Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. X» 32- Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Ein nerlarner Mann. Von Hermann Kirschleld. (Schluß.) Entsetzt wich Melanie von mir zurück.—„Großer Gott, Waldenau, Freund,— was du sprichst, ist entsetzlich. Du bist the Ni in einem Zustand, der an Raserei grenzt. Um alles, was dir euer und heilig ist, beruhige dich. Ich verstehe keine Silbe. ichts weiß, nichts begreife ich, als daß ein Mord ans unserm Eigenthum geschehen, ein Mord, der nach Gerechtigkeit schreit." „Vielleicht in den Augen der Welt, nicht in den meinen. Bei mir schrie die Gerechtigkeit nach dem Morde." „Waldenau,"— krampfhaft faßte Melanie ineine Schulter,— „Waldenau, man nannte den Namen des schwarzen Wolf, man schrieb die Frevelthat einem Streich des Verworfenen zu—" „Wolf ist unschuldig. Der Mörder Frankenthals bin ich,— Kaspar Ehrenfried Waldenau." Ich sah die furchtbare Anstrengung, mit der Melanie den Aufschrei unterdrückte, der sich ihrer Brust zu entwinden drohte. „Du!" sagte sie dann ganz leise,— nach in die Ewigkeit wird dieser Laut mir tönen.„Du hast Frankenthal gemordet? Waldenau, Waldenau, komme zu dir!" Sie legte beide Arme um meinen Nacken, dann ihre Hand auf meine Stirn; das Entsetzen über die That schien die Angst für mich zu überwiegen,— Melanie hielt mich für geistesgestört. „Waldenau, Waldenau! Todte können wir nicht ins Leben zurückrufen, aber Lebende uns erhalten; die Nacht, die ihren klaren Geist bedroht, zu verscheuchen, gelingt oft der sorgenden Freundschaft, Waldenau, mein Freund, mein Gatte, komm' zu dir!"— v>> o Ich riß mich los. �„Du hältst mich für wahnsinnig,— ich bin es nicht, noch nicht. Mit vollem Bewußtsein sprach, mit vollem Bewußtsein handelte ich." „Nein, Fieberwahn verwirrt deinen klaren Sinn, das Furcht- bare, Unerwartete überwältigt dein edles Herz.— Du nennst Frankenthal, den harmlosen Mann, besinne dich, einen Schänder deiner Ehre, � dich, den Friedlichen, dessen Wandel ein Begriff der Ehre, einen Mörder! Laß uns zusammen unsere Faffnng bewahren, zusammen überlegen und m erster Reihe forschen: welcher Grund führte den Mann zu nächtlicher Stunde in unser Eigenthum?" „Melanie!" schrie ich auf. Wie ein Nebel legte es sich vor meinen Augen, ich taumelte wie ein Trunkener.„Das fragst du. was Frankenthal hier zu suchen hatte?" »Das frage ich,— wie sollte ich eine Ahnung haben?" „Nicht diese Ruhe, Melanie. Entweder ein Engel des Himmels bist du an Reinheit oder ein Dämon, vor dem selbst die Teufel der Hölle bebend zurückweichen. Aber nein, nicht eines, nicht das andere,— ich vergesse die Komödiantin, aber der täppische Alte des Kasinoabends sah ins Textbuch und begnügte sich nicht mit der ihni zugetheilten Rolle. Melanie, ich habe den Brief gelesen, den er an dich gerichtet, der draußen in seinem Blute liegt, ein stiller, todter Mann." „Der Todte hätte mir geschrieben?— Heilige des Himmels, ich ahne Entsetzliches,— ich soll-- Waldenau, wen glaubst du das Opfer des ftevelhastesten der Morde? Sieh nicht so bleich, Mann, plötzlich;— zittere nicht so,— ins Auge sieh mir und antworte." Meine Zähne klapperten, meine Zunge stammelte:„Franken- thal,— Oswald Frankenthal." „Unseliger,— es ist sein Vater!" Kein Wort sprach ich, aber in meinen Zücjen mochte sie's lesen;— weit floh sie von mir hinweg. Wie ein Hauch kam es flüsternd von ihren Lippen, und doch hallte schrill icder Laut in meiner Brust wieder. „Es beginnt zu tagen. Eifersucht verblendete dich; irgendeine schändliche Mitthcilung benachrichtigte dich, daß ein Frankenthal zu später Stunde nach Haineck komme,— Waldenau, bejammerns- werther Mann, mit einem Mord belastest du dein graues Haupt, dein Alter?" „Melanie, um dich, um dich; weil ich dich liebe, liebe, mit jeder Faser meines Herzens dir angekettet. Ich glaubte mich einer elenden Jntrigue Opfer;— Melanie, verwirf, verwirf mich nicht,— nicht diesen entsetzlichen Blick der Verachtung,— Weib, ich will nicht umsonst gemordet haben, nicht der Verworfenste unter Verworfenen sein." „Du bist es, alter Mann, denn du bist feige. Du hattest nicht den Muth, einzustehen für deine That. Wie ein Bandit schlichst du dich hinweg und wuschest im geheimen deine blutige Hand. Zittern sollte ich vor dir, ein Heros wolltest du vor mir erscheinen, und bist nichts als ein elender Krämer, der seinen Konkurrenten zum Bankerott treibt, sich seiner Waare, nach der er lüstern, zu bemächtigen um jeden Preis." „Melanie, willst du, daß ich bekennen soll, willst du mich in Banden sehen, auf dem Schaffot?" „Möge höheres Gericht dich richten,— was du gethan, keinen V. 8. JSai 1880. 374 Rath habe ich, kein Wort; ein Grab sei meine Brust, mit Thränen will ich es benetzen, mit Thränen um dich, den ich verehrt trotz seines Alters, dem ich treu war in That und Gedanken bis zu dieser Stunde, und wenn ich lüge, komme über mein Haupt des Erschlagenen Blut!"-- „Herr Kommerzrath, ich bitte, öffnen Sie!" Des alten Jakob Stimme tönte vom Korridor her. „Fassung,— deines Namens, deines Sohnes halber," sagte Melanie leise,„was man vielleicht vor einer Stunde erhaben genannt, würde jetzt böses Gewissen bedeuten." Sie selber öffnete, bleich aber gefaßt,— abgewandt von dem Eintretenden war ich in einen Fauteuil gesunken,— so stumpf, so alt, so müde.-- „Die Leiche ist ins Haus gebracht," nahm Jakob das Wort, „und der Amtmann erwartet den Herrn Kommerzrath, Protokoll auszunehmen, ehe der Herr Polizeipräsident aus Rothcnstein ein- trifft. Es ist kein Zweifel, daß die verruchte That ein Werk des schwarzen Wolf, aber"— und der Alte brach in Schluchzen aus,—„ich bin nicht, Gott verzeihe mir die Sünde, ohne Schuld; ich war es, der den alten Frankenthal beredete, heimliche Wege zu wandeln, und er that's seines Sohnes halber, den er so lieb gehabt,— daß an meinem grauen Haupte noch Blutschuld kleben soll, ehe ich's aufs Ruhekissen des Sarges lege!" Wild sprang ich auf.„Dn ludest Frankenthal ein zu kommen, du hieltest ihm das Pförtchen offen,— an dich war jener Brief gerichtet,— jener Brief--" Ich faßte meine Stirn, mit beiden Händen preßte ich sie, sie drohte zu springen. „Heiliger Gott, was weiß der Herr Ehrenfried von des alten Frankenthals Schreiben, das ich heute in der Frühe erhielt und bei einem Gang im Park verloren haben muß. Ich will alles bekennen,— mich jammerte der alte, biedere Mann, der sich seines Sohnes willen härmte. Von Ihnen war er in Unfrieden geschieden, nie und nimmer hätte ich ihn bewegen können, von Ihnen direkt noch einmal die Gunst zu erbitten, die Sie ihm bereits bewilligt. Er erzählte mir, daß seinem Oskar bedeutende Summen für Herstellung ähnlicher Maschinen, als die unsere, geboten seien. Ich schlug ihm vor, zu nächtlicher Stunde ihm das System der unseren genau zu zeigen, um dem an dem un- schuldigen Betrüge unschuldigen Sohne, als ob aus eigner Kraft, gelegentlich Winke geben zu können. Es kostete viele Mühe, ihn zu bereden, und nur da ich ihm andeutete, daß Sie der Bitte nicht ganz fremd, da ich versprach, alles auf meine Schulter zu nehmen, und Euch morgen in der Frühe Bericht zu erstatten, vermochte ich ihn zu bewegen." Ich winkte mit der Hand, ich konnte es nicht mehr ertragen; wie ein Nebel lag es vor meinen Augen, auf meiner Seele. Ich weiß deutlich, daß ich etwas sagen wollte, aber meine Stimme erstickte,— ich neigte das Haupt,— ich muß sehr ernst ausgesehen haben, sehr bedächtig,— der gerechte Gutspatron. „Wo?"-- Jakob bebte am ganzen Körper.„Im grauen Zimmer haben wir ihn hingelegt.— Herr Ehrenfried, Herr Ehrenftied, wenn Sie auch hart waren und ungerecht gegen mich,— aber ich habe solange treu dem Hause gedient,— schützen Sie mich, daß ich nicht vor's Kriminal muß. � All' mein Lebtag Hab' ich nicht vor Gericht gebraucht. Mir ist, als habe ich die Mordthat selber begangen." „Guter Jakob,"— Melanie nahm statt meiner das Wort,— „du bist kein Mörder. Herr Ehrenftied wird dir ersparen in dieser peinlichen Angelegenheit, soviel er vermag." Ich nickte mein Ja,— dann erhob ich mich. Die Pflicht rief, Protokoll aufzunehmen über einen gemeinen, heimtückischen Mord. Mir war, als ob unter mir der Boden schwankte; ich sah mein Bild im Wandspiegel eines Zimmers, das wir durch- schritten,— mir graute vor mir selber. Wer sagt, daß des Opfers Blut zu fließen beginne beim Nahen seines Mörders? Dichtermärchen— nichts weiter. Ich hob das Tuch, das die milden, ehrwürdigen Züge meines alten, ehemaligen Freundes bedeckte,— sie waren dieselben geblieben. Friede, Friede lag auf ihnen,— und ich?— Eine Sehnsucht befiel mich, eine so mächtige, unwiderstehliche Sehnsucht, zu liegen, wie er,— so überhoben aller irdischen Leidenschaft,— Frieden zu finden, Frieden droben— dem Mörder? Frieden hienieden? Mein Blick konnte des Tobten Antlitz nicht ertragen; � ab wandte sich das Auge, es fiel ans Melanies lebensgroßes Bild als Braut gemalt, das dunkle Auge ruhte auf mir, so ernst, so verachtend,— so hatte sie mich angeschaut, so hatte ihr Auge zu mir geredet: Mörder, Mörder! Ein bleicher Jüngling stürzte ins Zimmer, von der Sttrn troff ihm der Schweiß vom rasenden, nächtlichen Ritt, wild hing das Haar um die Schläfen,— nichts sah, nichts wußte er, als eines, eines!— Ueber des Tobten Lager warf er sich, über des Tobten Lager brach er zusammen in wilder Verzweiflung. Eben ttat Melanie ein— wie eine Erscheinung des Himmels in ihrem weißen Gewände. Langsam schritt sie zu Oswald,— nicht ich, nicht einer der Anwesenden war für sie vorhanden. Leise legte sie die Hand auf sein Haupt,— empor blickte er,— ihre Augen begegneten sich, nichts Irdisches lag in ihren Blicken, der Tod hatte ihre Herzen geweiht!— Ich verstand,— noch ein Aufbäumen des zuckenden Herzens,— dann war's entschieden. Der Polizeipräsident langte an, mit ihm der Kreisarzt von Rothenstein. Dieser fand nichts zu thun, als den Ausspruch des Dorfkollegen zu bestätigen, jener konferirte mit dem Amtmann,— ich schützte Aufregung vor. Der schwarze Wolf sollte verhaftet werden. Man hatte ihn selber zwar in der Wohnung seiner Mutter gettoffen, und seine Abwesenheit von der Stätte der That um jene Stunde, da sie vollzogen, ließ sich leicht beweisen,— indessen lastete schwer auf ihm der Verdacht, ihr durch Mitwiffenschaft nicht fremd zu sein. Melanie sah mich an, als ich einwilligte, ihn in den Thurm des Dorfes sperren zu lassen;— ich fügte rasch hinzu:„unter glimpflichster Behandlung." Oswald schien gefaßter, er hatte sich erhoben und trat mir entgegen. „Mir ahnt, weshalb mein Vater kam," sagte er;„Andeutungen, deren ich mich entsinne, die mir nun klar werden, enthüllen mir alles. Aus Liebe— nennen Sie es Schwäche meinetwegen— zu mir mußte er sterben. Wollte der Himmel, die mörderische Kugel hätte meine Brust durchbohrt. Nun bin ich so allein, so ganz, ganz allein auf der großen, weiten Erde. „Doch nein," fuhr er lebhafter fort,„nicht unmännliche Klagen zu dieser Stunde. Ich lese in Ihrer aller Blicken, Sie theilen des Sohnes gerechten Schmerz um den erschlagenen Vater, Trost und Linderung gibt mir dies Bewußtsein.