Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein verlorner Mann. Von Kermann Kirschfekd. (Fortsetzung.) Sie ist mein,— niir schwindelt bei dem Gedanken— mein, das köstlichste Kleinod der Erde; mein, alles was irdisches Gluck umschließt: Gesundheit, Reichthum und sein Höchstes, ein Weib, blühend, in Jugendfrische. Verdiene ich soviel der Seligkeit? Ja! Wer liebt, wer fühlt, wie ich, darf lieben. Ich preise das Geschick, das Herz und Sinn mir rein und frisch erhielt, um die ganze Größe seiner Gabe zu empfinden. Als ich in fieberhaft erregter Stimmung in Wolfshagen an- langte, fand ich Melanie allein. Der Baron hatte einen Spazier- gang unternommen, von dem er jeden Augenblick zurück sein mußte. Ich nutzte die Gelegenheit, ich öffnete ihr mein Herz in seiner ganzen Fülle,— ich sprach zu ihr lange, lange.— Un- verwandt, ernst mir ins Auge blickend, hörte sie zu; selbst als ich des Namens Oswald Frankenthal erwähnte, der Unterredung, die ich soeben mit seinem Vater gehabt, veränderte sich kein Zug des milden, sinnigen Antlitzes. Nun war ich zu Ende, nun hatte ich ihr meine Hand an- getragen,— alles, alles, lvas ich mein nannte an Liebe und Besitz auf Erden. Stockenden Athems harrte ich ihrer Antwort. „Die Stunde, die über mein Schicksal entscheidet," erwiderte sie ruhig,„ich habe sie vorausgesehen, vorauserwogen, wie ich zu Ihnen rede.— Vernehmen Sie meinen Entschluß. Ich stand am Sterbebette meiner Mutter,— am Boden, aufgelöst in Weh- »»Ith, lag Baron der Hellen,— die Gatten hatten sich geliebt; trotz aller Schwächen, aller Fehler des Gemahls hatte Leonore an dem leichtlebigen, aber von Charakter gutmüthigen Manne gehangen, der erst nach ihrem Scheiden, verführt durch schlechte Gesellschaft, sich mehr und mehr seiner Würde entäußerte. Am Lager der Theuren gelobte ich, den letzten Wunsch zu erfüllen, die alten Tage meines Vaters sollte ich, soviel es an mir lag, sorgenftei, glücklich gestalten,— der Sterbenden prophetischer Geist mochte die Zukunft ahnen. Ich versprach, alles wolle ich thun, was sich vereinen ließe mit Ehre und Würde, bereit, außer jenen Kleinoden, zu jedem Opfer. Sie wußte, meinen Schwur werde ich halten. Sie lächelte und starb." Melanie hielt inne,— nun sah ich eine Thräne in dem großen, dunklen Auge perlen.,. �.,..,. Ich kam zu meiner Tante nach H.," fuhr sie nach einer Pause fort Oeftere Gelegenheit führte mich mit Oswald Frankenthal zusammen. Das bescheidene, brave Wesen des jungen Mannes, der kein Hehl aus seinen Verhältnissen machte, die Theilnahme, der er sich in allen Kreisen erfreute, gewann ihm auch niein Herz. Er ward mir Werth, er ist es noch und wird es bleiben." „Bielanie!" „Mir ahnt, daß er H. verließ und nach Rothenstein kam, weil er mich auf dem nahen Wolfshagen wußte. Wir sahen uns wieder,— zum erstenmal, schüchtern, erröthend, redete er von seines Herzens Gefühlen. Er beschwor mich, ihm meine Zukunft zu vertrauen, ihm Hoffnung auf meine Hand zu gewähren,— und ich antwortete ihm offen, ehrlich, wie es meine Art, wie ich zu Ihnen rede in dieser Stunde. Ich sagte ihm, daß er mir Werth, daß ich mehr als bloße Theilnahme für ihn hege, aber nimmer die Seine werden könne, denn ich erwartete Ihren Antrag und war bereit, ihn anzunehmen." Ein Ruf des Entzückens drang aus meiner überwallenden Brust. „Melanie," rief ich,„Sie weisen meine Liebe nicht zurück? Sic wollen des alten Mannes Gattin werden? O Melanie, Melanie, wissen Sie, was es heißt, des alten Mannes, der da liebt mit aller Gluth, aller Leidenschaft der ersten Jugend?" „Ich fiirchtete das Resultat dieser Leidenschaft; mein Herz kämpfte schweren Kampf,— nun ist alles überwunden. Ja, Waldenau, ich nehme es auf, der Welt Gerede, nehme alles auf, was das Schicksal mir bestimmt. Zu meinen Füßen lag mein Vater und flehte mich an, Ihre Werbung nicht zurückzuweisen; an der Mutter Bitte erinnerte er mich, an mein Versprechen. Und ich? Ich ließ Ehre und Würde, jene Heiligthümcr, die ich mir bewahrt, unumschränkt zu Gericht sitzen, und Ja sprachen beide. Nicht Liebe kann ich Ihnen bringen, aber hohe Achtung; nicht Leidenschaft kann ich Ihnen versprechen, aber Freundschaft. Eine schöne Mission harrt meiner, eines Einsamen Pfad zu er- hellen, zu schmücken, und Ihr Pfad war einsam, trotz Ihres Reichthums freudeleer; eine theilnehmende Gefährtin will ich Ihnen sein, Waldenau, eine treue Gattin." Ich vermag nicht mehr, zu schreiben, die Erinnerung über- wältigt mich, Thränen der Seligkeit netzen das Papier,— sie ist mein, mein Melanie!-- Ich bin mit meinem Sohne gespannt; Herberts Zeilen, die ich von ihm infolge meiner Verlobungsmittheilung empfing, sind abscheulich. Der Habsucht zeiht er sie— der Habsucht, und doch weiß er, daß ich meine Geschenke nur auf die einfachsten Gegen- stände beschränken darf, weiß, daß eine Bedingung ihrer Ein- V. 24«pril 1880, willigung war, ihrem Äater nichts als eine Rente, keinen Heller Kapital zu jicher», und ihr selber für den Fall meines früheren Ablebens ein Jahreseinkommen, das ihr nicht mehr als eine bescheidene Existenz gewährt. Habgierig Melanie! Ich fühle nur die Steine, mit denen man ihre Reinheit zu bewerfen trachtet; die auf mich gerichteten Pfeile verfehlen ihr Ziel. Unter der lächelnden Maske der theilnehnienden Glückwünsche sehe ich ein hämisches Achselzucken hervorblicken; nur zu, nur zu,— in fünf Wochen ist Melanie von der Hellen meine Gattin. Ich erhalte einen anonymen Brief. Man bietet mir den Kauf eines Romanmanuskripts an, dessen Beröffentlichung mich peinlich berühren dürfte. Elende Krämer, die ihr des Menschen Höchstes, den Geist, zum Gegenstand gemeinster Spekulation erniedrigt! Ich würdigte den Skribler keiner Antwort. Darauf erhalte ich einen Auszug des Werkes. Ein Alter heirathet eine Junge, die ihn in eines andern Armen betrügt. So elend die Erfindung, so elend die Sprache. Ich werfe lächelnd die schmutzigen Blätter zur Seite,— guter Autor, deine Hoffnung hat betrogen. Soeben sind wir auf Wolfshagen getraut,— eine kurze, ein- fache Ceremonie. Nur die unerläßlichen Zeugen wohnten ihr bei. Melanie, im schlichten, weißen Kleide, im Haar den duftenden Myrthenkranz, sah bleich aus wie eine Todte,— und doch so schön, so schön. Der Reisewagen hält vor der Thür. Ich mache mit Melanie einen Ausflug in die Schweiz. In vier Wochen denke ich zurück zu sein. Bis dahin hoffe ich, die Rosen ihrer Wangen neu er- blüht zu sehen. Wenn sie bereute, wenn sie noch seiner gedächte,— seit jenem Tage habe ich nichts von Bater noch Sohn gehört. Sie nannte seinen Namen nicht wieder, und ich— bin glücklich. Sie kommt, sie lächelt,— ja, ich bin's! Haineck, September 187�. Seit wenigen Tagen sind wir zurück, herrliches Wetter vcr- schönte unsere Reise, Sonnenschein begrüßte uns, da wir durch das blumengeschmückte Thor unseres Hauses einzogen, wider meinen Willen von den Arbeitern und Beamten der Fabrik und des Guts feierlich begrüßt. Im Geschäft ist alles unverändert, das Glück ist inir treu geblieben, die Aiaschine wird als ein Wunder angestaunt, hohe Summen sind mir für die Erlaubniß der Vervielfäliigung des Systems geboten; ich bewahre das Ge- heimniß für Oswald Frankenthal. Ich hoffe, bald, bald soweit zu sein, durch Melanies Einfluß ihn geneigt zu machen, mir seine Zukunft zu verdanken. Noch kann, noch vermag ich's nicht. Kurz ist des Rausches Traum, und das Erwachen Elend, Reue!— Ich habe dem Bater die Worte verziehen,— ich kann sie nicht vergessen. Warum hallen sie in meinem Innern wieder und wieder, wenn ich Melanie als Mittelpunkt der Gesellschaft sehe, von Männern gehuldigt, die nicht den bloßen Borzug der Jugend vor mir haben, denen auch Geist und edle Sitte nicht abzusprechen. Wie sich dann mein Herz zusammenkrampft, wie ich jedes ihr gespendete Kompliment, jeden allzuscharfen Blick als feindlichen Pfeil in der Brust fühle,— nur für mich allein möchte ich das Kleinod hegen, das inir das Glück verlieh, wie der Geizhals seinen Schatz. Ob Melanie meiner Seele Zustand ahnt? Ihr Benehmen ist bewundernswerth. Ich weiß, sie liebt leidenschaftlich den Walzer, und doch vermag ich, der natürlich längst dem Tanz entsagt, sie nicht zu bereden, einer Aufforderung Folge zu leisten. Nichts weniger als der Liebe Empfindung, aber wahre Freundschaft, ein fast kindliches Bertrauen ist ihr Berhältniß zu mir, und ich be mühe mich, den Ton des väterlichen Freundes zu studiren; ich weiß, er ist ihr der liebste; ich bemühe mich, die Gluthen zu ersticken, die noch immer das Herz durchlohen,— willst du denn nimmer alt werden, du stürmisch pochendes? „Ihr Herr Vater hat sich trefflich kouservirt," hörte ich— zu Montreux war es— eine fremde Dame im Lauf der Unter- Haltung zu Melanie sagen. Glühende Röthe überflog der Theuren Antlitz, ihr Blick flog ängstlich fragend zu mir,— ich that, als ob ich nichts vcr- nommcn. Was sie antwortete, iveiß ich nicht, aber ich weiß, daß sie mir an jeneiil Abend zuerst die Stirn zum Kusse bot, so warm, so innig, wie nie,— ein gütiges Geschick segne sie. Nichts erschien mir lächerlicher, nichts verächtlicher, als Eifer- sucht eines alten Mannes,— nun muß ich diese Qual selber tragen mit ihrer Pein der Berdammten; um so schwerer, so härter, da ich sie berge und verschließe im innersten Raum der Seele.— Ich habe der Natur getrotzt, noch gebe ich den Kampf nicht ver- loren, und keiner Blöße, keiner Schwäche soll meine furchtbare Gegnerin mich zeihen. Ich führe Melanie in Gesellschaften, in distinguirte Cirkel, junge, elegante Kavaliere umdrängen sie, Offiziere in goldstrotzenden Uniformen— mehr als einer könnte dem Bildhauer als Apoll Modell stehen. Ich beobachic sie ver stöhlen, sie verleugnet nicht einen Moment das ernst-freundliche Wesen, das ihr eigen, die milde Heiterkeit, Licht und Wärme spendend, wie die junge Frühlingssonne. Ob diese Ruhe ihres Innern wahrster Ausdruck?— Wer mir doch Bürgschaft gäbe, wer mich nur der Furcht entledigte, daß die Natur eines Tages an ihr rächen werde, was ich wider sie verbrach?— Eine Welt möchte ich verschenken in meines Herzens Jubel. Was kümmert mich, ob Herbert, der kalte, gefühllose Egoist, mir zürnt, ob die Welt meiner spottet, ob selbst Jakob, der alte, bisher so treu ergebene, mir saure Mienen zeigt und sast wider willig seinen Dienst verrichtet? So glücklich bin ich, daß ich in meines Herzens Freude befohlen habe, den gcfürchteten schwarzen Wolf»nbeyelligt zu lassen, der erschöpft, gebrochen von seinen Streifzügen heinigekehrt und bei seiner Mutter Zuflucht gesucht. So ruhig bin ich, so leicht, so wohl, der Hölle fiirchterlichster Dämon, der seine Krallen in das zuckende Menschenherz schlägt, er wich von mir: der Zweifel.— Das Kasino zu Rothenstein feierte gestern einen Festabend, ich durfte mit meiner Gattin nicht fehlen. Melanie, einfach wie immer, in meergrüne Seide gekleidet, eine Iveiße Kamelie im reichen, dunkelblonden Haar, sah entzückend aus,— eine Bewegung ging durch den Saal, da wir eintraten. Die Herrenwelt drängte sich hinzu, der Tanz sollte beginnen. In der Boraussetzung, daß meine Gattin an dem Balle theil- nehme, hatte man mich als vierten der Ehrengäste zum Whist- tisch bestinlint. Meine Partner waren dem höchsten Adel an- gehörend, ein Prinz des königlichen Hauses unter ihnen. Ich � konnte nicht abschlagen. Ein strauftscher Walzer ertönte von der Gallcrie,— ich sah Melanies Wangen sich färben, ich bestand darauf, sie tanzen zu sehen,— der Sohn meines Partners im Spiel, Prinz Heinrich, ein stattlicher Husarenoffizier, führte sie zum Reigen. In vertraulichem Gespräch nahm sein Bater ineinen Arm, sich in das Spielzimmer zu begeben. Auf dem Wege dorthin bemerkte ich einen jungen Man», dessen Züge mir bekannt vorkamen. Er hörte einem älteren Herrn, der eiftig etwas auseinander zu setzen schien, zu, aber seine Miene trug den Ausdruck der Zerstreutheit, und seine Blicke schweiften unablässig in den Hauptsaal. Näherkommend erkannte ich das Antlitz, es schien mir sorgenvoll, abgespannt. Mein Herz krampste sich zusammen. Es ivar Oswald Fraiikenthal. Mühsam meine Erregung verbergend, setzte ich mich an den Spieltisch. Während des ersten, ziemlich lange dauernden Robbers gelang es mir; den ziveiten zu beginnen, war mir unmöglich. Ich schützte heftiges Kopfweh vor,— der zufällig durch das Zimmer kominende Polizeipräsident von Thal nahm meinen Platz am Whisttisch ein,— der Prinz, der ungern verlor, ivar sichtlich froh, einen minder zerstreuten Aiden gefunden zu haben. Der Schmerz, dessen ich mich als Borwand bedient, trat, eine Folge der Auflegung, ein. Ich blickte in den Spiegel des eben völlig leeren Konversationszimmers, das ich durchschritt,— so alt, so abgespannt erschien ich mir,— in diesem Zustand mochte ich mich nicht im Saale zeigen. Ein frischer Lufthauch berührte kühlend meine Stirn,— er that mir wohl. Hinter einem Bosquet war das Fenster geöffnet, die Wärme der Zimmer zu mindern, doch schützten die zugezogenen schweren Vorhänge vor Zugwind. Ich schlug die Draperie zurück, sie bedeckte einen kleinen Balkon, und sie hinter mir zusainmenfallen lastend, trat ich auf einen Augenblick ins Freie. Es war ein kühler Abend, die sanfte Kühle that mir wohl, ich fühlte mich ruhiger, der physische Schmerz ließ nach. Meine Hand hob sich, die Vorhänge zurückzuschlagen, da zog sie sich plötzlich zurück,— ich vernahm die Stimme meiner Gattin, sie nannte den Namen Frankenthal., Alle meine Sinne gingen in einem auf, jeder Nerv in inir lauschte, jede Muskel war gespannt bis zum springen. Ich lugte durch eine Ritze der Vorhänge. Melanie und Oswald standen vor dem Bosquet im menschenleeren Zimmer. Ich konnte deut- lich das Gespräch vernehmen. Es war nicht lang, jedes Wort habe ich in meines Herzens Tafeln gegraben. 