� � Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Wudotf �avant. (Fortsetzung.) Es war im Januar und bitter kalt; alle Wege und Stege weit und breit verschneit und das Vorwärtskommen theilweisc recht schwierig. Ich habe nie eine besondere Vorliebe für das Marschiren um seiner selbst willen gehabt und mich viel mehr auf das bequeme ziellose Bummeln gelegt, das sich ja auch mit dem Suchen nach malerischen Motiven weit besser verträgt, dies- mal aber hielt ich tapfer Schritt mit meinem jungen Freund, der die kalte klare Luft begierig einsog, als bedürfe er der Kühlung und der den Begriff Ermüdung gar nicht zu kennen schien. Der scharfe Ost hatte eine Rothe auf seine Wangen gezaubert, die ihm um so besser stand, als Haar und Schnurrbart wie gepudert aussahen, und als er sogar den Mantel aufknöpfte, da sah er wahrhaftig nicht aus, wie ein liebesiecher Schwärmer, den die schönen Äugen irgend einer Grausamen um Schlummer und Appetit bringen. Die zeitig einbrechende Dunkelheit setzte unserer Winterwande- rung ein Ziel, und Curt, der bisher von allem nur Ersinnlichen geplaudert hatte, wurde stumm, als wir in der niedrigen, ver- räucherten Schenke eines weitab von der Straße gelegenen Dörf- chens eingekehrt waren. Es herrschte ein eigenthümliches Hell- dunkel in diesem Zimnier, in den Ecken brütete die tiefste Finster- niß, die Lichter brannten wie durch einen Nebel und die paar Bauern, die um einen Tisch am andern Ende des Zimmers saßen und sich in geflüstertem Czechisch scheu aber eifrig unterhielten, wurden, je länger man nach ihnen hinsah, zu einer immer ver- worreneren und phantastischeren Gruppe. Wir hatten unsere Gläser längst mit rothem Melniker gefüllt, als Curt, der bis dahin den Kopf in die Hand gestützt und sich nachdenklich und zaudernd die Unterlippe zernagt hatte, plötzlich mit unverkennbarer Selbstüberwindung begann:' „Sie haben mich gestern in einer schwachen Stunde über- rumpelt und sind so zartfühlend und rücksichtsvoll gewesen, Sich zu stellen, als hätten Sie nichts gesehen. Sie sollen nach aber auch nicht im stillen für einen thränenseligen Siegwart halten — es gibt wenig Dinge, die mir gleich fatal wären, wie der Gedanke, in einem solchen Verdacht zu stehen. Wüßten Sie allerdings, wie ich seit dem Ihnen bekannten Theaterabend die ganze Skala der Empfindungen auf- und abgejagt, wie ich ohne jeden Uebergang aus der heißen Zone des Gemüthslebens in die kalte gehetzt worden bin und umgekehrt, wie das innigste und stolzeste Glücksgefühl, die zuversichtlichste, sonnigste Hoffnung, der lähmende Zweifel, die ohnmächtige Verzweiflung und die un- bändige Sehnsucht sich Tag für Tag und Stunde für Stunde mein Herz streitig gemacht und mich hin- und hergezerrt haben, Sie begriffen es, daß man zuletzt einmal nervös und matt wird und sich in seiner Hülflosigkeit Thränen abpressen läßt— nicht den linden Thau, der über rosige Mädchenwangen rieselt und den fließen zu lassen, mehr Genuß als Schmerz ist, sondern die salzigen Tropfen, die brennend über ein wettergebräuntes Gesicht laufen und von denen man denken möchte, daß sie unauslösch- liche Furchen graben." Er sah düster in die trübe brennende Flamme der Kerze vor ihm und fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Es thut wenig zur Sache, wie alles gekommen ist und es würde auch eine zu lange Geschichte sein, ich will also nur skizziren. Die erste Annäherung an das Mädchen machte sich rasch und leicht, so rasch und so leicht, daß ich mir wohl sagen mußte, eine Kokette würde anders verfahren sein und sich mehr gesperrt und geziert haben. Es hat nur eines Briefs bedurft, allerdings nicht eines alltäglichen Briefs. Ich verstehe etwas von der Kunst, Briefe zu schreiben, und ich habe es mir angelegen sein lassen, nichts zu übersehen und nichts zu übereilen. Sie hätte eine Pessimistin vom reinsten Wasser sein müssen, um von dem ein- fachen, ehrlichen und achtungsvollen Ton meiner Worte nicht überzeugt zu werden; ich denke doch, es gibt noch eine Sprache, die wohl nachgeahmt, aber nie nachgemacht werden kann, eine Sprache, deren Echtheit oder Falschheit ein Frauenherz instinktiv herausfühlt, und in dieser Sprache habe ich zu ihr geredet. Ich habe den Brief ohne Zaudern und ohne Schwanken geschrieben und als ich ihn absandte, war es merkwürdig ruhig in mir— ich war so sicher, als hielt ich die zusagende Antwort bereits in der Hand. Ich wußte, ich hatte in der vollen Aufrichtigkeit meines Herzens, ohne Falsch und ohne Hintergedanken geschrieben — war sie im Stande, dieser Sprache zu mißtrauen, so hätte ich sie bemitleiden müssen, zugleich aber die Ueberzeugung er- langt, daß sie zu den von Natur illusionslosen, nüchternen Frauen gehörte, oder zu denen, welche die Gesellschaft korrumpirt hat und denen keine Macht der Welt die Blüte und den Duft der Seele zurückgeben kann; sie hätte dann keinen Reiz mehr für mich besessen und wäre am allerwenigsten mehr eine Gefahr für mich gewesen. Sie hat mich verstanden— sie antwortete, daß sie lieber >880. ein Opfer ihres Glaubens an die Güte und den Adel der mensch- lichen Natur werden, als solchen Worten mißtrauen wolle; sie würde es vor Ekel in einer Welt nicht mehr aushalten, die ihr den Glauben genommen, daß das größte Genie an der Aufgabe scheitere, alle Grenzen zwischen Natur und Kunst zu verwischen. Sie sehe in meiner Frage, ob wir uns nicht von Zeit zu Zeit bei Aufführungen klassischer Stücke— an allen andern habe sie keine rechte Freude— im Theater treffen könnten, nichts, was sie beunruhigen könne und sie gestehe gern, daß unsere Zwischen- aktsplauderei ihr den Abend noch genußreicher niache. Das war alles, aber Sie fühlen leicht heraus, warum mich gerade diese ernste, schlichte und ehrliche Antwort weit mehr erfreute, als eine phrasenreiche und sentimentale, und warum es mir im innersten Herzen wohl that, daß sie bei unserer nächsten Begegnung in der Loge mich so unbefangen begrüßte, als seien zwischen uns eine Menge Ceremonien überflüssig, die unter dem gewöhnlichen Menschenpack vielleicht unerläßlich sind. Die Idealisten werden, so lange die Welt steht, immer wieder versuchen, das alte rührende Traumbild von einer uninteressirten, unbefangenen Freundschaft zwischen Mann und Weib zur Wahrheit zu machen, sie werden immer wieder ihr Herzblut an die Lösung der Aufgabe setzen, mit einem ihnen wahlverwandten Wesen des andern Geschlechts eine jener Freundschaften zu schließen, die alles von der Liebe haben, nur— die Schwingen nicht, auf denen die treulose gerade dann entflieht, wenn mau ihrer am sichersten zu sein glaubt. Bei den Frauen ist dieser Traum frei- lich selten und muß es aus tausend Gründen physischer und moralischer Art sein— um so mehr beglückte es mich, daß Leontine in unzweifelhafter heiliger Auftichtigkeit nach nichts strebte, als danach, diesen Freundschaststraum zu verwirklichen, und die Schönheit dieser Illusion wirkte so mächtig auf mich ein und rührte mich so tief, daß ich, obgleich längst im klaren dar- über, daß ich das Mädchen liebte, tägelang glaubte, ich würde auch mit der Freundschaft dieses seltenen Geschöpfs zuftieden sein. Sie bewies mir ein so bedingungsloses Vertrauen, daß ich ein Schuft hätte sein müssen, um dasselbe zu mißbrauchen, und nicht einmal meine Stellung im Leben mochte ich länger vor ihr ver- bergen; es hätte schließlich doch wie eine Unredlichkeit, wie ein berechnetes Operiren mit Hintergedanken aussehen können und diesen Augen gegenüber schämte man sich unwillkürlich jeder Falschheit. Das Herz klopfte mir doch, als ich das erste mal in Uniform in die Loge trat, in der sie bereits ihren gewohnten Platz ein- genommen hatte; sie war auch überrascht und sah mich groß und fragend an, aber sie lächelte gleich darauf, fast, als geschehe ihr ein Gefallen damit, daß ich Soldat war, und als ich sie fragte, ob sie nicht verwundert sei, erwiderte sie rnhig und einfach, aber mit einer Betonung, die mir unwillkürlich das Gefühl gab, als seien die Worte nur die Schlußfolgerung aus einem langen Vordersatz:, Warum? Für mich ist es doch völlig gleichgültig, welche Stellung Sie im Leben einnehmen— wir treffen uns doch nur auf dem neutralen Boden dieser Loge. Im übrigen' — und das klang allerdings fast ein wenig resignirt—, laufen unsere Wege ja weit auseinander.' Das Aufgehen des Vorhangs schnitt mir die Antwort ab; ich mußte den ganzen ersten Akt hindurch über den Sinn und die Tragweite dieser Worte grübeln, als ich jedoch in der Pause auf dieselben zurückgreifen wollte, bat sie, die schöne Zeit nicht mit solchen Debatten zu vergeuden, die wahrlich keinen Werth hätten, und sie sah dabei so traurig aus, so von Ahnungen bedrückt, daß ich mich beeilte, ihren Wunsch zu erfüllen. Es war der erste Schatten, der auf mein junges Glück fiel; so oft ich mir auch einzureden suchte, daß diese leichten Nebet vor der Sonne meiner Liebe spurlos zerfließen und vertvehen würden— immer wieder mußte ich mir sagen, daß in dem Ge- ficht, in der Stinime und in dem ganzen Wesen des Mädchens etwas sei, welches solchen Worten eine Bedeutung gebe, wie man sie sonst nicht einmal Frauenschwüren beilegt. Fürs erste wurden ja diese Anwandlungen von Bangigkeit verscheucht von dem Herzklopfen, mit dem ich gewahrte, wie unsere rein menschliche Intimität sich immer inniger und inniger ge- staltete und wie ahnungslos oder— willenlos Leontine sich dem süßen Zug ihrer Neigung überließ. Ich konnte mir nicht denken, daß sie so naiv sei, nicht zu bemerken, daß ihr mein Herz sehn- süchtig entgegenstrebte; trügten nicht alle Zeichen, so war sie sich wohl bewußt, was in ihr vorging und hielt es einerseits nicht der Mühe Werth, gegen ihr Berhängniß anzukämpfen, und andererseits unter ihrer Würde, sich mir gegenüber zu verstellen, da sie sah, daß ich ihr Empfinden stürmisch erwiderte. Es war in dieser Offenheit, in diesem Verschmähen der kleinen Verstel- lungskünste, zu denen die andern Frauen gewohnheitsmäßig oder instinktiv greifen, ein Zug von Größe und Adel, der mich be- rauschte, aber— es war auch etwas eigenthümlich Melancholi- sches in diesem Allesgehenlassen, und sie gab mir oft Antworten, die in ihrer dunklen Weichheit tagelang in mir forthallten und aus denen ich entnehmen zu müssen glaubte, daß sie viel weiter sah als ich und daß, was sie sah, traurig war, traurig zum Sterben. So lagerte es auch über der Zeit vor dem ersten Kuß wie eine beklemmende Schwüle, wie jene kospensprengende April- schwüle, die uns bei Veilchenduft und Finkenschlag oft trauriger macht, als, trotz Laubfall und Marieufädcnziehen, ein Oktobertag. Es verstand sich bald von selbst, daß ich sie vom Theater heim- begleitete, und wenn sie mich in der Nähe ihrer Wohnung ver- abschiedet?, so wußte ich aus ihrem eignen Munde, daß es ,nur der Leute wegen' geschah; sie hatte die Entschuldigung mit einem so verächtlichen Achselzucken begleitet, daß ich sie auf offener Straße hätte küssen mögen. Sie bewilligte mir auch andere Begegnungen und ließ mich nie warten, und sie bewilligte alles ohne Befangenheit, ohne Zaudern und ohne Ziererei, selbst ohne das übliche.purpurne' Erröthen— es war, als hätte sie die Frage auf der Zunge:.Warum hast du das nicht schon längst vorgeschlagen? Wir haben keine Zeit zu verlieren, wir müssen eilen, wenn wir eine kurze Zeit glücklich sein wollen, sonst kommt der Tod oder sonst ein dunkles Verhängniß und reißt uns aus- einander." So kamen wir zum„du". Es entschlüpfte mir ohne