Idealisten. ion Httboff Lavant. Ein Novembcrspätabend, wie er im Buche steht. Der Sturm fährt heulend und pfeifend durch die engen und winkligen Gassen und Gäßchen einer mitteldeutschen Handels- und Universitätsstadt, die sich bereits zur werdenden Großstadt ausgewachsen hat und zeitweilig ein Mittelpunkt deutschen Geisteslebens war. Wo diesem wilden Herbststurm auf seiner Sicgesbahn ein lockrer Ziegel oder ein angebrochener Dachschiefer aufstößt, da hebt er ihn aus und führt ihn spielend davon, und die Esscnkvpfe prüft er eingehend auf ihre Widerstandsfähigkeit. Dazu schneit und regnet es wirr durcheinander, und wer sich im Freien befindet, hat seine liebe Roth, die Augen offen zu behalten. Desto behaglicher ist es hoch oben im letzten Stock eines sehr hohen und sehr schmalen, mit plumpen Erkern wenig vortheilhaft herausgeputzten alten Hauses, das seine Front den Promenaden- anlagen, seine Rückseite einem, in launischen Schlangenwindungen angelegten, düstern und herzlich unfreundlichen Gäßchen zuwendet. Da das Haus in der Front seinen Fuß in die Mitte einer sanft nach der Promenade abfallenden Böschung setzt, welche zur andern Hälfte von einem kleinen Garten eingenommen wird, so erscheint das Parterre, welches seinen Eingang von dem Gäßchen aus hat und dort ebenerdig ist, zu welchem aber vom Garten aus eine Treppe emporführt, von der Promenade aus als ein erstes Stock- werk, und die bösen Zungen, welche behaupten, die„Bude" des Rechtskandidaten Franz Mendt befinde sich im fünften Stock eines thurmhohen Gebäudes von nur drei Fenstern Front, können sich für diese fast lieblose Verleumdung wenigstens auf den ober- flächlichen Anschein berufen. Doch wie dem auch sei, es war recht behaglich da oben. Ein grüner Schirm dämpfte das Licht der Lampe, auf dem weiß- gedeckten Tisch vor dem alterthümlichen und darum bequemen Sopha stand eine frischangebrochene Kiste Cigarren und der eiserne Ofen strahlte eine so ausgiebige Wärme aus, daß die Energie, mit welcher ein zweifellos sauberes und beinahe schmuckes Dienst- Mädchen Schaufel um Schaufel voll Kohlen nachschob, ziemlich unmotivirt erschien. � Eine andere Auffassung der Sachlage schien der voll- und rothwangige junge Mann zu haben, der es sich in einem äugen- scheinlich für die bizarren Körperverhältnisse eines arg Verwach- senen gebauten, für jeden Normalkörper unbrauchbaren Lehnstuhl bequem zu machen suchte, ohne damit zurechtkommen zu können. Die Cigarette aus dem Munde nehmend, sagte er nämlich mit vielem Wohlwollen und in fast verbindlich-chevalercskem Tone: „So ist's recht, Fräulein, kacheln Sie nur tüchtig ein, denn einer von den Herren, die ich heute das erstemal hier bewirthe, ftiert auch im wärmsten Zimmer wie ein Windspiel und würde selbst in der Sahara höchstens eine Maikühle konstatircn. Bier haben Sie also besorgt und um elf bringen Sie den Thee,— er muß aber stark sein, sonst fallen sie alle über mich her." „Es ist alles in Ordnung,— aber sollten die Herren nicht um acht kommen? Es ist jetzt grade einviertcl neun." „Das nennt man das, akademische Viertel', aber es ist aller- dings in der letzten Zeit eine bedenkliche Bummelei eingerissen. Doch halt,— hören Sie nicht jemanden die Treppe heraufkommen?" Die Gefragte konnte sich die Antwort sparen, denn in der That ließ sich ein schwerer, stapfender, etwas unsicherer Schritt vernehmen und gleich darauf trat ein junger Mann ins Zimmer, schüttelte die nassen Flocken von seinem Hute, warf den Ueber- zieher ohne Umstände auf einen Stuhl und trat, nachdem er seinem Wirth die Hand gedrückt, an den Ofen, um sich die er- starrten Hände zu wärmen. „Ist das ein Hundewetter!" meinte er dann, mit einer Ver- beugung gegen das hinausgehende Mädchen, welches er jetzt erst zü bemerken schien.„Aber an unserm Abend kommt aufs Wetter nichts an, und ich bin sogar wieder der Erste, wie ich sehe." „Sie sind exemplarisch pünktlich, lieber Born, aber von Ihnen freut mich das garnicht. Es wäre mir viel lieber, Sie gewöhnten Sich eine geniale Nnpünktlichkeit an und brächten es fertig, Sich um eine Stunde zu verschen." „Da hört aber doch alles auf; den anderen werfen Sie bei jeder Gelegenheit die UnPünktlichkeit und Unzuvcrlässigkeit vor, und ich soll nicht einmal pünktlich sein dürfen; wann werde ich es denn endlich einmal recht machen?" „Lieber Born, Sie verkennen ganz, daß Sie ein Dichter sind, was von den andern nicht gesagt werden kann; Sie vergessen ganz, daß Sie nicht blos das übliche Trauerspiel verbrochen haben, sondern das Lamm gewesen sind, welches der Welt Sünde trägt, daß Sie unsere Verbindlichkeiten der tragischen Muse gegen- über mit übernommen und statt des Pflicht-Trauerspiels deren fünf von Stapel gelassen haben, auf diese Weise unsere sträfliche Pflichtvergcsscnheit sühnend. Sie haben die Schatten Barbarossas, Heinrichs des Löwen, Heinrichs des Vierten, Karls des Fünften und Rudolfs von Habsburg nochmals heraufbeschworen, und die Welt erwartet von Ihnen, daß Sie auch die übrigen deutschen Kaiser dramatisiren und Raupach überraupachen werden." V-»5. Mai i»so. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt sur das Volk. � 33-- 1880. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften h 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 386— Wcndt hielt inne und Born fragte, gute Miene zum bösen Spiele machend: „Also Ihr altes Thema! Aber Sie können Sich die Auf- zählung der von mir Verherrlichten, sowie der von mir Geinor- Veten und noch zn Mordenden sparen; sagen Sie mir lieber, was meine wirkliche oder angebliche Dichtcritis, um Arvenbergs jüngsten Kalauer zu adoptircn, mit meiner Pünktlichkeit zu schaffen hat. Irgend eine Bosheit lauert da wieder im Hintergründe." „Bosheit! Aber, lieber Born, wessen halten Sie mich fähig? Habe ich Sie nicht immer in Schutz genommen, wenn die andern schonungslos auf Sie einhackten? Habe ich es nicht durchgesetzt, daß Ihr.Heinrich der Löwe' in meinem Lesekränzchen mit ver- theilten Rollen gelesen—" „Gelesen werden sollte— allerdings!" war die lakonische Erwiderung. „Daß dies Vorhaben sich nicht realisiren ließ, hat an un- berechenbaren, unglücklichen Zufälligkeiten gelegen, wie Sie wissen. Aber jetzt einmal ganz im Ernst. Wenn ich Ihren Dichterberuf bedenke, so stört mich Ihre Pünktlichkeit. Sic sind überhaupt viel zu sehr der solide, junge Mann, den die Väter liederlicher Söhne als Muster aufstellen, dem die Mütter heiratsfähiger Töchter mit ermuthigendcm Wohlwollen zunicken. Sie haben keine Schulden, Sie haben keine Liebschaften, Sie trinken nie ein Glas über den Durst, Ihre Wäsche ist stets so sauber, Ihre Kleidung so adrett und modern,— es ist so garnichts Zerrissenes, Unstätcs, leidenschaftlich Bewegtes an Ihnen und— „Nun Hab' ich's aber satt! Also ein Dichter muß nach Ihrer Meinung in einem defekten Phantasiekostiim herumlaufen, seine Wäsche muß quantitativ und qualitativ der der.edlen Polen aus der Polakei' in Heine's Gedicht erfolgreich Konkurrenz machen, er muß bis über die Ohren in Schulden stecken und wenigstens einmal wöchentlich schwer bezecht aus einer Gosse gefischt werden, und ein oder lieber gleich einige Verhältnisse zu verheirateten Frauen haben, die womöglich zu Duellen—" „Sie karrikiren, aber so leichten Kaufs werden Sie mich nicht los. Ich kenne Sie doch nun schon lange, aber von Sturm und Drang habe ich an Ihnen nie etwas bemerkt. Die Phantasie und das Gefühl spielen Ihnen nie einen Streich, sie gehen nie mit Ihnen durch, und wenn Sie in dieser langen Zeit ein ein- ziges mal verliebt gewesen sind, so lasse ich mich hängen. Gestehen Sie, das Theaterbillet, welches Sie der kleinen Büffctmamsell im Cafü Berlin schenkten, ist Ihre einzige erotische Anstrengung ge- wesen, und da die Liebe auch für das Drama und die Tragödie unerläßlich ist und man doch nur das zu schildern vermag, was man an sich selber erlebt und mit dem eignen Herzen und den höchsteigenen geehrten Nerven empfunden hat, so ist's ganz er- klärlich, daß uns die Frauenzimmer in Ihren Tragödien als der größte Stein des Anstoßes erschienen sind." „Sie haben gut reden; wie kann ich bei meiner ungewissen Zukunft ans Heiraten denken? Ich muß froh sein, wenn ich mich mit Ach und Krach durchschlage und es vielleicht soweit bringe, daß ich mir einmal einen Vorleser halten kann. Mit meinen Augen wird es ja nie wieder besser und mehr als acht Seiten täglich kann ich nicht lesen, und auch die nicht ohne Tubus." „Aber, lieber Freund, beachten Sie einen Moment den furcht- baren Saltomortale, den Sic da eben gemacht haben! Ich spreche vom Verlieben ftir Ihre dichterischen Zwecke— Sie sprechen vom Heiraten! Mit Ihnen ist eben rein nichts anzufangen. Sie sind unverbesserlich solid und moralisch, und das ist sehr gut für Ihren Ruf, aber sehr schlimm für Ihre Dramen." Born wollte eben erwidern, als ein dritter ins Zimmer trat. Er schnaufte beträchtlich, wennschon ersichtlich nur zum Scheine, warf sich, wie zum Tode erschöpft, ins Sopha und sagte dann: „Die Htthnersteigen— sechs doch mindestens?— wären über- standen!'Aber was war denn das für ein Disput? Hat sich Born verlobt und hat ers unter sechzigtausend Thalern gethan?" Mendt brach in ein schallendes Gelächter aus, fuhr sich mit allen Zeichen des Vergnügens durch das ziemlich dichte und buschige Haar, streichelte wohlgefällig seinen Henriquatre und sah Born erwartungsvoll an. Dieser verließ seinen Platz am Ofen, nahm sich eine Cigarre und tastete suchend auf dem Tische herum, bis er endlich das Schächtelchen mit den„Schweden" gefunden hatte. „Es scheint mir heute wieder trübselig gehen zu sollen. Eben hat mir Mendt eine kolossale Pauke gehalten und nun fangen Sie an, Arvenberg! Nun bin ich blos neugierig, was die andern für Laune mitbringen,— es wäre am Ende das Beste, ich sal- virte mich durch die Flucht." „Sie brauchen nicht zu denken, daß ich Born zu nahe getreten bin," bethcuerte Mendt.„Ich habe ihm nur gesagt, daß er in seinem ganzen Privatleben alles dichterische Fluidum vermissen läßt, daß es demselben an aller malerischen und interessanten Unordnung fehlt—" „Als wenn das zu bezweifeln wäre! Lieber Born, Ihr ganzes Unglück ist, Sie haben zuviel Geld, es geht Ihnen viel zn gut— und dabei haben Sie nicht einmal Bedürfnisse," gab Arvenberg zurück. Das wurde mit einem Tone gesagt, in dem sich, bei an- scheinendem Ernst der Uebcrzengung, Gutmüthigkeit, Humor und Satire eigenthümlich mischten, und von Satire wetterleuchtete es denn auch in dem feinen, klugen Gesicht, das nur durch die ge- bogcne Nase an den semitischen Typus erinnerte. Born mußte selber lachen.