Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä Z0 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorner Mann. Bon Kermann Kirschsctd. (Forlsetzung.) Ich habe geruht; geschlafen kaum,— traumdurchwirrtcr Schlummer einer heißen Sommernacht. Aiit dem ersten Grauen des Morgens erhob ich mich voni Lager. Des aufgehenden Sonnenballes erste Strahlen lugen auf diese Zeilen, durch das geöffnete Fenster dringt des Morgens Frische. Sie erquickt meine Stirn, nicht meine Brust. Wie nenne ich das Gefühl, das plötzlich meine Seele erfaßte in schwindelndem Taumel, ivie das Gefühl, das mich urplötzlich, den Fünfziger, zu einem Mädchen zieht, das wohl kaum die Zwanzig überschritten? Liebe, ja Liebe! ruft mein Herz, und seliges Behagen, süßer Schauer durchrieselt ineine Sinne. Ich liebe Melanie, sage ich leise und noch einmal lauter, und hinaus- schreien inöchte ich's und die Welt füllen mit meiner Stimme Schall: Ich liebe sie!— Vernunft, kalte, abwägende Vernunft, die so oft genaht und mit eisigem, aber heilenden Finger das heftig wallende Blut gestillt, wo bleibt sie!? Umsonst rufe ich dich, umsonst stelle ich mich dem eigenen Gericht. Umsonst,— eine zu mächtige Partei ist die Leidenschaft, das Herz ein zu leicht bestochener Richter. Was ist es denn, was mich an jenes Mädchen fesselt, das mein Auge nie zuvor erblickte. Melanie von der Hellen ist nicht einmal eine Schönheit ersten Ranges zu nennen. Vielleicht er- greift mich ihre Erscheinung um so stärker, als sie so gänzlich von der Vorstellung abweicht, die ich mir von dem guten Engel Wolfshagens geschaffen. Semmelblond, hager, blauäugig— anders vermochte ich mir die Tochter von der Hellens nicht zu denken. Melanie ist von schlankem, aber eleganten Wuchs, das dunkel- blonde, einfach geordnete Haar von seltener Fülle und Weiche, das braune Auge ein Spiegel der Seele— alles Edlen, alles Schönen Widerglanz. Mein treuer Bernhardt kommt, er ist des Jubels voll. Die Maschine ist in Thätigkeit und übertrifft seine kühnsten Hoff- nungen; in wenig Jahren muß sich, nach seiner Berechnung, mein Vermögen um die Hälfte vergrößert haben. Er ladet mich dringend ein, zur Fabrik zu kommen, mich selber zu überzeugen. Ich muß ihm schon den Willen thun, obgleich ich am liebsten allein wäre mit meinen Gedanken; mir ist alles so gleich, außer einem/— doch nein, je reicher ich würde, desto strahlender vermöchte ich ihren Lebenspfad zu schmücken, Fürstinnen sollten sie beneiden, wenn— wenn— Alter Mann mit drin jugendlichen Aussehen, laß ab,— laß ab!— Ich will hinüber. Nie war ich feige. Keine Gefahr gab es, der ich nicht ins Auge geschaut; ich will ans meine alten Tage den mir gelobten Grundsätzen nicht treubrüchig werden. Schon war meine Reisetasche gepackt, ich ivollte fliehen, vor mir selber, zu meinem Sohne wollte ich,— aber was hätte ich dort ge- funden,— was bei meinen Kindern des Vaters feurig schlagen- des Herz? Ich weiß, sie lieben mich, aber ihre Liebe trägt Glacehandschuhe und bietet die Fingerspitzen, wo ich nach Seele lechze, nach voller, ivarmer, empfindender'Seele, wie bei ihr, bei Melanie. Nun bleibt alles beim Alten. Ich glaube, ruhig zu sein, ich bin gewiß, heute werde ich mit anderen' Augen schauen, mit anderem Maße messen,— ich will hinüber,— wenn es doch noch immer die Leidenschaft wäre, die der Vernunft schmeichelt: „Geh'!"— Abends elf Uhr. Warum kommt mir Gocthe's, des Unsterblichen, Greisenalter nicht ans dem Sinn, das am Spätabend seines olympischen Daseins noch die Liebe zu einem blühenden, jugendfrischen Kinde verschönte? Hat Goethe ein Recht, anders zu fühlen, als ich? Bin ich nicht Mensch, wie er? Wer, der nicht wagt, gegen den Kronidcn den Stein zu heben, wagt Kaspar Ehrenfried Waldenau zu verdammen? Daß ich Wolfshagen kaufe, unterliegt keinem Bedenken mehr. Allein soviel gibt es zu ordne», so verwickelt sind die Verhältnisse des Guts, daß wohl noch geraume Zeit verstreichen kann, ehe die Sache zustande kommt. Auch ohnedies hätte ich die Sache hingezögert, uni ihr nahe sein zu dürfen. Mittlertveile habe ich dem Baron versprochen, die dringendsten Gläubiger zu befriedigen, selbst die Bücher des Gutsverwalters einzusehen,— das führt mich wieder und ivieder nach Wolfshagen, unaufhaltsam meinem Schicksal entgegen. Es ist beschlossen. Zurück kann ich nicht. Der heutige Tag hat über mich entschieden. Ob sie eine Ahnung hat von den Gefühlen, die meine Brust durchbeben, während die Konvenienz mich zu förmlicher, gleich- giltiger Unterhaltung zwingt? Ich fürchte es fast, denn hin und wieder sehe ich ihr dunkles Auge mit unverkennbarem Ausdruck der Besorgniß, ja, der Angst, ans mich gerichtet, ein Erbleichen fliegt durch ihr Antlitz, ein Beben durch ihre Glieder, vergesse ich mich durch Blick oder Wort,— und doch, wenn sie zu mir redet, tönt jedes Wort so schlicht, so warm, so herzlich, eine Fülle der Empfindung geht ein in meine Brust. Ich fühle mich so jung, so gut.— V. 17. Avril ihso I Entschieden nicht ohne Absicht läßt uns der Baron wiederholt allein,— der reiche Schwiegersohn Waldenan wäre ihm schon recht. Wüßte er, wie dankbar ich ihm bin für jede Minute des Alleinseins mit Melanie, obgleich unsere Unterhaltung nie um eines Härchens Breite von einem Gespräch abweicht, das alle Welt zum Zeugen haben könnte. Sie hat offen ihre Freude über meine körperliche und geistige Frische ausgesprochen, aber als ich die Gelegenheit benutzen und von meinen Gefühlen reden wollte, lenkte sie auf ein anderes Thema, und wiederum sah ich jenen Ausdruck der Besorgniß ihre Stirn beschatten,— wenn sie eine Erklärung fürchten, eine andere Liebe ihr Herz füllen sollte-- Ich mag nicht denken! Sie sprach von meinem Sohne, seiner Gattin; ich schilderte unser Verhältniß, wie es ist, ungeheuchelt, ungeschminkt,— sie schien mit Theilnahme meinem Bericht zu folgen. Des Nrtheils enthielt sie sich, aber nicht mir, dem warm, vielleicht zu warm Fühlenden schien sie die Schuld beizumessen, daß die Kette, die Vater und Sohn verbindet, loser gekniipft, als die Natur es mit sich bringen sollte. Nawr, Band der Natur, Stimme der Natur,— habe ich ein Recht, den geheiligten Namen, wenn er wirklich den Begriff der Wahrheit in sich schließt, zu Profaniren, der wider ihn zu sündigen im Begriff, der mit Wollust einschlürft der Sünde süßes Gift? Ich thu's, ich thu's,— ist Natur Wahrheit, wird sie sich zu rächen wissen,— ich bin darauf gefaßt. Acht Tage sind verstrichen, jeder führte mich nach Wolfs- Hagen; mein treuer Bernhardt macht mir Vorwürfe, daß ich mich nicht um des Hauses geschäftliche Angelegenheiten kümmere. In- folge der durch Anschaffung der neuen Maschine billiger als andere Fabriken zu liefernden Ausführung laufen die Aufträge massenhaft ein. Bernhardt kann die obere Leitung kaum be- wältigen. Er scheint traurig und etwas auf dem Herzen zu haben,— ich kann mir denken, was,— der Respekt verbietet ihm, sich zu äußern. Mein lieber, alter Freund, nur jetzt nichts vom Geschäft, nur jetzt nicht. Er geht unbefriedigt,— ich kann ihm nicht helfen; ich möchte gern eine Welt beglücken, andern Freude bereiten, nur soll man mich mir selber überlassen, bis alles entschieden, es wird, es muß;— die Frucht ist überreif, sie muß gebrochen werden oder verdorren. Ich denke eben daran,— seit lange habe ich nichts von Frankcnthal gehört. Er soll eine Freude haben. Ich stelle seinem Sohne die Maschine zur genauen Kenntnißnahine zur Disposition. Neulich kam in Melanies Gegenwart die Rede auf Vater und Sohn. Ich glaubte, eine Bewegung bei ihr zu spüren;— auch sie erzählte von öfterer Begegnung, sie sprach so anerkennend, so warm. Mein Blut kochte,— es muß zu Ende kommen,— heute noch!— Mein alter Jakob bringt mir Kunde von dem Resultat der Untersuchung, die gegen den Schrecken der Gegend, den schwarzen Wolf, eingeleitet. Man hat nichts Gravirendcs entdecken können und ihn entlassen müssen. Nun hat der Bursche die Gegend verlassen und geschworen, er werde wiederkommen und eine That ausüben, die seinen Namen berühmt machen und den Richtern Kopfzerbrechen schaffen solle. Alan wird ihm zu begegnen wissen. Jakob bringt mir einen Brief meines Herbert. Er ist ge- wohnt, daß ich die Briefe meines Sohnes, den er auf seinen Armen gewiegt, in seiner Gegentvart öffne und für ihn Passendes ans seinem Inhalt mitthcile. Auch heute machte er sich in meinem Zimmer zu schaffen. Ich brach das Couvert; der Brief war lakonisch, wie immer, jeder Buchstabe hatte sein Recht, wie jedes Wort, jeder Punkt an Ort und Stelle, wohlerwogen jeder Gedanke.— Es war, als ob ein Eishauch mich durchriesele. Der Schluß des Schrei- bens schien in etwas erregterer Stimmung geschrieben,— allein die Bewegung entsprang einer kaum ernsten Mißbilligung meines letzten Schreibens. Ob das Herz bei seiner Abfassung im Ein- fluß der neuen, überwältigenden Gefühle der Hand diktirt?— Herbert ahnte,— ob unberufene Einmischung ihm ins Ohr ge- blasen? Seine Zeilen enthielten so seltsame, ja verletzende An- spiclungen, daß ich, ohne die Lektüre zu beenden, den'Brief zur Seite warf. „Das fehlte noch!" Ich hörte deutlich diese Worte über Jakobs Lippen kommen. Ich fuhr empor.„Was?" fragte ich kurz. „Daß die unselige Leidenschaft, von der Stadt und Land voll, � noch vollends das Band zwischen Vater und Sohn zerreißt. Herr Ehrenfried, Herr Ehrenfried, was soll daraus werden?" Ich fühlte, wie glühende Röthe mein Antlitz bedeckte. Soweit war es schon gekommen, daß mein Diener sich berechtigt glaubte, über meine Gefühle nach seiner besten Einsicht richten zu wollen. Erst der eigene Sohn, dann der Diener,— der ein Echo der Welt,— Stadt und Land sagt es,— Stadt und Land. Er wollte mich ja selber noch als Ehemann sehen; freilich, wie ich's verstehe, kann's keinem passen; die gesetzte Wittwe, die Altjungfer, die meine Strümpfe strickt und mich mit ihren poetischen Ergüssen in den Schlaf liest, das hätte jeder vernünftig gefunden, das hätte die Welt gefreut, die liebe, theilnehmende! Welt, alt zu alt, jung zu jung, Jahre zu Jahren; aber so— Stadt und Land spricht davon. Wider die Natur, ich nehme ihn auf, den Kanipf auf Tod und Leben,— noch heute werbe ich um Melanies Hand,— nicht bei dem Vater, das dünkte mir Entweihung der tiefinnersten Handlung meines Daseins,— sie selber soll entscheiden. Jakob schien erstaunt, mich nicht in Hitze gerathen zu sehen, wie es sonst wohl meine Weise. Ich blickte ihn an und lächelte. Ein jüngerer Diener trat ein und überhob mich des weiteren. Er meldete den älteren Frankenthal. Sein Besuch ersparte mir den beabsichtigten Brief; ich empfing ihn. Des Eintretenden Miene schien mir verdüstert und sorgenvoll, augenscheinlich drückte ihn etwas. Auf meinen Wink entfernte! sich Jakob sofort, und freundlich ihn zum Sitzen nöthigend, bot ich ihm meinen Beistand an, falls er einer Hülfe bedürfe. „Ich nehme Sie beim Wort," erwiderte Frankenthal,„ja, ich brauche Ihren Beistand; er wird Ihnen freilich ein Opfer kosten." „Disponiren Sie," rief ich,„einem alten Jugendfreunde Seelenruhe zu verschaffen, ist mir keines zu hoch." Frankenthal seufzte.„Wer weiß," sagte er.