Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen nnd Postämter. Idealisten. Von Htudotf Lavant. (Fortsetzung.) Lindner hatte wirklich seltnes Waidmannsglück gehabt) der in seiner Sünden Maienblüthe vom rächenden Berhängniß ereilte Räuber war ein stattliches Thier, und Mendt nahm ihn mit lebhaftem Danke in Empfang und streichelte liebkosend das weiche Fellchcn. „Wer ist denn eigentlich jetzt die Glückliche, die den juristischen Staub von Ihrer idealangelegten Seele blasen darf? Ist es noch immer die Kleine mit der blonden Mähne, mit der ich Sie vor drei Wochen gehen sah?" „Ab— weggeschnappt, lieber Lindner; übrigens kann ich mich trösten, denn ich habe mich bei dem Tausch verbessert und Reinisch würde auf ein solches Modell Tag und Nacht Jagd machen." Der Maler, der in der Zwischenzeit die auf dem Tisch lie- genden Bücher und Zeitungen gemustert hatte, erwiderte spöttisch: „Lieber Mendt, das Modellsuchen muß ich wohl selber besorgen — Sic dürften schwerlich das erforderliche Urtheil haben. Da ver- ließe ich mich weit eher auf Lindner, oder auf unfern Schapen- hauerianer Arvenberg." Und zu diesem sich wendend, fügte er hinzu: „Ihre letzte Kritik war übrigens wieder brillant; verteufelt scharf, wie immer, aber das wesentliche, den Kern herausschälend, wie sichs gehört. Ich glaube, um unsere Theaterkritik stünde es besser, wenn sie lediglich in den Händen von verständigen, un- parteiischen und— unzugänglichen Laien wäre, die auf niemanden Rücksichten zu nehmen haben und vor allem zu keiner Coterie gehören. Wo nehmen Sie aber nur die Zeit her? Den Tag über im Komptoir, bis 9 und 10 im Theater und dann noch Philosophie, Nationalökonomie und Geschichte?" Arvenberg strich sich das Schnurbärtchen aus den Lippen. „Das ist mein Geheimniß. Ich geize mit der Zeit, ich nutze jede Viertelstunde Muße aus und— ich gehe in keine Kneipe und in kein Cafä, außer von 1 bis 2, um die Zeitungen zu lesen. Lindner versteht auch was von dieser Kunst, die freilich sür euch Künstler unerlernbar ist— der arme Kerl muß sich in der Apotheke abrackern und treibt in seiner ftcien Zeit noch Chemie, als bekäme er's bezahlt. Von seinen Schmetterlingen und Käfern, von seiner Raupenzucht im Sommer und seinen nachtlichen Exkursionen in die Wälder will ich dabei ganz ab- sehen." Lindner biß auf den Köder an: »Ja, Kinder, nach meinen Schmetterlingen müßt Ihr einmal wwder sehen. Vorige Woche habe ich von einem Freund, der im Sommer in der Schweiz war, eine Menge reizender Doubletten eingetauscht, theilweise große Seltenheiten, und dann Hab' ich auch einen wundervollen rothen Farbstoff entdeckt, dessen Herstel- lung freilich zu theucr für die praktische Verwendung ist." „Ja so, wie war denn das?" fiel ihm Arvenberg ins Wort. „Sie wollten doch hinter eine künstliche Herstellung des Indigo kommen und das Geheimniß an die Meistbietende Regierung ver- kaufen— haben wir Aussichten?" Lindner ließ sich durch die Neckerei nicht verstimmen.„Es geht unverdrossen weiter. Einer muß doch einmal dahinter kommen und warum soll ich der Glückliche nicht sein? Uebrigens — glückt die Geschichte, so ist uns allen mit einem Schlage ge- Holsen, denn eine Million Thaler wirst die Entdeckung ab und dann sagen wir jedem Börsenbaron ins Gesicht:„Mein Herr, mit uns verglichen, sind Sie nur eine traurige Motte." „Man thut also wohl gut, sich gleich einiges für den Fall des Gelingens vorzunehmen, um später nicht kopflos und rathlos all dem Mammon gegenüberzustehen. Ich schlage vor, wir ver- wenden einen Theil desselben auf die Erbauung eines National- theaters, im Teutoburger Walde etwa, welches lediglich dazu da ist, Born'sche Tragödien zur Aufführung zu bringen— selbst- verständlich gratis. Ferner erhält Born ein Jahrgehalt, wogegen er sich verpflichtet, jährlich vier neue Tragödien zu liefern, von denen keine mit weniger als zehn Ermordungen verknüpft sein darf. Uebrigens kann er auch recht gut selber mitspielen; wenn er ins Zimmer tritt, denkt man ja unwillkürlich an Banguos Geist oder an Wallcnstein, der den Partisanen der Verschwörer die entblößte Brust darbietet." „Und den Rest," erwiderte Born,„verwenden wir zum An- kauf des Felseneilandes Monte Christo, das die italienische Re- gierung uns um ein billiges abtreten wird. Wir taufen seine vorspringendste Klippe Kap Schopenhauer und erbauen uns ge- meinschaftlich ein behagliches Haus. Arvenberg schreibt Kommen- tare zu seinem Lieblingsphilosophen, Lindner schießt Seevögel, Wcndt steht der Küche vor und Reinisch malt Schiffbrüche und dem Schaum des Meeres entsteigende Aphroditen oder melancholische Seejungfern." „Bis wir vor Langeweile sterben," ergänzte der Maler trocken; „ich wenigstens habe keine Anlage zum Mönch. Soll denn übrigens der ganze Abend mit diesem Geplänkel vergeudet wer- den? Ich dächte, es würde Zeit, daß wir uns einmal unserer Mli Ihm, ______________ Lektüre zuwendeten. Es ist ja allerlei neues da und wir müssen wählen." Damit nahm er den Büchervorrath zur Hand und las vor: Spitzers„Verliebte Wagnerianer",„Hypnotische Versuche", „Uebersetzersünden", Zolas„Nana", Turgenjew„Erzählungen eines Jägers", in Summa fünf Broschüren für und sechs gegen die Juden, und hier hat Arvenberg richtig den kompleten Grill- parzer zur Verfügung gestellt. Da ist die Wahl allerdings recht schwierig." Auf das Resultat derselben übte Arvenberg einen entscheiden- den Einfluß, indem er lachend erzählte, daß einer seiner Mit- kritikcr, ein großer Acsthctiker vor dem Herrn und selber Poet, nach einer Ausführung von„Des Meeres und der Liebe Wellen" Grillparzer als ein sekundäres Talent bezeichnet habe, das man getrost der eis- und transleithanischen Begeisterung überlassen könne. Man wurde neugierig und Born und Mendt plaidirten so eist'ig dafür, daß gerade dieses Stück gelesen werde, daß die übrigen schweigend zustimmten und Arvenberg, der für alles Schöngeistige ein für allenial zum Vorleser Ernannte, das Buch zur Hand nahm. Sofort trat tiefe Stille ein, die guten und schlechten Witze und die harmlosen persönlichen Häkeleien waren mit einem Schlage verstummt und alle gaben sich mit dem ganzen Enthusiasmus der idealistisch gestimmten Jugend dem Genuß der schönen Dichtung hin; selbst Reinisch, der in den Vierzigern nicht allzu viel mehr zu suchen hatte und dessen ausgemeißeltes, durch- furchtcs Gesicht mit den feinen, ewig vibrirenden Fältchcn unter den grauen Falkenaugen von einer unruhigen und wohl auch leidenschaftlich belvcgtcn Vergangenheit erzählte, hörte in tiefem Sinnen zu und ließ sogar— ein seltener Fall bei dem leiden- schaftlichen Raucher— die Cigarre ausgehen. Eine durch das gespannte Achten auf die Technik des Stücks noch verschärfte Aufmerksamkeit zeigte Born; ganz ins Zuhören versunken, bc- tupfte der über die Maßen Kurzsichtige das schöne weiße Tafel- tuch so lange mit der glimmenden Cigarre, bis ein häßlicher Brandfleck entstanden war. Am meisten entzückt war jedoch Meudt. Sonst ein eingefleischter Materialist, dem die Bchag- lichkcit des Lebens und die Freuden der Tafel sehr hoch standen, hatte er Empfänglichkeit für dichterische Schönheiten, besonders aber den Ehrgeiz, ästhetisch geschult zu sein; lyrischen Zartheiten gegenüber gerieth er in eine Verzückung, die mit einem komischen Reiz ausgestattet war, denn zu der derben vierschrötigen Gestalt, den rothen Wangen und den Pausbacken des großen Essers wollte die Schwärmerei für das Elegische und Melancholische und für die subtilsten Feinheiten des Empfindens schlecht passen. Es war denn auch sein sehnlichster Wunsch, an Leibesfülle zu verlieren und viel hätte er darum gegeben, seinem Gesicht, das einem Fleischhauer keine Unehre gemacht haben würde, eine inter- essante Blässe ankränkeln zu können. Die kleine Bereinigung von Gleichgesinnten oder vielleicht besser Gleichgestimmten nahm es überhaupt ernst mit ihren wöchentlichen Zusammenkünften; die an die Lektüre neuer Er- scheinungen auf dem Büchermarkt sich knüpfenden lebhaften Dis- kussionen fanden häufig genug einen Niederschlag in einer Kritik, die Arvenberg verfaßte und die Hörner und Zähne zu haben pflegte, wenn es sich um prätentiös auftretende oder von einer Clique gelobhudelte wcrthlose Machwerke handelte. So ernst wurde die Sache genommen, daß das schmucke Stubenmädchen, welches den jungen Leuten einst in Arvenbcrgs Wohnung Thee und kalten Ausschnitt präsentirte, seiner Herrin ganz verblüfft erzählte:„Ich bin schon in vielen feinen Häusern gewesen, in denen Abends Herren zusammenkamen, aber dann wurde Bier und Wein getrunken und gespielt; die Herren drüben aber sitzen im Kreise uni den Tisch und einer liest vor und dann sind sie eine Weile still und rauchen furchtbar und überlegen, was sie damit machen sollen— ich glaube aber, das ist noch feiner." Das Stück wurde zu Ende gelesen und es währte ein paar Augenblicke, bis Lindner das Schweigen brach und in anfrich- tigem Stolze sagte: „Arveuberg, Sie haben meisterlich gelesen und in welchem Verein bekommt man dergleichen so zu hören? Und wir find ja nicht einmal ein richtiger Verein, wir haben auf Namen und Statuten verzichtet—" „Ohne uns darum weniger wohl zu befinden," meinte Born, „als Vereine, die nach guter deutscher Sitte monatelang die schönen Abende mit unerquicklichen Statuteuberathungen vergeudet, Kommissionen niedergesetzt und die scharfsinnigsten Debatten über Zweck und Aufgabe des Vereins gepflogen haben." „Nun, wenn wir fünf einen Vorsitzenden, einen Kassirer, einen Schriftführer und einen Bibliothekar wählen wollten, bliebe auch nur ein einziges Mitglied übrig und das wäre doch gar zu lächerlich," wendete Arveuberg ein. „Als wenn Sie nicht wüßten," erwiderte Mendt eifrig,„daß wir nur zu wollen brauchten, um zahlreichen Zuwachs zu erhalten. Jeder von uns hat doch einige Bekannte, für die unsere langwierigen Sitzungen den Reiz des Geheimnißvollcn haben und die ein ernstliches Angliederungsbedürfniß empffndcn." „Nichts da," rief Lindner dazwischen;„schon der sechste Man», wenn er nicht ganz und gar zu uns paßte, würde störend wirken, und Sie wissen am besten, welche Mühe Sie gehabt haben, auf- genommen zu werden. Das Zünglein der Wage schwankte lange hin und her und Born hatte einen Scheffelsack voll Bedenken, bis endlich Reinisch trocken sagte: „Na, da laßt das schnurrige Huhn nur hereinfliegen; wenn es sich nicht eingewöhnen kann, wird es schon ganz von selber wieder davonschwirren." Die Miene des Malers hatte während dieses Geplauders eine ziemliche Dosis Mißbilligung und Ungeduld zum Ausdruck gebracht; endlich klopfte er mit dem Rücken eines Buches auf die Tischplatte und fragte mit einer gewissen Schärfe: „Darf man nun auch fragen, wie ihr über das Stück denkt und ob es den Eindruck der Lebenswahrheit auf euch macht?" Mendt war rasch mit der Antwort bei der Hand. „Großartig ist es— reizend schön! Es ist mir dabei wieder so zu Muthe gewesen, wie in meinen grünen Jahren, als ich schwärmerisch in zwei Schwestern, noch dazu Superintendenten- töchter, verliebt war; es war eine große Eselei und lange nicht so tragisch, wie die Bürger'sche Doppelliebe, aber es war himm- lisch, und heutzutage habe ich nur im Traume solche Empfin- düngen, wie z. B. neulich, wo ich von einem mit dem kleinen reizenden Fräulein Walther— Born kennt das wunderlicbe Geschöpfchen — verstohlen getauschten Händedruck träumte. Ach, es ist doch zu traurig, wenn man so bis über die Ohren in der Juristerei steckt; sie tödtet die Phantasie allmählich ab, und zuletzt glaubt man nicht mehr recht an die Liebe, von der die Dichter solche Wunderdinge zu erzählen wissen." Born meinte trocken: „Nun ja, Sie lieben anders, das weiß man schon, ich muß aber auch bekennen, daß ich zwar jede Schönheit des Stücks empfinde und mir nichts besseres wünsche, als eine solche Hero zu finden, daß ich indessen fürchte, dergleichen kommt nicht mehr vor. Wir reflektiren zu viel über uns selber und gelangen schließ- lich dazu, als eine romanttsche Velleität anzusehen, was recht- gut noch Wirklichkeit sein könnte. Früher vielleicht, als ich die „Parerga und Paralipomcna" und„die Welt als Wille und Vorstellung" noch nicht kannte— Arveuberg, Arvenberg, Sie haben mir keinen Gefallen gethan, als Sie mich mit Schopen- Hauer bekannt machten!" „Hat Ihnen durchaus nichts geschadet," erwiderte der so hart Angegriffene.