D e ch Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. № 38. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Rudolf Lavant. ( Fortsetzung.) Ich wohnte in einem hufeisenförmigen, sehr großen Hause| auf dem äußersten linken Flügel im obersten Stock und hatte ein vis- à- vis, über das sich ein Stein hätte erbarmen mögen. Hätte es mir in meiner Behausung nicht gar zu sehr gefallen, ich wäre ausgezogen rein aus künstlerischem Ingrimm über die beiden Prachtexemplare von Evatöchtern, die ich täglich und stündlich vor Augen hatte, zwei alte Jungfern in des Wortes verivegenster Bedeutung. Die eine war brand- und prasseldürr, so dürr, daß man ihre Schulterknochen unbedenklich zum Aufhängen von Paletots hätte benutzen können; die Schwester hatte sich des Kontrastes halber eine Fleischlichkeit zugelegt, die jeder ihrer Bewegungen etwas Wogendes gab kurz, sie waren ,, wüst" bis zur Polizeiwidrigkeit. Aber schmutzig und liederlich waren sie und von einer Frömmigkeit, die den Verdacht erweckt haben würde, daß ihre Jugend keineswegs normal verlaufen sei, wären sie nicht so abgrundhäßlich gewesen und hätte sie die Mutter Natur nicht gleich in der ersten Anlage rettungslos verpfuscht. Sie schienen Stammgäste in jeder Kirche der Kirchengesegneten Moldaustadt zu sein, so oft sah ich sie mit Gebetbuch und Rosenfranz ausrücken, ein Bild der sieben magern und sieben fetten Jahre, wie es die ausschweifendste Phantasie drastischer nie hätte ersinnen können. Ihr könnt euch die angenehme Ueberraschung denken, mit der ich eines Tages von meiner Wirthin vernahm, daß die beiden Bigottischen" drüben das Feld räumen würden. Sie waren nämlich merkwürdig gut beschlagen unter der Nase, die beiden, ihre Nagelverhältnisse waren die denkbar günstigsten, und all ihre Kirchgänge hatten nicht vermocht, die angeborene Säure und Galligkeit ihres Naturells zu christlicher Milde und Geduld zu läutern; infolge dessen waren sie mit dem Hausmeister, einem alten Windischgräb- Dragoner, in Händel gekommen, bei denen es zuletzt sehr heiß hergegangen sein muß, denn der alte Schnauzbart hatte zwar schließlich siegreich das Feld behauptet, er soll jedoch unverbürgten Berichten zufolge in seiner Stammtneipe gestanden haben, daß ihm während des ungarischen Aufstandes, als ihm die Bassos der verfolgenden wilden Csikosreiter auf öder Puszta bedenklich um die Ohren schwirrten und ihn jeden Moment vom Pferde zu reißen drohten, auch nicht schwüler zu Muthe gewesen sei, als während dieser Affäre. Die nächste Folge dieses Treffens war natürlich, daß den streitbaren Jungfrauen schleunigst das Quartier gekündigt ward. Das war nicht lange 1880. nach der Zeit, in der ich Curt v. Blenkheim näher kennen lernte; dann stand die Wohnung eine zeitlang leer und nur die Köpfe von Maurern und Tapezierern ließen sich zeitweilig an den Fenstern blicken, bis eines Tags blüthenweiße Gardinen an den Fenstern erschienen und vor denselben eine ganze Flora von blühenden Topfgewächsen den Wechsel des Regimes auf das nachdrücklichste illustrirte. Ich dachte an eine stille, peinlich akkurate alte Lehrer- oder Beamtenwittwe, war also nicht wenig erstaunt, am nächsten Morgen ein direkt schönes, schlankes, hochgewachsenes Mädchen die Blumen begießen zu sehen. Mich frappirte zunächst die prächtige Figur; wir Knirpse schwärmen ja immer für die großen Figuren, obgleich wir uns neben ihnen so urkomisch ausnehmen; zudem ist es ja für unsereinen Beruf, zu Wasser und zu Lande, bei Tag und bei Nacht hinter der Schönheit her zu sein, es kann mir also nicht verübelt werden, daß ich das Opernglas hervorsuchte und meine schöne Nachbarin bei ihrer Arbeit beobachtete, wenn auch nicht, wie ein beliebiger Laffe, in auffälliger Weise, sondern bescheidentlich vom Hintergrund meines Bimmers aus. Ob sie es bemerkt hat Frauenaugen sehen bekanntlich alles weiß ich nicht; jedenfalls nahm sie keinerlei Notiz von mir und schien nicht die geringste Ahnung von der Existenz eines kleinen, schon mit bedenklich hoher Stirn ausgerüsteten, unansehnlichen Leinwandverderbers zu haben, der auf dem besten Wege war, sich trotz seiner gesezten Jahre Knall und Fall in sie zu verlieben. Als die Blumen gelabt waren, kamen die Vögel an die Reihe, die eine allerliebste, architektonisch allerdings etwas bizarr gedachte Volière bevölkerten- ein Schweizerhäuschen mit Seitenflügeln und einem Glockenthürmchen. Der übliche Kanarienvogel schien keine Anziehungskraft für meine Nachbarin gehabt zu haben; alle ihre Vögel waren Exoten Astrils, Sepiafinken und ähnliche kleine Vögelchen mit kirschrothen und lichtblauen Schnäbelchen; ich konnte deutlich erkennen, wie die grauen Astrils mit dem rosigen Anflug am Unterleib das Schwänzchen wagerecht wippen ließen, ähnlich wie unsere Bachstelzen dies senkrecht thun, und wie sie es dann fächerförmig ausspreizten. Aber viel wichtiger war mir die Hand des Mädchens, eine Hand von so tadelloser Schönheit, daß sie recht gut als Pendant zu dem berühmten Fuß der rauch'schen Viktoria, der in einem guten Abguß dort unter der Glasglocke steht, gelten konnte. Wenn ihr wüßtet, wie selten eine wirklich schöne Hand ist, wie häufig die Hand selbst für die größten Maler einen Stein des Anstoßes gebildet hat, V. 19. Juni 1880. 446 über den sie nicht weggekommen sind, würdet ihr begreifen, daß mich diese Hand vollends in Flammen sezte. Hätte das Mädchen eine unschöne oder gar häßliche, knochige Hand mit furzen breiten Nägeln gehabt ich hätte mich nicht weiter um sie gefümmert; ich war einst in Prag der Tischnachbar einer sehr hübschen czechischen Komtesse, die mich durch ihr geistvoll degagirtes Wesen anfänglich völlig gefangen nahm, als aber mein Blick auf ihre Hände fiel, war ich wie mit kaltem Wasser übergossen und immer wieder mußte ich mit Bedauern auf die schwarzen, seidenen Halbhandschuhe blicken, die sich bemühten, den unglücklichen Fehler etwas weniger auffällig zu machen. Nun, ich will euch nicht mit all den dummen Gedanken lang weilen, die mir an diesem Tage und während eines Theils der nächsten Nacht durch den Kopf gingen; genug, ich ließ mir am Abend den Bart, der ziemlich verwildert war, stußen, ich kaufte mir zwei neue Schlipse auf einmal und trieb die Verschwendung so weit, mir Glacéhandschuhe zuzulegen alles das in dem dunklen Gefühl, daß mein dürftiger Leichnam sich wenigstens äußerlich etwas respektabler präsentiren müsse, um irgend welchen Eindruck auf die glückliche Besizerin der schönsten Hand in Prag zu machen. Mich bei meiner Wirthin nach dem Mädchen zu erkundigen, war mein fester Entschluß; als sie aber am andern Morgen ins Zimmer trat, ward mir diese Erkundigung, das naheliegendste Ding von der Welt, zu meiner eigenen Ueberraschung blutsauer; ich arbeitete schweigend weiter und that, als erführe ich etwas Funkelnagelneues, als die gute Frau mit einem schlauen Augenzwinkern fragte: " Nun, ist sie nicht gleich zum Malen, wie sie da drüben sitt und stickt? Ich wette, das gibt ein Bild." Ich trieb die Heuchelei so weit, sie überrascht anzusehen und zu fragen, wen sie meine, hatte aber damit wenig Glück. Alles, was Schürzen trägt, hat für Herzens geheimnisse einen raschen und scharfen Blick, und ich glaube, die Alte bekam sofort Wind davon, daß ich auf dem besten Wege war, mich regelrecht zu verschießen. Sie erwiderte lachend: ,, Nun sehe mir einmal einer die liebe Unschuld! Das thut, als hätte es die Schönheit drüben kaum eines Blicks gewürdigt, und hat doch sicherlich schon jeden Zug in dem lieben Gesicht studirt man müßte die Männerleut' nicht kennen, und beson ders die Herren Maler, das sind die richtigen!" So gings fort und ich brauchte nicht viel zu fragen, um eine ziemlich vollständige Biographie meines Gegenüber zu erhalten; sie war allerdings auch herzlich einfach, diese Biographie! Das Mädchen war guter Leute Kind, der Vater, ein Deutscher aus Siebenbürgen, war Förster in Diensten eines Erzherzogs gewesen, hatte aber infolge einer Verwundung durch einen Sonntagsjägerschuß bei einer Treibjagd in den rüstigsten Jahren pensionirt werden müssen. Die Mutter, eine Polin aus Galizien, war gestorben, als ihr einzig Kind kaum die ersten Schuhchen trug, und der Vater war nun auch seit fünf Jahren todt. Er hatte sich nicht wieder verheirathet und sein Töchterchen selber groß gezogen, so gut es eben hatte gehen wollen; sonst war er ein ſtiller, etwas wunderlicher Mann gewesen, der mit niemandem Umgang pflog und ganz in seinem Kinde aufging, das sein Glück und sein Stolz war. Er hatte seinem Liebling nicht so viel hinterlassen können, daß sie davon leben konnte, aber sie hatte merkwürdig hurtige und geschickte Fingerchen und einen ganz eignen Sinn und Schick, sodaß sie jahraus jahrein für Kirchen und Klöster gestickte Altarbekleidungen, Chorhemden, Stolen und dergleichen zu liefern hatte. Im Herbst schickten ihr die Heger des Reviers, in dem ihr Vater einst geschaltet und gewaltet, ganze Kisten voll von Eicheln, Nüssen, Bucheckern, Wachholderbeeren, Schlehenkernen, Hagebutten, kurz von allem, was im Walde wächst, und mit diesem Material bekleidete sie Wandförbchen, Cigarrenattrapen, Eckbreter und dergleichen so geschickt und geschmackvoll, daß dieser originelle Zimmerschmuck namentlich von Försterfamilien und Jagdliebhabern angelegentlich gesucht wurde, und daß sie immer Aufträge hatte und ganz anständig ausfam. Ich gestehe, daß mich der erste Theil dieser Mittheilung etwas verstimmte und ich bemerkte ziemlich gedehnt: Das ist nicht zu verwundern; die Herren von der Geistlich keit werden gewiß honett. bezahlen und aus christlicher Nächsten liebe gern geneigt sein, ein übriges für das hübsche Kind zu thun, das so gar verlassen und mutterseelenallein auf der Welt steht." Der Accent mochte etwas schwer auf dem„ hübschen Kinde" gelegen haben, denn meine Wirthin verstand mich sofort und ereiferte sich nun ganz gehörig. Ich erfuhr, daß ich mich durch diesen Verdacht an dem Mädchen versündigte und daß ich ihr denselben gewiß noch abbitten würde. Ihr Ruf sei fleckenlos; sie verkehre auch mit der Geistlichkeit nur brieflich und lebe so einsam und zurückgezogen, daß es eigentlich zum Weinen sei um all die frische Jugend und Schönheit. Die gute Frau wußte das alles von einer Schwägerin, die in demselben Hause wohnte, aus welchem das Mädchen in unser Hufeisenpalais gezogen war, weil die alte Frau, bei der sie bisher gewohnt, die Aufwärterin ihres Vaters, das Zeitliche gesegnet hatte. Die Schwägerin hatte die Waise ihrem Schuße empfohlen und die gute Frau be wies mir, daß sie entschlossen war, diesen Schuß auch auszuüben. Ich hatte mich geduldig abkanzeln lassen; es hätte mir ja wehe gethan, wäre die Tugend des schönen Geschöpfs wurmstichig gewesen, und es that mir ordentlich gut, daß gar nichts an ihr auszusehen war. Das Mädchen hat dann noch eine gute Weile in meinem Kopfe fortrumort; ich beobachtete sie täglich und wurde dadurch unmerklich solid, ich hatte merkwürdig philisterhafte Gedanken über Heiraten und Familienglück, ich ertappte mich einmal bei der Aufstellung eines regelrechten Budgets für mich eine Kraftanstrengung ersten Ranges- ja, ich verstieg mich bis zur anonymen Uebersendung eines Theaterbillets und eines Bouquets, deren Annahme aber rundweg verweigert ward. Der Dienstmann, der mir achselzuckend über das negative Resultat seiner delikaten Mission Rapport erstatteté, meinte, das gnädige Fräulein sei so kühl und gleichgültig gewesen, als käme ihr dergleichen jeden Tag wenigstens ein paarmal vor, und sie hätte so ernsthaft und befehlend erklärt, daß sie anonyme Zusendungen nicht annehme, daß er nicht die Kourage gehabt