior hatte eben der ersten Nuß glücklich ein faden- scheiniges und vielfach zerrissenes goldnes Mäntelcheu umgelegt, eine Arbeit, die ihm mehrfach mißglückt war und über fünf Minuten in Anspruch genomnicn hatte, als Schiveder wieder auf der Schwelle des Saals erschien und hinter ihm der Hausknecht, eine lange Leiter, die er sich bei einem Nachbar hatte leihen müfsen, auf der Schulter. Schwedcr nahm den. Manne die Last, die ihm nicht leicht gefallen zu sein schien, mit einer Hand ab, ohne auf dessen Versicherung, die Leiter fei zu schwer, um sie mit einer Hand zu tragen, Rücksicht zu nehmen. Dann trug er sie, als ob sie leicht wäre, Ivie eine Feder, zum Christbanm hin. „Wollen Sie die Güte haben, Fräulein Alster, mir die Stellen zu bezeichnen, wo ich den Baum Ihnen putzen helfen könnte?" fragte er. „Ich glaube gar, Sie wollen tvirklich auf der Leiter herum- klettern, bester Schweder," sagte Wichtel, lebhaft erstaunt über Schweders Thun. „Gewiß, warum nicht!" antwortete dieser. „Aber, das geht ja doch nicht," rief Wanda lebhaft.„Das ist ja keine Treppenleiter. Wo wollen Sic denn diese Leiter au- legen, Herr Schweder, an unseren Christbanm geht's nicht, da werfen Sie den ganzen Baum um, und sonst ist's auch nicht möglich." „Doch, mein Fräulein," replizirte Schwedcr bestimmt;„sehr leicht geht es." Er legte die Leiter auf den Fußboden, nahm einen großen, schweren Tisch, stellte chn in einiger Entfernung von einer der mächtigen die Saaldecken tragenden Säulen auf eine seiner Schmalseiten aufrecht hin, sodaß die Tischbeine der Säule zu- gekehrt waren, dann stenimte er die Leiter gegen den Fuß der Säule und legte ihren oberen Theil ans die erhobene andere Schmalseite des Tisches fest. Als das geschehen lvar, stieg er mit derselben Sicherheit, mit welcher er auf Parquetbvden zu wandeln gewohnt war, auf das improvisirte Gerüst. Wanda entfuhr ein Ausruf des Schreckens. Der alte Herr- Klose und Alster versicherten, die Sache sehe ivirklich gefährlich aus, und der letztere setzte hinzu, es lohne sich doch der Mühe nicht, wegen einer Christbescheerung für Bauernjungen solch' hals- brechende Kunststücke zu machen. Auch die Frau Doktor Winter war herbeigekommen,— sie schwur hoch und theuer, sie falle m| Ohnmacht, wenn Herr Schweder nicht fosort heruntersteige. Wichtel junior'war der einzige, dem Schweders anscheinende Waghalsig- keit Spaß machte. „Aber ich bitte Sie, verehrte Herrschaften, lassen Sie unserm Freunde Schweder doch das unschuldige Vergnügen, zu Probiren, wie es ist, wenn man am Weihnachtsabend ein Bein bricht. Oder vielleicht den Hals,— was ist Ihnen lieber, bester Schweder?" Schweder blieb höchst kaltblütig auf der Leiter und band Pfefferkuchen und vergoldete Nüsse an die Zweige des Christ- baums. Seinem Freunde Wichtel antivortete er garnicht, die! andern beruhigte er. Er sei Turner, an ein Umfallen wäre nicht, zu denken und eine Gefahr überhaupt nicht vorhanden. Man ließ ihn daher unbehelligt auf seiner Leiter. Selbst die Frau Doktor zog vor, mcht in Ohnmacht zu fallen. Das Werk des Christbaumputzens ging nun vortrefflich von statten.> Auch der Herr Doktor Wichtel leistete im Nüsse- und Aepfel- vergolden Befriedigendes. Er strengte sich auch riesig an, um von Schweder nicht in den Schatten gestellt zu werden. Schiveder war eben fertig init seiner Arbeit in den oberen Regionen des Christbaums, als sich die Saalthür öffnete und laut grüßend ein Fremder eintrat. Schweder kannte die Stimme, er wendete sich rasch um auf seiner Leiter und schaute hin nach dein Eintretenden. „Der Herr Gutsbesitzer Willisch," sagte der alte Herr Klose, „ein braver Mann. Er hat uns oft freundlich mit Rath und That unterstützt, einer von den wenigen Herren der'Nachbarschaft, die das gethan haben." Willisch' Gruß wurde freundlich erwidert. Nur Schweder grüßte nicht; er schien ivenig erbaut über diese Vermehrung der Gesellschaft. Seine Blicke flogen von einem der Anwesenden zu dem andern; zunächst blieben sie auf Wichtel haften. Dieser hatte sich nach dem Ankömmling umgekehrt; jetzt sah er ihm mit dem Ausdruck höchster Verwunderung ins Gesicht. „Merkwürdige Aehnlichkeit," brummte Wichtel— so laut, daß Schweders scharfes Ohr die Worte verstand,— in den steif- gewichsten Schnauzbart. In demselben Momente wurde Schiveder noch eines anderen Menschen ansichtig, auf dessen Zügen sich ein noch viel lebhafteres Erstauncn kundgab. Der August des Herrn Alster lvar hinter dem Fremden in den Saal getreten; augenblicklich stand dieser so, daß sich die beiden ins Äuge schauten. Ein paar Sekunden starrte August den andern mit iveitaufgcrisscnem Munde an. Daun rief er: „'S is nich möglich, meiner Seele, der Cousin Schneider," und ivollte mit weitausgcbmteten Armen auf den Rittergutsbesitzer Willisch zustürmen. Herrn Schweder schien der Moment zu irgendeiuer Art von Intervention gekommen. Zum Ucbcrlegcn gab es keine Zeit. Mit einem Blick noch nach unten in den Saal und den leise gemurmelten Worten:„Der einzige, der gestreift werden könnte, ist dieser eitle Narr— pah!" gab er seiner Leiter einen gewal- tigen Ruck, daß sie seitlich bis zu einem der in die Luft ragenden Tischbeine glitt, der Tisch schwankte einen Augenblick und dann stürzte er mitsammt der Leiter laut auskrachend auf den Fußboden hin. !WWWW�R��WWWW>WWWlWWWWWWWWWWWWWWW�WWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWW��WWWIWM Das Entsetzen>var ein allgemeines. Wanda hatte keinen Laut vernehmen lassen, aber sie war leichenblaß geworden vom Schrecken. Die Frau Doktor Winter war nun wirklich in Ohn- macht gefallen, aber doch so vorsichtig gewesen, daß sie mit deni Oberkörper auf einer breiten Holzbank und mit dem Kopf auf der Lehne derselben lag. Herr Alster und der alte Herr Klose eilten herzu, um dem, wie sie meinten, verunglückten achmeder beizustehen. Aber dieser war nicht einmal zu Fall gekommen, er stand hochanfgerichtet, nicht anders, als ob er von einer Treppe einen Kunstsprnng gemacht hätte, im Saale, während ein anderer stöhnend am Boden lag. Dieser mar der Herr Doktor Wichtel, den die fallende Leiter richtig am Rücken gestreift hatte. Geschehen war ihm, wie sich bei näherer Untersuchung herausstellte, auch nicht das mindeste Schlimme und umgeworfen hatte ihn nicht die Leiter, sondern der Schreck. Das konstatirte Schweder zu großer Befriedigung und einiger Heiterkeit der Gesellschaft. Es war dies indcß nicht das erste, was Schweder that. Kaum hatte er auf seinen Füßen gestanden, so hatte er Willisch, an den jetzt die Reihe des Erstau- nens gekommen war, einen nicht mißznver- stehenden Wink gegeben. Willisch hatte den Au- gnst, den sein Anblick so m Entzücken versetzt hatte, gleichfalls und keineswegs zu seiner Freude bemerkt. Das Jnterniezzo kam wirk- lieh wie gerufen, und der Wink Schwcders niachtc der augenblick- lichcn Uncntschlosscnhcit des hoffnungsvollen Rittergutsbesitzers ein Ende. Er benutzte die allgemeine Verwirrung und drückte sich einfach. Kein Mensch kümmerte sich um den abschieds- los Scheidenden. Erst nach einigen Minuten erinnerte sich August an den wiedergefundenen Cousin. Wo nur auf einmal der Cigarren- reisende Schneider hin- gekommen sein möchte, wagte er leise den Herrn Klose zu fragen. Dieser wußte natürlich keine Silbe von einem Cigarrenreiscndcn Schneider.„Nun, der Herr mit dem schönen Schnauzbart, der eben hier ivar." Herr Klose setzte ihm auseinander, daß der Herr keineswegs Schneider heiße und Cigarrenreisender sei, sondern der Herr Rittergutsbesitzer Willisch. August schüttelte sehr bedenklich den Kopf. „Wo mag er aber nur hingekommen sein— dieser Herr Ritter, der nnt meinem Cousin Schneider so eine ganz verfluchte Aehnlichkeit hat; ich sag' Ihnen, so ähnlich, wie ein Ei dem andern ist er ihm, das Gesicht, die Stimme, der Gang— blos der Bart ist anders, weiter nichts." Klose lächelte über Augusts Naivetät. Daß aber der Herr Rittergutsbesitzer— oder Ritter, wie August wollte,— so plötzlich und so spurlos verschwunden war, das erschien auch ihm sonder- bar. Er machte die Gesellschaft darauf aufmerksam. Niemand konnte es begreifen. Schweder versprach, sich nach dem Herrn umzusehen. Er verließ gleichzeitig mit Wichtel den Saal, dessen Toilette ziemlich derangirt war; das sorgfältig gekräuselte Haar strebte immer noch steif von Fett und Schreck widerspenstig gen Himmel, das eine Ende des Schnauzbarts hing schlaff wie ein Karl von Holtet.(Seite 287.