Idealisten. Von Wudotf Lavant. (Fortsetzung.) Es war ein Spätabcnd im September, wo es schon merklich früh zu dunkeln beginnt. Ich hatte mir vom Hradschin aus einen glorreichen Sonnenuntergang angesehen, war dann langsam durch die Straßen geschlendert und fand, als ich heim kam, zn meiner Ueberraschung Licht in meinem Zimmer. Curt war ver- reist gewesen und hatte erst am nächsten Tage zurückkommen wollen, als ich jedoch die Thür öffnete, fand ich ihn am Tische sitzend und ein Blatt aus meiner Skizzenmappe betrachtend, die ich beim Weggehen auf dem Tische hatte liegen lassen. Er war dermaßen in Gedanken versunken und für die Außenwelt ab- gestorben, daß er mein Eintreten völlig überhörte, und wie ein Blitz schoß es mir durch den Kopf:„Ob er das Bild der schönen Leontine nicht gefunden hat!" Ein paar Augenblicke stand ich unschlüssig zaudernd an der Thür— dann trat ich auf ihn zu und mein Gruß riß ihn aus seiner Versunkcnheit empor. Er legte das Bild ohne Uebereilung wieder in die Mappe, schob diese bei Seite und kam mir mit der alten unbefangenen Herz- lichkeit entgegen, die auch für eine volle Stunde sein Erzählen charakterisirte; ich hatte das Gefühl, er werde nach dem Original der Skizze ftagen, und ich beobachtete ihn infolge dessen genau, sodaß ich es bemerkt haben würde, wenn sein Geplauder einen geheimen Gedanken maskirt hätte; er machte jedoch keinen Mo- ment den Eindruck auf mich, als denke er mehr an die Frage, die er noch an mich zu richten hatte, als an das, was er sagte, und ich wollte schon anfathmen und annehmen, daß das Bild nur irgendwie den ersten Anstoß zu der wachen Träumerei gegeben habe, in der ich ihn fand, ohne Gegenstand derselben zu sein, als er, eine frische Virginia-Cigarre nach echter Raucherart in die Kemenflamme haltend, bis sie auf Zolleslängc verkohlt war, nachlässig fragte: „Ja so, wo in aller Welt haben Sie denn das Original des Frauenkopfs aufgegabelt, der in Ihrer Mappe obenauf lag, als ich sie öffnete, um mir die Zeit des Wartens zu kürzen?' Das ist ja ein höchst merkwürdiges Profil— das Gesicht scheint ein ganz offenes zu sein und doch Räthsel aufzugeben." Ich fragte zurück, warum denn gerade ein Original da sein müsse und ob das Portrait nicht reine Phantasie sein könne, aber Curt lachte nur und sagte in überzeugtem Tone: „Das reden Sie ein, wem Sie wollen— mir nicht; der in- dividuelle, leidenschaftlich subjektive Zug in dieser Physiognomie kann kaum erfunden, der kann nur wiedergegeben sein." In diesem Augenblick sah ich, wie drüben die Fenster hell wurden nnd die schlanke Gestalt Leontinens sich undeutlich von dem lichten Grunde abhob, und mit einer Art von desperater Energie nahm ich Curt, der mich überrascht ansah, bei der Hand, führte ihn an das Fenster, zeigte hinüber und sagte lakonisch resignirt: „Da drüben wohnt man, wenn Sie Sich näher orientiren Ivollen." Eine kurze Zeit sah er, das Pincenez vor den Augen, hinüber, dann ließ er dasselbe lässig fallen und trat wieder an den Tisch, und kein Zug in seinem Gesicht verrieth ein näheres Interesse. Mit gutmüthigem Spott sagte er dann, beide Arme auf der hohen Lehne eines alterthümlichen Stuhls, und das Kinn auf die höchste Verzierung stützend: „Also eine ganz kleine Liaison— nnd so im Hanse— recht bequem! Allerlei telegraphische Signale herüber und hinüber verabredet, also die Kommunikation im vollen Gange— nicht? Und davon erfahre ich kein Sterbenswörtchen, obgleich Sie doch meinen aparten Geschmack in Bezug auf Frauengesichter kennen und sich sagen mußten, daß ich Sie sogar um eine Kopie dieser Skizze bitten würde? Und das wissen Sie doch auch, daß ich der letzte bin, der Ihnen ins Gehege kommt— wozu also diese unerhörte Geheimthuerei?" Ich war in Verlegenheit, ivic er mich so treuherzig und offen ansah nnd ganz gewiß ohne jeden Hintergedanken, und ich war wenigstens halb offenherzig nnd räumte ein, daß ich ein sonder- bares Interesse für das Mädchen gefaßt und seinen Spott über mich und meine verspätete Schwärmerei gefürchtet hätte, da die sozialen Verhältnisse— �. Weiter ließ mich Curt nicht kommen. Er lachte und meinte: „Nun ja, man macht eben Putz oder man schneidert, aber was verschlägt denn das? Daß Sie ans Heiraten gedacht haben sollten, ist, wie man zur genüge weiß, die wildeste von allen Hypothesen, warum also nicht? Ich dächte, ihr fragtet sonst sehr wenig nach der sozialen Rangstufe, auf der eure Geliebten stehen, und Sie nun gar— ich muß gestehen, je länger ich mir die Sache überlege, desto räthselhaftcr nnd unbegreiflicher wird mir Ihr ganzes Verhalten." Dagegen ließ sich kaum etwas einwenden, aber Curt war zu edelmüthig, sich lange an meiner komischen Verlegenheit zu weiden; er sagte lachend: Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften h 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postäniter. „Nun, lassen wir's gut sein; ich gönne Ihnen das Mädchen von Herzen und werde Ihre Pfade gewiß nicht kreuzen, Ihnen nicht einmal durch Fragen beschwerlich fallen, seitdem ich gesehen habe, daß Ihnen das unbequem ist. Ueberlege ich mir's recht, so ginge es mir wahrscheinlich ebenso." Ich schlug in die Hand, die er mir entgegenstreckte, nicht ein, sondern setzte ihm nun ganz ruhig und ernsthaft auseinander, daß und warum von einer Liaison zwischen mir und dem schönen Mädchen keine Rede sein könne, am wenigsten von einer leichten Kalibers. Er hörte mir aufmerksam zu; zuweilen trat während dieser Beichte das liebenswürdige Lächeln, das ich so gern an ihm hatte, auf seine Lippen, aber im allgemeinen wurde er immer ernsthafter, und als ich geendet, sagte er rasch: „Das ändert fteilich alles und ich bitte Ihnen den leichten Ton und die wohlfeilen Spötteleien ab, die Sie ja um des Mädchens willen verletzen mußten. Nun ist es auch viel schöner, und die kleine Idylle hat etwas so rührendes, daß ich fast wün- scheu möchte, es bliebe alles so, wie es ist— die persönliche Be- kanntschaft würde Ihnen doch die Illusion, die Sie jetzt haben, zerstören und den feinen Schmetterlingsstaub von Ihrer Empfin- oung wischen. Sehen Sie, der eine Zug z. B., der für mich den Reiz dieses Gesichts ausmacht, ist vielleicht doch nur eine zufällige und unbeabsichtigte Schöpfung ihres Stifts, der in allem sonst treu war, und ich würde möglicherweise, wenn Sie mir das Mädchen vorstellen wollten, sagen:, Lassen wir's lieber; ich fürchte, ich fände den bewußten Zug nicht, und das würde mir alle Laune rauben und mich geradezu ärgern; darauf möchte ich's nicht gern ankommen lassen.'" Damit sprang er auf etwas anderes über, und ich war merk- würdig zufrieden damit, daß das leidige Thema fallen gelassen wurde. Es gingen auch acht Tage ins Land, ohne daß er wieder zu mir gekommen wäre, und bei unseren sonstigen Begegnungen wurde des Mädchens mit keiner Silbe gedacht— nicht einmal der gewünschten Kopie meiner Skizze. Curt war in dieser Zeit ungewohnt aufgeräumt und erzählte mir eines Abends, mit sicher- lich ungekünstelter Heiterkeit, daß sein alter Onkel General auf den verwegenen Gedanken gekommen sei, ihn zu— verheiraten oder doch zu verloben. Er war entschieden übermüthig, als er ein Bild der beiden alten Kriegsmänner entwarf, die in Graz ihre Pension verzehren und vor purer Langerweile, da die ge- meinschaftlich vollbrachten Waffeuthaten denn doch kein unerschöpf- liches Thema sind, auf den Einfall kommen, aus dem Neffen des einen und der Nichte des andern ein Paar zu machen. Er fand es namenlos drollig, daß die alten Haudegen somit einer Kategorie von Danien ins Handwerk pfuschten, die sich weniger durch Anmuth, als durch Leibesfülle auszuzeichnen pflegt und das Heiratsvermitteln mit einem Eifer betreibt, der wohl erst in einer Zeit berechtigt' wäre, in der die Gefahr einer totalen Eni- völkerung Europas vor der Thür stünde. Er sah mich groß an, als ich den Gedanken so gar ausschweifend nicht zu finden ver- mochte, und brauchte einige Mimiten, um sich zu überzeugen, daß ich ihn keineswegs mystifiziren wollte, sondern im vollen Ernste sprach. Das Verheiraten— ach, das lag für ihn in weiter, weiter Ferne, wenn überhaupt jemals etwas daraus wurde, und bis dahin hatte er noch viele dicke Breter zu bohren und ganze Berge umzureißen; er scherzte, vorher müsse er noch wenig- stens ein halbes Dutzend Sprachen lernen, um sich bei allen Nationen der Erde nach der schönsten ihrer heiratsfähigen Töchter umsehen und den stilgerechten Kniefall durch eine wohlformulirte Liebeserklärung im heimischen Idiom der Holden erläutern zu können. Das ganze hatte für ihn nur die Bedeutung eines Scherzes und als ich nähere Umstände von ihm erfragen wollte, wurde er ungeduldig und sagte: „Ach, es lohnt ja nicht der Mühe— was weiß ich— eine kleine kärnthnische Komtesse, die wahrscheinlich frisch aus einer Erziehungsanstalt für adelige Fräulein kommt und dort sehr viel Frömmigkeit und Klavier, aber wenig Orthographie, Geographie und Geschichte gelernt hat, und die mich acceptirt, weil der'Herr Onkel es so wünscht, und weil es so hübsch ist, einen Verlobungs- ring und unzählige Bouquets von Wagenradgröße zu bekommen, und weil Alma und Dora und Stefanie und Valeska und wie die geliebten Busenfteundinnen sonst heißen, schwarz vor Neid werden, wenn sie die erste ist, die sich verlobt! Nein, mein Herr Onkel, seine Geliebte— die Frau ist nur eine Konsequenz— sucht sich der Trotzkopf selber und Sie haben weit mehr Chance, in Ihrem wohlverdienten Ruhstand ein Geschütz zu erfinden, das sich selber bedient und richtet, als für mich em Mädchen ausfindig zu machen, das mir recht ist." Er drehte dabei die Schnurrbartspitzen in die Höhe, und in seinen Augen, die wie in nebelweite Ferne schauten, leuchtete ein solcher Uebermuth, daß mir die Aktien dieser Verbindung durch oheimliche Fürsorge ver- zweifelt niedrig zu stehen schienen. Ihr könnt euch ungefähr mein Staunen denken, als er ein paar Tage später mit rascheren:, aber auch schwererem Schritt als sonst bei mir eintrat, den Säbel mehr abriß als abschnallte, ihn auf einen Stuhl warf, sich auf die Walzenlehne meines Sophas setzte, die Arme auf der Brust verschränkte und ganz abrupt und mit sichtlich erzwungenen: und fast etwas wilden: Humor be- gann: „Lieber Reinisch, mir ist etwas sehr Wunderliches, sehr Dummes und sehr Verdrießliches passirt— ich fürchte, ich bin auf dem Wege, in aller Form und in allem Ernst Ihr Nebenbuhler zu werden! Das Försterkind da drüben hat nämlich den Zug, von dem ich annahm, er sei zufällig in deine Skizze gekommen; gib einmal das Ding her und— laß mir's am uebsten ganz. Ich Hab' sie heute von meinem Platz im Kaffeehaus aus gesehen— ganz unerwartet, und es hat mir einen Sttch gegeben, als ich diesen Zug um den Mund so plötzlich vor Augen hatte, noch schärfer, noch entschiedener, als auf deinem Blatt. Ich werde also Kopf und Kragen dran setzen, die Bekanntschaft der Unnah- baren zu machen; schließlich wohnt sie doch nicht hinter einer dreifachen Mauer von Marmor, Eisen und Stahl, und ich habe nicht eher Ruhe, bis ich dieser Frauenseele ihr Geheimniß ab- geftagt—" „Und sie unglücklich gemacht und ruinirt habe," ergänzte ich kalt und trocken, denn ich hatte allerdings, als ich ihn so vor mir sah in seiner Ruhe bei aller Leidenschaft, das unabweisliche Gefühl, daß er sein Ziel erreichen, daß er seinen Willen durchsetzen werde— aber was konnte dabei für das arme, schöne Geschöpf gutes herauskommen? Ein kurzer Traum von Glück, ein won- niger Rausch— und dann Elend, Herzeleid und Reue. Selbst eine leichte Bitterkeit lag im Ton meiner Worte— mich ver- letzte dieser siegesgewisse Uebermuth, und mir war, als müßte ich den bunten Falter verscheuchen, nach welchem ein wilder Knabe begehrlich die Hand ausstreckte; soll er ihn fangen, sich eine Weile seiner schimmernden Schwingen freuen und ihn dann, wenn der Staub von den Flügeln gewischt ist, verächtlich in den Straßen- staub werfen? Und