— Und Sie, Herr Kommerzrath," redete er, die Stimme dämpfend und zu mir tretend, der ich abseits stand, so dumpf, so starr, wie ein Bild aus Stein, als sei ich der ganzen Sache ftemd, und ein Schau- spiel zöge an mir vorüber, das mir wenig Behagen gewähre,— „Sie waren des Tobten Freund, ich weiß, er war Ihnen lieb, wie Sie ihm, obgleich die Ereignisse der letzten Zeit eine Wolke zwischen Ihnen und ihm gesenkt. Mit Achtung nannte er Ihren Namen, mit Achtung, wie die Welt. Auch ich"— seine Stimme bebte,—„auch ich habe nun gelernt, gewisse Gefühle zu über- winden. Wer weiß, ob ich im stände gewesen, Melanie das stille Glück, der Freude Segen um sich zu verbreiten, zu schaffen, das sie an Ihrer Seite gefunden. Ich kann nicht anders, als mich anschließen dem Urtheil der Welt, dem Urtheil meines geliebten Vaters. Und Ihnen den Beweis zu geben, bitte ich Sie, den Gemahl Melanies, helfen Sie den Mörder meines Vaters suchen, helfen Sie rächen den schnöden, bübischen Mord des biedersten Mannes unter Gottes Sonne." „Ja!"— So laut klang meine Stimme, daß aller Blicke sich auf uns wandten.—„Ja, Oswald Frankenthal,— dies Blut, das zum Himmel schreit nach Rache,— nicht ungesühnt soll es bleiben; nicht seiner Strafe soll der bübische Mörder entgehen.— An Melanies Gatten wandtest du dich, junger Mann, an keinen Besseren konntest du dich wenden. Ein gewichtiges Wort sprachst du im Wunsch, daß deine Brust der mörderischen Kugel Ziel gewesen sein möge. Suchst du die Hand, die sie gelenkt?" Zwischen uns trat Melanie,— jeder Tropfen Blutes schien aus ihren Zügen entschwunden. „Waldenau!"— Ich griff an meine Stirn, sie brannte. Mit großen, starren Augen sah ich das Antlitz des Sohnes meines Opfers auf mich gerichtet,— was hatte ich thun wollen?-- Eine Bewegung entstand unter den Anwesenden. Der Polizei- Präsident von Thal trat auf mich zu, ein versiegeltes Papier in der Hand. „Dies Telegramm ist soeben angelangt," sagte er.„Ich möchte Sie um soforttge Oeffnung ersuchen, wer weiß, ob es »us nicht zu einem Lichtstrahl in dieses blutigen Mysteriums Nacht verhilft." 375 Ganz mechanisch nahm ich die Depesche,— blutig-roth schwirrten die Buchstaben vor meinen Augen. Ich fürchtete einen Schlag. Dem Manne der Gerechtigkeit reichte ich das offene Blatt:„Lesen Sie,— ich vermag's nicht!" Der Präsident überflog den Inhalt._„Nicht Bezug auf das furchtbare Ereigniß dieser Nacht haben diese Zeilen,— ein Zeugniß des allewigen Waltens und Wirkens der Natur sind sie, das Geburt dem Tod, das Licht dem Schatten zugesellt.— An des Todes Bette habe ich neues Leben zu verkünden. Das Tele- gramm aus Rapallo, an des Mittelmeeres Küste, datirt,— ich hörte, daß Ihr Sohn dort, der zarten Gesundheit seiner Gattin halber, Aufenthalt genommen,— verkündet Ihnen die Geburt eines Enkels.— Möge der junge Zweig zum kräftigen Reis des alten, ehrenfesten Stammes erblühen, seinem Großvater gleich, zu Ehren bringend seinen Namen durch Gesinnung und durch That."— Großvater! Nie würde ich Melanies Blick vergessen, und wäre ich elend genug, noch hundert Jahre zu leben. So brav, Natur, du Rächerin der Beleidigung, die ich dir angethan,— der Fußtritt fehlte noch, den verächtlichen Wurm sich im Staube krümmen zu lassen. Großvater! Alter Mann, Großvater in jenem Moment, da du in elender Eifersucht einen Unschuldigen gemordet! Mit Blut hast du des Kindes Haupt getauft, nach Blut würde es riechen, erkühntest du dich, je auf ihn die Hand zu legen. Weg mit dir, das Maß ist voll.— Aber nicht so, nicht so, wie ein Moment des Wahnsinns dich verleiten wollte. Der Name, den du preisgeben wolltest der öffentlichen Schande, dem Fluche,— es ist der Name, den du dem Neugeborenen überlässest,— seinetwillen nicht, nicht um Melanies willen; und doch soll alles gut werden— alles. Sei ruhig, guter Präsident, die Nacht des Mysteriums soll sich lichten,— bald, bald!— Nun war ich ruhig, gefaßt, so glücklich erregt, soweit es der Anstand im Hanse der Trauer gestattete.— Ich fragte insgeheim den Präsidenten, ob es mir vergönnt sei, mit dem Grauen des nächsten Morgens nach Rapallo abzureisen, meines Sohnes 5lind zu küssen. Nachdem ich ein langes Protokoll— sein Inhalt ging spurlos an meinem Ohr vorüber— gezeichnet und erklärt hatte, im Fall meine persönliche Zeugenschaft erforderlich, sofort von Italien heimzukehren, gab er seine Einwilligung. Sie dürfte es wohl, guter Mann des Gerichts, mehr als dir ahnen mag, aber von jenen Gestaden, zu denen ich walle, gibt es keine Wiederkehr.— Melanie hatte meine Unterredung mit dem Polizeipräsidenten abgewartet; als ich mit ihm das Seitenzimmer verließ, kam sie mir entgegen. Ein Zug des Leidens, des tiefsten, furchtbarsten Seelenleidens lagerte um ihren Mund, sie war erregt, ohne jede Spur von Bitterkeit. „Ich bin erschöpft zum Umsinken," sagte sie,„ich muß auf mein Zimmer,— ruhen, vielleicht schlummern; ich fühle, daß ich des Geistes Klarheit der ruhigen Ueberlegung, meines einzigen Vorzuges, mehr bedarf als je. Denn ich erwarte dich um zehn Uhr. Wir haben vieles zu bereden." Um zehn Uhr,— mit Tagesanbruch hatte ich mein Haus hinter mir,— hinter mir auf ewig sie,— sie;— ich antwortete in gleicher Ruhe, ich wollte zu bezeichneter Stunde in ihrem Zimmer sein. Sie ward bleich.„Nein, nein, im Frühstückssaal,— es ist beffer so." Ihr schauderte,— ich verstand, des Mörders Gegenwart sollte nicht die geheiligte Stätte entweihen. Ueber ihrem Bette hängt ihrer Mutter Porträt.— „Ja, es ist besser so,— gute Ruhe, Melanie." Es war mein letztes Wort zu ihr, ich fühlte es in jeder Fiber meines Seins. Und sie antwortete:„Gute Ruhe, Waldenau." „Ja, gute Ruhe!— Töne fort, du letzter Klang geliebter Lippe, über des Meeres weite Fläche. Die Wellen, die stürmisch aufbrausenden, durchdringe bis zum Grunde, und fächle ins Herz dem alten, bleichen, stillen Mann tief auf dem Grunde, und sei ihm des Labsals kühlender Tropfen im Flammenmeer der Hölle, sei ihm Grablied, Gebet, Vaternnser.— Gute Ruhe!— Melanie, ich sah dich noch einmal;— vergib, vergib! Noch einmal,— mit neidischen Nebeln rang der junge Tag, da stahl ich mich in dein Zinimer. Ich sah dich ruhen auf deinem schneeigen Lager,— du schliefst,— ruhig ging dein Athem,— die Natur forderte ihr Recht;— lange mußte der Schlummer dich geflohen haben, das Licht war niedergebrannt und erloschen. Ja, Melanie, es wird Tag, auf geht die Sonne mit mildem Strahl, wärmend, verklärend. Weg mit erkünstelter Helle,— zu den Todten, verschrumpftes, mißförmiges Licht,— gewesen bist du,— die Sonne geht auf!— Melanie, ich habe an deinem Bette gekniet, ich habe leise, so ganz leise im Kusse deine weiße Stirn berührt; du zucktest nicht zusammen, wie im Schauer, du lächeltest,— o, sei gesegnet für dies Lächeln, gesegnet für alle die Blumen, die deine Hand meines Daseins letzten Tagen ge- wunden. Ich selber war's, der sich die Dornen darein band, an deren Stich ich nun verbluten soll. Du regtest dich,— ich floh wie ein ertappter Verbrecher,— nun war ich frei,— frei zu gehen, wohin ich wollte,— mit hoher, obrigkeitlicher Bewilligung sogar. Ich gehe in den Tod.— Mein letzter Wille, den mein Sohn auch ohne Gerichtsformali- täten respektiren wird, ist in meine Schatulle auf dem Gute nieder- gelegt. Der Brief für den Polizeipräsidenten von Thal, dem diese Blätter bestimmt, lege ich ihnen bei, er wird nicht lang sein.— Nun das Siegel der Hülle aufgedrückt, die sie umschließen soll. Ich erbat niir Lack,— man gab mir rothes— blutrothes—, es tröpfelt zur Erde, da ich es am Licht erwärme,— ein Flecken bleibt am Boden der Kajüte haften,— ein blutigrother Fleck, vergossenem Blute gleich, das zum Himmel schreit.— Zu Ende mit dem Drama im Alter,— der Vorhang fällt. Vergebung hier und droben, ich wage sie nicht zu hoffen, nur Gerechtigkeit heische ich um menschlicher Schwäche willen, menschlichen Wahn- sinns.— Jetzt das letzte Wort an den Mann des Gesetzes, an den Präsidenten von Thal, und dann— dann— Gute Ruhe, Waldenau! Zum neunten Mai. Ein Gedenkblatt von Uruno Geiser. (Hierzu das Porträt Schillers.) Der wundervolle Monat Mai— wie manche Hoffnung hat er schon betrogen, wie manche Blüthe durch die rauhe Luft seiner Nächte getödtet, statt sie zu der erhofften Vollentfaltung zu kräftigen! Kein Tag im„Wonnemonat" gibt gerechteren Anlaß zu so melancholischer Betrachtung, als der neunte— jener Tag, an dem nun vor genau dreiviertel!! eines Jahrhunderts der Tod seine vernichtende Hand legte auf ein Menschenhaupt, aus dem mehr als ein unsterbliches, in seiner Größe von keiner andern Menschenschöpfung gleicher Art erreichtes Werk geboren worden ist, und aus dem zweifellos nicht minder Großes noch in reichem Maße hervorgegangen wäre! Aber ein Leben überreich an geist- aufteibendster Arbeit und arm an jenen klingenden, materiellen Erfolgen, wie sie ein gedankenstumpfes, ideenleeres Glücksritter- thum allezeit am besten einzuheimsen verstand, hatte die Kraft des Körpers allgemach zermürbt und zermalmt, den einer der größten und edelsten Geister belebte. Des Abends gegen sechs Uhr am 9. Mai des Jahres 1805 starb Friedrich Schiller. Die Leser der„Neuen Welt" kennen den Dichter, welcher dem Herzen des deutschen Volkes am nächsten steht, so gut, daß es eine Thorheit wäre, wenn ich an dieser Stelle seine Biographie geben oder über seine Werke berichten wollte. Aber grade iveil Schiller der erste der Lieblingsdichtcr seines Volkes ist, haben auch die kleineren, unscheinbareren Begebenheiten, welche ihn angingen, auch heute noch hohe Bedeutung und lebhaftes Jnter- effe für jedermann, und alle Seiten seines vielgestaltigen Schaffens, auch die von der Literaturgeschichte minder beachteten und darum ifmddrtr von sehr vielen selbst unter seinen eifrigsten Verehrern ganz übersehenen, dürfen den Anspruch erheben, nicht vergessen zu werden. Das Porträt, welches die„Neue Welt" heute ihren Lesern bietet, zeigt uns den jugendlichen Schiller, dem auf die hohe Stirn und in die großen, gluthvollen Augen der Titanensinn geschrieben steht, welcher aus den„Räubern" schier unheimlich wild hervor- lodert.