Jllustrirtes Unterhaltungsblatt sür das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Em verlorner Mann. Bon Hermann Kirschfttd. (Fortsetzung� Melanie war noch nicht heimgekehrt, erst am Frühstückstisch trafen wir zusammen. Sie schien mir etwas bleich und klagte über Kopfweh.— Ich sprach die Hoffnung baldiger Besserung aus, indem ich beabsichtige, mit ihr am Abend nach Rothenstein zu fahren, um einer Opernvorstellung beizuwohnen, die eine durchreisende Gesellschaft von Bedeutung dort veranstaltet. Sie gab mir Hoffnung, aber, sonst eine leidenschaftliche Freundin der Musik, vermied sie eine bestimmte Zusage. Ich ging bald in meine Zimmer zurück, ich fürchtete, mich zu verrathen.-- Was beginnen? Melanie inquiriren, ihr eine moralische Vor- lesung über eheliche Pflichten halten, eine Szene herbeiführen, die sie mir rauben könnte? Niemals; schuldig oder nicht, ich kann sie nicht missen, selbst der furchtbare Verrath, der schttnd- lichste, der je ersonnen, kühlt nicht meiner Liebe Gluth. Und dann die Welt, ihr den Triumph gönnen mit ihrem:„Wir haben's gewußt,"— nein, ich lasse sie nicht von mir, obgleich ich mich selber verachte ob meiner elenden Schwäche. Verachten? Nein,— umher schweift mein irrer Blick, er fällt auf meine Handbibliothek, in Reih' und Glied auf dem Gestell mir gegenüber geordnet, durch der Wolken bleiernes Grau dringt eben ein fahler Sonnenstrahl, er fällt auf den Titel, den eines Buches Rücken trägt:„Der Arzt seiner Ehre." Der Arzt seiner Ehre!— Kaspar Ehrenfried Waldenau, du ählst bald sechzig, kein Makel, keine strafbare That befleckt deinen "amen.— Mein Name,— auch sie trägt ihn, er ist befleckt;— der Arzt seiner Ehre.-- Warum kann ich diesen Titel nicht aus dem Gedächtniß bringen, warum reiht sich ihm jenes unseligen Briefes Schluß- wort an:„Jedes Bedenken ist überwunden"?— Und so kalt, so geschäftsmäßig,— das ist es eben, was mir jeden Zweifel nimmt, daß eine elende Mystifikation vorliegt. In diesem Fall hätte glühende Leidenschast die Feder geführt. Aber er, deffen Namen ich nicht aussprechen will, kennt ihren Charakter, und sie hat Kopfweh,— sie weicht meiner Einladung aus,— sie wird nicht nach Rothenstein in die Oper fahren.— Der Arzt seiner Ehre! Jedes Bedenken ist überwunden!--- So recht so gut, � eine würdige Vorbereitung zu dem Drama das'in dieser Nacht sich abspielen soll. Nun bin ich in der Stimmung, die mir fehlte, die ich zwingen und die nicht kommen wollte. Nun herbei, ihr höllischen Dämonen umiauchzt mich triumphirend, alles verläßt mich, woran ich glaubte, za N Undank, Verrath überall; in eure Arme werfe ich mich,— führt mich zum Ende!— Mein alter Jakob verläßt morgen mein Haus,— es ist mir recht so,— seit einiger Zeit erscheint inir sein Antlitz wie ein lebendiger Vorwurf.— Habe ich ihn gehen heißen, forderte er seinen Abschied in einer Weise, die meine Würde— Meine Würde?-- Er berichtete von neuen Missethaten, die man der Rückkehr des schwarzen Wolf zuschreibt; sie waren kaum von Bedeutung, aber erschreckten die friedgewohnte Gegend. Jakob machte sich zum Echo der öffentlichen Meinung. Man tadelte mich, daß ich dem Vagabunden Asyl gewährt, man glaubt ein Recht zu haben, mich für seine Streiche verantwortlich zu machen.— Sei es, ich wehre ihnen nicht, wer weiß, wie ihm die Menschen mitgespielt. Soll ich ihn hindern, Abrechnung zu halten, ich, der ich selber— Meine Weigerung, den Wolf aus meiner Herrschaft zu weisen, regte Jakob auf, er erlaubte sich, in einem Tone zu reden, der die stets nur dünne Schranke zwischen Herrn und Diener vollends durchbrach;— er berührte meine Ehe, meine Verwandlung, seit mich mein Unstern nach Wolfshagen geführt. Thränen standen in seinen Augen,— sie empörten mich. Morgen geht er— morgen;— ich möchte am liebsten, Bernhardt ginge auch;— von meinem Sohne höre ich nichts,— desto besser. Gut und Fabrik verkaufe ich, Wolfshagen auch, und gehe mit Melanie nach Paris,— das soll ein lustiges Dasein werden, eine lustige Ehe, die im Paradies begann und in der Hölle endet.-- Näher und näher rückt die Stunde. Zum Handeln bin ich fest entschlossen, nur über das Wie noch nicht einig. Melanie hat entschieden den Besuch der Oper abgelehnt, ihr Unwohlsein hat sich nicht vermindert, sie will auf ihrem Zimmer bleiben, ganz ruhig, für keinen sichtbar; bis morgen hofft sie besser zu sein. Bis morgen!— Wie mich ihre Milde, ihre Liebenswürdigkeit täuschen könnte, wüßte ich nicht, daß ich nichts als das lächerliche Opfer elender Komödie bin. Und doch, weh' de? Alters Schwäche,— doch ist mir's, als müsse ich unter Thränen sie an meine Brust ziehen und ihr znschreien meinen Jammer.— Nein, ich war nicht so feige. Wir trennten uns, sie bot mir die Hand, so lieblich, so warm,— sie bat mich, ohne sie nach Rothenstein zu fahren;— ich weigerte mich, unter dem Vorwand, Geschäfte von Wichtigkeit in meinem Zimmer zu er- ledigen, und selber etwas erschöpft, früh die Ruhe zu suchen. „Gute Nacht denn, mein Freund," sprach sie und ging.— �V. 1. Wu> IwjO. „Melanie!" wollte ich ihr nachschreien, aber ich that's nicht, und auflachend sagte ich:„Gute Nacht, dein Freund!"-- Nein, ich bin nicht alt; prüfet euer Blut, ihr Jünglinge der Gegenwart, ob es heißer wallt, als das meine, nur der Bedächtig- kcit Vorzug verleiht mir der Jahre Reife. Nicht lebend soll der Frevler an meines Hauses Ehre den Ort verlassen, wo er die Frucht verbotener Freuden zu ernten gedachte,— ich aber will sie pflücken;— habe ich meine Seele verkauft, will ich den Preis nicht verlieren,— keiner als Melanie soll wissen, was geschehen, auf ihr Haupt wälze ich die Schuld, und Blut soll das Band sein, mit dem ich sie an mich ketten will, wie an ihren Dämon die verdammte Seele. Alles ist bereit. Ich habe mich eingeschlossen, mein Revolver ist geladen.— Am Ausgang der Tannenallee, die er passiren will, befindet sich eine Baumgruppe, hinter ihr berge ich mich trefflich.— Ich hoffe ungesehen das Haus zu verlassen, ungesehen es wieder zu betreten. Das Wetter ist günstig. Kein Stern am Himmel, ein kalter, herbstlicher Wind pfeift durch das Laub,— wer dächte daran, den Garten zu betreten, wer, den nicht die Liebe führt oder die Rache?-- Noch eine Stunde Zeit,— ich muß mich zerstreuen, ich suche Briefe hervor aus alten Zeiten— Erinnerungen. Ein Miniaturporträt meiner ersten Gattin fällt mir in die Hand. Wie bittend schaut das liebe Antlitz mir entgegen! Du Gute, Edle, wärest du mit mir alt geworden,— Frieden athmet deine Nähe, mir ist, als weilest du bei mir im Geist;— ich will keinen Frieden,— die Hand, die deine milden Züge hält, ist befleckt durch unheilige Gedanken,— dein Gedächtniß wird entwürdigt,— hinweg mit dir, bleibe in deines Paradieses Rein- heit, finsteren Mächten gehöre ich.— Die Bücher meines Hauses, ehrenvoller Vergangenheit Zeugen, Annalen meines Strebens, nieiner Kraft,— das Konto, das ich heute anlege, wird in euch nicht verzeichnet; in ein größeres Schuldbuch schreibt es in blutigen Lettern die allwachende Nemesis, in das Schuldbuch der Ewig- keit, es wird den Gläubiger zu mahnen wissen zu rechter Zeit.— Diplome dieses Kästchens Inhalt— Ehrenbeweise aller möglichen Bereine,— ja, das Geld, das Geld,-- nein, allmächtig ist es nicht; ein Weib kann's kaufen, nicht aber ihre Treue. Weg mit euch, ihr Pergamente,— nie gab ich auf Menschenlob, auf Menschenchren;— genügte ich mir selber, war es mir genug; nicht meinetwillen, nein, zur Ehre meines Hauses, nahm ich den Titel vou meinem Landesherrn,— ich glaube, ihn dem Staate bezahlt zu haben. Das königliche Schreiben fällt in meine Hand: „Dem Manne der ehrenhaften Gesinnung, dem Manne der That!" Gut so, mein Fürst, dein Königswort sanktionirt diese Stunde, wie eines andern Königs, eines Königs des Geistes, sie geweiht. Sei gesegnet Calderon für den„Arztz seiner Ehre"! Stürmisch rollt mein Blut,— die That begehe ich mit voller Ueberlegung, so ruhig, so bewußt, wie sie es waren, die jenes Festabends elende Komödie ausgesonnen. Man wird zischeln, munkeln,— wer wird es wagen, den Stein zu heben wider mich? Ich möchte wissen, ob der Pitawall sich des Falls be- mächtigt?— Der Wind nimmt zu,— willkommener Gehülfe, er wird den Knall des Schusses dämpfen. Bald ist es Zeit, bald;— ich blicke in den Spiegel,— nein, ich bin nicht bleich,— der Arzt seiner Ehre,— aber Kaspar Ehrenftied Waldenau ist doch ein gar prosaischer Name,— Kaspar Ehrenfried,— Kommerzrath Kaspar Ehrenfried,— was treibst du für närrisches Zeug,- was soll der Mantel auf dem Sessel, was der Revolver darunter? Ein Traum quält dich, nichts weiter, und bald ist's Morgen, und die Fabrikglocke läutet, und dein alter Jakob kommt mit der Zeitung und dem Kaffee, auch Briefe bringt er, aber die darfst du nicht eher lesen, bis du den Morgentrnnk geschlürft,— sie könnten etwas Unangenehmes enthalten und deine Kaffeestimmung verderben, die rosigste des Tages.— Ja, ich träume, träume schwer, ich trinke Burgunder gern, aber er bekommt mir schlecht und— wer sagte es doch— des Rausches Traum ist kurz und das Erwachen Elend und Reue.— Wer es sagte? Sein Vater! Frankenthal! Ich träume nicht,— meine Sehnen spannen sich zur That. Der Arzt seiner Ehre!'S ist Zeit. Nein, Vater, ich kann dir nicht helfen,— nicht dein mildes Antlitz will ich klagend sehen mit meiner Seele Augen. Du verlierst nur einen Sohn, ich eine Seligkeit. ** * „Mord!"— Es war ein Aufschrei,— dann brach sie zu- sammen, die in den Mantel gehüllte Gestalt; regungslos lag sie am Boden, der Wind heulte das Todtenlied. Ich habe sicher gezielt, die Kugel muß durch die Brust gedrungen sein. „Mord!"— Warum war das sein letztes Wort,— warum nicht„Melanie!"?-- Keiner sah mich gehen, keiner wiederkehren. Wie ein Dieb im eignen Eigenthum schlich ich durch Korridore und Seiten- pförtchen,— ick blickte zu ihren Fenstern empor, ihr Schlaf- zimmer war matt erhellt. Lösche dein Licht, Hero, dein Leander kommt nicht!— Mord!— Es ist ein häßliches Wort,— ich wollte, er hätte es nicht gerufen. Wie ruhig, wie traulich ist es um mich her. Ich sitze auf weichem Teppich im Fauteuil am Schreibtisch, die Silberlampe wirft ihren milden Schein auf diese Blätter. Wie behaglich wäre es hier, läge nicht draußen einer mit der Kugel in der Brust; sein Blut sickert auf den feuchten Boden,— sein Blut— Still, Geräusch,— wenn man den Knall gehört, ihn gefunden hätte;— mag man. Jede Spur ist entfernt, ich bin ruhig, nur etwas bleich,— ich habe scharf gearbeitet diesen Abend. Nein, noch ist alles still, der Wind ist's, der an die Laden pocht; ein unheimlicher Geselle,— grade, als ob einer ächzte und stöhnte. Wenn er nicht todt wäre, wenn er sich wände und krümmte in unsäglichem Schmerz!?— Allmächtiger Gott, was habe ich gethan? Feigling, hast du nicht den Muth deiner That? Den Himmel hast du verloren und die Hölle erröthet vor dir! Jetzt,— es ist keine Täuschung,— Stimmen werden laut. Ich luge in den Hof,— sie reden durcheinander; Lichter tauchen auf. Still,— was sagen sie?— Mord!— O, schon wieder,— ich kann's nicht hören. Die Stiegen kommt's empor,— den Korridor entlang, leise, ängstlich, wie des Unglücks Kunde;— es pocht.— Her mit dir, Calderon—„der Arzt seiner Ehre". In der Kajüte der„Medusa", September 187*. Strecke aus die Krallen nach deinem Schuldner, rächende Vergeltung, triumphire du, der ich geglaubt zu trotzen, allewige Natur mit deinen Rechten, wie über ein Atom, über Staub schreitet in unverrückbarem Kreislauf dein Fuß hinweg über den Menschenwurm, der ihn zu verrücken sich erkühnte. Verloren habe ich das furchtbare Spiel,— noch keinem blieb Kaspar Ehrenfried schuldig,— nur wenig Stunden noch, und der Einsatz ist bezahlt. An das Fenster meiner Kajüte pochen mit leisem Finger, wie mahnend, des blauen Mittelmeeres Wogen. Geduld, Geduld,— ich komme; gönnt Zeit mir nur, die Blätter zu vollenden, die des Schlusses harren; ich bin Kaufmann,— abschließen laßt mich mein Konto, wie es Ordnung und Sitte; es soll nicht lange währen,— ehe die nächste Wache wechselt, muß alles vorüber sein, alles hinter mir. Das Siegel, das ich auf diese Blätter drücke, setze ich zugleich auf mein Dasein. Zu Ende, zu Ende.