jede Absicht— als ich das betheuern wollte, sagte sie ernst: „Warum vertheidigst du dich? Laß uns immerhin„du" sagen, wir beide werden dieses du gewiß nicht enttveihen und haben ein größeres Recht auf dasselbe, als tausend andere.' So kamen wir zum ersten Kuß. Es war eine kalte, windige Nacht und der Sturm hatte ihren Schleier an einer Seite losgerissen; ich fing ihn ein, und als ich ihn sorgfältig wieder drapiren ivollte, sah ich, daß eine schwere Thräne in ihren Augen stand. Wir hatten von ihrem Vater gesprochen, an dem sie mit einer an religiöse Verehrung grenzenden Pietät hing, und ich hatte gefragt, ob er sich nicht fteuen würde, wenn er uns zusammensähe..Ties genug war er dazu— er sagte oft, daß die menschlichen Dinge sich nicht nach einer Schablone beurtheilen ließen, und daß man nothwendig lieblos, ja grausam werde, wenn man an alle Menschen und an alle Verhältniffe denselben Maßstab lege; für den einen sei er zu klein, für den andern zu groß.' Dabei sah ich die großen, dunklen Augen, die sich im Theater bei einer ergreifenden Szene fteilich leicht feuchteten, zum ersten male in hellen Thränen, und als ich ihr überrascht und mit scheuer Lippe die glänzenden Tropfen unwillkürlich aus den Lidern küßte, lächelte sie nach- denklich und weich und— bot mir den schönen Mund selbst zum Kuß. Ich wollte den Erzähler unterbrechen, aber er wehrte mit der Hand bittend ab und sagte hastig: „Ich weiß, was Sie sagen wollen— Sie können nichts sagen, was ich mir nicht selber schon in schlaflosen Nächten fiebernd vorgestellt, was ich nicht nach allen Seiten erwogen hätte. Wir beiden haben uns nichts mehr zu sagen; sie hat das Geständniß meiner unauslöschlichen Neigung durch einen Ausbruch von Leidenschaftlichkeit erwidert, dessen Ungestüm nur seiner Zartheit, dessen RückHaltlosigkeit nur seiner gedankenvollen Weichheit gleich- kam. Sie nannte sich das glücklichste Geschöpf auf der weiten Erde, sie küßte meine Hände und badete sie in Thränen, sie war so ftoh, wie ich sie nie gesehen, und es war ein Leuchten in ihren Augen, als sei alle Schwere der Körperlichkeit von ihr gewichen, aber als ich sie meine Frau nannte, als ich ein Bild wahren, reinen Gattenglücks ihr auftollen wollte, da legte sie wie in tiefem Erschrecken die Hand auf meinen Mund und bat fast flehentlich:.Sprich davon nicht, es ängstigt mich.' Und dabei ist es geblieben, und alle meine Bitten und Vorstellungen und Beschwörungen haben nichts gefruchtet. So oft ich in Stunden überströmender Zärtlichkeit auf eine Verbindung zwischen uns anspielte, so oft ich Zukunftspläne entwarf, so oft ich sie ftagte, wann sie ganz mein werden wolle, stets wich sie aus, stets suchte sie mich durch einen Scherz oder eine garziöse Zärtlichkeit auf andere Gedanken zu bringen, und wenn alles nicht ftuchten wollte, dann bildete sich ein unsäglich schmerzlicher Zug um ihren Mund, es war, als verschleierten sich ihre Augen und sie bat ernst und 483 traurig:, Quäle mich nicht! wer wird daran denken? Ziur die gegenwärtige Stunde gehört uns— warum soll sie getrübt werden? Du wirst es bereuen— wer weiß, wie baldV Ich kann Ihnen nicht erklären, wie es kommt, daß ich mich so lange durch diese Ausflüchte hinhalten ließ, daß sie niemals einen Verdacht in mir erweckten, daß ich die Frage, ob ein Ge- heimniß zwischen uns stehe, nicht an sie zu richten wagte. Und als ich endlich so weit war, als ich den Biuth zu dieser verzeih- liehen Frage gefaßt hatte, da kam sie mir, als wisse sie alles, als lese sie mir jede Regung der Seele vom Gesicht ab, zuvor, indem sie mir die kleine Locke aus der Stirnc strich und scher- zend fragte: ,Was denkt und grübelt man da wieder? Glaubt man einem Geheimniß auf der Spur zu sein, das man ergründen will? Ach, mein Freund, wenn du wüßtest, wie wenig das Wort Geheimniß Sinn hat, wenn es mit mir in Verbindung gebracht wird, und wie es mich nur geheimnißvoll erscheinen läßt, daß ich so gar kein Geheimniß habe, und vor dir vollends nie eins haben könnte und haben werdet Mündlich und schriftlich habe ich sie um eine Zusage be- stürmt, mündlich wie schriftlich hat sie mich gebeten, kein Ver- sprechen zu verlangen, und es war so viel schmerzliche, leiden- schaftliche, nervöse Innigkeit in der Bitte, mir an ihrer Liebe, an ihrer ganzen, vollen, rückhaltlosen Liebe genügen zu lassen, daß ich mich immer wieder entwaffnen ließ und mich immer wieder fügte, bis die Ungewißheit dieses ,in den Tag hinein' Lebens mir eine neue Frage, eine neue Bitte abzwang. Was weiter werden soll, wie lange ich dieses Hangen und Bangen (oder Langen und Bangen nach der Lesart der Goethekenner— die Herren scheinen nicht zu ahnen, wie gleichwerthig für einen Verliebten beide Lesarten sind!) ertrage— ich weiß es nicht!" Und er stützte den Kopf wieder in die Hand und starrte düster in die trübe Flamme des tropfenden Unschlittlichts. Ich gestehe, mir war dabei nicht wohl; ein so scharfer und richtiger Menschenbeobachter Curt auch sonst war, der Geliebten gegen- über, die seine Phantasie gefangen genommen, war er es gewiß nicht. Um sie lieben zu können, mußte er sie vorher zu einem fleckenlosen Geschöpf von idealer Reinheit und Güte machen, und gelingt es einer Frau, diesen Glauben im Herzen eines Jdea- listen zu erwecken, woran sie sehr unschuldig sein kann, so kann sie darauf hin lange ungestraft sündigen: der Träumer wird viel lieber und leichter den dunklen Abmahnungen und Warnungen seines eignen Gefühls mißtrauen,. als der Geliebten, und er wird sich mit dem Scharfsinn von zehn Juristen bemühen, alle ihre früheren und gegenwärtigen Handlungen, wie fatal sie auch seine reizbare Empfindlichkeit berühren, wie unangenehm auch der Beigeschmack sei, den sie für ihn haben, zu beschönigen, zu erklären, zu rechtfertigen, und sie so lange zu drehen und zu wenden, zu glätten und zu poliren, bis sie sich endlich doch mit seiner ab- göttischen Verehrung vertragen. Und unsereiner steht dabei, findet gar mancherlei bedenklich, stößt überall auf ein Defizit an Innig- keit, an Ehrgefühl und an Respekt vor der Wahrheit und kann nicht recht begreifen, was der so Hellsehende und Spottlustige an diesem bei mancher guten Eigenschaft mit argen Fehlern Be- hafteten und jedenfalls nicht über das Durchschnittsniveau empor- ragenden Geschöpf gefunden hat, um das wir uns nicht halb so viel Mühe geben würden wie er und das uns sogar nach mancher Richtung hin eine entschiedene Abneigung einflößt. Wird freilich dem Idealisten der unwiderlegliche Beweis ge- liefert, daß die Frau, die er vergötterte, ein sehr sterbliches und gebrechliches Menschenkind ist, das vielleicht sogar über eine nicht alltägliche Dosis Falschheit und Hinterlist verfügte, so ist der Umschlag um so gewaltsamer und vollständiger. Dann ist an der ihres Nimbus Entkleideten nichts mehr, weswegen man sie lieben� oder nur achten könnte; die bunten Steine, die zu einer kunstvollen, in den Farben sorgfältig abgetönten Mosaik zusammengefügt waren, haben,'aus diesem Zusammenhange ge- rissen, keinen Werth mehr, und derselbe Träumer, der erst nichts Lieblicheres, Heiligeres und Berehrungswürdigeres kannte, als das Frauenbild, vor dem er die stolzen Knie beugte, wendet der in ihrer wahren Gestalt Erkannten mit dem Achselzucken der Ver- achtung, mit dem bittern Lächeln der Enttäuschung den Rücken und nur das Ehrgefühl des Gentleman hält ihn ab, sie zu einem Gegenstande des Spottes zu machen. Es wäre ganz vergebens, ihn zur Gerechttgkeit gegen die guten Seiten der von ihrem Piedestal Gestürzten aufzufordern, er würde geringschätzig erwidern, einige gute Seiten habe jeder Mensch, mit denen sei er aber nicht zufrieden. In beiden Stadien ist diesen excentrischen Naturen nicht zu helfen; sie sind im einen Falle blind und taub für die Gebrechen, im andern für die Vorzüge ihres Idols. Dennoch brachte ich es nicht übcr's Herz, alle Bedenken zu unterdrücken, die während dieser Erzählung in mir aufgetaucht waren und mit wachsender Hartnäckigkeit sich bei mir einzunisten suchten. Ich erlaubte mir anzudeuten, es sei bei aller Liebenswürdigkeit und Achtbarkeit des Mädchens doch nicht schlechthin unmöglich, es sei wenigstens nicht total undenkbar, daß ihre Vergangenheit— gewiß ohne ihr Verschulden— ohne irgend einen Leichtsinn ihrerseits, höch- stens infolge unklugen kindlichen Vertrauens zu gewissenlosen Menschen, irgend einen dunklen Punkt aufzuweisen habe, dessen Wichtigkeit ihr reizbares Ehrgefühl und ihre Liebe sich über- trieben, und daß sie Curt zu sehr liebe, um den Verlust seiner Liebe nicht zu fürchten und dieses gefürchtete Ereigniß nicht so lange als möglich hinauszuschieben. (Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Nosenverg. (Fortsetzung.) 30. April. Ich mache diese Notizen in mein Taschenbuch. Auf unserem Zimmer liegen 14 Mann und ein Unteroffnier. Unter den Leuten sind einige ganz intelligente Menschen. Die Mehrzahl sind aus der Landbevölkerung, darunter einige rüde Individuen, denen ich so- gleich meine Meinung gesagt habe.—„In meiner Gegenwart verbitte ich mir jede Gemeinheit," sagte ich kurz und eindringlich. „Wir wollen den Viehstall nicht mitten in die menschliche Gesell- schaft hineinsetzen!"— Das verdroß sie, und sie versuchten, mich mit versteckten Bemerkungen aufzuziehen, als sie aber merkten, daß einige auf meiner Seite waren, verstummten sie bald. Eben wird das Signal zum Kaffectrinken gegeben. Eine Nacht ist dahin. Ich schlief unruhig. Wilde Träume trieben ihr Spiel in meinem Kopse und dazwischen tauchte abwechselnd Elisabeths Bild empor, mir zulächelnd und Trost spendend. Mir ist es ziemlich prosaisch zu Muthe. Die Umgebung absorbirt jede höhere Regung. Zwei Stunden marschirt. Bin todtmüde. Der Bleistift zittert in meiner Hand und ich habe keine Lust, die mannichfaltigen Gedanken, die mich erregten, niederzuschreiben. Viele, neiner Stubenkollegen befinden sich in dem gleichen Stadium der Er- schlaffung. Die munteren Gesellen von gestern sind schon um vieles entnüchtert, und einer von denen, ivelchen ich so unsanft begegnet, entschuldigte sich bei mir.„Wir hatten in Gesellschaft des Unteroffiziers einige Schoppen zu viel getrunken," sagte er. Auf meiner Stube liegt auch ein Landsmann von mir; ein finsterer und verschlossener Mensch. Nach der Uebung kam er zu mir und raunte mir zu:„Verlassen Sie Sich auf mich. Ich stehe zu Ihnen. Wir haben beide die Ehre, regelmäßig nach- zuexerziren, obwohl wir wissen, daß wir unsre Sache wenigstens so gut machen, wie die andern. Je unselbständiger hier der Mensch ist, desto brauchbarer und geachteter ist er."— Heute waren mir auch zur Leistung des Fahneneides befohlen. Die Kriegs- artikel wurden vorgelesen, und nachdem es mir über all' die an- gedrohten Strafen beinahe schwindlich im Kopf geworden, rief der Hauptmann:„Morgenroth! Die Hand vorschriftsmäßig er- hoben!"— Ich that es und die Ceremonie ivar vorüber.— Nach dem Appell hatte ich den Befehl, mich bei dem Hauptmann zu nielden.„Sie scheinen obstinat zu sein, Morgenroth," sagte der Hauptmann.„Hüten Sie Sich! Sie wissen, daß man hier die Leute zwingen kann."—„Ich verstehe, Herr Hauptmann," entgegnete ich,„aber ich bin mir keines Vergehens bewußt. Ich thue meine Pflicht gleich den andern."—„Sie hatten nicht Lust, den Eid abzulegen."—„Man würde mich gezwungen haben, hätte ich wirklich nicht Lust dazu gehabt."—„Sie sind von der Wichtigkeit des Eides und de» Folgen eines Bruches doch über- zeugt?"