„In dem Wahnsinn ist aller- dings Methode. Ich und zuviel Geld! Tausend Mark jährlich —'mehr kann ich nicht aufgehen lassen, und wäre ich nicht arm wie eine Kirchenmaus, ich würde die verwöhnte Nase Arvenbergs gewiß nicht durch meine väterlichen Freimaurercigarren beleidigen." „Es hilft aber alles nichts, es geht Ihnen dennoch zu gut, soviel Selbsterkenntniß Sie auch bezüglich der Qualität Ihrer Jnfamia an den Tag legen. Würden Sie sonst nicht die Herr- liche Gelegenheit benutzen, die Sie als Lehrer der englischen und ftanzösischen Literatur an einer Fortbildungsschule für höhere Töchter haben?" „Welche Gelegenheit? Und wozu benutzen?" fragte Born mißtrauisch, während Wcndt, die Fortsetzung des Spottgefechts mit vielem Vergnügen an den neuen Ankömmling abtretend, sich eine neue Cigarrettc drehte. „Aber, Lamm Gottes, das fragen Sie noch? Sie stehen vor einem halben Hundert junger Mädchen, vom Backfisch bis zur gereisten Jungfrau, von denen jede einzolne das Prädikat.Gold- fisch' verdient, Sie sind ihr Literaturlehrer, man ist selbstverständ- lich bis über die rosigen, kleinen Ohren in Sie verliebt, und Sie lassen ein geschlagenes Jahr vergehen, ohne Sich die hübscheste, liebenslvürdigstc und interessanteste von Ihren andächtigen Schü- lerinnen gekapert zu haben! Wissen Sie, daß das unverzeihlich und unverantwortlich ist, daß man Sie insgeheim beschuldigen wird, Fisch-, beziehentlich Froschblut in den Adern zu haben? Und dabei kommt ihm noch zugute, daß er zwar ein wenig hager und steif ist, aber sonst ein ganz passabler Junge, namentlich seitdem er meinen Rath befolgt, seinen zu langen Hals durch Stehkragen zu maskiren, daß er einen hübschen, blonden Schnurr- bart hat, daß er im Rufe eines firmen Klavierspielers steht, daß ihn der Nimbus des Dichters umfließt, sobald er sich entschließen kann, ganz im Vorbeigehen eine Bemerkung über seine noch der Aufführung harrenden unsterblichen Dramen einfließen zu lassen! Nein, Born, ich verzweifle an Ihnen,— Sie kommen nie auf einen grünen Zweig!" Der also Apostrophirtc machte ein Gesicht, wie zusammen- gefahrene Milch, und erwiderte unwirsch: „Nun kommen Sie mir auch noch mit meinen tveiblichcn .Hörern', nun soll ich gar noch eine von den Geheimraths-, Gerichtsraths- und Banquiers- Gänschen heiraten, die mir mit ihrem albernen Gezischel und Gekicher und Gewisper und Gepisper das Leben so sauer machen, daß ich die Sache gründlich satt habe! Wissen Sie, daß ich drauf und dran bin, diese Stellung aufzugeben?" „Wundert mich garnicht,— aber warum irritirt Sie der Backfisch- Uebermuth?" „Ach was, ich gebe mir die erdenklichste Mühe, ich bereite mich sorgfältig vor, ich quäle mich damit ab, die Frauenzimmer in das Verständniß Shakespeare's einzuftihren, und finde nicht die geringste Empfänglichkeit und darum auch keine Aufmerksam- keit. Und doch sind das lauter.höhere' Töchter!" „Ja, sehen Sie, Born, da liegt der Fehler. Sic sind wieder viel zu gründlich, viel zn gewissenhaft, viel zu wissenschaftlich, und bringen Sich dadurch um alle Wirkung. Glauben Sie denn, die jungen Damen werden von dem Bestreben, sich zu bilden und etwas zu lernen, in die Lehrstunden geführt? Die Sache ist Mode, es ist Chic, eine solche Anstalt zu besuchen, also kann man sich nicht ausschließen, ohne beredet zu werden. Und statt nun die so Gepreßten zu unterhalten und zu amüsiren, statt ihnen von allem nur den leichten, süßen Schaum zu geben, doziren Sie, als hätten Sie Studenten vor sich, und werden— langweilig, 387 bcgehen also ein Majcstätsverbrechen. Sie sollten den Humor, der in der Situation liegt, begreifen, Sie sollten in souveräner Ironie über den Menschen und Dingen stehen und sie nehmen, wie sie sind, um sich dann heimlich oder in unserm Kreise über den, Zauber� zu mokiren,— aber das können Sie nicht und das— ist schade." „Ein schönes Kompliment," murrte Born, der ziemlich nach- denklich zugehört hatte, nun aber in Eifer gerathen zu wollen schien. Da wurde er durch das Erscheinen zweier neuen An- kömmlinge unterbrochen, denen das Dienstmädchen mit gefüllten Biergläsern auf dem Fuße folgte. „Ich habe Reinisch auf der Treppe eingeholt,— ihr hättet ihn nur fluchen hören sollen, im reinsten heimatlichen Allemannisch! Uebrigens bin ich entschuldigt,— da!" sagte der Jüngere von beiden, indem er einen in eine Nummer der„Kölnischen Zeitung" gepackten Gegenstand auf den Tisch legte.„Ich schlage vor, wir dediziren diese meine kostbare Jagdbeute von heute Abend unserm braven Wendt, in Anerkennung der gastlichen Bewirthung, die er uns bereitet." „Ach was, Mendt verdient eher eine Strafe, als eine Beloh- nung," warf der andere dazwischen, ein kleiner, schmächtiger, beweglicher Mann mit forschenden Augen und schon merklich ergrauendem Kopf- uud Barthaar.„Wie kann denn ein ver- nünftiger Mensch in einen solchen Photographirsalon ziehen, in einen solchen verwünschten Glaskasten, wie dieses Zimmer, das mit zwei Fenstern nach der Promenade und mit zwei weiteren nach der Gasse sieht, auf der dritten Seite die Thür nach der Treppe hat und nur auf der vierten eine ordentliche Wand?" Arvenberg schien nur auf diese Anregung gewartet zu haben, denn er bemerkte sofort bedenklich: „Ich fürchte allerdings, daß es in kurzer Zeit höllisch kalt in diesem Gewächshause sein wird,— wollen Sie nicht einmal nach dem Feuer sehen, Mendt'?" Dieser erwiderte lachend: „Da hat Sie also Reinisch, der ewige Krittler, glücklich in Alarm gesetzt! Sie werden aber nicht frieren, dafür verbürge ich mich, denn ich habe ein ganzes Kohlenbergwerk zu versenden. Ueberdies habe ich alles mögliche gethan, Ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen. Da Sie kein Biertrinker sind, habe ich eine Flasche Weißwein für Sie besorgt— und zwar keine naumburger Schattenseite— Sie bekommen zum Thee englische Cakes und wenn Sie zum Wein etwas haben wollen, so stehen Ihnen Knack- wandeln und Traubenrosinen zur Verfügung,— Sie lieben ja dergleichen, das ist so ziemlich stadtkundig." „Ich mißgönne Arvenberg seine süßen Genüsse keinen Mo- ment," warf Reinisch dazwischen,„aber wie in aller Welt kommen Sie auf den Einfall, solche kostspielige und geivohnhcitswidrige Veranstaltungen zu treffen?" „Uebcr die Kosffpieligkeit können Sie Sich beruhigen. Sic wissen doch, es ist meine Force, mich �u Diners und Soupers einladen zu lassen und bei einem hochfeinen Diner— das Mcmi steht Ihnen zu Diensten— äußerte ich kürzlich scherzend gegen die Frau vom Hause, indem ich für Südfrüchte verbindlich dankte, daß ich bedauerte, einen meiner liebsten Freunde nicht zur Stelle zu haben, da er all diesen Herrlichkeiten volle Gerechtigkeit wider- fahren lassen würde. Eine Viertelstunde später flüsterte sie mir zu, daß sie einen großen Papiersack voll der süßen Waarc in meinen Paletot habe stecken lassen— für meinen Freund, fügte sie hinzu, indem sie drohend den Finger hob und andeuten zu wollen schien, daß sie zarteren Besuch argwöhne." „Geschieht Ihnen schon recht, Wendt!" fiel Born ein.„Mich svlls gar nicht wundern, wenn man auch in diesen Kreisen, in denen Sie bisher nur als handfester Ponlardcnvertilgcr bekannt waren, Wind davon bekommt, wie vielen jungen Mädchen Sie schon die Ansichten Goethes über die Sittlichkeit der Sinnlichkeit erläutert haben." „Aha, venäetta per Nontanu!" lachte der Angegriffene, aber er mußte sich sofort gegen einen neuen Angreifer tuenden, denn der jüngere von den letzten Ankömmlingen sagte: „Mendts Schwäche für das schöne Geschlecht ist mindestens ebenso stadtbekannt, als Arvcnbcrgs Kuchen- uud Konfekt- Passion; eben deshalb wollte ich mir erlauben, ihm den Iltis zu überreichen, den ich vor einer Stunde im Garten meiner Wirthsleute in einer Fuchsfalle gefangen und durch einen Schuß in den Kopf kunstgerecht vom Leben zum Tode gebracht habe. Das Fell gibt einen reizenden kleinen Muff; Wendt kann den- selben der jetzigen Inhaberin seines Herzens verehren und kommt somit auf billigem Wege zu einem ganz respektabeln Weihnachts- geschcnk für seine Donna." (Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Aofenverg. .(Fortsetzung.) Ich kann diesen impertinenten Menschen nicht vergessen. Nach- dem er in einem Briefe, der von Grobheiten strotzte, die Handels- Politik der„Alten Welt" auf das heftigste angegriffen, kam er selbst zu mir ins Bureau.„Ich habe mein Geld in Aktien ge- steckt," schrie er und begleitete seine Aussage mit einem lebendigen Mienenspiel,„und das Geld habe ich, weil ich Ihren Berichten Glauben geschenkt hatte, verloren!" Er schlug mit der Faust auf den Tisch und besänftigte sich erst, als ich ihm meine Unschuld an diesem Verlust bethcuerte.—„Wie können Aktien so schnell fallen, wenn da nicht ein Schwindel dahinter steckt?— He?— Waren sie vor acht Tagen noch al pari, warum nicht heute?— He?— Sind wir in Rumänien?"— Ich ließ mir die Sache erzählen. Der Herr hatte von einem Banquier Aktien, die von bedeutenden Häusern der Stadt ausgegeben und in der„Alten Welt" dem Publikum empfohlen waren, gekauft in der Voraus- setzung, daß sein Geld darin gut angelegt sei. Kaum waren die Aktien an der Börse exportirt, so sanken die Preisnotirnngen mehr und mehr, bis endlich die Aktien wohlfeil waren wie„alte Semmeln".— Ich mußte mir selbst zugestehen, daß hier irgend- etwas nicht in Ordnung sei, und indem ich mich so äußerte, erbot ich mich, unter der Hand nach der Ursache dieser Börsenspekulation zu forschen.„Mir selbst ist es nicht angenehm, mit Menschen zusammen zu arbeiten, denen jemand harte Vorwürfe, den Vorwurf des Einverständnisies mit Unredlichkeit machen kann, und ich werde alles aufbieten, zu erfahren, ob der Redakteur des Handelstheils einen solchen Vorwurf verdient."—„Sie werden mir Nachrichten geben," versetzte der Mann lachend,„welche, weiß ich im voraus. O, man darf in der Welt nur nichts Gutes von den Menschen denken, das wäre Narrheit!"— Da sprang ich von meinem Sitze auf, heftig, drohend, und indem ich auf die Thür zeigte, rief ich:„Sie werden die Wahrheit hören!"— Der Mann schritt langsam hinaus, und ich hörte deutlich, wie er vor sich hinsprach:„Alles Spitzbuben, alles Spitzbuben!" In der heutigen Nummer der„Provinzzcitung" stand ein längerer Artikel, ebenfalls gegen die Handelspolitik unsrer Zeitung gerichtet. Man deutete darin an, daß die Redaktion mit den Börsenspekulanten in Verbindung stände und einen Theil des Gewinnes als Lohn erhielt. Man drohte zum Schluß mit Bc weisen und erzählte sodann die Geschichte der Aktien jenes Herrn, dessen ich in diesen Blättern schon Erwähnung that. Wolkenbaucr kam, außer sich vor Aufregung, in die Redaktion. Er fragte nach Doktor Müller, dem Handelsredakteur, und als dieser gleich darauf, lächelnd und die Nummer der Provinzzeitnng in der Hand haltend, das Zimmer betrat, fuhr er diesem entgegen mit den Worten:„Sie habcn's schon gelesen, Doktor?"—„Gewiß! Lächerlich! Eine Infamie! Ein Zeitungskuiff; der Provinz- zeitung fehlt es an Abonnenten!" versetzte dieser.„Und was denken Sie, Herr Doktor?"—„Ich?" fragte Wolkenbauer.„Ich denke, man muß sofort eine Entgegnung bringen."—„Objektiv, ruhig," versetzte Müller, dann zog er ein Papier aus der Tasche und sagte:„Ich habe eine Berichtigung aufgesetzt. Hören Sie: ,Dic heutige Nummer der Provinzzeitung bringt einen Artikel, der in unzweideutigster Weise unser Institut und besonders unsre Handelspolitik angreift. Wir überlassen es unseren Lesern, zu bcurtheilen, ob wir jemals ctlvas anderes geschrieben und mit- getheilt, als die Wahrheit, und das Ergebniß, wie es allemal der Moment mit sich brachte. Wir setzen den Verleumdungen den Erfolg und den guten Ruf unseres langjährig bestehenden - 388- Unternehmens entgegen und sind sicher, daß der van der Bosheit je ruhiger wir. Das hat Erfolg!"— Damit zogen sich die abgeschnellte Pfeil ans die Brust des Urhebers zurückschnellen beiden Herren in ein Kabincl zurück und die aufregende Neuig- keit war vor- läufig abge- than. Was hinter den Ku- lifsen vorging oder vorgeht? Geduld.