� Lämmerschwänzchen herab, während das andere wie ein Weg- weiser nach dem Nasenflügel hinzeigte. Dazu waren Rock und Beinkleid mit Staub bedeckt, Manschetten und Hemdkragen ge- quetscht, kurz alles so in Unordnung, daß der Arme sich von Kopf bis zu Fuß umkleiden mußte, um in seinem Aeußeren wieder so untadelig zu erscheinen, wie es die Welt von ihn« ge- wöhnt war. Draußen im Hofe sah sich Schweder nach Willisch um. In einem Winkel des Hofes stand dieser bei einem einspännigen Geschirr, dessen Pferd eben der Hausknecht des Wirthshauses hielt, um dem Herrn des Gespanns das Aufsteigen auf den Wagen zu erleichtern. Schweder schritt rasch auf die Gruppe zu. Willisch sah ihn kommen; er drückte dem Hausknecht ein Trinkgeld in die Hand und verabschiedete ihn. Dann trat er mit der Oekonomenmütze, die er jetzt zu tragen pflegte, in der Hand, dicht an seinen Gönner heran. „Da bin ich schön in die Patsche gerathen, gnädiger Herr; der August hat mich wieder- erkannt und der Herr, den Ihre Leiter mit umgerissen hat, muß mich auch kennen, frei- lich nicht als Cigarren- reisenden, wohl aber als Dienstmann, was für einen Ritterguts- besitzer schließlich noch blamabler ist—'s ist 'ne ganz niederträchtige Geschichre, aber ich bin, weiß Gott, so unschuldig daran, wie ein neugeborenes Kind." „Zur llnterhaltung haben wir keine Zeit, Willisch; machen Sie, daß Sie fortkommen. Dort steckt schon wieder der Esel, Ihr Pseudo- cousin, seine Spionir- nase zum Tempel her- aus. Also auf Wieder- sehen, Herr Ritterguts- besitzer auf Ihrem Gute; da Ihr geschwächtes Nervenfystem von dem Schreck so augegriffen ist, daß Sie einen Schlaganfall befürchten mußten, so werden Sie gut thun. Sich wenig- ftens fünf Tage nicht Sie verstehen mich und werden Er knallte mit der Peitsche von Jhrein Gute zu entfernen. Sich darnach richten." Willisch saß auf dem Wagen. und empfahl sich respektvoll: „Ja, ja, mein angegriffenes Nervensystem,— sehr richtig! Werde zuhause bleiben. Hätte ich eine Ahnung gehabt, hätte ich mich diesem Schlaganfall im Leben nicht ausgesetzt." Er fuhr davon, als gälte es eine Wettfahrt." Schweder be- gab sich zurück in den Saal und entschuldigte den von einem heftigen Unwohlsein plötzlich ergriffenen Herrn Willisch. Kurz darauf erschien, mit märchenhafter Geschwindigkeit frisch aufgewichst, der Doktor Wichtel. Er fand nicht, wie er gefürchtet hatte, Schweder im Gespräch mit Wanda. Beim Umkleiden waren ihm merkwürdige Gedanken gekommen. Sein erster Blick von der Erde auf, nachdem er von der so inerkivürdig gefallenen Leiter Schweders umgeivorfen worden, war auf dessen Gesicht gewesen. Es war ihm, als ob er einen Zug eines fast teuflischen Hohnes darin bemerkt hätte. Schweder war von der Leiter ge- spruugcn, so sicher, wie kaum einer springt, der da fällt. (Fortsetzung folgt.) 282 Betrachtungen über die Gel'undheitspflege des Votkes. Von vr. Kduard Weich. III. Diät.(Schluß.) Zu den Würzen rechnet man auch Fett, Kochsalz uud Zucker. Die Bedeutung dieser Stoffe im organischen Haushalt ist eine außerordentliche, und die Behauptung, daß man derselben in der Kochkunst entbehren könne, der größte Blödsinn. Ich selbst lebe vegetarianisch und manche Ansichten der Vegetarianer sind mir sehr sympathisch; aber, wenn ich in den Blattern dieser braven Leute lese, man könne vortrefflich ohne Fett leben, man solle nur ja kein Salz genießen u. dgl. in., so weiß ich nicht, ob Die, welche dergleichen niederschreiben und aussprechen, auch gesund im Kopfe sind. Fett wurde als das vorzüglichste Sparmittel der eiweißartigen Körper erkannt. Dies stimmt überein mit der Thatsache, daß der Mensch im Fortschritte vom Süden zum Zkorden immer mehr Fett aufnimmt und die nördlichst wohnenden Völker den Thran kannenweise trinken. Der Umsatz der Gebilde im thierischeu Haushalte wird um so größer, je mehr mau nordwärts geht, weil die mittlere Jahrestemperatur niedriger und der Einfluß der Witterung intensiver sich zeigt. Ob auch die Nationen des Südens weniger Fett aufnehmen, als die des Nordens, so können jene doch der Fettaufnahme nicht ganz entbehren, und wir sehen, daß überall vom Fett als solchem in der Küche und auf der Tafel Gebrauch gemacht wird. Allzuviel voii Fett hat, besonders bei häufiger Aufnahme, für die Verdauungsorgane mancherlei Nachtheile im Gefolge, im dem es die Prozesse daselbst stört, und wird andererseits auch dem Blute unzuträglich, kann verschiedene Vorgänge übel beein- flussen und zu Ablagerungen Anlaß geben. Es gibt Menschen, denen Aufnahme beziehungsweise größerer Fettmengen Bedürfniß ist und welche dieselben ivohl auch vertragen. Zu Bestimmung des mit der Nahrung aufzunehmenden Fettquantums dient kein besseres Mittel, als der durch die Erfahrung geregelte gesunde Instinkt. Manche Menschen gefallen sich darin, den Gebrauch des Koch- salzes unbedingt zu verwerfen. Ich leugne nicht, das allzuviel von Salz, wie jedes allzuviel, bedenkliche Nachtheile für die Ge- sundheit habe; allein ohne Salz ließen die wenigsten Speisen sich verdauen, weil die Salze der meisten Nahrungsstoffc erst mit dem Kochsalz wechselseitig sich umsetzen müssen, bevor jener Zustand erreicht ist, in welchem sie allein assimilirbar sind. Der Mangel an Salz wird demnach zu Störungen in Verdauung, Ernährung und Blutbcwegung Anlaß geben und manche Ab- lagerung von Bkincralstoffen im Organismus begünstigen. ' Zuckeraufnahme ist für den Fortbestand der Gesundheit um so nöthiger, je jünger der Mensch, mit anderen Worten- je rascher sein Stoffwechsel ist. Es kommt durchaus nicht darauf an. Zucker als solchen aufzunehmen, pure denselben in sich hinein zu essen, sondern es ist nöthig, mit den Speisen zugleich die Mengen von Zucker einzuverleiben, deren der Organismus bedarf. Alles, was Zucker und demselben verwandt ist, nützt dem Organismus unmittelbar und durch seine Zersetzungsprödukte, und ist ein Sparmittcl der Gewebe. Daher die große Bedeutung der zucker- ähnlichen Materien in der Jugend. Die Frage, ob Alkohol oder, besser ausgedrückt, Branntwein ein Sparmittel der Gewebe, somit unter gewissen Umständen nützlich sei, muß cntschiedcu verneint werden. Alle Erfahrungen der Kommandanten und Acrzte gehen dahin, daß Kaffee den Sol- daten im Felde mehr nütze, als Branntwein oder überhaupt geistige Getränke, daß er die Nervenkraft erhöbe, ohne die Muskelkraft zu vermindern. Bei Aufnahme von Alkohol macht der Organismus Anstrengungen, um diesen fremden Körper wieder zu entfernen, und entfernt denselben größtentheils in unverändertem Zustande. Hier- bei wird Kraft verbraucht, die wieder durch die Ernährung ge- bildet werden muß. Nun aber haben die alkoholischen Flüssig- leiten die Eigenschaft, die Ernährung zu beeinträchtigen, und zwar unmittelbar durch deren chemische Wirkung auf den Prozeß der Verdauung und auf das Blut, und mittelbar durch Ab- schwächung des Nerveneinflusses, indem sie die Nervenmasse zum Theil auflösen und zersetzen. Hiervon sind die kaffeeartigen Getränke weit enffernt. Die selben wirken begünstigend auf die Verdauung und die Ausschei- düngen, befördern den Umlauf des Blutes und regen das Nerven- syftein an. Mäßig genossen, sind Kaffee, Thee uud verwandte Aufgüsse demnach sehr nützliche Getränke, und Chokolade auch sehr nahrhaft. Der Ersatz der Wirths- durch Kaffeehäuser ist dringend zu wünschen, denn nicht nur wird durch Gebrauch von Kaffee, Chokolade und Thee, an Stelle berauschender Flüssigkeiten, ungemein viel Leben und körperliche Gesundheit erhalten, sondern die Regungen des Geistes werden größer nnd von jener seelischen Erschlaffung, welche als Folge des Gebrauches und Mißbrauchcs Alkohol enthaltender Getränke zutage kommt, ist nicht die Rede. Coca, die nian ini Amerika des Aequators als Kaumittcl und als Aufguß gebraucht, ist nur bei Mißbrauch schädlich, ebenso schädlich, wie in diesem letzteren Falle Kaffee, Thee und Chokolade. Tabak, einerlei ob als Rauch-, Schnupf- oder Kaumittel be- nutzt, ist schon bedenklich. Es märe ein Glück für die Mensch- heit, wenn der sogenannte Tabakgenuß, der in jeder Form eine Unfläthigkcit ist, zur Hölle führe und aller noch vorhandene Ta- bak mit allen Tabaksfabriken, Tabakspfeifen, Tabaksbeuteln, Cigarren, Cigarrenpfeifen, Schnupftabakstosen und Primchen dort im Meere untersänke, wo dieses Medium am tiefsten ist. Daß diejenigen Schüler eines Kollegiums, welche dem Tabak- genusse ergeben sind, den anderen im allgemeinen, was Fleiß und gute Sitten betrifft, nachstehen und theilweise auch weniger genial sind, kommt ebensowohl von der heftigen Wirkung des Tabaks auf das Nervensystem, als auch davon, daß das Tabak- rauchen die Aufmerksamkeit ablenkt, zerstreut, mit großem Nach- druck die Neigung zur Aufnahme geistiger Getränke vermehrt, und auf diese Weise mittelbar das ganze moralische Leben be- nachtheiligt. Noch gefährlicher als Tabak sind Haschisch und Opium. Unzählige von den Menschen, welche diese Stoffe rauchen oder essen, gehen in der jämmerlichsten Art zu Grunde. Die erstaunliche und teuflische Habgier und Gewissenlosigkeit britischer Krämer zerstört die leibliche, ebenso wie die geistige und sittliche Wohl- fahrt der Menschen in ganzen großen Landstrcckcn Asiens durch Einschmuggelung des Opiums. Hat die anglo- sächsische Rasse ehedem die Indianer durch Branntwein ausgerottet, so sucht sie gegenwärtig Chinesen und Hindu durch Opium auszurotten, um — Geld zu gewinnen. Die Engländer laden einen Fluch auf sich, der dieses Volk von Egoisten niederschmettern und zerstören wird, wenn der Tag der Rache des Schicksals anbricht. Die Lebensweise oder das diätetische Regiment muß je nach Alter, Geschlecht, Leibes- und Seelenvcrfassuug, Klima, Wohnung, Art der Beschäftigung, Krankheitsanlagen u. s. w. verschieden sei». Daß überall dort, wo eine größere Mehrheit von Menschen nach einer Schablone beköstigt wird, mehr Erkrankungen vorkommen, als dort, wo Pflege in der Familie stattfindet und das indivi- duelle Bedürfniß seine Rechnung findet, kommt einfach und größten- theils davon her, daß dort das diätetische Regiment weit weniger mit den leiblichen und seelischen Anforderungen der Einzelnen im Einklang ist. Gehen die Gezwungenen für einige Zeit zu ihren Eltern, in bessere Pflege, so gelangen sie meistens bald zu besserem leiblichen Wohlbefinden, nehmen zu an Gewicht des Körpers und an Heiterkeit des Gemüthes und fühlen sich zu Hause auch in Bezug auf die Küche in einer Art von Eldorado. Zu Hause pflegt mit Butter und Oel, Würzen und Gewürzen nicht so sehr gespart zu werden, wie in der betreffenden Anstalt, keines stemden Blickes Einfluß die Mahlzeit zu beschränken oder gar zu vergällen, und die Verdauung eine ruhigere, angemessenere zu sein. Für den Säugling ist am besten die Brust seiner Mutter. Diese letztere möge ihr Kind mit Liebe säugen, vor Mangel und Gemüthsbewegungen geschützt sein, einfach, rein in Sitten und gesundheitsgemäß leben. Kann die Mutter das Liebcswerk des Selbststillens nicht vollbringen, und es ist nicht möglich, eine gute, gesunde und menschenfreundliche Amme zu bekommen, so gebe man dem Kinde Kuhmilch von der Temperatur des Körpers, mit etwas Zucker versetzt und anfangs mit Zusatz eines Zehn- theiles Waffer. Doch schon nach ein oder zwei Wochen unter- lasse man den Wasserzusatz und verabfolge reine, süße Milch. Nach Ablauf des sechsten Lebensmonats kann schon neben der Milch etwas Brei dargeboten werden, der aus Zwieback, Milch uud Zucker bereitet wurde. 