Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. ' Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorner Mann. Von Kermann Kirschfetd. (Fortsetzung.) Ueber meinen Vorschlag betreffs der Maschine sprachen>vir nicht weiter, ich hatte den Vater Oswalds gebeten, bis zum Ein- treffen derselben und ihrer Erprobung zu schweigen. Dagegen unterhielten wir uns von mancherlei Dingen, die des jungen Mannes Einsicht und Besonnenheit in das beste Licht stellten,— auch eine unbewußt verrathene Charaktergiite fehlte nicht. Und dennoch war ich froh, als der Eintritt Bernhardts, meines alten Geschäftsleiters, eine Störung hervorrief. Er brachte Briefe von Wichtigkeit,— die Herren empfahlen sich. Bernhardt kennt Frankenthal seit Jahren, er nimmt keinen Anstand, von Geschäftssachcn, die eben kein Gcheimniß des Hauses, vor ihm zu reden. So hielt er ihn noch auf der Schwelle zurück. „Sie kennen ja auch den Baron von der Hellen," sagte er, „den tollen Verschwender, der, nachdem er in allen möglichen Leidenschaften sein großes Vermögen in der Residenz dnrchgebracht, sich seit einigen Monaten auf sein von Hypotheken überlastetes Stammgut zurückgezogen hat, seine alten Tage vor den Manichäern alten und neuen Testaments zu bergen. Wir selbst haben be- deutende Forderungen an den Freiherrn; gestern habe ich ihni ini Namen des Chefs eine ernste Mahnung zugehen lassen; soeben erhielt ich die Antwort. Begreifen Sie die edle Dreistigkeit, meine Herren,— statt Entschuldigung, statt Bitte um Aufschub, ergeht er sich in nichtigen Redensarten und endet mit der Forderung eines neuen Darlehns im Betrage von zweitausend Thalcrn." „Die der Herr Kommerzrath wohl nicht gewähren dürfte," rief Frankenthal eifrig.„Wer in der Runde kennt nicht den Leichtsinn und die Verschwendung des von der Hellen, trotz seines Alters? Es liegt im Blute, glaube ich,— ein Glück, daß auf diesen welken Stamm kein neues Reis gepfropft." Der alte Freund, der sonst so mild urtheilende, hatte sich in Hitze geredet; auch seinem Sohne mußte es auffallen,— oder war eine andere Ursache der Grund, mir kam es vor, als läse ich eine gewisse Erregung in des jungen Mannes Zügen, als lausche er mit Spannung dem Gespräch. „Sic irren, werthcr Herr Frankenthal," bemerkte Bernhardt, „der' Baron ist nicht kinderlos. Einen Sohn besitzt er zwar nicht, wohl aber eine Tochter, ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren, bisher in einer Provinzstadt bei einer alten Tante erzogen und herangewachsen Seit einigen Wochen lebt sie bei ihrem Vater, der, wie es scheint, große Hoffnungen für die Zukunft spinnt. Schade um das Mädchen; jeder, der mit ihr m Berührung gekommen, spricht mit Lob von ihr. Es soll eine liebe, anmnthige Erscheinung sein." War es Täuschung? Mir kam es vor, als steigere sich die Erregung in Oswald Frankenthals Wesen,— doch achtete ich nicht weiter darauf; ich selber hatte nur leichthin zugehört, ein Plan war plötzlich in mir rege geworden und rasch zum Ent- schluß gereift. „Ich habe längst die Absicht gehabt, meinen Besitz zu arron- diren," nahm ich das Wort.„Das Areal zwischen meinem und dem hellen'schen Gute steht zu meiner Disposition, und ist der Freiherr des Geldes bedürftig, ließe sich vielleicht ein für beide Theile vorthcilhafter Kauf abschließen,— ich hoffe, ein coulanterer Gläubiger zu sein, und dies dem edlen Herrn zu beweisen, als andere es sein dürften." „Sie wollen Gut Wolfshagen kaufen, dem Baron,— seiner Tochter ihr Eigenthum nehmen, ihr letztes?" Glühende Röthe hatte des jungen Mannes Antlitz überzogen, da er diese Worte hervorgestoßen,— nun ward er bleich, er schien sich seines Eifers zu schämen. Erstaunt blickte sein Vater ihn an.„Oswald, was kommt dir bei?" „Ich meine, ein ehrlicher, großmüthig abgeschlossener Kauf sei der Snbhastation doch vorzuziehen," erwiderte ich kühl,„und ohne Zweifel steht'dem edlen Geschlecht, für das Sie besondere Theilnahme zu hegen scheinen, eine solche bevor. Sind Ihnen die von der Hellen bekannt?" Der junge Mann schien verwirrt.„Nicht der Vater, dessen übler Ruf auch bis zu mir drang. Die Baronesse Melanie traf ich wohl hin und wieder in einer Gesellschaft. Ihre Tante lebte zu H., meiner Studienstadt. Soviel ich vernahm, soviel ich weiß, ist sie durchaus des ihr gespendeten Lobes Werth." „Vielleicht habe ich Gelegenheit, mich selber zu überzeugen," sagte ich;„morgen früh reite ich hinüber nach Wolfshagen." Sichtlich wollte Oswald Frankenthal noch eine Bemerkung machen,— er unterdrückte sie. Auch verabschiedete sich sein Vater eben,— meiner harrten noch weitere geschäftliche Mittheilungen Bernhardts. Unter ihnen die Nachricht, daß gegen Abend die Maschine eintreffe,— ich vergaß die Frankenthals, die von der Hellen und meine Pläne. Zur bestimmten Zeit traf die Maschine ein— ein komplizirtcs, unförmiges Ding. Ihr Erfinder hat indessen die Aufstellung durch genaue Instruktionen leicht gemacht. Unter Bernhardts I Leitung geschah sie,— der Tag mochte sich neigen, ehe man damit zu Ende kam; meiner Ungeduld ging alles zu langsam. Mich zu entfernen, bis die Hauptschivierigkcitcn überwunden, erinnerte mich Bernhardt an mein gestern geäußertes Borhaben, nach Wolfshagen zum Freiherrn von der Hellen zu reiten. Ich hoffte, bei der Rückkehr mich durch die gelungene Arbeit überraschen zu lassen, und stimmte bei. Das Wetter war günstig,— ein heiterer, nicht zu Ivarmer Tag, der Weg meist durch Gehölz, schattig und erfrischend,— ich befahl, zu satteln. Eitelkeit mar selten meine Schwäche gewesen,— heute wählte ich ein einfaches, elegantes Reitkostüm, meinen Jahren angemessen, aber auch meinem Aussehen. Es lag mir nicht daran, dein ruinirten Edelmann zu imponiren, noch seiner Tochter zu gefallen,— allein ich kannte diese Art des Adels,— ich wollte in keiner Weise Gelegenheit geben, sich über den dmu-Asois geutilhomme zu moquiren. Nach langem Ritt erreichte ich das wolfshagcu'sche Gebiet,— ein trauriger Anblick. Tie Waldung gelichtet, verkommene Wiesen und Felder, zerfallen die Häuser des kleinen Dorfes und ihre Bewohner mürrisch und feindselig gegen den besser Gekleideten; Kinder, alte Frauen bettelten nnch um eine Gabe an,— Ivelch' ein Kontrast gegen meiner Besitzung Wohlstand! Als ich einen alten Mann nach dem Herrenhause fragte, verzog sich sein faltiges Antlitz wie im Zorn bei dem Namen des Gutsherrn und seine Lippen murmelten einen leisen Fluch. Ich richtete einige Fragen an ihn,— der Alte verbarg nicht seinen Groll gegen den Eigen- thümer, der von Gemüth nicht schlecht sei, aber durch seinen Leicht- sinn sich ruinirt und das Elend seiner Untergebenen mit ver- schuldet habe. Aber auch er war des Lobes der Tochter des Freiherrn voll. In wenig Woche» hat sie sich aller Herzen ge- wonnen. Sie Pflegt die Kranken, lehrt den Kindern, theilt von ihrem wenigen der Armuth mit. Eine Samariterin. Ich trage hohe Verehrung für Mädchen dieser Art im Busen, wenn ich sie nur nicht lieben sollte. Wie alles, bot auch das ursprünglich stattlich angelegte Herren- haus ein Bild der Verkommenheit. Der Garten stand verwildert, nur ein Stückchen desselben schien von sorgender Hand gepflegt,— vielleicht war es ein Werk der Baroncffe; kein Diener war zu sehen, der sich dem ankommenden Reiter bchnlflich erwies. Ich stieg ab, und mein Pferd der Obhut eines herumlungernden Jungen anvertrauend, trat ich ins Haus. Auch im Vestibül keine Seele,— ich stand verlegen; äugen- scheinlich hatten Sparsamkeitsrücksichten die Dienerschaft bis auf ein Minimum reduzirt. In einiger Entfernung glaubte ich Stimmen zu vernehmen. Des Harrens müde, klopfte ich au die erste beste Thür, und da keiner zum Nähertreten einlud, öffnete ich. Ich befand mich, wie ich bei flüchtigem Hinblick erkannte, in einem Vorzimmer. Das draußen vernommene Gespräch ward im Ncbenraum geführt, so laut, daß es meinen Schritt über- tönte und ein jedes Wort verständlich ward. Unschlüssig, ob ich weiter eintreten sollte, blieb ich einige Augenblicke stehen. Was ich vernahm, reizte meine Theilnahme und verleitete mich zu einer Indiskretion. Es waren augenscheinlich der Freiherr und Baronesse Melanie, Vater und Tochter, die sich im Wortwechsel befanden. Bald er- kannte ich die Ursache. Es handelte sich um eine arme, kranke Frau, zu deren Versorgung der Gutsherr, als oberster Versorger der Gemeinde, einen entsprechenden Antheil zu zahlen verpflichtet war. Ter Baron weigerte sich entschieden; mit sanftem Ernst drang die Tochter in ihn; ihre Stimme schien mir sonor und von seltenem Wohlklang, sie sprach nicht von Christenpflicht, sie gebrauchte keine abgedroschenen Phrasen, aber was sie sagte, war so gut, so wahr, daß ich empört mich abwandte, da der Alte ihr mit fast frivolen Redensarten entgegnete und endlich, um zu Ende zu kommen, in Wuth gerathend sich Ausdrücke erlaubte, die mich veranlaßten, meine Gegenwart durch starkes Anklopfen an des Fanlilieuzimmers Thür vernehmbar zu machen. Der Wortwechsel verstummte, die Mannesstimme rief barsch „herein!"— indem ich öffnete, sah ich ein Helles Monsselinkleid durch eine Scitenportiere verschwinden. Es mußte dem Baron klar sein, daß ich ohne völlige Taub- heit jedenfalls einen Theil des lauten Gesprächs vernommen, allein er zeigte sich völlig ungenirt; nicht einmal für den Mangel nothwendigster Bedienung hatte er ein entschuldigendes Wort. Nachdeni ich mich vorgestellt, und er, wie ich wohl bemerkte. meine Toilette mit Prüfendem Blick gemustert, begann er eine unverfängliche, Jagd und gesellschaftliche Dinge behandelnde Unterhaltung. Ich ging daraus ein, um mir ein eigenes Urtheit' über den vielverrufencn Mann zu bilden, und fand das fremde bestätigt. Ein gutmüthiger Charakter, mit Frivolität und Leicht- sinn gepaart. Schon das Aeußere vcrricth den Lebemann um jeden Preis. Perrücke, Puder und Schminke verliehen dem greisen- hasten Antlitz einen säst unheimlichen Ausdruck der Jugendlichkeit, der mich anwiderte. Aus einem Schranke holte er eine Flasche Madeira und schenkte zwei Gläser voll. Ich lehnte ab und er trank beide. Nun kam ich aus Geschäftliches zu sprechen. Mit einer wahr- Haft naiven Dreistigkeit berichtete der Freiherr, wie geplagt er von Schulden sei. Die meine, obgleich eine der bedeutendsten, drücke ihn am geringsten, denn er wisse, er habe es mit einem Edelmann, wenn auch nicht der Herkunst, doch der Gesinnung nach, zu thun, und als solcher werde ich ihm den neu geforderten Vorschuß wohl nicht versagen. Dagegen versprach er mir, Ein- tritt in gewisse Cirkel der Residenz zu verschaffen, zu denen es mir, dank meinem Vermögen, schon längst Zulaß zu erhalten ein leichtes gewesen wäre, hätten mich die Gesinnungen derselben nicht zurückgestoßen. Entschieden wies ich die Zumuthung zurück. Selbst in eine Prolongation der Schuld konnte ich nicht willigen, ohne den Grundsätzen meines Hauses untreu zu werden. Ich sah, wie das Antlitz des Freiherrn sich röthete, kannte meine eigne, leicht erregbare Stimmung und wollte eine Szene vermeiden.— Ich nannte den Hauptgrund meines Kommens, den Kauf der Herr schaft Wolfshagen. Die Zornmiene des Gutsbesitzers besänftigte sich. Ich hatte geglaubt, der Gedanke, den Stammsitz seiner Väter, die Stätte, die seines Geschlechtes höchsten Glanz geborgen, zu opfern, erfor- dere wenigstens einiges Bedenken,— ich hatte mich getäuscht. Baron Willhard von der Hellen war sofort zum Abschluß bereit, doch nannte er als Kaufpreis eine so fabelhaft hohe Summe, daß ich laut auflachen mußte. Der Freiherr stimmte ein.