hätte, noch etwas zu sagen. Da hatte ich's also; ich mußte nun selber ins Theater gehen, und daß ich mich an dem Abend wie ein Mops gelangweilt und wie ein Truthahn geärgert habe, brauche ich euch wohl nicht zu sagen. Am andern Morgen aber wurden die Blumen begossen und die Vögel gefüttert, wie jeden Tag, und dann setzte sich die Unzugängliche so ruhig mit dem Stickrahmen ans Fenster, als hätte der Gedanke, ihr vis- à- vis fönne einen so gymnasiastenhaften Schwabenstreich begangen haben, ihren stolzen Kopf auch nicht sekundenlang gekreuzt. Und dabei bot sie mir ihr schönes, edles Profil so voll, daß ich unwillkürlich nach dem Stift griff, um diese weichen Linien zu firiren und darüber alles vergaß Groll und Beschämung und Verlegenheit. Ob sie etwas davon bemerkt hat, das wissen die Götter; jedenfalls geruhte man nicht mehr Notiz von meiner Wenigkeit zu nehmen, als wenn ich der Mann im Monde gewesen wäre, und dieses unbemerkte Schmachten kam mir allmählich so lächerlich vor, daß mir alle weiteren Gedanken an Briefe und an Annäherungsversuche vermittels meiner Wirthin vergingen. Ich war ihr wohl einige male im Hofe begegnet und hatte sie gegrüßt, aber diese Höflichkeit wurde nur mit einer so stolzen, zerstreuten und gleichgültigen Neigung des Kopfes beantwortet, daß mir heiß wurde bei dem Gedanken an die Abfertigung, die man sich durch eine Ansprache zugezogen haben würde. Das Mädchen hatte etwas so seltsam Sicheres und Ablehnendes in ihrem Wesen, Haltung und Gang waren so unbewußt vornehm, daß ich den hätte sehen wollen, der ihr auf dem Trottoir nicht unwillkürlich ausgewichen wäre. Zu meiner komischen Verzweiflung machte ich bei dieser Gelegenheit auch noch die Entdeckung, daß der Fuß meiner verwunschenen Prinzessin ganz ihrer Hand entsprach und klein und schmal war, wie diese; ich dachte an die Elbkähne, welche die Natur mir in ihrer boshaften Laune als Piedestal gegeben hat und sagte mir zum zwanzigsten male: Sei kein Narr- das Mädchen müßte eine komplete Närrin sein, heiratete sie dich; für sie muß irgend ein Prachtexemplar des Männergeschlechts heran, das wenigstens künstlerisch gedacht ihrer würdig ist." Mit der verwunschenen Prinzessin" aber hatte es folgende Bewandniß. In meinem Flügel, aber ein paar Stiegen tiefer, wohnte ein Student, ein lustiges, keckes Blut, dem der Himmel noch voller Geigen hing und der sich das Studiren gewissenhaft und fürsorglich für die beiden Semester vor dem Eramen aufhob. Dem war's wieder einmal passirt, etwas zu tief in den Maßkrug mit goldigem Pilsner geblickt zu haben, und als er schräg über den Hof seiner Treppe zusteuerte, tam ihm die schöne Stickerin in den Wurf und er ermannte sich zu einem mehr oder weniger zärtlichen Kompliment. Er hat es aber nicht vollständig herausgebracht ein nicht unbedeutender Rest blieb ihm in der Kehle stecken. Der Blick, durch 447 den seine Keckheit bestraft wurde, verhalf ihm zu einer jähen und vollständigen Erkenntniß der Dummheit, die er begangen; es lag so viel Befremden und mitleidiger Spott in demselben und er drückte mit so grausamer Deutlichkeit den Gedanken aus: ,, Guter Junge, wenn du wüßtest, wie du dich blamirst! Schlaf den Rausch, der dich entschuldigen mag, aus dann wirst du dich ja wohl auch darauf besinnen, daß du recht albern vor mir gestanden hast", daß er instinktiv an die Müze griff, eine Entschuldigung stotterte und nach einer nicht unbedingt korrekten Verbeugung abschob. Da er im Grunde seines Herzens ein guter Junge war, fiel ihm seine Ungezogenheit am nächsten Morgen mitten in den grau samsten Stadien des Kazzenjammers doppelt schwer aufs Herz und er beauftragte meine Wirthin, die irdische Schutzpatronin der beleidigten Schönheit, ihn bei der letzteren mit seinem nicht ganz zurechnungsfähigem Zustand zu entschuldigen. Die junge Dame habe wie eine echte Prinzessin dagestanden und ihn so stolz angebligt mit den dunklen Augen, daß er sich einen solchen Blick gewiß nie wieder zuziehen würde. Die Prinzessin" aber nahm den ganzen Vorfall sehr leicht; als ihr die de- und wehmüthige Abbitte des Musenjünglings übermittelt ward, war es, als müsse sie sich das kleine Rencontre erst wieder ins Gedächtniß zurückrufen; dann erwiderte sie, der junge Mann möge sich nur ja teine Strupel machen sie sei dergleichen Vorkommnissen gewachsen und es sei ihr schon Schlimmeres passirt, von Leuten, die nicht angetrunken und die auch längst keine Studenten mehr gewesen seien. Jch alter Knabe sollte eigentlich Bedenken tragen, mir vor euch jungem Volt Blößen zu geben, zumal es mit eurem Respekt vor mir ohnehin ziemlich wacklig aussieht, indessen muß ich, um bei der Wahrheit zu bleiben, wohl gestehen, daß ich meinem militärischen Freund die neue interessante Nachbarschaft hartnäckig verheimlichte, ihm, vor dem ich sonst niemals Geheimnisse hatte, obgleich er mir gegenüber verhältnißmäßig reservirt war. Ich fand es mit einem male hübscher, zu ihm zu gehen, als ihn bei mir zu sehen, und wenn er mich besuchen wollte, stimmte ich regelmäßig für die Abendstunden und hatte immer neue Vorwände in petto; ich schämte mich dieser Unehrlichkeit, aber der Gedanke, Curt tönne, wenn er einmal bei Tage käme, meiner schönen Nachbarin ansichtig werden und sich für sie interessiren, war mir unerträglich peinlich. Hinterher fönnte ich ja daraus eine geheimnißvolle Ahnung all des Unheils machen, das im Anzuge war, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die andere und sich selber auf solche Weise über ihre eigentlichen Motive zu täuschen pflegen, und ich weiß sehr genau, daß es eine keimende, halb unbewußte Eifersucht war, die mein Handeln bestimmte, die Ueberzeugung, daß Curt, wenn er sich dem Mädchen ernstlich ein zu nähern suchte, dabei mehr Glück haben würde, als ich Gedanke, der mir ein unerträgliches Prickeln in allen Nerven verursachte, so lächerlich und kleinlich er mir auch gleichzeitig erschien. So gingen die Wochen hin und ich war mehr als einmal drauf und dran gewesen, einen heroischen Anlauf zu nehmen und Curt selber auf das Mädchen aufmerksam zu machen, ohne doch damit zustande kommen zu können, als der Zufall seine verhängnißvolle Rolle spielte und mich jeder Verantwortung überhob. ( Fortsetzung folgt.) Ein Blick in die italienische Schweiz. Zwanglose Skizze von Cart Stichler. Es sind eigenthümliche Gegenden, voll wildromantischer Naturschönheiten und fesselnder Reize aller Art, von den schroff zer tlüfteten Schluchten des St. Gotthard bis hinab zu den oberitalienischen Seen. Mancher, der die Schweiz gründlich zu kennen glaubte, verstummte oder behalf sich mit Phrasen, sobald die Gegenden südwärts des gewaltigen Gebirgsstodes, St. Gotthard benannt, erwähnt wurden. Bald wird es in dieser Beziehung anders sein, die bisher undurchdringlich erschienene Wand des Urgebirges, dieses Centrum der europäischen Hochalpen, ist durchbohrt, und auf dem unterirdischen Eisenpfade wird man im bequemen Eisenbahnwaggon, mit Retour- oder Rundreisebillet versehen, dem sonnigen Süden entgegeneilen. Dann werden im unentbehrlichen Reisehandbuche die Meereshöhen, die historischen Notizen und die Nachrichten über lokale Kunst- und Naturschäße nachgeblättert und flüchtigen Sinnes gelesen werden, um die Reise nach der Mode unsrer Zeit elegant und schnell zurückzulegen. Das Eigenthümliche der italienischen Schweiz, die sich stolz ,, Repubblica e cantone del Ticino" benennt, beſteht nicht blos in der Abgeschlossenheit von den anderen Theilen der Eidgenossen schaft, sondern noch vielmehr in den großen und bedeutenden Unterschieden, die einzelne Theile des Kantons aufzuweisen haben. Den großen klimatischen Unterschieden und Abstufungen treten naturgemäß die landschaftlichen Charaktere zur Seite, und hier, wo dem modernen Verkehrsmittel, der Eisenbahn, bis jetzt wenig Spielraum zur Entwicklung der demoralisirenden Fremdindustrie und ferner zur kosmopolitischen Nivellirung des Volfscharakters gegeben wurde, entspricht auch der Charakter des Volkes der Beschaffenheit des Landes. Zähe und ausdauernd, freiheitsliebend bis zur Eifersucht sind, gleich anderen Gebirgsvölkern, die Bewohner der hochgelegenen Alpenthäler im Norden des Kantons Tessin, während im Süden, unterhalb des Monte Cenere, im Luganesischen und weiter in der Gegend von Mendrisio, wohl auch noch Freiheitsliebe vorhanden ist, aber auch andererseits die Vorzüge und Fehler des italienischen Volkscharakters mehr und mehr vorherrschen; Unterschiede, die sich im Temperamente und im Gemüthsleben, in der Denk- und Lebensweise ganzer Volksschichten leicht nachweisen lassen. In den Schluchten und Waldungen der oberen, öden Hochgebirgsgegenden haust noch der gefürchtete Luchs, seltener und noch mehr vereinzelt erscheint der Bär und der Wolf. Gemsen müssen selbst an den Abhängen des St. Gotthard und Lukmanier zu den Seltenheiten gerechnet werden. Die gigantisch aufgeschich= teten Felstrümmer der Bergstürze, die mit Felsblöcken und gewaltigen Steinmassen übersäeten Abhänge der Gebirge, die massenhaften und großartigen Wasserfälle, die im gewaltigen, donnernden und rauschenden Sturz sich zum Thale senken, alles trägt in den oberen Thälern den ernsten, oft düsteren Charakter der wildromantischen Hochgebirgswelt. Der Süden dagegen mit seinem üppigen und reichen Pflanzenwuchse bietet seine Romantik mit weniger Schroffheit dar und scheint nur zum Genuß, nicht zu aufregenden Anstrengungen einzuladen. Die alten biderben Eidgenossen, die ehemals handeltreibend auf der von den Longobarden im sechsten Jahrhundert erbauten stäubenden Brücke" die drohende, unheimliche Reußschlucht überschritten und auf dem zur Zeit Karls des Großen hergerichteten Saumpfade über den St. Gotthard zogen, erkannten schon frühzeitig die Wichtigkeit dieser Gegenden. Das Maienland" Mailand, Lombardei zog sie mächtig an; die reichen, glänzenden Städte, die schon im Mittelalter prunkvollen Landsize der Kirchenfürsten und Adeligen, die üppigen und fruchtbaren Gegenden im Süden, alles mochte sich vereinigen, die Aufmerksamkeit der Urkantone anzuregen und die Kämpfer, die ehemals gegen die österreichischen, schwäbischen, burgundischen und französischen Ritter manch' ruhmvollen Sieg errungen hatten, zu Eroberungszügen aufzufordern. 