—„Die Kriegsartikel würden mich über die Folgen eines Bruches des Fahneneids belehrt haben, wenn ich sie mir auch vorher nicht hätte denken können."—„Treten Sie ab!" herrschte mir der Hauptmann zu. 3. Mai. Der Unteroffizier machte ein böses Gesicht.„Das verdanken wir Ihnen, daß wir hier in der Kaserne wie in einem Glasschrank sitzen," rief er wüthend.„Aber ich werde Ihnen die Wurst aufs Brot legen,— warten Sie." — Er fragte die Stuben- genossen, ob ich schon auf- rührerische Reden gehalten und ob sie etwas Verdäch- tiges bei mir gesehen hätten. — Die Menge verneinte mit Recht und der Unteroffizier fluchte. Ich habe es nun doppelt schlimm. Mein Landsmann hat sich enger an mich geschlossen, auch einige andere, deren Denk- vermögen nicht ganz brach liegt, sind mir wohl gesinnt. Sie thun aber so, als ob ich ihnen gleichgiltig wäre. 17. Mai. Morgen ist Kirchengang. „Das geht nicht, Morgen- roth," sagte der Offizier, „daß Sie zu gar keiner Re- ligion gehören. Sie müssen doch an etwas glauben. Und eine der Kirchen müssen Sie unbedingt besuchen."— „Ich denke, Herr Lieutenant, ich kann zum Kirchenbesuch nicht gezwungen werden, nachdem ich in aller Form aus der Landeskirche aus- getreten bin."—„Das wer- den wir sehen," versetzte er; „ich werde das melden."— Dabei blieb es. Der Haupt- mann suchte zwar später noch meine religiösen An- sichten auszuforschen, aber da ich ihm absichtlich mit einigen philosophischen De- duktionen begegnete, so sah er wohl ein, daß er niit mir nicht, wie mit jedem andern, verfahren konnte. Er musterte mich, ich blickte ihn fest an und er sagte: „Ich verstehe Ihren Blick wohl. Sie müssen aber trotzdem— gehorchen!"— 8. Juni. Unsere Lektüre wird von Zeit zu Zeit immer genau rcvidirt. Bücher mit miß- liebigem Inhalt und Werke über kritisirende Politik sind strengstens verboten. Das Einschleppen solcher Bücher in die Kaserne involvirt den § 24 und 25 der Kriegs- artikcl wegen Erregung von Mißvergnügen und zur Rebellion, ein Bergehen, das fünf Jahre Festung und selbst Todesstrafe nach sich ziehen kann.„Der Soldat soll seine Finger von der Wissenschaft ablassen, die er doch nicht versteht oder stets falsch versteht; er soll sein Ohr nicht der Stimme der Verführung leihen, der Stimme, welche ihm die Lust an dem Militärlebcn und an 485 dem heiligen Beruf, dem Beruf der Berthcidigung des Bater- landes und Königs, verleidet; er soll sich während seiner Dienst- �''JS&k :'■ MM A- .v.Hv—.....: v?- v' FW« � •ii'M' vHMKM?'M � MK'Z �.«v ÄakaSwfeHVk,■ iv zeit um nichts kümmern, was nicht zu seinem Beruf gehört, alle seine Gedanken sollen sich nur aus die Erfüllung seiner Pflichten konzentriren,— er soll ganz aufgehen in den Gedanken der Treue zum König und Reiche, und nur so ist er ein ergebener treuer Sohn des Bater- landes.— Verstanden, Morgenroth?"— Der Herr Jnstruktor wendete seine ganze Freundlichkeit auf wich.—„Ich habe sehr ivohl davon verstanden, Herr Lieutenant, daß wir ohne Nachdenken und Mur- ren gehorchen sollen."— „Das habe ich nicht gesagt, Morgenroth! Ich habe ge- sagt, daß der Soldat seine Liebe zu seinem Soldaten- beruf nicht beeinträchtigen lassen soll durch aufrühre- rische Gedanken und unzu- friedenes Gesindel."— Um gegen alle Anfechtungen ge- wappnet zu sein, befleißigte ich mich besonders der Kennt- »iß der mir nöthigen Mili- tärwissenschaft. Ich will mich nicht selbst loben, aber der Herr Jnstruktor hatte aufzupassen, damit er nicht purzelte. Heute hat er mich „Allesbesserwisser" endlich dispensirt. 12. Juni. Es gibt in unserer Kom- pagnie mehrere Einjährige, Söhne reicher Eltern, die mit dem Geld nur so herum- werfen, sich die verschiedensten Vergünstigungen schaffen und auf diese Weise die Schwere des Dienstes, im Gegensatz zu den anderen Kameraden, nur halb empfinden. An Bildung stehen die meisten selbst einigen der dreijähri- gen nach, ein Beweis, daß eingelerntes Wissen nicht immer die Bildung ans- macht.— Mit einem von diesen Bevorzugten hatte mein Landsmann Ehrenberg heute einen lebhaften Dis- kurs. Der elftere hatte Ehrenberg einen Auftrag ge- geben, und dieser weigerte sich, einem unhöflichen Men- scheu einen Gefallen zu er- weisen. Darüber gerieth der andere in einigen Zorn und brüstete sich mit seinem Pri- vilegium des einjährigen Dienstes, als Beweis seiner größeren Tüchtigkeit und seines größeren Werthes, wobei er dem braven Ehren- berg einige unehrerbietige Worte an den Kopf warf.— „Wenn Sie mich einen Bauern schelten," entgegnete Ehrenberg ruhig,„so brauche ich mich nicht zu revanchiren, denn dieser Ausdruck kann mich keineswegs beleidigen. Nur möchte ich Ihnen doch sagen, daß Sie die mili- tärischen Uebungen mitsammt Ihren Kollegen um keinen Grad besser ausführen und leichter sich aneignen, als es die, Bauern' thuu. Im Gegentheil! Die v.'MbkkF.''' WMM.«vv M Vi*. W*!' ,. 5 4V.�V�V;>« r.•"• jä'••■■■' fi' ifln*1- .'f- i»:.■>■/'■•■ 5.•/.''MIV.' .-.-:-'t- Od NS K S S es vO vO n s -e ä 486 , dauern' sind wegen ihres engeren geistigen Horizontes be- fähigter zur Erlernung des militärischen Handwerks. Ihre ganze Gedankenwelt richtet sich auf dies Handwerk, während der wirk- lich denkende Mensch geneigt ist, stets Kritik zu üben, und so schnell erlahmt. Also, keine Illusion, mein verehrter Herr! Keine Einbildung! Und was Ihr Vorrecht mir gegenüber anbetrifft, einjährig dienen zu können, so wird Ihr Kamerad Morgenroth gewiß so freundlich sein, Ihnen diesen Punkt zu beleuchten."— Der solcherart Abgefertigte zuckte seine Achseln, lächelte verächtlich und ftagte mich:„Sie werden Sich doch nicht wohl gar zum Vertheidiger eines dummen und arroganten Schlingels hergeben wollen?"—„Nein," sagte ich ebenso lächelnd,„dazu bin ich zu sehr von meiner Klugheit überzeugt; aber Sie irren, wenn Sie glauben, Ehrenberg wäre etwa dumm und arrogant. Ich denke, Sie könnten bei einem Rollenwechsel des Tausches wohl zufrieden sein. Aber das Privilegium! Da irren Sie nun noch mehr, lieber Kamerad! Wir wollen vom philanthropischen Standpunkte ganz absehen— ein überwundener Standpunkt für unsre moderne Welt—, wir wollen nur das Nächste nehmen! Sie berufen Sich auf Ihre Bildung und auf das Vorrecht, diesen erworbenen Kenntnissen beim Eintritt in den Militärdienst als Einjähriger Geltung zu verschaffen. Sie bedenken nicht, daß höhere Bildung und Reichthum Vortheile sind, wofür Sie eigentlich gehalten werden müßten, größere Pflichten zu übemehmen, als diejenigen, denen keines von beiden gegönnt ist. Und wer hat Ihnen den Vortheil höherer Bildung gewährt? Sie selbst? Ihre Eltern? O nein, der Ataat, die Gesellschaft, die Gemeinde, in der Sie wohnen! Diese sind's, welche die Schulen erhalten, in denen Sie die höhere Bildung genossen, denen Sie diesen Vorzug ver- danken, während die große Anzahl der vom Schicksal weniger Begünstigten fürlieb nehmen muß mit einer einfachen Elementar- schule, die sie nur mit dem unentbehrlichsten Bildungsmaterial ausstattet."——„Antreten!" erscholl bei diesen Worten der Befehl, und er kam zu guter Stunde. Die müssige Auseinander- setzung hätte leicht noch eine tüchtige Reiberei geben können. (Fortsetzung folgt.) An der Wiege des Christenthums. Kulturhistorische Skizze von K. Lübeck. (Fortsetzung statt Schluß.) Philo erzählt von den Therapeuten: Sie achten sich aus Liebe zu dem unsterblichen und seligen Leben noch lebend am Ziele des irdischen Daseins, überlassen ihr Eigenthum Söhnen, Töchtern und sonstigen Anverwandten und fliehen von den ihrigen in die Einsamkeit, um nicht zurück- zukehren. Ihr Hauptsitz ist eine luftige, gesunde Anhöhe über dem See Maria(Mareotis, nicht Möns) bei Alexandrien, wo ihre einfachen Wohnungen, nur zum Schutz gegen Sonnenhitze und Kälte berechnet, in großen Zwischenräumen voneinander stehen, um sich nicht gegenseitig zu stören. Speise und Trank berührt keiner vor Sonnenuntergang, weil sie meinen, daß nur die Philosophie würdig sei, ans Licht gestellt zu werden, die körperlichen Bedürstiisse aber Finsterniß bergen solle; daher wid- men sie jener die Tageszeit, letzterer einen kleinen Theil der Nacht. Einige fasten drei, andere sechs Tage lang, da die innerlich ihnen zufließende Weisheit sie sättigt. Ueberhaupt aber essen sie nur, um nicht zu hungern und trinken, um nicht zu dursten; aber den Ueberfluß vermeiden sie als den hinterlistigsten Feind der Seele wie des Leibes. Ihre Speise ist Brot und Salz, ihr Tkank Qnellwasser. Ihre Kleidung besteht im Winter aus Thierfellcn, im Sommer aus einem Gewände ohne Aermel von Leinwand. Alle Männer und Frauen leben ehelos, sobald sie sich der Gesellschaft gewidmet haben; viele waren vorher nicht verheiratet(wie denn auch viele ältere Jungfrauen von Philo genannt werden), aus Verachtung körperlicher Freuden und wegen eifrigen Strcbens nach Weisheit. An jedem Hause ist ein hei- liger Ort, an diesem üben sie vollkommen abgeschieden die Myste- rien ihres heiligen Lebens. Zu ihnen bringt man weder Speise noch Trank, wohl aber die Gesetze und heilige Orakel und Lieder und was imnier Weisheit und Frömmigkeit fördert oder zur Vollendung bringt. Niemals lassen sie Gott aus ihrem Gedächt- nisse so daß ihnen selbst im Traume keine andern Bilder vor- schweben, als die Herrlichkeit der göttlichen Vollkommenheiten und Kräfte. Viele sprechen auch im Schlafe die erhabenen Lehren der heiligen Philosophie aus. Zweimal an jedem Tage pflegen sie zu beten, in der Morgendämmerung und gegen Abend. Der ganze Zwischenraum vom Morgen bis zum Abend ist der Ascese gewidmet. Sic lesen in den heiligen Schriften, denken über die väterliche Weisheit, und zwar unter Anwendung der allegorischen Erklärnngsweise, nach, weil sie die wörtliche Rede für dunkle Zeichen halten, die sich in einem tieferen Sinne enthüllen. Auch besitzen sie Schriften alter Weisen, welche die Urheber der Ver- einigung gewesen waren und viele Denkmale allegorischer Erklä- rungen hinterlassen haben. Dieser bedienen sie sich gleichsam als Musterbilder und ahmen denn auch die Weise jener Früheren nach, so daß sie nicht nur anschauen, sondern auch Lieder und Hymnen auf Gott verfertigen und zwar in allerlei Silbenmaßen und Melodien. Sechs Tage leben sie allein, jeder für sich, in ihren sogenannten Monastcrien und denken dem Heiligen nach, kommen nicht über ihre Schwellen, ja sehen nicht aus ihren Thüren heraus. An dem siebenten Tag komnien sie zusammen, setzen sich nach dem Alter mit Anstand nieder, die Hände nach innen gekehrt, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke an den Hüften herunterlassend. Dann tritt der älteste auf, der in den Lehrsätzen am meisten erfahren ist, und spricht mit ruhigem Auge Worte, reife und verständige. Ruhig hören die übrigen alle zu und geben ihren Beifall blos mit einem Winke der Augen oder des Kopfes zu verstehen. Das gemeinsame Heiligthum, an welchem sie am siebenten Tage zusammenkommen, hat zwei Ab- theilungen, die eine für die Männer, die andere für die Weiber. Denn auch die Weiber hören, der Sitte gemäß, zu und beweisen denselben Eifer für diese Grundsätze. Außer dieser wöchentlichen Sabbathfeier ist aber noch die Feier je des fünfzigsten Tages merkwürdig. Je nach sieben Wochen oder siebenmal sieben Tagen versammeln sie sich zu einem heiligen Mable in weißen Gewän- dern im heiteren Geiste und größter Feierlichkeit. Stehend er- heben sie Augen und Hände gen Himmel, jene, weil sie gelehrt sind, dasjenige zu betrachten, was des Anblicks Werth ist, diese, weil sie rein von Uebervortheilungen— und beten dann zu Gott, es möge ihm dieses Mahl wohlgefällig und nach dem Herzen sein. Nach dem Gebete legen sich die älteren nieder in einer Reihenfolge, bei welcher sie die Zeit des Eintritts in die Ge- noffenschaft berücksichtigen; denn für alt achten sie nicht die Be- jährten und Greise; diese achten sie vielmehr als kleine Kinder, wenn sie die Verbindung erst später lieb gewonnen haben, sondern die, welche von zarten Jahren an kräftig und männlich geworden sind und reif an Erkenntniß des Geistigen, der Vollkommenheit des göttlichen Wesens.