„Es mag Ihnen hoch vorkommen," sagte er,„und doch, nicht minder kann ich Wolsshagen lassen.! Mein Gut ist der Nimbus, der die spekulative Hoffnung umgibt,' die ich auf meine Tochter, Baronesse Melanie, setze. Daß ich sie nur einem sehr vermögenden Manne gebe, ist natürlich, denn sie soll mir dereinst in alten Tagen die Opfer vergüten, die ich für sie gebracht. Aber selbst bei diesem ist es,— Sie werden es begreifen, Kommerzrath, von bester Wirkung, wenn sein Schwieger- vater sich Besitzer von Wolfshagen nennt, abgesehen davon, daß er natürlich meinen Besitz schuldenfrei zu machen sich verpflichten muß. Im andern Fall muß mir natürlich der Kaufpreis diese vereitelte Spekulation mitbezahlen." Mein Blut wallte über.„Und wenn nun beides Sie täuschte," rief ich;„wenn sich, ehe sich ein Käufer für Ihre Tochter, die Sie zur Waare entwürdigen, ebensowenig als für Ihren Besitz, den Sie, obwohl er für Sie ein Gegenstand der Pietät sein müßte, als Spekulation behandeln, fände,— mehr noch, wenn die Ihnen drohende Subhastation plötzlich, wie das jüngste Gericht, herein- bräche, und Sie Wolfshagen zu dem Preise lassen müßten, den Abraham oder Jtzig schon im voraus bestimmt und durch List erzwingen?" Purpurn färbten sich des Freiherrn Wangen.„Wer wagt es, in Willhards, Baron von der Hellens Hause von Subhastation zu sprechen?" rief er. „Meinen Sie mir zu imponiren durch olympischen Zorn?" fragte ich, ruhig bleibend.„Ich, Kaspar Ehrenfried Waldenau, wage es, und mehr noch, ich würde sie vollziehen lassen, Ihnen! nach Verdienst, ohne allen Verzug, hielte nicht die Rücksicht auf Ihre Tochter meine Hand, deren Name mit ebensoviel Liebe � und Verehrung genannt wird, als es mit dem Ihren das Gegcntheil." Von der Hellen sprang auf.„Wollen Sie mich in nieinem eigenen Hause beleidigen?" schrie er.„Thun Sie, was Ihnen recht dünkt; noch bin ich Herr hier und vermag der Unverschämt- heit des Parvenü—" „Mein Vater!" Der Alte hielt inne; augenscheinlich war der Wohlklang der milden, ruhigen Stimme, die ich schon im Vorzimmer vernommen, doch nicht ohne Wirkung auf ihn. Und ich?— Ich schaute wieder und wieder, wortlos, der Bewegung unmächtig. Selbst der Höflichkeit gewöhnlichste Form, die konventionelle Verneigung, unterließ ich. Die Baronesse Melanie, nur sie konnte die Eintretende sein, hatte leicht zum Gruße ihr Haupt 1 327 geneigt, ihr Blick— eine gewisse Bitte lag in seinem Ausdruck— war mit bis in der Seele Tiefe gedrungen. „Du magst dich bei dein Herrn Kommerzrath Waldenau be- danken, Melanie," nahm der Alte das Wort,„aus Rücksicht für dich will er unser Gut nicht subhastiren lassen,— vielleicht bewilligt er aus demselben Zartgefühl, da er Wolfshagen zu erwerben gedenkt, einen Kaufpreis, der deine Zukunft—" „Mein Bater," sagte sie noch einmal; ich sah ihre Wangen sich purpurn färben, eine Thräne füllte das tiefblaue, seelenvolle Auge,— o, hätte ich sie ihr sparen können. Ich beeilte mich, das Wort zu nehmen.„Sie kommen zu rechter Stunde, Baronesse," sagte ich,„der gute Engel zweier leicht erregbarer Charaktere. Ich finde Ihren Herrn Vater in einer Stimmung, die ihn wenig gerecht erscheinen läßt. Vergönnen Sie mir, Sie als Mittlerin in dieser Angelegenheit zu betrachten. Glauben Sie mir, wenn ich darnach strebe, WolsShagen zu er- werben, geschieht es nicht in verächtlichem Uebermuth eines Par- venü, den letzten Sprossen eines alten Geschlechts zu demüthigcn, noch in krämerhaftcr Habsucht eines spekulircnden Gläubigers." „Ich verstehe nichts von Geschäften," erwiderte das junge Mädchen ruhig;„nie habe ich mir erlaubt, mich in Angelegen- heiten zu mischen, die mir fremd sind, und Ivo nur Erfahrung und Manneseinsicht das Wort zu führen berechtigt.— Ein anderes ist es hier, wo es sich um Wolfshagen handelt, um mein geliebtes, thcures Wolfshagen, meiner Kindheit Stätte, mir so lieb durch tausend, tausend Erinnerungen. Um Millionen möchte ich's nicht hingeben, wären die Verhältnisse unseres Ver- mögens nicht eben— wie sie sind. In dem Falle, in dem wir uns befinde», wäre ein günstiger Verkauf, ein ehrenhafter, sogar mein Wunsch, mein lang gehegter,— wie ich meinte, kaum erfüllbarer." „Er soll sich erfüllen, Baronesse," rief ich;„überlassen Sie mir die Ausführung, in einer Weise erfüllen, die Ihres Vaters Zukunft, die Ihre—" Melanie neigte leise das Haupt.„Ich bin überzeugt, mein Vater wird Edelmann genug sein, keinen andern Preis zu nehmen, als solcher mit dem Werthe, mit den Verhältnissen des Guts einigermaßen im Einklang steht," unterbrach sie mich.„Und keinen lieberen Käufer möchte ich für Wolfshagen als Sir, Herr Kommerzrath,— ich habe vernommen, was Sie für die Leute Ihrer Herrschaft gethan, ich habe mich selber davon überzeugt. So gern sähe ich auch Tors Wolfshagen glücklich. Es soll vor Jahren so reich, so blühend gewesen sein,— nun ist es ver- kommen,— die Menschen darin, ein Fluch der Arinnth, der harten, schweren Arbeit, sind raub, das Elend groß. Wie gern hülfe, wie gern bildete ich,— doch was vermag ich? Sie aber, nicht wahr,— Sie, der Sie Wohlstand schufen und Sitte und Zufriedenheit,— Sie lassen auch mein Wolfshagen nicht zurück- stehen?" Ich wollte antworten, ihr sagen,— was, ich wußte es selber kaum: meine Fassung, meine gesellschaftliche Haltung hatte mich verlassen, mir war, wie mir noch nie gewesen war,— ich ver- neigte mich stumm. Ob der Freiherr bemerkte, welchen Eindruck seine Tochter auf mich hervorgebracht? Sein Wesen hatte sich plötzlich gewandelt; er sprach sein Bedauern über seine Heftigkeit aus, beklagte, nicht im stände zu sein, den auf ihn angewiesenen Leuten zu helfen, wie sein Herz es begehre, und lud mich auf den folgenden Tag zu Mittag ein, um das Kaufgeschäft weiter zu bereden. Ich nahm die Aufforderung unter der Bedingung an, daß ich der Baronesse nicht lästig fiele. Mit einiger Kälte, wie es mir schien, wiederholte Melanie die väterliche Einladung,— meine sichtliche Verwirrung, vielleicht mein allzulang ihr zu- gewandter Blick mochten ihr mißfallen haben. Doch gleichviel, ich durfte wiederkehren, sie wiedersehen. Ich empfahl mich, wie ein Träumer bestieg ich mein Pferd, wie ein Träumer ritt ich den Weg dahin, langte an meinem Hause an. Morgen— morgen!— Freudestrahlend kam mir Bernhardt entgegen. Die Maschine ivar ausgestellt, früher, als er gehofft. Ich schützte Müdigkeit vor, um nicht in die Fabrik zu müssen. Morgen— morgen! ..........(Fortsetzung folgt.) Brennstoffe und Wnhnungsheiznng. Von RoMerg-Tindcner. (Fortsetzung.) Wie schon angedeutet wurde, bestehen aber unsere natürlichen Brennstoffe niemals aus reiner Kohle. Dieselben lassen sich viel- mehr in eine Reihe mit anfsteigendem prozentischen Gehalt an Kohlenstoff bringen, deren erstes Glied die reine Holzfaser mit etwa 44,5 pCt. Kohlenstoff, das letzte, der Anthracit, mit etiva pCt. bildet. Da die Kenntniß dieser Reihe von Brennstoffen für die praktische Heizung von maßgebender Bedeutung ist, so müssen wir ihr eine übersichtliche Betrachtung schenken. Das Holz unserer Bäume besteht nicht ans einer durchweg gleichmäßigen Substanz, sondern hat eine so charakteristische Struktur, daß aus ihr die Art des Baumes sogleich zu erkennen ist. Der Querdurchschnitt eines Bauines zeigt aber auch noch viererlei sich kreisförmig umschließende Schichten: die in der Mitte liegenden, oft strahlig auslaufenden Markzellen; dann die die Hauptmasse bildenden und werthvollsten Holz- und Gefäßzcllen, auf welche nach außen der Bast und die Rinde folgen. Die Holz- und Gcfäßzellen, ivelche, wenn jung, mit Pflanzensaft er- süllt sind, verdicken sich während des Wachsthums in ihren Wänden, doch nie so, daß sich nicht wenigstens im Innern eine Höhlung wahrnehmen ließe; auch die Berührung der einzelnen Zellen unter- einander ist nie so vollständig, daß nicht Zwischenräume, die so- genannten Jntercellulargänge, frei blieben, die meist nur mit Luft, zuweilen auch mit eigenartigen Absonderungen des Baumes. wie Harz oder Gummi, gefiillt sind. Je dicker die Wände der Zellen einer Holzart sind, und je mehr davon in einem bestimmte» Volumen sich zusammengedrängt haben, desto schwerer und dichter ist die e Art; man bezeichnet sie daher als hartes Holz, gegen- über dem weichen, welches Zellen mit größeren Höhlungen und mehr Jntercellulargängen in demselben Räume enthält. Man rechnet an den harten Holzern: Eiche, Weiß- und Roth- buch� Ulme, Birk?. Esche; zu den halbharten: Ahorn Erle Lärche. Föhre; zu den weichen: Fichte. Wcißtanne, Linde, Aspe, Pappel, Weide. Trotz der verschiedenen Struktur und Dichte der Hölzer ist aber die chemische Zusammensetzung der Holzfaser oder Cclliilofe, deren Menge 96 pCt. von völlig trockenem Holze beträgt, bei allen die gleiche; nämlich in lOO Thcilcn besteht sie aus: 44,5 Kohlenstoff, 6,2 Wasserstoff, 4!), 6 Sauerstoff. Das Holz enthält aber außer der reinen Cellulose noch Pflanzen- fast, Aschenbestaiidtheile(mineralische Stoffe) und hygroskopisches Wasser, das ist solches, das sich durch Trocknen bis zu etiva l60 Grad C. entfernen läßt. Um möglichst ivcnig Pflanzcnsast im Holz zu haben, der dessen Haltbarkeit beschränkt, pflegt man dasselbe bekanntlich im Winter zu fällen. Die Asche oder die mineralischen Bestandthcilc— im Durchschnitt 1 pCt.— sind unvermeidliche und nothwendige, da ohne solche keine Pflanze vegetiren kann. Der Wassergehalt ist sehr verschieden, im allgemeinen größer bei den weichen Hölzern; er beträgt ungefähr bei nicht getrocknetem Holz von Weißbuche>8 pCt. Rothbuche 40 pCt. Birke 31„ Fichte 45 ,. Eiche 35„ Linde �„ Weißtanne 37„ Schwarzpappel 52„ Man kann annehmen, daß im Durchschnitt gut luftrocknes Holz noch 20 pCt. Wasser enthält. Um den im Holz enthaltenen Brennstoff zu konzentriren und durch bedeutende Verminderung des Gewichts und Volumens transportabler zu machen, sowie auch um gewisse, für tcchnifche Verwendung nachtheilige Eigenschaften desselben zu beseitigen, wird das Holz verkohlt. Es werden dabei mit möglichst geringem Luftzutritt, unter Aufwendung eines Theils der brennbaren Bc- standtheilc, das hygroskopische Wasser sowohl, als auch mehr oder minder vollständig die mit Kohlenstoff im Holz chemisch verbundenen Elemente von Wasser ausgetrieben. Dein cheniisch- reinen Kohlenstoff nähert sich am meisten die Schwarzkohle, die nur noch höchst wenig chemisch gebundenes Wasser enthält, aber vermöge ihrer großen Porosität aus der Luft rasch Feuchtigkeit aufnimmt und daher im Durchschnitt besteht ans Kohlenstoff 85 pCt. Feuchtigkeit 12„ Asche 3 ,. Da bei dieser vollständigen Verkohluug aber fast 40 pCt. an Brennstoff vcr- loren gehen, so zieht man es für viele Zwecke vor, eine zwischen Holz und Schwarzkohle stehende braunschwarze Holzkohle herzustellen, welche, wenn frisch und trocken, zusammengesetzt ist aus Kohlenstoff 74 pCt. chem. geb. Wasser 24,5„ Asche 1,5„ die aber beim Lagern auch noch 10 pCt. Feuchtigkeit aufnimmt. Bei den weiterhin zu besprechenden, natürlich vorkomniendenBrennstoffen ist der Prozeß der Tren- nung des chemisch gebun- denen Wassers vom reinen Kohlenstoff, der bei der Holzvcrkohlung künstlich bewirkt ist, durch die Natur selbst bis zu immer größe- rer Vollkommenheit besorgt. Die Einleitung durch Zer- setzuug von Kohlensäure iu Pflanzen vermittels der Sonnenstrahlen hat jedoch ohne Ausnahme vorher- gehen müssen. So auch bei dem nächsten Gliede unserer Reihe, dem Torf. Er sist das Produkt der natürlichen Zersetzung von Bcgetabilien, vorzüglich an solchen Orten, welche zwar noch genügende Tcm- peratnr zur Entwicklung von Vegetation, dabei aber stehendes Wasser besitzen, welches den