-- — Mir wird es mit jedem Tage unHeim- licher auf mei- nein Sessel!� Ich habe zwar mit dieser vermaledeiten Handels- affärc als Re- dakteur des Feuilleton f �{.,• �> nichts zu schaffen, aber die Sache geht niich zu guter- _ letzt doch auch a. i iimmmammmL.:•■ etwas an.— 5' mmmmmmk-i Mei» b« sprechen, dem Herrn recht bald Ausklä- rung über die iverthlos gc- wordenen Ak- tien zu geben, habe ich noch nicht erfüllen können. Doktor Müller meinte, ich hätte niit dem « mmam............................................................................. iiiiiiHiuiunuyiiii Menschen nicht �- Ii soviel Umstände machen sol- len, denn man könne als Re- dakteur doch nicht für jede Korrespon- denz und jedes Wort, das man ____ in Eile und U t" llliiill iliililiilillf Aufregung schriebe, ver- -o»H H A<{ antwortlich � m%-A«/. W MM% H« gemacht werden; das wäre nun einmal so der Lauf der Welt, zu ge- Winnen und zu verlieren, heut arm und mor- gen reich zu sein, und die- fem natür- lichcn Gesetz müsse man sich fügen, wolle man nicht den Schein der Un- besonnenheit und Thorheit auf sich neh- wen.„An der wirdtz"—„Superb," rief Wolkenbauer,„ganz ausgezeichnet!> Börse heißt es immer va banque," sprach Doktor Müller lachend, Schnell hinauf an den Setzkasten damit. Je heftiger der Gegner,„grade wie auf einem Schlachtfelde; wer die meiste List anivendet, der ist der Sieger!"— Diese sophistischen Phrase» konnten mir selbstverständlich nicht behagen, und ich scheute' mich nicht, dem guten Herrn ins Gesicht zu sagen, daß mir in allem, was er da gesprochen habe, kein rechter Sinn, und besonders kein rechtlicher Sinn, zu liegen scheine.—„Was verstehen Sie von dem Handel und von der Börse?" rief Müller heftig.—„Soviel," gab ich zurück,„daß ich zu beurtheilen verstehe, ob das Geschäft ein ehr- liches oder ein unehrliches ist. Das Gefühl des Rechts werden Sie mir wohl »icht absprechen." � Müller lachte laut auf:„Was heißt Recht?— Was wollen Sie an der Börse mit Recht?— Fällt es heute einem Minister ein, eine un- steundliche De- pesche an eine fremde Macht zu senden, so ist so- gleich Ebbe an der Börse und die Papiere der fremden Macht erleiden Verluste. Ist das Recht? — Steht der Ghef eines be- deutenden Hau- delshauses mit einflußreichen Kreisen der Re- gierung in Ver- bindung und weiß er so un- gefähr den Lauf der diplomati- scheu Ereignisse voraus, dann richtet er seine Ein- und Ver- taufe darnach ein, fingirt offi- zielle Mitthei- langen, lockt seine Geschäftsfreunde in de» Sumpf und bereichert sich ans Kosten der Ueberlisteten. Ist das Recht? Und wo ist in der kaufmänni- scheu WeltRecht? Zeigen Sie mir ein Geschäfts- Haus, das auf dem Fundamente Ihres simplen Rechts stände!?— Ueberlistung, Vernichtung des Gegners, das sind die leitenden Grundsätze und sind es immer gewesen!— Der Herr, dessen Geschick Sie so bemitleiden, hat sich bereichern wollen, wollte über Nacht sein Vermögen verdoppeln. Nun, da er bestraft ist für seine Gier, schreit er wie ein Kind, das mit Feuer gespielt und sich verbrannt hat."—„Er hätte nicht sein vermögen verloren hätten wir vor den Aktien rechtzeitig ge- warnt."—„Faktum ist, daß er an der Börse hat spielen wollen. „Faktum ist, daß>.� ,T.........— mit etwas spielt, das er nicht kennt, darf nicht murren, wenn es ihm ein Leid zufügt," entgegnete Müller, nahm seinen Hut und verabschiedete sich in der Voraussetzung, daß er mit dem letzten Satz eine feine Pointe gegen mich ausgespielt habe.— Nach dieser Unterredung versank ich in ein tiefes Brüten; mir war es im Kopf ganz sonderbar, und alle Augenblicke hörte ich noch Müller sprechen: Was ist Recht?— Vor meiner Seele ließ ich alle hervor- ragenden Zweige der menschlichen Thätigkeit vor- beistreichcn, je mehr, je länger ich bei allen das Recht als Grund- Prinzip suchte, je dumpfer ward es in meinem Hirn.— Ich war wohl acht Tage nicht bei Liebers ge- wesen. Freimann und ich, wir hat- ten in letzter Zeit eifrig studirt. Als ich die Fa- milie gestern Abend besuchte, fand ich nur den alten Herrn vor. Mutter und Tochter waren verreist.„Meine Leute kommen morgen zurück," sagte der alte Herr, seine Pfeife mitWohlbehagen rauchend. Ich setzte mich zu ihm.— Wir sprachen von mancherlei. Der alte Herr brachte auch gelegentlich die Konversation auf die Enthül- lungsgeschichtein der Proviuzzei- tung.„Eine böse Geschichte das," sagte er nach einer Weile. „Nun, da der Katzenjammer über unser Land hereingebrochen, das viele Geld in Stückwerke hineingeplempert ist, da fängt es an zu grauen; ein>eder wischt sich den Schlaf aus den Augen und es wird ihm klar, daß er einen berauschenden Schwank erlebt hat. Mancher wird, da es in seiner Börse elen- diglich trübe aussieht, seinen Nachbar des Raubes anklagen, des Betruges bezichtigen, kurz, verantwortlich machen für das, was er selbst mit vielem Vergnügen mit unternommen hat. In Frank- reich, lieber Freund," fuhr der Alte fort,„warf sich damals jeder in die Brust und rief: GUoirv de la patrie! Wir Deutschen lachten über diese kindliche Eitelkeit, und nun— leiden wir selbst an dieser(Zloire de la patrie. Man wirthschaftete nach Wohl- gefallen, wie ein Mensch, dem plötzlich das große Loos in den 390 Schooß gefallen ist und nicht weiß, was er mit seinem Geld und Glück gleich ansangen soll. Vor lauter Vergnügen arrangirte man einen Fastnachtsball. In aller Eile und wie im Ziu ent- standen an allen Enden prächtige Bauwerke; schlecht gezimmert, leicht gegründet. Das mußte eines guten Tages zusammen- fallen.— Wo zwei unternehmende Köpfe waren, da etablirte sich eine Aktiengesellschaft. Wie die Pilze nach lästigem Regenwetter, so sproßten aus dem Boden unseres Vaterlandes diese auf den Bankerott eingerichteten industriellen Unternehmungen empor. Es waren Eintagsfliegen. Am Btorgen trank man Champagner, am Mittag kam der Leichenwagen und ani Abend war das Ganze eine Ruine. Jeder beeilte sich, theil an dem großen Fischzug zu nehmen. Die Zeitungsschreiber steckten zumeist mit diesen Akticnmachern unter einer Decke. Sie lobten das Unternehmen, halfen so die Aktien an den Markt bringen und steckten für ein paar unbedeutende Druckzeilen ein Pack Aktien als Doucenr ein. Sie wurden auf diese Art unwillkürlich Aktionäre und Börsen- spckulanten. Die große, die goldne Zeit hatte jeden Skrupel geheiligt, hinweggescheucht. Und auf diesen Freuden- und Sieges- taumel ist nun die Entnüchterung gefolgt. Es wird eine schreck- liche in Bezug auf die Nachwirkung sein. Die Magazine sind mit Waarcn überhäuft, der Preis der Lebensmittel ist um ein Bedeutendes gestiegen, der Lohn, die Einnahmen sind gefallen, die Bedürfnisse geblieben. Die Haushalter haben nicht weise gcwirthschaftct, sie haben auf einmal ihre Schränke und Speise- kammern geöffnet, und nun gähnt überall Oede und Leere.— Ihr Doktor Müller wird auch nicht skrupulös gewesen sein, und war er klug, so könnt ihr ihm nichts beweisen. Nur vor dem � Tribunal der moralischen Uebcrzeugung kann man ihn richten,— doch welche Wirkung wird dieses Richterthum auf ihn ausüben?— Aber nun habe ich Ihnen genug vorgeschwatzt," sagte Lieber. „Stecken Sie endlich Ihre Cigarre an, vergessen Sie auf ein Stündchen die leidige äußere Welt, und indem wir die Gläser in die Hand nehmen, wollen wir auf irgendetwas, was uns gemeinsam lieb und Werth ist, anstoßen!"—„Bravo!" rief ich. „Ihre Damen sollen leben!"(Fortsetzung folgt.) Zum neunten Mai. Ein Gedcnkblatt von Nruno Oeiser. (Fortsetzung statt Schluß.) Das Titanische, das überwältigend Bedeutende in Schillers Wesen, wie es aus den Zügen unseres Porträts uns entgegen- blitzt, macht sich nirgend entschiedener und unleugbarer geltend, als da, wo er als Anwalt der höchsten Ideen der Menschheit und als Richter der Gedanken und Bestrebungen seiner Zeit auftritt. Wer Schillers dichterische und prosaische Arbeiten studirt— denn studiren muß sie auch der Scharfsinnigste, der Literatur- kundigste, der mit den besten Geisteswaffen Ausgerüstete, nicht blos lese» und wieder lesen, wenn er ihn ganz verstehen, den erstaunlichen Reichthum seiner Gedanken nach Gebühr ermessen will,— bei dem wird sich neben der Beivunderung für die außer- ordentliche poetische Kraft, welche sich ihm überall offenbart, auch das Gefühl geltend machen, daß er sich in dem Banne eines gewaltigen, politischen Genius befindet, eines Genius, vor dessen Augen nicht nur die politischen und sozialen Gestaltungen seiner Gegenwart mit allen ihren Schwächen und Fehlern un- verhüllt offenlagen, sondern der auch in die Zukunft schaute, wie in ein aufgeschlagen Buch, und kommenden Geschlechtern wie seinen Zeitgenossen die Wege gewiesen hat, die sie zum Ziele der Völkerfreiheit und des Völkerglückes zu wandeln haben. Loeta— propheta— der wahre Dichter ist Prophet— das hat sich an keinem so glänzend bewährt, als an unserem Schiller! Und seines Volkes Prophet und Führer zu sein, bei dessen Wanderung durch die Wüste der geistigen Unreife und sittlichen Niedrigkeit in das gelobte Land der wahren inneren Freiheit, deren äußere, garnicht erst besonders zu erstrebende, ganz von selbst dem geistigen Kerne sich organisch angcstaltcnde Form die sozialen und politischen Einrichtungen sind.— diese höchste Auf- gäbe des Dichters und des Menschen überhaupt,„den umwölkten Blick zu öffnen und die tausend Quellen dem Durstenden in der Wüste zu zeigen,"— wie er selbst sagt,— hat Schiller stets unwandelbar vor der Seele gestanden und hat er gelöst in un- verglcichlicher Weise. Versuchen wir, die Hauptmomente seines Wirkens mit einem Blicke zu umspannen, um Grund oder Ungrund dieser Behaup- tnng zu erkennen. Mit den„Räubern" wagte der kaum zwanzigjährige Dichter den ersten großen Wurf. Es war ein Schuß ins Schwarze der furchtbar zerrütteten Zustände jener Zeit, zu Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Er leuchtete mit grellem Fackel- schein in die finstere Nacht des„tintenklccksenden Säkulums", dieses„schlappen Kastratenjahrhundcrts" hinein und zeigte, daß seine Zustände das Verbrechen zum Siege und die Tugend zur Vernichtung führen müßten. Gegen so furchtbare Verrottung ließ er sich den Räuber, den losgebundestcn aller Empörer, als Vertreter der kettenbelasteten Menschheit, erheben; der Mann, der sich ganz auf sich selbst gestellt, der kein anderes Gesetz gelten lassen ivill, als seinen eigenen Willen und die Laune eines Augenblicks, er spricht und handelt im Namen der Gerechtigkeit, deren oberstes Gesetz das der persönlichen Freiheit ist, weil diese keinen anderen Fürsprecher mehr findet. Und der Räuber erweist sich zum Schlüsse bis zur Selbstvernichtung unterthan dem Gesetze, in dem er die Gerechtigkeit der Wiedervergeltung anerkennt. Was er in den„Räubern" begonnen, setzteer im„Fiesco" fort. Spielt in jenen der Guerillakrieg entfesselter, nur auf Ver- nichtung des Bestehenden gerichteter Leidenschaften seine zerstörende Rolle, so gilt es hier dem zweckbcwußten Kampf für eine be- stimmte politische Idee. Einzelherrschaft und Republik stehen sich im„Fiesco" gegen- über. Die Zügel der Herrschaft führt ein Manu, Andreas Doria, der dem Gemeinwesen, das er sich unterworfen, die dankens- Werthesten Dienste geleistet. Aber das Recht, über die vielen zu herrschen, hat sich auch damit der Eine nicht erwerben können; noch weniger aber das Recht, seine Herrschaft so zu stabilircn, daß sie sein unwürdiger Erbe mit den todten Schätzen, die jener hinterließ, übernehmen dürfte. Gegen die Usurpation erhoben sich die Vielen, nicht als Räuber, sondern als politische Verschwörer, deren Führer, Fiesco, Graf von Lavagna, dem Maler zuruft:„Du stürzest Tyrannen auf Leinwand, bist selbst ein elender Sklave! Geh', deine Arbeit ist Gaukclwerk— der Schein weiche der That." Aber es sind mißvergnügte Nobili, der dem Tyrannen zunächst- stehende Adel— der die Doria stürzt, und der Graf von Lavagna vermag der Versuchung nicht zu widerstehen, welcher der im Momente des Aufruhrs als Diktator geduldete Erste der Ver- schwörer ausgesetzt ist: an die Stelle des Tyrannen von gestern tritt der Sieger von heute, und diesen stürzt in der Stunde des höchsten Triumphs der RePräsentant des starren Republikanerthunis, der alte Verrina, der selbst, wie die Leute alle, die nichts weiter sind, als Revoluttonäre, nur Tyrannen verjagen oder morden und nicht freie Staaten auferbauen kann.