— Der Spciseplatz ist getheilt, rechts liegen die Männer besonders, links die Frauen. Das Lager besteht aus Schilfrohr. Bedient werden sie nicht von Sklaven; denn sie glauben überhaupt, daß der Erwerb von Sklaven oder Dienern wider die Natur sei. Vielmehr verrichten Freie den Dienst, und dies nicht, weil sie müßten oder auf Befehl, sondern sie erfüllen aus freiem Entschluß mit Eifer und gutem Willen schnell, was ihnen zugerufen wird. Denn es werden nickst die ersten besten Freien zu diesen Dienstleistungen genommen, sondern die jüngeren der Gesellschaft, nachdem mit aller Sorgfalt eine Wahl getroffen worden ist, wie es sich für diejenigen geziemt, die edel und fein gebildet sind und auf den Gipfel der Tugend hinan zu klimmen sich bemühen. Wein wird auch an diesen Tagen nicht aufgetragen, sondern klares Wasser, für die meisten kalt, für die Schwächeren unter den Alten lau. Ihr Tisch ist rein mid von Blut unbefleckt. Brot ist ihre Speise, ihr Zugemüse Salz.— Wenn sich nun die Theilnchmer an dem Mahle nieder- gelegt haben und die Diener bereit stehen zur Aufwartung, herrscht noch größere Stille als zuvor. Dann fragt einer etwas über die heiligen Schriften, oder gibt Aufschluß, wenn ihm etwas zur Beantwortung vorgelegt wird. Die übrigen richten sich nach dem Redner hin, ohne daß sie ihre Stellung verändern. Ihren Beifall geben sie durch Heiterkeit und eine kleine Wendung des Gesichts zu erkennen, die Zweifel durch ruhiges Schütteln des i Hauptes. Ebenso verhalten sich auch die Jünglinge, die neben denen stehen, welche sich gelagert haben. Die Erklärungen der heiligen Schriften beziverfeir die Erforschung des tieferen Sinnes vermöge der Allegorie; denn die ganze Gesetzgebung dünkt diesen Männern einem Thiere vergleichbar: die wirkliche Auffas- sung stellen sie mit dem Leibe zusammen, mit der Seele aber den unter den Worten liegenden verborgenen Sinn, bei welchem die vernünftige Seele ansängt, in den Worten wie in einem Spiegel zu schauen, was diesem eigentlich innewohnt. Wenn nun der Wortführer genug gesprochen zu haben glaubt, \ so erheben alle in gemeinschaftlicher Freude ein Geräusch; dann tritt einer auf, singt einen auf Gott gedichteten Hymnus, mag er ihn selber oder einer der alten Dichter gefertigt haben. Nach diesem kommen dann auch die übrigen nach der Reihe, während allemal die andern in tiefer Stille zuhören, außer wenn sie die letzten Zeilen der Chöre zu singen haben. Wenn nun aber jeder seinen Hymnus beendigt hat, so bringen die Jünglinge einen Die Entstehung des i Kulturgeschichtliche Skizze Im gesellschaftlichen Leben hat der Tanz von jeher eine zu bedeutende Stelle eingenommen, als daß er nicht schon früh der Gegenstand ernsthaften Nachdenkens und gründlicher Wissenschaft- licher Erforschung geworden wäre. Schon das klassische Alter- thum wendete ihm in diesem Sinne seine Aufmerksamkeit zu, und der größte und tiefste philosophische Denker der alten Zeit, Aristoteles, verschmähte es nicht, dem Tanze zu verschiedenen malen, in seiner„Politik" und„Poetik", eine eingehende Be- trachtung zutheil werden zu lassen. Der Mensch, äußert Aristoteles unter anderm einmal, solle nicht nur seine Kräfte in einer zweck- mäßigen Thätjgkeit nützlich verwerthen, er solle sich auch in seinen Mußestunden in einer schönen Weise beschäftigen, und außer der Musik und dem Genuß des Weines und der daraus entspringen- den erhöhten Stimmung des Geistes, sei auch der Tanz vor- trefflich dazu geeignet, die Muße, deren jeder bedürfe, mit einem schönen Inhalte zu erfüllen, und sie aus einem bloßen Bedürfniß in eine Quelle sittlichen und geistigen Gewinnes zu verwandeln. Und Aristoteles hat recht, denn alles Schöne und Gute, alle Wissenschaft und Kunst dient nur dem einen erhabenen Zwecke, den Menschen mehr und mehr geistig und sittlich zu veredeln, und so glauben wir auch im Interesse unserer Leser zu handeln, wenn wir sie mit dem Wesen und der Geschichte einer Kunst näher bekannt machen, deren kulturgeschichtliche und ästhetische Bedeutung von den meisten noch viel zu wenig gewürdigt wird. Wir nehmen das Wort Tanz hier im ursprünglichen und weitesten Sinne und nicht in jenem beschränkten und verworrenen, in welchem wir es, durch unsere heutige Art zu tanzen, an- zuwenden geneigt sind. I Die Zeit, in welcher der Tanz entstanden ist, läßt sich mit 'Bestimmtheit nicht mehr nachweisen. Entsprungen ist er aus dem jedem Menschen angebornen Triebe, alles, was in ihm vor- geht, auch äußerlich zu lebendiger Erscheinung zu bringen. Die freudig erregte Seele suchte nach einem entsprechenden Ausdrucke der sie erfüllenden frohen Empfindung, da ihr die Sprache desto weniger genügte, je unentwickelter sie war; und dieser Ausdruck fand sich in ungezwungenster Weise in der leichten und fteien Bewegung des Körpers. Im Gegensatz nämlich zu der beliebten Anschauung von der Mangelhaftigkeit dieser Welt und der Werth- losigkeit des menschlichen Lebens fühlt sich der Sohn der Natur, der natürliche Mensch noch eins mit der ihn umgebenden Außen- Welt. Er freut sich vielmehr der Welt und seines Daseins darin mit der vollen, noch von keinem philosophischen Nachdenken an- gekränkelten und durch keinerlei schädliche Kultureinflüsse zer- rütteten Gesundheit an Leib und Seele, die ihm eigen ist, und da er ebensowenig die„verfeinerten" Ausdrucksweisen kennt, wie ihren Weltschmerz, so macht er seiner Freude in den lebhasten Bewegungen seiner Glieder in Sprung und ftöhlichem Tanz Luft. Und dies geschieht, ohne daß er es recht beabsichtigt; er tanzt, weil er sich innerlich dazu getrieben fühlt, nicht um sich zu freuen, sondern weil er sich freut, und reißt den Genossen zu gleicher Lustigkeit mit sich fort. Zu dem ersten Tänzer gesellte sich bald, angelockt durch das Vergnügen, das jener augenscheinlich empfand, Tisch herbei, ans welchem die heiligsten Speisen liegen, geräucher- tes und gesalzenes Brot, dem etwas Asop beigemischt ist, aus Achtung für den Tisch in der heiligen Halle des Teinpels. Nach dem Mahle feiern sie die heilige Stachtfeier, augenscheinlich den wichtigsten Theil ihrer Verehrung, durch Chorgesünge und Tänze, bei welchen Männer und Frauen abwechseln und zuletzt sich in einen großen Chor vereinigen u. s. iv. Dieses Hauptfest feiert angeblich den Ausgang aus Aegypten, d. h. die Befreiung des geistigen aus dem sinnlichen Leben und die Chöre und Tänze symbolisiren das Entzücken des reinen Geistes, der in den reinen Regionen des Göttlichen angelangt ist. Vom Standpunkte ihrer Gotteserkenntniß aus haben diese Alexandriner eine wahrhaft ideale Höhe erreicht. Sie leben, wie uns Philo erzählt, bereits im Himmel ans Erden. Doch treten wir diesem therapeutischen Himmelreiche auf Erden ettvas näher, entwerfen wir uns nach den Schilderungen Philo's von der Glückseligkeit, die es bietet, ein Bild. (Schluß folgt.) Ganzes einst und jetzt. von Iriedrich Volkmar. ein zweiter, ein dritter, u. s. f.; sie schloffen sich zum Kreise zu- sammen; die allen gemeinsame Empfindung gab ihren Bewegungen übereinstimmenden, rhythmischen Takt; die schlummernde Lust zum Gesänge wurde geweckt, erst leise, dann in immer volleren und mächtigeren Wellen strömte er aus der Brust der Betheiligten hervor, und der gesellige Tanz, der Reigen in seiner ächten und ursprünglichen Gestalt war zum crstenmale getanzt worden. So etwa muß man sich den geselligen Tanz eiitstanden denken, wenn es auch der Phantasie des Lesers überlassen bleibt, die flüchtige Skizze zu einem vollständigen Bilde zu erweitern. Es ist mithin die Freude, welche Schiller in seinem berühmten Liede grade deshalb so hoch preist, weil sie die Menschen gesellig zu- sammensührt und die Getrennten brüderlich wieder vereint, auch die Schöpferin des Tanzes geworden. Die überwiegende Mehr- zahl der Tänze athmet denn auch ein freudiges, zuweilen in wilder Ausgelassenheit überströmendes Leben. Zwar gibt es auch ernste und feierliche Tänze, doch müssen diese wohl als spätere Abarten einer Zeit betrachtet werden, in welcher der Tanz seinem eigentlichen Ursprünge schon ferner stand und in den Dienst moderner Kulturmächte, wie z. B. der Religion, getreten war (vergl. Angerstcin,„Volkstänze des deutschen Mittelalters"). Man kann die Wahrheit des hier aufgestellten Satzes, daß die Freude, und nicht etwa der Schmerz, Trauer oder irgend eine andere Seelenstimmung die Menschen zuerst tanzen gelehrt habe, leicht an sich selbst und an denjenigen unter uns erproben, welche in dem Ausdrucke ihrer Empfindungen noch ebenso natür- lich, wie die muthmaßlich ersten Tänzer, und deshalb jenen noch heute am ähnlichsten sind, nämlich an den Kindern. Schon im zarten Alter„tanzt" das Kind auf dem Arme der Mutter nach dem Takte des Liedchens, das diese ihm vorsingt, und später, Ivenn es größer geworden und laufen gelernt hat, übt es die kleinen Füße im fröhlichen Sprunge und reiht sich den Spielen seiner älteren Geschwister zu, Spielen, die, je freudiger wiederum und lustiger es dabei zugeht, um so lieber die Form und den Charakter des Tanzes tragen. Wir greifen aus dem unendlichen Reichthum an solchen Spielen, wie sie uns die Sammlungen von Simrock, Rocholz u. s. Iv. bieten, nur ein einziges Beispiel heraus, welches uns für unsere Zwecke besonders geeignet er- scheint, auf die Gefahr hin, daß es vielen unserer Leser aus ihrer Kindheit her nicht unbekannt sein möchte. Durch Anfassen mit den Händen ist ein Kreis gebildet worden(eine beliebte Spielform), sodaß die Kinder gleichsam die lebendige Umzäunung des inwendigen kleinen Raumes, den Gartenplatz, wie es im Lied heißt, bilden. Ein einzelnes Kind geht mit der Miene tiefer Traurigkeit langsamen Schrittes außerhalb des Kreises herum und singt dazu folgendes Liedchen: Jammer, Jammer über Jammer, Hab' verloren meinen Schatz! Ich will gehen, ich will sehen, Ich will suchen meinen Schatz. Macht mir auf den Gartenplatz, Daß ich suche meinen Schatz! 