Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Z» beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Wudotf Lavant. (Fortsetzung.) Zwei Tage später komme ich von meinem gewöhnlichen Abend- spaziergang heim und bin fast verblüfft, als mir meine Wirthin eilfertig und eifrig mittheilt, ich hätte Besuch; der Herr Ober- lcutnant sei gewiß schon eine halbe Stunde da, habe aber nicht wieder weggehen, sondern meine Rückkehr abwarten wollen, ob- gleich sie ihm gesagt habe, daß es bei mir ans eine chalbe Stunde ab und zu keineswegs ankäme und daß ich nicht sehr pünkt- lich sei. In meinem Zimmer herrschte, als ich eintrat, schon vollstän- diges Zwielicht und eine durch die Dunkelheit glimmende Cigarre war zunächst das einzige, was sich erkennen ließ. Ueberrascht und erfreut— ich kannte ja nur einen Oberleutnant— beeilte ich mich, Licht zu machen und in die Konfusion hinein, die ich dabei unvermeidlicherweise anrichtete, klang es herzlich und über- müthig: „Da der Berg nicht zum Propheten kommen will— aber es hat wahrlich Mühe genug gekostet. Sie haben sich ja als Genie nicht einmal bei einer wohllöblichen k. k. Polizei angemeldet, und es ist reiner Zufall, daß ich endlich glücklich ermittelt habe, wo Sie Hausen. Nun sagen Sie mir aber, daß Ihnen mein Besuch eine kleine Freude macht, daß Sic für heute Abend nichts besseres vor haben und daß Sie dazu aufgelegt sind, mit einem Laien über Bilder und Statuen zu plaudern." Es war mir inzwischen doch geglückt, Licht zu bekommen, und ich drückte die Hand, die sich mir entgegenstreckte, mit all dem Ungestüm und all dem Nachdruck, deren ein freudig Ueber- raschter nur fähig ist. Da hatte ich ihn also auf einmal und er war von freien Stücken zu mir gekommen und ich konnte ihn, während er sorglos weiter plauderte, nach Herzenslust studiren. Ich wußte thatsächlich nicht, was ich ansangen, wie ich meiner Freude Ausdruck geben sollte, und hätte ich Elfer im Keller ge- habt, er hätte hervor ans Kerzenlicht gemußt, zur Feier dieses Älückstags. Aber mein junger Kriegsmann, den bei seiner„er- worbenen" Gelassenheit und Besonnenheit meine Unruhe und Aufregung fast etwas komisch anzumuthen schien, lehnte alles ab und acceptirte nur ein Glas Bier, und so haben wir denn bis in den Morgen hinein Pilsner getrunken, wie die Stadtsoldaten gequalmt und das Blaue vom Himmel hcruntergeredet. Erst als er sich lächelnd und mit vertraulichem Händedruck verab- schiedet hatte, als ich ihm vom Fenster aus nachsah und mit einem fast melancholischen Gefühl der Vereinsamung seinen Säbel das Trottoir entlang klappern hörte, kam mir zum Bctvußtsein, daß er nach der ersten Stunde immer schiveigfamcr und schweig- samcr geworden war, das Gespräch nur durch knappe Bemer» knngen, lässige Einwürfe und Fragen im Gang erhalten und im übrigen meisterlich die ebenso liebenswürdige, als seltene Kunst geübt hatte— zuzuhören. Ueber seine Verhältnisse und Schick- sale, seine Studien und Neigungen wußte ich so gut wie nichts und ich hatte doch, in einem wahren Fieber von Mittheilsamkeit, so ziemlich alle meine Wanderungen und Wandlungen wenigstens berührt und fast zu viel von meinen Sympathien und Antipathien laut werden lassen. Das verdroß mich hinterher nicht wenig; das gute, offene Lächeln, mit dem er zugehört und mich immer weitergelockt hatte, war mir ja gleich auch fein und humoristisch vorgekommen— jetzt aber fragte ich mich, ob es nicht vielleicht eine leichte Färbung von ironischer Ueberlegenheit gehabt habe, und ob er sich nicht am Ende, vor dem Einschlafen mono- logisirend, ein wenig über den enthusiastischen Künstler mokire, der gleich alle seine Hühner und Gänse vor ihm desilircn ließ. So schloß der Abend doch mit einem leichten Mißton; der junge Soldat, der halb ein harmloses Kind, halb ein in sich ge- festeter, selbstbewußter Mann zu sein schien, den man weder über- rumpeln noch überlisten konnte, war mir denn doch in vieler Beziehung ein Räthsel, und wenn ich auch zuversichtlich hoffte, dieses Räthsel früher oder später zu lösen, so dachte ich doch beim Einschlafen unwillkürlich:„Armes Frauenherz, das du dich an diesen„gefährlichen" Menschen verlierst! Er hat für dich den verhängnißvollen Reiz des Geheimnisses und der Versuch der > Lösung kann dich ein Lebensglück kosten!" Aber dann sagte ich mir wieder, daß er eine viel zu stolze, vornehme und ehrliche Natur sei, um den Frauen nachzustellen und ihnen aus Laune, Langerweile und Eitelkeit Fallen zu legen— ich mußte über den eigne» Gedanken lächeln und schämte mich desselben auch ein wenig, und als ich mir am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen rieb, besann ich mich zwar dunkel darauf, mit vieler Leb- haftigkeit von meinem jungen Freunde geträumt zu haben, aber ich hatte nur noch das eine Gefühl, einen der seltenen Menschen kennen gelernt zu haben, die man von der ersten Stunde an lieb haben und denen man ein unverständiges, kaum zu recht- fertigendes Vertrauen entgegenbringen muß, und der Gedanke, daß ich ihn am Abend in seiner Wohnung aufsuchen sollte, per- goldete den trüben, regnerischen Morgen; ich glaube, ich bin nicht viel vergnügter und stillseliger an dem Morgen gewesen, an dem ich auf himmelblauem, mit Engelsköpfchen verzierten Papier die Einladung zu meinem ersten Rendezvous erhalten hatte— und das war doch schon sehr lange her und ich war seitdem um manchen Grad kühler geworden. Als ich(eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit, wie ich bekennen muß) bei ihm klingelte, öffnete mir ein Diener, der noch nicht einmal den Mund geöffnet hatte, als ich bereits wußte, daß er keiner von all den Nationa- litäten und Nationalitätchen des polyglotten Kaiserreichs an- gehörte; seine nordalbingische Stammesangehörigkeit war ihm in Fraktur ins ehrliche Gesicht geschrieben, und er sprach denn auch das reinste und knorrigste Platt, das man sich nur wünschen konnte. Während der Occupatio» Holsteins durch die Oester- reicher hatte er, wie ich später erfuhr, den kaiserlichen Rock an- gezogen, wie so mancher von seinen Landslenten, und nun war er bereits so mit seinem Herrn veflvachsen, der blauäugige, stach»- köpfige, phlegmatische Holsteiner, daß er sich um keinen Preis wieder von ihm getrennt hätte. Es war nicht eigentlich eine hochelegante Wohnung, in die ich geführt ward, aber sie war äußerst geschmackvoll und behag- lich eingerichtet und legte den Schluß nahe, daß der Inhaber gern und viel zu Hause sei und— die Mittel besitze, seinem Schönheitssinn vollauf Genüge zu thun, ohne ängstlich rechnen zu müssen. Es ging kein weichlicher Zug durch diese Einrichtung, durch nichts stand sie in Widerspruch mit dem Soldatenthum des Bewohners und doch mußte ich mir sagen, daß es wohl keiner von seinen Kameraden verstehen würde, sich gerade so einzurichten. Als ich ihm nach prüfender Umschau in den Haupt- räumen, während deren er meinen Blick mit einer gewissen Spannung verfolgte, ein Kompliment über sein reizendes Jung- gesellenheim machte, sagte er:„Nun ja, wenn ich's hübsch und behaglich haben kann, ist mir's schon recht— Bedürfniß ist mir's freilich nicht und ich schlafe ganz ebenso fest und süß zwi- schen leinenen Zeltwänden oder unter smem Himmel, den Mantel als Decke." Er hätte hinzufügen können, daß er Anspruch dar- auf habe,„Lue kme" genannt zu werden, daß er über sehr sub- tile Küchenfragen mitreden könne und daß ihm dennoch bei einem Stück Kommisbrod und Speck ganz ebenso wohl sei, sodaß er, ohne im geringsten dadurch geuirt zu werden, zu dem frugalsten Soldatenregime übergehen könne; ich sollte es bald weghaben, daß er allen Komfort des Lebens nur als einen Schmuck ansah, als einen reizeiiden, aber immerhin recht entbehrlichen Schmuck. An diesem Abend bekam ich denn auch einiges über seine persönlichen Verhältnisse zu hören, aber nur so beiläufig, als könne mich dergleichen keine Minute interessiren. Er war also ein geborener Hannoveraner, was man ihm durchaus nicht an- hören konnte; sein Hochdeutsch war frei von jedem Dialektanklang. Einer arinen adeligen Familie entstammend, hatte er in früher Jugend den Vater verloren und war dadurch mit Mutter und Geschwistern von der Güte eines reichen unverheirateten Onkels abhängig geworden, der es in der österreichischen Armee bis zum General gebracht hatte und auch jetzt noch, obwohl er längst in den wohlverdienten Ruhestand versetzt war und sich nach dem Eldorado aller österreichischen Pensionäre, nach Graz zurückgezogen hatte, mit Leib und Seele Soldat war. Seinem Wunsche gemäß war Curt ebenfalls in die österreichische Armee eingetreten, ohne Vorliebe, aber auch ohne lebhafte Abneigung; nur das hatte er sich ausbedungen, zur Artillerie oder zum Genie gehen zu können, und der alte Herr, der freilich lieber einen„schneidigen" Husaren oder Ulanen aus ihm gemacht hätte, hatte sich am Ende gefügt, wenn schon nicht ohne einiges Brummen über die überflüssige Gelehrsamkeit, die vor dem Feinde auch nicht viel helfe. Mir selber ist alles„höhere" Rechnen zeitlebens ein böhmisches Dorf gewesen und das Wurzelziehen und der Gebrauch der vega'schen Tabellen hat meinem Künstlerkopf nie eingetrichtert werden können, ich konnte es mithin schwer fassen, daß ein Mensch, in dessen Augen man altes lesen konnte, nur nicht eine Vorliebe für alge- braische Gleichungen und für Stereometrie, mit diesen mir in so hohem Grade imponirenden Wissenschaften fertig geworden war und sprach meine Verwunderung über diese Neigung für die Mathematik aus. Er lachte und meinte: „Vorliebe? Wo denken Sie hin? Bis zum Verlassen der Realschule war mir noch alles, was nur im entferntesten an die Mathematik erinnerte, ein Greuel, so sehr überwucherte bei mir die Phantasie; ich hatte einen tiefen Widerwillen gegen alles Ab- strakte, und in den Sprachen war ich allen Kameraden überlegen, eine Regel aber behielt ich nie, so wenig wie in der Geschichte eine Jahreszahl. Als ich aber Soldat werden sollte und mir sagte, daß ich zuin Rekrutendrillen doch ein für allemal verdorben fei, also eine der gelehrten Waffen wählen müßte, warf ich mich eben auf die so schnöde vernachlässigte Mathematik und Sie wer- den doch gewiß nicht behaupten wollen, daß ein Mensch, der gerade kein Idiot ist und ernstlich will, ihrer Schwierigkeiten nicht Herr zu werden vermöchte. Ebenso gut und ebenso leicht hätte der Herr Onkel General aber auch den Kassirer und Buch Halter eines großen Bankgeschäfts oder einen Gymnasiallehrer oder einen Professor der modernen Sprachen aus mir machen können und wahrfcheinlich wäre das letztere sogar leichter gewesen, da hier meine Neigung ins Spiel kam." Im Verlauf des Gesprächs erfuhr ich dann, daß mein junger Freund„zur Erholung", aber mit vollstem wissenschaftlichen Ernst, Literatur trieb, daß er jedes Jahr eine neue Sprache erlernte, das Jahr vorher des Italienischen Herr geworden war, jetzt Spanisch trieb und sich auch für Architektur lebhaft interessirte. Sollte über diesen„Allotria" der Dienst und die Kriegsgeschichte nicht Roth leiden, so war herzlich wenig Zeit für gesellige Freu- den übrig und ich räumte ihm willig ein, daß er die Stunden zu Rathe ziehen und sich auf den Umgang mit einigen gleich strebsamen Kameraden von der Artillerie und vom Genie be- schränken müsse, zu denen ich nun als willkommene Ergänzung käme. Jede Einladung von Seiten der Familien, bei denen er eingeführt sei, empfinde er als eine Störung seines fleißigen Stilllebens, und in der That fand ich ihn später, wenn er zu einem Souper oder zu einem Ball gehen mußte, regelmäßig in einer sehr komisch wirkenden, aber sehr ernst gemeinten