1331 waren Leute von Uri von den Bewohnern des Livinenthales geschädigt worden, und die bewaffneten Schaaren der Urner ließen nicht lange auf sich warten. Mit ihren langen Spießen und Hellebarden, mit ihren Morgensternen und Armbrüsten bewaffnet, stiegen die Männer von Uri in das tessiner Thal nieder, bemächtigten sich der alten, befestigten Longobardenthürme, die sich an der Straße in der Nähe der Ortschaften zum Theil heute noch befinden, und behaupteten die Gegend, sodaß der Friede von Como 1331 nur noch den Besitz der Gegend zu bestätigen brauchte. Das Livinenthal, das der Tessin durchströmt und das von Airolo bis Biasca schon eine Länge von circa 44 Kilometer hat, blieb in den Händen der Urner. Als 72 Jahre später auf dem Viehmarkt zu Varese ein Streit unter den Viehhändlern ausbrach und Eidgenossen beeinträchtigt wurden, waren die Bewohner des Livinenthals treue Verbündete der Schweizer geworden, und Varese im Mailändischen, sowie ausgedehnte Gebietstheile westlich vom Lago maggiore konnten von den kampfbereiten Schaaren der Eidgenossen besetzt werden. Von 1426 bis 1436 finden wir eine wenig ruhmvolle Epoche, denn die Eidgenossen, die Fürstengunst und blankes Gold stets mehr als die feindlichen Armeen zu fürchten hatten, hatten an den Herzog Philipp Visconti von Mailand für 31 000 Gulden und Gewährung einiger Handelsvortheile das Eschenthal, Bellinzona und das ergebene Livinenthal verkauft, bis endlich die Mannen von Uri wieder als Eroberer famen. Bis zum Schluß des 18. Jahrhunderts war dann das Livinenthal und der größte Theil des heutigen Kantons Tessin als„, Unterthanenland" unter dem durchaus nicht sanften Joch der von den Kantonen Uri, Unterwalden und Schwyz eingesetzten Landvögte. Die hochgelegenen, umfangreichen und festen Burgen dieser Landvögte beherrschen noch heute mit ihren zinnengekrönten Mauern den eidgenössischen Waffenplaz Bellinzona, und die Folgen jener Landvogtregierung treten mitunter selbst jetzt noch zutage. So wie die Natur die höhergelegenen Theile des Kantons Tessin mit romantischen Reizen schmückte, so haben nicht minder die historischen Ereignisse dazu beigetragen, die oft an sich unbedeutenden Ortschaften und ihre Umgebungen zu geschichtlich interessanten Punkten zu machen. Die gewaltigen Kämpfe mit den Heerschaaren der Herzöge von Mailand, die im Livinenthal stattfanden, stellen sich den glänzendsten Waffenthaten der alten Schweizer würdig zur Seite. Die rauhen Töne des Stiers von Uri( großes Horn) und des Landhorns von Unterwalden, die dem Heere Karls des Kühnen von Burgund in der Schlacht von Granson( am 2. März 1476) großen Schrecken einflößten, mögen häufig genug den Mailändern unheimliches Grauen verursacht haben, wenn sie urplöglich das Erscheinen eidgenössischer Heerhaufen anzeigten, wenn sie, zum Angriff oder zur Verfolgung auffordernd, weithin durch die Thäler erschallten. So in dem Gemezel während der Schlacht bei Arbedo ( 30. Juni 1422), als 3000 Schweizer dem 24 000 Mann starken Heere der Mailänder widerstanden und sogar das Hauptbanner Ses heiligen Ambrosius, dieses wichtige Feldzeichen der Mailänder, eroberten. 448 Bei der Chiesa rossa( rothen Kirche) erblickt man noch heute die drei umfangreichen Grabhügel, die die Gebeine der Gefallenen decken. King Lili's Gend 1478 zogen im Monat Dezember 10 000 Eidgenossen über den St. Gotthard, um Bellinzona zu belagern. Noch im selben Monat zogen, angeblich wegen starken Schneefalls, die schweizerischen Feldherren Waldmann und Bubenberg mit dem Belagerungs 449 heere heim und ließen, weil in Bellinzona 20 000 Mailänder sich! ansammelten, 600, geschrieben sechshundert Mann Besayung, zur Sicherung des oberen Livinenthals im Dorfe Giornico zurück. nde.( Seite 454.) Graf Torello, der mailändische Befehlshaber, glaubte, mit diesen 600 Schweizern leicht fertig werden zu können, und musterte 15 000 Mann seiner besten Truppen zu dieser Unternehmung aus. Der in Giornico ansässige Hauptmann der Liviner verband mit schweizerischer Tapferkeit italienische List, und verhalf den Eidgenossen zum Siege. Richter Stanga, dies war der Hauptmann, rieth den Eidgenossen, die abschüssigen Wiesen in der Nähe des Dorfes mit dem Wasser des Tessins zu überschwemmen und dann mit Eisstacheln, resp. Fußeisen versehen, den Feind auf der Höhe zu erwarten. Am 28. Dezember( 1478) rückten die 15000 Mailänder an und konnten auf dem mit Glatteis überzogenen Terrain, der Abhänge wegen, nicht in geordneten Reihen vorwärts kommen. Nachdem das Bergvolt an dem Stürzen und Purzeln der Angreifer sich hinreichend ergötzt hatte, stürzte es mit Ungestüm auf den an Zahl überlegenen Feind; ein furchtbares Gemezzel begann und in wilder Flucht eilten die Mailänder, mehr denn 1500 Gefallene zurücklassend, nach dem befestigten Bellinzona zurück. Noch jezt, nach vier Jahrhunderten, erzählt man im Volke vom Hauptmann der Luzerner, dem Tuchhändler Frischhans Theiling, dessen Tapferkeit den Mailändern schier übernatürlich erschien. Und noch zu Ende des 18. Jahrhunderts erlebte dieser Theil der Südschweiz das höchst eigenthümliche und schreckliche Schauspiel, daß das Morden und Mezzeln bis in die stillen Hochgebirgsthäler fortgesetzt wurde, daß ein russisches Heer unter Suwarow von der Lombardei her heraufzog und mit den Franzosen harte Kämpfe an den beiden Abhängen des St. Gotthard, in den Schluchten des Tessin und in den Felsenklüften des Val Tremola( Thal des Zitterns) bestand. Noch erinnert in diesem, von häufigen Lawinenstürzen heimgesuchten Thale die Inschrift: ,, Suwarow victor"( Suwarow Sieger) an den grauenvollen Feldzug. Selbst das Hospiz auf dem St. Gotthard, zum heutigen Kanton Tessin gehörend, entging nicht der Zerstörungswuth der Menschen. Als Seume, vom Spaziergang nach Syracus zurückkehrend, über den St. Gotthard wanderte, fand er die Umfassungsmauern des Hospiz ohne Dächer, im Innern große Schneemassen beherbergend. Noch mehr aber als die Menschen richteten verheerende Naturereignisse, hier vielleicht mehr, als in einem andern Theile der Schweiz, Zerstörung und Vernichtung an. In der Nähe von Biasca, der Station der Gotthardbahn, erhebt sich ein umfangreicher, gewaltiger Schuttkegel seit dem Jahre 1512. Am 28. Februar des Jahres 1512 war es, als um Mitternacht der Berg sich herabsenkte und mehr denn dreihundert Häuser des alten Biasca für immer mit allem Fastnachtsjubel, der darin grade herrschte, begrub. Die Schuttmasse sperrte das Thal und die Gewässer verwandelten es durch die erfolgende Stauung in einen See, der zwei Jahre später sich Bahn brechend, die Gegend unterhalb des Ortes plötzlich mehrere Klafter hoch überfluthete und, dem Lago maggiore zueilend, ungeheure Verheerungen anrichtete. Jährlich, wenn im Winter nach starken Schneefällen ein heftiger Südwind daherstürmt und Thauwetter bringt, oder die Frühlingssonne die hochgelegenen Schnee- und Eisfelder erwärmend, gewaltige Lawinen zu vernichtendem Sturze entfesselt, werden Viehherden, größere und kleinere Wohnpläge, sowie zahl reiche Menschenleben vernichtet. Und doch wird wieder in unmittelbarer Nähe dieser Unglücksstätten zur Anlage neuer Wohnplätze geschritten und unterhalb der mit Sturz und Steinschlägen drohenden Felswände gewohnt, geliebt und geheirathet, als ob von Gefahr keine Rede wäre. 450 In der Schreckensnacht vom 9. zum 10. Januar 1863 wurde das Dorf Bedretto von einer Lawine derartig zugedeckt, daß an Rettung nicht gedacht werden konnte. In derselben Nacht wurde Airolo ebenfalls von einer Lawine bedroht. Eine kolossale Schneemasse senkte sich in der Richtung auf das Dorf; zum Glück theilte sie sich oberhalb des Dorfes, doch war ein Theil dieser. Lawine stark genug, den oberhalb Airolo stehenden Wald sammt dem Erdreich fortzureißen und die Trümmer bis in die Schlucht des Tessin hinabzuwälzen. Airolo liegt an einem Plaze, der, gradezu gesagt, ein Niedergehen von Lawinen förmlich herausfordert, und noch im Monat April 79 zerstörte eine Lawine ein Haus von Airolo, wobei natürlich die vier Bewohner desselben ihren Tod fanden. Von mehreren Ortschaften, wie z. B. von Bodio( Poststation), das am Fuße steiler, schwarzer Felswände gelegen ist, berichten uns Volkssagen, daß sie schon einmal gänzlich von Felsstürzen verschüttet wurden, und mehr als ein Dorf an der vom Gotthard zum Lago maggiore führenden Landstraße hat die Bezeichnung: ,, im Frühjahr den Lawinen in hohem Grade ausgesetzt," in den Reisebüchern erhalten. Wie schon vorher angedeutet, hat der Kanton Tessin die größten Gegensäßte auf seinem nur 2818,4 Quadratkilometer umfassenden Gebiete aufzuweisen. Von der üppigen tropischen Vegetation, die südlich die Ufergegenden der großen Seen schmückt bis zu den öden, dürftigen Stein- und Eisfeldern, in der Region des ewigen Schnees den Charakter der vegetationslosen Polargegend annehmend finden wir alle Abstufungen und Uebergänge, oft durch lokale Verhältnisse scharf markirt, in interessanter, oft mehr romantischer als anmuthiger Szenerie. Wenn wir von Norden kommend aus dem Val tremola( Thal des Bitterns) an einem hellen Morgen herausschreiten, erblicken wir im Halbkreise von Südost bis Nordwest ein wahres Meer von Felskuppen und Bergzipfeln, das, in die blaue Luft emporragend, die mannichfachsten Formen aufweist. Unter uns in der Tiefe liegt Airolo, und wenn wir zu dieser Ortschaft hinabsteigen und unsere Wanderung ins Land hinein beginnen wollen, müssen wir vorläufig die Aussicht auf Schneeund Eisfelder aufgeben, denn die Straße, der einzige Weg, geht in der Tiefe, durch die Schluchten und Bergeinschnitte, die schon die Wasser der Vorzeit gewühlt und gerissen haben. Unterhalb Airolo, das dicht am Südabhange des St. Gotthard liegt, geht es durch großartige Felsengallerien auf eine niedriger gelegene Gebirgsterrasse hinaus, die früher jedenfalls der Boden eines Sees war und jetzt ein Plateau bildet, auf dem mehrere Ortschaften sich erheben. Unsere Straße gegen Süden weiter verfolgend, gelangen wir bei Dazio grande( großer Zoll) aus dem hellen Tageslicht in ein unheimliches Dunkel; wir gelangen in eine grausige Schlucht, deren eigenthümliche Reize für starke Nervensysteme berechnet sind. Zwischen Granitwänden stürzt mit Brausen und Rauschen der Tessin in die unheimliche Tiefe, häufig genug gigantische Felsblöcke mit Donnergepolter im jähen Sturze mit hinabreißend. ( Schluß folgt.) Wohnungsheizung und Ventilation. Von Rothberg- Lindener. ( Schluß.) Neben diesen, den wirthschaftlichen Vorbedingungen und Anforderungen der Gegenwart in verschiedenem Maße Befriedigung gewährenden Einrichtungen zur künstlichen Erwärmung unserer Behausungen finden sich bereits vereinzelt die Anfäße zu solchen, welche im Laufe der naturgemäßen Weiterentwicklung aller Verhältnisse in Zukunft in allgemeineren Gebrauch kommen zu sollen scheinen. Wir haben dabei einige Arten von Centralheizung im Sinne, welche gegenwärtig in Anlage und Wirkung ihre Erprobung erfahren theils in öffentlichen Gebäuden, theils in großen und opulenten Privathäusern. Ueber die Vorzüglichkeit der einen oder anderen der jetzt ausgeführten Centralheizungen führen die, Konstrukteure und Interessenten an denselben noch Streit. Bis zu der Zeit, da die Frage ihrer Anwendung die breiten Schichten des Voltes unmittelbar zur Theilnahme und Beurtheilung auffordert, mögen sich noch mancherlei Verbesserungen herauskrystallifiren. Es jei hier aber gestattet, noch die Vortheile zu sfizziren, welche zwei der uns am werthvollsten scheinenden Arten der Centralheizung für die allgemeinen wirthschaftlichen Verhältnisse des Volkes in Zukunft zu bieten im stande sind und dadurch dent bewußten Streben nach Verbesserung eine Richtung vorzuschlagen. Wir betrachten zu dem Zweck die Warmwasserheizung und die Dampfheizung. Die erstere scheint uns am geeignetsten, um den Uebergang zu einer nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Häuserviertel und Stadttheile umfassenden Centralheizung zu vermitteln. Das warme Wasser, welches von einem Heizofen etwa im Keller aus in eisernen Röhren durch alle Wohnräume eines Hauses geleitet wird und eine Temperatur von 80 bis 100 Grad R. hat, gibt eine angenehme, wenig strahlende, gleichmäßige Erwärmung, einzelne Räume lassen sich leicht ein und ausschalten, die Bedienung ist leicht und die Reinlichkeit durchaus gewahrt. Die Ventilation muß durch besondere Ein richtung hergestellt werden, die aber bei nachträglicher Anwendung dieser Heizmethode selbst in alten Häusern nicht schwierig ist, da zahlreiche Schornsteine zu diesem Behufe frei werden. Die Nachtheile dieser Heizeinrichtung bestehen darin, daß die Wirksamkeit in horizontaler Richtung vom Feuerungsherd aus nicht erheblich weit, nicht über 10 Meter, in Anspruch genommen werden kann, und daß die Röhren bei unaufmerksamer Zuführung äußerer Ventilationsluft, oder wenn ein Theil der Räume längere Zeit unbenutzt steht, im Winter einfrieren können; auch ist die Anlage nicht billig. Außerdem müssen zum Kochen doch noch für jede Wohnung besondere Defen vorhanden