Tors den größ- ten Theil des Jahres von der Luft abschließt. Es sind ganz bestimmte Sumpf- oder Torfpflanzen, welche in dein aufgestanteir Wasser gedeihen; vorzüglich die Arten Eriophornm, Cal- luna, Leduin palustre, Hypnurn, vornehmlich aber Sphagnum, welche Pflanze oben beständig fortwächst, während die unteren Theile absterben und vertorfen. Der Torf ist von sehr Die Heriuesstatnc des abweichender Beschaffen- heit, ivelche herrührt thcils voii der Verschiedenheit der Pflanzen, aus denen er gebildet ist, theils vou der mehr oder weniger vorgeschrittenen Zersetzung derselben, thcils auch von der Art und Quantität der erdigen Theile, welche der Torssubstanz immer beigemengt sind. Es ist das eben der Vegetationsbodeu, in dem die Torfpflanzen wurzeln, und besteht aus Sand, Lehm, Thon, Kalk, Eisenocker, phosphorsanrein Kalk, Gips u. s. w. Auf die Dichtigkeit der Masse übt die verschiedene Größe des Wasserdrucks, unter dem sich der Torf bildet, den niaßgebeuden Einfluß aus. Nach den Vegetabilien, welche den Tors erzengten, lassen sich unterscheiden: Moortorf, hauptsächlich aus Sphagnuiuarten ge- bildet; Haidetorf, aus Wurzeln und Stämmen der eigentlichen Haide- pflanzen; Wiesentorf, aus Gras und Schilf gebildet; Wald- oder Holztorf, der hauptsächlich aus dein Holz von Waldbäunien entstand; Meertorf, von Tangen her- rührend. Der Wassergehalt vou frischem Torf ist natürlich ein sehr beträchtlicher; durch längeres Lagern kann er bis 45 pCt. davon verlie- reu. Die reine, organische Masse des Torfs besteht ungefähr aus: Kohlenstoff 60 pCt. Wasser 38„ Wasserstoff 2.. Die beste Sorte lufttrocknen Torfes enthält immer noch 25 pCt. Wasser, oder ist mit Einschluß dieses zu- saminengesetzt aus: Kohlenstoff 45 pCt. Wasserstoff 1,5„ chem. geb. Wasser 28,5„ Hygroskop. Wasser 25„ Mehr, als durch Trocknen an der Luft, wird der Werth und die Brauch- barkeit des Torfes ver- bessert durch Darren bei 100 bis 120 Grad C.; am meisten aber durch Pressen, welches Entwässerung und Verdichtung zugleich be- wirkt und die Transport- fähigkeit und Verwerthbar keit erheblich vermehrt, wie folgende durchschnittliche Zusammensetzung einer guten Sorte Preßtorf zeigt: Asche 6,3 pCt. Wasser 13„ Kohlenstoff 48,4„ chem. geb. Wasser 32,3„ Auch der Torf wird durch Verkohlung für größere Verwendbarkeit vorbereitet, doch ist die Torfkohle von sehr verschiedenem Werth und wesentlich nur für rein technischen Gebrauch von Nutzen. Die Braunkohle ist gleich dem Torf durch nasse Bermoderung kohlenstoff- reicher gewordenes Holz, nur ist hier der Zersetzungs- Prozeß erheblich weiter vor- Praxiteles.(Seite 335.) geschritten. Man findet und gräbt die Brannkohle in ziemlich verschiedenen Va- rietäten, als ältere und jüngere, welche letztere sich dem Torf, die erstere den Steinkohlen nach Aussehen und Verhalten mehr nähern. Man unterscheidet daher: das bituminöse Holz(Lignit), das Holz- struktur zeigt, und in dem Stamm-, Ast- und Wurzelstückc nicht selten noch deutlich erkennbar sind; die gemeine Braunkohle bildet derbe, spröde Massen von muschligem Bruche,— ist dieser glänzend, so wird sie auch Gagat genannt; die erdige Braunkohle 330 oder Erdkohle ist mit vielen erdige» Substanzen gemengte Braun- kohle. Der Aschengehalt der Braunkohle beträgt 5— Ut pCt. Die Asche besteht wesentlich aus: Thonerde, Kieselerde, Kalk, Magnesia, Eisen- und Manganoxyd. Frischgefeuerte Braunkohlen enthalten bis 50 pCt. hygroskopisches Wasser; nachdem sie lufttrocken geworden, immer noch gegen 20 PCt. Bei Nichtberücksichtigung des schwankenden Aschegehalts ist die Zusammensetzung von lusttrockner Braunkohle in mittleren Zahlen die folgende: Kohlenstoff 52 pCt. Wasserstoff 1,5„ chemisch gebund. Wasser 26,5„ hygroskopisches Wasser 20„ Die erdige Varietät läßt sich erst dann zur Feuerung benutzen, tvenn sie zuvor cingesumpft und in Formen, gleich den Ziegeln, gestrichen und getrocknet worden ist. Aber auch die geringer» Sorten von gemeiner Brannkohle werden Vortheilhaft erst durch Maschinenpressen in feste und gleichmäßige Kohlenziegel zusammen- gepreßt. Eine strenge Grenze läßt sich zwischen Brannkohlen und Steinkohlen nur schwer ziehen. Dem äußern Ansehen nach ist die— nach ihrer Entstehungszeit bezeichnet— ältere Braun- kohle und jüngere Steinkohle schwerlich zu unterscheiden. Man nimmt daher das geognostische Vorkommen zum Anhalt, um darnach eine fossile Kohle als Braunkohle oder als Steinkohle zu bestimmen, und rechnet zu den ersteren diejenige, welche jünger ist, als Kreide und in Formationen über derselben vorkommt, während man die in älteren Formalionen sich findende als Steinkohle bezeichnet. E. Fremy hat neuerdings bessere Kenn- zeichen nach dem Verhalten gegen gewisse Reagenticn angegeben, um Braun- und Steinkohle zu unterscheiden, deren ausführliche Beschreibug in Berücksichtigung der hier gestellten Aufgabe jedoch zu weit abseits führen würde. Das Wesentliche ist, daß in jüngerer Braunkohle noch Ulminsäure nachweisbar ist, die ältere sich in Salpetersäure und Hypochloriten auflöst, was beides bei der Steinkohle nicht der Fall ist. Die Steinkohle oder Schwarzkohle ist nächst dem Eisenerz das wichtigste aller Mineralien, sowohl als Grundlage der heu tigen Ausdehnung der Industrie, wie als Brennstoff für den häuslichen Bedarf. Darüber kann kein Zweifel mehr entstehen, daß die Steinkohlen von einer längst untergegangenen Flora herstam men, deren muinisirte und verkohlte Ueberreste Gebirgsschichten von oft vielen Qüadratmeilen Ausdehnung bilden, lieber den Vorgang, welcher bei der Steinkohlenbildung stattfand, existiren mehrere Ansichten, lieber die Arten von Pflanzen glaubten die Gelehrten, denen eine ivissenschaftliche Schematisirung als End- ziel vorschwebt, bereits das letzte Wort gesprochen zu haben. Nicht blos die Namen„der hundertfältig übereinander gepreßten Stämme" wurden uns genau aufaenannt, sondern auch nach den sorgfältig studirten Pflanzenabdrücken, welche die Steinkohle zeigt, wurden prächtige, imposante Vegetationsbilder der Wälder entworfen, die zu unserm Nutzen als Steinkohle konservirt sind. Es fehlen auch nicht grausencrregende, bildliche Darstellungen der ganz plötzlich hereinbrechenden Fluthen von Schicferthon-, oder Sandstcinbrei, durch welche rascher als durch Millionen Holzfäller die Stämme umgeknickt, wie Scheitholz sorgfältig und ohne Zwischenraum nebeneinander geschichtet und dann zu Kohle vcrpreßt worden sein sollen. (Schluß folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Wasenberg. (Fortsetzung.) „Sie sind unwürdig, sie sind es," rief sie mit Anstrengung. „Sie sind ärger als Jesuiten, sie schüren den Haß in der Familie und saugen die Opfer aus!"„Haben Sie Mittel, diese Betrüger zu entlarven?!"—— Frau Sander sah auf die Erde und schtvieg.„Nein," versetzte sie gepreßt,„ich habe keine; diese Men- scheu sind zu abgefeimt, um sich gefangen zu geben! Ich habe keine andern Mittel, als meinen Verstand!"———-- Was sie noch zu mir gesprochen, will ich nicht hierher setzen. Als sie unter anderem fortfuhr, ihren Mann anzuklagen, unter- brach ich sie und sagte:„Und haben Sie nicht vielleicht selbst Mitschuld an diesem unglücklichen Verlauf?— Haben Sie sich nicht selbst durch anhere zum religiösen Fanatismus aufhetzen lassen?-- Sie haben Ihren Mann, in der guten Absicht, ihn von dem betäubenden Wirthshausleben fern zu halten und der Familie zuzuwenden,«lgehalteu zum Kircheugang und son stigen religiösen Verrichtungen. Bei seinem Charakter in allen Dingen ehrlich, aufrichtig, standhaft, aufopfernd sich zu erweisen, war es erklärlich, daß er Fanatiker wurde. Er ist ein ganzer Mann, aber ein irrgegangcner Mann. Sie wollen ihn zu ihren Zielen lenken und er ging weiter auf dem falschen Wege und — das Unglück steht vor der Thür!"----„Ich weiß," entgegnete sie, ,chaß ich viel Schuld bin, und das ist es, was mich so niederdrückt. Ich fühle auch, daß Sie mit Ihren An- sichten das Richtige erstreben— aber es fruchtet nichts, ich kann mich nicht erheben; es ist zu spät, ich bin zu alt— es hätte früher geschehen sollen. Nu» ist mein Glaube der einzige Ret- tungsankcr, der Heiland mein einziger Freund in der Roth!" Ich suche vergebens nach einer Gelegenheit, mit Sander zu reden. Er weicht mir aus, und als ich ihn vorhin zum Gespräche über die geschehenen Vorkommnisse bewegen ivollte, wich er mit den Worten aus:„Was Gott thut, das ist wohl- gethan!"—— Ebenso vergebens suche ich einen Weg, um die Äpostoliker in ihrem geheimen Treiben zu belanschen. Man ist einig, daß sie von dem Schweiße bedauerlicher Opser leben, aber über das Gerücht hinaus führt kein rother Faden. Sie führen Buch über alle Vorkoininniffe der Familie, wissen alles,>vas geschehen ist nnd lenken alles, was geschehen soll.— Sander ist der Eifrigste der apostolischen Brüder. Obgleich die„Glaubens- festen" stets und bald zu einem Amte emporrücken, so läßt man ihm doch keins zuwenden.„Der Geist des Herrn hat ihn noch nicht zu einem heiligen Amte berufen". D. h. ihm fehlt, das Zeug zum Humbug.— Weil nun seine Frau beständig lhätig ist, die Äpostoliker zu verleumden und selbst die einflußreichsten Personen der Polizei und Regierung gewinnt, der Sekte nach- zugehen, so trachten die„Erleuchteten" insgeheim darnach, sie zu vernichten.„Der heilige Geist hat dir den Untergang geschworen," sagte Sander kürzlich nnd dies war das Echo seiner Priester! Der kleine Sohn Sanders stand auf der Treppe und iveinte: „Was fehlt Dir, mein Sohn?" sagte ich freundlich zu ihm.— „Mein Papa," antwortete der Kleine,„will, daß ich mit ihm in seine Kirche gehe, was die Mama nicht haben will. Da wurde Papa sehr böse und da ich mich hinter der Mama versteckte, hat er nach mir geschlagen und statt meiner die Mama getroffen!— Ach, ich gehe nicht gern mit in Papa's Bethans."„Du mußt thnn, was Papa sagt!"—„Und hat Mama nichts zu sagen?" fragte der Kleine.— Die Frage brachte mich in einige Vcr- legenheit. Zum guten Glück kam aber Sander, grüßte mich freundlich und nahm seinen Sohn an die Hand.---- Frau Sander geht tiefsinnig im Hause herum.--- Heute, Montag, passirt es mir das erste mal, daß ich kein Mittagessen bekomme. Frau Sander hat in ihrer Zerstreutheit die Llochenszcit verpaßt!—--- Frau Sander ist plötzlich verschwunden. Man weiß nicht wohin! Sic soll gestern Abend beim Pastor B.. gewesen sein. Eine Betschivcster, eine zudringliche, süßliche Person, habe sie ab- geholt, sagte man mir. Sauder entschuldigte sich bei mir und bat mich, auswärts zu speisen.-- Nun haben wir schon Donnerstag und die arme Frau ist noch nicht gefunden!— Sander, besorgt, lief zur Polizei und machte Anzeige.— Es ward telegraphirt— aber ohne Erfolg.— Eine Nachbarin stellt die gräßliche Bermuthung auf, daß die Frau sich ertränkt habe.— Wenn alles nicht hilft und Gott mich verläßt, so stürze ich mich ins Waffer, soll sie zu einer alten Frau gesagt haben!—„Unsinn!" rief Sander.„Meine Frau kommt schon wieder."-- Nun ist sie wiedergekommen!— Ich kam von Weise's nach Hause. Vor der Thür stand eine große Menge Menschen!— Alles war in Aufregung. Denken Sie, wissen 331 Sie, tönte es mir aus vielen Kehlen entgegen— Frau Sander hat sich— ertränkt. Schiffer fanden sie unweit der Stadt an einsamer Stelle.— Sie ist hergebracht. Sie liegt oben in der guten Stube!—-- Ich rannte hinauf, ich osfnete die Thür. Sander stand stumm, unbeiveglich an dem entseelten Leichnam seiner Frau. Der kleine Sohn weinte und jammerte. Die Todte war bleich wie Marmor und die feuchten schwarzen Haare hingen ungeordnet an den Schläfen herunter!