— Ich öffnete die Thür meines Zimmer, halb erschreckt, halb unwillig, der nächtlichen Störung halber. Einer der jüngeren Diener stand auf der Schwelle,— während er zu mir sprach, kamen andere nach,— der Lärm im Hofe ward größer. „Herr Kommerzrath,"— der Bursche war leichenblaß und stammelte vor Erregung,—„ein furchtbares Unglück ist geschehen! Haben der Herr Kommerzrath vorhin einen Schuß gehört?" „Keinen Laut." Die Spannung zu heucheln, gelang mir trefflich.„Was war's?" „Uns kam es im Hause vor wie ein Knall,— aber wir forschten nicht weiter, denn er wiederholte sich nicht, und bei dem Wetter mochte keiner das Haus verlassen. Die meisten der Leute . waren im Begriff, zu Bette zu gehen. Aber es war keine Ein- bildung, es ist ein Schuß gefallen, in unserem Garten sogar, und— erschrecken der Herr Koinmerzrath nicht,— es ist jemand getroffen— tödtlich, der Herr Frankenthal aus Rothenstein liegt als Leiche mit einer Kugelwunde in der Tannenallee." „Frankenthal? Das ist entsetzlich!" rief ich.„Aber um Gottes- willen, was hat der Mann denn zu so später Stunde in meinem Garten zu thun? Wer fand ihn dort?" „Jakob, Herr Kommerzrath; er klagte über Kopfweh und wollte trotz des Unwetters ms Freie. Er kam mit der furcht- baren Nachricht heim,— er ist bereits wieder zurück an den Ort des Schreckens mit einigen Knechten, den armen Mann her- zubringen." 363 Ich athmete auf. Als Gutsherr hatte ich die Pflichten der Justiz auf meinem Besitz zu vollziehen. Ich hätte mich sofort an Ort und Stelle begeben müssen, Protokoll über die blutige That aufzunehmen. Jakobs Voreiligkeit erleichterte mir die Auf- gäbe; bis ich dort sein konnte, war die Leiche entfernt. „Ich komme sogleich," sagte ich hastig;„geh jetzt, Anton,— ein Bote soll sofort zum Polizeipräsidenten nach Rothenstein sprengen, ein anderer zum Arzt,— geschwind, geschwind. Und noch eins: daß der gnädigen Frau der Unglücksfall solange als möglich verborgen bleibe,— ich selbst—" „Da ist die gnädige Frau," sagte der Diener, mit den übrigen Zuhörern ehrfurchtsvoll zurücktretend. Sie war's, um derentwillen Blutschuld meine Seele belastete, sie, die mich verrathen und zum Gegenstand einer verächtlichen Komödie gemacht. Siedendheiß rann es, ein Feuerstrom, durch meine Adern, eine Lust, eine Wallung der Hölle tobte in mir; nie war sie mir so schön erschienen, nie so begehrenswerth, als in diesem furchtbaren Augenblick.— Ein weißes Negligee, in sichtlicher Eile übergeworfen, darüber ein kurzer, pelzgefütterter weißer Kragen, das reiche Haar von einem schwarzen Spitzentuch bedeckt, bleich und furchtbar er- regt,— ich sehe sie noch, noch jetzt, wo mein ganzes Denken, mein ganzes Hoffen der Erde entrückt sein sollte,— wie ich mich sehne nach den kühlenden Wogen, zu bergen Gluth und Reue uud Erinnerung. Sie warf sich, ungeachtet der Gegenwart der Domestiken, ganz ihrer sonstigen ruhigen Weise entgegen, an meine Brust, als suche sie in höchsten: Schrecken eine Stütze. „Waldenau, was ist geschehen, in unserm Hause geschehen?" So angstvoll, im Ausdruck des innigsten Mitgefühls Melanies Stimme klang, ich hatte sie anders erwartet.— War das die Bewegung eines Weibes, das des Freundes zu nächtlicher Stunde harrte und seines Mordes Kunde vernimmt?— Weib, Weib, ist denn nichts an dir wahr, als deine Larve, hast du denn auch für ihn kein Herz gehabt, war er dir nichts, als eben nur einer Laune Spielwerk? Kein Leander war er, das weiß ich, aber du bist keine Hero. „Erhole dich, Melanie, Liebe," sagte ich, ihre zitternde Hand erfassend und sie in mein Zimmer führend.„Bleib hier, bis ich wiederkehre, die Pflicht ruft mich au den Ort der That.— Ihr," wandte ich mich an die Leute des Hauses,„sehet zu, ob ihr bei dem Transport, bei dem Empfang des Verunglückten Beistand leisten könnt,— gleich bin ich draußen." Mit diesen Worten trat ich mit meiner Gattin ein,— hinter mir schloß ich die Thür. Glühend, leidenschaftlich zog ich Melanie an meine Brust: „Mein, ganz mein, ich habe dich der Hölle abgekauft,— durch dich ward ich zum Verdammten,— ich will meinen Lohn." Los rang sich Melanie, mit Augen des Entsetzens starrte sie mich an.„Waldenau, bist du wahnsinnig geworden,— hat dich der Schrecken verwirrt? In dieser furchtbaren Stunde denkst du an anderes, als deine Pflichten zu erfüllen, die dir als Gutsherr obliegen, deine ganze Theilnahme als Mensch jenem Unglückseligen zuzuwenden, dessen Blut nach Rache schreit." „Meine Theilnahme?" Wild lachte ich auf.„Meine Thcil- nähme, damit die Komödie vollkoinmen sei? Ja, Melanie, wir wollen sie spielen, die Fortsetzung des lustigen Stücks, das seinen ersten Akt begann im Kasinosaal zu Rothenstein und endete im Garten auf Haineck. Ich will mit einem Trauerflor den Schänder meiner Ehre zu Grabe geleiten, und meine tugendsame Gattin, die ihm die Myrthe nicht mehr opfern kann, soll dem todtcn Freund Cypresscn streuen. O, es soll lustig werden, wenn wir unter heuchlerischen Thränen uns heimlich ins Antlitz lachen." (Schluß folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Wudotph von IS. (Fortsetzung.) Ein leichtes Roth flog über Wanda's Wangen. Diesen Besuch hatte sie am wenigsten erwartet. Hildegard Schneemann>var in übcrschwänglicher Freude auf die Frau Doktor zugestürzt und begrüßte sie stürmisch. Die Dame streichelte zärtlich die Pausbacken des jungen Mädchens und stellte ihr den Herrn, welchen sie mitgebracht hatte, vor: „Herr Redakteur Lauter," sagte sie, mit besonders nachdrück- licher Betonung des Redakteur.„Fräulein Hildegard Schneemann — das Töchterchen unsers besten Freundes, des Herrn königlich preußischen Baumeister und Oberbaurath Schneemann." Die junge Dame machte eine jener knixenden Verneigungen, wie sie in den Tanzstunden der„guten" Gesellschaft den Mädchen sorgfälttgst eingepaukt werden; nur brauchte sie nicht den dritten Theil der vorschriftsmäßigen Zeit dazu. Dabei ließ sie einen raschen prüfenden Blick über den gleichfalls ziemlich ceremoniell sich verbeugenden jungen Herrn streifen. Was sie sah, mußte ihren Beifall haben, denn ein schmachtendes Lächeln legte sich um ihre rothen Lippen. Wanda hatte in ihrer ersten Ueberraschung wieder dasselbe Vergehen gegen den guten Ton begangen, dessen sie sich Fritz Lauter gegenüber schon so oft schuldig gemacht hatte.„Fritz," hatte sie gerufen— nicht laut genug, um Hildegard aufmerksam zu machen, die, seit sie die Portiären rauschen gehört, nur Aug' und Ohr sür die Kommenden gehabt hatte, aber auch nicht so leise, daß das Wort nicht an das für alle Anstandsvergehen merkwürdig scharfe Ohr der Frau Doktor und auch an das aus- nahmslos für alles Hörbare gleich sehr empfängliche Ohr Fritz Lauters gedrungen wäre. Beide antworteten mit einem Blick; aber während der aus den Augen der alten Dame sich Vorwurfs- voll und verweisend auf den reizenden Zögling richtete, schien der andre freudig, wenn nicht gar begeistert danken zu wollen. „Der Herr Redakteur Lauter kommt, um sich zu verabschieden, liebes Kind, er macht eine Reise, eine längere Reise, nicht wahr?" „Wie lange ich abwesend sein werde, kann ich noch nicht ab- sehen," erwiderte Lauter.„Ein paar Wochen können's aber werden. Ich gehe nämlich als Berichterstatter unserer Zeitung ins Gebirge, ebendahin, wo wir uns Weihnachten getroffen haben, Fräulein Wan—, Fräulein Alster," verbesserte er sich rasch, als er die kleinen Augen der Frau Doktor würdevollen Ernstes mög- lichst lveit aufgerissen auf sich gerichtet sah. „Worüber sollen Sie denn da Bericht erstatten?" fragte Wanda. „Ueber die Aufnahme und die Ausdehnung der riesigen Bahn- arbeiten, welche jetzt da oben an allen Ecken und Enden beginnen werden, und über die Stimmung der Bevölkerung, welche sehr aufgebracht darüber ist, daß die Arbeiten, dem ausdrücklichen Versprechen zum Trotz, das man den Leuten gegeben hat, fremden Arbeitern übertragen worden sind." „Also ist es wahr, und es ist schon ganz fest abgemacht, daß die Leute im Gebirge die Arbeit nicht bekommen?" „Run, vorläufig sind im ganzen gegen zweitausend Italiener und ungefähr dreitausend sogenannte Wafferpollakcn aus ein halbes Jahr cngagirt, von den letzteren hat heute schon der erste Trupp, ein paar hundert Mann stark, P. passirt, um morgen früh an der Arbeitsstelle anzutreten, da der ausnahmsweise günstige Frühling dem sofortigen Beginn der Arbeiten alle Hindernisse aus dem Wege geräumt hat. Wenn die Leute im Gebirge für denselben Lohn arbeiten wollen, wie die Fremden, so können neben den bis jetzt engagirten noch einige tausend Mann Arbeit finden...." Hildegard Schneemann klatschte triumphirend in die Hände: „Siehst du, meine kleine Wanda, wie ich recht hatte und wie du unrecht hattest mit deinem ungeheuren Mitleid für die Gebirgs- leute, sie bekommen also Arbeit, trotzdem sie schon von vornherein undankbar genug waren, um zu räsonniren." „Sie bekommen Arbeit, aber sie können diese Arbeit nicht brauchen," erwiderte Fritz Lauter mit beinahe streng klingender Entschiedenheit. Hildegard sah den Sprecher mit geöffneten Lippen ganz er- schrocken an: „Aber, mein Gott, was soll das heißen, nicht brauchen,— ich dächte doch—" 364 „Das soll dasselbe heißen,� Hildegard," nahm Wanda das! Anrede— Wanda war doch noch das reine Kind.„Wollen wir Wort,„was ich dir soeben gesagt habe. Die armen Leute sollen für die Herren von der Eisenbahn um einen so geringen Lohn arbeiten, daß sie dabei nicht bestehen können--" Fritz Lauter schaute Wanda erstaunt in das geröthete Antlitz: „Gewiß, so ist's und noch mehr. Im Frühjahr und Soim mer haben die Bewohner des Gebirgs ohnehin schlcchtbezahlte Arbeit genug. Da haben die Bauhandwerker zu thun und auf dem Felde gibt's zu schaffen, soviel sie nur brauchen. Aber selbst die schlecht bezahlte Feldarbeit wird bei uns immer noch besser bezahlt, als jetzt die Eisen- bahnarbeit bezahlt werden soll — da ist's wohl erklärlich, daß die Fremden an den Hiesigen keine Konkurrenten finden." „Man nimmt eben die Ar- beitcr so billig, als man sie findet, hat der Herr von Sommer gesagt;" erwiderte Hildegard in schnippischem Tone;„und ich gebe ihm darin vollkommen recht. Du kaufst deine Handschuh, Wanda, auch da, wo du sie billiger bekommst, wenn du weißt, daß sie dort ebenso gut sind, als in einem Geschäft, in dem du eine Mark mehr bezahlen mußt für's Paar." „Handschuhe sind auch keine Menschen, mein Fräulein," warf Fritz ein. Auch Wanda wollte scharf entgegnen. Aber die Frau Doktor Winter, welche bisher stumm zugehört hatte, inter- veuirte: „Streitet euch doch nicht um so— wie soll ich sagen?— ignoble Fragen, lieben Kinder. Was geht es uns an, ob die Eisenbahn von Italienern oder Deutschen gebaut wird, wenn wir nur im Sommer nächsten Jahres in drei oder vier Stunden bis in den höchsten Theil unsres Ge- birges kommen können, wo es ganz himmlisch sein muß." Fritz Lauter biß sich auf die Lippen, aber er schwieg. Wanda sah zu ihm auf; sie begriff, daß es ihm nicht leicht sein könne, auf die Bemerkung der Frau Doktor eine gepfefferte Antwort schuldig bleiben zu müssen. „Glauben Sie auch, daß es da oben zu Unruhen kommen kann?" fragte sie schnell. „Die Ztachrichten, die der ,Tageskorrcsponden6 bekommen hat, lauten in Uebercinstim- mung mit denen, welche mir meine Verwandten im Gebirge gegeben haben, keineswegs be- ruhigend. Die Aufregung soll eine sehr große sein, und be- sonders in der Gegend, wo die hochberger Kohlengruben liegen, aus denen seit einem Jahre wegen ungenügenden Erträgnisses nicht mehr gefördert wird, sollen die Leute fest entschlossen sein, die Fremden an dem Beginn der Bahnarbeiten zu hindern." „Aber sagen Sic Fritz, ich bitte Sic, was soll daraus werden?" Die Frau Doktor erhob sich geräuschvoll— wieder diese nicht ein wenig in den Garten gehen, liebstes Kind? Die Sonne scheint noch so warm und du scheinst mir so ungewöhnlich erregt, — die gute Hildegard und der Herr Redakteur begleiten uns wohl?"