351 Zum erstenmal, seit Melanie mir das Jawort gab, standen sie sich gegenüber. Meine Gattin, mich im Spielzinimer glaubend, hatte mich aufsuchen wollen, Oswald war ihr gefolgt. Mit dem Ton unvergeßner Liebe sprach er. und doch streng in den Schranken des Anstands,— herzlich war Melanies Entgegnung, Theilnahme klang aus jedem ihrer Laute, Innigkeit, keine Spur von Leiden- schaft. Oswald fragte, ob sie glücklich sei. Sie vermied, direkt zu bejahen, aber sie erzählte so schlicht, so einfach von den Gaben, mit denen ich sie überhäufe, von der Achtung, die sie für mich empfinde, von dem Segen, den sie, dank der unumschränkten Mittel, die ich ihr zur Verfügung gestellt, um sich zu verbreiten im stände, daß meine Augen sich näßten. Auch Frankenthal schien bewegt, nur war's, als ob er fürchte, durch jede Andeutung der Leiden- schaft eine Entweihung an diesem Herzen zu begehen,— sein Ton ward ruhiger, wenn auch ein Ausdruck tiefen Seelenschmerzes hindurchklang. Indem er Melanie die Hand reichte, schien er Abschied von seiner Liebe zu nehmen. „Leben Sie wohl, Oswald Frankenthal, streben Sie weiter, ein Mann zu werden, dessen Namen man mit Ehren nennt, streben Sie um meinetwillen, Ihrer Freundin halber,— zum Ziel, das einstens Ihre Ideale sich gebildet." Mir war's, als zittere ihre Stimme ein wenig,— es mochte die letzte Regung sein des Gedankens an eigene Träume, eigene einstige Ideale. Noch immer ruhte ihre Hand in der seinen. Er hob sie empor, wie zum Schwur.„Ich will's!" sagte er. Dann ließ er sie frei, und sich hastig von Melanie wendend, stürmte er davon. Mit einem Seufzer blickte sie ihm nach; dann trocknete sie ihr Aüge und richtete ihre schlanke Gestalt empor.„Mein guter Waldenau," sagte sie halblaut,„es war eine Prüfung. Eine Elende wäre ich, hätte ich sie minder deiner würdig bestanden." Sie verließ das Zimmer, und ich schlüpfte hinter meinem Versteck hervor,— Thränen des Glücks benetzten mein Antlitz. Ich wollte Oswald Frankenthal aufsuchen, ihm sagen, ich wußte selber nicht was, ich durfte ja-mit keiner Andeutung verrathen, was ich gehört, empfunden. Zum Glück war er nicht zu finden; er mußte das Haus verlassen haben. Die Rede kam auf eine arme Familie, die einst bessere Tage gesehen und ohne Schuld in Roth gerathen war. Ein Bogen zur Zeichnung milder Gaben ward ausgelegt. Ich zeichnete für mich hundert Thaler, zweitausend im Namen meiner Gattin. Man soll sie segnen, sie lieben, wie ich sie liebe, sie segne.— Melanie!——— 9iun, du täppischer Alter mit der Jugend Prätensionen,— ist dein Stolz, deine Eitelkeit genug gedemüthigt, krümmst du dich im Staube, ein elender Wurm unter dem Fußtritt dämonischer Gerechtigkeit? Geh hin, alter Mann, dir die Krücke auszusuchen, die deinem Alter ziemt; geh hin, dir den Sarg zu bestellen, aber denke nicht daran, junge Weiber zu freien, zu lieben mit einem Herzen so warm, so voll-- Elend, elend, Schande, Verrath,— du biederer Pasquillant, verzeih, verzeih, wenn ich dir unrecht gethan. Als Prophet müßte ich dich verehren, und doch,— nein— du schriebst ja nur nach menschlicher Einsicht, naturgemäß, und erfährt es die Welt, zuckt sie lächelnd mit den Achseln und sagt: es mußte so kommen.-- Und wenn es gekommen wäre, wenn des Weibes leidcnschaft- lich schwache Natur unterlegen wäre der Versuchung, bohrt sie den Pfeil, den tödtlichen, mir ins Herz,— warum ihn vorher in Gift tauchen? Schändliche Heuchelei, unerhörter Frevel! Eine Komödie, so teuflisch-listig, daß die Hölle stolz sein könnte, sie erfunden zu haben, aber bei ihren Qualen,— wie sie begann, soll sie enden. Bergab, bergab mit dir, Alter, von Stufe zu Stufe, von Leidenschaft zu Leidenschaft; in den Koth die Jahre der Ehre, in den Koth deine Grundsätze;— nach Rache lechzt meine Seele, wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser. Es ist kein Zweifel mehr, sie haben mich an jenem Festabend bemerkt, da ich, auf den Balkon tretend, die erhitzte Stirn zu kühlen suchte, die Unterredung vor dem Bosquet, das mich ver- barg, war abgekartetes Spiel, und ich ging in die Falle, ich— Siein, keine Thränen, Ehrenfried, beschwöre der letzten Stunde Erinnerung und dann— zum Gericht!— Von meines Schlafzimmers Fenster aus sah ich Melanie durch den Garten schreiten, so hold, so duftig; sie winkte mir zu, dann verschwaud sie hinter den Bäumen. Es war ein täglicher Spaziergang, den sie zu machen pflegte, che wir zum Frühstück zusammentrafen; ich ordnete unterdessen meine geschäftlichen Kor- respondenzen. Zufällig war heute nichts von Belang zu erledigen; ich warf die Schreiberei zur Seite und eilte hinaus, um Melanie einzuholen. Sie mußte einen andern Weg eingeschlagen haben, als sonst ihre Gewohnheit war, vielleicht hatte sie sich über den Feldsteg ins Dorf begeben. Es>var ein schwüler Tag, bleischwere Regenwolken hingen am Horizont, die Atmosphäre lagerte drückend auf Körper und Geist. Ich mochte nicht weiter gehen, unter einer vielästigcn Buche ließ ich mich nieder;— so still war es ringsum, so ein- sam, kaum daß ein Bogel zirpte,— es war das Lieblings- Plätzchen meiner Gattin. Am Boden, vom Wind halb unter den Sitz geweht, lag ein zusammengefaltetes Blatt, frischen und weißen Ansehens. Ich hob es auf in halber Zerstreutheit,— es mochte vielleicht ver- loren und dem Eigenthümer von Bedeutung sein; gleichgiltig suchte ich aus der Ueberschrift denselben zu entziffern,— sie schlte; zum Ende flog mein Auge,— meine Brust krampste sich zusammen, ich las den Siamen Frankenthal. Mit wem meines Hauses konnte Frankenthal korrespondiren? Ich zwang mich zur Ruhe, ich weiß, daß ich sogar lächelte in eitlem Selbstbetrug; einen Augenblick war's mir, als müßte ich die Zeilen, deren Schriftzüge mir verschwommen, wie in heftiger Erregung geschrieben, vorkamen, ungelesen vernichten, als erkaufe ich mit diesem Opfer das Glück meiner Zukunft. Ich hörte nicht meines Engels Warnungsstimine,— es war das letztcmal, daß sie mir tönte,— ich las, er schüttelte die Schwingen, er floh.— „Ich bin nun ruhig; es ist keine Sünde, kein Verbrechen. Und doch, der Gedanke, heimlich, wie ein Dieb der Siacht, in sein Eigenthum zu dringen, ist peinigend; wie anders wäre alles ohne diese unselige Ehe, ohne W's allzuspäte Leidenschaft, sie zieht andere mit sich in des Jrrthums Kreis. Ja, ich komme,— sorgen Sie, daß jenes mir bezeichnete Pförtchen, das durch die Tannen- allee aus dem nächsten Weg zum Ziel führt, geöffnet bleibt. Um elf Uhr bin ich am Eingang. Dort, Sie versprechen es, harren Sic meiner. Sie sollen es nicht vergebens, wie an jenem der Gelegenheit so günstigen Festabend zu Rothenstein. Ich komme bestimmt. Jedes Bedenken ist überwunden. Frankenthal." „Jedes Bedenken ist überwunden." Ich weiß, daß ich ganz laut diese Worte zweimal wiederholte und dann mich erschreckt umblickte, ob mich auch jemand vernommen, jemand mich gesehen. Aber alles war still,— so still, wie in mir selber, so dumpf, so todt.-- Ich blickte empor zum Himmel,— tiefer und tiefer schienen sich die Wolken zu senken— ein bleierner, ungeheurer Sargdeckel. Ich legte den Brief genau so zusammen, wie ich ihn gefunden, und an dieselbe Stelle, von der meine Hand ihn emporgerafft. Dann schlich ich langsam davon, durch Gebüsch und Hecken einer von jener Stätte weit entfernten Allee zu, die zum Herrenhause führte, jeden Argwohn zu täuschen.— Ich war so ruhig, so richig, daß ich über mich selber erstaunte, ja, mich vor mir selber fürchtete. Ich sprach mit Bernhardt über Geschäfte, mit dem Gärtner über den Bau neuer Treibhäuser. (Fortsetzung folgt.) Die Nermungen modernster Naturwissenslhaft, eine Wiedergeburt der Monadenlehre Giordano Sruno'o. Von K. M. Iaöian. (Schlich) Die Sinnesempfindung, hier das Sehen, weiß ursprünglich dieses Resultat ist der Anfang des Bewußten. Es ergibt sich ans nichts von dem successiven Zustandekommen ihres Phänomens; dieser rein geometrischen Betrachtung mit Siothwendigkeit die enipi- >ie kennt kein succeffiv fortschreitendes, sondern nur ein voll- rische Scheidung der Begriffe„Mechanik" und„Empfindung" resp. ständiges Bild keinen Prozeß, sondern nur das Resultat, und„Bewußtsein", und zugleich als das zeitlich Erste: die Mechanik. Zwar ist es sicher, daß für die Entwicklung des Intellekts und der Vorstellungen in Uebereinstimmung mit der geometrischen Theorie, die Sinnesempfindung das erste ist und die Mechanik als Wissenschaft die Rekonstruktion und daher das spätere der sinnlichen Wahrnehmungen; allein der Begriff der Rekonstruktion an sich spricht es schon aus, daß die Vorstellungen zurückgeführt werden müssen auf ein vorläufig unbekanntes Etwas, d. ü die Mechanik als Abstraktion auf Mechanik an sich. Immer also ist die Mechanik als solche ftüher da als die Mechanik als Wissen- schaft. Vollständig widersinnig ist es aber, die Mechanik an sich als mit Empfindnngsphänomenen begleitet zu betrachten; wäre dieses der Fall, so müßte, wie allein die Vorstellung dieses Gesetzes ist erst die Folge seines induktiven Einflusses auf das sinnliche Organ; mit Wegfall der Induktion als Voraussetzung fiele zugleich die empirische Realität der deduktiven Erkennwiß. Die empirischen Voraussetzungen der Sinnesempfindung, die da ist der erste Grundstein im Gebiete des Bewußten, sind äußere mechanische Einwirkungen auf das Sinnesorgan; das letztere aber ist es, welches nicht jedem Dinge(auf Grundlage der Einpirie) beigelegt werden kann; seine empirischen RealitÄsbedingungen sind gebunden an bestimmte Stoffverbindungen und bestimmte Temperaturverhältnisse, die schlechterdings nicht überall konstant sind und vorhanden. Wohl können wir im Sinne der kosmischen > und organischen Ent- I ! geometrischnachgewiesen, Wicklungsgeschichte die die Sinnesempfindung Entstehung von Plasti- nicht endlich scn begriffenes, schnell Konstanz desjenigen, lung aller Vorstadicn eines solchen. j � Im Sinne einer Wir können so mit!r j solchen universalen Ent- vollster Sicherheit den v''iJmi Wicklungsgeschichte ist konstatiren und genau jj?) ganischen aus dem An die Grenze von Mecha- organischen ein noth- nik und Empfindung» 5" wendiges Postulat des bestimnien; diese Grenze theoretischen Raturerken- istdic Sinnesempfin-''■ nens, denn die Ver- du ng selbst, das Sehen, m«<->>! knüpfung des Anorga- das Hören u. s. w. �'j rff■>! � I Viij l, nischen mit dem Attri- Schon früher hat M bute des Lebendigen, der Verfasser dieser Ab-■ nach Art der bruno'schen ziehend, gegenüber ins- � ��ch der Antizipi- besondere zöllner'schen � rung der mechanischen Ausführungen, welcher'•.'' Theorie der Wärme bci- besondere Schlußart, iWr'.j.' dem Bewußten, beigelegt „unbewußte", wie er werden muß, ist dem- sie nennt, vertheidigt. Mimmlll J/r I nach das reine Be- Es muß noch be-.'"" wegungsphänomen, merkt werden, daß der mechanischer Zu- barer ist und daß der| diese Gleichartigkeit des schon ein Widersinn ist; scheint es, als wenn sie denn derselbe drückt mit_. nicht von der Bedeutung anderen Worten aus: Die dobschaner Eishöhle.