ehti № 40. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. 1880. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Bu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Rudolf Savant. ( Fortsetzung.) Das schien Curt sehr lieb zu sein; er lächelte, als sei ihm| sprächs über meine Nachbarin erinnern, so geflissentlich war er ein Stein vom Herzen gefallen und sagte fast aufgeräumt: ,, Das ist ja prächtig nun können Sie mir vielleicht gar den ersten Schritt erleichtern, der vielleicht zugleich der letzte ist. Würden Sie Ihrer Wirthin, die ja das Mädchen kennt, vor stellen, daß ein achtbarer junger Mann aus guter Familie sich ernstlich für das einsame Kind interessire, sie kennen zu lernen wünsche und doch nicht mit der Thür ins Haus fallen möge, auch in unverfänglicher Weise sich darüber orientiren möchte, ob sie mehr als blos schön sei und ihr deshalb ein Theaterbillet in die Hände zu spielen beabsichtige, um den Platz neben ihr sich sichern und während der Zwischenakte ein Gespräch mit ihr anknüpfen zu können? Anonyme Zusendung würde voraussicht lich nichts nügen und bei dem ganzen kleinen Plan sei doch gewiß nichts unehrenhaftes und nichts, was sie nicht vor Gott das wissen Sie alles und Menschen verantworten fönne; doch das wissen Sie alles besser als ich, und ihre Wirthin für den harmlosen Plan zu gewinnen, wird Ihnen ein leichtes sein. Ich komme natürlich nicht in Uniform, sondern in Civil, um das Mädchen nicht von vorn herein stuzzig zu machen; daß sie mich kennt, d. h. schon gesehen hat, ist wohl nicht anzunehmen; ich bin ja immer erst in der Dämmerstunde gekommen, und sie sieht wahrhaftig nicht danach aus, ob sie nach zweierlei Tuch ausluge und für eine Offiziersschwärmerei empfänglich sei." Die Zumuthung war eine etwas starte, aber Curts humoristisch gefärbte Spannung auf meine Antwort reizte mich, zudem lag mir daran, ihm zu beweisen, daß ich mir das Mädchen völlig aus dem Kopfe geschlagen hätte, und ich willigte ein. Der arme Junge, ich habe ihm einen schlimmen Dienst damit erwiesen! Ohne weitere Worte drückte er mir dankbar die Hand mein Eingehen auf seine Idee schien ihn geradezu zu rühren und er rechnete es mir hoch an; er hatte eine hohe Meinung von Männerfreundschaften und jede Handlung, die diese Meinung unterstützte und rechtfertigte, war ihm eine reine Freude. Und nun nichts mehr von diesem Argonautenzug nach dem goldnen Vließ," sagte er dann;„ wer weiß, ob wir wieder darüber reden." Und er brachte das Gespräch auf neue doré'sche Illustrationen, die er den Tag zuvor gesehen hatte, und als er mich verließ, mußte ich mich gewaltsam an die einzelnen Phasen unseres Gebemüht gewesen, den Eindruck desselben abzuschwächen und mich auf andere Gedanken zu bringen. Er schien es auch gar nicht eilig mit der Ausführung seines Plans zu haben, denn mehrere Tage ließ er nichts von dem selben verlauten, und es war, als existire das Mädchen gar nicht für ihn. Ich kaprizirte mich andererseits darauf, ihn nicht zu fragen, bis er eines Abends, als wir um die Promenade schlenderten, um nach einem ungewöhnlich heißen Herbsttag die erquickende Nachtkühle zu genießen, von freien Stücken begann: ,, Sie wundern sich jedenfalls, daß ich mit dem Eröffnen der Approchen und Parallelen zögere, aber ich wollte erst das Ergebniß der Erkundigungen abwarten, die Linsingen( der lebenslustigste von seinen Kameraden) in den Kreisen unserer flotten" Offiziere einziehen wollte. Er selber ist noch nicht lange genug in Prag, um alle Geheimnisse der Kasinos zu kennen, aber er hat überall herumgehorcht und nur günstiges erfahren. Unsere berufsmäßigen Roués fennen sie natürlich und haben in ihrer Weise Jagd auf sie gemacht, aber sie hören nicht gern von ihr reden und werden verdrießlich bei Nennung ihres Namens; der eine hat sie überspannt tugendhaft" genannt, der andere als einen wahrhaften Tugenddragoner" bezeichnet, keiner aber hat sich gerühmt, auch nur das geringste bei ihr erreicht zu haben. Und Sie wissen doch, daß in Bezug auf die Tugend unserer Frauen und Mädchen aller Stände die Offizierskasinos die zuverlässigsten Auskunftsbureaus sind und daß man sich da nicht als durch Diskretion gebunden erachtet." Ein paar Tage später brachte er mir das Billet; man gab im deutschen Theater Donna Diana" in sehr guter Besetzung. Unser Plan glückte, wie sich das hatte voraussehen lassen. Meine brave Wirthin hatte ein viel zu lebhaftes Interesse für das schöne Geschöpf und eine viel zu hohe Meinung von der Glückseligkeit des unter die Haube Kommens, um nicht bereitwillig die Hand zu bieten nnd unbedingte Verschwiegenheit zu geloben; sie hätte freilich zur Salvirung ihres Gewissens gern gewußt, wer der vermögende junge Mann mit den reellen Absichten sei und einiges über seine Familienverhältnisse erkundschaftet, aber sie ließ sich auf die voraussichtlich rasche Entwickelung des kleinen Romans vertrösten und fonnte ja hoffen, schon nach der Vorstellung zu erfahren, wer der Nachbar des Mädchens gewesen war. Diese aber hatte keinen Grund, das Billet abzulehnen, das meine Wirthin angeblich V. 3. Juli 1880. infolge eines häuslichen Vorfalls nicht felber benutzen konnte, und fo war denn Curt für einen langen Abend im Hintergrund einer Loge der Nachbar des originellen Waldkindes und hatte vollauf Gelegenheit, sie zu sondiren. Es war mir während dieses Theaterabends recht unbehaglich- widerspruchsvoll zu Muthe. Was sollte ich wünschen— daß das Mädchen einen geradezu hinreißenden oder einen unbedingt abstoßenden Eindruck auf Curt machte? Wir hatten verabredet, uns nach der Vorstellung im Cafä zu treffen, er wollte dem Mädchen, um sie nicht etwa in Allarm zu setzen und mißtrauisch zu machen, seine Begleitung nach Hause nicht anbieten und thun, als setze er als selbstverständlich voraus, daß sie abgeholt werde, und bei dieser vorsichtigen Taktik hatte er es denn auch bewenden lassen. Er kam eigenthümlich angeregt, mit leuchtenden Augen und leicht gerötheten Wangen ins Cafe, und hatte bereits schweigend ein Glas Tschai geschlürft und seine Virginia lange nachdenklich betrachtet, als ihn mein erwartungsvolles:„Nun, wie gefällt sie Ihnen?— so erzählen Sie doch!" zum Rapport zwang. Dieser Rapport fiel so lakonisch als möglich aus. „Sehr, sehr gut— sie hat ein fühlendes Herz und einen logischen Kopf und die beiden zusammen geben erst die rechte Harmonie. Ich gehe jedenfalls weiter." Damit sollte ich abgespeist werden, aber das genügte mir begreiflicherweise nicht, und ich bat mir Details aus, die er denn, zögernd und widerstrebend wie ein Geizhals, gewährte. „Ich war vor ihr im Theater gewesen, und indem sie neben mir Platz nahm, ignorirte sie mich vollkommen und ging ganz und gar im Stück auf; daß sie mich nie gesehen oder mich wenig- stens in der Civilkleidung nicht erkannte, war sofort außer Zweifel und dieser Umstand gab mir alle Sicherheit, deren ich bisher er- mangelt hatte. Noch vor Ende des ersten Akts erlaubte ich mir, bemerkend, daß sie ohne Opernglas war, ihr das meinige zur Verfügung zu stellen, da mir das Pincenez genüge?, und diese ohne Ziererei und ohne übertriebene Dankbarkeit mit dem bescheidenen Selbstgefühl der geborenen Dame angenommene Artigkeit bildete den Ausgangspunkt eines Zwischenaktsgesprächs über das Stück, das dem selbstthätigen Verstand des Mädchens alle Ehre machte. Sie zeigte sich nicht eigentlich gesprächig, aber die Urtheile, welche sie mit der vollen Sicherheit der Ueberzeugnng abgab, waren so hübsch formulirt und verriethen so viel Scharf- sinn, daß ich mich unwillkürlich fragte, woher sie diese Kenntniß des Menschenherzens habe und ob dieselbe etwa nur eine intuitive sei; über allem, was sie sagte, lag es aber zugleich wie ein feiner Hauch von Mädchenhastigkeit, der mich entzückte. Daß ich ihr auch nicht das geringfügigste Kompliment gemacht habe, ist wohl eine überflüssige Versicherung; Sie wissen sehr genau, daß ich eine geringe Meinung von den Frauen habe, denen ein Kompli- ment schmeichelt und daß ich mich für die Pein, die es mir ver- ursachte, mit den gewöhnlichen Hofmachern zu konkurriren, dadurch räche, daß ich ein geringschätziges Urtheil über den Geschmack und über den Verstand der Betreffenden fälle. Das Mädchen war so unbefangen mir gegenüber, daß ich in Zweifel bin, ob ich darin eine indirekte und»nabsichtliche Schmeichelei, d. h. einen Beweis von unwillkürlichem Vertrauen, oder eine ebenso indirekte und unabsichtliche Lektion für nieine Eitelkeit, d. h. einen Beweis von Gleichgültigkeit zu sehen habe. Von all den kleinen Künsten ihres Geschlechts, deren man mit der Zeit müde wird, weil man sie ja doch mühelos durchschaut, keine Spur; dabei ein Organ von einer Tiefe und Fülle, von einem Wohllaut und einer Bieg- samkeit, die selten sind— in der Klangfärbung etwas zugleich Wildes und Süßes, das freilich herausgefühlt sein will, so diskret ist es angedeutet." Das alles kam freilich nicht zusammenhängend, sondern in abgerissenen Sätzen heraus, die Curt halb träumerisch, mehr vor sich hin, als zu mir sprach, als rekapitulire er diese ersten Stun- den an der Seite des ungewöhnlichen Mädchens, und als suche er sich Rechenschaft abzulegen über den Zauber, den sie auf ihn ausgeübt. Seine Augen aber verloren ihr Leuchten nicht und um den Mund spielte ein ganz leises, aber so glückliches Lächeln, daß mir kein Zweifel blieb— das Mädchen hatte es ihm an- gethan und wenn er überhaupt wieder von ihr loskam, so ge- schah es nicht leichten Kaufs. Daran, daß er dem Mädchen vielleicht nicht halb so gut gefallen könne, als sie ihm, dachte ich wahrlich nicht; die Parteilichkeit der Freundschaft tödtete jede derartige Hypothese im Keime, und dann konnte man sich die beiden Menschen in der That gar nicht anders als zusammen- gehörig denken. Dennoch glaubte ich, Curt daran erinnern zu müssen, daß es doch nicht blos darauf ankomme, welchen Ein- druck sie auf ihn gemacht habe, und er nahm mir das keines- wegs übel. „Das ist ja sehr leicht möglich," gab er mir zurück;„ich bin durchaus kein Adonis, und wenn ich's wäre, so haperte es immer noch; es gibt Frauen genug, die von den, schönen' Männern nichts wissen mögen und es noch eher mit einer charaktervollen Häßlichkeit halten. Ich halte mich auch durchaus nicht für un- Widerstehlich, aber wenn es mir nicht gelingt, in dem Mädchen dieselbe heftige Neigung zu entzünden, deren ich mich für sie fähig fühle, so werde ich mich deswegen wahrhaftig nicht ins Grab legen. Damit ist eben nur bewiesen, daß ich mich geirrt habe, denn, unglückliche' Liebe ist ein Unsinn, ein Unding, eine UnWürdigkeit, wenn man darunter etwas anderes versteht, als eine Liebe, die an äußeren Verhältnissen Schiffbruch leidet. Sie kann tragisch sein; einseitige, unerwiderte Liebe aber— geht mir mit der, die ist einfach verächtlich! Was liegt an dem Besitz, den ich erkaufen oder erzwingen, erschmeicheln oder er- betteln muß, der mir nicht freiwillig und doch gezwungen, aber gezwungen nur von einem süßen und unwiderstehlichen Verwandt- schaftszug, geschenkt wird?.Nach einer Frau zu schmachten, der ich gleichgüllig bin— glauben Sie, daß ich mich lemals so weit erniedrigen würde? Der zwingende Verwandtschaftszug, der in den Zusammengehörigen, allen Verhältnissen zum Trotz, waltet, ist für mich das Primäre— der Besitz etwas Sekundäres; man muß sich zur Roth ohne ihn behelfen können, aber niemals darf man sich mit ihm zufrieden geben, und wer das thut, der wird mich, den werde ich nie verstehen." Ich konnte auch dieses Stück Philosophie nicht widerlegen, erlaubte mir aber die nüchterne, praktische Frage: „Was nun? d. h. wie nun weiter?" „Das will überlegt sein, doch macht mir das wenig Sorge— möglich, daß ich einen sehr großen Umweg mache, möglich auch, daß ich in vollster Ehrlichkeit geradeaus gehe und mich auf die natürliche Beredtsamkeit einer echten Neigung verlasse. Uebrigens müssen Sie mir nun einen Gefallen thun: fragen Sie mich fortan nicht mehr. Sobald ich