- Fritz bat um Entschuldigung. Er habe sich heute noch aus seine für morgen in aller Frühe beabsichtigte Abreise vorzubereiten und von seinem Chef Instruktionen zu empfangen. Wenn die Frau Doktor und Wanda ihm Aufträge zu geben hätten, etwas zu übermitteln oder auszurichten an die Bekannten, welche sie 365 int Gebirge gewonnen, so stelle er sich ganz ihnen zur Bcr- ftigung. Tic Frau Doktor trug ihm Gruße an einige Dutzend Pastoren- frauen und andere Damen auf; Wanda bat ihn um besondere, ganz kurz gefaßte, aber nur das Wesentliche enthaltende Berichte, Winter garnicht gefiel, zu versichern, daß er nicht nur seiner Zeitung, sondern— und mit nicht minderer Gewissenhaftigkeit, Wanda's Korrespondent sein wolle,— er könne aber nur sagen: mit nicht minderer Gewissenhaftigkeit, weil er gewiß dafür sorgen wolle, daß die volle Wahrheit— sei sie, wie sie möge— im „Tageskorrespondenten" zur Veröffentlichung gelange. Die Unterhaltung der bei- den jungen Leute, deren Ver- traulichkeit und Herzlichkeit all- gemach das verwunderte Auf- merken Hildegard Schneemanns erweckt hatte, wäre gewiß noch nicht sobald zu Ende gewesen, trotzdem Lauter so nothwendigc Amtsgeschäfte erwarteten, wenn die Frau Doktor nicht das Pro- meniren im Garten gar so eilig gehabt und Hildegard den schnippischen Vorschlag gemacht hätte, sie wolle mit der alten Dame indessen nach dem Garten vorangehen, damit„unsre liebe Wanda" bei der Ertheilung ihrer Aufträge an ihren Spczial- korrespondenten sich nicht all- zusehr beeilen müsse. Bei dem Abschied Fritz Lauters passirte von neuem ein Anstaudsvergehen. Er und Wanda drückten sich zu erficht- lichster Entrüstung der Frau Doktor die Hände. Zur Strafe dafür neigte die Dame ihrer- scits kaum das gewichtige Haupt und verabschiedete den„Herrn Redakteur" nur ivie eine Köni- gin mit einer nachlässigen Hand- bewegung. V •Ä-' -S u D da sie meinte, daß der„Tageskorrespondcnt" doch nicht tmmer so zeitig, als es ihr Herz begehrte, die Nachrichten bringen und daß er. wenn die Dinge schlimm standen, vielleicht auch m.t der vollen Wahrheit hinter dem Berge halten wurde. Fritz Lauter beeilte sich, in einer Weise, die der Frau Doktor Wenige Tage nach der zur £ vorausbestimmten Zeit erfolgten .ü Abreise Fritz Lauters ins Ge- K birge ging der Chefredakteur Schweder unmuthig und grü- belnd in seinem Arbeitszimmer hin und her. „Die Wichtels sind an der Arbeit und energischer als je, da ist kein Zweifel. Der Alte hat meinen braven Bundes- genossen im Verwaltungsrathe bereits unter und die Heran- ziehuug der fremden Arbeiter ist, so schlau er sich auch hinter andere versteckt hat, ganz allein sein Werk. Den täppischen Bä- ren, den Schneemann, hat er auch gewonnen, sodaß es mich viel Arbeit kosten wird, die beiden wieder auseinander zu bringen. In der That, ich habe alle Hände voll zu thun, wenn ich— wie ich's war— Herr der Situation bleiben will. Dazu noch diese vertrackte Ueber- Häufung mit wichtigen Re- daktionsarbeiten— fatal, höchst fatal, daß ich das anstellige Kerlchen, den Lauter, grade jetzt fortschicken mußte. Aber es ging nicht anders,— dort oben ist diesmal ein zuverlässiger, bei dem niederen Volke Sympathien eriveckender Korrespondent unbedingt nothwendig, und dann mußte er auch hier das Feld räumen um � nur um ihm den ersten Schmerz zu ersparen, den er empfinden müßte, wenn er mit zusehen sollte, wie ich ihm das Herz seiner Angebeteten abwendig mache." Er nahm einen langen Zug aus seiner duftenden Havannacigarre und stieß den Rauch in einer Reihe von Ringen langsam wieder aus. Während dieses halb nur gedachten, halb leise vor sich hin geflüsterten Selbst- gesprächs schien viel von dem Mißmuthe, der ihn beseelt hatte, gewichen zu sein. Er ließ sich langsam und fast behaglich aus einem bequemen Armsessel nieder, während er sortfuhr: „Ich bin eigentlich garnicht dazu aufgelegt— schon lange nicht mehr und jetzt weniger als je, galante Abenteuer zu be- stehen und Liebesnetze auszuwerfen. Aber es ist auch eine geschäft- liche, gewissermaßen Politische Rothwendigkeit für mich in diesem Augenblick,— eine Rothwendigkeit, die auf die Nägel brennt. Alster muß an mich gefesselt werden mit Ketten, die weder er noch andere zerreißen können. Es möchten ihm sonst die andern helfen, dahinterzukommen, wie ich mit ihm gespielt habe, wie ich ihm mehr als ein X für ein U gemacht,— pah! Es gilt eben rasches Handeln— sehr rasches freilich--" Herr Schweder unterbrach sich plötzlich— man klopfte ziem- lich stark an die Thür. „Herein." Herr Prell trat mit unangenehm süßlichem Lächeln auf dem früh verwitterten Gesicht ein: „Bitte um Entschuldigung. Störe wohl in schwieriger Arbeit? Hatte schon einigenialc leiser geklopft." „Was bringen Sie?" fragte Schweder kurz. „Wollte mir nur die Frage erlauben, ob ich den Leitartikel in den Satz geben könnte,— der Metteur erklärte, er könne nicht länger warten, wenn das Blatt rechtzeitig in die Maschine sollte." Der Chefredakteur murmelte etwas wie„Unverschämtheit!" und sagte dann laut: „In einer halben Stunde ist der Artikel fertig,— die Leute in der Druckerei müssen sich heute einmal die Arbeit anders ein- thcilen!" Ohne sich weiter um den Kollegen Prell zu kümmern, ergriff er die Feder und begann an dem schon halb fertigen Artikel weiterzuschreiben. Prell zog sich grinsend zurück. Herr Schweder sollte aber heute noch öfter gestört werden. Räch fünf Minuten klopfte es wieder, und ohne das übliche Herein! abzuwarten, öffnete wieder Herr Prell, um die schadenfroh klingende Mittheilung zu machen, daß eine Dame da sei, welche in dringender Angelegenheit den Herrn Cheftedakteur zu sprechen wünsche. Ehe noch Schweder, abweisend, wie er es beabsichtigt hatte, antworten konnte, hatte sich der liebenswürdige Kollege schon wieder zurückgezogen und der Angemeldeten die offene Thür in die Hand gegeben. Zu Schweders höchster Ueberraschung erschien die schöne Frau Senkbeil auf der Schwelle. „Ich komme, uin dem Herrn Schweder, meinem Freunde und dem Freunde meines Gatten diesen an mich gerichteten und vor einer Stunde in meine Hände gelangten Brief zu zeigen und ihn um Auskunft, um Aufllärung, um Genugthuung, um— o, ich weiß nicht, um was sonst noch zu ersuchen--" Die schöne Frau stand hoch aufgerichtet, mit blitzenden Augen und wogendem Busen vor Schweder, der sich erhoben hatte und mit gespanntester Aufmerksamkeit in den die tiefste Aufregung verrathenden Gesichtszügen seines Gegenübers zu lesen suchte. Er griff nach dem Briefe, den sie ihm hinreichte,— dann ging er, um die Thür zu schließen, welche sie, sehr zur Beftiedigung des im andern Zimmer, wie es schien, schon wieder eifrig be- schäftigten Herrn Prell, achtlos weit offen gelassen hatte. So erstaunt Herr Schweder war und so sehr ihm auch ein- leuchtete, daß ein Gewitter über sein Haupt hereinzubrechen im Begriff sei, fo wenig hatte er doch seine Kaltblütigkeit verloren. Er schaute vielmehr wieder in seiner ganzen wcltübcrlegenen Ruhe dem Kommenden entgegen, als er der Dame in kavalicrer Liebens- Würdigkeit einen Sessel präsenttrte, während er gleichzeitig durch ein sehr verständliches Mienenspiel andeutete, daß es sich erst darum handelte, einen unberufenen Hörer zu beseitigen. Frau Senkbeil nahm den Sessel nicht an. Sie trat ans Fenster und kehrte Schweder den Rücken. Dieser nahm die Blätter, auf welchen der fertige Theil seines Leitarttkels stand, und ging mit ihnen nach einem ruhig-höflichen„Bitte nur auf einen Augen- blick um Verzeihung, gnädige Frau," m das andre Zimmer, um den Kollegen Prell mit dem Leitartikelftagmente nach der Druckerei zu schicken. „Sie begeben Sich dann wohl unverzüglich zu Herrn Klose— Sie wffsen seine Wohnung— von der Druckerei etwa zehn Minuten— und bitten ihn in meinem Namen auf das dringenoste, uns heut sowie morgen redaktionelle Aushülfe leisten zu wollen." Herrn Prell schien diese Mission grade in diesem interessanten Augenblicke garnicht angenehm zu sein, aber er wußte, daß sein Chef, wenn er mit solch' freundlicher Entschiedenheit sprach, keinen Widerspruch vertrug. Er nahm daher die beschriebenen Blätter, verbarg durch eine leichte Verbeugung ein höhnifches Lächeln und verschwand. Nachdem die Thür hinter ihm ins Schloß gefallen war und Herr Schweder die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ihn in der nächsten halben Stunde niemand stören könne, dem er nicht selber die Thür öffnen würde, kehrte er zu der auf ihn, wie es fchien, mit Ungeduld harrenden Dame zurück. Als sie ihn kommen hörte, wendete sie sich nach ihm um,— sie hatte die Arme über dem Busen gekreuzt, als wollte sie sein stürmisches Auf- und Niederwogen mit Gewalt unterdrücken, aber die rebellische Brust ließ sich nicht zwingen, die Augen sprühten Flammen wie vorher und die schneeweißen Zähne klemmten die Unterlippe zwischen ihren Perlenreihen, daß sie blutete. „Also hier— der Brief." Schweder ging ohne ein Wort zu verlieren an die Lektüre. Als er die Handschrift sah, glitt gedankenschnell ein Schatten des Erschreckens über sein Gesicht. Dann aber las er halblaut und nicht das geringste Zeichen einer Gemüthsbcwegung verrathend die folgenden Worte: „Frau Senkbeil, Hochwohlgeboren, hier. Gnädige Frau. Sie und die Unterzeichnete sind Leidensgefährtinnen. Wir sind von ein und demselben Manne schmählich, elend betrogen worden. Ich bin verheirathet wie Sie, werde von meinem Manne angebetet, wie Sie wahrscheinlich nicht minder, liebte mit un- aussprechlicher, nicht zu bändigender, verzehrender Leidenschaft einen andern, wie Sie, verrieth meinen Man», wie Sie, und wurde von dem Manne, den ich so wahnsinnig liebte, wieder verrathen, wie Sie. Sie werden zugeben, daß ich recht habe,— wenn ich Ihnen den Namen des lieb- und ehrlosen Verräthcrs nenne— er heißt Schwcder— Edmund Schweder. Ich aber bin vielleicht deswegen die Unglücklichere, die Meistbetrogene von uns beiden, weil ich, vor kurzem erst, meinem Gatten mein Vergehen an ihm und meine Liebe zu jenem gestanden, weil ich mit meinem Gatten dem andern zuliebe gebrochen habe, um mich von ihm auf ewig trennen zu lassen und jenem auch vor der Welt, vor den Menschen als sein rechtmäßiges Weib, als achtbare, ehrliche Frau anzu- gehören. Es war eine so unendlich süße, es war meine einzige Hoffnung— sie liegt zerschmettert— zerstäubt zu meinen Füßen. Ich bin vernichtet, gnädige Frau— Sic auch--? Christine Stein." Schweder hatte bis zu Ende gelesen— so kaltblütig, als ginge ihn die Sache garnichts an. Nur kälter und härter war feine Stimme bei jeder Zeile, die er las, geworden. Jetzt legte er den Brief auf sein Pult und schaute der in wilder Erregung bebenden Frau ins heißgeröthete Antlitz. „Ich verstehe nicht, gnädige Frau--" sagte er. „Ah— Sie verstehen nicht——" Schweder ließ sie nicht fortfahren. „Nein, ich begreife wirklich nicht, wie Sie, gnädige Frau, diese Zeilen aus der Feder einer Wahnsinnigen— dies und nichts anderes ist diese Christine Stein— in so offenbare Auf- regung versetzen können." Die Dame lachte hell auf. „Vortrefflich,— diese Christine Stein ist wahnsinnig, und was sie da schreibt, ist alles nicht wahr, ist Hirngespinnst einer Verrückten, welche den unschuldigsten Menschen von der Welt die abscheulichsten Dinge nachsagt— Dinge, von denen auch nicht ein Buchstabe wahr— sondern alles— alles— nicht wahr, Herr Schweder?