„Wollen Sie mir meinen Sohn wiedergeben, so gut, so vertrauend auf eigene Kraft, so ungebrochen, wie noch vor kurzer Zeit, da ich Ihnen Oswald vorstellte?" „Was ist mit Ihrem Sohne geschehen?" fragte ich.„Noch eben beschäftigte ich mich in Gedanken mit ihm und mit Ihnen.| Die Maschine entspricht der Erlvartung. Ich stelle das System zu seiner Disposition. Nachahmer werden nicht ausbleiben. Ihnen zuvorzukommen, sei Ihres Oswalds Aufgabe. Die Fabrik steht ihm offen, Bernhardt wird den Schlüssel zum Raum, der das gut verwahrte Kleinod birgt, zu seiner Disposition stellen." „Nicht um materiellen Vortheil handelt es sich," rief Frankenthal fast unwillig,„obwohl mich Ihr Vorschlag unter anderen Um ständen heute beglücken würde, wie es bereits geschehen. Ein} anderes führt mich hierher, zu Ihnen, dem alten Freunde.— Waldenau, seit einiger Zeit sind Sie ein ständiger Gast auf! Wolfshagcn, dem Besitz des verrufenen Freihcrrn von der Hellen. Allgemein heißt es, der Kommerzrath Waldenau habe das Gut! zu fabelhaftem Preise erstanden, die Schulden des Barons seien geordnet,— ja, man sagt mehr �--" Ich blickte dem Stockenden fest ins Auge.„Sprechen Sie aus, Herr Frankcnthal." Meine Kälte schien ihm Fassung zu geben.„Sie fragen,>vas mich es kümmert, wenn ein Mann Ihres Alters, selbst Vater, in unseliger Leidenschaft zu einem Mädchen erglüht, das dem Alter nach seine Tochter sein könnte? Ich verschmähte es von jeher, mich zum Echo der Menge zu machen, für seine Thaten trägt der Mensch den Richter in sich, sein Urtheil kommt, früher, später, aber unausbleiblich. Nicht auf Freundesrecht pochend, würde ich mir erlauben, zu Ihnen zu reden, wie es geschieht, ich will hoffen, zur guten Stunde. Nicht warnend, bittend komme ich zu Ihnen, bittend unter Thränen: entsagen Sie dem Taumel der Leidenschaft, der Sie umfängt, eines jungen, hoffnungsvollen Daseins halber, dessen reinste Blüthen, die zu segenbringendem, reinsten Lorbeer ersprießen könnten, durch Sie verdorren würden. Widerlegen Sie das Gerücht, Sie, der Fünfziger, werbe um die Hand Melanies von der Hellen." Die Gewißheit einer längstgehegten Ahnung schoß mir wie ein Geißelhieb der Eumeniden durch die Seele; ein Schauer dnrchrann mein Blut. Kaum bezwang ich niich. „Ihr Sohn liebt die Baroneffe von der Hellen?" fragte ich. „Kommen Sie etwa in seinem Auftrag?" Nicht ohne Würde antwortete Frankenthal:„Kein Auftrag, der Oswald, wie mich selber erniedrigen würde, führt mich zu Ihnen. Sie fragten mich neulich, als ich von einer Veränderung 339 im Wesen meines Sohnes sprach, ob ich nicht auch seines Herzens Vertrauter sei. Damals wußte ich nichts, er hatte kaum etwas zu vertrauen, Träume, Chimären der Jugend birgt Jugend gern in eigner Brust. Aber als ich ihn so ganz ein anderer werden sah, als bisher, so muthlos, so verzagt, so unstät, bald Pläne fassend, bald verwerfend, als ich, in der Meinung, ihm bange, rasch genug eine ehrenvolle, gesicherte Zukunft zu erringen, Ihren Namen nannte, von Ihrem Anerbieten zu reden begann, und ihn erbleichen sah, ausmallen in unwillkürlicher Leidenschaft, da war mir seiner Seele Zustand klar. Er liebt Melanie von der Hellen mit erster, unentweihter Glnth der Jugend. Sie war sein Stern, sie sein Ideal, das ihn begeisterte, für das er denken, ringen, schaffen wollte. Wie sie sich des Strebenden Erfolge gefteut, hoffte er um ihretwillen zum Meister zu werden in seinem Fach, im Fluge wollte er einen Namen erringen, eine Zukunft, beide dann zu ihren Füßen legen, gewiß, nicht zurückgestoßen zu iverden. Lächeln Sie nicht so ungläubig, Mann. Zu Hohem schon hat edle Leidenschaft, der beste Sporn des Genies, begeistert. „Sie sprechen in der ganzen Schwäche eines liebenden Vaters," erwiderte ich.„Hat denn"— die Stimme drohte mir zu ver- sagen—„die Baronesse Melanie je diese phantastischen Hoff- nungen ermuthigt oder sie getheilt?" „Ich bin Ihnen Wahrheit schuldig. Gleiche Frage richtete ich an Oswald. Nein, Waldenau, von der Aussicht auf Vereinigung war nie die Rede zwischen ihnen. Und doch, Oswald fühlt es in seiner Seele Tiefen, doch waltet ein sympathisches Band zwischen ihm und Melanie von der Hellen. Er ist gewiß, daß seine Liebe getheilt lvird und—" „Er lügt!" Meine Leidenschaft, die unselige, übermannte mich. „Herr Waldenau, es ist mein Sohn!" „Und meine Ehre. Ich bin im Begriff, noch heute um Melanie von der Hellens Hand zu werben." „Ehrenfried,— Freund,— bedenke, was du thust!" „Ich verbitte mir Ihre Moral. Mein Weg ist beschlossen. Vielleicht triumphiren Sie, und der alte Freier trägt einen Korb heim, der bereits in trauter Schäferstunde für ihn von Melanie und Ihrem Sohn geftochten. Täuscht mich aber meine Hoffnung nicht, war jene Neigung, von der Sie reden, nichts als eine Tändelei der müssigen Stunde eines jungen Mädchens,— dann nehme ich es, der Fünfziger, mit allen Rivaleu der Welt auf. Auch mit Ihrem Sohn. Liebt er Melanie, wie er vorgibt, muß er, entsagend, eigenes Glück in dem Glücke finden, das, meinem Reichthum dank, ihr Liebe zu bereiten vermag. Das sagen Sic ihm, und daß ich bereit bin, ihm alles zu gewähren, den kühnsten Träumen seines Talents entgegenzustreben." „Nicht eines, noch das andere. Ich wiederhole, mein Weg zu Ihnen ist ihm ein Geheimniß, soll es bleiben. Ich scheide schweren Herzens— feinet-, Ihretwillen. Unglücklicher Mann, denken Sie dieser Stunde. Nimmer werden Sie Glück bereiten, nimmer selber glücklich sein. Noch keiner verging sich ungestraft wider die Natur. Kurz ist des Rausches schwindelhafter Traum, und das Erwachen Elend, Reue. Leben Sie wohl!" Er wandte sich und verließ das Zimmer. Hinter ihm sprang ich auf; das nach dem Hofe führende Fenster öffnend, rief ich laut hinaus— meine Stimnie mußte noch sein Ohr erreichen: „Das Pferd gesattelt— augenblicklich! Fällt etwas vor, Bericht nach Wolfshagen!"— (Fortsetzung folgt.) Die Veckrungen modernßer Naturnnsseilschast, eine Wiedergeburt der Wonadenlehre Giordano Srnno's. Von K. W. Iavian. Bruno war Italiener, sein Leben fällt in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts(1548—1600), seine Philosophie büßte er am 17. Febr. 1600 mit dem Feucrtode. Angesichts des Scheiter- Haufens wies er init finsterer Miene das Kruzifix zurück. „Ihr dürftet mit größerer Furcht das Urtheil sprechen, als ich es empfange." Dies sollen die einzigen Worte gewesen sein, die er nach der Ceremonie der Urtheilsverlesung vor der Ver- sammlung von Kardinälen, gelehrten Theologen, römischen Stadt- Magistraten und dergleichen drohend aussprach, nachdem er sich zuvor aus der knieenden Stellung, zu der er gezwungen>var, stolz aufgerichtet hatte.(Vergl Dürings Geschichte der Philosophie). Bruno kennzeichnete die ganze Natur, nach Art der antiken Borstellungsart, als ein großes gewissermaßen lebendes Wesen, so suchte er auch da, wo Demokrit seine Atome hatte spielen lassen, eine Art Lebendigkeit, er machte den Versuch, das, was wir in uns als Enipfindung kennen, in einer Analogie auf das sonst als Unbelebtes Vorgestellte zu übertragen. So konnte jedes Kleinste in der Natur nach der Analogie des Ich aufgefaßt wer- den. Dieselbe Einheit, die Bruno unter dem Eindrucke der astro- nomisch erweiterten Weltvorstellung im Großen fand, diese selbe Einheit(monas) legte er auch dem Kleinsten zu Grunde. Jedes Theilchcn des Seienden erhielt hiernach eine Art Sub- jektivität zugetheilt, welche nach der Weise menschlichen Empfin- dens und Strebens vorgestellt werden sollte. So hat Bruno versucht, die Brücke vom Kleinsten zum Größten zu schlagen, und das Universum, von dessen Vorstellung er ausgegangen war, durch ein zweites Universum, welches er sich als in der Weise eines Punktes existirend vorstellte, dem Ver- ständnisse näher zu bringen. Der Gegensatz der kleinsten selbst- ständigen, atomistischen Existenz(�lvnacks) und des gesammtc» Universums wird aufgelöst in die Vorstellung des Hervorgehcus des Größten aus dem Kleinsten. Das eleatische Problem der Einheit und Vielheit, d. h. die Forderung einer zutreffenden Vor- stellung des einheitlichen Bandes in der Mannichfaltigkeit und der mannichfaltigen Selbstständigkeiten in der Totalität, erfuhr bei Bruno eine neue Lösung. Den Ausdruck Monas gebraucht der Philosoph m seinen Schriften vorherrschend für das große Ganze, die letzten Einheiten nennt er aber Minima. Das Minimum fit bei Bruno dem Uni- verfilm in geivisser, sagen wir wesentlicher Beziehung ebenbürtig, von einer Schöpfiing im theologischen Sinne kann daher füglich nicht die Rede sein. Er denkt sich alles Leben als eine Aus- dehnung und allen Tod als eine Zusammenziehung. Expansion und Kontraktion der eleinentaren Lebensursacheu ist das Einzige, was er anerkennt, der Tod berührt dieser Borstellungsart ent- sprechend das eigentliche Wesen von Mensch und Thier nicht. Die Unvcrgänglichkeit des Gegenstandes der Scelenvorstellung folgert Bruno aus der Einfachheit, mithin Unzcrstörlichkeit der Monade. Ein Jahrhundert später lvurde diese Bruno'sche Philosophie von Lcibnitz(1646—1716) neu erfaßt. Dühring, dem diese Dar- stellung der Bruno'schen Lehre sich anschließt, nennt die Gestal- tung der Bruiio'schcii Ideen von Seiten Leibnitz eine Berun- staltung, indem er mit seinen thcologisirenden Beimischungen das, ivas er bei Bruno in rein philosophischer Haltung gefunden haben sollte, zu einem den Verstand foppenden' Gebilde unuvan- delte. Schopcnhaner machte ironisch darauf aufmerksam, daß es ihm nicht gelungen sei, die Leibnitzh'chen Monaden, die zugleich dreierlei, nämlich mathematische Punkte, außerdem Körper und endlich sogar Seele sein sollten, zu begreifen. Der Verfasser dieser Abhandlung kann den Bruno'schen Ideen nicht die Bedeutung beilegen, welche ihnen Dühring zuspricht und die Ergänzung seines Systemes von Seiten Leibnitz ist er nur im Stande als eine weitere Konsequenz der eigentlichen Grundanschauung zu erkennen. Die Geistesprodnkte der Gegen- wart, wie sie von Häckel, Zöllner, Caspari und anderen ans den literarischen Markt gebracht sind, können als direkte Wiedergeburt der Bruno'schen Monadenlehre betrachtet werden. Zöllner vermag schon in seinem Kometenbuche das Phänomen der Empfindung nicht mit den Veränderungen der Körperwelt in ein Kausalverhältniß zu bringen, er sieht sich daher in die Alternative versetzt: entweder auf die Begreislichkcit der gedachten Erscheinungen für immer zu verzichten oder die allgemeincu Eigen- schaften der Materie hypothetisch um eine solche zu vermehren, welche die einfachsten und elementarsten Vorgänge der Natur unter einen gesetzmäßig damit verbundenen Empfindungsprozeß stellt. Entgegengesetzt dem„lgnorabimus" Dubois Rcymonds greift Prof. Zöllner zu der genannten Hypothese; dem Räume wird eine neue, eine dynamische Eigenschaft beigelegt und alle Arbeitsleistungen der Natur werden als mit Empfindungsprozessen ver- knüpft, angesehen. lliifflfltHB . v j"'ihiir ■iiiiiiiiiiiiiiiii1'!' •jiilli... rVii'1"*'!>!!'