festen Fuß gefaßt habe und übersehen kann, wie sich das weitere entwickeln wird, komme ich ganz von selber; es wird mir dann sogar Bedürfniß sein, mich Ihnen gegenüber auszusprechen. Uebergehe ich diese Seite meines Lebens mit Stillschweigen, so können Sie immer annehmen, daß es mir eine Pein wäre, Auskunft geben zu sollen." Dabei hielt er mir mit einem fast bittenden Blick die Hand hin und ich schlug ein— um für eine ganze Reihe von Wochen im Dunkeln gelassen zu werden und mich vergebens in Muth- maßungen zu erschöpfen. Ich kann nicht gerade sagen, daß er mich in dieser Zeit weniger oft aufgesucht hätte; wäre das geschehen, so hätte sich ja auf häufige Rendenzvous schließen lassen. Aber es kam mir vor, als suche er unser Beisammensein abzukürzen— geschah das nur, weil er sich nach ungestörtem Alleinsein sehnte? Möglich war das schon, denn er war fast immer zerstreut und in Ge- danken, und seine Gesprächigkeit hatte etwas Erzwungenes, seine Heiterkeit, die im allgemeinen seltner wurde, aber zuweilen höher und heller aufflackerte, als je zuvor, schien mir überreizt zu sein. Den einen Abend sah ich ihn weich und wie von einer unsäglich süßen Träumerei gefangen genommen, den nächsten Abend war er schmerzlich gespannt, fast düster, und seine Augen bekamen öfter und öfter einen Ausdruck von Müdigkeit, der mich ernstlich beunruhigte. Die Gleichmäßigkeit der Grundstimmung machte Schwankungen Platz, die zwischen nervöser Unruhe und melancholischer Apathie hin und her irrten; er sing an, vieles zu toleriren und zu übersehen, was ihn früher unfehlbar in Harnisch brachte, und Dinge, die er sonst mit einem humoristischen Lächeln abfertigte, bekamen allmälich die Macht, ihn unwirsch und gereizt zu machen, sodaß ich ihn oft überrascht und besorgt betrachtete und im stillen den Kopf schüttelte. Er nahm es mit seinen dienstlichen Obliegenheiten strenger als je und trieb seine privaten Studien mit einem leidenschaftlichen Eifer; die einsamen nächtlichen Streifereien in der Umgebung und die nächtlichen Parforceritte schienen jetzt einen integrirenden Bestandtheil seiner Lebensweise zu bilden und von einem Berkehr mit den Käme- raden und vollends von gesellschaftlichen Beziehungen war kaum mehr die Rede. Ich sah das alles Tag für Tag mit an und oft schwebte mir eine theilnehmende Frage auf der Lippe. Ich wußte, wie vorher die Haare vorschriftsmäßig von meinem Friseur zurichten laffen. Es wird alles geebnet und geglättet, außen und später innen," sagte lachend der Mann. 474 Das erste, was uns ein Unteroffizier einzubläuen suchte, war der Begriff„ Subordination und Gehorsam". Was der Vorgesetzte befiehlt, das müßt ihr ausführen, willig, fraglos, prompt und exakt. Ihr antwortet nur, wann ihr gefragt werdet und wer sich Widerreden herausnimmt, der kriegt spanische Fliegen hinter die Ohren gesezt. Verstanden?" So die Erklärung von Subordination und Gehorsam, und das fragende Wörtchen: Verstanden? das diesen inhaltsreichen Satz unter knarrendem Geräusch, wie von einer rostigen Hofthür, beendete, schien un erläßlich für den Eindruck der Rede zu sein. Verstanden oder " nicht verstanden! Die Phrase ist eigentlich zum Lachen. Morgen sollen die ersten Marschirübungen gemacht werden. Heute haben wir noch Urlaub! ,, Um einhalb neun habt ihr euch in der Kaserne einzufinden und Sie, Einjähriger Morgenroth, haben Befehl, ihr Quartier ebenfalls in der Kaserne bis auf weiteres! Verstanden?" Damit war aufzuschlagen die Instruktion beendet. Diejenigen Rekruten, welche gut bei Gelde waren, luden den Herrn Unteroffizier und seine Kollegen zu einem Schoppen ein. Werde euch den Gefallen thun," sagte er herablassend und auf meine Frage: Wem ich wohl die Gnade, in der Kaserne kampiren zu müssen, verdanke," antwortete er ziemlich derb:„ Dem Hauptmann!" ( Fortsetzung folgt.) An der Wiege des Christenthums. Kulturhistorische Stizze von C. Lübeck. ( Fortsetzung.) Troß ihrer Moral sind die Essäer doch keine Rebellen, im Gegentheil erfreuen sie sich des Ruhms, vom Könige mit Auszeich nung behandelt, seiner besonderen Achtung gewürdigt und wohl gar als leuchtendes Exempel für alle Unterthanen aufgestellt worden zu sein. Und wahrlich! fügsamere und für den Absolutismus reifere Unterthanen kann kein König sich wünschen. Woran aber lag das? Was ist die Ursache, daß wir die Essäer vereinsamt, losgerissen von der Gesammtheit des Volkes sehen, daß kein Puls des öffentlichen Lebens hier zu fühlen, daß die Physiognomie dieser Menschen und Niederlassungen eine so düstere und Schwermuth statt Freude hier zu finden war? Die Essäer wollten keine Freude, keine Behaglichkeit, sie suchten kein Lebensglück, waren blind und taub gegen ihre Umgebung und hatten kein anderes Sehnen, als den Austritt aus dem Leben, den Tod. Aehnlich wie bei den Pythagoräern, Brahmanen, Buddhisten und einzelnen griechischen Philosophen erschien ihnen der Körper nur als ein Kerker der Seele. Alles ist eitel, alles vergänglich auf Erden, ewig allein sei der Geist. Auf der Erde, auf allen Gestirnen, in der großen unbegrenzten Welt walte eine räthselhafte, unbegreifliche, unfaßbare Gottheit, zu der die menschliche Seele in innigster Beziehung stünde, mit der vereinigt zu werden, das denkbar höchste Glück sei. Die menschliche Existenz fällt bei ihnen nur insoweit in Betracht, als sie von göttlichem Geiste beseelt wird. Man unter scheidet zwischen dem Reinmenschlichen und dem Geistigen. Das erstere, das Sinnliche und Böse, sucht auf Erden Genuß, das lettere aber, das Göttliche, kennt kein anderes Ziel, als die Vereinigung mit der Gottheit. Das war die Grundidee der in der Erkenntniß fortgeschrittensten Essäer und sie besagt alles. Wo der Tod ersehnt wird, da besitzt das Leben kein Interesse, da ist wahrer Lebensgenuß, und was damit zusammenhängt, ein Uebel, ein Hinderniß auf dem Wege zum Zielpunkte des geistigen Ringens. Aber die werkthätige Nächstenliebe! Sie ist zum theil eine Klugheitsmaßregel, zum theil eine Uebung in der Uneigennützigfeit, Selbstlosigkeit und Entsagung. Sie verheißt den Neulingen göttlichen Lohn, ist also verdienstvoll, sie befreundet die Menschen mit den Anschauungen der Essäer und stempelt sie wohl auch zu Humanisten, die sie im Grunde doch nicht waren. Werfen wir des besseren Verständnisses wegen einen Blick auf die Entstehungsgeschichte dieser Essäer. In dem großen Schmelztiegel griechischer und orientalischer Wissenschaft, in Alexandrien, ist diese der nationaljüdischen direkt entgegenstehende Auffassung von der Weltgottheit entstanden. -Bei den Palästinensern herrschten im allgemeinen ziemlich anthropomorphische Ansichten von der Gottheit, so daß in den heiligen Büchern von der Größe und Gestalt Gottes die Rede war, während ihm zugleich-mit der Größenbestimmung im Widerspruch der Charakter der denkbar höchsten Vollkommenheit beigemessen wurde. Mit Staunen fanden die Alexandriner nun in den öffentlichen Vorträgen im alexandrinischen Museum bei den griechischen Philosophen die Gottesideen in einer Reinheit und Vollkommenheit entwickelt, daß der Jehova der heiligen Ueberlieferung weit überholt und verdunkelt erschien. Mit dieser Erkenntniß war ein Konflikt gegeben. Die Anerkennung der griechischen Gottesideen bedeutete die Trennung von der Religion des Mutterlandes. Man mußte einen Ausweg suchen und man fand ihn, indem man die Erklärungsweise aus dem Buchstaben der heiligen Bücher verließ, sie durch eine geistige allegorische ersetzte und so gewaltsam in die heiligen Bücher alles das hineintrug, was man bei den Griechen an entwickelteren Gottesideen fand. Das unerhörte Experiment, die griechischen Philosophen auf Moses zurückzuführen, alle Erkenntniß der griechischen Denker in den Aussprüchen des alten Gesetzgebers zu finden und so gewissermaßen die Griechen zu Schülern von Moses zu machen, das gelang wunderbarer Weise über Erwarten gut. " Mit dem alten Jehova besaß die Gottheit, die man sich in Alexandrien gebildet, allerdings keine Aehnlichkeit mehr. Der Gott der Essäer der höchsten Stufe war das reine Sein", ein Ding, daß nur in seinen Wirkungen erkennbar, im übrigen aber über alles Erkennen erhaben, durchaus unbegreiflich und unfaßbar ist. Diese Gottheit war namenlos, da jeder Name, jedes Attribut eine Beschränkung ausdrückt der übliche Name Gott ist den Essäern in Wirklichkeit nur eine Verhältnißbezeichnung, die die Güte der Gottheit zu den erschaffenen Wesen darstellt. Auf dem Wege zu dieser Gottheit waren allerdings mancherlei Klippen zu überwinden gewesen. Wie war es z. B. möglich, das Unfaßbare mit dem nationalen Gotte in Verbindung zu bringen, der bei den verschiedensten Anlässen persönlich und direkt mit dem Volke und seinen Vertretern verhandelt hatte? Wie konnte sie, die Weltgottheit, zu gleicher Zeit eine speziell jüdische sein? Man tam indeß über alle Schwierigkeiten hinweg, indem man einmal Vermittler zwischen der Gottheit und der Menschheit schuf, die je nach dem Bildungsgrade und dem Grade des Erkenntnißvermögens der Menschen aus Engeln, Lichtstrahlen, Geistern und anderen mehr oder weniger vollkommenen, der Gottheit untergeordneten Phantasiegebilden bestanden, und, was hier gleich bemerkt sei, auch in den christlichen Religionsbüchern, den Evangelien, eine große Rolle spielen. In diesen tritt Gott nicht mehr persönlich auf, während er im alten Testamente fast immer direkt die Gestaltung der Verhältnisse beeinflußt. Auf diesem Wege wurde auch zwischen der Weltgottheit und der nationalen eine Brücke geschlagen und die in den heiligen Büchern vorgefundenen Aussprüche über göttliche Gerechtigkeit u. s. m. an der Hand der griechischen Philosophie erweitert. Wo die heiligen Bücher nun vom Auftreten Gottes berichteten, ersetzte man es auf dem Wege der Allegorie durch Engel oder irgend ein anderes Mittel göttlicher Erleuchtung, und wo man die Weltgottheit pries, unterließ man es nie, zu gleicher Zeit die besondere Gnade zu betonen, mit der sie vor allen anderen dem jüdischen Volke sich offenbarte und es auf den Weg zur Erlösung, zum Himmelreich geleitet. Dieser unfaßbaren Weltgottheit gegenüber mußte natürlich die menschliche Existenz in den Staub zurückſinken, im Zusammenhange mit dem Glauben an die Sündhaftigkeit des Fleisches ein düsterer Pessimismus Platz greifen, der sich nur in der Abwendung von der Welt und der Entsagung aller Lebensgenüsse äußern konnte. Wie nahe streiften die Essäer das Leben! In Alexandrien hatte die jüdische Kolonie auch mit der grie 472 in grau ausgestattet. Das ist das Zimmer des Oberstabs-| arztes," bemerkte der eine von uns. So saßen wir denn da, jeder auf einem Holzstuhle, wie drei Verbrecher, welche den hohen Gerichtshof erwarteten. Meine beiden Kollegen verbrachten die Zeit damit, daß sie mit ihren Hüten spielten; mir selbst war es höchst sonderbar zu Muthe. Ich dachte nach über die Begriffe Vaterland, Soldat, Krieg und an die vaterländische Devise: Mit Gott für König und Vaterland. Allerlei Jdeale schwirrten dabei durch mein Gehirn, und ich hätte vielleicht noch lange so nachdenklich da sizzen können, wenn nicht mein Nachbar mir zugeflüstert haben würde: Stehen Sie auf!" Was wollen Sie?" fragte der eine der eingetretenen Militärs. Schweigend ward ihm das Schreiben gereicht. Ziehen Sie sich aus," gab er zur Antwort. Während dieser Operation unterhielten sich die drei Militärs. Der eine von ihnen, ein Mensch mit eckigen Gesichtszügen und großem Schnauzbart, erfreute sich wegen seines brüsken Tones meiner meiner besonderen Bewunderung. Dann und wann musterte er meine beiden Genossen, die bereits mit ihrer Entkleidung zustande waren. Sie waren schwach gebaut, aber sonst wohl gegliedert und proportionirt. Der Mann mit dem Schnauzbarte lachte. Aber hören Sie," schrie er dem Oberstabsarzt zu. ,, Sie haben ja in Ihrem Revier nichts als Schund und Ausschuß, lauter Vogelscheuchen! Parbleu! Da hätten Sie gestern in Nahren sein sollen. Alle Teufel, das waren Kerle wie die Riesen, ein Vergnügen