sein. Diese Nachtheile einer Heizungsanlage mit erhiztem Wasser scheinen jedoch auch noch durch eine neuere Konstruktion, die eines fombinirten Warmwasser- Heiz- und Kochapparats" im wesentlichen behoben. Dieser Apparat benutzt den meidinger'schen Füllofen als Verbrennungsherd und umgibt den Ofenschacht mit einem mit Wasser gefüllten Mantel, das durch die glühenden Koks erhitzt wird. Das heiße Wasser wird durch Röhren in die Wohnräume geleitet und heizt dieselben, während der Apparat selbst in der Küche steht. Die abgehenden Gase einer sehr ökonomischen und vollkommenen Verbrennung werden allein zum Kochen benutzt, ehe sie in den Schornstein in mäßiger Temperatur abgeleitet werden. Diese Vorrichtung wird auch für kleinere Wohnungen in großen, fasernenartigen Miethshäusern nutzbar zu machen sein, da diese Centralheizung etagenweis angelegt werden kann. Ein Apparat ist hinreichend, um darauf für 30 Personen die Mahlzeit zu kochen und 10 Zimmer in vortheilhaftester, angenehmer und gesunder Weise zu heizen. Für kleinere Wohnungen kommt noch in Betracht, daß bei solcher Heizmethode jede Feuersgefahr oder sonst mögliche Beschädigung ausgeschlossen wird, welche zeitweis ohne Aufsicht älterer Personen gelassene Kinder häufig herbei 451 führen, da die Heizröhren natürlich hinter irgend einer Ver-| same, rationelle Heizung einführen ließe! Man muß nur den kleidung anzubringen sind. durch viele Verhältnisse noch genährten Gedanken eines mißverstandenen Egoismus aufgeben, daß mindestens jede Familie der nächsten feindlich sein und zu deren Schaden den eignen Vortheil fördern müsse. Und wenn man das Wasser so sehr als allgemeines Lebensbedürfniß ansieht, daß man sich verpflichtet hält, es auf allgemeine Kosten einem jeden wenigstens in die Nähe der Wohnung zu führen, so ist doch gewiß in unserm Klima während fünf Monaten als ein nicht minder dringendes Bedürfniß zu erachten die künstliche Erwärmung der Wohnung. Ein satter Mensch friert weniger leicht, aber auch umgekehrt braucht ein Mensch in angenehm durchwärmter Stube weniger Nahrung; er hat auch weniger Antrieb, seinen körperlichen Wärmebildungsprozeß durch Schnapsgenuß zu vorübergehendem Aufflammen zu bringen und die fuseldunstige, aber geheizte Kneipe aufzusuchen, auch wenn ihn nicht das Verkehrsbedürfniß dahin treibt. Daß es auch möglich ist, ganze Häuserviertel und Stadttheile von einem Centralpunkt aus zu heizen, dafür haben die Amerikaner uns den Beweis zu liefern begonnen durch die zuerst in Lockport, New- York, ferner in Auburn und Buffalo angelegte Centraldampfheizung. Der Dampf kann durch gut isolirte Röhren von geringem Querschnitt auch in horizontaler Richtung sehr weit geleitet werden. Wegen der latenten Wärme des Dampfes bei der Kondensation wirkt die Heizung rasch und kräftig; einzelne Räume lassen sich leicht aus und einschalten, dabei ist dieses Heizsystem auch für Kochanlagen anwendbar, und schließlich ist bei der disponiblen Dampfkraft eine gute Ventilation leicht damit zu verbinden. Nachtheile sind kaum zu nennen, außer, daß eben für einzelne, fleinere Gebäude die Centraldampfheizung in der Anlage ebenso zu theuer sein würde, als sie sich für einen größeren Komplex von Häusern billig und rationell stellt. In Lockport genügen für 210 Häuser zwei Dampfkessel. Nun bedenke man, daß zu deren Bedienung zwei Leute vollkommen genügen, daß diese die Feuerung in sachverständigster Weise besorgen und daher bei zweckmäßiger Anlage der Kesselfeuerung das Material so vollständig, als nur möglich, ausgenutzt wird, um den für die Zufunft hierin liegenden Vortheil zu würdigen. Die Einführung dieser genannten wesentlichen Verbesserungen in der Wohnungsheizung stellt aber vor allem an jeden einzelnen aus dem Volke eine große Anforderung als Vorbedingung, das ist, daß er das Bewußtsein der Solidarität aller zu gemeinsamem Vortheil der Organisation in sich entwickle und zum Erstarken bringe. Wenn schon jetzt eine große Anzahl kommunaler Verbände für die Allgemeinheit die öffentliche Beleuchtung und auf Wunsch die private, sowie das nöthige Wasser für den häuslichen Gebrauch besorgen, ohne daß für jeden einzelnen Angehörigen der Konsum genau festzustellen oder ihm zu berechnen möglich wäre, so sollte man meinen, daß auch, wenn schrittweise vorgegangen werden soll, sich zunächst die etagenweis gemeinDer Eine gewisse Solidarität des Lebens und Leidens herrscht auch unfreiwillig zwischen den Bewohnern eines Hauses. stark Heizende der einen Etage wärmt seinem Ueberwohnenden den Fußboden; ist aber seine Wohnung nicht ventilirt und mit verpesteter Luft angefüllt, so bekommt der oben Wohnende sein reichlich Theil davon, denn leichter noch als durch Wand und Fenster dringt die erwärmte Luft durch die durchaus nicht dichte Zimmerdecke nach oben. Und schließlich würden bei durchgeführter Central( dampfheizung die so zahlreichen Vortheile nicht einmal durch Mehrkosten, weder für einzelne, noch für die Allgemeinheit des Volkes, erkauft werden, da wir uns eben jezt in dem Stadium der Verschwendung von Material, Zeit und Gesundheit befinden. Dann, wenn dieser zu erstrebende Standpunkt erreicht ist, wird auch der ächte Menschenfreund, welcher jetzt, wenn er's kann, in wohlmeinender Absicht seine doch nur mangelhaft den Zweck erreichende Gabe zur Erwärmung des Bedürftigen gibt, sich noch stolzer fühlen können in dem Bewußtsein, daß die vereinte gesellschaftliche Macht das erfolgsunsichere Wollen des einzelnen erübrigt habe! Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudolph von B...... ( Fortsetzung.) Der Michel brummte etwas vor sich hin und trollte sich hübsch langsam zum Hofthor hinaus. " Ist es Ihnen mit diesen Vorbereitungen wie auf eine Belagerung ernst, Herr Willisch?" fragte Friz Lauter. " " Und wie!" entgegnete jener. Glauben Sie, ich hätte Lust, mir so mir nichts, dir nichts die Bude über dem Kopfe abbrennen oder demoliren zu lassen, und wenn's gut geht, in eigner Person mit einer Tracht Prügel stillvergnügt vorlieb zu nehmen? Na, da kennen Sie den Willisch doch verflucht schlecht, sag' ich Ihnen." " Mags aber kommen, wie es will Sie können doch unmöglich von Schießwaffen ernsten Gebrauch machen wollen?" " Das wollen wir abwarten, junger Freund. Wenn wir sehen, daß ein paar Dußend Kerle uns oder unserm Eigenthum ernst lich an den Kragen wollen, warum sollen wir dann nicht von dem Rechte der Nothwehr Gebrauch machen? Da, nebenan, Sie wissen ja, wohnt unser biederer Ortsvorsteher und der Gemeindediener; wenn's große Pelzwaschen losgeht, ziehen sie den beiden das Fell zuerst über die Ohren, denn die sind alle beide auf zehn Meilen in die Runde so verhaßt, daß kein Hund ein Stück Brot von ihnen mag. Die retiriren sofort, wenn's was gibt, hinter mich, und ich handle dann blos im Auftrage der hohen Obrigkeit, verstehn Sie, wenn ich einem Brand- oder Unruhstifter eine Ladung Schrot in die Beine jage. Na, übrigens," setzte er begütigend hinzu, als er den tiefen Unwillen bemerkte, der sich auf Lauters Gesicht abspiegelte, damit's aber nicht soweit kommt, müssen wir eben bis an die Zähne bewaffnet sein. Die Kerle müssen wissen, daß sie sich bei uns nichts weiter holen können, als blutige Köpfe, da verden sie die Dummheiten wohl schließlich bleiben lassen." Die tiefen Falten auf Friz Lauters Stirn glätteten sich ein wenig. Nun zu diesem Zwecke," sagte er, will ich meinetwegen auch so ein Ding in die Hand nehmen. Aber nur, um Unglück zu verhüten; im Nothfall ist mir eine Tracht Prügel, wie Sie sagen, auf dem eignen Buckel denn doch noch lieber, als eine Ladung Schrot in den Beinen eines andern." Willisch lachte etwas spöttisch.„ Sie sind na, wie nennt man das gleich? ein Philanthrop, nicht wahr? Auch' ne schöne Menschensorte. Vielleicht gibt's aber mehr als Prügel, Herr Philanthrop! Vorläufig kann's Ihnen jedenfalls nicht schaden, wenn Sie Sich täglich mit mir' ne Stunde im Schießen üben." Damit packte er seine Waffen wieder zusammen und ging ins Haus zurück. Fritz Lauter folgte ihm. Es war spät geworden und hohe Zeit, den ereignißvollen Tag durch ein kurzes Nachtmahl friedlich zu beschließen. * * In dem uns von früherher bekannten Separatzimmer im ersten Stock des Restaurant Weinhold saß am Abend eines regnerischen Apriltages der Chefredakteur des Tageskorrespondenten" ganz allein hinter einer dickbemoosten Flasche feinem Bordeaux und entschädigte sich für die Anstrengungen seines Berufs mit gewohnter Gemüthsruhe durch den Genuß einer mächtigen Portion Hecht, der in Moselwein gekocht und mit Austernsauce servirt, auf dem silbernen Staatsgeschirr des alten Patrizierhauses Weinhold aufgetragen vor ihm stand. Noch lagen ein paar Bissen auf dem Heller, als Herr Schweder sein Souper beendete, den Teller zurückschob und, auf den Knopf einer hellflingenden Glocke drückend, dem im Korridor seine Geschäftspromenade machenden Oberkellner das Zeichen gab, daß er abgeräumt zu sehen wünsche. Der Oberkellner, eine stattliche Figur von sehr straffer Haltung, ungefähr wie ein Gardeoffizier in elegantestem Civilanzug, neben dem nur die taschentuchgroße, blüthenweiße Serviette, die er in der linken Hand hielt, und der goldene Bleistifthalter hinter dem rechten Ohre den Beruf seines Trägers zart andeuteten, erschien fast ehe noch der Glockenton ganz verhallt war, auf der Schwelle und machte sich mit geräuschloser Geschicklichkeit an die Arbeit. Nachdem er Teller und Schüsseln auf ein hellglänzendes Tablette von Britanniametall gestellt, entzündete er den Docht eines winzigen Lämpchens von außerordentlich zierlicher Form, um Herrn Schweder Feuer zur Cigarre zu geben. Dann fragte er in respektvoll vorgebeugter Haltung, wie ein Hoffavalier zu seinem fürstlichen Herrn zu sprechen hat:„ Herr Schweder sind heut für niemand zu sprechen?" " Für niemand, mit Ausnahme des Herrn Alster, der mir hier ein Rendezvous gegeben. Wenn sonst jemand fragen sollte, bin ich überhaupt nicht hier." " Zu Befehl!" Der Oberkellner war im Begriff, mit seinem Tablette geräuschlos, wie er gekommen war, zu verschwinden. " Ist meine Rechnung für den vorigen Monat nun endlich ausgeschrieben?" hatte Herr Schweder noch zu fragen. Der Oberkellner antwortete noch einmal: Zu Befehl!" " Da ich grad' Zeit habe, will ich sie sehen!" " Bitte ergebensteinen Augenblick!" Und in der That beinah nach einem Augenblick nur war der seinen Beruf augenscheinlich gewaltig ernst nehmende dienstbare Geist wieder zurück und überreichte mit tiefer Verbeugung dem verehrten Stammgaste die gewaltig lange Rechnung. Nachdem sich die Thür zum zweitenmale hinter dem Oberfellner geschlossen, warf Schweder einen Blick auf die stattlichen Zahlenreihen. " Tafel," brummte er vor sich hin,, 740 Mark. Das Couvert bei meinen Dinstagsoupers ist 15 Mark gerechnet- das ist billig. Aber Wein 1965 Mark ein wenig viel! Hmden Leisten notirt er die Flasche 30 Mark vor einem Jahre gab er ihn noch zu 21, die Kerle nehmen unverschämte Monopolpreise. Aber was will man machen der Wein ist unüber trefflich schön, und ich wette tausend gegen eins, selbst der König von Bayern hat keinen bessern im Keller. Also muß man eben zahlen, was verlangt wird. Will die Sache gleich abmachen." Er schrieb auf die Rückseite einer Visitenkarte eine Anweisung auf 2725 Mart, ließ die Glocke anschlagen und überreichte die Karte über die Achsel hinüber dem Oberkellner. " Wie gewöhnlich, bei meinem Bankier," sagte er. Der Oberkellner warf nur einen ganz flüchtigen Blick auf die Summe, welche auf der Karte verzeichnet war. Er mußte zufrieden sein mit dem kleinen Extrahonorar von 20 Mark, was ihm der splendide Herr Chefredakteur