doch that ich Curt sehr unrecht. Ich werde nie ver- gessen, welchen halb herben, halb traurigen Ausdruck sein Gesicht annahm, als er diesen Einwand hörte, auf den er wohl am wenigsten gefaßt gewesen war; es lag ein schmerzliches und vorwurfsvolles Staunen, aber auch die Bitterkeit eines auf den dürftigsten Schein hin Verdächtigten in dem Sichverschleiern seiner Augen, in dem Sichkräuseln seiner Operlippe, und in fast melan- cholischem Ton erwiderte er: „Das ist nun die gepriesene Freundschaft— nicht einmal vor einer kleinen Eifersüchtelei hält sie Stand! Und Sie sind eifer- süchtig, sonst wiirden Sie Sich sagen, daß ich in dem Mädchen entweder die Verwirklichung meines Ideals finde— in jeder Hinsicht— und dann kommen die, ehrlichen Absichten' von selber, oder daß sie mich enttäuscht— was das Wahrscheinlichere ist — und dann bin ich mir viel zu gut für eine frivole Tändelei mit ihr, ganz abgesehen davon, daß es mir auch um das Mädchen leid wäre. Wie kommen Sie dazu, mich unter die berufsmäßigen , Lilienknicker' zu werfen, deren Künste mir so unsäglich verächtlich sind, und deren Sinnen und Trachten etwas so Feiges und Hinterlistiges hat, daß mich's instinktiv anwidert?" Ich war entwaffnet und schämte mich meines Verdachts, und ich gestand beides ein— rückhaltlos, wie es meine Art ist. Aber ich konnte doch nicht umhin, ehrlich zu wüuschen, daß Curt sich enttäuscht fühlen möchte; diese Enttäuschung wäre nicht einmal eine schmerzliche, und das Gegentheil müsse bei der Verschiedenheit der sozialen Stellung, bei den Vorurtheilen des Offizierstandes und den Plänen seines Onkels die heftigsten Kämpfe und vielleicht gar eine Katastrophe herbeiführen. Er hörte mich gelassen und geduldig an und sagte dann ruhig und fast mitleidig-ironisch: „Und das alles hat sich der Brausekopf natürlich nicht über- legt, er tappt natürlich blind und sorglos in das Abenteuer hinein und wird natürlich ganz betreten und verwirrt sein, wenn nicht alles so glatt gehen will, wie er möchte! Freilich— ich habe mich stets als kopflos und jeder'Voraussicht entbehrend, gezeigt und bin daher neuer Streiche verdächtig! Gehen Sie 459 mir doch mit Ihren Hindernissen— die verlache ich! Das ist genau dasselbe, als wollten Sie mir die Hände mit Binsen binden, die zu zerreißen ein energischer Ruck genügt. Ohne Roth und ohne hinlänglichen Grund würde ich ja nicht alles, was ich bisher errungen, auf's Spiel setzen, nicht meine Zukunft kompromittiren, aber wenn ich mich einmal mit Herz und Kopf verliebe— denken Sie gelegentlich einmal über den Ausdruck nach!— so wiegen all jene Rücksichten federleicht, es gibt überhaupt keine unübersteiglichen Hindernisse für zwei Menschen, die nicht blos ineinander verliebt sind, sondern die eingesehen haben, daß sie einander ergänzen, daß sie einander unentbehrlich sind, und daß sie durch feige Nachgiebigkeit eine Glücksmöglichkeit verscherzen, die sich ihnen schwerlich ein zweitesmal bieten wird. Es ist eine tiefernste Sache um eine Liebesneigung, wie ich sie verstehe, und wenn ich mir die Frage, ob ich nothfalls für dieses Mädchen jedes Opfer leichten Herzens bringen würde, nicht in aller Auf- richtigkeit und Gewissenhaftigkeit bejahen kann, so trete ich sicher- lich zurück und wahre mir lieber meine Glücksmöglichkeit für später, als daß ich mich in einer Halbheit abmatte und meiner Seele beste Kräfte um nichts vergeude. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als daß eine Leidenschast, die in einem Bruch endet, weil man beiderseitig zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß man doch nicht für einander taugt, eine furchtbare Erschöpfung zurücklassen muß, die sich nie wieder ausgleicht; es gibt Empfin- düngen, die man nur einmal hat, Worte, die man nur einmal spricht; will man sich wieder von der Empfindung gefangen nehmen lassen, so malt der Zweifel sein häßliches Fragezeichen neben den innigsten Erguß, will das Wort sich wieder über die Lippe drängen, das man schon einmal sprach, so mokirt man sich unwillkürlich über sich selber und so ist alles nur halb und der Blüthe der Neigung sind die Kelchblätter ausgebrochen. Das klingt Ihnen vielleicht heillos excentrisch für einen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, der aller Romantik abgesagt haben sollte, aber ich bin vielleicht hundert Jahre zu spät zur Welt gekommen— kurz, ich habe diese Ueberzeugung, sie hört nicht auf, mich zu warnen und sie macht mich besonnen, vorsichtig, mißtrauisch, alles, was Sie wollen— auch ihrem geheimniß- vollen Waldkinde gegenüber, das gar nicht in besseren Händen sein kann, als in den meinen— sogar die Ihrigen nicht aus- genommen, so hübsch Sie Sich ihr gegenüber benommen haben." Das waren so unzweifelhaft keine wohlfeilen Tiraden, es war so sichtlich der Ausdruck tiefinnerster Ueberzeugung, und es stimmte so gut zu allem, was er bisher in Scherz und Ernst über seine innere Stellung zu Herzensangelegenheiten geäußert hatte, daß ich halb hingerissen und doch mit einem leichten Seufzer allen ivei- teren Einspruch aufgab und ihm nur versicherte, daß wir keine Rivalen sein würden. Bei mir war ja doch alles nur ein Spiel der Phantasie mit meinen Hagestolzskrupcln gewesen und jede ernstliche Bewerbung um das eigenthümlichc Mädchen war mir als so aussichtslos erschienen, daß der Verzicht wahrhaftig keine Selbstüberwindung erforderte. (Fortsetzung folgt.) Ein Blick in die italienische Schweiz. Zwanglose Skizze von ßarl Stichs«. (Schluß.) Bei Polmengo und mehr noch bei Faido haben wir wieder festen Boden unter und den Himmel mit feinem Tageslichte über uns. Hier erscheinen die Vorposten der südlichen Vegetation in Gestalt echter Kastanienbäume, und herrliche Matten um- geben die nahen Wasserfälle. Doch hinter Lavorgo verengt sich das Thal schon wieder zur engen Schlucht und die Straße zwängt sich neben dem in der Tiefe rauschenden Tessin bald rechts, bald links an den Felsen gelehnt, durch die von steilen Felswänden beengte Gegend. Ur- plötzlich weht uns beim Verlassen der Schlucht die milde Luft des Südens entgegen und in der Tiefe sehen wir in üppiger Vegetation den Thalkessel von Giornico, mit seinem berühmten Schlachtfelde, seinen abgerundeten Hügeln und den achthundert- jährigen Kastanienbäumen, den Zeugen des Heldenkampfes, der hier vor vier Jahrhunderten ausgefochten wurde. Ringsum Reb- gelände und grüne Matten und, je mehr sich das Thal erweitert, auch Maisfelder, in deren Umgebung Pfirsich- und Kirschbäume, sowie hohe Wallnuß-, Ulmen- und Lindenbäume sich erheben. Bald erblickt man an den Bergwänden zu Hunderten die „Kuh des Armen", d. h. die Ziege. Diese verursacht den Be- Hörden mannichfachen und schweren Verdruß. Dort, wo durch frübere Raubwirthschaft die Bergwäldcr vernichtet oder stark ge- lichtet wurden, stellten sich Lawinen, Steinschläge zc.:c. ein, deren Entstehung und verheerende Wirkung durch Waldungen verhin- dert oder doch eingeschränkt werden kann. Waren nun die Mittel zur Verbauung der gefährdeten Stellen bewilligt und sollte zugleich mit der Aufsorstung eines Abhanges begonnen werden, so waren die Ziegen das große Hjnderniß, indem sie die aufkeimenden Schöß- linge benagten, die Rinden der jungen Bäume schälten und ähn- liches Unwesen mehr, mitunter an Stellen verübten, wo niemand sich hinbegeben konnte, um die genäschigen und verwegenen, lang- bärtigen und gehörnten Meckerer zu vertreiben. Gesetze gegen das Halten und Grasenlasseu der Ziegen konnte und durfte man nicht in Kraft treten lassen und somit muß, geringfügiger Ursache wegen die folgenschwere Wirkung weiter ertragen werden. Bei der Brücke von Biasca finden drei Thäler ihren Ver- einiqunqspunkt, wir schreiten südwärts unsere Straße fort und gelangen in das zwar immerhin anmuthlge, nach den bisherigen Partien der Reise aber langweilige und einförmige Thal der Riviera. das die Fortsetzung des Livinenthals blldet.. Blicken wir aus die Strecke von A.rolo bis Polegg.o zurück. die die erwähnten Schluchten und Terrassen in sich schließt, so finden wir die fast regelmäßige Richtung von Nord nach Süd. Das ganze Thal auf dieser Strecke ist circa 8 Stunden lang und wechselt in einer Breite von 5 Minuten bis zu einer Viertel- stunde. Zieht man nun die geringe Breite des Thales und die hohen, oft überragenden, d. h. über das Thal sich neigenden Felswände in Betracht, so ergibt sich als selbstverständlich, daß die Sonne hier im Winter schon kurz nach Mittag verschwindet und die Gegend schon deswegen einen romantisch-düstren Charakter haben muß. Eine armselige, bescheidene Hütte bei Bodio ist es, der wir hier noch gedenken wollen, es ist das Geburtshaus des unver- gcßlichcn Stefano Franscini. Als Kind seine Laufbahn als Ziegenhirt beginnend, war er später Dorfschulmeister, dann Refor- mator des tessinischen Volksschulwesens und ein tüchtiger Be- arbeiter der Lehr- und Unterrichtsmittel. Die Repräsentativ- demokratie des Kantons Tessin ermöglichte ihm den Eintritt in den Staatsrath und später die Wahl zum Nationalrath. Im Jahre 1848 wurde Stefano Franscini zum schweizerifchen Bundes- rath gewählt, und hatte bald das höchste Ehrenamt, das einem Schweizer zu erringen möglich, erreicht. Das Andenken dieses gerechtigkeitliebenden, für das Wohl des Volkes thätigen, uneigennützigen Staatsmannes ivird vom Volke gesegnet, und wenn vom Norden der Alpen, von den Eidgenossen an die streitenden Parteien im Kanton Tessin ein versöhnender Mahnruf ergeht, vergißt man nie an Stefano Franscini zu er- innern. Das Wort„Volksbildung ist Volksbefreiung" brachte er dadurch zu Ehren, daß er ein Vorkämpfer reiner und echter Volksbildung wurde. Den Ehrennamen„tessinischer Pestalozzi" nahm er mit ins Grab, als er, ein armer Mann, an Ehren aber reich, bestattet wurde. Die Riviera als breite und unterste Fortsetzung des Livinen- thales hat große, mit Steinblöcken übersäte Sandflächen au zu- weisen. Wilde Gebirgswände ziehen sich an den Seiten des breiten Thales bis zum Lago maggiore und noch weiter an den Ufern desselben hin. Fieberschwangere Dünste liegen in der heißen Jahreszeit über den Theilen der Thalebene, die den Ueberschwemmungen des Tessin ausgesetzt sind, während im Winter kalte erstarrende Nordwinde von den Gletschern, vom Hochgebirge in das Thal sich hinabsenken und bei der gleichen Richtung des Thales weder einem Hinderniß noch einer Ablen- kung begegnen. Ehe wir noch zum langen See, zum Lago maggiore kommen, der im Süden das Thal begrenzt, sperrt Bellinzona mit seinen Felsen, seinen zinnengekrönten Mauern und mittelalterlichen Ka- stellen das Thal. Drohend erheben sich über der Thalebene die Kastelle von Üri, Schwyz und Unterwalden, einst die Zwing- bürgen der gestrengen Landvögte, die von ihren Kantonen hier eingesetzt, ein eisernes Regiment führten. Das niedrigstgelegene, doch immer noch die Stadt überragende Castello grande dient jetzt als Zuchthaus und gleichzeitig als Zeughaus des Kantons, während es ehemals die befestigte Residenz des Landvogtes von Uri war. Moderne Fortifikationen stehen mit den höher gelegenen Ka- stellen in Verbindung und geben der wegen ihrer Lage für die Eidgenossenschaft sehr wichtigen Stadt die Eigenschaft einer Festung. Bellinzona ist die zukünftige, beständige Hauptstadt des Kan- tons Tessin. Dieser Kanton hatte nämlich nach der Verfassung von 1814 drei Haupt- städte; so, daß alle sechs Jahre die Re- gierung des Kantons mit ihren Archiven, Materialien, Jnven- tarien u. s. iv. einen flotten Umzug hielt. Lugano, Locarno und Bellinzona waren die glücklichen Städte, die je sechs Jahre lang die Regierung in ihren Mauern beherbergten. In Lugano wurde z. B. für die Zeit der Abwesenheit der Re- gierung der Regie- rungspalast als Hotel (Hotel Washington) vermiethet. In Zukunft wird Bellinzona die stabile Residenz derKantons- regierung sein und das Wandern und Umherziehen wird ein Ende erreicht haben. Wenn man als Frem- der eine jener Städte betritt, kann man als goldene Regel die möglichste Neutralität beobachten, so lange man unbehindert und ungekränkt dort vcr- weilen will. Diese Neutralität besteht in dem Fernhalten von den lokalen, gewöhn- lich sehr einseitig gefaßten Tagesfragen, die von der liberalen und ultramontanen, von der radikalen und konservativen Partei des Kantons gewöhnlich mit größter Erbitterung und verzwei- felter Energie und häufig leider mit den kleinlichsten Mitteln ausgesochten werden. Den Bundesbehörden haben die Vorgänge im Kanton Tessin häufig sorgenvolle Stunden gebracht, und in mancher Sitzung im Bundcspalais zu Bern bcriethen die eidgenössischen Räthe mit Sorgen die Angelegenheiten des tcssiner Volkes, die mitunter von unbedeutenden Vorgängen sich herleitend, nach Jahren plötzlich zu bedrohlichen Konflikten heranreiften und bei dem heißblütigen Charakter der Tessiner die ernstesten Besorgnisse wachriefen. Von Bellinzona führt uns die Landstraße circa 1»/« Stunden weit in der Thalebene bis zu dem Fuße des Monte Cenere, und in Zickzacklinien und Schlangenwindungen zieht sich nun die Das Jagdlager Orviclle bei Dalsavaranche.