283 Aus der Nahrung des Kindes schließe man Fleisch und Fleisch- Zubereitungen aus und gewähre Milch, Grütze, Brot, Obst, Reis, Cacao zc. Auch Kaffee, Thee, besonders aber berauschende Ge- tränke, verabfolge mau unter keiner Bedingung. Erst in der Zeit gegen das Jünglings- und Jungfrauenalter hin wird Kaffee, Thee in schwachem Aufguß manchmal ein gutes Äureguugs- mittel sein. Tie Periode des Eintritts der Geschlechtsreife erfordert, be sonders bei dem weiblichen Geschlechte, Vorsicht und Sorgfalt. Auf der Höhe des Lebens, im Alter der Reife, gelte als Hauptgrundsatz der Diät: Mäßigkeit und Einfachheit, Ordnung und Regelmäßigkeit in der ganzen Leibespflege, besonders im Essen und Trinken. Zu dieser Zeit des Daseins entscheidet die Lebensweise über die Dauer und über die leiblichen Grundlagen des Glückes des Alters. Die höchsten Altersjahre pflegen Die zu erreichen, welche besonders zur Zeit ihrer Blttthe und Voll- kraft weise und mäßig lebten, Ausschreitungen sich nicht zu schul- den kommen ließen, und anstatt des Alkohols Wasser tranken. Die größte Mehrzahl der Hundertjährigen hat ohne Ausschrei- hingen, in Einfachheit und IRäßigkeit, und zumeist bei ausschließ- licher oder fast ausschließlicher Pflanzenkost bestanden. Beobachtet der Greis, nach gesundheitsgemäß verlebten Iah- ren der Jugend und der Reise, das gewöhnte und für gut wir kend befundene Regiment weiter, so darf er des besten Wohl- befindcns bis in die höchsten Jahre des Alters sicher sein. Hat er aber sein Dasein mit Zechen und Schwelgen verbracht,'so muß er, weiß geworden, zu einfachem, mäßigem Leben seine Zu- flucht nehmen, um mindestens die letzten Tage möglichst rein, ehrbar und frei von Krankheit zu durchleben und nicht als Jäm- merling zu sterben. Man hat Wein die Milch der Greise genannt. Dies ist be- rechtigt und nicht berechtigt. Der Alte, welcher vermöge natur- gemäßen Lebens bei guter Gesundheit ist, bedarf des Weines nicht. Nur für solche Greise, denen es an Lebensenergie fehlt und deren Leib durch Krankheiten und Exzesse aus der Zeit der Jugend und Vollkraft her erschüttert wurde, hat der Wein seine Bedeutung als belebendes Mittel. Die meisten Hundertjährigen nahmen kein geistiges Getränk auf. Man kann die Menschen nach ihrer Leibes- und Seelen- beschaffenheit in stärker und in schwächer ausgeprägte unterscheiden,! in kräftigere und minder kräftige, in leidenschaftlichere und ruhigere. Alle diese Kategoricen bedürfen einer verschiedenen Nahrungs- und! Lebcnsiveisei denn überall weichen die Einzelheiten des organischen Haushalts, die gegenseitigen Verhältnisse der Eingeweide und der Glieder von einander ab. Je größer diese Verschiedenheiten, desto größer auch die Verschiedenheiten in der Diät; eine That-> fache, die durch den gesunden Instinkt deutlich zum Ausdruck kommt. Die konzcntrirteren Menschen haben schärfer ausgeprägtes Nervensystem, weniger wasserreiches Blut, strammere Muskulatur und eine mehr ausgeprägte Leber. Diese bedürfen mehr der milderen Pflanzendiät, weniger der üppig nährenden Speisen, kaum der Gewürze und garnicht der geistigen Getränke. Die vcrdünnteren Menschen, bei denen das Blut reicher an Wasser, die Muskulatur minder stramm, das Nervensystem nicht so be- stimmt ausgeprägt und die Leber minder hervorspringend ist, können schon mit größerem Bortheil von kräftig nährenden Speisen und von Gewürzen Gebrauch machen. Im Schatten der Eivilisation werden die Instinkte krankhaft, und auf diese Art kommt es, daß Choleriker jene Lebensweise befolgen, die für Phlegmatiker paßt, und umgekehrt; daß Robuste so sich nähren, als ob sie Schwächlinge wären, und Leiden- schaftliche durch ihre Diät stets Oel in das Feuer gießen und immer mehr sich erhitzen, anstatt sich abzukühlen. Nach der Profession, nach Klima und Wohnort, muß die Art der Ernährung abweichen. Ob eine Gegend stark den Winden ausgesetzt ist, ob das Klima rauh oder mild ist, ob die Profession im Freien oder in geschlossenen Räumen betrieben wird, heftige Nerven- oder heftige Muskelanstrengung erfordern oder nicht, dies bedingt Abweichungen im diätetischen Regiment. Wer wollte dem Schmiede zumuthen, von Thee und Zwieback zu leben, toer glauben, daß der Kanzleischreiber ausschließlich von Bohnen zu bestehen vermöchte, ohne den Unannehmlichkeiten der Blählvlik zu verfallen! Jede den Anforderungen von Beruf, Klima und Wohnort nicht entsprechende Lebensweise wird für den Menschen zun: sicheren Anlaß von Erkrankung und Verkürzung des Daseins; denn der Organismus beantwortet jeden Vorenthält des nöthigeii Ersatzstoffes mit Störung in seinem Haushalte, die um so größer wird, je mehr dauernd der ungenügende Ersatz der verbrauchten Materien zur Gelhing kommt. Der Umsatz der Gebilde im leiblichen Haushalt steigert sich mit Zunahme der Rauheit des Himmels. Aus dieser Quelle entspringt die Viclcsserci ebenso, wie die massenhafte Fettaufnahme im Norden,'und die Mäßigkeit und Genügsamkeit im Süden. Wer dem Nordländer einen Vorwurf aus der Bielesserci macht, ist hierzu nur dann berechtigt, wenn er gegen wirkliche Aus- schreitung kämpft; das rauhe Klima bestimmt den Bewohner der mitternächtigen Gegenden, größere Stoffmengen sich einzuverleiben. Was immer der Mensch für ein Handwerk treibe, er suche so viel als möglich Ordnung zu halten in seineu Mahlzeiten, und dieselben stets nach sorgfältigster Waschung seiner Hände und des Gesichts einzunehmen. Anders können die schädlichen und ffiftigen Stoffe, mit denen in so vielen Gewerben hantirt wird, leicht den Speisen sich beimengen und sodann die verhängnißvollsten Wir- kungen ausüben. Keber die Geleke, denen der Fortschritt der Euntilntion unterworfen ilN. Nachdem man allmählich zu der Erkenntniß gelangt ist, daß „alle Menschen gleich geboren, sind ein adelig' Geschlecht", bemüht man sich, die Einflüsse und Gesetze, denen die Menschheit in ihrem Entwicklungs- und Bildungsgange unterworfen ist, nachzuweisen und zu stndircn. Dieses Beginnen führte zn der einfachen, grund- legenden Frage: Sind die Handlungen der Menschen und folg- lich auch der Gesellschaft bestimmten Gesetzen unterworfen, oder sind sie das Ergebniß entweder des Zufalls oder einer übcrnatür- lichcn Einwirkung? Ein völlig unwissendes Volk betrachtet jede Begebenheit für sich und vereinzelt und blos als das Ergebniß eines blinden Zufalls. Diese Auffassung wird aber bald durch die Ausdehnung der Erfahrung geschwächt werden, welche die gleichmäßige Folge und das gleichmäßige Dasein in der Natur fortwährend nach- weist. Wenn z. B. wandernde Stämme nur von Jagd und Fischerei lebten, so könnten sie wohl glauben, daß ihre Lebens- bcdürfniffe sich ihnen durch Zufall darböten. Die Unregelmäßig keit ihrer Ausbeute und die scheinbare Launenhaftigkeit, wenn ihr Fang bald reich, bald spärlich ausfällt, würde sie daran ver- hindern, irgend etwas wie Methode in den Einrichtungen der Natur zu vermuthen und ihr Geist das Dasein jener allgemeinen Prinzipien gar nicht begreifen, wodurch die Begebenheiten gcord- nct und beherrscht werden und durch deren Kenntniß wir oft ihren künftigen Verlauf vorherzusagen im Stande sind. Wenn aber diese Stämme sich zum Ackerbau erheben, machen sie zum erstenmal von einer Nahrung Gebrauch, die durch ihre eigene Thätigkeit hervorgebracht wird. Was sie säen, ernten sie auch. Sie sehen einen bestimmten Plan und eine gleiche regelmäßige Folge in der Beziehung ihrer Aussaat zu dem gereiften Korn; zum erstenmale dämmert dem Geiste eine schwache Vorstellung von dem, was eine spätere Zeit die Gesetze der Natur nennt. Wie ihre Beobachtung sich bereichert, ihre Erfahrung sich über ein gcwiffes Gebiet ausdehnt, begegnet ihnen eine Gleichmäßigkeit, deren Dasein sie nie vermuthet und deren Entdeckung jenen Glauben an den Zufall schwächt, von dem sie ausgegangen. Ei» wenig weiter vorwärts und es erzeugt sich ein Geschmack am Denken; einige wenige verallgemeinern die gemachten Be- obachtungen und glauben, im Widerspruch mit den alten Vor- *) Diese Arbeit ist im wesentlichen ein Auszug aus den erste» Kapiteln der epochemachenden„Geschichte der Eivilisation in England" von H. Th. Buckle. Da der Unisang und der Preis des Originalwerkes seiner größeren Verbreitung hinderlich im Wege stehen, glaube ich vielen Lesern der„N. W." mit diesem Auszug einen Dienst zn erweisen. C. Feh leisen. -- 25 urtheilen des Volks, daß jeder Vorgang mit einem noch frnhern verknüpft ist und daß so die ganze Welt eine nothwcndigc Kette! dildet, worin zwar jeder seine Rolle spielen mag, aber keineswegs zn bestimmen vermag, welche es sein soll. Wäre es möglich, die ganze Vergangenheit eines Menschen, sowie seinen Charakter ganz genau kennen zn lernen, so könnten wir vorhersagen, wie dieser Mensch unter gewissen Umständen j handeln würde; diese Bedingungen genau kennen zu lernen, ist zwar unmöglich, trotzdem ist es aber gewiß, daß sein Betragen stets nur eine Folge seiner Charaktercigenthümlichkeiten, seiner Gemnthsverfassung und überhaupt aller Vorgänge, in deren Mitte er sich befunden hat, ist. Wer eine Wissenschaft der Geschichte für möglich hält, der muß sowohl das metaphysische Dogma von der Willensfreiheit, als