(Seite 3S9.) und Evidenz des mecha- ein unbewußtes Be- nischen Aequivalents in wußtsein. Nur in< richtiger Weise erfüllt dem dargelegten Sinne hat der exakte Darwinismus eine reale Be' sind. Dieses Aequivalent, welches in der Wechselwirkung zwischen deutung; er lehrt, in welcher Weise und Reihenfolge die Mechanik Arbeit und Wärme bereits zahlenmäßig festgestellt ist, das aber an sich die Mechanik als Wissenschaft erzeugte, d. h. wie zunächst m gleicher Weise auf die Phänomene der Elektrizität und des � aus der anorganischen Welt durch Wechselwirkung das sinne»- organ und wie hierauf die Sinnesempfindung und endlich die Welt als Vorstellung zur Entwicklung gelangte. Nicht das Wie, sondern mir die Nothwendigkeit einer solchen kann hier zur Be- Handlung kommen. Die Nichtigkeit einer solchen Nothwendigkeit wäre gleich- bedeutend mit dem Umstürze unserer ganzen empirischen An- schauungswelt. Die Empirie ist aber die Grundlage einer jeden Erkenntniß. Wohl besteht das Kausalitätsgesetz an sich, d.h. die Prozesse der Natur, unabhängig von unserer Vorstellung, erfolgen mit Nothwendigkeit nach dem Berhältniß von Ursache und Wirkung; *) Vgl. Die mech.-monist. Weltanschauung. Scholtze, Leipzig 1877. Magnetismus, des Lichtes und des Schalles, wie auf diejenigen der organischen und animalischen Lebenswelt ausgedehnt werden muß, bringt die Gleichartigkeit im Wesenheitsbegriffe unleugbar zum Nachweise. Diese Wesensgleichartigkeit ist aber nicht das Lebendige, sondern das rein Mechanische im Sinne der engeren Physik; es ergibt sich dieses auch schon aus rein logischer Er- wägung, nach welcher das Einfachere stets zeitlich dem Kompli- zirteren voranzustellen ist. Kurz und bestimmt noch einmal das Verhältniß der bruno'schen Einheitsphilosophie zu derjenigen des mechanischen Systems gezeichnet, stimmen beide überein in der Gleichstellung der Wesenheitsbegriffe„Mechanik" und„Leben"; sie unterscheiden sich dagegen darin, daß das mechanistische System die Mechanik als das Ursprüngliche, die bruno'sche Lehre aber das Lebendige als solches setzt. Wie gezeigt, hat das mechanistische System für sich die ganze empirische Anschauungswelt, die ge- sammte exakte Wissenschaft, den exakten Darwinismus und die kosmische Geschichte der Weltensysteme; gegen sich hat es nur einige teleologisch-mystische Schwärmerei. Der Anthropomorphismus, auch in der bruno- häckel'schen Gestalt hat für sich die leicht erregbare Phantasie und poetisirende Schwärmerei, gegen sich indessen alles das, was der Mechanismus für sich ins Feld führen dürfte. Hier Erkenntniß und Wahrheit, dort Mystik und Träumerei; hier ein Wer- den und Entwickeln nach Mechanik und Ge- setz, dort Konstanz und freie Wahl nach innerem Ermessen; hier Mechanik au sich und Werden der Teleologie, Ethik und Aesthetik, dort Teleologie an sich und Verneinung der Mechanik; hier weder böse noch gut, weder schön noch häßlich an sich, dort aprioristisch gut und auch schön; hier ein bloßes Sein an sich, weder ein optimistisch noch ein pessi- mistisch bestimmtes, dort ein aprioristisch Sein, ein ethisch- ästhetisches optimistisches an sich. Wohl wissen die Häckel, daß sie nicht Herren Caspari und der Mechanik zu ent- behren vermögen; daher die Phraseologie Easpari's von der wahren Freiheit unter dem Mantel eines sie zart umfassenden Ge- setzes, daher die Zerstörung des eigensten Fundamentes, das Aufgeben des Monismus und die Wiederbelebung der dualistischen Denkart; denn dualistisch ist es gedacht, neben der Nothwendigkeit an sich noch eine Frei- heit an sich anzuerkennen. Eines schließt mit Nothwendigkeit das andere aus; es sei denn, daß wir den Widersinn zum Ausgangspunkt aller Betrach- tung nehmen wollten? Jeder absolute Wider- sinn ist aber an sich ein Widerspruch. Einen solchen zugegeben, hörte die Mechanik auf, Mechanik zu sein; Gesetz würde Phrase; Will- kür Gesetz; Verstand und Logik Irrsinn.— Sollte Häckel es nicht wissen, daß er sich mit dem Begriffe der Atomseele im Sinne der bruno'schen Philosophie in Widersprnch stellt mit seinem ganzen früheren Forschen?— Fast hat es den Anschein. Seine natürliche Schöp- fungsgeschichte, die Häckel Populär machte, bewegt sich lediglich innerhalb der Gren- zen einer universalen kosmi- scheu Entwicklungsgeschichte lvgl. S. 289, 4. Aufl.), seine Deszendenztheorie schließt sich an der kosmologischen Gas- theorie. Wörtlich schreibt Häckel Seite 654 dortselbst: „Der Wille ist bei den höhe- ren Thieren ebenso entschieden stark, wie bei charaktervollen Menschen entwickelt. Hier wie dort ist er eigentlich niemals frei, sondern stets durch eine Kette von ursäch- licheu Vorstellungen bedingt." Man sieht, wie Häckel hier_ völlig noch in mechanistischem Sinne denkt, erst mit der Aufnehmung der brunoschen Philosophie arbeitet Häckel gegen Häckel, indem bei der Auffassung der ganzen Welt nach der Vorstellung des lebenden Ichs, von einer Entwicklungsgeschichte der Organismen schlechterdings nicht mehr die Rede sein kann. Die häckel'sche Atomseele, das caspari'sche biologische Atom schließen auch ein die preyerffche Hypothese von der Anfangs- losiqkeit der organischen Welt. Die hahn'sche Auffassung der Geologie als Organismen- Versteinerungslehre zeigt, wohin solche Prinzipielle Verirrungen führen; es stellt sich das Paradoxon heraus daß ursprüngliche Darwinisten sich in Harmonie bewegen mit den Ptolemäern unserer Zeit, die da von vornherein den 1) Stutzer aus fctm 15. Jahrhundert.(S. 359.) Darwinismus und die kosmische Geschichte des Sonnensystems bekämpfen und verneinen. Diese letzteren Männer des wissen- schaftlicheu Konservativismus, so einseitig und verrannt ihr Be- ginnen, sie bleiben sich wenigstens konsequent; während hingegen die Aufnahme der Monadologie von Seiten der ursprünglich darwinistischen Naturphilosophen zu nichts weiterem führt, als zur völligen Verwirrung in philosophischen Dingen, zur vollendeten Mystik und zum Spiritismus. Realen Beweis hierfür liefert Prof. Zöllner in Leipzig mit seiner ganzen niediumistischen Sippe ini vier- dimensionalen Raum. Fragen wir nach dem Grunde dieser Verwirrung in philosophischen Dingen, so kann derselbe nur erkannt werden in der Vernachlässigung wahrhaft logischer und philosophischer Forschung gegenüber der induktiven Methode der Naturforschung, wie sie in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war. Zwar hält der Stamm der induktiven Schule noch au dieser fest, und es sind bis- her hauptsächlich nur die Genannten, welche der Spekulation zum Opfer sielen; allein das steht fest, daß die einfache Naturbetrachtung im engern Sinne dem Kausalbedürfniß des Menschen nicht genügt, und daß demzufolge früher oder später immer wieder eine höhere Art der Forschung, die philosophische, in den Vordergrund treten muß. Naturforscher aber, ohne sorgfältiges Studium unserer großen Philosophen, bei denen plötzlich allgemeinere, wie die mehr spezifisch sachmäßigen Bedürf- nisse zutage treten, werden daher leicht ein Opfer dieser Bedürfnisse, indem sie nun in der neuen, jedoch nur oberflächlich gewonnenen, Einsicht ihr früheres eigenstes Fundament in blindeni Eifer zugrunde richten. Kommen wir noch zur Würdigung der bruno'schen Monadenlehre im philosophisch- kritischen Sinne, so ist es klar, daß diese Lehre keinen Begriff hat von wahrhaft kritisch tiefer Auffassung. In ursprünglicher Naivetät ist ihr die ganze Welt monistisch, begriffliche Unterschiede kennt sie nicht. Der berühmte Ausgangspunkt Descartes', der das Ding an sich und die Erschei- nung zur begrifflichen Trennung bringt, ist ihr unbekannt; Bruno fand eben ohne weitere kri- tische Bedenken überall dieselbe gleiche Einheit(monas), nach der er auch das Ich konzipirtc. Die Unkenntniß des von Descartes begründeten kriti- scheu Ausgangspunktes der Philosophie von Seiten Bruno's ist natürlich, denn die Lebzeit des Descartes (1596— 1650) fällt kaum noch in die Bruno's, der 1548 geboren ist. Ganz anders stellt sich indessen dieses Ver- hältniß schon bei Leibnitz (1646—1716), und das, was Bruno nicht zum Vorwurf gemacht werden kann, die Nichtbeachtung des philo- sophischen Kritizismus, muß desto mehr ein Vorwurf sein gegen Leibnitz und noch mehr gegen die derzeitigen Wiederbeleber der bruno'schen Philosophie, nachdem ein Kant und ein Schopenhauer den von Descartes begründeten Kritizismus weiter mit großer Schärfe zum Ausbau brachten. Bruno war Charakterphilosoph, und im Gegensatz zur asketisch- mittelalterlichen Selbstbetrachtung muß immerhin seine dichterisch- anthropomorphistische Einheitsphilosophie als ein Fortschritt be- trachtet werden. In philosophischer Beziehung war sie die Wiedergeburt der antiken Borstellnngsart. Im großen und ganzen machen sich in der neuen Geschichte der Philosophie zwei Hauptrichwngen geltend, die eine ist die 2) Kopftrachten aus dem 16. Jahrhundert.(Veite 359.) 354 monistische, die bald mehr eine anthropomorphistische im Sinne Bruno's, bald aber eine mehr niaterialistische oder idealistische ist; sie lehrt die Nothwcndigkeit und das Bedürfniß einer Einheits- Philosophie. Die andere ist die des philosophischen Kritizismus, der da im Sinne eines Kant„den Dualismus von Welt als Erscheinung" und„Welt als Ding an sich" begründet. Beide haben etwas Richtiges an sich und beide etwas Falsches; für die Weltanschauung der Zukunft gilt es, den kritischen Dualismus auf eine höhere Einheitskategorie zurückzuführen, um so den ursprünglichsten und sensualen Monismus zum wissenschaftlich philosophischen zu gestalten. Diesen hier als nothwendig nachgewiesenen kritisch-mechanisti- schen Monismus gedenkt der Verfasser dieser Abhandlung noch in einem speziellen Aussätze iveiter zu behandeln, sowie desgleichen das Verhältniß desselben zum sensualen Monismus und philo- sophischen Kritizismus. Betrachtungen üder die Gesundheitspflege des Volkes. Von Dr. Eduard Weich. IT. Hantpflege. Eine der fruchtbarsten Quellen der meisten und schwersten Krankheiten ist mangelhafte und vernachlässigre Pflege der Haut. Bäder und Waschungen, geeignete Kleidungsstücke, gutes Bett und gesundheitsgcmäße Schlafräume, diese Momente sind ebenso ge- wichtig und bedeutungsvoll, wie die Wahl der Nahrung; ja, man kann aussprechen, daß gute Hautpflege manche Fehler im diä- tctischen Regiment auszugleichen vermöge. Jede Waschung, jedes Bad, jede Bcgießung, Bespritzung der Haut, besonders mit kühlem oder kaltem Wasser erregt die Nerven, befördert den Umsatz der Gebilde, die Athmung, den Blutumlauf, vermehrt die Ausscheidung und erhöht die organische Wärme; jede dieser Arten von Hantpflege begünstigt auf dem Wege des Nervenreflexes die Muskelbewegung des Nahrungskanals, die Absonderung in den Drüsen des letzteren, und somit die Verdauung. Daher kommt es, daß alle Menschen, die regelmäßig kalter Waschungen und Bäder sich bedienen, besser verdauen, als solche, die, unter gleichen Umständen lebend, der Hauptpflege ent- behren,— und nicht allein besser verdauen, sondern wärmeren Leibes, thatkräftigerer Seele und mehr heiteren Geniüthes sind. In allen Gegenden des Binnenlandes, woselbst man die Hautpflege vernachlässigt, haben die Menschen etwas Kränkliches und Verdrossenes, und zeichnen durch mehr oder minder unangenehmen Geruch sich aus, der durch Unterlassen der nöthigen Ventilation gesteigert wird. Meistens fürchten diejenigen Leute, welche vor dem frischen Wasser Angst haben, auch die frische Luft. Diese ist ein wesentliches Unterstützungsmittel der durch das Wasser bewerkstelligten Hautpflege und vervollständigt die letztere in aller und jeder Bc ziehung; denn der Einfluß frischer und reiner Luft begünstigt die Ausscheidungen, die Athmung, den Blutumlauf, die Vorgänge der Bluterneuerung, die Verdauung:c. Häufiger Gebrauch kühler und kalter Bäder empfiehlt sich von Jugend auf. Man härte die Kinder vom Tage ihrer Gc- burt an in vernünftiger Weise ab; aber, man unterlasse es, die- selben in Eiswasser zu tauchen, sondern man mache ihnen eine Temperatur des Waschwassers bis zu fünf Grad und des Bade- wassers bis zu zehn, mindestens acht