„Ich gehe zum Andreas"— zu dem von den Verschworenen vertriebenen„Tyrannen" Andreas Doria,— damit endet die Tragödie, wie Cliquen- und Klassen- Verschwörungen allezeit geendet haben und allezeit endigen müssen. In dem ein Jahr� nach„Fiesco" vollendeten Drama„Kabale und Liebe" wandte sich Schiller mit der Anklage auf unerträg- liche Erbärmlichkeit so unzweideutig und so schonungslos gegen die damaligen Zustände Deutschlands, wie es bis dahin ganz unerhört gewesen. Selbst Lessing hatte den Schauplatz seiner „Emilia Galotti" noch nach Italien verlegt, um seiner Tragödie in Deutschland die Existenz zu ermöglichen; Schiller brandmarkte offen vor allem Volke den deutschen Duodezdcspoten, der seine Unterthanen wie Viehheerden an den Meistbietenden zum Ab- schlachten zu verkaufen und in jämmerlicher Mätressenwirthschaft Hab und Gut seines Volkes zu vergeuden pflegte, sammt der feilen Adelssippe, die bei ihm höfisch scherwenzte, und dem ver- worsencn Handlangervolk seiner Beamten. Diesem in Grund und Boden hinein verdorbenen Thcile der Gesellschaft jener Zeit gegenüber ergriff Schiller Partei für den sittenreineren Bürger- - stand, an dem nichts mehr auszusetzen war, als daß er die mora- tische und intellektuelle Kraft nicht besaß, der Korruption von obenher zu steuern. Wie in„Fiesco" sich der Adel unwürdig und unfähig zugleich erwies zur Schöpfung menschenwürdiger Verhältnisse, so zeigte sich in„Kabale und Liebe" der Bürgerstand allzu ideenleer und charakterschwach, um als Träger politischer Zukunftshoffnungen erkiest zu werden. Damit waren diejenigen Volksgruppen erschöpft, welche zu Ständen äußerlich geordnet in jener Zeit vorhanden waren. Anderswo, als bei ihnen, mußte der Hebel der Gedankenrevolution mit Aussicht auf Erfolg anzusetzen sein. Andere Ziele, als sie im Gesichtskreise des Adels und Bürgerthums lagen, mußten abgesteckt werden, um eine Bewegung schassen zu helfen, welche das Volk in ihre Streife zog. In den nächsten Jahren arbeitete Schiller am„Don Carlos". Dieser verhält sich zu den vorhergegangenen Trauerspielen nicht „wie das Ziel zum Weg", wie Schillers Biograph Hoffmeister meint, in ihm versucht der Dichter vielmehr einen neuen Weg zu einem neuen, höheren Ziele zu gehen. Sein Freiheitsideal erscheint hier nicht mehr als ein triigeri- scher Schemen, wie in den„Räubern", die befreiende That ist nicht mehr geheftet an die Fersen eines bestimmten Standes, wie im„Fiesco", eines Standes, der selbst nichts Besseres vermag, als die junge Freiheitssaat sofort wieder zu zertreten, aus dieser Tragödie gähnt uns auch nicht der ganze Jammer hoffnungslos verderblicher Zustände entgegen, wie in„Kabale und Liebe", in dem der Musikus Miller, der mit seinem abwechselnden Zähne- knirschen vor Wuth und Zähneklappern vor Angst so kostbar das niedere Bürgerthum von damals rcpräscntirt, während die von zarteren Gefühlen regierte Jugend nichts Besseres zu thun weiß, als sich zu vergiften; hier im„Don Carlos" tritt entschleiert das vornehmste Strebeziel wahren Mcnscheiithmiis ans die Bühne. König Philipp der Zweite hat es erfaßt und spricht es aus, nachdem er die furchtbare Szene an der Leiche des Marquis Posa mit seinem Sohne Carlos durchlebt: .... Für einen Knaben stirbt Ein Posa nicht. Der Freundschaft arme Flamme Füllt eines Posa Herz nicht aus. Das schlug Der ganzen Menschheit. Seine Neigung war Die Welt mit allen kommenden Geschlechtern. Und Posa war es selber, der es dem Könige gesagt, was er vorher keinem Menschen noch vertraut: Marquis.— Ich kann nicht Fürstendiener sein. (Der König sieht ihn mit Erstaunen an.) Ich will Den Käufer nicht betrügen, Sire.— Wenn Sie Mich anzustellen würdigen, so wollen Sie nur die vorgewogne That. Sie wollen Nur nieinen Arm und meinen Muth im Felde, Nur meinen Kops im Rath. Nicht nieine Thatcn, Der Beifall, den sie finden an dem Thron, Soll meiner Thaten Endzweck sein. Mir aber, Mir hat die Tugend eignen Werth. Das Glück, Das der Monarch mit meinen Händen pfianzte, Erschüs' ich selbst, und Freude wäre mir Und eigne Wahl, was mir nur Pflicht sein sollte. Und ist das Ihre Meinung? Können Sie In Ihrer Schöpfung fremde Schöpfer dulden? Ich aber soll zum Meißel mich erniedern, Wo ich der Künstler könnte sein?— Ich liebe Die Menschheit, und in Monarchien darf Ich niemand lieben, als mich selbst. Das Glück aber, das Posa für die Menschheit rcklamirt, das ist nicht jenes Glück, welches Monarchen ihren Völkern zu gönnen pflegen: Doch, was der Krone frommen kann— ist das Auch mir genug? Darf meine Bruderliebe Sich zur Berkürzung meines Bruders borgen? Weiß ich ihn glücklich— eh' er denken darf? Mich wählen Sie nicht, Sire, Glückseligkeit, Die Sie uns prägen, auSzustreun. Ich muß Mich weigern, diese Stempel auszugeben.— Ich kann nicht Fürstendiener sein. Freilich verlohnte es sich der Mühe, zu versuchen, ob nicht auch in eines Königs Herz der Funke edler Menschlichkeit zum wärmenden Feuer, zur leuchtenden Flamme zu entfachen wäre: Weihen Sie Dem Glück der Völker die Regentenkrast, ------ stellen Sie der Menschheit Verlornen Adel wieder her. Der Bürger Sei wiederum, was er zuvor gewesen, Der Krone Zweck— ihn binde keine Pflicht, Als seiner Brüder gleich ehrwürd'ge Rechte*). Ein gewaltiges, hohes Ziel, das Posa dem Könige stellt! Wie aber sollte derselbe König, der die Menschen zu verachten gelernt hat, weil sie seine Sklaven waren, die Begeisterung finden, ihm zuzustreben? Marquis. Ich höre, Sire, wie klein, Wie niedrig Sie von Menschenwürde denken, Selbst in des freien Mannes Sprache nur Den Kunstgriff eines Schmeichlers sehen, und Mir däucht, ich weiß, wer Sie dazu berechtigt. Die Menschen zwangen Sie dazu; die haben Freiwillig ihres Adels sich begeben, Freiwillig sich auf diese niedre Stufe Hcrabgestellt. Erschrocken fliehen sie Vor dem Gespenstc ihrer inncrn Größe, Gefallen sich in ihrer Armuth, schmücken Mit feiger Weisheit ihre Ketten aus, Und Tugend nennt man, sie mit Anstand tragen. So überkamen Sie die Welt. So ward Sie Ihrem großen Vater überliefert. Wie könnten Sie in dieser traurigen Verstümmlung— Menschen ehren? Darum ist sie nur ein Zugeständniß an die Gunst des Augen blicks, diese Probe mit dem auf dem Throne grau gewordenen Könige. Des Königs Sohne, dessen Herz für das Edle noch weit und freudig geöffnet ist, Don Carlos, gilt die Ideen- Propaganda des Menschhcitsschwärmers Posa,— vielleicht möchte er zur That machen können, was sein Vater kaum zu begreifen vermocht. Aber auch er nur vielleicht— der Schwärmer Posa kennt seine Zeit: Die lächerliche Wuth Der Neuerung, die nur der Ketten Last, Die sie nicht ganz zerbrechen kann, vergrößert, Wird mein Blut nie erhitzen. Das Jahrhundert Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe Ein Bürger derer, welche kommen werden. Die Wahrheit seiner Einsicht besiegelt Posa mit seinem Tode; und daß seine fteilich nicht gar zuversichtliche Hoffnung, sein Schüler Carlos werde der königliche Herold des Evangeliums freier Menschlichkeit werden, eitel war, lehrt erschütternd genug der Ausgang der Trägödie. Nicht das über dem geknechteten Volke in traditioneller Erdengöttlichkcit thronende despotische Königthuni triumphirt, sondern unüberwindlich und unerbitt- lich, wie das Fatum, die Anangke, die über den Göttern thronende Schicksalsmacht der Alten, greift die Kirche in der Gestalt des 90jährigen Kardinal- Großinquisitors in die letzten Szenen, um den König Philipp zu strafen für den Hauch freier Regungen, von welchen er seine von der Kirche gesalbte Stirn hat leise berühren lassen, und Carlos, in dessen Brust die Saat Posa's Wurzel gefaßt, erbarmungslos zu vernichten. Wer erkennt nicht in dieser Jugcndtragödie unseres größten Dramatikers, von dem. verzweifelten Räuberkriegc gegen alles Bestehende bis zur Proklamirung der Menschenrechte im„Don Carlos" das Wetterleuchten der kaum drei Jahre nach Vollendung dieses letzten Dramas gewitterhast unerwartet und gewaltig hereinbrechenden französischen Revolution? Nach der Schöpfung des„Don Carlos" trat eine lange Pause *) Die folgenden dreizehn Verse stehen nur in der ersten Auflage! Der Landmann rühme sich des Pflugs und gönne Dem König, der nicht Landmann ist, die Krone. In seiner Werkstatt träume sich der Künstler Zum Bildner einer schönern Welt. Den Flug Des Denkers hemme serner keine Schranke, Als die Bedingung endlicher Naturen. Nicht in der Vatersorge stillem Kreis Erscheine der gekrönte Fremdling. Nie Erlaub' er sich, der Liebe heilige Mysterien unedel zu beschleichen. Die Menschheit zweifle, ob er ist. Belohnt Durch eignen Beifall, berge sich der Künstler Der angenehm betrogenen Maschine. ____ L_______ 392 ein in Schillers dramatischem Schaffen; er sammelte Material und Kräfte zu einem mächtigeren Wurfe noch, als die früheren gewesen waren. Er studirte mit aufreibender Ausdauer Geschichte und vertiefte sich in die schwierigsten Probleme der gerade in jener Zeit durch Kant zu voller Blüthe gebrachten Philosophie. Er ließ seine politischen wie seine kunstwissenschaftlichen Ansichten an der Sonne des Gedankens ausreisen, um endlich den rechten Weg zu finden, der die Menschheit zur Freiheit und zum Glücke führen müsse und uni der Mittel Herr und Meister zu werden, welche seinen Uebcrzeugungen die Herzen allen Volkes erschließen sollte. Die französische Revolution fesselte dabei auf das lebhafteste sein Interesse; mit sicherem Blicke erkannte er das gewichtige Moment, welches der politischen Umwälzung in Frankreich die allerhöchste Bedeutung verliehen hat für alles, was ein Recht hat, sich Mensch zu neuuen: die Erhebung des Willens der Massen, der Gesammtheit des Bolkes zum höchsten Staatsgesetze. 1794 schrieb er an einen Freund m Paris: „Der Mensch, wenn er vereinigt wirki, ist immer ein großes Wesen, so klein auch die Individuen und die Details in die Augen fallen. Wer Sinn und Lust hat für die große Welt, der muß sich in diesem weiten Elemente gefallen.— Aber freilich muß nian Augen haben, die von großen Uebeln, die unvermeidlich einfließen, nicht geärgert werden.— Wer dieses Auge nun entweder nicht hat, oder nicht geübt hat, wird sich an kleine Gebrechen stoßen und das schöne, große Ganze wird für ihn verloren sein."