das theologische von der Vorherbestimmung oder göttlichen Vorsehung verwerfen; denn, wenn wir eine Handlung vollbringen, geschieht dies ans einem oder mehreren Beweggründen, diese sind wieder die Folgen ans etwas Vorhergegangenenl, so daß wir, wenn wir mit allem, was vorhergegangen und mit allen Gesetzen, nach denen es erfolgt, bekannt wären, mit unfehlbarer Gewißheit alle unmittelbaren Ergebnisse davon vorhersagen könnten. Wir sehen uns demnach zu der Folgerung genöth'.gt, daß die Hand- jungen der Menschen lediglich durch ihre Vergangenheit bestimmt werden und daher ein Gepräge von Gleichmäßigkeit haben, d. h. unter gleichen Umständen auch immer ein gleiches Ergcbniß zeigen müssen. Und da alles, was früher vorgegangen, entweder ein innerer oder ein äußerer Vorgang sein muß, so ist klar, daß die ganze Mannichfaltigkeit der Ergebnisse, alle Veränderungen, von denen die Geschichte voll ist, alle Wechsclfälle, die das Men- schcngcschlccht betroffen, sein Fortschritt und sein Verfall, sein Glück und sein Elend die Frucht einer doppelten Wirksamkeit sein müssen: der Einwirkung äußerer Erscheinungen auf unfern Geist nnd der Einwirkung unsers Geistes auf die äußeren Erschei- nungen. Wir haben also auf der einen Zeite den menschlichen Geist, der den Gesetzen seines eigenen Wesens gehorcht und, wenn un- behelligt von äußeren Einwirkungen, sich seiner Anlage gemäß entwickelt; aus der anderen Seite haben wir, was man Natur nennt, die ebenfalls ihren Gesetzen gehorcht, aber unaufhörlich mit dem Geiste der Menschen in Berührung kommt, ihre Leiden- schafleii aufregt, ihren Verstand antreibt und so ihren Handlun- gen eine Richtung gibt, die sie ohne ihren Einfluß nicht genom- men hätten. So haben wir den Menschen, der auf die Natur, und die Natur,. die auf den Menschen einwirkt, eine gegenseitige Einwirkung, aus der nothwendig alle Begebenheiteii entspringen müssen. Da die Naturerscheinungen eher in Wirksamkeit waren, als der menschliche Geist, ihre Einflüsse auch hervorstechender und i folglich leichter zn beobachten sind, so betrachten wir 1. Die natürlichen Gesetze. Unstreitig den inächtigsten Einfluß auf das Menschengeschlecht üben ans: Klima, Nahrung, Boden und die Naturerscheinung im ganzen, d. h. diejenigen Erscheinungen, welche vornehmlich durch das Auge, aber auch durch andere Sinne die Jdeenverbindnngcn geleitet und so in verschiedenen Ländern verschiedene Gedanken- kreise erzeugt haben. Diese letztere Art von Erscheinungen wirkt vorzüglich ans die Phantasie und erzeugt die unzähligen Formen des Aberglaubens, welche so große Hindernisse für den Fortschritt der Erkcnntniß bilden. Und da in der Kindheit eines Volkes die Macht dieser abergläubischen Vorstellungen unumschränkt ist, so hat die verschiedene Natnrbeschaftenhcit auch verschiedene Nationalcharaktere erzeugt nnd namentlich auf die Religion eines Volkes den größten Einfluß ausgeübt. Klima, Nahrung nnd Boden haben keine so unmittelbare Wirkung dieser Art gehabt, trotzdem hatten sie bedeutenden Einfluß auf die Einrichtung der Gesell- schaft, und ans ihnen sind manche der umfassenden und hervor- stechenden Unterschiede der Völker entsprungen, welche man oft mit Unrecht dem Rassenunterschiede zugeschrieben hat. Da Klima, Nahrung nnd Boden in nicht geringem Grade von einander abhängen und in innigem Zusammenhang mitein- ander stehen, so ist es nicht wohl möglich, diese physischen Mächte einzeln zu betrachten, sondern vielmehr nach den verschiedenen Wirkungen, die ihr gemeinsamer Einfluß hervorbringt. Von allem, was für ein Volk aus seinem Klima und seinem Boden folgt, ist Anhäufung von Reichthum das Erste und Wichtigste. Denn obgleich der Fortschritt der Kenntnisse später das Steigen des Reichthum» beschleunigt, so muß sich doch bei der ersten Ausbildung der Gesellschaft zuerst Reichthum anhäufen, ehe die Wissenschaft beginnen kann. Solange jeder nur damit beschäftigt ist, die Nothdurft für seinen Unterhalt anzuschaffen, wird weder Zeit noch Sinn für höhere Bestrebungen vorhanden sein, deshalb ist in einem solch' frühen Zustand der Gesellschaft die Ansamm- lang von Reichthnm der erste Schritt auf dem Wege zu einer höheren Kulturstufe. Wenn ein Volk grade ebensoviel verzehrt, als es produzirt, so wird nichts übrig bleiben, unbeschäftigte Klassen heranzuziehen und zu unterhalten, wenn aber die Pro- duktion größer ist, als die Konsumtion, so entsteht ein Ueberschnß, der nach bekannten Gesetzen sich selbst vermehrt und am Ende ein Fonds wird, aus welchem unmittelbar oder entfernt alle er- halten werden, die das Vermögen, von dem sie leben, nicht selbst erzeugen. Erst jetzt wird die Existenz einer intelligenten Klasse möglich, deren Mitgliedern erlaubt ist, zu verbrauchen, was sie nicht selbst hervorbrachten, und so sich Gegenständen zn widmen, wozu in einer früheren Periode der Drang ihrer täglichen Be- dürsnisse ihnen keine Zeit übrig gelassen haben würde. Es leuchtet ein, daß bei einem ganz unwissenden Volke die Schnelligkeit, womit Reichthnm erzeugt wird, ganz von der nattir- lichen Beschaffenheit seines Landes abhängen wird. Später kommen noch andere Ursachen mit ins Spiel; bis dies aber geschieht, kann der Fortschritt nur von zwei Umständen abhängen: einmal von i der Anstrengung und Regelmäßigkeit, womit die Arbeit geleistet I wird, und dann von dem Ertrage, den die Natur dieser Arbeit gewährt. Beide Ursachen sind selbst das Ergcbniß früherer natürlicher Vorgänge. Die Fruchtbarkeit des Bodens hängt theils von der Beimischung gewisser chemischer Bestandthcile ab, theils davon, wie Flüsse oder andere natürliche Ursachen zur Bewässerung des Bodens wirken, theils von der Temperattir und Feuchtigkeit der Atmosphäre; die Energie nnd Regelmäßigkeit der Arbeit dagegen hängt gänzlich von dem Einfluß des Klima ab. Bei starker Hitze sind die Menschen nicht aufgelegt und gewissermaßen nicht fähig zu der Thätigkeit und dem Fleiße, welche sie in einem gemäßigteren Klima bereitwillig anwenden. Ein anderer weniger auffallender Umstand ist der, daß die Arbeit von dem Klima nicht nur durch Entnervung oder Kräfti- gung des Arbeiters beeinflußt wird, sondern auch durch die Wirkung, die es auf die Regelmäßigkeit seiner Lebensweise ausübt. So machen z. B. in den nördlicheren Gegenden die Strenge des Winters und der theilweise Mangel des Lichts es dem Volke unmöglich, seine Beschäftigung im Freien fortzusetzen. Die Folge ist, daß die arbeitenden Klassen ihre gewohnte Thätigkeit abbre- chcn müssen nnd zu unordentlichen Gewohnheiten geneigter wer- den; die Kette ihrer Thätigkeit wird gleichsam zerrissen, und sie verlieren den Trieb, welchen eine regelmäßig fortgesetzte Uebnng einflößt. Daraus entsteht ein eigensinnigerer und launischerer Nationalcharakter, als bei einem Volke, dessen Klima die rcgel mäßige Ausübung seiner gewöhnlichen Arbeit gestattet. Dies Gesetz sehen wir unter ganz entgegengesetzten Umständen in Wir kung. Man kann sich kaum eine größere Verschiedenheit in Re- gierung, Gesetzen, Religion nnd Sitten vorstellen, als in Schwe- den und Norwegen einer-, Spanien und Portugal andererseits. Hier wie dort ist fortgesetzte Feldarbeit unmöglich. Die Folge ist, daß diese vier Völker, in anderer Hinsicht so verschieden, sich alle durch eine gewisse Unstetigkeit und einen gewissen Wankelinn th des Charakters auszeichnen. Sie bilden einen auffallenden Kontrast mit den regelmäßigeren und stetigeren Sitten in Län- der«, deren Klima den Menschen die Nothwcndigkeit einer be- ständigeren und anhaltenderen Beschäftigung auferlegt. Die außerordentliche Macht des Bodens und des Klima läßt sich aus der Geschichte nachweisen; man kennt kein Beispiel, daß irgend ein Land durch seine eigenen Anstrengungen zivilisir; worden wäre, wenn es nicht wenigstens eine der genannten Be- dingungen in günstiger Form besaß. In Asien war die Zivilisa- tion immer auf die große Strecke beschränkt, wo ein fetter an- geschwemmter Boden dem Menschen den Reichthum sicherte, ohne den kein geistiger Fortschritt beginnen kann. Dieses Gebiet er- streckt sich von dem Osten Südchmas bis zu den westlichen Küsten Kleinasiens, Phöniziens und Palästinas; nördlich davon ist eine Reihe unfruchtbarer Länder, welche immer von rohen Stämmen bevölkert waren, die durch die uuwirthbare Natur des Bodens, so lange sie darauf blieben, in Arniuth erhalten wurden. Die- selben mongolischen und tartarischen Horden aber haben zu ver- schiedenen Zeiten in China, in Indien und in Persien große Reiche gegründet und bei dieser Gelegenheit eine Zivilisation 285 erreicht, die nicht hinter der zurücksteht, welche die blühendsten alten Reiche besaßein In den fruchtbaren Ebenen Südasiens gelangten diese barbarischen Stämme zuerst zu einem gewissen Grade von Bildung, erzeugten sie eine nationale Literatur und organisirten eine Staatsverfassung; nichts von alledem hatten sie in ihrer Heimath erreichen können. Ebenso sind die Araber in ihrer Heimath wegen der Dürre des Bodens immer ein rohes, ungebildetes Volk geblieben; denn in ihrem Falle und so überall ist große Unwissenheit die Frucht großer Armuth. Aber im 7. Jahrhundert eroberten sie Persien, im 8. den besten Theil Spaniens, im 9. fast ganz Indien. So- wie sie sich in ihren neuen Niederlassungen eingerichtet hatten, schien ihr Charakter eine große Veränderung zu erleiden; wäh- rend sie in ihrer Heimath nicht viel mehr als herumstreifende Hirten waren, konnten sie in ihren neuen Wohnsitzen Reichthum ansammeln und daher einige Fortschritte in den Künsten der Zivilisation machen; sie wurden die Gründer mächtiger Reiche, bauten Städte, stifteten Schulen, sammelten Bibliotheken und die Spuren ihrer Kultur