Grad Wärme herunter zur Gewohnheit. Alles, was diese Grenzen überschreitet, ist Ex- zeß und hat leicht mehr oder minder bedenkliche Affektionen zur Folge. Je niedriger die Temperatur des Wassers, desto stärker wer- den die kleinen Blutgefäße der Haut zusammengezogen, desto mehr wird die Arbeit des Herzens erhöht und der Andrang des Blutes nach dem Gehirn und anderen inneren Organen gesteigert. Hieran gewöhnen sich kräftig beanlagte Menschen bald und leicht. Bei schwächlichen Individuen jedoch darf jene oben bezeichnete Grenze nicht überschritten werden, und darum ist es geboten, bei jedem Versuche der Abhärtung genau die leiblichen Kräfte und Anlagen des betreffenden Menschen zu beachten. Man bade neugeborene Kinder in Wasser, welches nicht'sehr weit unter der Temperatur des Körpers ist; aber, man vermin- dere den Wärmegrad der Badeflüssigkeit stetig, bis man nach wenigen Wochen bei zwanzig Grad Celsius angelangt ist. Nach Beendigung des ersten Zahndurchbruches kann das Badewasser bis auf fünfzehn Grad Celsius abgekühlt werden, wenn sonst die Verhältnisse des Wohlbefindens dergleichen erlauben. Kalte Waschungen mögen mit dem ersten Tage des Lebens beginnen und bis in das höchste Alter fortgesetzt werden. Kin- der, Greise und Kranke dürfen jedoch nicht Eiswasser hierzu ge- brauchen, sondern es muß die Temperatur des Wassers nach dem Bedürfniß des Organismus bestimmt werden. In allen zweifelhaften Fällen ist der Arzt die entscheidende Instanz. Das warme Bad ist als Reinigungsmittel ganz vorzüglich, möge aber niemals ohne kalte Abduschung und inuncr nur ausnahmsweise gebraucht werden. Die beste Form des warmen Bades ist das römisch-irische Bad; namentlich in den Winter- nionaten sollte man sich desselben bedienen, während der Sommer- monate ausschließlich kalte Bäder nehmen. In Fällen von Krankheit ordnet der Arzt Wannenbäder mit allerlei Znsatz an, von verschiedener Temperatur und mit mancher lei Modifikationen. Es wird demnach für jede Familie der Be- sitz einer Badewanne ans Zink oder verzinktem Kupfer und einer Gießkanne mit Brause sich empfehlen. Mit Begießnngen und Bespritzungen sei man vorsichtig, da so manche Individuen davon leicht heftig affizirt tvcrden. Die Regendusche mit kaltem Wasser ist für Personen von einigermaßen leidlicher Gesundheit ein ganz vortrefflicher Abschluß jeden Bades. Schwächliche und Kränkliche mögen allmählich daran sich gewöhnen, vorausgesetzt, das; ärztliche Bedenken nicht obwalten. Der Gebrauch örtlicher Bäder, z. B. der Fußbäder, ist nicht blos für Kranke, sondern auch für Gesunde sehr empfehlenswerth. Doch tvcrden die letzteren wohl daran thun, mehr an kühle und kalte, als an warme Fußbäder sich zu gewöhnen. Hand- und Sitzbäder u. dgl. m. nehme man nur auf ärztliche Anordnung hin und nach genauer Anweisung des Arztes. Nicht jeder Private ist im Stande, in seiner Behausung zu baden; bei den Armen ist dies schon gar nicht oder nur höchst ausnahnisweise der Fall. Daher muß es öffentliche Badeanstalten geben und diese müssen in aller und jeder Beziehung dem Rathe der Gesundheit angeordnet, nach den Regeln der Gesundheitslehrc erbaut sein und dem ganzen Publikum zu freier Benutzung offen stehen. Dasselbe soll, bezüglich Einrichtung und Erhaltung, auch von den Badehäusern der privaten Unternehmer gelten. Man kann diejenigen Menschen, tvelche im Sommer Aufent- halt an Badeorten nehmen, in zwei große Klassen unterscheiden, in solche, die ganz gesund sind und etweder aus Langerweile, oder um die Gesundheit zu pflegen, oder um sich zu verheirathen: oder um kriminelle Praxis zu betreiben, in das Bad zu gehen, und in solche, die in das Bad eilen, um die durch physisches oder moralisches Elend verlorene Wohlfahrt ivieder zu gewinnen. Zu Zwecken der Gesundheitspflege sind die Badeorte und Som- meranfenthalte an der Seeküste und in hohen Gebirgen die besten. Wessen Verhältnisse es erlauben, besuche in einem Sommer das Seebad und gehe im anderen nach dem Hochgebirge. An beiden Orten wird die Luft den heilsamsten Einfluß ans alle leiblichen Vorgänge ausüben und an der See wird diese gute Wirkung durch das Seebad unterstützt werden. Auf Hochgebirgen und am Meere beschleunigt die reine, sauer- stostreiche Lust den Umsatz der Materien im Organismus, den Stoffwechsel, gleichwie die Ausscheidungen. Dies bedeutet größe- ren Verbrauch von Nahrungselementen, intensivere Athmung und Blutbewegung, stärkere Aktion der Nerven. Die Pforte des Leibes, welche hierbei zunächst und in Betrachtung kommt, ist der Re- spirationsapparat. Bei gleichzeitigem Gebrauche von Bädern, insbesondere von Seebädern, wird eine zweite große Pforte des Organismus in Wirksamkeit gezogen: die Haut. Es ist demnach der Einfluß der Seeluft bei gleichzeitigem Gebrauche des Seebades das kräftigste Mittel zu neuer Jmpulsirung des ganzen Ernährungslebens, zu Auffrischung der ganzen Organisation, zu Erhaltung der ganzen Gesundheit. — 355 Jeder, der an Seebäder nicht gewöhnt ist, sei bei Gebranch derselben um so vorsichtiger, je größer die Wellenbewegung des Wassers und dessen Salzgehalt, und je niedriger die Temperatur des Wassers ist. Für den Anfang bleibt es immer das beste, einige warme Seebäder mit kalter Abduschung zu nehmen, sodann erst zu dem kalten Bade überzugehen. Nian verweile im Wasser nur einige Minuten, promenire sodann, nachdem man abgetrock- net und angekleidet, am Strande, und nehme schließlich eine gute Mahlzeit ein. Auch solche, die an das Seebaden gewöhnt sind, mögen keineswegs lange, niemals länger als zehn bis fünfzehn Minuten im Wasser sich aufhalten, besonders bei niedriger Tem- peratur des letzeren und stärkerer Luftbewegung. Der große Nutzen des Seebades für die Gesundheit kann durch Ausschreitungen, die der Badende sich erlaubt, bedeutend geschmälert, ja ganz in Frage gestellt werden. Manche Menschen gehen in das Seebad, um kannibalisch zu essen und sonst gegen die Gesnndheitslehrc zu leben. Durchfälle und gastrische Leiden überhaupt kommen besonders häufig bei den Badegästen vor, welche an der Tafel der großen Wirthshäuser des guten zu viel thun, seltener bei denen, die in Bauern- oder Fischerhütten wohnen und einfach sich nähren. In einem Ostsccbade erkrankten in dem ersten Gasthofe des Ortes fast alle Badegäste mit einem male an cholerineartigcin Durchfall. Der junge Arzt aus dem benachbarten Städtchen erklärte mit Hochweiser Miene, dies rühre von mangelhaft ge- reinigten Aborten her und befahl Desinfektion der letzteren. Der etwas ältere Arzt aus der benachbarten Grafschaft war anderer, und zwar der richtigen Meinung: die geehrten Badegäste hatten nnt Kind und Kegel Tags zuvor an der Wirthstafel so Unmensch- lich viel Fleisch und schließlich Eis verzehrt, und eine so große Menge von Bier und Wein vertilgt, daß es eine Schande war, außerdem das durch Spülwasser geradezu verpestete Wasser des Hausbrunnens genossen. Nachdem der junge Arzt aus dem Städtchen jedem Patienten für ein jedes Rezept zu verschreiben — und er verschrieb immer viele Rezepte— sechs Mark abge- nommen, ernüchterten sich die Gäste des ersten Wirthshauses, wurden rasch besser und gelobten sich, künftig mäßiger und vor- sichtiger zu sein. Die Frage, ob man die Haut zuweilen mit Ocl einreiben soll, muß bezüglich gesunder Menschen entschieden verneint wer- den; denn es hätte gar keinen Zweck, die Ausgänge der Haut- drüsen zu verstopfe». Zwar riethen die Diätetiker des römischen Alterthums:„intus mulso, foris oles"(Getreibebrei zu essen und die Haut einzuölen); allein Waschungen und Bäder sind bei weitem vorzüglicher, und Bestreichen der Haut mit Oel möge nur in Krankheitsfällen auf ärztliche Anordnung hin vorgenom- men werden. In Krankheiten sind früher zuweilen Oelbäder gebraucht wor- den. Dergleichen ist jedoch ziemlich unnütz, kostspielig, umständ- lich, und durch bessere Heilmittel ersetzt worden. Alle Menschen, die aus irgend welchem Grunde nicht im Stand sind, Bäder zu gebrauchen, müssen durch Waschungen, oder, wo auch diese uicht vorgenominen werden können, durch trockene Abreibungen mit Flanell die Thätigkeit der Haut als ausscheidenden und athmenden Organs zu fördern suchen, ins- besondere wenn die Leibesbetvegung in freier Luft nicht ge- nügend ist. Kann der Muselmann nicht Wasser z» seinen täglich mehr- mals durch den Koran gebotenen Waschnngen finden, so ist er gehalten, des Sandes sich zu bedienen, des warmen Sandes der Wüste, der, gleich der Wüstenluft, alle Feuchtigkeit rasch auf- saugt. In mehreren bedeutend civilisirten Ländern Europas versteht es die große Zahl der Menschen nicht, angemessen sich zu waschen, das heißt: Gesicht, Hals und Hände zu waschen. Dieselben füllen ein flaches Gefäß mit Wasser, nehmen Seife und Hand- tuch, und nun geht das Geseife, Gewäsche, Gepuste los, und alles wird mit einem und demselben Wasser gewaschen; an Abspülen denkt dieser gebildete Europäer nicht. In den Gasthöfen der angedeuteten Länder bekommt der Reisende, trotzdem er für alles Preise zahlen muß, daß ihm die Augen übergehen, einen Becher Wasser und zwei Handtücher zum Waschen; Seife verkauft ihm der Kellner mit drei- bis fünfhundert Prozent Aufschlag. Anders in Frankreich und den südlichen Gegenden; da wird dem Reisenden eine große Gieß- kanne voll Wasser nebst mehreren Handtüchern, Seife, Wasch- gefäßen und Spüleimer gebracht, ein Quantum Wassers, welches zu vollkommener Reinigung, Abspülung der Seifentheile und Er- frischung genügend ist. Man wasche zuvörderst seine Hände sorgfältig, begieße die- selben mit reinem Wasser, wasche sodann Mund und Zähne, gebe in das mit frischem Wasser gespülte Waschbecken reines Wasser, benutze nochmals Seife, um Gesicht, Hals und Brust zu reinigen, und spüle diese Theile schließlich so lange, bis das ablaufende Wasser vollkommen klar und die Erfrischung komplet ist. Nun- mehr trockne man mit durchaus trockenen, rauhen Handtüchern sorgfältig und so lange sich ab, bis die letzte Spur von Feuch- tigkeit entfernt ist. Als ich in der großen Bibliothek zu Gotha die Kirchenväter und Reformatoren studirte und jene Stellen in den griechischen und römischen Autoren suchte, welche auf'das eheliche Leben Be zug haben, damit ich die Geschichte des letzteren schreiben konnte, behauptete einmal an der Mittagstafel im Gasthofe„Zu den drei Spitzen" ein Geck aus Leipzig, das Scheeren des Bartes sei eine Wohlthat und dem chinesischen Kaiser, der das Schecrmesscr er- funden, gebühre Lob. Die Tischgesellschaft war gethcilter Mci- nung; die Gecken und Bedientenseelen standen dem Gecken bei, die Einsichtigeren und Natürlicheren wandten mir sich zu, der ich aussprach: es sei das beste, der Natur freien Lauf zu lassen und die dem Geschlechte eigene Zierde zu erhalten, anstatt zu ent- fernen. Nicht lange danach machte ein Engländer Versuche, und fand, daß Personen, welche ihren Bart voll behalten hatten, bei weitem wohler sich befanden, als andere, welche denselben regel- mäßig scheeren ließen. Das Gesicht des Mannes, der seiner Zierde und seines natürlichen Schutzmittels sich beraubt, wird zum Affengesicht und jede Bartmode(ausgenommen die, welche den vollen Bart pflegt) ist eine richtige Affenmode. Wer täglich seinen Kopf wäscht, bedarf keiner Pomade, und wer nach den Regeln der Gesundheitspflege sein ganzes Dasein einrichtet, bedarf keiner Perücke. Man halte auf reine, nicht allzu kurz beschnittene Finger- und Fußnägel. Irrfahrten. Von Fudwig Yosenöerg. Augenblicklich bin ich in einem Annoncenbureau thätig. Wir exportiren von hier aus all' die marktschreierischen Anpreisungen von Heilmitteln, die jeder von uns als Schwindel kennt— aber man hilft mit— um zu leben.-- Es ist traurig, das schrei- ben zu müssen— sehr traurig.— Aber es ist doch auch ivieder gut, daß ich hier hiueingerathen bin. Ich lerne so wieder ein Stück Welt kennen; das wird mir von Stutzen sein, wenn ich nächstens in ein Zeitungsunternehnicn eintrete.— Das Volk muß aufgeklärt werden.- Die Presse ist das wichtigste Mittel. durch das die Masse gelenkt und unterrichtet werden kann und jetzt erst weiß ich, wo mein Platz ist.-- Aber bis dahin gilt es noch rastlos zu arbeiten und mit unverdrossenem Mnth ver- (Fortsetzung.) schiedene Gräben und Mauern zu liberspringen. Dem Muthigen gehört die Welt!