Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postäniter. Dem Schicksal aligerungen. Novelle von WudolpH von A. (Fortsetzung.) Schweder mußte, seiner Gewohnheit zuwider, von seinen Gedanken augenblicklich so ausschließlich in Anspruch genommen sein, daß er garnicht bemerkte, was im Saale und dicht neben ihm vorging. Sonst wäre wohl Freund Wichtel nicht so leicht um ihn herum und in die kleine Nebenstube hineingekommen, als es geschah. In der übertriebensten Weise betheuerte der ein- gebildetermaßen unwiderstehlich liebenswürdige Herr seinem hoch- verehrten Fräulein Wanda seine Theilnahme an ihren offenbaren, ihm freilich ganz unverständlichen Schmerzen. Es wäre allerdings unverantwortlich, daß man sie so allein gelassen habe, er speziell mache sich bittere Vorwürfe, obgleich er ivohl nicht zu fürchten habe, oder— seine Stimme, die bisher prätentiös laut geklungen, mäßigte sich zu zärtlichem Flüsterton— dürfe er sagen, zu hoffen habe?— dap die kostbaren Thränen, welche zu seinem größten Schmerze Wandas schönen Augen entströmt seien, in irgendeiner Beziehung zu ihm sich befunden hätten. Oder— er wolle das nicht voraussetzen, er würde aber dann sehr energisch dagegen ein- schreiten— sollte Wanda vielleicht irgendeine Belästigung erfahren haben. Ihm solle sie sich vertrauen, er sei Manns genug, sie gegen jedermann— das„jedermann" betonte er wieder sehr vernehmlich— zu vertheidigen. Wanda hatte das unerwartete Erscheinen ihres gewissermaßen offiziellen Verehrers und der erste Erguß des Wortschwalls, mit dem er sie überschwemmte, wirklich erschreckt; es hatte für sie aber nur kurzer Momente bedurft, um sich jetzt, grade jetzt und grade diesem Menschen gegenüber, rasch vollkommen zu sammeln. Die Thränen versiegten, als sei der Schmerz spurlos verhaucht, das dustige Battisttaschentuch fuhr in zwei raschen Strichen über das rosig erglühte Antlitz hin, die vollen Purpurlippen wurden trotzig aufgeworfen und aus den feuchtglänzendcn Augensternen des jungen Mädchens traf den unberufenen schmerzensstörer,— der hier wie fast überall darauf hätte rechnen können, nicht willkommner zu erscheinen, als ein Störer der Freude— ein entrüsteter Blick. „Ich danke, Herr Doktor, ich bedarf keiner Hülfe. Ich bedurfte nur einen Augenblick lang der Ruhe." Während sie das sagte, schritt sie zur Thür. Wichtel begleitete sie, von ihren Worten weder verletzt, noch zurückgeschreckt. Beide schritten bei Schweder, der, ohne ein Wort' zu sprechen, nur mit einer höflichen Verneigung gegen Wanda zur Seite trat, vorüber. Als Wanda zu ihm hinschaute, traf sie ein Blick aus seinen großen, seltsam sprechenden Augen. So verständmß- und mit- gefühlsvoll erschien ihr dieser Blick. Es war doch ein ganz anderer Mann, dieser Herr Schlveder, dachte Wanda, als der Doktor Wichtel, so viel'männlicher, bedeutender— gewiß,— ob auch besser, edler als jener? Denn der junge Wichtel war ihr nimmer so vorgekommen, wie ein guter Mensch, sie hatte nie an ihm das bemerkt, was man Herz zu nennen pflegt. Und wenn er einmal gefühlvoll erscheinen wollte, dann war der Zwang, den er sich dabei anthat, so handgreiflich, daß dann sein Wesen Wanda erst recht antipathisch berührte. Warum sollte nun dieser sein Haupt auf den breiten Schultern so stolz einhertragende Herr Schwedcr nicht ein guter Mensch sein? Doktor Wichtel hatte zwar immer die seltsamsten, oft lvirklich abscheuliche Andeutungen gemacht über Schweders leichtfertige Vergangenheit, über seine unordentliche, oder wohl gar skandalöse Lebensweise, und selbst ihr Vater, der Schweder, wie sie wohl bemerkt hatte, wegen seines Verstandes hochschätzte, hatte nur selten und nieinals besonders entschieden widersprochen. Aber hatte der Vater nicht auch bei solcher Gelegenheit gesagt, daß alle jüngeren Herren ein flottes Leben führten, und der Doktor Wichtel hatte gewiß keine Ursache, auf andere Leute wegen solcher Ursache den ersten Stein zu werfen. Wanda hatte nicht Zeit, diese Gedankenreihc weiter zu ver- folgen, wenn sie in dem Jubel und Trubel im Saale auch un- behelligt von einem Ende desselben bis zum andern schreiten konnte. Denn inzwischen hatte auch der alte Herr Klose seinen Lieb- ling vermißt und war gegangen, Wanda zu suchen. Endlich sah er sie mit Wichtel die sich drängenden Schaaren der Kleinen durchschreiten; rasch trat er auf sie zu, um sie mit einigen von den Frauen des Dorfes bekannt zu machen, die gekommen waren, sich an dem Glücke ihrer Kleinen zu weiden. Zu großem Aerger Wichtels junior ward Wanda von diesem Augenblicke so umschwärint von Groß und Klein, daß er seinen festen Entschluß nicht sofort ausführen konnte, den Entschluß, der„jahrelangen Quälerei", wie er seine bisher selten mit einigem Ernste betriebene Werbung im stillen nannte, ein schleuniges Ende zu bereiten. Während Wanda nun als die junge, liebe, herzige Wohl- thäterin allgemein gefeiert und mit Danksagungen, Händedrücken, Handküssen in peinvolle Beschämung und Verlegenheit gebracht wurde, bereitete Wichtel die Gelegenheit zu ungestörter oder wenigstens möglichst ungestörter Auseinandersetzung über seine Liebes- schmerzen sorgfältig wie ein vorsichtiger Feldherr por. M Er wußte, daß biime» kurzem aufgebrochen werden sollte, um i noch zu einer andern Weihnachtsfeier zu eilen. Daher bat er sich von der Frau Doktor Winter die Erlaubniß aus, sie und Wanda in ihrem Schlitten begleiten und ihr Gespann führen zu dürfen. Einen Schlitten zu fahren, sei eine Kunst, versicherte er, die kein Mensch so gut verstünde, wie er. Bei Schlittenpartien seien die Damen immer am liebsten mit ihm gefahren, und nur um der Frau Doktor zu zeigen, was mau auf diesem Gebiete leisten könne, habe er sich erlaubt, das Anerbieten zu machen. Die Frau Doktor war vollkommen mit ihm einverstanden. Was konnte man Besseres thun, als die beiden für einander seit Jahren Bestimmten, Wauda und Wichtel, mit einander zusammen- zubringen. Sie nahm sich fest vor, das Paar möglichst wenig zu stören, und diesen Borsatz auszuführen, mußte ihr ungemein leicht werden, da sie von den vielen Strapazen der letzten Wochen und Tage so angegriffen war, daß sie für den Genuß eines stärkenden Schläfchens während der Fahrt bereit war, den der wichtelscheu Meisterschaft im Schlittenfahren hinzugeben. � Wichtel hatte sich auf Schwierigkeiten von Seiten Schweders gefaßt gemacht, aber er hatte sich getäuscht. Dieser kümmerte sich garnicht um ihn, und nahm auch das von der Frau Doktor- Winter getroffene Arrangement, welches den alten Herrn Klose statt des jungen Wichtel in den„Herrenschlitten" bannte, während letzterer bei ihr und Wanda Aufnahme fand, mit einem leichten Spottlächeln um die Lippen, sonst aber ohne das geringste Zeichen einer Bewegung auf. Wichtel wollte das Eisen schmieden, dieweil es ihm warm schien— er ließ seine Pferde die Peitsche tüchtig fühlen und der Schlitten flog leicht und windschnell wie der Vogel in der Luft über die Schneefläche. Der zweite Schlitten, den starke, aber aus keinem Rasse- geschlechte stammende Pferde zogen und dessen Kutscher immer bedacht war, sich und seinen Pferden das Leben möglichst leicht zu machen, ließ sich durch das Beispiel des erstercn zu keiner Wettfahrt anspornen. Bald hatten seine Insassen das erste Gefährt völlig aus den Augen verloren. ** -!- Fritz Lauter war ein wenig später in Niederbartenstein ein- getroffen, als er erwartet hatte. Die Post hatte sich verspätet. Sie hatte an Passagieren und Gepäck noch viel mehr zu trans- portiren bekommen, als die Postbeamten voraussehen konnten. Der Abend dunkelte bereits herein— trotzdem die mit einer leichten, aber unabsehbaren Schnceflüche bedeckten Felder und Wiesen das Licht mit aller Gewalt festhalten zu wollen schienen—, als er von dem Dorfe am Fuße des Barteusteins, eines beinahe zweitausend Fuß hohen Berges, den ziemlich steilen und beschwer- lichen Waldweg nach dem etwa fünfhundert Fuß höhergelegenen Oberdorfe hinaufzusteigen begann. Im Nadelwalde, den der Weg passirte, war es dem Tages- lichte nicht so leicht gewesen, sich zu halten, nur in matten, sä, malen Streifen durchbrach es noch den tiefen Schatten der hohen Bäume, welche den Pfad umsäumten. Aber Fritz kannte jede Krümmung des Weges und jeden Strauch, der ihn einengte, er konnte daher aus die Tagesbeleuchtung sehr wohl verzichten und so rasch, wie auf freier Landstraße, dem Gebirgsdörfchcn, wo ihn getreue Herzen erwarteten, entgegeneilen. Die Stimmung, in welcher er sich befand, war erregter, als sie sonst bei ihm zu sein pflegte. Er hatte in ärgster Hast arbeiten und trotzdem den ganzen Tag mit dem Zweifel kämpfen müssen, ob es ihm gelingen werde, den Pflichten seines Amtes und denen seines Herzeus voll und ganz nachzukommen. Auf die Ueber- Haftung der Arbeit war ohne allen Uebergang die erzwungene körperliche Ruhe der Eisenbahnfahrt gefolgt, der sich die lebhaft gereizten Nerven nicht anzubequemen vermochten, ohne eine Fluth von Gedanken zu entfesseln, welche die geistige Erregung steigerten, statt sie allgemach� zu sänftigen. So war an Fritz Lauters Geistesaugen während der nicht langen Fahrt auf dem Eisenwege ein gut Stück seiner Bergangen- heit von neuem vorübergezogen. Zuerst die frohen Tages die er als Gymnasiast während der großen Ferien mehrere Jahre hinter- einander in Oberbartenstein verlebt, all' das Liebe und Gute, was die Kantorfamilie an ihm und den Seinen trotz der Gering- fügigkeit der eigenen Mittel gethan; dann dämmerte die Erinne- rung herauf an die Tage der Knabenzcit, die er im elterlichen Hause in der Obervorstadt verbracht, und all' die Personen standen wieder in scharfen Zügen und lebhaften Farben vor seinem Geiste, mit denen er damals in nähere Berührung gekommen war. Er hatte ein vorzügliches Gedächtuiß, der Fritz— wenn er auch mouate- und jahrelang so wenig von ihm merkte, wie von dem Inhalt eines geschlossenen Buches; begann er einmal so recht eifrig darin zu blättern und zn lesen, so fand er von dem Wich- tigeren und Interessanteren, das er erlebt, fast alles noch so darin vor, wie es sich dereinst zugetragen. Er sah z. B. jetzt, als wenn es heute wäre, den Herrn Alster, mit den Händen in der Westentasche an seiner Ladenthür stehen, die Cigarre in dem einen Mundwinkel und mit ziemlich verächt- licher Miene in die Gassen der Obervorstadt hiuausschauen,— er hatte damals schon verhältnißmäßig viel Geld im Kasten und längst war ihm die Ueberzeugung heraufgedämmert, daß er zu etwas Besserem bestimmt gewesen sei, als die armen Leute mit Zucker und Kaffee, mit Salz und Heringen zu versorgen. Bon dem Herrn Alster hatte sich Fritz nie sehr augezogen gefühlt, und das war erklärlich genug, denn der Herr Alfter hatte auch, wenn er anscheinend nichts that, immer so wichtige Gedanken im Kopfe, daß er sich unmöglich auch nur einen Augenblick um solch' kleinen, unwissenden Burschen kümmern konnte, wie es der Fritz da mals war. Da war Alsters Wanda ganz anders gewesen,— die war noch viel kleiner und unwissender, als Fritz, und hatte sich auch um keinen Menschen mehr oder auch nur halb so sehr gekümmert, als um ihn. Alsters Wanda! Der Gedanke an sie wollte Fritz heute gar nicht mehr verlassen. Außer seiner Mutter hatte ihn kein Mensch so lieb gehabt, als sie, und kein Mensch war bis in die jüngste Zeit in so unwandelbarer Freundschaft ihm ergeben gewesen, als Wanda. Sie hatten sich zwar selten gesehen, aber immer von neuem war ihm ein Beweis geworden, daß sie die Kinder- freundschaft nicht vergessen, daß sie dieser immer noch in ihrem reinen und getreuen Herzen einen Platz bewahrt hatte. Der Gedanke an Wanda's treue Freundschaft hatte ihm immer wohlgethan, hatte er doch sonst keinen Freund auszuweisen, da ihm die oberflächliche Kollegenfreundschast, wie er sie freilich in einem vollen Schock von Fällen hätte genießen können, niemals genügen wollte. Aber war er nicht doch das Opfer einer Selbst- täuschung geworden— konnte jene Kindcrfteundschast, wenn sich auch zehnmal Beweise dafür fanden, daß sie von beiden Bc- theiligten nicht vergessen, wenn sie auch durch jenen Sturz Wanda's in den Schloßteich für kurze Zeit neue Nahrung erhalten hatte— konnte sie noch geblieben sein, was sie einst gewesen? Thorheit!