— Ich ergriff die starre Hand, die sie so oft liebevoll ans meine Schultern gelegt hatte, wenn sie mich den„Unverbesserlichen" schalt!--- Mir wogte die Brust; ich hätte so vieles sagen können, aber ich war stumm — ich weinte selbst.—„Was Gott thut, das ist wohlgethan," sagte Sander. Das schreckte mich aus meiner Wehmuth auf. „O nein," antwortete ich.„Was Menschen thun, ist oft nicht wohlgethan. Das Gewissen wird's ihnen sagen!"—— Wieder, wie vor einem Jahre, sah ich einen Sarg hinaus- geleiten, die Reste eines Atenschen, den ich trotz aller Jrrthümer lieben gelernt hatte. Wieder sah ich diejenigen an dem Todten schreine stehen, die die ungeheure Schuld des Mordes ans sich lasten haben!-- Aber ich ließ mich nicht wieder zu einer wüthigen, öffentlichen Anklage von meinen Gefühlen verleiten.— Pastor B.. machte ein ehrbares, frommes Gesicht. Er begleitete wider Getvohnheit die Leiche eines Selbstmörders, vielleicht be wüßt seiner Sünde, vielleicht auch nicht!— Als er mich erblickte, glitt ein verächtliches Lächeln über seine Züge, nur für einen Augen- blick, dann sprach er salbungsvoll:„Lasset uns den letzten schweren Gang antreten!"-- Nun ist die Todte eingescharrt. Ich werde für eine Gedenktafel Sorge tragen. Sander wird es wohl doch nicht thun. Er ist nun ganz fromm geworden. Meine Hoffnung für ihn ist auf den Nullpunkt angelangt.— Morgen werde ich mich nach einer anderen Wohnung umschauen!-- So schrieb ich gestern. Heute weiß ich, daß ich keine Woh- rning hier am Orte mehr brauche. Ich kann mein Bündel schnüren, meine Baarschafk zählen und mich davontrollen. Es ist meinen Feinden gelungen, mich meines Brotes zu berauben, aber nicht gelungen, mich zu entmuthigen. Brief von Weise! „Mein Herr!-- Sie haben fortgesetzt meinen Sohn durch irreligiöse Lehren zu bethoren gesucht. Zur guten Stunde habe ich Kenntniß davon erlangt und ich danke Herrn Pastor B.. für den freundlichen Wink von der drohenden Gefahr für das Gemüth meines Sohnes von ganzer Seele!— Ich kann Sie nicht länger den Unterricht fortführen sehen, und indem ich Ihnen anbei das Salair für Ihre Bemühungen sende, muß ich Sie bitten, von heute ab alle Verbindungen als aufgelöst zu be- trachten."—-- Ich wollte Weise persönlich die Antivort übermitteln. Er ließ sich verleugnen. Sein Sohn aber hatte mich komme» sehen, drückte mir heimlich die Hand und sagte:„Ich bin nicht daran Schuld, wirklich nicht. Papa hat sich verhetzen lassen."—„Denke oft an mich," versetzte ich bewegt,„und vergiß nicht, daß man rastlos nach der Wahrheit streben muß, die den Menschen der Thorheit und der Gläubigkeit überhebt." Dann ging ich. Wo- hin?— Ich weiß es noch nicht, aber es flüstert in mir leise eine Stimme:„Deinem guten Genius folge!" (Foetsehung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Htudotph von I!. (Fortsetzung.) Einige Wochen nach Weihnachten finden wir die beiden Wichtel, Vater und Sohn, wieder einmal im Arbeitszimmer des elfteren beisammen. „So hätten wir denn Krieg," sagte der Justizrath, indem er kaltblütig die Cigarre aus einem Mundwinkel in den andern schob. „Krieg bis aufs Messer," bestätigte der Sohn. „Mit wem alles, mein Lieber?" „Mit deinem alten Freunde Alster und unserem gemeinschaftlichen Freunde Schweder." „Und mit Senkbeil und Schneemann dazu, dächte ich." „Ist nicht nöthig, im Gegentheil! Olviclo et iwpera, theile und herrsche. Senkbeil und Schneemann können wir zu Bundes- gen offen werben." „Du keiinst meine Feindschaft gegen alle Phrasen," meinte der alte Herr mit ungeduldigem Achselzucken.„Der Versuch mit dem Oiviäe et impera ist uns soeben noch mißglückt: dir mit deiner Absicht, dich wieder mit Schweder zu stellen, um Alfter .von seinem' für uns gefährlichsten, weil schlauesten Alliirten zu isoliren, mir mit meinem Bemühen, über den bockbeinigen Narren, den Alster, die alte Macht wiederzugewinnen und so dem Schweder seine wesentlichste Stütze zu nehmen." „Cber papa, ich meine, wir hätten uns über den wahrschein- lichen Erfolg dieser unserer Versuche von vornherein nicht getäuscht. Ich habe beide nur als Rekognoszirungen betrachtet. Daß Schweder mir zuliebe nicht den albernen Bengel, den Lauter, fortjagen wird, wie ich es als Bedingung für eine Aussöhnung zwischen uns beiden durch einen unserer beiderseitigen Bekannten von Schweder verlangen ließ, das wußte ich wohl. Und daß Alster längst Wind davon hat, wie wenig reelle Garantieeil unsere Vermögensumstände ihm für die Fortdauer geschäftlichen Zusammenwirkens bieten, oder gar für den Fall der Verknüpfung unserer Häuser durch die famose Ehe, welche die Herren Väter seit Jahren so kostlich vorbereitet haben, das ist doch wohl über allen Zweifel erhaben. Der biedere alte Freund wollte seit langem los von uns und sein Fräulein Tochter mußte mir den Laufpaß geben. Darauf hatte der alte Fuchs sie dressirt. Daher wäre eine Aussöhnung, wenn sie auch scheinbar gelungen, doch eben nichts anderes gewesen, als ei» bewaffneter Friede, dem der offene Krieg— meine ich— unter allen Umständen vorzuziehen ist." Der Justizrath wiegte ärgerlich den grauen Kopf. „Immer die alten üblen Angewohnheiten. Lange Vorträge und wenig Inhalt. Sage mir lieber, wie du dir das Ziel des Krieges vorstellst, aber kurz, wenn ich bitten darf." „Das Ziel, nun, was so die Kriege für ein Ziel haben: Vernichtung des Gegners." „Das heißt?" „Der ,Tageskorrespondenth der für Schweder die Leiter werden sollte, und zum Theil schon geworden ist, zu öffentlicher Beden tungj muß ruiuirt und Schweder muß gezwungen werden, sich wieder in das Dunkel seiner vegetativen Privatexistenz, in der er unsere Kreise nicht stört, zurückzuziehen— das ist Nummer eins meines Programms. Dann kommt Alster an die Reihe." „Nun?" Der junge Wichtel antwortete mit einer Gegenfrage: „Kann sich eure Fabrik mit den Bestellungen, welche sie von unsrer Bahn bekommen wird, aus die Dauer halten?" „Nein," erwiderte der Justizrath kurz. „Das setzte ich voraus, obgleich ich nicht recht begreife, warum mein kluger Herr Vater sich von diesem saubereu Geschäfte nicht längst loszumachen versucht hat, in das uns ja nur die Roth- wendigkeit, unsere Kreditfähigkeit durch emen großen Coup wieder aufzufrischen, hineiiigezwuiigen hat." „Wenn die Inangriffnahme sämmtlicher Bahnbauprojekte beschlossene, unabänderliche Sache ist, wenn dann die Bestellungen unsere Fabrik überfluthen. dann wäre die Gelegenheit da zum Rückzug. Vorher aber ist nicht daran zu denken." „Du meinst also, Alster und Senkbeil werden die Einsicht nicht gewinnen,-daß die Allianee unsrer Bahn mit der Fabrik letztere nicht für alle Ewigkeit rentabel macht?" „Schwerlich. Alster ist der alte Hans in allen Gassen, oder vielmehr ein Mensch, dem seine wirklich großen Geschäfte längst über den kleinen Kopf hinausgewachsen sind, und Senkbeils Ber stand lebt erst recht von der Hand in den Mund." „«o sagen wir uns denn einfach von der Kompagnie Alfter, Senkbeil im geeigneten Momente los, ziehen unser Geld— 50000 Thaler, nicht wahr?— zurück und arbeiten dann wacker auf den Ruin unserer bisherigen Verbündeten hin." „Und so gedenkst du Senkbeil zu unserem Bundesgenossen zu machen?" „Damit nicht. Aber anders! Die Trennung von der Koni- pagnic muß in größter Freundschaft mit Senkbeil geschehen und nur die Entzweiung mit Alster zum Grund haben. Ist sie ge- schehen, so erzähle ich dem guten Senkbeil eine Geschichte, wie man— unbewußt und ganz wider seine Absicht— mit seiner schönen Frau sich liebe Freunde und getreue Bundesgenossen erkauft." Der Justizrath schob sich die Brille zurecht und schaute seinen Sohn scharf an. „Schweder und die Senkbcil— ja, wenn man Beweise hätte," meinte er dann, beifällig nickend. „Die Beweise dafür habe ich so gut wie in der Hand. Aber ich denke, auch noch für mehr— für die Kombination Alster und die Senkbeil— Beweise zu erhalten." „Deine blühende Phantasie, mein Lieber, spielt dir da doch einen, wie mir scheint, ziemlich dummen Streich. Ich kann die schöne Senkbeil unmöglich für so haarsträubend geschmacklos halten, um ihr eine Liaison mit dem eingebildeten Einfaltspinsel, dem Alster, zuzutrauen— zumal, wenn der Tausendsappermenter von Schweder— für ein Weiberherz der verführerischeste von euch jungen Lebemännern allen in unserm guten P.— in Wahrheit i hr Freund ist, statt blos der des blinden Hessen, ihres Mannes." Wichtel junior machte ein indignirtes Gesicht. „lieber Weibergeschmack gedenke ich mit meinem Herrn Papa nicht zu rechten. Aber was ich weiß, das weiß ich eben. Und so weiß ich denn auch, daß Schweder, der uns alle zur Zeit, als die Verbindung mit Senkbeil zustande kam, mit einem ganzen vketz von Jntriguen umsponnen hatte, mehr als eine Zusammen- kunft der Senkbeil mit Alster vermittelt hat, und daß er die ausgesprochene Absicht gehabt hat, seine Freundin als Köder für unfern Freund Alfter zu gebrauchen, der denn auch glücklich heute noch eisenfest an diesem Köder zu hängen scheint." „Womit freilich noch lange nicht bewiesen ist, daß die löbliche Absicht Schweders, dem ich übrigens solche Streiche sehr gern zutraue, ausgeführt worden ist." „Mag dem sein, wie ihm wolle. Können wir beweisen, daß Schweder die Absicht gehabt und daß es ihm gelungen ist, so ist Senkbeil sein und Alsters Todfeind und Alster ist in unseren Händen. Beweisen wir, daß er die Absicht gehabt, ohne daß es ihm gelungen ist, so ist gleichfalls das Bündniß Schweder-Senkbeil zerrissen und das zwischen Senkbeil und Alster auf's äußerste gelockert. Könnten wir aber etwa beweisen, daß Alster nur der Geuasführte Schweders, vielleicht mit Wissen der Senkbeil, ge- wesen ist, so ist das Tischtuch zwischen Alfter einerseits und Schweder und Senkbeil andrerseits zerschnitten,— nicht wahr, eher papa?" „Ganz leidlich kalkulirt, mein Bester. Führe also einen von diesen, jedenfalls nicht übermäßig leichten Beweisen." „Eben darum werde ich ihu führen. Der Schweder soll an mich denken. Hat mich der unverschänite Kerl doch noch damit zu verhöhnen gewagt, daß er mir andeuten ließ, in der Wahl der Waffen werde er mir, wenn ich die gewünschte Genugthuung von ihm haben wollte, in jeder Beziehung freieste Hand lassen." Der Justizrath lachte.„Da kenut er meinen vorsichtigen Herrn Sohn freilich schlecht." Dem jungen Herrn schien an der weiteren Erörterung dieses Themas nicht viel gelegen. „Was wird nun aber deine Thätigkeit in dem bevorstehenden Kampfe sein?" „Ich werde den ,Tageskorrespondenten� in der öffentlichen Meinung ruiniren, mein Bester, und meinen alten Freund Alfter im Verwaltungsrath unserer Bahn unmöglich machen und ihm die garnicht hoch genug zu schätzende öffentliche Meinung, alias Volkesstimme— Gottesstimme, auch so auf den Hals hetzen, daß er sich wundern soll, mein alter Freund." Der Doktor Wichtel schaute seinem würdigen Erzeuger mit einer Miene in das unbeschreiblich hämisch grinsende Habichts- gesicht, als wenn er an dem gesunden Verstände des Sprechers gelinden Zweifel hege. „A la boune heure!" sagte er.