„Nach meiner Ansicht sind Leander und Hero keine Griechen, sondern Deutsche, und für die deutsche Liebes- schwärmerei geht uns Juden allerdings das volle Verständniß ab, weshalb ich auch keineswegs glaube, daß ich sehr gut gelesen habe. Ihr wißt ja, wie es bei uns zugeht— wir werden verheiratet, wobei man die Mädchen kaum fragt, und meinen Eltern laufen die„Schadchen", unsere gewerbsmäßigen Heiratsvermittler, fast das Haus ein und schlagen ihnen geeignete Partien für mich vor. Merkwürdig, daß diese völlig illusionslos geschlossenen Ehen sich selten als unglückliche erweisen; liegt es daran, daß, wo keine Illusion vorhanden war, auch keine Enttäuschungen eintreten können, keine Ernüchterungen?" Lindner hatte bisher zurückgehalten, nun meinte er: „Vor fünf Jahren dachte ich noch, es müßte eine Hero oder eine Julia sein, jetzt weiß ich nicht mehr so recht, ob man auf eine solche Traumgestalt warten soll. Jemehr Frauen man kennen lernt und je objektiver man sich die jungen Mädchen ansieht, desto kühler weht einen der Hauch der Skepsis an, desto bedenklicher wird man in Bezug auf die„großen Leidenschaften", desto weniger ist man geneigt, an die Ausopferungsfähigkeit zu glauben, die sie in weichen und doch starken Gemüthern erzeugen sollen. Ein gutes Mädchen, das ja noch lange nicht dnmm zu sein braucht und das man ehrlich lieb hat, thut es ja wohl auch—" „Aha, der Wirthin Töchterlein; eine oratio pro llomo", spot- tete Arvenberg, der Maler aber, der schweigend zugehört und sich in undurchdringliche Rauchwolken gehüllt hatte, legte die Cigarre weg und brach mit allen Zeichen der Ungeduld los: 399— „Nun thut mir aber den einzigen Gefallen, Kinder, und hört auf! Für eure Jahre sollte die Leidenschaft, und zwar die kon- sequente, unvernünftige, rücksichtslose Leidenschaft, auch bei der Frau, doch noch ein Dogma sein, und da redet einer wie der andere so nüchtern, so verständig, so stockphilosophisch, als habe er ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken! Es war fteilich auch eiue närrische Zeitkrankheit, das blinde Schwärmen für Heine, und die guten Gymnasiasten, welche die Welt nur aus Büchern kannten und sich die sentimental- spöttische Zerrissenheit des„ungezogenen Lieblings der Grazien" anempfanden und an- affektirten, die sich nebenher die„Emanzipation des Fleisches" in ihrer Weise zurechtlegten, sind mir ganz und gar nicht sympathisch gewesen, selbst wenn sie auf den unglücklichen Versuch, Verse im Stile ihres Lieblingspoeten zu machen, klugerweise verzichteten. Sie spielten für den, der Welt und Menschen aus eigner Ersah- rung kannte, eine hochkomische Rolle, aber lieber waren sie mir doch, als die Gymnasiasten von heute, auf deren Lippen die Weisheit des„Philosophen von Frankfurt" zu einem süffisanten Lächeln gefroren ist und die über alle Liebesselbsttäuschungen geringschätzig die Achseln zucken. Ihr seid ja anders, sonst hätte ich greiser Jüngling zu eurer jungen Greisenhaftigkeit auch nimmer- mehr gepaßt, aber angekränkelt seid ihr doch auch, und es ist eine Schande, daß ich, der ich doch kein Idealist bin, euch be- weisen muß, wie viele Dinge auf dieser wunderlichen Erde und zwischen zwei heißen Herzen sich abspielen, die der kalten Weis- heit eures Philosophen einen energischen Nasenstüber versetzen und sich im System, soweit es die Frauen betrifft, schlechterdings nicht unterbringen lassen. Es ist freilich wahr, häufig sind die echten Leidenschaften nicht— es müssen die richtigen Menschen einander vom Zufall in den Weg geführt werden und die Vcr- Hältnisse müssen sich verschwören, auseinanderzuhalten, was mit schmerzlicher Gewalt nach Vereinigung strebt, und in der einen oder der anderen Hinsicht pflegt es meist zu hapern— sind aber alle Bedingungen vorhanden, dann gibt es ein Schauspiel, das viel von der wilden Pracht eines Gewitters hat, und wir andern, denen der tolle Tropfen im Blut fehlt, wir stehen dabei, mit stockendem Herzschlag und verhaltenem Athem, und kommen uns unsäglich albern und philisterhaft vor und es iiberfällt uns wie ein Schwindel, wie eine brennende Sehnsucht nach der gleichen süßen, seligen, heiligen Verrücktheit, nach einem gleich jähen, poetischen Ende. Ich hab's durchgemacht, Kinder, während meiner prager Zeit, mit zwei Menschen, von denen mir der eine, ein prächtiger Bursche, völlig ans thörichte Herz gewachsen war, während das Mädchen mir imponirt hat durch ihre„inferiore" Seele und zugleich so klassisch schön war, daß es mir fast lächer- lich vorkam, eine kurze Zeit gewähnt zu haben, ich mit meiner leidigen Nußknackerfigur könne ihrer je Werth sein. Wenn ihr wollt, gebe ich euch den„schönen Fall" das nächste mal zum besten— ich muß mich aber vorbereiten und Bilder und Briefe heraussuchen. Das aber bedinge ich mir aus— ich will heute über acht Tage keine Witze hören, sonst macht ihr mich wild und ich gehe euch mitten in der Erzählung auf und davon." Wie eifrig der Vorschlag aufgegriffen, wie willig die Be- dingung angenommen wurde— muß das besonders gesagt werden? (Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Ziosenverg. (Fortsetzung.) Freimann trat mir lachend entgegen.„Ich bin hinter deine Geheimnisse gekommen, das heißt, du hast mich dahinterkommen lassen", und mit diesen Worten zeigte er nnr eine Anzahl Bogen, auf denen ich Gedichte entworfen hatte.„Das ist ja vulkanische Glut, theurer Freund," rief er.„Woher in Himmels Namen hast du die Anregung zu diesem Schiller'schen Pathos?-- Aber im Ernst! deine poetische Ader ist echt und du hast in mir das Bedürfniß angefacht, das weibliche Wesen, von dem du so Treffliches singst, von Angesicht zu Augesicht zu sehen-- nur, Theurer, um zu bestimmen, ob die Wirkung, welche du bei nur hervorgerufen, auf Kosten deiner Muse oder des lebenden Gegen- standes zu stellen ist."----„O, ich bin nicht eifersüchtig. mein guter Bruno," versetzte ich ruhig.„Der Dame hättest du schon lange vorgestellt werden können, wenn du nicht beständig geschrieen hättest: ,die Frauen halten uns von unserer Arbeit ab, laß mir die Franen vom Halsell-- Morgen kommt Elisabeth zurück und wenn du so thöricht bist, ihr Bild in deiner Phantasie vorher mit himmlischen Farben auszumalen, wenn du dir nicht vornimmst, in Elisabeth ein einfaches, liebes Mädchen zu sehen, so— weiß ich im Voraus, daß du mich wieder einmal derb wegen meines Geschmackes auslachen wirst!"----— Die Drohung der Provinzzeitung war keine fingirte. Als ich in unsere Redaktion eintrat, gab mir das Geschäftsfaktvtnm trübseligen Gesichtes die neueste Nummer der„Provinz".„Ach, du mein Gott," lamentirte der Alte,„wenn das alles tvahr ist, was in dem infamen Klatschblatt steht, wenn das alles wahr ist." -- Er sprach nicht aus, der alte Gesell, er lüftete seine Mütze und kratzte sich hinter den Ohren.-- Ich nahm das Blatt und durchlas den Artikel, der die Mittheilung enthielt, daß fast sämmtliche Platzzeitungen sich an großen faulen Gründungen be- theiligt, daß deren Redakteure bedeutende Summen für Reklamen jeglicher Art eingesteckt hätten, daß die Korruption also bedenk- lich auch in das allcrhciligste, in die Presse, die Vertreterin des Volkes, eingedrungen sei. Am Schlüsse waren dann eine ganze Reihe von Rechnungen abgedruckt, die klar und deutlich die vor- stehenden Beschuldigungen bekräftigten.— Die Auflegung im Publikum war selbstverständlich eine große. Die Abendblätter standen voller Kritiken des Artikels der„Provinz".-- Jede Zeitung suchte sich rein zu waschen Der, welcher die Enthül- lungen zur Veröffentlichung gebracht hatte, soll em Beamter m einem großen Bankhause sein.— Wolkenbaner kam nur einmal in die Redaktion, er fertigte den politischen Theil schnell ab und entschuldigte seine Eile damit, daß er sagte:„Sie werden das Nähere morgen erfahren. O, ich bin wie zerschlagen. Wenn Doktor Müller dabei bctheiligt ist, so bin ich unschuldig, so bin ich hintergangen."-- Müller ließ sich nicht sehen. Als er gegen Mittag noch nicht gekommen, flagte ich bei Wolkenbauer an, was mit den eingelaufenen Briefen für den Handelstheil geschehen solle. Er benachrichtigte mich darauf:„Müller hat sich entschuldigt; er mußte verreisen, öffnen Sie die Briefe und be- nutzen sie den beifolgenden Schlüssel zu seinem Pult. Ich hoffe, daß Sie Sich zurechtfinden und alles zur Zeit fertig bringen."-- Ich entledigte mich nach Kräften dieses Auftrages! Da ich ver- muthen durfte, Müller kehre wohl nicht zurück, so öffnete ich dessen Pult, um von dem Inhalte Kenntnisse zu nehmen. Unter den tvenigen Papieren fand ich ein kleines Paquet Rechnungen. Beim Durchblättern entdeckte ich zu meiner Ueberraschung, daß sie auf das evidenteste Müllers Antheil an Börsenspekulationen er- wiesen und steckte sie zu mir, um sie pflichtgemäß Doktor Wolken- bauer einzuhändigen.----- Die gewöhnliche Art, daß Angeklagte den öffentlichen Ankläger in den Augen der Welt eifrigst zu verdächtigen trachten, um die Aufmerksamkeit von einem mißlichen Punkte abzulenken, bcthätigt sich auch in dieser Enthüllungsaffäre. Der Beamte, welcher aus Liebe zur Wahrheit die Beweise für die Bestechlichkeit der Presse brachte, wird auf das schändlichste von seinen Vorgesetzten terrorisirt. Man hat ihm mit dem Staatsanwalt, mit Anklage wegen Treu- bruch u. s. w. gedroht, und heute weiß niemand, wo der Mann geblieben. Die abgedruckten Rechnungen, wortgetreue Kopien aus den Büchern der Bank, werden heute als Fälschungen verschrieen und die denunzirten Blätter athmen wieder auf. Ihre alt- gewohnte Suada fließt wie ein Bergstrom. Alle fallen über die „Provinz" her. Die„Alte Welt" folgt selbstverständlich dem Corso. Ich bin neugierig, wie die Sache verläuft.—„In den Sand," versetzte der alte Lieber, und er wird wohl recht haben.— An Stelle Müllers sitzt ein Journalist von auswärts. Grad' als ich im Begriffe war, Wolkenbaucr von meinem Fund in Müllers Pult Kenntniß zu geben, brachte der Korrektor den ersten Abzug eines größeren Leitartikels, überschrieben mit: „Was die Radikalen sind und wollen." Ich bat mir die Blätter aus, da mich die tvenigcu Worte in einige Erregung versetzt hatten. Wolkenbaucr traf mich bei der Lektüre. Er lächelte und .........