sind noch in Cordova, Bagdad und Delhi zu sehen. Im Osten der endlosen Sandwüste Afrikas fließt der Nil; seine austretenden Gewässer bedecken den Sand mit fetten An- schwemmungen, welche der Arbeit reichen Ertrag gewähren; die Folge war, daß hier bald Reichthümer angesammelt wurden und daß dieser schmale Streifen Landes der Sitz der ägyptischen Zivilisation wurde. Diese Betrachtungen beweisen, daß die Fruchtbarkeit des Bo- dens diejenige Ursache war, welche in der alten Welt den groß- ten Einfluß auf die Zivilisation ausübte; in Europa dagegen war die andere große Ursache, das Klima, mächtiger und dem entsprechend auch die Wirkung eine andere. Allem Fortschritt Irrfahrten. Zoil Ludwig WofenVerg. (Fortsetzung.) Theuerste Seele! Die religiöse Wandlung ist bei mir langsam und ruhig vor sich gegangen. Kaum merkte ich etwas davon. Was bei anderen Menschen fast nur unter gewaltigen Gährungen und Aufregungen durchdringt, kam mir nach und nach unmerklich zum Bewußtsein. Studium von Werken, eigne Betrachtungen und fortwährende Unterhaltungen haben mir das Abstreifen unnützen Ballastes höchst natürlich und nothwendig erscheinen lassend Ich bin zwar in manchen Punkten, in den letzten, wichtigen Fragen noch nicht recht im klaren, doch gebe ich mich der Hoffnung hin, daß die Bewältigung derselben nur von emsigem Fleiß und von der Zeit abhängen werde. Du wirst Dir wohl vorstellen können, welch' unbezahlbares Vergnügen ich genieße, wenn ich so recht tief in Spekulationen mich versenke; bei jedem Schritt löst sich von dem alten Bruch ein morsches Stcinchen ab, wird es mir leichter, wohler, friedreicher im Herzen. Die neue Weltanschauung, der ich soeben angefangen habe zu huldigen, eröffnet mir mächtige, überwältigende Perspektiven. Oft gerathe ich in eine Art Verzückung, wenn sich das fruchtbare Gebiet in seiner ganzen Ausdehnung vor mir aufthut. Dann bin ich glücklich, und niemand kann dieses Gefühl mitempfinden. Wie schade! Mit einem Schlage bin ich so aus allem Glaubens- dunkel verflossener Jahre gerissen. Erst jetzt habe ich Dich ver- standen, als Du einmal schriebst:„Du mußt Dir eine feste Basis für Deine Weltanschauung herstellen, die Dich bei keinem Schritt zum Wanken bringt, deren Quadersteine aus ewiggiltigen Vernunft- sähen zusammengesetzt sind." Ich habe sie gefunden, Theuerster! Alles, was ich mit meiner Vernunft nicht fassen kann, ist für mich nicht da!— Alle Formen im menschlichen Leben sind Pro- dukte geschichtlicher Enttvicklung. Gedanke baut sich auf Gedanke. Und die Entwicklung kann man deutlich erkennen. Es gibt keinen Abschluß der Gedanken, keinen Abschluß der Formen. Ein Thor der, der ein Dogma aufstellt für ewige Zeiten! Und wie be- dau'ernswerth sind alle die Menschen, die Anfang und Ende aller Weisheit in der Bibel zu erblicken glauben, die auf die Bibel schwören als wäre deren Inhalt der Ausfluß einer überirdischen Offenbarung' Kindliche Seelen sind es. die Märchen von Wunder- thaten zujauchzen und so ihren Verstand in Schlaf fingen! Wecke sie aus diesem traumvollen Schlummer, und sie begegnen Dir muß Ansammlung von Reichthum vorangehen; in Asien und Afrika war die Bedingung dazu ein ftuchtbarer Boden, der reich- lichen Ertrag gab, in Europa veranlaßte ein glücklicheres Klima eine erfolgreichere Arbeit. Nun hängt aber der einzige, wahr- haftige Fortschritt nicht allein von dem Reichthum der Natur, sondern vielmehr von der durch das Klima bedingten Thatkraft des Menschen ab. Deshalb hat die ursprünglich von dem Klima bestimmte Zivilisation von Europa eine Entwicklungsfähigkeit gezeigt, die den Zivilisationen unbekannt ist, welche ihren Ur- sprung dem Boden verdankten. Denn die Natnrkräfte sind trotz ihrer Großartigkeit beschränkt und stationär, wir haben nicht den geringsten Beweis, daß sie jemals zugenommen haben oder je zunehmen werden. Aber die Kräfte des Menschen sind einer unbegrenzten Entwicklung fähig und da diese Fähigkeit, seine eigenen Hülfsmittel zu vermehren, eine Eigenthümlichkeit des menschlichen Geistes ist, so ist klar, daß das Klima, welches dem Menschen dadurch Reichthum gibt, daß es ihn zur Arbeit an- treibt, günstiger auf seinen Fortschritt einwirken muß, als der Bo- den, welcher ihm zwar auch Reichthum gewährt, aber nicht durch Aufstachelung seiner Thatkraft, sondern lediglich vermöge des natürlichen Verhältnisses zwischen der Bodcnbeschaffenheit und der Menge oder dem Werthe des Produkts, welches der Boden eigentlich freiwillig gemährt. Nachdem der Reichthum hervor- gebracht ist, entsteht die Frage, in welchem Verhältniß er den einzelnen Klassen zukommen soll; auf einer vorgerückten Stufe der Gesellschaft hängt dies von einer Menge verwickelter Um- stände ab, deren Erörterung nicht hierher gehört, aber auf einer früheren Stufe, ehe die späteren feineren Verwickelungen begon- neu haben, läßt sich sehr wohl nachweisen, daß die Vertheilung des Reichthums, wie seine Hervorbringung, gänzlich unter natür- lichen Gesetzen steht.(Fortsetzung folgt.) wie jedes Kind mit bösen, widerwärtigen Launen! Sie wünschen i weiter zu schlafen. Die süße Gewohnheit ist ihre treue Amme!— Nach diesen wenigen Bemerkungen noch schnell ein paar Fakta! Unter Beibringung eines ärztlichen Attestes bat ich die Direktion um Verlängerung des Urlaubs.„Wir suhlen uns nicht ver- anlaßt," schrieb sie nach alter Weise,„Ihrem Gesuch zu ent- sprechen, und müssen Ihnen hiermit kündigen, wenn Sie zur Aufnahme des Dienstes noch nicht im stände sein sollten. Ihren Gehalt bewilligen wir Ihnen noch für drei Monate und bedingen uns umgehenden Entscheid."— Damit sind also die Würfel ge- fallen!— Was thut es? Ich gehe und werde schon nicht ver- hungern.— Ich nahm vor einigen Tagen eine Lehrerstelle an, der ich nun mit vieler Lust und Freiheit vorstehe. Sie gewährt mir soviel Verdienst, daß ich vorläufig wohl keine Roth leiden werde.— Mit meiner Gesundheit geht es bergan. Noch einige Wochen und ich bin wieder der Alte!— Mit vollen Segeln hoffnungsvoll zu Meer! 'Noch immer nicht die Feengestalt erspäht! Ich spüre ein Verlangen, mit einem mir sympathischen Wesen zu verkehren, und da ich bis jetzt keines gefunden, suhle ich mich zeitweise ziemlich einsam. Ein wie seltsames Ding ist doch das menschliche Herz!— Frau Sander bat mich, mit' ihr eine Kindtaufe zu besuchen, deren Veranstalter ihr eng befreundet wären und die mich mit Vergnügen in ihren Kreis aufnehmen würden. Ich sagte ihr schließlich zu, und ein paar Stunden später saß ich in einem fröhlichen Kreis von Menschen, deren Freude, wie es mir schien. wohl zumeist der reichbesetzlen Tafel zugeschrieben iverden mußte. Die Taufe sollte im Hause selbst stattfinden. Gleich nach unsrer Ankunft fand sich auch der Pfarrer ein, worauf sich die Taus- formalitäteu in behäbiger Ruhe abwickelten. Ich hatte während des ganzen Cercmoniells so meine Gedanken!— Da lag der Täufling, still und friedlich eingeschachtelt in weiße Tücher, schlafend und lächelnd, das Bild der Sorglosigkeit, der Unschuld und— gewiß des Unbewußtseius. Davor sprach man fromme, andäch tige Worte, sprach man Segenssprüche, spreute Wassertropfen aus und hoffte so den heiligen Geist in den Körper des Säuglings übergehen zu lasse»!— Heiliger Geist?— Ein schönes Wort, aber wo steckt der Begriff?— Die Pathcn drückten sich gegen- seitig die Hand und die heilige Handlung war vorüber.— Einen der Pathen, einen jungen Mann, kannte ich oberflächlich. Er war mir bei irgendeiner Gelegenheit vorgestellt worden. Wir begrüßten uns, und ich richtete so nebenbei die Frage an ihn, ob er auch wisse, was Pathe bedeute? Und ob er mit seinem Gewissen das Gelöbniß, in christlichem Geist die Pathenstelle zu versehen, vereinigen könne?— Er sah mich groß an und cnt- gegnete, man habe ihn gebeten und er habe nicht nein sagen können. Mit einem jährlichen Geschenk hoffe er sich aller Pflichten frei!—„Bedeutsamer Jrrthum!" rief ich.„Ein vernünftiger Mensch liest, denkt und hört erst, bevor er ein öffentliches Zeugniß abgibt. Und wenn Sie hören, daß Pathenstelle Vaterstelle be- deutet, daß Sie, sollte der junge Weltbürger elternlos werden, alle Pflichten der Dahingeschiedenen zu übernehmen, sich zum Gesetz chiachen müssen, so werden Sie Ihre Handlung gewiß eine recht leichtfertige finden!"— Der junge Manu lächelte und sprach: „Sie nehmen es allzuscharf. Es fällt niemand ein, wegen einer bloßen Formalität, wegen einer bloßen Modesache, heutzutage sich die Last, mit der.Sie mich bedrohen, aufzuladen. Wäre dem so, es fände sich niemand zu der Pathenstelle!"—„Gut," rief ich,„es ist besser, es findet sich einer, als zehn, oder keiner, als zehn Spaßmacher, die auf eine wohlgedeckte Tafel speknliren! Und es ist besser, die Formalität unterbleibt, als daß ein sinn- loser, nichtssagender Hokuspokus gemacht werde!"— Die Antwort hatte meinen Bekannten arg verstimmt.— Ich fuhr fort: „Sie mögen über meine Ansichten entrüstet sein. Sie werden Sich aber beruhigen und werden mir zustimmen, wenn Sie jede persönliche Anspielung hiuwcglassen. Es gibt nur eine Moral! An der ist nichts zu mäkeln und zu feilschen. Man muß sie ganz befolgen oder garnicht. Entweder ist die Taufe eine heilige Handlung und die Pathen sind erfüllt von ihrem Berufe, oder es ist eine sinnlose Formalität, in der die Anwesenden bewußt oder unbewußt Komödianten sind. Bin ich auch mit der Bedeutung der Taufe nicht einverstanden, so kann ich doch nicht das als unmoralisch erklären, was mit heiligem Ernst geschieht. Und nun denken Sie Sich dazu meinen Schluß!"— Mir schmeckte weder der Kaffee noch der Kuchen und das sonstige Beiwerk. Ich saß da, vielleicht„die einzig fiihlende Brust unter Larven",— ich dachte mich hier in einem Komödienhaus, in dem man eben dabei ist, ein Schauspiel zu produziren, und hatte große Lust, davonzulaufen.