„Das sind allerdings ge- waltige Perspektiven, auf Ehre! Der Wille ist gut, aber—" „Aber"— der Justizrath sah verächtlich auf seinen Sohn herab,„ein Aber gibt's da nicht, mein Lieber. Wenn einmal der alte Wichtel ernstlich gewollt hat, so hat er auch gehandelt und seine Absicht— ausnahmslos— erreicht, und wenn's galt, mit einer ganzen Welt von Widersachern fertig zu werden. Das ganze Geheimniß des Erfolges ist: man darf in den Mitteln nicht wählerisch sein,— unsere ärgsten Feinde, die bewußten Schwarzröcke, sind unsere glänzenden Vorbilder: der Zweck heiligt die Mittel— hähä!" Der Justizrath, dessen Stimme energische Verbissenheit athmete, rieb sich ungeheuer behaglich die Hände. Das Gesicht seines Sohnes hatte den Ausdruck verwunderten Zweifels verloren; beinahe bewundernd schaute er jetzt auf den Alten. Er kannte ihn. Wenn der einmal ernstlich wollte, insbesondere wenn er ein so reges Interesse daran gewonnen hatte, jemandem ein Bein zu stellen oder gar, einen Menschen zugrunde zu richten, dann war er Wunder zu leisten im stände, das hatte er hundertmal bewiesen, und Freund und Feind fiirchteten ihn mit gutem Grunde. „Nun denn," meinte Wichtel Sohn;„so müßte es eben mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Herrn Schweder nicht unterkriegten." „Wie lange bedarfst du zu deinen Operationen?" fragte der Alte. „Acht bis vierzehn Tage, denke ich." „Gut— bis dahin werde ich auch mit der Hauptsache fertig sein. Also, an die Arbeit!" »* * Wenige Tage darauf fand eine Sitzung des Eisenbahn- verwaltungsrathes statt. Der völlige Ausbau der Bahn nach den weitestgehenden Projekten war beschlossene Sache. Heute handelte es sich Haupt- sächlich darum, die Kostenanschläge zu prüfen. Sie waren unter der Oberleitung des Oberbauraths Schneemann auf das sorg- fältigste bis in die Details ausgearbeitet. Herr Alster hatte eben eine längere Rede vom Stapel gelassen, worin er die Geuauig- keit der Berechnungen und die auf Billigkeit und Solidität in gleicher Weise angelegten Voranschläge als mustergiltig und über alle Anfechtung erhaben gepriesen hatte. Da ergriff der Justizrath Wichtel das Wort. Auch er pries die Umsicht und den Fleiß, welche bei der Ausarbeitung der Kostenberechnungen obgewaltet hätten. Vorzüglich habe er zu loben, daß der Hauptgesichtspunkt dabei die möglichste Billigkeit der Ausführung gewesen. Er habe nun einen Vorschlag zu machen, bezüglich dessen er von vornherein der allgemeinen Zu- stimmung sicher sei, da es sich dabei um eine jedenfalls nicht unbedeutende Ersparniß handle. Er beantrage, daß der Bau des großen Viadukts über das Pcrlethal, das größte Bauwerk auf den in Angriff zu nehmenden Strecken, dem Baumeister Waldsteiu als Subunternehmer übertragen werde— unter der Bedingung, daß dieser den Viadukt um wenigstens fünf Prozent billiger herstelle, als ihn die vorliegende Kostenberechnung ver- anschlagt habe. Der Justizrath erntete reichen Beifall. Auch Alster hatte nicht das Mindeste gegen den wichtel'schen Antrag einzuwenden, um- sowcniger, als ein sonst hauptsächlich durch sein hartnäckiges Schweigen glänzendes Mitglied des Verwaltungsraths den Wunsch aussprach, bei den Verhandlungen mit Waldstein möge das all- verehrte und hochbewährle Verwaltungsrathsmitglicd Herr Alster den Verwaltungsrath vertreten. Alster glaubte, Wichtel werde dagegen Widerspruch erheben oder wenigstens eine solche Ver tretuug des Verwaltungsraths für überflüssig erklären, aber er täuschte sich, Wichtel sagte und that nichts dergleichen, und der Wunsch des seiner Gewohnheit untreu gewordenen Schweigers wurde einstimmig zum Beschluß erhoben, mit dem einzigen Zusätze, der von demselben Sonntagsredner ausging, über dessen Redseligkeit alle seine Kollegen verwundert den Kopf schüttelten, daß Alfter im Interesse der gesammten Aktionäre bemüht sein möge, eine, wenn möglich noch höhere Kostenermäßiguug als fünf Prozent von Waldstein herauszuschlagen.— Und es gelang Herrn Alster, wider und über alles Erwarten, diesem Wunsch gerecht zu werden. Er bekam nach längeren Unterhandlungen von Waldstcin nicht nur einen um fünf Prozent mäßigeren Preis für das gewaltige Bauunternehmen zugebilligt, sondern dieser verpflichtete sich sogar, um zehn Prozent billiger zu arbeiten, als der schneemann'sche Kostenanschlag berechnet hatte. Das war ein Erfolg, der nur durch den schlechtverhehlten Grimm einigermaßen getrübt wurde, welcher den dicken Ober- baurath erfaßte, als ihm von dieser Mittheilung Kunde ward. r Fiel doch nun auf ihn und seine ganze Kostenberechnung ein Schatten des Verdachtes, er habe überhaupt Preise angesetzt, ivelche sehr gut noch um ein Beträchtliches ermäßigt werden könnten. Auf vierzig Millionen Mark waren die Gesammtkosten der in bestimmte Aussicht genommenen Bauten angenommen. Wenn nun überall zehn Prozent erspart werden konnten, im ganzen also vier Millionen, so hatten die Bahnaktionäre gewiß keine Ursache, über des Herrn Oberbauraths„sorgfältige und gewissen- hafte" Berechnung sich besonders zu ergötzen. Es war also eine riesige Taktlosigkeit von Alster, das bestätigte Herrn Schneemann der verehrteste von allen seinen Freunden, der Justizrath Wichtel, daß er auf Waldstein solange gedrückt, bis dieser einen so lächerlich mäßigen Preis acceptirt habe. Da hatte er, der alte Wichtel, die Sache ganz anders augefangen. Als Waldstein ihm im letzten Augenblick, noch vor der jüngsten Verwaltungsrathssitzung, das Angebot gemacht, er wolle den Viaduktbau übernehmen, hätte er es natürlich für seine Freundes- Pflicht gehalten, Waldsteiu darauf aufmerksam zu machen, daß er bei seinem Angebot den Kostenanschlag des Oberbauraths nur um ein Unbedeutendes unterbieten dürfe. Mit schwerem Herzen habe er sich entschlossen, von den bewußten fünf Prozent Preis- ermäßigung zu sprechen, und unter keinen Umständen würde er geduldet haben, wenn man ihm die Leitung der Verhandlungen aufgetragen, daß Waldstein im Preise noch mehr herabginge. Fatalerweise sei er augenblicklich noch mit Alster zerfallen— Forschungsfahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Transit. (Schluß.) Seither sind Jahre vergangen; die englische Expedition unter Com- modore Nares ist mit einem gründlichen Mißerfolg heimgekehrt, und hat so Weyprechts Sätze dnrch ein warnendes Exempel trefflich illu- strirt— aber was ist von Seiten der Presse, der Geographen von Fach, der Vertreter der Naturwissenschaften zur Förderung und Verbreitung dieser richtigen Erkenntniß gcthan worden? In mehreren Zeitungen wurden Stimmen laut, welche Weyprecht unlautere oder wenigstens kleinliche Motive seines Auftretens unter- schoben; die gelehrte Welt mag wohl im Stillen jener Rede beigestimmt haben, aber was ging sie die Sache näher an? In den geographischen Vereinen wurde viel hin und her räsonnirl über Mangel an Verständ- niß der hohen Probleme der Erdkunde u. dgl., und von den tonan- gebenden Leitern der Fachblätter gingen die meisten ausfallend rasch über die unbequeme Geschichte hinweg; nur F. v. Hellivald brachte im„Ausland"(1875, Nr. 4ü) einen Artikel„Zur Polarforschung der Gegenwart", worin er zwar dem gleich zu besprechenden Plane Wey- prechts für künftige Polarsorschungen einige Worte der Anerkennung widmet, im übrigen aber darzulegen sucht, wie einseitig Weyprecht die physikalische For>chung aus Koste» der geographischen bevorzuge, letztere beinahe als unwissenschaftlich charakterisire, während doch„vom Stand- punkte der allgemeinen Wissenschast, welche überhaupt Erweiterung des menschlichen Wissens anstrebt, beispielsweise die Auffindung und Ersor- schung des Franz-Joseph-Landes genau ebensoviel Werth sei, wie die Entdeckung eines neuen Gesetzes der Stürme oder die Ergründung der Nordlichlursachen." Ohne weitere Beweise wird die alte Behauptung einfach wiederholt: die auf solchen Expeditionen gemachten Forschungen aller Art bildeten„eine namhafte Bereicherung der physikalischen Wissen- schast;" sie seien„ein kostbares Material", dessen Sammlung durch das Streben nach geographischer Entdeckung keineswegs behindert werde. Und diesem, der großen Berechtigung der Weyprechl'sche» Ansichten doch wohl lange nicht entsprechenden Bemerkungen stimmt selbst A. Peter- mann in den„Geographischen Mittheilungen" mit dem Zusätze bei: „Weyprechts Erwiderung(im„Ausland" 1875, Nr. 46), in der er sei- ncn Standpunkt energisch vertheidigt und sich namentlich gegen die Verwechselung von„geographischer Forschung" mit„Sucht nach geo- graphischer Entdeckung" verwahrt, sei doch wohl nicht im stände, Hellwalds Argumente zu entkräften.(Leider hat der Tod A. Pctcrmann, den größten Förderer der Erdkunde, am 25. S�pt. 1878 aus der Liste der Lebenden gestrichen). Mit Ausnahme der Engländer haben fast alle Geographen nichtdeutscher Zunge Weyprechts Borschläge mißbilligt. Solches Ge- bahren der„5loryphäcn" erscheint um so befremdender, als Weyprecht sich keineswegs mit der Verurtheilung des bisherigen Modus begnügte, sondern einen sehr einfachen und leicht praktikabeln Weg wies, auf dem der Lösung der arktischen Räthsel wirklich mit Erfolg näher zu kommen wäre. Es bedarf ja, wie wir gesehen haben, vor allem umfassender, genauer und gleichzeitiger Beobachtungen an den verschiedensten Punk- ten des Polargebiets, und diese sind nur zu erlangen mit Hülfe einer Anzahl wohl ausgerüsteter Stationen. Weyprecht meint, daß es zu- nächst genügen würde, auf Nowaja Semlja unter 76», auf Spitzbergen gleichfalls einer ganzen Kette von Taktlosigkeiten Alsters wegen, der den ehemaligen Krämer, die mangelhafte Geistes- und Herzens- bildung nun einmal nicht verleugnen könne,— es sei ihm also die Möglichkeit benommen gewesen, so bitter leid es ihm gethan, von Schneemann diese Erschütterung seines Ansehens und des Vertrauens, das er bei den Aktionären der Bahn genieße, abzuwenden. Er wolle sich übrigens erlauben, Schneemann anzu- deuten, wie er der drohenden Blamage ein Paroli bieten könne. Er habe sich, leider zu spät, um das Pech zu verhindern, mit Waldstein noch einmal in Verbindung gesetzt, und von diesem nach vielen Bemühungen herausbekommen, daß er den Viadukt- bau nur darum um einen solchen Spottpreis herzustellen ver- möge, weil er ein Arbciterhecr von zweitausend Italienern für Frühling, Sommer und Herbst gedungen habe, die mit einem gradezu hnndemäßigen Arbeitslöhne zufrieden seien. Der Ober- baurath brauche nun blas seinem Kostenanschlage ein Nachtrags- Memorandum hinterdreinzuschicken, in welchem er, natürlich ganz aus eigner Initiative,— daß er, Wichtel, den Rath gegeben, brauche ja niemand zu wissen,— den Vorschlag motivirt, für die Arbeiten auf den von der eigenen Baukommission fertig- zustellenden Bahnstrecken ebenfalls Italiener, eventuell auch Ober- schlesier, Polen u. s. w. zu engagiren, dann wäre es jedenfalls leicht, noch billigere Preise zu stellen, als Waldstein, diesen also zu übertrumpfen und sich um die Bahn ernstlich verdient zu machen. (Fortsetzung folgt.) unter 78», im westlichen oder östlichen Grönland zwischen 76» und 78», nördlich oder östlich von der Beringsstraße unter 71» und an der Mündung der Lena unter 70» nördlicher Breite solche Stationen zu errichten, welche bereits einen Beobachtungsgürtel um das ganze ark- tische Gebiet bilden und mit Bestimmtheit werthvolle Resultate ergeben würden.