Verzweiflung. Seine Laune war dann jedesmal die denkbar schlechteste, d. h. selbst der treue Jehan bekam zuweilen ein ungeduldiges Wort zu hören, ohne sich darüber wunoern zu dürfen, denn seinen Herrn ärgerte in solchen Stunden die Fliege an der Wand. Wenn ich ihm lächelnd vorhielt, daß er doch viel zu jung sei, um den menschenscheuen Anachoreten zu spielen und daß die jungen Damen und vielleicht auch die in gewissen ungewissen Jahren sicherlich ihr bestes thäten, ihn zu fesseln, warf er wohl unwirsch die Mütze auf den Tisch und sagte nicht ohne sarkastische Schärfe:„Freilich, sie lächeln mir in allen Süßigkeitsgraden zu, aber das ist eben das Unausstehliche. Man hält mich für einen öpouseur, weil man sehr genau weiß, daß ich protegirt werde und also auch meine Karriöre mache, daß ich einen alten sehr reichen Onkel zu beerben habe und daß er mir, wenn ich ihm heute meine Verlobung meldete, schon jetzt nachdrücklich unter die Arme greifen würde. Mir ist also jedes Entgegenkommen ver- dächtig, ja selbst die Kälte, weil sie affektirt sein kann und von der Schlauheit als Lockmittel verwendet wird, wenn die Süßig- keit nicht anschlagen will. Und dann— was soll ich mit den Dämchen anfangen? Entweder bringen sie mich zum Gähnen durch ihre imitirte Naivetät, die man halb und halb verpflichtet ist, hinreißend zu finden, oder sie halten es für angezeigt, mir gegenüber, der ich nun einmal im Rufe stupender Gelehr- samkeit stehe, ihr unverdautes Pensionswisfen auszukramen und über die schwierigsten Materien mit der Tollkühnheit der Halb- und Viertelswisserei apodiktische Urtheile abzugeben, von deren Lächerlichkeit sie auch nicht die blasseste Ahnung haben. Und mir ist meine Zeit zu kostbar zu solchem Geschwätz, seit dasselbe aufgehört hat, den zweifelhaften Reiz der Neuheit für mich zu haben; früher ging ich wohl zuweilen in Gesellschaft, um Studien zu machen, aber an die Stelle des Interesses ist längst die ödeste Langeweile getreten und ich habe mich schon still aus einem Ball- saal verloren, um mir meinen„Trelawney" noch satteln zu lassen und stundenlang durch die Nacht zu jagen und staub- und schmutz- bedeckt mit einem stummen, ironischen Gruß unter dem Saal vorbeizutraben, wenn droben nach dem letzten Galopp die zier- lichen meißner Moccaschälchen die Runde machten. Es ist auch schon vorgekommen, daß ich eine verhaßte Einladung zwar an- nahm, mich aber in letzter Stunde noch unter einem Vorwand entschuldigen ließ und dann, um nicht so leicht gesehen zu wer- den, in Sturm und Wetter einen nächtlichen Gewaltmarsch vor- nahm; kam ich dann im Morgengrauen heim und fand beim Ausziehen der Stiefel, daß mir der Strumpf an dem wunden, blutenden Fuß festklebte, so konnte ich recht vergnügt und schaden- froh vor mich hinlachen— hatte ich sie doch wieder einmal um das Vergnügen geprellt, mich eine Rolle in ihrer faden Komödie spielen zu sehen und mir ein Vergnügen gemacht, indem ich allen Uebermuth und Ueberschwang der Jugend in meiner Weise austobte." = 423 Er hätte hinzufügen können:„alle gährende Leidenschaft meines Naturells", aber so wenig er seine Züge in der Gewalt hatte, so schwer passirte es ihm, ein Wort mehr zu sagen, als er wollte, und über seine Eigenart und den tiefsten Kern seines Wesens breitete er geflissentlich einen dichten, trügerischen Schleier, selbst seinen besten Freunden, oder sagen wir lieber„nächsten Bekannten", gegenüber. Für mich, der ich ja nach und nach hinter das Geheimniß seines Innern kam, hatte es einen eigen- thümlichen Reiz, das kaum merkliche, feine Lächeln zu beobachten, mit dem er gelegentliche Vorwürfe seiner Kameraden über seine „Temperamentlosigkeit", über seine„Kälte", über seine„un- natürliche, philosophische Ruhe" hinnahm, ohne sie abzuwehren. Oft lag soviel Ironie, soviel Ueberlegenheit, soviel geheimes Be- bagen in dem Blick, der dabei auf den Sprechenden sich heftete, daß die Betreffenden zuweilen mitten in ihrem unmuthigen Eifer innehielten, ganz verdutzt durch den räthselhaft- listigen Ausdruck seines Gesichts, aber dieses Lächeln hatte zugleich etwas so Grund- gutmüthiges und Wohlwollendes, daß der also Verblüffte, wenn Curt steundlich sagte:„Ach, laßt mir doch meine Art,— wie ich eigentlich bin, das wißt ihr ja doch nicht und dahinter werdet ihr auch nicht kommen!" den Gegenstand kopfschüttelnd, aber lachend fallen ließ. Da ich zu jener Zeit in der guten Gesellschaft der alten Moldaustadt ziemlich eu voxuv war und vielfach eingeladen wurde, hatte ich von dem Moment an, in welchem meine Intimität mit dem interessanten jungen Offizier ruchbar ward und man uns öfters Arm in Arm flaniren sah, häufig neugierige Fragen nach dem„kalten Norddeutschen" zu beantworten. Die Männer, namentlich die in gereifterem Alter, deren Unterhaltung er gern suchte, nannten ihn einen soliden, strebsamen jungen Mann, der bei einigem Glück seinen Weg machen werde, und hatten sämmt- lich eine ausgesprochene Vorliebe für ihn, der wohl, ihnen un- bewußt, hauptsächlich die Thatsache zugrunde lag, daß er sich, wie ich euch schon vorhin sagte, meisterlich auf die unscheinbarste aller geselligen Künste verstand, auf die Kunst, zuzuhören und durch scharfsinnige Fragen den Grad seiner Antheilnahme an den Tag zu legen. Die gewöhnlichen jungen Mädchen nannten ihn stolz, eitel, dünkelhaft, über alle Begriffe verivöhnt, die gescheiteren sürchteten sein gutmüthig-ironisches Lächeln und seinen forschenden Blick ivie Feuer und witterten hinter jedem Wort eine kleine Bosheit. Die Frauen nannten ihn theils blasirt, phlegmatisch oder kalt, theils einen von Ehrgeiz verzehrten Sonderling; hin und wieder begegnete man wohl einer feineren Vermuthung, z. B. der, daß hier wahrscheinlich eine geheimnißvolle Liaison mit einer sehr vornehmen Dame im Spiele sei, die ihn ausschließ- lich beschäftige, wenn nicht vielleicht die Dame es aus Eifersucht zur Bedingung gemacht habe, daß er sich jeder andern zarten Jntrigue enthalte, und ihn in Gesellschaft überwachen lasse, sodaß ihm die Flügel gestutzt seien. (Fortsetzung folgt.) Ueber deutsche Familiennamen. Von M. Mittich. (Schluß.) Wir führen nun noch ein paar in unsere vier Klassen nicht einzureihende Namensippen auf. Im ausklingenden Mittelalter regte sich besonders kräftig der deutsche Humor, Till Eulenspiegel ist sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen hatte. Das Foppen und Necken florirte, die fahrenden Ritter der vorhergehenden Periode wurden parodirt und ins Lustige umgesetzt durch fahrende Narren, die mit Fuchs- schwänz und Schellenkappe durchs Land zogen und den Weisen sagten, daß sie ihresgleichen und auch nur Starren seien. Die Gelehrten disputirten an den Hochschulen über possenhafte The- mala, ja, der Humor saß sogar dem Prediger im Nacken, der die Kanzel bestieg. Konnte es ausbleiben, daß auch die Namen in diese Strömung mit hereingezogen wurden? Uebernamen, Spitz- und Spottnamen schössen von jeher auf deutschem Boden wie die Pilze zahlreich empor, und manch' einer blieb an der so benannten Person haften und wurde als erblicher Familienname verewigt, daß wir noch heutigen Tages unzählige Vertreter dieser Sippe vorfinden. Beispiele sind: Kattentit(Katzenzitze), Meerkatz, Mäusezahl(Zahl gleich Zapel, Schwanz), Lochhase, Pagenstecher (Frosch gleich Popp!), Forndran, Schnapphahn, Schmachthahn, Suchenwirth(Such den Wirth gleich Saufaus), Wippsterz, Bier- lumpel, Susewind, Sauerbrei, Süßemilch, Haberlaus, Kratzfuß, Hasenftatz, Gänseschnabel, Duvenkropp(Taubenkropf), Rindsmaul, Ziegenspeck, Ziegenbalg, Loisebein, Käseberg, Käsebier, Schluder- bier, Sauerhering, Brathering, Luderhaas, Grasewurm, Hauto oder Hotho(gleich Hau zu), Griepenkerl(Greif den Kerl!) und wie sie alle heißen; eher würde einem der Athem ausgehen, als der Vorrath von humoristischen und komischen Familiennamen sich erschöpfen! Zum Theil humoristisch gemeint, zum Theil aber vielleicht aus einer ganz beftimmten Lage, bei einem absonderlichen Ereigniß erfunden, ist die Gesammtheit der sogenannten imperativischen Namen,'— Namen, in denen Zeitwörter in Befehlsform und ihr erweiternder Zusatz zusammengewachsen und erstarrt sind. Bei- spiele hierfür sind: Thudichum, Schlichtegroll, Bleibimhaus, Bleib- nichtlang Thugut, Schlaginttveit(gleich Schlag entzwei), Hassen- Pflug(gleich Haß den Pflug, vielleicht ein Raubrittername), Wagenpfeil(gleich Wag' den soder einen) Pfeil), Zuckschwert(gleich Zücke das Schwert), Kliebenschädel, d. i. kliebe, gleich Zerspalte den Schädel. Springenzaun, Jagendeubel(gleich Jag' den Teufel), Hebenstreit(gleich Erhebe den Streit); zu dem oben angeführten Lerebecher können wir noch einen Stürzenbecher fügen und schließlich daran erinnern, daß der größte englische Dichter einen so gebildeten englischen Namen trägt: Shakespeare heißt gleich Schwinge den Speer. Die zwangsweise den Juden zudiktirten Namen Podex oder Blauhut(Spitzname des Teufels), Ochs u. s. w. zeugen auch von dem übermüthigen Humor der Zeit in der Namengebuiig. Aber schon im 13. Jahrhundert finden wir komische Namen- bildungen, mit denen man vorzüglich schlimme Dinge zu mildern oder seinem Zorn über dieselben eine wohlthätige Ableitung durch den Humor zu geben suchte. Dahin gehören die Namen der Raubrittergenossendes Bauernsohnes Hclmbrecht, die da heißen Lemberslind, d. i. einer, der ganze Lämmer verschlingt, die er dem Bauern natürlich erst gestohlen hat, ferner Slikenwider, � d. i. Verschlucke den Widder. Doch hören wir den Text des Gedichtes selbst: Die zwcnne sind Von den ich han(habe) die Lehre. Noch nenne ich die mehre Hellesack und Rüttelschrein*) Das sind die Schulmeister mein Kuhefraß und Muschenkelch**).... Mein Geselle Wolfesgaum(wolfesgourne), Wie lieb ihm sei seine Aiuhme, Sein Base, sein Oheim und sein Vetter Und wäre es Hornungcs Wetter:(kalte Winterszeit im Er läßt nicht an ihrem Leibe(Februar) Dem Manne noch dem Weibe Einen Faden für ihre Scham, Den Fremden und Verwandten sam(d. i. gleichermaßen). Und mit ähnlichen Zusätzen werden aufgeführt die Raubritter- genossen Wolvesdrüssel(Wolfsschlund, Drüssel gleich Gurgel) und Wolfesdarm. Das sind Gesellschafts-, Bruderschafts- oder Ordens- namen der feinen Burschen. Helmbrecht selbst bekam den Namen Slintesgeu, d. i. der alles verschlingt, was im ganzen Gau zu finden ist. Solche Räubernamen blieben aber nun hasten, und noch heut floriren Familiennamen, wie Vegesack, d. i. Fege den Sack (Reisetasche) leer, Fikelscheerer, d. i. der die Geldbeutel den Kaufleuten abschneidet und dergleichen mehr. *) Höllensack und Rüttle den Schrein, d. i. erbrich den Schrank. **) Das ist: der Kühe frißt, und Muschenkelch mag wohl einen bedeuten, der Kelche stiehlt oder„mauset".