----- saqte:„Rache gegen Rache. Die.Provinz� soll den Zahn des Löwen fühlen."—„Was bezwecken Sie damit?" fragte ich. „Wein wollen Sie mit diesen Phrasen imponiren?"—„Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke," fuhr Wolkenbaner ans;„hoffentlich können Sie lesen!"— „Ich denke," rief gesperrtein Druck die Nachricht veröffentlicht:„Unser bisheriger Redakteur des Feuilletons, Herr Heinrich Morgenroth, ist mit heutigem Tage aus unsrer Redaktion ausgetreten. Die in letzterer Zeit öfters laut gewordenen Beschwerden über bedenkliche Ueber- ich,„und was ich lese, muß die ,Alte Welt' in den Augen jedes denkeiiden Menschen lächerlich machen. Da ist ja keine Spur von Thatsache, von positiven Begriffen, da ist ja alles Un- ivahrheit und Entstellung!— „Schweigen Sie," donnerte Wolkenbauer. „Nicht Sie, son- dern ich bin für den Artikel ver- antwortlich. Es handelt sich um das Wohl der Zeitung! Da verstummen die pedantischen Be- denken, es hau- delt sich um die Partei, und da ist es gleich, ob man den Gegner grob angreift oder nicht!"— „Ich hatte von der, Alten Welt' eine bessere Ansicht," erwiderte ich ziemlich er- regt.„Ich täuschte mich; die /Alte Welt- ist nicht besser, als alle die Winkel- und Provinzialblät- ter, die nichts weiter vermö- gen, als gedan- kenlos in den offiziellen Zei- tungen mit Scheere und Rothstift herumzuarbeiten, und sich mit dem Be- wußtfein des Pharisäers aufblähen: Wir sind doch bessre Menschen!"— „Genug," schrie Wolkenbauer.— „Min," gab ich zurück,„ich werde weiterreden. Ich lege mein Amt nieder und bedanre lebhaft, die Schwelle des Bureaus der, Alten Welt- über- schritten zu haben."— Ich nahm meinen Hut und verließ das Lokal.—— In der Nachmittagsnummer der„Alten Welt" prangt unter der Ueberschrift:„Was die Radikalen sind und wollen" einer der schändlichsten Schmähartikel, die ich je gelesen. Ich habe mir die Nummer als Andenken gekauft. Zugleich steht darunter in Das Oberammerg spanntheiten sind hiermit beseitigt, und wir glauben, durch das Engagement des beliebten Schriftstellers Herrn Hauser allseitigen Wünschen Rechnung getragen zu haben."— Diese neue Infamie entlockte mir nur ein Lächeln. Freund Freimann sagte, als ich ihm diese Nachricht zeigte:„Das war ein schnelles Ende und ein gutes Ende. Du kannst auf deine Erfahrungen mit Zufrieden- heit zurückblicken." Am nächsten Mittwoch ist im Kasino große Bolksversamm- lung. Ein demokratischer Wortführer>vird über die Korruption der Presse sprechen. Ich werde auch dort sein, denn ich verspreche mir eine lebendige Debatte. Funken und Blitze werden sprühen.— Eben sendet mir Wolkenbauer die Abrechnung meines Salärs �spiel.(Seite 408.) und meine Sachen. So sind wir denn völlig quitt und haben tabula rasa gemacht. Liebers senden mir zu gleicher Zeit ein Einladungsbillet. Freimann wird mich begleiten. Ich werde die schwarzen Wolken der letzten Tage durch den Zauber zweier schönen Augen hinweglachen lassen. Theuerste Seele! So hat die Redaktionsherrlichkeit Plötz- Uch ihr Ende erreicht. Du hättest Dir also Deine Gratulation sparen können. Aus den beifolgenden Zeitungsblüttern wirst Du die zwingenden Beweggründe ersehen. Konnte ich anders handeln? Durste ich anders?— Bleiben hieße soviel wie Hehler sein, und da ich nichts auf der Welt mehr liebe, als die Wahrheit, so bin ich— davon- ___________ gelaufen. Mir kommt es so vor, als ob es für den ehrlichen Menschen auf der Welt kein trockenes Plötz- chen gäbe!— Doch was hilft alles Lamenti- ren? Vorwärts! heißt die Parole. Meine anfäng- lich gute Mei- nung über die Zeitungsschrei- berei, meine freudige Lust, das Volk von dem Zeitungstisch aus aufzuklären, zu bes- fern, zu veredeln — alles ist da- hin. Ich habe einsehen lernen, daß nur ein ganz kleiner Bruch- thcil der Presse einen anständi- gen Namen ver- dient.— Der Zeitungsschreiber muß Rück- ficht auf das Parteipro- gramm und auf die Leser neh- men. Geht er mit letzteren nicht sanft und zart um, so wen- den sie ihm den Rücken; dann darf er keine andere Ansicht entwickeln, als die vorgeschrie- bene; er wird demnach zum Sklaven, und mit der Freiheit ist es ebenfalls schlimm bestellt. Auf diese Art entbehrt der Zeitungsschrei- der der Unab- hängigkeit, die er eigentlich beanspruchen muß; das Unter- nehmen steht auf der Basis des Egoismus und die Handlungen der Beamten werden von der Selbstsucht diktirt.— Zu gleicher Zeit hat sich auch noch ein ividerliches Geschwür an dem an sich schon nicht gesunden Organ herausgebildet: Es ist das Gewerbe der wechselseitigen Lob- Hudelei und der Reklame.„Wer gut schmeert, der gut fährt," heißt das Sprüchwort. Die„Alte Welt" tvar im allgemeinen kein serviles Blatt, aber ich habe doch Dinge erlebt, die meine höchste Verwunderung wachgerufen haben.(Fortsetzung folgt.) 402 Verbrennung und Wärmeeffekt unserer Brennmaterialien. Von Yothöerg-Lindener. (Schluß�) Die aus der chemischen Natur verschiedener Stoffe allein hervorgehenden Unterschiede der Brcnnkraft zeigen sich bei Ver- gleich einiger bekannten chemisch reinen Verbindungen; es er- geben nämlich bei vollkommener Verbrennung: 1 Gcwichtsthcil Wasserstoff 34 462 Wärmeeinheiten. 1„ Kohlenstoff 8 080 1„ Kohlenoxyd 5 630„ 1„ Aether 9 027„ 1„ Alkohol 7 183„ 1„ Terpentinöl 10852„ 1„ Wachs 10 496 Zur praktischen Ermittelung der Brennkrast, als absoluten Wärme- effekts, bedient man sich gewöhnlich der Methode von Karmarsch. Es wird darnach diejenige Wassermenge bestimmt, die durch ein Kilo verschiedener Brennstoffe in Dampf übergeführt wird. Da nach Regnaults Versuchen 652 Wärmeeinheiten erforderlich sind, um 1 Kilo Wasser von 0 Grad in Dampf von 150 Grad zu verwandeln, so braucht man die gefundenen Kilo Dampf nur mit dieser Zahl zu multipliziren, um die gesuchte Brennkraft in Wärmeeinheiten ausgedrückt zu erhalten. Gewöhnlich spart man sich das letztere Exempel, und man findet daher die Ver- gleichszahlen für die Brennkraft häufig in Kilo Dampf angegeben- und dann als Vcrdampfungskraft bezeichnet.(Es mag passend sein, hier zu bemerken, daß es sehr wünschenswerth wäre, wenn auch auf diesem Gebiete etwas sparsamer mit der gebräuchlichen Bezeichnung„Kraft" in vielerlei Zusammensetzung zur Bezeich- nung ähnlicher und unähnlicher Eigenschaften von Körpern um- gegangen würde. Es wird auf dem jetzigen Wege nur viel Un- sicherheit und Verwirrung erzeugt!) Statt der obigen Zahlen kann man also auch den absoluten Wärmeeffekt von Kohlenstoff gleich 12,4 Kilo, den von Wasser- stoff gleich 52,9 Kilo Wasserdampf von 150 Grad C. setzen. Die Heizkraft oder der pyrometrische Wärmeeffekt eines Brenn- Materials wird durch die Temperatur ausgedrückt, welche bei vollständiger Verbrennung desselben herrscht. Die hierbei erhal- tenen hohen Temperaturen werden in Graden ausgedrückt, welche in letzter Reihe auf unsere bekannten Quecksilberthermometer be- zogen werden. Es ist dabei aber zu bemerken, daß die Zuver- lässigkeit dieser Zahlen an sich eine sehr schwankende ist; denn bei 360 Grad siedet das Quecksilber bereits, so daß Messungen höherer Temperaturen mit ihm gar nicht mehr ausführbar sind, während die von diesem Instrument gewährte Sicherheit sogar schon bei viel tieferen Graden aufhört, da die Ausdehnung des Quecksilbers schon viel früher aufhört regelmäßig zu sein. Nun hat man zwar sogenannte Pyrometer oder Hitzemesser konstruirt, deren Mehrzahl durch Beobachtung der Ausdehnung schwer schmelzbarer Metalle, oder anderer Körper von gleicher Eigen- schaft, einen Schluß auf die Temperatur gewähren sollen. Es ist jedoch einmal die Handhabung solcher Instrumente in hohen Hitzegraden mit großer Schwierigkeit verknüpft und gibt zu großen Ungenauigkeiten Anlaß, andererseits liegt ihnen die Voraussetzung zu Grunde, daß die bei niederer Temperatur festgestellte Aus- dehuung, welche durch Quecksilberthermometer beobachtbar ist, auch bei höheren Graden ebenso regelmäßig stattfinde, was nicht zu beweisen ist, da dann aber das ursprüngliche Maß zu exakten Beobachtungen nicht mehr geeignet und auch festgestellt ist, daß je näher den Schmelzpunkten, die Ausdehnung der Metalle um so mehr von ihrer sonstigen Gleichmäßigkeit abweicht. Man muß sich daher vorläufig mit der annähernden Ermittelung des pyro- metrischen Wärmeeffekts durch Rechnung begnügen, welche den in Wärmeeinheiten bestimmten absoluten Wärmeeffekt zum Aus- gang nimmt. Auf diese Weise hat man gefunden, daß der pyrometrische Wärmccffekt des reinen Kohlenstoffs größer, der des Wasserstoffs kleiner ist, als der jedes anderen brennbaren Körpers. Da nun die Flammbarkeit der Brennstoffe hinsichtlich ihrer chemischen Zu- sainmensetzung von ihrem Gehalt an Wasserstoff abhängt, so geht daraus hervor, daß der pyrometrische Wärmeeffekt um so geringer sein muß, je größer der Anthcil flammbarer Bestandtheile in einem Brennstoff ist, also der von Holz geringer, als der von Steinkohle, der von jüngeren Steinkohlen geringer, als der von geologisch älteren, sowie daß durch Verkohlen oder Verkoken dieser Materialien ihr pyrometrischer Effekt erhöht werden muß; während bezüglich des absoluten Wärmeeffekts das Gegentheil stattfindet. Der Grund davon liegt darin, daß der durch Ver- brennen von Wasserstoff entstehende Wasserdampf fast viermal so viel Wärme bedarf, um zu derselben Temperatur erhitzt zu wer- den, als die aus der Kohle entstandene Kohlensäure. Der pyrometrische Wärmeeffekt der Brennstoffe ist einer ganz ungemeinen Steigerung dadurch fähig, daß man dieselben statt mit Luft, durch Zuführung von reinem Sauerstoff verbrennt. So ergibt Kohlenstoff, an der Luft verbrannt, eine Temperatur von 2700 Grad, mit Sauerstoff dagegen eine von 10082 Grad. Es wird von diesem Umstand z. B. beim Schmelzen von Platin Gebrauch gemacht. Der Gehalt der Brennstoffe an hygroftopischem, das ist durch Erwärmen bis wenig über Sicdhitze austreibbarem Wasser kommt allemal bei Bestimmung des Brennwcrths in Betracht, und zwar als ein schädlicher Bestandtheil, welcher den Werth vermindert. Das ist ebenso der Fall, wenn die Feuchtigkeit schon von Natur, von Anbeginn an sich in dem Material befindet, wie etwa in ftisch gefälltem Holz, oder wenn beim Lagern durch Regen, oder gar— wie so"viele Leute es für vorthcilhaft halten— den Steinkohlen kurz vor dem Verbrennen reichlich Wasser zugesetzt wird. Denn jeder Gewichtstheil Kohlenstoff kann nur einmal sein Aequivalent an Wärme ergeben, und wenn dasselbe im Heiz- loch zum Verdampfen von Wasser verbraucht und als Wasser- dampf in den Schornstein gejagt wird, so kann das gleiche Quantum Wärme weder der Zimmerluft zugute kommen, noch auch zun: Sieden von Wasser im Topf oder im Dampfkessel zum zweiten mal dienstbar gemacht lverden. Um dennoch den be- nöthigten Effekt hervorzubringen, muß also ein Mehraufwand an Brennstoff stattfinden. Am brennbarsten sind aus schon angeführtem Grunde von unseren gebräuchlichen Brennstoffen die Holzarten; und zwar nehmen in dieser Beziehung die weichen Hölzer, weil am poröse- sten, die erste Stelle ein, und es lassen sich unter ihnen die Nadelhölzer am leichtesten entzünden und brennen am besten fort. Diesen steht das Birkenholz am nächsten. Die harzreichen Nadel- Hölzer sind zugleich die flammbarsten. Auf das Volumen