-- Aber Schiller war nicht der blöde Tagespolitiker, welcher den Schlag auf Schlag sich abspielenden Ereignissen einer beweg- ten Zeit gegenüber nur das Nachsehen hat, er war eben in der Politik der kraft seiner Genialität weithinausschauende Poet und Prophet, der grade in jenen Tagen, als die junge französische Republik den Gipfel ihrer Macht erstiegen, als es ihr gelungen war, gegen die hunderttausende, welche die koalirten Monarchen Europas gegen sie ins Feld schickte, mehr als eine Million frei- heitstrunkener Streiter ins Feld zu senden, ihren baldigen Unter- gang voraussah und sagte. An Vernichtung jenes Volksstaats durch die monarchischen Söldnerschaaren aber fiel es ihm nicht ein zu denken, obgleich dies das Naheliegende, für den gewöhn- lichen Verstand weitaus Wahrscheinlichste gewesen wäre— nein, er schaute die Zertrümmerung durch einen Cäsar voraus, obgleich der, der da kommen sollte, der weltunterjochende Korse, kaum zum Brigadegeneral aufgerückt und, soeben aus der stanzösischen Armee entlassen, in Paris der Guillotine näher als dem Kaiserthrone ein unbeachtete, vielfach bedrängte Existenz führte. Schiller, der in seinen 1795 erschienenen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen der revolutionären Bewegung der Franzosen das ideale Motiv zuerkennt;„das Gesetz auf den Thron zu stellen, den Menschen endlich als Selbstzweck zu ehren und wahre Freiheit zur Grundlage der politischen Ver- brüderung zu machen", konnte sich über die nothwendigerweise zurückgebliebene Charakterentwickelung der so plötzlich zur Herr- schaft gelangten Massen nicht täuschen, er wußte, daß„der frei- gcbige Augenblick ein unempfängliches Geschlecht" fand und ver- mochte zu schreiben: „Die französische Republik wird ebenso schnell aufhören, als sie entstanden ist; die republikanische Verfassung wird in einen Zustand der Anarchie übergehen und früher oder später wird ein geistvoller kräftiger Mann erscheinen,— er mag kommen woher er will— der sich nicht nur zum Herrn von Frankreich, sondern vielleicht auch zu einem Theile von Europa machen wird."—(Schluß folgt.) Verbrennung und Wärmeessekt unserer Brennmaterialien. Von Wothöerg-Lindener. (Fortsetzung.) Einen weiteren Einfluß auf den Grad der Brennbarkeit übt das spezifische Gewicht aus, und zwar im allgemeinen im glei- che» Sinne, wie der Gasreichthum, da, mit Ausnahme von Torf, das spezifische Gewicht um so kleiner ist, je mehr Gase entwickelt werden, oder bei der Verkokung entwickelt wurden. Die durch- ziehende Luft nimmt von dem spezifisch leichteren Stoff in glei- chen Zeiten einen größeren Theil weg, als von den schwerereu. Der Vorgang des Entzündens von Brennstoffen zeigt gleich- falls, je nach der Art derselben, sehr wechselnde Erscheinungen, die für deren praktische Benutzung bcachtenswerth sind. Der größte Unterschied ist bei den natürlich vorkommenden vorhanden, und es steht Holz, das»0 pCt. gasförmige Produkte entwickelt, auf der ersten, Anthrazit dagegen von sämmtlichen Brennstoffen auf der letzten Stufe der Entzündlichkeit. Es kommt aber hier außer den schon erwähnten physikalischen Eigeuschaften der Dichte und Porosität noch das Wärmeleitungsvermögen in Betracht, das theilweis mit der Porosität zusammenhängt, indem der porösere Stoff gewöhnlich schlechter leitet. Die bessere Wärnieleitung führt zu einer raschen Abkühlung des brennenden Theiles dieser Körper, der infolge davon leichter unter die zur Entzündung, also auch zum Weiterbrennen erforderliche Temperatur sinken kann. Man kann das schon beobachten an verschiedenen Arten von Holzkohle. Die Meilerkohle, die bei beschränktem Luftzutritt bereitet wird, weniger Gase abgegeben hat, dichter ist und besser die Wärme leitet, als die leichtere Bäckerkohle, entzündet sich schwerer und erlischt in der Regel, wenn sie nur an einem Ende angezündet wird, während die letztere die Entzündung über die ganze Masse fortsetzt und ohne weitere Zuführung von Wärme vollständig ver- brennt. Ebenso verhalten sich hierin die Koks unter einander sehr verschieden; die aus gasreicheren Kohlen hergestellten sind brenn- barer und entzündlicher. Aber dieselbe Art Kohle liefert, wenn zur Gasbereitung verkokt, einen leichteren, entzündlicheren Koks, als wenn sie in Koksöfen auf Hüttenkoks verarbeitet wird, da im ersteren Fall die Erhitzung rascher vor sich ging und die so entwickelten Gase den Koks blasiger, poröser machten. Je dichter die Substanz ist, ein um so besserer Leiter für Wärme wird die- selbe, um so rascher wird die an einer Stelle erzeugte Wärme weiter in die übrige Masse fortgeführt; je dichter ferner die Sub- stanz, um so weniger Angriffspunkte bietet sie dem Sauerstoff der Luft dar, um so weniger Wärme kann somit an einer be- stimmten Stelle in der Zeiteinheit neu hervorgebracht werden. Wird zur Entzündung Wärme an eine kleine Stelle eines großen Stückes dichter, harter Kohle geführt, so wird nur eine verhält- nißmäßig starke Wärmequelle die Kohle ins Glühen versetzen können; ein Fortbrenncn findet jedoch nach Entfernung der Wärme- quelle nicht statt, da die Wärme rasch weiter geleitet und wieder an die Luft oder an benachbarte Substanz abgegeben wird, und da die durch die Verbindung von Sauerstoff mit dem kleinen Theil der noch glühenden Kohle neu gelieferte Wärme zu gering ist, um die Entzündungstemperatur j aufrecht zu erhalten. Ein an einer kleinen Stelle glühendes Stück Kohle wird deshalb fast schwarz, wenn es außer Verbindung mit anderen brennenden Körpern kommt; ebenso erlischt ein aus dem Ofen genommenes, durch die ganze Masse glühendes Stück Kohle sehr rasch an der Luft, da die von der ganzen Oberfläche durch Strahlung und Leitung an die vorbeiziehende Luft abgegebene Wärme, welcher Vorgang zugleich schnell von dem Innern nach der Oberfläche fortschreitet, größer ist als die in derselben Zeit durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft neu produzirte. Die an den Wän- den der Gasretorten durch Zersetzung von Kohlenwasserstoffen abgesetzte Kohle besitzt den höchsten Grad von Dichtigkeit und Leitungsfähigkeit für Wärme und ist deshalb fast unverbrennlich. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß man, um die schiver ent- zündlichen Brennstoffe, wie dichte Koks, ältere Steinkohle und besonders Anthrazit zu verbrennen, nicht, wie die allerdings all- gemein verbreitete, aber irrige Ansicht zu thun verleitet, dieselben bei Verwendung im Hausgebrauch in den Oefen einem äußerst starken Zug aussetzen, d. h. möglichst viel davon in kurzer Zeit verbrennen muß, sondern daß es nur darauf ankommt, sie im Glühen zu erhalten, um den größten Nutzen an Wärme daraus zu erzielen. Man erreicht das dadurch, daß man die mangelnde Porosität durch mechanische Zerkleinerung der Stücke bis zu Bohnen- oder Nußgröße ausgleicht, den Brennstoff in höherer Schicht auf einem schachtförmigen Feuerherd vereinigt und letz- teren noch in gleicher Höhe mit einem schlechten Wärmeleiter (Chamottthon) auskleidet. Man kann dann mit einem kleinen Quantum Brennmaterial eine andauernde Wärmeerzeugung zu- Wege bringen; während andererweise, bei Verbrennung eines größeren Quantums größerer Stücke und bei stärkstem Zug, in derselben Zeit eine übergroße Hitze erzeugt wird, die größtentheils ungenützt entweicht, oder welche die Lesen überheizt, das so schäd- liche Verbrennen der Staubtheilchen in unserer Zimmerluft her- vorbringt, sowie das so lästige Trockenwerden derselben. Man Pflegt auch für den häuslichen Bedarf, falls man die Auswahl hat zwischen verschiedenartigen Brennmaterialen, meist der Bequemlichkeit wegen den leichter entzündlichen und brenn- baren den Vorzug zu geben. Vortheilhaft ist das jedoch zumeist nicht. Denn die brennbarere von verschiedenen reineren Kohlen vermag in der Zeiteinheit eine große Menge Wärme zu entwickeln und eine höhere Temperatur zu erzeugen, falls die Verbrennung richtig gehandhabt wird und vollkommen geschieht. Ein solcher Brennstoff verschwindet aber auch um so rascher und wirkt um so weniger nachhaltig; und es handelt sich bei unseren Heizungs- bedürfnissen gerade mehr um viel Wärme überhaupt, als um hohe Temperatur, die kurz andauert, ohne nachhaltig zu wirken. Zu gewerblichen Zwecken werden dagegen häufig die entgegen- gesetzten Anforderungen gestellt, wonach die Verwendung derarti- ger Brennstoffe, z. B. für Hochöfen, Porzellanöfen, die allein vortheilhafte sein kann. Wenn dennoch die Verwendung von solchen, zu höchsten, Temperatureffekt gecigucteu Brenustoffen in Heizöfen ohne thatsächlich stattfindendes Uebcrhitzen derselben stattfindet, so ist der Grund zumeist der, daß die Verbrennung sehr unvollkommen geschieht, unter großem Kohlcverlust durch Rauch, und Wärmeverlust durch entweder übermäßigen Luftzu- tritt, oder indem nicht die Endprodukte der Verbrennung, näm- lich Kohlensäure, Wasserdampf und Ammoniak entweichen, son- dern Zersetzungsprodukte, die noch weiterer Verbrennung fähig sind und einen großen, ja den überwiegenden Thcil der Wärme in sich gebunden an die Luft entführen. Das wichtigste und häufigste dieser durch unvollkommene Ver- brennung entstehenden Zwischenprodukte ist das, durch seine mör- derischc Wirkung auf den Menschen beim Einathmen bekannte Kohlenoxydgas. Wie groß nun aber der Unterschied an frei- und unter günstigen Umständen nutzbar werdender Wärme ist, wenn man ein Gewichtstheil Kohlenstoff entweder zu Kohlen- oxyd oder zu Kohlensäure verbrennt, ergibt sich aus der That- fache, daß im ersteren Falle nur 2450 Wärmeeinheiten geliefert werden, im letzteren aber 8080, also 5630 Wärmeeinheiten mehch d. h. vollkommene Verbrennung von Kohle zu Kohlensäure er- gibt mehr als den dreifachen Wärmeeffekt als die unvollkommene, nur Kohlenoxyd liefernde. In Wirklichkeit ist aber im letzten Falle der Verlust noch viel größer, als Zweidrittel der möglichen Wärmemenge, wenn man noch die als Rauch, sowie als unzer- setzte Kohlenwasserstoffe fortfliegende Quantität des verbrauchten Brennstoffes in Betracht zieht. In welchem Grade unsere gegen- wärtig vorhandenen Heizungsvorrichtungen dem eigentlichen Zweck, einer vollkommenen Verbrennung und Ausnutzung des Materials' zu entsprechen vermögen und daher ökonomisch, oder aber des Gegentheils wegen verwerflich sind, soll im letzten Theil dieser Abhandlungen eingehender betrachtet werden. Um einen vergleichenden Ueberblick über den Breunwerth der gebräuchlichen Brennmaterialien zu gewinnen, muß man natür- lich eine vollständige Verbrennung den dahin zielenden Versuchen und Berechnungen zu Grunde legen und die unter dieser Bcdin- gung entwickelte Wärme messen. Das kann in zweierlei Hinsicht geschehen: 1. auf die gesammte Menge der Wärme; 2. in Bezug auf den Temperaturgrad(die Intensität der Wärme). Mißt mau die Wärme nur ihrer Quantität nach, so bezeichnet mau den gefundenen Werth als Brennkraft(welche noch als spezifischer und absoluter Wärmeeffekt unterschieden wird); bestimmt man aber den Grad der Verbrennungstemperatur, so bezeichnet man diese Zahl als Heizkraft(den Pyrometrischen Wärmeeffekt) des beurthcilten Materials. Brenn- und Heizkraft zusammengenoni- men ergeben den Brennwerth. Man kann den letzteren auch auf den Preis des Materials beziehen, doch ist dieser in Geld aus- gedrückte Brennwerth dann nur für einen bestimmten Konsum- tionsort und für