— Wenn»vir ihn so sehen, verstehen wir, was der geniale Gefangene vom Hohen-Asperg, der Dichter Schubart, von ihm hoffend sang: Gott gab ihm Sonnenblick Und Cherubs Donnerflug Und starken Arm, zu schnellen Pfeile des Rächers vom tönenden Bogen. So wie er da auf dem Bilde dreinschaut, mag er Schubart er- schienen sein, als diesen der junge Regimentschirurgus eines Tages in der Kerkerzelle auf der Bergveste besuchte. Freilich gibt solch' ein Porträt immer nur ein mangelhaftes Bild des Menschen, den es darstellt, von der röthlich- goldenen Farbe des Haupthaares, das über den stolzen Nacken hernieder- - 377- wallt, von der zarten nnd grade wegen ihrer Zartheit mit Sommer-! nichts. Daß das röthliche Haar und die Sommerflecken jedoch den sprossen übersäten Haut des wundersam blickenden Antlitzes zeigt es Eindruck keineswegs abzuschwächen im stände waren, den die Züge und der Ausdruck des Gesichts machten, das bezeugt Schubarts! jüngeren Dichters stürzte, als ihm der Festungskommandant ver- Begeisterung, der weinend an das Herz des um zwanzig Jahre � rieth, daß der Doktor Fischer, der seine— Schubarts— Rezension 378 i von Schillers„Räubern" hören wollte, niemand anders sei, als der hochbernhmte Poet der„Räuber" selbst. Hatte Schubart zu Schiller bewundernd hinaufgeschaut, ehe er ihn kannte, so besaß dieser sein ganzes Herz von dem Augen- blicke an, wo er ihn zuni erstenmal erblickt. Kurze Zeit nach dem Besuche im Kerker schreibt er seiner Frau:„Schiller ist ein großer Kerl, ich lieb' ihn heiß, grüß' ihn."— Und so, wie ihn Schubart liebte, so liebten ihn alle, die sein innerstes Sein und Wesen, sein Dichten und Denken in aller Wahrheit und Tiefe erfaßt hatten. Man braucht nur auf seine Freundschaft mit Körner und Wieland, mit Fichte, Wilhelm von Humboldts und vor allen andern auf die mit Goethe hinzudeuten, dieses klassische einzige Freundschaftsbündniß, dem unsere Literatur unberechen- bare Förderuug verdankt, um des Beweises dafür überhoben zu werden. Daß zu solch' einer edlen, herzenbezwingenden Natur auch die Frauenwelt sich hinneigte und mehr als ein Weiberherz in heißer Leidenschaft entbrannt war, wird— dem röthlichen Haar zum Trotz— niemand bezweifeln wollen. Und nicht minder erklärlich ist, daß es, vielleicht nur mit Ausnahme von Neigungen, welche ungebändigte Jugendleidenschaft gezeitigt hatte, ausschließlich Frauen von hoher geistiger Begabung waren, die ihm und denen er sich in Liebe zuwandte. Wie sinnlich warm Schiller empfand und welch' edlen Aus- druck er seiner Leidenschast zu geben vermochte, lehrt u. a. das Gedicht„Die Erwartung", dessen Schluß hier Raum finden möge: Seh' ich nichts Weißes dort schimmern? Glänzt's nicht, wie scidnes Gewand? Nein, es ist der Säule Flimmern An der dunklen Taxuswand. O, sehnend Herz, ergötze dich nicht mehr, Mit süßen Bildern wesenlos zu spielen! Der Arm, der sie umfassen will, ist leer, Kein Schattenglück kann diesen Busen kühlen; O führe mir die Lebende daher, Lasf ihre Hand, die zärtliche, mich fühlen, Den Schatten nur von ihres Mantels Saum! Und in das Leben tritt der holde Traum. Und leis, wie aus himmlischen Höhen Die Stunde des Glückes erscheint, So war sie genaht ungesehen Und weckte mit Küssen den Freund. Also liebessehnsüchtig, und nicht minder jugendmuthig und titanenhaft geistesstark, als auf unserm Bilde, wenn auch wohl fröhlicher, glücklicher, denn hier, mag er dreingeschaut haben, als er in der zehnten Morgenstunde des 22. Februar 1790 in das jenenser Gasthaus„Zum Weimarischen Hof" trat, um seine Braut zur kirchlichen Einsegnung ihres Lebensbundes abzuholen. Am Tage vorher, am Sonntag Jnvocavit, hatte der Archi- diakonus d»r Hauptkirche von St. Michaelis zu Jena von der Kanzel herab eine Neuigkeit verkündigt, welche nicht nur die frommen Kirchgänger mächtig interessirt, sondern sogar einen Sturm der Bewegung und Erregung hervorgerufen hatte bei der nicht andächtigen Versammlung vor der Kirche, welche gebildet wurde von den sporenklirrenden, schleppsäbelrasselnden Studenten in ihren Sanimetpekeschen und Uniformröcken, und mit dem statt- lichen, federbuschgeschmückten Dreimaster auf dem kecken Haupte. „Der Professor Schiller heirathet!" und:„Er kann nicht rasch genug ins Ehejoch kommen— nicht dreimal, wie es Brauch, sondern ein- für allemal ist er heute aufgeboten worden," so erzählte einer dem andern. Und so war es auch. „Aufgeboten werden—" hatte der Archidiakonus gesprochen, „und zwar nach eingeholtem Konsistorialkonscns ein- für allemal, Herr Johann Friedrich Schiller, Fürstlich Sachsen-Meiningenscher Hostath, Fürstlich Sachsen-Weimarischer Rath und außerordent- licher Lehrer der Weltweisheit allhier, Herrn Johann Friedrich Schillers, Hauptmanns in Herzoglich Würtembergischen Diensten eheleiblich einziger Sohn, und Fräulein Louise Charlotte Antoi- nette v. Lengefeld aus Rudolstadt, weiland Herrn Joel Christoph von Lengefeld, Fürstlich Schwarzburg-Rudolstädtischen Jäger- meisters und Kammerraths zu Rudolstadt, eheleibliche zweite Tochter." Die Studenten hatten den ganzen Sonntag und in allen Kneipen von wenig anderm gesprochen, als von der überraschen- den Heirat des Mannes, in dem sie den Dichter wie ihren Lehrer gleich sehr verehrten und bewunderten. Sie waren ent- schlössen, ihm durch jubelnde Ovationen ihre Theilnahme zu be- weisen, aber alle Kundschafter, die sie ausschickten, um zu erfahren, wo er zu finden wäre, kehrten nm der Nachricht zurück, das erste Stockwerk in dem allbekannten Eckhaus am Markt, wo der Pro- fessor Schiller hauste, sei für heute vereinsamt und keine Spur, wo er weile, zu finden. In später Nachtstunde endlich, nur von wenigen bemerkt, hatte eine alte gelbe, riesengroße Postkalesche vor dem„Weimarischen Hof" gehalten, aus der der vielgesuchte Schiller auf die jammer- voll gepflasterte Straße gesprungen war, um zwei in Pelzen ein- gemummten Frauengestalten aus der schwankenoen Arche Noah der Turn- und Taxis'schen Postbeförderung auf festen Grund und Boden zu helfen. Geschlafen hatte er nicht viel, als er sie um zehn Uhr früh wieder abholte. Es galt, der Mutter der beiden Schwestern, die er gestern nach Jena geführt, entgegenzufahren. Ueber die Saale hinüber, am Ufer entlang, ging der Weg, da, wo dieselben alten Weiden und hohen Erlen standen, welche in Goethe die Idee seines Erlkönigs erweckt haben sollen, als er des Abends einem auf müdem Gaule mit seinem kranken Kinde im Arm heimreitenden Bauersmann begegnet war. Der Abend dämmerte auch bereits herein, als die alte Postkutsche vor dem winzigen Kirchlcin von Wenigenjena anhielt. Hier, in einsamster Stille, und nicht in Jena, wo eine Menge Menschen auf die Brautschau gekommen wären, wie alle jenenser Kirchen zusammen sie nicht hätten fassen können, sollte die Trauung statt- finden. Auf der Landstraße vor dem Kirchhof empfing die Ankom- inenden der Pfarrer Schmid und geleitete sie zum Altare. Dann schloß er die Kirchthür, um nach dem Wunsche des Brautpaars jegliche Neugier fernzuhalten. Die Ceremonie der Trauung hatte der Adjunkt des Pastors, sein Sohn, der gleichzeitig, oder viel- mehr hauptsächlich Magister und Dozent der Philosophie in Jena Ivar, Karl Christian Erhard Schmio, übernommen. Der Kantianer im geistlichen Talare hielt eine Predigt, wie sie nicht oft von den Wänden einer Kirche widergeklungen sein mag. Er begann mit der wie zum Abschrecken eingerichteten Trauungsformel, welche Luther dem alten Testamente entnom- men hat: „Also sprach Gott der Herr zum Weibe: Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein und er soll dein Herr sein. Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorchet der'Stimme deines Weibes— ver- flucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Lebenlang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot esse», bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist." Das klang gewiß furchtbar und erpreßte den weiblichen Mit- gliedern der kleinen Hochzeitsgesellschaft, insbesondere der wür- digen Brautmutter, heiße Thränen. Dem glücklichen Bräutigam, ivelcher sich extra diese alte Trauungsformel, der Frau Schwieger- mutier zu Gefallen, bei seinem Freunde Schmid bestellt hatte, ging sie garnicht zu Herzen. Er war einnial seelcnftoh gestimmt an dem Tage und fand den„Auftritt" der Trauung„kurzweilig", trotz der düsteren Drohungen des menschenfeindlichen Jehovah, die sich an ihm fteilich dennoch erfüllen sollten. Nachdem sich der Jünger Kants mit der Bibel, wie es seines Amtes war, abgefunden hatte, kam er auf die Kritik der prakti- scheu Vernunft. An den Gedanken, daß die Eheschließung der kategorische Imperativ der Pflicht für die Leidenschaft sei, knüpfte er seine philosophische Betrachtung. Dann erklang zweimal das laute und feierliche„Ja!" und Schiller war mit seiner Lotte verbunden. In den Augen der Frauen standen noch immer die Thränen. Lotte weinte vor Glück, Karoline, die Schwester, vor Leid— sie liebten beide den herrlichen Mann, dessen leidenschaft- liches Herz vor nicht allzulanger Zeit noch in unentschiedener Neigung zwischen ihnen beiden hin- und hergeschwankt— und die ältere opferte das eigene Glück starken Muthes für das der Schwester und das des geliebten Mannes. (Schluß folgt.) J Das neue Recht Von IV. Strafprozeßordnung. (Fortsetzung.) Aus dem Stadium der staatsanwaltschastlichen Vorerörterungen tritt bej Strafprozeß, wenn die angestellten Ermittlungen genügen- den Anlaß zur Erhebung der öffentlichen Anklage bieten, in das Stadium der Voruntersuchung. Nach der Strafprozeßordnung ist dieselbe unbedingt geboten in denjenigen Strafsachen, welche zur Zuständigkeit des Reichs- gerichts oder der Schwurgerichte gehören, dagegen ausgeschlossen in den schöffengerichtlichen und zulässig in den landgerichtlichen Strafsachen. In letzterer Beziehung liegt die Entscheidung, ob eine Voruntersuchung stattfinden soll, zunächst in der Hand der Staatsanwaltschaft. Beantragt sie dieselbe, so hat die Vorunter- suchung stattzufinden. Dann aber kann auch das Gericht die Eröffnung der Voruntersuchung beschließen, sobald sie dieselbe zur besseren Aufklärung der Sache für nothwendig erachtet. End- lich aber steht auch dem Angeschuldigten das Recht zu, dieselbe zu beantragen. Dieses Recht hat die Strafprozeßordnung dem Angeschuldigten als Ersatz dafür gegeben, daß die Berufung in Wegfall gekommen ist. Es gibt dem Angeklagten in anderer Weise, als die Berufung, die Garantie für die thnnlichst er- schöpfende Erörterung der Sache. Das Gericht hat jeden An- geschuldigten auf dieses Recht hinzuweisen. Der Vorsitzende des Gerichts hat nämlich die Anklageschrift dem Angeschuldigten mitzutheilen und ihn zugleich aufzufordern, sich innerhalb einer zu bestimmenden Frist zu erklären, ob er eine Voruntersuchung oder Vornehmung einzelner Beweiserhebungen