— Und noch viel thörichter war und blieb es auch, daß sich Fritz einen Augenblick gar eingebildet hatte, es wäre eine andere, als die alte Kinderfreundschaft, welche sich für ihn in Wanda's Herz eingenistet, oder es wäre am Ende vielleicht selbst mehr als Freundschaft.... Es war eine merkwürdige Thatsache, die in Fritz solche Ge- danken zu erzeugen im stände gewesen. Als er Anfang dieses Jahres.seinen Geburtstag gefeiert, da hatte er früh morgens, als er aus tiefem Schlummer erwacht war, inmitten der Geschenke von seiner Mutter einen prachtvollen Blumenstrauß vorgeftinden, einen Strauß frischer, duftender, zum Theil seltener und kost- barer Blumen, wie sie in jener rauhen Jahreszeit im Freien nirgend zu finden waren. In frühester Morgenstunde hatte der Postbote ein zur expressen Beförderung aufgegebenes Packet abgeliefert, das in zierlichem Pappkarton das Bouquet enthielt und auf einem dicht vor den Mauern von P. gelegenen Dorfe zur Post gekommen war. Zwischen den Blumen war ein schmaler Streifen zartesten, weißen Papiers versteckt, auf dem in schöner, Fritz aber gänzlich unbekannter Frauenhand die Worte geschrieben standen:„In treuer Freundschaft." Fritz hatte sich viele Wochen lang den Kopf zerbrochen, wem er diese liebenswürdige Auf- merksamkeit wohl zu danken haben könne, aber er war auf keine sichere Spur gekommen. Immer wieder hatte er an Wanda Alster gedacht, aber es fehlte ihm jeder Anhalt für die Ber- muthung, daß sie so sinnig ihr ft-eundliches Gedenken bethätigt habe; einmal hatte sie ja vorher von seinem Geburtstag keine Notiz genommen, jedenfalls— wie konnte es auch anders sein!— hatte sie längst vergessen, wann er ihn zu feiern habe. Daun war die Handschrift, wie er genau wußte, nicht die ihre, endlich befand sie sich während jener Zeit weder in P., noch in dessen Nähe, sondern hunderte von Meilen entfernt, im Süden, wo die üppige Natur und das herrliche Klima und all' die Genüsse, welche den mit den Gütern materiellen Wohlbefindens gesegneten Reisenden zur Verfügung stehen, das reiche, vielumworbene Mädchen 303 sicherlich nicht zu dem Gedanken an ihn, den armen Teufel vvn Schriftsetzer, kommen lassen. Das waren so ungefähr die Gedanken, welche von neuem in Fritz Lauter aufstiegen, als er im düsteren Walde dahineilte. Bald gelangte er wieder auf fteies Feld; er war ganz in der Nähe von Oberbartenstem. Dort war bereits der alte, jetzt seit beinahe einem Menschenalter nicht mehr benutzte Friedhof, durch welchen quer hindurch der nächste Weg nach dem Ziele seiner Reise führte. In ivenigen Minuten war der Friedhof erreicht und wieder hüllte Fritz der Schatten hohen Nadelholzes ein. Als er den Friedhof durchschritten hatte, vernahm er Plötzlich lebhafte Unterhaltung. Es war, als ob sich zwei Menschen mit einander in heftiger Uneinigkeit befänden. Und doch wurde nicht laut gesprochen jenseits der" Friedhofmauer. Aber die Dämpfung der männlichen Stimme, die jetzt allein sprach, während es vor- her wie ein energischer Protest aus weiblichem Munde dazwischen klang, konnte doch die heftige Erregung nicht verbergen, in der sich der Sprecher befand. Fritz war weder indiskret noch neugierig von Natur. Aber diesmal hörte er doch aufmerksamer hin nach dem, was da ver- handelt wurde, ohne daß er sich Rechenschaft gab, warum er es that. Die vom Sturm der Zeit schon arg mitgenommene Mauer war grade hoch genug, um ihn den Blicken der auf der andern Seite Einherschreitenden zu verbergen; daher ließen diese sich in ihrem lebhaften Zwiegespräch nicht im mindesten stören. „Unsere Väter sind einig seit Jahren, die ganze Welt weiß es, daran läßt sich nichts mehr ändern. Es wäre eine tödtliche Beleidigung für meine Familie, eine unsägliche Blamage für Ihren Bater, der mehr als einmal dem meinen sein Ehrenwort verpfändet hat, wenn Sie ,tiein' sagten. Sie müssen also und Sie wollen ja auch. Ich bitte Sie kniefällig, wenn Sie es wünschen, lassen Sie Ihren mädchenhaften Trotz, der Ihnen, auf Ehre, ja so reizend steht, mich aber in diesem Augenblick zur Verzweiflung bringen könnte, und sagen Sie, daß Sie die Meine werden wollen." Fritz erschien die Stimme des Mannes, der da eine etwas sonderbare Liebeswerbung vernehmen ließ, bekannt, ohne daß er gleich gewußt hätte, wem sie angehören müsse. Zuerst hatte er geglaubt, irgendeinen Bekannten der Kantorfamilie von Ober- bartenftein sprechen zu hören, aber die Ausdrucksweise und die gänzlich dialektfreie Aussprache belehrte ihn sofort, daß er es mit keinem der ihm von früherher bekannten Gebirgsbewohner zu thun haben könne. Ehe er noch weiter zn grübeln vermochte, antwortete rasch und heftig eine Mädchenstimme: „Nein und tausendmal nein! Ich will und ich kann nicht. Mein Vater kann Ihnen sein Ehrenwort nicht gegeben haben, denn er hat mich viel zu lieb, um mich wider meinen Willen zu verhandeln. O, es wäre ja schändlich, wenn es geschehen wäre. Aber es ist unmöglich. Das weiß ich. Darum lassen Sie mich gehen— ich finde den Rest des Weges allein— ich—" „Nein, Sie dürfen nicht. Sic müssen Sich fügen, und>vir werden diesen kindischen Trotz, weiter ist es nichts, zu brechen wissen. Ich bin nicht gewöhnt, mich zurückivcisen zu lassen,— vorläufig nehme ich mir den Brautkuß, ob du willst oder nicht, meine Süße——" Fritz war zusammengezuckt, als er die Stimme des Mädchens vernahm. Sie kannte er noch viel genauer, als die des Mannes. So— so klangvoll und weich im Ton und doch so entschieden im Sinn— sprach nur Wanda— Wanda Alster. Und der- jenige, der sie so unverschämt belästigte, er, dessen Liebesantrag sie— Fritz hätte aufjubeln mögen vor Freude— mit so außer- ordentlicher Entschiedenheit zurückwies, tvar jener unausstehliche Mensch, der junge Wichtel— kein anderer. Der Unverschämte wollte Wanda zwingen, ihm das Jawort zu geben, er wollte sie zwingen, sich von ihm küssen zu lassen— das war unerhört, das inußte verhindert werden, geschehe, was da wolle.---- Der Sprung über die vielbeschädigte, halb verfallene Mauer war eine Kleinigkeit. Noch hatte Wanda, die, vor Entrüstung aufichreiend, zurückspringen wollte, als sie ihres überdreisten Ver- ehrers letzte Worte vernahm, aber von seinen sie umschlingenden Armen daran gehindert worden war, sich nicht loswinden können— da stand Fritz, wie vom Himmel gefallen, vor den beiden, hatte den Herrn Doktor kräftig bei der Schulter gefaßt uud rief ihm mit vor Empörung bebender Stimme und hochgerötheten Antlitzes ein lauthinschallendes„Zurück— die Dame steht unter meinem Schutz!" zu.,,,., Wichtel junior war über die ganzlich unerwartete, beinahe !_ mit dem Schein des Wunderbaren ausgestattete Tazwischeukunft grade dieses Menschen auf das allerhöchste verblüfft, ja erschreckt. Das machte es Wauda leicht, sich von ihm loszumachen und mit den Worten:„Fritz, lieber Fritz," grade>vie damals, als sie in ihm ihren Retter aus Wassersgcfahr erkannt hatte, ihn zu begrüßen.» Nun aber kam auch der Herr Wichtel einigermaßen wieder zur Besinnung, jedoch nur soweit, um in maßlose Wuth aus- zubrechen. „Selbst zurück, sofort zurück," schrie er,„infamer Bube, frecher Arbciterstrolch. Er hat sich unterstanden, mich anzufassen, das soll er büßen." Und blitzschnell hatte er aus dem starken Stocke, den er in seiner linken Hand trug, einen Stockdegen herausgerissen und führte mit dessen scharfgeschliffener Spitze einen Stich nach dem vorgestreckten rechten Arme Fritz Lauters. Dieser wich dein Stiche gewandt genug aus uud griff nach der Klinge, Wanda sprang vor, um sich zwischen ihn und seinen Angreifer zu stürzen— da trat ebenso plötzlich und unvorhcr- gesehen, als zwei Minuten vorher Fritz, noch ein Mann auf die Szene, um nicht minder rasch und energievoll zu intervenircn. „Holla, Freund Wichtel, ich glaube gar, Sie führen hier ein kleines Duell auf und zwar als Bewaffneter mit einem Waffen- losen. Uud, alle Wetter, dieser Waffenlose ist mein jugendlicher Redaktionskollege Lauter. Uud Sie bluten, Lauter, die Sache ist ernster, als ich für möglich halten möchte," fügte er hinzu mit einem Blick auf die Hand Lauters, mit der dieser nach dem Stock- degeu seines Widersachers gegriffen hatte.„Darf ich um die Waffe bitten, mein Herr Doktor?" Der Herr Doktor schien jetzt mit seinem Latein gänzlich am Ende zu sein. Er starrte sprachlos, aber immer noch mit wuth- verzerrtem Gesicht von einem zum andern. Auf die Aufforderung Schweders anttvortetc er mit einer Bewegung, von der er wahr- schcinlich nicht hätte anzugeben vermocht, ob sie eine neue Be- drohung sein oder nur die Rückkehr der geschmeidigen Klinge in die Stockscheide vorbereiten sollte. Um weiteres Unheil zu vermeiden, vielleicht auch, um Wichtel nur mit einer möglichst derben Lektion aus seiner äußerst fatalen Situation zu entlassen, faßte er jetzt mit geschicktcrem Griffe, als Fritz Lauter, die Stahlklinge ganz in der Nähe des hölzernen Knopfes und riß sie mit unwiderstehlichem Ruck aus Wichtels Hand. „Damit Ihnen nie mehr das Unglück passirt, im Rausche, wie heute— der Portwein, dem Sie den Tag über hauptsächlich Ihre Thätigkeit geweiht, hat seine Wirkung gethan!— einen Menschen zu verwunden mit diesem Dinge hier, will ich's ver- nichteu uud hoffe mir damit Ihren Dank zu verdienen, mein i Bester!" Und ehe er noch geendet, hatte er den Degen hart auf einen Stein gestoßen, daß er klirrend in zwei Stücke zersprang. Tann warf er den oberen Theil, den er in der Hand behalten, in hohem Bogen über die Friedhofsmauer in die eisglitzcruden Aeste der Tannen und Fichten hinein. „Das ist eine Beschimpfung. Dafür werden Sie mir Rechen- schaff zu geben haben, Schwcder. Was jenen Burschen da an- betrifft, Ihren Kollegen," schaltete Herr Wichtel höhnisch ein,„so hätte seine Frechheit eine viel derbere Züchtigung verdient. Aber ich will ihn, da ich in Ihnen, Freund Schwcder," er betonte das Wort Freund in seiner hämischen Weise so nachdrücklich als möglich,„jetzt einen etwas würdigeren Gegner habe, vorläufig � ohne eine derbere Züchtigung laufen lasse». Bei der cttvas ge- imschten Gesellschaft zu bleiben, habe ich keine Veranlassung—< ich empfehle mich Ihnen daher mit der Versicherung, daß ich verstehen werde, mir allseitige Genugthuung für die allseitige Beschimpfung zu verschaffen, die mir widerfahren ist, und daß i ich auch keineswegs unterlassen werde, danach zu forschen, aus welche Weise mir dieses Doppelrendezvous an dieser Stelle be- j gegnen konnte." ' Der junge Herr, den seine oft bewährte ungeheure Drcistig- keit nicht lange im Stiche gelassen hatte, drehte sich mit vornehm zurückgeworfenen Haupte auf dem Absätze um und schritt in be- schleunigtem Tempo von dannen. Schwcder sah ihm verächtlich lächelnd einen kurzen Augen- blick nach, dann zuckte er die Achseln und sagte: „Lassen Sie Sich das kleine Jntennezzo nicht weiter anfechten. Besonders Sie nicht, Fräulein Alster. Von meinem jungen Freunde Lauter setze ich ohnehin voraus, daß er— vvn dem _ unbedeutenden Riß im Handballen ganz abgesehen— die Sache mit Humor betrachten wird, wie es jedenfalls das Gescheiteste ist." Wanda autivortete nicht. Sic war todtcublaß