einen gewissen Zeitpunkt maßgebend. Zur Ermittelung der Brennkraft, oder der Wärmemenge, welche ein Brennstoff zu liefern vermag, muß man sich, da kein absolutes Maß für Wärme vorhanden ist, damit begnügen, die Wärmemengen zu vergleichen, nämlich anzugeben, um wie viel die aus einem Brennstoff entwickelte Wärmemenge die aus einem andern übertrifft. Nach allgemeinem Uebereinkommen verbrennt man also gleiche Gelvichtsmengen derselben und bestimmt, wie viel Wasser dabei durch einen Gewichtstheil um 1 Grad C. er- wärmt wird: man drückt also die Brennkraft in Wärmeeinheiten aus. Die auf eine Gewichtseinheit bezogene Brcnnkraft wird noch speziell als absoluter Wärmeeffekt bezeichnet, während man die auf gleiche Raunitheile(Volumina) bezügliche als spe- zifischen Wärmeeffekt davon unterscheidet. Man erhält die letztere Verglcichsgröße, indem man den absoluten Wärmeeffckt mit dem spezifischen Gewicht desjenigen Materials multiplizirt, das man bestimmen will. (Schluß folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Mudolph von ZZ. (Fortsetzung.) Nachdem Fritz Lauter eine Zeitlang im Gebirge umhergezogen, war er endlich auch auf ein paar Tage Gast des Ritterguts- besitzers Willisch geworden, den er im Auftrage seines Chefs bereits aufgesucht hatte, als er gleich nach seiner Ankunft bei seinen Verwandten Quartier genommen. Willisch hatte ihm so entgegenkommend sein Haus zur Verfügung gestellt, daß sich Fritz dadurch beinahe genirt fühlte. Aber erst jetzt erlaubten dem fleißigen Berichterstatter des„Tageskorrespondenten" seine In- strnktionen, denen er mit peinlichster Gewissenhaftigkeit nachkam, der wiederholten Einladung zu folgen. Der Tag oder vielmehr der Abend seines Einzuges in das Schloß von Klein-Feldau war von dem„Schloßherrn" wie ein Fest gefeiert worden. Bier und Wein und zum guten oder viel- mehr schlechten Ende noch Grog hatte Willisch kunterbunt unter- einander getrunken und den Gast mit seinem Beispiele, nicht ganz ohne Erfolg, zur Nacheiferung anzureizen versucht. Zwar war das, was Fritz gezecht hatte, eine Kleinigkeit im Vergleich zu den enormen Quantitäten, die Willisch zu vertilgen für heilige Gastgeberpflicht gehalten, aber es hatte grade genügt, um den geistiger Getränke ungewöhnten Lauter nach der in todtenähnlichem Schlaf verbrachten Nacht mit einem so katzenjämmerlichen Morgen zu strafen, wie er ihn seit den Tagen seiner Wanderschaft nicht ein einzigesmal mehr erlebt hatte. Seit diesem unliebsamen Erlebnisse war Fritz vorsichtig ge- worden. Er nippte nur, wenn Willisch kneipte, und wies mit allem Ernste auf seine Pflichten als ehrlicher Journalist und Berichterstatter hin, der keinen Tag, ja von rcchtswegen keine Stunde ungenützt vorübergehen lassen dürfe, wenn er das viele Geld, welches solche Berichterstattung koste, seinen Auftraggebern nicht aus der Tasche stehlen wolle. Ucbrigens fühlte er sich recht behaglich in dem Schlosse von Klein-Feldau, dessen keineswegs reiche, vielmehr etwas alt- fränkische und stark abgenutzte Ausstattung der neue Besitzer mit dem Gute zugleich übernommen hatte. Die alten, unter der frischen Politur wie geschminkte Koketten dreinschauenden Möbel hatten für Fritz den Reiz des Ungeivohnten und pikant Alter- thümlichen; die verblaßten Teppiche in den Ziminern und die dicken Strohmatten auf den Hausgängen kamen ihm vor wie gute, besorgte Freunde, weil sie den Schall der kräftigen Tritte auffingen, wenn die drallen Mägde in ihrer nicht grade über- mäßigen Geschäftigkeit im Hause hin- und herstampften. Am allerbesten aber gefielen ihm die mächtigen Pappeln vor den Fenstern, an die er seinen Arbeitstisch gerückt hatte; vom Winde bewegt nickten sie ihm traulich zu und begleiteten seine über die langen Papicrstreifen in rastloser Arbeitslust hineilende Feder wie mit unaufhörlichem Beifallsgemnrmel. Ueberhaupt blieb er den Tag über völlig ungestört, nachdem es Willisch einmal mißlungen war, ihn zum Frühschoppen und 394 zu dem, wie der Herr Rittergutsbesitzer mit Stolz behauptete, von ihm erst erfundenen Nachmittagsschlummerschoppen zu ver- führen. Willisch selber beschäftigte sich des Tages über meist in seinem Garten, wo er pflanzte und jätete, grub und Lattenzäune flickte, wie ein Gärtner und Handarbeiter. Begab sich aber Fritz Lauter auf seinen Berichterstatterfahrten nach den im Bau be- griffenen Eisenbahnstrecken, so war Willisch stets mit Vergnügen zu seiner Begleitung bereit. Dann wurde der kleine Wagen an- gespannt, der Willisch vor einigen Monaten auch nach Walters- dorf zur Weihnachtsbescheerung gebracht hatte, und lustig ging es über Stock und Stein, wenn es sein mußte, von morgens bis abends viele Meilen weit nach allen Richtungen ins Gebirge hinein. An einem ungemüthlichen Freitagsnachmittag hatten die beiden wieder solch' eine weite Partie unternommen. Sie waren bis zu jenem, mehrere Meilen entfernten Thal- einschnitte gefahren, den der Baumeister Waldstein mit mächtigem Viadukte zu überbrücken unternommen hatte. Dort hatten sie die unter den Händen von beinahe zweitausend Arbeitern rasch fort- schreitenden Vorarbeiten in Augenschein genommen. Willisch hatte alles vortrefflich gefunden und eine so forcirte Lustigkeit zur Schau getragen, wie sie ihn, besonders in letzter Zeit, oft be- seelte. Fritz Lauter kehrte von dem geräuschvollen Arbeitsplatze sehr nachdenklich, beinahe niedergedrückt, zurück. Daß ihm hier fast ausschließlich die Laute einer fremden Sprache ans Ohr schlugen, daß die Arbeit, welche hier in so überreichem Maße vorhanden war, nur wildfremden, durch ihre äußere Erscheinung Fritz Lauters Sympathie keineswegs erregenden Menschen zugute kam, während daneben tausende von seinen Landsleuten sich auf einen neuen Hungerwinter vorzubereiten hatten, weil ihnen eben diese Arbeit entging— das war ihm noch nirgend so schwer aufs Herz gefallen, als jetzt, wo er die Schaaren der Italiener am Werke fand. Hier in der Nähe auch bemerkte man die tiefen Spuren der Erbitterung, welche unter dem eingeborenen Landvolke herrschte. Männer und Greise, ja selbst Weiber und Kinder sah man mit so finsterm Antlitz einherschreiten, als ob sie alle auf wilde grau- same Rache brüteten. Wie verwandelt waren die Leute in ihrem ganzen Wesen und Benehmen. Sonst, auch wenn es ihnen nur so leidlich erging, waren sie meist frohen Muthes und vor allen Dingen freundlich und gefällig Fremden gegenüber gewesen. Jetzt wichen sie den Fremden aus und schauten sie höchstens mißtrauisch und mißmuthig von der Seite an, gingen, ohne zu grüßen oder gar eine Verwünschung murmelnd, an ihnen vorüber. Auf der Rückkehr von dem Viaduktbau unterhielten sich Fritz Lauter und Willisch über die Beobachtungen, welche der erstere auf dem heutigen Ausfluge gemacht hatte. Willisch nahm alles auf die leichte Achsel oder that wenigstens so. „Die Leute sind wüthend, natürlich, und so ganz unrecht haben sie auch nicht. Aber man kann's nun einmal nicht ändern, und da muß man sich den Teufel um so was kümmern. Uns beiden kann's ja ganz' egal sein, ob uns die dummen Bauern fteundlich oder unfreundlich anglotzen." „Nun," erwiderte Fritz, unangenehm berührt durch den leicht- fertigen Ton, welchen Willisch heute hartnäckiger noch festhielt, als sonst meist;„um uns beide ist es mir auch dabei garnicht zu thun; uns unsteundlich anzusehen, haben die Leute ja keine Ursache, und uns gelten ihre bösen Blicke auch nicht." Willisch, der ans dem Wege hin und her schon sehr fleißig einer großen, vorsorglich mitgenommenen Cognacflasche zuge- sprochen hatte, unterbrach ihn mit einem lauten Lachen: „So? meinen Sie, uns beide ginge das garnichts an. Na, da sind Sie in Ihrer Unschuld doch höllisch schieß gewickelt. Sind Sie denn nicht der Zunge Laffe� von dem großen Protzenblatte in P., und ich nicht der Strohmann von Gutsbesitzer, der blos für die Herren vom großen Geldkasten die goldnen Kastanien aus dem Feuer holt,— was meinen Sie?" Fritz Lauter schaute seinem Gastgeber, der ihm noch nie so sonderbar vorgekommen war, als in diesem Augenblick, sehr ver- wundert und entrüstet ins Auge. „Ich verstehe nicht," sagte er, während sich sein Gesicht auf- fällig verfinsterte,„ich verstehe wirklich nicht, was Sie meinen." „Na, lieber, junger Freund," lachte Willisch,„sehen Sie mich nur nicht so wüthend an. Ich mein's mit Ihnen nicht böse, und wenn ich von jungen Laffen rede, so sag' ich Ihnen blos, was so die Bauern und Häusler hier reden. Daß die Ihr Blatt nicht leiden können und Ihnen, als dem Berichterstatter des ! ,Tageskorrespondenten�, auch nicht sehr grün sind, hätten Sie lange merken müssen, wenn Sie vor lauter Amtseifer und der argen Arbeitsquälerei sich hier unter dem Landvolke mehr um- gesehen hätten." Fritz Lauter empfand das wie einen Vorwurf. „Ich habe mich umgesehen unter den Landleuten, Herr Willisch, und ich halte es für meine Pflicht, mich über die Stimmung doch oben immer unterrichtet zu halten. Ich weiß auch, daß man in vielen Gegenden vom, Tageskorrespondenten der anfangs hier sehr gut gelitten war, nicht viel mehr wissen will, aber ich denke, grade meine Berichte haben so sehr zu Gunsten der Ansprüche unsrer Bevölkerung gelautet, daß man wenigstens auf keinen Fall mich, den man als den Verfasser kennt, mit Beleidigungen zu verfolgen Ursache finden sollte." Willisch zuckte die Achseln. „Sehr schön gesagt, das. Aber, sehen Sie, wenn der Bauer sich einmal betrogen glaubt, dann sieht er überall Hinterlist und Niedertracht. Und so geht's auch Ihnen, Ihre Berichte halten die Leute für die reine Heuchelei. Schöne Worte führten die großmäuligen Dingeriche aus der Stadt immer im Munde, und der Herr Schweder, der ,Herr� vom.Tageskorrespondenten�, wär's ja just gewesen, der durch seine glatten Worte und schein heiligen Versprechungen hier die Ortsvorstände und Schulmeister übertölpelt hätte, daß Sie ein großes Geschrei machen mußten, als ob die ganze Welt zugrunde ginge, wenn die Eisenbahn nicht auf der Stelle gebaut würde. Nun hätten ste's soweit gebracht, daß die Eisenbahn gebaut würde, und nun steckten sie das riesige Geld ein, was dabei abfiele, und die armen Leute, die dazu hätten helfen müssen, könnten sich nu's Maul wischen." „Und wenn das wirklich so wäre mit den Herren von der Eisenbahndirektion, wenn es auch selbst so wäre' mit dem Chef- redakteur des, Tageskorrespondenten', was doch entschieden nicht wahr ist, wie Sie ja ebenso gut wissen, Herr Willisch, als ich,— wie sollten die Leute aber dazu kommen, mich gewissermaßen als Mitschuldigen zu betrachten?" Willisch lachte schon wieder. „Ihnen kommt der Cheftedakteur vom, Tageskorrespondenten', der feine, ganz verflucht feine Herr Schweder, wohl wie ein un- schuldiges Lämmchen vor?" „Ich halte ihn wenigstens für einen sehr klugen und sehr achtungswerthen, noblen Mann, Herr Willisch, und ich hoffe, daß das bei Ihnen auch der Fall ist." Willisch nahm einen tüchtigen Schluck aus der Cognacflasche und brummte: „Meinetwegen. Aber fragten Sie nicht vorhin, wie es wohl möglich wäre, daß man Sie als so eine Art Mitschuldigen der Herren ansieht, von denen sich das Volk hier betrogen glaubt?" „Gewiß, ftagte ich das." „Nun sehen Sie, unsere Bauern halten den Herrn Schweder nicht für einen so über allen Zweifel erhabenen Herrn, wie Sie oder wie wir beide, wenn Ihnen das lieber ist. Sie glauben vielmehr, daß von den Milliönchen, die beim Eisenbahnbau von denen verdient werden, die nach der dummen Bauern Meinung dabei eigentlich keinen Pfennig wirklich verdienen, daß von diesen Milliönchen. sage ich, ein ganz hübscher Theil in Herrn Schwcders Händen kleben bleibt." Fritz wollte unterbrechen. „Lassen Sie mich nur'mal ausreden," fuhr Willisch fort. „Die Sache ist nämlich so: Sie und mich hält man für Hand- langer, Sie für den vom Herrn Schwedcr und mich für den von Gott weiß wem." „Aber das ist ja abscheulich. Und das laffen Sie Sich so ruhig gefallen? Nun, ich werde so eine schmähliche Beschuldigung weder auf meinem Chef, noch auf mir sitzen lassen." Willisch blinzelte ihn schlau lächelnd an. „Ja, ja, ich weiß, Sie sind wirklich ein grundehrlicher, braver junger Kerl, und deswegen hat's mir von vorn an beinah weh gethan, möchte ich sagen, daß Sie in eine— so gute, so ganz verteufelt gute Lehre gekommen sind. Wissen Sie, wollen Sie einmal hören..." Es war, als ob ihm ein unsichtbares Ettvas plötzlich den Mund schlösse.