ausgeworfen hatte, denn er machte eine noch tiefere Verbeugung, als gewöhnlich, und achtete dabei nicht einmal darauf, daß ihm der noble Gast den Rücken zukehrte und nur in einem Wandspiegel den Beweis der Hochachtung des ersten Hotelbeamten", wie sich der Oberkellner am liebsten nannte, bemerken konnte. " Die überaus respektvolle Verbeugung war noch nicht ganz zu Ende, als sich die Thür öffnete und Herr Alster seinen wohl beleibten Korpus, mit auffallend elegantem Frühlingsanzuge an gethan, ins Zimmer trug. Der Oberfellner sprang zur Seite und Schweder erhob sich und trat seinem Freunde und Bundesgenossen einen Schritt entgegen. Wie immer der erste auf dem Plaze, bester Schweder. Ausgezeichnet von ihnen, ganz ausgezeichnet," betheuerte Herr Alster, indem er Hut und Ueberrock dem Oberkellner überließ und sich es in dem Lehnstuhl bequem machte, der an der Breitſeite der kleinen Tafel stand, im rechten Winkel zu Schweders Sigplay gewendet. " Wenn es nicht so eine Art Erbtheil wäre, das mir in die Wiege gelegt worden ist, das rechtzeitig am Blaze sein," entgegnete Schweder, selbstbewußt wie immer, so hätte ich ja in Ihnen, verehrter Freund, ein vorzügliches Beispiel im großen, wie im kleinen; Sie gaben mir um neun Uhr hier das Rendezvous, und es fehlen jetzt, da Sie erscheinen, nicht mehr und nicht weniger als zwei Minuten zu neun!" Herr Alster seufzte." Ja, rechtzeitig am Plaze sein, das ist heutzutag auch sehr, ganz unumgänglich sogar, nöthig, und man weiß dann noch nicht einmal, ob man immer seinen Platz behauptet das Leben hat eben seine Kämpfe- seine ungeheuren Schwierigkeiten 44 Von den Schwierigkeiten und Kämpfen des Lebens unmittel452 bar auf unsere Geschäfte überzugehen, dürfte wohl nicht sonderlich gewagt sein," lächelte der Chefredakteur. „ Nicht im mindesten gewagt im Gegentheil, da ist ein verzweifelt naheliegender Uebergang vorhanden." Sie sind nicht in bester Laune, wie es scheint. Ist etwas Unerwartetes geschehen?" " , Etwas Erwartetes ist nicht geschehen, bester Freund, das ist, was mich auf das fatalste verstimmt. Der der- dieser Dickkopf, der Schneemann, ist mit einer erstaunlichen Hartnädigkeit allen Unterhandlungen ausgewichen. Ich that alles, was ich nur konnte, habe dem Menschen geschmeichelt, wie niemals jemanden in meinem ganzen Leben; ich habe ihm angedeutet, daß wir, Senkbeil und ich, bereit wären, seine Tantième an den Bestellungen der Eisenbahnen bei unserer Fabrik zu erhöhen zu verdoppeln sogar er blieb falt, kalt bis ans Herz hinan, sag' ich Ihnen, Verehrtester. Was soll man da thun? Er ist unlösbar in den Banden des Justizraths, der läßt ihn nicht wieder los. Wenn ich nur wüßte, wie der das angefangen hat, mit baarem, blanken Gelde kann er ihn nicht gefischt haben, und das ist doch nach meiner Erfahrung der einzige Angelhaken, auf den der gute Oberbaurath beißt." Schweder lächelte überlegen vor sich hin. Wie er es angefangen hat, der Herr Justizrath Wichtel, kann ich mir lebhaft denken. Der Oberbaurath ist einer von den Schneemännern, welche eine unwiderstehliche Vorliebe für die Sonne des Glücks haben und den Winter des Mißgeschicks am liebsten andre allein genießen lassen." " Das heißt? Sie meinen doch nicht?" " Ich meine, daß der Justizrath seinem und unserm würdigen Freunde sehr eindringlich klar gemacht, wahrscheinlich sogar auf Heller und Pfennig vorgerechnet hat daß sich die alsterwichtel- sentbeil'sche Fabrik für Eisenbahnbedarf troß aller Anstrengungen nicht halten kann, daß sie sehr bald zusammenbrechen muß, und daß es hohe Zeit ist für die Ratten, das sinkende Schiff zu verlassen." „ Aber er hat ja öffentlich alles gethan, um unsern Kredit zu erhöhen, und ausdrücklich überall betont, daß der Grund seines Ausscheidens aus der Assoziation nur durch den Umstand veranlaßt sei, daß zwischen ihm und mir eine auf außergeschäftliche Vorkommnisse zurückzuführende Erkältung unserer Freundschaftsbeziehungen eingetreten sei, und das hat ihm jeder gern geglaubt, denn es war allmählich stadtkundig geworden, daß das allgemein bekannte Projekt einer ehelichen Verbindung des jüngeren Wichtel mit meiner Wanda gescheitert sei." " Was jedoch alles den alten Fuchs, den Herrn Justizrath, nicht gehindert haben wird, dem Oberbaurath plausibel zu machen, daß er nur die günstige Gelegenheit benutzt habe, um den Kopf mit Ehren aus der Schlinge zu ziehen." Alster dachte eine Weile nach. Dann seufzte er wieder und fuhr mit der Hand über die Stirn. " Ja, ja Sie mögen recht haben, bester Schweder. Aber er soll unrecht behalten, mein ehemaliger bester Freund und jetzt schlimmster Feind. Nimmt die Fabrik in diesem Sommer keinen Aufschwung und genügen auch die vermehrten Bestellungen der Eisenbahn nicht, sie rentabel zu machen, nun, so wickeln wir im Winter unsere Geschäfte ab und liquidiren, freilich mit einem Verlust von ein paarmal hunderttausend Mark, der aber doch noch nicht mehr für uns ist, als eine Schlappe, die man ertragen fann." " Mein ehemaliger Freund Senkbeil allerdings wird das nicht sagen können. Aber Sie haben ganz recht, verehrter Freund, Sie haben in der aufopferungsvollsten Weise gethan, was gethan werden konnte; indeß die Konjunkturen sind mäch tiger, als die Menschen, und daß der Eisenbahnbau und-Betrieb nach dem kolossalen Aufschwung im Anfang dieses Jahrzehnts fonnte und hat kein so bald die Flügel hängen lassen würde Mensch vorausgesehen." " Nein, wahrhaftig nicht. Was den Senkbeil anbetrifft, so kann ich ihm nicht helfen, wenn ich ihn auch halte, solange bie geringste Aussicht auf Erfolg vorhanden ist. Ich fürchte, offen gestanden nur, er wird sich selbst aufgeben, ehe ich ihn aufgebe Er ist immer noch verzweifelt..." „ Ueber?" Sie fragen?" Herr Alster lachte etwas gezwungen. Die Spazen pfeifen es ja von den Dächern und lachen den leicht gläubigen Gatten der schönen Frau aus, während sie dem unwider tehlichen Herrn Schweder im stillen ihr Kompliment machen." Schweder zuckte die Achseln. Ich bin weit entfernt davon, zu leugnen. Daß die Affäre zum Eflat gekommen ist, verdanke ich auch den Wichtels, und ich bin eben damit beschäftigt, ihnen diesen Freundschaftsdienst zu vergelten. Aber Sie sagen, Sentbeil sei verzweifelt, was kann das schaden?" " Nun, zunächst hat er sich nur mit äußerster Mühe davon abhalten lassen, von Ihnen mit der Waffe in der Hand Satisfattion zu verlangeu Ein Pistoienduell pah!" " Wenn es eins gäbe, bester Schweder, dann ein sehr ernsthaftes " " Ja, er müßte Selbstmordgedanken haben. Indessen, meine Freundschaft würde sich darin bewähren, daß ich ihn schonte, wenn sie auch nicht stark genug war, die verzehrende Leidenschaft seiner von ihm ganz und garnicht verstandenen Frau ungenügt zu lassen." Herr Alster fuhr sich wieder mit der Hand über die Augen. " In der That, eine sehr gefährliche Frau " H So gefährlich, daß die Wichtels sogar auszusprengen gewagt, Sie, verehrtester Freund, wären aus demselben Grunde Sentbeils Kompagnon geworden, wie ich sein Freund " Alster rückte höchst ärgerlich auf seinem Sessel hin und her. ,, Glauben Sie wirklich, daß dieses Gerücht, von dem mir auch schon Andeutungen zu Ohren gekommen sind, auch von den Wichtels ausgeht?" " Ich wette darauf, und ich bin gewöhnt, meine Wetten zu gewinnen. Ich wette tausend gegen eins. Es ist System in der Sache, nicht nur, daß wir, Sie und ich, in der öffentlichen Meinung geschädigt werden sollen, nein, die Wichtels legen es offenbar auch darauf an, zwischen uns einen Bruch herbeizuführen " " Indem sie solche wahrhaft alberne Gerüchte in die Welt Sezen?" Schweder nickte. Aeußerst kaltblütig sagte er:„ Gewiß! Das Gerücht lautet nämlich so: Ich hätte die schöne Senkbeil als Köder benutzt, um Sie, verehrter Freund, dessen Galanterie in den Kreisen der Eingeweihten zur genüge bekannt wäre, in das Netz der senkbeil'schen Kompagnie hineinzulocken, da ich damals der stille Theilhaber oder so eine Art Agent oder Patron, oder Gott weiß sonstwas, des Senkbeil gewesen sei. Ihnen könnte man nun nicht zutrauen, daß Sie Sich ganz und gar von einer schönen Frau und deren Hausfreunde würden am Narrenſeile herumführen lassen, wir müßten Sie also in irgend einer Weise haben reüssiren lassen und Ihnen dabei eingebildet haben, Sie wären der Alleinbeglückte " Herrn Alster war ganz heiß geworden bei diesen Worten Schweders; glühendroth war er, als er ausrief: " Infam, ganz infam mich für so dumm zu halten" " Das ist eben die Schlauheit," lächelte Schweder freundlich. " Der schlaue Justizrath will die Leute glauben machen, daß er gewissermaßen der gute Geist oder, verzeihen Sie, Ihr Kopf war, und daß Sie da, wo Sie ohne ihn gehandelt haben, natürlich allerlei gethan haben, was mit seiner überlegenen Einsicht nicht zu vereinbaren gewesen wäre." " Das ist aber doch nicht nur nichtswürdig, sondern auch lächerlich. Er ist ja selbst mit von der Kompagnie gewesen." " Natürlich, aber nur aus hingebender Freundschaft für Sie, der Sie schon längst ein Opfer des von Grund aus verfehlten Bündnisses mit Senkbeil gewesen wären, wenn er bisher nicht seine Hand über Sie gehalten hätte--" Alfter sprang auf von seinem Stuhle.„ Es ist abscheulich, in Grund und Boden hinein falsch und verlogen umgekehrt, direkt umgekehrt war das Verhältniß, zehnmal wäre der Justiz rath sammt seinem sauberen Sohne bankerott, wenn ich ihn nicht gehalten hätte " Ich weiß, verehrter Freund. Ich weiß auch, daß eben die Erbitterung der Wichtels, welche sie zu einem Verzweiflungskampfe gegen Sie getrieben hat, nur veranlaßt ist durch die Bertrümmerung ihres besten Hoffnungsankers jenes Heiratsprojekts, welches die heillos zerrütteten Finanzen der beiden Herren gründlich und für die Dauer ordnen sollte." " Gewiß, gewiß, bester Schweder. So steht die Sache- es ist ein Verzweiflungskampf wider mich sie wollen mich isoliren, mich finanziell schädigen, mein Ansehen untergraben und sich rächen 453 „ Respektive auf den Trümmern Ihrer mit gutem Rechte so hochangesehenen und bevorzugten Stellung sich selbst etabliren." Freilich o, ich habe den alten Wichtel längst durchschaut. wirklich Aber er soll in mir seinen Mann finden ich will ich bin so aufgeregt über diesen Verrath dessen, der sich für meinen aufrichtigsten Freund ausgegeben jahrelang mir selbst dafür gegolten hat, daß ich mit mir noch garnicht einig werden konnte, wie ich die gegen mich fallenden Streiche am wirksamsten pariren soll." „ Wenn Sie erlauben, verehrter Freund, trage ich Ihnen meine Ansichten über die Sachlage vor." Sehr liebenswürdig, sehr liebenswürdig. Ich kann Ihnen gestehen, daß ich auf Ihren Rath gerechnet habe!" " Zunächst biete ich mich offen und ehrlich," Herrn Schweders Antlig strahlte ordentlich in vornehmer Gradheit und freundschaftlicher Aufrichtigkeit, ohne jeden Rückhalt, wie es in meinem Charakter liegt, zum Bundesgenossen à tout prix, oder zu deutsch und deutlich: auf Leben und Tod an!" Herr Alster war sichtlich hoch erfreut, ja fast gerührt. Er streckte dem offenen und ehrlichen Bundesgenossen beide Hände entgegen, in die dieser feierlich einschlug, um mit kräftigem Drucke das schöne Bündniß zu besiegeln. „ Es thut mir wohl," sagte Herr Alster, wieder einmal ein Wort zu hören, das so recht aus dem Herzen quillt. Herzlich gern acceptire ich Ihren Vorschlag, daß ich Ihr Freund bin und zu bleiben gedenke, bester Schweder, dafür habe ich ja wohl schon einige Beweise geliefert." „ Ich weiß sehr wohl, daß es mir nicht möglich gewesen wäre, den, Tageskorrespondenten zu gründen und auf die Höhe des Erfolges zu heben, auf der er jetzt steht, wenn Sie mir Ihre freundliche Unterstützung nicht geliehen hätten, auch