. ' AUW I' ilr Das biologische Atom, die Plastidulseele, die Atomseele, das Gesetz auf. nach welchem alle Arbeitsleistungen derselben durch sind die neuesten Eiitdeckniigen der Naturphilosophen. die Empfindungen der Lust und Unlust bestimmt iverden, und Nach Caspari*) kann hiernach das biologische Atom nicht nur von außen getrieben iverden, sondern da es in sich selbst als voller Leben gedacht wird, so geht es inner- halb des Kausal- nexus seinem eignen Triebe nach, sodaß es unter Umständen, wo es sich in mecha- Nische Bewegungen verflochten findet, unter welchen nach- weislich von vielen Seiten gleich stark ans dasselbe cinge- wirkt wird, es innerhalb dieses Gleich- gewichtes der An- Ziehungen nur der- zenigen folgt, zu der es relativ frei, d. h. sich seinem inneren Charakter lebendig getrieben fühlt. In diesem Sinne hat daher die Freiheit innerhalb jedes ge- setzlichen Kausal- nexus ihre begrün- dete Annahme. Das wahre Gesetz lebt hiernach nur in einem gewissen Spielraum der Frei- heit, und die wahre Freiheit nur unter dem Mantel eines sie zart umfassenden Gesetzes. Auch Häckel kommt zu dem Schlüsse, daß jedes Atom als beseelt, daher bereits als in sich voller Leben ge- dacht werden müsse. Tie höher cntwickcl- ten Thiere unter Einschluß des Men- scheu sind hiernach nur als Potenzirun- gen verschiedenen Grades dieser Atom- seelen zu betrachten, die Grenze des Or- ganischen schließt nicht das Bereich der Empfindung ab, sondern auch dem Anorganischen ist ein Minimum von Wille und Vorstellung nicht abzusprechen�*). In seinem Werke „Natur der Kometen" stellt Zöllner für die Naturlvesen ein --- �-"MM. .,v',"/. x..- m.> jaiu ii i pH' Iii,"'-j» Nv'i � & WZMWZMML-.,,,'» v ,■■ r_ 1W. "- �.....■ i.": Iii•" �":"WZMA ii iiiiiPr I ........... *) Vergl. Urgeschichte der Menschheit.—**) Vergl. Hückels Nor- zwar so, daß die Bewegungen innerhalb eines eben abgeschlossenen trog ans der Naturforscherversammlung zu München 1877. j Gebietes von Erscheinungen sich so verhalten, als ob sie den unbewußten Zweck verfolgten, die Summe der Unlustempfiudungen(Abirrung) entstandenen Disharmonien sich auflösen sollen in die auf ein Mininmm zu rcduziren. reinste Harmonie, ohne daß Gesetz und Freiheit noch mit ein- ander kollidiren. Ja die Phantasie Caspari's versteigt sich selbst dahin, den gläubigen Träumern für die Zukunft ein Lichtleben, ähnlich dem der Sonne, zu versprechen, indem die Planetarischen Verhältnisse sich dem Sonnenleben an- passen sollen. Vergeblich ruft der exakte Dubois Reymond diesen Schwärmern ein Halt zu, schon haben sie den Faden, der sie zur Erde hält, verloren, gleich dem Aar steigen sie auf in das Luftmeer der Phantasie. Es ist nicht die Absicht des Ver- fassers, hier die iveiteren extremen Ausläufer dieser Richtung der Ziatur- Philosophie aufzu- zählen; vielmehr liegt ihm lediglich daran, zunächst den gekennzeichneten An- thropomorphismus unserer Zeit mit der Monadenlehre Bru- no's in Verbindung und diese hierauf selbst zur Widerlegung zu bringen. Die geistige Uebereinstimmung der Lehren Bruuo's mit den Anschauun- gen Höckels und seiner Genossen ist evident, von dem späteren Spiritis- mus Zöllners hier zu schweigen. Die Jäger'schc Riech- seelentheorie und die Entdeckung der Hahn'schen Urzelle sind weitere Aus- flüsse des wiederum neu entstandeneu An- thropomorphismus des Weltalls. Es ist klar, daß der exakte Darwinis- mus mit der Quint- essenz des Hervor- gehens des Le- bendigen aus der anorganischen Welt, nur solange einen Sinn hat, als eben den Begriffen Leben und Empfin- dung das Attribut So versucht man den Weltprvzcsscn eine sittlich ästhetische der zeitlichen Endlichkeit beigelegt wird. Es ist daher ein Para- Grundidee zu geben nach welcher schließlich die durch Aberration doxon und charakteristisch für die neue Lehre, daß die eifrigsten 342 Anhänger Darwins, so im mystischen Drange, sich ihr ursprünglich eigenstes Fundament, auf dem sie standen, untergruben. Mehr wie je haben daher die Gegner des strengen Kritizismus und des Darwinschen Systems Anlaß zum Triumphe. Merkwürdig, oder vielmehr zutreffend ist es, daß sich auch auf kirchlich-politischem Gebiete zur Zeit die gleichen Reaktionstendenzen bemerkbar machen. , Es wäre vielleicht bequemer, dieser letzteren Art der Reaktion gegeniiber, die Reaktion auf wissenschaftlichem Gebiete zu leugnen, öder doch wenigstens zu verheimlichen; allein dem wahrhaft konse- quenten Sinne gelten keine opportunistischen Erwägungen; er kennt nur eine gerade Linie, auf welcher es keine Krümmungen und Ablenkungen gibt. Diese Linie ist die der Wahrheit; die Schwan- kung heißt Vernichtung, Verneinung des Ichs. Ob klug oder unklug im taktischen Sinne, solches offen aus- zusprechen,— wahr ist es gewiß, daß mit der begrifflichen An- schauung des ganzen Kosmos, nach der Auffassung des mit Em- pfindung ausgestatteten Ichs, der exakte Darwinismus herabsinkt zur bloßen Chimäre; wahr ist es ferner, daß die Arbeiten Höckels und seiner Anhänger durch die Schlußansicht ihrer Urheber auf den Kopf gestellt sind. Der deutsche spekulative Geist hatte mit Recht erkannt, daß die zunächst rein zoologisch-systematischen Arbeiten Darwins, be- ginnend mit der Eiweißzelle und abschließend mit dem höchst- entwickelten Organismus, dem Menschen, nach unten hin erweitert werden konnten und mußten, um ein vollständiges und in sich abgeschlossenes Bild der Naturentwicklung zu liefern. So ent- standen denn in neuer Verjüngung der Kant-Laplace'schen Welt- bildungstheorien eine Reihe werthvoller kosmologischer Arbeiten, die, da mit der Bildung des Sonnensystems nach astronomisch- physikalischen Gesichtspunkten beginnend, erst nach und nach zur Abkühlung der Erde kommen aus ursprünglich feurigem Zustande, und nun erst den Zeitpunkt der Entstehung organischer und end- lich animalischer Gebilde als herangekommen erblicken. Von diesem Standpunkte der allgemeinen kosmologischen Ent- Wicklung, von der die engere Deszendenzlehre ein kleines und zwar das jüngste Glied ist, ist es absolut unzulässig, die Theorie der Konstanz des Lebendigen, wie sie Bruno und nunmehr seine Wiederbeleber lehren, als zulässig zu betrachten; denn nach aller ursprünglichen Einsicht und aller empirischen Forschung kann weder das Lebendige im feurigen Zustande, noch der Begriff Leben als ein unveränderlicher gedacht werden. Alle diesbezüglichen Spekulationen sind leere Phantasien, ohne realen Grund und Boden. Die Empirie lehrt mit Nothwendigkeit das Werden und Ver- gehen des lebenden Individuums, resp. des Lebens an sich. Als ewig kann nur das Leben im Gattungsbegriffe insofern zur Borstellung kommen, als die Welt unendlich ist, unendliche Welten- und Himmelssysteme aber die absolute Richtexistenz irgend eines Gattungsbegriffes ausschließen. Diese letztere Art der Formu- lirung hat aber nichts gemein mit der eigentlichen Wesenheit des Empfindungs- und Lebensbegriffes, von welchem die Endlichkeit ein Attribut ist. Es hieße hier noch eine kosmische Geschichte des Sonnensystems schreiben, den Standpunkt derselben weiter detaillirt zu verfolgen; das aber ist für unfern Zweck unnöthig, da die Grundzüge einer solchen zu sehr bekannt sind. Die Empirie ist somit die Grundlage der mechanischen Auf- fassung, nach welcher das Empfindungsphänomen erst aus den rein mechanischen Prozessen der Natur hervorgegangen ist; die Empirie sowohl im Sinne der universalen kosmischen Entwicklung, wie das Experiment jeder Sinneswahrnehmung liefert den Beweis, daß die Mechanik das Erste und Einfachere, das Lebendige und Bewußte aber das Letztere und Koniplizirtere ist. Oder wer will da behaupten, daß ich erst das Ding denke, und daß es dann in empirische Realität tritt? Umgekehrt treffen wir das Richtige; erst cxistirt das äußere Ding und hierauf tritt es in den Gesichtskreis der sinnlichen Wahrnehmung. Vergegenwärtigen wir uns einmal die Vorgänge eines Sinnes- Prozesses, um klare, geometrische Einsicht in dieselben allgemein zu erhalten. Nehmen wir einen Stab»— b, der sich mit dem Ende b auf der Erdoberfläche befindet. Wie kommt nun das wirkliche Gesehenwerden des Stabes zustande? Nach den Lehren der Optik und mit Rücksicht auf den Bau des menschlichen Sehorganes wissen wir, daß das rein mechanische Bild auf der hohlkugelförmigen Netzhaut des menschlichen Auges nach Art des Bildes auf der empfindlichen Platte einer photo- graphischen Camera vorgestellt werden muß, d. h. wir haben es mit einem sogenannten umgekehrten Bilde zu thun, welches das Unterste zu oberst und das Oberste zu unterst kehrt; so sehen wir denn auch auf der Retina des Augdurchschnittes, umgekehrt dem Verhältnisse des Stabes n— b, a zu unterst und b zu oberst ge kehrt. Es ist nun eine bekannte Thatsache, daß beim wirklichen Sehen uns von solchen Uinkehrungen nichts bewußt ist, vielmehr sehen wir den Stab a— b gleich seinen wirklichen räumlichen Ver- Hältnissen entsprechend; es folgt daher, daß das Bewußtsein, resp. die Sinneswahrnehmung nur durch eine Rekonstruktion der mecha- nischen Einwirkung, eine Uinkehrung des umgekehrten Bildes, erklärt werden kann; daraus aber, daß uns von diesem Prozesse der Re- konstruktion ursprünglich rein nichts bekannt ist, folgt, daß dem- selben nicht der Charakter eines Schlusses beigelegt werden kann, sondern daß er selber noch ein lediglich im Sinne der Mechanik gedachter, mit Nothwendigkeit sein muß.(Schluß folgt.) Brennstoffe und Wohnungsheizung. Von Nothberg■ Lindener. (Schluß.) Nachdem schon Goethe seinem Zorn über„die vermaledeite Rumpelkammer" der ehedem angenommenen plötzlichen Erd- revolutionen zum Verdruß und Spott der Mehrzahl damaliger Geologen Lust gemacht hatte, gibt man seit Lyell ziemlich all- gemein zu, daß wirklich die früheren Veränderungen auf der Erde ganz so langsam und allmählich vorgegangen seien, als wir noch jetzt die Wanderung und Wandlung der mineralischen Stoffe beobachten können. Man kann also schließen, daß es auch mit der Steinkohlebilduug nicht einen so hitzigen Anfang genommen habe. Aber auch hinsichtlich der Richtigkeit der Theorie, daß es gerade baumartige Pflanzen gewesen seien, deren Holz in unsere Steinkohlen metamorphosirt sei, müssen wir gewichtige Bedenken erheben. Diese finden eine starke Stütze in den Untersuchungen von E. Frömy, der seit dem Jahre 1850 die chemische Natur der Pflanzengcwebe studirt und zahlreiche Versuche angestellt hat, um dieselben in den Steinkohlen gleiche Körper umzuwandeln und die Bedingungen dieses Prozesses festzustellen. So hoch in- tcressant die Verfolgung des Verlaufs dieser mühsamen Arbeiten auch ist, so können doch hier nur deren wichtigste Resultate einen Platz finden. Die Schlüsse Fremy's sind: „1. Die Steinkohle ist keine organisirtc Substanz. Herr Renault hat noch neulich auf meinen Wunsch diese wichtige Thatsache konstatirt. 2. Die Pflanzcnabdrückc, welche die Steinkohle zeigt, die so gründlich von Ad. Brongniart und seinen Nachfolgern studirt worden, entstanden in der Steinkohle, wie in den Schiefern und jeder andern Mineralsubstanz; die Steinkohle war eine bituminöse und plastische Masse, auf welcher die äußern Theile der Pflanzen sich leicht abformten. 3. Wenn ein Stückchen Steinkohle ans seiner Oberfläche Pflanzenabdrücke darbietet, so kann es demnach der Fall sein, daß die darunter liegenden Kohletheilchen nicht das Resultat der Umwandlung derjenigen Gewebe sind, welche bedeckt waren von der äußern Membra, deren Gestalt erhalten wurde. 