— pure, nichtige Erfindung ist, alles, mein Herr Schweder!?" Die dunklen Augen der Frau funkelten und flammten, als ob sie den Mann versengen und mit ihrem Feuer vernichten wollten, auf den sie gerichtet waren. (Fortsetzung folgt.) 367 Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes. Von E)r. Eduard Weich. V. Bekleidung und Betten. Alle Bekleidung bezweckt, die Haut mit einer warmen Lust- schicht zu umgeben und größere Ausstrahlung von Wärme zu verhüten. Je nach Jahreszeit und Witterung ist das Bedürfnis}, den Wärmeverlust zu beschränken, verschieden, und die Gewohn- heit des Individuums hat großen Einfluß auf dieses Bedürfniß. Je mehr und je vernünftiger ein Mensch abgehärtet ist, desto gesünder ist er und in desto geringerem Grade verlangt er nach Hüllen, welche die Ausstrahlung der organischen Wärme beschrän- ken; denn es erzeugen seine Lebensvorgänge in diesem Falle eine bedeutende Menge Wärme, so bedeutend, daß immerhin viel da- von frei ausstrahlen kann, ohne den Organismus zu benach- theiligen. Der tägliche Gebrauch kalter Bäder und Waschungen, häufige Bewegung an freier Luft, passende Nahrungspflege und ein ent- sprechendes diätetisches Regiment des Geistes, dies alles vermin- dert in seiner Zusammenwirkuug das Bedürfniß allzu warm haltender Kleidungsstücke. Der weibliche Organismus kennzeichnet sich durch geringere Stärke der Athmungs-, Kreislaufs- und Muskelbewegungen, durch minder energischen Umsatz der Stoffe im thierischen Haus- halte, daher auch durch Produktion kleinerer Wärmemengen. Da- bei aber ist die Ausstrahlung von Wärme wegen dünnerer Haut und der Prozesse des Gattungslebens verhältnißmäßig bedeuten- der. Es folgt hieraus, daß das schöne Geschlecht nothwendig wärmerhaltender Kleidungsstücke bedürfe, als das männliche, und es kann täglich beobachtet werden, daß schon der natürliche In- stinkt des Weibes dergleichen fordert. Mangelhafte Bekleidung muß, wie aus dem Bisherigen klar wird, mancherlei und bedeutende Störungen der Gesundheit her- vorbringen. Ist die Kleidung ungenügend, so schadet dies; ist sie zerrissen, so gefährdet dies Gesundheit, Sitte, Leben. Die nachtheiligen Wirkungen mangelhafter Bekleidung kommen um so mehr in Betrachtung, je rauher das Klima und je Wechsel- voller die Witterung ist, je ungenügender die Ernährung statt- findet und je deprimirter der Zustand der Seele sich zeigt. Da- her pflegen arme, heruntergekommene Menschen, die in zerrissenen Kleidern eiuhcrgehen, Hunger leiden und die Pflege der Haut vernachlässigen, am meisten zu erkranken und in größter Zahl von Epidemien dahingerafft zu werden. Bekleidung, welche allzu warm hält, erzeugt mancherlei äugen- blickliche Beschwerden und kann die Veranlassung von Krank- heiten werden. Zunächst erwirkt sie größere Empfindlichkeit der Haut gegen Wechsel der Temperatur, Erhöhung der Hautaus- dünstung, der Schwcißbildung, und gibt, wegen des Rapportes zwischen Hautthätigkeit auf der einen und Lungen- und Hcrzthä- tigkeit auf der anderen Seite, leicht zu Affektionen der Lunge und Störungen des Blutumlaufs Anlaß. Auch bedingen allzu warm haltende Kleider bei dauerndem Mißbrauch Erregung der sinnlichen Lust und fördern, natürlich immer nur in Verbindung mit verschiedenen anderen Momenten, Ausschweifung in Wein und Liebe. An allen Orten, woselbst die Wechsel der Temperatur heftig und plötzlich eintreten, möge man die Haut mit Stoffen bedecken, welche Feuchtigkeit rasch aufsaugen und dabei doch in der Eigen- schaft schlechter Wärmeleiter verharren. Zu derartigen Stoffen gehören Seide und Wolle; diese sind stir Seefahrer und über- Haupt alle Menschen, welche Klima- und Witterungswechseln aus- gesetzt sind, die besten Materialien zu Unterhemden, Unterhosen, Strümpfen und Halstüchern. Alle anderen Leute, ausgenommen die empfindlichsten, benutzen am besten rauhe Leinwand zu Hein- den und Unterhosen, weil dieselbe porös ist, die Hautausdünstung nicht hindert und die Hautathmung leicht ermöglicht. Der beste Beweis, daß die Kleidung den körperlichen Bedürf- nissen entspricht, ist, wenn man durch die Schwere derselben nicht belästigt wird, normal athmet, normal transspirirt, nicht schwitzt, nicht Kälte leidet, und sich wohl befindet. Es macht ganz besonders sich nöthig, die Leibwäsche häufig zu wechseln; denn jeder Stoff, der unmittelbar auf der Haut liegt, nimmt die Produkte der letzteren auf, die in dem Gewebe des Kleidungsstückes sich umsetzen und, bei längcrem Verweilen desselben auf der Haut, gesundheitsnachtheilig wirken. Ferner ist es unerläßlich, bei Tage ein anderes Hemd, als während der Nacht, zu tragen, und bei Tage das Nachthemd und während der Nacht des Tagehemd zu lüften. Bezüglich der Strümpfe möge beachtet werden, daß es durchaus nöthig sei, selbe möglichst oft zu wechseln und immer ganz und trocken zu erhalten. Hände und Füße dürfen nicht erkältet, aber auch uicht allzu warm gehalten werden. Zu dichte Fußbekleidung hilft gerne Fußschwciße erzeugen, insbesondere, wenn die Möglichkeit nicht gegeben ist, während der Arbeit und des Aufenthalts im Hause die Stiefel mit bequemen Hausschuhen zu vertauschen. Weil die morgenländischen Völker ihre Füße mcht einzwängen, sondern immer bequemes Schuhwerk tragen, sind ihre Füße normal, ver- krüppeln, schwitzen und stinken nicht. Die Mode der engen und harten Stiefel und die Vernachlässigung der Fußpflege kennzcich- net die Sklaven des Arbcitswahnsinns und des„Kampfes um das Dasein", und ist demgemäß überall zu Hause, woselbst die Nationalökonomie mit ihrer falschen Vorstellung des Durchschnitts- menschen die Köpfe beherrscht und den rothen Faden alles Lebens ausmacht. Diese Nationalökonomie hat als Wisscnschoft ebenso, wie als Praxis, die abergläubische Voraussetzung eines gesunden, unver- wüstlichen, in allem seinem Leben und Streben von glücklichem Erfolg begleiteten Durchschnittsmenschen, einer Arbcitsmaschine, eines Packesels, dem alles aufgepackt werden kann, der alles mit Freude und Wollust trägt, der immer erwirbt, immer spart, sein ganzes Können und Vollbringen nach der Uhr einrichtet, sein geistiges Leben nach den Gesetzen der Hand- und Erwerbsarbeit gestaltet und Gemüth absolut nicht kennt oder doch in aller und jeder Beziehung dem Mammon unterordnet.— Diese nämliche Nationalökonomie preßt den Fuß in den engen harten Stiefel, um ihn zu schädigen, krank zu machen, zu verunstalten. Ich betrachte Fußbekleidung aus Thierhäuten, niögen selbe so oder anders präparirt sein, als etwas Gesundheitswidriges. Das beste Material zu Schuhen und Stiefeln dürste das Holz sein, aber nicht in großen Stücken, sondern in seinen Fasern, die durch bestimmte Jmprägniruug relativ wasserdicht zu machen wären und durch angemessene Zusammenfügung leichte Beweglich- keit des Fußes ermöglichten. Kautschuk eignet sich zu Fußwerk nicht, weil es nicht porös ist, sondern den Fuß isolirt und die Produkte der Ausdünstung zu entweichen hindert, den Fuß in höherer Temperatur erhält und so gegen jeden Wechsel empfindlich macht. Lederne Handschuhe entsprechen gleichfalls nicht den Grund- sätzen der Gesundheitspflege; Handschuhe von Zwirn, Seide, Wolle sind entschieden besser. Kravattcn dürfen den Hals weder drücken, noch in seinen Bewegungen hindern, noch erhitzen. Man fertige dieselben aus Leinwand und Seide, oder Leinwand und leichten Wollenstoffen an, und lege sie locker um den Hals. Wer eines Halstuches sich bedient, wähle ein leichtes, nicht drückendes, nicht erhitzendes. Dunkle Kleidungsstücke nehmen mehr Gase und Riechstoffe auf, als helle, absorbiren mehr Wärme, als helle. Ganz dasselbe gilt von rauhen Wollenstoffen, Sammet, Pelzen tc., im Gegensatze zu glatten Stoffen, Leinwand u. s. w.— Daraus ergibt sich die hygieinische Regel, daß Farbe, Dichtheit und sonstige Be- schaffenheit der Kleidung je nach Jahreszeit, Witterung, Woh- nuugsverhältnissen u. s. w., auszuwählen sei. Herrschen epide- mische Krankheiten, so vermeide man den Gebrauch dunkler, rauher Kleidungsstücke so viel als möglich, und desinfizire der- artige Kleider, wenn man dieselben zu tragen genöthigt ist, auf das sorgfältigste._ Es ist gut, bei der Kleidungsfrage die der Beschäftigung wohl in das Auge zu fassen; denn die Bekleidung muß ganz genau nach der Arbeit sich richten und bei jeder Arbeit sämmtlichen An- forderungen der Bequemlichkeit, Zweckmäßigkeit und Gesundheit entsprechen. Niemand nehme sein Arbeitskleid aus der Werkstätte in die Familie, sondern lasse dasselbe im Arbcitsraume zurück, wasche und lüfte es häufig. Je nach Alter, Geschlecht und anderen individuellen Bezie- Hungen mußjne Kleidung verschieden sein und erwählt werden. Kinder und Frauen bedürfen, ihrer Organisation gemäß, weicher und auch wärmer haltender Kleidungsstücke. Es ist höchst un- _ 368 finnig, wenn man Kinder zur rauhen Jahreszeit mit theilweise nackten Armen und Beinen umherlaufen läßt, und wenn junge Mädchen im Winter halb entblößt einhergehen. Es ist auf der anderen Seite höchst widerlich, wenn Jünglinge wie Greise ver- packt umherschleichen und vor jedem Windhauche zittern. Frauen, welche die ihrem Geschlechte eigenthümlichen kritischen Zustände durchmachen, Kinder säugen u. s. w., müssen während dieser Zeit etwas wärmer sich bekleiden. Auf diese Art erhalten sie das zu normalem Bestehen nothwendige Gleichgewicht der Wärme und bewahren sich so vor krankhasten Affektionen. Möge jemand leichter oder wärmer gekleidet gehen, er unter- lasse niemals, die nöthige abhärtende Hautpflege zu praktizireu; denn ohne dieselbe nimmt die Empfindlichkeit für alle Wechsel der Temperatur enorm zu, und zuletzt reicht auch die wärmste Be- kleidung nicht mehr aus, den Zweihänder vor Kälteleiden und Erkältung zu schützen. Nachtkleidung und Bett sind Gegenstände von entscheidender Wichtigkeit. Bon Kranken und Genesenden, deren Kleidung und Bett der Arzt zu bestimmen hat, abgesehen, kann im allgemeinen ausgesprochen werden, daß gesunde Menschen im Bette, wenn dieses wohl beschaffen ist, nur eines Nachthemdes bedürfen. Mau gewöhne die Kinder niemals au Nachtjacken, Schlafmützen, Hals- tücher, Unterhosen, Unterröcke, Strümpfe u. f. w. im Bette, noch weniger an dichtere Nachtkleider von Leder, Pelzwerk u. dergl. Alle diese Stoffe Hindern die freie Hautthätigkeit und erzeugen mancherlei Störungen der Respiratton und des Blutumlaufs, schwere Träume und Schweißbildung. Des Nachts nimmt man mehr Sauerstoff durch die Lunge auf, als bei Tage, gibt mehr Wärme ab und erzeugt weniger Wärme, als bei Tage. Aus diesen Gründen ist es nöthig, wäh- rend des Schlafs die Thätigkeit der Lunge und der Haut nicht zu beschränken, und andererseits der allzu bedeutenden Ausstrah- lung von Wärme zu begegnen. Jenes geschieht durch leichte Nachtbekleidung, am besten ein Hemd aus rauher Leinwand, und durch Schlafen in einem durch guten Ventilator stets mit guter Luft versehenen Zimmer; dieses durch angemessen warm halten- des, gutes Bett. Gewiß wäre es das beste, alle Federbetten der Welt in einem wohl ziehenden Eisenschmelzofen zu verbrennen und durch Betten aus Wollendecken, Seegras- und Waldwollenmatratzen u. f. w. zu ersetzen. Federbetten lassen nicht so gründlich sich reinigen, als die anderen /der genannten Stoffe, nehmen mehr Anstcckungs- stoffe und Miasmen auf, und geben, besonders wenn sie zu schwer sind, zu allerhand Störungen der Gesundheit Anlaß. Das Bett gehört, seiner Wesenheit und Bestimmung nach, zu dem Kapitel der Bekleidung, ist ein Schutzmittel gegen die Folgen von Temperaturwechseln, und soll die für Leben, Gesund- heit und Schicksal des Menschen so bedeutungsvollen Stunden des Schlafes sichern und von bester Wirkung machen helfen. Reine Bettwäsche ist ein großes Erforderniß der Gesundheit; man soll in jeder Woche Wechsel der Laaken und Ueberzüge vor- nehmen. Eiserne Bettstellen verdienen, bei guter Konstruktion, den Vorzug vor anderen, Stahlfedermatratzen mit Polsterung von Seegras, Waldwolle oder gutem Heu, sind besser, als Matratzen von Pferde- oder Kuhhaaren. Strohsäcke halte ich für verwerf- lich, weil sie zu leicht Contagien und Miasmen aufnehmen und nicht so gut zu reinigen und lüften sind, wie andere Unterlagen. Irrfahrten. Von Ludwig Htaf««berg. (Fortsetzung.) Einige Tage später. Große Soiree bei dem Chef der„Alten Weltj", Herrn Doktor Wolkenbauer!