488 Der Kreis öffnet sich darauf, das Kind tritt in die Mitte des- selben, wählt sich aus der Zahl der anderen eins als das ver- lorene Liebchen, und während es vorher ernst und traurig aus- gesehen und demgemäß langsam und gedrückt einhergeschritten ist, tanzt es jetzt mit dem glücklich gefundenen Schatz in der Mitte des Kreises fröhlich jubelnd herum: Freude, Freude über Freude, Hab' gefunden meinen Schatz! Auch hier im kindlichen Spiele ist also der Tanz wiederum nur der natürliche Ausdruck herzlichster Freude und innigsten Glückes im Gegensatze zu den langsamen und gemessenen Be- wegungen, welche der ernsten Stimmung, der Trauer oder dem Schmerze entsprechen. Trauer und Schmerz haben niithin den Tanz nicht geschaffen, wenn es auch Völker und Zeiten gegeben hat, welche auch diese und andere Stimmungen der Seele, z. B. die Frömmigkeit in ihren Tänzen zum Ausdruck brachten. Die Bedeutung unseres Beispiels ist jedoch hiermit keineswegs erschöpft. Es wurde oben schon angedeutet, daß der gesellige Tanz, der Reigen, nicht nur getanzt, sondern auch gesungen worden sei. Denn selten entbehrt der frohe und glückliche Mensch des Gesanges. Sein Glück, seine Freude mitzmheilen, sie ausströmen zu lassen in der Kraft seiner Stimme zu melodischem Wohllaut, d. h. im Gesänge, ist ihm Bedürfniß und höchste Freude zugleich. So ist es noch heute, und sicherlich war es zu allen Zeiten so. Jene ersten Tänzer ivaren aber glückliche und frohe Menschen. Was war also natürlicher, als daß sie sangen, während sie tanzten, da beides nur der Ausfluß ein und derselben frohen Empfindung war? und daß sie um so lieber zu ihren Tänzen sangen, als sie noch von keinem Orchester dazu ermuntert wurden und über- Haupt>vohl noch keine andere Musik kannten, als die ihrer eigenen Brust entströmende. Und auch hierfür liefert unser Beispiel aus dem Kinderleben einen glücklichen Beweis, das nicht nur ein Tanzspiel, sondern in ebenso hohem Grade ein Tanzliedchen genannt werden muß, und nicht sowohl getanzt als gesungen wird. Allein noch nach einer dritten Seite hin läßt sich das Wesen des alten Reigentanzes an unserm Beispiel erkennen und nach- weisen. Es ist die dramatische Seite desselben, daß nicht nur getanzt und gesungen, sondern mit Vorliebe irgend eine kleine dramatische Handlung damit verflochten wurde, welche sich unter den Tanzenden abspielte. Das unmittelbare Leben mußte dazu die Stoffe hergeben, um irgend ein kleines Drama, ivelches die Phantasie und das Gemllth in uuschuldiger Weise beschäftigten, in Szene zu setzen. In unserm Kinderliedchen ist es z. B. das Liebesleben der" Erwachsenen, welches mit seiner Lust und seinem Leide, seinem Sehnen und Suchen, seinem Treunnngsschmerz und endlicher seliger Wiedervereinigung in kindlicher Weise hier nach- geahmt und gleichsam verkindlicht worden ist. Der Gartenplatz, von dem dabei die Rede ist(althochdeutsch Gard, Garde, unser heutiges Garten), bedeutet in der alten Sprache einen abgegrenzten, umfriedigten und durch die Sitte besonders geheiligten Raum— eine Bedeutung, welche selbst unserm heutigen Garten noch bis zu einem gewissen Grade geblieben ist. Aller Streit und alle Fehde mußte hier aufhören, und mithin auch der innere Kampf, der Streit in uns, der Schmerz um das verlorene Glück. Das suchende und trauernde Kind findet innerhalb dieses geheiligten Kreises seinen verlorenen„Schatz" wieder, und jubelnd und glücklich tanzt es mit dem Wiedergefundenen herum, jubelnd um-. tanzt von den anderen. In diesem Lichte gesehen, erhält die kleine, kindische Handlung sogar symbolische Bedeutung, und so bestätigt auch dieses einfache Beispiel wieder in herrlichster Weise die Wahrheit des schönen schiller'schen Wortes:„Es liegt oft hoher Sinn im kindischen Spiel." Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Audokph von ZS. (Fortsetzung.) Am Perleviadnkt hatte denn auch richtig des Morgens gegen vier Uhr schon die große Schlacht zwischen den hochberger Berg- leuten und den Italienern stattgefunden— eine Schlacht wenig- stens nach der Zahl der auf beiden Seiten aktiv oder passiv am Kampfe Betheiligten. Gut und gern waren es ziveitausend Hochberger gewesen, die meistens mit Knütteln und Messern be- ivaffnet, den von Seiten der Angegriffenen ganz unverhofften Uebcrfall ausgeführt hatten, und da auch ungefähr zweitausend Italiener am Perleviadukt in hölzernen Schuppen und Stroh- Hütten ihr Nachtlager aufgeschlagen, hatte in der That die ge- waltige Zahl von viertausend Menschen an dem Zusammenstoß thcil. Die blutigen Folgen standen indeß glücklicherweise zu der Zahl der Kämpfer nur in sehr bescheidenem Verhältnisse, nur zwanzig oder dreißig Italiener waren auf dem Platze liegen geblieben, und von diesen zeigte sich zwar mancher nicht grade leicht, doch aber keiner zu Tode verwundet. Dieser überraschend günstige Ausgang des zu so bedrohlichen Dimensionen angewachsenen Konfliktes war dem Schrecken zu danken, der die noch in den Banden des Morgenschlummers befangenen Italiener erfaßt hatte, als die Hochberger mit wildem Spektakel knüttel- schwingend über sie hergesallen ivaren. Von allen Seiten sahen die fremden Arbeiter, die sich des Hasses, den die armen Leute rings im Lande Ivider sie im Herzen trugen, wohl bewußt waren und, nachdeni die erste Wuth verraucht war, ohnehin den Rache- versuchen der am Tage vorher Gemißhandelten nicht grade fröh- lichen Muthcs entgegenschauten, ihre Feinde von den Berg- abhängen auf die kreuz und quer verstreuten Hütten und Ver- schlüge kampfbereit zustürmen. In ihrem Schrecken erschien den Angegriffenen chie Zahl der Widersacher drei-, viermal größer noch, als sie wirklich war; daher kamen sie zunächst zu keinem andern Gedanken, als sich so rasch und mit so heiler Haut als möglich zu salviren. Wie die aufgescheuchten Spatzen waren sie drum nach allen Richtungen der Windrose davongestoben und hatten fast ohne Gegenwehr die Hiebe entgegengenommen, ivclche ihnen beim Durchbrechen der nichts weniger als festgeschlossenen Reihen der Hochberger freilich reichlich genug zugemessen worden waren. So kam es, daß diese letzteren garnicht dazu gekommen waren, von ihren Messern Gebrauch zu machen, und schon etwa nach zwanzig Minuten unangefochtene Herren des Platzes waren. Mit der Vertreibung der italienischen Arbeiter glaubten jedoch die hochberger Bergleute ihre Arbeit noch lange nicht gethan; fast noch mehr als die Italiener haßten sie ja die Eisenbahn gesellschaft, daher galt es nun, dieser zu Leibe zu gehen. Zu vielseitigem Bedauern waren die„Herren" von der Eisenbahn persönlich nicht zu erwischen, deshalb blieb diesen die Tracht Prügel, welche ihnen die Bergleute so gern hätten zukommen lassen, erspart, dafür konnten sich aber die riesigen Holzgcrüste, welche man zur Herstellung der Viaduktpfeiler bereits erbaut hatte, und die stundenlangen Schwellenlagen, auf denen provisorisch kleine Eisenbahnen zum Transport des Baumaterials hergerichtet waren, auch nicht aus dem Staube machen, wie die Italiener, und so ging es denn ihnen an den Kragen, nachdem diese in die Flucht getrieben waren. Fast am eifrigsten beschäftigt mit dem Zerstörungswerk, das nun begonnen, finden wir eine Gruppe Menschen, von denen uns die meisten wohlbekannt sind. Der eine darunter, ein baumlanger Mensch mit einem großen Pflaster auf dem Gesicht, flucht eben wie ein Landsknecht über die saure Mühe, die ihm seine Arbeit mache. „Da soll doch wirklich der Teufel dreinschlagen," schrie er. „Grade heute muß der da oben große Wäsche halten und uns das Wasser stromweise auf die Schädel gießen. Ha, wie würde das lustig flackern, wenn's trocknes Wetter wär'. Verdammt noch 'mal, daß man sich so plagen muß und schließlich die ganze Geschichte nicht'mal ordentlich klein kriegt." „Na, wenn Ihr das Holz auch nicht verbrennen oder zu Scheiten zerhacken könnt, so wär' doch vielleicht was andres da- niit zu machen," sagte ein älterer Mann, der trotz seines bäucr- lichen Anzuges doch eigentlich nicht in die Gesellschaft zu passen schien, in welcher er sich augenblicklich befand. „Hört, ihr Leute," schrie der Lange wieder,„der amerikanische Schulmeister hat einen Vorschlag zu machen. Wollen'mal sehen. was der uns auftischt,— also nur'raus damit." 489 Der amerikanische Schulmeister Hampel— unsere Leser kennen ihn noch, und zwar aus der Redaktion des„Tageskorrespondenten", in welcher er vergebens versucht hatte � seine glorreichen trans- atlantischen Erfahrungen auf journalistischem Gebiete zu ver- werthen— nickte würdevoll und sagte: „Ja, Kinder, einen guten Rath will ich euch geben, und ich kann's natürlich, denn ich habe drüben, wo's natürlich ganz anders hergeht, als in dem verflucht zahmen Deutschland, tausend- mal solche und viel schlimmere Geschichten mitgemacht. Also ich sag' euch— Plagt euch nicht erst mit dem Zerhacken der Holzer, das dauert zu lange und hat lange nicht soviel Zweck, als wenn ihr sie blos bis in die Perle schafft. Die ist heut schon so voll Wasser, daß sie die stärksten Balken fortschleppt, und dann werden sie sich da unten in der Thalenge aufstauen und die Wasser werden hier in ein paar Stunden den ganzen Kessel über- schwemmen." „Hui— das ist ein Gedanke," brüllte der Lange, der wäh- rend der Rede des verdorbenen Schulmeisters eine mächtige Schnapsflasche aus der Tasche seiner längst bis ans die Haut durchnäßten Hose gezogen und einige höchst respektable Schlucke seine allezeit durstige Kehle hinunter gegossen hatte.„Das woll'n wir machen, Kerle. Die Ueberschwemmung kommt zwar so wie so, aber hier würd' sie zuletzt gefährlich, wenn wir's aber fertig bringen, daß das Loch dort hübsch ordentlich mit Balken und Latten verrammelt wird,— Gesträuch und allen möglichen Plunder sonst können wir ja haufenweise dazwischen thun— dann brauchen wir uns mit dem Demoliren hier nicht weiter zu quälen, das Wasser wird's schon allein besorgen." Ein paar von den Leuten in der Nähe stimmten dem von dem langen Joseph vertretenen hampel'schen Vorschlage bei; einige andere verriethen Bedenken. „Wcnn's Wasser hier sich staut, kriegen auch wir's Hoch- Wasser oben in unsere Dörfer viel eher als sonst, und dann macht's bei uns auch Schaden." „Ach was, Unsinn," schrie aber der Lange dagegen.„Alloh, angefaßt, der stramnic Kerl von Balken hier muß zu allererst in die Perle. Eh's bis zu euch hinaufkommt—'s Hochwasser, da hat's gute Wege. Euch oben machen die Sturzwässer Schaden, sonst weiter nichts. Und die Sturzwässer habt ihr ohnehin." Der Lange behielt recht, zumal der Schulmeister Hampel noch darauf aufmerksam machte, daß dadurch auch jede etwaige Ver- folgung durch das Militär beseitigt würde. Durch das Perle- thal müßten die Soldaten hinauf, andere Stege seien bei dem Unwetter nicht gangbar, wär' das Perlethal überschwemmt, so müßte die wohllöblichc Obrigkeit die Hochbergcr ein paar Tage völlig ungeschoren lassen und könnte im Leben nicht beweisen, wer den Schaden angericht' hätte an den Bahnarbeiten. Das schien den Männern, welche die Worte des Schulmeisters und des Langen gehört hatten, richtig. Sie gingen nun mit riesigem Eifer nach dem neuen Rezepte an die Arbeit. Und bald schloffen sich ihnen die anderen fast sämmtlich an. Binnen zwei Stunden, während deren der Regön nicht eine Minute nach- gelassen hatte, war das Werk der Zerstörung in der Hauptsache vollbracht und viel mehr geschehen, als der wohlmeinende Herr Hampel vorgeschlägen hatte. Man hatte nicht nur Holzwcrk in großen Mengen in die Perle geworfen, sondern auch große Quadersteine, die in der Thalverengung und in der Nähe des Flusses aufgestapelt und den Unterbau der Brückenpfeiler zu bilden bestimmt waren, ins Flußbett gewälzt, und auf diese Weise im Handumdrehen ein Wehr zustande gebracht, an dem sich die immer mächtiger daherwälzenden Wogen brausend brachen, um wie nach anfänglich mißlungenem Sprunge zu neuem Satze aus- holend zurückzugehen und im zweiten oder dritten gewaltigeren Ansturm über das harwäckige Hinderniß hinwegzuschäumen. Von dem Holzwerk wurden alle kleineren Stücke durcb die Thalenge hindurchgewirbelt und weiter ins Land hinabgerissen, aber von den größeren Stämmen blieben die meisten doch zwischen den vielen natürlichen und künstlichen Steinhemmnissen stecken und bildeten mit den durch die Sturzbäche von den Bergen herab dahergeschwemmten Sträuchern und Bäumen und der un- geheuren Blasse erdiger Bestandtheile des Fluthstroms einen festen Damm, der den Absichten und der