(Seite 466.) Landstraße an der Bergwand empor. Rechts unten die Thal- ebene mit dem fertigen Theile der Gotthardbahn, die auf mäßig hohem Erddamme die Fläche durchzieht, während auf beiden Seiten des Thales von den tausende von Fuß hohen Bergwänden, aus dem üppigen Grün, die weißen Mauern der Kapellen, der Bergdörfer, Kastelle und massiven Sennhütten hervorleuchten. Weiter im Südwesten erblicken wir den oberen Theil des Lago maggiore mit seiner gewaltigen Wasserfläche die Ebene des Thales ergänzend. Rothe Felswände begrenzen am Ab- hange des Berges die Straße und zwischen und auf ihnen wuchert die üppige Vegetation des Südens. Nach einer Stunde haben wir die Paßhöhe erreicht. Links und rechts erheben sich felsige Bergkuppen, deren höchste links (Monte Camoghä) die Höhe von 6853 Fuß erreicht. Ortschaften mit romantisch gelegenen Kapellen und Klöstern erblicken wir zwischen den dichten Laublval- düngen von anmuthi- gen Matten umgeben. Es ist ein fruchtbares, anmuthiges und herrliches Thal, durch das die Straße sich hinzieht. Seitenthäler niit herrlichen Fern- sichten, Wald- und Gebirgsszenerien er- habenster Art wechseln ab, bis plötzlich bei der Ortschaft Masagno eine Aussicht auf das in der Tiefe liegende Lugano sich bietet, die zu den seltensten und schönsten gerechnet werden muß. Lugano mit seinem See und den jenseits aus dem See schroff und unmittelbar auf- steigenden steilen Ge- birgen bietet einen Anblick, der nicht ge- schildert werden kann. Die größte und betriebsamste Stadt des Kantons Tessin ist Lugano, und seine höchst eigenthümliche Lage, die Reize seiner Umgebung üben auf jeden einen magischen Einfluß, einen Ein- druck aus, dem selbst das blasirteste Ge- niüth nicht tviderstehen kann. Keine verzweifelt langweiligen, linearen Straßenfronten, keine berechnete, kokette Regelmäßigkeit nehmen wir in diesem Städte- bilde wahr; auf der einen Seite sich an eine Hügelkette lehnend und zwischen dieser und dem See sich entlangstreckend, breitet sich die Stadt andrerseits, sich bis zur Thalebene hinunter terrassen- förmig abstufend, bis zum Ufer des Caffaratebachs aus. Nicht blos die Sprache, sondern mehr noch die Sitten und Gebräuche seiner Bewohner und der Einfluß, den das nahegelegene Como und Mailand ausübt, machen Lugano zu einer italienischen Stadt. In bunter Abwechslung findet man an den Ufern des Luganer- sees italienisches und schweizerisches Gebiet, und jenseits des Sees, in einer Distanz von circa drei Kilometer, sogar eine von schweizer Gebiet umgebene italienische Ortschaft, Campione. Lugano ist für den Tessiner-mit seinen Hotels, seinem Herr- lichen Qnai, Stadttheatcr und den mit manchem werthvollen - 461- Kunstwerk geschmückten Kirchen, seinen öffentlichen Gebäuden,! stand des Stolzes. Von Mailand bis hierher besteht Eisenbahn- herrlichen Villen und prachtvollen Aussichtspunkten ein Gegen-[ Verbindung, die in der Zukunft einen Theil der Hanptlinie der Gotthardbahn bilden wird vorläufig aber noch bei Lugano deren geistiges Leben ich den Lesern der„Neuen Welt" ein endet.- Soviel über das herrliche Land und seine Bewohner,> nächstes mal schildern will. 462 An der Wiege des Lhriftenthums. Kulturhistorische Skizze von ß. Mdeck. In eine ferne Vergangenheit wollen wir den Leser versetzen, in die bewegten Zeiten Herodes des Großen, des vom Auslande angestaunten, von seinem Volke tief gehaßten und leidenschaftlich bekämpften Judenkönigs. Das Gestirn der Biakkabäer, das so glänzend am Himmel des jüdischen Volkes aufging, ist im Versinken begriffen; von der Macht der Pharisäer getragen, konnte das Königthum nur auf seiner Höhe sich erhalten, wenn es den allmächtigen Freunden, den Pharisäern, sich unterordnete und ihr Werkzeug wurde. Das Ideal der Pharisäer war ein Gottesreich mit einem Hohen- Priester an der Spitze und einem Sanhedrin, einem hohen Rathe, in dem sie selber saßen und die Geschicke des Landes bestimmten. Die Makkabäer aber waren von dem natürlichen Streben beseelt, von der pharisäischen Umklammerung sich frei zu machen und das Hohepriesterthum und den Sanhedrin ihrem Regentschaftsapparate einzuverleiben. Ein heißer Kampf, mit wechselndem Erfolge geführt, tobt zwischen den beiden um die Oberhand ringenden Gewalten. Unversöhnliche Interessen sind aufeinander geprallt und hoch gehen im Volke, das hinter den geistlichen Führern steht, die politischen Wogen. Bei der großen Macht der Pharisäer, ihrem gewaltigen Ein- fluß auf das Volk und bei dem Zusammenfließen der religiösen und Volksinteressen kann der Ausgang des heftigen Ringkampfs um so weniger zweifelhaft sein, als die Makkabäer keine Gelegen- heit vorübergehen lassen, �beim Volke sich verhaßt zu machen. Sie verfallen in Irreligiosität, verletzen die vom Volke heilig gehaltenen pharisäischen Satzungen und zeigen entsetzliche Roh- heit in der Bekämpfung ihrer Feinde sowohl als auch derjenigen, die ihren herrschsüchtigen Plänen zufällig im Wege stehen. Die Geschichte der vermeintlich von Gott erweckten Könige und Streiter für die Freiheit des jüdischen Volkes bildet eine schauerliche Kette von Grausamkeiten, Thronstreitigkeiten, Bürger- und Bruder- kriegen. In leidenschaftlicher Weise nimmt das Volk an diesen Kämpfen und Wirren theil und stets steht es auf der Seite der Pharisäer, die es als seine Freunde und Führer zu betrachten gewöhnt ist. Achthundert Pharisäer wurden unter Hyrkan ge- kreuzigt, achttausend wanderten in die Verbannung und zahllose Anhänger theilten ihr Schicksal, aber unbesiegbar blieb die phari- säische Opposition. Gegen den Schluß dieser Kämpfe der Pharisäer gegen das Königthum, die unmittelbar der christlichen Zeitrechnung vor- aufgehen und in dieselbe hineinragen, taucht in der politischen Arena ein Fremdling auf, der kühne und verschlagene Jdumäer Herodes der Große, wie ihn die Geschichte nennt, die nur nach den Erfolgen sieht und nicht nach dem Charakter und den Mitteln und Wegen, durch welche sie erreicht werden. Roh von Cha- rakter, schlau und verschlagen, rücksichtslos in der Wahl seiner Mittel, weiß er die viel und heiß umstrittene Köniaswürde, den Zankapfel im Schöße der makkabäischen Familie, an sich zu reißen. Ueber Blut und Leichen führte sein Weg zum Throne, unerhörte Grausamkeiten gegen die Makkabäer und die pharisäischen Gegner, welche sein Erscheinen von neuem aus den Kampfplatz ruft, bahnen ihm den Weg. Einej undurchbrechliche, unbesiegbare Phalanz, werfen die Pharisäer sich ihm entgegen, verweigern ihm den Huldigungseid und leisten ihm, dem Günstlinge Roms, vom Volke begeistert unterstützt, die zäheste und energischste Gegenwehr. Er hätte das ganze Volk abschlachten müssen, wollte er dessen Gehorsam sich erzwingen. Das sieht er ein, verzichtet auf den Massenmord der Pharisäer, der ihm nahe liegt und betritt einen Umweg, sein Ziel zu erreichen. Aus seinen Befehl erstehen Herr- liche Theater. Kampfspiele werden eingeführt, und das mächtige Rom, das in den entfernten und unsicheren Gebieten einen den abendländischen Sitten und Gebräuchen zugethanenen Mann ge- braucht, spendet ihm Beifall. Sein Volk aber wendet sich voller Haß und Mißtrauen von den fremden Einrichtungen ab, die in seinem Boden, so gelobt es sich, niemals Wurzeln schlagen sollen. Es erblickt darin nur den Versuch, es seinen alten heiligen Sitten und Lebensgewohnheiten zu entfremden, Land und Volk vollends der römischen Herrschaft zu überliefern. Nach langen Kämpfen entmuthigt, auf dem Wege der Gewalt etwas zu erreichen, läßt der Tyrann in verschwenderischer Pracht den Tempel in Jerusalem neu erstehen, und hofft dadurch das Volk für sich zu gewinnen. Wohl jauchzt es einen Augenblick Beifall; dieser aber gilt nicht ihm, sondern dem Werke, der Gott- heit, die auch durch die Hand des Gottlosen und Ungerechten gutes vollführen läßt. Der Tempelbau gilt uur als eine Er- muthigung, im Kampfe nicht zu ermüden, sondern treu zum er- erbten Gesetze zu halten. Die Kreaturen des Königs saugen das Land aus, kein Leben, kein Eigenthum ist vor den Parasiten sicher. Alle Klassen ver- letzt er, die Armen bringt er zur Verzweiflung, indem er sie für Vergehen, die früher durch Arbeit gesühnt wurden, als Sklaven ins Ausland verkaufen läßt. So greift er zu dem furchtbarsten Mittel, aber alle seine Anstrengungen, das Volk einzuschüchtern, es unter sein Joch zu beugen, erweisen sich als fruchtlos. Weder durch Gewalt noch durch Bestechung vermag er das Volk seiner Sache und seinen alten bewährten Führern abtrünnig zu machen, und wahrhaft großartig ist die opferfreudige Hingabe der Nation für die Lebensprinzipien, um welche der leidenschaftliche Kampf geführt wird. Eine Stelle aber im Lande gibt es, wo keine der entfesselten Wogen brandet, wo der politische Lärm verstummt und wo man kaum weiß, was im Lande vorgeht. Es sind die Niederlassungen der Essäer am todten Meere, mit denen wir die Leser jetzt bekannt machen müssen, jener Sekte, aus der das Christenthum eigentlich hervorgegangen sein soll und mit der es manchen charakteristtschen Zug gemein hat. Der jüdische Historiker Josephus erzählt von den Essäern, daß sie die Lust als Sünde verabscheuen und es für Tugend halten, sich zu beherrschen und den Leidenschaften nicht zu unter- liegen; daß sie die Ehe verachten, aber die Kinder anderer auf- nehmen und ihnen ihre Grundsätze einprägen.— Josephus datirt sie, wahrscheinlich ihren eigenen Angaben folgend, irrthümlich in eine graue Vorzeit zurück, in Wirklichkeit fällt aber ihre Ent- stehung in das zweite Jahrhundert v. Chr.— Vom Tempeldienst in Jerusalem hielten sie sich fern, doch schickten sie Geschenke hin, nur nicht Opferthiere, da sie blutige Opfer verwarfen. Die auf Reinigung gehenden Gesetze wurden von ihnen noch ängstlicher als von den Pharisäern beachtet. Weiter erzählt Josephus von ihnen: Auf eine angemessene Weise verehren sie die Gottheit. Bevor sich nämlich die Sonne erhebt, reden sie nichts, was das gewöhnliche Leben berührt, vielmehr richten sie einige von den Vätern ererbte Gebete an sie, gleichsam als flehten sie dieselbe an, daß sie sich erheben möge. Hierauf werden Pe von ihren Vorstehern zu den künstlichen Beschäftigungen entlassen, die ein jeder von ihnen versteht und hier arbeiten sie fort bis zur fünften Stunde. Dann kommen sie wieder an einem Ort zusammen, umgürten sich mit reinen leinenen Gewändern und waschen sich mit kaltem Wasser den Leib. Nach dieser heiligen Reinigung kommen sie wieder(zu einer erbaulichen, gottesdienstlichen Ver- sammlung) in einem besonderen Gebäude zusammen, zu welchem keinem Andersdenkenden der Zutritt verstattet ist.