— Bin eingeladen, daran theilzunehmen.---- Nachts. Nun bin ich glücklich wieder daheim. Leckerbissen, gute Getränke in großen Quantitäten, nichtssagendes Geplauder, fade Schmeicheleien und Selbstbelobungen.—— Vor allen diesen Dingen habe ich zur Genüge bekommen.— Das eifrige Bemühen des Dr. Wolkenbauer, mich mit der Gesellschaft näher bekannt zu machen, wies ich energisch zurück mit den Worten: »Ich fühle mich als Zuschauer behaglicher als der Akteur!" Ich wurde vorgestellt und bei der Vorstellung blieb es. Für mich war es von größerem Interesse zu sehen und zu hören, als ge- sehen und gehört zu werden. So nahm man wenig Notiz von meiner Anwesenheit und nur zwei junge Damen ließen es sich angelegen sein, mich zu einem literarischen Gespräch zu bringen. �»Ich habe Ihren Aufsatz über L. gelesen," sagte die eine mit Stolz.„Sie sind ein gefährlicher Mensch. Sie lassen dem geist- reichen Schriftsteller kein gutes Haar auf dem Kopfe. Und doch ist er ein so angesehener nnd beliebter Mensch!"—„Das heißt," setzt ich hinzu,„daß ich nicht das Recht habe, so Henkerrichter- lich zu verfahren?"---„O doch," nahm die andere Dame das Wort.„Was Sie sagten, war recht. Es gefällt nur den Freunden des Schriftstellers nicht, so scharf die Wahrheit zu hören!"— Mit diesem Ausspruch gab sie sich das Aussehen eines selbstgefälligen Wesens und fuhr dann fort, ihre ganzen literarischen Kennwisse auszukramen wie ein schachernder Jude, der ungestagt seinen ganzen Vorrath von Verkaufsgegenständen anpreist.„Sie waren in Ihrem Jnstitttt recht fleißig," sagte ich endlich,„Sie demonstriren wie aus einem Buche. Ich muß gestehen, mich lassen die Details, die Daten, die kleinen Anekdoten unberührt; für mich hat nur das Ganze Werth, der Geist, der aus einem Werke spricht, nur die Auffassung des Schriftstellers von seiner Zeit, von den brennenden Fragen und der künstlerischen Behandlung und Weiterentwickelung derselben. Wer seine Zeit nicht versteht, sich von dem Pulsschlage derselben fernhält, sich in Spielereien verliert, oder wer es unternimmt, dem Zeitgeiste ent- gegenzuarbeiten, der muß darauf gewappnet sein, vernichtet zu werden. So ist es in allen Verhältnissen des Menschenlebens. In der Literatur, in der Politik, in der Wissenschaft und Kunst. Die fortschreitende Zeit zermalmt die kleinen Geister!"„Die Plaisirmichel!" lachte die erster? Dame, eine schöne schmachtende Blondine.„Ich wette, Sie denken über uns eben nicht besser!" „Ich denke", antwortete ich,„über keinen Menschen als Person schlecht, aber ich denke, daß in unseren modernen Jnststuten all- zusehr das Aeußere, die Schale kultivirt werde, mehr als der Kern, und daß unserer Zeit völlig das Verständniß für die ersten Begriffe fehle, die nöthig sind, um einen Kunstzweig oder einen Wissenszweig einigermaßen zu verstehen."—„Danke schön," rief ziemlich laut die zweite Dame,„Sie sind göttlich grob und aufrichtig, ein Urgermane mit wallendem Haupthaar, das Schwert oder die Keule in der Rechten." Ich schwieg und ertheilte meinen Gedanken über die alles Mögliche in den Kreis chrer oberfläch- lichen, unverständigen Betrachwng ziehende Unterhaltung un- umschränkte Audienz.— Was waren mir die Anwesenden alle anders, als denkschwache und denkträge Tröpfe?— Es war ein schöner Abend. Der Mond schien hell und fteund- lich auf uns herab, als wir von Liebers Garten hinausschritten. Elisabeth hatte einen Korb mit Früchten in der Hand. Ich ging neben ihr, erst gedankenvoll, dann gesprächig, wohlgelaunt, und schließlich eroberte ich mir den Korb, den sie mir zu tragen ver- weigert hatte. Bei jedem Punkte, der uns eine schöne Aussicht auf die Umgebung erlaubte, blieben wir stehen, um unsere Freude an dem Schauspiel auszutauschen. Elisabeth wies hin auf die Konwren der in der Ferne liegenden Berge, auf die Farben, die den Höhenzug umgaben, auf den Himmel, hoch über uns, auf den Mond, kurz, auf all' die Dinge, die einen prächtigen Sommer- abend so anziehend und bezaubernd machen. Ich blickte auf sie und nickte nur mit dem Kopfe, denn ich dachte nur ihrer als dem Mittelpunkt dieses Bildes. Unwillkürlich reimten sich meine Ge- danken, und ehe wir vor dem Stadtthor angekommen waren, stand ein Lied tadellos in meinem Kopf. Ich habe es in meinem Album aufgeschrieben.— Elisabeth mochte wohl von meiner Dichterei gemerkt haben, denn sie sagte schließlich, als ich wieder mit ganzer Seele ihr zuhörte:„Und nun müssen Sie mir einen Vortrag über die Naturgeschichte des Himmels halten. O, ich bin recht unwissend in diesem Zweige, und ich weiß nur, gleich allen meinen Freundinnen, daß da oben der Mond einhergeht, daß da Sterne stehen und zuweilen ein Komet sichtbar wird, und oft von dort Sternschnuppen oder Meteore auf die Erde fallen. Man hat uns zwar gelehrt, dort oben sei der Himmel; aber wenn die Erde sich dreht, so ist doch überall oben und unten, diesseits und jenseits der gepriesene Ort!"— Ich setzte meinen Korb auf die Erde und fing an, ihr die neuesten Forschungen am Himmelsgebäude in einfachen Worten mitzutheilen.— Wie lange ich zu diesem Vortrag gebraucht habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß Elisabeth mit weitgeöffneten Augen die neuen Mittheilungen in sich aufnahm und jedesmal, wenn ihr etwas einfach und gegen die althergebrachten Ansichten gar einleuchtend erschienen war, mit lauten Beifallsworten ihren Gefühlen Aus- druck gab.— Als ich meinen Korb wieder von der Erde auf- nahm, durch die Begeisterung, in die mich meine eigenen Worte versetzt hatten, aufgeregt, drückte sie meine Hand und sagte leise, den Mond mm mit andern Augen anschauend:„Ich danke, o, ich danke Ihnen."— Ich hielt ihre Hand in der meinen und ihre Hand zitterte ein wenig, als ich erwiderte:„O, ich wollte, daß ich fortfahren könnte, alles, was ich in durchwachten Nächten und Abenden mir Wissenswerthes angeeignet, Ihnen zu erzählen. Wo ist eine Seele, die mir aufmerksamer zulauschte, die mich besser und williger verstünde, als Sie, Elisabeth?"— Sie lächelte sanft und schaute mich so kindlich-freudig an, daß ich es jetzt war, der ihre Hand ergriff, um sie mit sonderbaren Gefühlen an meine Lippen zu drücken.—„Kommen Sie," mahnte sie darauf, „es ist spät und die Eltern werden uns schelten."— Wir gingen stunim heimwärts.— Man kann es als Zeitungsschreiber keinem Menschen recht machen. Es vergeht fast kein Tag, an welchem die Post nicht Stöße von Beschwerdeschriften, Wunschzetteln und Ergänzungs- arttkeln uns zuträgt. Wollte man alles beantworten, was Laune, Unverstand und Egoismus diftirt hat, so würde man nie zu Ende und an sein Geschäft kommen. Der Papierkorb also muß das Meiste in seinen geräumigen Schoß aufnehmen. Zuweilen über- fallen uns auch besonders muthige Personen persönlich mit ihren Wünschen und Forderungen, und wenn ich in der ersten Zeit mit Vergnügen diese Auseinandersetzungen übchnahm, so geschah es, um die Methode der Bittsteller zu shtdiren.— Der Theaterrezensent ist besonders schlimm gestellt. Man klagt, daß er diesen nicht genug herausgestrichen, daß er gegen den zu hart gewesen, daß er jene Dame zu sehr gelobt, daß er die Primadonna kaum berührt habe.— Dabei bewundere ich die Elastizität des Rezen- senten, der nie um Worte in Verlegenheit ist, ein und dieselbe Kritik in verschiedene Phrasen zu hüllen versteht, und dieses lang- weiligste Geschäft von der Welt unverdrossen jahrelang fortsetzen kann. Sowenig erfteut ich von der Seichtigkeit der Kritiken bin, so muß ich doch das Talent des FabulirenS anerkennen. Ich hatte auf einige Tage neulich die Kritik übernommen, und keiner war ftoher als ich, meine kritischen Utensilien schon nach dem dritten Tage wieder niederlegen zu können. Der Personenkultus ist mir verhaßt, und dieser ist bei allen Kritiken über Theater die Hauptsache. Auf unserer Redaftion erscheinen die Künstler in einem ganz andern Lichte. Jeder kehrt mit mehr oder weniger Ostentation seinen Egoismus heraus, und alle sind enchantirt, wenn man ihnen den„kleinen Gefallen" erweisen will. Ich be- greife nicht den Zauber, mit dem für die meisten Leute Vorzugs- weise die Frauen vom Theater umgeben sind, abgesehen von den Männern, von denen die meisten am Größenwahnsinn leiden. Allerdings ist es begreiflich, daß der Gefühlsmensch eine Ideal- Person, wie sie auf der Bühne dargestellt wird, mit der Person, wie sie im Leben ist, gern identifizirt; aber immerhin zeigt der Enthusiasmus für Theaterpersonen auf einen geringen Bildungs- stand unserer Jugend, welche die wahrhaften Größen, die ein- flußreich auf die Entwickelung des Menschengeschlechts eingewirkt haben, kaum dem Namen nach kennt, es sei denn, es müßte eine oder die andere mit dem Theater im Zusammenhang stehen! Als ich ein Kind noch war, pflegte ich mit Entzücken den Vor- stellungen von Puppentheatern beizuwohnen. Mein Enthusiasmus übertrug sich damals auch auf die Besitzer der Theater, und heute, wo ich mich dessen entsinne, möchte ich behaupten, daß der Kultus der Theaterpersonen in gewissem Sinne die Bethätigung eines kindlichen Zeitalters sei, über das verständige Leute nur lächeln können.(Fortsetzung folgt.) Die Republiken Südamerika's in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. Mar Vogler. (F-rtsetzung.) Obgleich in den folgenden Jahren das Kriegsglück auf beiden Seiten wechselte, blieben jedoch im ganzen die Spanier im Nachtheil. Am 15. Februar 1819 wurde zu Angostura ein Generalkongreh von Venezuela eröffnet, welcher Bolivar zum Oberdirektor dieses Staates mit diktatorischer Gewalt ernannte. Noch im Sommer desselben Jahres vertrieb der Freiheitsheld die Spanier aus Neu-Granada und vereinigte diesen Freistaat und Venezuela zu einer Republik unter dem Nanien Columbia(9. September). Nach einem am 25. November 1820 zu TruMo zwischen Bolivar und Morillo abgeschlossenen Waffenstillstand trat nicht der Friede ein, sondern der Krieg zwischen den Spaniern unter General La Torre und den Republikanern unter Bolivar und Paez begann vielmehr im Mai des folgenden Jahres von neuem. Nachdem die Republikaner am 24. Juni bei Carabolo einen cutschei- dcnden Sieg davongetragen hatten, wurde Bolivar trotz seiner Weige- rung wenige Tage darauf von dem Kongreß Columbia's abermals zum Präsidenten gewählt; er leistete dabei aber auf jedes Gehalt und National- geschenk ausdrücklich Verzicht. Die Peruaner hatten zwar inzwischen ebenfalls ihre Unabhängig- keit erkämpft; dieselbe war jedoch infolge des im Schöße der jungen Republik ausgebrochcnen Parteizwistes wieder in Gefahr, großen Schaden zu erleiden, aus welchem Grunde Bolivar zunächst den General Sucre zu Hülfe schickte, dann aber selbst dem an ihn ergangenen Rufe folgte und am 1. September 1823 mit einem Heere in Lima einzog. Ob- gleich es ihm nicht gelang, die inneren Zwistigkeiten unter seiner Dil- iatur beizulegen, da der Verrath sein abscheuliches Handwerk trieb, so befreite er doch nach der unter Sucre am 9. Dezember 1824 bei Aya- cucho geschlagenen Entscheidungsschlacht das Land gänzlich von der Herrschaft der Spanier. Peru spaltete sich bald daraus in zwei Staaten, von denen sich der eine, Oberpcru, nach der am 6. August 1825 er- folgten Vereinigung der