geworden, als sie das Blut gesehen, welches aus Fritz Lauters rechter Hand zur Erde tropfte. Geschwind hatte sie ihr Battisttaschentuch her- vorgenonimen und es, ohne ein Wort zu sprechen, um seine verwundete Hand gewunden. Tie Verletzung war eine ganz leichte; zwei Finger und der Ballen der Hand hatten ein paar flache und kurze Schnitte aufzuweisen. Fritz ließ sich das Verbinden gefallen, als müßte es so sein. Er dankte auch nicht mit Worten, aber seine Augen statteten reichlichen Dank ab; sie waren in strahlendem Glänze auf Wanda's von innigstem Mitgefühl bewegtes Ant- litz gerichtet. Schweder mußte das Ausbleiben jeder Ant- wort auffallen; er ivarf einen forschenden Blick auf das vor ihm steheudc Paar. Was er sah, ließ das spöttische Lächeln, welches gewohnhcits- mäßig um seine Lippen zuckte, noch schärfer als sonst hervortreten. Ich glaube gar, der kleine Lauter ist auf dem Wege, sich in die hübsche Samariterin zu verlie- ben, wenn er nicht schon bis über die Ohren in sie verliebt ist und war, dachte er. Das sollte mir leid thun, denn mir scheint, der arme Junge ist tiefer und dauernder Ge- fühle fähig, und die könn- ten ihm auf diesem Felde, wo vielleicht ein ande- rer, vielerfahreuer Ichnit- ter wird Ernte halten wollen, zu tiefen Schmer- zen werden. Schweder hatte seine imposante Gestalt bei diesen Gedanken, die im Fluge an seinem Geiste vorüberzogen, zu ihrer vollen Höhe aufgerichtet. „Aber nun denke ich," begann er wieder,„wir gehen gemclnschaftlich nach dem Dorfe da oben, der Kirchthum zeigt uns den Weg, den wir wählen müssen. Inzwischen erzählen Sie uns, lieber Lauter, wie Sie so plötzlich hier ins Gebirge hereingeschneit sind." Schweder wollte in seiner überlegenen Ron- chalance, ohne eine Silbe darüber zu verliere», nur mit einer leichten, verbindlichen Neigung des Hauptes, Wanda seinen Arm reichen. Wanda dankte kurz, aber mit gewinnendster Freundlichkeit: sie nahm den Arm nicht an. „Sie werden mir nicht böse sein, Herr Schweder, wenn ich meinen Arm für die kleine Strecke Weges, welche wir noch zurückzulegen haben, Herrn Lauter gebe, der, so jung wir beide noch sind, doch mein alter, allerältester Freund ist."(Fortsetzung folgt.) 306 Herr Haufen und der thierische Magnetismus. Von Kmanuet M. (Schluß.) Durch Amvendung dieser verschiedenartigen Mittel gelingt es nun, bei empfänglichen Personen eine Reihe von Erscheinungen hervorzubringen, ivelche allerdings einen absonderlichen, fremd- artigen Eindruck hervorrufen. Das Bewußtsein wird mehr oder weniger tief herabgedrnckt, die Erinnerung an das während des schlafähnlichen Zustandes vorgegangene ist oft völlig erloschen; bei einigen genügen An- deutungen über das Geschehene, um die Erinnerung wieder wach- zurufen, andere wieder können sich auf alles Vorgefallene genau erinnern. Hcidenhain weist nun nach, daß auch während der tiefen Grade dieses Zustandes sinnliche Wahrnehmungen immer noch stattfinden; aber sie werden nicht mehr zu bewußten Vorstellungen umgebildet und eben deshalb nicht im Gedächtniß auf- bewahrt. Er erklärt dies dadurch, daß die hypnotischen Personen die Fähigkeit verloren haben, ihren Sinneseindrücken die Auf- inerksamkeit zuzuwenden, und erläutert dies treffend durch Bei- spiele ans dem täglichen Leben.„Nicht jeder Sinneseindruck, den wir den Tag über empfangen, wird unserem Bewußtsein als Borstellung zugeführt. Ein in Gedanken Versunkener hört die Uhr schlagen und weiß doch nicht die Zahl der Schläge; bei nachträglich eintretender Aufmerksamkeit kann er sie ans der Er- innerung nachzählen, vorausgesetzt, daß nicht schon zu lange Zeit seit dem Sinneseindrucke verflossen ist." Ebenso führen wir eine Menge Handlungen aus, deren Zweckmäßigkeit uns nicht zum Bewußtsein gelangt, sondern die wir, wie der Laie sich ausdruckt, unbewußt, mechanisch, vollführen. Die Physiologie kann aller- dings diese Definition nicht anerkennen; denn jede Empfindung entsteht erst durch Bewußtsein. Der Vorgang ist ein verwickeltcrcr. Bewußtsein ist vorhanden, aber es ivird in uns nicht zur Vor- stellung ausgebildet, d. h. wir wissen nicht, daß wir bewußt handeln. So fällt im Schlaf, in der Ohnmacht, Narkose(Be- tänbung durch narkotische, berauschende Mittel), Wahnsinn, das Bewußtsein weg, nicht als ob das Vorstellen selbst aufhörte, im Gegentheil, es steigert sich im Traum und Wahnsinn oft in hohem Grade, sondern das Wissen, daß wir uns etwas vorgestellt haben, geht verloren. Die Handlungen werden also nicht unbewußt voll- führt, sondern nur die Erinnerung an das Gehandelthaben ist nicht bewahrt worden. Unsere Handlungen aber sind willkürlich und werden durch das Bewußtsein veranlaßt. Während aber der gesunde Mensch eine Handlung auf die Art zustande bringt, daß sein Wille die Vorstellung in ihm wach- ruft und dadurch die That veranlaßt, findet bei dem Hypnotischen das umgekehrte statt. Das Bild einer von ihm gemachten Be- wegung erregt die Vorstellung einer ähnlichen in ihm und diese Vorstellung veranlaßt seinen Willen zum Handeln. Alle die Bewegungen des Experimentators, welche in dem Versuchsobjekt einen Gesichts- oder Gehörseindruck erregen, werden daher nach- gemacht. Trotz scheinbar vollständig geschlossener Augenlider an dem Hypnotisirten ist der Lidschluß kein völliger, Bewegungen, welche vor dem Versuchsobjekt geschehen, können daher gesehen werden. Wenn daher Hansen angibt, er verursache den Zustand des Hypnotismus und die Bewegungen durch seinen Willen, so ist dies vollkommen unrichtig. Die Ursache der Erregung liegt, wie wir sahen, in dem Anstarren des Glasknopfes und anderen äußerlichen Einwirkungen, die Bewegungen sind Nachahmungs- bewegungen. Ballt man vor einem Hypnotisirten die Faust, so ballt er die seinige; öffnet man den Mund, klappt man mit den Zähnen, geht man mit laut hörbaren Schritten vor ihm her oder wiegt man sich vor ihm hin und her, so veranlaßt man ihn, dasselbe zu thun. Was er aber nicht sieht oder hört, ahmt er nicht nach, so alle Bewegungen, welche geräuschlos hinter seinem Rücken aus- geführt werden. Hansen befiehlt mit lauter Stimme dem Hypno- tischen, diese oder jene Handlung zu thun; das Objekt wird aber nicht durch die Worte zur Nachahmung veranlaßt, sondern da- durch, daß Hansen gleichzeitig die entsprechende Bewegung voll- führt. Wenn er der Versuchsperson eine Kartoffel in den Mund steckt und sie einladet, die schöne Birne zu essen, begleitet er seine Worte mit sichtbaren und hörbaren Kaubewegungen. Interessant ist noch, wie Heidenhain versucht, zu erfahren, ob und wie die hypnotischen Personen von dem, was mit ihnen geschehen sei und was sie gethan haben, während der Dauer ihres Zustandes Kenntniß gewinnen. Es ist hierbei große Vorsicht ge boten, um in den Befragten nicht eine Antwort hineinzuexami nircn.„Stellt man nach dem Erwachen an die Versuchsperson die Frage, ob sie sich dieser oder jener vorgenommenen Handlung erinnere, so lautet die Antwort bejahend. Fragt man aber, was während des Schlafes mit ihr geschehen sei, so lautet die Antwort immer: Ich weiß es nicht. Gibt man aber eine leise An dcutung des Vorgefallenen, so taucht die Erinnerung plötzlich auf. Der Hypnotisirte verhält sich ähnlich, wie jemand, der im natür- lichen Schlafe einen Traum gehabt hat. Wie oft ist das Traum- bild früh morgens verschwunden, um wieder im Laufe des Tages aufzuleben, wenn ein Ereigniß eintritt, das zu dem Traume in Beziehung steht, z. B. wenn man Personen, von denen man geträumt hat, begegnet, und dergleichen." Wir waren selbst Zeuge eines solch' interessanten Vorganges. Heidenhain hypnotisirte einen Stndirenden und trank dann, vor ihm stehend, laut schluckend Wasser; der Betreffende machte deutliche Schluckbewegungen. Heidenhain hob langsam seine herabhängenden Arme auftvärts. Solange sie außerhalb des Gesichtsfeldes des Streichenden sich befanden, blieb er ruhig; als sie in den Bereich dcffelben ge langten, folgte er mit den Armen der Bewegung. Erweckt und befragt, was geschehen sei, sagte er:„Ich weiß es nicht."— „Sie haben es vergessen? Bielleicht wegen der großen Hitze? Haben Sie etwa Durst?" lautete die Frage Heidenhains.„Jetzt fällt es mir ein," antwortete jener,„ich habe geschluckt."— In ähnlicher Weise auf Armbewegnngen gebracht, erinnerte er sich genau des von ihm ausgeführten Hebens und Senkens. Wie schon erwähnt, wird in manchen Fällen das Objekt nicht bewußtlos, mitunter tritt hingegen ein so tiefer Grad des Vcr- gessens ein, daß jede Spur einer Sinneswahrnehmung und daniit auch die Möglichkeit der Nachahmungsbewcgungen fehlt. Ob auch Hallueinationen, Wahnvorstellungen zustande kommen können, ist bis jetzt in Breslau noch nicht beobachtet worden. Weinhold führt einige solche Fälle an, die von Zöllner(Wissenschaftliche Abhandlungen, 3. Bd. S. 529 und 530) beschrieben sind. Auf jeden Fall ist von einer Uebcrtragung der geistigen Bor- stellungen des Experimentators auf das Objekt nicht die Rede, aber es ist nicht unmöglich, daß Geräusch- und Lichtcindrückc cigenthümliche Gedankenverbindungen herbeiführen, wie man das im Traum ja oft zu beobachten Gelegenheit hat. Eine neue, selbst von Hansen noch nicht gekannte Art von Nachahmebewegungen führte acht Tage»ach Heidcnhains bcdent- samem Vortrage Prof. Berger in der Vaterländischen Gesellschaft vor. Bei einem gewissen Grade der Erregbarkeit wird das Ob- jekt veranlaßt, alle vorgesprochenen Worte deutlich nach- zusprechen. Das Erstaunen der Anwesenden war ein begreif- liches, als es Bcrger an zwei Personen gelang, dieselben in allen Sprachen vorgesagte Sätze, selbst eine Reihe malayischer Worte genau wiederholen zu lassen. Die Töne kamen gleichsam zwangsweise hervorgestoßen aus den starr Dasitzenden heraus. Berger hatte die Objekte dadurch besonders empfänglich gemacht, daß er ihnen die Hand in den Nacken legte. Es schien schwierig, diese nierkwürdigen Vorgänge, welche den Menschen sogar in einen Sprechautomaten, einen edison'schen Phonographen, umwandeln, physiologisch zu erklären. Heidenhain gelang dies und der Weg- weiser war ihm eines jener von frommen Eiferern so heftig geschmähten Thierexperimente. Der Physiologe Friedr. Lcop. Goltz hatte nämlich vor einigen Jahren gezeigt, daß Frösche, denen man das Großhirn heraus- geschnitten hat, nachdem sie sich von der Amputation erholt haben «und sie können, falls man sie füttert, indem man ihnen die Nahrung direkt in den Mund steckt, noch recht lange weiter- leben), so oft man ihren Nacken berührt, quaken. Kitzelt man Hypnotisirte im Nacken, so stoßen sie ebenfalls jedesmal einen unartikulirten Laut ans. Goltz hatte ferner an Hunden gezeigt, denen man durch einen Schnitt oberhalb der Lendengegend das Gehirn vom Rückenmark getrennt hat, daß, nachdem die Wunde verheilt ist, beim Streichen der Stelle das Thier mit dem Hinterbein der gestrichenen Seite eine scharrende Bewegung macht. Auch diese Erscheinung tritt bei Hypnotisirten ein. Streicht - 307 man die rechte Lendeiigegend, so scharrt der Hypnotisirte mit dem rechten Bein, streicht man die linke, so tritt an dem linken Bein dieselbe Erscheinung aus. Diese vergleichenden Beobachtungen lassen eine Art der Bewegungserscheinungen in einem neuen Lichte erscheinen. Die Physiologie hat nämlich nachgewiesen, daß das Großhirn das Organ aller mit Bewußtsein verbundenen Ver- Achtungen ist, daß also im Großhirn jener schon besprochene Borgang stattfindet, der die von außen eintretende Erregung in Empfindung umwandelt und hierdurch gleichzeitig die den Empfin- düngen entsprechenden Bewegungen veranlaßt. Außer diesen durch das Großhirn vermittelten, willkürlichen Thätigkciten gibt es aber noch eine Reihe von