----- Aber wollte ich dir soviel des Unerquicklichen schreiben?— Wollte ich dir nicht von Elisabeth schreiben,— ineinem guten Geist, meinem besseren Ich?--- Die Frauen, theuerste Seele, bändigen den nngefügigsten Nacken und zwingen den trotzigsten Sinn zum Gehorsam. In der Nähe eines edlen Weibes entweicht das Rohe im Manne, an Stelle des Ungestüms tritt eine bedachtsame Ruhe, die das Wort ab- wägen, die Gedanken verschönen läßt.— Mir wird es immer >vohl ums Herz, wenn ein milder Fraucnblick aus mir ruht, und in solchen Momenten fühle ich meinen Werth, mejne Kraft, mein Selbstbewußtsein steigen und ich begreife recht, wie bciicidcnS - 3 . werth ein Mensch ist, der die Schönheit um sich hat, wenn er für sich, für die Seinen, für das Wohl des Volkes seine Hände und seine Sinne regt.— Schon als ich Elisabeth zum erstenmale sah, erkannte ich sie als ein schönes, ein geistreiches, gemüthvolles Mädchen! Aber eine Frau ist nichts außerhalb des Hauses. Man muß sie zwischen ihren eignen Wänden belauschen, sorgen, arbeiten sehen,— sprechen hören. In ihrem Heim, da ist die Frau erst Frau. Du müßtest Elisabeth in ihren bescheidenen Räumlichkeiten sehen und du würdest ganz meine Verehrung sür sie begreifen.— Ganz im Stillen aber! Beileibe nicht prahle- risch, auffällig, dreist. Ich verehre mit Blicken. Diese stumme Sprache ist die geeignetste, die einzig erschöpfende. Das Wort ist plump. Nur der Blick entbehrt des grob Sinnlichen, und der Blick allein ist rein, wenn der Mensch nur rein denkt.— Ich habe mich an Elisabeth so gewöhnt, wie an eine Schwester; ich verheimliche ihr nichts, sie nichts mir. Wie das gekommen? ---— Ich ging eines Tages auf der Straße, darüber sinnend, wie ich am besten und ohne Ostentation Elisabeth sehen und mit ihr sprechen könne, als ich plötzlich meinen Namen nennen hörte.— Als ich erschreckt aufsah/ stand sie vor mir. ---„Schon seit Monaten hier und Sie haben uns noch nicht besucht!" rief sie fast vorwurfsvoll.„Neulich rannten Sie au mir vorüber und ich war nahe daran, zu denken, Sie hätten mich absichtlich nicht gesehen!"-- Ich entschuldigte mich. Ich sagte ihr offenherzig,� meine bescheidene Stellung hätte mir den Zwang des Nichtbesuchens auferlegt. Mein Stolz duldete es nicht, mich ihrer Familie als eine unbedutende Schreiberseele vorzustellen u. s. w.---„Unsinn, Unsinn!" rief sie,„Un- sinn!"— Und dabei lachte sie und versicherte mich, daß ihre Eltern schon von meiner Anwesenheit wüßten und durchaus keine engherzigen, kleinlichen Menschen seien.-- Ich begleitete sie bis zu ihrem Hause und seitdem bin ich bei Liebers ein gern gesehener Gast. Ich beaufsichtige dann und wann den kleinen Sohn, helfe ihm bei feinen Schularbeiten nach, bereichere durch Belehrung und Erzählungen seine geistige Welt, muntere ihn zu rastlosem Streben auf und habe so in Frau Lieber eine mütterliche Freundin gewonnen!— Herr Lieber ist ein herrlicher Mann, bescheiden, ruhig, bedachtsam; ehemaliger höherer Post- beamte, lebt er jetzt von einem kleinen Vermögen und seiner Pension, sich nebenher mit allerlei Liebhabereien aus seiner Ju- gendzeit beschäftigend. Er treibt vor allem Geschichte, ist mit allen Vorkommnissen der Politik bekannt und bringt den öffcnt- lichen Angelegenheiten das regste Interesse entgegen.— Ich profitire� viel von seiner Unterhaltung.„Wer von der Politik sich ängstlich fern hält," so ist sein Ausspruch,„der kommt dem Menschen gleich, der von der Kritik der Religion sich abschließt. Beide sind Philister und gehören nicht in unser Jahrhundert!" —--- Ganz meine Ansicht.----- Sonntags machen wir oft zusammen einen größeren Spaziergang. Gewöhnlich vor das Thor, wo Liebers aus einer Anhöhe einen Garten be- sitzen. Dort habe ich am besten Gelegenheit, mehr und mehr die trefflichen Eigenschaften Elisabeths kennen zu lernen.--- Mein neuer Freund— der Chemiker— tadelt zwar diese häu- fige Zerstreuung, und hat im Grunde auch wohl recht, aber ist es nicht natürlich, daß ein Mensch, der endlich einen behaglichen Ort gefunden, nach des Tages Last und der Anstrengung der Studien, wo seine Seele sich erholen und erheben kann, von dieser Annehmlichkeit begierig Gebrauch macht?-- „Aber, Teufel! Ich bin tief in die Plauderei gerathen, der du immer so abhold gewesen, und ich habe nun fast keinen Raum niehr, dir besseres zu schreiben. Seit kurzem habe ich mein Augenmerk auch auf die politischen Parteien geworfen und unter diesen hat die, welche man die rebellische nennt, am meisten Reiz ans mich ausgeübt.— In den Kreisen, in welchen ich bisher verkehrte, erfteut sich dieselbe zwar keines großen Respekts, aber dies scheint mir ein neuer Beweis sür den Jndifferentismus der wohlsituirten Klassen gegen den Zeitgeist und die Bedürfnisse der Zeit. So habe ich angefangen, die Programme der politischen Parteien zu studiren, worin mir der alte Herr Lieber mehr oder weniger behilflich ist."--- Aus dem Tagebuch. Freimann wird mir von Tag zu Tag lieber. Wir saßen heut so in der Abenddämmerung beisammen. Nach einer kleinen Unterhaltung über unsere Studien war Stillschweigen eingetreten. —„Sie müssen sich aus dieser Sphäre, aus diesem Scheinleben emporraffen," hatte er gesagt,„Sie müssen eine Ihrer würdige Position einnehmen."——— Als Antwort erzählte ich ihm meine Lebensgeschichte, wies ihn auf die Schwierigkeiten, die sich Menschen wie mir entgegenstellen, die nichts weiter besitzen, als Kopf und Hand. Am Schluß fügte ich hinzu: Ich habe schon öfters Versuche gemacht, mich empor zu bringen, aber da hörte ich dann jedesmal die Frage: Wo ist der Beweis Ihrer Be- fähigung?— Welches Staatsinstitut hat Ihnen Ihre Befähigung attestirt?-- Sehen Sie, das ist das Zeichen unserer Zeit.— Sie will Dressur, konzessionirte, approbirte Dressur. Nach jedem solchen Mißerfolg vergeht mir die Lust, von neuem die Ersah- rung zu machen und so mache ich die Reise an das gesteckte Ziel, langsam, gleichsam per peckes, statt mit Benutzung eines schnellbefördcrndcn Vehikels.— Und dann die Moral?--- Man kann doch nicht glänzende Stellen würdig nennen, wenn sie gegen die Freiheit der Seele verstoßen? Solche glänzende Stellen könnte ich bekleiden, aber dazu bin ich zu wenig Lump und zu sehr skrupulös."— Freimann antwortete nicht sogleich. Nach einer Weile erst sagte er:„Sie hatten die Idee, sich auf die Journalistik zu werfen. Thun Sie dies? Senden Sie in Zeitungen vernünftige Artikel ein. Und haben Sie sich solcher Art einen Standpunkt und ein Fundament erobert, so ist Ihnen der Weg offen. Warten Sie erst, bis Sie alle philosophischen Systeme und alle Literaturgeschichten durchgeackert haben, so möchten Sie darüber das geistige Flnidum verlieren, welches Ihnen jetzt so förderlich sein kann. Sie fühlen das Rechte und das Unrechte. Geben Sie diesem Gefühle auf den verschiedensten Gebieten Ausdruck und da unserer Zeit mehr als je die Ueber- gangsstufen zwischen Recht und Unrecht unkenntlich sind, werden Sie dem Volke nutzbar sein.— Zum Gelehrten fehlt Ihnen Zeit und Geld; auf Erwerb angewiesen, balanciren Sie immer zwischen Brotstudium oder Handwerk und es könnte leicht sein, oaß Sie eines guten Tages doch die Freiheit des Handelns und des Willens zum Opfer bringen müßten. Der Weg, den ich Ihnen zeige und den Sie selbst zu gehen beabsichtigen, ist hart und dornenvoll; Enttäuschungen schwerer Art drohen Ihnen und bedrängen Sie überall; aber es muß Ihnen doch ein behagliches Gefühl sein, aus ihrem richtigen, eigenen Felde zu sein, als auf fremdem, wo sie gezwungen sind zur Frohnarbeit und zur Heuche- lei!"--- Was mir solange schon auf der Seele lag, Frei- mann hatte es mit diesen Worten getroffen. Von ihm wollte ich schon längst Rath erholen und nun hatte er �selbst ihn mir gegeben. Ich drückte ihm die Hand und sagte:„Sie sind mein wahrer Freund und mein Herz schlägt Ihnen dankbar entgegen." Da lachte er laut und rief:„Auf nach Valencia!"—_ Tann machten wir einen Feldzugsplan, besprachen die geeignetste Zei- tung und nun werde ich mich sogleich hinsetzen, das Drama in Szene zu setzen. Erster Auftritt unter 10V Grad C. Hitze!— Das wird gut werden. „Wir haben Ihren Aufsatz," schrieb mir heute die„Freie Presse",„mit Vergnügen gelesen und werden denselben mit einigen wenigen Strichen, die der Sache nur nützen und im Interesse unseres Leserkreises geboten erscheinen, zum Abdruck bringen!"* -- So ist der Anfang glücklich gemacht, die Aussichten sind günstig und ein sanfter Wind treibt mein Lcbensschiff auf das offene Meer!— Wie mich die Nachricht erfreute!— Ich bin heute lustig wie ein kleines Kind.--- Vier Wochen später. „Wie können Sie nur etwas in der„Freien Presse" drucken lassen?" rief mir diesen Morgen ein Bekannter entgegen.„Das Blatt zahlt Ihnen ja nichts, Sie schreiben umsonst und überdem sollten Sie wegen Ihres Fortkommens behutsamer und praktischer sein. Für wen schreiben Sie?" frug er verächtlich, aber ich unterbrach ihn plötzlich in seiner Rede und rief:„Für mich, für mich und für das Volk!"———„Dabei verhungern Sie," entgegnete der Mann.—„Doch nicht," gab ich zurück,„dafür habe ich zwei Hände, Muth und freudige Luft. Der Mensch, der nichts zu opfern im Stande ist, entbehrt bei mir des Nimbus von Edelmuth und Größe. Ich will mir selbst in der Tiefe der Seele genügen und da frage ich nach einigen Lumpenpfennigen nicht!"---„Würden Sie Ihre Feder aber einer anderen Zeitung leihen," er nannte mir einen Namen,„so würden Sie zu größerem und besserem Schaffen befäksigt sein; jetzt—— bah, gehen Sie, der Mensch muß praktisch sein!"——— Was der Bekannte mir sagte, hatte ich schon öfters seit dem Tage, wo mein erster Artikel erschien, hören müssen. Die meisten be- dauerten, daß ich mich mit einer Zeitung mit ausgesprochen und wahrhaft freisinniger Tendenz liirt habe und einer, der es gut 357 mit mir meinte, hatte mich an einen Herausgeber empfohlen, der den Wunsch geäußert hatte, mich kennen zu lernen. Ich fragte den alten Lieber um Rath. Auch er meinte, daß wir über kurz oder lang, wenn die freisinnigen Zeitungen fortführen, der Zeit ihren Spiegel vorzuhalten, eine gefährliche Reaktion erhalten würden, für deren Herannahen schon alle Vorzeichen vorhanden seien, daß ich vorsichtig sein sollte, und daß es wohl gut wäre, erst für ein Fundament der Existenz besorgt zu sein, als mit vollen Segeln auf gut Glück in den Sturm zu fahren— Frei- mann war aber gegentheiliger Ansicht!—„Hören Sie nicht auf die Stimmen des Kleinmuths und der Engherzigkeit!— Fest und sicher in die Zukunft geblickt, unentwegt ob der kleinen Hin- dernisse! Große Ziele nur machen den Menschen groß und es darf keinen Augenblick bei dieser Fahrt die Frage auftauchen: wie wird wohl das Ende sein?— Welche Vortheile entspringen für den Egoismus?"—— Nun schreibe ich munter fort und sehe nicht mehr nach links und rechts. Meine Ohren sind taub gegen Ermahnungen der ängstlichen Menge!—— Man hat mir ein bedeutendes Gehalt zugesagt, wenn ich in die Redaktion der„Alten Welt" eintreten wolle. Diese Zeitung vertritt einen gemäßigten Standpunkt und wird viel gelesen. Ich bat mir Bedenkzeit aus.— Die„Freie Presse", mit der ich hiervon sprach, rieth mir zuerst ab, meinte aber hernach, es dürfte für mich von fachlichem Vortheil sein, wenn ich das Anerbieten so- lange acceptirte, wie es mit meiner Ucberzeugung harmonirte.— Die Erfahrungen in der„Alten Welt", setzte sie hinzu, würden mir einen Einblick in das Getriebe der großen Zettungsmache eröffnen, und da ich doch wohl niemals ein Renegat an der Sache der Wahrheit würde, wäre mir im voraus Absolution für den Rekognoszirungsritt gewährt.„Dann ist jeder Skrupel beseitigt," rief ich. Und nun trete ich morgen meine neue Stellung an.