wünsche. Stellt infolge dessen der Angeschuldigte den Antrag auf Voruntersuchung, und befindet das Gericht, daß die vom Angeschuldigten für seinen Antrag geltend gemachten Gründe erheblich sind, so ist die Voruntersuchung einzuleiten. Das Verfahren der Voruntersuchung ist ein schriftliches. Die Oeffentlichkeit ist ausgeschlossen. Die Leitung derselben steht dem für die Dauer des Geschäftsjahrs bestellten Untersuchungs- richter zu, welcher bei allen Vernehmungen von Zeugen, Sach- verständigen und des Angeschuldigten, sowie bei Einnahme eines Augenscheins einen Gerichtsschreiber zuzuziehen hat. Gegen die Verfügung des Untersuchungsrichters, daß auf Antrag des Staats- anwalts die Voruntersuchung einzuleiten sei, kann der Angeschul- digte Einwand erheben, wenn das Gericht unzuständig oder die in der Anklage bezeichnete That unter kein Strafgesetz fällt. Ucber den Einwand entscheidet das Gericht. Das Recht dieses Ein- wandes fällt weg, wenn die Voruntersuchung infolge des Be- schlusses des Gerichts eröffnet und der Angeklagte vorher gehört worden ist. Der Beschluß des Gerichts, daß der vom Angeschul- digten erhobene Einwand gegen die Zulässigkeit der Vorunter- suchung zu verwerfen, ist unanfechtbar; nur wenn der Einwand der Unzuständigkeit verworfen wird, steht nochmals sofortige Beschwerde zu. Die in der Voruntersuchung vorkommenden Beweisakte sind die Vernehmung des Angeschuldigten, der Zeugen und Sach- verständigen, die Einnahme von Augenschein, die Beschlagnahme und die Durchsuchung und Verhaftung des Angeschuldigten. Es ist wohl hier am Platz, die Hauptgrundsätze der Strafprozeß- ordnung über die Beweismittel überhaupt zusanimenzustellen. Die Vernehmung des Angeschuldigten soll nicht sowohl einen streng inquisitorischen Charakter tragen, als vielmehr dem An- geklagten Gelegenheit geben, vom Inhalt der Anklage Kenntniß zu nehmen und die für seine Vertheidigung erforderlich erschei- «enden Momente geltend zu machen. Der Angeschuldigte hat deshalb auch das Recht, jede Antwort auf die Anschuldigung zu verweigern. Der Angeschuldigte darf nur dann in Untersuchungs- hast genommen werden, wenn dringende Verdachtsgründe gegen ihn vorhanden sind und entweder er der Flucht verdächtig ist oder Thatsachen vorliegen, aus denen zu schließen ist, daß er Spuren der That verwischen oder daß er Zeugen oder Mitschuldige zu einer falschen Aussage, oder Zeugen dazu verleiten werde, sich der Zeugnißpflicht zu entziehen(sogenannter Kollusionsverdacht). Der Fluchtverdacht bedarf keiner weiteren Begründung, wenn ein Verbrechen den Gegenstand der Untersuchung bildet oder wenn der Angeschuldigte ein Heimatloser oder Landstreicher oder nicht im neuen Reich. ?.?. im stände ist, sich über seine Person auszuweisen, oder endlich, wenn der Angeschuldigte ein Ausländer ist und gegründeter Zweifel besteht, daß er sich auf Ladung vor Gericht stellen und dem Urtheile Folge leisten werde. Im übrigen sind die Verdachts- gründe aktenkundig zu machen. Die Verhaftung kann nur er- folgen auf Grund eines richterlichen Haftbefehls, welcher dem Angeschuldigten bei der Verhaftung oder spätestens am Tage darnach, unter Belehrung über das ihm gegen den Haftbefehl zustehende Recht der Beschwerde bekanntzugeben ist. Der Ver- hastete muß spätestens am Tage nach seiner Einlieferung in das Gefängniß über den Gegenstand der Beschuldigung gehört werden. § 116 der Strafprozeßordnung stellt eine Reihe von Normativ- bestimmungen über die Behandlung der Untersuchungsgefangenen auf, auf welche hier nur verwiesen werden kann. Eine Entlassung aus der Untersuchungshaft gegen Sicherleistung ist nur dann ge- stattet, wenn die Haft lediglich wegen Fluchtverdachts angelegt ist. Der Haftbefehl ist aufzuheben, wenn der in demselben an- gegebene Grund der Verhaftung weggefallen ist oder wenn der Angeschuldigte freigesprochen oder außer Verfolgung gesetzt ist. Die Beschlagnahme ist grundsätzlich eine Befngniß des Richters; nur wenn Gefahr im Verzug und die Untersuchung nicht blos eine Uebertretung betrifft, ist der Staatsanwalt und die Polizei zu ihr befugt. Letzterer muß jedoch den beschlagnahmten Gegen- stand sofort, und zwar Briefe und Postsendungen uneröffnet, dem Richter vorlegen und binnen drei Tagen richterliche Bestätigung einholen, dafern nicht der Betroffene oder ein erwachsener An- gehöriger desselben bei der Beschlagnahme anwesend und mit ihr einverstanden war. Auch die Durchsuchung ist ebenfalls der Regel nach ein richterlicher Akt. Gefahr im Verzug berechtigt jedoch dazu auch die Staatsanwaltschaft und die Polizei. Nimmt die Polizei eine Durchsuchung ohne Beisein des Richters oder des Staatsanivalts vor, so sind von ihr, wenn möglich, ein Gemeinde- beamter oder zivei Gemeindemitglieder zuzuziehen. Der von der Durchsuchung Betroffene darf derselben beiwohnen. Auf Verlangen ist dem Betroffenen nach Beendigung der Durch- suchung eine schriftliche Mittheilung zu machen, welche den Grund der Durchsuchung anzugeben hat. Auch ist demselben auf Ver- langen ein Verzeichniß der beschlagnahmten Gegenstände ein- zuhändigen. Werden bei Gelegenheit einer Durchsuchung Gegen- stände gefunden, welche zwar in keiner Beziehung zu der Unter- suchung stehen, aber auf die erfolgte Verübung einer anderen strafbaren That hindeuten, so sind dieselben einstweilen in Beschlag zu nehmen und der Staatsanwaltschaft Kenntniß davon zu geben. Eine Durchsicht der Papiere des von der Durchsuchung Betroffenen steht nur dem Richter zu. Andere Beamte sind zur Durchsicht der aufgefundenen Papiere nur mit Einwilligung des Inhabers befugt. Wird diese nicht ertheilt, so sind die Papiere, deren Durchsicht für geboten erachtet wird, in einem Umschlag, welcher in Gegenwart des Inhabers mit dem Amtssiegel zu verschließen ist, an den Richter abzuliefern. Der Inhaber der Papiere oder dessen Vertreter ist berechtigt, sein Siegel beizudrücken. Nach Beendigung der Untersuchung sind die beschlagnahmten Gegen- stände zurückzugeben. In alle Wege bleibt aber dem Betheiligten die Geltendmachung seiner Ansprüche vorbehalten. Die Zeugnißpflicht ist eine allgemeine. Zur Verweigerung des Zeugnisses sind allein berechtigt der Verlobte und der Ehe- gatte des Beschuldigten, diejenigen, welche mit dem Beschuldigten in grader Linie verwandt, verschwägert oder durch Adoption ver- Kunden sind oder in der Seitenlinie bis zum dritten Grad ver- wandt oder bis zum zweiten Grad verschwägert sind. Ferner sind zur Verweigerung des Zeugnisses berechtigt Geistliche, Ver- theidiger des Beschuldigten, Rechtsanwälte und Aerzte in Ansehung desjenigen, was ihnen in Ausübung ihres Berufs anvertraut ist. Ueberdies darf jeder Zeuge die Auskunft auf solche Fragen verweigern, deren Beantwortung ihm selbst oder einem Verwandten die Gefahr strafgerichtlicher Verfolgung zuziehen würde. Der Grund der Verweigerung des Zeugnisses ist glaubhaft zu machen. Der Zeugnißpflicht entspricht die Eidespflicht. Die Vereidigung des Zeugen hat in der Hauptverhandlung und zwar vor seiner Vernehmung zu erfolgen. Wird das Zeugniß oder die Eides- leistung ohne Grund verweigert, so ist der Zeuge in die durch die Weigerung verursachten Kosten, sowie zu einer Geldstrafe bis 380 zu dreihundert Mark, und für den Fall der Uneinbringlichkeit derselben, zur Strafe der Hast bis zu sechs Wochen zu ver- nrtheilen. Ueberdies kann zur Erzwingung des Zeugnisses die Haft angeordnet werden, jedoch nicht über die Zeit der Beendigung des Verfahrens in der Instanz, auch nicht über die Zeit von sechs Monaten, und bei Uebertretungen nicht über die Zeit von sechs Wochen hinaus. Die Befugniß zu dieser Maßregel steht dem Untersuchungsrichter, dem Amtsrichter sowie dem beauftragten und ersuchten Richter zu. Sind die Maßregeln erschöpft, so können sie in demselben Verfahren oder in einem andern Ver- fahren, welches dieselbe That zum Gegenstande hat, nicht wieder- holt werden. Nach dem Schluß der Voruntersuchung übersendet der Unter- suchungsrichter die Akten an die Staatsanwaltschaft. Diese legt die Akten dem Gericht vor mit dem Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens. Dies geschieht durch Einreichung einer Anklage- schrift, welche die dem Angeschuldigten zur Last gelegte That unter Hervorhebung ihrer gesetzlichen Merkmale und des an- zuwendenden Strafgesetzes zu bezeichnen, sowie die Beweismittel und das Gericht, vor welchem die Hauptverhandlung stattfinden soll, anzugeben hat. Der Vorsitzende theilt diese Anklageschrift dem Angeschuldigten mit, mit der Aufforderung, binnen einer bestimmten Frist sich darauf zu erklären und seine Vertheidigungs- antrüge zu stellen. Das Gericht beschließt ohne Zuziehung des Staatsauwalts und des Vertheidigers die Eröffnung des Hauptverfahrens, wenn der Angeschuldigte nach den Ergebnissen des Vorverfahrens einer strafbaren Handlung hinreichend verdächtig erscheint. Ist dieser Verdacht nicht vorhanden, so ist der Angeschuldigte außer Ver- folgung zu setzen. In dem Beschlüsse, durch welchen das Haupt- verfahren eröffnet wird, ist die dem Angeklagten zur Last gelegte That unter Hervorhebung ihrer gesetzlichen Merkmale und des anzuwendenden Strafgesetzes, sowie das Gericht, vor welchem die Hauptverhandlung stattfinden soll, zu bezeichnen. Dieser Beschluß ist unanfechtbar. Gegen den Beschluß, durch welchen die Er- öffnung des Hauptverfahrens abgelehnt wird, steht dem Staats- anwalt die sofortige Beschwerde zu. (Schluß folgt.) Verbrennung und WiirmeeffeK! unserer Brennmaterialien*). Von Nothberg»Lind euer. Wenn man gegenwärtig einen Blick wirft nur auf die im eignen Laude veröffentlichten Patentlisten, so kann man als ersten Eindruck einen gewaltigen Respekt bekommen vor der Fruchtbar- keit eines jeden Tages an neuen Erfindungen, falls man deren Zahl mehr, als den Werth als maßgebend gelten lassen will. Bekannt ist, daß einerseits so manche neuen, werthvollen Ge- dankenkombinationen auf technischem und chemischem Gebiet aus hier nicht zu erörternden Gründen ohne Anspruch auf Paten- tirtwerden zum allgemeinen Nutzen praktisch verwerthet werden, andererseits aber auch sowohl patentirte als unpatentirte Erfin- düngen massenhaft dem Geschick der menschlichen Kindersterblich- keit verfallen. Die Bearbeitung des kulturhistorisch interessanten Materials, und besonders die Aufsuchung der Ursachen des Ent- stehens und raschen Dahinsiechens der überwiegenden Zahl dieser Sprößlinge des menschlichen Verstandes dürfte recht lohnend sein und zu ebenso bemerkenswerthen Auffchlüssen führen, als die jetzt mit so großem Eifer bearbeitete Kindersterblichkeit. Die Betrachtung der vermeintlichen Erfindungen auf deni von uns hier