„Nein, hol' mich der Teufel— Sie brauchen nichts zu hören. Sie haben auch iil allem recht, was geht's mich an; ich Hab' trotz all' meinem infamen Aerger, den ich hier Hab', doch keine Lnst, wieder die bewußte Bluse spazieren zu führen." Fritz Lauter schüttelte den Kopf. „Der Cognac, Herr Willisch, wird Ihnen doch zuviel. Lassen wir also diese Unterhaltung, wir sprechen vielleicht ein andermal mehr darüber. Sagen Sie mir lieber, was das für eine merk- würdig große, altmodische Kutsche ist, die uns da entgegen- kommt?" Willisch schien es angenehm zu sein, daß das Gespräch auf ein anderes Thema überging. Er schaute nach dem von Fritz Lauter erwähnten Fuhrlverk. „Alle Wetter," sagte er.„Die Hab' ich selber erst einmal gesehen. Das ist ja die Staatskutsche vom Kloster Althaus." „Kloster Althaus, die große Irrenanstalt meinen Sie?" Fang von Schwarzfischen an der Küste von Nantucket in Massachusetts. Unser Bild(Seite 388) führt uns an die trans- atlantische Westküste, und zwar an den flachen, sandigen Küstcnsaum der Insel Nantucket im nordamerikanischen Staate Massachusetts. Wie alles in den Vereinigten Staaten hat sich auch das seit 1620 kolonisirtc und seit 1776 der Union angehörende Massachusetts überraschend schnell entwickelt, wozu nicht nur die günstige Lage zwischen der Bcrgreihe der Alleghanies, den Flüssen Connecticut und Merrimac und dem Atlanti- scheu Ozean, sondern auch die die Landwirthschaft, Industrie, Handel nnd Schifffahrt fördernden Landesinstitutionen und die enorme Ein- Wanderung aus Europa beigetragen hat.(Die Anzahl der Einwan- derer im ersten Quartal des laufenden Jahres beziffert die new-yorker Hafenbehörde aus 35 825 Köpfe.) Gleichen Schritt mit der Entwick- lung des Staates Massachusetts hat die in seinen Verband gehörende Insel Nantucket mit ihrem gleichnamigen Hauptort gehalten. Die elenden Hütten haben zierlichen Villen Platz gemacht, seitdem das Fischerdorf Nantucket zu einem berühmten Seebad geworden ist, das neben Long-Branch, Atlantic City und Newport genannt wird. Aus allen Theiteu der Union kommen Gesunde und Kranke auf die schöne Insel Nantucket, um sich in der herrlichen Seelust neue Lebenskrast zu holen und sich auf längere oder kürzere Zeit mit dem Fischsang zu vergnügen, der hier wie in allen Seebädern Nordamerikas die Lieblings- beschäftigung der Badegäste ausmacht. Um dem Schwarzfisch nach- zustellen, wird von mehreren Badegästen ein erfahrener Bootsührer engagirt, der die Lagerplätze dieser kühnen und gefräßigen Seeräuber kennt, die sich immer heerdenweise im Meer und an den Mündungen größerer Flüsse herumzutreiben pflegen. Lohnender wird die Jagd, wenn sich eine größere Anzahl von Booten zur Umringung der Lager- Plätze der Schwarzfische ausmacht und sie dem User zutreibt, wie es unser Bild darstellt. Zu Zeiten der Stürme kommt es vor, daß Schwarzfische massenweise an das Ufer verschlagen werden, wo sie ein sicherer Tod erwartet, denn die Bewohner wissen sehr gut ihren Speck zu schätzen, der einen gepichten Thran gibt; viele finden auch das Fleisch recht schmackhaft. Der Schwarzfisch gehört zu der Spezies der delphin- artigen Wale(Dontieete). Wie der gemeine Delphin schießt er Pfeil- schnell vorwärts, umkreist die Schiffe, hebt neugierig den ungeschlachten Kopf empor und taucht schnell wieder unter. Er ist ein Seesäugethier mit sehr großem, nicht vom Rumpf abgesetztem Kopf, nackter Haut, borstenlosen Lippen und auf der Stirn siebenden Nasenöffnungen. Die Oberhaut ist verhältnißmäßig dünn, die Lederhaut aber schließt eine dicke Specklage ein. Die Sinnesorgane scheinen im Wasser sehr viel, außerhalb desselben sehr wenig zu leisten. Deshalb ist das Thier, wie es unser Bild zeigt, auf den Strand getrieben, mit Ausnahme der Schweiffloffen, wehrlos. Das Weibchen wirst nach zehn Monaten ein bis zwei Junge. Die Mutter nimmt sich der Jungen mit großer Liebe an und vertheidigt sie rücksichtslos. Der Schwarzfisch würde wahrscheinlich ein sehr hohes Alter erreichen, wenn ihn die unersättliche Jagdlust des Menschen nicht daran hinderte. Trotzdem der Schwarz- fisch vom 64. bis zum 75. Grad nördlicher Breite und wahrscheinlich wohl auch südlicher Breite vorkommt, wird er, gleich den Bewohnern der europäischen Hochgebirge, den Gemsen und Steinböcken, bald zu den Seltenheiten gehören, um in nicht zu ferner Zeit als Opfer seines thranreichen Wanstes völlig ausgerottet zu werden. Die Jagd aus die Wale war den alten Völkern, wegen ihres Schauplatzes in den nordi- schen Meeren, nicht bekannt. Die erste Kunde davon datirt aus dem 3. Jahrhundert, i�chon um diese Zeit wurde sie von den Norwegern betrieben, wie uns skandinavische Tradition meldet. Zu ähnlichem Zweck drangen die Basken im Jahre 1372 bis zum 50. Grad nörd- licher Breite in die St. Lorenzbay an die Gestade der Insel New- Foundland und später, wohl wegen Abnahme der Jagdbeute, bis ins Eismeer vor. 1614 beutete die„Nordische Gesellschaft", von holländischen Rhedern gegründet, die Jagdgründe des Atlantischen Ozeans aus, wie es vor ihnen schon 1598 eine englische Gesellschaft gethan hatte. Im Jahre 1615 forderte Dänemark, in der Voraussetzung, Spitzbergen sei ein Theil von Grönland, von den Engländern Tribut oder Antheil an den Erträgen des Walfischfangs. Die„Thransrage" hätte beinahe zwei seesahrende Nationen in Krieg verwickelt, zum Glück wurde sie dadurch aus der Welt geschafft, daß icde Nation ein besonderes Jagdrevier erhielt. Das massenhafte Erscheinen oder das gänzliche Fernbleiben der Wale hängt, wie das der Häringe, von Naturgesetzen ab, die uns vorderhand vollständig unbekannt sind, aber jedenfalls mit den kliniati- schen Verhältnissen der Polarzone zusammenhängen. Die Moskowitische „Natürlich, die Irrenanstalt. Da bringen Sic wieder so einen armen Teufel, der vor lauter Freude über die schöne Welt sein bischen Verstand verloren hat." Der Wagen fuhr an den beiden vorüber. „Drei Frauen saßen darin," sagte Fritz Lauter, als die große, festgeschlossene Kutsche des Irrenhauses, an deren Wagenfenstern die Vorhänge aber nicht herabgelassen waren, vorbei war. „Drei Frauen nnd ein Mann," bestätigte Willisch.„Und der Teufel soll mich holen, wenn ich von den drei Frauen nicht wenig- stens zwei kenne."(Fortsetzung folgt.) Kompagnie büßte ihr gesammtes Gründungskapital ein, weil die Wale ein paar Jahre um New-Foundland recht rar geworden waren, und man im 17. Jahrhundert ihre Tummelplätze in den arktischen Gewässern noch nicht kannte. Zu Ansang des 18. Jahrhunderts besuchte der Wal- fisch die nordamerikanischen Küsten in so großer Zahl, daß die Jagd mit Booten betrieben werden konnte. Später entwickelte sich dieselbe mit größeren Schiffen zu hoher Blüthe, und 1858 betrug der Gehalt ihrer Schiffe 198 000 Tonnen und der Ertrag belief sich aus mehr als 30 mill. Mark. Der englische Walfischfang war im 1. 1866 mit nur 35 Schiffen vertreten und lieferte ein Erträgniß von beiläufig 2 Millionen Mark. Bei der sinnlosen Massenvertilgung der sich nur langsam fortpflanzenden Wale ist ihr gänzliches Verschwinden nur eine Frage der Zeit. Unsere Nachkommen werden sich ihren Thranbedarf in den antarktischen Ge- wässern(Polarmeer der südlichen Halbkugel) holen müssen. I. Oberstein.(Bild Seite 389.) Wohl nirgends ist ein Thal zu finden, wo in gleicher Fülle aus so engem Raum die seltensten land- schaftlichen Reize mit historisch hochbedeutsamen Erinnerungen und den lieblichen Gebilden der Sage sich so zusammendrängen, wie dort, wo zwischen ruiuengekrönten Felsen die rebenumgürtete Nahe dem Vater Rhein zueilt. Romantisch ist es überall, doch nicht allerorten hat die Natur ihre Gaben in so verschwenderischer Weise ausgegossen, wie um die Mündung der Nahe. Unser Bild führt uns in die rauhe, unwirthliche Gegend der oberen Nahe, nach Oberstein, dessen Umgebung zahllose Schlupfwinkel mittelalterlicher Schnapphähne aufweisen kann. Bis auf unsere Tage hat sich das Buschklcppcrthnm erhalten, denn in der nicht weit von Oberstein entfernten Ruine Montfort hauste der berüchtigte Schinderhannes, dessen Schandthaten noch in der Erinnerung älterer Leute fortleben. Zur Ehrenrettung der Nahethalbewohner wollen wir aber noch hinzufügen, daß sich in ihrem Heimatfluß auch die klassischen Reste der Ebernburg spiegeln. Dieser Stämmsitz des ritterlichen Käm- Pen Franz von Sickingeu war der Zufluchtsort der kühnen Freidenker Ulrich von Hutten, Melanchthon, Aquila, Bucer und Oecolampadius. Das Städtlein Oberstein ist jetzt durch seine Achatindustrie in der ganzen Welt bekannt. Hoch oben auf steilem Melaphyrfelsen sieht man die Trümmer zweier Burgen hängen, der Alten und der Neuen Burg und darunter die vorzüglichste Sehenswürdigkeit des Ortes, eine Kirche, mühsam aus der harten, senkrechten Steinwand herausgemcißelt. 