— Auch Freund Freimann hat weiter keine Bedenken und er freut sich mit mir auf die Erfahrungen, die mir bevorstehen. (Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Wudokpk von ZL. (Fortsetzung.) An einem warmen, ftühlingsschönen Märznachmrttage hatte Wanda Alster Besuch. Ihre Freundin Hildegard Schneemann, ein semmelblondes Mädchen mit leidlich hübschem Gesicht und einer schon ziemlich deutlich ausgesprochenen Neigung zur Korpu- lenz, welche ihr wohl als väterliches Erbtheil mit auf den Lebens- weg gegeben worden, war gekommen und hatte, wie immer, ein schier unerschöpfliches Füllhorn von Anftagen, Erkundigungen und Neuigkeiten mitgebracht. Mit der Frage:„Sage mir um alles in der Welt, einzig geliebte Wanda, ist es denn wahr, ist es möglich, daß dein Papa mit meinem Papa böse ist? Nein, es kann ja garnicht sein; und wenn es wäre, dann müßten wir die beiden Brummbäre— ach, mein Gott, geliebte Wanda, es hört uns doch niemand und du nimmst es mir doch auch nicht übel— ich redete eigentlich nur von meinem Papa, und das ist ein Brummbär, wie er im Buche steht— so müßten wir,— ja, was wollt' ich doch gleich sagen,— ja richtig! so müßten wir Mädchen also die Genien sein, welche die beiden alten Herren wieder mit einander aussöhnen. Nicht wahr, das wollen wir?" Und mit dieser vielversprechenden Einleitung der Konversation fiel die gute Hildegard Wanda um den Hals und benetzte mit einer Thräne der Rührung der Freundin Sttrn. Wanda wußte kein Sterbenswörtchen von einer Uneinigkeit der beiderseitigen Väter. Auf ihre Gegenftage, von wem denn Hildegard so etwas gehört habe, wabd ihr keine direkte Antwort. Dafür bekam sie weitere Neuigkeiten zu hören. „Ja, denke dir, einzig geliebte Wanda, wegen der Leute im Gebirge, du weißt schon die, die in diesem Winter so furchtbar gehungert haben und denen wir, du und ich hauptsächlich, Hülfe verschafft haben,— ach, das war zu schön, und ich werde mich noch auf meinem Sterbebette darüber ärgern, daß ich nicht, wie du, da oben große Weihnachtsfeierlichkeiten arrangiren durfte; meine Mama sagte aber, da oben könne man sich nur einen fürchterlichen Schnupfen holen, und das seien die armen Leute garnicht werth,— ja, denke dir, meine Mama ist immer so komisch in ihren Urtheilen, aber wenn es auch manchmal ein bischen schroff klingt, was sie sagt, schließlich hat sie doch immer recht, meine Mama,— das sagt der Papa auch immer, wenn er sich auch schmählich darüber ärgert,— und diesmal— nein, Wanda, das hättest du gewiß nicht gedacht, meine kleine, süße Wanda, diesmal hat sie wieder recht gehabt." Wanda schaute die überschwenglich wortteiche Sprecherin ver- wundert an.„Daß die armen Leute im Gebirge nicht einmal einen Schnupfen Werth wären, darin hätte deine Mama recht?" ,Ach du mein lieber Himmel, Wanda, ja eben darin. Es ist schrecklich, aber die Gerechtigkeit zwingt mich, ihr recht zu geben, wenn ich auch ein ganz furchtbares Mitleid mit den Leuten gehabt hatte. Du wirst dock gewiß auch schon davon gehört haben, daß jetzt die Gebirgsleute, nachdem wir sie aus ihrer Roth errettet haben und ihnen alles Mögliche geschenkt haben, manchmal wirklich Dinge, die wir selbst noch sehr gut hätten brauchen können, wie ich z. B. meinen schönen, neuen Regenschirm, der mir blos deswegen nicht gefiel, weil er kein blauseidenes Futter hatte, wie dein himmlischer Schirm, meine herzallerliebste Wanda,— nun thut's mir aber beinahe leid um den schönen Schirm, denn das ist doch unerhört, daß diese Leute nun gar noch verlangen, wir sollten ihnen auch noch Arbeit geben, für den ganzen Sommer und Herbst womöglich,— es ist zu stark, wirklich zu stark." „O, davon habe ich auch gehört," erwiderte Wanda.„Und ich finde es garnicht zu stark, was die armen, unglücklichen Leute da oben verlangen. Was nützt ihnen das Wenige, was wir ihnen geschenkt haben? Ich habe den Rechenschaftsbericht des Hülfscomites gesehen, Hildegard,— weißt du, was ich da ge- funden habe? 180000 Mark sind zusammen gekommen—" „Nun, das ist doch gewiß kolossal viel," unterbrach sie Hildegard. „180000 Mark und über 40000 Nothleidende wenigstens. Weißt du, was das macht an Unterstützung für jeden einzelnen? Die doch gewiß beschämend geringe Summe von 4'/, Mark, oder auf jeden Monat des Nothstandes gerechnet, wenig mehr als eine Mark." Hildegard Schneemann machte ein verdutztes Gesicht. „Aber an Kleidungsstücken und Nahrungsmitteln und den andern vielen Geschenken zu Weihnachten ist doch auch so kolossal viel geopfert worden," warf sie ein wenig kleinlaut ein. „Was außer Geld an geldwerthen Gegenständen, wie der Rechenschaftsbericht angab, zusammengesteuert worden ist, hatte im ganzen noch nicht 100000 Mark Werth," erwiderte Wanda. „Aber wenn es auch viel, viel mehr wäre, so bliebe es doch sehr erklärlich und sehr gerechtfertigt, denke ich, daß diese armen Leute nun Arbeit verlangen, damit sie nicht wieder in Roth komme» und der öffentlichen Mildthätigkeit preisgegeben sind. Und Arbeit wird im Gebirge während der nächsten zwei Jahre sehr viel zu vergeben sein,— warum will man die nun andern geben? Das sollten die Herren doch gewiß nicht thun." Hildegard Schneemann hatte sich inzwischen wieder gefaßt. Sie sah ordentlich gelehrt aus, als sie erwiderte: „Nimm's mir nicht übel, beste Wanda, aber so etwas versteht ein junges Mädchen nicht, wenn es nicht etwa, wie ich z. B., stets von den Geschäftsangelegenheiten erzählen hört. Der ,unge Architekt, weißt du, der mit dem herrlichen schwarzen Schnurr- hart und dem neuen blauen Zwicker, der ihm so ungeheuer pikant läßt,— du kennst ihn ja, Wanda— er arbeitet in Papa's Bureau und ist so gewissermaßen Papa's rechte Hand,— der erzählt mir alles, was bei unsrer Bahn vorgeht. Ich habe mich ja auch, du weißt's am besten, für die Leute interessirt, aber es ist wirklich zu anspruchsvolles Volk. Denke dir nur, für den Lohn, für welchen die Italiener, die Oberschlesier und viele andere herzlich gern Tag und Nacht arbeiten, mag kein Mensch im Ge- birge auch nur einen Tag lang etwas thun. Ist das nicht un- erhört! Aber das ist noch lange nicht genug. Jetzt, da sie gehört haben im Gebirge, daß ftemde Arbeiter angenommen 358 werden, haben sie gedroht, sie würden die Fremden mit Gewalt vertreiben,— mit Gewalt— denke dir, mit Gewalt. Nun sage selbst, Wanda, darf so etwas gelitten werden? Dürfen sich die Herren, welche die Arbeit zu vergeben haben, von solcheni Volke für alle Wohlthaten noch tyrannisiren lassen? Nein, Wanda. das wirst du einsehen, das geht nun und nimmermehr." Wanda erregte die Wendung, welche das Gespräch genommen hatte, auf das tieffte. Sie nahm in fast leidenschaftlicher Weise die Partei der Leute im Gebirge. Daß sie ernstlich mit gewalt- samer Vertreibung der Fremden gedroht hätten, wollte sie durch- aus nicht glauben. Sie hätte die Armen kennen gelernt und wisse, daß sie friedfertig seien und gut. Und wenn einer oder der andere, vielleicht ein armer Familienvater mit acht oder zehn Kindern, wie es da oben viele gäbe, aus Angst, daß er wieder der kaum überstandenen schrecklichen Roth anheimfalle im nächsten Winter, wenn es ihm nicht gelingen sollte, gute Arbeit zu be- kommen, bei der er sich einen Nothpfennig zurücklegen könnte, auch wirklich von Vertreibung der Eindringlinge und von Gewalt gesprochen haben sollte, so dürfe man das nicht ernst nehmen und solch' ein Wort der Verzweiflung nicht zum Verbrechen stempeln. Hunger thut weh, und weher noch thut es jedem nicht ganz rohen Menschen, wenn er nicht hindern kann, daß Weib und Kind hungern und vor den Augen dessen, der die Pflicht ihrer Ernäh- rung hat, hinwelken und verkommen, so schloß Wanda ihre ziem- lich lange und heftig hervorgestoßene Rede, bei der ihr Antlitz glühend roth geworden und Thränen in ihre Augen getreten waren. Hildegard Schneemann gefiel sich in der Rolle überlegener Weisheit. Sie zuckte die vollen Schultern und sagte:„Ich be- greife nicht, warum du dich so echauffirst, liebstes Kind. Bei solchen Sachen kommen doch hauptsächlich noch höhere Interessen ins Spiel, die dir allerdings fern liegen. Wir wollen uns über so etwas auch nicht entzweien. Aber sage mir, was meinst du zu diesem Schweder, der doch eigentlich, wie mein Papa sagt, die ganze Suppe eingebrockt hat. Du mußt nämlich wissen, mein Papa ist garnicht mehr so entzückt von diesem Schweder, wie früher; ich glaube, der lustige alte Herr, du weißt, der Justizrath Wichtel, der immer so spaßhafte Geschichten erzählt und über- Haupt noch so lebenslustig ist, wie ein junger Herr— denke dir, neulich hat er mir gesagt, ich wäre das schönste Mädchen unter der Sonne und ich müßte ihm durchaus einen Kuß geben,— du glaubst natürlich nicht, daß ich's gethan habe, blos die Stirn habe ich ihm gereicht, wie meinem Papa, wenn er zärtlich ist, was nur alle Jubeljahre einmal vorkommt;— also dieser liebens- würdige, furchtbar komische Justizrath— was wollt' ich dir doch gleich erzählen?— ganz recht— der hat meinem Papa über den Herrn Schweder reinen Wein eingeschenkt; und ich versichere dich, das ist ein ganz abscheulicher Mensch, dieser Herr Schweder." Wanda war des Geschwätzes herzlich müde. Hildegard kam ihr heute beinahe albern und unausstehlich vor und hätte schwer- lich noch andere, als ausweichende Anstandsantworten erhalten, wenn sie nicht jetzt gar einen Mann aus dem Bekanntenkreise ihres Vaters, welchen hochzuschätzen sie auch alle Ursache zu haben glaubte, angegriffen hätte. „Herr Schweder ist heut noch ein Freund meines Papas, Hildegard," sagte sie daher nachdrücklich und mit einem Anfluge von Entrüstung. „Ja, er kommt in euer Haus und in neuester Zeit sehr oft, das weiß ich eben und deswegen halte ich es für meine Pflicht als Freundin, dich vor ihm zu warnen. Bei deinem Papa hat er sich gradeso einzuschmeicheln verstanden, als bei meinem." Wanda machte eine Bewegung der Ungeduld: „Nun, du magst denken, was du willst," fuhr die redselige Freundin fort;„das eine kann ich dir als vollkommen verbürgt mittheilen— dieser Schweder steht in einem Verhältniß— in einem Liebesverhältniß zu einer verheiratheten Schauspielerin— sage mir, gibt es etwas Unanständigeres auf der ganzen Welt?" Wanda war ans Fenster getreten und drückte das vor Er- regung und Indignation glühende Gesicht gegen die Scheiben. Sie wollte gegen die Fortsetzung der Mittheilungen Hildegards protestiren, aber diese ließ sie garnicht zu Worte konimen. „Mit einer verheiratheten Schauspielerin, sage ich dir. Und wenn das noch ein Geheimniß wäre, da könnte man schließlich wenig dagegen einwenden; es kommt bei allem in der Welt, wie unser Architekt, der Herr von Sommer, sagt, er ist nämlich auch adlig und Reservelieutenant,— die Uniform steht ihm reizend—, es komint hauptsächlich darauf an, daß man die Dehors bewahrt. Aber diese abscheuliche Geschichte zwischen dem Herrn Schweder und der Frau Bergmann-Stein kommt zum öffentlichen Skandal; denn die Frau will sich von ihrem Manne scheiden lassen, um den Schweder zu heirathen. Aber diese skandalöse Geschichte ist nicht die einzige, die jetzt in der Gesellschaft die Runde zu machen beginnt, ich erfahre so etwas natürlich immer viel eher, als die ineisten anderen Leute, weißt du, weil ich so furchtbar viele Ver- bindungen habe; und da habe ich auch gehört, daß dieser ab- scheuliche Mensch in dem dringenden Verdachte steht, mit noch einer andern verheiratheten Frau gleichzeitig eine Liaison gehabt zu haben oder gar noch zu haben, und dann soll er außerdem noch eine ganze Masse armer, unschuldiger Mädchen unglücklich gemacht haben— dieser verbrecherische Mensch, und wenn du willst, Wanda, könnte ich dir Dinge erzählen— Dinge, sage ich dir--" Wanda machte eine heftige, abwehrende Bewegung, und die liebenswürdige Freundin würde eine Antwort gehört haben, wie sie ihr gewiß nicht lieb gewesen wäre, wenn sich nicht plötzlich die Thür geöffnet hätte und die Frau Doktor Winter in Beglei- tung eines Herrn auf der Schwelle erschienen wäre. (Fortsetzung folgt.) Die Republiken Südamcrika's in ihrer Vergangenheit «ud Gegenwart. Historische Skizze von Dr. Max Vogler. (FortpKung.) Um dieselbe Zeit wie Peru wurde Venezuela entdeckt, nach welchem im Auftrage der reichen augsburger Patrizierfamilie Welser im Jahre 1528 Ambrosius Alfinger und Georg Ehinger aus Ulm drei Schiffe ausrüsteten. Dieselben wußten zwar nach mancherlei Widerwärtigkeiten im Lande festen Fuß zu fassen, und einer der Welser'schen Hauptleute, Nikolaus Federmann, drang tiefer in das Innere vor, während Alfingcr Neu-Gra»ada entdeckte und hier Maracaibo gründete; sechs Stunden vom heutigen Santa Fe de Bogota trafen jedoch die Deutschen mit den mißgünstigen Spaniern zusammen, welche sich auf Queseda's Be- fehl von letztgenanntem Orte und auf das Geheiß Pizarro's von Quito aus aus neue Entdeckungszügc begeben hatten. Es entstand