behandelten Gebiet der Brennstoffe zeigt die beachtens- werthe Thatsache, daß mit Hartnäckigkeit immer wieder Neuerer auftteten, die mit Mischungen irgend einer unverbrennlichen Sub- stanz und eines Brennmaterials experimentiren. So wollte vor einigen Jahren ein Herr R. aus Hasselt in Belgien entdeckt haben, daß gewöhnliche Erde mit ein Sechstel Steinkohlen und einer Kleinigkeit Soda oder Kochsalz versetzt, nicht nur eben so gut, sondern sogar besser brenne, als reine Kohle. Die„Er- findung" machte in engeren Kreisen Furore; Landleute fuhren vor die Stadt zu Herrn R. und holten sich Erde karrenweis zum Brennen. Auch als Zusatz zu Petroleum sollte ein gewisses Quantum Soda eine erstaunliche Ersparniß an Material herbei- führen. Noch sei eines englischen„Erfinders" gedacht, der öffent- lich die Behauptung vertrat, daß 75 pCt. der jetzt verbrannten Kohlen dadurch gespart werden könnten, daß man sie mit dem entsprechenden Quantuni Kreide mische. In Betreff der bclgi- scheu Erfindung stellte sich nachträglich heraus, daß es sich um eine Erde handelte, die sehr reich an organischen Ueberresten war. Wenn es also gelang, jene Mischung zum Theil zu ver- brennen, so war das außer dem Antheil Steinkoblen, der torfigen Substanz zu verdanken, nicht der eigentlichen Erde. Abgesehen von einem Theil lächerlicher Unkenntniß liegt diesen Thatsachen aber das weit verbreitete populäre Bewußtsein zu Grunde, daß wohl eine große Verschwendung von Brennmaterial, aber sehr ungenügende Ausnutzung stattfinden möge; nur daß es leider zu häufig zu der unklarsten Annahme verleitet, daß zu große Reinheit und Flüchtigkeit desselben die Ursache davon sei. Das beliebte Ueberschwemmen der Steinkohlen mit Wasser vor ihrem Verbrauch ist auch ein Zeugniß für diesen Glauben. Eine Erläuterung des Wesens der Verbrennung kohlenstoff- haltiger Verbindungen dürste daher vor der vergleichenden Be- trachtung der Werthe unserer Brennstoffe von Nutzen sein. Nach der im ersten Theil gegebenen Darstellung des Her- kommens unserer Brennstoffe- aus Zerlegung von Kohlensäure, unter Bindung von Sonnenwärme mittels der Pflanzenvegetation, ist leicht einzusehen, daß die künstliche Verbrennung nur in dem umgekehrten Vorgang, nämlich in der Bildung von Kohlensäure aus einem Kohle enthaltenden Körper, unter Eintritt von Sauer- stoff und Freiwerden eines genau gleichen Quantums Wärme, bestehen könne. Ebenso wie aber der erstere Vorgang nicht ohne eine ganze Reihe von Zwischenstufen bis zur Bildung nahezu reiner Kohle geschieht, haben wir es auch bei der Verbrennung fast niemals mit einer einfachen Oxydation von Kohle zu Kohlen- säure zu thun, sondern mit mehr und weniger kvinplizirten Zwischenvorgängen, deren Endresultat nur im günstigsten Falle reine Kohlensäure als Produkt und das mögliche, ganze Quan- tum Wärme als steiwerdend ergibt. Wohl aber müssen wir die Erreichung dieses Zieles in der einfachsten und zweckmäßigsten Weise als erstrebenswerthe Aufgabe bei unseren Heizungsvor- richtungen im Auge behalten. Bei der theoretischen Erörterung der Verbrennung haben wir es zunächst mit den Modifikationen zu thun, die sie je nach der Natur des zu unserer Verfügung stehenden Brennstoffes, nach der quantitativen Zusammensetzung desselben aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Äschenbcstandtheilen, sowie nach der physikalischen Beschaffenheit in Hinsicht der Dichte und Form (Größe der Stücke, Porosität) der Brennstoffe austveist. Zur Einleitung der Verbrennung erfordern die Brennstoffe zuvörderst die Mittheilung einer je nach ihrer Zusammensetzung weniger oder mehr erhöhten Temperatur; sie müssen also erhitzt werden,>vas gewöhnlich durch Berührung mit einen: brennenden oder glühenden Körper geschieht. Bei einem brennenden Körper erhitzen die brennenden Theile die zunächstliegenden, und so setzt sich die Verbrennung fort, dagegen verlischt ein brennender Kör- per, wenn man ihm die nöthige Wärme entzieht, so z. B. ein Stück glühende Kohle, das man auf ein Metall, also einen guten Wärmeleiter legt. Auch glühende Gase werden durch gute Wärmeleiter so stark abgekühlt, daß die Verbrennung an der Berührungsstelle aufhört. Deshalb schlägt eine Flamme nicht durch ein feines Drahwetz, welche Eigenschaft in der bekannten Davy'schen Sicherheitslampe nutzbar gemacht ist, welche bewirkt, daß ein explosives Gemisch von Sumpf-(GrubeN')Gas und Lust, wie es in Steinkohlengruben sich bildet, nur innerhalb der Lampe verbrennt. Am häufigsten bewirkt man die Abkühlung zum Erlöschen brennender Körper durch Uebergießen mit kaltem Wasser. Den- selben Zweck erreicht man aber auch durch Abhalten eines wei-- teren Zutritts von Sauerstoff(Bedecken mit Erde oder Asche), *) Fortsetzung des Artikels„Brennstoffe und Wohmingshcizung". 381 oder durch Zuführung einer Gasart, welche zum Verbrennen un- geeignet ist, wie Stickgas, Kohlensäure oder schweflige Säure. Manche Körper verbrennen mit Flamme— und zwar sind die an Wasserstoff reichsten die flammbarsten Brennstoffe—, andere ohne Flamme. Diese ist nichts, als glühendes Gas. Ist also der Brennstoff schon gasförmig, wie Leuchtgas(ein Gemenge, dessen wesentliche brennbare Bcstandtheile Kohlenwasserstoffe, Kohlenoxyd und Wasserstoff sind), oder verwandelt er sich bei der Verbrennungstemperatur in Gas(Dampf), oder ist das Ver- brennungsprodukt gasförmig, so entsteht eine Flamme. Die flüssigen und festen Kohlenwasserstoffe(Paraffin, Petroleum, Pho- togen, Solaröl u. a.) verwandeln sich beim Erhitzen direkt in Gas oder Dampf, welcher durch Zutritt von Sauerstoff zu Kohlen- säure und Wasser verbrennt. Aber die festen, sauerstoffhaltigen, unsere eigentlichen Brennstoffe, welche an sich nicht flüchtig sind, werden zunächst in der Hitze zersetzt, entwickeln brennbare Gase, und diese Zersetzungsprodukte verbrennen dann erst mit Flamme. Hier nimint also der in dem Körper selbstenthaltene Sauerstoff an der Verbrennung theil. Es brennen aber nicht Holz, Torf, Steinkohle als solche, sondern die durch Hitze gebildeten brenn- baren Zersetzungsprodukte. Die Vorstellung des Verbrennens mit Flamme schließt ge- wöhnlich die des Leuchtens ein, welches aber keine nothwcndige Folge des erstcren ist, wie sich das an der nichtleuchtenden Flamme von Alkohol, Sumpfgas und Wasserstoff zeigt. In der leuchten- den Flamme kahlenstoffhaltiger Gase ist es allemal aufs feinste vertheilte, im hellglühenden Znstand befindliche Kohle, welche das Leuchten bewirkt. Man ersieht das daraus, daß, wenn man einen kalten Körper in eine solche leuchtende Flamme bringt, sich an demselben Kohle(Ruß) absetzt. Es kann aber auch durch andere feste, zum Glühen erhitzte Körper eine nicht leuchtende Famme leuchtend gemacht werden, so z. B. eine Wasserstoffflamme durch Kalk oder Platin, das darin in Weißgluth gerathen ist. Es ist nun beim flammenden Verbrennen kohlehaltiger Gase sehr zu beachten, daß die Flamme an sich noch durchaus kein Anzeichen einer vollkommenen, den höchsten Hitzegrad und vollkommene Ausnutzung des Materials ergebenden Verbrennung ist. Denn es ist leicht einzusehen,— da die Leuchtkraft der gewöhnlichen Flamme von Kohle herrührt, die in ihr glühend aussteigt und an ihren Rändern und vorzüglich an der Spitze verbrennt(wo daher stets die Temperatur am höchsten ist)— daß bei großem Gehalt an Kohlenstoff, oder bei ungenügendem Luftzutritt die ausgeschiedene Kohle nicht zum Weißglühen gelangt; die Flam- men sind dann gelb oder roth und führen viel unverbrannte Kohle als Rauch und Ruß an die Luft. Jede Flamme, die nicht hell weiß oder gar nicht leuchtet, ist also nur Vermittlerin zur Ver- flüchtigung eines Theils des Brennmaterials, ohne daß er Nutzen geleistet, Wärme abgegeben hätte; denn der gelb- oder rothglü- hende Zustand, in dem sich die entweichende Kohle eine Zeitlang befunden hat, bedeutet nicht eigene Wärmeentwickelung dieses An- theils �sondern Wärmeaufnahme von den anderen, wirklich ver- brannten Theilen. Die an Kohlenstoff reichsten Brennstoffe— Holzkohle, Koks, Anthrazit— verbrennen bei richtiger Anwendung fast ohne Flamme, es zeigt sich höchstens die kurze, bläuliche des Kohlenoxyds; es ist dann allein die noch feste, unvcrflüchtigt glühende Kohle, welche leuchtet; und da man doch die große, bei vollkommener Verbrennung des Stoffs zu Kohlensäure gelieferte Hitze wahr- nimmt, so sagt man wohl auch, in Verkennung des eigentlichen Wesens der Flamme, wie es oben auseinandergesetzt wurde, daß die vollkommenste Verbrennung mit schwarzer Flamme stattfinde. Die Brennbarkeit eines Körpers, wenn unter dieser Eigen- schaft hier zunächst, dem allgemeinen Sprachgebrauch zufolge, nur die Fähigkeit mit dem Sauerstoff der Luft Wärme entwickelnde Verbindungen einzugehen, verstanden werden soll, hängt aber nicht nur von der Zusammensetzung der brennbaren Substanz selbst, sondern theilweise anch von ihren nicht brennbaren Bei- mengungen, der Asche, ab. Wenn dieselbe in größerer Menge vorhanden ist, so kann sie den Brennstoff von Anfang an, und noch mehr, wenn einiger Abbrand erfolgt ist, förmlich einhüllen, dadurch den Zutritt der Lust schwächen, verlangsamen und die Verbrennung unvollkommen, mit Wärmeverlust verknüpft ge- stalten. Wenn man als höheren Grad von Brennbarkeit die je nach der Art des Brennstoffs zunehmende Raschheit ansieht, mit Ivel- cher er unter gleichen Bedingungen(bei gleich großen Stücken und gleichem Luftzuge) durch den Sauerstoff der Luft verzehrt wird und Wärme entwickelt, so ist darüber das Folgende zu be- merken: Brennbarkeit in diesem Sinne entspricht im ganzen der Entzündlichkeit, da der rascher brennende Stoff auch der entzünd- lichere zu sein pflegt, nämlich schneller und unter einfacheren Bedingungen in den Zustand des Brennens gebracht werden kann. Die wasserstoffreichsten Brennstoffe sind, wie die flammbarsten, so auch die entzündlichsten. Der gasreichere beginnt durch die Ent- zündungswärme schon bei niedrigerer Temperatur zersetzt zu werden, verliert auch in gleichen Zeiten mehr an seinem Gewicht und wird also rascher verzehrt, als der gasarme. Der glühende Rückstand brennt aber weiterhin nicht nur an seiner Oberfläche, sondern auch in seinem Innern, und zwar im allgemeinen um so mehr, je mehr Gase entwickelt wurden, durch deren Entweichen er um so poröser und durchdringlichcr für die Luft geworden ist. Aus dieser doppelten Veranlassung, welche den Grad der Brennbarkeit erhöht, brennt jeder Brennstoff nicht nur an der Oberfläche, sondern auch im Innern und in der aus ihm hervorgegangenen Gasflamme entfernt von den Stücken. Bei den künstlich vorbereiteten reineren Kohlen, dem Koks oder der Holzkohle, fällt das letztere nahezu weg; bei Anthrazit findet fast nur oberflächliches Brennen statt, da er äußerst wenig Gas ent- wickelt und also während des Brandes nur wenig an Porosität zunimmt.(Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgenlngen. Novelle von Wudolph von A. (Fortsetzung.) schweders Stirn verdüsterte sich, um seine Mundwinkel zuckte em lpöttyches Lächeln, als er die flammenden Augen der schönen Frau so drohend auf sich gerichtet sah. „Nun denn— sagte er,„wir stehen vor einem kalt ac- compli*). Ich bin nicht der Mann, mich vor den Thatsachcn zu verstecken. Ich ersuche daher, alles, was ich jetzt sage, als meine rückhaltlose Auffassung, als buchstäblich wahr zu respektiren. Jene Christine Stein ist wahnsinnig— wahnsinnig vor Leidenschaft, sonst würde sie den verzweifelten Brief nicht geschrieben haben. Der Gegenstand ihrer Leidenschaft bin ich— seit einer Reihe von Jahren. Vor fünf Jahren"— Schwedcr betonte die ..fünf" mit großem Nachdruck—„ließ ich mich auf kurze Zeit zu einer Tändelei herbei, wie sie ein Mann von Welt zu Dutzenden aufninimt und fortwirft. Christine Stein ist Schauspielerin, sie hat ein bewegtes— sehr bewegtes Leben hinter sich,— es ist lächerlich— es ist wahnsinnig von ihr, Treue zu verlangen, *) Vollendete Thatsache. wie es wahnsinnig ist von ihr, von der Anbetung ihres Mannes, des Komödianten und Theaterhanswurstes Bergmann, zu sprechen, der die Flasche anbetet und sonst weiter nichts. Ich habe sie mehr als einmal bereits abgeschüttelt, immer aber hat sie wieder versucht, sich mir aufzudrängen---" Schweder stockte nur einen Moment, aber doch lange genug, um der Dame, die ihm mit finstrem Lächeln zuhörte, Zeit zur Unterbrechung zu gewähren. „Und Sie haben natürlich auch bis in die neueste Zeit ge- duldet, daß sie sich Ihnen aufgedrängt hat,— sie haben gespielt mit ihr, wie die Katze mit der Maus, und wie Sie gespielt hatten auch und gleichzeitig mit anderen; Sie haben geduldet, daß dieser Frau, wahnsinnige� Leidenschaft nicht vernichtet, sondern daß sie gefestigt wurde— und dem ins Angesicht können Sie natürlich mit dem besten Recht von der Welt behaupten, daß Sie ein Mann von Herz, daß Sie ein Mann von Ehre sind, Herr Schweder!" Er wollte antworten, zornig, erbittert, aber die leidenschaft- liche Frau ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Ich danke Ihnen für alle weiteren Auskünfte, ich weihwjenug, übrig genug,— ich hoffe, Sie nicht wiederzusehen, Herr Schweder. Ich werde zum Theil dem Beispiel jener andern folgen,— mein Gatte soll wissen, was er von seinem Weibe und was er von seinem, einzigen' Freunde, dem unvergleichlichen Herrn Schweder zu halten hat--" Sie schritt hastig zur Thür. Schweder stellte sich ihr hochaufgerichtet in den Weg. Es war, als ob es ihm einen Augenblick lang Mühe kostete, seine Erregung zu meistern, und seine Stimme erklang lauter und wärmer als vorher, als er sagte: „So dürfen wir nicht von einander scheiden. Es ist nicht wahr— ich bin nicht herzlos, und ich dulde nicht— nie und nimmer dulde ich, daß das Band, welches uns verknüpft, in wilder Verblendung schonungslos und für immer zerrissen werde.--" Bei den letzten Worten war es, als ob seine Stimme bebte, er erhob seine Arme, als wollte er die Frau, die vor ihm stand, umfangen; sie aber wich vor seiner Berührung zurück, als ob sie ihn verabscheue: „Wenn Sie mir nicht sofort freie Bahn lassen," schrie sie mehr, als sie es rief,„dort ist das Fenster— ich schlage es ein und rufe um Hülfe,— ich zerreiße die Fesseln, und wenn ich dabei zugrunde gehen sollte,— mein Stolz ist ohnehin vernichtet, und ich habe lange genug gefühlt, was ich heute weiß, daß ich nur ein Spielball, ein Nichts, oder gar schlimmer, als ein Nichts,— nur Mittel, erbärmliches Mittel zum Zweck in den Händen eines Geschäftsspekulauten—" Aus Schweders Gesicht begann die Farbe zu weichen, jetzt funkelten und flammten auch seine Augen. Blitzschnell, mit einem Satz, so wild und gewandt, wie ein Tiger springt, stand er vor dem Fenster und hatte mit der einen Hand den vollen Oberarm der Frau gefaßt, während er die andre erhob wie zu einem Gewalt- streich, als ob er sie zu schweigen zwingen, ihr gewaltsam den Mund schließen wollte.-- Die aufs höchste empörte, energische Frau schrie wild auf, mit einer äußersten Kraftanstrengung gelang es ihr, sich seinem eisernen Griffe zu entwinden,— sie stürzte zur Thür, die nun frei war; aber ehe sie sie noch erreicht hatte, wurde sie aufgestoßen und auf der Schwelle stand eine andere Frau, gleichfalls mit milden, aber triumphirenden Blicken die Szene betrachtend. „Also wirklich," es klang wie ein Jubelschrei aus dem Munde der Neuangekommenen;„wirklich finde ich die Herrschaften bei einander und, wie der Augenschein lehrt, in einer Erregung, die mir nicht nur beweist, daß ich recht gehabt, als ich Sie, gnädige Frau, als meine Schicksalsgenossin anredete, sondern auch, daß ich das richtige Mittel wählte, um mich auch an ihm zu rächen— an Ihnen, mein Freund Schweder." Ueber Schweders Gesicht hatte sich eine Blässe gelegt, die noch um einen Schatten tiefer wurde, als er im Nebenzimmer Männertritte hörte. Aber er war noch lange nicht besiegt,— an seiner stolzen Haltung war keine Spur geändert, auf seinem Antlitz lag die alte überlegene Energie. Auf die Worte Christine Steins antwortete er nicht; er schritt an den beiden Frauen, die einander mit unbeschreiblichem, halb theilnahmsvollcm, halb feind- lichem und verächtlichem Gesichtsausdruck ins Auge schauten, vorüber zur Thür. „Ah, Sie Herr Prell, haben dieser Dame geöffnet; sehr freund- lich. Und Herr Klose— Ihnen meinen besten Dank für Ihr freundliches Erscheinen. Sie werden die Güte haben, mir und einer ebenso schönen als hochzuverehrenden Dame einen Kavalier- dienst zu leisten, und dann wieder hierher zurückzukehren, wenn ich bitten darf. Die Gattin meines besten Freundes war in Gcschästsangelegenheiten auf der Redaktion und wurde unwohl. Sic geleiten die Dame nachhause— an der nächsten Ecke stehen Wagen. Ich würde mir die Ehre selbst geben, wenn mich eine andre— eine traurige Pflicht— nicht jetzt zurückhielte." „Besten Freund— Geschästsangelegenheiten— unwohl— hören Sie es, gnädige Frau?" lachte die Schauspielerin hell auf. Schweder kehrte sich nicht daran. Er trat dicht vor Prell und sagte leise, sodaß nur der Angeredete und der ganz verdutzt neben diesem stehende alte Herr Klose die Worte verstehen konnte: „Sie— holen sofort meinen Arzt, den Professor Werneck, hierher, er muß kommen— unter allen Umständen— auf der Stelle." Prell, der ein Grinsen, das noch viel höhnischer aussah, als sonst, kaum verbergen konnte, verbeugte sich. Schweder stand bereits wieder an der Thür seines Bureaus: „Gnädige Frau— ich bitte. Mein verehrter Freund— der würdige Herr Doktor Klose, wird die Güte haben, Sie nachhause zu geleiten. Ich hoffe, daß Sie die frische Frühlingsluft wieder völlig hergestellt haben wird, bevor Sie Ihre Wohnung erreicht haben." Wieder lachte die Schauspielerin— so laut, fast unheimlich, auf, daß der alte Herr Klose, welcher absolut keine Ahnung hatte, was der seltsame Auftritt, dessen unfreiwilliger Zeuge er geworden, zu bedeuten habe, ganz entsetzt nach der Thür schaute. „Glauben Sie das auch, gnädige Frau?" hatte Christine Stein gefragt. Frau Senkbeil gewann es nicht über sich, ihr zu antworten, sie auch nur noch einmal anzusehen, als sie bei ihr vorüber- schritt. Schweder hatte recht,— die Szene mußte enden,- der Eklat>var groß genug, furchtbar groß, und der letzte, erschütterndste Akt in dem Drama war es ohnehin nicht. Aber sie sah auch Schweder nicht an, als sie aus seinem Zimmer in das andre trat. Sie schaute nur auf Klose: „Wenn Sie mich begleiten wollen, mein Herr Doktor," sagte sie mit müder, aus einem wunden Herzen matt heraufklingender Stimme. Der alte Herr starrte sie an, so überrascht, so erregt, wie damals, als er sie zum erstenmale sah, im Restaurant Weinhold, an jenem Abend, welcher ihm Fritz Lauter näher geführt hatte. Seine Stimme versagte fast den Dienst, als er mit tiefer Verbeugung antwortete: „Wenn mir die gnädige Frau das Vergnügen— die Ehre—" Die Dame neigte ihr schönes Haupt gegen ihn, und gegen ihn allein, und schritt rasch, ohne ein Wort, ohne einen Blick sonst ihm voran zur Thür. Der alte Herr Klose folgte ihr, wie im Traume. Schweder warf einen fragenden, befehlenden Blick auf Prell, der immer noch, neugierig umherspionirend und grinsend auf dem alten Flecke stand. Prell kannte seinen Chef und fürchtete solche Blicke,— er verschwand eiligst, aber nicht, ohne noch einmal nach der schönen Schauspielerin hingeschaut zu haben, welche sich, wie von irgendeiner großen Anstrengung erschöpft, auf einem der Fauteuils niedergelassen hatte und das Gesicht hinter ihren Fächer verbarg. Schweder zögerte einen Augenblick, bevor er in sein Zimmer zurückkehrte. Sein Gesicht zeigte wieder jene Kälte, welche an- zudeuten pflegte, daß er zum äußersten entschlossen war, drohend und düster leuchteten seine Augen und um seinen Mund hatte sich ein Zug von Grausamkeit gelegt, der die vollen Lippen fest zusammenzog. „Ja— ich finde— es gibt keinen andern Weg— es muß sein— sie hat's gewollt; ich habe sie tausendmal gewarnt, sie solle niemals sich unterstehen, feindlich meinen Weg zu kreuzen. Aber die andere— nun, wenn sie die Thorheiten noch weiter- treibt, dann auch sie— in der einen oder der andern Weise; vielleicht sie und er, mein Freund— pah, wenn er mich zur Rechenschaft ziehen Ivill, so ist auch er seines Schicksals Schmied,— ich weiche nicht, ich will und muß das Spiel gewinnen. Was ich dabei gewinnen kann bei dem verdammt hohen Einsatz, den ich auf ein paar wichtel'sche, erbärmliche Karten setze— ja, was—" Ueber seine Züge wetterleuchtete es wie Selbstverhöhnung. Er zuckte die Achseln und trat in sein Zimmer. ** Fritz Lauter war seit mehr als acht Tagen im Gebirge. Er hatte sich im Einverständniß mit seinem Chef für die ersten Tage bei seinen Verwandten in Oberbartenstein einquartiert. Dann hatte er seinen Aufenthaltsort in dem entgegengesetzten Theile des Oberlandes gewählt, um gleich in den ersten Tagen aus eigner Anschauung ein möglichst vollständiges und möglichst wenig einseitiges Bild von der Lage der Dinge da oben zu erhalten. Was er bis jetzt gesehen und gehört, erschien ihm trostlos; noch viel schlimmer und verhängnißvoller, als er es sich vorher hatte träumen lassen. Die Hoffnung, daß die Erbitterung der Gebirgsbewohner wegen des Engagements der Italiener und Wasserpolaken sehr bald verrauchen würde, wie sie vielfach aus- gesprochen worden war, schien ihm jetzt völlig trügerisch. Im Gegentheil: es war ihm, als ob jeder Tag diese Erbitterung steigerte. Das war auch die Auffassung, wie sie bei den an der brennenden Frage nicht unmittelbar betheiligten Bewohnern der Gebirgsstädte und Dörfer vorherrschte. Es werde und müsse zu blutigen Konflikten kommen, wenn die Eisenbahnverwaltung nicht endlich noch ein Einsehen habe, meinte man.