bezogen, hat man die Heizkraft verschie- dener Arten von Holz durch folgende Berhältnißzahlcn aus- drückbar gefunden, wobei das beste, Eichenholz, als Einheit gesetzt ist: 1 g{ej� � Ulme„ 0,94 Pappel„ 0,63 Ahorn„ 0,90 Föhre„ 0,62 Birke„ 0,88 Fichte„ 0,59 Buche„ 0,84 Linde„ 0,55 Tanne„ 0,66 Der Unterschied in dieser nach abnehmenden Werthen geordneten Reihe ist ein so bemerkenswerther, daß z. B. mit 1 Kubikmeter Tannenholz nur%, mit demselben Quantum Lindenholz wenig über die Hälfte des Heizeffekts erzielt>vird, als mit einem Kubik- meter Eichenholz. Es ist hier zunächst die Heizkraft auf das Raummaß bezogen, da Holz wohl fast überall nach dem Raum, nicht nach Gewicht verkauft wird. Dagegen ist nach Scheerer der absolute, auf Gewicht bezogene Wärnieeffekt der verschiedenen, gleichförmig getrockneten Hölzer als gleich groß anzunehmen. Der pyrometrische Wärmeeffekt kann nach demselben bei halbgedarrtem Holz(mit 10 pCt. Wasser) gleich 1850 Grad, der des ganz gedarrten auf 1950 Grad ge- setzt werden. Nach Peclet entwickelt sich eine Temperatur von 1683 Grad beim Verbrennen von reinem und trockenem Holz unter der Voraussetzung, daß aller Sauerstoff der Verbrennungs- luft verbraucht wird, dagegen nur eine Temperatur von 960 Grad, wenn nur die Hälfte davon konsumirt wird, was in den gebräuchlichen Feuerräunien gewöhnlich der Fall ist. Die Berdampfungskraft der verschiedenen Holzarten im im- getrockneten Zustand wechselt von 3,4 bis 4,2 Kilo Dampf; falls sie getrocknet sind, steigt sie bei denselben Arten auf 4,3 bis 5,1 Kilo Dampf(d. h. es werden die angegebene Zahl Kilo Wasser * ± 403 von 0 Grad in ebenso viel Dampf von 150 Grad verwandelt durch je ein Kilo Holz). Sind diese Hölzer aber durch sorgfältiges Verkohlen vor- bereitet, also in Schwarzkohle verwandelt, so erkennen wir die ganz erhebliche Zunahme ihres Brennwerths aus folgenden Zahlen. Wenn der Wärmeeffekt von reinem Kohlenstoff als Ein- heit gesetzt wird, so ist derselbe von absoluter pyrometrischer Verdampskrast Schwarzkohle, lusttrocken 0,84 2350° 6,75 Kilo „ völlig trocken 0,97 2450° 7,75„ Die Wirkung kommt also bei der letzteren Art der des reinen Kohlenstoffs sehr nahe. Die Brennbarkeit des Torfes ist wegen des in der Regel großen Aschen- und Wassergehalts geringer, als die des Holzes, ebenso seine Flammbarkeit. Der Brennwerth der besseren Sorten dagegen zeigt, entsprechend der früher erörterten Zunahme des Kohlenstoffgehalts, eine Steigerung. Dem absoluten Wärmeeffekt nach sind: 100 Kilo gelber Torf gleich 94,6 Kilo; 100 Kubikmeter des- selben Torfs gleich 33,2 Kubikm. lufttrocknem Fichtenholz, 100 Kilo brauner Torf gleich 107,6 Kilo; 100 Kubikmeter des- selben Torfs gleich 89,7 Kubikm. lufttrocknem Fichtenholz, 100 Kilo Erdtorf gleich 104,0 Kilo; 100 Kubikmeter desselben Torfs gleich 144,6 Kubikm. lufttrocknem Fichtenholz, 100 Kilo Pcchtorf gleich 110,7 Kilo; 100 Kubikmeter desselben Torfs gleich 184,3 Kubikm. lufttrocknem Fichtenholz. Die Verdampfungskraft ist bei 10 bis 12 pCt. Wassergehalt gleich 5,5 bis 6 Kilo Dampf, übertrifft also diejenige des ge- trockneten Holzes. Die Brennbarkeit der Braunkohle ist gleichfalls geringer, als die des Holzes, doch übertrifft sie diejenige der Steinkohlen. Die Braunkohlen ergeben folgenden Wärnieeffekt, wenn bei allen Sorten gleichmäßig 20 PCt. hygroskopisches Wasser und 10 pCt. Aschenbestandtheile angenommen werden, und der reine Kohlen- stoff wiederum als Einheit dient: absoluter spezisischer Pyrometrischer Lufttrockne fasrige Braunkohle 0,43 0,55 1800° erdige„ 0,55 0,79 1975» muschlige„ 0,62 0,83 2050 Gedarrte fasrige„ 0,55— 2025 „ erdige„ 0,69— 2125 „ muschlige„ 0,76— 2200 Es geht aus dieser Tabelle hervor, daß schon lufttrockne, mehr aber noch gedarrte Braunkohle das gedarrte Holz an ab- solutem und pyrometrischen Wärmeeffekt erheblich übertrifft. Die Verdampfungskraft besserer Sorten beträgt bei dem angegebenen Wasser- und Aschegehalt 6 bis 6,2 Kilo� Danipf. Die Brennbarkeit der Steinkohlen ist eine sehr verschiedene. Die geringste besitzt der Anthrazit, dabei auch so gut wie gar keine Flammbarkeit. Man hielt denselben lange� Zeit für kaum brauchbar als Brennmaterial, trotzdem er den höchsten Kohlenstoff- gehalt austveist. Jetzt findet er wohl bei Anwendung kräftiger Gebläse vortheilhafte Benutzung in Hochöfen und auch zu anderen technischen Zwecken, dagegen wird er zum Hausgebrauch immer noch selten verwendet. Dagegen sind die Backkohlen(Fettkohlen) unter dieser Gattung von Brennstoffen durch ihre leichte Ent- zündlichkcit und größte Flammbarkeit charakterisirt. Ihre Ver- wendbarkeit für sich allein wird nur in gewissem Grade dadurch verringert, daß sie infolge ihres starken Aufblähens und Schmel- zens den Rost leicht verstopfen und dadurch den Luftzug hindern; werden sie in kleinen, viel Staub enthaltenden Stücken angewendet, so können wegen ihres Zusammenbackens an der Oberfläche, falls nicht genügend geschürt wird, stoßweise Gasentwicklungen erfolgen, die leicht zu Explosionen führen können. Sie geben eine schnelle, aber nicht anhaltende Hitze. Die Sinterkohle ist zwar schwerer entzündlich, aber leichter zu behandeln, und gibt eine schnelle, zugleich aber auch anhaltende Hitze und ist deshalb die für den häuslichen Gebrauch verwend- barste. Die Sandkohle besitzt den mindesten Brennwerth. Den Wärmeeffekt von Steinkohlen mittlerer Zusammensetzung und bei Annahme von gleichmäßig 5 pCt. Wassergehalt und 5 PCt. Asche zeigt folgende Tabelle: absoluter oder in Wärmeeinheiten phrometrischer Anthrazit 0,96 6050-7470 2350° Backkohle 0,93 5280—7200 2300 Sinterkohle 0,89 4400—6160 2250 Sandkohle 0,79 5000—7100 2200. Man nimmt in der Praxis an, daß das Heizvermögen einer guten Steinkohle der der Holzkohle nahekomme und das des trockenen Holzes um das Doppelte übertreffe, und daß bei Siede- Prozessen: 100 Raumtheile Steinkohle gleich 400 Raumtheilen Holz, gleich 400 Raumtheilen Torf; 100 Gewichtstheile Stein- kohle gleich 160 Gewichtstheilen Holz, gleich 250 Gewichtstheilen Torf; zu setzen seien. Für technische Zwecke bildet die Verdampfungs- krast der Steinkohlen den allerwichtigsten Gesichtspunkt; es ist diejenige der verbrennlichen Substanz bei den meisten Steinkohlen gleich 8 bis 8,4 Kilo Dampf. Die wirkliche Nutzleistung steigt allerdings auch bei guten technischen Feuerungsanlagen nur bis zu Ziveidrittel der berechneten. Durch Verkokung kann bei den besten Sorten der absolute Wärmeeffekt bis 0,92, der pyrometrische bis 2400 Grad gesteigert werden: er erreicht also den der besten Holzkohlen immer noch nicht ganz. Aus einem Vergleich der an den bezüglichen Orten gemachten Angaben geht hervor, daß im allgemeinen der Wärmeeffekt der verschiedenen Brennstoffe durch Verminderung des lihuen anhaftenden hygroskopischen Wassers, also schon durch Lagern an ge- schützten Orten, durch Lufttrockenwcrden, erhöht werden könne. Das ist bei Steinkohlen unter denselben Umständen nicht der Fall, da sie einmal an hygroskopischem Wasser weniger reich sind und dann auch einen kleinen Antheil, etwa 5 pCt. dauernd festhalten. Es ist aber eine durch vielfache Beobachtungen festgestellte That- fache, wenn auch deren Physikalische und chemische Ursachen noch nicht genügend aufgeklärt sind, daß Steinkohlen durch längeres Lagern an der Luft zwar wenig an Gewicht, desto mehr aber an Heizwerth verlieren, und zwar in einem Jahre bis 6 pCt. Es ist also die schlechteste Empfehlung, welche Kohlenverkäufer, die vielleicht zu Spekulationszwecken massenhafte Vorräthe auf- gehäuft hatten, dem Konsumenten geben, daß ihre Waare„ab- gelagert" sei! Den Konsumenten großer Kohlenquanten zu ge- werblicher Verwendung ist dieser Umstand meist wohlbekannt, und sie verlangen ihren Bedarf„grubenfrisch" garantirt; wogegen hier, wie in so vielen anderen Fällen, die auf den kleinen Ankauf Angewiesenen den Schaden im Minderwcrth der Waare zu tragen haben. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Wudokph von V...... (Fortsetzung.) „Die Ihnen bekannten Frauen da im Wagen— sind wohl Wärterinnen aus dem Jrrenhause?" fragte Fritz. „Im Gegentheil. Wie Pfleglinge aber sehen sie aus— wenigstens die eine, die hinter dem schwarzen Schleier, der doch nicht dicht genug war, um mir die merkwürdig funkelnden Augen, die ich oft genug gesehen habe, zu verbergen. Sie war's ganz gewiß und leichenblaß sah sie aus, und die andere sah sie mit- leidig und zärtlich an; wahrhaftig, ,ch hätte garmcht gedacht, daß das leichtsinnige Weibervolk vom Theater auch Gefühl hätte." „Vom Theater? Wer waren denn die Damen, reden Sie doch so, daß man Sie verstehen kann, Herr Willlsch." „Die Schauspielerin Bergmann-Stein war die Blasse— die Verrückte— denn verrückt muß sie sein, sonst käme sie nicht in den Wagen und zu der Begleitung. Der Mann nämlich, ivelchcr mit drin war, war der Oberwärter, und die, welche neben ihm auf dem Rücksitze saß, jedenfalls die Oberwärterin,— die Hab' ich aber vorher noch nie gesehen." „Die Frau Bergmann- Stein? Ist das möglich? Ich habe sie mehreremal auf der Bühne gesehen, seit ich mit Hülfe unsrer Rezensentenbillete ein ziemlich eifriger Theaterbesucher geworden bin. Es war eine unsrer besten und beliebtesten Schauspielerinnen. Sollten Sie Sich da nicht irren?" „Nein, ich irre mich gewiß nicht. Wenn ich die andre Schau- spielerin nicht gesehen hätte, würd' ich einen Jrrthuin noch für möglich halten. So aber hatte die keinen Schleier und ich weiß, daß die die intimste Freundin von der Bergmann-Stein ist,— also,'s hilft nichts— verrückt ist sie und zwar sehr verrückt; die ganz ungefährlichen kommen nämlich nicht hierher, und wenn jemand von dem alten Ungethüm von Jrrcnhauskarrete extra abgeholt wird, so muß er zu den allerschlimmsten gehören." Sie waren in der Nähe eines Wirthshauses angelangt, das mitten auf der Landstraße, von allen menschlichen Wohnungen sonst weit entfernt, lag. Alle Bewohner desselben und die wenigen Gäste, welche es um diese Zeit aufzuweisen hatte, standen vor der Thür auf der Straße und schauten, lebhaft sprechend und gestikulirend, die Chaussee entlang. „Gott, ach Gott, die arme Frau," jammerte eine dicke Magd, über deren feistes Gesicht helle Thränen rannen.