— Wer in den Bund treten wollte, mußte eine lange und harte Prüfung bestehen und den Beweis liefern, daß er sich frei gemacht von allen Schlacken, mit denen die Angehörigen der großen Welt behaftet sind. Erst nach Jahren des Wohlverhaltens trat er dem Geheimnisse des Bundes näher und nach weiteren Probejahren wurde er zum gemeinsamen Mahle zugelassen. Vorher mußte der Jünger ge- loben:„Gott von Herzen zu dienen, Gerechtigkeit zu üben, nie- manden zu schaden, die Ungerechten zu scheuen, die Gerechten zu schützen, jedem das Wort treulich zu halten, die Obrigkeit zu ehren, niemand mit Uebermuth zu begegnen, die Wahrheit zu lieben und gegen ihre Verletzer zu vertheidigen, seine Hände von unerlaubtem Gewinn rein zu halten, vor den Mitgliedern des Bundes keine Geheimnisse zu haben, keinem Ungeweihten selbst bei Lebensgefahr die Geheimnisse der Gesellschaft zu verrathen, die Bücher, die im Gebrauche waren und die Namen der Engel heilig zu halten." Mit großer Härte begegnen die Essäer demjenigen, der zu Aergerniß Anlaß gibt und auf der betretenen Bahn strauchelt. Ihn trifft die furchtbare Strafe des Ausschlusses. Ein Gericht von hundert Genossen entscheidet über seinen Fall, und wenn die höchste Strafe, die über ihn verhängt werden kann, die der Aus- stoßung aus dem Verbände, auf den ersten Blick auch wenig hart r 463 erscheint, so ist sie unter Umständen doch in ihren Wirkungen furchtbar. Ein Fluch hat den Uebelthäter getroffen, kein Essäer gewährt ihm Aufnahme, niemand reicht ihm Trank oder Speise und doch ist er durch sein Gelübde, von dem man ihn nicht ent- Kunden hat, an die Lebensweise, an die Nahrung des Verbandes gebunden und muß des Hungertodes sterben, wenn er seinem Eide treu bleiben will. Die Fälle, in denen die Ausstoßung sich in ein Todesurtheil verwandelt', sind nicht selten und häufig kommt es vor, daß die Essäer dem Sünder, der trotz der Qualen des Hungers seinem Gelübde treu bleibt, in der Todesstunde Ver- zeihung gewähren und ihn wieder in den Bund aufnehmen. Die Essäer bekämpfen den Gewinn auf Kosten des Nächsten; sie verabscheuen den Reichthum, den Mord und Krieg, sie sind wahr und aufrichtig in ihren Reden und Handlungen und wirken gutes, wo sich ihnen Gelegenheit dazu bietet. Sie erkennen die Gleichberechtigung der Menschen an und leben in genossenschaft- licher, kommunistischer und nur nach der Erkenntnißstufe der Ge- Nossen gegliederter Verbindung. Alle Mahlzeiten, alle Bäder, überhaupt alle Verrichtungen sind gemeinsam, jeder empfängt, was er bedarf und gibt, was zur Erhaltung der Genossen nöthig ist. Eine Quelle von Glück und Leben, von Freude und Behag- lichkeit müsse, so konnte man folgern, dieser Moral und diesen Einrichtungen entspringen, und hier müsse eigentlich der Hauptsitz der gegen den Despotisnius gerichteten Volksopposition zu suchen sein, weil es keinen größeren Gegensatz als den zwischen der essäischen Moral und Organisation und den Bestrebungen des autokratischen Regiments gibt. Doch vergeblich sucht man in den essäischen Dörfern nach Freude und Behaglichkeit, nach einem hochentwickelten Kulturleben. Hier sprudelt kein Quell des Lebens, hier regt sich nirgends ein erfrischender, die Gesellschaft begeisternder und vorwärts treibender Hauch, und nichts weiß man hier von Menschenwürde und wahrem Menschenthum. Nur ein schillerndes, bestechendes Gewand ist diese Moral, hinter dem ein trostloses Dasein, Tod und Vernichtung sich birgt. Kein Schmuck ziert die Häuser, kein kunstvolles Acker- oder Arbeitsgeräth fesselt die Blicke. Hier gibt es keine Gartenanlagen, keine Baumpflanzungen an den Wegen, nichts, was irgendwie zur Verschönerung und Veredlung des Lebens dienen könnte, wie es hier auch kein Aufwallen der männlichen, der nationalen Ehre, keinen Zorn, keine Regung der Menschenwürde bei den Gewalt- thaten der Despoten gibt. Vergeblich sucht man in den essäischen Dörfern nach Soldaten und Spionen des Königs, die sonst überall auf der Hetze nach Verschwörern und Rebellen zu finden sind. Und würde man nach den Dingen fragen, die das Volk so fies, so mächtig und leidenschaftlich bewegen, man würde schwerlich eine ausreichende Antwort erhalten. (Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Hludotph von ZS. (Fortsetzung.) Herr Alster erschrak sichtlich. „Aber, bester Freund, was reden Sie da von einem großen Mißerfolg und vom Sinken der Aktienkurse! Das wäre ja eine schöne Geschichte! Damit würden doch nicht allein die Wichtels geschädigt!" „Allerdings nicht," entgegnete Schweder kaltblütig, indem er sich höchst behaglich eine neue Cigarre ansteckte.„Es gibt einen allgemeinen und ziemlich derben Choc auf den Geldbeutel oder richtiger, auf den Muth der Aktionäre." „Nur auf den Mnth? Sie meinen, die Krise würde bald vorüber sein?" „Gewiß. Es würde sich nur darum handeln, den Kopf nicht zu verlieren und die Aktien in festen Händen zu behalten, lieber ein kleines, das heißt, wenn der wahrscheinlich auf ein oder zwei Wochen gestörte Bau mit neuer Energie wieder aufgenommen wird, müssen ja die Kurse wieder steigen, und wer dann gescheit genug war, sich der Panique nicht anzuschließen, muß noth- gedrungen wieder obenauf kommen." „Da ließe sich eventuell ja noch ein gutes Geschäft machen, wenn man genau wüßte, daß Ihre Kombination die richtige ist, verehrter Freund Schweder. Man kauft im Augenblick des tiefften Gedrücktseins statt zu verkaufen; dadurch würde mau auch noch einen möglicherweise sehr wirksamen Gegendruck ausüben können auf das Mißtrauen gegen die fallenden Papiere." Schweder neigte zustimmend das Haupt. „Sicherlich, das könnte man und das müßte man— wollte man sich der Situation gewachsen zeigen." „Aber ich sehe den inneren Zusammenhang immer noch nicht deutlich!" „Sie haben von der Erbitterung gehört, welche unter der Gebirgsbevölkerung herrscht wider die fremden Arbeiter?" „Wie sollte ich nicht? Ich habe sogar gewissermaßen direkte Nachricht. Es soll sehr schlimm stehen, schreibt der Fritz Lauter!" „Ah, Sie lassen Sich auch von Lauter Korrespondenzen senden?" Es war, als wenn Herr Alster ein wenig verlegen würde. Wenigstens wußte er augenscheinlich nicht gleich, was er ant- Worten sollte. „Das nicht— das nicht. An mich hat er auch eigentlich nicht geschrieben--" Ueber Schweders kluges Gesicht zuckte ein heller Blitz des Verständnisses und des Unmuths. „Ah, verzeihen Sie, verehrter Freund, wenn meine Frage eine— freilich ganz unabsichtliche— Indiskretion enthielt. Fritz Lauter ist ein braver, hoffnungsvoller Mensch, dem ich von Herzen wünsche, daß er sich immer Ihres und Ihrer Familie Wohlwollen erfreuen möge." Schweder hatte das anscheinend sehr harmlos gesagt. Nur vor dem Worte Wohlwollen hatte er eine kleine Kunstpause ge- macht und es dann mit einigem Nachdruck ausgesprochen. Dabei wandte er von Herrn Alsters Antlitz kein Auge, aber er lächelte ebenso verbindlich, als anscheinend unbefangen. Seinem verehrten Freunde mußte er jedoch mit seinen Worten keine Freude gemacht haben; im Gegentheil— dieser war, wie es sonderbarerweise schien, vor Aerger dunkelroth geworden und auf seiner kahlen Stirn zeigten sich tiefe Faltxn. „Ganz recht," sagte er endlich.„Lauter mag ein braver und auch hoffnungsvoller Bursche sein; ich habe aber mit ihm nichts weiter zu thun gehabt, als daß ich ihn gekannt habe, wie er noch ein Kind war, und heute bestehen zwischen mir sowie meiner Familie," er betonte die Familie geflissentlichst und fügte hinzu: „soweit ich von Familie überhaupt sprechen kann,— und ihm nur höchst oberflächliche Beziehungen,— wie sollte es auch anders sein? Der junge Mann scheint aber von der Aufregung, die bei dem niederen Volke in den Bergen herrscht, angesteckt worden zu sein, denn er hat es für passend gehalten, an meine Tochter zu schreiben— wenn auch nur in der ausgesprochenen Absicht, meine Tochter möge mich dazu bewegen, etwas für die Leute im Gebirge zu thun. Ich verzeihe ihm diese Taktlosigkeit, da ich weiß, daß er sich nur deshalb an meine Tochter gewendet hat, weil er es nicht wagte, ohne jede Vermittlung an mich heran- zutreten und weil er meine Tochter schon von Kindheit auf kennt." Herr Alster schenkte sein Glas von neuem voll und übersah bei dieser angenehmen Arbeit das leichte, spöttische Lächeln, welches für einen Moment die Mundwinkel Schweders umspielte. „Das dachte ich mir auch," bestätigte dieser dann ganz ernst- hast.„Denn daß es mit dem thörichten Gerüchte nichts auf sich hat, welches unter den Setzern unserer Druckerei kursirt, war mir völlig selbstverständlich." „Ein Gerücht?" „O, es ist nicht der Rede Werth." „Ich interessire mich immerhin für Fritz Lauter genug, uin auch von einem unter seinen Kollegen über ihn kursirenden Gerücht— im Grunde ist er doch auch heute noch nichts weiter, als ein Schriftsetzer!— gelegentlich Notiz zu nehmen--" „Nun, also— man hält den kleinen Lauter für einen fürchter- lichen Glückspilz, der es gewissermaßen im Schlafe zum beliebtesten Setzer bei Gandcrsberg gebracht hat und im Schlafe Zeitungs- redakteur geworden ist und noch zu allen möglichen anderen Glücksbegünstigungen prädestinirt ist. In dieser Ueberzeugung haben die Propheten hinter dem Setzkasten lächerlichcrweise Sie, mein verehrter Freund, zum Schwiegervater dessen designirt, den sie für den verhätschelten Sprößling der Glücksgöttin selber halten." „Ei, das ist ja aber doch unerhört," platzte Herr Alster heraus.„Das ist bei Gott eine Unverschämtheit von den Menschen, aber ich kann mir unmöglich denken, daß auch nur ein einziger von den Leuten so etwas ernsthaft selbst glaubt, jedenfalls sind es nur schlechte Scherze—" „Das nicht. Die Leute haben ja gar keinen Maßstab für und keinen rechten Begriff von sozialen Unterschieden und Rang- stufen, sie sind, wie heutzutage die miseru plebs überhaupt, alle- sammt von einer Art Gleichberechtigungs- und Größenwahn be- sessen, über den man einfach die Achseln zuckt, um diese Schwäche der Massen politisch gebührend auszubeuten. Wenn man so eine Handvoll Proletarier gelegentlich einmal, wenn man sie braucht, behandelt, als ob sie das ganze, natürlich souveräne Bolk selber wären, so hat man sie in der Tasche—" „Sie haben recht, bester Schweder, das Volk bleibt ewig un- mündig, ein Kind, über dessen Thorheiten sich ein gebildeter Mensch nicht ärgern darf. Ein Schriftsetzer— mein Schwieger- söhn, das fehlte mir grade, und wenn er, verzeihen Sie, tausend- mal in ein Redaktionszimmer avancirt ist, schließlich ist und bleibt er doch blos Ihr Trabant, der sofort alle Bedeutung verlieren würde, wenn Ihr eminentes Wissen und Können ihm nicht zur glänzenden Folie diente." Schweder nahm das Kompliment ruhig hin. „Sic sind also darüber unterrichtet, daß im Gebirge die Sehne auf dem Bogen der stumpfen Mafsenindifferenz gespannt ist bis zum Reißen. Und wenn er nun risse?" „Wie meinen Sie das?" „Wenn es da oben ein paar kleine Revolten gäbe?" „Es wäre fatal,— zwar würde sofort Militär einschreiten und die Unruhen gewaltsam im Keime erstickt werden, aber was das sonst für Folgen haben könnte--" „Die Folgen lassen sich machen. Sie wissen, daß der, Tages- korrespondenll bislang die einzige Zeitung war, welche ganz kon- sequent, wenn auch natürlich in äußerst objektiver Weise, die An- spxüche der Bergbewohner als nicht unberechtigt vertreten hat, während die übrigen Blätter, infolge der klingenden Gründe, welche man bei ihnen in Anwendung gebracht hat, in neuester Zeit offen und nachdrücklich gegen das Volk Partei ergriffen haben. Nun berichtet mir Lauter, und seine Berichte werden mir von anderer Seite als durchaus zuverlässig bestätigt, daß das Wohlwollen des, Tageskorrespondenten � auf das entschiedenste Mißtrauen der Bevölkerung stieße. Darauf gedenke ich mit einem kalten Wasserstrahl zu antworten. Lauter hat sich offenbar ' gründlich einschüchtern lassen, und er möchte nun mit einem durch und durch demagogischen Artikel, der in schärfster Weise gegen die Eisenbahnverwaltung Partei nimmt, sich und den, Tages- korrespondenten' bei dem Gebirgsvolke wieder einschmeicheln. Meine Taktik wird nun grade die entgegengesetzte sein: ich habe den lauter'schen Bericht von Prell umarbeiten lassen, dergestalt, daß er nun eine Art Kriegserklärung an die Bewohner der Berg- distrikte enthält für den Fall, daß sie ihrem Unwillen, der ein gutes Stück Unverschämtheit enthält, nicht Zügel anlegen und ganz bescheiden, wie es sich für solche Hungerleider geziemt, bei der Regierung und bei der Bahnvcrwaltung um Arbeit petitio- niren. Arbeit zu verlangen, so schließt der verbesserte lauter'sche Bericht, haben solche Leute kein Recht, auf ihre Bitten werden die Behörden sowohl als die gebildeten Klassen, ihrer höhereu Einsicht und ihrem gewiß hochentwickelten Humanitätsgefühl ent- sprechend, Rücksicht nehmen." Herr Alster konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. „Bortrefflich," sagte er.