„Mit den Mitteln, welche eine einzige neue Expedition zur Erreichung der höchsten Breiten kostet, ist es möglich, diese sämmtlichen Stationen aus ein Jahr zu bezichen. Die Aufgabe wäre die: mit gleichen Instrumenten zu möglichst gleicher Zeit durch ein Jahr Be- obachtungen anzustellen. In erster Linie wären die verschiedenen Zweige der Physik, Botanik, Zoologie u. s. w. und in zweiter Linie erst die geographischen'Entdeckungen zu berücksichtigen. Wäre es möglich, gleichzeitig Stationen im antarktischen Gebiete(um den Südpol herum) zu errichten, so würde der Werth dieser Resultate um vieles erhöht werden." Zur Unterstützung oder näheren Erläuterung dieses sofort von selbst einleuchtenden Plans noch etwas beizufügen, wäre überflüssig; es sei deshalb nur erwähnt, daß der um die arktische Forschung so hoch verdiente Graf von Wilczek in Wien, der selbst eine Fahrt nach Spitzbergen unternommen und nachher die Kosten der österreichischen Expedition zum guten Theil durch seine Beiträge deckte, bereits diejenigen Mittel in Aussicht stellte, welche nöthig sind, um eine Bethciligung Oesterreichs, für den Fall, daß das vorgetragene Projekt zur Ausfüh- rung kommt, zu sichern. Wenn wir nun bedenken, mit welchem Eifer von Regierungen»nd Privaten seither die Mittel geliefert wurden, so oft es galt, ein derartiges wissenschaftliches Werk zu ermöglichen; wenn wir uns nur daran erinnern, welche Einmüthigkcit und gegenseitige Zuvorkommenheit die maßgebenden Persönlichkeiten aller civilisirtcn Länder vor zwei Jahren bewiesen haben und jetzt neuerdings beweisen, um den rückkehrenden Nordcnsstöld, der am 14. Februar mit der„Bega" in Neapel eingetroffen ist, zu feiern— so werden wir uns wohl der Hoffnung hingebe» dürfen, daß Weyprechts Idee allmählich auch in weiteren Kreisen Anklang finden wird. Hut ab vor England! Trotzdem es in zwei Weltthcilen, m Afrika und Asien, Krieg führt und in Irland von einer agrarischen Bewegung bedroht ist, hat es noch immer Muße genug, Weyprechts Plane zu prüfen und zu billigen. Das Londoner arktische Komite hielt am 2. Januar 1880 eine Sitzung, in welcher Commodore C Heyne mit- theilte, daß ihm in allen Städten, die er seit der letzten Komitesitzung besucht, die größte Ermunterung zu der neuen arktischen Expedition nach Weyprechts'Prinzipiell zu Theil geworden sei. Ueberall wurde der Wunsch gezeigt, einer solchen Expedition Vorschub zu leisten. Sämmt- liche lokale Komitös in den Provinzen warteten jetzt thalsächlich nur auf den Beschluß des Ceutralkoniites, wie in Betreff der Beschaffung der nöthigen Fonds vorgegangen werden solle. Auf den Antrag Naekirells wurde beschlossen, unverzüglich Subskriptionslisten im ganzen Lande auszulegen. Der Lord Mayor(Bürgermeister) von London hat eingewilligt, in der Frage betreffs einer arktischen Expedi- tion am 7. Januar eine Deputation zu empfangen.(Ist mittlerweile geschehen). Damit auch dem excentrischeu Nationalcharakter der Eng- lander Rechnung getragen werde, will man statt der Schlitten den Luftballon in Anwendung bringen. Bezüglich dieser Anwendung als Hülss- mittel zur Erreichung des Poles äußerte Coxwell, ein bewährter Lustschiffer, seinen festen Glauben an deren großen Werth, und glaubte, Nr. 38. 1830. daß, wen» einige Verbesserungen, die er in kurzem zu prüsen hoffe, adoptirt würden, die Aussichten auf Erfolg wesentlich vergrößert wer- den dürsten. Da man dem Nordpol zu Wasser und zu Lande nicht beikommen konnte, versucht man es mit dem Luftballon. Glück aus! Die Republiken Südamcrika's in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historijche Skizze von Dr. Mar Doglcr. Es war im Jahre 1522, als der Spanier Andagoya aus einer der weiteren Ersorschung des dreißig Jahre vorher der damaligen Welt durch Christoph Columbus erschlossenen neuen Erdtheils Amerika gel- tenden Fahrt an ein Flüßchcn Namens„Viru" gelangte und hier die Kunde von einem blühenden Reich im Süden, dem Reich der Jnkas, erhielt. Die Folge dieser neuen Nachricht war, daß Francisco Pizarro, Diego Almagro und Fernando de Luque, drei andere unternehmende Spanier, die berühmte„biruanische Entdeckergesellschaft" bildeten und die crsteren beiden in den Jahren 1526—1532 die Eroberung Perus bewirkten. Hier fand man in der That hochkultivirte, ackerbautreibende Jndianerstämme, deren goldreiches Land von dem Geschlecht der Jnkas beherrscht wurde. Diese Jnkas leiteten ihre Abkunft von den„Göttern" ab, gehörten ursprünglich dem Aymaravolke an, wanderten an der Spitze des Quichnavolkes vom Titicacasee aus und gründeten der Sage nach die Stadt Cuzco. In letzterer herrschte als erster Inka der mh- thische Manco-Capac, etwa von 1621— 62. Die Erweiterung des Rei- ches geschah im Anfang ans friedlichem Wege und mit Schonung der Eigenthümlichkeiten der verschiedenen, vorher im Lande seßhaften Jndia- nerstämme. Zu höchster Machtentsaltung kam das Jnkarcich unter Tu- pac-Uupanqui(1439—75), welcher das mächtige Volk der Chinchas unterwarf und die Grenzen seines Gebiets im Norden bis gegen Quito, im Süden bis Chile ausdehnte, und unter Huayna-Capac(1475—1525), der Chile zur Tributleistung zwang, Quito eroberte, die inneren Un- ruhen unterdrückte und die staatliche Organisation vollendete. Von diesem wurde das Reich unter seine Söhne Huascar, welcher(1526— 1532) in Cuzco regierte, und Atahualpa, der seine Residenz in Quito aufschlug, getheilt. Atahualpa vereinigte nach der Ermordung des Bruders das Reich wieder unter seiner alleinigen Herrschast(1532), wurde aber schon 1533 auf Befehl Pizarro's, der im Jahre 1536 mit seinen spanischen Banden in Peru eingefallen war, hingerichtet und als sein Nachfolger, ein zweiter Bruder, Manco-Capac 11.� eingesetzt. Der Letztgenannte bemühte sich, die spanische Herrschaft wieder abzuschüt- teln, indeß ohne Erfolg und zog dann mit 46 666 seines Volkes in die Gegenden am Ucayali, wo er 1553 starb. Seine Nachfolger herrschten nur unter spanischer Botmäßigkeit, und als die Grausam- leiten der weißen Eroberer in der Folge auch dieses Schattenkönigthum vernichteten, flohen die noch vorhandenen zahlreichen Sprößlinge des alten Fürstenhauses in die abgelegenen Gebirgsgegenden des Landes und bewogen die Treuen ihres Landes zu Ausständen. Den letzten Freiheitskrieg unternahm der Inka von Tubac-Amaru, der im Jahre 1786 mit den ausständischen Indianern bis vor Cuzco rückte, indessen, gleich seinen Vorgängern, auch keinen Erfolg aufzuweisen hatte. Die noch jetzt vereinzelt unter den peruanischen Indianern vorhandenen Nachkommen der Jnkas leben meist in Armuth. Die Kultur, die sich unter der Herrschast dieser„Sonnensöhne", wie sich die Jnkas nannten, entwickelt' hatte, war in der That eine den Verhältnissen nach bedeutende. Die Jnkas selbst wohnten in Herr- lichen Palästen, und ihre nächste Umgebung und Dienerschaft bestand aus den Söhnen des hohen Adels. Als Jnsignien ihrer Herrschaft trugen sie eine rothe wollene Quaste nebst einer schwarzen und weißen Feder auf ihrer Kopfbedeckung, die in einer Art metallener Haube be- stand. Um den Fürsten mit möglichster Raschhcit die Nachrichten selbst aus den entlegensten Theilen des Landes zu übermitteln, war ein Korps von Schnellläusern organisirt. Wenn ein Unterthan vor dem Inka er- schien, so mußte er vorher die Schuhe und guten Kleider ausziehen, eine Last auf den Rücken nehmen und während der Audienz die Augen niederschlagen. In seiner Jugend genoß der Inka eine asketische Cr- ziehung, bei feinem Regierungsantritt huldigte man ihm durch das Darbringen einer weißen Feder, worauf er zunächst eine Zeit lang in stiller Zurückgezogenheit und unter freiwilligein Fasten um seinen Vor- gänger trauerte. Erbberechtigt war der älteste Sohn der Hauptsrau des Königs. Dem Verkehr dienten vier von dem großen Platze Cuzco's aus nach den vier Himmelsgegenden und in die verschiedensten Provin- zen des Reichs führende Kuuststraßen. Dieselben hatten je eine Breite von 5—8 Metern, waren init behaucnen Quadern, stellenweise sogar mit zementirten Ziegeln gepflastert, zu beiden Seiten mit Mauern ein- gefaßt und mit zwei Reihen von Bäumen bepflanzt. Ihre Herstellung >var zuweilen äußerst schwierig und bedurfte nicht selten bedeutender Felssprengungen. In bestimmten Eiitfernungen befanden sich die Quar- tiere, um den Jnkas aus der Reise als Herbergen zu dienen, und Wasserleitungen versorgten Menschen und Thiere. Mancherlei lieber- reste dieser Jnkastraßen, deren bedeutendste sich in den Cordilleren zwi- schcn Jauja und Tarma befinden, legen neben zahlreichen anderen Kunstdenkmälern und Alterthümern noch heute von der hohen Kultur- entwickelung im Reiche der„Sonnensöhne" beredtes Zeugniß ab. Die sich über den Rücken der unwirthlichen Cordilleren durch zwanzig Brei- tengrade hinziehende Jnkastraße, dieses Bewunderung erregende Riesen- werk, welches bekanntlich u. a. Alex. v. Humboldt in Erstaunen setzte, ist größtentheils gepflastert oder in Stein ausgehauen und trotzt dem Zahn der Zeit nun schon seit 6 Jahrhunderten. Auch auf Brücken und Kanäle legten die alten Peruaner, gleich den Azteken im Norden, gro- ßen Werth. Von anderen Wunderwerken findet man heute noch die Ruinen von prächtigen Tempeln, in denen die von den Jnkas aus den Schlachtfeldern erbeuteten Siegestrophäen aufgehangen waren, so Spu- ren eines Sonnentempels, eines Palastes, eines Jungfrauenkl öfters, ferner Götterbilder, thöncrne, künstlerisch gesormte und verzierte Ge- säße; endlich sind auch noch zahlreiche alte Mumien vorhanden. Die Bauwerke der Jnkas hatten kleine, viereckige Fensteröffnungen; als Dachbedeckung wurde das im Gebirge wachsende lange Gras, Pchu ge- »annt, verwendet. Das Innere bestand aus geräumigen Hallen, aus denen man in kleinere Gemächer gelangte; die Wände waren allenthal- den mit goldenen Thiergestalien und Blumen von seiner, sehr geschmack- voller Arbeit geziert. An steinernen Nägeln hingen Spiegel aus hartem, glänzend polirtem Stein mit konkaver und konvexer Oberfläche; in den Nischen waren Geräthe und meist nach phantastischen Zeichnungen Haus- götter aus Gold und Silber ausgestellt. Eine ganze Ruinenstadt findet man jenseit Villa in Pachacamac; die Häuser sind von kleinen Ziegeln erbaut, die Dächer verschwunden und die inneren Räume mit Sand erfüllt. An den 6>/, Meter hohen Mauern des Tempels, der sich aus einem terrassenförmig emporsteigenden Berge befand, erblickt man hier und da noch die Scharlachsarbe, mit welcher sie überzogen waren. Dieser Tempel war dem Erschaffer der Erde(Patscha-Erde; Camac- Schöpfer) gewidmet und wurde von Pizarro zerstört. Die Chronisten jener Zeit berichten, daß seine Thore mit Gold plattirt und mit Edel- steinen besetzt waren; welche Schätze mag erst das Innere geborgen haben.... Uebrigens zeugen eine Menge großartiger Denkmäler und Bauwerke aus weit über den ersten Inka, den oben erwähnten Manco- Capac, hinausliegenden Zeiten dafür, daß im heutigen Peru und Bo- livia bereits früher eine Civilisation bestand, auf welche die der Jnkas gleichsam aufgepsropft wurde.