Bewegungserschcinungen, welche direkt durch Ilebcrtragnng des Reizes der erregbaren Nerven auf die ent- sprechenden Bewegungsnervenknoten vermittelt werden, ohne daß das Bewußtsein, das Großhirn, in Thätigkeit tritt. Man nennt sie Rcflexcrscheinnngen. Wird z. B. durch hineingelangendcn Staub die Schleimhaut des jlehtkopfes oder der Nase oder auch die Bindehaut des Auges gereizt, so macht die Schleimhaut Bewegungen, um den fremden Körper auszustoßen, wir husten oder niesen oder schließen das Auge. Diese Reflexbewegungen geschehen, ohne daß wir es wollen, also ohne das Großhirn; sie können aber durch dasselbe, durch den Willen, theilweise unter- drückt werden, wie jedermann weiß, daß man einen Husten- oder Niesausbnich zeitweilig verhindern kann. Ueberhaupt wirkt die Thätigkeit des Großhirns herabsetzend auf die Reflexerregbarkeit; diese tritt daher stärker auf, sobald das Großhirn außer Funktion getreten ist, so im Schlaf und bei einigen Krankheiten des Hirns. Das Quaken des ohne Großhirn lebenden Frosches ist daher eine Reflexbewegung, das Scharren mit dem Bein bei dem auf oben beschriebene Weise vivisezirten Hunde ist ebenfalls eine durch den äußeren Reiz des Streichens unmittelbar hervorgerufene, nicht durch bewußte Vorstellung gewollte Reflexbewegung. Das auto- matische Nachsprechen der Hypnotisirten ist also ebenfalls eine Rcflexerscheinnng, folglich ist in ihnen das Großhirn nicht in Thätigkeit. Allerdings ist es noch nicht genau festgestellt, ob wirklich eine völlige Lähmung des Großhirns oder vielleicht nur ein solcher, Torpor genannter, Zustand in der äußeren, sogenanten grauen Hirnrinde vorliegt, was besonders für schwächere Grade des Reflexzustandes wahrscheinlich ist. Heidenhain zeigte noch ein weiteres interessantes Phänomen, welches diesen Ansichten zur Stütze dient. Hansen hatte an- gegeben, daß gewisse Medien, wenn man gegen ihre Brust- oder Magengegend spricht, bestimnite Antworten geben, eine Behaup- tung, auf der ja schließlich das Wesen des Somnambulismus und Hellsehens beruht. Heidenhain fand nun selbstverständlich nicht, daß die Versuchspersonen etwa Fragen beantworten, aber er bemerkte, daß durch Reizung gewisser Stellen in der Magen- gegend der nachahmende Sprechapparat in Thätigkeit versetzt wird. Mittels eines Sprachrohrs, durch welches er seine Worte auf genau begrenzte Orte richten konnte, suchte er die besonders erreg- baren Bezirke auf, und es zeigte sich, daß zu der Magenregion noch die hintere Rachenwand und der Kehlkopf hinzutreten. Wurden Stimmgabeln, welche in Schwingung versetzt waren, an diesen Orten aufgestellt, so gab das Objekt einen summenden Ton an. Diese reizbaren Bezirke werden nun von einem Nerven versorgt, den die Anatomie Nervus vagus(herumschweifeuden Lungen- magennerv) nennt; er geht von dem verlängerten Mark aus und liefert Aeste, die nach dem Schlund und Kehlkopf, Herz, Lungen, Speiseröhren und Magen sich verzweigen. Heidenhain ist nun der Ansicht, daß die durch das Ohr wahrgenommenen Schall- Andrücke vermittels dieses Nerven im Erregungszustande auf den Sprechapparat reflektorisch übertragen werden. Es bleibt das noch weiter zu beweisen, Thatsache'ist jedoch, daß dieser Nerv besonders erregbar wird, und da man, ebenfalls durch Thier- versuche von Goltz, weiß, daß bei heftiger Reizung des Nervus vagus, z. B. durch Klopfen ans den Bauch, die Herzthätigkeit in Stillstand gerathcn kann, so ist das Bedenken, daß bei den hansen'schen Experimenten eine Herzlähmung eintreten könnte, völlig gerechtfertigt. Außer den Nachahiimiigs- und den Reflexbewegungen treten aber an Hypnotisirten noch eine Reihe anderer interessanter und wichtiger Erscheinungen auf. Erstens wird die Schmerzempfindung bei der Mehrzahl herabgedriickt(bei einigen wird sie in hohem Grade gesteigert). Die Schmerzlosigkeit ist für den Zuschauer besonders frappant, und Hansen unterließ es nie, seinen Medien eine Stecknadel bis zum Knopfe in die Hand zu senken, ohne daß der Betreffende etwas merkte, wie Verfasser an sich selbst überzeugt wurde. Ferner zeigt sich aber noch, daß alle Muskeln, welche reflek- torisch erregt werden, längere Zeit in diesem Zustande verharren. Streicht man bei einem normalen Menschen leise über die Haut, so erfolgt reflektorisch eine schnelle Zusainmenziehung der Muskeln, die aber bald vorübergeht; bei den Hypnotischen aber bleiben dieselben auf längere Zeit zusammengezogen, es tritt ein starr- krampfartiger Zustand ei», welcher sich auf den ganzen Körper erstrecken und diesen steif machen kann. Streicht man eineni Hypnotisirten über die geballte Hand, so tritt sofort Krampf ein und die Hand kann nicht geöffnet werden; ebenso verhält es sich mit dem hansen'schen Experiment des Schlicßens der Augen und der Zähne. Dieser Starrkrampf ist ähnlich dem bei einer gewissen, jedoch wenig genau studirten, seltenen Krankheit auftretenden, bei der Katalepsie, und Heidenhain hält dafür, daß der hypnotische Zustand nichts weiter ist, als eine künstlich erzeugte Katalepsie. Durch kräftige Hautreize, so durch das Anblasen, das Hansen anwendet, wird sie geschwächt, aber keineswegs beseitigt, denn es wurde festgestellt, daß hypnotisirte Personen noch nach mehreren Tagen äußerst leicht kataleptisch erregbar sind. Der Starrkrampf ist die Ursache, daß Hansen seine Medien in jede beliebige Stellung bannen kann, sobald er wiederholt die Körpertheile leicht streicht, und hierauf beruht auch das so bewunderte Experiment, daß ein in diesen! Zustande init Kopf und Füßen auf zwei Stühlen frei ruhender Mensch, mag er noch so schwächlich sein, das Körper gewicht des Herrn Hansen ohne jede Druckempfindung aushält, was ebenfalls der Verfasser an sich selbst beobachten konnte. Ein anderes wichtiges Faktum wurde von Berger gefunden, nämlich, daß man ein Objekt aus einem gesunden, normalen Schlaf in den hypnotischen Zustand überführen kann. Wenn die Versuchspersonen in tiefen Schlaf versunken dalagen, näherte er sich ihrem Bett, legte die Hand auf ihre Stirn, und nach zwei bis drei Minuten war ein kataleptischer Zustand eingetreten. Dasselbe erreichte er durch erwärmte Platten, welche er über dem Haupte des Objekts anbrachte. Auch hier ist die Ursache der Erscheinung die Erregung der Reflexthätigkeit, welche im Schlafe besonders stark geweckt werden kann, da ja, wie wir oben zeigten, in ihm das Großhirn, das eine hemmende Thätigkeit ausüben könnte, in Ruhe ist. Ausgedehnte Untersuchungen dieser neuen Beobachtung werden vielleicht noch einiges Licht werfen auf die Entstehung des Schlastvandelns. Hansens unbekannte Wirkung, sowie eine große Reihe der früher einem thierischen Magnetismus zugeschriebeneu Erschei- nungcn brauchen also zu ihrer Erklärung nicht die Annahme einer neuen Naturkraft; mehrere gleichzeitige Umstände bewirken jene Nachahmebewcgungcn, reflektorischen Sprachbewegungen und den Starrkrampf. Weitere Beobachtungen, welche mit gleich kritischer Schärfe und experimentellem Geschick ausgeführt würden, wie die beschriebenen, werden die noch dunklen Thatsachen völlig aufklären und den thierischcn Magnetismus endgiltig in das Fabelgebiet veriveisen. Vorläufig ist allerdings erst der Anfang gemacht, aber wenn wir wissen, werden wir auch erkennen. llebrr die(ielct� denen der Mrtlchritt der Cimlilntum unterworfen ist. (Fortsetzung.) Werfen wir einen Blick auf die neue Welt, so finden wir in den Theilen, welche vor Ankunft der Europäer in gewissem Grade civilisirt waren, ganz ähnliche Verhältnisse: eine höchst ungleiche Bertheilung von Reichthuni und Pracht. Prächtige Tempel und Paläste bezeugen uns die Macht der Priester und des Adels, während, wie gewöhnlich, keine Spur von den Hütten übrig ge- blieben ist, in denen die Masse des Volkes lebte. Auffallend ist, daß in dem von der Natur so bevorzugten Brasilien nicht die geringsten Spuren einer Civilisation zu finden sind und doch ist dieses Land mit einer üppigen Vegetation geseg- net. Seine �Wälder sind von mächtigen Wiesen eingefaßt, die von Hitze und Feuchtigkeit dampfen und zahlreichen Herden wilden Viehes Nahrung gewähren, aber bei all' dieser übermäßigen Fruchtbarkeit, unter all' dieser glänzenden Pracht ist für den Menschen keine Stätte übrig geblieben; er ward durch die Groß- artigkcit der ihn umgebenden Natur erdrückt. Die Entwicklung des Ackerbaues wird durch undurchdringliche Wälder aufgehalten, die Ernte durch unzählige Insekten zerstört; alles ist darauf an- gelegt, den Geist des Menschen zu lähmen; selbst jetzt sieht man trotz aller von Europa eingeführter Verbesserungen, nur wenig Zeichen wirklichen Fortschrittes, nicht einmal der fünfzigste Theil des Landes ist angebaut; dieses Land mit den mächtigsten natür- lichen Hülssgucllcn, wo sich Früchte und Thiere im Ueberflusse finden, Ivo der Boden durch die schönsten Flusse bewässert wird und die Küsten mit den trefflichsten Häfen übersäet sind— dieses Land, mehr als 12 mal so groß als Frankreich, hat nur 6 Mill. Einwohner. In Peru und Mexiko konnte unter andern Naturbedingungen auch eine ganz andere Kulturstufe erreicht werden; in diesen bei- den Ländern bleibt die Zeugungskraft der Natur innerhalb ge- wisser Grenzen stehen, obgleich daher ihre Hülfsquellen nicht so zahlreich waren, als diejenigen Brasiliens, so waren sie dafür weit leichter zu beherrschen und flössen immerhin reichlich genug, die Ansammlung von Neichthum zu ermöglichen, ohne die kein Fortschritt möglich ist. Die gewöhnliche Nahrung ist der Mais, eine den Bestaudtheilen nach den Datteln und dem Reis völlig entsprechende Frucht, welche 3—400 fältigen Ertrag gewährt; daneben nähren sich die Mexikaner und Peruaner von Bananen, welche so reichlich wachsen und so viel Nahrungsstoff enthalten, daß ein Morgen mehr als 50 Personen ernähren kann, während ein Morgen Weizen in Europa nur zwei Personen ernährt. So sind wir im stände, durch einfaches Aufsuchen natür- licher Ursachen zu erkennen, warum im allgemeinen die Kulturen von Mexiko, Peru, Indien, Aegypten, sowie einigen anderen Ländern Südasiens und Centralamerikas einander ziemlich ähn- lich waren. Alle waren jedoch gleich unfähig, diese Civilisation weiter zu verbreiten. Das Volk war überall so gefesselt, daß es ohne Erlaubniß der Regierung weder seinen Wohnort noch seine Kleidung ändern durfte; daß Gesetz schrieb jedem das Gewerbe vor, das er treiben, die Kleider, die er tragen, die Frau, die er nehmen, die Bergnügungen, die er sich machen durfte. Es gab nur zwei Klassen: die Klasse der Herrschenden und die der Ge- horchenden. In einem solchen Zustande war z. B. Mexiko, als es von den Spaniern entdeckt wurde, dieser Zustand war aber so unerträglich geworden, daß die allgemeine Unzufriedenheit eine oer Ursachen war, welche die Erfolge der Spanier erleichterten und den Sturz dieses Reiches herbeiführte. Ueberall treffen wir die Eintheilung in scharfgesonderte Kasten, es war beinahe un- möglich, von einer Niedern in eine höhere zu gelangen; der Sohn mußte die Beschäftigung seines Vaters fortsetzen; dieser stationäre und konservative Geist ist jedem Lande eigenthümlich, indem die oberen Klassen die Gewalt ausschließlich an sich gerissen haben. Derselbe Geist zeigte sich auch in der ungewöhnlichen Ehrfurcht für das Alterthum und in den, thörichten Hasse gegen Neuerungen. Die Folge dieser großen bis jetzt besprochenen Naturgesetze, welche in den blühendsten außereuropäischen Ländern zwar die Ansammlung von Reichthum beförderten, seine Vertheilung aber verhinderten— war, daß in allen diesen Formen der Civilisa- tion die große Masse des Volkes von den nationalen Vcrbcsse- rungen keinen Bortheil hatte. So wurde die