150 Felsenstiegen führen zu ihr hinauf. Im Schiff der im romanischen Styl aufgeführten Kirche sprudelt ein Heller Quell. Wir lassen uns von dem Küster die Entstehungsgeschichte des Kirchleins erzählen. Der Schlüsselbewahrer deutet mit wichtiger Miene aus das in schwindelnder Höhe über uns hängende Gemäuer der Alten Burg und beginnt im näselnden Tone:„Vor alten Zeiten hausten da droben zwei Brüder, Wyrich und Emich genannt, von denen der ältere die Katzen nicht leiden konnte. Einmal hat Emich schcrzeshalbcr seinem Bruder einen Kater in den Stiefel gesteckt, welcher grausam gekreischt und gefaucht, als Graf Wyrich mit dem Bein hineinfuhr. In grimmigem Jähzorn hat der Gefoppte den Bruder vom Felsen hinabgeschleudert. Nach voll- brachter That von Gewissensbissen gefoltert, wallsahrtete er nach Jeru- salem, wo er mit dem Bedeuten Vergebung für seine schwere Schuld erhielt, er solle mit eigenen Händen an der Stätte eine Kirche erbauen, wo er des Bruders Blut vergossen." Ein schweres Stück Arbeit für ein paar Menschenhände, wenn man die Härte der Melaphyrfelsen in Betracht zieht. Wahrscheinlich haben dem jähzornigen Wyrich einige hundert Hörige geHolsen. Doch kehren wir von der Legende zur Wirk- lichkeit zurück. Die stolze Beste der Grafen von Oberstem hat der Zahn der Zeit zernagt und aus den ärmlichen Hütten ihrer Leibeigenen sind stattliche Häuser geworden. Das ist der Segen der Arbeit— der Achatschleiferei. Dieselbe beschäftigt etwa 6000 Personen in Oberstein und den, benachbarten Idar. Der Werth der jährlich umgesetzten Waaren, bestehend aus Reibschalen, Glättsteincu, Kameen, Ringsteinen, Agraffen, Armbändern, Rosenkränzen, Stockknöpsen, Messerstielen und vielen andern Kleinigkeiten, dürfte eine Million Thaler betragen. Es ist ein saures Stück Arbeit, welches die obersteiner Achatschleifer im Schweiße ihres Angesichtes verrichten. Da der Arbeiter alle Kraft an- wenden muß, um das zu schleifende Achatstück an den Schleisstein in den Achatmühlen anzndrücken, so liegt er mit Brust und Leib auf einem niederen Schemel mit ausgestreckten und an starken Querleisten an- gestemmten Beinen. Das Vertiefen von Schalen, Mörsern, Tassen u. dgl. geschieht auf kleinen Steinen von entsprechendem Durchmesser, das Poliren meist auf Walzen von hartem Holze, die mit seinem �feuckiten Tripel oder Bolus bestrichen werden. Zum Bohren des Achats bedient man sich rasch gedrehter Stahlstifte mit Diamantstaub oder Diamant- stückchen. Zum Glück haben die Achatschleifer wenig Konkurrenz zu befürchten, weil ihr Material nur noch in Uruguay in Amerika und in Schlottwitz in Sachsen vorkommt. Der Achat ist eine gestreiste Kiesel- ablagerung, deren einzelne Streifen verschiedene Farbe und Dichtigkeit zeigen. Er besteht vorzüglich aus verschiedenen Varietäten von Chol- cedon, d. i. niikrokrystallinische Kieselsäure, und die einzelnen Lagen zeigen bald gröbere, bald feinere Struktur und sind oft äußerst dünn, so daß ein paar hundert auf einen Millimeter kommen. Die Farbe rührt gewöhnlich von Eisen- und Manganverbindungen her, doch sind die Onyxe(schwarz und weiße Lagen) meist künstlich gefärbt. Diese Kunst war schon den Griechen und Römern bekannt, blieb aber bis in dieses Jahrhundert Geheimniß römischer Steinschneider, vielleicht durch Tradition, und wird erst seit etwa 1830 in Oberstein betrieben. Die Möglichkeit, den Achat zu färben, beruht auf der verschiedenen Natur seiner Lagen, von denen die einen porös genug sind, um Flüssig- leiten aufzusaugen, die anderen nicht. So werden gegenwärtig Onyxe künstlich bereitet. Das Färben wird meist erst an den geschliffenen Steinen vorgenommen, obwohl die Farbe tief in die Steinmasse ein- dringt und auch aus dem Bruch mehr oder weniger hervortritt. Na- mentlich werden aber die künstlichen Mockasteine(Moos-Achat mit ver- schieden gefärbten Blasen) erst nach dem Schleifen dargestellt, indem auf die mit Kochsalzlösung gebeizten Steine die moosartigen Dendriten- formen mit salpetcrsaurem Silber ausgezeichnet werden. Das ent- stehende Chlorsilber schwärzt sich allmählich an dem Licht, wodurch die Zeichnung sichtbar hervortritt. Das Schleifen des Achats geschieht in den oben erwähnten Mühlen auf großen Schleiffteinen von Vogesen- sandstcin, welche am äußeren Umfang theils ebene Bahnen, theils Hohl- und Rundkehlen haben, die von den Schleifern geschickt benutzt werden, um den Gegenständen verschiedene Formen zu geben. Die Achatschlcifer sind trotz schwerer Arbeit und kargem Lohn, wie fast alle Anwohner des Rheins und seiner Nebenflüsse, ein kräftiger Menschenschlag, stets aufgelegt, beim vollen Becher des Lebens Ungemach zu vergessen. Neber den Einfluß von Fabrik- und Straßengeräuschen auf Menschen und Gebäude hat Prof. Reclam in Leipzig eine interessante Abhandlung geschrieben in Form eines hygieinischen Gut- achtens über die ihm von dem leipziger Hausbesitzer W. zur wissen- schaftlichen Entscheidung vorgelegte Frage „ob der Dampfhammer, welchen die Besitzer der Fabrik, G. A. Jauck, in ihrem Fabriklokale, Sternwartenstraße Nr. 31(ohne vorher er- langte Konzession) errichtet haben, Geräusche und Erschütterungen hervorruft, welche in dem Sternwartenstraße Nr. 33 gelegenen Hause wahrgenommen werden können oder müssen? und ob diese Geräusche und Erschütterungen, dasern sie vorhanden, so stark sind, daß sie Nachtheile für die Gesundheit herbeizuführen im Stande wären?" Prof. Reclam beschreibt die Eindrücke, welche er bei der Unter- suchung der Sachlage gewonnen hat, wie in möglichst gedrängtem Aus- zuge folgt: Als ich die Wohnung des Geheimrath L. betrat, war der Dampf° Hammer nicht in Thätigkcit. Sehr bald mußte ich bemerken, daß trotz des lebhaften Gespräches sich Hämmern und Klirren, wie von einer Schmiede bemerkbar machte, während zugleich ein lang anhaltender schnarrender Ton, wie von einem Göpelwerke, dazwischen hörbar wurde. Nach kurzem Warten erscholl lebhaftes heftiges Hämmern, von welchem ich gleichzeitig den Schall und die Erschütterung des Hauses wahrnahm. Ich bemerke hierbei, daß diese Erschütterungen fühlbar wurden, obwohl ich auf einem gepolsterten Stuhle saß, mithin der Uebertragung durch die weiche Polsterschicht größere Hindernisse entgegengebracht wurden, als wenn ich aus einem mit Rohrgeflecht oder Brett versehenen Stuhle mich befunden hätte.— Wir verfügten uns über den Korridor der Wohnung hinweg in das gegenüber gelegene Schlafzimnier und die daran stoßende Kammer. Hier waren Geräusch und Erschütterungen so stark, daß ich den Versicherungen vollständig Glauben beimesse: man vermöge es nicht im Bette auszuhalten, wenn der Dampfhammer in Thätigkcit gesetzt wird. Man fühlte mit der Hand deutlich die Erschüt- terungen der Wand. Auch in dem anstoßenden, durch fünf Räume von der dem Dampfhammer zunächst liegenden Wand getrennten Zim- mer waren Geräusch und Erschütterung noch deutlich wahrnehmbar und so stark, daß man sich dieser Wahrnehmung nicht hätte entziehen können, auch wenn man seine Austnerksamkeit aus einen anderen Gegenstand lenkte. Ich erhielt die Ueberzeugung aus eigener Wahrnehmung, daß es unmöglich sei, in diesem Gemach geistige Arbeiten vorzunehmen, anhaltend nachzudenken, so lange der Dampfhammer in Bewegung wäre. Es ergab sich, daß während meiner Anwesenheit der Dampfham- mer im Mittel 150 Schläge in der Minute ausführte,— was die Erschütterung des Hauses mehr als genügend erklärt. Prof. Reclam hält jedoch solche Geräusche nicht nur für arbeits- störend, sondern auch der Gesundheit der unfreiwilligen Hörer nach- theilig. Er sagt: Bei dem gegenwärtig üblichen Bau der Städte), bei welchem die einzelnen Häuser dicht aneinander in eine Reihe gesetzt werden, und kein Zwischenraum zwischen jenen besteht, ist es unver- weidlich, daß der Bewohner eines Hauses durch Erschütterungen und Geräusche heimgesucht werde, welche im Nachbargrundstück ihren Ur- sprung haben. Wenn dort ein schwerer Gegenstand zu Boden fällt, oder geworfen wird, so theilt sich die Erschütterung dem Nachbarhause mit. Jede sinnliche Wahrnehmung kommt nun dadurch zu Stande, daß bei der Thätigkcit des betreffenden Sinnesorgans ein Theil des Stoffes, welcher zu seiner Ernährung dient, zersetzt und unbrauchbar gemacht wird; dieser unbrauchbar gemachte Stoff muß aus dem Blute mit Hülfe des Stoffwechsels ersetzt und erneuert werde». Es findet also in dem betreffenden Sinnesorgane eine erhebliche Steigerung des Stoffumsatzes statt. Erfahrungsgemäß hat eine derartige Erhöhung des Stoffumsatzes in der Perzcptionssähigkeit des betreffenden Sinnesorganes eine Umänderung zur Folge, welche man als„erhöhte Em- pfindlichkeit",„gesteigerte Reizbarkeil" des Organs in der Medizin zu bezeichnen pflegt, und welche sich nachweisbar dadurch kund gibt, daß die Empfindungswahrnehmungcn zuerst übermäßig deutlich,— später etwas undeutlicher, dann lästig, hierauf von Schmerzen begleitet aus das Organ einwirken. Es ist dies eine aus den Gewcrbekrankheiten längst bekannte Thatsache, für deren Nachweis ich nur das eine Bei- spiel anführe, daß Klavierstimmer, welche anhaltend das Tönen des Instrumentes wahrnehmen und Schallwellen der angeschlagenen Tasten verfolgen, nach einiger Zeit eine Abnahme in der Schärfe ihres Ge- hörs verspüren, daraus aber zuerst von unangenehmen Empfindungen und schließlich von den heftigsten Schmerzen im Gehörorgan gepeinigt werden. Jeder einer selbständigen Thätigkcit sähige Theil unseres Körpers wird durch das Uebermaß der Thätigkcit, namentlich durch deren lang anhaltende Dauer in ähnlicher Weise beeinflußt,— wie ja auch der Schreibkrampf lehrt, welcher durch zu anhaltendes Schreiben hervorgerufen wird. Bezüglich der unwillkürlich von außen aus uns einwirkenden Sinneswahrnehmungen ist noch zu erwägen, daß für uns ein unangenehmes Gefühl dadurch hervorgerufen wird, wenn dieselben sich unserer Wahrnehmung und unserer Äusnierksaliikeit gleichsam auf- drängen. Man sucht durch Ablenken der Aufmerksamkeit diesen Sinnes- Wahrnehmungen zu entgehen, und gelangt dadurch in eine geistige Er- regung, welche im hohen Grade unangenehm und peinigend ist. Am meisten ist dies der Fall, wenn die sinnliche Wahrnehmung nicht un- ausgesetzt aus uns einwirkt, sondern in größeren oder kürzeren Zwischen- räumen. So kann man sich an ein feststehendes, unausgesetzt strahlen- des Licht in gewissem Maße gewöhnen, und befindet sich in gleichem Falle einem unausgesetzt wahrgenommenem Tone gegenüber. Man gelangt schließlich dahin, daß man das Licht nicht mehr sieht, den Ton nicht mehr hört. Selbst bei klappernden Geräuschen, z. B. dem Klap- pern beim Gange einer Mühle, ist dies der Fall. Wird dagegen die Sinneserregung nur von Zeit zu Zeit aus uns einwirken, so daß zwi- schen den Wahrnehmungen eine Ruhepause sich befindet, so drängt sich uns die Einwirkung in solcher Weise auf, daß wir uns dem Aufmerken nicht entziehen können. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Licht zeit- weilig in den Sehkreis unseres Auges gelangt und wieder verschwindet; — das unangenehme Gefühl der Blendung, welches durch einen von der Sonne beschienenen Flügel eines Doppelfensters an einem gegen- überlicgeuden Hause hervorgerufen wird, sobald der Wind das Fenster hin und her bewegt, findet darin seinen Grund. Weil derartige Sinnes- empfindungen deutlicher wahrgenommen werden, hat man bei den Leuchtthürmen während der letzten fünfzehn Jahre das unterbrochene Licht eingeführt, dessen von Zeit zu Zeit sich wiederholendes Aufblitzen vom Seefahrer unwillkürlich mit größerer Sicherheit wahrgenommen wird, als ein stetig strahlendes Licht. Diese Eigenschaft der Aufdringlichkeit hat nun der Dampfhammer in Hohem Grade, da er bald an- gelassen, bald wieder unterbrochen wird. Die Zwischenzeit der„Ruhe" besähigt das Gehörorgan zu schärferem Wahrnehmen, und bedingt die Unmöglichkeit, das Geräusch des Dampshammers zu überhören oder sich an dasselbe zu gewöhnen. Letzteres würde aber schon um deswillen unmöglich sein, weil das Geräusch zu stark, und weil es von einer Er- schütterung begleitet ist.(Schluß folgt.) Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant.— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Zum neunten Mai. Ein Gedenkblatt von Bruno Geiser(Fortsetzung).— Verbrennung und Wärmeeffekt unserer Brennmaterialien, von Rothberg-Lindener(Fortsetzung).— Dem Schicksal j abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Fang von Schwarzfischen an der Küste von Nantucket in Massachusetts(mit Illustration).— Oberstein(mit Illustration).— Ueber den Einfluß von Fabrik- und Straßengeräuschen aus Menschen und Gebäude. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. Druck und Verlag der Genossenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.