„So jung und so schön noch und doch in die Hölle da oben. Ach, du mein lieber Heiland, das ist doch gar zu schrecklich." „Aha," sagte Willisch,„hier werden sie einen Augenblick ge- halten haben. Es ist das einzige, so abgelegene Wirthshaus in der ganzen Gegend. Nun, ihr Leute," rief er, sein Pferd anhal- tend, zum Wagen hinaus,„was gibt's denn so Erschreckliches?" Die drei oder vier Gäste— Bauern aus den umliegenden Dörfern— wandten sich ab, ohne zu antworten und zu grüßen. Das Wirthshauspersonal aber, der Wirth, welcher seine Magd an Fettleibigkeit noch bei weitem übertraf, voran, zeigte sich um so entgegenkommender zu dem Herrn Rittergutsbesitzer Willisch, denn er war einer ihrer allerbesten Kunden, ein weißer Rabe unter den Rittergutsbesitzern des Gebirges, indem er allein sich soweit„herabließ", in solchen Wirthshäusern zu verkehren, und indem er sich damit nicht einmal genügen ließ, sondern in Ver- tilgung von Getränken auch den wohlhabendsten Bauern und den übermüthigsten Fuhrleuten noch bei weitem„über" war, ja sogar fast regelmäßig sich bereit finden ließ, seine große Menschen- freundlichkeit mit klingenden Trinkgeldern und reichlichen Schnaps-, Bier- und Cigarrenspenden zu beweisen. Die dralle Magd schien am beredtesten zu sein, denn sie hatte bereits eine längere Rede begonnen, während die anderen auskunftseilig den großen Mund möglichst weit aufsperrten, und noch ehe aus dem Munde des Wirthes, des Hausknechts und des Kegeljungen auch nur ein verständliches Wort entflohen war. „Ja, erschrecklich ist es wirklich, das können Sie glauben, gnädiger Herr von Willisch, fiirchtbar erschrecklich. So eine schöne, vornehme Dame und übergeschnappt, es ist wirklich zum Sterben schrecklich. Sic müssen der alten Kutsche ja begegnet sein, gnädiger Herr von Willisch,— wie ein großer, viereckiger Sarg sieht sie aus und's ist auch so'n Sarg— lebendig kommt da doch keiner 'raus, aus dem Berrücktenhause wenigstens gewiß, wo sie in dem Kasten hingeschafft werden." „Wenn sie weiter nichts weiß von den Leuten in der Kutsche, Anne, da kann Sie die Puste zum Suppeblasen sparen," brummte Willisch.„Soviel wissen wir auch." „Na, daß die schöne, arme Dame aber hier so geschrieen und geweint hat und durchaus nicht mitgewollt hat, das wissen Sie doch nicht, gnädiger Herr von Willisch," erwiderte die Magd trium- phirend.„O, ich Hütt' am liebsten dem verdammten Kerle, der die armen Menschen immer in das Verrücktenhaus schleppt, eins ausgewischt, wie er sich immer vor sie hinstellte und sie nicht eine Minute aus den Augen ließ...." „So, geschrieen hat sie— sie wollte also nicht mit?" unter- brach Willisch die in ihrer thränen- und wortreichen Theilnahme Unerschöpfliche. „Ach, mitgewollt wird sie schon haben," mischte sich nun der Wirth ins Gespräch.„Halt dein Maul, dumme Anne; nur e bissel Angst hat sie augenscheinlich gekriegt, wie sie von hier aus die Thünne vom Kloster sah. Aber die andere und der Herr aus dem Jrrenhause haben ihr ja gesagt, daß sie's sehr gut haben wird, so schön, wie in'nein vornehmen Bade, und daß sie bald wieder rauskommt, wenn sie nur e bissel ihr gestörtes Gemüth beruhigt haben wird." »Ja, ja," schrie die Magd, immer noch in allergrößter Auf- regung.„So sagen sie allemal, wenn sie einen zwischen den dicken Mauern da lebendig begraben. Aber mir ist's mein Ge- denken nicht vorgekommen,� und Euch auch nicht, Wirth, und keinem Menschen hier, daß da jemand wieder rausgekommen wäre. Nee, nee, die unglückliche, schöne Dame hat's auch nicht geglaubt; immerfort hat sie gesagt, der Schwede würd' sie doch im Leben nicht wieder in die Freiheit lassen,— er Hütt' ihren Untergang beschlossen und sie wär' nun einmal rettungslos in seine Hand gegeben. Ach, ich möchte nur um alles in der Welt wissen, was das für ein Schwede sein mag,— wenn ich den kennte, na, der könnte sich gratuliren." „Red' nicht solchen gottverlassenen Unsinn, Anne," schalt der Wirth.„Geredt hast du nu überhaupt viel zu viel schon. Marsch fort, in den Stall, da hast alleweile mehr zu thun." Die Magd kümmerte sich garnicht um ihres Herrn Geheiß. Auch die anderen hörten nicht auf ihn. Willisch war durch die letzten Worte der Anne zu neuer Frage angeregt worden: „Was sagte Sie da eben, Anne?" fragte er.„Ein Schwede wird die verrückten Damen nicht wieder in die Freiheit lassen?— wje kommt Sie auf den Schweden?" „Nu, so hat sie eben immer gesagt—— sie hat immer gesagt..." Wieder mischte sich der Wirth ein. „Reden Sie doch nicht mit der dummen Gans, Herr Willisch. Ich weiß ja alles viel besser, als die; ich Hab' ja auch mit dem Kuffcher über die Geschichte gesprochen." „Nun," fragte Willisch, der sehr aufmerksam geworden zu sein schien.„Was ist also mit dem Schweden los?" „Na, es war natürlich von einem richtigen Schweden, nämlich von einem, der aus Schweden her wäre, gar keine Rede. En Name war's, den die Frau en paarmal gerufen hat, der so klang, wie Schwede oder Schweder oder so etwas. Der wär' schuld dran, hat sie gesagt, daß sie ins Irrenhaus müßte—" „Ja, und verrückt wär' sie garnicht, hat sie auch gesagt," unterbrach die Magd wieder ihren Gebieter.„Und das glaub' ich auch, so wahr ich selig werden will, übergeschnappt sah die, Gott steh' mir bei, auch nicht en bissel aus, die war so gescheit, wie ich, darauf will ich en leiblichen Eid schwören." Der Wirth zuckte überlegen die Achseln und schob seine kolossalen Fäuste noch ein paar Zoll tiefer in die geräumigen Hosentaschen. „Ob so'ne Gans en Eid schwört oder der Hahn kräht, das ist alles egal. Das war natürlich grade ihre Verrücktheit; ene fixirte Idee nennt man so was, daß sie immer sagte, der Herr Schwede wollt' sie partout zeitlebens einsperren, daß sie nicht von ihm reden könnt'. Ihr Doktcr wird's wahrscheinlich sein, der Herr Schwede— das meinte auch der Kutscher, und so'n Doktor steckt die Leute nicht zum Spaße in so'n Haus, der weiß schon, was er thut." „Hat sie noch was gesagt, die Dame, als daß ein Herr Schweder sie hierher geschickt hätte?" forschte Willisch. Jetzt ergriff auch Fritz Lauter das Wort, der bis jetzt den schweigsamen Zuhörer gemacht hatte, obgleich auch er mit leb- haftem Interesse der breitspurigen Unterhaltung gefolgt war. „Schweder?" sagte er.„Halten Sie etwa fiir möglich, daß unsere mysteriöse Begegnung mit meinem Chef irgend etwas zu schaffen habe, Herr Willisch?" „Wer weiß," gab Willisch mit nachdenklichen Mienen zurück. „Schweders gibt's nicht viel in der Gegend. Und daß die Frau nicht mehr als einen gekannt hat, den einen aber sehr genau, ganz verdammt genau, sag' ich Ihnen, darauf kann ich mit gutem Gewissen wetten. Und nun antworten Sie'mal, Bartel- meyer," wandte er sich wieder an den Wirth,„hat die Frau sonst wirklich nichts weiter verlauten lassen von dem Herrn Schwedcr?" „Nee," sagte der Wirth;„sonst hat sie weiter nichts gesagt, wenigstens garnichts vernünftiges, das können Sie glauben." „Und ob sie noch vernünftiges gesagt hat," niußte die Magd noch einmal dazwischenfahren.„Freilich, so geschrien hat sie nicht immerfort, daß es alle Leute, die doch blos einen Stein zwischen den Rippen statt einem Herzen haben, hören mußten. Aber wissen Sie, Herr von Willisch, und Sie, junger Herr," damit wandte sie sich an Fritz,„Sie sehen wahrhaftig so aus, als ob Sie ein gutes Herz hätten,— wie ich ihr en Glas Wasser brachte— weiter wollte sie partout nichts nehmen, da hat sie in eincmweg gesprochen zu der andern schönen Dame, die aber lange nicht s o schön war, als die, und was sie da gesagt hat von dem Schweden und alles andre auch Hab' ich mir ganz genau behalten." Der Wirth wollte ihr den Mund verbieten. „Nein, nein," sagte Willisch.„Lassen Sie sie reden. Aber kurz muß Sie sein, Anne, und vernünftig muß Sie reden. Also los!"(Fortsetzung folgt.) 405 ZUM neunten Mai. Ein Gedenkblatt von Arnno Heiser. (Schluß.) Wenn sich in Schillers Worten und Werken nur vereinzelte Andeutungen fänden, denen man prophetische Bedeutung beilegen dürfte, so hätten die Zweifler leichtes Spiel,— denn in welchem größeren Schriftwerke, vor allen aber in welchen großen poetischen und ganz insbesondere dramatischen Schöpfungen ließen sich nicht Stellen aufweisen, die wohl oder übel mit zukünftigen Ereignissen in Jdeenzusammenhang zu bringen wären? Bei Schiller aber sind es nicht seltene Einzelheiten, die also zu gebrauchen oder zu mißbrauchen wären, es wiederholen sich die Gedankenblitze seines prophetischen Genius so oft, ja alles beinahe, was er geschaffen hat, weist so entschieden und in so erstaunlich treffender Weise auf die Geschichtsgestaltimgen der Zukunft hin, daß auch der hartnäckigste Anhänger der ideenwüsten Lehre vom Weltregimente des blinden Zufalls die zweischneidige Waffe des Zweifels strecken muß. Und für den, der in den Geschicken der Individuen sowohl als der Völker nothwendige, aus natürlichen Ursachen organisch hervorwachsende Gestaltungen sieht, ist es, wenn auch überraschend, so doch nicht wunderbar oder gar unmöglich, daß es geistbegnadete Menschen gibt, die mit hoher Sicherheit aus dem Bergangenen auf das Künftige schließen, während um sie her alles in Dunkel- heit tappt, alles sich an den prophetischen Gedanken verständniß- los herumstößt und an den unvorhergesehenen Ereignissen die Schädel einrennt. Schiller war ein Dichter von weltüberragender Begabung; er war zugleich ein Denker, der in die Tiefen der Geschichts- forschung hinabstieg, soweit es seiner Zeit überhaupt möglich war, gleichwie er die gewaltige Welt- und Lebensanschauung der kanti- scheu Philosophie in aller Schärfe und in ihrem ganzen Umfange in sich aufnahm. Aus der Geschichte holte er sich fortan ausschließlich seine dramatischen Stoffe. 1791 schrieb er: „Unter allen historischen Stoffen, wo sich poetisches Interesse mit rationellem und politischem noch am nieisten galtet, steht Gustav Adolph obenan.— Die Geschichte der Menschheit gehört als unent- behrliche Episode in die Geschichte der Reformation, und diese ist mit dem dreißigjährigen Kriege unzertrennlich verbunden. Es kommt also blos aus den ordnenden Geist des Dichters an, in einem Heldengedicht, das von der Schlacht bei Leipzig bis zur Schlacht bei Lützen geht, die ganze Geschichte der Menschheit ungezwungen, und zwar mit weit mehr Interesse zu behandeln, als wenn dies der Hauptstoff gewesen wäre." Aber er wählte doch nicht zum Gegenstände poetischer Be- Handlung Gustav Adolph, sondern dessen größten Gegner unter den Heerführern des deutschen Kaisers, Albrecht von Waldstein, den eisernen Herzog von Friedland. Einer der Hauptgründe zu dieser Wahl bildete unzweifelhaft wieder die Rücksicht auf seine eigene, auf Schillers Zeit. Was er im Anfang des letzten Dezenniums vom vorigen Jahrhundert vorausgesehen und-gesagt, begann sich zu vollziehen. Der„geistolle, kräftige Mann" war im Begriff, sich zum„Herrn von Frankreich" zu machen. Napoleon Bonaparte hatte im Auf- trage des ftanzösischen Direktoriums und im Verein mit Barras 1795 den royalistischen Aufstand nicderkartätscht, darauf 1797 Oesterreich in Italien zu Boden geworfen, zwei italische Repu- büken gegründet, war in der zweiten Hälfte des Jahres 98 und in der ersten von 99 als Sieger durch Aegypten gezogen und eilte zur selben Zeit, als Schiller den Prolog schrieb zu seinem „Wallenstein", nach Frankreich zurück, um aus dem wogenden Meere der von Schiller lange vorher prophezeiten französischen Anarchie für sich das Konsulat und die Kaiserkrone an den Dag zu heben. Daß Bonaparte nach der Herrschaft über Frankreich streben werde, konnten jetzt auch mittelmäßige Köpfe voraussetzen, daß er sie aber erringen, daß er Europa zu unterjochen streben werde, daß so ungeheure Umwälzungen bevorständen, wie sie in den ersten 15 Jahren des 19. Jahrhunderts wirklich hereinbrechen sollten dies schon bei des glänzenden Meteors blutigem Auf- glühen am politischen Horizonte nicht nur zu ahnen, sondern klar und verständlich auszusprechen, war. wieder nur Schiller vor- behalten. Sein„Wallenstein" war gan� und gar für die Geschichts- epoche gemacht, in die sein Erscheinen fiel. Schiller selbst setzte ihm im Prologe die Aufgabe, das deutsche —— aus des Bürgerlebens engem Kreis Ans einen höhern Schauplatz zu versetzen, Nicht unwerth des erhabenen Moments Der Zeit, in dem wir strebend uns