für jeden Soldaten und ein Vergnügen für die Weiber!" Er lachte selbst= gefällig, und die anderen Herren lachten mit, und der Schluß war, daß meine Genoffen für untauglich erklärt wurden. Warum noch nicht ausgezogen?" herrschte mich der Arzt an. Ich firirte ihn scharf, blickte dann auf seinen Freund und erwiderte: Es ist in dem Zimmer sehr fühl. Ich werde mich jetzt entkleiden." ,, Wie heißen Sie?" fragte er mich, als er mich untersucht. Ich nannte meinen Namen. ,, Morgenroth?" wiederholte er meine Antwort. ,, Morgen" wieder zurückgekehrt. Man hat das erste Urtheil bestätigt. Diesmal war ich mit einem Haufen junger Leute zur Revision geladen. Einen Vorgeschmack von Seligkeit empfingen wir schon jetzt dadurch, daß ein alter Wachtmeister über uns gesetzt wurde, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er benutzte dieses Amt, indem er, nach Herzenslust scheltend wie ein wüthiges Schulmeisterlein, die Reihen auf und ab sprang. Einer von den Militärpflichtigen, welcher seine Grobheit nicht glaubte hinnehmen zu brauchen, ward notirt und mit der Bemerkung abgefertigt, man werde seiner in der Kompagnie gedenken. Als die Besichtigung vorüber war, durften wir nach einer väterlichen Ermahnung uns entfernen. Dieselbe lautete ziemlich wortgetreu: Ihr könnt nun gehen! Besauft euch nicht und macht keinen Skandal, ihr Schweinigels, oder ihr könnt euch auf drei Tage Arrest gefaßt machen. Ihr seid nun nicht mehr Civil und müßt euch jetzt anständiger aufführen. Verstanden? Das freie Leben, die Bummelei hat aufgehört. Verstanden? Abtreten!" Woher dem biedern Wachtmeister die Kenntniß von unserer Sauferei u. s. w. gekommen, konnte ich leider von den meisten der Rekruten nicht erfahren. Man zuckte einfach die Achseln und tröstete sich mit den Worten: Tas müsse man sich nun als Rekrut wohl gefallen lassen. Draußen auf der Straße fing ein kleiner Trupp von Rekruten, die in einem benachbarten Dorfe zuhause waren, zu singen an, indem sie auf einem Leiterwagen davonfuhren. Der Alpensteinbock.( Seite 479.) roth? Sie sind wohl derselbe, der im Kasino gesprochen; derselbe, der für die Freie Presse und für die Provinzzeitung schreibt?" Die Art, wie der Mann mich inquirirte, das Lächeln, welches dabei um seine Mundwinkel zuckte, vermochten nur die Worte mir abzuzwingen:„ Ich heiße Morgenroth!" Die Gesellschaft lachte und der eine mit dem Schnauzbart rief: Tauglich für alle Waffengattungen. Werden ihn schon zur Raison bringen!" ,, Tauglich!" wiederholte auch der untersuchende Arzt, und während er seine Bemerkung auf meine Papiere einzeichnete, kleidete ich mich hastig wieder an. Vor dem Lazareth fand ich noch meine beiden glücklichen Vorgänger. Sie waren höchlich erfreut über den guten Verlauf der Untersuchung. Sie bedauerten mich zwar, die Glücklichen, aber wie man zu Zeiten wohl geneigt ist, durch einen Scherz die Erinnerung an etwas recht Unangenehmes ver geffen zu machen, so lachte ich mit den Gesellen und freute mich mit ihnen, so gut ich es eben vermochte. 20. April. Nun ist es für eine Zeit aus mit meinen Studien, mit meinen Arbeiten. Eben bin ich von der letzten Untersuchung fröhliches Geschäft, das wenigstens täglichen Unterhalt erhält." " Es war ein bekanntes, lustiges Volkslied, und es fragte mich einer, der ebenfalls wie ich, den Abfahrenden und den mit Bändern und Schleifen Geschmückten nachsah, weshalb wohl diese Burschen so laut und fröhlich wären und ein solch Geräusch machten. " Ich denke," antwortete ich, ,, daß sie, die sich aus dem Joch der mechanischen Feldarbeit fortsehnen, der Fähigfeit ermangeln, über die neue Situation im voraus sich flare Begriffe zu machen. Sie betrachten das Soldaten leben nach dem, was sie in der Schule gehört und gelesen haben, als ein leichtes, jeden ohne Mühen um den 21. April. Freund Freimann war überrascht, daß ich ausgehoben, und auch Elisabeth und die übrigen bedauerten mich in gewissem Sinne. Es haben schon tausende vor mir die Strapazen erduldet und ausgehalten, so werde auch ich nicht verzagen," sagte ich dem alten Lieber, welcher mich dringend bat, bei dem Militär keine Opposition zu machen, da das mir mehr schade als nüße, ja einzig nur schade. Es gibt eine Grenze der Elastizität," erwiderte ich, an welcher die Sehne eines Bogens jählings zerspringt; werde ich bis dahin getrieben, so ist es auch mit meiner Nachgiebigkeit aus. Ich bin gewillt, niemals Unrecht lammherzig zu ertragen." zu ertragen." Der alte Lieber gerieth über diese Sinnesart in Aufregung, und es bedurfte der Beschwichtigung der guten, besorgten Elisabeth, daß er mir nicht herbe Worte sagte. 29. April. Und so stecke ich denn in dem bunten Rock. Um nicht dem Kompagniebarbier unter die Scheere zu gerathen, hatte ich mir 471 wenig der Rath des Erfahrenen und durch eigenen Schaden Gewißigten der raschen Jugend gilt und wie wenig er ihr nüßt, aber vielleicht hatte sich Curt in eine von den Sackgassen verrannt, in denen es für den Kenner des Weltlaufs und der Menschenherzen immer noch ein Pförtchen gibt, durch das ein wohlbehaltenes Entschlüpfen ermöglicht wird- war es nicht die Pflicht des älteren Freundes, ihm den Mund zu öffnen? Aber dann besann ich mich auf mein Versprechen und wartete wieder, überzeugt, daß er schließlich von selber das Schweigen brechen werde; bei der Erregtheit, in welcher er sich befand, lief ich Gefahr, kühl und schroff an unsere Absprache erinnert zu werden. Eines Abends war er wieder so aufgeräumt und innerlich froh gewesen, wie lange nicht; denkt euch also mein Erstaunen, als ich ihn am andern Abend, ungemeldet bei ihm eintretend( Jehan hatte längst die Weisung, mir gegenüber alle Ceremonien wegfallen zu lassen) im dämmerigen Zimmer in einer Gemüthsverfaffung fand, die mich heftig erschrecken mußte. Er hatte den einen Arm auf die Lehne des Divans gelegt und sein Gesicht lag auf diesem Arm; die schlaff niederhängende andere Hand hielt einen Brief und seine Zähne schlugen wie im wildesten Fieber hörbar aufeinander. Unschlüssig blieb ich in der Mitte des Zimmers stehen; Curt gehörte zu den Menschen, die mehr ein Gegenstand der Ehrfurcht, als des Mitleids sind, wenn jeder Nerv in ihnen in leidenschaftlichem Schmerz zittert und zuckt, und ich fannte ihn genug, um mir zu sagen, daß es ihm furchtbar pein lich gewesen wäre, zu wissen, daß ich Zeuge war, wie er unter der Wucht eines Wehs erlag, an dem eine Frau die alleinige Schuld trug. Ich wollte eben geräuschlos meinen Rückzug beAus dem Tagebuche. werkstelligen, als Jehan den Armleuchter mit brennenden Kerzen ins Zimmer brachte; sein schwerer, knarrender Tritt riß Curt aus seiner Versunkenheit empor und wie taumelnd und geblendet starrte er einen Moment in die Helle. Es war ein Moment, aber er währte lange genug, um mich erkennen zu lassen, daß seine Augen und seine Wangen feucht waren von Thränen; im nächsten Augenblick hatte er in Scham und Troß mit einer raschen Bewegung, deren Geschicklichkeit seiner Geistesgegenwart die höchste Ehre machte, das Gesicht getrocknet und den Brief unter die Bücher und Zeitungen auf dem Tisch geschoben und versuchte nun, mich glauben zu machen, daß er nur eine Viertelstunde habe fuhen wollen und darüber bei der zunehmenden Dämmerung eingenickt sei. Das klang alles so natürlich, so aufrichtig und einfach, daß er vielleicht unter anderen Umständen selbst mich getäuscht hätte; so aber hatte ich genug gesehen und wußte auch, daß ich ihm einen Freundschaftsdienst erwies, wenn ich mit keiner Miene verrieth, daß ich einen so tiefen Blick in sein von bitterstem Leid zerwühltes Innere gethan, daß ich Beuge seiner Schwäche gewesen war, und wenn ich mich möglichst bald unter irgend einem Vorwand wieder entfernte. Er machte keinen Versuch, mich zu halten, aber gleich am nächsten Morgen( ich lag noch zu Bett) erhielt ich durch die Stadtpost ein Billetchen, vermittels dessen er mich in Worten, die einen Grad herzlicher waren, als seine sonstigen gelegentlichen Buschriften, aufforderte, am Nachmittag mit ihm eine Fußwanderung moldauabwärts nach Königssaal zu zu unternehmen ,, damit wir uns einmal nach allen Richtungen hin aussprechen könnten." ( Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Rosenberg. ( Fortsetzung.) 15. März 18.. Es kann nur im Gesez natürlicher Trägheit begründet sein, wenn jemand an althergebrachten Formen festhält, während seine innere Ueberzeugung dieselben längst zerbrochen und als unnüz oder gar für schädlich erklärt hat. Die Zahl derjenigen, welche ihr Thun mit ihren Gesinnungen in Einklang zu bringen suchen, ist sehr klein, ja so verschwindend klein, daß wir sie dreist als eine besondere, hervorragende Spezies der menschlichen Gesellschaft bezeichnen dürfen. Ihre Merkmale sind: Muth, Unerschrockenheit, Willensstärke und Freiheitsdrang, Eigenschaften, welche, obgleich viel genannt, doch gar selten vereint anzutreffen sind. Dieser nicht hinwegzuleugnende Vorwurf trifft selbst Männer, welche die Menge bewundert, denen sie zujubelt, und wenn man sich die Mühe gäbe, statistische Aufzeichnungen über diesen Punkt vorzunehmen, so würde man recht schnell finden, daß ein gutes theil der besten Köpfe mit dem Widerspruche zwischen Gesinnung und That behaftet ist. Wenn wir jemand für diese allgemeine Schwäche verantwortlich machen wollen, so hat die Erziehung der Jugend in der Schule jedenfalls ein gut Theil an der Schuld, denn dort werden eben Anschauungen gelehrt, und als Vorschrift betrachtet, die heut und mit der Praxis des späteren Lebens in Widerspruch stehen und den alten Sat: ,, non scholae, sed vitae discimus"( nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) nicht zu kennen scheinen. Die Schule sieht in mancher Beziehung aus wie ein Nachbild der Vergangenheit, sie will sich den Anschein eines Vorbildes für die Zukunft geben, statt ein Abbild der Gegenwart zu sein, als ihres obersten Lehrmeisters. 18. März 18.. Ich habe heute meinen Austritt aus der christlichen Kirche angezeigt. Soll ich aufschreiben: Warum und wozu? Elisabeth, Freimann und ich, wir machen seit furzem und meist Sonntags miteinander weitere Ausflüge in die Umgebung. Der alte Lieber hat sich durch den Entschluß, seine Tochter unserem Schuße zu überlassen, ein schönes Zeugniß edler Gesinnungsart ausgestellt. Das junge Mädchen blüht in dem warmen Verkehr mit zwei Menschen wie wir, förmlich auf; sie hat sich eine geistige und sittliche Reife angeeignet, die selbst dem etwas trockenen Freimann wunderbar gefällt. So habe ich mir immer meine Frau vorgemalt," raunte er mir zu, als Elisabeth einst, müde, auf die nicht erscheinende Bedienung in einem liederlichen " Wirthshause zu harren, über die wir beide mit gutem Humor zu schelten begannen, selbst sich aufmachte, um für unsere Bedürfnisse zu sorgen. Und nur so, Heinz, es muß die Gediegenheit des Stoffes sich mit der Anmuth der Formen, die Solidität des Charakters sich mit einer göttlichen Grazie vermischen; innerhalb des Hauses darf ein Weib nicht hausbacken, außerhalb desselben nicht schulmeisterlich, pedantisch, eitel, nicht amazonenhaft erscheinen: an dem richtigen Maßhalten erkennt man ein edles Wesen. Auf einem solchen Ausfluge überraschte uns der Regen. Bei einem Glase Wein trösteten wir uns über das Unangenehme der Witterung. Elisabeth war bei bester Laune, aber auch Freimann war wider Gewohnheit gesprächig und anregend. Ich fühle mich innerlich bedrückt," sagte er plöglich nach einer Pause, und so gemüthlich wir hier beisammen sizen, und so vertraut wir auch miteinander sprechen, so fehlt doch der Schlußstein, der das Werk krönt; ich meine den, der unsere Freundschaft besiegelt. Mit Menschen, die meinem Herzen näher stehen, pflege ich anders zu reden und aus diesem Grunde mache ich einen Vorschlag zur Geschäftsordnung!" ,, Angenommen," rief Elisabeth,„ von vornherein angenommen!"