„Das heißt, ich finde, daß Sie im Grunde vollkommen recht haben, verehrter Freund, und halte es auch für einen Beweis von Muth, wie ich ihn bei Ihnen aller- dings garuicht anders erwarten durfte, den Leuten grade im gegenwärtigen Momente so die Wahrheit zu sagen. Aber ich denke doch— damit wird nur Oel ins Feuer gegossen,— die Leute werden nun erst recht glauben, man behandle sie ungerecht— die Erbitterung wird steigen—" „Die Geduld wird den guten Leuten reißen," ergänzte Herr Schwcder kühl lächelnd. „Ja gewiß, Sie wird ihnen schließlich reißen, es kann in der That zu förmlichen Schlachten zwischen ihnen und den Jta- lienern, resp. Polen kommen." Schweder hatte sein Weinglas eben an den Mund geführt; statt zu antworten, nickte er behaglich, während er trank. „Das gäbe aber doch einen Weltskandal und unsere Arbeiten könnten allerdings sehr empfindlich gestört werden!" „Nach meiner Rechnung sollen sie ja eben gestört werden." „Also auf diese Weise wollen Sie den Druck auf die Aktien ausüben lassen?" „Warum nicht?" „Aber bedenken Sie— was solche Revolten für Unglück mit sich führen! Verwundungen, Verhaftungen, strafgerichtliche Ver- urtheilungen--" Der Chefredakteur des„Tageskorrespondenten" lächelte über- legen und spöttisch zugleich. „Was geht das in letzter Instanz uns an, hochverehrter Freund? Wie von Zeit zu Zeit eine Tracht Schläge für Kinder von unberechenbarem Vortheile ist, so auch ein wenig Aderlaß für gewisse turbulente Thcile des ungebildeten Volkes; also auch vom allgemeinen, vom staatsmännischen Standpunkte, kann ich wohl sagen, ist dagegen nichts einzuwenden, wenn wir diese Eventualität ins Auge fassen und ihr, statt eine wahrscheinlich doch vergebliche Abwehr zu versuchen, die für uns günstigste Seite abzugewinnen suchen." „Das läuft nun freilich den Plänen total zuwider, für die mich,— was soll ich Ihnen das nicht gestehen, bester Freund, meine Tochter gewinnen wollte. Meine Wanda bat mich, Haupt- sächlich durch den lauter'schen Brief dazu bestimmt, auf das aller- eindringlichste, meinen ganzen Einfluß aufzubieten, daß ein güt- licher Ausgleich zwischen den Gebirgsleuten und der Eisenbahn- Verwaltung zustande käme. Und ich hatte es eigentlich so halb und halb schon versprochen, ich hoffte sogar, Sie würden mir dabei helfen--" Alster hielt inne, und auch Schweder schwieg einen Augen- blick. „Sehr liebenswürdig!" sagte er dann.„Ich bin auch gern bereit, den Wünschen Ihres Fräulein Tochter nach Kräften gerecht zu werden." „Leider kreuzen nur diesmal die Wünsche meiner Tochter, welche alle Dinge natürlich immer nur mit den Augen des Herzens sieht, die Wege, welche Sie aus höheren, aus Geschäfts- und politischen Rücksichten zu gehen für gut halten." „Es kreuzen sich viele Wege, die sich schließlich doch zusammen- finden." Herrn Schweders Stimme nahm einen merkwürdig warmen Ausdruck an.„Wollen Sie mir wirklich in dieser heiklen Angelegenheit freie Hand lassen, verehrter Freund, so dürfen Sie mir auch vertrauen, wenn ich Sie versichere, daß ich in der an- gedeuteten Weise— in den Hauptzügen mindestens— handle und dennoch mir auch den Beifall und die Zustimniung Ihres Fräulein Tochter erringen werde." Herr Alster seufzte tief.„So sei's denn, obgleich ich das letztere kaum für möglich halte. Aber wenn es selbst nicht gelingt, so ist das doch auch nicht so sehr wichtig, wie die Auseinandersetzung,— die— die-- „Die Vernichtung der Wichtels, wollen Sie doch wohl sagen, Hochverehrter,— nicht wahr?" „Nun denn ja— stoßen wir darauf an. Komme es, wie es mag. Ich will mich dann gern von meinen Geschäften und den öffeilllichcn Angelegenheiten zurückziehen; ich habe lang' genug im Schnellfeuer des öffentlichen Lebens gestanden; ich bin, ich kann Sie versichern— ich bin müde; ich habe jahrelang jeder zuverlässigen Stütze entbehrt— man wird auch alt mit der Zeit. Die Freundschaft, die treue Freundschaft soll leben!" Sie stießen wiederholt mit einander an und drückten sich dann die Hände. „Ich werde glücklich sein," sagte Schweder mit leiser Stimme und beinahe innigem Tone,„wenn Sie dereinst erkannt haben iverden, daß ich eine Ihrer und Ihrer ehren- und arbeitsvollen Vergangenheit würdige Stütze bin. Ich habe den besten Willen dazu und--- wohl auch die Kraft." Ueber Alsters heut wirklich recht alt und müde ausschauendes Gesicht legte sich zum erstenmale etwas, wie ein Hauch warmer Befriedigung. „An dem Willen, das zu erkennen, daran fehlt es gewiß nicht und, da ich an Ihrem Willen und Vermögen, mir dieses Er- kennen möglich zu machen, auch nicht zweifle, so kann ich mit Genugthuung erklären, daß ich von diesem Augenblick ab wieder mit größerer Zuversicht, mit dem Gefühle der Sicherheit und der Voraussicht des Sieges in die Zukunft schaue nach all' den herben Anfechtungen, welche mir die letzte Zeit gebracht hat."— Was noch an dem Abend zwischen den beiden geschah, ist nicht weiter des Wiedergebens werth, wenn wir versichern, daß es war, als ob eben jetzt sich zwei schöne Seelen zum. erstenmale bis auf den Grund in ihrem ganzen Berthe erkannt und zu ewigem Bunde vereinigt hätten. * * In den nächsten Tagen nach jenen auf die Zeit von wenigen Stunden zusammengedrängten Erlebnissen und Erfahrungen hatte Fritz Lauter eine fieberhafte Thätigkeit entfaltet. Am frühen Morgen des ersten Tages war er nach Oberbartenstein gegangen zu seinem Oheim, dem Kantor. Diesem, zu dessen Redlichkeit und Bereitwilligkeit, überall das Gute zu fördern und Schlimmes zu verhindern, er volles Vertrauen haben konnte, hatte er erzählt, was ihm begegnet war. Die Beobachtung, daß die Stimmung des Landvolkes beständig gereizter werde, konnte der land- und leutekundige alte Mann nur bestätigen, aber daß sie jetzt schon zu Exzessen reif sei, wie Fritz gestern selber einen erlebt, das ging über seine Befürchtungen hinaus. Auf die Frage, was da zu thun sei, um Unheil zu verhüten, wußte er keinen Rath. Er war gewöhnt, die Dinge, welche jenseits des Bereiches seines Haushaltes und seiner nächsten Umgebung lagen, gehen zu lassen, wie sie eben gingen, weil er von seiner eigenen Kraft und seinem Einfluß viel zu gering dachte, um von seinen Bemühungen für das Wohl iveiterer Kreise irgendwelchen Erfolg zu erwarten. Wie Gott will, war sein sehr ernst gemeinter, von aufrichtiger Frömmigkeit getragener Wahlspruch. Fritz Lauter aber ließ sich mit der Hoffnung auf den Himmel nicht genügen; manches große Unglück, das man hätte verhindern oder wenigstens mildern können, wenn man nicht die Hände müssig in den Schoß gelegt, sei durch das blinde, thatenlose Vertrauen auf die rechtzeitige Hülfe der Vorsehung verschuldet worden, sagte er. Wenn es einen Gott gäbe, wie ihn sich die Leute so dächten, fügte er hin- zu, so hätte offenbar grade er in der Schule des Leidens, in welcher er die Menschheit seit jahrtansenden erzogen, sie zu der Erkenntniß zu bringen gesucht, daß Selbstdenken und Selbst- handeln sie allein aus Roth und Elend heraus zum Heile führen könne. Der alte Kantor hatte seinen Neffen groß angeschaut, aber nicht ein Wörtchen auf diese seine Auslassung crividert. Und als dann Fritz erklärt, er beabsichtige von Dorf zu Dorf zu gehen, überall mit den Lehrern, Geistlichen, Ortsvorstehern und sonstigen einflußreichen und verständigen Männern zu sprechen, sie um ihre Meinung und mn Rath zu fragen, was geschehen solle, und ihnen die Spalten des„Tageskorrespondcnten" zur Auseinandersetzung über alle Wünsche und Beschwerden der Be- völkerung zur freien Verfügung zu stellen, da hatte der Alte schweigend nach Hut und Stock gegriffen und gesagt:„Komm', Fritz— ich will dich begleiten. Heut Hab' ich grad' den ganzen Tag Zeit, Schule ist nicht, weil endlich einmal die Decke der Schulstube ausgebessert wird, von der un5 der Kalk immer auf den Kopf fiel, bis keiner mehr oben war; und schaden kann's nicht, wenn du deinen Umgang hältst." So waren sie denn bis spät in die Nacht hinein von Dorf zu Dorf gezogen und hatten mit Dutzenden von Leuten gesprochen, mit den Amtsgenossen des Kantors und deren geistlichen Vor- gesetzten, mit Gemeindebeamten und mit Bauern, wie sie sie auf ihrem Wege trafen. Wo der Kantor persönlich bekannt war und bei allen seinen Mitschulmeistern überhaupt, wurden sie freundlich aufgenommen; bei den andern aber begegneten sie großer Zurück- Haltung, und da, wo sich Fritz Lauter als Berichterstatter des „Tageskorrespondenten" zu erkennen gab, ausnahmslos offen- kundigem Mißtrauen. Aber dann, wenn er, warm und lebendig, wie er seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen Pflegte, seine Meinung aussprach über das Unrecht, welches den Leuten im Gebirge geschehen sei, wenn er erklärte, es müsse mit aller Macht gestrebt werden, die öffentliche Meinung von diesem Unrecht zu überzeugen, und mit heiligem Feuer versicherte, er würde nicht eine Zeile mehr für den..Tageskorrespondenten" schreiben, ja er würde sich in die Seele hinein schämen, daß er jemals in seinen Diensten gestanden, wenn dieser nicht auf das allerentschiedenste der Eisenbahnverwaltung klar mache, daß sie der armen Gebirgs- bevölkerung Arbeit und lohnenden Verdienst schuldig sei,— dann thauten die Leute auf und faßten Vertrauen zu ihm und gaben ihm das Versprechen, nach Möglichkeit das erbitterte Volk zu beruhigen. Mehrere Gemeindevorstände erklärten sich bereit, Ver- stimmlungen einzuberufen und da zur Ruhe und Besonnenheit zu mahnen. Fritz Lauter schlug ihnen vor, sie möchten allerorten eine gleichlautende Resolution zur Berathung und Abstimmung bringen lassen, welche in entschiedener, aber von jeder Anmaßung und allen Vorwürfen freien Sprache die Lage der Landleute, ihre Aussichten für den nächsten Winter schildere und die Bc- rechtigung ihres Drängens um Arbeit motivire. Er wolle dann diese Resolutionen mit eingehendster Begründung zu einer Art Denkschrift zusammenfassen und diese zur Veröffentlichung in allen Theilen des Landes bringen. Damit waren denn die meisten Männer, mit denen der Kantor und Fritz Lauter an diesem ersten Tage zusammentrafen, von Herzen einverstanden. Als am folgenden Tage Fritz allein die Wanderung fortsetzte, fand er außer bei den Lehrern, welchen der Gruß des oberbartensteiner Kantors als Empfehlung Fritz Lauters genügte, verschlossene Herzen und vielfach sogar verschlossene Thüren. All' sein Eifer blieb vergebens,— alles, was er sagte, war in den Wind gesprochen. So lenkte er denn, zwar nicht entmuthigt, aber doch arg enttäuscht, am Nachmittag seine Schritte wieder nach dem oberbartensteiner Kantorhaus. Der Onkel möge ihn auch heute und in den nächsten Tagen begleiten, bat er, damit seine Bemühungen nicht gänzlich fruchtlos bleiben möchten. Der Kantor mußte an der gestrigen Wanderfahrt Gefallen gefunden haben, denn er war sofort bereit; er that sogar mehr, als Fritz verlangte und erwartet hatte. Er begab sich nämlich in Fritzens Begleitung zu seinem Pastor und berichtete diesem von dem Miß- erfolg, welchen der Neffe geerntet, als er die gemeinschaftlich begonnene Wanderung allein fortgesetzt, und bat, der Amts- vorgesetzte möge erlauben, daß