Grundlage des Fortschritts sehr beschränkt und der Fortschritt selbst fast unmög- lich. Wenn daher ungünstige Umstände von außen auftraten, so war es natürlich, daß das ganze System zu Grunde ging. Diese einseitigen und unregelmäßigen Kulturformen waren ohne Zweifel lange vor ihrer wirklichen Zerstörung schon in Verfall ge- rathen; die Gesellschaft konnte sich nicht erhalten, weil sie in sich selbst feindlich getheilt war, ihre eigene Entartung beförderte den Fortschritt fremder Eroberer und bewirkte den Sturz dieser alten Reiche, die bei einem gesünderen System leicht zu retten gewesen wären. Während Klima, Nahrung und Boden hauptsächlich die An- sammlung und Bertheilung des Reichthums beeinflussen, wirken die übrigen, mehr in die Augen fallenden Naturerscheinungen auf die Ansammlung und Verbreitung der Gedanken. Diese Erschei- nungen sind zweierlei: solche, welche vornehmlich auf die Phan- taste wirke» und solche, die sich an den Berstand wenden, an die rein logischen Operationen des Denkens. Bei einem gesunden Gleichgewicht des Geistes spielen Phantasie und Verstand jedes seine Rolle und unterstützen einander, meistens ist aber der Ver- stand zu schwach und wird von der Phantasie beherrscht; selbst in unserem Zeitalter, da die Phantasie mehr als in einem srüheren beherrscht wird, hat sie leider immer noch viel zu viel Gewalt. Dies läßt sich leicht beweisen nicht nur durch den überall noch unter dem Volke herrschenden Aberglauben, sondern auch durch die Ehrfurcht vor dem Alterthum, welche immer noch bei der Mehrzahl der Menschen die Unabhängigkeit fesselt, das Urtheil blendet und das Selbstvertrauen schwächt. Alle Naturerscheinungen, welche die Gefühle der Furcht er- regen oder das Gemüth mit Verwunderung und dem Begriff des Unbestimmten und Uebermächtigen erfüllen, sind geeignet, die Phantasie zu entflammen und die langsamere und bedächtigere Operation des Verstandes unter ihre Herrschaft zu bringen. Im Vergleich mit der Gewalt und Majestät der Natur gewinnt der Mensch das peinliche Gefühl seiner eigenen Kleinheit und Un- bedeutendheit. Durch unzählige Hindernisse von allen Seiten eingeschränkt, erschrickt sein Geist vor dem Unergründlichen und bemüht sich kaum noch um das Einzelne, woraus jene erhabene Größe besteht. Wo dagegen die Werke der Natur jener furchtbaren Großartigkeit entbehren, gewinnt der Mensch Selbstver- trauen und meint sich mehr auf seine eigene Kraft verlassen zu können, er kann sich sozusagen hindurcharbeiten und nach allen Richtungen seine Macht ausüben. In Asien, Afrika und Amerika ist die Außenwelt im allge- meinen furchtbarer als in Europa; dies gilt nicht nur von festen und beständigen Erscheinungen, wie von Bergen, Flüssen u. dgl., sondern auch von periodischen, wie: Erdbeben, Stürmen u. dgl., naturgemäß mußte also dort die Phantasie die Oberhand ge- Winnen. Wird der Mensch fortwährend durch die ernstlichsten Gefahren beunruhigt, die er weder vermeiden noch begreisen kann, so überzeugt er sich von seiner Schwäche und der Unzulänglich- keit seiner Hülfsmittel, wodurch der Glaube an übernatürliche Einwirkungen mächtig unterstützt wird. Wo menschliche Macht nicht ausreicht, wird übermenschliche zu Hülfe gerufen, es wud an die Gegenwart des Geheimnißvollen und Unsichtbaren ge- glaubt und unter dem Volke gedeihen jene Gefühle von Furcht und Hülflosigkeit, worauf sich aller Aberglaube gründet und ohne welche er sich gar nicht halten kann. Dies läßt sich sogar in Europa nachweisen, wo solche Erschei- nungen viel seltener sind. Erdbeben und vulkanische Ausbrüche sind in Italien und der pyrcnäischen Halbinsel häufiger und verheerender, als in irgend einem anderen großen Lande Europas und gerade dort ist der Aberglaube am größten und dort eta- blirten die Priester ihre Autorität. Wie drohende Naturerscheinungen die Phantasie erregen, den Aberglauben befördern und der Wissenschaft in den Weg treten, läßt sich durch weitere Thatsachen deutlich macheu. Bei einem unwissenden Volke herrscht die Neigung, alle ernsthaften Gefahren übernatürlicher Einwirkung zuzuschreiben, dadurch wird ein starkes religiöses Gefühl erzeugt und so unterwirft man sich nicht nur fortdauernd der Gefahr, sondern betet sie geradezu an. Dies geht so weit, daß man in manchen Ländern aus ehrfurchtsvoller Scheu wilde und schädliche Thiere nicht tödtet, so daß der Scha- den, den dieselben anrichten, die Ursache ihrer Unverlctzlichkeit wird. So hatten die alten Kulturvölker mit unzähligen Schwierig- leiten zu kämpfen, die den europäischen unbekannt waren, auf ihnen dagegen wie eine dauernde Bürde lagen und in ihrem Gemüthe Gedankenreihen erzeugten, welche die Phantasie � über die Vernunft zur Herrschaft brachten, welche den Geist des Volkes mit Ehrfurcht erfüllten, statt ihn zur Forschung anzutreiben und die Neigung beförderten, die Erkenntniß natürlicher Ursachen zu vernachlässigen und die Ereignisse der Wirkung übernatürlicher Wesen zuzuschreiben. Namentlich ist die Neigung allgemein, der Gottheit die plötzlich und verheerend austretenden Krankheiten zu- zuschreiben. Da nun das tropische Klima viel ungesünder ist, als das gemäßigte, so haben wir hierin eine weitere ungünstige Ein- Wirkung der Außenwelt auf den Geist, welche in der That einen bedeutenden Einfluß auf die alten Eivilisationen ausgeübt hat und namentlich die Macht der Geistlichkeit verstärkt haben muß, denn wie ein französischer Schriftsteller sagt:„Pestscuchen sind die Ernten der Diener Gottes." (Schluß folgt.) 309 Irrfahrten. Von Ludwig Wosenverg. (Fortsetzung.) Ich saß nun allein. Die Unterhaltung, ivelche sich entspann, war mir interesselos. Da war keine Gründlichkeit und Ehrlich- keit der Gesinnung! Schöne Worte und gedrechselte Phrasen. Ein Spiel mit Ueberschriften von Werken! Nichts, was den Stellungen und dem Berufe dieser Leute in den Augen eines denkenden Mannes hätte Ehre machen können. Man verdächtigte angesehene Männer und bewarf die Namen bedeutender Geister mit Koth. Man machte banale Witze und lachte. Man sprach entrüstet über Abenteuer von Prinzen, und die Mienen der Sprecher und Zuhörer verricthen, daß es nur der Neid war, welcher die Entrüstung diktirte.— Auf der Kindtaufe, die ich neulich besuchte, waren einfache Leute, die sich von ihren geschäftlichen Werrich- hingen, von Stadtneuigkeiten und sonstigem Klatsch des Langen und Breiten fast endlos unterhielten, aber dort war bei aller Seichtigkeit doch nicht ganz die Natürlichkeit entwichen, hier, in dem Kreise sehr vornehmer Familien, vermißte ich alles, was den wahren Menschen macht, und ich war durchaus nicht ver- messen und eingebildet, als ich beim Abschied wieder zu mir sagte: Du warst die einzige fühlende Brust unter Larven!— Dieses Salonleben, diese konventionellen Gesellschaften sind mir verhaßt. Es kommt nichts Erfteuliches dabei zum Vorschein.— Nun sitze ich wieder in meinem Stübchen, unter meinen Büchern, und athme auf, als wäre ich einer großen Gefahr entgangen. Alles rings ist ruhig und ernst. Vor mir breitet sich die liebliche Land- schaft aus und sendet mir ihren Gruß entgegen, und ich danke ihr von ganzem Herzen und rufe: In deinen Armen, o Natur, ist der wahre Frieden! Dich anblickend, bin ich wieder ein Mensch! „Lassen Sie den Pastor aus ihrem Haus," sagte ich zur Frau Sander.„Mit seinen frommen Reden wird er den Frieden Ihrer Ehe untergraben. Ihr Mann ist nur durch Vernunft zu heilen. Das Heil kommt nicht für ihn aus dem Munde der Priester. Er haßt sie. Von gläubigem Wahne befangen, den Worten von vielleicht gutmüthigen Schwärmern trauend, erlöst ihn nur ruhige Belehrung, liebevolle Einsicht aus dem Bann. Lassen Sie ihn gehen, lassen Sie ihn,— es fällt einmal doch ein Sonnenstrahl auf ihn, der ihn zu Rechte weist!"-- Da kam ich aber schön an bei der Frau. Sie widersprach nur heftig; sie lobte den Pastor, sie citirte Bibelsprüche und der Schluß war: Die arme Seele muß mit Gewalt gerettet Iverden!-- Ich habe mich unter der Hand über die Sekte der Aposto- liker unterrichtet. Die allgemeine Meinung ist, daß die Anhän- ger sehr fromme, gläubige und gewissenhafte, brave Leute seien, die aber von einigen Parasiten durch gleißnerische Worte, durch allerhand Firlefanz, durch mehr als katholische Ceremonien geleitet und ausgenutzt werden.— Propheten, Engel und Erz- engel, Bischöfe und alle die Einrichtungen des ersten Christen- thums, seien die Mittel, die Thorheit zu berücken und vollends zum Fanatismus anzufachen.— Uni nicht der Fama sinnlos nachzuplappern, begleitete ich Sander zu einem Sonntagsgottes- dienste. Die Andächtigkeit, die heiße Inbrunst, das„ganz von der Erde Entrücktsein" bemerkte ich auch diesmal bei den Brü- dern und Schwestern. Auch diesmal bewegte sich der Pastor der Gemeinde wieder in allgemeinen Redensarten und ich erkannte sogleich, daß er einer von denen sei, die ihre Sache mit Geschick und aus Geschäftsinteresse betreiben. Gegen Schluß trat ein Mensch mit stupidem Gesichtsausdruck auf, den man mir aus Befragen als Propheten bezeichnete. Dieser Mensch gerieth in Verzückung. Seine Züge verzerrten sich, sein ganzer Körper gc- rieth in eine Bewegung, wie solche zuweilen einen Fallsüchtigen anpackt und in dieser Exaltation stammelte er einige abgerissene Worte, die ein Bruder gewissenhaft aufzeichnete.— Darauf kani der Holzhacker(denn der Wahrsager war seines Geschäftes ein Holzhacker) wieder zur Besinnung und kehrte zu den übrigen Brüdern zurück.— Hier lag offenbar eine Narrheit oder ein Betrug vor, und als ich hörte, diese Wahrsagerei sei Kultussache, konnte ich nicht umhin, an einen höchst plumpen Betrug zu glau- den, der von Charlatans in Szene gesetzt, an gewissen Jndivi- duen seine Vertreter und Verbreiter findet.—„Wie erhält sich die apostolische Gemeinde?" fragte ich einen Nachbar.—„Die Brüder und Schwestern müssen ein Zehntel von ihrem Verdienst dem Opferstock zuwenden. Nur der, welcher gewissenhaft sein Opfer darbringt, ist ein wahrer Bruder!— �— Oft auch ver- langt der Himmel durch den Propheten größere Opfer. Dann fließen reichlicher die Spenden und jeder gibt, so viel er kann, manche sogar mit großer Selbstverleugnung ihren letzten Pfennig, nach dem Bibelworte: Ihr sollt nicht sorgen für den anderen Morgen; sehet die Vögel unter dem Himmel an— sie säen nicht, sie ernten nicht, und unser himmlischer Vater erhält sie doch." Seit ein paar Tagen habe ich das seltsame Schauspiel, all- abendlich meine Wirthsleute religiöse Disputationen mit ziemlich großer Erregung und Heftigkeit führen zu sehen. Die Bibel liegt auf dem Tische in zwei Exemplaren aufgeschlagen, bereit als Beleg für eine aufgestellte Behauptung zu dienen.— Wäre die ganze Sache nicht so ernst, so müßte man über die Art des Kampfes lachen!—— Eine Einigung oder ein Bündniß der beiden Parteien ist undenkbar, wie sich ja religiöse Schtvärmer niemals einigen lassen.— Sander bezeichnet zum Schluß mit großem Aerger seine Frau als blind, wahnbefangen, streitsüchtig; wogegen er das Epitheton der Beschränktheit und Verblendung in verschiedenen Variationen hinnehmen muß. Der Pastor B. war bei Frau Sander. Die Aermste wird täglich aufgeregter. Ihre Gedanken sind fortwährend damit be- schäftigt, herauszuklügeln, wie am besten das Werk der Bekeh- rung möglich sei. Während sie so sich physisch aufreibt, geht Sander ruhig seines Weges, er scheint sich jetzt vorgenommen zu haben, ein stereotypes Stillschweigen gegen alle Streitigkeiten zu setzen. „Du ruinirst die Familie, du gibst Vagabunden und Schwind- lern deine sauer verdienten Pfennige, während wir hier darben und ich mir den Kopf zerbreche, wie ich mit dem kärglichen Gehalt haushalte! Die Wirthschaft geht den Krebsgang und bald sind wir nicht mehr als Bettler!" Frau Sander rief dies am Mittags- tisch in der höchsten Lage ihrer Stimme. Was Sander entgegnete, konnte ich nicht hören. Er schloß heftig die geöffnete Thür und bald darauf war es wieder still.