„ Nehme Sie beim Wort, Mademoiselle Elisabeth," versetzte lachend Bruno, und so erkläre ich feierlichst, daß wir künftig, du' zu Ihnen oder zu dir sagen und daß von dir das gleiche mit uns geschehe." -Elisabeth ward roth und blickte aus Verlegenheit zur Erde, dann aber, sich besinnend, schaute sie mich fragend einen Augenblick an, und als ich sagte:„ Zur Behaglichkeit, Fräulein, fehlte allerdings dieses kleine Wörtchen," da sagte sie leise und etwas stockend:„ So sei es denn!"- Darauf stießen wir lustig mit den Gläsern an, wünschten uns gegenseitig Glück und fanden uns recht gut in unsere neue Rolle! 3. April. Heute ist Montag und um 10 Uhr werde ich mich mit meinen Militärpapieren zur Untersuchung in die Kaserne begeben.- Es ist der letzte Termin, der mir bleibt. In der Kaserne fand ich noch zwei Leidensgefährten vor. Nachdem unsere Papiere revidirt waren, wurden wir mit Begleitschein nach dem Lazareth kommandirt. Unter einigen humoristi schen Bemerkungen trollten wir uns. Die Lazarethschildwache sah uns mit einem so sonderbaren Blick an, als wir Einlaß be gehrten. Man führte uns in ein großes Zimmer; Fußboden, Wände, Decken und die wenigen schäbigen Möbel waren grau 475 Familienbande, Verzicht auf die Ehe, auf alle Annehmlichkeiten und Genüsse des Lebens, den Stillstand, die Umkehr der menschlichen Natur, den Rückschritt, das Versiegen aller Kultur, die Selbstvernichtung! Thatsächlich sehen wir denn auch die Essäer ehelos leben. Die Ehe ist allerdings nicht absolut verboten. Schon damals ließ sich das Cölibat, das auf die Essäer zurückzuführen ist, in der Praxis nicht aufrecht erhalten. Aber die Ehe wurde, so gut es eben ging, ihres sinnlichen Charakters entkleidet. Man gestattete sie ja nur, um die Welt nicht aussterben zu lassen. Vom essäischen Standpunkte aus ist sie eigentlich auch eine Inkonsequenz, denn wenn man als die Hauptaufgabe des Menschen die Ertödtung des Fleisches hinstellt, darf man die Erzeugung neuer Geisteskerker nicht zugeben und umsoweniger, als darin eine große Konzession an die sinnliche Welt liegt. Als Inkonsequenz faßten die Essäer der höheren Stufen denn auch die Ehebewilligung auf, sie wurde in der Praxis daher auch nur höchst selten gewährt. chischen Gesellschaftswissenschaft Bekanntschaft gemacht, die in Plato ihren idealsten Vertreter gefunden hatte. Er wurde ihnen in äußeren Formen das Vorbild ihrer gesellschaftlichen Organisation. Doch nur in gewissen äußeren Formen, während das Wesen ihrer Organisation der Gegensatz und fast eine Karrikatur der platonischen war. Von Plato war zum ersten male die Bedeutung des Individuums nicht nach Geburt und Reichthum, sondern nach seinen Fähigkeiten, nach seinem Nußen für die Gesellschaft, nach seinem tugendhaften Wandel bestimmt worden. Alle Gesellschaftsschranken waren bei ihm gefallen, es gab weder Herren noch Knechte noch Sklaven, noch bei der gesellschaftlichen Werthmessung und gesellschaftlichen Verwendung des Individuums einen Unterschied nach Geschlechtern, sonden nur Menschen, die von Natur aus völlig gleichberechtigt waren und nur durch Kraft und Befähigung von einander sich unterschieden. Soweit sie der Gesellschaft sich nüßlich erwiesen und zum gemeinsamen Glücke derselben beitrugen, hatten alle auf gleichen Lebengenuß Anspruch. Als Quelle der Gesellschaftskrankheit hatte Plato die Entartung des in der Natur allgemein herrschenden Selbsterhaltungstriebes zur In diesem Punkte begegnen wir deshalb wieder einem ausschließenden Selbstgenußsucht erkannt und die konsequente bemerkenswerthen Unterschiede zwischen dem griechischen PhiloDurchführung der menschlichen Gleichberechtigung, die Rückkehr sophen und den Essäern. Bei ihm wird im Interesse der Erzur Natur als Grundbedingungen einer gesunden Gesellschaft bezeugung eines kräftigen Geschlechts dem geschlechtlichen Verkehre zeichnet. In der redlichen Pflichterfüllung, in dem Bewußtsein, die höchste Aufmerksamkeit geschenkt. Hier ist dieses Moment die am Glück und Wohlergehen aller Gesellschaftsgenossen nach besten gleichgültigste Nebensache. Kräften beigetragen zu haben, sollte ein jeder seine Befriedigung, sein eigenes Lebensglück finden. Seine Gesellschaft hatte auch nach dem Göttlichen zu streben, das Göttliche aber, dem jeder Bürger nahe kommen sollte, das war das Prinzip der Sittlichkeit, das in seiner Gesellschaft und in ihrer Moral seine Verkörperung fand. Was es Schönes und Herrliches in der Welt gab, das sollte zur Volkserziehung herbeigeholt werden und in der Gesellschaft seine Stätte und Pflege finden. Auf Erden leben, edel, glücklich leben sollten seine Bürger; heiter und lebensvoll ist denn auch der Geist, der die platonische Staatsschöpfung durchweht. Wie anders alles bei den Essäern. Sie haßten das heitere, den höchsten Kulturzielen zustrebende Leben, zu dessen Förderung der griechische Philosoph seine ideale Staatszeichnung entworfen, und sie füllten die Form, die er gab, mit einer düsteren pessi mistischen Philosophie, die von allem Leben sich abwandte und für das Schöne und Herrliche desselben kein Verständniß besaß, auch nicht besigen konnte. Das jüdische Volt hatte ursprünglich, wie alle Völker des Erdballs, in wirthschaftlicher Gesellschaft gelebt. Es zeigten auch die sogenannten mosaischen Schriften mancherlei Verordnungen, welche den ursprünglichen Gesellschaftszustand festhalten sollten. Da hätte es den Essäern nicht an Uebergängen zu lebensvolleren Schöpfungen gefehlt, wenn sie eben ernstlich danach gesucht hätten. Doch das lag ihnen fern, und wenn sie auch gemeinschaftlich den Acker bebauten oder Handwerk trieben, so geschah dies doch nur, um das Leben einigermaßen zu fristen. Aller Grund und Boden gehörte Gott, und seine Benutzung erfolgte am besten in göttlichem Interesse zur Erhaltung des einfachsten Daseins, das dem fündhaften Fleische keinerlei Reize und Verlockungen bot und nur die Möglichkeit gewährte, sich ausschließlich dem Studium des Göttlichen, des Wesens der Weltgottheit hinzugeben. Was bedeutet eine solche Auffassung für das praktische Leben? Doch nur Verzicht auf jeden, selbst auf den von der Natur geforderten und gebotenen Genuß. Lösung aller Freundschafts- und Das jüdische Volk glaubte im allgemeinen an das Walten einer Vorsehung. Die Pharisäer machten jedoch aus Nüglichkeitsgründen Konzessionen an die Willensfreiheit, indem sie das Thun oder Unterlassen des Guten größtentheils in den menschlichen Willen legten und der Gottheit in gewissen Fällen nur eine Mitwirkung zugestanden. Den Alexandrinern ging diese Auffassung nicht weit genug, sie unterschieden scharf das Göttliche vom Materiellen, fanden für alles Böse auf Erden die Erklärung im Fleisch und führten alles Gute im Menschen auf göttliche Erleuchtung zurüc ganz so wie es im gläubigen Christenthum heute noch geschieht. Was wir bisher von den Essäern erfahren haben, das läßt sie uns als eine kulturfeindliche Verbindung erscheinen. Wir haben die Ursache in der religiösen Auffassung gefunden, in der ascetischen Richtung der jüdisch- alexandrinischen Religionsphilosophie. Noch deutlicher springt der kulturfeindliche Charakter dieser Religionsphilosophie bei den ägyptischen Therapeuten in die Augen, den eigentlichen Vorgängern des christlichen Mönchthums. Während die Essäer, welche mit ihnen die gleiche Grundanschauung theilten, die Berührung mit der Außenwelt nicht vermeiden konnten und, wie wir gesehen haben, aus Nüzlichkeitsgründen zu verschiedenen Konzessionen an dieselbe gezwungen waren, konnten die Therapeuten, Dank den fruchtbaren Gegenden, in denen sie lebten, von keiner Seite beeinflußt, sich ungestört entwickeln. Die Essäer lebten unter einem Himmel, der sie zur Arbeit zwang, die Therapeuteu fanden ohne Mühe das, was sie zum nothwendigsten Lebensunterhalte bedurften, sie konnten sich ohne jede Sorge um die Erhaltung des Lebens ihrem Endziele zuwenden und zeigen uns gewissermaßen eine idealere Entwicklung des kommunistischen Verbandes der Essäer. Ihr Name bedeutet Seelenheilende", während in dem der Essäer der einfache Begriff des Heilens liegt, dem sich einzelne von ihnen als Naturkundige widmeten. ( Schluß folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudolph von B...... ( Fortsetzung.) Frizz Lauter ward von dem mehr als bedenklichen Tone, den der Oheim anschlug bei der Frage, ob er wisse, was ein Hochwaffer für die Dörfer hier oben zu bedeuten habe, betroffen. Er schaute noch einmal nach dem Flusse und dann da hinauf, wo die höchsten Berge ihre Gipfel in undurchdringliche Wolkentücher hüllten, und sagte:„ Hältst du etwa eine gefährliche Ueberschwemmung für möglich? Mir ist, als ob ich auch schon so etwas hätte munkeln hören von der Furcht der Leute vor dem heurigem Frühlingswasser, aber ich habe nicht weiter darauf geachtet; ich habe in meinem Leben noch nicht viel von Ueberschwemmungen gesehen." Der Kantor hatte sich auch rings umgesehen und war dann wieder vorangeschritten. Nun," sagte er, dann wirst du vielleicht schon in wenigen Tagen mehr davon wissen, als dir lieb sein wird. Sieh, Friz, es kommt nicht eben oft vor, daß die Bäche und Flüsse hier oben gar weit aus ihren Ufern treten, und deshalb auch hat man leider freilich gar keine ernsten Vorkehrungen gegen Wassersgefahr getroffen. Und wenn es 476 einmal kam, dann geschah es fast immer um ein paar Wochen früher, und da war's immer noch nicht so sehr gefährlich, da flüchteten die Leute aus dem Thale mit ihrem Vieh auf die Berge, und an den Feldern und Gärten war, wenn's nicht gar zu schlimm wurde, noch nicht viel zu verderben. Heuer ist das aber anders. Die Felder sind alle schon bestellt, und da Schnee und Eis im Hochgebirge solange liegen geblieben ist, treffen jetzt die Schmelzwässer von da oben mit dem Regen der Frühjahrsgewitter du hast doch gehört, wie's vorhin dort hinten dumpf gegrollt hat? zusammen. Da könnten wir was erleben, sag' ich dir, und da kann's Schaden geben furchtbaren, unersetz lichen Schaden!" ,, Wahrhaftig, du hast recht, Onkel," erwiderte Friz." Da donnert's schon wieder, und wie mir's scheinen will, schon viel näher, als vorhin. Das kann ein tüchtiges Gewitter geben. Und gegen die Ueberschwemmung können sich die Menschen hier garnicht schützen? Können sie nicht etwa Nothdämme errichten? Man sollte doch denken, wenn ein paar hundert Menschen in jedem der gefährdeten Dörfer- Männer, Weiber und Kinder, alles was Hände hat Tag und Nacht mit äußerster Kraft anstrengung arbeiten wollten, müßte schon etwas Tüchtiges hergestellt werden können." Der Kantor mußte lachen lustig zu Muthe war. trotzdem ihm nicht im mindesten Nothdämmena, na, du hast einen schönen Begriff von so einem reissenden Bergbache, der auf einmal Wassermengen zu Thale wälzt, um die ihn der größte Strom beneiden könnte. Da gibt's keine Dämme, die stark und hoch genug sind das das wär' verlorene Arbeit." Frizz schien etwas kleinlaut geworden zu sein, als er die zweite Frage wagte: " Und kann man denn nicht wenigstens die Wasser zum Theil auf Terrains ableiten, wo sie weniger Schaden anrichten können?" Der Kantor schüttelte den greisen Kopf. ,, Nein, nein, mein Junge da ist nichts, absolut garnichts zu machen, als sich und die Seinen in Gottes Hand befehlen. Ableiten wohin? Es wird ja alles ein Wasser, in allen Thälern in die Runde wenn's schlimm wird, heißt das. Und da" der Kantor streckte prüfend die Hand aus,„ jezt kommen sie schon, die großen, dicken Tropfen, die Vorboten eines argen Gewitterregens. Gott gebe, daß es nur ein Gewitter ist, das sich jetzt entladet, und daß es nicht gar zu arg zum Gießen kommt. Aber nun vorwärts, daß wir ins Trockne und endlich zur Ruhe kommen." Der Alte beschleunigte seine Schritte so sehr er nur konnte. Frizz schritt rasch neben ihm her. " Ins Trockne kommen ist mir schon recht. Aber zur Ruhe gehe ich heut noch nicht. Erst muß noch ein Bericht für den Tagesforrespondenten' fertig werden, da will ich von der drohenden Ueberschwemmungsgefahr auch ein paar Worte mit einflechten. Das macht hoffentlich das Mitleid für die armen, vielgeplagten, in all' ihrer Noth immer nur der Gnade eines