Voraussicht des amerikanischen Schulmeisters alle Ehre machte. Grade hier im Perlethale war das Flußbett tiefer aus- gewaschen, als sonst im größten Theile des Perlelaufs. Dennoch war der Thaleingang schon um sechs Uhr morgens von mächtigen Wassermengen gesperrt, und mit erschreckender Schnelligkeit wuchs der zischende, schäumende See, welcher sich im Thale zu bilden begann. Die Hochbergcr jauchzten; sie waren jetzt wirklich gegen jede Nachstellung geschützt. Die große Mehrzahl der Bergleute zog sich nun wieder in die Heimatsdörfer zurück. Dort gab's auch für jeden genug zu thun, wenn schon keiner von ihnen viel zu verlieren hatte und sich viel daraus machte, falls die Ueberschwemmung seine elende Hütte zertrümmert davongeführt hätte. In der Kirche oder in den auf wassersicheren Anhöhen errichteten Grubenhäusern war jeder mit seinen Angehörigen und den, bischeu Hausrath, das zu retten der Mühe lohnte, vor persönlicher Gefahr sicher, und was sonst geschah, war den meisten ganz gleichgiltig. Nur der Lange und etwa hundert der Rabiatesten fühlten ihren Thatendurst noch nicht gestillt; es waren auch meistens Leute, welchen das Geschick gar kein Zuhause beschieden oder gelassen hatte, und diese wurden verstärkt durch die allerdings nicht große Zahl derjenigen, welche sich verpflichtet fühlten, irgend einen in den vorangegangenen blutigen Schlägereien geschädigten Bruder oder Vater so recht empfindlich zu rächen. Unter denen, die in einem der noch nicht demolirten Holzschuppen zur Be- rathung, was nun etwa noch zu thun sei, zusammentraten, befand sich auch der amerikanische Schulmeister, Herr Hampel. Für seine Ausdauer belohnte ihn die Bewunderung verschiedener von den Zurückgebliebenen, welche im stillen doch ivohl selber ein Sehnen fühlen mochten, bei diesem Hundewetter bald irgendwo unter Dach und Fach und zur Ruhe zu kommen. „Was doch das Amerika für ein wunderbares Land sein muß," sagte ein langaufgeschossener, noch sehr junger Bursche. „Sogar die Schulmeister werden da so rebellisch, daß sie hier noch bei jedem Spektakel dabei sein müssen. Und was die Leute da alles auszuhalten haben müssen, oaß es einem dann so wie Zuckerlecken ist, einen geschlagenen halben Tag in so einem verfluchten Regen drinzustecken, und überall, wo gerauft wird, daß die Fetzen fliegen, an-der Spitze zu sein!" „Ho, ho," lachte der lange Joseph.„So schlimm ist's nu nicht mit unserm amerikanischen Schulmeister. An der Spitze schon— wenn die Spitze hinten wär'— heißt das. Und beim Raufen hat er auch blos zugeschen— gelt, Schulmeister, das ist weit bequemer." Herr Hampel konnte von einem Menschen, wie der lange Strolch einer war, natürlich nicht beleidigt werden. Er warf sich gewaltig in die Brust und sah den Langen von unten herauf sehr verächtlich an. „Ich habe meinen Muth bei andern Gelegenheiten— in der Prairie und in den Felsengcbirgen, Büffeln, Löwen, den grauen Bären und Kondorn gegenüber bewiesen— ich habe wahrhaftig nicht nöthig, mich bei einer so erbärmlichen Kleinigkeit, wie die Keilerei heute war, ins Zeug zu legen. Fäuste habt ihr Kerle selber, aber Hirn könnt ihr brauchen— Verstand. Und ohne meinen Rath, dächt' ich, würdet ihr noch lange nicht fertig sein hier." Der Lange nickte und die anderen murmelten beifällig. Der amerikanische Schulmeister hatte bei ihnen allen einen Stein im Brett. Sie hatten sich alle unbändig geschmeichelt gefühlt, als vor einer Woche ungefähr der Herr Hampel plötzlich nach Ober- steine hereinschneite. Oberstcine war das Dorf, in welchem Herr Hampel, lange bevor er nach Amerika gegangen war, als sogenannter Präparand, infolge des empfindlichen Lehrermangels, an welchem das Land immer zu leiden hatte, eine Zeitlang selbständig die Schullehrer-- stclle eingenommen hatte. Viele von den nicht mehr ganz jungen Bergleuten, welche sich an dem Ucberfall der Italiener betheiligt hatten, waren seine Schüler, und auch der lange Joseph war ihm ein Halbjahr lang als einer der unbändigsten und nichts- nutzigsten unter den Jungen durch die Schule gelaufen. In Obersteine hatte der Schulmeister auch heut noch Verwandte. Eine Schwester von ihm war an einen Obersteiger verheiratet gewesen, als dessen Wittwe sie mehrere Jahre lang eine kleine Pension bezogen hatte, welche sie und ihr einziges Kind vor dem äußersten Mangel schützte. Als der Betrieb der Bergwerke aber gänzlich eingestellt wurde, fiel auch die Pension fort, die nur als ein Gnadengetd seitens der Grubenbesitzer bewilligt worden war. Die Wittwe war dadurch in die bitterste Roth gerathcu und hatte sich nur durch die schon anfänglich sehr spärlich fließende und zuletzt fast ganz versiegende Unterstützung aus der Kasse wohlhabenderer Verwandten zu erhalten vermocht. Da erhielt sie plötzlich einen Brief ihres verschollen gewesenen Bruders. Derselbe erzählte, daß er wieder zurückgekehrt sei und sich in einer glänzenden und ehrenvollen Stellung in P. befinde. Auf die Bitte der dem Ver- kommen nahen Schwester um Hülfe, hatte der vom Schicksal angeblich so günstig gestellte Bruder erst eine längere Zeit ein peinliches Stillschweigen beobachtet, um schließlich eine für seine „glänzenden" Verhältnisse sehr geringe Untcrstützungssumme zu schicken und dann wieder monatelang keine Silbe von sich hören zu lassen. Jetzt war er eben vor einer Woche, ohne ein Wort der Anmeldung, persönlich in Obersteine aufgetaucht. Er habe es nicht länger aushalten können, sondern endlich einmal seine einzige Schwester wiedersehen müssen. Der Schwester kam er wie ein Rettungsengel— sie war in so trauriger Lage gewesen, wie nur je zuvor. Und diesmal trat der Herr Hampel auch wirklich auf, wie ein Mann in glänzenden Verhältnissen. Er gab der Schwester Geld, soviel sie zur Befriedigung ihrer allerdings sehr bescheidenen Bedürfnisse brauchte; er vertheilte auch für die finanziellen Begriffe der obersteiner Bergleute ziemlich beträchtliche Geldsummen an andere Bedürftige und spielte aus purer Menschenfreundlichkeit so eine Art Vorsehung für die Aermsten unter den Armen ringsumher. Man kann sich denken, daß im Dorfe Jung und Alt für den Goldonkel aus Amerika begeistert war. Und der Herr Hampel ließ es sich auch noch in anderer Weise angelegen sein, sich die Sympathie seiner alten Bekannten zu erwerben. Trotz seiner glänzenden Verhältniffe Ivar er nicht im mindesten stolz— der amerikanische Schulmeister. Das war' so in Amerika, sagte er, da gäb's eben keine Spur von einem Unterschiede zwischen Arm und Reich— alle wär'n mit einander wie Brüder, ob der eine Millionen in der Tasche und der andere einen Pfennig oder den nicht einmal und nur Lumpen auf dem Leibe, das war' alles egal. Um nun diesen seinen amerikanischen Erfahrungen nicht untreu zu werden, that nun der Herr Hampel in Wirklichkeit, als wenn er mit allen Männern des Dorfes und— der Wahrheit die Ehre!— auch mit den Frauen des Dorfes, wenigstens den hübscheren, gut Bruder wäre von jeher. Es gab keine Schenke in allen Dörfern des hochberger Reviers, wo er nicht schon in der ersten Woche Stammgast geworden wäre, und durch sein höchst bereitwilliges Poniren ungezählter Schnäpse für jede be- licbige branntweindurstige Kehle, sowie durch die ungeheuerlichen Mordsgeschichten aus seiner transatlantischen Vergangenheit sich ein dankbares Publikum geschaffen hätte. Als nun die Feindschaft der Hochberger wider die Italiener in Schlägereien übergegangen war, stellte sich der amerikanische Schulmeister mit einem wahren Fanatismus auf Seiten seiner Landsleute. Von Anfang an war er, der Weitgereiste, der sich als so eine Art von Kosmopolit von Profession aufspielte, auf die ausländischen Arbeitsmaschinen, die europäischen Kulis, wie er die Italiener und Oberschlesier am liebsten nannte, nicht gut zu sprechen gewesen, ja, im Grunde genommen hatte er die Hoch- berger ganz wacker gehetzt, der Herr Hampel, wider ihre Arbeits- nebenbuhler, und jetzt erklärte er jedem, der es hören wollte, die Ehre des hochberger Volkes wäre auf das allerschwerste verletzt und schriee nach Rache. Der größte Theil seiner neuen und alten Bekannten im Gebirge war ihm für diese mit der vollen Auto- rität des welterfahrenen Mannes abgegebene Erklärung erkennt- lich und fühlte sich zu energischem Handeln und zu eifriger An- stachlung der Rachgier bei allen guten Freunden und getreuen Nachbaren angefeuert; und die wenigen besonnenen Alten, welche über die Hetzereien des Schulmeisters den Kopf schüttelten und ihm sagten, er hätte gut reden, � Ivenn sie losgehen würde, die große blutige Abrechnung mit dem fremden Volke werde er sicher- lich seine Haut nicht mit zu Markte tragen,— diese liefen übel an bei dem amerikanischen Schulmeister, dem Helden eines Dutzends von Schlachten im Sezessionskriege und gradezu un- zählbarer Scharmützel mit allen nur denkbaren Jndianerstämmen. So etwas mache ihm Spaß, der Kampf sei sein eigentliches Lebenselement, in dieser Beziehung sei er ein ächter Sohn seiner germanischen Altvordern, er werde selbstverständlich dabei sein, immer mitten im ärgsten Kampfgewühle und seine unerschütter- liche Kaltblütigkeit u. a. dadurch beweisen, daß er noch am Orte des Kampfes die Eindrücke zu Papier bringen würde, welche die Ereignisse auf ihn machten. Wie wir gesehen haben, war es auch ungefähr so geschehen, wie der tapfere Schulmeister vorausgesagt. Er war wirklich mit von der riefigen Prügelpartie gewesen, und wenn er auch nach des langen Joseph Behauptung nicht mitten im Kampfgewühl zu betreffen gewesen war, so durfte man das eben nur dem Umstände zur Last legen, daß der Biedermann grade im entscheidenden Moment eingesehen hatte, wie er seinen Freunden mit seinem prügelverschonten Haupte viel besser nützen könne, als mit seinen prügelaustheilenden Fäusten. Und er bewies sofort wieder, daß er groß im Rath war, der Herr Hampel. Von dem ganzen Haufen der hundert zu allem Unfug auf- gelegten Hochberger wußte jeder, daß noch irgend etwas geschehen mußte, keiner aber, was eigentlich gethan werden könnte. Der amerikanische Schulmeister wußte es. „Hört, ihr Leute, bewaffnet euch zuerst'mal alle mit den Aexten und den Eisenstangen, die hier noch massenhaft herum- liegen. Und wißt ihr, was wir dann machen? Na, wir ziehen die ganze Bahnstrecke entlang und lassen von dem, was sie bis jetzt gebaut haben, auch nicht einen Stein und nicht einen Balken auf dem andern." „Hnrrah," schrieen die Leute.„Das machen wir— nicht einen Stein und nicht einen Balken lassen wir auf dem andern." Aber der Lange hatte ein gewichtiges Bedenken vorzubringen. „Der Schnaps ist nur leider alle, und ehe ich nicht wieder Schnaps habe, kann ich bei dem niederträchtigen Hundewetter die schwere Arbeit, die wir den Herren von der Eisenbahn zuliebe thun, wahrhaftig nicht von frischem anfangen." „Der Joseph hat recht— Schnaps müssen wir haben," stimmten die meisten bei.„Und was futtern möcht' ich auch," fügte der hochaufgeschossene Bursche, der vorhin sich als lebhafter Bewunderer des Schulmeisters zu erkennen gegeben hatte und Traugott Weber hieß, hinzu. „Na, natürlich," bestätigte Herr Hampel.„Eine neue Auf- läge Schnaps müßt ihr haben und Brot und Wurst oder Käse auch. Zu welchem Dorfe kommen wir denn zunächst, wenn wir uns an der Bahnstrecke'runterschlängeln wollen?" „Nach Langenwiese," erwiderte der Traugott Weber.