— Es ist eine traurige Geschichte. Halb in Träume versunken, halb von Gedanken über meine Zukunft gequält, saß ich wieder einmal auf meiner einsamen Bank im Park. Ich las von neuem den Brief, der mir neulich von meinem Vater zugeschickt worden war.„Nun stehst Du da, mitten auf einer Nußschale im Meer. Das erste beste Lüftchen kann Dich umwerfen, die erste beste Laune Dich in Lebensgefahr bringen! Was soll aus Dir werden? Und Du lernst und mühest Dich mit Wissenschaften ab. Gut. Ich schätze dies und freue mich Deines Fleißes! Aber— woher das Futter nehmen, wenn alle Deine Wissenschaften auf dürrer Weide gehen?— Es ist Leicht- sinn, gradezu gesagt, mein Sohn, den Lieblingsneigungen nach- gehen und nicht an das Nächstliegende, an das Praktische denken! Komme bei Zeiten zur Besinnung. Mit dem vermehrten Wissen wächst Deine Abneigung gegen einen Nährberuf, und ich denke mit Grausen an die Aussicht, Dich als innerlich und äußerlich verkommenen Menschen wiedersehen zu müssen!"— Ich mußte lächeln. Alle meine Bemühungen, die ich aufgewendet hatte, dem Vater zu beweisen, daß es gleich sei, ob ich in einem Bureau verkäme oder im Dienste eines Privatmannes sei, ja, daß ich bei dem letzteren noch viel eher die Gelegenheit habe, meine Jndivi- dualität zu entwickeln und mich zu freier Thätigkeit zu erheben, daß die Pension, die ein Institut ihren Beamten gibt nach einer bestimmten Dienstzeit, bei Licht besehen eine ganz unzureichende Entschädigung sei, alle diese eifrigst und eingehend gegebenen Erörterungen hatte er mißverstanden, garnichl verstanden; die eigne NotH hatte ihm also die Selbständigkeit des Denkens geraubt. Die Beseitigung der momentanen NotH erscheint ihm also als das einzige Ziel und Streben, die Idealität ist beiseite gerückt und dem Egoismus aufgeopfert!— Hier trennen sich unsere Wege, und einsam, verkannt, gehe ich meine Bahn!— Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, da hörte ich eine Gesellschaft kommen. Man sprach lebhaft. Eine weiche, melodische Stimme rief:„Doit hinter den Büschen ist eine schattige Bank. Dort wollen wir uns niederlassen!" Ich wollte forteilen— da— was sehe ich?— War es ein Traum— ein Spiel meiner Phantasie? Das war die holde Gestalt, das waren die blauen Augen, das war sie, die ich so lange gesucht, so lauge vermißt. Ich war starr. All' mein Blut stieg mir zu Kopf. Meine Füße waren schwer wie Blei, ich zog meinen Hut, ich stammelte ein paar Worte, ich glaube, es waren recht dumme, einfältige Worte, und in dem- selben Augenblick kamen die übrigen hinzu. Da ward ich wieder ruhig und ich konnte mit Muße mich von meiner Starrheit er- holen und das liebe Gesicht betrachten, recht oft und recht lange!— Das war ein Tag!— Elisabeth heißt sie.— Und nnn ist all' meine Mißstimmung fort und ein Heldenmuth hat mich erfaßt. Der kleine Weise sagte lachend:„Sie sind heute überaus lustig Forschuttgsfahrten im ttördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil. (Fortsetzung.) Den Schluß unserer geschichtlichen Zusammenstellung soll die Schil- derung jener Schritte bilden, welche die Deutschen gethan haben, um der Sphinx, Nordpol genannt, beizukommen. Die Kunde von den Bin- landsfahrten der Normänner soll schon im Jahre 1040 mehrere edle Friesen zu einer Reise von der Weser aus nach Norden bewogen ha- ben; sie brachten fabelhaste Berichte zurück, welche uns Adam von Bremen(1076) im Geschmack seines Zeitalters sagenhaft verschnörkelt überliefert hat. Zwei Jahrzehnte nach dieser ersten deutschen Nord- fahrt begleitete ein Häuflein von Deutschen den norwegischen König Harald den Dritten nach Grönland. Ihre Entdeckungen mögen wohl nicht sonderlich belangreich gewesen sein, weil es die Chronisten nicht der Mühe werth hielten, sie aufzuzeichnen. 117V segelte Mab oc, Prinz von Wales, mit deutschen Matrosen nach Nordwest und erreichte ein unbekanntes Land; von einer zweiten Reise mit zehn Schiffen kehrte er nicht zurück. Während der Blüthezeit der Hansa nahm der Wal- fischfang in den neuerschlossenen Gewässern des nördlichen Eismeeres einen großartigen Aufschwung; von wissenschaftlichen Errungenschaften der Hanseaten weiß die Fama so viel wie gar nichts zu berichten. Erst der rastlosen Thätigkeit des Geographen Petermann war es vor- behalten, erfolgreich auch in Deutschland zu Polarforschungen anzu- regen. Aller Anfang ist schwer. Die erste deutsche Expedition unter Werner(1865) erlitt schon beim Aussegeln Havarie. Die zweite deutsche Nordpolfahrt fand im Jahre 1869 statt. Am 15. Juni dieses Jahres segelten zwei Fahrzeuge von Bremerhafen zu diesem Zwecke ab und zwar das Dampsboot„Germania" unter den Befehlen des Kapitäns Karl Koldewah und das Segelboot„Hansa"(Kapitän Hegemann). Auch dieses Unternehmen hatte nicht sonderlich Glück. Der Landnngsversuch an der vulkanischen Insel Jan Mayen mißglückte und somit auch die wissenschaftliche Ausbeute der Untersuchungen unter dem 71. Grad nörd- licher Breite. In nordöstlicher Richtung setzten die Schiffe ihre Fahrt fort, um unter dem 75. Grad n. Br. durch das Eis nach Grönlands Küste vorzudringen. Jetzt beginnt der Kampf mit dem wilden Element. Noch hat sich bisher das Segelschiff„Hansa" an der Seite der durch Dampjkrast begünstigten„Germania" gehalten bis am 20. Juli ein Mißverständniß beide trennen sollte. Im Eise arbeitend, empfing Ka- pitän Hegemann von Coldeway das Signal:„Kommen Sie auf Rufweite heran"; er verstand aber:„Segeln Sie weiter nach Westen"— und dieses Mißverständniß wurde verhängnißvoll. Nie sollten sich die Schiffe wiedersehen. Es beginnt jene an Abenteuern überreiche, durch Gefahren und Mißgeschick aller Art, aber auch durch Muth und Stand- hastigkeit aller Art ausgezeichnete Fahrt, von der man noch reden wird in den spätesten Tagen. Während nun die„Germania" bald glücklich Grönlands Küste erreichte und dort ihre Arbeiten und Entdeckungen vollführte, setzte die„Hansa" den Kampf mit dem Eise fort. Aber so nahe sie auch der Ostküste Grönlands kam, die der Instruktion gemäß er- reicht werden sollte, so wenig gelang die Landung. In tragischer Weise schildert Kapitän Hegemann den Kampf, den sein immer tiefer ins Eis hineingerathendes Schiff zu bestehen hatte, wie die freien Wasserstellen kleiner und kleiner werden, wie das Eis sich bildet und wie die Macht der Menschen gegenüber den Elementen erlahmt und endlich am 15. September die„Hansa", ein bewegungsloser Klotz, fest eingefroren war. Jetzt erfolgte der Bau des Hauses aus Kohlen aus der Eisscholle, wie wir es bei den Duldern der„Polaris" geschildert haben, die umsich- tige Einrichtung für alle kommenden Gefahren. Das Eis preßte in- dessen fort, das Schiff wurde gehoben, seine Fugen krachten, man sah ei», daß es verloren war, und rettete aus demselben auf die Scholle, was zu retten war. In Eis und Schnee, fürchterlich von Kälte lei- dend, zusammengedrängt in das enge Kohlenhaus, vom arktischen Strom unaufhaltsam gen Süden getrieben, haben die Hansamänner immer noch Zeit gesunden, so viel sie vermochte», der Wissenschaft zu dienen und Beobachtungen anzustellen. Sie messen die Temperatur, zeichnen die Küste, wo sie ihr nahe kommen, fixiren die phantastisch gestalteten Eis- berge, an denen sie vorübertreibcn, und auch ihr altes Haus, die„Hansa", die als elendes Wrack an der Scholle klebt. In einer Nacht ist auch das Wrack fast lautlaus in den Meeresgrund gesunken, und nur die Boote blieben den Hansaleuten übrig, aus denen sie endlich nach zwei- und gesprächig, und ich habe lange nicht so viel Schönes von Ihnen gehört."— Ich hatte aber auch dozirt, als hätte ich reinen Sauerstoff geathmet und stände vor den Pforten des Elysiums. Elisabeth ist aus Süddeutschland. Sie bleibt noch einige Wochen hier und dann kehrt sie zu ihren Bergen und zu ihren Lieben zurück! Ach, könnte ich auch dorthin, wo die Poesie wohnt und den Menschen in die Wiege gelegt wird!——— Seit dieser Stunde begegnen wir uns oft, ich sorge schon dafür, daß wir keine stummen Figuranten sind.— O, das Menschenherz ist erfinderisch.— (Fortsetzung folgt.) hunderttägiger Fahrt ihre Rettung veranstalten sollten. Am 19. Lk- tober war die„Hansa" unter dem 71. Grad nördlicher Breite gänzlich untergegangen, Weihnachten feierte man zwischen dem 67. und 68. Grad; als man den 66. Grad erreicht hatte, zerbrach am 15. Januar 1870 die Scholle; am 7. Mai verließ man unter dem 61. Grad den Rest der Scholle, und am 15. Juni liefen die Boote, mit der deutschen Flagge geschmückt, in der Missionsstation Friedrichsthal ein. Das andere Schiff der zweiten deutschen Nordpolexpedition, die„Germania", fuhr an der Küste bis zu 75» 31' nördlicher Breite und überwinterte an der Sabineinsel. Auf Schlitten wurde die Küste bis 77» nördlicher Breite untersucht, der Franz-Joseph-Fjord und alpenreiche Gebirge ent- deckt und außerordentlich werthvolles Material für die Wissenschast ge- sammelt. 1870 kehrte die Expedition glücklich zurück.— Die Schicksale der im Jahre 1872 absegelnden österreichisch-ungarischen Expedition unter Weyprecht und Payer haben wir bereits im ersten Kapitel geschildert. Die letzte und bestausgerüstete Expedition statteten die Engländer aus. 1875 segelten die Dampfer„Alert" und„Discovery" unter Rares und Stephenson durch den Smithsund und Kennedykanal; „Discovery" überwinterte an der Westküste, am Eingang des Robeson- kanals, unter 81° 45',„Alett" jenseits desselben, unter 82» 27' nörd- licher Breite. Dort breitete sich nordwärts ein mit sehr schwerem Eis bedecktes Meer aus. Aus Schlittenreisen wurde der nördlichste Punkt unter 83» 20' erreicht, ein Theil der Westküste Grönlands aufgenommen und im Nordosten Kap Britannia(circa 82° 54') gesichtet uiid Grantland Westen hin untersucht, sein nördlichster Punkt, Kap Kolumbia, zu 83» 7' nördlicher Breite und 7V» 30' westlicher Länge von Greenwich bestimmt. Weiter westlich tritt die Küste zurück und biegt endlich nach Südwest ab. Nach schwieriger Eissahrt kehrte die Expedition 1876 nach England zurück. Rares ist der Ansicht, daß der Nordpol auf diesem Wege nicht zu erreichen ist. Hören wir, wie der gewiegte Nordpolsahrer Weyprecht darüber denkt:„Zu allen Zeiten und bei allen Völkern hat das Gehcimnißvolle, das Räthselhafte stets die größte Anziehung auf die Menschen ausgeübt, und sie oft dahin gebracht, daß sie ihren Besitz, ihre Gesundheit, ja ihr Leben daran setzten, den Schleier von dem verborgenen Schatze zu heben, den sie in den Tiefen der Erde oder auf den Gipfeln der Berge, im Stein der Weisen oder in irgend einer sinnreich konstruirten Maschine entdeckt zu haben glaubten. Nicht das helle Licht, das die ächte wissenschaftliche Forschung über die Dinge und ihre physikalischen und chemischen Beziehungen zu einander ausstrahlt, lockt und reizt die Neugier, sondern es ist grade der ungewisse Dämmer- schein noch unreifer Spekulationen, das Flimmern und Leuchten aus der Nacht gänzlich unerforschter Gebiete heraus, was immer und immer wieder die Gemüther der Menschen bis zu wahnsinniger Begeisterung erhitzt, tollkühne Thaten erzeugt, zahllose kostbare Opfer fordert." Nur von diesem Gesichtspunkt aus vermag sich der ruhige, vor- urtheilsfreie Beobachter die Entstehung und die Wirkung der Nordpol- expeditionen zu erklären, die früher namentlich von England, im letzten Dezennium aber wesentlich von Deutschland, Schweden, Rußland und Nordamerika ausgesandt