„Gemuschte Kelche" nennt das bairische Landrecht unter den verbotenen Pfändern. lieber diese Schimpf- und Ueberiiame» sollte doch auch ein- mal eine Einzelabhandlung geschrieben werden, wobei gewiß mancherlei kulturgeschichtlich interessantes zutage kommen würde; für uns kann es hier nur einen Punkt der Betrachtung abgeben, von dessen Behandlung wir nur hoffen, daß sie unseren Lesern nicht zu lang ausgesponnen erscheinen möge, war sie doch im Zusammenhange und an dieser Stelle nothwendig und yicht zu entbehren! Uebrigens ist bis dato nur von kerndeutschen Namen die Rede gewesen. Aber in den Familiennamen haben wir ebenso wie bei den Taufnamen mit der Aiode zu rechnen, die sich so gar häufig mit dem Einheimischen nicht genügen ließ, sondern in die Fremde ging, um auch den Namen ein fremdländisch Gewand zu ent- lehnen, sei es nun a la Grec, ä la Romain oder ä la Francaise! Die Bekanntschaft mit dem klassischen Alterthum führte eine ganze Sintfluth von antikzugestutzten, ur- sprünglich deutschen Namen ins Leben ein: das Fremde sollte vornehmer sein, denken ließ sich bei einem so umgewan- delten oder kühn er- fundenen Fremd- »amen auch nicht mehr, oft aber we- niger, als bei dem als zu gewöhnlich beiseite geschobenen deutschen. Wie be- troffen würde mancher dareingeschaut haben, wenn ihm die eigentliche Be- deutung eines so stolz und erhaben klingenden Fremd- namens klar ge- wesen wäre; wenn er etwa, jenes stol- zen und kriegskundigen Römers ein- gedenk, sich Cäsar nannte, wie groß wäre Wohl sein Schreck gewesen, wenn ein Sprach- kundiger ihm gesagt hätte:„Auf gut deutsch bist du nun eigentlich auch weiter nichts als ein ge- wöhnlicher Krause." Cäsar sowie Krause bezeichnet ursprüng- lich einen Menschen mit krausem, lockigen Haupthaar. Da hätte er ja wieder das alltäglich Gewöhnliche, was er vermeiden wollte bei der Namensverleihung, steilich hätte er die Nichtkenner des Lateinischen glücklich getäuscht, nicht aber die Wissenden... Die Bergriechung und Verlateinerung der Namen war in der Reformatiouszeit gut im Zug. Fast alle Löffler, die Latem konnten, nannten sich Cochlearius, alle Oehler, Oehlschlägel, Oehlmann u. s. w. Olearius, und Luthers gelehrter Freund Melanchthon ist nur unter diesem Namen bekannt und nicht jeder- mann weiß, daß dies eine Bergriechung des alten Namens Schwarzert sein soll. Die Uebersetzung ist außerdem noch falsch, mit schwarzer Erde hat der ursprünglich deutsche Name des Gelehrten Melanchthon garnichts zu thun. Die Hab ermann nannten sich nun Avenarius, die Holzmann Xylander, die Neumann Neander, die Bäcker, Becker oder Beck Pistor, Pistorius, woraus man denn wieder verdeutschend das süddeutsche Pfister und Pfistermeister machte. Der Schneider ward ein Sartorius, der Wagner ein Plaiistrarius. Ein gewisser Die Vorfahren des berühmten Bleistiftfabrikanten Faber waren Mosmann zu Gmünden an der Wohra, dem etzliche schlechte auch Leute, die den einfachen Namen Schmied trugen. lateinische Berse aus der Feder geflossen ivaren, schämte sich nun vor lauter aufgeblähtem Gelehrtendünkel des Namens seines Vaters, der ein biederer Schmied war. Diesen Gewerbsnamen seines Vaters übersetzte er lateinisch: Faber*), dazu setzte er Aonius, was an die Musen, die Göttinnen der Dichtkunst, erin- nern soll; so hieß er nun Fabronius, Musenschmied, was man, ohne ihm sonderlich unrecht zu thun, auch mit Reimschmied über- setzen könnte. Vi l mar, der ein verdienstliches Namenbüchlein geschrieben hat, bemerkt bei Gelegenheit dieser übersetzten Namen, er habe einen Holzhacker gekannt, welcher zwar Xylander hieß, aber sein Holz stets auf gut deutsch sägte und spaltete, und der marburger Postmeister mit dem langen griechischen Namen Meso- mylius(d. i. Mittelmüller, der Ahnherr war Müller in der Mittelmühle bei Wetter!) merkte nicht, daß er das Gesangbuch in der Kirche verkehrt hielt, denn er hatte weder auf griechisch noch auf deutsch lesen gelernt! Auch diese Fremdlerei forderte den Zorn der Sati- riker heraus. So schrieb Moscherosch in seinen an anderer Stellein diesen Blät- tern angezogenen „Gesichten Philan- ders von Sittewald" auch erbittert gegen diese Mode seiner Zeit. Sein Held Philander von Sitte- Wald wird von den alten deutschen Recken Siegfried, Ariovist und andern arg gescholten auch ob seines Namens: „Warumb dann, so du ein geborner Teutscher bist, hastu nicht auch einen deutschen Namen? Was soll dir ein griechisch und he- bräischer Name im Teutschland? Was ist Philander für ein Gefräß? Bistu von Sittewaldt, warumb hastu einen wälschen Namen?— Was? Hm? Was meinstu? Hä?"-„Schämt ihr euch denn ewrer selbst und ewrer red- lichen Vorfahren? Schäme dich für den Teuffel, wenn du eine ehrlich deuffche Ader in deinem Leibe hast, daß du einen andern Namen, einen Außländischen Namen, vnd den du viel- leicht selbst weder verstehest, noch weissest, solst einem verständigen, bekannten Teutschen Namen vorziehen oder mit Wälschen Farben anstreichen, mit De und Di füttern wollen. „Wer seinen anererbten Namen Flickt mit wälschem Netz zusammen Und war' gern ein Junkerlein, Der hat Mangel an eim sparren Und gehört ins Buch der Narren, Solt er sonst ein Doktor sein!" Und doch verlateinerte und vergriechte alle Welt ihren deutschen Namen; wer nicht sprachmächtig genug war, ihn ganz zu über- setzen, der hängte ihm doch wenigstens das Schwänzchen us oder ins als Endung an, um sich über den„Pöfel" zu erheben! Georg Gottfried GerviuuS. Seite 43l.) - 425- Eine falsche Bildungsprahlerei ist es auch und nur auf Un- deutschen Namen den Buchstaben V gleich W sprechen, also kenntniß des Sachverhalts zurückzuführen, wenn wir in guten Wilmar statt Vilmar, das der Vielberühmte bedeutet, und wenn wir Vernaleken lder Ton liegt auf dem a) etiva sprechen Werna- i Aleken Sohn, d. i. Sohn der Frau Adelheid. Allgemein spricht leken, mit Betonung der vorletzten Silbe, letzteres bedeutet: Frau j man den berühmten Schauspielernamen Devrient französisch 426 aus, während er niederdeutsch ist, de vrieut gleich der Freund! Freilich schwimmt sich's hier sehr schlecht gegen den Strom! Auch ist die Sache ja wicht so wichtig, daß das Leben daran hinge, es macht uns aber eben Freude, dem Bildungsdünkel eins am Zeuge zu flicken und ihm zuweilen eben das, worauf er sich etwas zugute thut, als im Grunde genommen ungebildet und Mangel- Haft begründet nachzuweisen!*) Wenn Wiarda und andere Namenforscher behaupten, die Namen der Deutschen hätten nie etwas Schlimmes bedeutet, so darf das wenigstens ganz bestimmt auf die Familiennamen, wie wir sahen, nicht ausgedehnt werden. Bei solchen, die von lieben Eltern dem Kinde gegeben wurden, ist dies selbstverständlich, nicht so bei Familiennamen, die zum Theil einem als Zunamen oft von anderen erst in späteren Jahren beigegeben wurden und oft in nicht freundlicher Gesinnung erfunden und gebildet wurden, wie oben schon erwähnt. Diese wurden und werden denn oft auch gern geändert von ihren Trägern. Ebenso änderte man solche, welche durch allmähliche Umgestaltung an Worte von ekel- hafter oder sonst unangenehmer Bedeutung anklingen. Verfasser kannte eine Familie, die Brühschwein hieß; deren damaliges Haupt taufte sich um in Brühwein, das Publikum war aber boshaft genug, ihn nun Brechwein zu nennen, was zu etwelchen Klagen auf Verbalinjurien Anlaß gab! Zu solcher Aenderung bedarf man aus Rechtsgründen heute der obrigkeitlichen Be- willigung. Das Namenändern auch aus anderen Gründen spielte eine größere Rolle seinerzeit, als sich heut übersehen läßt. So hieß der berühmte Maler Lukas Cranach ursprünglich Lukas Sünder, und den später üblichen und fast allein bekannten Namen legte er sich nach seinem Geburtsort bei; ebenso wandelten ihre Namen die beiden Gelehrten Doktor Andreas Bodenstein und Johann Mayer nach ihren Geburtsorten Karlstadt im Würzburgischen und Eck in Schwaben: beide sind bekannt durch ihre gelehrten *) Der Verfasser schickt hier seine Angriffe auf den Bildungsdünkel an die falsche Adresse; denn man spricht das V in Vilmar wie W und den Namen Devrient französisch, also ungefähr Devrieng, nicht aus Bildungsdünkel, sondern einfach, weil er allgemein so gesprochen wird und weil sich die Träger der Namen selbst so gesprochen haben. Unser Mitarbeiter und Freund W. wird gewiß auch das winzige Stückchen Freiheit respektircn, welches darin besteht, daß jeder bei der Bestim- mung der Aussprache seines Namens ein gewichtiges Wörtlcin mit- zureden hat. D. Red. Kämpfe mit Luther. Der berüchtigte Abenteurer Casanova wurde einst polizeilich zur Rede gesetzt, auf Grund welches Rechts er sich des Namens eines Herrn von Seingalt bediene; darauf ant- wortete er:„Auf Grund des Rechtes des Alphabets!" Die Pseudonymität, das Annehmen falscher Namen bei Schriftstellern ist bekannt, ebenso bei Künstlern, die durch einen fremdklingenden Namen sich mit dem Nimbus des Fremden um geben wollen, sintemalen das Sprüchwort sagt: Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande! In Bayern hat der Kurfürst Ferdinand Maria im I. 1677 seinen Unterthanen nachdrücklich verboten, sich ohne landesherr- liche Bewilligung heute so und morgen anders zu nennen. Und schwankend ist noch heute für manch' braven Landmann die Schreibung seines eigenen Namens, wie Steub in seinem ober- deutschen Namenbuch beweist. Diese Landleute brauchen sich aber deshalb nicht zu schämen, noch der große Winckelmann schrieb sich bald mit einfachem k, bald mit ck! Und der Dichter Fleming, der bedeutendste unter den Sängern des dreißigjährigen Krieges, schrieb sich bald Flemming, bald Fleming, auch Fläming und Flämming. Interessant ist der Umstand, daß auch bei uns Anleihen in der Namenbildung von den Romanen zahlreich gemacht worden sind. Die reinlateinischen Namen Altroms würden wohl eine sehr magere Heerschau ergeben, die Quintus, Sextus, die Calvus, Niger, Rufus, nach der Zahl, vom kahlen Scheitel, vom schwarzen oder rothen Haar so genannt, und die Curier, Furier und Spurier würden auch nicht viel buntes Leben hineinbringen in die ita- lienische Namenwelt. Da treten uns aber in strahlendem, bedeu- tungsvollen Glanz entgegen die longobardischen Namen Bertaldi (Berthold), Grimaldi(Grimwald), Rambaldi'(Reinbold), Rinaldi (Reinold), Sismondi(Sigismund), der große Dichter Dante trug einen deutschen Familiennamen, nämlich Alighieri, d. i. Adelger, und der Alte von Caprcra, Garibaldi, ist ein deutscher Speer- amteswalter, ein Speerschwinger, und der jetzige König Umberto hat seinen Namen dem deutschen Humbert entlehnt, was wohl soviel bedeutet, wie einen, der sich Ruhm im Kampf gegen die Hunnen erwarb. Bei den Franzosen sprechen wir die Namen Bernard, Eynard, Evrard, Gerard, Gautier, Thierry und viele andere als ursprünglich deutsche an, sie sind gleich Bernhard, Eginhart, Eberhard, Gerhard, Walther, Dietrich. Ebensolche Entlehnungen ließen sich auf der spanisch-portugiesischen Halb- insel nachweisen und noch vielfach anderwärts. Wohnunggheizung und Ventilation. Von Nothberg-Lindener. (Fortsetzung.) Bei Vorführung dieser Ansprüche an Ventilation unserer Wohnungen und angesichts der Thatsache, daß bisher nur in verschwindend wenigen Fällen durch besondere Einrichtungen den- selben wirklich genüge gethau ist, wird uns ohne Zweifel auch hier der unter wechselnden Einkleidungen dem Inhalt nach darauf hinauslaufende Einwand gemacht werden, daß die Nothwendig- keit der Ventilation doch wohl keine so zwingende sein könne, da auch ohne sie die Menschheit bisher existirt habe und die Leute aroß stark und alt geworden seien, wobei man allemal vergißt, daß diejenigen, welche den Nachtheilen schlechter Emrichtungen erlegen sind, und zwar zum größern Theil schon tm Km des alter, eben nicht mehr existiren, um als warnende Beispiele menschlicher Unkenntniß vorgestellt werden zu können; daß wir die Wirkungen dieser Schädlichkeiten auf den menschlichen Körper mit hunderterlei Krankheitsnamen symptomatisch bezeichnen, und die ursprünglichen Siechthums- und Todesursachen in den bezüglichen Listen fast nie zu finden sind. Mangelhafte Ernährung und Hunger, Ueber- anstrengung oder einseitige Thätigkeit, sowie verpestete Athmungs- lust sind als Grundursachen immer nur unter anderen Rubriken zu finden. Dazu kommt noch, daß, zum Theil wenigstens, die Lust- erneuerung aller Wohnräume durch die sogenannte spontane Venti- lation bewirkt wird. Diese ist der Undichtheit der Wände, Thüren und Fenster zu verdanken; der Luftwechsel kann bei großer Mangel- haftigkeit