„Da gäb's schon zu essen und zu trinken genug, aber ich fürchte, Geld haben wir alle zusammen nicht viel." „Nee, Geld haben wir nicht, nicht en rothen Heller," konnte der lange Joseph der Wahrheit gemäß beipflichten. „Na, verlaßt euch auf mich, Kinder," ermuthigte Herr Hampel in väterlichem Tone.„'S reicht heut grade noch für euch, was ich in der Tasche habe. Ihr sollt euch satt trinken und satt essen, dafür steh' ich gut." „Na, wenn's so ist," schrie der Lange,„so gehen wir durch die Hölle mit euch, amerikanischer Schulmeister. Nur los. Wir werden freilich einen ganz verflucht schlechten Marsch haben nach Langenwiese über die Berge weg, aber mir soll's nicht daraus ankommen— wenn ich mir nur die Kehle ordentlich mit Schnaps immer anfrischen kann." „Wenn uns aber die Italiener und die Wasserpolaken er- wischen, geht's uns schlecht," meinte ein anderer.„Uns paar Menschen hauen die Kerle zu Muß, die feigsten sind's auch nicht, wenn's ans Holzen geht." „Ja, wenn die gelben Halunken in der Ueberzahl sind, dann haben sie Muth," bekräftigte wieder ein anderer.„Wieviel sind wir denn eigentlich noch?" Es wurde in aller Eile eine Art Zählung oder vielmehr eine Abschätzung vorgenommen. „So en Stücker hundertzwanzig," brachte der Lange heraus. „Na, das macht sich schon, und bewaffnet sind wir jetzt auch bis an die Zähne. Es hat doch jeder von euch en Messer, en Beil oder ne eiserne Schiebestange und sein' Knüppel, wie?" „Freilich," riefen die übrigen.„Die Knüppel werfen wir weg, was soll'n wir uns mit dem Zeuge noch beschleppen, wenn wir Beile und Eisenstangen haben." „Nein, nein, behaltet euch nur alles, was ihr habt, Kinder," ermahnte Herr Hampel.„Doppelt und dreifach hält besser. Aber sagt einmal, hat denn einer von euch'ne Ahnung, wo die gelben Kerle jetzt stecken mögen, direkt denen in die Finger zu laufen, brauchen wir nu grade auch nicht." „Werden wir auch nicht, Schulmeister," versicherte der Lange. „Die sind zu ihren Kumpanen, den wasserpolakischen Spitzbuben, durchgebrannt, dafür werden schon die Bauaufseher gesorgt haben, die wir ja auch mit aus dem Schlafe geklopft haben, und die nächste große Arbeitsstelle ist zwei Meilen von hier entfernt. Wenn die wiederkommen, versuchen sie zu allererst, an der Strecke entlang zu kommen, und ohne Soldaten trauen sie sich da auch nicht. Also, um die brauchen wir uns den Teufel zu kümmern." „Vorsicht kann aber nichts schaden," meinte einer der Sprecher von vorhin, der beim Militär gewesen war nnd es bis zum Unter- offizier gebracht hatte.„Ich schlage deshalb vor, daß wir mit allen Vorsichtsmaßregeln marschiren." „Der Jobst hat recht," entschied Herr Hampel.„Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Aber wie macht man das, mit Vorsichts- maßregeln marschiren?" „Na, Schulmeister, daß Sie das nicht wissen,— in Amerika lauft man doch auch nicht so hinter den Rothhäuten her, wie die Hunde hinter den Hasen!" sagte der Lange etwas spöttisch. „Was weiß ich, was ihr unter Vorsicht beim Marschiren ver- steht in eurem ungeschickten Deutschland. In Amerika ist das natürlich ganz anders, da hat man seine Spürhunde und noch 'ne ganze Masse andrer Geschichten, von denen ihr natürlich kein Jota versteht, und so kriegt man'raus, wo die Feinde stecken,— versteht ihr?" „Nee, verstehen thun wir» nicht," erklärte Jobst, der Unter- osfizier.„Bis zu Spürhunden hat's die deutsche Armee noch nicht gebracht, und was für'ne ganze Masse andrer Geschichten Ihr meint, Herr Schulmeister, davon versteh' ich keine Bohne. 'S würd' uns hier oben wohl auch garnichts nützen, wenn wir's auch verständen. Ich denk' drum, wir machen's auf deutsch und bilden'ne Spitze aus drei Mann und'nein Verbindungsmann, die marschiren voraus, und auf jeden Seitenweg schicken wir'ne Seitenpatrouille von zwei Mann und en paar hundert Schritt hinterm Gros marschiren auch zwei oder drei, damit sie uns, wenn wir weiterkommen, auch nicht etwa in den Rücken fallen können,— verstanden, ihr Leute?" Das hatten die Hochberger alle sofort begriffen, eine große Zahl war selbst unter den Soldaten gewesen und niilitärischein Wesen nicht abgeneigt. Es geschah daher sosort, wie Jobst ge- rathen, und der Zug setzte sich in Bewegung in die Berge hinauf, auf Langenwiese zu. „Aber wo ihr eure Eisenbahnarbeiten eigentlich wieder an- fangen wollt, darüber habt ihr doch noch inimer keinen klaren Plan," sagte Herr Hampel, nachdem sich der Zug bereits in Be- wegung gesetzt hatte. Kreidefelsen bei Stubbenkammer auf Rügen.(Bild Seite 48t— 85.) Rügen, wohin uns das Bild der vorliegenden Nummer sührt, ist die Perle der Ostsee, ein wunderbar schönes Eiland, dem sich nur einige Inseln des Mittelländischen Meeres zur Seite stellen lassen. Welcher Gegensatz zwischen den Inseln der Nordsee und diesem Herr- lichen Stück Erde! Dort meist öde Sandflächen, über welche die West- und Nordweststürme hintoben(siehe unsere Beschreibung von Wangeroog und Sylt) und keinen Baum, kaum einen niedrigen Strauch aufkommen lasten, hier fruchtbare Aecker und Buchenwaldungen, wie ste der deutsche Boden nicht schöner auszuweisen hat. Rügen ist aber auch ein Punkt, welchen nicht nur die Natur, sondern auch die Sage und Geschichte aus das reichlichste ausgestattet hat. Seine Berge und seine Höwte bieten entzückende Fernsichten, in wunderbaren Gestalten und imposanten Formen ragen seine weißen Kreidefelsen aus dem Schaum der an ihnen brandenden Meereswogen empor, dunkle, dichte Wälder, die üppigsten Getreidefelder und weißschimmernde Städte und Dörfer bedecken seine Fluren, und die mächtigen Hünengräber, wie die gewaltigen Wälle untergegangener Besten und Schlösser erzählen von den Thaten längst verschwundener Jahrhunderte, gleich den Pyramiden und räthsclhasten Sphinxen Aegyptens. In seinen Felsschluchten am Meere Hausen die Geister kühner Seeräuber und ihrer gemordeten Opfer und bewachen die Schätze von Perlen und Edelsteinen, welche in ihren Gründen be- graben liegen; aus den dunkeln Seen steigen in mondhellen Nächten wunderbar schöne Frauenbilder, das Haupt geschmückt mit der Eichen- kröne der nordischen Priesterin, in der Hand die goldene Sichel, und schweben lautlos durch den flüsternden Hain zu den alten Opferaltären. Wenn der Himmel heiter ist und die Geister der Winde schlafen, sieht man unter dem durchsichtigen Spiegel der Seen die Mauern und Thürme der versunkenen Städte, und hört aus ihren Tiefen die Glocken tönen wie zum Todtengeläut verschollener Herrlichkeit. Wenigstens er- zählen es die Dichter, diese Sonntagskinder mit den feinen Sinnes- Werkzeugen, aber die hohen Wälle der Burgen und der Besten erzählen auch gewöhnlichen Menschenkindern von den blutigen Schlachten der Wenden, der Ureinwohner dieser Insel, als sie gegen die dänischen Unterdrücker für ihr« Freiheit und Unabhängigkeit kämpften. Die Unterdrücker siegten, der Volksstamm der Wenden verschwand von der Insel ibre Helden liegen unter den hohen Hünengräbern begraben, ihre Tempel wurden verbrannt und ihre Burgen zerstört. Skandina- vische und germanische Stämme, Sprachen und Sitten schritten über das Wendenthum schon in unvordenklicher Ze.t hinweg, denn der römische Geschichtsschreiber Tacitus, der im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung lebte und im 40. Kapitel seines Werkes„Ger- „Na, das ist doch sehr einfach, Schulmeister. Von Langen» wiese schicken wir Kundschafter aus, die müssen aussagen, wo die Lust rein ist an der Bahnstrecke. Und mag's nu sein, wo's will, überall machen wir uns an die Arbeit und hacken an den Weg- Übergängen, den vielen großen und kleinen Brücken u. s. w. alles, was nur zerhackt werden kann, in Kraut und Rüben zusammen. Da braucht's, dächt' ich, keinen Plan weiter nicht." „Kommen wir da etwa auch in die Gegend von Klcin-Feldau?" fragte der Schulmeister, dem Langen auffällig zublinzelnd. „Na ob, das kann schon sein," nickte der.„Aber warum fragt Ihr mich danach? Ach richtig, ich Hab' euch ja erzählt, daß ich mit den verfluchten Kerlen, dem hochnäsigen Halunken von Guts- besitzer und dem Zeitungsjungen aus der Stadt noch'ne Rechnung abzumachen Hab'. Ihr wollt' mir Wohl dabei helfen, Schulmeister?" Herr Hampel machte ein sehr verschmitztes Gesicht. „Ich hoffe," sagte er in salbungsvollem Tone,„ich hoffe, langer Joseph, daß Ihr keine Dummheiten machen werdet; Euer Zorn ist freilich gerecht, Ihr seid scheußlich gemißhandelt worden, und dann sind die Kerls feig ausgerissen, nachdem sie Euch den Schädel fast eingeschlagen haben. Psui Teufel, das war gemein von den Menschen. Und wenn Ihr den Kerls'mal ein bischen das Leder gerbt, so kann man's Euch von Gottes- und Rechts- wegen nicht verdenken, das steht fest. Aber der junge Mensch von der Zeitung hat Euch doch eigentlich nichts gethan, denk' ich, daß Ihr auf den so wüthend seid." Herr Hampel hatte die letzten Worte mit ganz besonders malitiöser Betonung gesprochen. „Na, und grade Hab' ich's auf den verdammten Lassen ge- münzt. Die verfluchten Kerle, die Zeitungsschreiber haben über- Haupt das ganze Unglück in der Welt angericht'. Und der hat den Gutsbesitzer blos aufgehetzt gegen uns, wenn der nicht da- gewesen wär', Hütt' ich mein Lebtag nicht einen so mordsmäßigen Hieb gekriegt, daß ich gedacht Hab', ich müßt' gleich auf der Stelle zugrund gehen. Na, warte Kanaille." „Langer, ich sagt's Euch schon— nur nicht zu hitzig. Jeden- falls müßt' Ihr die Geschichte so einrichten, daß Euch's Gericht nicht auf den Hals kann." (Fortsetzung folgt.) mania" die Menschenopfer des Herthakultus auf Rügen beschreibt, er- wähnt der Wenden nicht mehr. Zahllos sind die Kämpfe zu Wasser und zu Lande, welche hier der Familienzwist der dänischen Könige und die Katzbalgereien der neuen Religion mit der alleinseligmachenden Kirche verursachten. Nicht minder blutig war das Ringen der Insel- ritter um ihre Lehensrechte mit den deutschen Kaisern. Die Welt- geschichte ist im allgemeinen ein wüster Garten von geilem Unkraut überwuchert, sagt Hamlet. Aus diesem Unkraut ragen die Gestalten des Schwedenkönigs Gustav Adolph und seines Gegners Wallenstein. Die Schaaken des mustergültigen Gamaschenknopfes, den die Geschichte König Karl den Zwölften nennt, haben ebenso wie die Soldaten des Preußenkönigs Friedrich ll. schmerzliche Spuren ihrer Anwesenheit auf Rügen hinterlassen. Auch der Wiederhersteller des römischen Welt- reiches, der Säbelkaiser Napoleon, ließ eine zeitlang die Tricolore Frankreichs von Rügens Kreidefelsen flattern. Selten befriedigt der Mensch unsere Erwartungen, während die göttliche Natur die reichste Phantasie übertrifft, drum wollen wir uns auch auf Rügen an sie halten. Das schöne Bild von Rügen mit seinen Fcrnsichten, mit seinen Seen, Bergen, Felsen und Wäldern, durchhaust von der Poesie der Sage, durchklungen von prächtigen Märchen, mit einer imposanten Vergangenheit, umgibt überall ein mächtiger, glänzender Rahmen, in dem sich die weißen Felsenhäuptcr und die schwankenden Baumkronen spiegeln, ein Rahmen, der funkelt und blitzt und in der Sonne schim- mert, als wäre er von Edelstein und Gold: der mächtige Spiegel des Meeres. Und nun zur Erklärung des schönsten Punktes in diesem Rahmen, dem Kreidefelsen Stubbenkammer, den unser Bild veranschau- licht. Der Name Stubbenkammer, aus dem Wendischen stopien, Stufe, und kamien, Fels, entstanden, ist ein Beweis, daß die Sprachen ein zähes Leben haben. Trotz der Ausrottung der Slaven vor tausend Jahren macht sich ihr Sprachencinfluß hier sowie auf dem Festlande in den beiden Mecklenburg und in Pommern bei den Städte-, Fluß- und Bergnamen noch heute geltend. Auch die Bewohner