— Kaum hatte ich vorstehende Betrachtung geschrieben, so suchte mich auch Frau Sander auf, um mich wegen der„schönen, herz- erhebenden Feierlichkeit" zu befragen. Was rch dem Bekannten gesagt, wiederholte ich ohne Rückhalt und setzte noch mancherlei hinzu, das ich für besonders emleuchtend fand.„Geben Sie mir erst eine vernünftige Erklärung vom heiligen Geist, der vom Himmel hernicdersteigt und seine Wohnung in dem Menschen aufschlägt, dann will ich glauben, ohne weiter zu ftagen."— „Sie leiden an dem Fehler der Spitzfindigkeit," rief Frau Sander. „Richts finden Sie recht. An den heiligsten Gefühlen mäkeln Sic und nörgeln Sie herum und finden ein Vergnügen, eines Menschen Frieden zu stehlen."—„Diese falsche Verdächtigung ist also Ihre Erklärung vom heiligen Geist?"— Sie brachte das Gespräch auf Konfirmalion.„Auch darüber will ich Ihnen Forschungsfahrte» im nördlichen Polargedict. Geschichtliche Zujammeiistellung von Dr. M 4r«u|U. iAorit'vu»») Der Plan der„Polaris" ging dahin, an de» Westgcstaden Grön- lands so weit wie immer möglich gen Norde» vorzudringen, und m der Thal gelang eS ihr. die Hochsie nördliche Breite— 82° 26'— zu erreichen, zu der bisher ein Schiff getoininen war, und näher dem Pole, als noch ic eine Expedition, für nieicorvlogische und Pendelbeo- bachtiingeii ein Observatorium ans dem Eise der grönländischen Nord- Westküste aufzubauen. Nach Grönland richtete sie denn auch ihren Kurs, und glücklich warf sie oni Morgen des 22. August vor Tassuissak, der nördlichsteu Ansiedelung der Erde, unter 73� 21' nördlicher Breite und 56» 5' westlicher Lauge, noch l6l) Meilen nördlich von der bekannten norwegischen Stadl Haniinerfest ans der Insel Gualor in Finnmarken, die Anker aus. Täffuissak ist ein Ort von überwältigender Oede, Wochen und Monate in Finsterniß gehüllt, wodurch bei den Menschen allmählich eine leibliche und geistige Abspannung hervorgerufen wird, die blos eine außerordentliche moralische Siraji zu überwinden vermag. meine Meinung iilittheilen," rief ich.„Von den Eltern wird man, dem Laufe der Gewohnheit gemäß, in die Konfirmations- stunden kommandirt. Unfähig, selbständig zu denken, nimmt man die Vorträge des Seelsorgers unbeanstandet in sich auf, pfropft so mechanische Formel auf mechanische Formel und ist des Augenblicks mit Begierde gewärtig, von dem ab man zu den erwachsenen Menschen gerechnet wird. Eitelkeit und Selbst- sucht ist also der Geist der vermeintlichen Frömmigkeit, kindischer Stolz über die neuen Kleider, mit denen man am Konfirmations- tage zuni erstennial paradiren kann. Nehmen Sie das alles auf einmal fort und die Formalität entbehrt für die Jugend des Reizes. Und was den geistigen Inhalt der Konfirmation, des kirchlichen Aktes selbst, anbetrifft, so ist der nichts anderes, als der Ausdruck eines Zwanges, welcher den unerfahrenen Menschen unter dem Druck der Oeffentlichkeit und der Mode nöthigt, ein dogma- tisches Glaubensbekenntniß auf Treu und Glauben auszusprechen und zu beschivören. Die feierliche Ceremonie, begleitet von den Tönen der Orgel, stimmt das Gemüth erhaben und ftomm."— „Sie sind gottlos," entgegnete Frau Sander.„Mit Ihnen ist nicht zu streiten. Sie haben die Hartnäckigkeit eines Mannes, der sich, wie Sie, für unfehlbar hält!"— Ich lächelte. Die Frau entbehrte, bei aller Intelligenz in anderen Sachen, des spekulativen Scharfsinns, und den muß jeder besitzen, der sich aus dem Sumpfe des althergebrachten Wähnens zu selbständiger Anschauung empor- arbeiten will.— Immer gehe ich mit dem Vorsatz um, auf die Spur der jungen Dame zu kommen, und immer, wenn ich das Haus verlassen, ändere ich meinen Plan. Ich habe nicht die geringste Anlage zu einem Spion, besonders m solchen Sachen. Dies Geschäft hat einmal in meinen Augen einen verächtlichen Anstrich!— Die Stadt ist in großer Auffegung. Eine alleinstehende, alte arme Frau, die m dem Ansehen der Frömmigkeit steht, hat man am Morgen erdrosselt im Bert gefunden. Man ist noch ungelviß, welches Moliv den Mörder zu dieser That getrieben. Die Matrone, die mir schon manchmal begegnete, lebte von Al- mosen, das mau ihr ivegen ihres Alters, ihrer Freundlichkeit und Ehrbarkeit reichlich spendete, und wird nun auf das tiefste von allen denen betrauert, die ihr näher gestanden. Frau Sander brachte mir aufgeregt die Botschaft und lamentirte über die Ruchlosigkeit der Zeit. Man fand in verschiedenen Verstecken in der Behausung der Todten Geldpackete vor. Die Summe beläuft sich auf reichlich tausend Thaler. Man zweifelt nicht länger an einem Raub- mord. Die Polizei bestätigl dies Gerücht. Allem Anschein nach besaß die Alte viel Geld, von dem der Verbrecher wußte.— Das Urtheil über die Todte hat sich durch den Fund von Vermögen wesentlich gewendet.„Eine heuchlerische Person war sie," Hörle ich sagen.—„Aber eine höchst fromme Person lvar sie," ergänzte ein zweiter.„Sic versäumte keine Predigt und keine Bibelslunde. Sie las fleißig im Gebet- und Gesaugbuche und war hoch angesehen bei allen Frommen und Muckern."—„Ich habe es immer gejagt," rief eine resolute Frau hinein,„in solchem Frommthun steckt ein Härchen. Entweder will man sich damit alte Sünden sortivaschen, oder man will sie zu neue» Sünden benutzen. Pfui, über die Heuchler!"-(Fortsehimg solgi.) Dennoch traf man dort eine dänische Familie an, Bater, Mutter und mehrere Kinder, welche, die einzige europäische Bewohnerschaft des well- emlegenen Platzes, schon nahezu acht Jahre in dieser ultima lltrule lebte und obwohl abgeschnitten von sast allem Verkehre mit der Außen- weit und von Eis und Nebel umstarrt, sich in ihrer Verlassenheit gar nicht unglücklich zu suhlen schien. Der Mann hieß Jensen und war der Sleuerbeamle der auS vierzehn grönländischen Haushaltungen be- stehenden Niedeilassung, welche der Prediger Hans Egede im Jahre 1721 gegründet haue. Unsere Schiffer kauften von ihm gegen zwanzig Schlilienhunde, die allerdings zum Theil nicht reiner Grönländer Rasse waren. Von einer Nachbarinsel konnte man nachher noch eine Anzahl krästiger Thiere von unverfälschter Zucht erwerben. Vorher schon, in der etwas südlicher gelegenen Kolonie Upernivik, war der„Polaris" eine neue Eskimosamilie einverleibt worden, jener Hans, der als siebzehn- jähriger Jüngling bereits dem amerikanischen Nordpolsahrer Kane auf seiner Expedllion gefolgt war und erhebliche Dienste geleistet hatte und spälcr von dem Reisenden Hayes in der Nähe des Kap Aork wieder ausgefunden und bei dem erwähnten Upernivik aus- gesetzt wurde. In der Nähe dieser Ansiedelung, in Pröven, lebte Hans inzwischen als sriedlicher Schulmeister, ließ sich jedoch unschwer über- reden, von seinen Zöglingen zu scheiden und Holl als Hundelreiber der Expedition zu begleiten, nicht olsne aber Weib und Kinder sammt allen Geräthschaften eines grönländischen Haushaltes mitzubringen, die»n- vermeidliche steinerne Thranlampe, ein großes Zelt aus Seehundsscll, Blechtöpfe, Schlitten, Lanzen, Harpunen, Fangleinen, Handwerkszeug und eine Meute junger Hunde, So umschloß die„Polaris" zusammen nun dreiunddreißig Per- sonen, darunter acht alte und junge Eskimo, als sie, von Jensen gc- lootst, am Nachmittag des 24. Angnst von Tassuissak wieder in See stach, um sich nach den unbekannten Gebieten des Smith�Sundes zu wagen. Ohne vom Eise verhindert zu werden, durchschisstc man am nächsten Tage die von den Seefahrern so sehr gescheute Mclville-Bay und doublirte dann Kap Dudley-Digges, wo ein sogenannter Stein- mann erbaut und ein Bericht über den bisherigen Gang der Reise niedergelegt wurde. Noch immer sah man offenes Fahrwasser vor sich und eilte, dies benützend, nordwärts weiter. Dort erblickte man in der Entfernung den prachtvollen Eisstrom des sogenannten Petowak- gletschers, der sich bis zum Meere erstreckt und von vielen treibenden Eisbergen wie von Trabanten umgeben war. Am 26. August gelangte man zum Eingange des Booth-SundeS, der in mannigfaltigen kleinen Fjords in die Küstenränder einschneidet, welche von dunklen, durch Gletschereinsattelungcn verbundenen Bergen überragt werden. Wohl schwammen stäche Eisschollen rechts und links vom Schiffe in nördlicher Strömung dahin, allein von einer ernsten Belästigung durch die Eis- Massen hatte man auch jetzt noch nicht zu leiden: ebensowenig, als man andern Mittags die Polhöhe ans 77" 5r feststellte und drei Stunden danach in jenen Smith-Sund einlies, der, schon so manchem Fahrzeuge gefährlich geworden, infolge dessen bei den Seeleuten im übelsten Rufe steht. Alles war deshalb in rosigster Laune und ergab sich den frohe- stcn Hoffnungen für das Gelinge» der Expedition, die der Mannschast bis dahin eine wahre„Vergnügungsreise" deuchte. Wie bald sollte diese glückliche Stimmung in ihr entschiedenstes Gcgentheil umschlagen! Nachdem man Port Foulke, Hahrs Winterhafen, hinler sich gc- lassen, and bis Kap Jnglestcld die jetzt von Nordwest nach Nordost umspringende Richtung der grönländischen Küste eingeschlagen hatte, steuerte man hierauf direkt nördlich und hatte am späten Abende die größte Polhöhe überschritten, welche Kanc 48 Jahre früher zu Schisse zu gewinnen vermocht hatte. Auch bis dahin war der Lauf der„Po- laris" ein durchaus glatter und ungestörter geblieben. Roch um Mitternacht aber begegnete inan den nstcn ausgebreiteten Eismassen, die sich von Ost nach West als ein koiupakler Wall aus dem Sund emporthürmten und schon den Gedanken auskommen ließen, ob man nicht hier, in einer kleinen Bucht unweit des Kaps Frazer, sür alle Fälle Ankcrgruud suchen solle. Eine von Hall angestellte RekognoSzi- rungsbootfahrt