4. Die Hauptstoffe, ivelche in den Zellen der Pflanzen enthal- ten sind, erzeugen unter dem doppelten Einflüsse der Wärme und des Druckes Substanzen, welche eine große Aehulichkeit mit der Steinkohle darbieten. 5. Dasselbe ist der Fall mit den Ulminen, ivelche im Tors vorkommen und mit denen, die man künstlich präparirt. 6. Die Farbstoffe, die Harze und Fette, die man aus den Blättern extrahiren kann, ändern sich durch die Wirkung der Wärme und des Druckes in Körper, welche sich den Erd- harzen nähern. 7. Gestützt auf die in dieser(Främy's) Abhandlung beschriebenen 343 Experimente, kann man also annehme», das; die Steinkohle produzirenden Substanzen zunächst die Torfgährnng erlitten haben, und daß durch eine sekundäre Wirkung, welche durch Wärme und Druck veranlaßt war, die Steinkohle sich ans Kosten des Torfes gebildet hat/' Es hat daher große Wahrscheinlichkeit, daß unsere verschiedenen Steinkohlenlager sehr verschiedenen Arten von Pflanzen ihre Her- kunft verdanken. So wie wir jetzt die mannichfaltigen, oben an- geführten Arten Torf kennen, so können Steinkohlen aus Moorpflan- zen, aus Bäumen und auch aus Seetangen entstanden sein, obgleich vor noch nicht vielen Jahren der Professor Fr. Ätohr wegen der letzten Behauptung mit vielem Lärm zurückgewiesen wurde. Und wenn unsere Brennstoffe verschwendende Zeit die bestehenden Torslager nicht nach und nach total erschöpft, so könnten sich in so langer Zeit nach uns, als vorher die Steinkohlenflora noch grünte, unter gleichen Bedingungen neue Steinkohlenlager gebildet haben. Jedenfalls aber hat bei unseren heut fertigen Lagern der Druck der allmählich aufgelagerten Gesteinschichten eine erhebliche Rolle gespielt, unterstützt von der bei dem Zersetzungsprozeß auf Kosten eines Theils des Materials entstandenen Wärme. Wir enthalten uns hier, von der eignen, inner» Erdwärme zu sprechen, da man zwar nach früheren Beobachtungen eine stetige Zunahme von 1° t!. ans je 100 Fuß Tiefe glaubte festsetzen zu können, während man neuerdings in Bohrlöchern, welche auf mehr als die doppelte der früher erreichten Tiefen niedergebracht wurden, als höchste Erdwärme etwa 40° 0. beobachtet hat, danach also sogar eine langsame Abnahme nach unten hin. Vor Thatsachen werden eben die schönsten Theorien zu schänden! Der Zersetzungsprozeß der Steinkohlenbildung hat nun auf immer reinere Darstellung von Kohlenstoff hingearbeitet. Daher ist die älteste Kohle, der Anthracit, fast reiner Kohlenstoff, wäh- reud die anderen Varietäten, je jünger, desto mehr bituminöse und flüchtige Substanzen enthalten. Der Wasserstoff und Sauer- stoff entweicht mit einem Theil der Kohle als Kohlenwasserstoff- gas(Grubengas), Steinöl und Kohlensäure. Der Anthracit in seiner reinsten Form ist dasjenige Produkt, in dein der Zersetzungsprozeß, welcher Braun- und Steinkohlen bildete, sein Ende er- reicht hat. An einer Zusammenstellung der Zusammensetzungen der gan- zen Reihe von Brennstoffen läßt sich die allmähliche Umbildung der vom Sonnenstrahl geformten Cellnlose in Steinkohlen am besten übersehen: Kohlenstoff. Wafferstoff. Sauerstoff. Cellnlose 44.5 6.2 49,3 Torf 60,4 6 33,6 Lignit 67 5,3 27,7 Erdige Brannkohle 74,2 5.9 19,9 Steinkohle ffüngcre) 76,2 5,7 18,1 Steinkohle(ältere) 90,5 5,1 4,4 Anthracit 93 4 3 Diese Analysen beziehen sich alle auf reine Materialien ohne Berücksichtigung der gelegentlich oder beständig und unvermeid- lich beigemengten fremden Körper. Auch in den Steinkohlen finden sich solche Beimengungen von beiderlei Art. Unter den accessorischen oder zufälligen tritt als häufigste und zugleich un- liebsamste der Schwefelkies(Schwefeleisen, krystallinisch, in kleinen gelblichen, metallglänzenden Adern eingesprengt) auf, der nicht nur wegen seines Schwcfelgehalts die Kohle zu einzelnen Feue- ruugszwecken unbrauchbar machen kann, sondern auch durch Auf- nähme von Sauerstoff aus der Luft(Umtvandlung in Eisenvitriol) und dabei stattfindendes Erhitzen die Kohle auflockert und zer- sprengt und sogar Selbstentzündungen der Flötze und Lager ver- anlassen kann. Ferner kommen auch Bleiglanz, Kupferkies und Zinkblende in den Steinkohlen eingesprengt vor, sowie von erdigen Mineralien am häufigsten: Kalkspath, Braunspath, Gips, Baryt, Schieserthon und der thonige Sphärosidcrit— die sich alle als lästige Bestandtheile bei Verwendung des Brennstoffs bemerkbar machen. Davon zu unterscheiden sind die eigentlichen Aschenbestand- theile, die durchschnittlich 5 pCt. der Steinkohle ausmachen und sich vor deren Verbrennen mit dem Auge ebensowenig entdecken lassen, als die Asche im Holze. Diese bestehen wesentlich aus: Thonerde, kohlensaurem Kalk und Magnesia, Eisen- und Mangan- oxyd, Gips, sowie aus geringen Mengen Chlor und Spuren von Jod(welches sonst nur im Meerwasser und seinen Produkten vorkommt!). Der durchschnittliche Gehalt an hygroskopischem Wasser beträgt in Steinkohle 5 pCt. In technischer Hinsicht bezeichnet man die Kohlen nach ihrem Verhalten im Feuer als: Backkohle, deren Pulver, in einem Tiegel erhitzt, schmilzt und zu einer festen Masse zusammenbackt', Sinter- kohle, deren Pulver sich zu einer festen Masse vereinigt, ohne vorher zu schmelzen; Sandkohle, wenn das Pulver keinen Zu- sammenhang bekommt. Ihrer Zusammensetzung nach unterscheiden sich diese Sorten folgendermaßen: Kohle. Wafferstoff. Ehem. geb. und hygroff. Waffer. Asche. Sandkohle 69 3 23 5 ! Sinterkohle 75 4 16 5 Backkohle 78 4 13 5 Das unter dem Namen Bogheadkohle vorkommende Mineral wird oft fälschlich der Steinkohle zugerechnet; es ist aber nur ein bitu- minöser Thon mit 60—65 pCt. Kohlenstoff und 18—24 pCt. Asche. Sie unterscheidet sich chemisch von der Steinkohle, indem sie bei der Destillation in der Retorte Paraffin, Solaröl und Photogen liefert, die Steinkohle dagegen Naphtaliu und Benzol. _ Die künstliche Stückkohle oder Peras ist aus Kohlenklein her- gestellt, indem dasselbe nach Absonderung der Verunreinigungen zwischen Walzen noch feiner gepulvert, mit 7—8 pCt. dickem Theer gemischt und heiß in Formen gepreßt wird. Auch ohne Theerzusatz lassen sich ans Staub von starkbackenden Kohlen Ziegel oder Briquettes herstellen, indem deren Pulver bis 500 Grad zum Erlveichen erhitzt und dann unter hydraulischen Pressen geformt wird. Eine für viele Zlvecke sehr vortheilhafte Vorbereitung für Benutzung der Kohle ist das Verkoken, dessen Produkt, die'Koks, je nach der Art der verwandten Kohle verschiedenes Aussehen und Eigenschaften zeigen. Sie enthalten 85—92 pCt. Kohlen- stoff, 3—5 pEt. Asche und nach Lagern 5—10 pCt. Feuchtigkeit. Da in den Koks der Kohlenstoffgehalt vergrößert, die während des Brennens von Kohlen, namentlich beim häuslichen Gebrauch lästigen, riechenden Bestandtheile entfernt sind, sowie auch die oft ebenso unangenehme Eigenschaft vieler Steinkohlen, teigig zu werden, zu backen, mit viel Rauch und ungleichmäßig zu brennen, beseitigt ist, so würden die Koks das geeignetste Material auch für Hausgebrauch liefern, wenn nicht leider, wie noch gezeigt werden soll, unsere Heizanlagen meist so primitiv und verständnißlos unpraktisch angelegt wären! Irrfahrten. Von Ludwig Wosenöerg. (Fortsetzung.) d si Nach der Katastrophe, die unseren Helden jählings seiner Stellung beraubte und zum zweiten mal zur Flucht drängte, sehen wir ihn in einer oer bedeutendsten süddeutschen Städte. Halb unbewußt, halb sehnsüchtig war er der Spur jenes Wesens gefolgt, das auf sein Gemüth einen entscheidenden Einfluß her- vorgerufen hatte. Durch die Roth zwar augenblicklich nieder- gedrückt, bemächtigte sich seiner doch niemals die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, und so geschah es, daß, als er einmal die Mark, die weiten Sandflächen und die niedrigen Hügel hinter sich hatte und rings um sich eine entzückende Landschaft, stolze Berge, einen mächtig dahinbransenden Strom und einen anderen fröhlichen Menschenschlag erblickte, er sich wieder allmählich auf- richtete, wie eine Blume, die nach langer Dürre endlich einen erquickenden Regen auf sich herabträufeln fühlt.— Seinen Eltern hatte er nur kurze Nachricht über seinen neuen Zustand zukom- men lassen und indem er einfach schrieb:„Ich habe mich nach dem Süden aufgemacht, meiner inneren Natur folgend, die mir immer den rechten Weg zeigt, den Weg zur wahren Zufriedenheit," dokuinentirte sich in diesen einfachen Worten die Selbst- ständigkeit des gereiften Mannes im Denken und Handeln.„Ihr 1 könnt mir doch nicht helfen," fügte er zum Schluß dem Briefe hinzu,„und ich möchte im Grunde auch niemand danken wie mir selbst. Ich suche darin meinen Stolz, meine Ehre— die, denen die Wege geschäftig geebnet werden, verachte ich; sie haben , für mich nicht mehr Werth, als die Gläubigen, die in der Stunde der Gefahr auf die Stütze eines unsichtbaren Wesens hoffen und erst wieder aufathmen, wenn der Zufall, den sie als den göttlichen Helfer preisen, ihnen gnädig seinen Arm leiht."--- Und so war er in M.— wo er einen lieben Schulkameraden wußte, wo auch vor allem Elisabeths Heimath war, mit der ersten besten Stelle zufrieden getvesen, die sich ihm darbot. Ans seinem Tagebuch wollen wir hier einen Passus, der seinen Charakter und seine Denkweise deutlich wiedergibt, abschreiben: „Es ist eigentlich eine elende Stelle, die ich angenommen, eine Stelle, wie es deren so viele gibt. Man beansprucht für dieselbe eine Menge Fähigkeiten und hat, einmal verpflichtet, nichts weiter zu sein, als eine Schreibmaschine, der man gelegentlich diesen niederen Werth suhlen läßt!--- Aber man muß leben, und darum will ich nicht ungehalten sein. Ueberdies-- bin ich nicht mehr Werth, als die Herde von Spielern, die zur Börse gehen und dort sich gegenseitig und anderen Leuten das Geld aus der Tasche fixen? Diese spielen zwar eine Rolle in der Welt, wie überhaupt die Mittelmäßigkeit und Gedankenlosig- keit immer eine Hauptrolle spielt, aber es ist eine traurige Rolle, und längst habe ich mir es abgewöhnt, neidisch zu sein, jenen Armseligen ihren Genuß zu mißgönnen, das Vergnügen, sich nach dem Modejournal zu kleiden, in feinen Restaurationen zu diniren und dem Aufwärter beträchtliche Doucenrs hinzuwerfen, sich in Theatern zu langweilen, nach dem Theater über die Akteurs und Aktricen zu räsonniren und spät mit einem zum Denken unbrauch- baren Kopf heimzukehren. Ich fühle mich höher stehen, mich, der ich kärglich lebe und in bescheidener Tracht unbeachtet ein- hergehe!—— Licht, mehr Licht!.— Rastlos streben, sinnen und arbeiten!— Das ist die Krone des Lebens! Ich weiß mich noch gut zu erinnern, wie ich einst unseren ehrwürdigen Direktor thöricht schalt, weil er emsig bis in die Rächt hinein an seinem Studirtisch saß und arbeitete.— Jetzt— wo ich auch hier im gewissen Sinne manche Bilder Berlins sich widerspiegeln sehe, dieselbe Physiognomie, dieselben Schatten, die das Bild der Welt verdüstern, wahrnehme,— ergreift mich eine nnbeschreibbare Sehnsucht nach der Wissenschaft und nach einer wahrhaft nütz- lichen Arbeit!