von da ab zwischen den Welser'schen Leuten und den spanischen Abenteurern ein immer erbitterter werdender Streit, infolge dessen die nach Federmanns Heimkehr und Alfingers Tode von Johann Alemann, Georg Hohermuth aus Speier und Philipp von Hutten errungenen Ländergebiete den deutschen Unternehmern bald wieder verloren gingen. Die Spanier gelangten dagegen in den Besitz fast des ganzen amerikanischen Südens, denn schon vor der im Jahre 1535 erfolgten Ermordung Pizarro's war Almagro nach Chile aufgebrochen und durchstreifte es bis zu seinen unwirthlichcn südlichen Regionen. Dazu die bereits vorher, sowie in der Folge noch eroberten Landestheile gerechnet, befand sich Spanien im Besitz des größten Theils von Amerika überhaupt, und noch zu An- � fang des 19. Jahrhunderts besaß es dort ein Gebiet von etwa 250 OOv Quadratmeilen mit ungefähr 17 mill. Einwohnern. Schon zu Ende des 18. Jahrhunderts hatten das Beispiel der englischen Kolonien in Nordamerika, der Umsturz des alten Thrones im Mutterlande Spanien, die infolge der französischen Revolution und ihrer Nachwirkungen herbeigeführte Ungewißheit der spanischen und europäischen Zustände überhaupt, vor allem aber die schlechte und sich immer mehr verschlechternde Regierung einzelne Erhebungen und Aus- stände hervorgerufen, die sich während des ersten Viertels des IS. Jahr- Hunderts immer energievoller fortsetzten und schließlich eine vollständige Umgestaltung der südamerikanischen Staatenverhältnisse zur Folge hatten. Der Mann, welchem der größte Theil Südamcrika's seine Befrei- ung zu danken hat, ist Simon Bolivar, dem man den Ehrentitel „cl Libertador", das heißt„der Befreier", beilegte und dessen Name als der eines Washington des romanischen Amerika(letztere Bezeichnung im Gegensatz zu dem germanischen Norden) heute nicht blos in dem Namen des Freistaats Bolivia, sondern auch in dem der Hauptstadt der Provinz Chimborazo in der Republik Ecuador und in dem eines aus den Provinzen Cartagena, Mampar und Sabanella bestehenden Staates der Republik Neu-Granada fortlebt; jene Stadt(auch Bio- bamba genannt) sowohl wie dieser Staat sind Bolivar geheißen. Dieser südamerikanische Befreier ward zu Caracas in Venezuela am 25. Juli des Jahres 1783 geboren. Er studirte in Madrid die Rechte, besuchte die Normalschule und die polytechnische zu Paris und erweiterte seine Bildung durch mancherlei Reisen, die er in Frankreich, Italien, der Schweiz und in Deutschland unternahm. Nach seiner Ver- heirathung mit der Tochter des Marquis von Ustariz(1803) in Madrid nach seiner Heimath zurückgekehrt, verlor er seine Gattin sehr bald als ein Opfer des gelben Fiebers, worauf er wieder nach der französischen Hauptstadt ging(1804) und sich dort bis 1809 aufhielt. In dem zu- letzt genannten Jahre begab er sich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und kehrte dann mit der Absicht, sein Vaterland vom spa- nischen Joche zu befreien, abermals nach Venezuela zurück. Hier schloß er sich den Patrioten an, holte nach Ausbruch des Aufstandes in Ca- racas(19. April 1810) Waffen aus London und kämpfte feit dem September 1811 als Oberstlieutenant unter Miranda, bis er infolge der Unterwerfung Venezuelas durch die Spanier sich zur Flucht nach der Insel Curaczao gezwungen sah. Aber bereits im September 1312 betheiligte er sich als Genosse der Insurgenten von Neu-Granada von neuem an dem Kampfe gegen die Spanier und ward der Hauptführer in demselben. Hatte man ihm schon nach der am 4. August 1813 unter seinem Befehle erfolgten Einnahme von Caracas jenen Ehrentitel „der Befreier" beigelegt, so wurde er durch eine von ihm einberufene Generalversammlung am 2. Januar 1814 mit der gesammten Civil- und Militärgewalt betraut. Eine durch den Feind am 11. Juni des genannten Jahres bei La Puerta erlittene Niederlage gab ihm Ver- anlassung, sich nach Cumana zu wenden, wo ihm der Kongreß Neu- Granada's den Oberbefehl übertrug. Darauf ergriff er von Bogota Besitz und befreite die Provinz Cundinamarca, mußte sich aber, nach- dem im März von 1815 der spanische General Morillo mit 10 000 Mann Kerntruppen aus dem Mutterlande eingetroffen war, am 10. Mai nach Jamaica einschiffen. Hier befand er sich durch einen gegen ihn gedungenen Meuchelmörder in Gefahr, der indeß statt seiner einen an- deren erdolchte. Nachdem er sich dann nach Haiti begeben, bildete er aus dortigen Patrioten, welche den Henkern Morillo's entgangen waren, wieder eine kleine Streitmacht und landete wit dieser im Dezember von 1816 auf der Insel Margarita, deren sich der tapfere Guerilla- sührer Arismendi durch einen Handstreich vorher bemächtigt hatte. Von hier aus verkündete er die Abschaffung der Sklaverei, indem er gleichzeitig mit der Freilassung seiner eigenen Sklaven den Anfang machte. Im Jahre 1816 hatte sich auch Buenos-Ayres unabhängig erklärt, welchem 1818 Chile mit der Erkämpfung und Proklamation seiner Selbstständigkeit folgte.(Fortsetzung folgt.) Die Dobschauer Eishöhle.(Bild Seite 352.) Es gibt kein zweites Land in Europa, das den Kulturcentrcn des 19. Jahrhunderts so nahe liegt wie Ungarn und wo so viel Schönheit, ungekannt und ungenannt, an entlegenen Orten ein unberühmtes Dasein sristet. Wir besitzen ausführliche Beschreibungen des Altaigebirges in Asien von dem Geologen Evita, bis ins einzelne gehende Schilderungen der Cordillercn Amerikas von A. v. Humboldt, Generalstabskarten des Balkan und eine Anzahl guter und schlechter Werke über die Pyrenäen, Alpen und Apennincn; unsere passionirten Jäger und Fischer sröhnen ihrer Leiden- schast in Schottland und Norwegen, aber in die Karpathen, welche Galizien von Ungarn trennen, verlauft sich selten ein Tourist. Unser Bild gibt nun die Veranlassung, von einem neucntdeckten Naturwunder zu erzählen. Ein solches Phänomen ist die Eishöhle bei Dobschau, einer kleinen Gebirgsstadt im Gömörer Komitat(nördliches Ungarn), die sich hauptsächlich von dem reichen Erttag ihrer Kobalt- und Nickel- gruben ernährt. Höchst romantisch im gesegneten Gömörthal gelegen, bietet Dobschau einen passenden Ausgangspunkt zu den herrlichsten Bergpartien. Auch der Weg nach der Eishöhle im obern Göllnitzthal ist reich an prächtigen Naturszenericn. Die Höhle selbst wurde am 18. Juli 1870 entdeckt. Seit langer Zeit war den Holzknechten und Jägern eine 965 Meter über dem Meeresspiegel liegende, unter herab- hängenden Fichtcnzweigen halb versteckte Stelle bekannt, wo, unabhängig von Hitze und Kälte, große Eisstücke zu Tage lagen, obgleich ringsum nirgends eine Spur gleicher Bildung zu entdecken war. Inmitten der Eisstücke befand sich ein Loch, das zur Tiefe führte. Ein Ingenieur Rusfinyi, der mit zwei Gefährten zufällig an dieser Stelle rastete, scuerte sein Gewehr in die Oeffnung ab; es antwortete ein langverhallendes Echo, woraus zu schließen war, daß der Spalt tief in die Erde hinein- dringen mußte. Wenige Tage daraus ließ sich Rusfinyi unter Beihülfe mehrerer Bergleute in die Höhle hinab, nahm Bcleuchtungsmaterial mit hinunter und entdeckte so die wunderbarste Eishöhle, die es wohl auf der Erde gibt. Am Eingang starrt uns ein schwarzer Schlund entgegen, ziemlich steil führt uns ein schmaler Pfad hinab, kalte Luft weht uns an, die Seitenwände glitzern wie kandirt, der Sand unter unser» Füßen knistert, ein Beweis, daß er gefroren ist. Der schmale Gang ist durch eine Lampe matt erleuchtet, wir schreiten unsicher und nach allen Seiten tastend weiter, jetzt fühlen wir, daß wir aus einer Bretterunlerlage gehen, noch ist es düsteb, noch sehen wir nichts— da, wir bleiben staunend, keines Wortes fähig, stehen— ein ungeahntes Bild entfaltet sich vor unseren Blicken, ein lichtes Zaubermärchen steht vor uns, ein Saal von Milliarden phantastisch funkelnder Eiskrystalle in noch nie gesehener Bildung nimmt uns auf. Der Boden spiegel- blankes Eis, die hochgewölbte Decke ein Meer von cisgesormten Zacken, die Wände wie blankpolirter Stahl, die Säulen, die das Ganze zu tragen scheinen, hellfunkelnd wie aus durchscheinendem Demantstein geformt. Das Fackellicht im tausendfachen Widerschein erhöht den wunderherrlichen Anblick. Ein Wassersall stürzt dort herab, starr, stumm steht er da; sein Schweigen kündet uns, daß er gefroren ist. Ein Borhang hängt hier hernieder, zart, sein gewebt wie aus braban- ter Spitzen, jetzt roscnfarbig angehaucht von der bengalischen Flamme, die unser Führer hinter uns eben entzündet. Edclgeformte Säulen streben hoch empor, und Laubgcwinde mit Blumen, mit Früchten unter- mischt, umschlingen sie so leicht, so voll Grazie, als hätten zarte Mädchen- Hände sie umkränzt. Jetzt wollen wir den Wolkenwagen der Frau Phantasie verlassen und zur Wirklichkeit zurückkehren, die uns mit trock- neu, nackten Zahlen traktirt. Der Saal ist etwa 10 Meter hoch, 120 Meter lang, 36 Meter breit und besitzt einen Flächenraum von 4644 Quadratmetern. Wie ist die Wunderhöhle entstanden? Betrachten wir zunächst die Temperaturverhältnissc. Die Lufttemperatur ist in den einzelnen Theilen der Höhle verschieden, in den Korridoren durch- schnittlich— 3 Grad Celsius, im Saal 0 Grad Celsius. Die Höhlen- lust steht mit der Außenluft in genauer Beziehung, die äußere Jahres- Mitteltemperatur ist-f- 3,58 Celsius, die der Höhle— 0,58 Celsius; im Sommer ist es drinnen meist wärmer als im Winter, die höchste Temperatur im Jahre 1875 bei 23 Grad Celsius äußerer Lust im Höhlensaal-s- 5 Grad Celsius. Die Eisbildung in der Höhle wechselt: im Winter nimmt sie zu, im Sommer ab, jedoch nur wenig, weil die .Höhlentemperatur immer sehr gering ist, sodaß das Eis, welches sich in der kalten Jahreszeit bildet, in der warmen Jahreszeit bleibt oder nur wenig abnimmt. Diese ganze Erscheinung ist durch die Lage und die eigenthllmlichen Verhältnisse der Höhle zu erklären; dieselbe liegt, wie schon eingangs erwähnt, 965 Meter über dem Meeresspiegel, der nach Norden gekehrte Eingang ist überdies durch überhängende Zweige und Felswände stets beschattet; Sonne und warme Luft können also nur wenig einwirken. Der Eingang ist klein, die Höhle senkt sich nach Süden, wo der durch Eis, Steine und Moos fast ganz geschlossene spaltenartige Ausgang sich befindet, der im Winter zufriert. Die kalte, schwere Luft, welche im Winter eintritt, kühlt die Wände ab, kann süd- lich, also nach dem Ausgang der Höhle, nur schwer entweichen; ebenso wenig vermag sie als schwererer Körper nach oben auszuströmen; sie bleibt also, kühlt die Wände ab und bewirkt immer neue Eisbildungen. Im Sommer 1879 zählte, vom Jahre 1871 an gerechnet, das Fremden- buch der Höhle etwa 7000 Besucher, darunter nur wenig Deutsche und sonderbarerweise leinen einzigen Engländer, ein Beweis, daß die„Times" das vereiste Zauberschloß noch nicht unter ihre Protettionsftttige genommen hat. Mögen diese Zeilen den einen oder den andern veran- lassen, seine Schritte nach der Wunderhöhle zu lenken. Der herrliche Tannenwald, durch Menschenhand in einen prächtigen Park umgewan- delt und ein guter Gasthof bilden ein freundliches Gegenstück zu dem schauerlich schönen Abgrund mit seinen bläulich ynd grünlich schillern- den Eisgebildcn. Die Kaschau-Oderberger Eisenbahn vermittelt den Verkehr durch das Gömörer Komitat und dürfte dazu berufen sein, die Naturfreunde mit dem Aschenbrödel unter den europäischen Schön- heilen bekannt zu machen. A. Modethorheiten vergangener Jahrhunderte. III.