vier Provinzen Charcas(Potosi), La Paz, Cochabamba und Santa Cruz als selbstständiger Freistaat dem„Liber- tador" zu Ehren den Namen Bolivia gab. Für diese Republik ent- warf dann Bolivar im Jahre 1826 eine Verfassung, indem er gleich- zeitig den General Sucre zu ihrem Präsidenten bestellte. Bolivar selbst begab sich hierauf wieder nach Lima, um in den Sitzungen des Kon- greffes das Präsidium zu übernehmen. Die rücksichtslose Energie seines Austretens, die durchaus geboten war, vermehrte die ihm feindlich gegenüberstehenden Parteien und hatte sogar die Anzettelung einer Verschwörung wider ihn zur Folge, die zum Glück rechtzeitig genug entdeckt wurde und für ihn, gleichwie einst die Pichegru-George'sche Verschwörung für Bonaparte, die gute Wirkung hatte, daß man ihn am 19. August des Jahres 1826 zum lebenslänglichen Präsidenten von Peru ernannte. Die letzten Lebensjahre Bolivars brachten leider für ihn mehr Aergernisse und Gefahren mit sich, als man ihm seiner vorhergegange- nen glänzenden Thätigkeit zufolge hätte wünschen mögen; indessen scheint er an manchem Ungemach, das ihn in diesen Jahren traf, selbst einige Schuld zu tragen. Wir berichten der Vollständigkeit halber dar- über das Folgende. Gleich zuerst und sehr bald wurde die„Lebenslänglichkeit" seiner Präsidentschaft in Peru arg in Frage gestellt; denn kaum war er zu Ansang des Jahres 1827 nach Caracas zurückgekehrt, als die von ihm in Lima zurückgelassene Regierung zu Fall gebracht und ein neuer Präfident aus seinen Posten berufen ward. Nicht nur gelang es Bolivar nicht, sich wieder Ansehen zu verschaffen, sondern das Beispiel Peru's fand vielmehr Nachahmung, da der erst vergötterte Held in Columbia die Preßfreiheit unterdrückte und sich auch durch andere Maßregeln in den Verdacht monarchischer Gelüste setzte. Man bezeichnete ihn jetzt selbst als den„Bonaparte Amerika's", so sehr er in Reden und Trink- sprächen gegen den„Usurpator Europa's" auftrat und Washington sortgesetzt als sein Vorbild erklärte. In dieser Lage sandte er, ent- weder gereizt durch die gegen ihn ins Werk gesetzten, vor allein von dem Vizepräsidenten Santander ausgehenden Umtriebe, oder vielleicht auch mit kluger Berechnung, am 8. Februar 1327 von Caracas aus dem Kongreß in Bogota die Erklärung zu,„daß er aus Abscheu gegen alle Usurpation seinem Posten entsage." Jedenfalls hatte diese ent- schieden- Erklärung zur Folge, daß Bolivars Partei wieder oben aus kam und der Kongreß die Vcrzichtleistung auf die Präsidentschaft nicht annahm, sondern ihn vielmehr bat, nach Bogota auf seineu Posten zurückzukehren. Bolivar schenkte dieser Bitte Gehör und wurde durch eine vom 27. August 1828 datirte neue Konstitution mit denselben Machtbefugnissen ausgestattet, wie Napoleon Bonaparte als erster Kon- sul. Das erregte neues Mißtrauen, und Santander leitete abermals eine Verschwörung ein, der Bolivar in der Nacht vom 25. zum 26. September des genannten Jahres beinahe zum Opfer gefallen wäre. Mehrere Theilnehmer an der Verschwörung wurden hingerichtet, wäh- rend Santander und siebzig andere die Strafe der Verbannung traf. Kaum war das vorüber, so erhob sich neuer Widerstand gegen die Herrschaft des so hoch verdienten Mannes; insbesondere sagte ihm die Provinz Venezuela den Gehorsam aus und sprach Ende November 1829 ihre Trennung von der Columbischen Republik aus. Da Bolivar vor allem daran lag, die Zwietracht unter den einzelnen Staaten nicht weiter wncher» zu lassen, so erklärte er gleich bei der Eröffnung des Kongresses zu Bogota am 20. Januar 1830, daß es nun sein aufrich- tiger Wunsch sei, seine Gewalt an einen anderen Präsidenten abzu- geben:„die Republik sei verloren, wenn man darauf bestehe, ihn wie- der zu wählen." Seine Anhänger erhoben lebhafte Einwendungen und der Kongreß sandte Abgeordnete nach Venezuela, um einen Vergleich anzustreben. Die betreffenden Borschlüge wurden aber von Venezuela zurückgewiesen, weshalb Bolivar am 27. April 1830 seine frühere Er- klärung wiederholte und Anstalten traf, sich nach Europa einzuschiffen, um dadurch aufzuhören, der Mittelpunkt der streitenden Parteien zu sein. So selbstlos und nur im Interesse des Ganzen verstand er zu handeln. Seine Partei bemühte sich, ihn von seiner Absicht abzubringen. Die Entscheidung traf ein Mächtigerer als er,— am 10 Dezbr. 1830 schon ereilte ihn auf seinem Landsitze zu San Pedro der Tod. Die letzten Worte, die er sprach, waren:„Eintracht! Eintracht! sonst wird uns die Hyder der Zwietracht verderben!" Bekanntlich ist diese Mah- nung ungehört verhallt, wie die fortwährenden Streitigkeiten und poli- tischen Umwälzungen in fast allen südamerikanischen Staaten, welche bk Geschichte des lausenden Jahrhunderts erzählt, beweisen. Bolivars Andenken ist aber in Ehren geblieben. Schon gleich nach seiner Amts- niederlegung hatte ihm der Kongreß von Bogota im Namen der Co- lumbischen Nation deren Dank feierlich dargebracht und ihm ein Jahr- geld von 30 000 Piastern sl Piaster— 4,33 M.) ausgesetzt; im Jahre 1842 ward aus Beschluß des Kongresses von Neu-Granada die Asche des edlen Befreiers unter großen Feierlichkeiten nach seiner Vaterstadt übergeführt und zu seinem Gedächtniß ein Triumphbogen daselbst er- richtet.(Fortsetzung folgt.) DaS Schimpfen und Fluchen. Schimpfen und Fluchen sind Ausdrücke menschlicher Gemüths- bewegung, welche heutzutage aus der gesitteten Welt verbannt sind. Aber eine Geschichte des Schimpfens und Fluchens umschließt ein großes Stück der Kulturgeschichte. Die Zeit, in welcher am meisten und am abscheulichsten geflucht wurde, war das fromme Mittelalter. In den darauf folgenden Jahrhunderten hallte es kräftig nach und verhallt ist es noch lange nicht. Im Mittelalter fluchte alles, Mann, Weib und Kind, Hoch und Nieder, Geistlich wie Weltlich. Freilich das Mittel- alter konnte sich auf die Bibel berufen, welche ihm manches Vorbild schrecklicher Verfluchungen gegeben. Aus einer Blumenlese führen wir Psalm 137, 9 mit den schrecklichen Wünschen an:„Tochter Babel, wohl dem, der deine jungen Knaben nimmt und zerschmettert sie an einem Stein!" Auch Jereinias fleht zu Gott wider seine Mitbürger, die ihn wegen seines Dringens auf Unterwerfung unter Babel für einen Landes- verräther hielten, Kap. 18:„So strafe nun ihre Kinder mit Hunger, und laß sie in das Schwert fallen, daß ihre Weiber ohne Kinder und Wittwen seien und ihre Männer zu Tode geschlagen und ihre Mann- schaft im Streit durch das Schwert erwürgt werde." Man darf jedoch nicht glauben, daß die Priester der Juden allein im Altcrthume fluchten. Uebcrall, wo Priesterkasten bestanden, deren Hauptziel die Erhaltung ihres Einflusses, ihrer Vorrechte war, wurde der Fluch als Waffe ge- braucht, um das Volk in Ergebenheit und Gehorsam zu erhalten. Die Verfluchungen der christlichen Kirche sind in der Form eine Nachahmung der jüdischen. Letzteres läßt sich allerdings nicht von einem merkwür- digcn historischen Fluche sagen, der von der höchsten Person der christ- lichen Kirche ausging. Der alte Pauli berichtet ihn in seiner Schrift: „Schinips und Ernst" schon vor 300 Jahren. Als im Jahre 1512 die Franzosen bei Ravenna über die sogenannte heilige Liga gesiegt hatten, deren Urheber Papst Julius II. war, rief letzterer unwillig aus, als er die Nachricht erhielt:„Ei nun, Herrgott, so sei französisch in aller Teufel Namen!" Andererseits aber erklärte die Kirche sich auch gegen das Fluchen, Schwören und Lästern, und dasselbe that die weltliche Macht, aber ohne Erfolg. Mehrere Könige und Prälaten gaben strenge Gesetze dagegen. Philipp August von Frankreich verfügte, daß der angeklagte Flucher den Armen zwanzig Schillinge bezahle oder ins Wasser geworfen werde. Ludwig IX., der Heilige, erweiterte nicht nur diese Bestimmungen, sondern besaht auch, daß sie in allen Städten und in allen Landschaften der Basallen zur Anwendung kommen sollten. Nach einer Vorschrift des römijch-deutschen Kaisers Richard(13. Jahrh.) mußte jeder, der sich durch Zorn zum Fluchen hinreiße» ließ, einen Schilling Strafe bezahlen; im Wiederholungsfalle wurde er strenger, ja selbst körperlich gezüchtigt. Noch ernstlicher verfuhr man gegen die, welche Gott, Christum oder die heilige Jungfrau lästerten. In Pavia wurden solche in einen Weidenkorb gesteckt, der an einer langen Stange hing und in die Höhe gehoben und niedergelassen werden konnte wie ein Fischnetz. Der Uebelthätcr im Korbe'wurde, je nach Maßgabe eines größeren oder geringeren Vergehens, mehr oder weniger oft von der Brücke in den Fluß getaucht. Wir wissen nicht, welchem wir unter den fluchenden Völkern Europa's die Palme geben sollen, neigen uns indessen dazu, den Magyaren diese zweifelhafte Ehre anzuthun. Ganz gewiß besitzen diese die fürchterlichsten oder besser die abscheulichsten Flüche. Unter den nicht wenig fluchenden romanischen Nationen, den Italienern, Franzosen und Spaniern, stehen letztere wohl in erster Reihe, und ihr Fluchen ist nur durch den Umfang ihrer anatomischen, geographischen, astronomischen und religiösen Kenntnisse beschränkt. „?er vida del demonio, mas sabe Usia que nosostros."„Beim Leben des Teufels, Ihre Gnaden weiß mehr als wir," ist eine alltäg- liche Form eines Komplimentes. Der große Fluch von Spanien kann nicht leicht geschrieben noch ausgesprochen werden. In Wirklichkeit bildet er den Grundstoff der Sprache der niederen Klasse. Die spani- schen Flüche sind sowohl orientalischen, als christlichen Ursprungs, dabei meist höchst sinnlich uud wollüstig. Flüche germanischen Urwrungs finden sich in der im vorigen Jahrhundert veröffentlichten Schrift des Franzosen Brantüme„Sennont espagnol" nicht vor. Zu den größ- ten Fluchern der germanischen Völkersamilie gehören wohl die Holländer. Karl Heinzen hat in seiner„Reise nach Batavia" eine Sammlung holländischer Matrosenflüche gegeben, die in Kraft und Mannichsaltigkeit die höchste Virtuosität erreichen.„Der Holländer"— sagt Heinzen— „kann die Stiefel nicht an- und ausziehen, nicht frühstücken, ehe ihn Gott schon unzählige male verdammt hat. Gott muß ihn verdammen, wenn er seine Frau küßt, sowie wenn er sie prügelt." Der Engländer ist, wie sein holländischer Vetter, ein guter Flucher, und Teufel, Hölle und Verdammniß spielen in seinen Flüchen die Hauptrolle. Im Flu- chen aber hat die höhere Schichte der englichen Gesellschaft eine merk- würdige Umwandlung erfahren. Es ist noch nicht lange her, daß der englische Gentleman einer der größten Fluch« der Welt war. Er hieß in Frankreich und Deutschland nur ein„Goddam". Erschien er auf der Bühne eines kontinentalen Theaters, so hatte er in der Regel fast nichts als„Goddam"(dawu) zu sagen. Wie durch Strafen suchte man auch aus andere Weise dem Fluchen entgegenzuwirken. Im Jahre 1700 bildeten Personen von Rang eine Gesellschaft zur Verbesserung der Sitten in England. Vorlesungen und Predigten wurden zu diesem Zweck veranstaltet.„Dies"— sagt John Evelyn—„fing bald an zu lvirken, was das allgemeine Fluchen und Schwören ini Munde des Volkes jeden Ranges betrifft." Jedenfalls war aber die Wirkung von kurzer Dauer. Im 18. Jahrhundert wurde noch viel geflucht, wie der Historiker Archenholz zeigt, welcher ein sehr interessantes und wahrheits- getreues Werk über England geschrieben hat. Der deutsche Reisende Moritz, der 1782 England besuchte und eine Beschreibung der Reise herausgab, befand sich in Oxford in einer Kneipe, genannt The Mitre, in Gesellschaft stark bechernder geistlicher Professoren. Als der Tag herannahte, rief einer von ihnen:„Gott verdamm mich! Ich muß diesen Morgen in der Allerheiligenkirche die Gebete lesen." Dieser Ausruf, meint der liebenswürdige Moritz, sei in England sehr unschul- dig und heiße eigentlich nicht mehr als: o Jemine! Im Grunde hatte der gute Mann recht, da sich der Fluchende beim ersten Ausrufe so wenig dachte als beim letzten. Verschwunden ist das Fluchen noch lange nicht, selbst in den besseren Klassen; aber es hat in hohem Grade ab- genommen, und in wirklich gebildeter Gesellschaft ist nur noch selten ein Fluchausdruck zu hören. Wenn man bedenkt, wie früher die Höch- sten im Staate fluchten, wie selbst die gestrenge Königin Elisabeth von England fluchte und ihre Lieblingsflüche hatte, unter andern„'s death!" (b. h.