dieser Theile bis zu 50 Prozent des Rauminhalts pro Stunde steigen, je nach der Zahl der Außenwände und dem Temperaturunterschied zwischen der inneren und äußeren Luft. Wäre das nicht der Fall, so würden wir allerdings wohl häufig einer, vielleicht„spontane Erstickung" benannten Todesursache begegnen, wie ja in der That das Ereigniß bei Einpferchung einer großen Zahl von Menschen in einem engen Räume, wie z. B. innerhalb dick ummauerter, fensterloser Gefängnißräume oder auf Schiffen schon hin und wieder eingetreten ist. So auf dem Dampfer„Londonderry", wo der Kapitän bei stürmischem Wetter, nach dichtem Verschließen der Luken, zweihundert Menschen in die große Kajüte kommandirte und deren Thür versperren ließ. Die Luftvergiftung geschah unter diesen Umständen so rasch, daß nach einigen Stunden schon zweiundsiebzig Menschen den Erstickungstod gefunden hatten. Die spontane Ventilation ist nur in den seltensten Fällen genügend, um andre Fürsorge entbehrlich zu machen; am ehesten in großen, gutgeheizten, wenig bewohnten Räumen, während enge, viele Menschen bergende, mangelhaft geheizte Wohnungen, ob- gleich wegen dünner Wände, schadhafter Thüren und Fenster der Luftzug ein verhältnißmäßig lebhafter sein kann, doch durchweg mit Ventilationsvorrichtung versehen sein müßten. Soviel nun auch über den hygienischen Werth oder UnWerth der Wohnungen in dieser Beziehung noch zu sagen ist, so können wir diese Frage hier doch nur insoweit behandeln, als sie mit der Heizung zusammenhängt. Sie lautet demnach also: in welcher Weise kann man verlangen, daß nach dem heutigen Standpunkt des Wissens und technischen Könnens zur Zeit des Heizens ventilirt werde? wenn ei» Mensch im Durchschnitt 40 Kubikmeter als Stubenraum zur Verfügung hat, also 60 Kubikmeter Luft stündlich zuströmen soll, und davon höchstens 20 Kubikmeter durch spontane Ventilation beschafft werden! Von Seiten der praktischen Technik ist es nicht schwierig, in der Periode der Heizung in Verbindung und durch Vermittelung derselben, frische Luft in die Wohnung einzuführen und zwar durch die Heizanlage schon mäßig, ohne Ueberhitzung erwärnite Luft. Die Wegführung der unbrauchbaren Luft kann gleichzeitig und je nach den Umständen durch Verbrauch(als Verbrennungsluft im Ofen), durch Hinaus- drängen durch Thören und Fenster, oder durch besondere Ab- führungsöffnungen in den höheren Theilen der Stube geschehen. Die Zuführung frischer, erwärinter Luft, die nahe am Fußboden ausströmt, bewirkt dann sowohl eine möglichst gleichmäßige Durch- wärmung des Zimmers, als auch vermeidet sie das oft so be- lästigende und schädliche, einseitige und scharfe Hercinströmen kalter Luft durch die unteren Theile der Thür- und Fensterfugen, wie es unvermeidlich ist, wenn gar keine künstliche Zuführung vorgesehen ist und die Fortschaffung der schlechten Luft außer etwa durch den Ofen selbst, nur durch die Wände und den höher liegenden Theil der Thür- und Fensterfugen geschieht. Es sind gute Ventilationseinrichtungen in der That nicht nur in großen öffentlichen, oder in luxuriösen Privatgebäuden mög- lich, wo dieselben allerdings jetzt nicht mehr weggelassen werden, und wo man deren mancherlei erprobt und brauchbar gesunden hat, sondern auch in der ungeheuren Mehrzahl der sogenannten kleinen Wohnungen, die wir hier vor allen bei unseren Aus- einandersetzungen im Auge haben. Obschon man die Luft oft als das einzige Bedürfniß preisen hört, das unisonst zu hahen sei, ist das doch weder bei der durch spontane, noch bei der durch künstliche Ventilation gewechselten der Fall, insofern dafür ein Aufwand an Brennmaterial nöthig ist. Dieser ist bei all unseren vorhergehenden Angaben schon mit berücksichtigt, als ein nicht verschwendeter, sondern nothwen- diger. Der hierfür anzusetzende Theil des Brennmaterialver- brauchs stellt sich als ein um so größerer Prozenttheil dar, je kleiner die Wohnung ist, je mehr Menschen darin wohnen und je häufiger also die Lufterneuerung geschehen muß. Man kann annehmen,— bei der Schwierigkeit solcher Untersuchungen sind es nur runde Zahlen!— daß vom Heizmaterial für Ventilation in Anspruch genommen werden, bei Imaliger Lufterneuerung 20 pC. 2 n n 30 n 3 n n 42„ � II II �0„ Um einen Wohnraum von 100 Kubikmetern auf 26 Grad Tem- Peraturdifferenz zu erhalten(also bei 12 Grad Kälte im Freien auf 14 Grad Stubenwärme) braucht man im Durchschnitt, ohne das Anheizen zu rechnen, l'/« Kilo Kohlen, falls die Lust stünd- lich einmal erneuert wird, während man allerdings mit 1 Kilo auskommen würde, wenn man den Raum hermetisch abschließen könnte. Noch ist von der Ventilation zu verlangen, daß die Luft nicht mit zu großer Geschwindigkeit in das Zimmer einströmt, was durch genügende Weite des Luftzuführungskanals erreicht werden kann, sowie ferner, daß sie weder beim Ausströmen überhitzt sei, noch auch vorher beim Durchgang durch die Heizkammer des Ofens es gewesen sei, da sie durch Ueberhitzen den mitgeführten Ozongehalt, den man als so wichtig für das Gedeihen alles Lebens gefunden hat, einbüßt. Als eine Anforderung an gute Heizung wird ferner die ge- stellt, daß möglichst geringe Belästigung durch strahlende Wärme stattfinde. Das Wesen derselben besteht darin, daß sie durch die Lust fortgeleitet wird, ohne ihr jedoch einen Zuwachs durch das Thermometer, oder für unsere Nerven fühlbare Wärme mit- zutheilen. Erst wenn diese Art Wärme auf feste, undurchsichtige Körper trifft, erwärint sie dieselben. Die Wirkung der vom Ofen nach allen Richtungen ausgesandten strahlenden Wärme nimmt mit dem Quadrat der Entfernung von ihm ab, das heißt, sie zeigt in der doppelten oder dreifachen Entfernung nur den vierten oder neunten Theil derjenigen Größe, die sie an Wirkung auf gleich große Oberfläche in der ersten Entfernung besitzt. Das Schädliche einer erheblichen Abgabe von strahlender Wärme durch den Ofen liegt darin, daß hierbei keine Luftzirkulation bewirkt wird, wie durch geleitete Wärme. Die durch Leitung erwärmte Luft umspült uns vollständig und läßt uns wenigstens in gleicher Höhe von allen Seiten gleiche Temperatur empfinden. Die strahlende Wärme aber setzt sich nur auf derjenigen Seite unseres Körpers in sichtbare um, die dem strahlenden Ofen zugekehrt ist, während die andere Seite vor Frost zittern kann; welche Ersah- rung wohl jeder schon in einem kalten Zimmer gemacht hat, in dem sich ein zu recht rascher Dnrchwärmung glühend geheizter eiserner Ofen befindet. Nachdem wir uns nun mit allen wesentlichen Grundlagen und Gesichtspunkten vertraut gemacht haben, welche eine sichere und fachliche Beurtheilung ermöglichen, können wir schließlich darangehen, dieselben zu einer Schätzung der Brauchbarkeit und des Werthes der in unseren Wohnungen bestehenden Heizanlagen anzuwenden und daraus zu eutnehmen, nach welcher Richtung hin das hier, wie auf allen anderen Gebieten fördernswerthe Streben nach Verbesserung und Vervollkommnung zu leiten sei. Was wir gegenwärtig bei einem Umblick durch das ganze Land an Einrichtungen zur unmittelbaren Erzeugung unseres Bedarfs an künstlicher Wärme vorfinden, läßt sich in drei Kate- gorien theilen, die gewissermaßen historische sind, und die man in ähnlicher Weise auch in vielen anderen Fällen erkennen wird. Die erste ist die, welche die Vergangenheit repräsentirt. Es sind also hier Heizanlagen gemeint, die von der entwickelten Ein- ficht in deren Wesen und Nutzbarkeit längst überholt sind, und deren Unbrauchbarkeit, ja Verwerflichkeit eigentlich niemand mehr ernsthaft zu bestreiten wagt, deren man sich sogar schämt, die aber trotzdem noch konservirt werden aus nur historisch verständ- lichen Gründen, aus einem prinzipiellen Beharrungsbestreben gegen Neuerung. Wir gedenken dabei nicht der alttestamentarischen offenen Kohlenpfanne, obwohl sie in südlicheren europäischen Län- dern noch im Gebrauch ist, wo ihre giftigen Dünste nur deshalb das Leben der Bewohner nicht ihrer Gefährlichkeit entsprechend verkürzen, weil die Witterung sie seltener verlangt und offene Thören und Fenster, oder doch möglichste Undichtheit dieser und der Wände ihre Wirkung abschwächt. Der urgermamsche, offene Feuerherd mitten im Wohnraum, dessen Rauch und Dunst un- mittelbar durch Dach und Thür sich Ausweg suchen muß, ist zwar auch noch nicht verschwunden, aber doch äußerst selten ge- worden. Sind doch schon im vierzehnten Jahrhundert die Oefen erfunden worden und zwar, da man von Steinkohlen noch nichts wußte, zunächst zur ausschließlichen Verwendung von Holz als Brennstoff! Ihre Form war ursprünglich ein hohler, thöncrner, viereckiger Kasten, mit einer Thür zum Einheizen und einer Röhre zur Ableitung des Rauchs unmittelbar in den daneben liegenden Schornstein, der ziemlich so weit war, daß man zu Wagen hinausfahren konnte. Das war damals gewiß ein Fort- schritt, und das Heizmaterial war ja unendlich billig, wenn auch nur ein sehr kleiner Theil davon in solchen Oefen nutzbar gemacht wurde. Daß nun aber Anlagen nicht selten, fondern häufig jetzt noch existiren, die in ihrer Ursprünglichkeit nicht viel über jenen primitiven Zustand hinausgehen, und zwar vornehmlich auf dem Lande, darüber sei uns gestattet, die Autorität damit genau be- kannter Kreise hier anzuführen. Wir entnehmen einem der jüngeren Jahrgänge einer weitverbreiteten landwirthschaftlichen Zeitung des Großgrundbesitzes folgendes Citat: „In vielen Wirthschaften finden wir prächtige gewölbte Stal- lungen, hell und weiß gestrichen, und so sauber, daß man mit Lackstiefeln in ihnen herumwandeln könnte und ohne Geruch, denn das flüchtige Ammoniak fesselt der eingestreute Gips und der kupferne Dampfapparat bereitet leckere Suppe dem Rindvieh. Doch wenn wir nach dem Gesindehause fragen, so wird uns ein unscheinliches Haus gezeigt, dessen Dimensionen schon beweisen, daß hier nicht viel Leute wohnen können. Wir bitten um die Erlaubniß der Besichtigung, die uns vom Gutsherrn oder Be- amten mit einem ftagenden verlegenen ,o! bitte' gewährt wird. Wir treten in eine seit Jahren nicht geweißte Gesindefiube, so schwarz wie Dante's Hölle, mit kleinen Fenstern, deren Scheiben theilweis mit Papier ersetzt sind, Unordnung und Schmutz an allen Ecken, ein antediluvianischer Kochofen— der reine Feuerungsmaterialverschwender— mit zerborstener Platte, verbreitet Rauch aus allen Fugen, erbärmliche Tische, vielleicht eine Wiege, Hilden das Ameublement, und schmie- rige Kinder wälzen sich auf den unsauberen Dielen oder lehmigem Pflaster; das ganze macht einen unangenehmen Eindruck, und steht in großem Kontrast zu dem mit Komfort eingerichteten Schlosse und dem Stalle!" Wenn nun solche„antediluvianische" Oefen in den Gesinde- Häusern des Großbesitzes häufig anzutreffen sind, so läßt sich daraus ein Begriff abnehmen, wie dieselben in den Hütten der --- 428 ländlichen Tagelöhner beschaffen seien, die selbst für Herstellung und Unterhaltung sorgen müssen! Da steht auch in den ungünstigeren Fällen das Biiethskasernen- thnm der Stadt auf einer höheren Entwickelungsstufe, da ein- mal schon die Eigenthümer dieser Häuser die Oefen nicht ganz dürfen in Verfall gerathen lassen, um Miether zu bekommen, diese andererseits bei allzu offenbarer Unbrauchbarkeit zu An- sprüchen auf Wiederherstellung berechtigt sind. Wo aber, wie in Theilen Westdeutschlands, der Ofen nicht zum festen Inventar der Wohnungen gehört, lassen sich antedilnvianische Heizkästen schon darum nicht konserviren, da sie die Fährlichkeiten des Zu- fanimenklappens und Wiederanfstellens bei etwaigen Umzügen nicht überstehen könnten. Stellen nun auch die städtischen Heizanlagen, und zwar das System der Einzelheizung der Wohnräume durch Oefen, im großen Durchschnitt die der Gegenwart entsprechende Enttvicke- lungsstufe dar, so sind doch auch sie noch weit davon entfernt, eine Vollkommenheit erreicht zu haben und darum des Konser- virens Werth zu sein. Vielmehr thut eine eingehendere Betrach- tung gerade hier noth, damit wir erkennen, wie viel ihrer Ein- richtnng fehlt, um den oben aufgestellten Normalbedingungen zu entsprechen, und welche Aenderungen während ihrer vorläufigen Beibehalung erforderlich sind, damit wir uns bis zur Erreichung des besseren auf möglichst vortheilhafte Weise mit ihnen durch- schlagen können. (Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Mofenöerg. (Fortsetzung.) Binnen wenigen Minuten waren die Vorsitzenden gewählt und gleich darauf bestieg der Redner der Radikalen die Tribüne. Sehw Anhänger begrüßten ihn mit Beifallszurnfen.