oft so unbarmherzigen Geschickes überlassenen Menschen im Gebirge noch reger, als es bis jetzt schon sein mag." Noch wenige Schritte und sie standen vor dem Thore des sogenannten Schlosses von Klein- Feldau. Der Schloßherr Willisch stand auf der Schwelle, neben ihm saß halbaufgerichtet ein gewaltiger Hund, halb Dogge, halb Fleischerhund, der die Ankommenden mit einem drohenden Knurren begrüßte, welches an Stärke und Tiefe fernem Donnerrollen nichts nachgab. " Still, Hassan, fusch dich,' s sind Freunde!" herrschte Willisch dem Hunde zu. " Sie bringen mir einen Gast mit, Lauter," fuhr er fort;„ das ist vernünftig von Ihnen. Ah, der Herr Kantor von Oberbartenstein, nun, das freut mich wirklich, immer nur herein, wir trinken noch ein Glas Rothspohn mit ein ander zum Willkomm." Der Kantor und Willisch schüttelten sich die Hand. Inzwischen stand der Hund auf von seinem Plaze, auf den er sich auf die abwehrenden Worte seines Herrn hin niedergeduckt hatte, ging hinter Willisch herum nach der Thür, in die Frizz Lauter eben hatte eintreten wollen, und legte sich breit vor dieselbe, sodaß niemand an ihm vorbeigekonnt hätte. " Da haben Sie ja gar noch einen neuen Hund, Herr Willisch," rief Frizz überrascht. Ich dachte, Sie hätten an den zwei andern bissigen Kerlen grade genug gehabt. Der aber scheint womöglich noch ungemüthlicher zu sein. Er sieht mich an, als würde er mich sofort verschlingen, wenn ich mich unterstehen wollte, in die Hausflur einzudringen." Willisch nickte wohlgefällig. Das ist mein Leibgardist, den ich mir extra zur Uebernahme dieses ehrenvollen Postens habe erziehen lassen. Uebrigens gehört er mir schon seit beinahe einem Jahre. Ich hab' ihn gekauft, wie er noch ganz jung war der Köter ist nämlich noch nicht zwei Jahre alt, aber von famoser Rasse, wahrer Riesenrasse. Sie haben ihn nur noch nicht gesehen, weil ich ihn bei dem Förster Walter in Pension gegeben hatte, damit der ihn mir auf den Mann dressirte. Heut gegen Abend hab' ich ihn mir von der hohen Schule wieder geholt, und dafür ist mir der Hassan riesig dankbar, das Studiren scheint ihm nicht eben besonders gefallen zu haben, obgleich er wirklich seine Sache famos gelernt hat. Weg, Hassan, hinter mich;' s sind Freunde, hab' ich dir gesagt." Der Hund gehorchte. Langsam erhob er sich, langsam schritt er an Frizz und dem Kantor vorüber, indem er beide im Vorbeigehen eifrigst beschnoberte; dann stellte er sich hinter seinen Herrn. " Was Sie alles für merkwürdige Geschichten machen," sagte Friz Lauter kopfschüttelnd. Einen Hund auf den Mann dressiren lassen,- als wären wir Wilde und gingen zuweilen auf die Menschenjagd." Präparir' mich blos auf Jagden, bei denen ich selbst das Wild sein könnte, lieber Lauter, das wissen Sie ja," gab Willisch, wie es schien, in trefflichem Humor zurück. ,, Nun aber treten Sie endlich alle beide ein. Sie endlich alle beide ein. Der Hund thut keinem Menschen was, wenn ich's nicht haben will. Der Rothe wartet schon lange, drüben in der großen Parterrestube, einen tüchtigen Schluck müssen Sie schon mit ins Bett nehmen." Der Kantor sowohl als Friz fand sich damit einverstanden. Der alte Herr war sogar troß aller Müdigkeit so aufgeregt, daß er noch ein ganzes Stündchen mit Willisch verplauderte, der auch schon von der drohenden Ueberschwemmung wußte, aber sie, da er ihre Gefahren aus eigener Erfahrung nicht kannte, nichts weniger als gefürchtet hatte. Frizz hatte die beiden allein gelassen. Er war, nachdem er sich noch rasch mit einem Glase Rothweins gestärkt, auf sein Zimmer gegangen, um seinen Bericht zu schreiben. * Es war schon sieben Uhr, als Frizz am folgenden Morgen sein Zimmer verließ. Er hatte es verschlafen; seit langer Zeit war ihm das heut zum erstenmal passirt. Er hatte bis Schlag zwei Uhr an seiner Korrespondenz gearbeitet, die kurz, aber inhaltreich ausgefallen war. Mit längstens vier Stunden Schlaf hatte er geglaubt heut übrig genug zu haben; aber statt um sechs, war er schon vor fünf Uhr aufgewacht, und noch todmüde, wie er war, hatte er sich gefreut, noch eine Stunde schlummern zu können. Als er dann von neuem wach wurde, zeigte seine Uhr fünf Minuten vor sieben. Beinahe hätte er ihr nicht geglaubt so dunkel war es noch; aber ein Blick zum Fenster hinaus belehrte ihn, was die beinahe nächtige Dunkelheit veranlaßt hatte. Es regnete Bindfaden, wie man zu sagen pflegt. Vom Gewitter freilich war keine Spur mehr zu entdecken; aber das Gewitter hatte sich zu einem jener trostlosen Landregen aus gebildet, die mit ihrer ausharrenden Geduld selbst starknervige Leute zur Verzweiflung bringen können. Friz Lauter öffnete seine Fenster soweit er konnte, und lugte nach allen Seiten hin aus, ob nicht ein helles Fleckchen am Horizonte zu erspähen wäre. Vergebens- der ganze Himmel wie eine graue Schwester nichts, garnichts, als das fahlste, fatalste Grau. " Schöne Gegend, wie?" schrie Willisch lachend herauf, der mit seinem Hassan mitten im Hofe stand und sich, wie es schien, mit ungeheurem Behagen beregnen ließ. Machen Sie nur, daß Sie herunterkommen; ich hab' Ihnen verdammt hübsche Geschichtchen zu erzählen." Fritz Lauter schaute verwundert auf, Willisch hinab. Er verstand ihn wieder einmal nicht. " Sie wissen doch, Herr Willisch, daß uns dieser Regen eine Ueberschwemmung bringt?" Eben drum freut er mich so!" Willischs scharfe Augen mußten entdeckt haben, daß sich der Schatten eines tiefen Verdrusses über Lauters Gesicht legte, denn er rief hinauf: Nicht wahr, der Willisch ist ein schauderhafter Kerl- der freut sich sogar, wenn der liebe Himmel wahre Wolkenbrüche 477 von Thränen weint. Na, komnien Sie mw'runter,— ich denke, Sie werden Sich gleich mit mir darüber freuen, daß der Himmel ein Einsehen gehabt hat." Fritz beeilte sich, so sehr er konnte; freilich nicht, um zu Willisch zu kommen, sondern um so früh als möglich mit dem Onkel wieder auf die Wanderschaft zu gehen. Er hatte noch mehr als die Hälfte des Bergbezirks nicht berührt und hoffte, daß es ihm, noch ehe die jetzt wohl mit voller Sicherheit zu erwartende Ueberschwemmung die Wege verdarb, gelingen würde, in den wichtigsten Theil der noch übrigen Dorfschaften seine Tour zu machen. Der Onkel stand an der Hausthür, bekümmerten Blicks in das trostlose Wetter hineinschauend, während Willisch sich im Hofe allerlei zu thun machte und sich dabei seine oberbayrische Lodenjoppe, sein Lieblingskostüm, so recht nach Herzenslust vom Regen einweichen ließ. „Na, endlich," rief er Fritz entgegen.„Nun wollen wir aber gleich miteinander ein vernünftiges Frühstück zu uns nehmen, und dabei erzähl' ich Ihnen was— aber erschrecken dürfen Sie nicht— die Geschichte wird nicht so schlimm, als sie auf den ersten Blick scheint." „Erschrecken, etwas Schlimmes haben Sie mitzutheilen, Herr Willisch?" fragte der Kantor besorgt. Am frühen Morgen schon eine schlimme Nachricht eingelaufen?" „Na, ich wüßt' es schon gestern Abend. Aber ich wollt' Ihnen das bischen Nachtruhe nicht verderben. Ich konnte mir schon denken, daß Ihnen, und von unserm guten Lauter wüßt' ich das gewiß, so etwas immer viel gefährlicher vorkommt, als es schließe lich ist." „Sie brauchen uns nicht noch begieriger auf Ihre Schreckens- Nachricht zu machen, als wir es ohnehin schon sind, Herr Willisch," sagte Fritz.„Also erzählen Sie nur." „Wenn Sie mir versprechen, daß Sie Sich's Frühstück da- durch nicht verderben lassen und an das gute, alte Sprüchwort denken:'S wird nichts so heiß gegessen, als es gekocht wird!" Als sie am Frühstückstische Platz genommen hatten und der Kantor sowohl als sein Neffe mit allen Zeichen angespanntester Wiß- begicr nur so mechanisch nach dem Kaffee und den butterbestrichenen Weißbrötchen gegriffen hatten, welche das erste Frühstück bei Willisch einzuleiten pflegten, begann dieser: „Sie werden wohl wissen, was man von den hochberger Bergleuten zu halten hat, Herr Kantor?" „Nun, sie genießen in merkwürdigem Gegensatze zu unseren übrigen Gebirgsleuten des Rufes, jähzornige, Zank und Streit liebende Menschen zu sein, die Hochberger; das hochberger Revier hat auch jahraus jahrein die meisten räuberischen Anfälle, Tod- schlüge, sogar Mordthaten aufzuweisen gehabt." „Die Leute sind eben dort am allerärmsten und geistig und sittlich gänzlich verwahrlost," unterbrach Fritz den Oheim. Dieser nickte:„Leider, leider!" Willisch fuhr fort: „Die sind gestern Nachmittag also an die Italiener gerathen." Fritz Lauter erschrak doch trotz der langen Vorbereitung, welche sein Wirth dieser Nachricht vorausgeschickt hatte. „Was sagen Sie? Die Hochberger sind an die Italiener gerathen? Es ist doch hoffentlich nicht etwa jetzt schon zu Thätlich- leiten gekommen?" „Na, was denn sonst?" erwiderte Willisch äußerst kaltblütig. „Ein paar Dutzend blutige Köpfe hat's gegeben und statt des einen todten Kosaken, von dem die Russen in ihren Kriegen immer melden, kann ich Ihnen vollkommen der Wahrheit gemäß von einem einzigen todten Italiener berichten." Fritz Lauter griff sich an den Kopf,— er war glühend heiß geworden. Fritz konnte sich nicht wieder niedersetzen— er mußte im Zimmer auf und ab gehen, um sich einigermaßen wieder zu fassen. Die furchtbaren Folgen, welche ein feindseliges Zusammen- stoßen der Bergleute mit den fremden Bahnarbeitern haben konnte, waren plötzlich in riesengroßen Phantasiebildern vor seinem geistigen Auge aufgetaucht. Auch der Kantor war ganz entsetzt. Er war blaß geworden bei Willisch's letzten Worten, und mit ein wenig zitternder Sttmme sagte er bittend: „Erzählen Sie ausführlich, Herr Willisch, recht ausführlich, was da geschehen."* „Dacht' ich mir's doch," entgegnete Willisch,„daß die beiden ganz aus dem Häuschen sein würden über die Geschichte. Na, -'s ist eben nicht so gefährlich, als es auf den ersten Blick scheint, der da,"— er wies nach dem Fenster,„der Regen nämlich wird ein Wörtchen mitsprechen und die erhitzten Schädel gründlich ab- kühlen, deswegen bin ich vergnügt über das Hundewetter und lasse mir auch ein bischen Ueberschwemmung recht gern gefallen. Aber nun will ich endlich ordentlich zu erzählen anfangen, was mir gestern Abend brühwarm berichtet worden ist. Am letzten Sonntag hat's auf einem Tanzboden da oben Reibereien gegeben, die aber weiter nicht schlimm wurden, blos daß einer von den Italienern sich in ein hochberger Mädel verguckte und daß die den gelben Kerl mit den kohlschwarzen Augen gleich auch gern leiden mochte und seit dem Tage mit ihm alle Abende heimlich zusammenkam. Dem Mädel lauft nun auch einer von den hoch- berger Burschen nach und der trifft vorgesteru die beiden zu- sammen. Natürlich gab's sofort zwischen den beiden verliebten Kerlen eine gründliche Keilerei, vorläufig aber blos unter vier, respektive unter sechs Augen, denn das Mädel war nicht etwa ausgerissen, sondern im Gegentheil dageblieben und hatte ihrem Jtalianissimo geholfen, den andern durchwalken. Dafür kriegte sie nun in der Nacht, als sie nachHanse gekommen war, von ihren eigenen Leuten ihr Theil weg. Das klatscht sie gestern in aller Frübe ihrem dunkelbraunen Herzliebsten, nnd der lauert während oer Mittagsstunde dem Hochberger auf. Nun gab's erst eine Keilerei zwischen einem halben Dutzend Italienern und ebensoviel Hochbergern, bei der aber den Italienern von den rabiaten Kerlen aus unserm Hochgebirge gründlich das Leder versohlt wurde. Die wollen nun natürlich die deutschen HiA>e sich nicht schenken lassen, holen Hlilfstruppen und fallen über die Hochberger, die ganz vergnügt bei der Feldarbeit sind, her. Die Hochberger müssen vor der Uebermacht ausreißen, die Italiener heidi nach, und zwar in ihrer Verfolgung weiter bis ganz in die Nähe von Hohenschale, einem kleinen Dorfe im hochberger Bezirk. Hier gab's nun für die auf der Flucht begriffenen Hoch- berger so an die hundert derbe Fäuste zur Unterstützung, die sich sofort mit Knütteln, Latten, Wagendeichseln u. s. w. bewaffneten und nun den Italienern auf die Sprünge halfen. Die Italiener waren aber schlau gewesen; sie hatten gleich, wie die Sache schief zu gehen anfing, Boten nach der Arbeitsstelle beim Perleviadukt geschickt und von ihren Leuten noch mehr Zuzug verlangt. Und da das Katzbalgen für die Kerle ein wahres Gaudium ist, sind sie gekommen, in großen Schwärmen wie die Heuschrecken, und sind über die von Hohenschale hergefallen, grade, als die mit der Geschichte glücklich fertig zu sein glaubten. Nun waren die Italiener wieder in vier- bis fünffacher Uebermacht, und's Gescheiteste für die Hochberger war ausreißen. Das sahen sie auch ein, aber natürlich ging auch das nicht ohne furchtbare Balgerei ab, so daß es ein wahres Wunder ist, daß wahr und wahrhaftig nicht mehr Leute todt geblieben sind, als der eine Italiener, dem ein baumstarker Hohenschaler mit der Wagen- deichsel die Hirnschale eingeschlagen haben soll." „Und Verwundungen hat es natürlich viele, sehr viele gegeben?" Fritz Lauters Stimme klang rauh und hart bei dieser Frage, er war furchtbar erregt und mußte die Stimme aus der trockenen Kehle beinahe herauszwingen; indeß der Kantor, keines Wortes mächtig, mit gefalteten Händen am Tische saß und starren Auges jeder Lippenbewegung des Erzählers gefolgt war. „Verwundungen, na ob, und zwar auch schwere Verwundungen die helle Menge," entgegnete Willisch.