„God's death", Gottes Tod), wie bei Shakespeare schrecklich ge- flucht wird, so ist diese Umwandlung jedenfalls erstaunlich. Die meisten der älteren, jetzt veralteten und der modernen Flüche der Engländer sind christlich-religiösen Ursprungs und waren ehedem religiöse Betheue- rungen, die im Verlaufe der Zeit entstellt und zu profanen Flüchen wurden. In England waren die Strafen gegen das Fluchen sehr ver- schieden« Art. Die Strafen des Mittelalters waren oft streng, selbst grausam, doch auch sinnreich, ja komisch, besonders die gegen das Lä- stcrn, worauf Schandsteintragen gesetzt war. Eine sehr allgemein übliche Bestrafung war das Anbinden der Flucher an den Hintertheil eines Karrens und durchpeitschen durch den Büttel. Im vorigen Jahrhun- dert wurden nur Geldstrafen verhängt. Und diese Strasen für das Fluchen bestehen in England gesetzlich heute noch. Aber trotzdem die- selben fast in Vergessenheit gcrathen sind, werden sie bisweilen auf- gefrischt. Ein Richter kann sich nicht weigern, eine Person zu strafen, wenn ein Kläger beweist, daß sie der Strafe verfallen ist. Die Geld- strafe beträgt fünf Schilling für einen Gentleman und zwei Schilling für einen Mann von niederer Stellung. Der Deutsche steht seinen ger- manischen Vettern durchaus nicht nach. Allerdings hat auch er sich verfeinert, und wenn man die Zahl und Abscheulichkeit alter Flüche betrachtet, die vor zweihundert Jahren noch gebräuchlich waren, so hat er außerordentlich große Fortschritte in diesem Punkte gemacht. Viele der mittelalterlichen Flüche, die wir bei alten Autoren finden und von denen Geiler von Kaisersberg in seiner Schrift„Sünden des Mundes" Beispiele anführt, lassen sich nicht einmal mehr ansühren. Agricola und Johannes Weier führen arge Klage gegen die Fluchsucht ihrer Landsleute. Die alten Deutschen, gerade wie andere Völker, schrieben den Flüchen und Verwünschungen eine besondere Kraft zu. Die mittel- hochdeutschen Dichter sagten:„tiefe fluochen",„swiudc fluochen", „zorniluoch".„Ich brach des fluoches herteu Kiesel", deutet die Gewalt des Fluches an. Der nüchtern vernommene Fluch wirkte am heftigsten. Die Wildheit und Stärke des Fluchens wird durch ver- schiedene derbe Wendungeu ausgedrückt.„Er fluchte, daß es grausam war."„Er Hub ein Gefluch und Schelten an, daß kein Wund«, das Schloß wäre versunken."„Fluchen, daß es Steine gegen Himmel sprengt."„Er schwur, daß sich der Himmel möchte bücken."„Fluchen, daß es donnern möchte, fluchen, daß die Balken krachen."„Schwören, daß die Kröten hüpfen."„Es regnet und schneit alles von Sakramenten und Flüchen."„Er flucht dem Teufel ein Bein weg und das linke Horn vom Kops."„Er flucht ihm die Nase aus dem Gesicht." Das sind die kräftigsten Aussprüche mittelalterlicher Derbheit, welche wir Schaible's Schrift„Deutsche Stich- und Hiebworte" entlehnt haben. Wie schon oben angedeutet, war der Fluch eine vielgebrauchte Waffe in der Rüstkamnier der Kirche. Die Verwünschungen, die Gott als fluchenden, verderbenden anrusen, sind die seierlichsten und wurden durch die Werke des Wolfram von Eschinbach. Walther von der Bogel- weide u. a. der Nachwelt vermittelt. Wie der Leser aus der Blumen- lese der Verwünschungen, die der ersten Blüthezeit der deutschen Lite- ratur angehören, ersieht, geben sie in der Grausamkeit den alttestamen- tarischen nichts nach. Unter anderen heißt es dort: Daz ez got ver- waze(verfluche)! S6 si ich verwäsen vor gotes ougen! Daz in got von himele immer gehoene! Daz dich gotes kraft sehende! Got sende an minen leiden(verhaßten) man den tot, daz ich von den ülven(Tölpel) werde entbunden(erlöst)! Swer des schuldig si, den velle got und nem im al sin ere!— Nach Gott kommt der Teufel in zahlreichen Flüchen, die uns in alten Gerichtsakten ausbewahrt worden sind, vor. Man schwört bei Teufels Namen und Ehre, man wünscht einen in des Teufels Hand, Geleite, man wünscht den Teufel in Mund, Rachen u. s. w. Auch Thierflüche sind häufig. Der wilde Bär soll einen kratzen, die Wölfe sollen ihn fressen oder nagen, die Geier, Raben und anderes Gevögel soll ihm die Augen aushacken. Man wünscht einem den Butz auf den Leib, man verflucht in finstere Wälder, Bäche, tiefe Seen und Meere.— Diese Betrachtung über die Geschichte des Fluchens und Schimpfens gibt uns kein besonders lichtes Bild jener so oft gepriesenen guten, alten Zeilen. Aber unver kennbar zeigt sich auch in solchen Schattenseiten menschlichen Gemüths- lebens die elastische Federkraft des Menschengeistes, seine, fast möchte man sagen, geniale Fertigkeit, das Alte in ewig wechselnde neue Formen und Gewänder umzukleiden.?)• Ausstellung der Drechsler und Bildschnitzer Deutschlands und Oesterreich-UngarnS zu Leipzig. I. Am 19. März wurde hier die genannte Ausstellung mit dem üblichen Festaktus eröffnet. Sie zerfällt in 7 Gruppen, von denen nach dem Katalog die erste fertige Drechsler- und Bildschnitzerarbeiten in den verschiedensten Materialen mit 228 Nummern, die zweite Bestandtheile zur Verwendung für fer- tige Arbeiten mit 19 Nummern, die dritte Maschinen, Werkzeuge und Schauwerkstätten mit 23 Ziummern, die vierte Rohprodukte mit 13 Nummern, die fünfte Rohprodutte und Hülssmaterialien mit 12 Num- mern, die sechste Unterrichtsgegenstände mit 17 Nummern und die siebente alte Facharbeiten, d. h. solche aus ftühercn Jahrhunderten, mit 19 Nummern enthält. Sieht man von der letzten Gruppe ab, so blei- ben 393 Nummern resp. Aussteller, gewiß eine geringe Zahl, wenn man das umfangreiche Ausstellungsgebiet in Betracht zieht. Die un- günstigen Gcschäftsverhältnisse einerseits und die vielen Provinzial- geWerbeausstellungen andererseits kann man wohl als Hauptgrund für diese schwache Betheiligung annehmen. Immerhin ist aber doch die Thatsache, daß man neuerdings trotz der mannichfachen Hinderniffe weder Mühe noch Opfer scheut, um den Sinn für die Veredelung des Gewerbes zu fördern, sehr anerkennenswerth. Gelegenheit zum Lernen bietet den Fachgenossen im besondern wie dem Publikum im allgemeinen auch die Ausstellung, welche weniger umfangreich ist und von der hier in Frage kommenden kann nian dies mit aller Bestimmtheit behaupten. Dies ist duch für mich die Veranlassung, den Lesern dieser Blätter in möglichster Kürze ein Bild von dem zu geben, was menschliche Geschick- lichkeit bei der Herstellung der Produkte geleistet, die in der vor nun- mehr einem Jahre zur Ausnahme der allgemeinen Kunstgewerbeaus- stellung für Sachsen und Thüringen bestimmten Ausstellungshalle auf dem Königsplatze von„Klein-Paris" täglich der allgemeinen Ansicht und Beurthcilung harren. Um eine spezielle Aufführung aller sich vor- findenden Gegenstände kann es sich dabei schon aus Rücksicht aus den Charakter der„Neuen Welt" nicht handeln— diese Ausgabe erfüllt die Tagespresse zur Genüge— vielleicht dürfte eine Besprechung der besten Arbeiten nebst einer Kritik der sich auch hier vorfindenden vielen Stil- und Geschmacklosigkeiten vollständig genügen. Leider benützt oder um- gibt sich der weitaus größte Theil der Menschen in unserer„auf- geklärten Zeit" nur allzu oft mit Erzeugnissen des Kunstgewerbes, die man wohl für schön hält, obgleich sie im Grunde nichts weniger als schön sind und oft sogar für weiter nichts als eine gedanken- und sinn- lose Spielerei gelten können. Die Förderung des guten Geschmacks sollte man deshalb bei keiner Gelegenheit versäumen. In erster Linie muß aber der Sinn für das Schöne im Produzenten geweckt und ver- seinert werden. Unstreitig ist es daher erfreulich, auch auf dieser Ausstellung wahrzunehmen, wie man immermehr zu begreifen anfängt, daß die Erziehung tüchtiger Arbeitskräfte mit die erste Bedingung für die Hebung der Gewerbe ist. Nicht der Stock oder sonstige zünstlerische Zuchtmittel schaffen den tüchtigen Arbeiter, sondern die Gelegenheit, sich in seinem Fache auszubilden, also gute Lehrmittel, befähigte Lehrer, mit einem Wort: der heutigen Kultur entsprechende gewerbliche Bil- dungsanstalten. Die wiener Drechslergenosscnschast, 1598 Mitglieder (selbständige Meister) mit 6999 Gehülsen und 3599 Lehrlingen zäh- lend, hat dies längst begriffen, wie die Ausstellung ihrer Fachschule Zeigt. In dem Bericht über die Entstehung dieses Instituts wird mit vollem Recht angeführt, wie die durch bedeutendere Leistungen des Auslandes gewachsene Konkurrenz und die gesteigerte Theilung der Ar- beit eine vielseitige Ausbildung der Berufsgenossen auf dem alten Wege unmöglich machten und wie den daraus entstehenden nachtheiligen Folgen in erster Linie durch eine gute Erziehung der heranwachsenden Glieder des Berufs in der Fachschule entgegengearbeitet werden könne. Aus den Mitteln der Genossenschast gegründet, durch Schenkungen ein- zelncr Mitglieder und Subventionen des Staates unterstützt, trat die Schule am 4. Oktober 1874 ins Leben und die von ihr ausgestellten Schülerarbeiten zeigen nur zu deutlich, was man durch gemeinschast- liches Schaffen zu erreichen im Stande ist. Bedeutend übertroffen wird diese Anstalt aber von einem Schwesterinstitut: der Großherzoglich badischen Schnitzschule zu Furtwangen. Diese bringt eine große Kol- lektion von Modellen in Gyps und Wachs, Schnitzereien von Orna- menten und kunstgewerblichen Gegenständen, wie Uhrgehäusen, Uhr- schilder, Schmuckkästchen, Albumdeckel u. dgl. und eine große Anzahl Freihandzeichnungen nebst einem Hest Formenlehre. Alle genannten Sachen sind mehr oder minder vortrefflich ausgeführt und an der feinen Empfindung, mit welcher beispielsweise die Ornamentik behandelt ist, ersieht man die vortteffliche Leitung der Anstalt. Dabei sind die aus- gestellten Arbeiten nach der Versicherung der Aussteller von Schülern angefertigt, welche vor dem Besuch der Anstalt sick gar nicht mit der Schnitzerei beschäftigten. Gegründet wurde die Schule 1877 und am 1. Mai desselben Jahres eröffnet. Sie zählt jetzt 12 Schüler und hatte im ganzen bis jetzt 19 Theilnehmer. Der Aelteste war bei seinem Eintritt 22, der Jüngste 19 Jahr alt. Leider läßt sich aus dem ge- gebenen Bericht nicht genau ersehen, von welcher Dauer der längste Kursus war, erst daraus ließe sich noch bestimmter aus die Leistungs- sähigkeit der Schule schließen. Die Schüler zahlen ein vom badischen Handelsniinisterium zu bestimmendes Schulgeld pro Semester— der Betrag ist leider nicht angegeben—, im Unvermögenssalle wird aber auch der Unterricht unentgeltlich ertheilt und dem Schüler auch sonst noch Unterstützung zu Theil. Die Kreise Freiburg i. B. und Villingen leisten Beiträge, während die Gemeinde Furtwangen die Lokalitäten stellt und für die Heizung derselben aufzukommen hat. Schüler, welche die Gewerbeschule noch nicht mit gutem Erfolge besucht haben, sind verpflichtet, an dem Unterricht derselben mit Ausschluß des Zeichnens theilzunehmen. Wir können nur wiederholen, daß die Leistungen der Schule vortrefflich sind und allen ähnlichen Anstalten zur Nacheiferung dienen können. Fr. Nauert. Wie letzten«Srüße. (Hierzu die Illustration Seite 36«— 6S.) Horch, Bill, er schießt— wie es lustig knallt, Wenn dein Herr das Wild erlegt im Wald! Dich ließ er, du Treuer, zum Schutze mir,— Wohl loht auch das Feuer der Jagd in dir, Doch weißt du, was Pflicht ist, und harrst bei mir aus, Gefährte des Jägers und Wächter im Haus. Nun schießt er aufs neue,— der Büchse Knall, Erkennen wir beide in jeglichem Fall. Doch jetzt— knallt's entgegen,— wie Antwort daraus, Das kam allerwegen aus wildfremdem Laus! Was ist's, daß ich bebe!?