worden sind, alle zu dem mehr oder weniger scharf ausgesprochenen Zwecke: wenn irgend möglich eine höhere Breite, als die Vorgänger, ja den Nordpol selbst zu erreichen. Was hofften denn die Menschen, mußte man sich jedesmal wieder fragen, so un- geheuer Wichtiges und Erstrebenswerthes in jenen eisumstarrten Ge- filden zu finden? Ist es denn nicht längst ausgemacht, daß der geographische Pol weder mit dem magnetischen noch mit dem Isothermen-Pol zusammenfällt, daß jener überhaupt an sich für die Menschheit durchaus keine höhere Bedeutung hat, als irgendein anderer Punkt in hohen Breiten? Ebenso ist ja die lang gesuchte nordwestliche oder nordöstliche Durchfahrt nach dem Stillen Ozean längst aufgegeben, und daß für kaufmännische Interessen dort so gut wie nichts zu holen ist, davon hat man stch nach vielen schlimmen Erfahrungen endlich auch überzeugt. „Aber die reine, interesselose Wissenschast," erhielt man gewöhnlich zur Antwort, wenn man nach den Zielen dieser Bestrebungen fragte, „der Forschungstrieb der Menschen ist es, in deren Dienste jene tapferen Männer Gesundheit und Leben wagen, für welche Regierungen und Private in regem Wetteifer pekuniäre Opfer bringen!" Sehr schön und lobenswerth; und wenn sich's zunächst darum handelt, ob sich denn die Wissenschaft im ganzen von der genauen Erforschung der Polargegenden großen Gewinn versprechen könne, so sind wir die ersten, diese Frage im vollsten Umfange zu bejahen. Die extremen Bedingungen, unter denen die Naturkrüste in den Polargebieten austreten, rufen außer- ordentliche Erscheinungen hervor, welche das beste Mittel zum Studiuni der Kräfte selbst bieten. So ist denn in der That fast jeder Zweig der Naturwissenschaften bei der Polarforschung aufs lebhafteste betheiligt. In erster Linie aber steht die Lehre vom Erdmagnetismus, jener wunderbaren, geheimnißvollen Naturkraft, die wir nicht durch irgend- welche sinnenfällige, gewaltige Wirkungen, sondern nur durch das stille Zittern und Schwanken der Magnetnadel kennen lernen, die aber doch sicherlich von der größten Bedeutung für das gcsammte Leben der Mutter Erde ist, die uns gleichsam das Pulsiren ihres innersten Kernes, die leisen Athmungsbewegungen ihres Leibes verräth. Bereits nach- gewiesen ist der innige Zusammenhang des Erdmagnetismus mit den elektrischen und galvanischen Verhältnissen der Erde; man hat ihn aber auch, und wohl mit Recht, mit dem Nordlicht, den Erdbeben, den Sonnenflecken und allen möglichen atmosphärischen Störungen in Ber- bindung gebracht. Da aber die Gesehe des Erdmaguetismus, wie so vieler anderen Kräfte, nur durch das Studium der Störungen und Variationen, denen er unterworfen ist, erkannt werden können, und da die letzteren nur an den Polen mit genügender Deutlichkeit auf- treten, so ist klar, daß wir nur dort den Schlüssel zu diesen noch un- gehobenen Schätzen zu finden hoffen dürfen.(Fortsetzung folgt.) 9lad) dem Eisgang der Oder in den Nothstandsdistrikten Oberschlesiens. Der Nothstand ist in vielen oberschlesische» Bezirken eigentlich permanent, nur daß heute auch die sonst noch vorhandenen geringen Mittel gänzlich fehlen, sodaß, wäre nicht Hülfe von außen gekommen, dieser Theil der Bevölkerung unerbittlich dem Hunger- lode preisgegeben gewesen wäre. Die Ursachen waren folgende: Die Kreise Glatz, Neurode, Ratibor, Kosel, Oppeln, Falkenberg, Steinau, Ohlau, Breslau und Wohlau waren durch furchtbare lieberschwem- mungen heimgesucht worden und infolge dessen ihre Ernten vernichtet. Ferner wurden durch Mißwachs betroffen die Kreise Rybnik, Pleß, Lublinitz und Glciwitz. Nach amtlichen Nachrichten waren im Kreise Ratibor allein 611ö Grundbesitzer von dem Nothstande betroffen, 3766 darunter haben nur einen Besitzstand bis zu 16 Morgen und für zwei Drittel der betroffenen ist der Landbau nur Nebenbetrieb. Er liefert ihnen jedoch unter normalen Verhältnissen die gewohnte karge Nahrung für den Winter. Im Kreise Oppeln sind 26, im Kreise Gr.-Strehlitz 5 und im Kreise Falkenberg 14 Ortschaften von der lleberschwemmung heimgesucht worden. Die übrigen angesührten Bezirke haben mehr oder weniger stark gelitten. Die Zahl der Hülfsbedürftigen belief sich nach den Angaben des preußischen Finanzministers auf 166 666. Bereits Ende November mangelten deshalb bei lausenden von Familien die Nahrungsmittel gänzlich. Der Regierungspräsident v. Quadt berichtete damals über die Situation in den Kreisen Rybnik und Pleß: Von den hauptsächlichsten Nahrungsmitteln der niederen Klassen, Kartoffeln und Kraut, ist das letztere von den Raupen gefressen und die elftere hat theilweise nicht einmal die Aussaat wiedergegeben. Roggen und Hafer sind nahezu mißralhen. Er fügt, nachdem er die Verhältnisse spezieller geschildert, hinzu, daß, wenn nicht außerordentliche Maßregeln ergriffen würden, das entsetzlichste Elend und der Hungertyphus in Aussicht ständen. Aus Loslau, Kreis Rybnik, wurde um dieselbe Zeit geschrieben: Der Hunger ist bei uns schon eingekehrt in den Hütten unserer kleinen Handwerker, Tagelöhner u. dgl. Unter 2466 Einwohnern sind allein 156 Schuhmacher und keine Arbeit. Es fehlt an Brot, Kartoffeln, Kohlen, Kleidern, kurz an allem. Wenn man nun bedenkt, daß die Bedürfnisse dieser, allgemein als fleißig bekannten Leute schon an und für sich äußerst beschränkte sind, daß die Hauptnahningsmittel Kartoffeln, Brot, Sauerkraut und andere Gemüse bilden und daß Fleisch höchstens an Sonnlagen, aber auch nicht immer, genossen wird, so hat man ein Bild des Elends, wie es greller nicht gedacht werden kann. Ein fusel- artiger Branntwein, der von Alt und Jung, Mann und Weib genossen wird, ist das Hauptgenußmittel. Die Wohnungen sind im jämmer- lichsten Zustande und zumeist zugleich Aufenthaltsort für das Vieh und Vorrathskammer für die geringen Ernteerträgniffe. Die Arbeitslöhne sind denn auch infolge dieser Bedürfnißlosigkcit kaum halb so hoch, oft bilden sie sogar nur ein Drittel gegenüber denen im übrigen Deutsch- land. Erklärlich ist aber auch, daß unter solchen Verhältnissen die Bevölkerung geistig zurückbleiben muß und sich infolgedessen in um so hülfsbedürstigcrer Lage bei so trüben Ereignissen befindet. Andrerseits hat aber die industrielle Entwicklung rapide Fortschritte gemacht; Berg- und Hüttenwerke, sowie Fabriken existiren in großer Zahl in einzelnen Distrikten. Die übermäßige Entwaldung macht deshalb reißende Fort- schritte und ist wohl auch nicht wenig schuld an den zerstörenden Ueber- schwemniungen. In den Kreisen, die vorwiegend Landwirthschaft treiben, überwiegt hinwiederum der Großgrundbesitz. So gibt es nach einer 1666 erfolgten statistischen Auftmhme im Regierungsbezirk Oppeln allein 896 Rittergüter, von denen 812 einen Flächenraum von je über 666 Morgen umfassen. Die Grundbesitzungen des Fürsten von Pleß und des Herzogs von Ratibor betragen viele Quadratmeilen; die rothschild'schen im Kreise Ratibor 28666 und die lichnowsky'schen 17666 Morgen Die Bauern sind kleine Besitzer mit meist unter 5 Morgen Land. Sie sind deshalb auf die Beschäftigung in den Berg- werken und industriellen Etablissements angewiesen. Stockt dort die Beschäftigung, so ist der Nothstand fertig, kommen gar noch Natur- creignisse, wie im vorigen Jahre, so ist das entsetzlichste Elend vor- Händen.— Diesmal wurde die Noth noch vollends vermehrt durch neue Ueberschwemmungen, welche infolge des hohen Eisganges der Oder hervorgerufen wurden. Unser Bild auf Seite 364 zeigt die grauenvollen Verheerungen in der Nähe der früheren Festung Kosel. Zur Steuerung der Noth sind seitens der Provinz 3 286 666 Mark bewilligt worden, wovon man einen Theil zur Anlage von Verkehrs- straßen, den Rest zum Ankauf von Viehfutter und Saatgut utid anderweitigen Unterstützungen verwandte. Außerdem hat auch der preußische Landtag 6 Mill. bewilligt und stellte 12>/z Mill. für den Bau von Eisen- bahnen in Aussicht. Sehr viel hat aüch, wie immer, die Privatwohl- thätigkeit geleistet. Man hat Volksküchen errichtet, in denen den gänz- lich Unbemittelten unentgeltlich und den übrigen gegen einen ganz ge- ringen Betrag warme Kost verabreicht wird. Mag aber die Privat- hülfe auch noch so viel und Tankenswerthes leisten, auf die Dauer wird sie derartige Uebclstände nicht bannen können. Hier muß gründ- lichcr und mit großartigeren Mitteln geholfen werden und zwar, wie unsere Skizze schon zeigt, in materieller und geistiger Beziehung. Wie die moderne Heilkunde ihr Hauptaugenmerk auf die Verhütung von Krankheiten richtet, so sollten auch die Staatsheilkünstler Sorge tragen, daß Krankheiten am Gesellschaftskörper durch eine körperliche und gci- stige Diät seiner Glieder unmöglich gemacht werden. urt. Göschenen am nördlichen Eingang des GotthardtunnclS. (Bild Seite 365). Am Sonntag den 29. Februar, um 9 Uhr früh, wurde der Gotthardtunnel durchgeschlagen. Mögen die Hoffnungen, die in materieller und ideeller Beziehung an dieses neue Band zwischen Nord und Süd sich knüpfen, in Erfüllung gehen. Bevor wir zur Be- schreibung dieses Riesenbaues schreiten, wollen wir die Leser durch Er- klärung unseres Bildes mit der Lage desselben bekannt machen. Da, wo die uralte Handelsstraße von Luzern, Flüelen, Altdorf und Amsteg herankommt, welche über den mächtigen Gebirgsstock des St. Gotthard hinweg die Centraljchweiz mit dem Kanton Tessin, mit Mailand und Genua verbindet, liegt in einer Höhe von mehr als 1166 Meter über der Meeresfläche das Dorf Göschenen am Ausgang eines engen Thals, aus welchem der göschener, von einer mächtigen Brücke überspannte Alpbach, sich rauschend in die Reuß ergießt. Von einer kleinen Anhöhe über der Brücke hat man die Aussicht auf die niedriger gelegene Tunnel- mündung und die Maschinengebäude. Aus dem Hintergrund des Thals locken, wie die Abbildung zeigt, in blendender Weiße die Schneefclder des Dammafirn, begrenzt von dem Winterstock(3138 Meter) und dem Galenstock(3476 Meter), der höchsten Erhebung des Kantons Uri. Sie hängen mit jenem 7 Stunden langen Eismeer zusammen, aus welchem die Quellflüsse der Rhone, Reuß und Aar entspringen, und zu dem der Steinberg- und Sustengletscher auf dem nördlichen, der Rhone- gletscher auf dem südlichen Flügel gehört. Die alte Gotthardstraße hat von den Usern des Vierwaldstättersees bis Göschenen eine Stei- gnng von 627 Meter zu überwinden gehabt, aber hier scheint der eigentliche Ausstieg erst zn beginnen, denn der Wanderer steht vor dem nicht zu umgehenden mächtigen Querricgel, der deutsche und wälsche Art scheidet und durch die Felsengasse der Schöllenen, über die Teufels- brücke hinüber, durch das Felsenlhor des Urner Lochs und von den grünen Matten des Userenlhals aufwärts über Hospcnthal bis zur öden Paßhöhe zwischen der Fibbia und dem Gotthardstein 2658 Meter über dem Meer erklommen sein will. Das wird nun alles anders durch den großartigen Tunnel, welcher die Eisenbahn von Göschenen durch die Eingeweide des Bergs nach Airolo am steilen Südabfall des St. Gotthard führt. Die Geschichte dieses Werkes der Gemeinsamkeit ist reich an bitteren Erfahrungen und Entbehrungen. Erst nach Vol- lendung der Semmeringbahn(Wien-Triest), der Brennerbahn(Tyrol- Italien) und der Montcenisbahn(Frankreich-Jtalien) sing man in der Schweiz, Italien und Deutschland an, sich mit dem Plane einer Gott- hardbahn zu beschästigen. Im Jahre 1869 trat das Projekt aus dem Dunkel der fachmännischen Kreise an die Ocsfentlichkeit und wurde Gegenstand diplomatischer Verhandlungen zwischen de» vorgenannten drei Staaten. An die Spitze des Unternehmens war der schwei- zerische Nationalrath Eschcr in Zürich berufen, zum Oberingenieur der Baudirektor Gerwig in Karlsruhe ernannt, welcher