(Fortsetzung folgt.) Die Republiken Sudamerika'S in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von I)r Mar Dogler. (Fortsetzung.) Selbst eine nur flüchtige Skizzirung der Geschichte des ameri- konischen Südens kann die Befreiung des letzteren von der spanischen Herrschast nicht erzählen, ohne dabei der Stellung zu gedenken, welche die seit der Entdeckung des Landes in Amerika das Machtwort spre- chende„alte Welt" zu der Veränderung in den staatlichen Verhältnissen des Westens eingenommen hat. Die nach den sogen.„Freiheitskriegen" in Europa hereinbrechende Reaktion ließ es in der That nicht an Be- mühungen schien, auch diesmal ihren Einfluß jenseits des Ozeans zu ihren Gunsten geltend zu machen. Sie faßte die freiheitliche Bewegung in Südamerika, so sehr war das kranke Europa von seiner sehr zweifel- Haft gewordenen Würde eingenommen, wie eine Art von persönlicher Beleidigung auf, und die drei Allianzmächte zeigten Lust, die Angelegen- heit zum Gegenstand der Berathungen eines Kongresses zu machen, um ihren- natürlich!—„berechtigten Wünschen" Erfolg zu verschaffen. Diese Wünsche liefen aber, ganz den griesgrämlichen Alltagsneigungen der alten, furchtsamen Dame entsprechend, aus nichts anderes als auf die unbedingte Wiederherstellung der spanischen Herrschaft oder wenig- stens die Aufrcchterhaltung des monarchischen Prinzips durch Einsetzung bourbonischer Prinzen in jenen Staaten hinaus. Eigenwillig, wie kranke Alte sind, würde man sich weder durch„die handgreifliche Lächer- lichkeit, die darin lag, daß Preußen oder Oesterreich sich um die Regie- rungssorm eines Landes bekümmerte, von dem sie durch die Breite zweier Weltmeere und zweier Kontinente geschieden waren", noch durch „die warnende Stimme des damaligen Präsidenten der nordamerikani- scheu Union, James Monroe(1817—1825), daß das Zeitalter curo- päischer Staatengründungen auf amerikanischem Boden geschlossen sei", von dem thörichten Beginnen haben abbringen lassen, hätte nicht„die Stimme des gesunden Menschenverstandes diesmal einen Verbündeten an den merkantilen Interessen Englands und an der ruhigen Energie seines leitenden Staatsmannes gehabt." Es war der rcichbegabte, hu- mane englische Minister Lord George Canning, der bestimmend ins Mittel griff,— derselbe, der auf einem Festmahl zu Harwich den seit- dem als wahres Zeit- und Schlagwort in Millionen Herzen wider- klingenden Wahlspruch ertönen ließ-„Bürgerliche und religiöse Freiheit über die weite Welt(all over the world)!"... Der englische Handel nämlich hatte bei dem ungehemmten Verkehr, den die sreigewordenen Staaten suchen mußten, mehr Vortheil, als bei dem engherzigen und beschränkten Geiste der früheren spanischen Handelspolitik, welche den englischen Erzeugnissen den Eingang verwehrte, und schon hatten sich zahlreiche Verbindungen Englands mit den süd- amerikanischen Republiken angeknüpft, deren Interessen den absoluten Widerstand gegen jede Neigung, die früheren Verhältnisse daselbst wie- der herzustellen gebieterisch erheischten. So erklärte denn Canning dem französischen Gesandten am britischen Hofe, von Polignac, der sich zum Organ jener Jnterventionsideen der„heiligen Allianz" machte, rund heraus,„daß die Regierungsform, unter welcher ein Volk leben wollte, niemanden etwas angehe, als dieses Volk selbst", und betonte auf das bestimmteste, daß er fest entschlossen sei, jene europäische Einmischung in dein besagten Sinne niemals zuzulassen. Zur höchsten Entrüstung der kontinentalen Mächte ernannte er im Jahre 1823 britische Konsuln für die neuen Staaten, um die Interessen des britischen Handels da- selbst wirksam zu vertreten, und erkannte nach dieser mittelbaren An- erkennung am 1. Januar 1325 Mexiko, Columbia und Buenos-Ayres in ihrer neuen staatliche» Gestaltung förmlich an.„Ich rief die neue Welt ins Dasein",— so sagte er mit gerechtem Stolze in einer diesen Meisterzug seiner Politik entwickelnden Rede im Parlament, welche von der liberalen Seite beS letzteren mit lautestem Beifall begrüßt wurde— „um das Gleichgewicht der alten herzustellen." Er hat Recht gehabt; jeder weitere Versuch, der im Verlause der folgenden Jahrzehnte unternommen wurde, in dieser oder jener Weise bestimmend auf die süd- amerikanischen und amerikanischen Verhältnisse im weiteren Sinne ein- zuwirken, hat ein unglückliches Ende genommen. Was die weitere Geschichte der südamerikanischen Republiken, deren es gegenwärtig neun— Peru, Bolivia, Paraguay, Ecuador, Argentina, Chile, Uruguay, Bereinigte Staaten von Venezuela, Bereinigte Staaten von Columbia— gibt, in unserem Jahrhundert angeht, so ist schon daraus hingewiesen worden, daß dieselbe aus einer sortlaufenden Kette von Ausständen, Revolutionen und gegenseitigen Bekriegungen besteht, wovon der Grund jedenfalls in dem Charakter der dünngesäeten, wenig arbeitslustigen und auftegungsbedürftigen Bevölkerung, der die über- schwänglich reiche Natur nie ermüdend ihre zum größten Theile un- genützt wieder in ihren Schoß zurückgehenden Schätze darbietet, zu suche» ist. Ein von einer Anzahl der südamerikanischen Staaten be- Ichickter Kongreß, der im Jahre 1860 zu Lima stattfand, und von dem energischen, feurigen General Ramon Caftilla, Präsidenten von Peru, zusammengebracht worden war, erfüllte die durch ihn genährten Hoff- nungen auf eine größere gegenseitige Annäherung nicht. Eine Aus- nähme von dem allgemeinen Zustand in diesen Republiken hat eigent- lich nur eine der kleinsten, der dünnbevölkerte, halbindianische Binnen- staat Paraguay aufzuweisen, welcher aber bekanntlich wieder durch den fünfjährigen Kampf gegen die„Tripleallianz"(1865—70) und die im letzten Jahre daselbst ausgebrochene Revolution in neuerer Zeit schwer heimgesucht wurde. Wir haben hier nur auf die Verhältnisse Peru's, Bolivias und Chile's näher einzugehen, insofern diese Darstellung im Hinblick auf den gegenwärtig zwischen jenen beiden Republiken als Alliirten und dem letzteren stattfindenden Krieg veranlaßt worden ist. Mit Peru beginnen wir dabei deshalb, weil dieser Staat unter den anderen Republiken Südamerika's in mehr als einer Hinsicht den ersten Rang einnimmt. Die geographische Größe Peru's wird, wie die fast aller südamerikanischen Staaten, verschieden angegeben; wir glauben das Richtige zu treffen, wenn wir sie auf 24 000 Quadratmeilen mit gegen 3 mill. Einwohnern bemessen. Eines der reichsten und schönsten Länder Süd- amerika's, steht ihm jedenfalls eine große Zukunft bevor. Es ist von der Natur selbst in drei Theile getheilt: Die 10—20 Meilen breite Küstengcgend— die Balles— deren größerer Theil sandig ist, zum kleinen Theil aber auch aus sehr fruchtbaren Thälern, welche von den in den Gebirgen entspringenden Flüssen bewässert werden, besteht,— zweitens die Sierra, hohes Gebirgsland zwischen den beiden Andes- ketten— drittens die aus feuchtem Wiesen- und Sumpfland und aus fruchtbaren Pampas bestehenden warmen Thäler am östlichen AbHange der Bergketten. Während die Sierra sehr wenig für den Ackerbau be- nutzt wird, liefert sie dagegen durch ihren großen Metallreichlhum für den Bergbau die vortheilhafteste Ausbeute. Die ebene Küstenstrecke hat besonders durch das hier sich dem Auge darbietende großartige Schau- spiel des stillen Ozeans mit seinen Wogen und die grünen Oasen, die man hier und dort zwischen den Sandflächen erblickt, einen hohen Reiz; von größerer Schönheit noch sind aber die Gebirgsgegenden, wo Himmel- anstrebende Berge mit furchtbaren Abgründen und Schluchten abwechseln und senkrechte, auf einander gehäuste Felsen ebenso viele Stufen zu sein scheinen, um die Cordilleras zu erklettern, aus deren Gipfeln der ewige Schnee leuchtet und prangt und die südliche Sonne(Peru ist ganz in der südlichen Zone gelegen) das Auge durch die wunderbarsten Farbenspiele entzückt. Die Thäler an den Abhängen im Osten haben mehr einen freundlichen Charakter und zeichnen sich durch eine groß- artige Vegetation aus(Weizen, Reis, Kaffee, Zuckerrohr, Kacaobohnen, Baumwolle, von der man im Jahre drei Ernten erzielt, Flachs und Hanf, Tabak, Muskatnüsse, Ingwer, Pfeffer, in den unermeßlichen Ur- wäldcrn kostbare Holzarten, die ebenso gut zur Verwendung zum Schiffbau wie zur Kunsttischlerei dienen, wie z. B. Cedern, Acazien, Ebenholz, Eichenholz, zehn bis zwölf Palmcnarten, mehrere Arten Chinabäume, Aloe, Farbehölzer, Gummibäume, ferner osfizinelle Kräuter, Coca u. a. m.). Bekannt ist der Mineralienreichthum Peru's, der geradezu unerschöpflich zu sein scheint und bereits eine ungeheure Aus- beute geliefert hat. Gold und Silber wird nicht allein in den hohen Bergketten, sondern auch in den Sandgegenden und selbst in den Flüssen gefunden. Ferner gewinnt man Quecksilber in Ueberfluß, Salpeter, Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Nickel, Schwesel, Asphalt, Salz. Schließlich und vor allem ist noch der unermeßlichen Guanolager zu gedenken, die sich hauptsächlich auf den drei Chinchasinseln, aber daneben auch noch aus anderen Eilanden finden. Der Guano bildet neben dem in neuerer Zeit gleichfalls in großen Mengen zur Versendung gelangenden salpeter- sauren Natron den ergiebigsten und bedeutendsten peruanischen Aus- fuhrartikel und die Erträgnisse seines Verkaufs haben der Staatskasse schon mehrere hundert Millionen Dollars eingebracht. Und dabei scheinen die Lager noch lange nicht erschöpft zu sein.(Fortsetzung folgt.) Reise vor zweihundert Jahren.