(Siehe die Illustrationen auf S. 353.) Eine vorwiegend deutsche Mode war die Schellentracht. Ihre Geschichte soll bis zu den jüdischen Hohenpriestern zurückreichen, welche Schellen an den Säumen ihrer Ämtsgewändcr trugen. In derselben Weise trugen sie auch die Anführer der ungari- schen Reiterschaaren, welche im 10. Jahrhundert in der Schlacht bei Augsburg gefangen wurden. In England und Frankreich tauchte diese Mode im 14. Jahrhundert auf, fand aber wenig Anklang. In Deutsch- land erzählen die Schriftsteller schon in früher Zeit von vereinzelten Fällen, wo sich Stutzer ihre Gewänder mit diesem Geklingel verzieren; 1343 verordnet die nürnberger Behörde:„Kein Mann noch Frau soll keinerlei Glocken, Schellen, noch keinerlei von Silber gemacht hangend Ding an einer Kette noch an Gürteln tragen." Zu Ende dieses Jahrhun- derts wird jedoch diese Tracht bei den Grasen, Fürsten, kurz beim Adel nebst Zubehör allgemein Mode, bis sie zu Anfang des 15. Jahrh. auch in weitere Kreise dringt. Nach der Göttinger Chronik gab 1370 und 1376 der Herzog Otto zu Göttingen große Feste, wobei die Ritter, Frauen und Jungfrauen mit großer Pracht in Purpurkleidcrn und „mit klingenden, silbernen und güldenen Gürteln, mit langen Röcken und Kleidern, die gingen alle schurr, schurr und kling, kling", erschienen. Nach einer alten Chronik war„Anno 1400 bis man schrieb 1430 so ein großer Ueberfluß an prächtigem Gewand und Kleidungen der Für- stcn, Grafen und Herren, Ritter und Knechte, auch der Weiber, als vor- dem niemals ist gehört worden; da trug man Ketten von 4 oder 6 Mark, sammt köstlichen Halsbändern, großen silbernen Gürteln und mancherlei Spangen, auch silberne Fassungen oder Bänder mit großen Glocken von 10, 12, 15 und bisweilen von 20 Mark." Das Gefolge des Her- zogs Friedrich von Sachsen: Knappen, Ritter und Barone, ging 1417 bei seinem feierlichen Einzüge in Konstanz mit glockenbehängten Gür- teln einher.— Die Form der Schellen war verschieden, bald ei- oder birnenförmig, bald schneckenhausartig gewunden; vielfach verwandte man man auch größere oder kleinere offene Glocken. Getragen wurden sie am Gürtel, um den Hals oder an einem langen, schärpenähnlichen Gurt, welcher über die rechte oder die linke Schulter den Körper bis zu den Kniecn umzog. Wie oben bereits angeführt, wurden auch die Kleider damit umsäumt, manche trieben ihre Liebhaberei sogar so weit, sie an den Spitzen der langen Schnabelschuhe zu befestigen und sich sonst in nichts weniger als maßvoller Weise damit zu behängen. Wie man über diese drollige Tracht ftühcr dachte, sagt recht deutlich eine Stelle aus der Chronik der Gesellschaft Limburg:„Anno 1466 kaufte 360 Job Rhorbach von Engefroschm ein Hornfessel pro 145 fl.— ist ein Borten, ein Handbreit von Sammet oder Guldenstück gemacht, auf einer Achsel hinten und vornen unter dem andern Arm zugeschleift worden. Dieses ist mit schönen Perlen oder blümichten Fliedern und voller Silber, auch vergulter Schellelein voll gehenkt gewesen, wobei man von weitem ihre Zukunft hat hören können. Es hat solche Zierd herrlich und ansehnlich gestanden, wie auch ein Sprüchwort davon ent- standen: Wo die Herren sei», da klingeln die Schellen. Und sind die Schellen vor alter Zeit eine besondere Zierd vornehmlicher, stattlicher Leut und Personen gewesen, wie aus dem Hohenpriester des jüdischen Volks Rock zu erkennen, aber als solche Pracht und Tracht in ein Mißbrauch gerathen, also daß solche Herren ihre Schellen den kurzweiligen und Schalksnarren allem gelassen und zur stumme» Zierde gegriffen." Nach der Mitte des 15. Jahrhunderts verschwindet die Schelle allmäh- lich und wird wenigstens nur bei bestimmten Festlichkeiten angelegt oder spielt im Kinderleben als Zeichen fröhlicher Lustbarkeit eine Rolle, bis sie sich schließlich nur auf die Narren und Schlittenpserde be- schränkt, die, wie allgemein bekannt, sich dieses Schmuckes auch heute noch bedienen. Die Pferde hatte man übrigens, noch bevor sie die menschliche Kleidung zierte, damit geschmückt. Recht sinnreich ist eine Bemerkung I. Falke's in seiner„Trachten- und Modenwelt":„Es ist höchst bemerkenswerth, daß die Schelle als Narrenzeichen fast gerade so früh vorkommt, wie als Auszeichnung der höchsten Stände. Es ist als ob den Leuten die eigne Thorheit ins Bewußtsein gekommen wäre." So hatte der Gras Adolf zu Cleve schon 1381, wo diese Tracht noch nicht in Blüthe stand, bereits die Geckengesellschaft gegründet. Bei den feierlichen Zusammenkünften mußte jedes Mitglied mit einer Gugel(Kopsbedeckung) von gelber und rother Farbe erscheinen, an welcher, wie auch am Aermel, viele Schellen hingen, und mußte außer- dem auf dem Ordenskleide einen von Silber gestickten Narren mit Schellen tragen. Schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist die Schelle bei den Narrenfesten ein nothwendiges Stück. Um das Bild der damaligen Zeit zu vervollständigen, sei nur noch angeführt, daß die Mitglieder der Gesellschaft Narrenmutter zu Dijon Mühen von grüner, rother und gelber Farbe trugen, die zwei Spitzen oder Esels- ohren hatten, an deren jeder eine Schelle hing. Uns däucht, das sei verständlich!— Daß sich Narrheiten nicht durch polizeiliche Maßregeln verhüten und ausrotten lassen, zeigt eine andere, der Schellentracht an Abgeschmacktheit nichts nachgebende Modegattung: die Schnabel- schuhe. Sie erregten in England schon im 11. und 12. Jahrhundert Aufsehen und müssen in Frankreich um dieselbe Zeit soviel Aergerniß gegeben haben, daß sich die Geistlichkeit bemüßigt sah, gegen sie als eine Ketzerei zu eifern. Wie es scheint, waren aber die frommen Herren persönlich dieser„Ketzerei" nicht sonderlich gram. Denn sowohl auf dem Konzil zu Paris(1212) als auch aus dem zu Angers(1365) wurde sie den Geistlichen verboten, was wohl nicht ohne Grund geschehen sein dürfte. Allgemein wurde diese Tracht in Frankreich aber doch erst zu Ende des 13. und zu Anfang des 14. Jahrhunderts Mode. Ter Unterschied in »er Länge der Schnäbel diente dazu, um die Rangverschiedcnheit der Stände auszudrücken. Während sich die gewöhnlichen Leute mit einer Spitze von der Länge eines halben Fußes begnügen mußten, trugen sie die Reichen einen ganzen und die Damen und Adligen sogar zwei Fuß lang. Sie waren ausgestopft oder mit Sohlen unterlegt, sodaß sie gleich zwei Hörnern krumm gebogen nach oben standen. Gegen das Tragen der Hörner ließe sich ivohl am Ende auch heute noch bei manchem Menschengebild nichts einwenden, nur fordert eine Zeit wie die damalige mit Recht unser Mitleid heraus, wenn sie diese Dekora- tion an der ganz unrechten Stelle anbringt.— Hatte man in Frank- reich gegen diese Mode vergebens angekämpft— Karl IV. verbot 1412 den Schuhmacbern das Verfertigen der Schnabelschuhe und den Krä- mern das Verkaufen derselben— so in Deutschland erst recht. Hier konnte nicht einmal die Strafe des Himmels etwas dagegen ausrichten, wie die Böhmische Chronik erzählt, lieber dem Städtchen Trebnitz und dem Schlosse Koschtialow lag nämlich 1372 ein Gewitter, der Blitz schlug in das Schloß ein und dem Burggrasen Albrecht von Slawietin und seinem Weibe die Spitzen von den Schuhen hinweg, ohne den Füßen zu schaden.„Solches war desselben Tages an anderen Orten mehr geschehen, nichtsdestoweniger ward aber die verdrießliche Hoffart nicht abgelegt, sondern ein jeglicher trug sein Haupt empor und thät in seinem kurzen Röcklein und langspitzigen Schuhen als wie ein Storch einhertreten." Nachdem die Verordnungen der Behörden gegen diese Liebhaberei in den höheren Ständen vergeblich angekämpft, verbieten sie dieselbe schließlich nur den niederen Klassen, mit einzelnen Aus- nahmen, wie die regensburger Behörde, welche 1485 den zureisenden Handwerksburschcn gestattet', ein Paar mitgebrachter Schnabelschuhe erst aufzutragen, aber auch zugleich verbietet, sich neue zu machen. Umsomehr machten aber die Adligen und die Fürsten davon Gebrauch, selbst die große Unbequemlichkeit des Gehens hinderte nichts daran. Bei übermäßiger Länge trug man sie auch an kleinen Kettchen, die am Knie oder am Gürtel befestigt waren. In Nolhfällen, z. B. in der Schlacht beim Kämpfen zu Fuß hieben die Ritter sie ab. So soll man mit den vor der Schlacht von Sempach(1386) von den österreichischen Rittern abgehauenen Schnäbeln haben einen Wagen füllen können. Als in demselben Jahre die Belagerer von Cassel abzogen, fuhren die Hessen„etliche Wagen voll der spitzigen Schnäbel, so die Kriegsleute des Sturmes halber abgeschnitten hatten" in die Stadt.— Theils um dieser drolligen Fußbekleidung einen sichern Halt zu geben, theils auch der Witterung und des Bodens wegen— denn die Schuhe waren nicht immer von Leder— trug man aus Holz gefertigte Untcrschuhe, welche mit Riemen an den Füßen befestigt wurden. Zur Erhöhung der Be- quemlichkeit trugen, wie leicht erklärlich, auch diese nichts bei. Später verwandte man an Stelle des Holzes auch doppeltes und dreifaches Leder. Beide, Ober- und linterschuhe, waren, je nachdem man materiell dazu besähigt war, Gegenstand künstlerischer Verzierungen. Sie wurden mit Perlen besetzt oder gestickt, die Unterschuhe mit Messing beschlagen oder mit Silber und Gold in getriebener Arbeit u. dgl.— Daß dieses geschmacklose Kleidungsstück nicht nur von Gecken und Stutzern, sondern von den höchsten Herrschasten selbst bei ernsten, feierlichen Gelegenheiten getragen wurde, erfahren wir aus einer Abbildung, welche den Moment ! darstellt, in dem der Burggraf Friedrich zu Nürnberg aus dem Konzil � zu Konstanz 1417 vom Kaiser Sigismund mit der Mark Brandenburg belehnt wird. Sonst reich gekleidet, trägt der Hohenzoller so lange Schnäbel an den Schuhen, daß sie die Länge des Fußes um das Dop- pelte übertreffen. Die Unterschuhe sind aus Holz, unten mit Klötzchen und außerdem mit langen, goldnen Rittersporen versehen. Zu ver- wundern ist es daher nicht, daß die Künstler der damaligen Zeit ihren Göttern und Heiligen auch die Füße mit langen Schnäbeln versahen, wie man ihnen andererseits ja auch die Schellen anhing. Die Bcklei- dung des eignen Körpers ist nun einmal die erste und ursprünglichste Kunstäußerung, und es ist deshalb auch nur zu erklärlich�, wenn der Mensch die an sich verübten Narrheiten auch in seinen sonstigen Kunst- Äußerungen wiederholt.— Das Mißgebildc, Schnabclschuh genannt, verschwindet gegen Ende des 15. Jahrhunderls allmählich und macht seinem Extrem: den.Juhmäulern" und„Entenschnäbelu" Platz, die, was sie an Länge gegenüber dem elfteren nachgeben, nun in der Breite | gewissenhast einbringen. Wir werden sie gelegentlich noch antreffen. Auch die verschiedenen interessanten Kleidungsstücke, welche unsere Illustrationen 1 und 2 vorführen, werden demnächst besprochen werden. _ urt. Das erste stehende Heer. Der ins Unermeßliche hinauswachsende Militarismus ist keineswegs so neuen Datums, als vielfach angenommen wird. Bereits vor mehr als 2000 Jahren, nach den persischen Kriegen, besaß Athen ein großes stets schlagfertiges Heer und eine der Zahl der Schiffe nach dreimal so starke Flotte, als es die deutsche Marine ist. Um aber die große Flotte in ununterbrochener Schlagfertigkcit zu er- halten— die ca. 400 Schiffe hatten eine Bemannung von ca. 60 000 Köpfe— waren große Geldmittel nöthig und was wir jetzt erleben, daß in allen Militärstaaten die Ausgaben für das stehende Heer be- I ständig steigen, das war auch schon zu jener Zeit der Fall. Der Mili- täretat wurde jedes Jahr größer. Um das Jahr 450 v. Chr. betrug er 460 Talente(— ca. 2 Millonen Mark), 430 dagegen 640 Talente (— 3 000 000 Mark).— Athen ging schließlich durch den Militarismus . zu Grunde._-z- Eiue Luthcrbibel ganz eigener Art befindet sich in der vatikani- schen Bibliothek zu Rom. Der große Reformator hat nämlich auf das � Titelblatt des Buches aller Bücher mit eigener Hand folgenden merk- würdigen Bers niedergeschrieben: „O Gott durch deine Güte Bescheer uns Kleider und Hüte, Auch Mäntel und Röcke, Fette Kälber und Böcke, Biel Weiber, wenig Kinder: Denn kein lieber Ding auf Erden, Als Frauenlieb, wem sie mag werden." Luther hat die Bibel, deren Echtheit außer Zweifel steht, katholischen Schriftstellern zufolge dem Magister Agricola(eigentlich Schnitter, Freund Luthers) geschenkt; später kam sie an den Bischof von Augs bürg und dieser sandte sie in die päpstliche Bibliothek. Der einzige protestantische Geschichtsschreiber, der von dieser Lutherbibel Notiz nimmt, ist Christian Juncker.-z- Snhalt. Ein verlorner Mann, von Hermann Hirschfeld(Fortsetzung).— Die Berirrungen modernster Naturwissenschast, eine Wieder- geburt der Monadcnlehre Giordano Bruno's, von H. W. Fabian(Schluß).— Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes, von Dr. Eduard Reich(IV. Hautpflege).- Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).- Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Die Republiken Südamerikas in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. M. Vogler (Fortsetzung).— Die bobschauet Eishöhle(mit Illustration).— Modethorheiten vergangener Jahrhunderte(III. mit Illustrationen).— Das erste stehende Heer.— Eine Lutherbibel. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.