damals, als der Justizrath mich, mich zuerst in Acht und Bann that bitte, davon reden wir nicht," wehrte Herr Alster bescheiden ab. Schweder neigte respektvoll sein Haupt. " Nun, so lassen Sie mich denn meine Vorschläge machen. Sie erweisen mir einen besonderen Gefallen, wenn Sie mir den Kampf gegen die Wichtels zunächst allein überlassen und mir nur gegen Senkbeil den Rücken decken. Der Eklat ist in der That groß genug, er darf durch die Lächerlichkeit eines Duells zwischen zwei ehemaligen Freunden, um der Frau des einen willen, nicht noch ins Ungeheuerliche vermehrt werden. Ich kann auf ein Duell offen Verzicht leisten, ich habe vor mehr als einer Pistolenmündung gestanden; aber diesen armen Teufel will ich nicht opfern und all' mein Können will ich konzentriren zur Abrechnung mit dem Herrn Justizrath." „ Ganz vortrefflich für Sentbeil glaube ich einstehen zu können, nachdem er die erste Zeit nach der fatalen Entdeckung überstanden hat. Seine Frau ist noch immer bei Verwandten und wird dort bleiben." Schweder nickte. Mit Senkbeil, der Sie schließlich jetzt doch nur hindert, wäre alles am besten geordnet, wenn Sie ihn gelegentlich mit einem Theile seines Vermögens aus dem Geschäft herauslaffen könnten." „ Das ist freilich richtig,- aber ein derartiges Arrangement bürdete ein neues schweres Risiko auf meine Schultern." Schweders Stimme flang etwas kühler, als er nach einigem Nachdenken erwiderte: " Wenn Sie finanziell behindert sind, freilich, und die Last des ganzen Geschäfts ist groß, sehr groß, vielleicht zu groß für die Schultern eines Mannes." Er hatte den Punkt getroffen, wo Herrn Alsters Stolz am leichtesten zu verwunden war. Wenn Sie es für unbedingt nöthig halten und wenn Sie der Ueberzeugung sind, liebster Freund, daß Sie mit den Wichtels bestimmt fertig werden, so würde ich Senkbeil, der Ihnen allerdings sehr unbequem sein muß, beseitigen." Eh bien! Des Erfolges gegen die Wichtels bin ich sicher. Bei dem Eisenbahnbau haben die Herren ihr alles auf eine Karte gestellt. Diese Karte muß gegen sie schlagen. Der Bau wird und muß zunächst von einem großen Mißerfolg unterbrochen werden, der die Kurse rapid fallen macht, damit die Wichtels, welche mit tollster Keckheit auf die Hausse spekuliren, an den Rand des Bankerotts bringt und gleichzeitig Waldstein auf das schwerste benachtheiligt." ( Fortsetzung folgt.) My 20 1000 454 Eine Heirat mit Hindernissen. Beitrag zur Kulturgeschichte der jüngsten Vergangenheit. Ich bin der Sohn eines armen Holzarbeiters aus dem badischen Schwarzwalde. Vor fünfundzwanzig und dreißig Jahren- ob heute ob heute nod), weiß ich nicht- herrschte in jener Gegend das Vorurtheil, ein jeder junge Mann, der sich dem Studium widme, müsse selbstverständlich Geistlicher werden. Wurde er das nicht, so galt er für einen schlechten Kerl, der eben nur darum diesen heiligen Stand nicht ge= wählt, weil er dazu nicht zu gebrauchen gewesen. Nun wurde ich von Anfang an zu den Begabtesten unserer Volksschule gezählt. Ich war der Liebling der Lehrer sowie der jungen Hülfsgeistlichen. Dazu kam, daß ich und zwar gegen den Wunsch, doch nicht gerade gegen den ausgesprochenen Willen meines Vaters, Ministrant oder Altardiener wurde, mit den Geistlichen also jeden Morgen in der Kirche zusammenkam. Was war nun natürlicher, als daß in den Köpfen dieser Herren und auch noch anderer Leute der Gedanke aufstieg, ich sollte ein geistlicher Herr" werden. Wenn auch in mir selbst manchmal Wünsche auftauchten, so verstiegen sie sich doch nicht so hoch; Schullehrer werden zu können, wäre für mich schon alles Mögliche gewesen, höher hinauf wagte ich nicht zu denken. So vergingen mehrere Jahre, endlich hielt man es für selbstverständlich, daß ich mit Latein anfing, ich erhielt Brivatunterricht, wurde später in eine Erziehungsanstalt gebracht, fam noch später zur Theologie, blieb aber nicht dabei, weil mein Glauben Risse bekam, und, je mehr ich nachdachte und prüfte, desto mehr Stück um Stück für mich verloren ging. Ich sagte also der Theologie Valet und schlug einen anderen Lebensweg ein. Das war schon unverzeihlich in aller Gläubigen Augen. Allein ich that noch einen weiteren Schritt, der bisher in jener Gegend noch nie dagewesen, unerhört war, ich trat aus der Kirche aus und wurde Dissident. Jetzt war ich in den Augen jener sonst guten und braven Heimatgenossen erst recht ein verlorner Mensch. So entstand eine Kluft zwischen mir und all' dem, was sonst in meiner Jugend noch mein gewesen war, meinen Geschwistern, meiner Heimath, meinen Jugendgefährten u. s. w. Ich habe weder jene so schöne Gegend noch jene Menschen einmal wieder gesehen. " Es war im Frühjahr 1869, ich hatte in der Stadt Braunschweig eine bescheidene Anstellung, dazu noch ungefähr ebensoviel Nebeneinkommen als festen Gehalt. Ich hatte aber noch ein Etwas, nicht dort, sondern in einer Provinzialstadt Preußens, und das war eine Braut. Wer wollte es nun nicht natürlich finden, daß in mir der kühne Gedanke aufstieg, mein Bräutchen auch zu meinem Weibe zu machen. Aber ich wußte von vornherein, daß dieses nicht so leicht zu bewerkstelligen sein werde. Einmal war ich Badener, sie Preußin, ich also war von jenseits, sie von diesseits der Mainlinie, dann war ich Dissident und sie Dissidentin, schließlich, und das war jedenfalls das erste drohende Hinderniß, aber auch das schlimmste: um als Badener zu heirathen, mußte ich die Genehmigung des Bürgermeisteramtes meines Geburts ortes haben. Diese Genehmigung sollte, wie ich später erfuhr, in der Ausstellung einer Bürgerantrittsurkunde" bestehen. Der Bürgermeister sammt seinem Rath hatte nun das Recht, einen, der sich um diese Bürgerantrittsurkunde bewarb, abzuweisen, ob aus stichhaltigen oder nicht stichhaltigen Gründen, das mußte sich später ergeben. Ich schrieb nun in besagtem Frühjahr 1869 an das wohllöbliche Bürgermeisteramt zu...." und frug an, welche Bedingungen ich zu erfüllen bezw. welchen Verpflichtungen ich nachzukommen hätte, wenn ich mich verheirathen wollte. Ich wartete ziemlich lange, es tam einfach- keine Antwort. Nach einem halben Jahre etwa frug ich nochmals an, mit demselben Erfolg. Jeßt wandte ich mich beschwerdeführend an das zu ständige Amtsgericht zu W... Von dort erhielt ich alsbald die Weisung, daß ich mich formell um die Aushändigung der Bürgerantrittsurkunde bewerben solle. Das geschah, aber- ich erhielt abermals teine Antwort. Darauf ging ich wieder an das Amtsgericht. Von diesem aufgefordert, sich über die Nichtbeantwortung meines Gesuches zu erklären, antwortete man, daß der Gemeinderath beschlossen habe, mich mit meinem Gesuche abzuweisen und zwar, weil ich keinen Nahrungszweig" nachzuweisen hätte. Dem Uebel, sagte ich mir, kann abgeholfen werden, obgleich ich wußte, daß der gesetzlich geforderte Nachweis eines Nahrungszweiges für gewöhnlich der Punkt war, wo man gern den Hebel anseßie, um den Antrag zum Bürgerantritt abzulehnen. Hatte man doch früher schon einen Bruder meiner Mutter, der im Staatsdienste war, abgewiesen, weil er ,, keinen genügenden Nahrungszweig" hätte. Ich ließ mir nun durch Privaturkunde den Nachweis geben, daß ich in einer Privatanstellung wäre mit so und so viel Einkommen, bemerkte dazu, daß dieses Einkommen ungefähr so viel Thaler betrüge, als in Baden ein Schullehrer an Gehalt Gulden erhielte, ein solcher Lehrer aber doch heirathen dürfe, wie die Thatsachen bewiesen. Darauf erhielt ich die Antwort, daß ich mit meinem Gesuche dennoch abgewiesen werde, einmal weil meine Anstellung und Besoldung nicht auf so solider Basis ruhe wie bei einem badischen Schullehrer, sodann auch, weil der Nachweis nicht erbracht sei, daß die Braut als Auswärtige die gesetzlich erforderlichen 150 fl. Vermögen besize. Schon vorher ward mir aber der Rath ertheilt worden ,,, norddeutscher Bürger zu werden", mit dem Versprechen, mir ein günstiges Zeugniß auszustellen. Ich erbrachte nun den Nachweis, daß ein Vermögen der Braut in der geforderten Höhe vorhanden sei und fügte hinzu, daß meine Anstellung auf meinen eigenen Fähigkeiten sowie auf meiner Führung beruhe, wie dies auch bei einem Staatsbeamten der Fall sei. Die Antwort darauf war abermals eine verneinende. Es blieb mir also wieder nichts anderes übrig, als beschwerdeführend an das Großherzogliche Bezirksamt" zu gehen. Das geschah und wurde nun von letzterem eine„ Tagfahrt"( Termin) angesetzt. Nach der mir gleich nachher zugegangenen Abschrift des Protokolls erklärte der anwesende Bürgermeister, daß er neue Gründe nicht beizubringen habe, im Namen des Gemeinderaths aber beantrage, mich mit meinem Gesuche aus den bereits angeführten Gründen abzuweisen. Das großherzogl. Bezirksamt erkannte zu meinen Gunsten und wies den Bürgermeister mit seinem Antrage ab unter Verurtheilung in die Kosten. Die Abschrift dieses Erkenntnisses erhielt ich von dem betreffenden Gericht sofort, wie ich überhaupt von dieseser Behörde stets umgehend Antwort bekam, während das wohllöbliche Bürgermeisteramt jedesmal genau seine Amtszeit abwartete. Daß ich diesen Sieg meinem harrenden Bräutchen telegraphirte, ist wohl selbstverständlich. So weit war ich also. Jeden Tag erwartete ich nun die lang-. ersehnte und kostbare Bürgerantrittsurkunde, aber sie blieb aus. Ich schrieb wieder an das Bezirksamt, man antwortete mir von dort in freundlicher Weise, daß dem verurtheilten Gemeinderathe binnen einer gewissen Frist gegen das ergangene Erkenntniß die Berufung au die nächst höhere Behörde zustehe; man glaube zwar nicht, daß der betr. Gemeinderath von diesem Rechte Gebrauch machen werde, ich solle mich noch einmal mit einem Gesuch an denselben wenden, mir nun die Urkunde auszustellen. Ich befolgte diesen Rath. Wieder verstrich die gefeßlich gestattete Amtszeit. Da kam ein Schreiben, daß ich, bevor mir die Urkunde ausgestellt werden könne, erst 3 sl. ,, Bürgerantrittsgeld" in die Gemeindekasse und 3 fl. in die Gemeindearmenkasse einzuzahlen hätte. Ich schickte sofort 7 fl. ab( weil das gerade 4 Thaler ausmachte) mit dem Bemerken, den 7. Gulden auch noch in die Armenfasse zu legen. Und abermals verging die gesetzliche Amtsfrist, da endlich kam die Bürgerantrittsurkunde an. Damit hatte ich in meinem Geburtsorte das mir zustehende Bürgerrecht angetreten, war meine Braut zugleich bürgerlich anerkannt und wir beide hatten nun die gesegliche Berechtigung, uns zu heirathen. ( Schluß folgt.) King Lili's Glück und Ende.