bewegen. Denn nur der große Gegenstand vermag Den tiefen Grund der Menschheit aufzuregen; Im engen Kreis verengert sich der Sinn, Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken. Und jetzt an des Jahrhunderts ernstem Ende Wo selbst die Wirklichkeit zur Dichtung wird, Wo wir den Kamps gewaltiger Naturen Um ein bedeutend Ziel vor Augen sehn Und um der Menschheit große Gegenstände, Um Herrschaft und um Freiheit, wird gerungen, Jetzt darf die Kunst aus ihrer Schattenbühne Auch höhern Flug versuchen, ja sie muß, Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen. Und dann zeichnet er in dem Bilde, welches er von den schreckenreichen Zuständen während des dreißigjährigen Krieges ent- wirft, das Unheil, welches das mörderische Genie Bonapartes über das in sozialer und politischer Auflösung befindliche Deutschland und den größten Theil von Europa heraufführen sollte, und im Wallenstein den Soldatenkaiser selber, dessen Stern erst in Ruß- lands Schneegefilden unterzugehen bestimmt war. In jenes Krieges Mitte stellt euch jetzt Der Dichter. Sechzehn Jahre der Verwüstung, Des Raubs, des Elends sind dahingeflohn, In trüben Massen gährei noch die Welt, Und keine Friedenshoffnung strahlt von fern. Ein Tummelplatz von Waffen ist das Reich, Verödet sind die Städte,—-- --— Gewerb und Kunstfleiß liegen nieder, Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles, Straflose Frechheit spricht den Sitten Hohn, Und rohe Horden lagern sich, verwildert Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden. Auf diesem finstern Zeitgrund malet sich Ein Unternehmen kühnen Uebermuths Und ein verwegener Charakter ab. Ihr kennet ihn— den Schöpser kühner Heere, Des Lagers Abgott und der Länder Geißel, Des Glückes abenteuerlichen Sohn, Der, von der Zeiten Gunst emporgetragen, Der Ehre höchste Staffeln rasch erstieg Und, ungesättigt immer weiter strebend, Der unbezähmten Ehrsucht Opfer fiel. Zwei Jahre später, in den Anfangsworten der„Jungfrau von Orleans", weist er wieder auf das hin, was da kommen muß. Der Bater der Jungfrau warnt seine Mitbürger vor dem englischen Eroberer: Ja, liebe Nachbarn! Heute sind wir noch Franzosen, freie Bürger noch und Herren Des allen Bodens, den die Väter pflügten, Wer weiß, wer morgen über uns befiehlt! Denn aller Orten läßt der Engelländer Sein sieghast Banner fliegen, seine Rosse Zerstampfen Frankreichs blühende Gefilde. Paris hat ihn als Sieger schon empfangen, Und mit der alten Krone Dagoberts Schmückt es den Sprößling eines fremden Stamms. Im Jahre 1894, zwei Jahre vor der Unterjochung Deutsch- lands durch den kaisergekrönten Todtengräber der ftanzösischen Revolution, erschien Schillers letztes großes Drama,„Tell". Es bildet den Abschluß jener Kriegstragödien, die in„Wallen- stein" und der„Jungfrau von Orleans" auf die Bühne getreten waren. Es verherrlicht die That der Befreiung des Volkes von fremdem Joche durch seine eigene Kraft in hinreißendem Schwünge und Feuer. Unberechenbar viel hat es zur Erhebung Nr. 34. 1880. Deutschlands in den Befreiungsjahren von 1813 und 1ö bei- getragen. Alles Volk jubelte dem„Tell" entgegen, und hat sich an der Mannhaftigkeit und dem unüberwindlichen Widerstands- muthe, der in ihm lebt und webt, gestärkt und zur Nacheiferung begeistert. Beinahe unbegreiflich ist, wie dem Scharfblicke des Korsen die befreiende Gewalt des schiller'schen Dramas so unverständlich bleiben konnte, daß er es nicht nur unversolgt ließ, sondern sich auch noch wundern konnte, wie dem„Tell" die Deutschen so zuzujubeln vermochten, da er doch die Losreißung eines Theils von Deutschland feiere. Mit Stauffacher in der Rütliversammlung fragte sich das deutsche Volk: --- Sollen wir Des neuen Joches Schändlichkeit erdulden, Erleiden von dem fremden Knecht, was uns In seiner Macht kein Kaiser durfte bieten? — Wir haben diesen Boden uns erschaffen Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald, Der sonst der Bären wilde Wohnung war, Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt; Unser ist durch tausendjährigen Besitz Der Boden— und der fremde Herrenknecht Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden, Und Schmach anthun auf unsrer eignen Erde? Ist keine Hülfe gegen solchen Drang? Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last— greift er Hinaus getrosten Muthes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst— Der alte Urständ der Natur kehrt wieder, Wo Vicnsch dem Menschen gegenüber steht— Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben— Der Güter höchstes dürfen wir vertheid'gen Gegen Gewalt— Wir stehn für unser Land, Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder! Alle(an ihre Schwerter schlagend). Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder! Und mit dem sterbenden Attinghausen, als ihm gemeldet wird, daß der Landmann, das niedere Volk allein, einen Bund gestiftet zur Befreiung von Tyrannenmacht, spricht der längst schon den Todeskeim in der Brust tragende Schiller zu seinem Volke: Die Republiken Südamerika'S in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. Mar Vogler. (Fortsetzung.) Die Hauptstadt Lima(ca. 100 000 Einwohner) liegt in schöner, wohl angebauter Umgebung und hat im Gegensatz zu vielen mit ihr in gleichen Breitengraden liegenden Orten, wo eine fast unerträgliche Hitze herrscht, ein gemäßigtes, angenehmes Klima. Die Häuser sind, der häufigen Wiederkehr von Erdbeben wegen meist einstöckig, aber ebenso bequem wie elegant eingerichtet und fast alle mit einem Garten um- geben. Eine Eigenthümlichkeit der sämmtlich von Wasser durchflossenen und nachts durch Gas erleuchteten Straßen ist, daß sie alle rechtwinklig sind. Durch eine Eisenbahn wird Lima mit Callao, dem wichtigsten Kriegshafen des Landes, verbunden. Die Bai von Callao, welche die Spanier bekanntlich am 2. Mai 1866 zu bombardiren versuchten, aber dabei keinen Erfolg hatten, ist von allen Seiten geschützt und gewährt selbst den größten Massen von Handels- und Kriegsschiffen einen aus- reichenden, trefflichen Ankerplatz. Der Reisende, der dort landet, wird besonders durch die Berge von Waaren auf dem Quai überrascht, welche man nur in höchst seltenen Fällen bedeckt, weil es an diesem Orte fast nie regnet. Für den Bau von Eisenbahnen und die Schifffahrt, sowie für die Anlage von Telegraphcnlinien wird in neuerer Zeit sehr viel gethan; Peru geht in dieser Beziehung allen übrigen Staaten Süd- amerikas mit rühmenswerthem Eifer voran. Das Land hat schon seit 1851 Eisenbahnen, deren Bau oft mit den außerordentlichsten Terrain- schwierigkeiten zu kämpfen hatte. An verschiedenen Hafenplätzen gehen die Schienenwege von den Erz- und Salpetergruben bis in die Städte. Hingegen befindet sich der Volks- und Elementarunterricht noch aus einer sehr untergeordneten Stufe. In Lima gab es 1873 erst eine Normalschule zur Bildung von Volksschullehrern, die indessen nur geringe Erfolge erzielte. Eine Art Gymnasium, das Kollegium von Guadeloupe, ist gleichfalls Staatsanstalt, wie die Universität San- Hat sich der Landmann solcher That verWogen, Aus eignem Mittel, ohne Hüls' der Edeln, Hat er der eignen Kraft so viel vertraut— Ja, dann bedarf es unsrer nicht mehr: Getröstet können wir zu Grabe steigen, Es lebt nach uns— durch andre Kräfte will Das Herrliche der Menschheit sich erhalten. (Er legt seine Hand auf das Haupt von Teils Knaben, von dem der Vater auf des Landvogts Befehl den Apfel geschossen.) Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag, Wird euch die neue, bessre Freiheit grünen; Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen. Die Fürsten seh' ich und die edeln Herrn In Harnischen herangezogen kommen, Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen. Auf Tod und Leben wird gekämpft, und herrlich Wird mancher Paß durch blutige Entscheidung. Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust, Ein freies Opfer, in die Schaar der Lanzen! Er bricht sie, und des Adels Blüthe fällt, Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne. Drum haltet fest zusammen— fest und ewig— Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd— Hochwachten stellet aus auf euren Bergen, Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle— Seid einig— einig— einig— Jeder, der Schiller kennt, so kennt, wie er in seinen Werken lebt und leben wird, solange es edel fühlende und groß denkende Menschen gibt, wird jenen tief empfundenen, herrlichen Worten freudig zustimmen, die Goethe dem todten Freunde geweiht: Es glühte seine Wange roth und röther c Von jener Jugend, die uns nie verfliegt, Von jenem Muth, der früher oder später Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt, Von jenem Glauben, der sich, stets erhöhter, Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt, Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag des Edeln endlich komme. Und manche Geister, die mit ihm gerungen, Sein groß Verdienst unwillig anerkannt, Sie fühlen sich von seiner Kraft durchdrungen, In seinem Kreise willig fest gebannt. Zum Höchsten hat er sich emporgeschwungen, Mit allem, was wir schätzen, eng verwandt. So feiert ihn! Denn, was dem Mann das Leben Nur halb ertheilt, soll ganz die Nachwelt geben. Marcos, die 25 nominelle Professoren besitzt,— nominelle, denn sie halten keine Vorlesungen, sondern bilden eigentlich nur ein Kollegium zu dem Zwecke, den Beflissenen der Theologie, Jurisprudenz und Medizin ihre Würden zu ertheilen. Es existirt ein medizinisches Kollegium von San-Fernando und ein theologisches von Sto.-Toribio. Nicht mehr Bedeutung, als diese Anstalten hat die Militär- und Marineschule zu Lima. Die andern Schulen sind sämmtlich Privatinstitute, deren Leitung ganz der Spekulation anheimgegeben ist. Unter allen Republiken des südlichen und mittleren Amerika erlangte allein Peru von den Spaniern nicht die Anerkennung seiner Unabhängigkeit, was die Bewohner des Freistaats nie zur Beruhigung kommen ließ. Seitdem die Spanier nach der oben erwähnten Niederlage bei Ayacucho ihre letzte Position, Callao, aufgegeben und das Land geräumt hatten, war Per» zwanzig Jahre lang der Schauplatz der blutigsten Bürgerkriege und Um- ivälzungen, welche die Entwicklung des Landes aushielten, den Wohl- stand untergruben und im Grunde nicht ein einziges segensreiches Re- sultat herbeiführten. Die ehrgeizigen und selbstsüchtigen Parteihäupter, die um die Herrschaft stritten, handelten, ohne höheren Zielen nach- zustreben, nur aus persönlichen, eigennützigen Motiven. Erst in der Mitte der vierziger'Jahre gelang es dem Präsidenten Ramon Castilla ein mehr geordnetes Regiment einzuführen. Als seine Amtszeit vor- über war, erlangte, seit dem Bestehen der Republik zum erstenmal, der gesetzlich gewählte Nachfolger auch wirklich die Staatsgewalt. Doch schon unter diesem Nachfolger, Don Jose Rufino Echeniquc(1851), entstanden nicht blas kriegerische Verwicklungen nach außen, sondern auch ein neuer Ausstand im Innern, welcher zur Folge hatte, daß Ramon Castilla aufs neue aus den Präsidentenstuhl gelangte l1855) und ein revidirtes Staatsgrundgesetz einführte. Eine bald nachher eutstehende Militärrevolte stellte die Präsidentschaft Castilla's wieder in Frage, vermochte jedoch nicht, diesen zu stürzen. Nichtsdestoweniger