— Ich fühle, daß ich bisher nirgends an meinem rechten Platze gestanden, daß ich widerwillig mich zu verhaßten Beschäftigungen bequemte. Es muß ein Mittel gefunden werden, dem inneren Drange fteie Bahn zu schaffen. Um wieviel weiter wäre ich, wenn Fortuna an meiner Wieae gestanden und wenn man mir einen Augenblick, wo mein Bewußtsein bestimmt auf- trat, die helfende Hand geliehen hätte!— Oh, es gibt Momente, wo ich aufgeregt die Promenaden durchrenne, gerade wie zur Zeit in Berlin!" An solchen Betrachtungen sind die ferneren Tagebuchblättcr reich. Wenn man die Mengen der kleinen Episoden nachliest, bemerkt man deutlich, wie unser Held sich darin gefällt, lediglich mit schwarzer Kreide zu malen, immer nur die Fehler hervor- suchend, mit einer wahren diabolischen Begierde selbst an den Exemplaren von Menschen, die ihm auf den ersten Anblick als erträglich, gutmüthig und idealistisch erschienen, den Beweis zu führen, daß das Gewinnende ihrer äußeren Erscheinung nur der Mantel für einen häßlichen Kern sei, den wir ungenießbar finden, wenn wir die Schale getheilt haben:„Die Menschen," schreibt er unter anderem,„flößen mir, soweit ich sie habe kennen lernen, einen tiefen Widerwillen ein. Das Wort ist wohl etwas hart, aber ich bin noch nicht so weit gekommen, mit philosophischer Langmuth darein zu schauen, und das Thierische in der Menschen- natur mit schönen Phrasen abzuthun."—— An einer anderen Stelle schon hat er etwas von der„philosophischen Langmuth" in sich aufgenommen, wo er schreibt:„Aber so sind die Menschen nun einmal. Manche wären edler und manche dächten anfrich- tigcr, wenn der leidige Kampf ums Dasein sie nicht auf die Bahn des Egoismus dränge. Mit guten Absichten treten sie aus den Kampfplatz und da sie gleich nach dem ersten kleinen Scharmützel sehen, wie ihnen von allen Seiten hinterlistig Fallstricke gelegt werden, so müssen sie nothgedrungen von den Mitteln ihrer Geg- ner ebenfalls Gebrauch machen, und schließlich sind sie nicht besser, als die, welche sie anfangs selbst vernrtheilten. Allen fehlt also die Moral, aber ich dächte, daß es nicht so schwer fiele, der Menschheit dieselbe einzuflößen, wenn es nur systematisch, zu rechter Zeit und an richtigem Ort geschähe!"--- Wie viele Erfahrungen zwischen dem ersten Satze und diesem von ihm gc- macht worden sind, das beweisen eine beträchtliche Zahl von Tagcbuchblättern, Briefen und sonstigen Aufzeichnungen.— In jedes Menschen Leben können wir gewisse große und wichtige Abschnitte wahrnehmen. Gewisse Begebenheiten, die wuchtig auf das Gemüth und auf den Verstand eingewirkt haben, sind die Marksteine dieser Abschnitte; und dieser Marksteine wird es meh- rcre geben, je strebsamer, kampflustiger und widerstandsfähiger eine Natur ist. Theuerste Seele!------- und so wirst du mein beharrliches Schweigen entschuldbar finden. Eine keines-| wegs erquickliche und erfreuliche Stellung, die ich im Laufe des letzten Jahres wieder wechselte— das fortwährende Sorgen von einem Tage in den anderen, die geringe Zeit, welche zur Fortbildung des Geistes zur Verfügung steht und endlich das Bedürfniß, einmal ordentlich aufzuathmen und mich von den Aufregungen der früheren Zeit durch Rast zu befteien— das sind jedenfalls stichhaltige Momente. In einem beifolgenden kleinen Heftchen findest du meine letzten Leistungen in der Poesie, in einem anderen verschiedene Beschreibungen von größeren Aus- j flügen in die Umgebung und endlich in dem umfangreichsten Hefte eine Anzahl Aufsätze ernsten Inhaltes. Sie durchzustudiren und sie recht bald mit deinem Urtheil begleitet zurückzusenden, möchte ich dir zur Bedingung machen. Ich habe Lust, das eine oder das andere drucken zu lassen, habe auch schon Aussicht, meine Versuche unterzubringen.— Darüber später.—--- 1 Ich wohne hier bei einem alten Herrn, dessen Haushälterin mir und einem anderen jungen Mann, der nebenan'wohnt, wie eine Mutter ist.— Sie liest uns unsere Wünsche an den Mienen ab, und Ivenn wir ihr einen kleinen Dienst auftragen wollen, so ist dafür oft schon vorher gesorgt worden. Wir vergelten diese zahllosen kleinen Aufmerksamkeiten auf jegliche Art und bemühen uns, recht musterhafte junge Leute zu sein.— Mein Nachbar ist Chemiker in einem bedeutenden Etablissement, ein wohlgebil- deter, strebsamer Mann und vor allem ein Talent, offner�Kopf, voller Pläne, reformatorischcr Ideen und philosophischer Spekn- lationen.— Von dem Augenblick an, wo er bemerkte, daß ich auch wissenschaftliche Studien betreibe, hat er sich mir freund- schaftlich angeschlossen und es vergeht kein Abend, an welchem wir nicht eine Reihe gelehrter Disputationen führen.— So ruhig unser Heim für den Fremden sein mag, im Innern herrscht eine große Lebendigkeit, die selbst den alten Herrn angesteckt hat, welcher in seinen alten Tagen wieder, wie er sagt, jung wird. — An manchen Tagen haben tvir auch großen Besuch.— Herr Freimann, mein neuer Freund, hat einen kleinen Bekanntenkreis, der öfters beisammen ist und aus dem man immer neue Anregung zum Wiederkommen mitnimmt. So findet sich ein Talent zum an- deren, eine strebsame Kraft zur andern, und ich freue mich schon den ganzen Tag, wenn ich weiß, heut Abend ist Zusammenkunft. -- Du kannst dir hiernach mein häusliches Leben ausmalen. — Mit dem Geschäftlichen verschone ich dich. Die kaufmänni- scheu Anstalten sind mir verhaßt, so unschuldig auch die Art des Handels scheinen niag, den sie als Aushängeschild benutzen. Man betrügt andere und ivird selbst betrogen. Meine erste Stellung nahm ich in einem böhmischen Glaswarengeschäft. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß die Besitzer des Geschäftes,! ivelche hier im Orte eines ausgezeichneten Rufes sich erfreuen und ein großes Haus führen, in einem mir gar nicht gefallenden Verhältnisse zu den armen Glasschleifern in Böhmen stehen. Sie strecken diesen eine kleine Summe Geldes vor, welche die Armen am Verfalltage meist nicht zurückerstatten können. Nun belassen sie den Schuldem die Summe und haben sich neben dem Besitz des Eigenthums derselben, das sie sich haben verpfänden lassen, die Möglichkeit geschaffen, auf den Arbeitslohn zu drücken und so ihren Verdienst und die Waarrnp reise im voraus und nach Belieben zu bestimmen. (FortsetzmiA folgt.) ------ 345-- Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Mudokph von ZZ. (Fortsetzung� Der Oberbaurath war entzückt über diesen neuen Beweis von Wichtels Freundschaft und that, wie dieser ihm gerathcn. Er wußte sehr gut, daß im Nothfalle die Italiener iind die Wasser- Polaken zu zehntausenden und um den niedrigsten Hungerlohn zu haben waren, und auf die jämmerlichsten Löhne' richtete er nun sein Nachtragsmemorandum ein. Dabei erklärte er, solche Preise hätte er gleich von vornherein berechnen können, aber es sei ihm um den guten Ruf der Bahn im Volke und um die bis- her stets beobachtete Praxis zu thun gewesen, wonach man sich möglichst an inländische Arbeiter gehalten habe. Da nun aber von Waldstein dieses Prinzip ohne allen Zweifel durchbrochen werde, sei er verpflichtet, nachzuweisen, daß man noch viel billiger arbeiten könne, als er, wenn man nichts weiter im Auge habe, als das Prinzip, die niedrigsten Preise zu erzielen. Schneemanns Nachtragsmcmorandum machte gewaltige Sen- sation bei allen Mitgliedern der Bahnverwaltung, und das leb- hafte Interesse, welches es hier erregte, verbreitete sich auf ganz P. Lebhafte Debatten begannen über die Frage, was die Leitung der Eisenbahn nun thun werde und zu thun habe. Nicht wenig Stimmen erklärten, der alte, und wie man fast einstimmig sagen hörte, urbiedcre Oberbaurath habe vollkommen recht gehabt, wenn er nicht mit fremden und überniäßig billigen Arbeitskrästen rechnen wollte. Man solle auch jetzt bei der alten, reellen und humanen Praxis bleiben und Waldstein, dem es eben nur darum zu thun sei, so rasch als möglich Millionär zu werden, ruhig seine Jta- liener lassen, da man einmal den Fehler begangen habe, sich mit dem bekannten Geizhammel und Leuteschinder einzulassen. Diese Anschauung fand jedoch die allerschärfste Anfechtung. Es sei total unbegreiflich, sagte man, daß es immer noch Leute gebe, welche sentimentale Philanthrvpcnphrasen zum Fundamente geschäftlicher Operationen machen wollten. Die Sache liege doch sehr einfach: ein gemeinnützigeres Unternehmen, als so einen großen Eisenbahnbau gäbe es nicht, das sei also an sich ein Zweck, dem gegenüber alle anderen Rücksichten als nebensächlich schweigen müßten. Nur das Eine komme bei allen industriellen und Verkehrsinstitutionen in Frage: wie sei mit dem geringsten Kostenaufwande jenem Hauptzwecke zu genügen. Das sei der große, volkswirthschaftliche Gesichtspunkt, von dem allein aus man derartige Fragen auffassen müsse. Waldstein habe den richtigen Weg gewiesen. Folge die Bahnverivaltung diesem Bei- spiele nicht, so beweise sie, daß sie die Größe ihrer Aufgabe und die erhabenen Lehren der modernen Volkswirthschaft nicht erfaßt habe. Eine Arbeiterbevölkerung von ein paar tausend Menschen möge man immerhin momentan schädigen, darauf komme es gar- nicht an; der Nationalwohlstand würde desto mehr gefördert, mit je weniger Mitteln man ein großes Ziel erreiche. Zudem wäre es doch zweifellos eine Versündigung an der vaterländischen Pro- duktion, ivenn man ihr spottbillige Arbeitskräfte, welche außer- halb der Grenzen des eigenen Landes auf der Straße lägen, nicht gewinnen, sie nicht den konkurrirenden Landesnachbaren abspenstig machen wollte. Im Berwaltungsrathe platzten diese gegentheiligen Meinungen hart aufeinander. Der Führer der Philanthropenpartei, wie die jene erstere Ansicht vertretende Fraktion von ihren Gegnern spott- weise genannt wurde, war Herr Alster. Er hatte an den vorher- gehenden Tagen lange Konferenzen mit dem Chefredakteur des „Tageskorrespondenten" gehabt und war mit diesem zu der Ueber- zeugung gekommen, daß für die Bahn und— hauptsächlich— für ihn und den„Tageskorrespondenten" die Situation eine un- gemein schwierige, verwickelte sei. Am nächsten hätte es gelegen und seinen früheren Maximen am entsprechendsten wäre es gewesen, wenn Herr Alster sich»ans pbrase zu dem Grundsatz der Billigkeit um jeden Preis bekannt hätte. Aber der„Tageskorrespondent" hatte sich in der bündigsten Weise dafür engagirt, daß zu den Bahnbauten Arbeiter aus den nothleidcndcn Distrikten des Gebirges, also der Gegend des Bahn- baues selbst, genommen würden. Hier waren die Leute zwar °rm, sehr arm, aber so schauderhaft geringe Löhne, wie die der Italiener, bei so schwerer körperlicher Arbeit, waren trotz der Hungersnoth ganz unerhört. Nun hatte schon die sich rasch weit- hin verbreitende Nachricht, daß der Perleviadukt von italienischen � n Arbeitern gebaut werden sollte, im Gebirge große Aufregung und Bestürzung hervorgerufen. Nahm man nun gar auch noch zu den übrigen Arbeiten Fremde an, so konnte man auf einen Sturm von Entrüstung, ja auf die größten Schwierigkeiten bei den Bauten mit Sicherheit rechnen. Nun war aber nicht der„Tages- korrespondent" allein und als Zeitung engagirt; zunächst hatte sein Chefredakteur Schweder bei seiner'Weihnachtsreise im Gebirge allen Orts- und Bezirksbehörden, allen Männern von Einfluß im Volke gegenüber sich so gut wie dafür verbürgt, daß die erwarteten