ihn am nächsten Tag, der ein Sonnabend war, und wenn es sich nöthig zeigen sollte, auch noch am Montag, seine Frau in der Schule vertrete, damit er Fritz Lauter immer und überall hin auf seinen Rundgängen begleiten könne. Der Pastor willigte sofort ein, und so zogen sie denn ohne Säumen, nachdem sie sich durch eine improvisirte Mahlzeit noch tüchtig gestärkt hatten, nach einer andern Richtung als gestern in die Berge hinaus. Es war stockfinster, als sie ihre Schritte heimwärts lenkten. Sie waren mit ihren Erfolgen zufrieden, wie am ersten Tage; nirgends waren sie ganz abweisend behandelt worden und an den meisten Stellen war es Fritz Lauter, unter dem Beistande des sich immer mehr für die Sache erwärmenden Kantors, nicht sonderlich schwer geworden, sich die Zustimmung der Leute und das Versprechen ihrer thätigen Beihülfe zu erwirken. Ans den Vorschlag des Neffen begab sich der Kantor mit in das Herren- haus von Klein-Feldau zur Nachtruhe, nachdem er schon vor ein paar Stunden durch einen Boten die Seinen benachrichtigt hatte, daß er über Nacht ausbleiben werde, um gleich in aller Frühe des nächsten Morgens mit Fritz die Wanderung von frischem aufnehmen zu können. Sie waren grade am Eingange des Dorfes Klein-Feldau angelangt, als der Kantor auf dem schmalen, schwankenden Brettersteg, der da über den mitten durch den kleinen Ort hin- durchfließenden Perlefluß hinwegführte, stehen blieb. Er schaute nachdenklich ans das raschströmende Bergwasser,— die Wolken, welche den Himmel mit einem undurchdringlichen, tiefdunklen Schleier verhüllt hatten, waren just an einer Stelle gerissen und der Mond warf sein bleiches Licht zum erstenmal heut Stacht über die Landschaft. „Siehst du den Schaum auf dem Wasser, Fritz?" fragte der Alte, indem er mit dem Stock auf eine ganze Menge weißer Flecke wies, welche auf den blinkenden Wellen des krystallklaren Wassers dahintanzten. „Gewiß seh' ich sie. Es hat hoch oben in den Bergen heut tüchtig geregnet, darauf machtest du selbst ja mich aufmerksam. Wir werden morgen, wenn wir da hinaufkonimen, noch deutlichere Spuren davon zu sehen bekommen, denk' ich." „Noch deutlichere, ja; viel schlimmere nicht," erwiderte der Kantor mit sehr ernstem Tone.„Wenn es um die jetzige Zeit oben in den Bergen so regnet, wie es gestern Nacht schon und heut Nachmittag wieder geregnet hat, dann deutet das auf Hoch- wasser. Weißt du, was ein Hochwasser hier für die Dörfer zu bedeuten hat, Fritz?" (Fortsetzung folgt.) Rr. Z». 1880. Eine Heirat mit Hindernissen. Beitrag zur Kulturgeschichte der jüngsten Vergangenheit. (Schluß.) Soweit waren wir nun. Aber— da erhob sich nun eine ganj andere Frage, deren Lösung allem Anschein nach eben so viele Schmie- rigkeiten bereiten konnte. Diese Frage lautete: wo nun getraust werden? Ich wiederhole hier, daß wir beide Dissidenten waren, also nur von einem Richter oder Standesbeamten getraut werden konnten. Das Nächstliegende wäre mir nun gewesen, eben nach meinem Geburts- ort zu reisen und mich dort von jenem Bärgermeister trauen zu lassen. Daß ich dazu keine Lust empfand, ist wohl sehr begreiflich; überdies wäre eine solche Reise mit bedeutenden Kosten verknüpft gewesen. Was nun thun? Jin Herzvgthum Braunschweig, in welchem ich damals meinen Wohnsitz hatte, gab es noch kein Civilstandsamt, noch nicht einmal Dissidenten und eine fakultative Civilehe. Da war also nicht daran zu denken. Ich dachte nun an Preußen und wandte mich an die zuständige Behörde meiner Braut. Da wurde mir nun kurz und einfach der Bescheid, das könne nur geschehen, wenn ich erst preußischer Staats- angehöriger werde, ich sollte mich also vorher„naturalisircn" lassen. Das wäre erstens wieder ein großer Umweg gewesen, dann aber— hatte ich einfach keine Lust. Sollte ich meinen badischen Bürgerantritt so sauer erworben haben, um ihn gleich darauf wieder in den Wind zu schlagen? Ueberdies, wenn es darauf ankam, zu wählen, so war mir — offen gestanden— die Angehörigkeit zum badischen Staat wohl lieber, als die zum preußischen. Mit Preußen war es also auch nichts. Ich wandte mich auf Anrathen einiger Bekannten nach Hannover. Zwar gehörte dieses ehemalige Königreich bereits zu Preußen, aber es war für die Gebietstheile des ehemaligen Königreichs Hannover im Sep- tember 1867 eine besondere Verordnung über bürgerliche Trauung und verwandte Punkte erschienen, welche im Vergleich zu den gesetzlichen Bestimmungen der alten Provinzen Preußens etwas weitherziger ab- gesaßt erschienen. Als ich daher in der Stadt Hannover selbst mit dem berresfenden Richter Rücksprache nahm, da antwortete er mir:„Ich kann und will Sie trauen, da Ihre Braut Preußin ist, wenn Sie mir von der Gemeindebehörde irgend eines Ortes innerhalb des„Nord- deutschen Bundes" die Bescheinigung bringen, daß Sie daselbst wohn- berechtigt sind, heimatbcrechtigt ist nicht nöthig, nur wohnberechtigt." Meine Braut gehörte dem„Norddeutschen Bunde" an, ich nicht; ich war ja von jenseits der Mainlinie. Das Natürlichste war, daß ich ein Gesuch an den hochlöblichen Magistrat der Haupt- und Residenzstadt Braunschweig einreichte, mir doch die Bescheinigung der Wohnungs- berechtigung zu ertheilen. Die Antwort war eine ablehnende, weil — wie es hieß— ich noch nicht volle zwei Jahre in der Stadt an- sässig sei, aber erst nach zweijährigem Wohnsitze diese Berechtigung ein- träte. Sonst wußte ich aber keinen Ort innerhalb des„Norddeutschen Bundes", von dessen Behörde ich eine solche Bescheinigung zu erhoffen gehabt hätte. Jeuer Amtsrichter sagte mir zwar,„und wenn Sie mir vom Schulzen des kleinsten Dorfes, das zu diesem Staatsverband ge- hört, eine solche Bescheinigung bringen, so genügt es und ich werde Sie trauen; aber— ich wußte auch kein solches Dorf und keinen solchen Schulzen. Es war also auch mit Hannover nichts.— Meine Bürger- Antrilts-Urkunde hatte ich und damit nach dem Gesetze meiner Heimat das Recht zu heiraten, aber wir waren Dissidenten und wollten mit der kirchlichen Trauung nichts zu thun haben und eine bürgerliche wollte sich in keinem Laude für uns finden. Deutsche waren wir auch, aber, wie gesagt, von diesseits und jenseits der Mainlinie. Da wurde mir Gotha genannt als ein Staat mit freisinniger Gesetzgebung. Ich kannte dort einen höheren Verwaltungsbeamten dem Namen nach. Ich schrieb an ihn und erzählte ihm den ganzen Hergang. Nach Verlaus von etwa acht Tagen erhielt ich von ihm die Antwort, daß es dort möglich sei, er habe bereits mit dem betreffenden Beamten gesprochen, ich solle nur die Papiere einschicken. Das geschah natürlich sofort. Jeden Tag hoffte ich nun auf die Nachricht, daß ich mit der Braut an einem bestimmten Tage eintreffen solle. Allein statt dieser Nachricht kam nach nicht gar langer Zeit eine ganz andere: es hätte sich herausgestellt, daß durch einen Erlaß des herzoglichen Staatsministeriums nur Gothaer aus diese Weise dort getraut werden dürften. Ich müßte also, um in einem Orte des Herzogthums Gotha eine Civilehe zu schließen, erst Staats- angehöriger werden.— Das war also genau dasselbe wie mit Preußen. Ich war mit meiner Bürger-Antrilts- Urkunde genau so weit wie im Anfange. Nun war, wie man zu sagen pflegt, guter Rath theuer. Nach Baden zu gelangen, war mir schon darum nicht möglich, weil mir zu einer solchen Reise für zwei Perjonen die Mittel sehlten. Ueberdies konnten mir wegen des Aufgebots neue Schwierigkeiten bereitet werde» und wenn es nur ein theurer Aufenthalt war. In Braunschweig, wo ich wohnte, gab es keine bürgerliche Ehe, in Preußen, wo meine Braut wohnte, fehlte mir die Staatsangehörigkeit, in Gotha war es dasselbe; in der Provinz Hannover aber ging es nicht, weil ich als Süddeutscher innerhalb des„Norddeutschen Bundes" kein Wohnrecht hatte. Was nun? Ich sann also weiter, bis mir endlich einfiel, daß ich vor einiger Zeit bei einer Festlichkeit in einer fremden Stadt einen Herrn flüchtig kennen gelernt hatte, der mir als Civilstandsbeamter eines andern kleinen Staates Deutschlands vorgestellt worden war. Sogleich schrieb ich an diesen, den ganzen Sachverhalt darlegend und fragte, ob es denn nicht in seinem Staate möglich sei. Ich erhielt bald Antwort und zwar, daß es wohl möglich sei, es wären zwar einige Bedingungen zu er- füllen, welche jedoch voraussichtlich keine besonderen Schwierigkeiten ver« Ursachen würden. Da konnte ich doch wahrlich nichts besseres thun, als selbst hinzureisen, um mich genau zu erkundigen. Das geschah denn auch. Die erste Bedingung lautete: Die Braut muß erst sechs Wochen im Orte selbst gewohnt haben. Dies ließ sich macheu. Ich fuhr zurück und theilte ihr diese Bedingung mit. Sie sowohl wie ihre Eltern waren damit, einverstanden. Wir bestimmten einen Tag, an welchem ich sie abzuholen und nach der Stadt N. zu bringen versprach, und alles ließ sich so gut an. In N. angekommen, wurde für sie bei einer mir empfohlenen Familie Wohnung gemiethet. Als die ersorder- lichcn sechs Wochen vorüber waren, reiste ich nach N., meinen Bekannten in Braunschweig erklärend, den und den Tag komme ich wieder und bringe ein Weibchen mit. Ich glaubte mich meinem Ziele nahe. Doch, ich war einmal ein Pechvogel, meine Rechnung war abermals ohne den Wirth gemacht. Und wer war dieses Mal der Wirth?— Niemand anders als jener preußische Richter in Fr. Der Beamte in N. erklärte mir, daß von Seiten seines Staates kein Hinderniß mehr im Wege stehe, um von ihm getraut werden zu können, daß aber der preußische Richter in der Heimat der Braut das Aufgebot verweigere und zwar einfach aus dem Grunde, weil ich nicht Preuße sei. Ohne dieses Aufgebot aber, fuhr der Beamte fort, dürfe er nicht trauen.— Nun schrieb ich sofort an meinen künstigen Schwiegervater, ihn bittend, doch persönlich zu dem betreffenden Richter hinzugehen. Er that es, wurde jedoch einfach abgewiesen. Hieraus begab sich der Bruder meiner Braut hin, der, als der Richter ihn ebenso behandelte, ein derbes Wort sagte und dafür fortgeschickt wurde. In Folge dessen schrieb ich an jenen Richter und erhielt als Antwort eine lauge juristische Abhandlung, die ich bis heute»och nicht bis zu Ende zu lesen im Stande war; der lange» Rede kurzer Sinn aber hieß: es geht nicht. Darauf reiste ich persönlich hin, um mit dem Herrn über die Angelenheit ein ernstes Wort zu sprechen. Seine erste Frage an mich war, warum ich denn damals nicht Preuße geworden sei? Dann wäre die Angelegenheit längst in Ordnung.— Sodann erklärte er mir, daß er das verlangte Auf- gebot bei Vermeidung einer Disziplinarstrafe von 56 Thalern nicht aus- fertigen dürfe, eben weil ich nicht Preuße sei. Damit war ich auch hier fertig. Ich kehrte trostlos nach N. zurück und berichtete dem dortigen obersten Civilstandsbeamten die Erfolglosigkeit meiner Bemühungen. Er erklärte, jetzt das Recht zu haben, mich ebenfalls ganz abzuweisen. Auf meine Bitte hin äußerte er:„als Mensch würde ich Ihnen sofort helfen, aber ich bin Beamter und muß als solcher mich an meine Bestimmungen halten. Das Peinliche ist nur, daß wir von den preußischen Beamten immer zu verstehen bekommen, wir seien nicht königlich, unser Staat sei im Vergleich zu Preußen so klein und unbedeutend.— Ich will sehen, ob sich noch ein Ausweg finden läßt." Und er hat ihn auch gefunden, den Ausweg, der treffliche Mann. Der Mensch siegte über den Beamten. Er that nichts Unerlaubtes, aber er that doch etwas, wozu er gar keine Verpflichtung hatte, was ganz außer der Sphäre seiner Wirksamkeit lag. Ich mußte ihm Wort und Handschlag geben, niemanden zu sagen, wie es möglich geworden. Nun währte es nur noch kurze Zeit und wir beide, meine Braut und ich, waren gesetzlich Manu und Frau. Das war doch gewiß eine Heirath mit Hindernissen. Wir haben uns aber nachher auch das Hochzeitsmahl um so besser schmecken lassen. Dieses Frühjahr sind's nun gerade zehn Jahre. Das Jagdlager Orvielle bei Balsavaranche.