erlag Castilla bei der im nächsten Jahre(1861) unter den heftigsten Parteistürmen stattfindenden Präsidentenwahl; indeß gelang es seinen Anhängern, befreundete Männer aus seiner Verwandtschaft ans Ruder zu bringen und ihm in dieser Weise auch für die Zukunft einen be- deutenden Einfluß auf die Staatsgeschäftc zu sichern. Und in der That schien in dieser Zeit das energische Austreten eines klugen, thatkräftigen Mannes nöthig. Die dominikanische Republik hatte sich freiwillig wieder unter die spanische Herrschaft gestellt, General Moreno von Ecuador stand im Verdacht, seine Republik unter das Protektorat Frankreichs bringen zu wollen; am 31. Oktober des Jahres 1861 war von drei europäischen Staaten, England, Spanien und Frankreich, zu London eine Konvention behufs gemeinsamer Intervention in Mexiko unter- zeichnet worden, und schon am 8. Dezember des genannten Jahres traf ein spanisches Geschwader vor der mexikanischen Stadt Veracruz ein und forderte dieselbe nicht blos zur Uebergabe auf, sondern gelangte auch in ihren Besitz,— es schien, daß man sich in Europa die Ver- wirrung der ehemals spanischen Kolonien zunutze machen und die alte Herrschaft wieder ausrichten wollte. Solchen Bestrebungen wendete Castilla seine ganze Aufmerksamkeit und Gegenthätigkeit zu. Von ihm wurde in Lima eine„Gesellschaft der Vertheidiger der Unabhängigkeit" gegründet, und alle seine Bemühungen liefen daraus hinaus, sämmtliche amerikanische Republiken zu einem Bunde mit dem Zweck zu vereinigen, die Doktrin Monroe's(f. oben):„Amerika für die Amerikaner"(in diesem Wahlspruch hatte das sich mehr und mehr steigernde Selbst- gesühl der Bevölkerung der Meinung jenes fünften Präsidenten der nordamerikanischen Union, daß Amerika keinerlei Einmischung Europas in seine Angelegenheiten mehr dulden dürfe, Ausdruck verliehen) in ihrer vollen Tragweite auch für Südamerika zur Geltung zu bringen. Bald entstand ein offener, direkter Konflikt zwischen Peru und Spanien, der seine Ursache darin hatte, daß eine aus baskischen Auswanderern bestehende Kolonie in Talambo gewaltsam angegriffen und mißhandelt worden war, ohne daß die peruanische Regierung gegen die Schuldigen eingeschritten wäre. Es erschien deshalb im März 1864 als„außer- ordentlicher Spezialkommissar der Königin" Salazar y Mazerrado in Lima und forderte Genugthuung. Die peruanische Regierung arg- wohnte aber unter diesem veralteten Titel eine Erneuerung erloschener Ansprüche und weigerte sich, den Gesandten in dieser Eigenschaft an- zuerkennen, wollte ihn vielmehr nur als„konfidentiellen Agenten" (Vertrauensperson) empfangen. Die Folge davon war, daß der spa- Nische Bevollmächtigte den Admiral des rnzwischen in den chilenischen Gewässern kreuzenden spanischen Geschwaders, Pinzon, veranlaßte, die guanoreichcn peruanischen Chincha- Inseln als Unterpfand für die Entschädigungssorderungen in Besitz zu nehmen. Selbstverständlich bemächtigte sich der Peruaner größter Schrecken, und trotz der Wider- rede der sich für einen Seekrieg mit den Spaniern nicht tüchtig genug fühlenden Regierung wurde auf dem Kongreß, nachdem die Minister wegen Mißbrauchs ihrer Gewalt den Gerichten überwiesen worden waren, der Beschluß gefaßt,„daß alle Mittel angewandt werden sollten, um die Chinchainseln den Spaniern zu entreißen, und daß, so lange sie daselbst stehen würden, in keine Unterhandlung mit ihnen eingegangen werden dürfe." Die Seele dieser Opposition war Ramon Castilla. Der Prä- sident, Pezet, hielt sich jedoch reservirt und gewährte den Spaniern, nachdem ein Ausgleichungsversuch, den er unternommen hatte, ohne Erfolg gewesen, volle Entschädigung(1865). Den Gesandten hatte er als„Spezialkommissarius" empfangen. Obgleich aber Castilla, der einen Volksausstand erregt hatte, überwunden und verbannt wurde, ließ sich doch die Ruhe im Lande nicht herstellen. Die Erbitterung gegeu den Präsidenten Prezct war eine außerordentliche, und er wurde schließlich durch die imnier mehr um sich greisende Insurrektion, der sich auch die in der Nähe der Hauptstadt gelagerten Truppen anschlössen, im Oktober als„Landesvcrräther" zur Flucht auf ein englisches Schiff genöthigt. Auch der Widerstand seiner Anhänger wurde gebrochen und in einer Volksversammlung der Leiter des Aufstandes, Oberst Prado, zum Dik- tator ernannt. Darauf schloß die Republik Peru mit Chile ein Schutz- und Trutzbündniß und erklärte Spanien den Krieg. Auch die Republiken Ecuador und Bolivia traten bald dem Bunde bei, wodurch der Krieg größere Dimensioneu annahm. Admiral Nunez griff mit der spanischen Flotille das chilenisch-peruanische Geschwader in der Ancudbai an und fügte dann(März 1866) der wehrlosen Handelsstadt Valparaiso durch ein mehrtägiges Bombardement großen Schaden bei, hatte aber, wie oben bemerkt, mit der Beschießung der Hasenstadt Callao am 2. Mai keinen Erfolg. Selbst verwundet, trat er mit seinen stark beschädigten Schiffen den Rückzug an, und damit hatte die Blockade der peruanisch- chilenischen Küste thatsächlich ihr Ende gefunden.(Fortsetzung folgt.) Ueber den Einfluß von Fabrik- und Straßengeräuschen auf Menschen und Gebäude.(Schluß.) Jeder, der mit den Ge- setzen der Physik einigermaßen vertraut ist, muß zugeben, daß Erschüt- terunqcn durch ihre naturgemäße Steigerung in den oberen Stockwerken auch das Gebäude beschädigen müssen, indem sie den Mörtel locker», gegen die im Gebäude befindliche Spannung ankämpfen und demgemäß Die beständigeu"'Einwirkungcn auf die Sinnesorgane, welche durch Geräusche" und„Erschütterungen" in großen Städten ausgeübt wer- den sind jetzt in höherem Grade in England gewürdigt worden als in Deutschland. Englische Aerzte haben- und gewiß mit vollem Rechte! — in diesen Einwirkungen den Hauptgrund der größeren„Nervosttat" des Städters gegenüber dem Landbewohner erkennen zu müssen ge- glaubt; es unterliegt für jeden Denkenden keinem Zweifel, daß die Ar- beit des Dampfhammers ganz in der gleichen Richtung die Gesundheit benachtheiligt; nur noch in viel höherem Grade, als Straßengeräusche: weil das dabei erzeugte Geräusch stärker als diese ist,— weil es zeit- weilig durch Ruhepausen unterbrochen wird,— iveil es aus einzelnen Schlägen besteht, die sich sehr schnell, nämlich 150 und mehr mal in der Minute aus einander folgen,— weil es endlich von heftigen Er- schütterungen begleitet ist, denen man sich nicht zu entziehen vermag. Man vergegenwärtige sich nun den Einfluß eines Dampfhammers aus Kranke. Der Kranke besitzt weniger Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einwirkungen als der Gesunde. Alle Aerzte und die Aerzte aller Zeiten stimmen darin überein, daß möglichste Ruhe den Verlauf jeder Krankheit begünstigt, die Genesung befördert,— während Unruhe, Störungen irgend einer Art den entgegengesetzten Einfluß haben, also die Krankheit verlängern, die Genesung verzögern oder in Frage stellen. Es ist daher in der Krankenpflege an allen Orten und zu allen Zeiten vorgeschrieben worden, daß man in der Nähe des Kranken nicht laut sprechen dürfe, daß in der Krankenstube keine starken Gerüche vorkam- men sollen, das man lautes Auftreten, Zuwerfen der Thüren, Häm- mern u. s. w. in der Wohnung des Kranken zu vermeiden habe;— vor dem Hause bedeckt man oft mit Stroh das Straßenpflaster,— ja, selbst die Klingel pflegt bei jeder ernsteren Krankheit unterbunden zu werden, damit nicht ihr Schall den Kranken erschrecke und beun- ruhige. Was nutzen aber derartige Vorsichtsmaßregeln in einer Woh- nung, welche dem tosenden Hämmern und den beständigen Erschütte- rungen eines im Gange befindlichen Dampfhammers ausgesetzt ist? Vergeblich sucht der Kranke nach schlafloser Nachtruhe. Im Augenblick, wo er einschlafen will, schreckt ihn das ausdringliche Geräusch des Dampf- Hammers. Kranke, welche an sogenannten nervösen Krankheiten dar- niederliegen, sind dieser Schädlichkeit in höherem Grade ausgesetzt. Wie werden die Fieberphantasien eines Typhuskranken durch den Dampf- Hammer angeregt werden! Kinder, welche schreckhafter sind, als Er- wachsene, und deren Nervensystem einer sorgfältigeren Behütung bedarf, unterliegen diesen Nachtheilcu am meisten;— Wöchnerinnen werden von demselben gepeinigt, und um den ihnen so nothwendigen Schlaf gebracht. Die Ausführungen Prof. Reclams gipfeln in dem Schlußsatze: Diese Geräusche und Erschütterungen sind so stark, daß sie nicht nur Nachbargebäude beschädigen, sondern auch Nachtheile für die Ge- sundheit der Bewohner, neben der Belästigung herbeizuführen geeig- net sind und dadurch den Miethwerth der Gebäude herabsetzen. Aus Grund dieses Reclam'schen Gutachtens wurde die Konzession zum Weiterbetriebe des Dampfhammers seitens der Behörde verweigert, und der Fabrikbesitzer sah sich genöthigt, sein ganzes Etablissement auf das Terrain eines benachbarten Dorfes zu verlegen. Die Bedeutung dieser Kundgebung des rühmlichst bekannten Gelehrten reicht über deii Spektakel, welchen' die Bewegung bot, weit hinaus. Reclam selbst wünscht eine Reform der Baugesetzgcbung, welche auf die Bestimmung hinauszulaufen hätte, daß ein Dampfhammer durch mindestens 12—15 Meter Gartenland von jedem bewohnten Grundstücke getrennt bleiben müsse. Aber das genügt nicht im entferntesten, auch abgesehen von dem Umstände, daß die 12—15 Meter weite Entfernung das starke Geräusch, welches ein Dampfhammer verursacht, nicht verhindern wird, den Nachbarn auf das höchste lästig zu fallen. Neben dem Dampf- Hammerspektakel schreien noch hundert andere Geräusche aus den Fa- briken ohrzerreißcnd und nervenzerrüttend gen Himmel, und wenn ge- wisse Fabrikanlagen die Ohren und Nerven mit peinigenden Geräuschen verschonen, so malträtiren sie desto eifriger Nasen und Lungen mit üblen Gerüchen, gesundheitsschädlichen Gasausströmungen und lungen- fressendem Staube. Mit letzteren Attaken aus Gesundheit und Leben hatte nun freilich Prof. Reclam in vorliegendem Falle nichts zu schaf- fcn; aus die abscheulichen Straßengeräusche, welche die bestgelauntcn Menschen zeitweilig zum Griesgram, arbeitsame, denkfleißige Leute stunden- und tagelang arbeitsunlustig und denkschwcrfällig machen, auf diese ist er selber eingegangen. Sie hatten ihm den Wunsch in die Feder diktirt, die städtischen Behörden Leipzigs möchten allgemach für besseres Pflaster sorgen. Dieser Wunsch ist sehr bescheiden. Schreiber dieser Zeilen ist es weniger: er verlangt, daß mit dem System der landesüblichen Steinpflasterung überhaupt gebrochen und— auch all- mählich, weil es nicht anders geht— ein weniger spektakelsrohes Pflaster, Asphaltirung und Macadamisirung, wie in Paris und anderwärts, be- vorzugt werde. Die Nervosität unserer städtischen Bevölkerung ist heutzutage schon ein entschieden krankhafte, sie hat schon manches Familien- glück zerstört, manche schleckte Kindererziehuug aus dem Gewissen; sie hilft die Konflikte mit dem Strafgesetzbuch vermehren und die Gefäng- niffc überVölkern; sie raubt dem einzelnen ein gut Theil seiner Arbeits- kraft und seines Frohsinns und belästigt die Gesellschaft, wie ein Knüppel am Beine, bei ihrem Fortschreiten zu Wohlergeheu und Gesittung. Ich meine, wir brauchen nicht erst des eingehenderen über jene in ihren Wirkungen unberechenbare, in ihren Aeußerungen peinlichste Nervosität