„Natürlich war gestern noch nicht festgestellt worden, wieviel hüben und drüben." „Und Sie meinen, daß der furchtbare Regen weitere schlimme Folgen verhüten wird?" �, „Der Regen allein wohl nicht, aber die Furcht vor der lieber- schweinmung wird hoffentlich heute die Ausführung der Rache- gedanken etwas auf die lange Bank schieben. Und deswegen, sehn Sie, stand ich im Hofe vorhin und sah mir's Wetter so recht gründlich von allen Seiten an; es soll, es muß ein bischen lieber- schwemmung geben und wenigstens acht Tage und darüber muß aller Welt hier oben das Wasser zu schaffen � machen— sonst wird's schlimm." „Ich denke, schlimm genug ist's schon— Fritz Lauter war an dem einen Fenster stehen geblieben und hatte hinausgesehen in den Hof. Jetzt unterbrach er sich.„Was hat denn Ihr Michel, Herr Willisch? Der läuft ja wie besessen im Hofe herum und schwingt dabei eine Axt über seinem Kopfe, als wollte er damit irgend einen unsichtbaren Feind erschlagen." „Der Michel ist ein Hochberger und, wenn mir recht ist, sogar von Hohenschale, dessentwegen Hab' ich gestern absichtlich von der Nachricht, die ich durch den Gensdarm erhielt, vor meinen Leuten nichts merken lassen. Nu wird er aber wahrscheinlich � Portion mit zerschlagenen Knochen liegen bleiben und Pardon doch etwas weggekriegt haben. Will doch'mal hören!" schreien mußte. Sie würden sich wohl die Pollaken zu Hülfe Er stand auf, öffnete einen Fensterflügel und rief hinaus: � holen, meinte die Mine, aber darauf wären ihre Leute schon ein- „He, Michel, bist wohl übergeschnappt, daß du herumspringst gericht', und gründlich wollten sie auftäumen, da's nun'mal und wie'n Indianer auf dem Kriegspfade mit der Axt herum-> losgegangen war', mit dem ganzen fremden Pack— das haben hantirst?" sie geschworen." „Mein' Bruder hab'n sie erschlagen— die verfluchten gelben„Himmelkreuzdonnerwetter!" fluchte Willisch, den sein Gleich- Halunken, und dafür schlag' ich sie todt. wie die Hunde, alle- muth jetzt auch ganz und gar verlassen zu haben schien.„Da sammt! Lassen Sie mich fort jetzt, gnädiger Herr, oder nicht— ist der verdammte Regen doch vierundzwanzig Stunden zu spät mir ist jetzt alles eins,— ich lauf' davon und schlag' von der � gekommen. Und NU ist alles verdorben, und wir selbst können Halunkcnbande alles todt, was mir in die Quer' kommt." froh sein, wenn wir nun mit heilen Knochen davonkommen." „Johann, Johann," schrie Willisch mit kräftiger Stimme in Fritz Lauter war bei den ersten Worten des Johann neben den Hof hinaus. Willisch getreten. Sein Gesicht hatte sich seltsam verändert, die „Hier, was gibt's?" antwortete aus einem der gegenüber- gewaltige Erregung schien daraus gebannt zu sein, nur sehr liegenden Wirthschaftshäuser die Stimme eines der älteren Knechte, finster, aber nicht minder entschlossen, schaute er auf seine Um- „Ist's wahr, daß dein Michel sein Bruder erschlagen ist?"> gebung. „Ja, Herr," erwiderte Johann.„'S ist wahr. Sein Bruder„Mag verdorben sein, was will,— jetzt muß gehandelt werden, ist heut Rächt gestorben von einem Stich in die Seite, den ihm sofort, um von dem furchtbaren Unheil' zu verhindern, was zu eine von den tückischen italienischen Kanaillen versetzt hat. Eben verhindern ist. Lassen Sie sofort anspannen, Herr Willisch, ich war die Mine da, seine Schwester." muß nach der nächsten Telegraphenstation und— „Hat die sonst weiter nichts erzählt, als die Geschichte von!„Und?" fragte Willisch mit einem Anklang von Spott. gestern?"„Und nach dem Perleviadukt." „Die Geschichte von heute hat sie noch erzählt," sagte der„Sind Sie auch toll geworden? Sie— allein— nach dem Johann kaltblütig. i Perleviadukt, damit die Hochberger noch einen mehr todtzuschlagen „Von heute? Der Teufel wird doch nicht etwa schon wieder haben?" losgegangen sein?"„Allein nicht. Ich denke, Sie und der Onkel und eine ganze „Und>vie ist er losgegangen, er mußte ja— da kennen Sic! große Menge der vernünftigsten und einflußreichsten Männer aus die Hochberger schlecht, Herr, wenn Sie denken, die werden die allen Ortschaften ringsum werden ebenso thun. Ich bitte aber Schande von gestern auf sich sitzen lassen. Die denken ja gar- dringend, daß Sie sofort anspannen lassen, Herr Willisch, sonst nicht dran. Heut früh, gleich nach Sonnenaufgang, waren sie gehe ich zu Fuß, und— wenn Sie mich heut im Stiche ließen, da— ein paar tausend Mann am Perleviadukt. Und von allen käme ich nie wieder, Herr Willisch." Seiten zugleich sind sie über die Italiener hergefallen, wie die„Nun denn, Johann, anspannen, auf der Stelle. Damit noch bis über die Ohren im Stroh lagen, und haben sie ge- � sollen Sie Ihren Willen haben, und nach der Telegraphenstation droschen, daß die nicht sobald wieder an die Arbeit denken, sag' j wollen wir mit, aber das andere hoff' ich Ihnen noch aus- ich Ihnen. Die Mine hat's grade noch mit angesehen, wie sie zureden— das ist zu verrückt!" nach allen Seiten heulend davongelaufen sind und'ne hübsche!(Fortsetzung folgt.) Strahlende Materie. Durch die Tagesblätter ging vor einiger Zeit eine Notiz, die im wesentlichen die interessante Mittheilung enthielt, der englische Physiker Crookcs, welcher neben mancher anderen hoch- wichtigen und interessanten Erfindung und Entdeckung auch das Radio- meter erfunden hat, jenes durch das Licht in drehende Bewegung zu setzende Mühlchen, habe die„strahlende Materie" zur Erscheinung ge- bracht und einer großen und gelehrten Zuschauerschast produzirt. Crookes hatte sich nach Paris begeben, wo ihm der Admiral Mouchez 400 Personen zusammengcladcn hatte, unter denen sich die hervor- ragendsten Gelehrten Frankreichs befanden. Der Physiker nahm eine Glasglocke und pumpte aus dieser mit dem vollkommensten Lustpump- apparat, der je hergestellt worden ist, alle Lust heraus und stellte somit einen nahezu lustleeren Raum her. Was zurückblieb, schätzte Crookes auf etwa ein Millionstel der atmosphärischen Luft. Dieser Rest von Lust, dessen Crookes mit der denkbar besten Pumpe nicht habhast werden konnte, erlangte nun in der Glasglocke ganz neue Eigenschaften. Durch die Luftentziehung waren nämlich Gasmoleküle in ungeheurer Zahl frei geworden, welche nunmehr, da ihnen mehr Raum geschaffen wurde, in eine energische Bewegung geriehtcn. Um die Moleküle in eine bestimmte Richtung zu treiben und die rapideste Bewegung zu erzielen, läßt Crookes einen elektrischen Strom durch die Glasglocke gehen und es wird dadurch die von Faraday zuerst sogenannte„strahlende Materie" ficht- bar. Es entsteht vor den Augen der Beschauer gleichsam ein Bombar- dement von Molekülen und wo diese die Glaswandungen treffen, blitzt es wie beim Meerleuchten. Kommen Diamanten oder Rubinen in de»> Strom, so sangen diese in wunderbarem Glänze zu leuchten an und erhalten intensivere Farben. Ein Diamant leuchtete im Strom wie eine brennende Kerze, aber sein Licht war tiesgrün. Der rothleuchtende Rubin, den Crookes im leeren Raum zeigte, soll einen wahrhaft magi- scheu Glanz besessen haben und die Zuschauer meinten, nie zuvor ein so prächtiges Roth gesehen zu haben. Dabei soll das Bombardement der Moleküle nicht nur eine phosphoreszirende, sondern auch eine krast- erzeugende Wirkung hervorbringen: denn stellt man ein Papiermllhlchcn in die Glasglocke und läßt den Strahl der strahlenden Materie auf, die Flügel wirken, so gerathen diese in Bewegung. Betreffs dieser Zeitungsnotiz schreibt uns einer unser Mitarbeiter und Freunde, Rothbcrg-Lindener, Folgendes: Die Zeitungsnachrichten über die„Entdeckung der strahlenden Materie durch Crookes" lassen schließen, daß die Berichterstatter keinen genügend festen Boden physikalischer Kenntnisse besitzen, um die ermähnten Erscheinungen richtig ausfassen und das Wesentliche derselben deutlich kennzeichnen zu können. Da diese Experimente einestheils eine schwer- wiegende Bestätigung einer neuen Theorie enthalten, welche das bisher so dunkle Gebiet der allgemeinen Schwere aufzuhellen bestimmt ist, und auch andererseits zuni tzlusgang für wichtige neue Forschungen inner- halb andrer Spezialgebiete der Physik zu dienen versprechen, so will ich hier einige berichtigende und verdeutlichende Anmerkungen geben. Dieselben stützen sich aus die Kenntniß der unter dem Titel„die strahlende Materie" von Crookes selbst veröffentlichten Abhandlung, sowie aus eigene Experimente mit nach Crookes Angaben hergestellten Apparaten. Der Name der schon 1874 von Crookes erfundenen, Radiometer genannten, Apparate ist deutsch allerdings gewöhnlich als„Lichtmühlchen" übersetzt worden; er müßte aber richtiger„Strahlmühlchen" heißen. Denn die an den Enden zweier sich rechtwinklig kreuzenden Axen von Aluminium- blech befestigten, einseitig geschwärzten Plättchen von Glimmer oder Aluminium, welche auf einer Nadelspitze balanciren und in eine stark entlüftete Glashohlkugel eingeschlossen sind, werden nicht nur durch die von einer Seite her daraus stoßenden Lichtstrahlen in Rotation gesetzt, sondern ebenso auch durch die dunklen Wärmestrahlen, also überhaupt durch eine sich als Strahl fortpflanzende Molekularbewegung. Es ist jedoch als wesentlich festzuhalten, daß dieser Apparat nicht völlig lust- leer(ein vollkommenes Vakuum) hergestellt ist; vielmehr nimmt die Geschwindigkeit der Rotation wieder ab, wenn ein gewisses Minimum der Entlüftung überschritten ist. Dieses Minimum ist jedoch ein erheblich kleineres, als man es früher herstellen konnte, ehe man sich der Geiß ler'schen Quecksilberlustpumpe hediente, und wurde daher ehemals als vollkommenes Vakuum angeschen. Die Apparate, in denen Crookes neuerdings die strahlende Materie zeigte, wurden von ihm noch stärker entlüftet, als die zuerst hergestellten Radiometer. Aber auch hier mußte noch ein Residuum(ein Rest von Materie) bleiben, dessen Spannung Crookes(wie schon erwähnt) aus etwa ein Millionstel der gewöhnlichen Atmosphäre schätzt. Um diese Materie, für deren einzelne Massentheilchen so eine größere freie Weg- länge geschaffen war, in Strahlung zu versetzen, benutzte er den elektri- scheu Strom; er stellte aber auch durch Versuch fest, daß, wenn er die Entlüftung so vollkommen machte, als mit der Quecksilberlustpumpe in äußerster Grenze möglich ist, die Wirkung des elektrischen Stromes gänzlich aufhört. Es werden aber auch nicht, wie es in dem bemän- gelten Bericht heißt,„Gasmoleküle in ungeheurer Anzahl frei": im Gcgcntheil würden dann die Erscheinungen ebensowenig zustande kommen, als in einem Raum, der Luft von Atmosphärespannung— oder auch irgendwie anderes Gas von derselben Dichte, was ganz dasselbe ist— enthält. Die hier austretenden, überraschenden Erscheinungen sind aus rein mechanische Prinzipien zurückzuführen. Was geschieht, ist, daß die Moleküle des Residuuins infolge der sich ungemein rasch folgenden An'. stoße, welche sie von den Polen eines elektrischen Jnduktionsstromes er- 479 fahren, mit rapider Geschwindigkeit fortgefrieben werden, oder besser gefagt, Schwingungen ausführen, deren Hauptrichtung in der Are des Pols liegt, von dem die Bewegung auszugehen scheint; das ist derjenige, welcher blaues Licht ausstrahlt.