— Ruhig, gemessen, schlicht und wohlgeordnet sprach er. Er wies vor allem die Unzahl der Verdächtigungen zurück, die besonders in letzterer Zeit gegen seine Gesinnungsfreunde in gehässiger Weise geschleu- dert worden seien, und zeichnete init scharfen Strichen ein Bild der krassen Unwissenheit, welche sich in Bezug auf die brennenden Fragen der Zeit breit mache.„Ich habe hierbei die letzten Artikel der, Alten Welt"', fuhr Redner fort,„mir als Vorwurf ge- nommen. Ich glaube, ein Recht zu besitzen, diese Pamphlete als unreife Schülerarbeiten zurückzuweisen." Darauf verbreitete sich der Sprecher über das aufgestellte Thema und bemühte sich, in klaren Worten die Situation zu zeichnen. Von der Darlegung der Bedeutung der Presse für das Volkswohl ging er auf die herrschende Verderbniß ein.„Ich schweige", sagte er unter anderm, von dem Jnscrtionswesen, das den Zeitungen im Durch- schnitt die Unterhaltungskosten liefert und ohne Unterschied Gutes und Schlechtes, Anständiges und Schamloses bringt. Ich will von der großen Seuche sprechen, die vor kurzem hier bei uns ausgebrochen ist." Er erzählte den Verlauf der Enthüllung.— „Wir haben keine anderen Beweise für das Verbrechen, als die Kopien aus dem r... scheu Bankhausc, aber wir sind der Ueber- zeugung, daß sie mit den Originaleintragnngen übereinstiminen werden. Es wird die Frage sein, ob das Bankhaus gezwungen werden kann,� ihre Bücher als Beweise vorzulegen. Wir haben eine Volksversammlung zusammengerufen, damit diejenigen, welche vor unserer moralischen Ueberzeugung erniedrigt dastehen(aus Wolkenbauers Munde ertönte bei diesen Worten ein höhnisches Oho!), die Gelegenheit haben, sich zu rechtfertigen." Nach dieser beifällig aufgenommenen Rede trat eine kleine Pause ein. Die Anwesenden unterhielten sich lebhaft. Endlich erscholl am Präsidenten- tisch die Glocke:„Herr Doktor Fritz Wolkenbauer hat das Wort." Gravitätisch bewegte sich mein früherer Chef der Rednerbühne zu, nach allen Seiten warf er theils frohlockende, theils verächtliche Blicke. Das Interesse ward durch dieses Benehmen auf das äußerste gesteigert. Mit leiser Stimme begann er zu sprechen, flüssig, leicht; er suchte mit gewandter Dialektik darzuthun, daß die verdächtigten Zeitungen das Opfer eines schändlichen Betruges seien, daß sein eigenes Unternehmen bei der ganzen Sache nicht nur nicht be- theiligt sei, sondern stets sich habe angelegen sein lassen, das Publikum rechtzeitig vor Verlusten und zweideutigen Unter- nehmungen zu warnen. Hätten sich aber wirklich Journalisten an den Gewinnen der Börsenspekulation betheiligt, so seien sie mit seinem Unternehmen nicht zu identifiziren.„Völlig rein ist die ,Alte Welt'. Wer ihre Integrität antastet, ist ein Schurke."— Es erhob sich von verschiedenen Seiten Lärm. Wolkenbauer aber ließ sich nicht stören. Er wiederholte seinen Ausspruch und rief zum Schluß:„Im Bewußtsein voller Unschuld verlasse ich die Tribüne. Die Strafe wird denen aufs Haupt fallen, die uns frevelnd zwangen, uns zu rechtfertigen in einer Sache, die Erfin- dung notorischer Verleumder ist!"— Es dauerte lange Zeit, ehe sich die entstandene Unruhe gelegt hatte.— Kühn gemacht durch Wolkenbauers zuversichtliche Worte sprachen noch einige andere Gründlinge in gleichem Tone. Zusehends neigte sich die Zustimmung auf Seite der sich Vertheidigenden. Ich hörte rechts und links mißliebige Ausdrücke über die Ankläger. Es war Zeit, daß der Wind sich drehte.„Wir Ivollen Beweise, authentische Beweise!" rief der letzte Redner in die Menge.„Wir wollen keine gefälschten und fingirten Kopien! Beweise!"— Das Herz schlug mir zwar gewaltig, als ich mich von meinem Sitze erhob, und ich mag wohl etwas stark gebebt haben, als ich auf diese Worte versetzte:„Ich bitte ums Wort!"— Alles blickte auf mich. Ich schritt auf den Vorstandstisch zu, und als man mir das Recht zum Sprechen ertheilte, stand ich zum erstenmale als Redner vor einer unzählbaren Volksmenge, aber mit dem Bewußtsein von der Wichtigkeit meines Vorhabens stieg auch mir der Muth, von Sekunde zu Sekunde wallte das Blut langsamer in meinen Adern, und als das Geräusch im Saal verstummt war, erhob ich meine Stimme. Je länger ich sprach, desto unruhiger ward die Menge, die mir auf verschiedene Weise Beifall gab. Als ich das Motiv der Veröffentlichung der Schmähartikel in der„Alten Welt" enthüllte, lief ein Gemurmel durch den Saal und nur eine Stimme rief dazwischen:„Wo sind die Beweise?"—„Hier," versetzte ich laut,„ich habe sie hier vor mir liegen!" Ich konnte nicht weiter sprechen. Der Tumult, der nach diesen Worten cnt- stand, läßt sich nicht beschreiben. Zwischendurch hörte ich rufen: „Wolkenbauer hierbleiben,— die Herren hierbleiben!"— Der Präsident erzwang sich schließlich mit der Glocke Ruhe. Um die Rednerbühne hatten sich inzwischen Neugierige gelagert. Der Redakteur der„Provinz-Zeitung" grüßte zu mir hinauf, ich lächelte und erklärte, wie ich zu den Papieren gekommen:„Ich stelle es in die Macht der Versammlung, der öffentlichen Mei- nung, zu bestimmen, ob ich etwas unrechtes begangen.—— Ich habe nur die Beweise für die Schuld des Redakteurs Müller bei der„Alten Welt", aber wenn diese authentischen Belege mit den veröffentlichten Noten in der„Provinz" übereinstimmen, so liegt kein Grund vor, die übrigen Zeitungen von der behaupteten Schuld zu dispensiren!"-- Aus Hunderten von Kehlen tönte Bravo und Hoch; man drängte sich von allen Seiten heran, um mich zu sehen, zu loben, mir die Hände zu schütteln.-- Univillkürlich ließ ich mich von den Redakteuren der„Provinz" in eine Restauration entführen, wo man mir dankte und sich Glück wünschte über den glücklichen Ausgang dieser heiklen Affaire. „Haben Sie Wolkenbauer gesehen?"— Er saß zwischen zwei robusten Arbeitern wie in einem Schraubstock. Er konnte nicht loskommen, wie er es wünschen mochte. Dicke Schweißtropfen rollten von seinen Schläfen herab und das Haupt in die Hände gestützt, schien er mehr das Aussehen eines Ohnmächtigen als das eines Lebemannes zu besitzen, als welcher er vor einer Stunde zur Rednertribüne hinaufgestiegen war.„Er wankte zum Saal hinaus, lvie ein Trunkener," fügte ein anderer hinzu! ---- Den Redakteuren der„Provinz" behändigte ich die Rechnungen, indem ich die Anwesenden als Zeugen hinzuzog.— Erst nach Mitternacht suchte ich meine Wohnung auf. Freimann erwartete mich. Er hatte den Tisch fein säuberlich gedeckt. Oben drauf stand eine Flasche Wein.——„Das hattest du gut ge- macht, Heinz," lachte er mich an;„ich war zufällig Zeuge deines Triumphes. O, du verschlossener Mensch! Das hättest du mir auch können vorhersagen; dann hätte ich wenigstens nicht drei Stunden schwitzen brauchen!"--— Wir tranken mit vielem 429 Humor die Flasche Wein leer und als ich endlich zu Bett ging, schlug es vom Kirchthurm 2 Uhr.--- Wolkenbauers Faktotum war in aller Frühe bei mir. Ich solle zum Doktor kommen. Er ließe mich dringlich darum bitten. -- Ich schickte den Alten mit energischem Protest zurück.--- Wolkenbauer hat wieder geschickt.— Diesmal stellte er mir durch einen Zwischenmanu viel Geld zur Verfügung, wenn ich die Papiere aushändigen wollte. Er machte mir weitgehende Versprechungen und betheuerte auf das schmeichelhafteste seinen Respekt.--- Ich dachte bei einer nochmaligen Belästigung die Polizei zu Hülfe nehmen zu wollen und komplimentirte den Vermittler zur Thür hinaus. Die Zeitungen sind voll von Berichten über die gestrige Ver- sammlung.— Alle bemühen sich, die Sache zu verdrehen und zu verhüllen. Man bemängelt meine Rede und fährt fort, seine Unschuld zu betheuern!---- Als ich heute Mittag durch die Stadt ging, wurde ich überall gegrüßt. Es waren besonders Kleinbürger, Handwerker und Arbeiter, die mir auf diese Weise ihr Beifallsvotum gaben.-- (Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Kudotph von A...... (Fortsetzung.) Fritz Lauter sprang auf von seinem Stuhle und schritt hastig ans Fenster, das er öffnete, wie um frische Luft zu schöpfen. Willisch machte eine Wendung, aber ohne sich zu erheben, und sagte: „'S kommt Ihnen wohl vor, als wenn die Geschichte zum Davonlaufen wär'? Ist's auch beinah'— die und manche andre. Wenn ich Ihnen z. B. meine Geschichte erzählte— die Geschichte, wie man Rittergutsbesitzer wird—, ich denke, die würd' Ihnen auch interessant sein, denn Sie sind, wie gesagt, eine ehrliche Haut, aber Sie wollen so was wahrscheinlich nicht hören——" Fritz schaute unverwandt ins Freie; nach einer Pause ant- wortete er jedoch: „Nein, erzählen Sie,— nur beantworten Sie mir vorher eine Frage! Was Sie mir erzählen wollen, wirft auch ein un- günstiges Licht auf meinen Chef, Herrn Schweder?" „Wie man's nimmt!" Willisch zuckte mit den Achseln.„In den Augen einer Unschuld, wie Sie sind— ja! Vom Stand- punkte so eines Menschen aber, wie ihn die Welt heutzutage braucht und, wissen Sie, verdient, eines so recht mit allen Hunden gehetzten Menschen, wie man sagt, der das Leben nimmt, wie's ist, und immer nur sieht, wo er bleibt, für so einen müßt' ich mit nein antworten, im Gegentheil sogar." „Nun, so erzählen Sie nur." „Schön, aber Sie müssen Sich wieder hersetzen zu mir. Denn die Bauern da unten in der andern Ecke machen ihre langen Ohren noch länger und möchten gar zu gern hören, was wir reden. Und von dem, was ich Ihnen jetzt sagen werde, dürfen die Kerle nichts hören,— das gäb' einen schönen Spektakel!" Lauter nahm seineu alten Platz wieder ein und Willisch begann: „Ich bin also Rittergutsbesitzer und habe mich auf diesen schönen Posten vorbereitet als, na, es will mir garuicht mehr recht über die rittergutsbesitzerliche Zunge, mit Respekt zu melden— als Dieustmann. Und zwar bin ich durch mein Verdienst als Dienst- mann so avancirt. Ja, scheu Sie mich nur so zweifelnd an, junger Herr von der Feder, hätt' ich meine Sache nicht so aus-. gezeichnet gemacht, als ich in der blauen Bluse steckte und für zwei Thaler den Tag und diverse Extraspesen des vornehmen Herrn Schweder sein'n Spion machte—" „Spion?" Um Fritz Lauters Mund legte sich ein verächt- licher Zug.