sprechen, welche in den höheren Regionen der Gesellschaft wie gewitter- schwangere Elektrizität nicht nur wetterleuchtet und donnert, sondern oft genug eingeschlagen und Bölkerbrände gestiftet hat. Gewißlich ist die Ursache solcher Nervenkrankheit nicht blos das Steinpflaster unserer 408 Straßen, wie ihre Ursache auch nicht blos das Edelgcstein und Edel- metall ist, mit ivelchem die Wege in den fraglichen Sphären gepflastert zu sein Pflegen, aber das ordinäre Pflastergepolter ist eine der gewich- tigeren Ursachen davon, und es gibt uns allen Grund, Tag und Nacht auf Abhülfe zu sinnen und energische Maßregeln dazu zu ergreifen. Also mit den Fabriken möglichst ganz fort aus der Nachbarschaft mensch- licher Wohnungen und mit dem ohren- wie schuhsohlen-, nerven- wie wagenräderstrapazirenden Steinpflaster fort aus den Städten. Die Leser werden zu fragen geneigt sein, ob hier nicht auch ein Wort ein- zulegen am Platze wäre für Ohren und Nerven der Fabrikarbeiter, die dem Höllenspektakel ihrer Werkstattumgebung ja viel näher, als die nichtsabrikarbeitende» Nachbarn sind und ihni noch viel weniger zu entrinnen vermögen. Sie haben nicht ganz unrecht, aber für die Sinnesorgane der Fabrikarbeiter dürfte die von Rcklam erwähnte That- fache der Gewöhnung an unausgesetzt hörbare Geräusche in Kraft treten. Bei der Arbeit selbst nehmen die außerhalb wenig oder garnicht wahrnehmbaren schwächeren Geräusche die Gehörwerkzeuge gefangen und stumpfen ihre Empfindlichkeit wohl auch gegen die zeitweilig stärkeren in hohem Grade ab; die Fabrikarbeiter haben nicht nöthig, ihre Ge- danken auf Jdeenkreise zu konzentriren, die mit der Ursprungsstätte des Spektakels und der Fabrik garnichts zu schaffen haben,— das sind Vortheile, welche sie vor den Bewohnern der Nachbargebäude offenbar voraus haben, welche aber noch keineswegs die Nothwendigkeit wissen- schastlicher Untersuchung ausschließen, inwieweit auch des Fabrikarbeiters Nervenshstem und seine Gesundheit im allgemeinen unter dem Fabrik- spektakel leidet und auf welche Weise ihm etwa Abhülfe und Schutz ge- bracht werden könnte. xz. Die Mysterienspiele des Mittelalters und das Oberammcr- Sauer Passtonsspicl.(Bild Seite 400— 401.) Im Sommer des ahres 1830 wird das„Leiden Christi" in Oberammergau(Bayern) gefeiert. Friedliche Landleute haben in ihren Bergen, ungehindert von der allzerstörenden Kultur, das Passionsspiel des Mittelalters bewahrt und vervollkommnet. Es ist der Zweck des vorliegenden Aussatzes, den Gang der Eutwickelung dieser dramatischen Darstellun- gen aus der römischen Welt in die der anderen Kulturvölker, nament- lich der Germanen, zu verfolgen und jene traurige Epoche der Schau- spielkunst zu schildern, in welcher sie sich noch nicht des Vortheils der Befreiung von dem Gewissensdruck der Pfaffen erfreute. Der römische Luxus und das Schaugepränge seiner kirchlichen und theatra- tischen Auszüge ging nach der Zerstörung des Reiches durch innere Fäulniß und äußeren Anprall der Völkerwanderung nicht völlig zu Grunde, sondern wurde vielmehr von den germanischen Erben Roms, sowohl in der Metropole wie in den Provinzen nachgeäfft. Die blu- tigen Fechterspiele wurden in Arles und Nimes von den Galliern und iii Trier von den Franken Jahrhunderte lang nach dem Falle Roms gepflegt. Das Antike sollte aber auch in anderer Weise konservirt wer- den. Der Menschengeist muß nämlich beständig eine Lösung des Welt- räthsels suchen, und jede Lösung des Welträthsels muß beständig schei- tern, sodaß er gleich dem Eichhörnchen im Rade nicht weiter kommt. Nachdem sich die Verherrlichung der gesteigerten Genußsähigkeit, in welcher sich die antiken Dichter und Philosophen so wohlgeffelen, über- lebt hatte, versuchten es die neuen christlichen Volksbeglücker mit der Entsagungstheorie. Sie gössen aber neuen Saft in alte Schläuche, denn trotz der Feindschaft des„entsagenden" Christcnthums gegen das „genießende" Heidenthum ward das— Theater der Alten als Propa- ganda für das Christenthum benutzt. Ter Kirchenvater Gregor von Nazianz verfertigte 400 Jahre nach Christi Geburt mit Zuhülfenahmc der griechischen Dichter Euripides und Aeschylos sein Mysterienstück „Das Leiden Christi" Mysterien wurden derartige Stücke genannt, weil ihre Sprache, die lateinische, den Laien, dem Volk, unverständlich war. Sie wurden in der Kirche gespielt und bildeten Theile des Gottes- dienstcs, der durch den Heiligenkultus auch allmählich wieder heidnisch tvurde. Der Hochaltar mit seinen Seitenthüren und die Krypta(Gruft) gaben ein dem griechischen ähnliches Theater. Wechselgcspräche und Wechselgcsänge, Respousoricn und Antiphonarien, heute noch des Haupt- bestandtheil der katholischen Liturgie, bildeten ihre Form. Sie begannen um Mitternacht; das mystische Dunkel stellte gleichsam die Hcidenzeit und die Zeit vor Christo dar, die Morgenzeit fiel mit der Geburt Christi zusammen, die Mittagszeit des andern Tages konnte die Abend- mahlzeit darstellen. Daraus erhellt, daß unsere frommen Vorfahren starke Nerven haben mußten, um eine„heilige" Tetralogie ä In Richard Wagner über sich ergehen zu lassen. Ob in den Zwischenakten Würste und Bier verabreicht wurden, wie heute in Obcrammergau, haben uns die Chronisten jener längst entschwundenen Tage zu melden verabsäumt. Die vollständige zwölfstündige Litanei ward in die Stücke aufgenom men, gewissermaßen eine Nachbildung des Chores der Griechen. Diese langstieligen dramatischen Genüsse wurden nur an Sonn- und Festtagen ausgetischt, damit das steuerpflichtige Volk nicht von der Arbeit ab- gehalten wurde. Am Osterfeste ward die Auferstehung Christi von Priestern in der Kirche dargestellt, am Pfingstfeste die Offenbarung des heiligen Geistes, an einem andern der bethlehemitische Kindermord, Weihnachten brachte die Hirten und Engel, Epiphanias das Dreikönig- spiel, noch heute in vielen katholischen Gegenden von Kindern vor- geführt. Bald ließ das Bedürfniß des besseren Verständnisses die latci- nische in die deutsche Sprache verwandeln, doch so, daß das Gesungene lateinisch, das Gesprochene deutsch ausgedrückt ward. Bon dem„myste- riösen" Brimborium konnte man sich aber doch nicht ganz emanzipiren, der Titel des Stückes und die technischen Bezeichnungen blieben lateinisch; es haben sich solche bis aus die neueste Zeit auf der Bühne aller Kulturvölker erhalten. Beweis davon die internationalen Ausdrücke Aktus und Szene. Die Nachahmung der griechischen Bühne in der christlichen Kirche nahm mit der Zeit immer größere Verhältnisse an, der dreithürige Hochaltar wird gleich der Szenenwand, Stufen rechts und links führen zur Kirche wie in die hellenische Orchestra; der Chor befindet sich oben gleich dem Theologeion der Griechen. Die Osterspiele bildeten sich auf breilerer, doch immer mehr profaner(weltlicher) Basis aus. Die ritualen Textstellen wurden zwar noch immer lateinisch ge- sungen, wurden aber immer mehr von dem deutsch gesprochenen Wort verdrängt. Der cigenthümliche Geist des deutschen Volkes,„der keine Sonderung der Gattung zuließ", und immer mehr die römischen Fes- sein abstreifte, brachte aber bald die ihm charakteristische würzige Laune in das Schauspiel. Es erscheinen Boten, Wächter in verzerrter Weise. Vor allem der Teufel mit Pferdefuß und Schwanz, eine Erinnerung an die Dionysosfeste, später die Personifikation des Volkswitzes, Hans- wurst genannt. Alles zu seiner Zeit! Respekt vor dem später so ver- Ponten Hanswurst. Seine derben Späße haben die lateinischen Hei- ligen von der deutschen Bühne vertrieben. In dieser Fassung konnte der Klerus das Schauspiel in der Kirche nicht mehr dulde» und so ward es nun auf einer öffentlichen Schaubühne mit einem Loche im Hintergründe als Hölle und einem Holze, Zinne genannt, als Himmel, über dem Theater dargestellt. Man konnte aus sie das Goethe'sche Wort anwenden: Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Frankreich, welches seit jeher ein besonderes Geschick zum Theaierspielen hatte, ging allen anderen Ländern Europas mit dem Beispiel voran, den rituellen Inhalt der Mysterien aus dramatischer Grundlage zu verbreitern und die eingeschobenen Volksfigure» immer weltlicher agiren zu lassen. Bei den schmalen Straßen und beschränkten Plätzen der Städte des Mittel- alters mußte man bei Errichtung des Bühnenbaues die geräumigen Kirchhöfe oder Klosterhöfe ins Auge fassen, weil wegen der Unsicherheit ein Bauplatz außerhalb der Stadtmauer gar nicht in Betracht kam. Den Franzosen, welche die Dreitheilung der Bühne am entwickeltesten durchführten, dienten die alten römischen Theater zum Vorbilde. Das heutige südliche Frankreich, damals die souveräne Provence, ist die Heimat der Passionsspiele, welche von hier aus ihren Weg nach der pyrenäischen und apenninischen Halbinsel, nach Teutschland und Eng- land, ja selbst nach Skandinavien nahmen. In jedem Lande modelte sich der Zuschnitt der Mysterien nach dem Volkscharakter. Während z. B.„Das Leiden Christi" in Spanien unverfälscht blieb und Aus- schreitungen des Fanatismus herbeiführte, die nicht selten Ketzern und Ungläubigen das Leben kosteten, wurde in Frankreich der biblische Stoff immer mehr mit zeitgemäßen Verzierungen umrankt, welche schließlich dem leichtlebigen Völkchen zur Hauptsache wurden. Die Veranstalter der „heiligen Komödien", unter welchem Titel diese sonderbaren Dramen im fünfzehnten Jahrhundert bekannt waren, sind seit den frühesten Zeiten die Dominikanermönche gewesen. Diese fahrenden Prediger, Ablaßkrämer»ud Schauspieler zogen mit ihrem Troß von Land zu Land, von Ort zu Ort, und schlugen ihre drcitheilige Bühne in Deutsch- land zuerst in Eisenach auf. Das Jahr dieser Theatervorstellung hat uns die Geschichte leider nicht aufbewahrt. Im Jahr 1492 folgten dicsem Beispiel die Schüler des St. Bartholomäusstistes aus dem Lieb- frauenberg in Frankfurt am Main. Der gewissenhafte Chronist der ehrsamen Stadt Frankfurt hat uns den Namen des„rührenden" Myste riums ausbewahrt; es hieß die„Geschichte von den klugen und thö- richten Jungfrauen" und war von Frankreich importirt. Freie und Hörige, Pfaffen und Laien strömten herbei, um die klugen und thörichten Jungfrauen agiren zu sehen. Seit Hussens Verbrennung in Konstanz (1415) hat man nicht so ein lustiges Treiben gesehen, behauptet die naive Stadtchronik. Zugleich erzählt sie, daß die Fürbitte der Maria für die thörichten Jungfrauen aus den Landgrafen von Thüringen einen solchen Eindruck machte, daß er an den Folgen starb.(Schluß folgt.) Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Verbrennung und Wärme- effekt unserer Brennmaterialien, von Rothberg-Lindener(Fortsetzung).—- Zum neunten Mai. Ein Gedenkblatt von Bruno Geiser(Schluß).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Die Republiken Südamerikas in ihrer Vergangenheit und Gegen- wart. Historische Skizze von Dr. M. Vogler(Fortsetzung).— Ueber den Einfluß von Fabrik- und Straßengeräuschen aus Menschen und Gebäude (Schluß).— Die Mysterienspiele des Mittelalters und das Oberammergauer Passionsspiel(mit Illustration). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in' Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. IL in Leipzig. Verlag von W. Fink in Leipzig.— Druck der Genossenschaftsbuchdruckerei zu Leipzig.