(Bild Seite 466.) Der vor zwei Jahren verstorbene König von Italien, Viktor Emanuel, war ein zweiter Nimrod, von dem die Bibel sagt, er war ein großer Jäger vor dem Herrn. Als Knaben sah man ihn schon in den Bergen aus ungangbaren Pfaden umherirren, auf den höchsten Felsspitzen das Wild»ausjagend und erlegend. Auch später, als er zur Regierung kam, verlor er seine Leidenschaft für das Hochland nicht; kaum gönnt ihm der eben geschlossene Friede einen Moment Ruhe und wirft ihm eine oder gar einige Provinzen in den Schoß, so ist er auch wieder in den Bergen, um seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd auf Steinböcke, nachzugehen. Bevor der Telegraph von Turin über Jrea nach Aosta gelegt war, der eigentlich nur zum Verkehr des Königs mit seinem Kabinet diente, hatten die Minister ihre liebe Roth, den König auf- zufinden, wenn seine Unterschrist nothwendig war. Tagelang sah man ihn zu Pferd ans den unwegsamen Höhen, die selbst Fußgänger ungern beschreiten, oft in den Sennhütten übernachtend, nur auf die Kost der Bergbewohner angewiesen. Nicht selten trafen ihn Reisende 2460 Meter hoch in dem Felsenland von'Dondenna auf einem Steinblock sitzen uud, seine kurze Pseisc rauchend, in stiller Betrachtung des großartigen, sich vor ihm entfaltenden Naturgemäldes versunken. Wie einst Kaiser Nero während des Brandes von Rom Stellen aus Homers Ilms rezitirte, so pflegte der gewaltige Jäger aus dem Sabaudischen Stamme, Re galautuorno(König Ehrenmann), der nicht nur die Söhne, sondern noch mehr die Töchter des geeinigtcn Italiens liebte, nach den Mühen und Lasten des Waidwerks Verse aus Schillers„Wilhelm Tell" zu deklamiren. Die zunehmende Korpulenz und Bequemlichkeit trugen dazu bei, das Jagdgefolge des Königs zahlreicher und umständlicher zu machen. Man ging nun daran, Gebirgswege anzulegen und bestehende aus- zubessern und zu erweitern, um der königlichen Karawane die Letretung der höchsten Jagdreviere zu ermöglichen. Ein Panorama, das nicht leicht seinesgleichen findet, spannt sich in dem Dreieck zwischen dem Moni Cenis, Moni Blanc und Monte Rosa aus, es ist das großar- tigste Moränenbild der südlichen Abdachung der Alpen, ein Bild der Verwüstung, eine Gletscherlanvschaft der Grafischen Alpen. Das un- fruchtbare Gestein, welches einst während der großen Eiszeit von den sernen Alpenriesen des Moni Alane und Monte Rosa verheerend über Berg und Thal geschleudert wurde, dient jetzt zum sriedlichcn Bode», aus welchem sich im Thale wogende Saatfelder und herrliche Obst- und Weingärten erheben. Mitten durch dieses großartige Bild rollen maje- stätisch die kalten Wellen der Dora, die wie ein Silbcrsaden weithin die piemontesische Ebene durchzieht, von welcher sich am sernsten Horizonte die niedere Apenninen-Kette abhebt. Um zu dem königlichen Jagdlager Lrvielle bei Valsaveranche, dem Vorwurfe unseres Bildes zu gelangen, dringen wir in das Aostathal. Der Weg, der stets die Tora Balten verfolgt, ist eine antike Römerschöpsung, die via consulam(Konsulat- Straße), welcher unter Ueberwindung der gewaltigsten Hindernisse über Berge, Schluchten und an steilen Felsenwänden entlang bis zum sernen Aosta und Courmayeur, am Fuße des Moni Blanc durchgeführt wurde, um den großen St. Bernhard»ach der Schweiz und dem Rhein zu überschreiten, während er über den kleinen St. Bernhard nach Gallien (Frankreich) führte. Großartige Bauwerke aller Art, Brücken, Wasser- leitungen und Kastelle, theils erhalten, theils in Ruinen, zeugen von dem Unternehmungsgeist und der Leistungsfähigkeit der römischen Bau- meister. Auf den Trümmern der glanzvollen Römerzeit wuchern wie Parasiten die windschiefen Reste der Raubschlösser des finsteren Mittel- alters. Altcrthum und Mittelalter wetteiferten mit der Neuzeit, sich blutig in die Geschichte des Aosta-Thales einzuzeichnen. Die Geschichte der stolzen und wilden Salassen, der Ureinwohner dieses Landes, taucht mit dem Durchzug des karthaginiensischen Feldherrn Hannibal aus dem Sagendunkel aus. Zur selben Zeit als Barus, ein Feldherr des römi- schen Kaisers Augustus mit seinem Heere durch Hermann im Teuto- burger-Walde vernichtet wurde, drang hier ein Steuereintreiber deffelben Augustus, Namens Terentius Varo Murena vor. Als die armen Berg- bewohnet den Tribut nicht erschwingen konntrn, wurden in einer Nacht 36,000 Männer und Weiber gebunden nach Jvrea gebracht, um in alle Welt als Sklaven verkauft zu werden. Die Horden der Völkerwan- derung, die von Gallien und Germanien über den großen und kleinen Bernhard in die Poebene herniedcrstiegen, haben den Menschenschacher den Römern blutig heimgezahlt. Nach dem Verfall des Römerreiches spielten die Burgunder die Herren im Lande, zu dessen völligem Ruin die Feudalbarone mit ihren endlosen Fehden beigetragen haben. Der letzte Feldherr, der vom großen St. Bernhard in das Aostathal her- niederftieg, war Napoleon Bonaparte. Von dem alten Salassentrotz ist bei den mageren und unansehnlichen Aostanern wenig zu verspüren. Die schwere Arbeit in den Bergen und Minen, die besonders auch den Frauen ausgebürdet wird, verbunden mit kümmerlicher Lebensweise, hat der schönen Gegend ein häßliches Mal ausgebrannt. Allerorts in den Straßen und aus den Wegen lagern zahlreiche Kretins(geistig und körperlich mißralhcne Blödsinnige), und nach Hunderlen zählt man Frauen und Männer, die ein ungeheuerlicher Kropf entstellt. Wir wissen nach den neuesten Wahrnehmungen der Physiologen, daß der Kropf durch frühzeitiges Einschreilen zu unterdrücken ist, folglich ist sein auf- fallend zahlreiches Austreten eine Vernachlässigung der Bevölkerung. Einen Volksstamm soviel wie möglich edel und rein zu erhalten und aufzuziehen, ist auch eine Seite der Regierungswirthschast, die im Alter- terlhum mehr beachtet wurde, als heutzutage, während sie gerade unserer verkümmerten Generation so noth thäte. In der letzten Zeit ist es etwas besser geworden, weil die Roth, die Mutter der Schwäche und der Krankheit gelindert worden ist. Die Hilse kam von einer Seite, von welcher man sie sonst nicht zu erwarten pflegt, von der Jagdlieb- haberei des Königs. Auf der gewaltigen Kette des Gran Paradis, dem Hintergrunde unseres Bildes, aus den Abhängen der Grivola, der Ter- siva, im jenseitigen Thale von Savaranche, im Vordergrund des Bildes, nahm das Steinwild seinen letzten Zufluchtsort, nachdem das mörde- tische Blei der schweizer und savoyardischen Jäger von den Kämmen des Mont Blanc und der walliser Alpen erbarmungslos das edle Königsgeschlecht der ewigen Schnee- und Eisregionen vertilgt hatte. Den Steinbock in seinem letzten Zufluchtsort aufzuspüren, brachte den König Viktor Emanucl— und mit dem König Geld und Verkehr in diesen abgelegenen Erdenwinkel. Sehen wir uns aus der Höhe von Orvielle, dem Lieblingsausenthalte Viktor Emanuels, etwas näher um. Lenken wir aus unserer Wandernng durch das Aostathal von Leviona an einem tobenden Bergbache entlang, ab, so gewährt uns eine scharfe Wegbicgung plötzlich einen herrlichen Blick gen Valsavaranchc. Zischend und rauschend stürzt der angeschwollene Bach, den wir linker Hand aufi unserem Bilde so friedlich dahingleiten sehen, in schäumender Kaskade senkrecht in's tiefe, tiefe Thal und verliert sich unter Tannenbäumen in einem Silberstreifen, den wir wiederum mit der großen Savara ver- einigt finden Diesseits und jenseits des Thales an steilen Abhängen hinauf und herab alles mit dichtem Nadelwald bedeckt, tief unten lang hingestreckt, von niederen Nebelwölkchen leicht durchzogen, die grünen Wiesen von Valsavaranchc. An den westlichen Abhängen von Valsa- varanchc windet sich eine Straße hinauf, die uns nach einstündigem Marsche zur Höhe von Orvielle bringt. Die am Fuße hoher Fels- wände aufgeführten, langgestreckten Jagdhütten find mit einer unab- sehbaren Reihe von Jagdtrophäen geschmückt. Die Hörner eines jeden im Revier erlegten Steinbockes wurden hier über den Thüren und Fenstern befestigt und eine beträchtliche Anzahl ist es, die den einzigen, aber würdigen Zicrrat des einfachen Gebäudes bildet. Das Panorama im Hintergrunde sind die exakt wiedergegebenen Bergkonturen des Gran Paradis. Die mittlere Partie zeigt eine große Geröllhalde, welche vom Wege durchschnitten wird. Dieser Zickzackstreifen ist eine jener Routes- royales(königliche Strecken), die quer über die Felsen bis zum äußersten Ende derselben laufen, um mit einem Standwerk abzuschließen, von welchem Viktor Emanuel die ihm zugetriebenen Steinböcke schoß. Die mit großen Kosten angelegten Jagdwege sind heute schon wieder in Versall, weil den dabei interessirten Gemeinden die Mittel zur Aus- besserung derselben fehlen und der Nachfolger Viktor Emanuels, sein Sohn Humbert, keinen Sinn für die theuren Vergnügungen hat. Die Jagdhütten, ihrer Thüren und Fenster beraubt, lassen Wind und Wetter freies Spiel und werden bald bloße Steinhausen sein. Die einsam dastehenden Telegraphenpsosten ohne Draht sind Zeugen der Vergänglichkeit alles Irdischen, auch königlicher Passionen. l>r. M. T. Muharram, duS Neujahrsfest der Muhamedaner, wie man es in Bombay(spr. Bombeh), der wichtigsten Handelsstadt der eng- tischen Besitzungen in Indien— auf Grund der Parlamentsakte vom 27. April 1876 zum Kaiserreich erhoben— feiert, wird heute in wohl- gelungenem Bilde(S. 461) den Lesern der„Neuen Welt" zur Anschau- ung gebracht. Bombay, eine portugiesische Gründung, schon frühe das Eingangsthor zum Osten Asiens genannt, ist jetzt seit der am 17. November 1869 erfolgten Eröffnung des Suezkanals, der den direkten Schiffvcrkehr zwischen dem Mittelländischen und Rothen Meer vermittelt und beiläufig den Weg von Trieft nach Bombay um nicht weniger als 37 Tage abkürzt, in der That für die Europäer das Ein- gangsthor zu dem zwischen den heiligen Strömen Indus und Ganges gelegenen alten Kulturlande Indien geworden. Die mit der dazu- gehörigen Präsidentschaft des britisch-ostindischen Reiches gleichnamige Stadt, auf einem Eiland erbaut, zählt der Pracht ihrer Umgebung wegen zu den schönstgelegenen Städten der Erde. Die Vortrefflichkeit des großen Hafens— nicht weniger als ca. 32(XX) Personen beträgt die tägliche Schiffsbevölkerung im Hafen— erkannten zuerst die Dänen. 1661 nahm ein englischer Admiral Besitz von der Insel— das für Europäer außerordentlich ungesunde Klima raffte aber bald die ganze Besatzung hinweg, sodaß die Krone England schon wenige Jahre dar- auf das Eiland an die ostindischc Handelskompagnie abtrat. Was die Bevölkerung anlangt, so befinden sich unter den 3()t)(XK> Einwohnern Bombays neben 40/o Christen(Europäern) und 60/o Parsis— d. i. eine kleine Kolonie vou Persern, die sich nach und nach zu Königen des Hau- dels emporgeschwungen haben— etwa ISO OOO Muhamedaner; die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus Hindus. Die Religion der letzteren ist bekanntlich seit mehr als 2000 Jahren der Buddhismus— so ge- nannt von Buddha(— der Erleuchtete), dem Stifter desselben. Wie nicht anders zu erwarten, vertragen sich die verschiedenen Konfessionen nicht gut— die Bekenner der einen wollen vor den Anhängern der andern immer etwas voraus haben, und daß die Verehrer Muhameds, die Anhänger der jüngsten derjenigen religiösen Kulten, die man Welt- religionen nennt, am wenigsten Muster der Duldsamkeit genannt zu werden verdienen, ist bekannt. Die muhamedanische Religion mit dem Schwerte zu verbreiten, ein Gebot des Korans, war Jahrhunderte lang in Uebung. So kommt es denn bei den verschiedenartigen Reli- gionsübungen häufig zu Reibereien und namentlich das Muharramfest, ein mit unserm Karneval zu vergleichendes Freudenfest für die Muha- medaner aller Sekten— deren es nicht weniger als 72 gibt— gehört zu den Feierlichkeiten, welche die ganze Polizeimacht Bombays aus die Beine bringen, zumal dann, wenn das Fest mit Feiertagen der anderen Religionen zusammensällt. Die Muhamedaner rechnen noch nach dem alten Mondjahr(35S Tage, 8 Stunden 48 Minuten), weshalb Muharram oder Moharrem, der erste Monat des Jahres, unserm Sonnen- jähr gegenüber jährlich um 11 Tage früher beginnt. Das Neujahrs- fest der Bekenner Islams(Islam— Hingabe an Gott) macht daher innerhalb 33 Jahren die Runde: in unserm Jahre 1880 nach Christi Geburt nimmt die zehn Tage lang dauernde Feier am 4. Dezeniber ihren Ansang. Die zwei letzten Tage sind die Haupttage deS Festes: Prozessionen ziehen, einen Heidenlärm vollführend, mit Musik durch die Straßen der Stadt und die Ortschaften der Umgebung, und ähnlich dem Kreuz der Christen werden aus Stäben, wie unser Bild zeigt, „Tazia" umhergetragen. Tazia sind Nachbildungen der Gräber von Hassan und Hassain, der Söhne von Ali. Dieser, einer der Schwieger- söhne des Propheten Muhamed besaß und besitzt eine starke Anhänger- zahl, die der Meinung ist, Muhamed werde dereinst wieder auferstehen. Man nennt sie Schiiten, d. h. eigentlich Ungläubige, Abgesallene, im Gegensatz zu den Sunniten— von Sünna, dem Buche, in welchem die Traditionen der muhamedauischen Kirche ausbewahrt werden, her- rührend;— die Sunniten halten nämlich Ali nicht für den allein wahren Nachfolger des Propheten.