„Spion?" ft-agte er noch einmal, als Willisch, der einen gewaltigen Schluck aus dem großen Schoppenglase genommen hatte, nicht sogleich antwortete. „Wenn man als Dienstmann was verdienen will, junger Herr, da darf man sich die Kommissionen, die man kriegt, nicht erst hinten und vorne besehen, ehe man sie ausführt. Ich kannte den Herrn Schweder als den noblen Herrn, bei dem's auf ein paar Thaler nie angekommen ist, und da griff ich natürlich mit beiden Händen zu, wenn der mir was zu thun gab. Außerdem kam mir's riesig spaßig vor, daß ich den reichen Alster und die superklugen Rechtsverdreher, die Wichtels, ausspioniren sollte. Was war da Böses dabei, wenn ich alle Morgen dem Herrn Schweder, wie ein vortragender Rath seinem Minister, meinen Bericht abstattete, wo der Herr Juftizrath am Abend vorher seinen Wein getrunken hatte, was für eine Schauspielerin der Herr Alster oder der junge Herr Wichtel zum Souper bestellt hatte, und was dergleichen schöne Beschäftigungen, wie sie die reichen Herren vorhaben, mehr sind?" „Was für ein Interesse konnte das alles aber für Herrn Schweder haben?" „Was für ein Interesse? Na, sehr einfach, oder vielmehr garnicht einfach, sondern ein doppelt und dreifaches Interesse,— zu Anfang dacht' ich, die Geschichte wäre sehr einfach, der Herr Schweder wollte blos wissen, wie bei Alsters der Hase läuft, um das famose Mädel, die Tochter vom alten Alster, bequemer wegschnappen zu können--" „Was reden Sie da für Thorheit, Herr Willisch," fuhr Fritz Lauter dazwischen.„An Wanda Alster hat Herr Schweder gewiß niemals gedacht in dem Sinne, wie Sie es meinen, und— und wenn er an sie gedacht hätte?— nun, es ist Thorheit, von so etwas nur zu reden--" „Seh einmal ein Mensch an, wie Sie wieder warm werden, wenn man auf die schöne Wanda zu sprechen kommt." „Herr Willisch, ich bitte--" „Schon gut. Ich sage nicht ein Wort, d. h. ich fahr' ruhig fort in meiner Erzählung. Sehen Sie, vorläufig war ich cttso auf den Holzweg gerathen; nicht die Tochter wollte der Herr Schweder erobern, sondern für's erste den Alten, und den auch nicht für sich, sondern für seinen Freund Senkbeil. Ich sag' Ihnen, das war feine Arbeit— wie der den alten Alster und die Wichtels an der Nase herumgeführt hat, bis sie endlich auf die Kompagnieschaft mit dem Senkbeil hineinfielen, der— hol' mich der Teufel!— so elend bankerott gemacht hätte, wie nur einer, wenn die gescheiten Herren, die die Eisenbahn in der Tasche hatten und die viele Arbeit von der Eisenbahn mitbrachten in die unvernünftig groß angelegte Fabrik, wenn die nicht ins Garn gegangen wären." „Ich kann den Zusammenhang nicht finden in dem, was Sie erzählen, Herr Willisch. Durch die Kenntniß der Thatfachen, wo der Justizrath seinen Wein trank und mit was für Schau- spielerinnen sein Sohn und Herr Alster, von dem ich solche Dinge übrigens nicht so ohne weiteres glaube, zusammenkamen, gewinnt doch niemand bestimmenden Einfluß auf Männer von soviel Ver- stand und in unabhängiger Stellung!" „Und doch hat er's, der feine Herr Schweder. Er hat den andern ihre Schwächen abgelauscht, er hat dann mit ihnen ge- kneipt, hat sie mit schönen Damen zusammengebracht, und wenn sie windelweich waren vor Vergnügen und Gemüthlichkeit, hat er sie beschwatzt; und das versteht er, so in schwachen Augen- blicken auch die gescheitesten Leute tanzen zu lassen, wie er pfeift, soweit müssen Sie ihn doch kennen, denk' ich. Aber lassen Sie mich nur weiter erzählen. Wie er die nun in der Kompagnie mit Senkbeil drin hatte, mußten sie auch Geld'rausrücken zu der großen Zeitung— anfangs hat wohl der Justizrath's meiste gegeben gehabt, dann aber mußte der Alster ordentlich dran glauben. Nun spielt er in politischen Sachen die erste Geige, die großen Bankgeschäfte und Aktiengesellschaften müssen ihm um den Bart gehen, bei unseren Eisenbahnbauten macht er einen Riesenschnitt--" „Halt!" rief Fritz Lauter.„Das ist nicht wahr, das ist zum mindesten ein großer Jrrthum. Ich weiß ganz gewiß, daß Herr Schweder keine Bahnaktien hat und überhaupt mit der Bahn in keiner Geschäftsverbindung steht." Willisch lachte.„Sehr schön," sagte er.„Das hat aber auch niemand behauptet. Daß ich ein Rittergutsbesitzer bin, das wissen Sie doch auch ganz gewiß, Herr Lauter, wie?" „Was hat das damit zu thun?" fragte Fritz zurück. Nr. 3«. mo. „Nun, Sie wissen ja, ich bin Rittergutsbesitzer von Herrn Schweders Gnaden. Mich kostet mein Gut ein paar Federstriche, die Anzahlung hat Herr Schweder geleistet, und zum Dank für diese ungeheure Großmuth Hab' ich einen Kontrakt mit ihm gemacht. Wenn ich das Gut ganz oder theilweise verkaufe, so gehört der Profit zu neun Zehnteln dem Herrn Schweder. Nanu sehen Sie, die Eisenbahngesellschaft hat schon ihre Linien quer durch meine Grundstücke abgemessen,— für 40000 Thaler kaust sie mir Grund und Boden ab, der vorher sich nicht auf 5000 verzinste, macht ein Profitchen von 35000, von denen ich kontrakt- lich 3500 Thaler mir behalten kann, das übrige schnappt mein hochwohlgeborner Gönner, der Herr Schweder." Wieder legte sich jener leise Zug von Verachtung um Fritz Lauters Lippen. „Und daß Sie bei diesem— Geschäfte nur den zehnten Theil bekommen, das ärgert Sie natürlich, Herr Willisch?" Willisch hatte den Kopf in die Hände gestützt; jetzt fuhr er auf: „Sie halten mich für so eine An mißgünstigen Lunipeu— nun, warum auch nicht? Vielleicht täuschen Sie Sich aber doch ein wenig. Ich will Ihnen die 3500 Thaler geben und auch nicht einen rothen Heller für mich selbst behalten, das Geld kann mir gestohlen werden. Nein, was mich ärgert und was mich allmählich noch zu einem ganz ordentlichen Säufer machen wird, ist, daß ich thun muß, was ein anderer will, und daß ich, ob ich will oder nicht will, Helfershelfer bin zu— na,'s ist mal nicht anders— zu Geschäften, die, genau besehen, doch verdammt unsauber sind. Zurück könnt' ich fteilich, wenn ich wieder ordi- närer Dienstmann werden wollte, aber sehen Sie, das ist meine Schwäche, jämmerlich mag's sein, aber ich kann mich nicht über- winden,— wenn ich nicht muß, ziehe ich die Bluse nicht wieder an. Wenn man einmal so'n Herrenleben kennen gelernt hat— dann soll der Teufel wieder Dienstmann werden." Der verächtliche Zug um Fritz Lauters Lippen hatte sich ver- loren, aber sehr nachdenklich und finster schaute er drein, als er antwortete: „Ja, es ist schwer, das fühl' ich selber, von einer Stufe auf der Lebensleiter, zu der man emporgestiegen ist, wieder herab- zusteigen; vorwärts und höher hinauf will jeder, freiwillig hinunter, keiner. Können Sie mir den Konttakt zeigen, Herr Willisch?" „Gewiß kann ich's. Ich Hab' sogar's Original— von Herrn Schweders eigener Hand geschrieben— und er hat'ne Abschrift von meiner Hand. Aber's bleibt unter uns. Verrathen will ich ihn nicht, den Herrn Schweder; aber Sie sollten wissen, in was für Händen Sie sind, damit's Ihnen nicht ähnlich geht, wie mir. An mir ist nicht viel verloren,— aus Ihnen kann aber was werden, denk' ich, darum Hab' ich geredet--" Willisch schaute sich um. Die Wirthsstube war inzwischen voller geworden. Aber in ihrer nächsten Nähe waren die Tische noch nicht besetzt, und das war um so auffälliger, als die vorhin schon von Willisch erwähnte Neugier der anwesenden Landleute, was die beiden wohl thun und sprechen möchten, auf deren Gesich- lern deutlich ausgeprägt war. Auch hatte keiner von den Ein- Die Republike« Südamerika's i« ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. M-r vogirr. (FortsiSung.) Abermals trat Anarchie ein; dann suchte Dr. Lina res, der von 1857 bis 1861 die Prasidentcngewall als Diktator repräsenttrte, durch energische Strenge, aber ohne Erfolg, eine feste Autorität zu be- gründen; General Cordova, sein Nachfolger(1361), sah sich, noch ehe das erste Jahr seiner Regierung vorüber war, durch Jose Maria de A ch a verdrängt, der nun durch Härte und Strenge die Herrschaft seiner Partei zu befestigen suchte. Aus die Kunde, daß eine neue Verschwö- rung zu Gunsten Cordova's oder Belzu's im Werke sei, ließ der Be- sehlshaber von La Paz, Oberst Placido Ianez, in einer Nacht(Oktober 1861) hundertundsechs verdächtig erscheinende Personen erschießen, dar- unter Cordova selbst, einen Bruder des früheren Pcäsidenten Belzu und mehrere angesehene Militär- und Civilbeamte. Durch diese Grau- samkeit indessen nicht abgeschreckt, verbanden sich die Gegner der Re- gierung aufs neue, und erst nach Verlaus eines Jahres war die Prä- sidentjchast Acha's einigermaßen gesichert, so daß wieder an die Hebung des Landes gedacht werden konnte. In dem Kriege zwischen Spanien und Peru stand Acha auf der Seite des Nachbarstaats, obwohl er vor ttetenden zu ihnen herübergegrüßt, dafür aber war mehr als ein finsterer, feindseliger Blick über sie hingestteift. Fritz Lauter hatte das alles nicht bemerkt; er saß mit dem Gesicht gegen das Fenster und war viel zu sehr von dem, was er hörte, in Anspruch genommen. Willisch aber hatte wohl auf- gemerkt. „Ich denke, wir gehen," sagte er, nachdem er sein Glas mit einem letzten, mächttgen Zuge geleert hatte.„Hier sieht uns kein anderer gern, als der Wirth, und der schließlich auch blos dann, wenn möglichst wenig andere Gäste da sind." Lauter erhob sich sofort. Er hatte sein Glas fast garnicht- berührt und nahm auch,— ttotz Willischs Aufforderung, doch aus- zuttinken, der Stoff sei werth, gettunken zu werden,— keinen Tropfen mehr. Als sie das Zimmer verließen, grüßte Fritz zu den Bauern hin, die aber thaten, als ob sie nicht sähen und hörten, und der laute Abschiedsgruß des Wirthes machte die Pein- liehe Stille ringsumher nur noch bemerklicher. „Nun, da haben Sie wieder eine Probe von der Gesinnung unseres Landvolkes," sagte Willisch, als sie ihren Wagen bestiegen hatten und in mäßigem Trabe davonfuhren. Fritz Lauter wollte antworten, aber eben kam dem Wagen ein ganzer Trupp Landleute entgegen, Männer und Weiber, denen man die größte Armuth an Kleidung und Haltung auf den ersten Blick ansah. Sie sprachen sehr lebhaft mit einander, und als sie erkannten, wessen Gefährt es war, das ihnen entgegenkam, deuteten sie darauf hin, und ein langer, hagerer, wildaussehender Mensch rief: „Da kommen ja auch solche Kerle— Rittergutsbesitzer und Zeitungsschreiber— ha, ha! Für die Arbeit wird bezahlt, und verflucht nobel bezahlt, da werden keine Pollaken genommen, die's Bummeln und Faullenzen doch ebenso gut könnten, als das Pack. Na, wir werden mit euch schon abrechnen,— ehe wir verhungert sind, seid ihr todtgeschlagen." Einige aus dem Haufen suchten den Sprecher zum Schweigen zu bringen, jedoch ein junges, starkknochiges, aber äußerst mageres Weib rief den zur Ruhe mahnenden Männern zu: „Laßt ihn nur! Recht hat er ja, und warum sollen wir ewig und immer's Maul halten, wir werden's so vor Hunger bald nicht mehr rühren können. Und warum sollen die herrlich und in Freuden leben, und wir mit unseren Kindern verfaulte Kar- toffeln und Wurzeln fressen, wie's im letzten Winter hunderte gethan haben,— wenn's schon'mal gestorben sein muß, stirbt sich's besser in Gesellschaft, denk' ich!" „Hurrah!" schrie der Lange wieder.„Die Suse hat recht! Die muß euch Hasenfüßen erst mit gutem Beispiel vorangehen, eh' ihr euch traut, auch'mal euer Maul aufzumachen. Nieder mit der Package von der Eisenbahn und den hergelaufenen Rittergutsbesitzern und Zeitungsschreibern, die ellenlange Berichte in die gedruckten Wische in der Stadt schreiben, wenn hier's Volk hungert und friert, damit die in der Stadt ihre helle Freude haben über die schöne Einrichtung, daß sie satt zu essen haben und warm sitzen. Nieder mit der feinen Bande!" (Fortsetzung folgt.) allen Demonstrationen gegen das Mutterland warnte. Im folgenden Jahre(1864) aber schon lehnte sich gegen ihn Maria Melgarejo auf,, der auch nach einer von ihm siegreich gegen die letzten Truppen Acha's bei Ocaza in der Nähe von Potosi(Februar 1865) geschlagenen Schlacht als Präsident anerkannt wurde und sich ttotz neuer, durch Belzu(der am 27. März 1865 bei dem Angriffe Melgarejo's aus La Paz seinen Tod durch eine Kugel fand) und bald darauf durch Castra Arguedas (25. Mai 1865 bis 24. Jan. 1866) hervorgerufenen Ausstände zu be- haupten wußte. Melgarejo ertheilte eine allgemeine politische Amnestie. Einen Ausstandsversuch der Demokraten, 17. Oktober 1866, unterdrückte er rasch und ließ die Rädelsführer umbringen. Seit dem Februar 1869, wo die erst ein Jahr vorher vereinbarte Konstitution von Mel- garejo wieder aufgehoben wurde, regierte derselbe faktisch als Diktator. Ein neuer Ausstand brach im Februar 1879 unter den Indianern in den östlichen Landestheilcn aus, zu dessen Niederwerfung es längerer Zeit bedurfte. 