Eisenbahnbauten der nothbedrängten Gegend sofortige Hülfe bringen, daß die Eisenbahngesellschaft nicht nur den Roth- leidenden Arbeit in Hülle und Fülle, sondern auch wirklich guten Arbeitsverdienst schaffen werde. Auf diese mit ächt schwederscher Entschiedenheit gemachten Versprechungen hin war im Gebirge selbst die mächtige Bewegung für Durchführung des gesammten Bahnbauprojekts entstanden; überall hatte sich Herr Schweder, der sich selbst noch keiner weitreichenden öffentlichen Bekanntschaft erfreute, auf Alster, den im ganzen Lande hochgeachteten Geld- mann, bezogen. Alster hatte all' die zahlreichen Anfragen, welche in dieser Angelegenheit schriftlich wie mündlich an ihn gerichtet wurden, nach den Intentionen Schweders beantwortet, ihn hatte man schon allgemein als den Wohlthäter und Erretter der armen Leute im Gebirge betrachtet, gleichwie die Kinder da oben seine Tochter den Weihnachtsengel nannten und wie ein höheres Wesen verehrten,— es blieb Alster mithin absolut nichts anderes übrig, als sich dem Projekt, niit fremden Arbeitem die Bauten zu unter- nehmen, mit allen Kräften zu widersetzen. Bei der glänzenden Rede, welche er in> Berwaltungsrathe hielt, betonte er neben dem Standpunkt der Humanität vor- nehmlich den der Nationalität und des Patriotismus. Den deutschen Arbeitern die deutsche Arbeit, das war der mit großem Beifall aufgenommene Schluß seiner mächtigen oratorischen An- strengung. Unmittelbar nach ihm erhob sich der Justizrath. ! Derselbe knüpfte an Alsters Schlußworte an und versicherte, wieder einmal zur großen Verwunderung fast aller Hörer, daß er mit seinem„verehrten Vorredner, dem vielerfahrenen und scharfsinnigen Führer einer einsichtigen Wirthschaftspartei in unsrcr Stadt, durch- aus, aber durchaus" einverstanden sei: den deutschen Arbeitern die deutsche Arbeit— das sei die rechte Losung für die Dls- kussion der schwierigen Frage. Das sei kein engherziger Stand- Punkt, das sei nicht der Ausfluß jener in wirthschaftlichen Dingen besonders gefährlichen, ja selbstmörderischen Kirchthumpolitik, die nur soweit zu sehen vermöge, als die eigene Nase reiche. Das sei aber auch nicht die Parole eines nationalökonomischen Kosmo- politismus, der die ganze Welt als industrielles und Handels- politisches Ausbeutungsgebiet erobern wolle und dabei den Boden der nationalen Existenz, des materiellen Wohlergehens im eigenen Lande vor lauter Weitsichtigkeit aus dem Auge verliere. Wer seinem eignen Volk genug gethan, der hat gewirkt für alle Völker, so könnte man, ein bekanntes Dichterwort variircnd, auf dem Gebiete der Wirthschafts- und Vcrkehrsanstalten mehr wie irgendwo sonst sagen. Nach dieser Einleitung machte der Justizrath eine Kunstpause und trank höchst bedächtig ein Glas Waster. Diese Gelegenheit benutzten die Zuhörer, auch ihm reichlichen Beifall zu spenden; alles war aufs äußerste gespannt, wo er hinaus wolle daher trat sofort wieder Kirchenstille ein, als er die Fort- setzung seiner Rede durch ein gelindes Räuspern ankündigte. „Wo nun, meine verehrten Herren, sollen wir die deutschen Arbeiter suchen, welchen wir nach den so ausgezeichnet dargelegten humanitären Grundsätzen meines überaus hochgeachteten Herrn Vorredners unsere Arbeiten zu übertragen haben? Doch un- zweifelhaft dort, wo wir die bedürftigsten finden können?!"— Wieder pausirte der Redner einen Augenblick und wieder gab ihm mehrseitiges Bravorufen, auch von Alster selbst, die Zustimmung seiner Hörer zu erkennen.„Und jetzt wird sich Ihnen äugen- blicklich wieder jenes wunderbare volkswirthschaftliche— jenes Naturgesetz, möchte ich sagen, enthüllen, hochverehrte Freunde, jenes dem blöden Auge oft in tiefster Verborgenheit waltende, aber doch allgegenwärtige und allwirksame Naturgesetz von der Harmonie der Interessen,— wenn Sie mir zu beweisen erlauben, daß wir bei den bedürftigsten deutschen Arbeitern, denen, die zu im. m 346 unterstützen jeder Kapitalist von Herz eine ernste Pflicht hat, auch die billigsten Arbeitslöhne finden, Arbeitslöhne, die an Wohlfeil- heit mit denen der Italiener sehr wohl konkurriren können." Höchst verwunderte: Ah, ah! Hört, hört! und begeisterte Bravo, bravissimo! unterbrachen den Redner, der diesmal eine Kunstpause garnicht mehr nöthig gehabt hatte. Herr Alster hatte sich zu keinem Ausrufe hinreißen lassen, aber auf seinem Antlitze hatten den Ausdruck der Verwunderung die deutlichen Zeichen steigenden Mißbehagens verdrängt. Dafür leuchtete des Justizraths Antlitz in vollem Behagen: „Ja, meine verehrten Herren. Ich habe im Vereine mit unserm über alles Lob und alle Erkennung hocherhabenen Freunde, dem Herrn Oberbaurath Schneemann, bereits die sorgfältigsten und umfassendsten Nachforschungen angestellt und kann konstatiren, daß erstens die Roth in unserm Oberlande nicht nur jetzt schon im Abnehmen ist, sondern daß sie ganz ohne unser Eingreifen im Sommer dieses Jahres als völlig gehoben zu betrachten sein wird. Ich kann ferner konstatiren, daß unsere Gebirgsleute zur Zeit der höchsten Noth im allgemeinen nicht in schlechteren Lebens- Verhältnissen sich befunden haben, als die große Mehrzahl der Landbewohner in den östlichen Provinzen unsres deutschen Vater- landes sie unausgesetzt, jahraus jahrein zu ertragen hat. Daß augenblicklich die allgemeine Lebenshaltung in unserm Gebirge schon eine nicht unerheblich bessere ist, als die jener deutschen Arbeiter, bin ich in der Lage, jeden Augenblick zu beweisen. Da es immer, wie unser verehrter Kollege Alster in so schönen Worten betont hat, unsere heilige Pflicht ist, den Bedrängten beizustehen, wo wir es nur immer können, so müssen wir eben auch da unsre Hand anlegen, wo die Roth am größten ist, und grade mit Bezug auf diese Erkenntniß freut es mich, drittens und letztens konsta- tiren zu können, daß es unserm vortrefflichen Oberbaurath ohne allen Verzug möglich sein wird, in genügender Zahl oberschlesische, posnische und ostpreußische Arbeiter zu engagiren, welche genau zu demselben Lohne arbeiten, als die Italiener Waldsteins, welche uns ermöglichen werden, bei unseren Bauten insgesammt ein Anlagekapital von Millionen Mark zu sparen." Damit schloß der Justizrath. Der Beifall, welcher ihm ge- spendet wurde, übertraf den, welchen Herr Alster geerntet, noch um ein Bedeutendes an Lebhaftigkeit und Wärme. Die Kollegen des Verwaltungsraths drängten sich um ihn und schüttelten ihm die Hände, mehrere ältere und an Leibesumfang nicht minder, als mit finanziellem Besitz gesegnete Herren konnten sich sogar nicht enthalten, den„unübertrefflichen Rathgebcr" in allen Ver- legenheiten, wie sie ihn nannten, ihren„wahren Führer" begeistert an ihr Herz zu drücken. Sehr zu seinem Nachtheil machte Alster noch einen ver- zweifelten Versuch, die Verwendung der Leute im Gebirge zu den Bahnarbeiten zu erzwingen. Aber alles, was er sagte, war Preffe und Censur in Rußland. Die Existenz einer periodi- schen Literatur in Rußland datirt seit Peter dem Großen, der zuerst eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift ins Leben rief, welche sich nur mit Wissenschaften und schönen Künsten beschäftigte. Ihr folgte 1755, die Vorgängerin an Lebenskraft übertreffend, die„Moskauer Zeitung" („Moskovskija Wiedomosti"), welche jetzt ihren 125. Jahrgang erreicht hat. Diese ersten Zeitungen, denen 1802 in Petersburg der„Euro- päische Bote"(„Wjestnik Eoropy") und 1809 in Moskau der„Russische Bote"(„Rußkij Wjestnik") folgte, waren ausschließlich der Literatur und Kunstkritik gewidmet. Gleichwohl bildeten sich auch hier bereits politische Gegensätze aus. Der„Europäische Bote" entwickelte sich als Vertreter und Förderer des modernen Liberalismus und der„Russische Bote" machte in Kunstkritiken, Novellen und wissenschaftlichen Aussätzen für die Ideen Propaganda, deren Gesanimtheit sich heute wohlaus- gewachsen unter dem Begriffe des„Panslavismus" präsentirt. Also entwickelte sich unter den Fittigen der von der Regierung freundlich geförderten„Belletristik" eine politische Zeitungsliteratur, die in den engsten Grenzen zu halten das Regime des Kaisers Nikolaus nachdrück- lichst bestrebt war. Das natürliche Mittel hierzu bot sich in der Cen- sur. Auch das übrige Europa kannte und kennt noch diese Institution, aber nirgends hat sie so reiche und so seltsame Blüthen getrieben als in,„heiligen" Rußland. Daß es den Zeitungen untersagt war, irgend etwas an der Regierung oder ihren Funktionären zu tadeln, mag sich in Rußland von selbst verstehen, aber man ging weiter und verbot ausdrücklich jeden Verbesserungsvorschlag. Die Censur des Kaisers Nikolaus war eine doppelte. Den Einbruch fremder Geistesprodukte überwachte und hinderte an den Grenzen des Czarenreiches der Zoll- Wächter mit den bekannten scharfen Augen und hohlen Händen. Im Innern war es ein völliges System von Fachcensoren, welches die ge- in den Wind gesprochen. Tie Harmonie der Interessen, welche der Justizrath zwischen den reichen Aktionären und Verwaltungs- rathsmitgliedern und den armen ostdeutschen Arbeitern entdeckt hatte und welche sich so vortrefflich dokumentirte in den fabelhaft geringen Arbeitslöhnen, die diese Arbeiter zu nehmen gern bereit waren und jene großen Bauunternehmer noch viel lieber zahlen wollten— das war das Zauberwort gewesen, welches die Ohren der Herren Kollegen für die schönen Worte ihres all- verehrten Freundes Alster für heute eisenfest verschloffen hatte. Die Vorschläge Wichtels wurden von der Mehrheit der Ver- waltungsrathsmitglieder zum Antrag erhoben und mit allen gegen zwei Stimmen, darunter die Alsters, angenommen. Der Ober- baurath übernahm den Auftrag, sofort mit dem Engagement von mehreren tausend ostdeuffchen Arbeitem vorzugehen und die Bahn- arbeiten im weitesten Umfange, sobald als es die Witterung nur irgend erlauben würde, beginnen zu lassen. Was im Vertvaltungsrathe vorgegangen und beschlossen wor- den war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Stadt und Land. Billigung und Mißbilligung machten sich geltend; die einen be- wunderten und priesen die hohe Weisheit der Eisenbahnchefs, während die andern einen bedenklichen Widerspruch in dem Hau- deln von heute finden wollten gegenüber den schönen Humanitäts- reden und Wohlthätigkeitsaufrufen, welche dieselben Herren zur Zeit des schlimmsten Nothstandes zu Gunsten der armen Gebirgs- bewohner losgelassen hatten. Während in P. selbst die öffentliche Stimmung eine getheilte blieb und keine besondere Aufregung vorerst weder für noch gegen das nun kaum noch abzuwendende Vorhaben der Eisenbahnleitung zu bemerken war, schlug die Nachricht in der Baugegend im Ge- birge ein wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Zuerst herrschte ein paar Tage eine unheimliche Stille, dann vernahm man überall und aus jedem Munde den Ruf: Nein, wir können es nicht glauben, es ist garnicht möglich. Uns hat man Arbeit ver- sprochen, wir haben gehungert und haben die Roth an unsere Thüren klopfen sehen in jeder Gestalt, wir darben noch und werden wieder hungern und verhungern, wenn wir Arbeit— wenn wir diese Arbeit nicht bekommen. Uns will man tausende von fremden Arbeitern ins Land schleppen, damit wir zusehen können, wie sie arbeiten, wir werden bettelnd auf den Dorfstraßen umherluugern und unsere Kinder aus Nahrungsmangel daheim elend zugrunde gehen-- nein, nein, tausendmal nein— es ist und bleibt rein nicht menschenmöglich. So tönten die Entrüstungs- und Angstrufe auf allen Wegen und Stegen, in allen Wirthshäusern und Wohnungen der Gebirgs- dörfer wider, und diese Rufe pflanzten sich fort bis in die Zeitungen von P. und über P. hinaus in die des ganzen Landes und riefen überall Aufregung und Bewegung, Bitterkeit und Feindseligkeit gegen die Eisenbahnverwaltung hervor.