( Der zweite sendet blos rothes Licht aus. Die Pole bestehen aus Platin- oder Aluminiumdrähten, welche in die Gefäßwände eingeschmolzen sind; übrigens läßt sich ganz nach Belieben des Experimentirenden bald der eine, bald der andere zum blauen oder rothen Pol machen.) Die Farbe, in denen die Glaswandungen phosphoresziren, hängt von der Zusammensetzung des Glases ab; z. B. phosphoreszirt das englische Glas gewöhnlich bläulich, das deutsche blaßgrün. Der Ausdruck ,, Bombardement der Moleküle" ist von Crookes sehr glücklich gewählt, um die durch ihren Stoß ausgeübte Wirkung als mechanische anschaulich zu bezeichnen. Wenn schon niemand angesichts der durch abgeschossene Kugeln ausgeübten Bertrümmerungen sich der Wendung bedienen würde: diese Kugeln bringen ,, eine krafterzeugende Wirkung hervor", so ist eine solche erst recht und mit Bedacht durchaus zu vermeiden, wenn es sich bei einem physikalischen Experiment um furze Erläuterung der zu Grunde liegenden Prinzipien handelt! Mit dem Ausdruck ,, Kraft" für die Ursache einer Wirkung, die man sich nicht zu erklären vermochte, ist nur allzulange schon Mißbrauch getrieben, und mit jenem Wort über die mangelnden Begriffe hinweggetäuscht worden. Wir können uns gegen alle für neu ausgegebnen Kräfte und nun gar gegen ganz unbestimmt ,, krafterzeugende Wirkung" nur durch aus ablehnend verhalten. Eine solche ist auch hier gar nicht vonnöthen. Die geradaus bewegten Moleküle übertragen ihre Bewegungsgröße( oder Energie, wie andre Physiker sagen), die von ihrer Masse und Geschwindigkeit abhängt, einfach durch Anstoß auf andre, die ihnen in den Weg kommen, seien das gleichartige Gasmoleküle, oder die eines um eine Are drehbaren Mühlchens. Crookes drückt das ganz kurz und scharf so aus: strahlende Materie übt eine kräftige mechanische Wirkung aus." Hier ist also von einer unbestimmten Wirkung, die erst eine geheimnißvolle Kraft erzeugen soll, zu dem einzigen Zweck, das Mühlrädchen zu drehen, keine Rede. Crookes trieb durch diese Molekülstöße, mechanisch, ein auf zwei glatten Glasschirmchen mit seiner Are bewegliches Rädchen von einem Ende eines zylindrischen Glasgefässes zum andern. Ich brachte ein Rädchen, aus 4 Armen von Aluminiumblech mit quadratischen Glimmer plättchen an deren Enden, die aber hier nicht geschwärzt sind, bestehend, auf senkrechter Are in Rotation. Aber von Papier dürfen die Plättchen, welche an den Metallarmen ſizen, beileibe nicht sein, denn die strahlende Materie übt auch eine chemische Wirkung aus. Crookes schmolz in ihrem fonzentrirten Strahl ein Platiniridiumblech( also auch unsre schwerstschmelzbaren Metalle!); ebenso schmolz er auch die Gefäßwände durch, indem er den Strahl aus der geraden Richtung von einem Pol zum andern durch einen Elektromagneten gegen die Wandung ablenkte. Also ein Papiermühlchen würde zwar nicht zum Verbrennen gebracht werden, da ja nicht genügend Sauerstoff vorhanden ist, aber verkohlt und zerstört. Jedenfalls werden die Erscheinungen der Radiometer sowohl obgleich eine große Zahl von Physikern während sechs Jahren mit wenig Erfolg, weil von Voreingenommenheiten ausgehend, an ihnen herumexperimentirte-, als auch die damit verwandten der strahlenden Materie fortan steigende Beachtung in der Physik erlangen, und darum wohl auch gelegentlich wieder in der Neuen Welt" weitere Besprechung erfahren. Der Alpensteinbock.( Bild Seite 472.) Anknüpfend an die in der vorigen Nummer geschilderten Grafischen Alpen, das Revier des Königs Viktor Emanuel und den lezten Zufluchtsort des Alpensteinbocks, bringen wir als Ergänzung die Beschreibung dieses Einsiedlers der Alpenhochgefilde, den unsere Nachkommen nur in den Museen zu bewundern Gelegenheit haben werden. Bereits vor Jahrhunderten waren die Steinböcke sehr zusammengeschmolzen, und wenn im vorigen Jahr hundert nicht besondere Anstalten getroffen worden wären, sie zu hegen, gäbe es vielleicht keinen einzigen mehr. Ihr Gehörn und Blut, Herz knochen und Bocksteine", galten im Mittelalter als kräftige Heilmittel und wurden von den Apothekern theuer bezahlt, deshalb die wahn finnige Verfolgung des Steinwildes. Nach den Berichten römischer Schriftsteller, bewohnten die Steinböcke in früheren Zeiten alle Hochalpen der Schweiz, und zwar diejenige Region, in welcher alle andern Säugethiere verkümmern würden; in vorgeschichtlichen Zeiten haben sie sich auch auf den Voralpen aufgehalten, wie ihre fossilen Reste darthun. Das prunkliebende Volk der Römer hat zuerst zu ihrer Vertilgung beigetragen. In der Kaiserzeit führte man nicht selten ein- bis zweihundert lebendig gefangene Steinböcke zu den Kampfspielen nach Rom. Im Kanton Glarus wurde 1550 das legte Stück geschossen, in Graubünden konnte der Vogt von Kastel dem Erzherzog von Desterreich im Jahre 1574 nur mit Mühe noch Böcke schaffen. In den Bergen des Oberengadin verbot man im Jahre 1612 ihre Jagd bei fünfzig Kronen Geldbuße. Ende des vorigen Jahrhunderts traf man sie noch in den Gebirgen, welche das Bagnethal umgeben, zu Anfang dieses Jahrhunderts noch in Wallis; seitdem hat man sie auf dem Gebiete der Schweiz ausgerottet. Daß Viktor Emanuel unter den letzten ihres Stammes in den Grajischen Alpen arge Verwüstungen angerichtet, haben wir bereits in der vorigen Nummer gemeldet. Auch das Prachtexemplar, welches photographirt und auf Holz übertragen wurde( siehe Bild S. 472), ist in der Paradis- Kette von Viktor Emanuel erlegt und der Sektion Florenz des Italienischen Alpenklubs geschenkt worden. Die Abbildung weicht wesentlich von denen ab, welche Tschudi im ,, Thierleben der Alpenwelt" und Brehm im ,, Thierleben" geliefert, hat aber jedenfalls die Berechtigung der Aechtheit, weil sie nach der Natur aufgenommen wurde. Wilczek, dessen Angaben wir bei der Beschreibung des Steinwildes folgen, glaubt die Anzahl der gegenwärtig vorhandenen Steinböcke im Bereich der Grajischen Alpen auf drei- bis fünfhundert Stück annehmen zu können. Der Steinbock ist ein stattliches Geschöpf von 1,5 bis 1,6 Meter Leibeslänge, 80 bis 85 Centimeter Höhe und 75 bis 100 Kilogramm Gewicht. Das Thier macht den Eindruck der Kraft und Ausdauer. Der Leib ist gedrungen, der Hals mittellang, der Kopf verhältnißmäßig klein, aber start an der Stirn gewölbt; die Beine sind kräftig und mittelhoch; das Gehörn, welches beide Geschlechter tragen, erlangt bei dem alten Bocke sehr bedeutende Größe und Stärke und krümmt sich einfach bogenoder Halbmondförmig schief nach rückwärts. An der Wurzel, wo die Hörner am dicksten sind, stehen sie einander sehr nahe; von hier entfernen sie sich, allmälich bis zur Spitze sich verdünnend. Ihr Durchschnitt bildet ein längliches, hinten nur wenig eingezogenes Viereck, welches gegen die Spize hin flacher wird. Die Wachsthumsringe treten besonders auf der Vorderfläche in starken, erhabenen, wulstartigen Knoten oder Höckern hervor, verlaufen auch auf den Seitenflächen des Hornes, erheben sich hier, jedoch nicht soweit als vorn. Gegen die Wurzel und die Spiße zu nehmen sie allmälich an Höhe ab; in der Mitte des Hornes sind sie am stärksten, und hier stehen sie auch am engsten zusammen. Die Hörner können eine Länge von 80 Centimeter bis 1 Meter und ein Gewicht von 10 bis 15 Kilogramm erreichen. Das Gehörn des Weibchens ähnelt mehr dem einer weiblichen Hausziege als dem des männlichen Steinbocks. Die Behaarung ist bei beiden Geschlechtern rauh und dicht, verschieden nach der Jahreszeit, im Winter länger, gröber, krauser und matter, im Sommer fürzer, feiner, glänzender, während der rauhen Jahreszeit durchmengt mit einer dichten Grundwolle, welche mit zunehmender Wärme ausfällt, und auf der Oberseite des Leibes pelziger d. h. kürzer und dichter als unten. Außer am Hinterhalse und Nacken, wo die Haare mähnenartig sich erheben, verlängern sie sich bei dem alten Männchen auch am Hinterkopfe, indem sie hier zugleich sich kräuseln und einen Wirbel herstellen, und ebenso am Unterkiefer, bilden hier jedoch höchstens ein kurzes Stußbärtchen von nicht mehr als 5 Centimeter Länge, welches jüngeren Böcken, wie den Steinziegen gänzlich fehlt. Die Färbung ist nach Alter und Jahreszeit etwas verschieden. Im Sommer herrscht die röthlich- graue, im Winter die gelblich- graue oder fahle Färbung vor. Der Rücken ist weit dunkler als die Unterseite; ein schwach abgesezter hellbrauner Streifen verläuft längs seiner Mitte. Stirn, Scheitel, Nase, Rücken und Kehle sind dunkelbraun; am Kinn, vor den Augen, unter den Ohren und hinter den Nasenlöchern zeigt sich mehr rostfahle Färbung; das Ohr ist außen fahlbraun, inwendig weißlich. Ein dunkel- bis schwarzbrauner Längsseitenstreifen scheidet Ober- und Unterseite; außerdem sind Brust, Vorderhals und die Weichen dunkler als die übrigen Stellen und an den Beinen geht die allgemeine Färbung in Schwarzbraun über. Die Mitte des Unterkörpers und die Umgebung des Afters find weiß; der Schwanz ist oben braun, an der Spize schwarzbraun. Auf der Rückseite der Hinterläufer zeigt sich ein heller, weißlich- fahler Längsstreifen. Mit zunehmendem Alter wird die Färbung gleichmäßiger. Zweier besonderen Vorzüge des Steinbocks wollen wir noch schließlich erwähnen: des Auges, welches von wunderbarer Schönheit und Schärfe, und des Fußes, der von unermüdlicher Ausdauer ist. Kein anderer Wiederkäuer ist in so hohem Grade befähigt, die schroffsten Gebirge zu besteigen, wie der Steinbock in Folge dieser beiden Eigenschaften. Jede Bewegung des Steinwilds ist rasch, kräftig und dabei doch leicht. Der Steinbock läuft schnell und anhaltend, klettert mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und zieht mit unglaublicher, geradezu unverständlicher Sicherheit und Schnelligkeit an Felswänden hin, wo nur er Fuß fassen kann. Eine Unebenheit der Wand, welche das menschliche Auge selbst in der Nähe kaum wahrnimmt, genügt ihm, sicher auf ihr zu fußen; eine Felsspalte, ein kleines Loch, Seine Hufe setzt er werden ihm zu Stufen einer gangbaren Treppe. so fest und sicher auf, daß er auf dem kleinsten Raum sich erhalten kann. Wilczek bestätigt diese Angaben mit folgenden Daten: Der starke Steinbock ist das schönste Jagdthier, welches ich je gesehen. Er hat die würdevolle Kopfbewegung des Hirsches; das fast unverhältnißmäßig große Gehörn beschreibt bei der kleinsten Bewegung einen weiten Bogen. Seine Sprungkraft ist fabelhaft. Ich sah eine Gemse und einen Steinbock denselben Wechsel annehmen. Die Gemse mußte im Zickzack springen, wie ein Vogel, welcher hin- und herflattert; der Steinbock kam in gerader Linie herab, wie ein Stein, welcher fällt, alle Hindernisse spielend überwindend. An fast senkrechten Felsenwänden muß die Gemse flüchtig durchspringen; der Steinbock dagegen hat so gelentige Hufe, daß er, langsam weiterziehend viele Klaftern weit an solchen Stellen hinschreiten kann, ich sah ihn beim Haften an Felswänden seine Schalen so weit spreizen, daß der Fuß eine um das dreifache verbreitete Fläche bildete." Gefangene Steinböcke septen nicht minder in Erstaunen wie die freilebenden. In Bern, berichtet Scheinz, sah man einen jungen Steinbock mit allen vier Füßen auf der Spiße eines Pfahles, einen andern auf der scharfen Kante eines Thürflügels stehen und eine senkrechte Mauer hinaufsteigen, ohne andere Stüßpunkte als die Vorsprünge der Mauersteine, welche durch den abgefallenen Mörtel sichtbar waren, zu benußen. Wir können den Naturfreunden, welche das Aussterben dieses unübertrefflichen Alpenkletterers beklagen, die tröstliche Versicherung geben, daß Varietäten seiner Stammart nicht blos auf