im Jahr 1875 durch den Bandirektor der Oesterreichischen Nordwestbahn, Hellwag von Eutin, ersetzt wurde. Die Tunnelbohrung wurde dem Genfer Ingenieur L. Favren übertragen, einem Manne, dessen Energie und rastloser Aus- daner die glückliche Vollendung des Werkes in erster Linie zu danken ist. Ihm war es jedoch versagt, den Tag des Durchbruchs zu erleben. Wie ein Feldherr angesichts der stürmenden Heere, verschied er inmitten seiner Arbeiter, vom Schlage getroffen, im Tunnel am 19. Juli 1879. Die Länge des Tunnels beträgt 14,92 Kilometer; die Bahn läuft hier mit Ausnahme einer 246 Meter langen Kurve in gerader Linie. Der Scheitelpunkt liegt in der Mitte des Tunnels, 1152,4 Meter über der Meeressläche, in einer 186 Meter langen Horizontalstrecke. Nach der schweizer Seite gegen Göschenen sälll die Bahn auf einer Strecke von 1145 Meter mit 5,82 Meter pro Tausend, nach der italienischen gegen Airolo ans 1145 Meter mit 1 pro Tausend. Die Tunnclweite beträgt ungefähr 8, die Scheitelhöhe 6 Meter. Der Tunnel sollte in längstens zehn Jahren vollendet sein. Der Termin ist trotz großer wiederholter 312 Störungen im Fortgang der Arbeiten mit überraschender Pünktlichkeit innegehalten worden. Mit dem am 29. Februar stattgefundenen Durch- schlagen des Stollens ist aber noch lange nicht der ganze Tunnel vol- lendet, wie einige Zeitungen in unbegreiflichem Jrrlhum annehmen, sondern eben nur der verhältnißmäßig enge, 2,8 Meter hohe und 2,4 Meter breite Firststollen, von dem aus der Vollausbruch des übrigen vorgenommen wird. Vollkommen fertig gestellt, also mit Scheitel- und Sohlengewölbe, sowie betriebsfähig sind heut nur annäherend 8000 Meter auf beiden Seiten zusammen. Die Vollendung des ganzen Tun- nels ist vor dem l. Oktober dieses Jahres auf keinen Fall zu erwarten. Ebensowenig ist aber auch eine erhebliche Ueberschreitung dieses Termins anzunehmen, desselben, welcher mit der Bauunternehmung als Vollen- dungstermin vereinbart war. Nachdem im Jahre 1875 dem Leiter der Bauunternehmung der Gotthardbahngesellschask überreichten Arbeits- Programm hätte zwar der Durchschlag des Firststollens bereits am 1. Januar dieses Jahres erfolgen sollen, ebenso sind auch die übrigen Arbeiten, die Erweiterung und Auswölbung an allen Punkten noch etwas gegen das Programm zurück; aber in letzter Zeit sind großartige Anstrengungen gemacht worden, welche ein rascheres Fortschreilen aller Arbeiten ermöglichten, als es bei Aufstellung des erwähnten Programms vorausgesetzt werden konnte. Erfahrungsmäßig nimmt die Schnellig- keit solcher Arbeilen am Ende erheblich zu; die Leistungen im First- stallen, wie sie in den letzten Wochen sich ergeben, sind geradezu stau- nenswerth. Nach den bisherigen Erfolgen konnte man den Durchschlag etwa am 5. März erwarten; derselbe hat sich aber um sechs volle Tage eher eingestellt, da sowohl Arbeiter als Ingenieure mit einem wahren Feuereifer dahinter waren, als man erst auf beiden Seiten den Wider- hall der Minenschüsse, später das Geräusch der Maschinen und die Stimmen der Arbeiter vernehmen konnte. Ten Jubel zu schildern, als sich die Arbeiter von Nord und Süd durch die gesprengten Felsen die Hände reichten, das vermag keine Feder. Die Einleitungen zum Bau begannen 1870, die Handbohrarbeilen wurden in Airolo am 1. Juli, in Göschenen am 4. Juni 1872 in Angriff genommen; im nächsten Frühjahr wurde auf beiden Seiten Maschincnbohrerei eingeführt, die anfänglich durch Dampf betrieben wurde, indem man die durch Dampf- Maschinen komprimirte Lust vor Ort leitete. Später ersetzte man diese Dampfmaschinen durch Wasserkraftmaschinen; indem man im Norden die Gotthardreuß, im Süden die Gewässer der Tremola, eines Gieß- baches, der aus dem See Sella in der Nähe des weltbekannten Gott- hardhospices entspringt, sowie den Tessi» dazu ausnutzte. Beschäftigt waren an dem Bau des Tunnels durchschnittlich pro Tag 3412 Arbeiter. Die Handbohrung betrug per Tag 0,65, die Maschinenbohrung dagegen aus italienscher Seite 2,05, auf schweizerischer 2,56 Meter. Außer den Betriebsstörungen durch Wasserzudrang und Pressung der Gewölbe durch lockeres Gestein erlitten die Arbeiten erhebliche Unterbrechungen, einmal durch den Aufstand der italienischen Arbeiter in Göschenen(27., 28. Juli 1875), sodann durch den Brand von Airolo(17. September 1877). Im Jahre 1872 erbohrte man nur 121 Meter aus beiden Seiten zu- sammen, 1873 bereits 1133 Meter, da hier schon Maschinen arbeiteten, l874 stieg diese Zahl auf 1775, 1875 auf 2406, fiel dagegen im fol- genden Jahre auf 2026, da hier verschiedene Zwistigkeiten zwischen der Gotthardbahngesellschaft und dem Unternehmer ausbrachen, stieg 187? wieder aus 2224 Meter und schloß im letzten Jahre mit 225 l Meter ab, sodaß von der 14,920 Meter betragenden Gesammtlänge des Tunnels noch 385 Meter blieben, davon wurden im Januar l. I. 185, im Februar 200 Meter erbohrt. Außergewöhnlich waren die Fortschritte der letzten Woche; in der ersten Woche des Februar be- trugen dieselben 47,3, in der zweiten 50,1, in der dritten 47,5, in der letzten endlich 46,2 Meter; der tägliche Fortschritt' belief sich also auf durchschnittlich 7 Meter. An der Deckung der Kosten betheiligten sich in erster Linie die Schweizerbahnen und zwar die Schweizerische Nord- ostbahn und die Schweizer Centralbahn mit je 3 500000 Ars., denen später noch 750 000 Frs. folgten. Die Eisenbahnen von Elsaß-Lothringen gaben eine Subvention von 2 717 OVO Frs. Die Köln-Mindener, Bergisch-Märkische, Hessische Ludwigsbahn, Rheinische und Pfälzische Bahn gaben je eine Million Francs. Der badische Staat als Besitzer der badischen Bahnen zahlte gleich Elsaß-Lothringen 2 717 000 Frs. und der preußische Staat als Hauptintcressent der Saarbrücker Kohlen- und Staatsbahn 1 500 000 FrS. Im Interesse des allgemeinen Ver- kehrs wurde außerdem vom deutschen Reiche ein Betrag von 8,060 000 Frs. beigesteuert. Es wurde demnach an Subvention für die Gott- hardbahn von Deutschland allein ein Summe von 20 000 000 Frs. ge- geben. Das italienische Parlament beförderte die Oeffnung dieser Hauptader des Weltverkehrs mit zehn Millionen Francs. Und doch waren die Schwierigkeiten, welche das Unternehmen inmitten seiner Vollendung ins Stocken zu bringen drohten, finanzieller Natur. Sie wurden durch erneutes Eintreten von Deutschland, Italien und nach langem Hin- und Herreden auch von dem Hauptinteresserenten, der Schweizer Eidgenossenschast, gehoben. Man war von der Wichtigkeit der Gotthardbahn zu sehr durchdrungen, um das internationale Unter- nehmen an der Nothwendigkeit einer Nachtragssubvention von zehn Millionen Francs scheitern zu lassen. Sollen wir dem neuen Weltwun- der nach Art der alten Astrologen das Horoskop stellen? Bor allen Dingen feiert der menschliche Unterilehmungsgeist, der vor keiner Schwierigkeit, vor keinem Hinderniß, das ihm die Natur entgegenthürmt, zurückschreckt, einen großartigen Triumph. Die Fahrt von Göschenen nach Airolo, die im günstigsten Falle zwölf Stunden währte, sehr oft aber durch den Sturm der Elemente vereitelt wurde, ist auf eine halbe Stunde reduzirt. Wie einst durch die Entdeckung des neuen Seeweges nach Ostindien um das Kap der guten Hoffnung, werden durch die Er- öffnung des neuen Verkehrsweges zwischen Deutschland und Italien die Verkehrsinteressen des gesammten Europas umgestaltet. Das Haupt- glied zwischen dem Anfangs- und Endpunkt der neuen Weltverkehrs- straße ist mit der Durchbohrung des Gotthardtunnels hergestellt. Einen erheblichen Theil des Verkehrs, welcher bis jetzt seinen Weg aus dem Orient und dem Südwesten nach Mittel- und Nordeuropa und umge- kehrt über Oesterreich und Frankreich nimmt, dürfte in Zukunft die Gollhardbahn an sich nehmen und dadurch die Brenner- und Montcenis- bahn einen wesentlichen Bruchtheil bisheriger Einnahmen an dieselbe verlieren. Genua wird auf Kosten von Marseille und Trieft einen Theil seines alten Glanzes wiedergewinnen. Möge dies Unternehmen von so außerordentlichem Umfange, das die rastlose Thätigkeit von taufenden fleißiger Hände, die unermüdliche Arbeit erfindungsreicher Köpfe in der kurzen Spanne eines Jahrzehnts zur glucklichen Vollendung ge- bracht, die Bahn zu dem ersehnten Bölkerfrieden ebnen Helsen! H. Literarische Umschau. Universalbibliothek der GabelSberger'schen Stenographie. Nr. 1:„Nathan der Weise"(Leipzig, Gustav Körner). Unter Redak- tion des Herrn Dr. Jul. Wold. Zeibig, Professor am königl. steno- graphischen Institut in Dresden, ist soeben mit der Herausgabe des ersten Bändchens ein stenographisches Unternehmen eingeführt worden, das, nach dem Prospekt zu urtheilen, großartig werden wird.— Die Universalbibliothek soll den vielen tausenden, welche sich Gabels- bergers Kunst zu eigen gemacht und aus ihrer Verwendung Nutzen ziehen, in wohlgelungener Stenographie(Lithographie) nach und nach eine Anzahl klassischer Literaturschöpfungen aus dem Alterthum, wie aus der Neuzeit vorführen. Die ersten Bändchen werden wahrschein- lich enthalten: Das Nibelungenlied. Hauff,„Phantasien im Bremer Rathskeller". Goethe,„Reinecke Fuchs". Scott,„Jvanhoe". Jean Paul,„Flegeljahre". Pseffel,„Poetische Werke". Schiller,„Wallen- stein". Beranger,„Lieder". Calderon,„Das Leben ein Traum". Dickens,„Das Heimchen am Herde". Bulwer,„Die letzten Tage von Pompeji zc.— Das vorliegende erste Heft zeigt, daß die Verlagshand- lung sich die keineswegs leichte Aufgabe gestellt hat, alle seither er- schienenen ähnlichen Unternehmungen in den Schatten zu stellen. Seit der Erfinder Gabelsberger selbst zum Zwecke der Uebung im Lesen und Schreiben seiner Schnellschrist im I. 1838 zu München das erste Hest einer„stenographischen Bibliothek" herausgegeben, sind außer den a!S Beilagen zu Zeitschriften in München und Dresden noch jetzt erschei- neinenden„Stenographischen Lesebibliotheken" eine große Menge ähn- licher Werke dem stenographirenden Publikum geboten worden;— ich nenne nur;„Deutsche Klassiker" herausgegeben von Prof. Faulmann in Wien,„Stenographisches Lesekabinet", eine Sammlung vorzüglicher Werke deutscher und ausländischer Klassiker von Joseph Schiff(Wien) und„Gabelsberger stenographische Bibliothek" von Vinzenz Zwierzina (Wien)— aber es gebührt vor all' diesen zum Theil recht hübschen Sachen unstreitig der Universalbibliothek die Palme. Daß die Schreib- weise durchaus korrekt ist(nur eine der in dem Probebändchen ange- wandten Schreibweisen ist von der maßgebenden Körperschaft, dem Stenographentag, noch nicht zur Regel gemacht), dafür bürgt der Name Zeibig, die Lithographie ist musterhast zu nennen, der Druck (Retzlaff, Dresden) auf schönem starkem Papier außerordentlich sauber ausgeführt. Aus diesem Grunde kann die Universalbibliothek— an deren erstem Bändchen nur auszusetzen ist, daß es„Nathan den Weisen" nur zur Hälfte enthält— jedem Jünger Gabelsbergers aufs beste em- pfohlen werden und namentlich dürfte der billige Preis(1 Mark für die— monatlich erscheinenden— 4—5 Bogen starken Bändchen) die Universalbibliothek zum Lesestoff für Fortbildungskurse recht geeignet machen.-z- Inhalt. Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Herr Hansen und der thierische Magne- tismus, von Emauuel W.(Schluß.)— Ueber die Gesetze, denen der Fortschritt der Civilisation unterworfen ist(Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Forschungssahrteu im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil(Fortsetzung).— Noch dem Eisgang der Oder in den Nothstandsdistrikten Oberschlesiens(mit Illustration).— Göschenen am nördlichen Eingang des Gotthardtunnels(mit Illustration).— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei zu Leipzig.