traf indeß nur kahle Klippen an, und somit ward die Fahrt nordwärts sortgesetzt, leider längere Zeit hindurch iu dichtem Nebel, der ein Erkennen der Küste unmöglich machte. Als sich nachher das Wetter in etwas aushellte, so daß eine derartige Bcslimmnng vor- genommen werden konnte, ergab sich»m Mittag den 28. August alS Position des Schiffes 86° 3' nördlicher Breite und 60° 28' westlicher Länge. Vierundzwanzig Stnndcn später, nachdem man miltlerweilc an den als Orientirungspunkt dienenden Franklin- und Erozier-Eilandcn vorübergckommen war und daraus eine andere kleine Insel in der Nähe der Küste von Grünnellland entdeckte, die dem gleichnamigeil Eskimo zu Ehren„Hansinsel" benannt wurde, glaubte man die gewonnene Polhöhe aus 81" 20', die gleichzeitige westliche Länge aber aus 64" 34' annehmen zu dürfen— soweit bei den» umnebelten Horizonte von einer genauen Messung die Rede sein konnte. Der Nebel hielt an, von Eisbergen war indeß seit Ueberschreitung des achtzigsten Breitengrades nur wenig mehr zu erblicken. Dagegen kamen drei bis vier Fuß sich über das Niveau des Wassers erhebende, mit grobkörnigem Firn über- zogene massige Eisfelder immer häufiger zum Vorschein. Die ringsum herrschende Einsamkeit war von grausiger Majestät. Bis auf einige zwischen den Eisbrockcn sich im Wasser tummelnde winzige Rippenquallen ließ sich keine Spur von organischem Leben mehr gewahren. Dazu schlugen sich Reif und Feuchtigkeit aus den Tauen und Eisentheilcn des Schiffes nieder, alles mit einer Eisrinde bedeckend, während der sal- lende Schnee aus dem ruhigen Wasser sich gleich erstarrtem Fett zu unregelmäßigen Scheiben vereinigte. Jedenfalls waren dies Erschei- nungen, welche die Behaglichkeit unserer Reisenden nicht sonderlich zu erhöhen vermochten, dafür fühlten sie sich jedoch von dem stolzen Bc- wußtsein gehoben, zur Rechten ein neues Land, das nachmals als Hall- Land bczelchnet wurde, entdeckt zu haben, und ein Meer zu durchfahren, das vor ihnen noch von keines Schiffes Kiele gefurcht worden war. Mit dem Vordringen der„Polaris" begann es aber nachgerade mißlich zu werden! mit steigender Geschwindigkeit drängte sich das an Massenhastigkeit unaufhörlich wachsende Eis, Schollen, Felder und Hum- mocks, gen Süden, und Hall spähte nach einem Zufluchtsort aus, wo das Schiff vor Anker geborgen iverdcn könne. Mühevoll kämpfte er mit sechs seiner Leute in einem Boote gegen die Wucht des Stro- nies, kam jedoch bald zurück, da die in Augenschein genommene Küste jeder Landung wehrte, weshalb er ihr den Namen„Repnlse Harbour" beilegte. Wiederum wurde denn weiter gedampft; freilich geboten die Nebel der Fahrt einen raschen Halt, die erst in der Frühe des 31. August von neuem versucht werden konnte. Auch diesmal, aber nur auf kurze Zeil— näherte man sich der Grenze, welche zu überschreiten der„Polaris" nicht gestattet sein sollte.(Fortsetzung folgt.) Karl von Holtei.(Porträt Seite 230.) Am 12. Februar 1886 beschloß im Kloster oer Barmherzigen Brüder zu Breslau ein müder! Greis mit 82 Jahren sein vielbewegtes Leben. Da schon seit Jahren Karl von Holtci's Licderborn versiegt war, waren auch schon bei Leb- zeiten die Akten über ihn geschloffen. Die Anerkennung, die er zur Feier seines 86. Geburtstages im reichen Maße gesunden, hat gewiß nicht wenig zur Verklärung seines Lebensabends beigetragen. Die Nachwelt wird ihm einen ehrenvollen Platz in der deutschen Literaturgeschichte und vor allem unter seinen dichterischen Landslcnten einräumen. Er war zwar nicht der elegante Erzähler, wie sein noch lebender Lands- mann Gustav Freytag, dafür aber der Schöpfer unnachahmlicher Volks- typen von unverwüstlicher Gcmüthlichkeit. Wer solche populäre, dem Lieder- und Bilderschatz der Nation unveräußerlich ungehörige Gesänge und Figuren geschaffen, wie sie in seinen Stücken„Berliner in Wien", „Wiener in Berlin",„33 Minuten in Grüneberg" und„Lenore" vor- kommen, der ist wohl ein wirklicher und wahrhafter Volksdichter zu nennen. Daß unter seinen Bühnenwerken auch einige sich finden, die einem schlechten Geschmack, einer nicht zu billigenden Tendenz huldigten, wie z. B. die krassen Dramen„Lorbeerbaum und Bettelstab",„Hans j Jürge" und„Das Trauerspiel in Berlin", wollen wir in Anbetracht> der Lebensstellung Holtei's, der nicht nur Dichter, sondern auch Theater- direktor war und als letzterer nicht nur dem guten Geschniack, sondern auch der Kasse Rechnung tragen mußte, milde beurthcilcn. Aber wenn wir nun auch den Dramatiker beiseite lassen, so fordert unsere ganze Liebe und Schätzung nicht minder der Lyriker, und zwar dieser in dop- pcltcr Gestalt, als inniger, gemüthreicher, selbst des Schwungs nicht entbehrender hochdeutscher Lyriker und als der schlcsischc Dialektdichter von meisterlicher Beherrschung der sprachlichen Eigenthümlichkeiten und von so treuem das Leben zurückspiegelndem Gepräge in Charakter, Art und Sinn, daß Holtei mit oben ansteht unter den Poeten, welche als die spezifischen Sänger und Schilderer bestimmter deutscher Land- schastcn, Stamme und Mundarten neben ihrer dichterischen auch eine kulttirgeschichlliche, ethnographische Bedeutung haben und eine dein- gemäße Mission erfüllten. Es ist kein Wunder, daß Holtei's„Schle- jijchc Gedichte" in einer beträchtlichen Anzahl Auflagen dem Volke vor- liegen. Sie müssen als eine der schönsten Gaben der Holtei'schcn Muse betrachtet werden. Mit ihnen ist voit Holtei der deutschen Literatur ein neues Gebiet erschlossen worden. Viele junge Poeten haben die von ihm betretenen Wege weiter verfolgt. Holtei's Gedichte werden im Munde der Schlesier weiterleben, so lange es eine schlcsische Mund- ort gibt. Die besten Erzeugnisse des uucrinüdlich Schassenden waren die zum„Volksbuch" gewordenen Erzählungen„Die Vagabunden", „Christian Lammfell" und„Ein Schneider". Sic geben sich kunstlos und einfach, natürlich und bescheiden und sind doch ein wahrer Brun- iten sprudelnden Lebens, unversicglicher Laune und jenes aus dem Herzen kommenden, unter Thräncn lächelnden Humors, welcher immer als der einzig ächte, volksthümliche Humor zu gelten haben wird.— Um den Btldungsgang eines Menschen zu begreifen, muß man seinen Lebensweg vcrsolgcn. Ucbcr den letzteren hat uns Holtet selbst genau unterrichtet durch die Autobiographie, welche die erste Hälfte seines Lebens schildert. Cr war am 24. Januar 1768 in Breslau geboren. Seine Jugend fällt in die Zeit der napolconischen Herrschaft. Er hat als Kind nicht die Wohlthat des Familienlebens kennen gelernt, denn seine Mutter war früh gestorben und sein Bater, ein Husarenoffizier, i kümmerte sich nicht um ihn. Er wurde bei Verwandten erzogen, machte in der Schule geringe Fortschritte, dagegen bildete sich früh bei ihm■! die Leidenschast sür's Theater aus. Holte! sah als junger Bursche in Breslau die berühmtesten Mimen seiner Zeit, wie den großen Devrient, Seidclniann und Jssland, und die Kunstleistungen derselben entflammten seine Begeisterung für die Kunst. Als in Schlesien die Erhebung gegen die sranzöstschc Herrschaft stattfand, trat auch der junge Holtei in die Reihen der Freiwilligen, bekam aber keinen Franzosen zu sehen, denn sein Regiment blieb in der Reserve. Nach beendigtem Kriege fehlte es ihm an Geduld und Neigung zur Wiederaufnahme seiner Studien und so wurde er im Jahre 1816 Schauspieler, aber er wurde niemals ein guter Schauspieler. 1823 verfaßte er die mit großem Beifall aus- genonimcncn Liederspiele„Die Wiener in Berlin",„Die Berliner in Wien". Dadurch erwarb er das unbestreitbare Verdienst, das Bande- ville in Form des deutschen gemüthlichcn Licdcrspiels in Deutschland eingebürgert zu haben. Die Werke seiner eifrigen Nachahmer Angelt, und Louis Schneider haben sich bis heute auf dem Repertoire erhalten. Für die Königsstädter Bühne in Berlin schrieb er die mit großem Bei- fall aufgenommenen Stücke„Der alte Feldherr" und„Lenore". Das Jahr 1836 ist der Höhepunkt seines Wirkens, die Herausgabe seiner „Schlcsischcn Gedichte", welche bis zum Jahre 1875 vierzehn Auflagen erlebten. Hier entwickelte er die köstliche Gabe, das Klcinlebcn zu schildern. Die alltäglichen, meist an sich unscheinbaren Verhältnisse der mittleren und niederen Schichten der menschlichen Gesellschaft, und auch in der leblosen Natur nicht eben das Großartige, sondern das Ein- fache, Schlichte, einem jedem Zugängliche, das ist der Kreis, in dem er sich durchweg bewegt. Und daß er nun eben dieses Kleine zu vertiefen und poetisch zu verklären wußte, das gibt ihm einen Reiz, von dem halbwegs poetisch gestimmte Gcmüther aus den mittleren Lebenskreise» Hohen Genuß haben und woraus sie die rechte Einsicht in das Wesen ächter Poesie gewinnen können. Dadurch ist Karl Holtei gleich dem alemannischen Dichter Johann Peter Hebel und dem vlattdeutschen Er- zählcr Fritz Reuter ein Lehrer des Volkes geworden. Wir müssen 288 noch einer Eigenschaft des vielseitige» Poeten erwähnen, die er mit wenigen seiner Berufsgenossen theilte, die Fähigkeit ausdrucksvoller Vorlesung eigener und fremder Schöpfungen. Außer dem berühmten Schauspieler Dawison konnte niemand wie Holtet die Volksszenen in Goethe's„Egmont" nnd Shakespeare's„Julius Cäsar" so mit verstell- ter Stimme, doch ohne Uebertreibung vorlesen, daß sich jede der darin vorkommenden zahlreichen Figuren vom Hintergrunde abhob, ohne aus dem Rahmen zu treten. Als Vorleser klassischer Trauer- und Lustspiele zog er eine Zeitlang mit seiner zweiten Frau Julie, ge- borenen Holzbecher, in der Welt herum, doch immer literarisch thätig, und unterwegs entstanden denn auch„Das Trauerspiel in Berlin", der Operntext„Adlers Horst", die Gelcgenheitsstücke„Lorbeerbaum und Bettelstab",„Shakespeare in der Heimath" und das Schauspiel „Der dumme Peter". 