(Fortsetzung folgt.) Modethorheiten vergangener Jahrhunderte. II. Wie man den Bogel an den Federn, so erkennt man den Menschen an der Klei- dung, und verschwindet auch die Individualität des Acußeren mehr oder weniger, seitdem die Mode ihre Tyrannei ausübt und die Men- schen nach einer Schablone uniformirt, so drückt sich doch der Charakter der Zeit in der Bekleidung aus. Jede Abgeschmacktheit der Mode deutet deshalb aus einen krankhaften Zustand in der Gesellschaft. Inwieweit die letztere von derartigen Unarten angesteckt werden kann, zeigt selbst am deutlichsten die Art und Weise des Auftretens der Opposition. So finden wir in einer ernsten Schrift, welche durch das frivole Trei- ben der Mode zu Ende des 17. Jahrhunderts veranlaßt wurde, Stellen, in denen die entblößten Körpertheile mit einer Genauigkeit und in einer Weise beschrieben werden, die das darob empfundene Wohlbehagen des Verfassers leicht erkennen lassen. Und trotzdem behauptet er, daß die Entblößung nicht allein Sünde sei und„laufe wider den Katechis- mus".' Für jeden, mit der Geschichte Vertrauten, ist es klar, daß die Ueppigkeit hauptsächlich in den herrschenden Gesellschaftsschichten der früheren Zeit zu Hause war und daß die niederen Stände, abgesehen von ihrer materiellen Lage, schon infolge der gegen sie getroffenen be- hördlichcn Maßnahmen nicht im Stande waren, dem Götzen des Tages seinen Tribut zu zollen. Ihre ökonomische Stellung gab aber den tonangebenden Kreisen erst die Möglichkeit zu ihrem üppigen Treiben. Die Unterschiede, welche seitens der Obrigkeit bei Erlaß her Kleider- ordnungen zwischen den verschiedenen Ständen gemacht wurden, zeigen uns sehr deutlich die ökonomische Abhängigkeit und Unterdrückung der niederen von den höher gestellten Volksschichten. Jene waren es denn auch, welche vereint mit den besseren Elementen der höheren Klassen gegen die Prunk- und Genußsucht nebst ihren Ursachen zu Felde zogen und ein edleres Streben an deren Stelle setzen wollten. Die Resor- mation mit ihren Bauernkriegen und die französische Staatsumwälzung des vorigen Jahrhunderts sind die sprechendsten Beispiele. Man mag über dic'Ausschreitungen jener großen Bewegungen noch so sehr zetern, wer die Gefühlsverrohung der herrschenden Stände jener Zeiten kennt, wird diese gewaltsamen Außbrüche der Volksleidenschast, die wie ein reinigendes Gewitter in die das ganze Gesellschaftsleben verpestenden Künste fuhren, erklärlich wenn nicht entschuldbar finden. Und Stickstoff war wahrlich in reichlichen Massen�vorhanden. Denn was soll man zu einer Zeit sagen, wo man die Kleider so weit ausschnitt, daß die Brüste völlig entblößt waren, wenn, wie es beim Einzug Ludwigs XI. in Paris im Jahre 1461 geschah, drei der schönste» Mädchen diesen bekannten„Freund der schönen Bürgerinnen" ganz nackt mit Gedichie» empfingen! Ein ähnliches Schauspiel führte die Stadt Lille vor Karl .dem Kühnen im Jahre 1468 aus. Unter den bei dieser Gelegenheit aufgeführten Schauspielen befand sich auch das Urtheil des Paris, wo- bei die drei Göttinnen der Mythe gemäß völlig nackt erschienen. Das seit der letzten Pariser Weltausstellung viel von sich reden machende Bild Hans Makarts, den Einzug Karl's V. in Antwerpen darstellend, ist bekannt, ebenso der historische Stoff, nach welchem sich bei den zu Ehren des einziehenden Herrschers aus der Straße aufgeführten Schau- spiele die vornehmsten und schönsten Mädchen der Stadt fast gänzlich entkleidet, ohne Hemd und nur mit einem dünnen Flor umhüllt, be- theiligten. Der ernste junge Kaiser soll nicht hingesehen haben. Albrecht Dürer, der dies seinem Freunde Melanchton schreibt, gesteht aber, daß er sie sich sehr genau angesehen habe,—„weil er Maler sei." — In demselben Grade, wie hier die Frivolität, tritt andererseits der Luxus auf. Die Hauptrolle spielt von der frühesten Zeit an der Schmuck; vor allem wird derselbe in sehr luxuriöser Weise im IS. Jahr- hundert getragen. Die Herren trugen ihn an Mützen und Hüten, selbst in den Haaren; außerdem große Ketten um den Hals und Ringe an den Fingern. Die Damen besäeten, soweit es nicht verboten war, den ganzen Körper mit Perlen und Edelsteinen. Um den freien Hals und den nackten Schultern lagen die vielgestalteten Ketten oft sechs- und siebenfach. Die Haare und Kleidungsstücke waren mit Perlenschnüren duxchstochten; zu diesen gesellte sich noch ein reichverzierter Gürtel, kost- bare Heftel und Brachen, Nadeln u. dgl. Außerdem Armbänder und Fingerringe, welch' letztere gewöhnlich am ersten und zweiten Gliede der Finger in vielen Exemplaren getragen wurden. In einzelnen Slädten, wie z. B. in Bologne, bestimmte die Obrigkeit, daß Damen vom allen Adel nur sechs, die Frauen und Töchter der Künstler und Handwerker dagegen nur zwei Ringe tragen dürften. An anderen Orten war hingegen das Tragen derselben in unbeschränkter Weise gestattet. So hinterließ die Gemahlin des Herrn Georg Winter in Nürnberg bei ihrem 1485 erfolgten Tode außer anderem Schmuck über dreißig Ringe. Eine Breslauerin, Jungfrau Margarethe, Tochter des Niklas von Brige, erhielt 1470 außer Gürteln, Hefteln und Ketten noch 36 goldene Ringe als mütterliches Erbtheil. Desgleichen hinterließ eine andere Breslauerin 20 goldene Ringe, welche sie an einem größeren Ring ausbewahrt hatte. Was für Preise für den Aufwand an Putz m bürgerlichen Kreisen der damaligen Zeit gezahlt wurden, dafür nur einige Beispiele. Unter der Aussteuer, die ein breslauer Bürger seiner Tochter mitgab, befanden sich ein mit Perlen besetztes Leibchen im Werthe von 24 Gulden, ein Gürtel von 20 und ein Trauring von 25 Gulden Werth. Für Stickereien auf beiden Achseln eines Mantels, den sich Bernhard Rhorbach aus Frankfurt 1464 zu einer Hochzeit machen ließ, zahlte er 24 Gulden; derselbe ließ einst den Aermel eines Rockes so schwer besticken, daß das Silber 11'/, Mark wog. Die Aus- steuer, welche ein Bürger von Breslau 1460 seiner Tochter mitgab, hatte einen Werth von 470 Gulden. Man vergesse nicht, daß genannte Summen gegenüber dem heutigen Gelde einen bedeutend größeren Werth besitzen. Ein Ritter aus dem schwäbischen Rittergeschlecht der Ehinger, welches durchaus nicht zu dem reichsten Adel zählte, hinterließ bei sei- nem Tode soviel an Kleidern, daß aus einem Theil derselben, welcher in Frankfurt verkauft wurde, 1500 Gulden gelöst wurden. Im Bürger- stände griff der Luxus bald derart um sich, daß die Obrigkeit, um dem Adel seine Würde zu retten, ihre Bestimmungen traf. Es that auch noth, wenn Seb. Brant recht hatte, als er sagte: „Es kommt daher eines Bürgers Weib Viel stolzer, denn eine Gräfin thut. Wo jetzt Geld ist, da ist Hochgemuth. Was eine Gans von der andern sieht, Daraus ohn' Unterlaß sie dicht't, Das muß man haben, es thut sonst weh. Der Adel hat keinen Bortheil meh." »Der Adel hat keinen Bortheil mehr." Nun, die Verordnungen der hohen Obrigkeit von damals sind auch nicht im Stande gewesen, dem Adel seine Vortheile zu erhalten.— Daß sich der Geist der Zeit nicht durch Verordnungen bestimmen läßt, zeigt recht deutlich die auf dem Reichs- tage zu Augsburg 1530 und 1548 erlassene„neue Kaiserliche Ordnung und Reformation guter Polizei im heiligen römischen Reiche." Nach dieser sollten die Edelfrauen nur vier Kleider aus den kostbareren Stos- se» besitzen. Gegen Ende des Jahrhunderts kümmerten sich die betref- senden jedoch nicht im mindesten um diese Bestimmung. So hinterließ zu Ansang des 17. Jahrhunderts eine Edelsrau 32 vollständige An- züge, ihr Mann Hans Meinhard von Schönberg dagegen 72 Anzüge, exklusive einer gleichen Anzahl mit Gold und Silber gestickter Hand- schuhe und 21 Hüten, wozu 26 Stück farbige Federn gehörten. Um dieselbe Zeit wurde an Arbeitslohn für ein männliches Gewand 600 Thaler gezahlt, welch' hoher Preis sich daraus erklärt, daß ungeheure Massen von Verzierungen an Spitzenbesatz, Stickereien, Goldborden, Perlen und Juwelen angebracht wurden. Die Königin Maria von Medicis soll bei der Taufe ihres Sohnes einen Rock getragen haben, der mit 32 000 Perlen und 3000 Diamauten besetzt war. Der Mar- schall Baffonpierre ließ sich zur Taufe der Dauphine(ältesten Prinzessin) ein Kleid fertigen, welches ihm 14 000 Thaler kostete, die Stickerei allein 600 Thaler. König Heinrich III. trug einst auf seinem Anzüge 4000 Ellen Goldborden. Als sich der König Sigismund von Polen mit der Erzherzogin Constanzia verheirathete, kostete das Hochzeitskleid der beiden 700 000 Thaler ohne die großen Diamanten, von denen sich fünf am Hut des Königs befanden und einen Werth von einer Million Goldes repräsentirten. Heinrich IV. schenkte Maria von Medicis gelegentlich seiner Vermählung mit ihr ein Halsband im Werth von 200,000 Kronen, ein Bruststück von 100 000, und für weitere 200 000 Kronthaler Ringe und andere Kleinodien. Philipp II. soll einst seiner Gemahlin Elisabeth eine Schüssel des kostbarsten Salats I geschenkt haben, in der die Topasen das Oel, die Rubinen den Essig, Perlen und Diamanten das Salz und die Smaragden den grünen Salat bedeuteten. So arg war der Prunk an den deutschen Fürsten- Höfen allerdings nicht; wenigstens damals. Wer aber wüßte nicht, mit welcher Gier von den biedern Deutschen alles derartige ausgefaßt und angeeignet wurde! Und so werden wir auch später Gelegen- heit nehmen und zeigen, wie gerade die Unarten der Franzosen in erster Linie von den höheren Gesellschaftsklassen Deutschlands in unserem Vaterlande eingebürgert wurden, wofür sich denn die Verehrer und Träger derselben hüben und drüben mit dem bekannten Titel„Erb- feind" belegten. urt. Die Hermesstatue des Praxiteles.(Bild Seite 328.) Die Schilderung Olympia's, des Fundortes der herrlichen Statue des Praxi- teles, haben wir in Nr. 2 des laufenden Jahrgangs der„N. W." gc- liefert. Daß man die Bestimmung der Gebäude und die Bedeutung ihres Bilderschmuckes aus den ausgegrabenen Trümmern der Tempel- stadt Olympia annähernd feststellen kann, verdanken wir der genauen Beschreibung des Vitruv und Pausanias, welche beide ihre zahllosen Künstschätze vor ihrer Zerstörung gesehen haben. Am 8. Mai 1877 wurde SO Meter nördlich vom Zeustempel zwischen den parallelen Mauern eines antiken Gebäudes die nackte überlebensgroße Marmor- statue eines jugendlichen Gottes gefunden, welcher, nach den verstüm- melten, leider spärlich vorhandenen Resten zu urtheilen, aus dem linken Arm ein Kind trägt. Da Pausanias in seiner Beschreibung von Olympia unter den Bildwerken des Heratempels eine Gruppe mit den Worten an- führt:„Hermes von Marmor; er trägt das Knäblein Dionysos und ist ein Werk des Praxiteles," so lag es nahe, in der gefundenen Statue die von Pausanias gesehene wieder zu erkennen und den Raum, in dem sie ge- funden, als die von Vitruv beschriebene Cella des Heratempels aufzu- fassen. Die weitere Ausgrabung bestätigte zunächst die letztere An- »ahme. Genau in der Gegend, wo nach Vitruv und Pausanias das Heraion zu suchen war, am Südwestfuß des von uns in Nr. 2 beschriebenen Kronoshügels, wurden die stattlichen Reste eines aus zwei Stufen stehenden dorischen Tempels blosgelegt, welche nach Lage, Größe und alterthümlicher Behandlung nur dem Heraion angehören können. In der Cella dieses Tempels, dicht neben dem Platz, wo sie einst gestan- den, lag die Statue mit dem Gesicht aus der Erde, leider der Füße beraubt, aber mit völlig unverletztem Kopf, dessen Ausdruck die echtesten Züge eines Kunstgenius ersten Ranges an sich trägt. Die trotz aller Verluste, namentlich der Hermesfüße und des Dionysoskuäbleins, noch wunderbar genug erhaltene Gruppe bestätigt in vollem Maß, was die neuere Alterthumswissenschast kraft immer schärfer eindringenden Stu- dium in die Geschichte der griechischen Plastik von der Kunstrichtung und Sinnesweise des zweitgrößten Bildhauers von Hellas, Praxiteles genannt, festgestellt hat. Fern lag diesem Meister das Gebiet des Heroischen und Hochpathetischen; mit Vorliebe bewegte er sich im Kreis milderer As- sekte. Weniger Leidenschaften als Stimmungen brachte er zum Aus- druck, und unter diesen besonders solche, welche Gefallen erweckten und bei dem Beschauer einen reinen und ungetrübten Genuß zurückließen. Bei aller Natürlichkeit die höchste Grazie in der Wendung, neben der Hoheit und Würde in der Gestalt eine Weichheit und ein Fluß in den Formen, endlich eine Technik in der Behandlung der Haut und aller weichen Fleischtheile sowie aller Stoffe— das zartgewebte Mäntelchen des Kindes ist von dem gröberen Zeug des aufgehängten Mantels ebenso bestimmt unterschieden als die Haut in beiden Gestalten,— kurz eine ganze Reihe von Vorzügen, welche wohl einzeln bei den besten Statuen bisher beobachtet worden sind, aber niemals in einer so sum- manschen und doch völlig harmonischen Fassung. Praxiteles' Schöpfung ist ein plastisches Idyll und stellt eine Episode aus der Jugendgcschichte des Dionysos dar. Gleich