— Hilf Himmel, ist's wahr? Dir zittern die Glieder, dir sträubt sich das Haar! Dann war es ein Unglück— Bill, treucster Hund— Jetzt such', wo dein Herr ist, und thu' es mir kund. Wir müssen es wissen, was eben geschehn— Wir müssen, wir müssen den Theucrsten sehn-- So jagten die beiden durch Feld und durch Wald, Und den, den sie suchten, den fanden sie bald. Er hatte gar fröhlich gejagt in dem Wald, Jetzt lag er im Riedgras, die Hände geballt; Aus klaffender Wunde strömt purpurn das Blut, O schaurige Stunde, wie traf er ihn gut! Tort drunten der Wildschütz, der droht' ihm den Tod, Drum schoß er ihn nieder— er that's in der Roth! Doch che den fällte der Todesschmerz, Jagt er noch dem Feinde die Kugel ins Herz. So knallten die Schüsse Schlag auf Schlag, Die letzten Grüße am letzten Tag.-- Des Jägers Hund und des Jägers Weib, Sie brachen zusammen vor seinem Leib. Maximilian Dittrich. Die Knotellschrift. Das merkwürdigste Schristsystem, das je gebraucht worden ist, ist wohl die Knotenschrift, die am verbreitctsten in der jetzigen südamerikanischen Republik Peru gewesen ist zu den Zeiten, als die Jnkas dort herrschten(bis zum 16. Jahrh.). Noch , heute aber ist der Gebrauch der geknüpften Schnüre(Ouipu) bei den Hirten der Purin— der kalten Hochebenen in Peru— zu Hause. Die Knoten heißen Quipu— gleichbedeutend mit„knüpfen". Der berühmte Reisende Tschudi hat in Peru viele solcher Schnüre ausgegraben und sich die Bedeutung der noch jetzt in Gebrauch befindlichen Quipn von den Hirten erklären lassen. Er beschreibt dieselben in folgender Weise: Die Quipu bestehen aus einem Hauptstrang, an den verschiedene Zweige geknüpft sind. Auf den ersten Zweig setzen sie gewöhnlich die Stiere (soll heißen: die Knoten, welche die Zahl der Stiere angeben), auf den zweiten die Kühe, diese theilen sie wieder in solche, die Milch geben, und in Kühe, die nicht gemelkt werden, die folgenden Zweige enthalten die Kälber nach Art und Geschlecht, dann kommen die Schafe in meh- reren Unterabtheilungen, die Zahl der getödteten Füchse, die Menge des verbrauchten Salzes und zuletzt das gesallene Vieh. Auf anderen Quipu steht der Ertrag der Heerden an Milch, Käse, Wolle u. s. s. Jede Rubrik wird durch eine eigene Farbe oder durch eine in beson- derer Weise gedrehte Schnur angezeigt. Auf die näniliche Weise wurden in früheren Zeiten die Kriegsheere gezählt; auf eine Schnur wurden die Soldaten mit Steinschleudern, auf eine andere die mit Speeren, auf eine dritte die Keulenträger mit ihren Ober- und Unteroffizieren gesetzt; ebenso wurden die Schlachtenberichte abgefaßt. Von den Farben galten: roth für Soldaten, gelb für Gold, weiß für Silber, Grün für Getreide. Jeder einfache Knoten bezeichnete zehn, jeder doppelt verschlungene hundert, jeder dreifache tausend; zwei einfache Knoten nebeneinander bedeutete zwanzig. Die Entfernung der Knoten vom Stamme war von größter Wichtigkeit, ebenso die Aufeinanderfolge der einzelnen Zweige, denn die Hauptgegenständc wurden an die ersten Zweige und in die Nähe der Querschnur gesetzt, und so in absteigender Folge. In jeder Stadt waren einige eigens bestimmte Männer, um die Quipu zu zu knüpfen und zu erklären, sie hießen Knotenbeamte. So ungenügend diese Schrift war, so hatten doch während der Blüthe des Jnkareiches die bestellten Schriftsteller eine sehr große Fertigkeit im Enträthseln der Knoten, aber es gelang ihnen nur selten, einen Quipu ohne münd- lichen Kommentar zu lesen, es mußte immer, wenn er aus einer fernen Provinz kam, beigefügt werden, ob er sich auf Volkszählungen, Tribute, Kriege u. s. w. beziehe.— Als eng verwandt mit diesen Quipu führt Faulmann in seiner„illustrirten Geschichte der Schrift" die Muschel- gürtel der nordamerikanischen Indianer an. Dieselben bestehen aus verschiedenfarbigen und ebenso verschiedendeutigen Muschelschalen(Wam- pum), die in kleine oval geschliffene Stücke gespalten sind, und die an dünne Lederriemen, Draht oder an Faden angereiht wurden. Die Stämme sendeten einander solche Wampumgürtel zu und gaben mit- tels derselben öffentliche Erklärungen ab, resp. beglaubigten damit die Worte eines Abgesandten. Wie Wuttke in der„Geschichte der Schrift und des Schristthums" berichtet, wurden derartig geschliffene und zum Zwecke des Aneinanderreihens durchbohrte Muschelschalen auch in dem urweltlichen Boden Frankreichs ausgefunden, ein Beweis, daß solche Muschelschnüre einst auch in Europa heimisch waren. Nicht unwahr- scheinlich, daß der Knoten, den noch heutzutage hier zu Lande der Bauer in sein Taschentuch knüpft, wenn er an irgend einen Gegenstand sich erinnern will, mit den uralten geknüpften Schnüren in irgend einer Verbindung steht. Aehnlich verhält es sich vielleicht noch mit der Eni- stehung des Wortes„Richtschnur".-z- Sprechsaal für jedermann. Auch ein„Banern-Philosoph". Man möchte vermuthen, daß eine Erscheinung wie Conrad Deubler, dessen wohlgelungene Skizzirung die Nrn. S— 12 dieser Zeitschrist brachten, als alleinstehende und einzige in ihrer Art, als Ausnahme zu betrachten ist. Dem ist aber nicht so. Dem Einsender ist in einem Dorfe des Harzes ein Landmann bekannt, welcher mit Deubler in geistiger Beziehung sehr nahe verwandt ist. Derselbe hat durchaus keine Schulbildung genossen, sich aber, von seinem Wissensdrang getrieben, durch Selbstunterricht fast philosophisch durch- gebildet. Er ist, wie Deubler, Anhänger der monistischen Weltanschau- ung, die er aus verschiedenen Werken moderner Naturforscher und Philosophen(Höckel, Darwin, Wislicenus) kennen und schätzen gelernt hat. Den Grundsatz Madame de Staels:„Alles verstehen, heißt alles verzeihen", hat er, wie jener, auch zu dem seinigen gemacht; er besitzt einen festen Charakter, fürchtet nichts, erklärt sich die täglichen Erschei- nungen aus dem Nothwendigkeitsprinzip, dem„Kampf ums Dasein", „Zuchtwahl", kurz, er sucht und findet für alles natürliche Gründe und Ursachen. Es wird zwar von den Bewohnern seines Dorfes mancherlei über ihn und seine Religion gefaselt, weil er die Kirche nicht besucht; aber er wird von ihnen, wie kein zweiter, wegen seiner liebreichen Tugenden, geachtet und geehrt. In seinen landwirthschaftlichen Ein- j richtungen schließt er sich stets, was heute erst wenige Landbewohner ! thun, den neuesten Forschungen der bezüglichen Wissenschaften an: die Physik und(Agricultur-)Chemie betreibt er praktisch in Feld und Haus und steht sich wohl dabei. Dies beweist wiederum, daß„Bauer" und [„Philosophie" keine so unreimbaren Begriffe sind. Gerade durch die Vermählung der Theorie mit der Praxis im Leben und Treiben aller Menschen kann sich die Menschheit erst zu wahrhaft segensreichem Wirken emporarbeiten. Siego Heil. Alls alle» Winkeln der Zeitliteratnr. Augenschädigung in Kindergärten und Schulen durch enge Halskragen. In einem Vortrage in der medicin.-chirurgischen Gesellschaft des Kantons Zürich tadelte ein Arzt den massenhaften Ge- brauch von fein bemalten und gezeichneten Spielwaaren in der Kinder- stube, gleichwie das viel zu anhaltende Arbeiten in Elementarschulen und Kindergärten, weil dadurch die Augen der Kinder übermäßig angestrengt und zu dem schädlichen Nahesehen veranlaßt würden. Zeichnen und Stickerei sollte bei kleinen Kindern am liebsten ganz untersagt werden. — Eine andere Gefahr für die Augen bilden nach den vielfältigen Ersah- rungen des hochangesehenen breslauer Augenarztes Prof. Förster die engen Halskragen, welche durch ihre störende Wirkung aus den Blut- kreislauf dauernden Druck in den Augen und gefährliche Entzündungen derselben veranlassen können. xz. Eine Hanptursache der Lungenschwindsucht bildet die fort- gesetzte Einathmung von Staub. Nach den statistischen Auszeichnungen des Prof. Hirth litten von 1000 erkrankten Arbeitern 553 an Lungenschwindsucht und von diesen waren 260 dauernd der Einathmung von organischem Staub, 170 der von unorganischem, nur 13 der von Kohlenstaub ausgesetzt gewesen, während 110 von Berufswegen gar nicht Staub zu athmen hatten. Danach zeigt sich die Staubeinath- mung im allgemeinen als sehr schädlich, nur die des Kohlenstaubes dürfte der Lunge nicht schädlich sein, wenn nicht gar diejenigen recht haben, welche Kohlenstaubinhalationen als nützlich für die Lungenkranken und schädlich für die Schwindsucht halten. xz. Warmes Wasser umsonst zu haben. Zwei kostenfreie Wärme- quellen, welche bis in neueste Zeit gar nicht und auch heute noch nicht zum hundertsten Theile so ausgebeutet werden, wie sie ausgebeutet werden können, sind die Exkremente von Menschen und Thieren und der Rauch des Küchenfeuers. Die Exkremente entwickeln bei der Sah- rung eine so bedeutende Wärme, daß man sie z. B. zum Erhitzen von Wasser zu Bad- und Waschzwecken ausgezeichnet zu benutzen vermag. Während des Winters von 78 aus 79 hat man in französischen Kaval- leriekasernen mehrfache derartige Versuche gemacht. Man umgab eine Anzahl Glasballons, etwa wie sie zum Transport von Schwefelsäure benutzt werden, auf allen Seiten mit Dünger und ließ nur den Ballon- hals frei. Vorher hatte man die Ballons, welche 100 Liter fassen, ganz mit Wasser gefüllt und mittels eines Stöpsels verschlossen, durch den ein mit einem Hahn verschließbares Kautschukrohr hindurchgesührt war. 24 Stunden nach der Verhüllung der Ballons mit dem Dünger war die Temperatur des Wassers auf+ 28—30 Grad Celsius gestiegen, 4 Stunden später betrug sie 40—45 Grad, nach 3 Tagen 49—50 Grad, nach 4 Tagen 56 Grad, nach 6 Tagen 65—70 Grad Celsius. 12 bis 15 Tage lang lieferte ein und dasselbe Düngerquantum gc- nügende Wärme, dann mußte es durch ein frisches abegelöst werden. Bei dem 31. französischen Dragonerregiment gewann man auf diese Weise täglich 500 Liter Wasser von 40 Grad Celsius. Die Versuche werden in Kavalleriekasernen ausgeführt, weil dort nicht nur viel mehr Dünger produzirt wird, sondern auch deswegen, weil die den Haupt- theil des Kavalleriekasernendüngers bildenden Pferdeexkremente bei der Gährung mehr Wärme entwickeln, als andrer Dünger.— Nicht minder unbenutzt als die Düngerwärme ist bislang gemeinhin die Rauchwärme geblieben. Man bringt unmittelbar in der Esse einen Wasserbehälter an, dessen Inhalt bei Bereitung einer jeden Mahlzeit von der sonst völlig verlorengehenden Rauchwärme derart erhitzt wird, daß er z. B. zu warmen Bädern sehr gut zu gebrauchen ist. Mit Hülse geeigneter Rohre kann man zu gleicher Zeit auch die Zimmcrlust zu angenehmer Wohn- und Badetemperatur erwärmen. Versuche ergaben beim Ver- brauch von 20 Kilogr. Kohle ein Bad von 42 Grad Celsius. Man empfiehlt bei Neubauten solche Zimmer, welche sich zu Bade- und Kinder- stuben eignen sollen, an der Ofenwand der Küche anzulegen und in diese Wand ein Bassin zur Waffererwärmung einzulassen, welches dann täglich ein- oder mehreremale kostenfrei größere Quantitäten warmen Wassers liefern würde. xz. Inhalt. Ein verlorner Mann, von Hermann Hirschseld(Fortsetzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B...... (Fortsetzung).— Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes, von Dr. Eduard Reich(V. Bekleidung und Betten).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Die Republiken Südamerikas in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. M. Vogler (Fortsetzung).— Das Schimpfen und Fluchen.— Ausstellung der Drechsler und Bildschnitzer Deutschlands und Oesterreich-Ungarns zu Leipzig. I.— Die letzten Grüße, Gedicht von M. Dittrich(mit Illustration).— Die Knotenschrist.— Sprechsaal für jedermann.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 1.2. II. Druck und Verlag der Genossepschastsbuchdruckerei zu Leipzig.