1871 wurde der Oberst Morales, 1874 Dr. Frias Präsident. Chile hat einen Flächeninhalt von 6238 Quadratmcilen und gegen 2 Millionen Einwohner. Das 2l)— 35 Meilen breite und über 399 Meilen lange Küstenland soll seinen altindianischen Namen(spr. Dschile) von dem Laute einer dort häufigen Drossel erhalten haben. Die Küste ist ihrer Hauptrichtung nach zwar einförmig, bietet aber in ihren Einzel- bildungen durch zahlreiche Flußmündungen und die sich zwischen den- selben erhebenden Felsvorsprünge viel Abwechselung. Im nördlichen Theile rauh und kahl, der Abfall einer über 800 Meter hohen Hoch- ebene, gestaltet sie sich weiter südwärts durch die sie überkleidende reiche Vegetation freundlicher und einladender. Das Land bildet bekanntlich den Westabhang der nach Süden allmählich an Höhe abnehmenden Anden mit einem aus Hügelland und Hochebenen, nebst einzelnen nie- drigercn, an der Küste von Norden nach Süden streichenden Bergketten, bestehenden Vorlande. Ueber die granitischen und metamorphischen Gesteine ragen zahlreiche vulkanische Kegel empor; die durchschnittliche Kammhöhe beträgt 4500, weiterhin gegen Süden 4000 und südlich von Chiloe 1500 Meter. Einzelne Gipfel haben eine Höhe von 6—7000 Meter. Das starre, vegelationsarme Hochgebirge ist unwirthlich und öde, nirgends von freundlich grünen Thälern, wie in unseren Alpen, durchbrochen. An Vulkanen besitzen die chilenischen Anden nach Leopold von Buch L4, nach Pöppig l6; nach anderen befinden sich in der ganzen chilenisch-patagonischen Kette L3 Vulkane, davon noch 3 in Thäligkeil. Zum Glück finden verheerende Ausbrüche fast gar nicht statt; als der thätigste erscheint der Vulkan von Chillan. Dagegen sind Erdbeben, gleichwie in Peru, sehr häufig; besonders stark waren diejenigen von 1570, 1647, 1657, 1730, 1751, 1822, 18�4, 1835, 1871. Der Rcich- thum der Bewässerung in Chile ist außerordentlich. Auf den hohen Gebirgen entspringen tausende von Quellen und Bächen, die in jähem Laus hinab in das tiesere Land eilen, sich zu nicht weniger als 53 größeren Flüssen vereinigen, in engen Felsschluchten die Küstenthäler durchschneiden und sich, wasserreich, aber wenig für die Schifffahrt ge- eignet, in den Großen Ozean ergießen. Wie in Peru und Bolivia ist das Klima ein sehr verschiedenes. Das nördliche Gebiet erhält sast gar keine Westwinde, die Ostwinde sind scharf und trocken; innerhalb fünfzig Jahren gab es hier nur einmal Regen. Unter Siesem Einfluß erscheint das Vorhandensein der Wüste Aracama, 23- 23» südl. Br., zwischen Meer und Anden, aus deren große sandige Landstrecken wir noch zurück- zukommen haben werden, erklärlich. Mehr südwärts wird Chile von den rückkehrenden Passat- oder Zugwinde» getroffen, infolge deren vom April bis August in der Regel Regen stattfindet. Valdivia hat vom Juni bis Sevtcmber Regen und ein milderes Klima; der Landstrich von Valparaiso bis Valdivia wird„der Garten der Neuen Welt" genannt und gehört zu den gesegnetsten Ländern der Erde, wie denn das Innere des Landes überhaupt weite Strecken lang die üppigste Vege- tation und den verschiedenartigsten Pslanzcnwuchs ausweist. An Mineralien finden sich in Chile ebensalls große Mengen von Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Salpeter, Steinsalz u. s. w. Bedeutend ist auch die Ausbeute an Braunkohlen und auf der an der Südspitze gelegenen Insel Chiloe, wie den umliegenden kleineren Inseln, von vielen Millionen Seevögeln bewohnt, sind große Guanolager vorhanden. Die Bevölkerung Chile's ist in rascher Zunahme begriffen und zeichnet sich durch eine ungewöhnlich hohe Lebensdauer aus. So gibt der Census von 1854 2312 Personen im Alter von 80—30, 2741 im Alter von 30—100, und 588 im Alter von mehr als 100 Jahren, welche letzteren namentlich aufgeführt werden, an; der älteste Mann hatte ein Alter von 132 Jahren erreicht. Die Bewohner, unter denen sich, wie in Peru, viele Deutsche befinden, sind arbeitsam und beuten die Schätze des Landes nach Kräften aus, sodaß Ackerbau, Viehzucht und Bergwerlsbetrieb in großer Blülhe stehen. Der letztere ist nament- lich im Norden vorherrschend, wo sich die Bevölkerung um die Gruben und Hütten zusammendrängt. Durch Bau von Straßen und Eisen- bahnen, Anlegung einer Äckerbauschule, Begründung eines eigenen Ministeriums sur den Ackerbau und öffentliche Bauten, Errichtung einer Landeskreditkasse, Aushebung der beschränkenden Majorate hat der Staat für die Hebung des Ackerbaues gesorgt. Tagegen ist die Industrie, abgesehen von den zahlreichen Mahlmühlen, den Schiffsbrolbäckereien, den mit Dampfmaschinen betriebenen Branntweinbrennereien, der Seifen- siederei und der sich aus Anfertigung der wollenen Ponchos beschränken- den Handweberei, wenig entwickelt, während wieder der Handel eine große Ausdehnung gewonnen hat. Das Postwesen ist wohlgeordnet, der Verkehr zur See wird durch eine eigene Handelsflotte, sowie durch britische und französische Dampfer, welche bestimmte Fahrkurse mit zahlreichen Landungsplätzen haben, besorgt. Auch mit dem Schulwesen ist es in Chile besser, als in Peru und Bolivia bestellt. Es gibt sowohl eine große Änzahl von Primärschulcn wie auch Unterrichtsanstalten für das vorgerücktere Alter. Außerdem gibt es ein Seminar für Lehrer und ein solches sür Lehrerinnen, zu denen in neuerer Zeit jedenfalls noch andere solcher Anstalten gekommen sind, Mittelschule» oder Kollegien, das Jnstiluto Nacional in Santiago, verbunden mit der Universidad de Chile, jenes 1813, diese 1783 von den Spaniern gegründet, 1842 er- neuert. Eine Bibliothek, eine Sterrnvartc und ein Nationalmuseum existiren gleichfalls mit diesem Institut. Besonderen Zwecken dienen die Bergakademie in Copiapo, die Handelsakademie in Quillota, die Militär- akadcmic in Santiago, die Marineakademie in Valparaiso, die Steuer- mannsschule in Ancud, die Akademie der schönen Künste in Santiago. Die Mönche und Nonnen widmen sich meist der Jugenderziehung und Di« Hauptstadt des Landes, Sitz des Präsidenten und eines Erzbischoss, ist das durch Eisenbahn mit der Hosenstadt Valparaiso verbundene Santiago(116 000 Einwohner). (Schluß folgt.) Georg Gottfried GervinuS(Porträt Seite 424). Am 20. Mai sind es 75 Jahre, seit einer der vorzüglichsten deutschen Geschichts- schreiber, Georg Gottfried Gervinus, in Darmstadt das Licht der Welt erblickte.„Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen",— wohl selten fand dieser schillcr'sche Ausspruch eine treffendere Anwendung wie bei dem politischen und literarischen Wirken des Mannes, dessen natur- getreues Bildniß die vorliegende Nummer bringt. Während seine„Ge- schichte der deutschen Dichtung" in. mehr als einem Sinne Grund- und Eckstein unserer deutschen Literaturgeschichte geworden ist, an welchem sich hunderte und aber hunderte von kleineren Werken genährt haben und sür alle Zeit einen Gradmesser sür die Bedeutsamkeit und mäch- tigeAnziehungskraft des entschiedenen Oppositionsmannes abgibt, hat man seine„Geschichte des 13. Jahrhunderts seit den wiener Verträgen" ziemlich kühl, und sein letztes Werk„Händel und Shakespeare, zur Aesthetik der Tonkunst" geradezu ungünstig aufgenonimen. Daß der herbe aber gerechte Schriftsteller in der„Geschichte der deutschen Dichtung" ganze Entwickelungen und Talentreihen dazu verurtheilt, lediglich als Kulturdünger für nachkommende Gestaltungssormen zu gelten und uns dadurch vor Ueber- oder Unterschätzung der deutschen Dichtung bewahrt, machte die Vergötterer vieler Dichtcrberühmt- heilen stutzig, konnte aber den Beifall der urtheilssähigen Leute nicht herabmindern. Daß aber der Geschichtsschreiber in der„Ge- schichte des 13. Jahrhunderts seit den wiener Verträgen", mit der Entwickelung der preußischen und deutschen Politik zerfallen, die Ge- staltung Deutschlands nach dem Kriege 1866 mißbilligte und auch die nationale Begeisterung des Jahres 1371 nicht theilen mochte, das konnten ihm die„Gesinnungstüchtigen", die Praktiker, welche nach jeder Schwenkung ihre Devise verändern, nicht verzeihen. Gervinus war ein Charakter, der an seiner Ueberzeugung unwandelbar festhielt. Im Jahre 1835 erhielt er die Professur für Geschichte und Literatur an der Universität Göttingen, wurde aber als einer der berühmten„Göt- tingcr Sieben", der sieben Professoren Dahlmann, die beiden Grimm, Ewald, Gervinus, Albrecht, Wilhelm Weber, die gegen den Versassungs- bruch protestirten, seines Amtes entsetzt und gerade er, Gervinus, weil er den Protest unters Volk gebracht hatte, sofort des Landes verwiesen. Als die„Göttinger Sieben" in die Fremde zogen, da wandte sich Gervinus nach Süddeutschland und später von dort nach Italien. Sein Ausenthalt in München galt vor allem der Kunst; mit regem Eiser besuchte er die Sammlungen der Stadt und die Ateliers ihrer Maler. Die Eindrücke, die er hierbei gewann, legte er in einer längeren Reihe von Aufsätzen nieder. Sie waren ganz von jener Vornehmheit getragen, die für die geistige Erscheinung des edlen Gervinus so charak- teristisch ist; am höchsten aber unter all den Künstlern, denen er be- gegnet, stellte er schon damals den jugendlichen Kaulbach, den er den Gedankenmaler und den Verkörpercr seiner Träume nannte. Auch in Rom, wo Kaulbach im Jahre 1833 weilte, trat er mit Gervinus in mannichfache Berührung und empfing von ihm die Anregung zu seinen späteren Schöpfungen. Dem wißbegierigen Kaulbach, der nur eine kärgliche Schulbildung genossen hatte, war der Meister der Wissenschast ein stets willkommener Gast. Die Freundschaft, die im Süden ge- schloffen ward, blieb auch nach der Rückkehr in die deutsche Heimat bestehen und währte beinahe zwei Jahrzehnte lang; fast regelmäßig, wenn Kaulbach eine größere Ärbeit vollendet hatte, die vervielfältigt ward, sandle er einen Abdruck derselben nach Heidelberg, wo Gervinus seit 1844 Honorarproseffor war; geistvolle Freunde vermittelten so manchen Gruß und Gedanken, und wenn Gervinus durch München kam, dann versäumte er nie, den Maler aufzusuchen, dessen Bedeutung er so früh erkannt. Auch im Sommer 1856 war dies der Fall; um den Gast zu ehren, wollte Kaulbach einen„Shakespeare-Abcnd" veranstalten, wie er es scherzhaft nannte, und sorgsam suchte er alle Blätter hervor, alle Skizzen und Entwürfe, die er zu den Dramen des großen Briten komponirt; Gervinus sollte prüfen und rathen, er sollte, wie schon oft vorher, einen Blick in die innerste Werkstatt künstlerischen Schaffens thun. Jndeß es kam anders, als man dachte. Zu den zahlreichen Fragen, in welchen Gervinus von der Schablone abweichende Meinungen hatte, gehörte auch die Auffassung shakespcare'jcher Gestalten. In solchen Fällen blieb er dann jeder anderen Anschauung, ja selbst jeder Debatte unzugänglich. Die Blätter, welche Kaulbach cntsaltete, entsprachen der künstlerischen Vorstellung des berühmten Forschers nicht, man bat ihn, sein Urtheil oder seine Ratbschläge offen auszusprechen— Gervinus schwieg. So durfte man doch glauben, daß er wenigstens seine Mei- nungsverschiedenheit begründen oder seinen, Tadel Lust machen werde, aber auch hier war alle Ermunterung vergeblich— Gervinus schwieg. Das Gefühl der Gegensätze, das andere beredt macht, hatte ihn stumm gemacht, er hatte von da ab den inneren Zusammenhang mit Kaulbach verloren. Schließlich wollen wir noch der politischen Thäligkeil des Gelehrten erwähnen. Gervinus wurde in dem sturmbewegten Jahre >348 als Vertrauensmann der Hansestädte in den sranksurter Bundestag berufen, trat als Abgeordneter eines preußischen Wahlbezirks in die Nationalversammlung und hielt sich hier zur gagern'schen Partei. Bedeutenden Einfluß aus die große Menge übte seine 1847 in Heidel- berg begründete„Deutsche Zeitung". Ueber den Gang der Dinge im August 1848 verstimmt, trai er aus der Nationalversammlung aus und lebte, grollend wie der olympische Donnerer, nur seinen Studien. Die Frucht dieser Studien, sein Hauptwerk, die schon oben angeführte„Ge schichte der deutschen Dichtung", ist ein Nationalwerk ersten Ranges, durch welches die wissenschaftliche Literaturgeschichtsschrcibung begründet 432 wurde. Auf dem so gewonnenen Bode» gab er im Jahre 1849 seine Arbeit über Shakespeare, die den großen Briten fast zu einem ein- geborenen Geiste machte und welcher die englische Literatur nichts Ebenbürtiges entgegenzustellen vermag, heraus. Seit wir uns unter Gervinus' Leitung im Geiste anderer Völker umgesehen, kehrten wir ur- theilsreifer nach dem eigenen Musentempel heim und lernten an sremdem Maße den eigenen Besitz abschätzen. Dafür wird der Dank der Wissen- schast dem am 18. März 1872 Heimgegangenen Gervinus in der Ge- schichte der Kultur für alle Zeiten ein ehrendes Andenken sichern. Dr. M. T. Sa«ya-el-Jstad in der Oase Kufra.