weisen un- vcrkennbare Merkmale der slavisch- deutschen Kreuzung auf. Daß die 125 Meter hohe, unmittelbar aus dem Meer aussteigende vielfach zer- klüftete Kreidewand, welche unser Bild darstellt, und Stubbenkammer genannt wird, nicht vereinzelt unter den landschaftlichen Reizen der Insel dasteht, wird wohl der Leser bereits aus dem Obcngesagten ent- nommen haben, aber jedenfalls gehört diese nordöstliche Spitze der Halb- insel Jasmund zu den schönsten Vorgebirgen der Welt. Der höchste, vorspringende und umzäunte Gipfel derselben heißt der Königstuhl, weit dort der Sage nach von den Insulanern einst dem selbstgcwählten König gehuldigt wurde. Eine andere Lesart behauptet, Karl der Zwölfte, 492 König von Schweden, habe hier gesessen und einem Seegefecht zwischen den Dänen und' Schweden zugeschaut. Welche der beiden Versionen richtig ist, oder ob beide, wie die Mehrzahl der Legenden, erlogen sind, das ist schließlich einerlei, aber das eine steht fest, daß die Aussicht von diesem herrlichen Ort unsagbar schön, königlich ist, wenn am Früh- morgen am östlichen Himmelssaum die Sonne aussteigt, und, ehe uns ihr erster Lichtstrahl trifft, wunderbare Farbentöne vom dunkeln Violett bis zum grellen Feuerroth auf der schimmernden, weiten, unbegrenzten Meercsfläche hervorruft. In Gluth getaucht, mit flüssigem Gold über- gössen, erscheinen dann die zackigen, zerklüfteten Kreideselsen und erblassen mehr und mehr, je höher die Sonne emporsteigt. Erst dann, wenn der helle Tagesschein die letzten Schatten aus der Tiefe der Schluchten verscheucht hat, läßt sich die ganze Großartigkeit der sturmzerfressencn Felsenwand wahrnehmen. Doch Wo schwelgend sich die Augen laben, Will der Magen auch was haben. Auch dafür ist gesorgt. Nur wenige Schritte vom Königsstuhl ent- fernt, mitten in der prächtigen Buchenwaldung der Stubbenitz, welche sich vier Stunden lang hinzieht, liegt das Wirthsbaus Swbbenkammcr, wo seit langen Jahren der Wirth, der alte Behrendt, seinen Gästen Geschichten erzählt, die sich so zur Wahrheit verhalten, wie die als Reliquie aufbewahrten Sprossen der Leiter, welche Jakob im Traum gesehen hat, zur Wirklichkeit. Aber die Weine sind bei ihm echt, die Speisen gut, und wer ein paar Tage dort oben bei ihm gewohnt hat, dem wird das Herz schwer, wenn er wieder scheiden muß. Der Spa- ziergang nach dem Herthasee durch den prächtigen Buchenwald ist un- vergleichlich schön. Wir wollen seine Schilderung dem oben zitirten römi- schen Schriftsteller Tacitus überlassen:„Auf einem Eiland des Oceans ist ein keuscher Hain, in demselben ein geweihter Wagen, in welchem, mit Kühen bespannt, die Göttin zu Zeiten im Lande umherfährt. Fröhlich die Feste und festlich die Orte, welche sie ihres Gastbesuchs würdigt. Die des Umgangs mit Sterblichen gesättigte Göttin kehrt zum Tempel zurück. Wagen, Gewand und die Göttin selbst werden im geheimen See gewaschen. Sklaven verrichten den Dienst, welche der See sofort verschlingt." Es ist die alte, ewig neue Geschichte, daß die Sklaven immer das Bad ausgießen müssen. A. Ausstellung der Drechsler und Bildschnitzer Deutschlands und Ocsterreich-UngarnS zu Leipzig. III(Schluß). Gut zu nennen waren auch die von Franz Schneider in Leipzig ausgestellten Sachen; namentlich ein großes Büffet mit in Eichenholz geschnitzten Jagdstücken. Ferner eine in Eichenholz geschnitzte Wanddekoration, deren Bestimmung man freilich nicht auf den ersten Blick erkennt, mit dem Standbild Shakespeares in der Mitte in einer Nische, auf den Seiten zwei Felder mit den Relief- Medaillonbildern Beethovens und Michel Angelo's. Das Gesims wird von vier weiblichen Figuren getragen, die allerdings mit der auf der Standuhr der wiener Assoziation nicht konkurriren können. Der Sockel zeigt aus der einen Seite die berühmtesten Maler und Bildhauer der Renaissance, auf der anderen hervorragende Musiker und in der Mitte einige Szenen aus den Dramen Shakespeares in Hochrelief. Zu tadeln ist, daß die Figuren viel zu klein sind, um aus einiger Entfernung er- kannt zu werden. Der Sockel als tragender Theil hätte überhaupt etwas mehr Kraft aufzeigen können, wie auch die reiche und gut aus- geführte Ornamentik mehr zur Hebung des Ganzen beigetragen hätte, ivenn sie weniger zimperlich wäre. Eine vorzügliche Leistung ist ein Salontischchen mit geschnitztem Gestelle und einer von Nußbaum-, Eben- und Mahagoniholz eingelegten Platte. An einem sonst gut ausgeführten Gestelle— Rauchtischchen kann man es wohl nicht gut nennen— ist zu tadeln, daß der Figur, welche in den ausgebreiteten Händen Streich- Holzapparat und Zigarrenabschneider hält, die Schale zur Aufnahme des Leuchters etwas zu gewaltsam in den Kops eingesetzt wurde. So macht auch ein geschnitztes Uhrgehäuse einen etwas sehr groben Eindruck.— Zwei Stücke vom Bildhauer Ebers(Leipzig): eine Füllung und ein Rahmen zeichnen sich sowohl durch stilvolle Behandlung wie durch saubere technische Aussührung aus. Ebenso eine von Bildhauer Schumann daselbst ausgestellte Staffelei nebst Map?e, in Nußbaum, im Stil der italienischen Renaissance und sehr reich ornamentirt. Weniger schön sind die auf der Bekrönung angebrachten kleine» Figuren. Von den Nürnbergern ist erwähnenswerth eine vom Schreiner und Holzschnitzer Kieser geschnitzte Truhe; auch bringt dessen Landsmann Behl recht schöne in Elfenbein geschnitzte Sachen. An einem von diesem ausgestellten Sonnenschirntstiel— gleichfalls Elfenbein— kann man jedoch um des- willen keinen Geschmack finden, weil die zarte Hand, welcher das zweifel- haste Vergnügen einst ziltheil wird, ihn zu tragen, nicht der Gefahr entrinnen kann, von der den Griff ausmachenden geflügelten Jungfrau verstümmelt zu werden. Man sollte doch bedenken, daß so ein Stück nicht immer zur Schau dienen soll. Neben recht schönen Bilderrahmen, weniger guten Albumdeckeln, Roulette's u. dgl. haben die Nachkommen Albrecht Dürer's und Peter Vischers sehr reichlich Schachspiele mit den dazu gehörenden Figuren vorgeführt, wobei erwähnt werden muß, daß die letzteren meist viel zu hoch sind, um zum Spiel praktisch zu sein. Auch findet man in den meisten andern Sachen keineswegs den Formenrcichthum, wie die Kraft und Frische, welche uns die Meister- werke der größten deutschen Repräsentanten der Renaissance aufweisen. Es ist dies kein besonders günstiges Zcugniß für die Gewerbtreibenden und Künstler Nürnbergs, welchen wie denen in keiner andern Stadt so viele herrliche Vorbilder unserer großen Vorfahren zur Verfügung stehen. Stefan Zechmeister in Berchtesgaden erreicht mit seinen Leistungen nicht einmal die bescheidenen Erfolge der bereits angeführten dort befindlichen Schnitzschule. Die sein Aquarium tragende Kindergruppe ist plump und steif; die kleinen Figuren im Jagdkostüme an einer am Rücken an- gebrachten Borrichtung aufgehängt, und an Stelle der Unterschenkel mit Gemshörner versehen, die ihre krummen Spitzen vorn nach oben rich- ten,— jedenfalls zum Aushängen von Kleidungsstücken u. dgl. bestimmt— machen einen widerlichen Eindruck. Aehnlichen Unsinn findet man auch noch bei andern Ausstellern; so sah ich frei hängende Figuren, denen man an Stelle der Beine große krumme Geweihe in den Leib geschraubt hatte, daß derartige Sachen ohne Sinn und Gefühl hergestellt, folglich auch stillos sind, braucht nicht nachgewiesen zu werden. Von den ver- tretcnen Thür- und Fenstergriffen hat, was exakte und saubere Aus- führung bei geschmackvoller Form anbelangt, ohne Frage die Firma Jßleib und Bebel das beste geleistet. In ihrem Interesse sowohl als in dem der Ausstellung hätte es aber nichts schaden können, wenn sie das Programm nicht so einseitig aufgefaßt und auch von den lobens- werthen Arbeiten in Bronze u. dgl., denen wir aus der Ausstellung im vorigen Sommer begegneten, einige mit vorgeführt hätte. Auch wäre den zwei schönsten Stücken, einer Handhabe aus Büffelhorn und einer Thürklinke aus Elsenbein etwas mehr Abwechslung in der Form zu wünschen; die vielen ausgehäusten Rundstäbe und Hohlkehlen erzeugen Monotonie und überladenen Charakter. Auch die Konkurrenten der genannten, Grunert und Lehmann, bringen manches Gute, erreichen jedoch in der Form erstere nicht. So trägt ein Thürgriff aus drei schwachen Hornstäben spiralförmig gewunden trotz sauberer Ausführung doch allzusehr den Charakter der Spielerei. Abgesehen davon, daß so ein Ding von Thürgriff sich auch äußerlich als Griff darstellen soll, kann man einen, wie den angeführten, doch keineswegs herzhast anfassen, ohne in Gefahr zu komme», ihn zu zerbrechen. Der beste unter den Bronzegriffen, entworfen vom Baurath Lipsius, trägt seinem Zweck auch zu wenig Rechnung und zeichnet sich mehr durch die dem Komponisten eigene Sucht des Haschens nach Originalität als durch stilvolle Aus- führung aus. Einige recht gut komponirte, in Bronze ausgeführte kleinere und größere Griffe übergehen wir, da uns dieselben schon früher an anderen Orten als Originale von berliner Fabrikanten begegneten. Sehr schöne in Elfenbein geschnitzte Gegenstände bringt Barcillot aus Berlin. So zeigen z. B. sein„Christus am Kreuz" und die Statue eines antiken Mädchens nebst einigen kleineren Figuren das seine anato- mische Verständniß des Künstlers. Ein in Silber und Gold garnirter, in Elfenbein geschnitzter Becher ist gleichfalls sehr geschmackvoll aus- geführt. Zwei in demselben Stoff gearbeitete Spiegelrahmen gefallen weniger, weil die durchbrochenen Ornamente zu massiv sind; ein so feines und edles Material wie das Elfenbein verlangt entschieden zarte Forme». Verstöße dagegen können auch durch die sauberste Aussührung, die alle» Arbeiten Barillot's nachgesagt werden muß, nicht paralysirt werden.— Erwähnung mag noch finden, daß von der sehr großen Anzahl von Tabakspseisen viele schön genannt zu werden verdienen, viele darunter sind aber von solcher Größe, daß sie zu allem taugen, nur nicht zu ihrem Zweck: dem Rauchen. In ähnlicher Weise zeichnen sich auch viele Spazierstöcke aus, bei denen der Griff nur das eine ausdrückt: Rühr' mich nicht an! Wenigstens ist das entschieden der Fall an den von Gehrecke aus Elmshorn ausgestellten, von denen der eine Griff ein häßlicher vorweltlicher Drache ist mit ganz spitzen Hörnern und Flügeln, der andere ein Medusenkopf, welcher nicht minder gegen seine Benützung protestirt. Es ist geradezu unbegreiflich, wie solches Zeug hergestellt und auf einer Ausstellung dem Publikum vorgeführt werden kann. Zum mindesten zeigt aber diese traurige Thatsache von dem großen Mangel an Verständniß für stilvolle Behandlung. Man rede nicht von der Schuld des Publikums, welches vorwiegend solchen Unsinn verlange, wir haben es mit einer Ausstellung zu thun, die eben auch aus den Konsumenten erzieherischen Einfluß üben soll, die vielen verwerflichen Sachen auf dieser liefern jedoch den Beweis, daß sich ein großer Theil der verschiedensten Berufsarten selbst noch nicht klar ist über die Auf- gäbe des Gewerbes. Fr. Nauert. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— An der Wiege des Christen- thums. Kulturhistorische Skizze von C. Lübeck(Fortsetzung).— Die Entstehung des Tanzes einst und jetzt. Kulturgeschichtliche Skizze von Friedrich Volkmar.— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Kreidefelsen bei Stubbenkammer auf Rügen(mit Illustration).— Ausstellung der Drechsler und Bildschnitzer Deutschlands und Oesterreich-Ungarns zu Leipzig. III(Schluß). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.