( Bild Seite 248-49.) Zu einer jener wenigen Sitten, die aus dem Alterthum in unveränderter Form auf uns übergegangen sind, gehört wohl unstreitig auch diejenige, gewisse Lieblingsthiere in der Nähe der eigenen Person zu halten. Daß diese Sitte bereits im Alterthum bestand, erhellt wohl zur genüge aus dem Umstande, daß man bereits den Göttern Thier- Attribute beigab, wie beispielsweise dem Jupiter den Adler, der Venus die Tauben und Sperlinge, der Juno den Pfau, und daß auch die christliche Legende den Evangelisten Thiere beigeſellte, ohne welche dieselben niemals abgebildet erscheinen. Wir finden, daß zu verschiedenen Zeiten die verschiedenartigsten Thiere, ja selbst solche, welche unsere Sympathie nur in sehr geringem Maße besigen, als Lieblingsthiere der Menschen galten, und oft sogar das zweifelhafte Glück genossen, göttlich verehrt zu werden. In leztere Kategorie gehörten in Indien das Rind, die Kaye, das Ichneumon und das Krokodil. Man hat die Beobachtung gemacht, daß man von dem Zustand der Hausthiere auf den Stand ihrer Besizer schließen könne, und nirgends ist diese Behauptung stichhaltiger und zutreffender als bei dem Hund und dem Pferd. Das Schoßhündchen der alten Jungfer, der ewig kläffende, mit Athemnoth behaftete Mops, paßt eben so gut zu seiner hysterischen Besitzerin, wie die feiste Hazrüde zum wohlgenährten Megger und das zierliche Windspiel zum hungrigen Lieutenant. Dieselbe Parallele kann man zwischen dem Streitroß, dem Rennpferd, dem Droschkengaul, und ihren Lenkern, dem Cavaleristen, dem Jockey und dem Droschkenkutscher ziehen. Noch mehr wachsen um uns eines landläufigen Ausdruckes zu bedienen der Jäger, der Schäfer und der Kunstreiter mit ihren vierbeinigen Gehilfen zusammen, weil ihre Beschäftigung ohne Zuhilfenahme der Thiere undenkbar ist. Schäfer- und Jagdhunde nehmen mit der Zeit sogar etwas vom Temperament ihrer Gebieter an, und wer die Kunststücke eines in Freiheit" dressirten Cirkuspferdes auf merksam beobachtet, der wird gewahr werden, daß nicht die Peitsche allein dirigirt, sondern daß auch zwischen den Augen von Mensch und Thier ein Rapport besteht. Hund und Pferd sind aber nicht nur findige, sondern auch treue, und, man könnte fast sagen, uneigennüßige Begleiter des Menschen in allen Lebenslagen und unter allen Himmelsstrichen. Während die Kaße und die Taube wohl an das Haus, doch nicht an die Hausbewohner Anhänglichkeit zeigen, das Rind und Schaf, der Eſel und die Ziege, das Schwein und das Hausgeflügel nur der Hunger und des Wetters Unbill an die Behausung des Menschen fesselt, das Kameel und das Rennthier sich nur widerwillig dem Befehl des Menschen fügen, folgt der Hund aus freiem Antrieb des Menschen Spur und das Pferd seinem Zügel. Während das Hundegeschlecht unzählige Spiel- und Abarten aufzuweisen hat, bilden alle jezt lebenden Einhufer ( Pferde) eine streng abgegrenzte Gruppe unter den Hufthieren und ähneln sich auch unter einander so, daß man sie nur in einer einzigen Familie vereinigen kann. In Europa scheinen die wilden Pferde vor noch nicht allzulanger Zeit ausgestorben zu sein; in Asien und Afrika schweifen sie noch heutigen Tages heerdenweise durch hochgelegene Steppen und Gebirge. Mindestens zwei, wahrscheinlich drei Arten sind von dem Menschen unterjocht worden. Keine Geschichte, keine Sage erzählt uns von der Zeit, in welcher sie zuerst zu Hausthieren gewonnen wurden; nicht einmal über den Erdtheil, in welchem man die ersten Pferde zähmte, ist man im reinen. Die ersten Abbildungen von Pferden auf altaegyptischen Denkmälern begegnen uns im achtzehnten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung; daß sich aber der Mensch des Pferdes als Lastund Reitthier schon viele Jahrtausende vorher bediente, beweisen die in den Pfahlbauten der Schweiz aus der Steinzeit gefundenen Pferdegerippe. 455 Eine Schilderung oder auch nur Aufzählung der fast zahllosen Rassen oder Stämme des Pferdes gehört nicht in den Rahmen unseres Bildes, doch um den sterbenden Helden dieses Bildes schildern zu können, müssen wir auf seinen Stammbaum zurückgreifen. Seine Mutter war eine arabische Stute und der Vater ein englischer Hengst. Aus dieser edlen Abstammung ersiehst Du, lieber Leser, daß es ihm ,, in der Wiege" nicht gesungen war, auf der Landstraße im Geschirr eines Seiltänzers zu verenden. Sehen wir uns die Eigenschaften seiner arabischen Vorfahren an, die theilweise auf den ,, halbblütigen" Spröß ling übergegangen waren. Nach arabischen Anforderungen muß das edle Pferd in sich vereinigen: ebenmäßigen Bau, kurze und bewegliche Ohren, schwere, aber doch zierliche Knochen, ein fleischloses Gesicht, Nüstern, so weit wie der Rachen des Löwen", schöne, dunkle, vor springende Augen ,,, an Ausdruck dem eines liebenden Weibes gleich", einen gekrümmten und langen Hals, breite Brust und breites Kreuz, schmalen Rücken, runde Hinterschenkel, sehr lange wahre und sehr kurze falsche Rippen, einen zusammengeschnürten Leib, lange Oberschenkel, ,, wie die des Straußes es sind", mit Muskeln ,,, wie das Kameel sie hat", einen schwarzen einfarbigen Huf, eine feine und spärliche Mähne und einen reichbehaarten Schwanz, dick an der Wurzel und dünn gegen die Spize hin. Es muß zeigen viererlei breit: die Stirn, die Brust, die Hüften und die Glieder, viererlei lang: den Hals, die Oberglieder, den Bauch und die Weichen, und viererlei kurz: das Kreuz, die Ohren, den Strahl und den Schwanz. Diese Eigenschaften beweisen, daß das Pferd von guter Rasse und schnell ist; denn es ähnelt dann in seinem Baue ,, dem Windhund, der Taube und dem Kameele zugleich." Die Stute muß besißen: ,, Den Muth und die Kopfbreite des Wildschweins, die Anmuth, das Auge und das Maul der Gazelle, die Fröhlichkeit und Klugheit der Antilope, den gedrungenen Bau und die Schnelligkeit des Straußes und die Schwanzkürze der Viper." Diefe Sammlung der schönen Eigenschaften aller lebenden Wesen besaß auch Lili und verband sie mit der Kraft und Ausdauer seines Vaters, des englischen Hengstes Hektor, wenigstens glaubte es Herr von und zu Sattelburg, ein mecklenburgischer Edelmann, der sich besser auf die Veredlung der Pferde als auf die seiner Unterthanen verstand, und in dessen Ställen Lili das Licht dieser schnöden Welt erblickt hatte. Als sich das edle Fohlen von der Milch seiner Mutter, der isabellfarbigen und weißgefleckten Marpha, entwöhnt hatte, begann mit achtzehn Monaten seine Erziehung. Zuerst versuchte sich Herr von und zu Sattelburg junior auf Lilis edel- ge schwungenem Rücken. Der Knabe ward ein Reiter und das Fohlen ein Reitthier; man überwachte jede Bewegung des Thieres, um ihm den edlen Anstand des Turfes beizubringen. Als sein zweites Lebensjahr überschritten war, legte man ihm den ersten Sattel auf und das vollendete Rennpferd war das Ergebniß eines beharrlich fortgesezten siebenjährigen Strebens. King Lili, wie es jeßt genannt wurde, durchlief beim Wettrennen 850 Meter in der Minute und war infolge dessen feine 100,000 Mark werth. Lieber Leser! Hast Du einmal beim Wettrennen die ätherischen Damen der Tribünen und die patschouliduftenden Herren des JockeyClubs beobachtet, wie erstere in der Aufregung des Wettens zu Megären werden und letztere den Stallknecht an Derbheit der Verwünschungen übertreffen, wenn ihr Rennpferd stürzt oder überholt wurde; daß sich der Jockey so nebenbei den Hals gebrochen hat, bemerkt man kaum. Diese salonfähige Wildheit läßt sich höchstens damit entschuldigen, daß ungeheure Summen auf dem Spiele stehen oder vielmehr von den Hufen der Kenner abhängen. So hat z. B. ein Rivale unseres King Lili, das Vollblutpferd König Herodes, der wiederholt als Sieger des Rennens hervorging, seinem Besizer die erkleckliche Summe bon 201,508 Pf. Sterling, d. i. über 4 Millonen Mart, eingebracht. Die Lorbeeren des Rivalen ließen unsern King Lili nicht schlafen, bei nächster Gelegenheit überbot er seine Kräfte, unterlag im Wettkampf und holte fich den ,, Dampf". Mit der virtuosen Laufbahn war es für immer vorbei und King Lili ſank von Stufe zu Stufe, bis ihn sein tragisches Geschick ereilte, wie es unser Bild veranschaulicht. Nachdem er einige Jahre die mehr oder minder verunglückten Reiterkunststückchen eines Infanterieoffiziers allenfalls durch sein Wollen und nicht durch sein Vollbringen unterstüßt hatte, gelangte er auf der schiefen Ebene in den Stall eines Pferdeverleihers, um sich an seinem Lebensabend von den Launen der Sonntagsreiter malträtiren zu lassen. Leider vertrieb ihn die zunehmende Altersschwäche selbst von dieser dornenvollen Laufbahn. Noch einmal schien ihm die Sonne des Glückes leuchten zu wollen, denn der Invalide kam in den Besitz des italienischen Seiltänzers Friedrich Wilhelm Schulzini von Nieriz an der Knatter, in dessen Dienste er mit der seinem Alter angemessenen Würde dem Müssigang fröhnte; denn hier hatte er nur alle acht oder vierzehn Tage den Künstlerwagen mit dem Komödiengerümpel und der Familie des | Signor Schulzini von einem Dorf zum andern zu schleppen. Die guten Leute theilten alles mit dem einst gefeierten König des Turfs, sogar ihren Hunger, und an dem zottigen Spitz Wuzl, dem Liebling der Familie, fand er einen Freund, der trop des oft knurrenden Magens stets bei guter Laune war. Heute, wie immer, umsprang der munter bellende Wuhl die sorglose Seiltänzerkarawane und ließ sich mitleidig zu Lilis Häupter nieder, als dieser auf der verschneiten Landstraße kraftlos zusammenbrach, um sich nie wieder zu erheben. Auch die Prinzipalin kauert mit gefalteten Händen an der Seite des Röchelnden. Nur Monsieur Schulzini, Direktor und Künstlergesellschaft in einer Person, behielt die Fassung, die Wahlstatt gleich einem geschlagenen Feldherrn zu mustern und den gefallenen Helder ruhmlos zu bestatten. y. Sprechsaal für jedermann. und Zu Nuz und Frommen aller Auswanderungslustigen. will der Schreiber dieser Zeilen seine noch ganz frischen Erfahrungen auf amerikanischem Boden berichten. Da drüben in der neuen Welt ist es gutsein, denken auch heute noch viele. Und ganz Unrecht haben sie in der Regel nicht. Einmal hier im Trocknen, wünscht sich, so viel ich aus eigener Anschauung erfahren und das Urtheil solcher, welche 20 bis 30 Jahre hier leben, als Norm annehmen darf, keiner wieder in sein altes Heimathsland zurück. Jedoch hier beginnen meine Bedenken sollte jeder, bevor er sich zur Auswanderung entschließt und das gilt vor allem den Familienvätern mit sich, seiner Energie und seinem Geldbeutel zu Rathe gehen. Uebers Wasser ist man ziemlich schnell und noch dazu sehr billig befördert; auf dem Schiffe ist für das dafür entrichtete Passagegeld der Tisch tagtäglich gedeckt und es geht alles glatt und ohne Sorgen; betritt man den freien amerikanischen Boden, so hat man noch schöne aber deutsche Thaler in der Tasche und nochmals aber 10bald diese unsichtbar geworden- und das geschieht in der Regel viel schneller als man gedacht und berechnet hat so beginnt der Kampf ums Dasein in einer Weise, wie ihn ein deutscher Handwerker daheim wohl nimmer kennen gelernt hat. Das ist anwendbar auf alle, welche ohne alle Aussicht auf Erwerb oder Unterkommen, in der festen Meinung, am Hafen stehen die Herren Amerikaner und warten auf die heransegelnden Hände", ihr Bündel geschnürt und der größte Leichtsinn, der je begangen werden kann, womöglich unter Zurücklassung ihrer gewöhnlich zahlreichen Familie ins Blaue hinein nach Amerika auswanderten. Zum Beweise will ich meine eignen Erlebnisse erzählen. Genau wie mir und wie ich hier beschreiben werde, gings fast allen, die ohne bestimmte Unterkunft und ohne die nöthigen Mittel zum Abwarten hierherkamen. Jeder, fast ohne Ausnahme, denkt zurück an die Zeit seiner amerikanischen Lehre, wenn er sich überhaupt durchzuwinden verstanden hat, viele verkommen oder gehen zu Grunde in dieser Periode. Ha, wie willst du da drüben Geld verdienen, wie willst du arbeiten, damit deine Familie bald nachkommen kann; es braucht ja nicht gerade der von dir erlernte Beruf zu sein, der dir dieses Ziel verwirklichen soll; in Amerika, das ist ja der größte Segen dieses Landes, kann man heute Stiefelwichser, morgen Rentier, den andern Tag wieder Steinträger spielen, man bleibt immer derselbe, Arbeit schändet nicht, und die Hauptsache ist: ,, recht viel Dollars!" Das ungefähr waren meine Gedanken, welche ich am Bord des Schiffes ,, City of Montreal", einem der größten Liverpooler Dzeandampfer, im geheimen schmiedete. Der 12. Tag unserer Wasserpartie brachte das gewünschte Land. Sonnabend Abend Landung in Hoboken. Sonntag Morgen ärztliche Revision der Passagiere und Mannschaft, kurz darauf Weitertransport unseres Schiffes vermittels Schlepper nach dem der Liverpooler Gesellschaft gehörigen Landungsplaß. Alsdann Ausschiffung sämmtlicher Passagiere, Ueberführung derer vom Zwischendeck nach dem Castle- Garden. Dieser Castle Garden ist eine der vorzüglichsten Anstalten von New- York zur Wahrung und zum Schuße der Interessen der Einwanderer. Hier wird jeder um Namen, Beruf, ob er weiterreist oder in Newyork verbleibt, ob er Beschäftigung hat, oder nicht, gefragt. Ferner werden Billets an Weiterreisende nach allen Gegenden per Bahn und per Schiff zu ermäßigten Preisen abgegeben; ein Telewas die Hauptsache ein graphenamt, ein Geldwechselbureau und Arbeitsnachweisungsbureau befindet sich hier. Nachdem alle diese Geschäfte abgewickelt, der eine seine Markstücke gewechselt, dieser eine Depesche abgesandt, jener einen bereitliegenden Brief in Empfang genommen, der andere Arbeit erhalten hatte, wurden die bis dahin zurückgehaltenen Hotel- und Gasthausagenten zugelassen und die Jagd nach ,, Grünen" begann: unter den glänzendsten Versprechungen, sowie der Versicherung übermäßiger Billigkeit werden Gäste für die von ihnen vertretenen Gasthäuser aufgegabelt, deren jeder einen Viertel Dollar für die Agenten einbringt. Wer Geld hat, d. h. zur genüge, der kann es in solchem Gasthause schon mit ansehen, wer aber so viel, oder richtiger, so wenig besißt, wie dies bei mir der Fall war, soll sich hiervon fern halten, sonst kann es passiren, daß Geld und Gepäck, welches von diesen Hotelwirthen gleich bei Ankunft sorgfältig verwahrt wird, zum Teufel gehen. Am gerathensten ist, mit einem Freunde zusammen, oder, wenn dies nicht thunlich, allein ein möblirtes Zimmer zu miethen, " 456 deren täglich massenhaft in den deutschen Blättern angezeigt werden.