den Alpen, den Pyrenäen und dem Gebirgsstocke der Sierra Nevada, sondern auch auf dem Kaukasus, den Hochgebirgen Asiens, sowie in den Gebirgen Arabiens und Abessiniens zu finden sind. Vor einigen Jahren wurden die Jagdlieb haber durch die Nachricht eines Sennen in Aufregung gebracht, der einen Steinbock auf dem Grimming( Steiermark) gesehen haben wollte. Ganze Schaaren von Bergfexen bestiegen im Schweiße ihres Angesichtes den abgestußten Bergkegel, Grimming genannt, aber der König der Gletscher zog es vor, sein Inkognito zu wahren. Oder war der Steinbock viel leicht gar eine Ente? y. " 480 Gefühl ausgeführt, desgleichen die in braunem Holze geschnitte, über dem Zifferblatt stehende weibliche Figur, die Architektur darstellend; zwei rechts und links vom Zifferblatt auf Voluten lagernde Genien zeugen nicht minder für die Meisterschaft der Künstler. Man kann die ganze Ausstellung durchgehen und wird schwerlich ein Stück finden, welches bei aller Bartheit diese Kraft aufweist und wo der Künstler mit einer Empfindung, wie hier beispielsweise am Gewand, den Stoff zu beherrschen verstand. Ebenfalls von großem Geschick und Stilgefühl zeugt der von derselben Firma ausgestellte Rahmen in italienischer Renaissance durchbrochen geschnitzt. Eine originelle Idee zeigt ein Konsol, unter dessen Platte ein Schwalbennest nebst Schwalbenfamilie Am Krankenlager des Lieblings( Jllustr. Seite 473) hat die als tragendes Glied angebracht ist. So schön das Ganze ausgeführt ängstlich besorgte Mutter schon manche bange Stunde zugebracht, manche ist, so stilistisch unzulässig ist der Gedanke, daß ein Gegenstand, der Nacht kaum ein Auge zugethan und noch immer will's nicht besser getragen wird, als tragendes und stüßendes Glied welchen werden. ,, Ach, wenn wir das arme Kind nur durchbringen," seufzt, Charakter das in Frage kommende doch haben soll fungiren kann. klagt sie, die Hände gefaltet. ,, Wenn das Mittel nur anschlägt, was Interessiren wird die Leser der ,, Neuen Welt", daß die Assoziation ander Doktor gegeben hat!- D, wenn wir unsern Max verlieren sollten!" fangs der siebziger Jahre gelegentlich eines Streites zwischen den wiener jammert und wehklagt die liebende Mutter thränenden Auges. Und Vildhauern Prinzipalen und Gehilfen von den letzteren begründet der Vater, eben von der ihm heute recht sauer gewordenen Arbeit wurde, unter der Krachperiode mit unfäglichen Widerwärtigkeiten zu zurückgekehrt, sucht die trostlose Gattin zu ermuthigen: ,, Das Fieber kämpfen hatte, daß aber eine beispiellose Opferwilligkeit und die hochist nicht mehr so start, als gestern Abend," sagte er, den Puls des gradige Intelligenz und vielseitige technische Geschicklichkeit ihrer Glieder Söhnchens befühlend und erzählt dann, daß der neue Doktor im ganzen das Unternehmen aus alleu Gefahren siegreich hervorgehen halfen. Dorfe gelobt werde; er habe Großbauers Nanni auch geholfen und Die berliner Bildhauer haben ihre Produkte in zwei Kollektivausstellungen Schmieds Seppel, der die böse Bräune gehabt, sei schon vorgestern vereinigt, es läßt sich jedoch nicht behaupten, daß die Leistungen derwieder im Garten umhergelaufen. Das gequälte Mutterherz wird selben den Anforderungen entsprächen, die man an diese Künstlergattung ruhiger, es hofft von neuem und welche Freude, das kranke Kind der Reichsauptstadt zu stellen berechtigt ist. Namentlich lassen die am schläft die folgende Nacht besser, die Arznei, die nassen Umschläge haben zahlreichsten vertretenen Füße, Konsolen, Galerien und Füllungen zu merkliche Linderung bewirkt; dem Buben schmeckt's Essen und unter Pianino's in Hinsicht auf Form sehr viel zu wünschen übrig. Ein von der liebevollen Pflege der Mutter, die den Jungen wie ihren Augapfel Albert Heinecke geschnigter Ofenschirm, nebst einigen von andern Aushütet, wird der kleine Patient zusehends wohler bald springt erstellern herrührenden Zeitungsmappen und Füllungen verdient jedoch als wieder munter herum, zur Lust und Wonne des Elternpaares, dessen besonders gut ausgeführt erwähnt zu werden. Ausgezeichnet ist auch ganzer Reichthum das einzige Söhnchen ist. Das von Ernst Hilde- die von Schulz und Comp. für das Züricher Kunstgewerbe- Museum ausbrandt gemalte Driginal des trefflichen, naturwahren Bildes zierte geführte Thür. Sie ist aus Eichenholz geschnißt und die Füllungen im J. 1878 die deutsche Abtheilung der pariser Weltausstellung.-z- mit Intarsia aus Ahornholz geschmückt. Geradezu prächtig wirkt hier die Kraft der deutschen Rennaissance, verbunden mit der Feinheit und Anmuth der italienischen. Dasselbe ist der Fall an einem von derselben Firma ausgestellten Lehnstuhl. ( Schluß folgt.) Ausstellung der Drechsler und Bildschnitzer Deutschlands und Oesterreich- Ungarns zu Leipzig. III. Sehr zahlreich waren vertreten, namentlich aus Berlin, die sogenannten Holzgalanteriewaaren als: Zeitungs- und Schreibmappen, Garderoben- und Handtuchhalter, Stockständer, Blumen- und Rauchtische u. dgl. Leider sind diese Sachen aber mit wenigen Ausnahmen so geschmacklos ausgeführt, daß sie allein hinreichen, um die Nothwendigkeit einer Reform auf funstgewerblichem Gebiet zu beweisen. Die Schnißereien sind meist schwülstig und gemein in der Form, oft mit totaler Verkennung des Zweckes des betreffenden Gegenstandes hergestellt. So findet man an kleinen Tischplatten grobgeschnittenes und durchbrochenes Laubwerk den Rand bildend, ganz dazu geeignet, um den Tisch bei der leisesten Berührung umzuwerfen, wozu noch wesentlich beiträgt, daß die Gestelle schon an sich keine feste Stellung garantiren. Man sollte aber doch, ganz abgesehen von diesem, nie vergessen, daß eine Tischplatte nicht ihren eigenen Charakter, d. h. den der Fläche verläugnen darf. Derselben Rücksichtslosigkeit macht sich auch Möllenhof( Berlin) schuldig an seiner der Kollektivausstellung des Vereins Berliner Bildhauer einverleibten geschnitten Tischplatte. Sie ist nicht übel ausgeführt, aber ihre erhaben geschnißte Dekoration, auf dem Rand sogar 1/4 Zoll hohe Engelsköpfchen, ist durchaus nicht zulässig. Es ist unbegreiflich, wie ihr Verfertiger außer Augen lassen konnte, daß dieses erhabene Ornament mit Leichtigkeit der Vernichtung anheimfallen muß, wenn die Platte ihre Bestimmung erfüllte, d. h. wenn man etwas darauf stellt. Zudem sind viele dieser Tischchen noch mit Kettchen aus Holz oder Messingdraht geschmückt", was feineswegs von einem feinen Geschmack der Fabrikanten, von, feinen Holzgalanteriewaaren" zeugt. Um von dem vielen Unsinn, der sich da breit machte, nur noch ein Beispiel anzuführen, sei ein von Elfan Bab aus Berlin ausgestellter Kleiderhalter erwähnt: ein Waldhorn, an welchem zwei an einem drehbaren Zapfen mit der Mündung nach oben gerichtete Pistolen befestigt sind. Und daran soll ein vernünftiger Mensch ein Kleidungsstück hängen?- Zu bemerken ist, daß die von Schwarz ir. ( Berlin), Sentner( Dresden) und Deyhsen( Döbeln) in dieser Branche ausgestellten Sachen einen solidern und geschmackvollern Eindruck machten. Den Eindruck, als hätten die übrigen verehrten Kollegen die Ausstellung für einen ganz gewöhnlichen Jahrmarkt gehalten, wie ihn der denkende Be schauer unbedingt empfängt, gänzlich zu verwischen, sind sie jedoch nicht im Stande. Wohlthuend wirkt dagegen die kleine Kollektion der wiener Bildhauer- Assoziation, in der eine aus Birnholz geschnitte, schwarz gebeizte Standuhr unstreitig als eines der schönsten Stücke der ganzen Ausstellung hervorragt. Ihre Architektur ist mit ungemein feinem Wissenschaftlicher Rathgeber. Eydikuhnen. G. Der Anämie( Blutleere), an welcher Sie leiden, wirken Sie durch Ihre bisherige Ernährungsweise nicht entgegen; Sie fördern das Uebel vielmehr. Des Morgens trinken Sie, wie Sie schreiben, Thee und Kaffee zugleich.- beides Sie dafür früh gute, frische Milch. Die Eier essen Sie nur weich gekocht, das Fleischift für Sie unzuträglich. Enthalten Sie Sich dieser Reizmittel gänzlich und genießen am besten Ochsenfleisch, Wildpret, Hammelfleisch gebraten und statt des Schwarzbrots gutes Weißbrot. Der Heringe fönnen Sie Sich gleichfalls enthalten und an Stelle des mäßig genossenen Schnapses trinken Sie, da es Ihnen Ihre Mittel zu erlauben scheinen, zum zweiten Frühstück ein Glas guten Rothweins, und um sechs Uhr des Abends statt der zweiten Bortion Thee ein Glas guten starken Biers. Ihre Bäder nehmen Sie fortan nicht warm, sondern talt, und beginnen Sie Ihr Tagewerk allmorgendlich mit einer falten Waschung des ganzen Körpers. Ihren Arbeiten können Sie ungehindert obliegen, zumal dieselben Sie an tüchtiger Bewegung im Freien nicht hindern. Darmstadt. W. W. Ihr Arzt ist allerdings im Unrecht, indem er meint, daß Sie Ihren zweijährigen Knaben, der mit einem, wahrscheinlich angeborenen, rechtsseitigen Leistenbruche behaftet ist, eine Bruchbandage noch nicht anlegen, sondern erst bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres warten sollen. Es ist das eines jener vber alteten Vorurtheile, wie sie in ärztlichen Kreisen leider noch vielfach anzutreffen sind. Aber so wenig Sie selbst einem Manne zustimmen würden, der sich, seiner Kurzsichtigkeit abzuhelfen, die erste beste Brille auf die Nase sezte, ebensowenig fönnen wir für zwedentsprechend halten, daß Sie auf eigene Faust ein Bruchband, ohne ärztliche Begutachtung desselben, dem Kinde anlegten. Sie werden in Darmstadt jedenfalls einen andern Arzt finden, der Ihnen bezüglich der Wahl der für Ihren Fall passendsten Bandage mit seinem sachverständigen Rath zur Seite steht. Dazu geben wir Ihnen folgende, von dem um die Lehre von den Unterleibsbrüchen verdienten berliner Arzte Dr. Ravoth aufgestellten Regeln für die Bruchbänder kleiner Kinder mit auf den Weg. 1) Das Band bedarf nur einer schwachen Feder und einer ganz kleinen, ovalen Belotte ( b. i. die vordere Blatte, welche die Bruchpforte zu decken und den Bruch zurückzuhalten hat). 2) Es muß weich gepolstert sein. Die mit Gummiüberzug sind härter und reizender, haben freilich das Gute, daß sie nicht durchnäßt werden. Um letteren Umstand un schädlich zu machen, find zwei Bänder erforderlich, damit gewechselt werden kann. Außerdem ist eine Umhüllung mit weicher Leinwand sehr vortheilhaft. 3) Man muß bas Band genau und nicht zu fest anlegen. Der Schenkelriemen ist höchst unzweckmäßig und unnüz. 4) Man legt das Band anfänglich beim Schlafen und beim ruhigen Ver halten des Kindes ab, bis es sich daran gewöhnt hat. 5) Die vordere Stelle, wo die Belotte liegt, aber auch jede andere, die fich röthet, muß täglich zwei bis dreimal mit Aleunlösung( 2 Loth auf eine große Tasse Wasser), oder mit Salbeiabkochung, mit Rothwein und Wasser zu gleichen Theilen abgetupft werden. Daneben muß in Bezug auf Waschung nach jedem Wechsel Sorgfalt und Reinlichkeit geübt werden. 6) hat man das Kind so innerhalb 8 bis 14 Tagen an das Band gewöhnt, so läßt man dasselbe immer länger liegen, bis man es zulegt nur noch während des Babes abnimmt und Wir haben diese Regeln in der Hauptsache unverkürzt wiedergegeben, weil wir gleichzeitig auch anderen Eltern in ähnlicher Lage die betreffenden Fingerzeige zukommen lassen wollen. Was für Ihr Kind nicht paßt, das ia nicht mehr so flein ist, um z. B. die Bandage der Gefahr häufiger Durchnässung auszuseßen, wird Ihnen bei einigem Nachdenken sofort ersichtlich sein. dann, wenn das Kind schreit, die Bruchpforte durch einen Fingerdruck schließen läßt. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant( Fortsetzung). Irrfahrten, von L. Rosenberg( Fortsetzung). An der Wiege des Christenthums. Kulturhistorische Skizze von C. Lübeck( Fortsetzung). Den Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B..( Fortseßung). Strahlende Materie. Der Alpensteinbock( mit Illustration). Am Krankenlager des Lieblings( mit Illustration). Ausstellung der Drechsler und Bildschnißer Deutschlands und Desterreich- Ungarns zu Leipzig. III.- Wissenschaftlicher Rathgeber. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.