(Bild Seite 377.) Wir sehen uns in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückversetzt, in dessen erster ein blutiger Krieg die deutschen Lande verwüstete. Noch tragen die wenigen Straßen die Spuren rastlos hin und wieder ziehender Heere mit schwerem Geschütz und endlosem Troß. Zudem schießt seit Tagen unendlicher Regen herab und verwandelt die Fahrbahn in ein Meer von Schmutz, in den die Räder zur Hälfte einsinken. Wider- willig keuchen die Rosse unter den Peitschenhieben, und mißmutig bergen sich die Reisenden hinter den Schutzledern der schwerfälligen Kutsche, die eher einem aus Räder gestellten Sarg, als einem Verkehrsmittel für Lebende gleicht. Noch machen brotlos gewordene Soldaten aus aller Herren Länder die Straße unsicher und bieten sich im günstig- sten Falle den wenigen Reisenden, die die eiserne Nothwendigkeit auf die Straße treibt, zum bewaffneten Geleite an. Holpert so ein Auszug durch eines der halb niedergebrannten Dörfer des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, so schaut kaum ein halbes Dutzend zerlumpter Kinder aus den Fenstern, die Alten schließen ängstlich die Thüre zu, denn die vorüberziehende Rotte könnte nach Gutdünken eine Brand- schatzung vornehmen und selbe noch obendrein mit dem rothen Hahn auf dem Dache quittiren. Auch in den Städten liegt Handel und Wandel darnieder und die Bevölkerung ist durch Pest und Hunger dezimirt. Das sind die Segnungen der guten alten Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege. Und doch paßt unsere düstere, aber wahrheits- getreue Schilderung nur auf die reichen Reisenden des 17. Jahrhunderts. Die armen griffen zu tausenden zum Bettelstab und gingen ohne festes Ziel in die weite Welt hinaus, nur um dem Elend zu entfliehen, das sie daheim umgab und tausende jagte die Reue über begangene Misse- thaten in die Fremde. Die Wunden dieses dreißigjährigen Siechthums 384 sind in den freien Reichsstädten Augsburg, Ulni und Nürnberg noch heute nicht vernarbt, denn die welthandelbeherrschende-Stellung dieser Städte ist unwiderbringlich dahin. Die Post befand sich nach dem Westphälischen Frieden in demselben erbärmlichen Zustande wie die Straßen, obzwar sie schon unter der Regierung des Kaisers Maximilian I. eingesührt worden war. Ihre Leitung wurde als eine Art Privilegium dem kaiserlichen Oberjägermeister Roger von Tassis übergeben, welcher im Lande Tirol die erste deutsche Post ins Leben gerufen hatte. Die Zweckmäßigkeit der neuen Einrichtung bewährte sich sehr bald, der Kaiser ließ sich nnn auch eine Reitpost zwischen Wien und Brüssel orga- nisiren und ernannte Roger von Tassis zum niederländischen General- Postmeister. Man entlehnte die Bezeichnung„Post" aus dem Lateini- scheu von dem Worte positus, zu deutsch„ausgestellt", weil die Ver- bindung aus einer Aufstellung von Pferden beruhte. Bernhard, der Sohn des Vorgenannten, veränderte seinen Namen in Turn und Taxis. Er war es, der die Niederlande, Deutschland und Tirol mit Italien postalisch verband und zwar von Brüssel über Lüttich, Trier, Speier und Augsburg nach Mailand. Die Post hatte„kaiserliche Vollmacht", d. h. alle Fuhrwerke mußten dem Reichspostreiter ausweichen, die Reiter gaben Raum für ihn und wo noch vereinzelte Raubritter in den Schluchten verborgen hausten, da zogen sie sich sosort zurück, wenn das Posthorn sich hören ließ. Achtzig Jahre nach ihrer Einführung war die Post durch den Trotz der deutschen Fürsten arg in Verfall gerathen, bis ihr der dreißigjährige Krieg vollends den Garaus machte. Erst nach dem Friedensschluß von Münster und Osnabrück(24. Okt. 1648) dachte man an die Wiederherstellung dieser öffentlichen Verkehrsanstalt und verbesserte sie wesentlich durch Einrichtung von Personenposten. Von einem kleinem Orte im Lande Hannover, von dem jetzt gänzlich unbekannten Pütter, zwischen Hildesheini und Bremen, war der erste Pcrsonenpostcours ausgegangen. So gering wie sein llrsprung, war auch seine Einrichtung. Schwere, plumpe Leiterwagen beförderten die anspruchslosen Passagiere, kein Dach schützte sie vor Regen und Sonnen- schein, Scbnee und Hagel konnten unzehindert die Köpse mit Silberstaub pudern. Und eine Reihe von Jahren hindurch ließ sich die damalige Menschheit derartige Martcrkasten geduldig gefallen; dann erst konstru- irte man Lcinwanddecken über Tannenrcifen und noch viel später ent- standen die dauernden ledernen Wagendächer, deren gelber Anstrich dem Postwagen den Namen der gelben Kutsche verlieh. Daß neben der Reichspost verschiedene Landesposten entstanden, ist bei der politischen Vielköpfigkeit Deutschlands selbstverständlich. Doch gerade diese Riva- lität trug zur Vertheuerung des Porto bei. Noch in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, kurz vor der 1804 erfolgten Auslösung des alten deutschen Reiches kostete ein Brief von Hamburg nach Nürnberg auf der Taxis'schen Post 12 Kreuzer, aus der Taxis'schen und brandenbur- zischen Post von Nürnberg nach Berlin, 14 Meilen Entfernung weniger, zahlte man über 27 Kreuzer, und, wenn auf dem Wege über Leipzig die sächsische Post hinzukam, waren gar 35 Kreuzer zu erlegen für den einfachen Brief. Beim Zusammenbruch des heiligen römischen Reiches deutscher Nation(1804) gab es 31 verschiedene Postanstalten. Seit dem Jahre 1871 haben wir„so weit die deutsche Zunge klingt", wie Vater Jahn sagen würde, deren nur 4, und zwar die deutsche, die öfter- rcichische, die bayerische und die würtembergische; jedenfalls sind drei zu viel. A. Die Beeren der Tollkirsche als Vogelfutter. Es ist ein be- kannter Ersahrungssatz, daß gewisse Pflanzen nur für gewisse Thiere „giftig" sind, während dieselben Pflanzen für andere Thiere sich un- schädlich erweisen und sogar dritten Thieren als beliebte Nahrung dienen. Der Ausdruck„Giftpflanze" ist somit kein allgemein gültiger, sondern nur ein relativer. Dies erweist sich am frappantesten in der Thatsache, daß die Beeren der Tollkirsche von den Drosseln ohne allen Nachtheil verzehrt werden, während ja einige wenige jener berückend- schwarzglänzcnden Beeren hinreichen, einen Menschen vom Leben zum Tod zu befördern. Andererseits ist für uns Menschen die Kcrmesbeere (Lllvtvhicea decandra) unschädlich(sie wird ja in südlichen Gegenden auch reichlich zum Färben des Weines verwendet), während sie für die Drosseln eine„Giftpflanze" ist, von anderen Vögeln zugleich aber ohne Schaden genossen wird. Bon all' den glänzenden saftigen Früchten der verschiedensten Gewächse, die seit Adams Zeiten als„giftig" ver- schrieen sind, muß angenommen werden, daß sie für gewisse thiere durchaus schadlos sind und diesen letzteren sogar als beliebte Nahrung dienen; denn anders läßt sich die verlockende Ausstattung jener Früchte nicht erklären. Sie sind die Produkte einer natürlichen Zuchtwahl, bei welcher diejenigen Thiere, welche jene Früchte genießen, als Züchter fungirten. Die in den Beeren und anderen fleischigen Früchten ein- geschlossenen hartschaligen Samen gelangen häufig nur dann zum Kei- men, wenn sie den Darmkanal eines Thieres passirt haben. Es leuchtet also ein, daß die Samen jener Pflanzen am meisten Aussicht hatten, unter günstigen Verhältnissen zu keimen, wenn sie in Begleit der ver- lockendsten Anziehungsmittel für früchteverzehrcnde Thiere zur Reife gelangten. Bekanntlich keimen die von saftigem Fruchtfleisch umgebenen Samen des Weißdornes am besten, wenn sie erst von einem Vogel genossen wurden und mit den Auswurfsstoffen desselben ausgesäet werden. In England benutzen die Gärtner diesen Umstand, indem sie die Weißdornfrüchte den Truthühnern als Nahrung vorlegen und her- nach die Exkremente dieser Vögel mit den darin enthaltenen unversehrt gebliebenen, nun aber aufgeweichten Sanien zur Aussaat bringen. Die glänzenden Beerensrüchte bilden ihre Farben und ihr saftiges Fleisch nicht ohne Nutzen. Das durch diese Momente angelockte Thier dient un- bewußt als Säemann für die betreffende Pflanzenart. Die für den Menschen so„giftige" Einbeere(Paris quadrifolia), welche in unseren Gegenden so häufig ist, findet bei ihrer Reisezeit, da sie in wunderbaren! Lackschwarz erglänzt, ganz entschieden Liebhaber unter den Thieren des Waldes, die sie schadlos genießen; denn die schwarze Beere fault nicht auf dem Stock, noch weniger vertrocknet sie unbenutzt,— kurze Zeit nach ihrer Reise findet man die Pflanze ihrer Beere beraubt.— Die angeführten Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, daß auch die j„Philosophie der Gistpflanzen", die seinerzeit im Sinne der teleologi- scheu Weltanschauung so viel Jrrthum verbreitete, seit dem Platzgreisen des Darwinismus eine andere geworden ist. Dr. D-P. Der Blasentanq als Arzneipflanze. Bekanntlich liefern die Meertangen in ihrer Asche beträchtliche Mengen von Jod und Brom, welche beiden Stoffe in der heutigen Arzneimittellehre eine wichtige Rolle spielen. Das„Carraghen" des Handels, unpassend auch„irländisches Moos" genannt, dient seit alten Zeiten als Mittel gegen Abzehrungs- krankheiten und ist nichts anderes als ein mariner Rothtang(Cdondms crispus). Nun ist neuerdings auch der fast in allen europäischen Meeren vorkommende Blasentang, Pucus vesiculosus, plötzlich wieder als Arzneipflanze zur Berühmtheit gelangt, nachdem er lange Zeit fast ganz außer Kurs gesetzt war. Ein englischer Arzt wandte das Extrakt des Blasentanges als Mittel gegen Fettleibigkeit an sich selbst an und verlor innerhalb 3 Wochen 8 Pfund an Gewicht, in den folgenden 3 Wochen neuerdings l'/z Pfund und bis zum Ende der 12. Woche zusammen 13 Pfund. Es muß aber erwähnt werden, daß er genaue Diät einhielt und Butter, Zucker, Bier zc. vermied. Letzteres hatte er auch schon früher gethan, aber ohne eine Gewichtsabnahme zu verspüren. In einem andern Falle verlor ein Mann in 6 Wochen 8 Pfund, ohne eine Aenderung in seiner Lebensweise einzuführen. Eine Dame verlor in S Wochen über 20 Pfund, ebenfalls ohne besondere Diät einzuhalten. Alle diese Personen nahmen das flüssige Extrakt von Fueus vesiculosus und verspürten in ihrem Allgemeinbefinden keine nachtheiligen Wirkungen. Da der Blasenlang an den felsigen Küsten der europäischen Meere in solcher Masse vorkommt, daß aus kleinem Räume ganze Wagenladungen gewonnen werden können, so dürste er ein sehr billiges und in keinem Falle schädliches Hausmittelchen abgeben, das unseren dickleibigen Tanten und Onkeln etliche Jahre weiterer Lebenszeit einbringen wird. Dr. D-P. Als Gewichtsstücke können in der Roth unsere Reichs-Kupfer- und Nickelmünzen benützt werden. Nach dem im Reichsgesetze vom 5. Februar 1874 angegebenen Normalgewichtc wiegt nämlich 1 Pfennig (neu) genau 2 Gramm, ein 2-Pfennigstllck 3>/z Gramm, ein 5-Pfennig- stück 2V2 Gramm, ein 10-Pfcnnigstück 4 Gramm. Es läßt sich hier- nach folgende Tabelle aufstellen: 1 Gramm gleich zwei 5-Psgstück weniger ein Iv-Psgstück, 2„„ ein 1-Psgstück, 3„„ zwei ö-Pfgstück weniger ein 1-Pfgstück, 4„„ em 10-Psgstück, 5„„ zwei 5-Psgstück, 6„„ drei 1-Pfgstück, „„ zwei 5-Pfgstück und ein 1-Psgstück, 8„„ zwei 10-Pfgstück, 9„„ zwei 5-Pfgstuck und ein 10-Pfgstück, 19„„ vier 5-Pfgstück. Wer etwa vorziehen sollte, mit Gold- statt mit Nickelmünzen zu wiegen, der kann auch statt eines 10-Pfcnnigstücks ein 10-Markstück aus die Wag schale legen das Gewicht ist gleich.-z- -**-*•-y w*.00v„v..—(Fortsetzung), Die Beeren der Tollkirsche als Vogelfutter.— Der Blasentang als Arzneipflanze. Reise vor zweihundert Jahren(mit Illustration). Reichsmünzen als Gewichtsstücke. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.