— Die mit geöltem Papier über- zogenen Holzrahmen— Transparents— sind an den Seiten bunt bemalt, mit Glimmer und farbigem Glas belegt und mit Blumen be- kränzt. Durch brennende Lichter werden die Seitenwände erleuchtet. Vornehme Moslims lassen sich solche Tazia von bedeutender Größe 468 und künstlerischer Ausstattung herstellen— den Rahmen von kostbarem Sandelholz, statt Glimmer Silberblätter. Und während die gewöhn- lichen Tazia mit Beendigung der Feier ins Wasser— wie unser Bild zeigt, hier ins Meer— getragen werden oder auch auf Leichenhöfe, werden die werthvolleren Tazia ausbewahrt, um aufs neue im nächsten Jahre ihre Dienste zu thun._-z- Der Zauber körperlicher Schönheit uud vor allem weibltcher Anmuth hat zuweilen schon außerordentliche Wirkungen geübt. Weniger bekannt dürste heutzutage folgendes sein. Französische Memoiren aus dem fünfzehnten Jahrhundert erzählen von einer gewissen Pauline von Vigniöre, einer„vollkommenen und tugendhaften Jungfrau", welche den Enthusiasmus ihren Zeitgenossen durch ihre entzückende Schönheit in so hohem Grade Hervorries, daß die Bürger ihrer Vater- stadt Toulouse einen Refehl der bürgerlichen Obrigkeit erwirkten, welcher sie zwang, wöchentlich wenigstens zweimal aus dem Balkon ihres Hauses sich sehen zu lassen, und so oft das geschah, war das Gedränge lebensgefährlich. Gleich bewundert wurde im letztvergangenen Jahr- hundert die Schönheit der beiden Gunnings, deren eine, Elisabeth, den Herzog von Hamilton und die andere, Maria, den Grafen von Coventry heirathete.„An jenem Freitage,"— schreibt der englische Schriftsteller Walpole(1716— 1797)—„als die Herzogin von Hamilton bei Hofe vorgestellt wurde, war der Zusammenlauf so groß, daß selbst die Adeligen in den Borzimmern aus Stühle und Tische stiegen, um sie zu sehen. Haufen versammeln sich vor ihrer Thür, wenn sie zur Kirche gehen will, und die Leute reißen sich frühzeitig um die Plätze, wenn es bekannt wird, daß sie ins Theater geht."...„Solche Massen"— sagt er anderswo—„drängen sich, die Herzogin von Hamilton zu sehen, daß in und bei einem Wirthshause in Iorkshire siebenhundert Leute die ganze Nacht aufblieben, nur um sie den nächsten Morgen in den Postwagen steigen zu sehen"..... Und wer gedenkt dabei nicht einer Frau von Fontenay, einer Madame Recamier— einer Königin Luise von Preußen, einer Agnes Bernauerin und einer Phi- lippine Welserin, um dieses wunderwirkenden Zaubers inne zu werden? M. B. Die Pflege der Gesundheit durch Körperübung sollte jeder als seine erste Pflicht betrachten. Die Muhamcdaner sagen, Allah rechne die Tage, die man aus der Jagd verbringe, nicht vom Leben ab, sondern gebe dieselben, als im Interesse der Gesundheit verwendet, drein. Plato meinte, Körperübung könne beinahe ein schuldiges Ge- wissen heilen. Sydney Smith sagte:„du wirst nie in einer Rede stecken bleiben an einem Tage, wo du vier Stunden gegangen bist!" M. B. Sprechsaal für jedermann. Zu Nutz und Frommen aller Auswanderungslustigen (Schluß). Schnell entschlossen, verfüge ich mich in das Arbeitsbureau des Castle-Garden, nehme einen Platz auf einer der dort stehenden Bänke ein und Heise die ohnehin schon zahlreich vertretenen arbeit- suchenden Hungerleider noch vermehren, die nur dem Selbsterhaltungs- triebe folgend, ihre Arbeitskraft auf diesem weißen Sklavcnmarkte seil- bieten.— Hier muß gesagt werden, daß es mir nicht im entferntesten beikommt, dieses Institut zu schmähen. Der Gedanke, Einwanderern und überhaupt solchen, welche ohne Beschäftigung sind, diese hier zuzu- weisen, ist edel und hat schon manchen vom Verderben gerettet; daß aber— und vor allem gerade die deutschen Arbeitgeber hierbei aus die Unersahrenheit der Neulinge im Lande und auf das Elend armer Teufel spekuliren, habe ich zur genüge kennen gelernt. Fünf Dollars und Kost per Monat für unter Umständen harte Arbeit ist kein seltenes Angebot von Seiten solcher Herren. Dadurch wird dies Institut das, als was ich es bezeichnet. Wer nicht unbedingt nöthig hat, dieses Bureau in Anspruch zu nehmen, sollte es lieber nicht thun.— Die Gründer und Erhalter desselben trifft kein Vorwurf.— Meine Geduld sowohl als mein leerer Magen hatten eine harte Probe zu bestehen. Schuster, Schneider, Tischler u. s. w. wurden verlangt. Als Pferdeknecht, als Mann zum Melken der Kühe sc., zu welchen Geschäften ich mich in An- betracht meines geradezu fürchterlich werdenden Appetits zum östern angeboten hatte, wollte mich niemand haben. Der eine meinte, ich sei zu klein und zu schwach, der andere verlangte mehrjährige Praxis in Pserdedressur. Was hätt' ich hier nicht alles für ein Butterbrot ge- leistet. Hunger ist entschieden etwas sehr Fatales! Endlich schlug die Stunde der Erlösung.—„Leute für leichte Arbeit aus einer Farm!" Noch nie klang mir etwas so lieblich, wie diese paar Worte.— Ich hätte den Mann umarmen mögen. Schnell sprang ich mit vor, voller Angst, daß man mich abermals zurückweisen könnte. 15 Mann, darunter auch meine Wenigkeit, wurden engagirt. Lohn 8 Dollars und Kost per Monat. Um Zwei sollte das Fährboot nach Staaten-Island, einer 20 Meilen von Newyork gelegenen Insel, mit uns abgehen, um in unserem neuen Wirkungskreise als Arbeiter in einer Farmfactory bei Zubereitung von Tannattons beschäftigt zu werden. Niemand war glücklicher als ich. Jetzt gab'S hoffentlich bald was zu essen und, was auch nicht zu verachten, es kam wieder Geld in meine Tasche. Punkt 2 Uhr segelten wir ab. Der eine meiner neuen Kollegen hatte, wahr- scheinlich in Anbetracht meines noch ziemlich respektabel aussehenden Ueberknöpfers, eine innige Zuneigung zu mir gefaßt und unterhielt mich während der kurzen Wassersahrt durch einen ernsten, in salbungs- vollem Tone gehaltenen Vortrag über seinen bis jetzt in Amerika er- folglos geführten Kampf ums Dasein. Der Mann war nicht ohne Bildung, er hatte seine Erziehung in einer Pfaffenanstalt zu Innsbruck erhalten und in den drei Jahren, die er in Amerika verlebt, schon elendes Pech gehabt. Die paar Tage meines Herumlungerns in New- York hatten mich mit so viel fraglichen Existenzen zusammengeführt, ich hatte schon so viel Jammererzählungen mit angehört, daß mir das Wehklagen meines fromm erzogenen Freundes nichts neues mehr war und daß es mir durchaus nicht wunderlich vorkam, einen derart gebildc- ten Menschen als zukünftigen Handarbeiterkollegen begrüßen zu dürfen. — Unser Fährboot war nach halbstündiger Wasserfahrt am Platze; wir 15 Arbeitslustigen wurden in den auf die Passagiere des Bootes schon harrenden Eisenbahnzug gepackt und unverzüglich 10 Meilen weiter nach unserer Farm befördert.— Hier hatte ich Gelegenheit, die so äußerst komfortabel und praktisch eiugerichteten amerikanischen Eisenbahnwagen kennen zu lernen. In diesen feinen Salonwagen sitzt Arm und Reich nebeneinander, der ganze Zug wird von einem einzigen Kondukteur bedient, der denselben aus einem mitten durchgehenden Wege vom ersten bis zum letzten Wagen begehen kann. Praktisch, äußerst praktisch ist der Amerikaner, das muß man ihm lassen. Nach hierauf folgender kurzen Fußtour die Eisenbahnschienen entlang, betraten wir sehr bald den Schauplatz unserer neuen Thätigkeit, welcher, nebenbei bemerkt, mit allem, was drum und dran hing, einen niederdrückenden Eindruck auf mich hervorbrachte. Etwas Wilderes und Lüderlicheres war mir noch nimmer vorgekommen. Der mit dem Aufwasch des für die 150 deut- schen Arbeiter bestimmten Eßgeschirrs beschäftigte Koch und Kellner— ein einstmaliger ungarischer Husarenlieutenant— setzte uns trocken Brot und eine große Flasche voller Syrup vor, mit der Bemerkung, daß dies der Ueberrest des Diners sei. Nachdem jeder von uns seinen wolfsähnlichen Appetit gestillt, wurden wir mit unseren zukünftigen Schlassälen bekannt gemacht.— Das war nun freilich die Quintessenz des Elendesten, was es nur gab. Längs der Dielen war Stroh aus- gebreitet und je zwei Mann benutzten eine sehr, sehr verdächtig aus- sehende wollene Decke zum Schutz gegen die kalte Nachtluft, die in diesen Bretterbuden ziemlich empfindlich wehte.— In diesem Jammerthale habe ich 14 schwere Tage verlebt. Hätte ich das nöthige Geld gehabt, so wäre meines Bleibens hier nicht einen ganzen Tag gewesen. Cha- rakterstudien konnte man in ausgiebigster Weise machen, die Hefe des deutschen Vagabundcnthums hatte hier sowohl als im tiefsten Elend steckende, mit großen Hoffnungen herübergekommene und stets bitter enttäuschte deutsche Handwerker Vertretung gefunden. Deutschen Freun- den, welche weit entfernt, eine bessere Stellung einnahmen und mit denen ich mich von hier aus brieflich in Verbindung setzte, haben meine Erlösung aus diesem miserablen Dasein bewirkt. Ihnen ver- danke ich, daß mein Leben und Wirken jetzt wieder zu einem freudigen gestaltet ist. Ohne dieselben wäre ich vielleicht gerade so versumpft, wie es die Mehrzahl der aus jener Factorei beschäftigten Deutschen war. Meine Landsleute, die es im Vaterlande durchaus nicht mehr aushalten zu können glauben, mögen sich durch Borstehendes nicht abhalten lassen, hierher zu kommen. Aber eine Warnung vor Unvorsichtigkeiten und Uebereilung will ich hiermit gegeben haben. Intelligente tüchtige Leute haben sich hier massenhaft unter Verhältnissen herumgetrieben, von denen sie sich in ihrem Heiniatlande nicht träumen ließen, und später doch noch Glück gehabt. Energie und Ausdauer und das— Beste, deutsche mit den hiesigen Verhältnissen vertraute Freunde, sind Grundbedingungen, um in Amerika festen Fuß fassen und alsdann ein meist bei weitem besseres Dasein als in der alten Heimat zu führen. Auf das Mitleid Fremder und die Wohlthätigkeit der amerikanischen, sowie der länger hier ansässigen deutschen Bevölkerung rechnen, hieße sich stark irren. ..Holp your seif!" ist amerikanischer Grundsatz. Ueber hiesige Verhält- nisse, Politik, Arbeiterbewegung und wirthschastliche Verhältnisse werde ich zum Nutzen deutscher Äuswanderungslustiger bald mehr berichten. Philadelphia, Frühjahr 1880. A. Sch. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Ein Blick in die italienische Schweiz. Zwanglose Skizze von Carl Stichler (Schluß).— An der Wiege des Christenthums. Kulturhistorische Skizze von C. Lübeck.— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Eine Heirat mit Hindernissen. Beitrag zur Kulturgeschichte der jüngsten Vergangenheit(Schluß).— Das Jagdlager Orvielle bei Balsavaranche(mit Jllustr.).— Muharram, das Neujahrsfest der Muhamedaner(mit Jllustr.).— Zauber körperlicher Schönheit.— Pflege der Gesundheit durch Körperübung.— Sprechsaal für jedermann: Zu Nutz und Frommen aller An''"- Äuswanderungslustigen(Schluß). Beranlwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraßc 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig. ---4