(Fortsetzung folgt.) druckt sein wollende Literatur behütete. Da trennte sich von der all- gemeinen Censurbehörde, welche ursprünglich dem Unterrichtsministerium untergeordnet war, zuerst die geistliche Censur ab, die auch noch heute besteht. Dann bildete sich dieses System der Arbeitstheilung immer weiter aus. In das Kriegsministerium kamen die Manuskripte, welche militärische Dinge behandelten; in das Finanzministerium wanderte, was auf Volks- und Staatswirthschft Bezug hatte, und so ging das fort bis zu den Gestütsdirektionen und bis zur Verwaltung der pcters- burger-moskauer Eisenbahnen, welche alle Schriften censirte, die den Betrieb ihrer Linien erörtern wollten. In gleicher Weise entwickelte sich dieses Protektions- und Ccnsursystem an den Universitäten und Akademien, an welchen die angestellten Professoren den in ihr Fach ein- schlagenden Publikationen das Imprimatur(deutsch: es werde gedruckt) crtheilten. So geschah es denn, daß weit mehr„Geschicklichkeit und Wissen" nöthig waren, ein Buch zum Druck zu befördern, als dazu, ein gutes Buch zu schreiben und selbst die alten römischen und griechi- schen Schriftsteller wurden nur verstümmelt den Unterthancn des Czaren verabreicht. Mit dem Regierungsantritte Alexander II. wurden diese Spezialcensuren beseitigt, aber die allgemeine Censur blieb bestehen. Sie handhabte ihr Amt bald streng, bald»achsichtig, nach den wechseln- den Strömungen und Stimmungen; sie erlaubte auswärtige Bücher heute und verbot den nächsten Tag andere; der inäex rvmaous, das Verzeichniß der seitens des Papstes verbotenen Bücher, fand im feind- lichen Petersburg seinen Genossen, nur daß man im vorsichtigen Rom ans gefährliche Prinzipien fahndete, während den Petersburger Censoren Prinzipien und Doktrinen recht harmlos vorkamen, wenn nur nicht un- angenehme Thatsachen und praktische Erörterungen vorgebracht wurden. So lernte die jetzige russische Jugend die extravagantesten Theorien kennen und ihrer Phantasie blieb die Ausführung überlassen; so wurde 347 diese Phantasie durch die leichtfertigen und unsittlichen, aber erlaubten Ableger der westländischen Literatur vergiftet, so bildeten sich die ersten geheimen Gesellschaften zur Anschaffung und Lektüre von verbotenen Büchern, so wurden die Bande, welche den Genuß der„verbotenen Frucht" um die Genossen schlang, durch die Furcht vor der Strafe ge- stählt; so bildete sich der Verschwörungstrieb in der russischen Gesell- schaft. Auch die offene Tagespresse fand Mittel, die Censur zu täuschen und zu umgehen. In keinem Staate ist die Kunst der Anspielungen, welche das Nichtgesagte errathcn lassen, der Anwürfe, welche das Gegen- theil dessen bedeuten, was sie vorbringen, die Kunst zu tadeln in den Formen der Lobeserhebung, dieselbe Kunst, mit der Provost-Paradol und Forcade das zweite Kaiserreich bekämpften, weiter gediehen als in Rußland. Die reichsten und schärfsten Waffen aber bezog die russische Presse von der Regierung. Der discretionären Gewalt eines Gouverne- ments preisgegeben, das selbst kein einheitliches ist und in welchem die verschiedenen Departements fortwährend mit einander in Konflikte ge- rathen, wurde für jedes Blatt ein einflußreicher Patron zur unentbehr- lichen Existenzbedingung. Alle die Meinungsverschiedenheiten und Ri- valitäten im Schöße der Verwaltung fanden ihre Organe in der Presse; das Publikum las, lachte und wußte, wie viel es vom Angreiser und Betroffenen zu halten hatte, und bei den„kompetenten" Lesern wurden diese Angriffe zu Denunziationen und übten vernichtende Wirkung der Censur zum Trotz. Vornehmere Schriftsteller suchten im Auslande ein Asyl für ihre patriotischen Strebungen. Hertzen insbesondere hat mit seiner„Glocke"(,Iolokol") den Weg gezeigt und eröffnet, welchen heute die Verschwörer als Lausgräben zur Vernichtung des bestehenden Regimes benützen. Der„Kolokol" erschien in London und wurde in Rußland ebenso streng verboten, wie— allgemein gelesen. Der eifrigste Leser war Kaiser Alexander II. Eine Nummer enthielt einmal mit allen Beweisen heftige Angriffe gegen einige Personen des Hofes. In ihrer Verzweiflung ließen die Aermsten eine andere Nummer drucken, in der natürlich der unbequeme Artikel fehlte. Wenige Tage darauf fand der Kaiser das echte Exemplar auf seinem Schreibtische, und in der nächsten Nummer erzählte Hertzen seinem kaiserlichen Leser den Versuch und das Mißglücken jenes Hofstreichcs. Das heißt, man ließ den Journalen die Wahl, sich wie bisher der Präventivcensur zu unterwerfen oder gegen eine Kaution von 2500 Rubel frei zu schreiben unter Gewärti- gung der Verwarnung, Suspendirung, gerichtlichen Verfolgung, Eni- Ziehung des Postdebits und des Rechtes, Inserate auszunehmen. Man sieht, daß oje Freiheit wenig damit gewann, aber um so mehr die Bequemlichkeit. Die Aktualität der Nachrichten und Artikel war ge- Wonnen; für die heilsame Tendenz sorgte jetzt der Eigennutz der um ihr rentables Unternehmen besorgten Herausgeber und auch wohl die Regierung selbst, welche durch Communiquös den Journalen eröffnet, welche Themata derzeit„unpassend" erscheinen. Rußland findet heute seine öffentliche Meinung durch eine respektable Anzahl großer Blätter wie„Golos",„Petersburger Zeitung",„Moskauer Zeitung",„Börsen- zeitung" und„Neu-Zeit" rcpräsentirt. Adel und Bürgerschaft können diese Zeitungen und die ausländischen, soweit sie der Censor nicht„in Kaviar taucht", halten und lesen.— Das Volk hört aus den Popen (Priester), den Tschinownik(Beamte) oder den Verschwörer; lesen kann es nicht. In den Provinzialstädten herrscht noch die Censur, und man mag sich vorstellen, mit welcher Freundlichkeit der Censor das Erscheinen eines neuen Zeitungsblattes begrüßt, das seine Arbeitsstunden und seine Verdrießlichkeiten vermehrt. Ein Prozeß hat vor kurzem auf die Zustände der russischen Provinzprcffe ein grelles Streiflicht geworfen. Es handelte sich um den„Obzor" in Tiflis. Der Redakteur dieses Blattes, ein Armenier namens Nikoladze, war angeklagt, einen Artikel, trotz des Censurverbotes, gedruckt oder vielmehr die Erlaubniß des Censors zum Abdrucken erpreßt zu haben. Der Censor erzählt die Sache selbst folgendermaßen: Der fragliche Artikel war ein Feuilleton mit der Ueberschrift:„Sonntagsplaudereien." Ich erhielt den Artikel Samstag Abends, las ihn und sendete ihn mit dem Verbote des Ab- druckes zurück. Darauf legte ich mich schlafen. Ungefähr zwei Uhr morgens, eine Stunde, nachdem ich meinen Boten an die Redaktion geschickt hatte, werde ich durch Läuten geweckt. Ich gehe auf den Balkon und höre unten den Angeklagten, der mich heftig zur Rede stellt, warum ich das Feuilleton verboten hätte. Er verlangte, von mir empfangen zu werden, und, da ich mich weigerte, fing er einen solchen Lärm an, daß in der Straße bald alles wach wurde. Da in der Nachbarschaft mehrere„Persönlichkeiten"(soll heißen: angesehene Personen) wohnen, so mußte ich dem Skandal ein Ende machen und wohl oder übel den ergrimmten Redakteur zu mir einlassen. Oben verlangte er ein Glas Branntwein, um sich zu beruhigen; dann lasen wir den Artikel zusammen, sprachen darüber, er war aber so heftig, so obstinat, daß ich endlich— die Erlaubniß zum Abdrucke mit einigen Aenderungen gab. Freilich hätte ich es für besser gehalten, den Artikel ganz zu verbieten, und ich wich nur der Gewalt.— Der Redakteur des„Obzor" wurde freigesprochen und— drei Wochen später hatte der,"Obzor" zu erscheinen aufgehört. Nikoladze hatte den Kamps mit dem"freundlichen Censor aufgegeben. Y. In der. Höhle der Winde" anter den Fällen des Niagara- flusseS(Bild Seite 340 u. 41). Von allen Sehenswürdigkeiten auf unserer Erde, behauptet der vielgereiste Engländer Trollope, gebührt der Preis dem Niagarafall. Der Niagaraflug ist dw Bcrbindungsader zwischen den nordamcrikanischen Seen Erie und Ontario, welch' letzterer die Grenze zwischen dem britischen Kanada und dem Staat Newyork bildet. Der Fluß durchläuft mit seinen Krümmungen eine Strecke von 7 Meilen. Etwa!>/, Meilen unterhalb Fort Ertb theilt sich der Fluß in zwei Arme, welche die zu Newyork gehörige Insel Grand-Jsland umfließen und nach einem Laufe von 2 Meilen sich wieder vereinigen; vor dem Ausflusse des westlichen Armes liegt das britische Jnselchen Nawy. Etwa 1 Meile weiter unterhalb, Detour genannt, bei dem zu Newyork gehörenden Dorfe Manchester bildet der Strom den Welt- berühmten Katarakt des Niagarafalls. Der Sturz der mächtigen Wasser- massen, die man auf 15 Millionen Kubikfuß in der Minute schätzt, aus einer Höhe von etwa 160 Fuß, bietet ein Schauspiel dar, welchem kein anderes zu vergleichen, und das durch keine Schilderung würdig darzustellen ist. Unveränderlich ist die Fluth in ihrer Größe, und das Auge kann keinen Unterschied in der Wucht, in dem Ton oder der Ge- walt des Falls erkennen, man mag ihn in der Trockenheit des Herbstes, unter den Stürmen des Winters oder nach dem Austhauen der oberen Eiswelten in den Tagen des �Frühsommers besuchen. Einen eigenthüm- liche Charakter erhält der Fall dadurch, daß das Wasser im Sturz nicht gebrochen wird, sodaß sich unterhalb des Falls aus hinlänglicher Entfernung der wunderbare Anblick einer senkrechten Riescnwasserwand darhietet. Das 84 Fuß dicke, fast ganz horizontale Kalksteinlager, über welches die ungeheure Wassermasse herabstürzt, ruht auf einem noch mächtigeren Schiescrlager, das durch den feinen Staubregen, den der Wind und das Aufschäumen der Wassermasse in die Höhe treibt, ohne Unterlaß zersetzt wird, so daß der seiner Unterlage beraubte Kalkstein in großen Massen nachstürzt, wie dies namentlich den 28. Dezbr. 