(Bild Seite 425.) Wir haben in Nr. 17 des laufenden Jahrgangs der„Neuen Welt" erzählt, daß im nördlichen Afrika eine islamitische Jesuitengesellschast, Snussi genannt, besteht und bringen heute die Abbildung der Residenz des Jesuitengenerals Sidi-cl-Mahdi, das stattliche einer Bergfestung glei- chende Sauya el-Jstad. Es ist ziemlich gleichgültig, ob dem Gründer der christlichen Jesuiten, Ignatius Loyala, diese mohamedanischen Fana- tiker als Vorbilv gedient haben, oder ob es umgekehrt der Fall war. Der Asrikareijende Schweinfurth berichtet merkwürdige Dinge über die ausfallende Uebereinstimmung der Klostereinrichtung und der Ordens- regeln der Snussi und Jesuiten. Jedenfalls sind beide Sorten geriebene Ränkeschmiede. Der Asrikareisende Gerhard Rohlss, der bekanntlich in der Nähe von Sauya-el-Jstad in der Oase Kusra ausgeplündert worden ist, hält die Snussi für die Anstifter dieser Schandthat. Wie sie den Verdacht von sich abzuwälzen bemüht waren, schildert Rohlss folgender- maßen:„Während im Ansang unseres Aufenthalts in der Oase Kufra die Bewohner von Sauya-el-Jstad sich so �feindselig gegen uns ver- hielten, daß sogar unseren arabischen Beglettern der Zutritt zu diesem Ort unterjagt wurde, brachte nach unserer Ausplünderung das Erscheinen Sidi-el-Husseins, der rechten Hand des Sidi-el-Mahdi, einen vollkom- menen Umschwung hervor. Während vorher und auch noch zwei Tage nach unserer Beraubung schon die bloße Annäherung an Sauya-el-Jstad für eine Frevelthat angesehen wurde, kam jetzt der fromme Mann selbst, um sein Bedauern wegen des Ueberfalls auszusprechen und be- mühte sich, so viel wie möglich die Mitschuld an jener Schandthat ganz von den Schultern eines seiner Brüder, des Sidi Aghil, abzuwälzen durch die einfache Erklärung, er gehöre gar nicht zu den Chuan(Ge- nosse) der Snussi. Er brachte drei Ziegen, Datteln, Zwiebeln als Gastgeschenk, wodurch die Snussi ihre aufrichtigen Gesinnungen bethä- ligen wollten. Nach einigen Tagen kam der gute Mann wieder und sagte in echt jesuitischer Manier, er habe gehört, ich hätte mich gewun- dert, daß die Snussi keine Früchte aus ihrem Garten mitgeschickt hätten. Auf meine Entgegnung, daß eine solche Aeußerung meinerseits nicht , gefallen sei, erwiderte er:„Wie dem auch sei, sende einen der dei- nigcn mit einem Lastejel; er soll unfern Garten besuchen, und was er an Früchten findet, mag er niitnehmen, du selbst aber und Stecker Esfendi werdet besser thun, nicht zu kommen." Rohlss betraute mit dieser interessanten Mission, den Garten der Chuan der Snussi zu be- suchen, seinen Reisegesährtcn Franz Eckart aus Apolda, dem wir auch unsere Abbildung von Sauya-el-Jstad verdanken. In Begleitung eines Arabers brach Eckart am nächsten Morgen aus. Bor sich her trieben die beiden einen mit Hängekörben verjehenen Esel, der den Gartensegen tragen sollte. Der Garten lag etwa fünf Kilometer von dem Lager der rohls'schen Karawane. An der Eingangsthür wurde Eckart von einigen Chuan empfangen, welche ihn sodann in dem wohlgepflegten und schönen Garten umherführlen. Wo nur irgend eine vorzügliche Frucht bemerkt wurde, brachen sie selbe, und sie wanderte in den Korb. Orangen, Citronen, Melonen, Granatäpfel und herrliche Datteln waren das Resultat dieser Inspektion. Daß aber auch Wein und Oliven dort gedeihen, bewies eine Rcbenpflanzung, die sich als langer Gang in itreuzsorm durch den ganzen Garten zog, und schön belaubte Oliven- bäume, welche den am Boden gezüchteten Gemüsen, Eierfrüchten, To- maten und Pfeffer Schatten gaben. Natürlich predigen auch die Snussi dem Volke Wasser und trinken Wein. Bon hier aus gewann Eckart denn auch auf das nahegelegene Sauya-el-Jstad einen Blick. Das bei- gegebene Bild ist von Südivesten aus gezeichnet und gibt mit großer Treue diesen merkwürdigen Ort wieder. Links liegt der große Garten, während man Sauya-el-Jstad aus steinigem, unfruchtbarem Boden er- baut hat. Der Ort ist von einer Hohen Steinmauer umgeben, hat im Innern eine große Moschee, ein Hauptgebäude für den Ordensvor- stehcr, eine Schule und andere Wohnungen für die Chuan, für einige üausteute und die vielen Sklaven der Chuan. Freie Bewohner um- fassen die Ringmauern von Sauya-el-Jstad etwa 250. In der Nähe des befestigten Ortes stehen auch noch einige baufällige Gebäude. Das Klostergebäude der Snussi ist von geschickten Maurern aus Kairo auf- geführt worden, so daß es sich in Bezug aus Festigkeit und Regelmäßig- keit vortheilhaft von den anderen es umgebenden Stein- und Erdklumpen- Wohnungen unterscheidet. Bei seiner Rückkehr wurde Franz Eckart und der vollbeladene Esel.mit großem Jubel begrüßt. Von den Früchten wurde gleich eine große Partie an die eingeborenen Begleiter der rohlf'schc» Expedition vertheilt und mit besonderer Ehrfurcht' von ihnen in Empfang genommen; kamen sie doch aus dem heiligen Garten, und hatten die Bewohner der Oase Kufra doch noch nie Gelegenheit gehabt, aus dem Garten ihrer Geistlichkeit Früchte zu bekommen. Die Chuan der Snussi sind gewohnt, Geschenke zu empfangen, jedoch nie von ihrem Ueberfluß zu geben; aber dafür ertheilen sie ihren Segen. Um diesen Ueberfluß in der Wüste glaubwürdig zu machen, sind wir den Lesern eine Berichtigung in Betreff der Bodenverhältnisse der Sahara schuldig. Die„Wüste" zwischen den Gestaden des Allantischen Oceans bis zu den Gebirgen Nubiens und Aegyptens ist keineswegs so ganz das trost- lose sandige und steinige Tiesland, wie man früher glaubte, sondern ihre Plateaus sind voll Einsenkungen, die selbst feste Ansiedelung des Menschen gestatten und den Wanderstämmen Weidegrund bieten. Zu- mal ist dies in dem Wüstentheil, wo Sauya-el-Jstad gelegen ist, und in der lybischen Wüste der Fall, wo die Einscnkung südlich von Kyre- naika sich über 10 Breitengrade erstreckt und bei Bir Ressam 104 Meter unter der Meeresoberfläche erreicht. Das Kettengebirge des Atlas, welches die Sahara von Agadir im Westen bis Tunis im Osten durch zieht, gestattet»ur die Bildung kleiner Küstenflüsse, wie Schelif, Tasna, Jsly u. a. m. sowie zahlreicher Binnenflüsse, welche in den geschlossenen Längenthälern von Salzseen ausgenommen werden und sich in Sümpfen verlieren. Bedeutendere Gewässer sind also selten, dagegen ist hier das Gebiet der Regenbäche, die bei einem Gewitterregen plötzlich zu verheerender Größe anschwellen, um ebenso rasch wieder zu versiechen. Ganz anders, wo der tropische Regen mit seiner Wasserfülle regelmäßig eintritt; da weicht die Wüste der Steppe und fruchtbaren Landschaft des Sudän. Ueber die Beschaffenheil des noch wenig bekannten Sudän werden wir nicht lange mehr im Unklaren schweben, d. h. vorausgesetzt — wenn der Tod unsere Pioniere der Wissenschaft nicht hinrafft. Der Vorstand der„Afrikanischen Gesellschaft" in Berlin hat nach der Rück- kehr des Dr. Rohlss nach Deutschland dessen bisherigen Begleiter Dr. Stecker ermächtigt, von Kufra nach Barum zu reisen und von dort gegen den Congo vorzudringen; als der günstigste Weg bietet sich der durch Adamaua dar, während der von Aegypten aus gemachte Vorschlag, üher dieses Land nach Madai zu gehen, der Fortsetzung der Reise von da aus nach dem Südeu größere Schwierigkeiten in den Weg legen würde. Bon Dr. Buchner sind günstige Nachrichten ein- getroffen; wahrscheinlich ist derselbe schon längst in der Residenz des mächtigen Mnato Jamno eingetroffen. Dr. Lenz hat sich bestimmen lassen, statt im Hohen Atlas Forschungen anzustellen, nach Timbuktn zu reisen. Wie aus Marocco berichtet wird, hat er den Atlas bereits überschritten und ungeachtet der Schwierigkeiten, die der Fanatismus der Bewohner ihm gemacht, die Residenz Jrlcr erreicht, von wo er seinen Eintritt in die Sahara und seine weitere Reise nach Timbuktu unternehmen wird. Wenn wir nun noch die Berichte des Dr. Hilde- brandt über Land und Leute von Madagaskar, die bei der berliner Geographischen Gesellschaft eingetroffen sind, anführen, so haben wir alles berichtet, was seit dem Abschluß unseres Artikels„Afrika und seine Erforschung" von deutscher Seite geleistet worden ist. Der größte. Binnensee Afrikas, der Tanganyika, fordert schon den Wettstreit der drei europäischen Kulturvölker heraus. Veranlaßt durch die Errichtung einer deutschen Statton am Tanganyikasee, ist nun auch eine franzö- fische Expedition ausgerüstet, um in Usagara, zwischen Zansibar und dem Tanganyikasee, gleichfalls eine Station zu errichten. Der Eng- länder Tompson hat mit dem Missionär Stuart das Südende des Tanganyikasces erreicht und hier erkannt, daß das Steigen des Sees nur periodisch und daß der Pugafluß ein Ausfluß des Sees ist— beide Ergebnisse stehen der Ansicht Stanleys entgegen. Eine Trans Portgesellschaft zwischen der Küste des Indischen Ozeans und dem See wird eingerichtet werden, auch hat ein englischer Philantrop— Ashin- ton in Leeds— eine namhafte Summe für Etablirung des Dampfer Verkehrs aus dem See hergegeben. Zum Schluß noch einige Nachrichten von dem erfolgreichsten aller Afrikaerforscher, dem Amerikaner Henry Morton Stanleh. Die letzten Berichte seiner Afrikacxpedition sind vom 31. Januar und zwar aus dem Lager bei Wiwi, gegenüber der zweiten Stromschnelle, oberhalb Nöki's, der letzten europäischen Handels- station am rechten User des Congostromes. Es würde uns nicht Wun- der nehmen, wenn der Amerikaner Stanley, wie einst mit Livingstonc, mit dem Oestsrreicher Stecker im Hochland Centralafrikas zusammen- träfe. Glück aus! B. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung). � Ueber deutsche Familiennamen, von M. Wittich(Schlich).— Wohnungsheizung und Ventilation, von Rothberg-Lindener(Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenbcrg(Fortsetzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Die Republiken Südamerikas in ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Historische Skizze von Dr. M. Vogler(Fortsetzung).— Georg Gottfried Gervinus(mit Porträt).— Sauya-el-Jstad in der Oase Kusca(mit Illustration). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. ll. in Leipzig. Verlag von W. Fink in Leipzig.— Druck der Genossenschastsbuchdruckerei zu Leipzig.