nach der Geburt hatte Zeus das zarte Knäblein seinem Sohne Hermes, dem Götterboten, übergeben, um es fürsorglich den nysäischen oder dodonäischen Nymphen zur Pflege und Erziehung zu bringen. Bei Erledigung dieses Auftrages oder vielleicht bei einem späteren Besuch hat Hermes nun das Knäblein auf den Arm genommen, um dasselbe durch ein neues und unerwartetes Geschenk zu erfreuen. In vollster Jugendblüthe, aber in bequem lässiger Stellung stützt sich der Gott niit dem linken Ellnbogen aus einen Baumstamm, den der ab- gelegte Mantel in malerischem Faltenwurf geschickt verhüllt. Auf dem linken Unterarm trägt er den Knaben, der soeben im Begriff ist, sich etwas un- geduldig von seinem Sitz zu>erhebcn. Schon hat das rechte Füßchen auf einem Astknorren des Baumstammes eine Stütze gesucht und gesunden. Indem er nun das rechte Händchen znthulich ans die Schulter des älteren Bruders legt, ist er im Stande, sich etwas zu heben, und ganz nach Kinderart, mit dem linken Händchen nach einem Gegenstand zu greisen, den Hermes in seiner rechten Hand gehalten hat. Leider ist Hand und Gegenstand abgebrochen und bis jetzt nicht ausgefundcn worden, lieber den muthmaßlichen Gegenstand, Traube oder Stab, ist unter den Archäo- logen ein Streit entbrannt, der mit deutscher Gründlichkeit geführt wird. Der Größe des Kindes entsprechend, kann es nur ein kteiuer Gegen- stand gewesen sein. Die leise Neigung des Kopfes des Göttcrbotcn und sein Lächeln scheinen auf ein sinnendes Lauschen hinzudeuten. Die- ser Umstand gestattet den Schluß, daß der verlorene Gegenstand weder eine Traube noch ein Stab, sondern etwas akustisch Wirksames, etwas Tonerzeugendes war und folglich sehr wahrscheinlich aus einem Paar Cymbeln(Klangblechen) bestand, welche durch einen dünnen Riemen 336 verbunden, Hermes zwischen den Fingern der rechten Hand schwingen und durch ihre gegenseitige Berührung silberhell ertönen ließ. Sowie das Kind den süßen Ton hört, wird es erregt und greift nach dem neuen Geräth, das später für den wildschwärmenden Chor des erwachse- nen Gottes ein unentbehrliches Instrument werden sollte, aber ehe Hermes dasselbe ausliefert, ist er, der musikalisch hochbegabte und viel- gepriesene Erfinder von Kithara und Hirtenflöte, selbst ganz verloren in die Klangwirkung, die er durch seine neue Gabe hervorruft. Viel- leicht gab es eine Sage, welche die Erfindung der helltönenden Cymbeln und ihre Ueberreichung durch Hermes an den jungen Weingott, den die Römer Bacchus nannten, näher' motivirte, vielleicht kam es dem Künstler auch nur daraus an, eine vielbekannte Quelle von Tonempfiudungen zu benutzen, um ihre Wirkung aus die Seele desjenigen Gottes zu zeigen, unter dessen besonderem Schutz eine seltene Art der künstlichen Divination, aus Klangwirkungen zu weissagen, stand. Die volle Be- dcutung dieses seltenen Fundes, den die deutsche Kommission sür Aus- grabungen in Lltzmpia gemacht hat, wird man allseitig erst würdigen, wenn Photographien und Gypsabgüsse dieses wahrhaft einzigen Meister- Werkes in alle Aolkskreise gedrungen sein werden. Daß durch diese Gruppe nicht blos die Geschichte der antiken Kunst einen bisher oft vermißten sichern Prüfstein für die zweite Blüthenepoche der griechischen Plastik erhalten hat, sondern auch der modernen bildenden Kunst ein neuer Ausgangspunkt sür das Studium der Antike in kuustideeller wie kunsttechnischer Bildung geboten wird, ist sicher. Ob sie desselben sich bedienen wird, der steigenden Fluth des immer gröberen Realis- mus gegenüber? Wir wollen es hoffen! I. verzichten, und was liegt näher, als daß sie sich, um diesem Hang zu genügen, die Pflege ihrer gefiederten Lieblinge dazu in erster Linie aus- ersehen. Haben sie doch so oft ihre Speisekammer reichlich mit Eiern versehen und ihr manch' schönes Stück Geld eingebracht. Ja, sie hat rechnen gelernt in den vielen Jahren, und uns will bedünken, als hätte die Freude in ihrein Gesicht nicht allein das neuerwachte Leben, welches da unerwartet in den kleinen Küchelchen zutage trat, zur Veranlassung, sondern vielmehr die blanken Markstücke, die ihr aus dem in Aussicht stehenden erhöhten Eierverkauf bereits sicher sind und mit deren Hülfe sie dann ihren lieben kleinen Enkeln so manche Freude zu bereiten gedenkt. Schau sie dir nur genau an, lieber Leser, und du wirst zu- geben, daß wir recht haben. Dies in so vorzüglicher Weise, ohne alles Beiwerk, dargestellt zu haben, ist das Verdienst des Antonio Rotta. Er ist slovenischer Abstammung, hat aber aus der Akademie zu Venedig seine künstlerische Ausbildung genossen, wie er überhaupt in Italien lebt. Früher Historienmaler, hat er sich jetzt ganz dem Genre gewidmet und mit seinen Leistungen viele Erfolge errungen. Wir glaubcn's und sind der Ucberzeugung, daß er auch die Leserinnen und Leser der „Neuen Welt" durch die„angenehme Ueberraschung" für sich gewinnen wird. urt. Die älteste europäische Zeitung wurde etwa S0 v. Chr. zu Rom in etwa zwanzig Exemplaren hergestellt,„Acta, diurna"; die älteste deutsche Zeitung— von der ein fast vollständiger Jahrgang in der Universitätsbibliothek zu Heidelberg aufbewahrt wird— stammt aus dem Jahre 1609. Ihr vollständiger Titel lautet buchstäblich: Relation: Aller Fürnem- men vnd gedenkwürdigcn Historien, so sich hin vnd wider in Hoch vnd Nieder-Teutschland, auch in Frankreich, Italien, Schott und Engelland Hisspanien, Hungern, Polen, Siebenbürgen, Wallachey, Moldaw, Türkey zc. Inn diesem 1609. Jahr verlauffcn vnd zutragen möchte. Alles ausf das trewlichst wie ich solche bekommen vnd zu wegen bringen mag, in Truck ver- fertigen will. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ist auch das älteste sächsische Blatt, die„Leipziger Zeitung", die diesen Titel seit 18lO führt, entstanden. Von 1660 an hieß sie„Neu einlausende Nachricht von Kriegs- und Wclthändelu" und war dem Postverwalter in Pacht gegeben. 1695 bekam sie den Titel„Leipziger Post- und Ordinairzeitungen", der 1711 in„Leipziger Postzeitungen" umgeändert wurde.-z- Angenehme Ueberraschung.(Bild Seite 329.) Wenn es Auf- gäbe der Kunst ist, uns aus Momente die Konflckte und Unvollkommen- heiten des sozialen Lebens sowohl, als die Widersprüche in unserem Innern vergessen zu machen, so mag die Forderung, daß der Künstler sür das Leben zu schaffen habe, als unbegründet erscheinen. Soll doch grade das, was einen nicht unbeträchtlichen Theil des Lebens ausmacht: Leid, Schmerz, Haß, Kummer, kurz, alle Schattenseiten des menschlichen Daseins, durch die Einwirkung eines Kunstwerks aus uns unvollkommene Menschenkinder verbannt werden! Aber in diesem Erfolge liegt wohl zugleich sehr klar der Zweck und die eminente Bedeutung des künst- lerischen Schaffens sür das Leben, Denn indem wir uns zeitweilig— beispielsweise durch das Anschaue» eines Gemäldes— aus dem Zustande der Unvollkommenheit in einen Zustand möglichster Vollkommen- hcit versetzt fühle», ist uns das erstrebenswerthe Vorbild gegeben, nach dem wir unser Dasein zu gestalten haben. Wie kein anderer hat des- halb auch der Künstler das Dichterwort:„Greift nur hinein ins volle Menschenleben," sich zur Richtschnur zu nehmen und durch seine künst- lerische Behandlung des gegebenen Stoffes zu zeigen, daß die uns oft als trostlos erscheinende gemeine Wirklichkeit sich sehr wohl schön ge- stalten läßt, wenn wir nur den allen Menschen gegebenen„Götterfunken", Vernunst genannt, richtig anwenden. Je einfacher der Stoff, je mehr das Einpfinden des Künstlers sich dem der gesammten Menschheit nähert und diesem verwandt ist, umsomehr wird der Kunstler sich dieser ver- ständlich machen und sie zu sich in das Reich des Schönen hinaufziehen. Eine der volksthümlichsten Gattungen der Kunst dürfte wohl aber un- streitig die Genrcmalorei sein. Bei den Alten schon gepflegt, hat sie in der Neuzeit noch weit mehr an Bedeutung gewonnen. Wesentlich trägt dazu bei außer ihrem Charakter das große ihr zur Verfügung stehende Stoffgebiet, welches das ganze menschliche Leben umsaßt. Bestimmte Zustände, die einfachsten Vorgänge, z. B. wie einer gähnt, schnupft oder sich irgendwie beschäftigt, ferner Tanz, Familienszenen und Ausbrüche der Leidenschaften, Kampf mit Naturkräften u. dgl. sind Vorwürfe sür die Darstellung des Genre. Welcher ersprießliche Wirkungs- kreis der Malerei aus diesen, Gebiete vorliegt, dürfte die kurze An- deutung schon hinreichend ergeben. Den Beweis dafür mag aber unsern Lesern unser Bild erbringen. Wem wäre nicht die hier dargestellte ein- fache Szene bekannt, welche der Künstler dem Leben abgelauscht und in meisterhafter Weise wiedergegeben hat! Man muß die Freude kennen und miterlebt haben, welche alle Glieder einer ländlichen Familie ergreift, wenn glückliche Umstände eine Vermehrung des sür sie so nützlichen Viehstandes herbeiführen, um sie mit solcher Treue auf die Leinwand zu bannen, wie im vorliegenden Falle. Aber unser Mütterchen hat noch einen ganz besonder» Grund zur Freude. Sie hat, seitdem ihr treuer Lebensgefährte sie aus Nimmerwicderkehr verlassen, die Wirth- schasl ihren Kindern überlassen, und ruht nun im räumlichen„Auszugs"- stübchen aus von den anstrengenden Lasten und Mühen ihres arbeits- reichen Lebens. Aber ganz mag und kann sie nicht aus Thätigkeit Inhalt. Ein verlorner Mann, von Hermann Hirschseld(Fortsetzung).— Brennstoffe und Wohnungsheizung, von Nothberg-Lindeuer (Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung). Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Forschungssahrten im nördlichen Polargebiet. Geschichtliche Zusammenstellung von Dr. M. Trausil(Fortsetzung).— Die Republiken Südamerikas in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. M. Vogler.— Modethorheiten vergangener Jahrhunderte. II,— Die Hermesstatue des Praxiteles(mit Illustration).— Angenehme Ueberraschung(mit Illustration).— Die älteste europäische Zeitung.— Stahl federn.— Literarische Umschau. Stahlfedern werden nach ungefährer Schätzung wöchentlich circa 40 Millionen verbraucht; zur Herstellung dieser Zahl sind etwa 640 Centner Stahl nöthig. Die ersten Stahlfedern wurden nachweislich 1803 von Wise in Birmingham(England) und 1320 von James Perry bei London gefertigt, während als sicher angenommen wird, daß es schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts in England Schreib- sedern aus Stahl gab. Eine Feder passirt, che sie zum Gcbranch fertig ist, etwa zwölfmal die Hand des Arbeiters in verschiedenen Maschinen und es dauert fast drei Wochen, ehe sie aus dem dünnen Stahlblech geschnitten, gebogen, gehärtet, gespitzt, gespalten und probirt, in Kästchen verpackt zum Verkauf bereit ist.-z- Literarische Umschau. „Der gegenwärtige Stand der Waldschutzfrage". Bon Georg Wollmar, Leipzig, Hcimanns Verlag(Erich Koschny) 1880. Die Bc deutung des Waldes für den Ackerbau und mithin für die Bolkswirth- fchast überhaupt ist allgemein bekannt; auch ist die Wissenschast längst über eine endgültige Lösung dieser Frage im Klaren. Der Verfasser der genannten Schrift führt nun den Nachweis, daß aus dem Gebiete der jForstkultur die Praxis der Theorie nicht entspricht. Außerdem zeigt er an Beispielen, welche er den bedeutendsten Staaten Asiens, Afrika's, Amerika's und Europa's entnommen, den gegenwärtigen Stand des Waldschutzes, sowie die traurigen Folgen einer maßlosen Entwaldung. Demnach kann das Schriftchen allen Freunden einer rationellen Volkswirthschaft nur auss beste empfohlen werden, urt. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färbcrstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.