1828 und im September 1853 geschah. Durch diese fortdauernde Zerstörung der Felsen seines Bettes geht der Niagarafall immer weiter nach dem Eriesee zurück, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Fall einst weiter unten bei der Stadt Quecnstown war, wo sich plötzlich steile, hohe Bergrücken zu beiden Seiten des Flusses erheben. Quer im Niagara- fluß, ehe dieser in den Abgrund stürzt, liegt, seine Fluten in zwei Arme und zwei Fälle, einen östlichen und einen westlichen, thcilend, ein umfangreiches Eiland, Goats-Jsland, oder Ziegeninsel genannt, zu welchem eine breite Brücke hinüberführt. Von Goats-Jsland springt eine Klippe in den westlichen, wegen seiner einen konkaven Bogen bil- denden Form Horseshoc(Hufeisen) genannten Fall hinaus, von welcher aus man bequem und sicher in das Chaos brandenden Wassers und zackigen Gesteins hinabsehen kann. Ein noch großartigeres Schauspiel genießt man, wenn man von Goats-Jsland aus in jenen Raum hinab- steigt, welcher sich zwischen der Felswand und den über sie in Bogen hinabstürzenden Fluten befindet. Das ist der Schauplatz unseres Bildes, die berühmte Cave of winds(Höhle der Winde), das Hochzeitsgemach des Wassers und der Sturmbraut, ein kleiner Theil nur der der Fälle, unter welchen sich der Mensch wagen kann. Wie aus unserem Bilde ersichtlich, sind es auch Mitglieder des„schönen" Geschlechts, die sich in die Werkstatt der aufgeregten Elemente gewagt haben. Der Sprüh- regen, welcher diesen ganzen Raum erfüllt, und den Eindringling in kurzer Zeit vollständig durchnäßt, niacht es nothwendig, daß diejenigen, welche das Wagniß, unter den Wasserfall zu gehen, unternehmen wollen, mit einem wasserdichten Anzug sich unihüllen und Filzpantoffeln an die Füße binden, denn nur sie ermöglichen ein Voranschreiten aus dem schlüpfrigen Gestein. Aber das Unheimliche der Expedition liegt wem- ger in der Glätte und Zerklüftung des Pfades, aus welchem man sich zwischen der Wasser- und Felsenwand hindurchzwängen muß. Wirklich beängstigend, ja für Kleinmüthige überwältigend, wie die Damen un- seres Bildes beweisen, wirkt der ungeheure Luftdruck, der athemrau- bende Zug, welcher schneidend und pfeifend dem Eindringling entgegen- schlägt. Graue, nebelige Dämmerung umgibt ihn. Kaum das Nächste vermag er durch die Masse des hin- und hergepeitschtcn Sprühregens zu erkennen. Ueber seinem Haupte wölbt sich der Fall. Das Gestein unter seinen Füßen bebt. Betäubt und nach Luft ringend sehen wir die Frauen den Männern in die Arme fallen; die Männer selbst müssen sich mit aller Gewalt an die Felsenwand drücken, um nicht in den schäum- gepeitschten Abgrund gerissen zu werden. Auch der stärkste Schrei, der jetzt der geängstigten Menschenbrust entstiege— er würde am Ohr des nächsten Nachbars ungehört verhallen. Aber es gibt kein Rückwärts. Voran muß, wer einmal soweit vorgedrungen. Längs der<;elsenmauer aus und nieder, wo die Breite des Vorsprungs für den menschlichen Fuß zu schmal wird, führt ein schlüpfriger Weg. Endlich wird es heller�- schon löst sich der unsägliche Druck von Gehör und Lunge, und der volle Tag begrüßt aufs neue die Tiefaufathmenden. Es war ein anstrengendes, echt amerikanisches Vergnügen, aber noch lange nicht so gefahrvoll, wie der vor mehreren Jahren unter großem Andrang der Zuschauer aus beiden Hemisphären von dem berühmten Seiltänzer Blondin ausgeführte Spaziergang auf einem über dem Wasserfall von der Staat Newyorkseite nach dem kanadischen Ufer gespannten Seile. Der berühmte Wagehals nennt den Uebcrgang selbst sein Meisterstück und berichtet darüber in seinen Memoiren, daß er sich zwischen den 230 bis 280 Fuß hohen Felscnwänden, über dem Abgrunde, aus wel- chem weiße Schaum- und Wolkenmassen emporsteigen, die meilenweit gesehen werden, wie ein geflügeltes Wesen vorkam. Da die Niagara- sälle die direkte Wasserverbindung zwischen den Seen völlig unter- brechen, so hat man auf der kanadischen Seite den wichtigen Welland- kanal angelegt, der von Port Colbourer am Eriesee gegen Norden nach Port Dalhousie am Ontariosee führt. Am 4. Juli 1848 ward eine 348 Hangebrücke unterhalb der Fälle eröffnet. Dieselbe liegt 235 Fuß über dem Wasserspiegel, hat eine Spannung von 750 Fuß und ist 38 Fuß breit. Ueber dieses kühne Werk führt jetzt sogar eine Eisen- bahn. Die beste Totalansicht über die Brücke und die Niagarafälle zu- gleich hat man von Table Rock(Tafelselsen), einem 140 Fuß hohen Felsenvorsprung auf der kanadischen Seite. Durch die Eröffnung der Querbahn des nordamerikanischen Kontinents(Newyork-San-Francisco) gehören die Niagarasälle zu jenen Sehenswürdigkeiten, die man auf einer Spazierfahrt um die Welt im Fluge mitnimmt. D. poetische Aehrenlese. Me Kpinitmn. Ich saß und spann vor meiner Thür; Da kam ein junger Mann gegangen. Sein braunes Auge lachte mir, Und röther glühten seine Wangen. Ich sah vom Rocken auf, und sann, Und saß verschämt, und spann und spann. Gar freundlich bot er guten Tag, Und trat mit holder Scheu mir näher. Mir ward so angst; der Faden brach: Das Herz im Busen schlug mir höher. Betroffen knüpft' ich wieder an, Und saß verschämt, und spann und spann. Liebkosend drückt' er mir die Hand Und schwur, daß keine Hand ihr gleiche, Die schönste nicht im ganzen Land, An Schwanenweiß und Ründ und Weiche. Wie sehr dies Lob mein Herz gewann; Ich saß verschämt, und spann und spann. Auf meinen Stuhl lehnt' er den Arm, Und rühmte sehr das feine Fädchen. Sein naher Mund, so roth und warm, Wie zärtlich haucht er: Süßes Mädchen! Wie blickte mich sein Auge an! Ich saß verschämt, und spann und spann. Jndeß an meiner Wange her Sein schönes Angesicht sich bückte, Begegnet ihm von Ohngefähr Mein Haupt, das sanft im Spinnen nickte. Da küßte mich der schöne Mann. Ich saß verschämt, und spann und spann. Mit großem Ernst verwies ich's ihm; Doch ward er kühner stets und freier, Umarmte mich mit Ungestüm, Und küßte mich so roth wie Feuer. O sagt mir, Schwestern, sagt mir an, War's möglich, daß ich weiter spann? Boß. Alterthümer in Kinderstube und Speisekammer. Uralten Ur- sprungs ist vielerlei, was uns tagtäglich vor Augen kommt und viele von uns wie eine Reliquie aus verschollenen Jahrtausenden anmuthet. Die Klapper z. B., welche wir dem Kinde in die Hand geben, diente bei den Alten dazu, die bösen Geister zu vertreiben; die Puppe, welche das Kleine als Spielzeug erhält, sollte einst als guter Geist bei dem Kinde Wachtdienste verrichten. Die ägyptischen Truppen schon führten auf ihren Standarten das Zeichen des Adlers(Sonnengott Horus), und wenn heute noch die sparsame Hausfrau aus dem Lande über das Brot, be- vor sie es anschneidet, mit dem Messer das Zeichen des Kreuzes macht, so ist das nicht das christliche Symbol, sondern das uralte X(in der Mathematik das Zeichen der Vermehrung); der Brotlaib aber ist das wahrhafte Symbol des Leibes mit dem Nabel in der Mitte, wie über- Haupt die meisten Bäckcrwaaren noch heute dieselbe Form haben, in der sie(anstatt der früheren Menschenopfer) als Opfer den Göttern dargebracht wurden.-z- Wasserheilkunde vor beinahe zwei Jahrtausenden. Heut- zutage wird die sogenannte„Kurpfuscherei"— wie man es recht be- zeichnend nennt, wenn ein Nichtprivilegirter einem Kranken mit Rath und That zur Seite steht— offiziell nicht nur nicht belohnt, sondern es hat vielmehr unser deutsches Reichsstrafgesetzbuch einen eigenen Para- graphen für denjenigen, der„ohne polizeiliche Erlaubniß" Arzneien». „an andere überläßt". Kaiser Augushis, der erste römische Kaiser, war anderer Ansicht.>Er war einst(ob infolge oder trotz der BeHand- lung seiner Leibärzte, mag dahingestellt sein) lebensgefährlich erkrankt, als er hörte, daß einer seiner Sklaven aus Verlangen mit Wasser etwas „kurpfusche". Sofort ließ er diesen, Antonius Musa mit Namen, rufen, und siehe da, nach kurzer Zeit genaß der Kaiser durch Baden und Wassertrinken. Musa erhielt zum Danke nicht nur die Freilassung und das römische Bürgerrecht, sondern es ivurde dem undoktorirten Kur- Pfuscher sogar eine Ehrensäule errichtet.-z- Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Freimaurer gibt es im ganzen etwa 500 000(8000 sogenannte Logen). 35 000 Mitglieder(ca. 300 Logen) entfallen davon auf Deutsch- land, 2000 Logen auf Großbritannien und gegen 5000 Logen auf Amerika.-z- Die Bevölkerung der Erde beläuft sich gegenwärtig auf rund 1350 Millionen, wovon auf Europa 235 Millionen kommen. Unter 1000 Personen befinden sich in Deutschland 502 weiblichen und 498 männlichen Geschlechts, 172 in einem Alter von 1 bis 6 Jahren, 148 von 7 bis 13 Jahren, 120 von 14 bis 19 Jahren, 368 von 20 bis 44 Jahren, 129 von 45 bis 59 Jahren, 63 von 60 bis 90 Jahren. Erst unter 3900 Personen befindet sich eine, welche das 90. Lebensjahr über- schritten hat.-z- Die Zahl der Sprachen wird auf 860 geschätzt(nach anderen sogar auf 3640). Es kommen hiervon auf Europa 53, Afrika 114, Australien 117, Asien 153 und Amerika 423.-z- Personennamen bei den Römern. Wie man heutzutage den „Dienstmann Nummer 11" ruft oder der Gcfangenaufseher den in der Zelle Nr. 46 eingesperrten Sträfling nicht anders als„Nummer 46" nennt, wie wir jetzt die Häuser numeriren,— so numerirten einst die alten Römer ihre Kinder. Sie thaten dies, weil sie nur einen sehr kleinen Borrath an Vornamen besaßen. Das fünfte Kind bekam den Vornamen Quintus(ljumtilms), das sechste Sextus(Sextius), das siebente Scptinius; derjenige, dem achtfacher Kindersegen beschieden, wußte sich nicht anders zu helfen, als sein Söhnchen Octavius(Octa- vianus sAchterj), oder sein Töchterchen Octavia zu rufen.— Zur Zeit der Republik besaßen die römischen Bürger mindestens zwei, meist aber drei Namen und zwar: einen Vornamen(xraeuomen, z. B. Marcus), einen Namen(nomen, z.B. Tullius) und einen Zunamen(coguomen, z. B. Cicero). Die ca. 30 Vornamen(z. B. Lucius— wahrscheinlich von lux= Licht herrührend— Marcus, Martius— vom Kriegsgott Mars abgeleitet».) vertraten die Stelle unserer heutigen Taufnamen; der daraus folgende Name bezeichnete den Stamm, zu welchem ein Rö- mer gehörte. Die Glieder eines Geschlechtes trugen einen und den- selben Namen, der gewöhnlich— wie man annimmt— eine Eigenschaft, die der Gründer des Stammes besessen, bezeichnete. So soll der erste Porcius ein Schweinezüchter(xorons— das Schwein) gewesen sein. Der dritte Name(Zuname) zeigte an, zu welcher Familie— jedes Geschlecht bez. jeder Stamm zerfiel natürlich in einzelne Familien — der Betreffende gehörte. Solche Familiennamen sind z. B. Agri- cola(Bauer, Landmann), Brutus(d. h. dumm), Cäsar(Krause, von kraushaarig oder Langhaarig?), Magnus(groß), Scipio(Stab). Pu- blius Cornelius Scipio(aus der Fainilie der Scipionen, welche dem Stamme der Cornelier angehörte) erhielt ausnahmsweise noch, nachdem er in Afrika siegreich gekämpft, zur Auszeichnung den Titel„Asricanus" als vierten Namen, sein Bruder, der Konsul Lucius Cornelius Scipio, der in Asien siegreich gewesen war, empfing den Beinamen„Asiaticus". — Die Sklaven mußten sich mit einem Namen begnügen, wudren sie indeß infolge besonderer Geschicklichkeit in der Arbeit oder aus sonst einem Grunde freigelassen, so bekamen sie Vor- und Geschlechtsnamen des letzten Besitzers und der eigne Name ward zum Familiennamen. So erhielt der als Erfinder der römischen Stenographie bekannte Frei- gelassene des berühmten Redners Cicero, dessen Vornamen und Namen und hieß demzufolge Marcus Tullius Tiro. Das von demselben er- fundene Schnellschristsystem wurde nach seinem Namen„tironische Noten" genannt.-z- Inyatt. Ein verlorner Mann, von Hermann Hirschfeld(Fortsetzung).— Die Verirrungen modernster Naturwissenschaft, eine Wieder- geburt der Monadenlehre Giordano Bruno's, von H. W. Fabian. � Brennstoffe und Wohnungsheizung, von Rothberg-Lindener(Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Presse und Censur in Rußland.— In der„Höhle der Winde" unter den Fällen des Niagaraflusses(mit Jllustr.).— Poetische Aehrenlese: Die Spinnerin, von Boß.— Alterthümer in Kinderstube und Speisekammer.— Wasserheilkunde vor beinahe zwei Jahrtausenden.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.