1837 war er Theaterdirektor in Riga und 1841 in Breslau. 1843 erschien seine Lebensbeschreibung unter dem Titel „Vierzig Jahre", ein Jahr später ein Bernd„Gedichte", nnd 1845 seine gesammelten Theaterstücke. Mit den„Stimmen des Waldes" betrat er das Gebiet der modernen Lyrik. In Graz, der Perle der grünen Steiermark, wollte er sich zur Ruhe setzen. Hier im Kreise der Familie seiner Tochter entpuppte sich der Dramatiker und Lyriker zum Epiker. Seine Romane„Die Vagabunden",„Christian Lammfell",„Die Esels- sresser",„Noblesse oblige",„Ein Schneider",„Ein Mord in Riga", „Schwarzwaldau",„Haus Treustein",„Der letzte Komödiant" machten nach ihrem Erscheinen einen Triumphzug durch die deutsche Leserwelt; Holters Name war von neuem in aller Mund, der gealterte Mann trat noch einmal in die Fronte der zeitgenössischen Literatur, unter die Jüngeren, deren viele er mit der Jugendlichkeit und blühender Frische, die seine Werke athmeten, beschämen konnte. Doch auch er mußte, vom Naturgesetz bezwungen, die absteigende Lebensbahn betreten. Das Alter entriß ihm die Feder, die er ein halbes Jahrhundert geführt hatte. Den Greis erfaßte das Heimweh nach seiner schlesischen Heimath. Er nahm Abschied von Graz, um nach Schlesien zu eilen, dessen Be- völkerung ihn mit Jubel empfing und auf seiner Reise von Ort zu Ort begleitete. Das war der Lohn, daß er dem herzigen Dialekt Schlesiens i» der Pocfie zum Bürgerrecht verhals. In Breslau machte er Halt nnd trat als Pensionär- ins Kloster der grauen Brüder ein, weil er hier die Stille und Pflege suchte, die sein hohes Alter bedurfte. Vor ivenigen Jghrcn lief die Nachricht durch die Blätter, der schlesische Dichter sei total verarmt und habe sich ins Kloster geflüchtet, um dem Elend zu entgehen. Holtei selbst widerlegte diese Gerüchte. Bald daraus, am 24. Januar 1878, fand die achtzigste Geburtsfeier des Greises statt und dieser wurde derart mit Beweisen der Liebe und mit so reichen Geschenken aus allen Theilen Deutschlands bedacht, daß er den Grundstein zu jener Stiftung für Dichter zu legen vermochte, welche heute seinen Namen trägt Er war eben eine populäre Persönlichkeit, welcher das hohe Alter einen Spätsommer des Ruhmes verschaffte. Von diesem schönen Feste ab, das wie ein goldiger Erntetag in sein Leben fiel und reiche Früchte brachte, ging es mit der Lebenssreude rasch zu Ende. Das Lebcnsslbisf des Dichters war allmählich leck ge- ivordcn, bis es am 12. Februar 1880 im dunklen Strom des Todes versank._ I. Die erhöhte Stlidteisenbahn von New-Aork.(Bild S. 281). Welch' großen Umschwung in allen gesellschaftlichen Verhältnissen die Eisenbahnen herbeigesührt haben, ist allgemein bekannt. Städte und Länder iverden durch die Verkehrserleichterung einander näher gerückt, Städte von riesigem Umfange entstehen da, wo das Dampfroß die in- dustriellcn Erzeugnisse aller Welttheile hinträgt. Aber je niehr sich große Menschenmassen an den einzelnen Verkehrs- und Industriezentren ansammeln, umsomehr fängt man auch an, sich dieses modernen Ver- kehrsmittcls zu bedienen, um namentlich den Personenverkehr innerhalb der Hauptstädte zu erleichtern. Wir erinnern hier nur an London, welches bereits seil langer Zeit seine unterirdische Eisenbahn hat. Wie in viele» andern, so hat aber auch in dieser Beziehung der Spekula- tionsgeist der Anicrikauer binnen kurzer Zeit das Großartigste geleistet. Im Jahre 1863 wurde mit dem Bau der erhöhten newyorker Stadt- ciscnbahn unter ganz bescheidenen Verhältnissen begonnen und heute sind eine ganze Reihe von Linien nach den verschiedensten Richtungen hin im Betrieb. Sie repräsenliren eine Kapitalanlage von mehr als 50 Millionen Dollar. Ein schlagendes Beispiel für die riesige Frequenz ist. daß eine der Gesellschajten, welche den Bau unternommen, allein binnen 6 Monaten 14 Millionen Passagiere beförderte. Jede vier bis sechs Minuten geht ein Zug; das Fahrgeld beträgt 10 Cents außer zwei Stunden srüh und zwei Stunden abends, während welcher Zeit dasselbe im Interesse der nach ihren Etablissements fahrenden Arbeiter ans die Hälfte herabgesetzt ist. Von welch' kolossalen Dimensionen dieser großartige Bau ist, veranschaulicht deutlich unsere Illustration, die einen der höchsten Punkte darstellt; die Pfeiler erreichen hier die Höhe von 57 Fuß. Der eiserne Sockel derselben ruht auf einem ans Back steinen und Cement bestehenden Mauerwerk, welches sich ungefähr 20 Fuß über das ursprüngliche Niveau der Straße erhebt, die nahezu bis zu dieser Höhe aufgefüllt ist. Das Fundament hinwiederum ruht auf hier in einer Tiefe von 40 Fuß eingetriebenen Pfählen. Zieht man außerdem in Betracht, daß man in einer Länge von vier Meilen auf ein Netz von Abzugs-, Gas- und Wasserleitungsröhren traf, welche nicht beseitigt werden konnten, so hat man auch einen Begriff von den Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, bevor dieses wichtige Trans portmittel bis zu seiner jetzigen Vollendung fertig gestellt werden konnte. _ nrt. Die Türkenglocke. Wenn des Mittags die Kirchthurmglocken läuten, glauben die Landleute, daß es geschehe, um den im Felde Ar- bettenden zu sagen, daß sie das Mittagessen zu sich nehmen und sich erholen möchten. Möglich, daß der Gebrauch in der That deswegen seinen Fortgang hat— das Mittagsglöckchen tönt auch von manchem Ritter- oder Bauergutsthürmchen— allein dieses Läuten hat einen anderen Ursprung. Als 1456 ein großer Heereszug gegen die Türken stattfand, verordnete Papst Calixtus II., daß man„durch die Glocken allenthalben mittags das Zeichen gebe, wie ein jeder den Sieg für die christlichen Waffen erflehen sollte". Diese Verordnung wurde später durch landesherrlichen Befehl von neuem eingeschärft. So verordnete Herzog Georg unterm 13. Juli 1532:„Das auch alle tag zu Mittagzeit in jeder Stat, Flecken und Dorffe durch eine sondere glock geleuten, wodurch das gemeyne Volgk zu vorbitt legen Gott ermanet und erin- nert werde, seinen gefaßten Zorn fallen zu� lassen und den Christgleu- bigem menschen legen dem Türken Glück, Sieg vnd Vberwündung ge- schieht in dem allen unsere genützliche Meinung. Geben zu Dreßden Dienstags nach Kilian zc."— Vor den Türken hatte man früher über- Haupt unbändige Furcht. So enthielt die„Leipziger Zeitung" am 1. Januar 1660 folgenden Stoßseufzer:„Daß Gott die Deinen siegen! Und die Türken unterliegen! Gieb der theuren Christenheit, Freude, Fried und Einigkeit."-z- Literarische Umschau. Jahrbuch der Schule Gabelsberger's aus das Jahr 1880, heraus- gegeben vom kgl. stenograph. Institut zu Dresden. Dasselbe gibt über die Bedeutung und Entwicklung der Stenographie interessanten Aufschluß. Es zählt die Gabelsbergersche Schule Vereine 334 gegen 270 im Vor- jähre. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder ist von 7134 auf 8380 gestiegen. Die größte Steigerung zeigt sich in Sachsen, wo sie ca. 25% beträgt, nämlich von 1343 auf 1726, also um 383. Die Zahl der Unterrichteten ist von 20433 auf 21 697, also um 1264 gestiegen, von welchen 267 auf an Lehranstalten 997 auf die sonst Unterrichteten falle». Die Gesammtsumme der Unterrichtsanstalten, an welchen Stenographie offiziell gelehrt worden ist, beträgt 365 gegen 363 im vorhergehenden Jahre. Das geringe Mehr dieser Ziffer erklärt die Redaktion damit, daß„von einer außerordentlich großen Zahl von Lehranstalten, welche im letzten Jahrbuch genannt sind, Nachrichten diesmal nicht eingegangen sind." Wir fügen dem Hinz», daß die statistischen Nachrichten überhaupt auf Vollständigkeit nur insofern Anspruch machen können, als der Re- daktion des„Taschenbuchs" direkte Mittheilungen geworden sind.— In Uebertragungen auf fremde Sprachen wurden unterrichtet 4610 Personen, 532 mehr als im Vorjahre und zwar 1473 ungarisch, 1242 italienisch, 994 böhmisch, 568 polnisch, 133 schwedisch, 93 dänisch, 65 kroatisch, 16 lateinisch, 10 finnisch, 10 slovenisch, 4 französisch, 1 eng- lisch, 1 spanisch.— Damen wurden 855 herangebildet(850 im Bor- jähre), davon 425 an Lehranstalten, 430 sonst. Die Zahl der an mili- tärischen Lehranstalten Ausgebildeten beträgt 662, wovon 344 auf das deutsche Reich und 318 auf Oesterreich-Ungaru kommen. Der lieber ficht der seit Oktober 1378 bis Ende November 1879 erschienenen steno- graphischen Schriften(von Prof. Dr. I. W. Zeibig) entnehme» wir, daß neu erschienen sind 6 geschichtliche Werke, 32 Lehrmittel, 22 Denk- schriften und Abhandlungen— Zeitschriften zählt die Gabelbergcrsche Schule 41. In alt- und neustolzischer Stenographie(das System Stolze ist seit einigen Jahren durch den Sohn des Erfinders in zwei Lager getrennt) erschienen dagegen 17 Zeitschriften; in Arends'scher Stenographie werden 2 Blätter herausgegeben— die„Neue freie Steno- graphenzeitung" erscheint in Arends'scher, Stolzescher und Gabelsberger- scher Stenographie.— Alles in allem dürfte aus Vorstehendem zur Genüge hervorgehen, daß die schöne Kunst der Kurzschrift immer mehr Anhänger gewinnt �uud daß in nicht allzuserner Zeit der Wunsch Ga- belsbergers:„Die Stenographie möge Gemeingut aller Gebildeten wer- den" zur Wahrheit werden dürste.-z- Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes, von Hr. Eduard Reich(III. Diät, Schluß).— lieber die Gesetze, denen der Fortschritt der Civilisation unterworfen ist.— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Forschungssahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Hr. M. Trausil (Fortsetzung).— Karl von Holtei(mit Porträt).— Die erhöhte Stadteisenbahn von New-Dork(mit Illustration).— Die Türkenglocke.— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraßc 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.