| Der Preis ist 1-2 Dollar per Woche. Brot, Wurst, Fleisch alles billig, und man kann auf solche Weise mit einigen Thalern sein Leben wochenlang fristen, in einem oben bezeichneten Gasthaus nur so viel Tage. Vier Dollars! 16 Mart 80 Pf. Dies war der Totalbestand meiner inneren und äußeren Finanzen, als ich, in der Vorausseßung, diese bald an Schwindsucht leidende Papier- und Silbermünze durch den Ertrag meines Fleißes wieder zu kuriren, frohen Muthes in Gemeinschaft eines biederen kurhessischen Reisegefährten einem der oben bezeichneten Hotelagenten semitischer Abkunft in das gastlich winkende Häuschen vis- à- vis dem Caſtle- Garden folgte. Binnen 3 Tagen war meine Baarschaft dem Verderben verfallen. Jetzt begann ich eine entsegliche Jagd nach irgend welcher Beschäftigung, welche natürlich, so wenig wie Freunde oder Bekannte, die mit gutem Rath oder klingender Münze hätten beispringen können, zu finden war. Mir wurde ganz warm.' war ohnedies schon gerade warm genug. 10 Cents. Keine Arbeit. Keine Bekanntschaft. Alles jagt, alles rennt; niemand kümmert sich um den, der sich so gern sein beladenes Herz und Gemüth aus-, seinen leeren Magen vollschütten möchte. So dumm war mir mein Lebtag nicht zu Muthe. Die Kunsttempel meines Gewerbes hatte ich ehrlich abgeklopft keine Idee von Arbeit. ,, Was ihr euch nur vorstellt, hier sind ja die Verhältnisse schlechter als bei euch drüben" das waren Trostworte noch nie ärgerte ich mich über die KolTegen so, wie in Newyork einem so die Wahrheit zu sagen, wo man doch gern belogen sein möchte. Am Morgen des folgenden Tages 7 Cents Kassenbestand. In den, ich weiß nicht weshalb, zitternden Händen eine Staatszeitung( à 3 Cents) haltend, stand ich am Hauptpostgebäude, eifrig die verschiedenen Verlangts" studirend und sofort beginnt mein alltäglicher Dauerlauf. Ein geheimes Wehe, ein bitteres Grauen macht sich in der Gegend des Magens bemerkbar. Aha! Jetzt fällt mir's ein; gestern früh hatte ich mein letztes Diner( 5 Cents Brot) gehalten; trotz alledem segle ich mit Riesenschritten nach der 22. Straße, einem Engagement als Messerpuzer in einem Gasthause mit freudigen Hoffnungen entgegensehend, zu. Ja, zum Henker, als ich da anfomme, ich traue kaum meinen Augen, eine Volksversammlung unter freiem Himmel? Völlig außer Athem, ist mein erstes, so unter der Hand nach dem Zweck des Hierseins der sehr ehrenwerthen und zahlreichen jungen und alten Herren zu forschen.' S ist ein Plaz vakant!" ,, 10 Dollar per Monat!" Keine harte Arbeit!" u. s. w. ging's Gemunkel durch die Reihen der ungefähr 100 versammelten Pflaster treter. Wer sich nach solcher Botschaft, einem begossenen Pudel gleich, in den Hintergrund konzentrirte, das war ich. So ging's mir nicht einmal, sondern mehrere mal. Die in den Tagesblättern ausgeschriebenen Stellen sind gewöhnlich solche, in denen keiner lange aushält; der hungernde Grüne, sowie solche, welche den Sommer über im Lande auf Farmerarbeit beschäftigt waren und sich zum Herbst nach den großen Städten ziehen, um sich vor dem hier ziemlich strengen Winter zu flüchten, sind zu tausenden die Kandidaten auch für die miserabelsten Stellen. Kein Wunder, daß der hiesige Arbeiter den Grünen mit scheelen Blicken betrachtet, da infolge seiner gewöhnlich äußerst mißlichen Lage dieser sein gefährlichster Konkurrent ist. Vier böse Tage hatte ich nun arbeitsuchend und nimmer findend, vergeudet. Wie beneidenswerth erschien mir jener junge Kaufmann, der, weil es ihm 14 Tage früher gerade so ergangen, wie mir, sich in dem von mir in besseren Zeiten bewohnten Hotel als„ Junger Mann für alles" mit 10 Dollar per Monat und Kost hatte engagiren lassen, morgens 7 Uhr die Straße reinigte und Fenster puzte. Besagtes Hotel hatte ich selbstverständlich schon am dritten Tage meines Hierseins mitsammt Gepäck verlassen und mein Hauptquartier im Castle- Garden aufgeschlagen. Mit Dankesgefühlen denke ich heute noch an dieses segensreiche Institut, welches, von der Deutschen Gesellschaft und anderen bemittelten Deutschen Newyorks unterhalten, einem jeden Einwanderer seine gastlichen Hallen öffnet, ihm unentgeltliche Herberge, Beschäftigung und andere derartige nicht hoch genug anzuschlagende Wohlthaten darbietet. Hier war es nun, wo ich 3 Tage und 3 Nächte, ohne mit meinen Finanzen in Konflikt zu gerathen, Unterkunft und des Nachts eine Lattenbank zur erquickenden Nachtruhe fand. Von hier aus begann ich jeden Morgen meine fruchtlosen Streifzüge nach Arbeit, die mich oft in die bitterste Stimmung versetzten. Man denke sich in meine Lage: mit einem zum Entsezen leeren Magen sowie Geldbeutel, bei größter Hiße nach Arbeit rennend, der Landessprache nicht mächtig; neunmal fragt man in der lieben Muttersprache nach dieser oder jener Straße, und neunmal wird man nicht verstanden. Jetzt, welche Freude, Nr. 10 hat Gefühl und Sinn für die Dichter- und Denkersprache und gibt die gewünschte Ausfunft, demzufolge man einen Marsch von ungefähr 11/2 Stunden in Aussicht hat. Besißt man die nöthige Münze, hat das nicht viel zu == sagen, man besteigt die in schwindelnder Höhe die Straßen Newyorks durchsausende Hochbahn, welche, auf einfachen schwachen Eisensäulen ruhend, jeden Augenblick zusammenzubrechen droht, oder aber, man setzt sich, ohne eine Sekunde darauf warten zu müssen, auf den Pferdebahnwagen und erreicht sein Ziel schnell und billig; billig sage ich, denn diese Riesenstrecken, die man hier mit der Hochbahn( per Dampf eins oder das andere nur natürlich), sowie mit der Pferdebahn, 5 Cents 5 Cents 20 Pf. zurücklegt, wird man in Deutschland mindestens doppelt so hoch bezahlen müssen. Außerdem ist der Fahrverkehr dieser beiden Beförderungswege ein wirklich großartiger. Man meint geradezu den Verstand zu verlieren, wenn man sich in einer Straße befindet, welche sowohl von Hoch- als Pferdebahn befahren wird, jeden Augenblid fahren unter fürchterlichem Getöse 2 Stock überm Kopf auf dem doppelt liegenden Geleise ein oder zwei Züge, oder auf ebener Erde, ebenfalls doppelgleisig, einige Pferdebahnwagen vorüber. Dazu das unendliche Gewühl von Menschen, das Schreien der Wagentreiber, das unaufhörliche Ausrufen der Zeitungsjungen man muß das mit ansehen und hören, daheim kennt man solches nicht. Wien, Berlin oder Hamburg kein Vergleich dagegen. Kurz und gut, ich konnte nicht fahren, maßen ich nichts vom schnöden Mammon besaß. Mit schnellen Schritten und langem Magen wurde das verdienstlose Geschäft der Arbeitsucher weiter betrieben, jedoch ohne Erfolg. Essen gehörte am 4. und 5. Tage meiner newyorker Wanderung nicht zu meiner Beschäftigung, der Hunger war daher mein steter Begleiter. Jeßt mußte etwas geschehen. ( Schluß folgt.) Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Falsches Haar. Die Sitte oder Unsitte, falsches Haar zu tragen, ist sehr alt. Schon im zweiten Jahrhundert der christlichen Beitrechnung verwendeten die Chriſtinnen falsche Haare zu ihrem Kopfput, was Clemens von Alexandrien Anlaß zu scharfem Tadel gab. Er verbot das Tragen fremder Haare schlechtweg, da es gottlos sei, und ruft u. a. aus: ,, Wem legt der Priester seguend die Hände auf? Nicht dem schönen, geschmückten Weibe, sondern den fremden Haaren und durch sie einem anderen Haupte" Im dritten Jahrhundert n. Chr. eiferte Tertullian in seinem Buche von den Gewohnheiten der Frauen besonders gegen die Perrücken, durch welche die Frauen wider die Gottesworte verstießen, daß niemand seiner Länge etwas zusetzen könne." Cyprian droht den Frauen, Gott werde sie am jüngsten Tage nicht erkennen wollen, weil sie ihm nicht als sein Werk und Ebenbild Auf einer im Jahre 692 zu Konstantinopel aberscheinen würden. gehaltenen Synode wurden sogar besondere Verordnungen gegen diese Art von Kopfpuz festgesetzt. Ob all' dieser Widerspruch und GegenM. V. eifer viel gefruchtet? Unsere Schönen mögen's sagen. Böse Männer wieder gut zu machen, besigen die Chinesinnen ein recht eigenthümliches Mittel, wie aus einem kürzlich erschienenen Werke der Frau Grey, Gattin des Predigers der englischen Kolonie zu Kanton( chinesisch: Kuangtscheufu) zu ersehen ist. Die Frauen, welche böse Männer haben, schneiden einen Papiermann aus, der ihren Gatten vorstellt und begeben sich dann nach einem bestimmten Tempel. Es gibt deren für die verschiedensten Zwecke. Im Tempel wird das Papiermännchen unter inbrünstigen Gebeten vor dem Altar aufgehängt. Mitunter werden die aus Papier geschnittenen Männer mit den Beinen nach oben, mit dem Kopf nach unten gehängt. Damit will die arme Frau ihrem barmherzigen Gott andeuten, das Herz ihres Mannes befinde sich nicht auf dem rechten Fleck und die Hand des Gottes möge doch eine Schiebung vornehmen. Ob das Mittel wohl probat ist? Literarische Umschan. -ZUniversalbibliothek der Gabelsberger'schen Stenographie. Das soeben im Verlage von Gustav Körner in Leipzig erschienene zweite Bändchen der Universalbibliothek enthält den Schluß von Lessing's ,, Nathan der Weise" in stenographische Schrift übertragen von Professor Dr. Zeibig. Wir sind in der angenehmen Lage, das Lob, welches wir dem Werke bereits bei Erscheinen des ersten Bändchens gezolt( s. Nr. 26 d. Bl.) in vollem Maße aufrecht zu erhalten: die Schreibweisen sind durchaus korrekt, die Lithographie vorzüglich, der Druck( mit Ausnahme des ersten Bogens) sehr sauber ausgeführt. Es kann die Universalbibliothek( Preis pro Bändchen von 4-12 Bogen 1 Mark) also jedem Jünger Gabelsbergers auf's beste empfohlen werden. -ZInhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant( Fortsetzung). Ein Blick in die italienische Schweiz. Zwanglose Skizze von Carl Stichler. Wohnungsheizung und Ventilation, von Rothberg- Lindener( Schluß). Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B.. ( Fortsetzung). Eine Heirat mit Hindernissen. Beitrag zur Kulturgeschichte der jüngsten Vergangenheit.- King Lili's Glück und Ende( mit Illustration). Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Sprechsaal für jedermann: Zu Nuß und Frommen aller Auswanderungsluftigen. Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.